Promesse - Welcker-online.de

welcker.online.de

Promesse - Welcker-online.de

»selbstverständlich« geworden, daß man »sich Kritik und Zensur anmaßt«?

Wäre die Verlogenheit der Ausrede nicht schon durch den Umstand augenfällig

gewesen, daß die offizielle Plakatierungsanstalt doch in der Wahlzeit und

schon vorher Plakate strafrechtlich verpönten, ja verbrecherischen Inhalts,

zum Beispiel mit Aufreizungen gegen eine Religionsgenossenschaft, angeschlagen

hat, so war nun, bei gleicher Begründung des Verbots, durch den

Unterschied, der im Rathaus zwischen meinem und dem christlichsozialen

Plakat hinterdrein gemacht wurde, die Beziehung der strafrechtlichen Position

als Humbug entlarvt und, soweit es im Gebiet der politischen Heuchelei

nur möglich ist, offen zugegeben, daß die Genehmigung der Plakate dem Gutdünken

der Machthaber unterworfen sei. Gerade die Zurücknahme des Verbots,

auf die sich die publizistische Verteidigung als auf einen Beweis unantastbarer

freiheitlicher Gesinnung beruft — wohlweislich ohne den Fall des

christlichsozialen Plakats (den doch der 'Österreichische Volkswirt' vor allem

behandelt) auch nur zu berühren —, gerade diese Umkehr beweist doch die

Berechtigung der Anklage gegen ein System, das statt des Zensors, der einst

ein Pinsel war, den Pinsel zum Zensor gemacht hat. Man mag schwanken, ob

die Dummheit des Verbots größer ist oder die Dummheit einer Freigabe, die

sein Motiv bloßstellt. Aber freilich hat man sich dafür auch der Dummheit des

politischen Gegners so sicher gefühlt, daß man ohne Gefahr, ihm eine Waffe

in die Hand zu geben, die Anwendung ungleichen Maßes gegenüber »strafrechtlich

verpönten Tatbeständen« offen bekennen konnte. Ich verzichtete

darauf, von der Gunst zu profitieren. Mit aller Anerkennung des kulturellen

Schamgefühls, das sich zu meinen Gunsten geregt haben mochte, der freiheitlichen

Einsicht, die hier einen üblen Streich gutmachen wollte — und es mag

da schon manchen Kampf reinerer Elemente gegen die Mißbraucher und Parasiten

der Macht absetzen —, mit allerlei Achtung war ich doch nicht mehr in

der Lage, das freundliche Anerbieten, das am 6. Mai nachmittags erfolgte, zu

akzeptieren. Nicht allein weil das Plakat inzwischen auf anderem Wege verbreitet

war — denn ich habe ja eine gewisse Möglichkeit, das Monopol der

»Wipag« zu durchbrechen —; sondern weil ich behaupten konnte und bis zum

Gegenbeweis durch gerichtliche Aussagen behaupten werde, daß schon vor

dieser Verbreitung und vor der Unterdrückung durch die »Wipag« sie selbst

das Plakat auf eine ihr nicht vorgeschriebene Art verbreitet hat, ja gegen die

ausdrückliche Abmachung einer Diskretion, die, wie man meinen sollte, sich

auch ohne Abmachung von selbst versteht. Wenn die Arbeiter—Zeitung an der

Stelle, wo sie auf den Inhalt des Plakates eingeht, die Bemerkung macht, daß

sie es »seither kennengelernt« habe, so sage ich, daß sie den Zeitpunkt dieser

Kenntnisnahme um einige Tage verschiebt. Denn sie hat das Plakat nicht erst

seit dem 6. Mai, dem Tag der Aufhebung des Verbots, auch nicht am Tag vorher,

etwa durch eine Buchhandlung, in der es damals ausgestellt wurde, kennengelernt,

sondern schon am 4. Mai, vor dem Erscheinen und am Abend des

Tages, an dem die »Wipag« den Vertrag geschlossen hat, also zwei Tage bevor

diese den Besteller von der Vertragslösung in Kenntnis setzte. Am 5. Mai

erschien in der Arbeiter—Zeitung ein Artikel unter dem Titel »Herr Bekessy,

der jetzt ein Ungar sein will!«, welcher allerdings nicht an das ja noch nicht

erschienene Plakat anknüpfte, sondern an die Budapester Meldung, daß der

dortige Staatsanwalt von den Wiener Behörden die Auslieferung der Akten begehren

werde. In diesem Artikel unterstützt die Arbeiter—Zeitung die Forderung

des Plakats, daß eine solche Auslieferung nicht zugelassen werde

wenngleich mit einer nicht ganz ebenen juristischen Begründung, warum sie

auch unmöglich sei — in durchaus dankenswerter und angenehm überra-

92

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine