Vom Zörgiebel - Welcker-online.de

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und wurde insbesondere auch die Schauspielerin in geheimer Verhandlung

als Zeugin vernommen

eine Zutat des Reporters war, der um der Zeugin willen einen »bemerkenswerten«

Ehrenbeleidigungsprozeß haben wollte, ein Zoll der Phantasie an die

anregbare Öffentlichkeit einer Leserschaft, die doch niemals von einer geheimen

Verhandlung ausgeschlossen sein könnte. Er hat die Szene auf das Stichwort

des Namens aufgebaut, und er benutzt den Namen als Prospekt.

Wie ist das aber? Die Frau, deren Bedrängnis aus der flehentlichen

Form hervorgeht:

Ich bitte Sie, doch vor aller Öffentlichkeit festzustellen,

sie besäße »keine Mittel«, um sich gegen die Niedertracht zu schützen, die

sie vor alle Öffentlichkeit hingestellt, ihr alle Öffentlichkeit, insbesondere die

ausgeschlossene, zugeführt hat? Kein Mittel gegen die, die einen Privatfall,

mag er nun vorhanden oder konstruiert sein, mit der gleichen Schamlosigkeit

— mag er unwahr oder wahr sein, mit dem gleichen Unrecht — publik machen?

Kein Mittel gegen die Spitzbuben, die mit Spitzmarken in alle Privatwohnungen

einbrechen können? Sicherlich, als Objekt einer Gerichtsverhandlung

muß jede Frau in einem Kulturstaat herhalten, wo sich zwar die Beziehung

der Geschlechter, aber nicht die Infamie, die an ihr schmarotzt, im Gebiet

der Ehrenbeleidigung abspielt. Und gegen eine lebensfremde Justiz, die

geheime Verhandlungen anordnet und es zugleich unterläßt, Maßregeln gegen

deren tausendfache Veröffentlichung zu treffen, gibt es kein Mittel des

Schutzes, solange eine Gesetzgebung teils aus Dummheit das Idol der Preßfreiheit,

teils aus Feigheit das Privileg einer staatsbedrückenden Kaste für

wichtiger hält als die primitivsten Lebensrechte der übrigen Bevölkerung.

Eine Geschwornenklage wäre selbst dann unmöglich, wenn sie nicht so aussichtslos

wäre, wie sie ist. Denn eine Schauspielerin darf bei der Horde um

Erbarmen flehen, aber Wehrhaftigkeit in irgendeiner Form stünde der Karriere

im Wege, und der Kollege vom Kunstressort würde dem vom Gerichtsteil

schon beispringen, wenn sie nicht zufällig identisch sind. Fiele der Fall nicht

eben in das Gebiet, wo jegliches Menschenrecht wehrlos der sensationellen

Benutzung ausgeliefert ist und wo diese geradezu im Bewußtsein einer Übermacht

erfolgt, die jeden Widerstand mit kritischer Mißgunst rächen kann;

spielte sich die Affäre nicht just dort ab, wo professionsmäßige Frechheit den

Glauben übt und nährt, daß die Beschmutzung einer Frau »Reklame« sei — so

wäre dem Widerstand schon ein Mittel an die Hand gegeben, das einzige, das

es in einer Gemeinschaft gibt, deren Ehrenjudikatur die Ehre nicht schützt,

sondern schändet! Aber eine tiefere Prostitution der Menschenwürde durch

Gewalthaber hat ja kein absolutistisches Zeitalter gekannt, als diese republikanische

Freiheit, welche sämtliche Berufe, die es gibt, dem einen, dem der

Sudler, unterworfen sieht, und in erster Linie den einer preßfürchtig geborenen

Theatermenschheit. Wenn der Umsturz die Gewalttätigkeit gefördert hat,

so hat er doch auch die Furcht gemehrt vor der wachsenden Gewalt, die da in

Verbindung mit dem Zufall den grausigen Mechanismus der Presse betreibt.

Die handgreifliche Reduzierung autoritärer Lumperei auf ein Mundwerk, der

Entschluß, persönlich in die Kloake vorzudringen, wo ein Anonymus, dessen

Photographie ihn entlarven würde, menschliche Angelegenheiten unter dem

Plural der Majestät beschmutzt hat — wer, Rittersmann oder Knapp, hätte

heute noch den Mut zu dem Wagnis! Wie eine Sage klingt es, daß Ludwig Gabillon

für seine Zerline einem SudIer auf die Bude gerückt ist. Die Zunft, die

ihrerseits eine Standesehre hat, würde heute in solchem Fall nicht nur dem

Wehrhaften, sondern dem ganzen Ensemble, dem er angehört, mit kritischem

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