Rigling

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Rigling

Klimawandel und Waldentwicklung

Notwendigkeiten und Anpassungsmassnahmen

in der Forstwirtschaft

Andreas Rigling

Peter Brang, Matthias Dobbertin, Simon Egli, Roland Engesser,

Beat Wermelinger, Thomas Wohlgemuth

Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL


Rahmenbedingungen Waldwirtschaft (versus Landwirtschaft)

• Langfristigkeit (Produktionszeiträume > 100 Jahre)

• Abschätzung zukünftiger gesellschaftlicher Ansprüche schwierig (Bsp. Eiche)

• Klimawandel erschwert die langfristige Planung

• Fehlentscheide sind nachhaltig sicht- und spürbar

• Naturnahe Systeme - Steuerungsmöglichkeiten eingeschränkt (z.B. Verbote von

Schädlingsbekämpfung & Düngung)


Limitierung: Trockenheit

• Weltweite Zunahme von trockenheitsbedingten Absterbephänomenen in den Wäldern seit

den 1980er Jahren

• Am stärksten betroffen sind Trockenstandorte, Arealgrenzen und Semi-aride Gebiete

• Klimawandel als Hauptfaktor?

Publikationen im Web of Science

(Allen et al., 2009)


N-PET [mm]

1996

1997

1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

Pine mortality [%]

Limitierung: Trockenheit in der Schweiz

• Föhrensterben als Zusammenspiel von direkten und indirekten Faktoren der Klimaveränderung

- Trockenheit als auslösender Faktor

• 18: Wallis, Pinus sylvestris

• 20: Südspanien, P. sylvestris, P.

nigra

(Allen et al., 2009)

(Rigling et al. 2006, abgeändert)

-400

-350

-300

-250

30

25

20

-200

-150

-100

-50

0

15

10

5

0


Limitierung: Sturm und Waldbrand

(Wohlgemuth et al. 2008)

• Sturm und Waldbrand, von der Ausnahme zur Regel?

• Konsequenzen für die Baumartenwahl? Welche Baumarten sind an Störungen angepasst?


Tage

days

Limitierung: Extreme Sturmereignisse Kt. Zürich

1. Waldfläche (50%) und Holzvorrat (>300%)

haben sehr stark zugenommen - je mehr

Holzvorrat desto grösser die Schäden

(Usbeck et al. 2009). Je höher die Baumhöhe

desto grösser das Sturmrisiko (Mayer et al.

2004)

2. Windspitzen signifikant zugenommen - je

höher die Windgeschwindigkeit desto

höher die Schäden (Usbeck et al. 2009)

3. Folge: Extreme Sturmschäden haben

stark zugenommen (Usbeck et al. 2009)

25

20

25

20

40.0-44.9 m/s

35.0-39.9 m/s

30.0-34.9 m/s

15

15

Period with available data

10

10

In NZZ publizierte

Daten nach Stürmen

Gemessene Daten

5

5

0

0

1895 1900 1905 1910 1915 1920 1925 1930 1935 1940 1945 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000

period


Limitierung: Insekten

• Mountain Pine Beetle (Mexiko bis Kanada): Grösste, je beobachtete Insektenschäden

--> Erhöhte Temperaturen als auslösender Faktor

• In Britisch Kolumbien wurden 2006 9.2 Millionen ha Föhrenwälder abgetötet. Bis 2013

dürften 80% der hiebsreifen Föhren tot sein (www.mpb.cfs.nrcan.gc.ca)

(Allen et al., 2009)

(Rigling et al. 2006, abgeändert)


Vivian

Lothar

Limitierung: Buchdrucker Europa und CH

• Buchdruckerentwicklung linear von der

Temperatur abhängig -> je wärmer desto

grösser die Populationen

• Buchdruckerschäden Bayerischer Wald

seit 1998 - bald die Regel für Europa?

• Buchdruckerbefall als Folge der Stürme Vivian,

Lothar und Sommer 2003 (Waldschutz CH)

2003


Eingeschleppte Insektenarten

Warenimporte (Mio $)

Limitierung: Invasive Organismen

• Ulmenwelke (Ceratocystis ulmi) als bekanntester, aus Asien eingeschleppter

Schadorganismus zerstörte 95% der Ulmenpopulation in Europa

Aktuelle invasive Schadorganismen:

• Citrusbockkäfer (Anoplophora chinensis) eingeschleppt aus Ostasien. Grosse Schäden in der

Region Mailand an Parkbäumen und Pflanzgärten, In CH seit 2006

• Eschenwelke (Chalara fraxinea) seit > 10 Jahren in Europa, seit 2008 in der CH

• Buchsbaumzünsler (Glyphodes perspectalis), eingeschleppt aus Ostasien, Erstfund CH 2007

• Einschleppung durch Warentransporte

u. eingeführte Gehölzpflanzen

6

200

5

180

160

4

3

2

140

120

100

80

60

1

? ? ? ?

0

0

1900 1910 1920 1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010

-> Monitoring ausserhalb Wald ausdehnen

auf Städte, Pflanzgärten, Gärtnereien

40

20


Handlungsbedarf für Forschung und Praxis

... nach wie vor unsicher, übereilter Aktivismus NICHT angezeigt. Aufgrund der

langen Produktionszeiträume aber auch Nichtstun falsch - pragmatisches,

iteratives Vorgehen im Sinne des adaptiven Managements angezeigt:

1

Zustands- und Systemanalyse

Schweizer Wald

2

Kurzfristige Anpassungen

Sofortmassnahmen

3

Langfristige Anpassungen

Bewirtschaftungskonzepte

- Umweltmonitoring

- Früherkennungsregionen

- Dialog Praxis/Forschung

- Datenbank waldbauliche

Experimente

- Forschung & Überprüfung

Waldbaukonzepte

- Miteinbezug von Störungen

- Genetische Diversität &

Provenienznachweise

- Anpassung Waldbaukonzepte


Handlungsbedarf - Zustands- und Systemanalyse im Wald

Umweltmonitoring

• Landesforstinventar LFI

• Sanasilva-Waldzustandsinventur

• nationales Bodenschutzinventar NABO

• Interkantonale Walddauerbeobachtungsflächen

• langfristige Waldökosystemforschung LWF

• Waldschutz CH

• Neu: Überwachung Grün-urbaner Bereich,

Gärtnereien ...

Früherkennungsregionen

• Trockenheit: Rhonetal, Chur, Klettgau, Basel

• Borkenkäfer: Tieflagen

• Invasive Organismen: Städte, Grenzen, Gärten,

Tessin, Störungsflächen

• Blick über die Grenzen


Handlungsbedarf - Kurzfristige Anpassungen 2

Dialog Forschung & Praxis

• Montagskolloquien der ETHZ

• FORUM für WISSEN WSL

• Journée thématique WSL

• Schweiz. Forstverein

• Fortbildung Wald & Landschaft

• KoK erweitert

• GWG

• ...

Datenbank waldbauliche Experimente

Auswertung alter Experimente und Versuche

(Pflanzungen, Durchforstungen, ...) aus

heutiger Perspektive:

Aufbau Datenbank waldbauliche Experimente

und Versuche aus Forschung und PRAXIS.

Bsp. Aufforstungsexperiment STILLBERG


Handlungsbedarf - Kurzfristige Anpassungen 2

Forschung

• Identifizieren von Wissenslücken

• Experimente zur Quantifizierung von Engpässen

• Modelle für Prognosen

• Überprüfung der Waldbaukonzepte zur Nachhaltigkeit der Waldleistungen

• Anpassung des zukünftigen Baumartenportfolios

-> z.B. im BAFU-WSL Forschungsprogramm „Wald & Klima“

Regendachexperiment in Leuk VS (Wohlgemuth et al.)

Wiederbewaldung nach Sturm (Wohlgemuth & Brang)


Handlungsbedarf - Langfristige Anpassungen

• Miteinbezug von Störungen in die waldbauliche Planung (Ausnahme wird zur Regel)

• Erhöhung der Diversität in den Wäldern (Baumarten, Struktur, Alter)

• Neben der Baumarten und Strukturvielfalt auch genetische Vielfalt erhalten respektive fördern

• Einführung flächendeckender Provenienznachweise für Saaten und Pflanzungen.


ZUSAMMENFASSUNG

Übereilter Aktivismus NICHT angezeigt, denn Schweizer Wälder, aufgrund Vielfalt der

angewendeten Bewirtschaftungssysteme gut für den Klimawandel gerüstet

Funktionieren der Wälder (Baummortalität, -wachstum & -verjüngung) und Entwicklung

zukünftiger Waldprodukte & -leistungen sind im Klimawandel nur schwer abschätzbar

Statement 1

• Im Wald von morgen wachsen die heutigen Baumarten an anderen Standorten

• Das zukünftige Baumartenportfolio beinhaltet fremdländische Provenienzen und Exoten

Statement 2

• Klimawandel und erhöhte Nachfrage nach Holz führen dazu, dass Störungen und

Holzschlag für einen Waldumbau genutzt werden sollten

Statement 3

• Die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Praxis wird im Klimawandel wichtiger

denn je. Aber allein deswegen wird sie wohl kaum besser werden.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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