Vom Zörgiebel - Welcker-online.de

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sich, um Skandalszenen zu vermeiden, wenn auch schwersten

Herzens, entschlossen, in die einverständliche Scheidung einzuwilligen

und ein durch sieben Jahre glücklich geführtes Eheleben

aufzugeben, in der Klage wird nun des weiteren ausgeführt, daß

die Beschuldigte, Fräulein Lotte Hahn, es war, welche die Behauptungen

über seine angeblichen Beziehungen zur Schauspielerin

aufgestellt habe. So soll die Beschuldigte der Gattin des Klägers

gegenüber erklärt haben, daß sie zwar ein ausgesprochen intimes

Verhältnis zwischen Herrn Igler und der Schauspielerin nicht behaupten

könne, doch wisse sie, daß beide aneinander Gefallen gefunden

hätten, einander sehr gut seien, wobei sie (die Beschuldigte)

noch die Bemerkung machte: »So etwas merkt man doch.« Er

sei durch die inkriminierten Behauptungen über seine in Wirklichkeit

nicht bestehenden Beziehungen zur Schauspielerin Rita Georg

in seiner Ehre auf das Tiefste verletzt 1 , weshalb er die

strengste Bestrafung der Angeklagten beantragt. In der vor dem

Landesgerichtsrate Dr. Jellinek stattgefundenen Verhandlung erklärte

Rechtsanwalt Dr. Aschkenasy als Verteidiger der nichterschienenen

Angeklagten, daß seine Klientin niemals den Kläger

schädigen wollte, und nie behauptet habe, daß zwischen ihm und

der Schauspielerin ein Verhältnis oder gar unlautere Beziehungen

bestanden haben. Tatsache sei, daß der Kläger mit der Schauspielerin

einigemale in größerer Gesellschaft zusammen war, woraus

jedoch keinerlei ungünstige Schlüsse für den Privatkläger oder für

die Schauspielerin gezogen wurden oder gezogen werden können.

Es wurde erzählt, daß der Kläger mit der Schauspielerin in größerer

Gesellschaft sich getroffen habe, und daraus sei der Tratsch

entstanden. Beim Eingehen in das Beweisverfahren wurde über

Antrag beider Parteienvertreter die Öffentlichkeit ausgeschlossen

und wurde insbesondere auch die Schauspielerin in geheimer Verhandlung

als Zeugin vernommen. Ihre Angaben gipfelten in der

positiven Behauptung, daß sie in keinerlei Beziehungen, auch

nicht gesellschaftlicher Art, zu dem Kläger jemals gestanden sei,

daß sie letzteren nur zweimal, das erstemal vor vier Jahren, flüchtig

gesehen habe. Der Richter beschloß die Verhandlung zur persönlichen

Einvernahme der Beschuldigten zu vertagen.

Man schwankt, was hier grauslicher sei: die Welt der Nachbarn, deren

Interesse sich durch die Vermutung des »Verhältnisses« mit einer Schauspielerin

so befriedigt fühlt wie ihre Moral beleidigt — in deren Bannkreis ein

Mann »in seiner Ehre auf das Tiefste verletzt« ist, dem es nachgesagt wurde

—; oder das Walten einer Presse, die das eigentliche Opfer der »Affäre«, die

Frau, die doch vor allem dem Sittengesetz dieser Bürgerlichkeit unterliegt,

ganz im Sinne des klägerischen und des nachbarlichen Interesses als Corpus

delicti, als corpus vile eines Gerichtsverfahrens dem Blick eines vertausendfachten

Auditoriums preisgibt. Ob eine Gesellschaft unappetitlicher ist, die

das begeifert und begrinst, was sie am liebsten tut, und dort, wo »nichts Unrechtes

g'schehn« ist, auch nichts Unrechtes behauptet haben will; oder eine

Presse, die so etwas apportiert, mit Behagen rapportiert und den Stoff »bemerkenswert«

findet, statt der Gesinnung, die sie mit jener teilt. Man könnte

1 Von dem haben's also unsere mohammedanischen ständig in ihrer Ehre gekränkten Mitbürger,

die uns jetzt (2013) wieder verstärkt die Wohltat erweisen, sich in Deutschland

einbürgern zu lassen.

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