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sich der moderne Zeitungsbetrieb darstellt, gestanden zu sein, ihr

niemals auch nur die geringste Konzession gemacht zu haben?

Wovon selbst die stärksten Geister nicht frei sind: dem Bedürfnis,

sich mit den Zeitungen, die erhöhen können und zu erniedrigen

vermögen, zu vertragen, das hat Karl Kraus in stolzer Unnahbarkeit

immer verschmäht. Er hat nie eine Meinung unterdrückt, nie

auch den Ausdruck der Geringschätzung und Verachtung gemildert,

und mit Schopenhauer, kann er sagen: Ȇberhaupt, wo ist

eine Eitelkeit, die ich nicht gekränkt hätte? Man dient nicht der

Welt und der Wahrheit zugleich.« Und wie triumphiert er nun

über das bewußte und planmäßige Totschweigen, das ihm gegenüber

geradezu das Gesetz der Wiener Presse ist? In ihrer papierenen

Welt erscheint er nicht, aber alle, die Achtung vor geistiger

Größe fühlen, wissen, was sie ihm schulden; sie glauben, ihn zu

Tode geschwiegen zu haben, aber er wird immer lebendiger, sein

Wirken immer tiefer; denn längst hat er den Wiener Umkreis

überschritten und ist ein großer Besitz des gesamten deutschen

Schrifttums geworden. Mehr als dies: das Einzigartige seiner

schriftstellerischen Persönlichkeit, in der sich höchste Begabung

mit Treue des Charakters eint, macht ihn geradezu zum Wertmesser

der Literaten: ob sie echt und wahr, oberflächlich und verlogen

sind, das erkennt man daran, wie sie zu Karl Kraus stehen.

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*

4. Juni:

Madame l'Archiduc.

Auf der Rückseite des Programms die Zeichnung »Le choeur des dragons«

par A. Grevin aus dem Journal Amusant 1874 mit der dort erschienenen

Notenschrift Offenbachs »Nous sommes les Dragoni … «

*

5. Juni:

Die Briganten.

Auf der Rückseite des Programms das Bild der Stiefel aus dem Klischee

vom 4. Juni und die Notiz:

In Prag und in Teplitz—Schönau hat kürzlich die Vorlesung der »Briganten«

um eine halbe Stunde länger als sonst gedauert, weil die Hörer fast nach

jedem Satz des Polizeipräsidenten Bramarbasso—Connivente, der dort auch

durch den stets wiederholten Vortrag des Schober—Liedes populär ist, ihrem

verblüffenden Verständnis für die Eigenart dieses Geistes stürmisch jubelnden

Ausdruck gaben. Der Vortragende ist voll Lobes für die seitens dieses Auditoriums

entfaltete Tätigkeit, wie die bürgerliche und sozialdemokratische

Presse Prags (die ihm gegenüber gleichfalls vereinigt sind) für den Vortrag,

und das Verständnis für die diesbezügliche Materie spricht sich wie folgt aus:

'Prager Tagblatt', 30. Mai:

Vorlesungen von Karl Kraus. — — — — daher die aufpeitschende

Kraft, die dem geschriebenen und, noch unmittelbarer, dem gesprochenen

Wort von Karl Kraus entströmt. Sie bleibt ihm auch

dann treu, wenn er sich durch fremdes Werk verkündet, wie sich

dies am zweiten Abend an der Wiedergabe von Offenbachs »Briganten«

erwies. Es ist allein schon erstaunlich, wie K., unterstützt

durch den vorzüglichen Klavierbegleiter Georg Knepler, die Vor-

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