nietzsche und die verwandlung des menschen

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nietzsche und die verwandlung des menschen

RUDOLF PANNWITZ

NIETZSCHE

UND DIE VERWANDLUNG

DES MENSCHEN

AKADEMISCHE VERLAGSANSTALT

PANTHEON


RUDOLF PANNWITZ

NIETZSCHE

UND DIE VERWANDLUNG

DES MENSCHEN

AKADEMISCHE VERLAGSANSTALT

PANTHEON


RUDOLF

PANNWITZ

NIETZSCHE UND DIE VERWANDLUNG

DES

MENSCHEN


RUDOLF

PANNWITZ

NIETZSCHE UND DIE VERWANDLUNG

DES

MENSCHEN


ERRATA

Die Leser werden gebeten, die folgenden, durch die Ungunst der

Zeiten verursachten Druckfehler zu bericbtigen. Es muss beissen:

Se ite 16, Zeile 30. Menscbbeit-Entelecbie

Se ite 17, Zeile 27. Dieses Letzte

Se rte 18, Zeile 13. gegen die untere Halbbeit beimlicb verseucbt

Se te 24, Zeile 24. des ibn vertretenden Geistes

Se te 35, Zeile 27. auf ihren Grund komme

Se te 37. Zeile 1. Nun gilt

Se te 46. Zeile 30. anstatt sicb aussaugen

Se te 48, Zeile 14. So aucb das Spiel der Reize Spiegelungen

Se te 49. Zeile 29. von Nu zu Nu

Se te 51. Zeile 7. Stuerze vom Ziel

Se te 55. Zeile 24. Erforschung aller uns zugaenglicben Periodiken

Se te 65. Zeile 11. in einem unteilbaren Ringe

Se ite 69. Zeile 3. Er ist vor und nacb

K 165


RUDOLF

PANNWITZ

NIETZSCHE UND DIE VERWANDLUNG

DES

MENSCHEN


RUDOLF

PANNWITZ

NIETZSCHE

UND DIE VERWANDLUNG

DES MENSCHEN

AK AD EM IS CHE VERLAGSANSTALT PANTHEON


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung,

vorbehalten

Druck der N.V. Drukkerij G. J. Thieme in

Nijmegen

Gedruokt in Holland


VORWORT

Diese kurze Schrift — von 1939 — hat hinter sich

vier Jahrzehnte der Arbeit an Nietzsche und ein eignes

Lebenswerk auf dem Grunde von Nietzsche. Darum darf

sie ein Buch von gröBerem Umfange vertreten. Doch ist

auch sie selbst der Teil eines sehr viel gröBeren Umfanges.

„Nietzsche und die Verwandlung des Menschen" ist

der erste Teil des Buches „Die Verwandlung und der

Aufbau des Menschen und seiner Welt": welches fertig

vorliegt und nachfolgen wird.

Das Geistige dieser Schrift wird nicht darüber tauschen,

daB ihr Sinn und Ziel das Leben ist und zwar

das Leben so wie es einen Jeden angeht und ebendieses

mit dem ganzen Gewichte einer Religion genommen.

Das Geistige ist die höchste Verkörperung, das oberste

lenkende Organ und der einzige umfassende Ausdruck

des Lebens. Es gibt uns damit auch den AufschluB über

unser Leben: das des Menschen, und uns selbst: den

Menschen. Sinn der Sinne, Ziel der Ziele ist ein neuer

Typus Mensch, der nicht im Jenseitigen sich erfülle, doch

auch keine Frucht seiner Selbstüberfliegungen verliere,

der auch nicht im Kosmos sich aufiose sondern dem Kosmos

als Mensch gewachsen sei, in dem der Kosmos

Mensch geworden sei.

5


In diesem Zusammenhange und mit dieser Bedeutung

handelt die Schrift von Nietzsche. So auch ist sie Einfiihrung

zugleich in Nietzsche und in das Buch, welches

mit ihr beginnt und durch alle Gebiete unseres Daseins

erkennend, kritisch und praktisch die eine groBe Linie

hindurchführt. Das Ganze also ist eine auf Nietzsche

gegründete in seinen aonischen Folgen vorschreitende

Stufe. Als solche ist sie mein unmittelbarer Beitrag

zu der Jahrhundert-Feier, die doch nicht ohne Tilgung

alter und vielfacher Schulden verlaufen moge. Denn

noch ist die nachste Pflicht gegenüber Nietzsche, doppeltes

und entgegengesetztes MiBverstandnis, das die

echte tiefe Wirkung hindert, durch eine zulangliche und

reine Darstellung zu überwinden.

RUDOLF

PANNWITZ

6


DIE VERWANDLUNG UND DER AUFBAU

DES MENSCHEN UND SEINER WELT

ERSTER

TEIL

Nietzsche und die Verwandlung des Menschen


RUDOLF PANNWITZ

NIETZSCHE UND DIE

VERWANDLUNG DES

MENSCHEN

Zwanzig Jahre nach seiner berühmten

„Einführung in Nietzsche"

fasst Rudolf Pannwitz am

Vorabend der Hundertjahrfeier

von Nietzsche's Geburt noch einmal

seine lebenslanglichen Erfahrungen

an der Welt des Umwerters

zusammen. Lag damals der

Nachdruck noch auf der Analyse

und Deutung, so heute — nachdem

die Geschichtentwicklung

vielfache Spuren der Breitenwirkung

tragt — auf der praktischen

Anwendung, der lebbaren Lebenslehre.

Indem die Ewige Wiederkunft

des Gleichen una die daraus

entspringende Sittenlehre im Mittelpunkt

der Betrachtung stehen,

erfahren die noch immer gröblich

missverstandenen Fragen der Moral,

der Metaphysik, des Verhaltnisses

Sozialismus - Aristokratismus,

des Willens zur Macht und des

Uebermenschen eine guitige Darstellung,

die der platten Durchschnittsauffassung

oft entscheidend

widerspricht.

Die Schrift darf kurz sein, da das

eigene Lebenswerk von Rudolf

Pannwitz zwar nicht vorausgesetzt

ist, aber begleitend und erfüllend

herumgelagert und in der Darstellung

als Latenz da ist. Sie ist denn

auch — wiewohl sie durchaus für

sich genommen werden kann •—•

die Vorhalle zu dem Hauptwerk:

„Die Verwandlung und der Aufbau

des Menschen und seiner

Welt", das abgeschlossen vorliegt

und bierauf folgen wird.

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9

AKADEMISCHE

VERLAGSANSTALT

PANTHEON


RUDOLF PANNWITZ

NIETZSCHE UND DIE

VERWANDLUNG DES

MENSCHEN

Zwanzig Jahre nach seiner berühmten

„Einführung in Nietzsche"

fasst Rudolf Pannwitz am

Vorabend der Hundertjahrfeier

von Nietzsche's Geburt noch einmal

seine lebenslanglichen Erfahrungen

an der Welt des Umwerters

zusammen. Lag damals der

Nachdruck noch auf der Analyse

und Deutung, so heute — nachdem

die Geschichtentwicklung

vielfache Spuren der Breitenwirkung

tragt — auf der praktischen

Anwendung, der lebbaren Lebenslehre.

Indem die Ewige Wiederkunft

des Gleichen und die daraus

entspringende Sittenlehre im Mittelpunkt

der Betrachtung stehen,

erfahren die noch immer gröblich

missverstandenen Fragen der Moral,

der Metaphysik, des Verhaltnisses

Sozialismus-Aristokratismus,

des Willens zur Macht und des

Uebermenschen eine guitige Darstellung,

die der platten Durchschnittsauffassung

oft entscheidend

widerspricht.

Die Schrift darf kurz sein, da das

eigene Lebenswerk von Rudolf

Pannwitz zwar nicht vorausgesetzt

ist, aber begleitend und erfüllend

herumgelagert und in der Darstellung

als Latenz da ist. Sie ist denn

aucn — wiewohl sie durchaus für

sich genommen werden kann —

die Vorhalle zu dem Hauptwerk:

„Die Verwandlung und der Aufbau

des Menschen und seiner

Welt", das abgeschlossen vorliegt

und hierauf folgen wird.

AKADEMISCHE

VERLAGSANSTALT

PANTHEON


RUDOLF

PANNWITZ

WEG DES MENSCHEN

Die mit Nietzsche und George in

machtigem Neueinsatz das Erbe

unserer Klassik und Romantik aufnehmende

geistige Bewegung wird

in ihrer, immer weiterer Ringe der

Kunst, der Wissenschaft und des

Lebens erfassender Bedeutung

heute durch das Werk von Rudolf

Pannwitz aufs eindrücklichste reprasentiert.

Zum sechstigsten Geburtstag des

in unermüdlicher Arbeit immer

grossartiger seine Weltschau gestaltenden

Schöpfers bringt diese

Auswahl eine Folge von grundlegenden

Satzen und weitweisenden

Winken, die dem Leser, der

den vielschichtigen Arbeiten von

Pannwitz sich nahert, eine erste

Einführung zu geben vermogen.

Nicht nur dies: wer diese Auswahl

aufmerksam liest, wird erkennen,

dass eine neue Lebenslehre des

Menschen nun schon vorliegt,

durch die die grosse Ueberlieferung

unmittelbar für das Leben fruchtbar

wird, und zum neuen Bild des

Menschen sich kristallisiert.

AKADEMISCHE

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RUDOLF

PANNWITZ

WEG DES MENSCHEN

Die mit Nietzsche und George in

machtigem Neueinsatz das Erbe

unserer Klassik und Romantik aurnehmende

geistige Bewegung wird

in ihrer, immer weiterer Ringe der

Kunst, der Wissenschaft und des

Lebens erfassender Bedeutung

heute durch das Werk von Rudolf

Pannwitz aufs eindrücklichste reprasentiert.

Zum sechstigsten Geburtstag des

in unermüdlicher Arbeit immer

grossartiger seine Weltschau gestaltenden

Schöpfers bringt diese

Auswahl eine Folge von grundlegenden

Satzen und weitweisenden

Winken, die dem Leser, der

den vielschichtigen Arbeiten von

Pannwitz sich nahert, eine erste

Einführung zu geben vermogen.

Nicht nur dies: wer diese Auswahl

aufmerksam liest, wird erkennen,

dass eine neue Lebenslehre des

Menschen nun schon vorUegt,

durch die die grosse Ueberlieferung

unmittelbar fur das Leben fruchtbar

wird, und zum neuen Bild des

Menschen sich kristallisiert.

AKADEMISCHE

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PANTHEON


i. Der Geist in der Zeitenwende. — Wie vorm Aufgange

des Christentums so ist abermals Angst des jüngsten

Gerichtes und Erwartung eines rettenden Heiles

das Doppelangesicht der Zeit. Doch meinte man vordem

den stofflichen Kosmos dort und die Seele des Menschen

hier und meint nunmehr einen neuen Menschen und seine

neue Welt innerhalb der Schranken unveranderter Natur.

Dies ist Fortschritt ohne allen Zweifel. Es ist nicht mehr

nötig, aufzuheben um zu erfüllen. Der Geist bedarf nicht

mehr um frei zu werden der Vernichtung der Bindungen

der Natur, er ist sicher in seinem eignen Wesen und

entfaltet eine fraglos eigenste Natur. Er will nicht selbstandig

sein, er weiB sich als das Führerorgan des bewuBten

Menschen. Damit ist er bedingt und schöpferisch,

König und Vater alt-neuen Volkes. Damit aber ist auch

seine Sache geworden, den Zustand des Menschen zu

verantworten, seinen Verf all aufzuhalten, seine Verjüngung

einzuleiten oder doch zu überwachen. Hier drohen

zwei gewaltige Gewichte: ist eine Anderung des Menschen,

hinaus über die zeitlichen Schwankungen, überhaupt

möglich und nicht vielmehr ein leerer Wunsch

Unzufriedener weil Ungeratener? Wenn sie aber möglich

und sogar notwendig ist: kann der als BewuBtsein

wirkende Geist die Samen des Seins erreichen, die Keime

verwandein, eine neue Art erschaffen? Man muB sich

9


klar sein, daB dies das Allerunwahrscheinlichste ist.

2. Schöpferische Vorstellungen. —• Aus Willkür vermag

der Geist nichts. Er vermag nur in seiner Ordnung.

Das bedeutet: in dem Bereiche schöpferischer Vorstellungen.

Vorausgesetzt, daB solche verbürgt seien. Doch

wir erfahren unausgesetzt, daB Vorstellungen, auch die

ganz von auBen kommen, in uns schöpferische Entscheidung

bewirken. Die Rückfrage diirfte allenfalls den Ursprung

der Vorstellungen betreffen, ihre Wirkung ist einfache

Tatsache. Schöpferische Vorstellungen nun sind

solche, die kraft innerlicher Urform — deren Ursprung

ist hier nicht von Belang — etwas Inneres oder AuBeres

formen oder umformen. In einem Grade zwar, daB es

dann als wesentlich neu, als bestimmte Zeugung oder

Schöpfung gelten muB. Schöpferische Vorstellungen also

sind verbürgt. Jedes Willensziel, jeder EinfluB und im

groBen Werke, Erd- und Menschgestaltungen und Religionen

beweisen. Das ist nicht in Frage zu stellen, doch

die Bedingtheiten und Tragweiten sind festzustellen.

3. Verhdltnis zwiscken Geist und Natur. — Der Geist

ist untrennbar von der Natur. Was er auch sei oder nicht

sei, er ist an den Einklang mit ihr gebunden. Wiirde er

auBerhalb von ihr oder gegen sie treten, er ware vernichtet.

Seine Wirklichkeit ist ihre und ihre Wirklichkeit

seine und aufzuklaxen — aber nicht hier auszufiihren

— bleibt nur dies, wie das einzige und eine

Leben, in Geist und Natur aus einander gespannt, dem

sein Erleben des Lebens Anschauenden sich darstellt.

Da ist nun eine reine Tatsache, daB innerhalb der Sphaxe

10


der Natur der Geist übernaturhafte Wirkungen ausübt,

j edoch nicht unnatürliche. Also solche von einer oberen

Stufe her: die man der Natur zurechnen mag oder nicht.

In der engeren Sphare der Natur lassen sie sich vergleichen

mit denen der höheren Potenzen auf die niederen,

also etwa der chemischen Katalysatoren oder der mannlichen

Geschlechtswesen: als welche ruhende Stoffe

Kraite Entwicklungen auf steigenden Bahnen in Bewegung

setzen und sie der eignen überlegnen Art und

Stufe gemaB gleichsam als Materie organisieren. Dafür

ist die Voraussetzung ein inniger und meist ererbter

organischer Zusammenhang, ungefahr entsprechend

dem arithmetischen zwischen dem Produkte und der

Potenz der selben Zahl oder biologisch der Synthese

einer höheren und niederen Potenz der selben Lebensreihe,

also einer interpotentiellen Synthesis. Dies also

ist, als Leben aufgefaBt, das schöpferische Verhaitnis

des Geistes zur Natur und das umgekehrte, Wachstum

Steigerung und beidseitige Fortpflanzung leistende, der

Natur zum Geiste. Das MaB und die Grenze der umwandelnden

Prozesse wird immer bestimmt durch die

Möglichkeit und Besonderheit der Beziehung, die

eigenste Bezogenheit auf einander.

4. Verfall und Verwandlung des Menschen. — Die

Grundlegung der Geist-Natur-Ordnung ist unerlaBlich

für den klaren Aufbau einer Verwandlung des Menschen.

Sie gehort aber zu dem Schwersten was es giebt. Das

kommt nicht so von der Sache her als von langsten

Denk-Gewöhnungen, die um ursprünglich falsch gemeinte

Begriffs-Pole — Geist-Natur, Freiheit-Notwen-

11


digkeit, metaphysisch-empirisch und andere — unfruchtbar

kreisen. Die Schwierigkeit wird stufenweise abgebaut,

wenn Denkkunst den Gegenstand selbst allseitig

durchleuchtet und f ormt. Dann wird die Grundlage durch

die Tat anstatt durch Worte aufgeklaxt. — Ins Auge

zu fassen und vom Anfange bis zum SchluB nie aus dem

Auge zu verlieren ist also die Verwandlung des Menschen.

Die Ursache dessen, daB von ihr immer ernsthaf ter geredet

wird, ist der Glauben an einen Verfall des Menschen.

Dieser Glauben wachst zur allgemeinen Weltstimmung

an und wird durch geschichtliche Zustande und Vorgange

genahrt. Einer aber, Friedrich Nietzsche, hat schon

vor einem halben Jahrhundert eine zeithch-überzeitliche

Philosophie und Religion von dem Verfall und der Verwandlung

des Menschen gegründet. — Können wir wissen

wo der Mensch heute stent? Seine Art umfaBt die

ganze Skala von dem was noch nicht Materie ist bis

zu dem was nicht mehr Materie ist, von Urrythmen der

Bewegung und kleinsten Wirkungeinheiten bis zu dem

was Gott genannt wird. Das Gewicht fallt zwischen Tier

und Welt- und SelbstbewuBtsein. Eindeutig und wahr

ist, daB mit einer Zunahme des zweiten ein Nachlassen

des ersten verbunden ist und daB tatsachlich das eine

zunimmt, das andre nachlaBt. Es wird also die tragende

und erhaltende ,Mutter der Art' geschwacht und verbraucht

zu Gunsten einer jüngeren ungehemmt aus- und

übergreifenden Einzelfunktion. Die Fragen sind: ob das

schon ein Verfall ist? ob es zu einem Verf alle führen

muB? ob es zu einem Art-Tode oder einer Art-Verwandlung

führen wird? DaB es solche Fragen und Gefahren

giebt, beweist nachdrücklich die Macht des Geistes in

12


und über der Natur und die Möglichkeit seiner vernichtenden

Übermacht.

5. Gefahren des Geistes für die Art; Technik und Massenindividualismus.

— Der Geist und das Geistige steht

zunachst auBerhalb der Werte. Es ist als Bios die verselbstandigte,

nicht zum eignen Körper zurückkehrende

Funktion des Gehirns, als Phanomen die BewuBtheit

und die in ihr entspringenden oder verwandelten Triebkrafte

Entfaltungen und AuBenwerke. So gehort zum

Geiste wie die Wissenschaft auch die Technik und jede

ihrer Folgen für den Körper und die Gemeinschaft. —

Die bedeutendste Folge ist zwar nicht die, daB in den

ungesunden Stadten und stadtischen EinfluB-Bereichen

die Familien schnell aussterben. Denn noch immer befindet

sich der allerkleinste Teil der Menschheit auf diesen

sich selbst verzehrenden Spitzen: und müBte er auch

dauernd aufgeopfert werden, so würde er doch dauernd

sich von auBen erneuern und ihre höchste Funktion,

gleichsam ihr Gehirn, bleiben. Wir wissen es schon aus

der Mathematik, daB die Potenzen nicht ratselhafte

rein funktionelle Steigerungen sind, sondern entsprechend

mehr Einheiten von Materie haben: 3 enthalt

3

nicht 6 oder 9 höher funktionierende, sondern 27 höher

gegliederte elementare Einheiten. Die ganze Biologie ist

ein einziges Beispiel dessen. Also auch das Gehirnzentrum

des Menschen, die Gehirn-Zentren der Menschheit:

sie verschlingen Massen von Stoff und Kraft und leben

wie alle Intensiva parasitisch. Nun widerspricht es der

Natur, daB sie die Gesamtheit des Übrigen an sich Ziehen

und angleichen können. Ihr Haushalt wird je gröBer

13


desto kostspieliger und verworrener und ihr wie jeder

Titanismus scheitert zuletzt an der Übererzeugung und

Stauung von nicht mehr zu Bewaltigendem, an Selbstüberwucherung,

Selbstgegensetzungen und Selbsthemmungen.

Welches überdies eine Folge von dem ist und

nur aus dem hat hervorgehen können daB die Art beim

Niedersteigen ihrer Kraft sich überspezifisch abwandelt!

Zwar ist diese Art nicht der heutige Mensch sondern der

Mensch gegenüber dem Tiere. Doch ist der heutige

Mensch aus besonderer Folge der Technik in einem unerhörten

MaBe überspezifisch geworden, sowohl im Ganzen

wie in die Einzelungen hinein. Und dieser Vorgang

ist bereits übergegangen in ein auBeres Zusammenrücken

und eine innere Vereinheitlichung der Menschheit.

Auch diese sind zunachst beunruhigend. Sie sind

eine sich überstürzende Massenindividuierung. Nachdem

die alten Herrschaft-Gebilde verfallen sind, da sie in

notwendigem, gewissenlosem und törichtem Versagen

die geformten Stufen und Stande sich vermaBen und die

neuen Massen sich automisieren lieBen: beginnt eine

Entwicklung der gleichlaufigen ja sogar verschrankenden

Ent-individuation und Überindividuation. Die Menschen

werden einander immer ahnlicher und immer abhangiger

von geballtem und gepragtem Konglomerat,

der einzelne Mensch aber fordert und erlangt bereits,

nicht als einzelner sondern als überhaupt einer, immer

unbedingter seinen mindestens gleichen Teil am Ganzen.

Auch das kann natürlicher Weise unmöglich bis zum

AuBersten f ortgehen. Denn höchst organisierte Wesen sind

nicht nur unwillig sondern auch unfahig zu fetzten Ausgleichungen.

Die Ameisen und Bienen sind darin so weit

14


gekommen, da sie auf verha.ltnisma.Big hoher Entwicklungstufe

das Uralter der Stockbildung biologisch bewahrt

haben. Beim Menschen ist dieses nur psychologisch

noch wirksam. Also wird auch die Massenindividuation

irgendwo Halt machen und zu neuen Stufen und

Aufstufungen der durch sie eingeschmolzenen und vereinheitlichten

Menschheit führen. Wir werden sehr groBe

Verluste zu beklagen haben, vielleicht aber, wenn auch

nicht ohne bewuBte Verantwortung, alle unsere höchsten

Werte erretten und mitnehmen können. Jedenfalls steht

bei unverkennbaren Gefahren im Absehbaren kein Untergang

der natürlichen noch einer der geistigen Art

zu befürchten.

6. Untergangs-Panik und Krise des Menschen. — Die

Untergang-Panik also hat kein Recht. Man muB dagegen

die sehr tiefe Krise bis ins letzte zu verstehen suchen.

Es ging, soweit wir rückdenken können, noch immer um

etwas Geringeres oder doch Anderes als den Menschen

selbst. Diesmal steht in unserem BewuBtsein nichts sonst,

er allein. Das haben wir noch garnicht begriffen. In unserer

Kinderangst vertauschen wir immerfort die MaBstabe

des biologischen Typus Mensch und irgend welcher

von seinen Kulturphasen. Wir vergegenwartigen nicht

die ungeheure Dauer nicht nur des Lebens auch des

Sterbens einer Art in Vergleichung mit der Kürze und

Menge der Krisen, vorzüglich der oberflachlicheren, vom

BewuBtseinszentrum ausgehenden, deren Gipfelungen

nicht zu lange wahren und deren Fortschritte durch Anpassungen

abgeschwacht werden. ,,König von Kataklysmen"

nennt Albert Verwey einmal den Menschen: Die

15


enge Spanne des persönlichen Daseins und dessen Todesnot

übertragen wir aufs Ganze: die Menschheit, den

Menschen. Ja wir bangen, was wir nicht mehr miterfahren

sollen, darauf sei garnicht zu hoffen. Wir haben

Kritiken der Erkenntnis — keine der Seele und ihrer

Urteile: des metaphysisch sich versteifenden absoluten

Subjektes. So haben die hierarchischen und astrologischen

Epochen in ihren Krisen — solchen elementarischer,

religiöser, kriegerischer, innenstaatlicher und sittlicher

Vernichtung — aus einem nichts oder minderes

besagenden Gestirnstande auf den Untergang des Aons

oder des Kosmos selbst geschlossen. So hat nach jenem

europaischen Kriege, der erst zwei Jahrzehnte hinter

uns liegt, sich eine verzweifelte Stimmung verbreitet,

als sei nun alles Gute zu Ende, weil uns das neue Gute

nicht geradezu in den SchoB fallt, weil wir büBen mussen,

bis wir rein von den vorigen Sünden und frei zu

den kommenden Werken sind. Wir wollen ja durchaus

nicht lernen: das ganze Jenseits, auch Holle, Fegefeuer

und Paradies, ist unumganglich und liegt diesseits. —

Der Person nun ist gegeben, von auBen her ihre unzulangliche

Perspektive zu vervollstandigen, erkennendes

Weltorgan zu werden und auf ferne Fristen Welt zu

organisieren. Sie selbst ist zwar nur Phase eines kollektiv-generativen

Bios, dessen Gesamt sie aber vertreten

kann. Was über sie als Phase hinausgeht, sodaB sie es

nicht leiden will oder nicht schaffen kann, vermag sie

dennoch in die BewuBtheit zu heben und als GewuBtes

und Gültiges anwachsend sich Auswirkendes fortzupflanzen:

Menschheit = Entelechie. — Verbieten wir uns

alle Panik! Wahrscheinlich hat sich unsere Art, einge-

16


es-

schlossen das Gehirnzentrum, überhaupt noch nicht geen

wandelt, befinden sich aber unsere auBeren Daseinsih-

Bedingungen in einer dorther entspringenden entscheien

dungvollen, zunachst sogar verhangnisvollen Verwande-

-er

hing, die wiederum leibhche und innere Wandelungen

en

teils erregt teils vereinseitigt und beschleunigt. SodaB

yi-

also nun unserem Geiste das, was er unaufhörlich beri-

ansprucht hat, von der Natur selbst abgefordert wird:

tt-

die Verantwortung für die Art selbst und ihr Schicksal

es

auf sich zu nehmen — gewiB nicht als Gott der AUns

machtige, j edoch als das Zünglein an der Wage.

:m

er

7. Die Aufgabe des Geistes; die Religionen und

;t,

Nietzsche. — Die Möglichkeit des Geistes, diese Aufte

gabe zu erfüllen, ist als grundsatzliche und allgemeine

is-

bereits erwiesen. Sie wird wahrscheinlich dadurch, daB

zu

jedes Lebewesen, also auch der Mensch, mit allen verus

' fügbaren Kraiten, also auch denen des nachgebornen Aller

sinnes Geist, bestrebt und befahigt ist sich in der Gefahr

— zu helfen. Sie unterliegt wiederum einem nie ganz überu-

wundenen Zweifel, da der Geist als Organ des Organisn-

mus spater und unreifer als der übrige natürliche Orga-

:u nismus ist und allenfalls zerstören nicht aber auf- und

k- umbauen kann, wo er seine Verselbstandigung rück-

:n sichtslos dure hsetzt, anstatt mit seiner ein- und überes

stimmenden Schwingung das Andere zu durchsetzen.

ie

Dieser Letzte, der Quell der Macht von oben, wird nur

3s

von überlegener Demut, also auf endgültig hoher Stufe,

1- empfangen und geübt. Der Geist andert so nicht den

is

Naturlauf: er fügt als einen Strahlenkörper und eine

s- zweite Urbewegung seine Weise und sein Ziel ihm ein

1


und krystallisiert ihn, eine in der Natur angelegte, in

ihm, dem Geiste, ausgebildete höhere Potenz verwirklichend.

— Genau das ist im besonderen seine gegenwaxtige

Aufgabe. Und genau das ist auch der wesentliche

und ganz wirkliche Gehalt von Nietzsches schöpferischer

Idee: dem Übermenschen. Diese entstammt einer

vordem beispiellosen Einsicht in den Notstand der Art

Mensch. Dem gegenüber ist jede Preisgabe des Natürlichen

und Absonderung des Geistigen und Seelischen

nur ein umgekehrter Zynismus. So haben die Religionen

getan und damit zwar eine obere Halbheit gelautert

und gesteigert, doch jene durch den gebotenen Kampf

gegen die untere halbheimlich verseucht und von dieser

mehr oder weniger abgeschnitten, diese selbst wiederum

zwischen kranker Schwache und roher Behauptung

verderben lassen. Überdies haben die Religionen

immer nur eine Scheinherrschaft gehabt. Jetzt ist die

Lage so, daB sie, wieviel sie auch noch bedeuten, wegen

ihrer nicht mehr giltigen Grundlagen, mit denen aber

sie selbst aufgehoben sein würden, wohl der Aufgabe

sich zuwenden und an ihr mitwirken können, zumal

durch ihre auf letzte Werte hin erzogenen Menschen,

nicht aber selbstandig der Aufgabe gewachsen sind. Ihr

Erbe ist unzweifelhaft Nietzsche.

8. Die neue Schöpfung durch den Geist. — Auf alle

Erlösungen folgt wieder eine Schöpfung. Die Erlösungen

waren seelisch-geistigen Auftriebes, mit Überwiegen der

Seele, die Schöpfung hat geistig-seelischen Auftrieb und

die Lenkung durch den Geist. Da aber der Geist nichts

Einzelnes sein kann und es am allerwenigsten bei

18


I

Nietzsche sein will, da er fur eine geschloBne und bewuBte

Wirkungeinheit aller Machte einsteht, ist eine

Schöpfung des Geistes zugleich eine Selbstvollendung

der Natur. 1st nun die Menschen-Natur in den schöpferischen

Spiegel des Geistes getreten wie ehedem die

Wirbelkette und damit der ganze Leib in die Ganglien-

Blüte des Hauptes, so ist die natur-geistige und die

geist-natürliche Bahn des Menschen als eine und dieselbe

eindeutig vorbestimmt. Der Mensch muB sich in

immer weiterem Umfange und steigendem Grade im

gröBten und im kleinsten seiner selbst bewuBt werden,

Dasein in BewuBtsein verwandeln. Jedoch nicht so wie

etwa die Inder oder spatere Mystiker, daB er das Dasein

durch das BewuBtsein auflösen würde, sondern indem

er jenes in diesem sammelt, zusammenha.lt und als

vollstandiges zur Vollkommenheit führt. Dabei leistet er,

der Geist, etwas, das auf untern Stufen die Natur mit

ihren Wachstums-Trieben, -Formen und -Leitungen

selbst vollbringt, auf dieser oberen Stufe nur noch der

bewuBte Geist als ihr oberstes Organ vollbringen kann.

Es ist die Reaktivierung der Latenzen, die interpotenzielle

Synthese, die Kristallisation zur neuen höchsten

Potenz und die Organisation aller niederen Potenzen

durch diese zu dem verwandelt wiederkehrenden Organon.

Durchaus zu verstehen ist das nur aus der Biologie

— freilich einer vergeistigten. Denn es ist der Inbegriff

aller Lebensprozesse.

9. Die Schöpfung des Menschen durch den Geist und

Nietzsches neues Reich des Menschen. — Bei der Schöpfung

des Menschen durch den Geist besagt es dies. Die

I

9


BewuBtwerdung, sowohl die unmittelbare von innen her

wie die plan voile wissenschaftliche, gibt uns unsere ganze

Vorgeschichte, die untergesunken und überdeckt, nicht

verloren ist, zurück. Das BewuBtsein entzündet das erloschene

Sein, das über die Empfindung und Erkenntnis

seiner noch einmal zum Leben kommt. Wir haben in

engerem Bezirke das oft erfahren: Geschichtforschung

hat Geschichtalter und vergeBne Ideale verjüngt, Naturforschung

uns zu Meistern über bisher verborgene Stoffe

und Kraite unserer Welt und auch über unsere eigenen

Krankheiten gemacht. Denn wir sind das alles selbst,

vom Atom an Schicht auf Schicht, und nicht etwa in

getrennten Lagen, sondern in jedem Punkte sogenannter

Materie konzentrieren sich koinzident die Schichten Stufen

Potenzen Typen Epochen zum komplexen Phanomen

einer Gesamtfunktion des Organon. So ist, was Welt

ist und auBerhalb unser selbst bleibt, und davon auch

das was in unserer Art-Entwicklung wir auf keine Weise

sind noch je gewesen sind, uns dennoch verwandt und

je weiter wir es und uns zurück verfolgen umso naher:

wegen der Elemente und Typen kaleidoskopisch konstellierenden

und erst an den Enden der Laufe brückelos

vereinzigenden gemeinsamen Lebenseinheit. Also ist uns

gegeben und geboten, das was wir in hohem Grade leiblich

sind, ein Geschöpf der Geschöpfe, ein All- und Einund

Zielwesen, das auch geistig und auf uns selbst rückgewandt

zu werden: uns, den Menschen, von Anbeginn

bis heut, in uns selber noch einmal zu saen, aus uns selber

noch einmal zu ernten, bis daB wir geworden sind

was wir sind und es mit unserer ganzen Lebbarkeit

leben: nicht eine Art Mensch, die aus sich selber schwei-

20


fend Kosmos wird, sondern der Mensch als Art, in den

der Kosmos eingeht, Mensch zu werden, oder Übermensch,

oder Gott. MüBig sind hier die Fragen nach der

Möglichkeit, denn es ist garnichts anderes als das möglich,

es sei denn der sichere Verf all; halb geraten aber

oder miBraten kann jedes und unbedingt gerat nichts.

Die Aufgabe ist übermenschlich. Nur ist eine Aufgabe

immer „darüber und darüber hinaus". Soli das nicht

sein, so bleibt die willen- und wertlose Entwicklung und

zwar: die abwarts zu erleiden. Das Unterfangen ist titanisch,

die Idee und das Ideal aber klassisch, der Gipfel

des Klassischen. Der ist nur von gereiften Titanen zu

erschwingen. Und nun befinden wir uns inmitten von

Nietzsches Neuem Reich des Menschen.

io. Nietzsches Selbst- und Werte-Kritik und Werte-

Schöpfung. — Nietzsche, als Wesen der Sphare Hölderlin

zugehörig, von den Griechen, dem deutschen Humanismus,

Schopenhauer und Wagner kommend, hat in

den Schriften seiner Jugend als Fremdling und Feind

sich seiner eigenen Zeit entriickt und ihr schlechthin

andere, von ihr unannehmbare Ideale, und zwar metaphysisch

erlöserische, doch in ihrer Latenz bereits schöpferische,

entgegengesetzt. Spater vollzog er den tieferen

Bruch: den mit auch diesen Idealen. Er wurde der Seher

und Richter des Verf alls des Menschen. Er ging weiter:

über die Selbstkritik zur Menschheitkritik und zur Kritik

der Art Mensch. Er trieb die Analyse aufs auBerste,

indem er nicht mehr die Wirklichkeiten sondern die

Werte und Herrscherwerte angriff: auf ihre Herkunft

zurückführte und damit bald entwertete, bald als un-

21


anwendbar envies — und indem er sie ferner nach ihrer

Auswirkung auf die Wertigkeit des Menschen selbst

priifte und so vernichtete. Hinter dem aber muBte —

sonst ware es nicht durchzuführen gewesen — ein eigener

MaBstab stehen. Es war eben jene Wertigkeit des

Menschen selbst und zwar die biologische. Nur daB

biologisch hier — abgesehen von einzelnen Ausgleitungen

und Ausschlagen — nicht materialistisch gemeint

war sondern nur gegenidealistisch: in dem Sinne fest

gegriindeter und vollkommen entfalteter Natur. Der

Ursprung dieser Kritik war das leidenschaftliche Bedürfnis

nach Wahrheit, sei sie das Leben oder der Tod.

Der Zweck schaltete sich erst ein: vielleicht von der

Ausdenkung des ganzen Verf alles den Übergang zu einer

Erneuerung zu entdecken. Eine Schöpfung lag noch

auBerhalb der bewuBten Hoffnungen. — Nietzsches

Kritik wurde schöpferisch, da sie nicht nach auBen angriff

und schalt, sondern ins eigne Fleisch schnitt. Er

meinte sich selber und wo er nicht sich meinte, da trat

er als Mitleidender und AlleinbüBender an die Stelle des

Gemeinten. Er war von Anfang an Erlöser und wurde

erst als solcher zum Schöpfer. Seine Kritik, furchtbarer

und zerstörender als jede asketische, die doch nur das

Leben selbst trifft und uns Lebendige als dessen Opfer,

hat er ausgeübt als ein Experiment an seiner Person, ob

diese alle Wahrheit ertragen und dabei bestehen könne.

Es blieb ihr nur übrig, sich als wie auch immer erkannte

und beschaffene zu bejahen, aber aus sich und über sich

hinaus ein realisierbares Ideal zu erzeugen. Diese Tat

an seiner Person durfte er als Urquell und Gleichnis in

die Tat an der Menschheit und der Art Mensch hin-

22


überleiten und auf sich gestützt doch jenseit seiner vollt

enden. Denn das Individuum ist für sich nichts, für alle

alles.

s

ii. Nietzsches Umwertung und seine Überwerte Leben

B

und Leib; sein schaffendes Denken. — Nietzsches Kritik

ist die Wendung der Krisis, vom Verfall zur Schöpfung.

t

Seine Erkenntnis der Wirklichkeiten ringt um den Int

differenzpunkt: es gibt keine Herrscherwerte mehr sonr

dern ein Wertechaos in dem unvereinbare Werte einander

aufheben. So erlangen nicht starke und pragende,

also auch aufsteigende und erbbestandige Werte die

i" Übermacht, sondern breite und mittlere vermischte,

r

niederziehende und sich auflösende. Es ist ein Vorgang

h der Entwertung mit allen seinen biologischen Folgen. —

•s

Nietzsches Umwertung geschieht zunachst durch Erhebung

der Gegenwerte. Danach wird eine Rangordnung

r

der Werte festgestellt. Endlich wird in einer vollstandiit

gen Synthese ein neues Organon der Werte als Herrs

schaftgebilde vollbracht. Das alles setzt einen umfassene

den und für jeden Wert auch Werte-Widerspruch einr

stehenden Überwert voraus. Dieser ist da: das Leben,

oder beim Menschen: der Leib. Aber das groBe Leben

und der groBe Leib, nicht nur die unteren Potenzen, bei

denen der Materialismus haltmacht. Auch dies ist noch

eine zu allgemeine Bestimmung: unter dem Leben und

c

dem Leibe kann sehr vieles verstanden werden. Hier

i

aber ist Nietzsches Denkweise unvergleichlich und abt

weichend. Sie selber, als ein schöpferischer Allsinn, veri

wirklicht mit ihrer Tat ihren Gegenstand: den gröBten

Leib des Lebens: den Menschen. Sie ist selber die vor-

23


weggenommene Wirklichkeit des allganzen Menschen.

Denn dieser ist in ihr, als der Funktion seines höchsten

Organs, des ihm vertretendes Geistes, bereits erschienen.

— Der Denker Nietzsche arbeitet nicht im alten

Geiste einen Begriff oder ein Bild heraus, die Einheit

und Eindeutigkeit verbürgen sollen und er schreitet auch

nicht von Erfahrungen über Begründungen zu obersten

Erklarungen. Er bewegt im ganzen das Ganze, immer auf

einmal und wie zufaUig, entwindet ihm mit seinen Kratten

und Listen, geleitet durch die erzogenste Selbst erkenntnis,

die vielfaltigsten Erkenntnisse und bewegt

diese wiederum im ganzen, bis sie, als rahmenlose und

nur im Erkennenden und Erkannten zusammenhangende,

selbsttatig zusammenwachsen. Diese Denk- und Arbeitweise

erscheint auBerlich als aphoristisch und ist da

an ihrem Platze, wo auf jede Einschrankung und jedes

Vorurteil, sogar auf jede Aussicht eines Ergebnisses verzichtet

ist und ein Mensch mit dem Einsatze seiner selbst

das Spiel mit dem Ganzen wagt. Hier wird leicht der

Abenteurer und der Schöpfer verwechselt, da gemeinsame

Züge und Übergange sind. So ist noch nicht genug

eingesehn worden, daB Nietzsche dort, wo ein ungeheures

Trümmerfeld sich zeigt, den Übermenschen und den

neuen Kosmos fast vollendet hinterlassen hat. Es bedarf

nur noch eines aus ihnen entstrahlten letzten oder ersten

Blickes, der freilich einer Verjüngung und Vollendung

gleichkommt, um sie von der Schöpfung zum Dasein

zu bringen. — Nietzsches kritisches Denken ist also

nicht eine in der Luft sich vollziehende Anschauung von

Gegenstanden, sondern ein Ausdruck und Hebei der Verwandelung

des Denkenden wie des Gedachten und damit

24


auch des Denkens selbst: das ist des unteilbaren Menschen

und seiner von ihm unteilbaren Welt. Damit ist

seine Werte-Kritik der Leitfaden des schöpferischen Vorganges

seiner Stiftung der neuen Werte, ja des neuen

Menschen und der neuen Welt, und ist sie das Negativ

des nachher notwendig ans Licht tretenden, ja aus ihrer

Triebkraft und] ihrem Auftriebe emporgeschleuderten

ihr Zug um Zug entsprechenden Novum Organon.

12. Die kritisierten drei Werte-Kreise; Burger turn und

schöpferischer Geist. — Nietzsches Werte-Kritik trifft

drei Werte-Kreise: die biirgerlichen, die modernen und

die metaphysisch-religiösen Werte. Nicht daB diese

Werte selbst von einander zu trennen waren oder ihre

Kreise sich ausschlössen — die Unterscheidung dient,

um vom Engen ins Weiteste und von der Oberflache

bis an die Urspriinge vorzudringen. Sie bezeichnet zugleich

dreierlei verschiedene doch mit einander verschmolzne

Fassungen des unmittelbaren Lebens, die im

Begriffe sind auBen zu zerbrechen, keineswegs schon

innen durch andere sich zu ersetzen. Sie sind nicht mit

bestimmter Zeit verbunden, sie sind durch die Geschichte

gehende, im Verhaltnis zu andern Werte- und Daseins-

Kreisen der menschlichen Gemeinschaft hervor- oder

zurücktretende eindeutig typische. — Der bürgerliche

eigentlich spatbürgerliche Werte-Kreis ist der kleinste

und den es nicht immer gab noch geben wird. Innerhalb

dessen ist es gar ein allerkleinster, der hauptsachlich

gemeint ist: Mittelstadt und Mittelstand des damaligen

Deutschland. Dennoch ist in dem Rahmen nicht nur die

Masse sondern der Kern zu treffen, weil hier der heroisch-

25


tragische Übergang des Geistes aus Begleitung oder Absonderung

zur Schöpfung-Aufgabe sich ereignet: nach

den Enzyklopadisten Rousseau und Kant und seine Folger,

der neue Humanismus, Goethe, die Romantik, Hölderlin,

Nietzsche, die historischen und die Naturwissenschaften,

der Sozialismus. Die Entwicklung ist europaisch

und übereuropaisch, doch wird Deutschland nach

ihren ersten Stuf en in ihr f ührend und sie in Deutschland

am intensivsten und radikalsten und ungehemmt von

Krise zu Krise vorgetrieben. — Unselig muB es scheinen

daB, zugeschlagen zwar die ausgebrochnen Söhne von

Adligen reichen Kaufleuten und Beamten, ein meist armer

und verkümmerter, unfreier und weltfremder Kleinleutestand,

jah emporgerissen und auch wirtschaftlich

sich erhebend, Trager der letzten Entscheidungen,

Schöpfer von Welt und Mensch wird. Denn die Werte

werden ja von ihren Gründern schon unterbewuBt umgewertet

und zwar in den Schichten deren Bau am

sichersten sich erhalt und fortpflanzt: denen ihres biologisch-sozialen

Ursprunges. So kam es damals zu einer

Koppelung des heroischen Geistes und seiner überchristlichen

Seele mit der Erbnatur des sozialen Emporkömmlings.

Es schossen also in die Werte mit ein die Minderwertigkeiten

eines aus seinen Ufern getretnen und

sich überformenden und entformenden Bürgertums:

Enge Angst Krampf Unsicherheit, versteifter Moralismus

und Protestantismus, Phantasie-Ausschweifung

und Verlogenheit der Triebe, Sklavensinn und karger

Nutzsinn, Strebertum, Unerzogenheit zumal im Leiblichen,

Geschmacklosigkeit und Unvornehmheit durch

und durch. Zugleich aber war in diesem Mittelstande der

26


Ab-

leidenschaftliche Eifer um alle von oben und unten zuach

dringenden Werte und geschah hier deren Aneignung

Jol-

und Synthese und der Versuch, sie im persönlichen und

Jöl-

Gemeinschaft-Leben zu erfüllen. Ja noch mehr: die

sen-

garende und doch fruchtbare Mischung der zerfallenden

iro-

Stande selbst, deren Kinder von oben stürzend und von

ach

unten steigend ein immer unklarerer neuer Stand werand

den. Ferner die Erringung und Macht-Auswirkung einer

von

schrankenlosen geistigen Bildung, die zur Voraussetzung

nen

aller durch sie vergeistigten Berufe und von deren umvon

walzenden Leistungen wird. Ein Hexenkessel, in dem

ar-

der aonische ProzeB sich vollzieht! — Nietzsches Kritik

tin-

trifft nicht den ProzeB, sondern überwindet dessen Phase,

ich

Er zeigt das Werte-Chaos und entlarvt den Widerspruch

en,

zwischen einer minderwertigen Menschenart und den

rte

von ihr beanspruchten und vertretenen obersten Werten

m- sowie den anderen zwischen dem echten Sinn dieser

am

Werte und ihrer heuchlerischen Ausbeutung durch diese

iio-

Menschenart zu ihrer unerschiitterbaren Selbstbefriediner

gung und unversönlichen Feindschaft gegen Werte- und

st-

Lebens-Schöpf erische. Einen Widerspruch freilich,

m- der grauenvoll auch die ersten Schöpfer dieser Werte

er-

und dieses Lebens und sogar diese Werte und dieses

nd

Leben selbst zerreiBt oder befleckt. Die Analysen, die

is:

hier bis in die untersten Schachte der Psyche hinablis-

gestoBen werden, gelten zwar zum Teile nur für jene beng

sonderen zeitlich und anders bedingten Erscheinungen,

^er

die dann als zu wichtig und allgemein genommen werib-

den, sind aber zum gröBern Teile prototypisch für den

ch

Zustand des gestern vordersten und heute breitesten,

Ier noch immer die Gesamtmasse führenden Typus der

27


Menschheit. Denn auch was wir kurzhin die Moderne

nennen, ist fast seinem ganzen inneren Wesen nach und

weithin auch in seinem auBeren Wesen durchaus bürgerhch-mittelstandisch.

13. Die Moderne; unsere Moderne. — Eine Moderne

gibt es in jedem Zeitalter. Es ist das vorderste Werden

das sich losgerissen hat mit seiner Andersart und seinem

Gegentrieb. Es muB jugendlich sein und das Alte bekampfen,

als Unbedingtes auftreten und ohne Sicherung

bleiben. Es trifft stets zusammen mit dem Untergange

dessen was Untergang-reif ist, als der Anfang des vordrangenden

Neuen, das unerhörte Erfüllungen verhei-

Bend vorwegnimmt. Spaterhin versteht man unter

Moderne die besonderen inneren und auBeren Zustande,

die Leistungen und das Geprage, welche in solchem Werden

geworden sind und sich behauptet haben. Das auch

behalt eine Fragwürdigkeit und wird teils angefochten

teils überbetont. Denn die feste dichte Schichtung des

lang Bestehenden übt einen ungeheuren Druck, selbst

dann noch wenn sie bröckelt und morscht. — Wir heute

sind weit vorgerückt in einer bestimmten und einmaligen

Moderne. Diese kann, je nach dem Radius, angenommen

werden: vom Beginne des verselbstandigten Europa

vom Christentum, vom Mittelalter, von der Reformation,

von der Revolution, von Romantik Technik und

Sozialismus. Sie wird bezeichnet durch eine unermeBlich

lange Krise und ihre zahllosen Phasen: die Auflösung

des kosmisch-hierarchischen Gef üges der Menschheit und

des Menschen und die Umlagerung der Lenkgewalt von

der Ichheit des Alls zu der Allheit der Iche. Das ware

28


ein klarer NaturprozeB, wenn wir ihn im ganzen anschauten

und er uns als Einzelne nicht anginge. Aber

da er uns erst vereinzelt, um uns dann wieder zusammenzufassen,

und dieses nicht gleichmaBig fortgehend sondern

in Ausschlagen, da überdies erst undenkbar Spatere

sein Ziel erreichen können, werden wir als Individuen

und Personen von Machten, denen wir nicht gewachsen

sind, von Katastrophe zu Katastrophe geschleudert.

Wir haben es schwer und vermogen es dennoch, anstatt

zu verzweifeln und uns treiben zu lassen, mit einem reinen

BewuBtsein das Ganze zu umfassen und unseren

jeweiligen Ort zu finden.

14. Nietzsches Überwindung und Umwertung der

Moderne. — Nietzsches Kritik und Kampf richtet sich

nicht gegen die Moderne als einen groBen Übergang,

sondern gegen dessen sich selbst wollende Verfestigung.

Er reiBt die Bewegung aus ihrem Verkreisen pfeiljah

vorwaxts. Er ist der Modernste der Moderne und damit

ihr Überwinder. Wo er auf seiten der Vergangenheit

steht, verzögert er kein Vergehen, sondern verjüngt die

Kraft, Unvergangliches weiterhin zu behaupten, und

tilgt Übergang-Werte durch verbürgte und nachhaltige.

Er wagt und wahlt nur im Hinblick auf die Zukunft,

die aber, nach seinem Schöpfungplane, nicht wieder eine

Stufe irgendwohin, sondern ein All und Eines und Ganzes

ist, und darum ist ihm die Gegenwart der Anderen

auch schon Vergangenheit und jeder im Menschen und

seiner Welt erzeugbare oder wiedererzeugbare lebenmehrende

und steigernde Wert gleich unersetzlich. Es

kommt nur darauf an, in der Natur-Geistes-Ordnung

29


der Werte ihn richtig einzufügen. — So also stellt er

sich zur Moderne. Er nimmt sie als biologischen Verfall

symptomatisch. Der Historismus: das Bedürfnis nach

Masken und Schauspielerei, nachdem der eigene Typus

verloren worden. Der Materialismus Pessimismus und

Zynismus: die mechanische Umkehrung des Idealismus,

nachdem alle Ideale, als grundlos und lügend, enttauscht

haben. Die Flucht ins Objektive der Wissenschaft und

Arbeit: das Unvermögen frei und schöpferisch zu leben

oder auch nur sich persönlich zu ertragen. Der Demokratismus

und Sozialismus: die Verkleinerung und dann

Zermahlung der Individuen, Tschandala Pöbel und

Masse. Das Umschlagen ins Neureligiöse, Asthetisch-

Absolute, vielfaltig Romantische: Betaubung in Opiaten

als Begleitung der Dekadenz und Vorzeichen des Nihilismus.

— Die Moderne ist für Nietzsche das Voralter

der letzten Krise, die aber bei ihm nicht mitternachtig

sondern der GroBe Mittag ist. Sie ist also eschatologisch.

Und damit wird sie als notwendige Sache und freie Tat,

das ist: als volle Tatsache, was im alten Kosmos die Sonne

in der Unterwelt ist: das noch verschattete Werden oder

das zu erlösende zukünftige Licht und Aeon. Dann erhalt

jeder bisher verneinte Wert seine neue Funktion

und damit sein Ja. Der Historismus wird Brücke zur

Synthesis des vollkommenen Typus; der Materialismus

Pessimismus Zynismus zum freien Geiste; das Objektive

der Wissenschaft und Arbeit zur Wahrhaftigkeit und

Welteroberung und zu den dienstbaren Tugenden; der

Demokratismus und Sozialismus zu der Einheit und

dem Elemente, woraus der höhere Mensch und Übermensch

hervorgehe; das Neureligiöse Asthetisch-Abso-

30


lute vielfaltig Romantische zu Wachstum und Steigerung

der Seele bis an unendlichen Umfang und Grad.

15. Nietzsches Verwerfung der antibiologischen Religionen.

— Nietzsches Kritik an den Religionen, zumal

der christlichen, und an den ihnen nachfolgenden metaphysisch-idealistischen

Philosophien, zumal der deutschen,

wird ein das Ziel überschieBender Kampf, der

sich teilweise der Waffen des Materialismus bedient. Es

ist eine Fortsetzung der Aufklarung und der Freigeisterei.

Das ist Notwendigkeit, da alle Religion und

Metaphysik voll Voraussetzungen ist, die nicht an und

für sich sondern nur für den noch gelten können, der an

bestimmte wörtliche Offenbarungen und Vorschriften

eines Gottes oder an eine in eindeutigen abgezogenen Begriffen

darstellbare Weltordnung glaubt. Die Kritik verfallt

aber wieder der Kritik, wo sie aus naturalistischen

das heiBt nur sinnen- und verstandesmaBigen Annahmen

— zum Beispiel: es gibt keinen Gott und keinen Geist,

die Welt ist ein Bau aus Stoffen und Kraften, der

Mensch ist ein Tier—ursprünglichere und vollstandigere

Erlebnisse und Feststellungen verneint. SchlieBlich ist

der Empirismus auch eine Metaphysik und zwar eine

solche die allein die mittleren und handgreiflichen Stufen

der Erf ahrung anerkennt und nur aus diesen—anstatt wie

jene nur aus den obersten und untersten — ein Dogmen-

Gebaude errichtet, um nun auf umgekehrtem Wege

ebenso das komplexe Phanomen des Allganzen zu verdringen.

— Nietzsche gleitet, von der Zeit beeinfluBt,

in solches aus. Davon wird seine Hauptsache nicht berührt.

Denn hinter seiner Kritik steht die Wahrheit des

31


L_

ganzen Menschen und die biologische und moralische

n

Wirkung der transcendenten Glaubenswerte auf diesen.

L

Nietzsche wirft vor: die Natur ist durch willkürliche t<

starre und blasse Unterschübe irrig begründet feindselig

is

beurteilt und drauBen vernachlaBigt drinnen verunstal-

ir

tet worden; Ursache, daB der Mensch selbst und be-

li

sondere Entartungen von ihm ihr nicht gewachsen waren

d

und von ihr ab und gegen sie aus kluger Rache und

k

Ressentiment sich kehrten; die homines religiosi, durch

G

höher erscheinende Vermogen überlegen — es sind ja

w

die altesten Verkörperer von Geist und Seele — gewan-

n

nen und behaupteten eine antibiologischeÜbermachtund t(

bestimmten die Werte; die aber befochten die groBe und

zi

volle Natur, als einesteils asketische andresteils herab-

rc

mindernde und Masse bildende; so entstand die Moral,

E

in der vom Leben eine Selbstpreisgabe gefordert und

sc

übrigens das Unterste zu oberst gekehrt ist, die darum

ai

zum biologischen Verf all der Art, zur Dekadenz des k<

Menschen, führen muBte und geführt hat, bis an die V\

gegenwartige Krise: den Ausbruch eines allgemeinen di

Nihilismus. Dieser freilich hat noch einen umfangliche-

G

ren Ursprung: die Vermischung aller Werte und auch

M

der Gegenwerte mit den vorwaltenden bis in die Selbst- h;

vernichtung der Werte überhaupt wegen ihrer Unver-

di

einbarkeit.

sc

G

16. Nietzsches Umwendung des metaphysischen Trie- b:

bes. — Die Wiederherstellung und Vollendung des gan-

ui

zen Menschen, erst in Idee und Ideal dann in Wirklichkeit,

hat als gröBten Gegner den metaphysischen Ur-

ei

trieb. Der kommt zu seiner königlichen Gewalt und sei-

m

32 1 3


nem Reiche in Religionen und Philosophien, doch beherrscht

er auch alle Wissenschaften und das gesamte

tagliche Leben. „Das Atom besteht aus den Teilen ..."

ist ein wissenschaftliches Beispiel — ,,du kommst aber

immer zu spat!" ein tagliches: für die unverantwortliche

Übertragung von Begriffen und Begrifflichkeiten,

die zwar an Erfahrbarkeiten entspringen und sich erfüllen,

doch nunmehr mit ihrer Allheit Allgemeinheit und

Geltung auf begrenzte oder einmalige Erfahrungen sich

werf en. Dies Übergreifen Schlüsseziehen und Unbedingtmachen,

also daB, im ersten Falle, Wirkungkomponenten

zu nebengelagerten Substanzen erhoben werden, im

zweiten Falle ein diesmahges oder öfteres Begebnis zum

regelmaBigen vielleicht Charakter-entstammten, ist die

Erbsünde und das Kreuz des Denkens, und da es ohne

solches ein Wahrnehmen und Empfinden nicht giebt,

auch dieser beiden. Es werden da]in einem Zirkel Wirklichkeiten

mit Begrifflichkeiten und Begrifflichkeiten mit

Wirklichkeiten vertauscht und verwechselt. Und es ist

dieses Metaphysische die Materialisation des unkritisch

Geistigen, wodurch der Geist immaterielle Materie, die

Materie geistloser Geist wird, beide zusammen eine

hybride Pseudorealitat. Freilich ist der Urgrund dessen

die unerlaBliche Bedingung für Geist und Welt: das

schöpferische Vorstellen und Begriffe bilden und das

Gleichsagen von Begriff und Ding. Doch teilt sich alsbald

die Bahn: auf der einen vermischen sich, verworren

und von unbewuBten Triebkraften gelenkt und der

Wahrheit entfremdet, die ununterschiedenen Elemente

eines methodisch-unmethodischen Chaos zu einem kosmischen

Mythologem; auf der anderen erschaffen, kri-

3 33


I

tisch gesondert und phanomenologisch funktionell ge-

S

gliedert, perspektivische Konstellationen idealer Gleich-

d

nisse ein Denk-Ebenbild des komplexen Phanomens des

P

Kosmos. — Es kommt auf die Richtung an, die wir ein-

a

schlagen. Nietzsche hat sie endgiltig gegen alle Meta-

p

physik bestimmt. So nur gelangen wir zu unserm Ziel:

E

dem ganzen Menschen und seiner ganzen Welt. Doch

o

im Augenblicke dieser Entscheidung sind uns auch die

n

unverganglichen Werte der Religionen und Philosophien

ir

und ihrer Moralen wieder zurückgegeben. Zwar nicht

k

mehr als Dogmen aber als Stiegen und Gipfel der Er-

ftl

kenntnis des Menschen und seiner Welt und als uner- n>

meBliche Erhöhungen Vertiefungen Lauterungen und

w

Verfeinerungen seiner geistig-seelischen Organisation.

sc

Es ware eine Lacherlichkeit, wegen der dogmatischen

al

Voraussetzungen und Ergebnisse, die Fülle und SüBe

le

der erntbaren Lebensfriichte dem Zukunft-Menschen zu

sn

entziehen — der selber die Frucht dieser Früchte sein

sc

wird.

ai

D

17. Der Kosmos wird Mensch; die Schöpfung aus der fir

Freiheit. t

— Die neue Art Mensch, deren Schöpfer Nietz- V\

sche ist, kehrt nach Jahrtausenden der Auflösung ins

Physisch-Mystische — der Mensch als sterbliche Hiille

unsterblicher Seele oder der Mensch als Kreatur und

Gleichnis des seine Individuation aufhebenden Alls — Ur

in die Geschlossenheit und Vollkommenheit des alt- di

orientahschen klassischen Kosmos und seiner reinsten

di

Form — der sumerischen — zurück. Doch bleibt ein

at

Unterschied. Beide Male soil der Mensch nicht Kosmos

Sc

werden, sondern ist der Kosmos Mensch geworden. In

u l ]

34 i

g r

ha

D

1

I

!


Sumer aber ist dieser kosmische Mensch als Gottmensch

durch Gott von Anbeginn eine der obersten kosmischen

Potenzen, bei Nietzsche, wofern er der wird der er ist,

als Menschgott durch geistige Selbstschöpfung auf der

Bahn der natürlichen Entwicklungen die Potenz des

Kosmos selbst. Hierbei ist Gott entweder unwirklich

oder gebunden an Mensch-Ahnlichkeit. Das scheint titanisch

und frevelhaft, ist aber bewuBt und aufrichtig und

in GröBe dasselbe, was unterbewuBt unaufrichtig und

kleinlich in jeder Religion gewesen ist. — Die neue Art

Mensch ist, als Werden betrachtet nicht geschichtlich

noch ungeschichtlich sondern übergeschichtlich. Sie ist

wie die Potenz des Kosmos auch die Potenz der Geschichte.

Abseits von Bejahung oder Verneinung, Nachahmung

oder Umkehrung des Geschichtlichen, dessen

letzte Schicht und Gesamtschichtung sie selbst ist, faBt

sie das zusammen als einzeln erweckbare im ganzen verschmelzbare

und gestaltbare endliche Einheit und Überart;

die höheren Menschen und den Übermenschen. —

Deshalb wird die Vielheit mit ihren Gefahren nicht geflohen

sondern aufgesucht. Die Vielheit der Triebeder

Widerspriiche der Versuche der Typen verbürgt erst die

groBe, die gröBte Synthese. Ja es ist alles not und es

hat alles recht, es darf kein Körnlein ins Leere fallen.

Die auBerste Spannung zwischen allem Unabhangigen

und allem Gegensatzlichen ist die Bedingung dafür, daB

die Synthese zu ihrer Fülle und auf ihrem Grad komme,

die Einheit des Kristalls gelinge. — Dieser Schöpfung

aber steht die frühere und jede Moral im Wege. Der

Schaffende muB also die Freiheit des reinen Erlebens

und des ursprünglichen Wahlens und Wertens zurück

35


haben. Er erforscht darum, woher das überlieferte Gut

und Böse gekommen ist, begreift dessen Todfeindschaft

gegen das Schaffen und zumal Werteschaffen und stellt

sich als letzter Erbe und erster Ahnherr jenseits von

beidem.

18. Der Individual-Prozefi der menschlichen Art-

Entstehung. Die menschliche Art-Entstehung ist wie die

des einzelnen Menschen in entscheidendem MaBe individual

bedingt: durch Einzelwesen, BewuBtsein und

Willen. Das ist nicht aufgehoben durch Gesetze und

Verlaufe der Entwicklung die sogar ganze Erdalter beherrschen.

Nur das Individuum kann zeugen und gebaren,

nur das Individuum verantworten. Das ist sein

Schicksal und seine Aufgabe. Schon beim Tiere bei der

Pflanze. Wie erst beim spaten Menschen! Die Freiheit

des Menschen, mit eine seiner natürlichen Gebundenheiten,

gehort allein dem Individuum an. Ein Subjektivismus

folgt daraus nicht. Weit eher folgt die Tatsache

der natürlichen Aufopferung und das Gebot der Selbstaufopferung

der Individuen. Nur nicht für ein sie herabminderndes

Kollektivum sondern für die überwindende

und aufhebende Potenz. Die ist nicht subjektiv

sondern typisch, doch wiederum nicht anders als in

Individuen, noch reicheren noch staxkeren und vor allem

Kreislauf-jüngeren Individuen, verwirklicht. Die Bahn

zur Potenz ist immer Leben bedrohend ja Leben vernichtend.

Sie entspringt auch oft als eine letzte Rettung

bei drohenden Art-Untergangen. Sie wird nur begangen

von Versuchenden sich Preisgebenden. Doch würde sie

ins Nichts auslaufen, wenn es auf ihr keine Folge und

36


Nachfolge oder keine Ziele ga.be. Nun gibt auf ihr jeder

getane Schrift, der nicht mehr zurück getan werden kann.

Es ist ihr Gesetz, daB auf ihr das Gehen ergangen werden,

das Können gelernt werden und durchaus nicht

über die eigenen FüBe gestürzt werden soli. Der Aufbau

der Potenz und mit ihr eines neuen Organon vollzieht

sich im ganzen genommen nicht katastrophal sondern

organisch. Unbedingt ist nur der Auf schwung und die

Einheit von Wille und Ziel. Die leitenden Ideale sind

ordnende Dominanten, nicht heischende Despoten. Sie

bedürfen nicht als barbarische Sklavenhalter einer absoluten

und exklusiven Hingebung, sondern walten in

stiller und gelassen anziehender Machtigkeit als Humana,

unter denen sich selbstandige Menschentümer zu möglichen

Maximis stetig anwachsend organisieren. Dieser

ProzeB also ist im ganzen durchaus heroisch-tragisch,

aber gnadereich wie keiner und auf jeder Stufe erblühend

von einzelnen Beglückungen Vollendungen Feiern Füllen

und Vollkommenheiten.

19. Nietzsches Immoralismus und organischer Wille

zur Macht. — Nietzsche nennt sich Immoralist und ist

doch der Schöpfer einer Moral. Er bekampft nur den

Moralismus, das heiBt die moralische Perspektive gegenüber

den Phanomenen des Lebens. Er würdigt jede einzelne

Moral als Willen und Gebot, auf eine bestimmte

Weise zu leben. Seine Moral — die seiner Umwertung —

hat die biologische Grundlage. Ihr Sinn ist die Steigerung

aller biologischen Werte, biologisch im ganzen

AusmaBe gemeint. Voran also stehn Leben und Leib.

Diese sollen „gut" sein, das heiBt gesund. Nicht so daB

37


die Krankheit ausgeschlossen ware. Nietzsche laBt immer

den Teufel schaffen und das Negative sich entfalten,

um das reichere und höhere Positive, die nachste Potenz, 1

mit hervorzubringen. In ihm wird Hegels Dialektik zur 5

Tat. Denn die Krankheit führt nicht nur zur Gesundheit

einer oberen Stufe, sie ist Folge der Selbstpreisgabe

j

des Lebens im groBen Werden und eine groBe Gesundheit

verjüngt und erhalt sich durch die öftesten und

^

gefahrlichsten Krisen. Der Wert eines Wesens ist er- (

kennbar an dem MaBe der Fiillen und Stufen die es

i

verbindet, sogar der Schmarotzer die es ernahrt; an dem

c

Grade der freien weiter und weiter entfaltenden Spannungen

und an der Festigkeit der rangordnenden Herrschaft

und Harmonie: der gestaltenden Einheit. Dieses

I

ist: die Macht —• und daB jedes und alles, sich ausdeh-

t

nend und das andere einfügend, um es als relative Mate- 1<

rie zu organisieren, in dieser Macht nach seinem erring-

u

baren Maximum strebt, ist der Wille zur Macht. Der

u

wird meist falsch verstanden: als Dynamik anstatt als 1

Organik. Dynamisch aber ist er bei organischen Wesen

v

nur auf Unter- oder Verfallstufen. Er ist die Form der

S

steigenden und steigernden Prozesse in denen die Individuationen

und Gegenpotenzen des Lebens, im is

Kampfe wider einander sich teils zerstörend und teils

u

überwölbend, mit einander aufs auBerste sich steigern

ei

und über sich hinaus das Kind, die Oberpotenz, hervor-

v

bringen. Beispiele sind die Geschlechtlichkeit der Krieg

B

die Gemeinschaftbildung der Agon. All diesem wird der d<

heilige Wert des Lebens zuerkannt, von ihm aber auch

m

seine eigne Wertigkeit und Weihe unerhört streng ge-

ai

fordert. Von hier wird jede mehr als naturalistische

G

38


ler

„menschliche Gesellschaft" abgeleitet. Sie ist wesent-

;n,

lich aristokratisch — wie übrigens auch alles gut Demoiz,

kratische. Sie entsteht und besteht nicht durch gegen-

;ur

seitige Ausgleichungen und Abschleifungen oder durch

id-

Hingebung an ein Kollektivum, sondern durch gemeinbe

same Selbstbehauptung nach auBen und Freiheit und

id-

Distanzen nach innen, unter hartester Wahrung der

nd

Werte, auf denen der Wert der Art ruht. Hat eine solche

er-

Gesellung ein Heiltum und auf lange Sicht hin ein Ziel

es

und ziichtet und erzieht sie sich dahin: dann ist sie Chor

em

oder Bund und Keim des neuen Volkes.

m-

:rr-

20. Moral des Individuums und Tyfus; Freiheit,

ses

Wahrheit, Reinheit. — Es ist eine Moral des Individuums

eh-

und des Typus anstatt einer des Subjektes und des Kolte-

lektivum. In ihrer inneren Mitte stehen darum Werte

ig-

und Tugenden wie Freiheit, Wahrheit, Reinheit, Gut

)er

und B ö s e. Distance, Schönheit. Diese Werte sind leistals

bar nur vom gesicherten Ich das nicht durch andere

sen

viele oder alle zersetzt ist noch zersetzt werden kann.

der

Sie verlangen, daB ein kraftvoller Kern dasei und bleibe.

In-

— Die Freiheit ist die Verfügung über sich selbst — das

im

ist aber das Gesamt, auch das Gesamt der Bindungen,

eils

und der Verfügende ist nicht eine Abstraktion sondern

ern

eine oberste Instanz. Die Wahrheit — zumal im Sinne

TOT-

von Wahrhaftigkeit —• ist die Übereinstimmung des

ieg

BewuBtseins mit dem Sein als oberstes Ziel auch aller

der

der Triebe, die sonst das BewuBtsein sich dienstbar zu

uch

machen pflegen, um ein falsch bewuBtes Sein für sich

ge- auszubeuten. So sind Wahrheit und Wahrhaftigkeit

che

Grundlage des Selbstbestandes, da ihre Umkehrung das

39


BewuBtsein und damit auch die Person zerspaltet und

g

verdoppelt, und zugleich der Gemeinschaft, da sie eine

il

gemeinsame Welt als Verantwortung und Sicherheit ver-

X

burgen. Die Reinheit — in asketischen Religionen gegens

v

Sinnliche Stoffliche und den Stoffwechsel gekehrt — be-

C

deutet bei Nietzsche die AusstoBung der Abfalle Rück-

s

stande Ressentiments und des nicht Einverleibbaren,

b

die Art sowohl wie das Individuum auf einer Stufe des

d

ungehemmten und stetig die Höhe haltenden Lebens-

a

prozesses.

u

v,

21. Gut und Böse; Allbejahung und Aufopferung. — G

Gut und Böse ist die Anerkennung des voll-wirkh-

S

chen Menschen auch noch im Bezirke der Moral. Nicht

a

nur daB das Gute allein durch den Gegensatz des Bösen

si

etwas Bestimmtes ist: es sind überhaupt Gut und Böse

u

keine Urphanomene, sondern Perspektiven gegenüber

Phanomenen, die als solche jenseits von Gut und Böse

liegen. Die Perspektiven und perspektivischen Deutun-

A

gen bewirken an den Phanomenen selbst Veranderungen

R

und damit erst entstehen typische Formen des Guten

le

und des Bösen. Überall bezeichnet das als gut Geltende

ui

die eine Gemeinschaft tragenden Werte und entspringt

zt

es aus der AbschlieBung gegen auBerhalb herrschende d<

Gegenwerte und gegen innerhalb sich bildende Verfalls-

al

oder einsame und neue Werte. In der Wirklichkeit der

sc

Werte-Schichtungen — also Geschichte—verwickelt sich

hi

das bis zum Unauflöslichen. Nietzsche hat die Analyse ge-

D

leistet. Er hat dabei die Werte, welche das Leben die

ui

Natur das Individuum bejahen — Selbstsucht Wollust

fa

Herrschsucht Stolz und andere — entgiftet das heiBt

ur

40

É


gereinigt von dem sie entartenden Ressentiment der von

ihnen Überwaltigten und Leidenden, und sie in ihrer

Ursprünglichkeit und Unschuld wiederhergestellt. Das

würde dennoch unertraglich sein und zur Rohheit und

Gemeinheit führen, wenn nicht der Wert der Werte die

schöpferische Aufopferung ware und es nicht des ungebrochen

entfalteten Menschen bedürfte zur Zeitigung

der übeimenschlichen Frucht, wenn nicht fernerhin alle

anderen und auch die Decadence-Werte in die Rangund

Füllenordnung mit positiver Funktion eingeordnet

waren. Es ist nur ein anderes Wort, das Wort vom

GroBen Ja, welches Gut und Böse überwölbend an die

Stelle des Urguten der alten Religionen tritt. Giebt es

aber eine Unmittelbarkeit des schlechthin Guten, so

steht gerade diese jenseits von aller substanziellen Moral

und ist der innerste Kern der Substanz Mensch selbst.

22. Distance; Schönheit; Lösung des Moralischen im

Asthetischen. —• Die Distance ist eine vorschützende

Reinheit. Sie ist die Haltung des bewuBten und überlegenen

Individuums. Sein Kern bleibt unerschütterbar

unvermischbar unwandelbar, auBer in eigenstem Prozesse,

eigenster Entelechie. Er halt den gemaBen Grad

der Spannung aufrecht, nicht mehr noch minder, der

alle Einwirkungen zum Teile abgrenzt zum Teile ausschaltet,

sodaB eine leicht und rein schwebende Beziehung

zwischen dem Ich und allem anderen herrscht.

Der Wert der Distance ist ausgesprochen aristokratisch

und asthetisch, sein Gegensatz das im weitesten Umfange

Kommunistische. Dieser Wert war Goethe nur

unzureichend angeboren, er hat ihn, besonders in Wei-

41


mar, unter verzweifelten Noten und Kampfen in sich

ausgebildet und man hat dies Lebens- und Liebeswunder

dann mit Verschlossenheit Herzlosigkeit ja Geheimratlichkeit

verwechselt. Aber die Vollendung des Individuums

scheint meistens Kalte und Egoismus. Der

Wert der Distance ermöglicht eine Gemeinschaft freier

Individuen. Er schafft die Zwischenraume und Zuriickhaltungen,

ohne die ihre Strömungen sich feindselig

abstoBen oder entladen und entziinden oder sich widerlich

und schwachlich vermengen würden. Er bewirkt —

hierin dem Aufbau aller Naturstufen folgend — Konstellationen

anstatt Verschmelzungen und, unter Preisgabe

naher liegender Naturalismen, die höheren Gestaltungen

und vornehmen Formen. — Der Adel der

Distance berührt unmittelbar den der echten Schönheit.

Diese ist von allen Reizen zu unterscheiden — obwohl

sie die starksten ausübt — da sie ja die Vollkommenheit

eines Ganzen ist und nur vom ganzen Menschen in seiner

reifsten Einheit aufgefaBt werden kann. Darüber tauschen

die Wirkungen die sie, in welchem Bereiche sie

auch hervortrete, als letzte Potenz des Lebens — denn

die Harmonie ist die Potenz der nicht mehr potenzierbaren

Intensitaten — auf das Leben hat und haben

muB. Sie wirkt als unmittelbare sinnliche Ge walt. Wohl

ist das Sinnliche der Schönheit wesentlich. Denn sie ist

sinnfallige Erkörperung und erscheinende Blüte, ein

Anhalten aller Prozesse auf der Höhe. Aber weder das

unmittelbar Sinnliche Gemein-Vitale noch das mittelbar

Sinnliche Gemein-Asthetische ist das Wesen der

Schönheit. Ihr Wesen ist einfach die allumfangende

Vollkommenheit. Hier begreift sich daB die ganze mora-

42


lische Problematik sich allein auf dem Felde des Asthetischen

— nur nicht auf der Obernache einer die Form

verselbstandigenden Asthetik — endgültig lösen kann

und daB Nietzsches Immoralismus eine Vertiefung ins

Biologische und Erhöhung ins Asthetische, damit nicht

nur eine Umwertung der Werte sondern eine Vertauschung

der MaBstabe und Instinkte, ja eine neue Götter-Generation

bedeutet. Wahrlich! nicht bloB das Weib

unterlaBt lieber was haBlich ist als was schlecht ist. Auch

dem Manne steht die Vollendung und Schönheit seines

Menschentumes und ein göttlichstes Humanum fiber

jedem sonst Erstrebenswerten.

23. Die überchristlichen Werte der Seele; Heimholung

der Transcendenz in die Psyche; Gott und Unsterblichkeit.

— Neben den individualen heroischen aristokratischen

und asthetischen Werten stehen die der Seele.

Diese sind wohl antichristlich — noch mehr iiberchristlich.

Sie ernten das in Jahrtausenden erlittene und erschaffene

Wunder: die christliche Seele. Sie verschmelzen

die christliche Seele mit der klassischen und mit der

sogenannt heidnischen: der ewigen Naturseele. Sie zerstören

die Transcendenz und die Askese im Kern der

Werte. — Die Transcendenz aber bleibt erhalten als

Immanenz des Menschen, als ungeheure Spharen-Wirklichkeit

und -Ordnung in seiner Psyche. Mit dieser Heimholung

der Transcendenz in die Psyche ist dann die gesamte

Realitat als solche transcendent und der Mensch

und seine Welt eine unteilbare einheitliche Autarkie geworden

— also eigentlich bereits ein Standpunkt wie

der von Husserls Phanomenologie erreicht (die freilich

43


É

erst nach Nietzsche und nicht in seiner Nachfolge die

F

unermeBliche Arbeit der Umwertung des Logos beginnt).

G

Ein Beispiel für jene Verwandlung der transcendenten

s^

Werte: Gott und Unsterblichkeit horen auf, Materialia

sationen des Geistes, das ist Materialismen der zweiten

tj

Potenz zu sein. Der Geist ist ja doch auf keine Weise

n

Stoff, auch nicht eine noch so metaphysisch gedachte

ti

Substanz. Er ist eine am Stoffe erfüllte Gesetzlichkeit d<

und Bezüglichkeit, die zu einem ganzlich unvergleich-

in

baren, als BewuBtsein verselbstandigten und selbsttati-

J

gen Reiche, einer Autarkie und wirklichen Macht, ge-

si

fügt ist. Dem gema.6 ist Gott bei Nietzsche nicht auBer-

pc

halb und oberhalb des möglichen Menschen gegeben,

sondern die auBerste und oberste Möglichkeit des Menschen

— abgelehnt die zum abgespaltetenTeil-Menschen

verkleinernden Gottes-Überlieferungen, -Vorstellungen

und -Beweise, zugelassen eine von Natur und Psyche

st<

frei getragene Potenz, so wie einmal das jeweilige kos-

gr

mische Maximum, ein anderes Mal der übermenschliche

Si

All-lebensgeist Dionysos. Entsprechend ist die Unsterb-

ge

lichkeit bei Nietzsche nicht die des biologischen Subjek-

ste

tes in eindimensionaler Zeit, sondern die eines in sich

un

selbst zuriickschwingenden gesamten unteilbaren Kreis-

Me

laufes: der Ewigkeit, mit ewigen einmaligen gleichen

br

Bahnen und Örtern für jedes Einzelne als eine perspek-

rir

tivische Konstellation. — Wie zur Transcendenz verhalt

Ve

sich Nietzsche zur Askese. Sie bleibt nicht grundlegend

Zei

und leitend, da in dem Falle ihr Ziel eine antibiologische

dn

metaphysische Existenz ware. Aber sie wird eingebaut W<

in die heroische Selbsterziehung des Menschen und wan-

ste

delt sich dort zu den Tugenden der Wülensübung und

bil

44 I


Enthaltsamkeit. Hinfallig die Feindschaft gegen. Leib

GenuB Geschlechtlichkeit und diese unsere Welt; verstarkt

dagegen die Zucht und Harte bis ans Spartanische,

alles Entbehrenkönnen und -wollen, alle Verachtung von

Üppigkeit und Ausschweifung — wo sie nicht übermachtigen

oder prachtvoll verfallenden Naturen Kuituren

oder Individuen zugehören. So wird die Askese,

der Wurm an der Lebenswurzel der Flügel bekam und

ins Jenseits entflog, der Wachter der unersetzlichen

Lebenskrafte, der oft der Entfaltung entgegentritt und

sie schmal und steil zu reinerer und höherer Potenz emporführt.

24. Der Kampf gegen das Mitleiden. — Bei Nietzsche

persönüch bricht die Werte-Krise in einem Kampfe

gegen das Mitleid aus. Hier schneidet er sich am scharfsten

in das eigne Fleisch. Seine Seele ist erfüllt von abgrundtiefen

und überströmenden christlichen Mitleiden.

Sie ist selbstlos und nachstenliebend wie es Christus

gebietet. Sie ist Zucht und Frucht und Erbe des Christentums.

Sie meint ebenso wie dieses jeden Nachsten

und die ganze Menschheit, darüber hinaus noch die Art

Mensch und ihren Wert. DaB sie nun die Bahn umbricht

und in die Gegenrichtung umschlagt, damit entrinnt

sie vor dem Ende. Welches MiBverstandnis und

Verhangnis, wenn sogenannt Unbelastete das heiBt Herzensrohe

und Unseelenhafte oder ihrer Lasten ÜberdrüBige

und „mit ihrer Dienstbarkeit ihren letzten Wert

Wegwerfende", wenn solche die noch nicht einmal Christen

geworden sind ihren Anflug von innerer Menschenbildung

antichristlich „überwinden" — auf Nietzsches

45


I

Umwertung der Werte bei ihrer Selbstentwertung dreist

Li

sich berufend! — Der Kampf gegen das Mitleiden trifft

be

ein hemmungloses ÜbermaB und eine Unechtheit. Das

en

Mitleiden, das ja auch auf Tiere, sogar auf Pflanzen und

Ni

Dinge sich erstreckt, wofern sie fühlend oder nicht fiih-

ist

lend etwas „erleiden", ist ein Ausdruck der Gemeinschaft H;

der Seelen und der Allseele, die innerhalb jedes Individuums

seiner Individuation die Wage halten. So hat es

Indien gelebt und gelehrt, so der ganze Orient, Christus

Mi

und das Christentum und zuletzt noch Schopenhauer.

sti

Nietzsche aber erkennt, daB das Mitleiden als herr-

die

schender Wert zwischen Mensch und Mensch das In-

es,

dividuum entwürdigt auflöst oder garnicht sich gestal-

Ba

ten laBt: das mitleidende weil es seine Ichheit zersetzt

Ni

und seine Kraft und Tatkraft an unfruchtbare Empfin-

Mi

dungen dahingibt, das mitgelittene weil es in seinem

fol

Leidensgefühle festgehalten und der Aufraffung zur dei

Selbsthilfe durch fremde oder Scheinhilfe enthoben au:

wird. Es fiihrt so zur Schwachung beider Individuen,

du:

deren natürliche Heiltriebe nicht nur ausgeschaltet, so-

dei

gar in krankhafte das Leiden ausbeutende und genieBen-

sch

de Empfindungen verwandelt werden. Wie dringlich die

soz

Umwertung des Mitleidens bleibt, zeigen die neuen See-

un<

lenarzte — sie selber, nicht ihre Wissenschaft. Ihr ab-

zu

standloses Mitgehen mit den Kranken, zumal den Hyste-

dei

rischen, macht diese nicht gesund sondern kranker und

ten

sie mit ihnen krank, zieht einen heülosen Zirkel um

ner

beide. — Mitleiden ist unantastbare Tugend, wo eine

in

Starke einer Schwache, eine Fülle einer Leere von dem

abe

Ihren mitteilt, anstatt sich aussagen und verarmen zu

auf.

lassen, und wo eine göttlich gütige und machtige

Fol

46


Liebe einen Ohnmachtigen tröstet und halt. Desgleichen

bei Notstanden und Katastrophen, die im weiteren oder

engeren Kreise gemeinsam oder sogar allmenschlich sind.

Nur daB hier erst recht die Individuation — ihre Grenze

ist die Scham — gewahrt, die Empfindung keusch, die

Handlung scheu und das Opfer fruchtbar sein muB.

25. Soziales Mitleiden und schópferische Liebe. — Das

Mitleid ist einer der leitenden unter den sozialen Instinkten

und Werten. Es erscheint dort als umfassendes

die Person nicht mehr meinendes Allgefühl. Richtig ist

es, da ja die Gesellschaft keine ordnende und schützende

Bauform ist, sondern ein Durcheinander von Gewalt

Nutzsucht und verworrenen Zwecken, oft unsinnigen

Mitteln. Falsch ist es, da das Gesamtleiden das hieraus

folgt viel zu groB ist, um persönlich rein gefühlt zu werden,

und die Abhilfe, die durch Mitleiden geschieht, meist

auf verschlimmernden Utopien ruht, eine Heilung nur

durch eine neue Schöpfung geschehen kann, diese aber

den langsamen Schmerzensweg der Erhöhung der Menschenart

verfolgen muB. Nietzsche verwirft nicht das

soziale Mitleiden. Er, der die Sklaverei der Massen für

unerlaBlich und die Demokratisierung für den Ubergang

zu ihr halt, er fordert die Wohlfahrt und sogar das Glück

der Vielen als ihr Vorrecht, dessen die sich Verantwortenden

und Individuierten nicht auch so genieBen können

noch durf en. Nietzsche ist sozialer gesinnt als alle

in sozialem Mitleid Hinschmelzenden. — Seine Liebe

aber ist schöpferisch. Sie ist Inbegriff der Seele und

auBerster Seelengrad. Ihre Erfüllung ist eine unendliche

Folge von Selbststeigerungen und Selbstaufopferungen.

47


Das hat zur Vorbedingung die verehrende und zeugerische

überpersönliche Selbstliebe: daB man mehr und

mehr werde und anwachse als ein schwellendster Herbst,

um stetig sich in Strahlungen, endlich in saenden Zerfalle

zu verschwenden, so von Wiedergeburt zu Wiedergeburt

bis ans leibhche Ziel und nachlassend Kinder

Werke Wirkungen Gedachtnis Beispiele und Kette steigenden

Lebens. Solcher schöpferischen Liebe ist die mitleidende

inbegriffen wie die farbigen Schatten dem wei-

Ben Lichte.

26. Sinnen-Werte; die Grausamkeit; der Gott Dionysos.

— Eine Reihe von Nietzsches Seelen-Werten sind

ursprünglich Sinnen-Werte. So die Schönheit und alles

Geschmackliche. So auch das Spiel der Reize Spielungen

und Lockungen, mit denen das Leben sich zum Leben

verführt. Ebenso die Wurzeln unheimlicher und,,böser"

Triebe, die ihren Schaft und ihre Krone bis zur reinsten

Vergeistigung emporsenden. Das bedeutendste Beispiel

ist die Grausamkeit. Die Grausamkeit ist die Empfindung

von Lust beim Leiden und Leidenmachen. Sie ist

im Kinde, im Qualen, in der Geschlechtlichkeit, im

Kriege, in der Selbstbeherrschung und in der Kunst, zumal

der tragischen. Gedeutet wird sie meist von solchen,

die ihr ausgeliefert sind — darum nicht unschuldig sondern

feindlich. Noch tragt zu-ihrer Verkennung bei, daB

sie übertrieben und ungebunden bei Verbrechern und

Entarteten auftritt. Nietzsche hat sie als Ureigenschaft

des Lebens begriffen. Vielleicht ist dem hinzuzufügen,

daB in dem Tater und in dem Leidenden der Grausamkeit,

ob diese zwei Personen oder eine Person sind, wie

48


in zwei auf einander bezüglichen Polen das tiefste Leben

ungeschieden wirkt. Das Leben schneidet sich ins eigne

Fleisch, wendet sich gegen sich selber um über sich zu

wachsen, stellt sich auf die Macht-Probe, überwindet

und opfert, tötet heilt und verjüngt sich, vernichtet

schaffend und schafft vernichtend. Dies wunderbare

furchtbare und fruchtbare Ringen wirft seinen Schatten

ins BewuBtsein und versteht sich dort als den Trieb der

i- Grausamkeit. Der hat dann vom Rohesten bis zum

Sublimiertesten eine unendliche Skala. Deren erhabenste

Stelle nimmt der neue Gott ein: Dionysos. — Er ist

y- das gröBte Dasein und der höchste Wert: das Leben,

id

als Person. In ihm sind früheste und spateste Schichten:

es elementarische, vor- und nach- und unmenschliche,

en

übermenschliche. Seine Art ist mann-weiblich, er hat

en

die umfanglichste und im Grade höchste und starkste

:r"

Seele und einen an nichts gefesselten als Wahrheit jeder

en

Wahrheit spottenden Geist. Seine Sinnlichkeit ist die

iel

verführerischste, der Zauber des ungeheuersten Abgrunn-

des, und er noch einmal und als Weib ist Ariadne. Er

ist

ist kosmisch, leicht und tief dem Kosmos gewachsen,

im

nicht sein Schöpfer noch sein Geschöpf — ein ihm ahnzu-

licher Glücksfall von reinem Gott. Er ist Heilbringer:

en,

als Befreier und Erlöser. Er will die Vernichtung und

on-

Erneuerung, die Gewalten Gestalten und VerwandlunaB

gen, den Ring der Wiederkünfte des Gleichen, den Tod

nd

und die Geburt und die Vermahlungen, die Marterungen

aft I der Zerstückelung und des Unter- und Übergangs von

en, I Nu und von Aeon zu Aeon, und er miBt die auBerste

m- Lust um einen Grad mehr als das auBerste Leid, jene

wie

Lust und Wollust am ganzen Prozesse des Lebens, und

4 49


er treibt als Hirt die Seelen der Sterblichen auf die Au

und Weide der unsterblichen Gestirne, ihnen gleich zu

sein als unteilbares All des Lebens, wie jene in der Sphare

des Kosmos so sie in der Sphare der Psyche. Dionysos

ist der Befreier und Erlöser zum sich selber tragenden

Leben. Durch ihn ist das Leben Selbstsinn und Selbstziel.

Ihm fehlt alles Titanische und auch alles Priesterliche.

Er ist nicht klassisch doch überklassisch. Sein

Vorfahr in Vorderasien und in Hellas hatte das All im

Rausch errungen und zur Schau verklart, dann mit

Apollon, dem Herrn der Reinheit und Klarheit, Bruderschaft

geschlossen. Nietzsches Dionysos ist der Chorführer

der neuen Europa und seiner guten Europaer,

erst als Gesicht nur aufgestiegen und als anima nova

droben geblieben, endlich die süBeste Frucht unserer

bittersten Wurzeln und das heilige selige Mitternacht-

Kind unseres eben anbrechenden nach-christlichen

Aeones.

27. Der Übermensch. — Der Gott Dionysos ist Bruder

des Übermenschen. Dieser ist von ihm nicht sehr

wesentlich unterschieden. Er hat die selbe Art, nur nicht

die Idealitat des Gottes. Auch er ist die oberste Person

des Lebens. Doch er ist das Ziel von Entwicklungen und

durchaus ein biologischer Typus. Ihm vorher gehen die

zahllosen Typen und Individuen der höheren Menschen.

Auf ihn hin streben die Entelechien der frei gewordenen

ein neues Ziel suchenden Individuen. Bald ist er vorgestellt

als Einmaliger, dessen Erscheinung mit dem

Gipfelpunkte des Kosmos, dem groBe Mittag, zusammenfallt,

bald als einzeln und verstreut aufspringender

50


Gliicksfall — beide Male als unmittelbares Dasein, nicht

als Glied einer Kette. Denn die Entwicklunglehre Nietzsches

ist entgegengesetzt der damals herrschenden. Ein

individuiertes Maximum und Optimum ist ihr Ziel, keineswegs

ein allgemeiner Typus oder Durchschnitt-Zustand.

Diese sind nicht gleichgültig, aber sie können nur

Stuf en zum Ziel oder Stürze vorm Ziel sein, nicht selbst

das Ziel. Das Ziel ist Mitte und Mittag, teilt die Geschichte

in Auf- und Abstieg. Darum auch werden Sozialismus

und Demokratismus als leitende Ideale verworfen,

als dienende Realitaten untergeordnet und gutgeheiBen.

Das Ziel ist das Individuum als Typus, als

Potenz der Gattung. So ist der Übermensch freilich

garnicht Symbol, sondern ganz konkret gewollt, bedeutet

er aber auch den „geliebten Schatten" für den die

Gegenwart sich in die Zukunft opfert und Vorbild und

Richtung für alle und keinen und auf jeder Stufe. Und

so ist der Übermensch auch Überseele: der Übermensch

die einzige volle Wirklichkeit des Menschen, die Überseele

die Reife und der Überschwang all seiner Seelen.

Nur daB die Überseele — bei Nietzsche — noch kaum

in ihn selbst — den Übermenschen — verlegt ist, da

er noch unerreichbar erscheint und fürchten macht,

sogar seinen Schöpfer als Verantwortlichen für die Jünger

und das Volk. Aus der Distanzierung und Spannung

also sind in der meist unbestimmten Vorstellung des

Übermenschen gerade die Schrecken erregenden Züge

herausgekehrt. Sie bleiben gebunden an die auBerste

Güte, welche als schaffende alle Bedingungen und Folgen

des Schaffens, die Leiden und Untergange der Nachsten

um der Fernsten willen, als Schuld auf sich nimmt.

51


Das ist die Überseele. Der Ausdruck j edoch der übermenschlichen

Seele ist in den Mund und Gesang des

Vorlaufers und Propheten Zarathustra gelegt. Der Übermensch

und die Übermenschen selber sind ja klassische

Wesen, den Göttern Epikurs verwandt nicht Lenker

der Menschen sondern ihnen enthoben. Die übermenschliche

Sehnsucht nach dem noch nicht erreichbaren doch

schon berührbaren Übermenschen vertritt ihn als Seele:

erzaubert eine halb romantische Sphare, die seine Psyche

als Spiegelung zu empfangen vermag. In die Sehnsucht

und Seele unseres Weltalters, das nunmehr mit ihm,

zum mindesten mit dem Beginne seiner Schöpfung, sich

verwandein und vollenden muB, hat Nietzsche die Gestalt

des Übermenschen mann-weiblich gezeugt und ihr

den zeitlich-ewigen Namen gegeben: „Caesar mit der

Seele Christi".

28. Der letzte Mensch; die Eschatologie des Letzten

Menschen und des Übermenschen. — Nietzsche hat neben

und gegen den Übermenschen den Letzten Menschen

gestellt. Auch dieser ist eschatologisch. Die Eschatologie

des Letzten Menschen wie des Übermenschen ist nicht

moralisch wie die der Religionen sondern biologisch wertend.

Der Letzte Mensch ist der kleinste haufigste langlebigste

glücklichste schicksal- und wertloseste. In ihn

lauft der Verfall aus. Nicht in eine Katastrophe, sondern

in einen Verlust des Heroischen und Tragischen, in eine

feige und glatte Anpassung, eine vollstandige Lösung

vom niedrigsten Range. Dies ist dann die Menschheit,

der Menschenrest, was nicht unter- und aufgegangen in

der zum Übermenschen zielenden Bewegung. Es ist,

52


genau gesprochen, das befriedigende Ergebnis der Wohlfahrt-sittlich

gemeinten sozialen Bewegung, einer Bewegung

sowohl für die Massen wie von den Massen.

Auch hier erhebt sich die Frage: Mythos oder auBere

Realitat? Biologisch steht es fest, daB bei der Erringung

und Erreichung einer obersten Potenz von dem was

vorher da war und die Höhe hielt sehr viel verbraucht

wird und verschwindet, sehr viel untergeordnet und

nahrend wird und sehr viel zurückbleibt und verkümmert.

Die Entwicklung sowohl die phylogenetische wie

die ontogenetische von Pflanze und Tier ist dessen ein

einziges Beispiel und in den Bereichen der Kultur verlaufen

die Prozesse ebenso. Nietzsche aber spaltet die

Entwicklung des seine eigne Entwicklung mit entscheidenden

Menschen in zwei einander nicht berührende ja

von einander sich stetig entfernende Linien: die eine

zum Übermenschen die andre zum Letzten Menschen.

Diese biologische Konsequenz von ideellem Wert und

Unwert ist gerechtfertigt, weil die Biologie des Menschen

kein Materialismus ist, sondern seine Psyche und Psychologie

mit enthalt, also auch seine schöpferische und

freie Wertung und seine Selbstbestimmung nach Werten

einbegreift. Nietzsche führt die Umwertung, die biologisch

ist und sein muB — denn es handelt sich um Leben

und nichts weiter als Leben — bis in die allerhöchsten

Umsetzungen und Potenzen des Stofflichen, des Tierischen,

des Menschlichen selbst. So muB ihm auch für

die Entscheidung zum Übermenschen hin und weg vom

Letzten Menschen — eine reine Entscheidung und gar

keinen Kampf — genau wie für Verdauung und Fortpflanzung

der Bios selber einstehn. Und zwar muB die-

53


ser, der stets nach Steigerung strebt, sich entscheiden

gegen den Letzten Menschen und für den Übermenschen:

als für das Ein und All einer unteilbaren in ihm gipfelnden

metaphysischen (übernaturhaften und geistigen)

Entelechie.

29. Die Ewige Wiederkunft des Gleichen. — Nietzsches

schwierigste Lehre ist die von der Ewigen Wiederkunft

des Gleichen. Ihre Begründung, die er selber nicht vollendet

hat, überschreitet diese Zusammenhange und bedarf

strenger physikalischer Untersuchungen. Dafür

wollte ja Nietzsche selbst noch an einer Universitat

Physik studieren. Der Widerspruch, in den er sich bei

der Begründung verfing, laBt sich unschwer auflösen.

Sein Denken war noch verhaftet in der klassichen das

heiBt mechanistischen Physik. Er konnte also eine ewige

Wiederholung kosmischer Gesamt-Konstellationen nur

als materialisierte Identiteiten und nur aus durchgehenden

diskreten Einheiten sich aufbauen, das ist rationalmechanisch.

Damit gewann er zwar die Herrschaft über

die leere und formwidrige Unendlichkeit. Doch verlor

er, zu Gunsten von rational-mechanischen Einheiten, die

organisch-plastischen funktionellen Wirkungeinheiten.

Diese liegen ja als Quanten immer nur so weit fest als

sie einen gemeinsamen Nenner haben, können aber unmöglich

total oder absolut in einem driften und somit

in einander aufgehen — sonst galte der alteste rationalmechanische

Zentralkosmos. Nietzsche hat durch die

Einfügung von Perspektive, Qualitat, zeitloser Sukzession

und den dynamischen Begriffen der Macht so wie

der Ewigkeit den Durchbruch eigentlich schon geleistet,

54


nur noch nicht den Ausgleich und den Aufbau. — Diese

Lücke muB auch hier bleiben und die Kreislauf-Lehre

im Zusammenhange der ganzen Lehre verstanden werden.

Dann ist, glücklicherweise, was ihr bisher mangelt

zu entbehren. Denn dann wird auch für sie das letzte

MaB der Mensch selber. Und der Mensch selber ist so

wenig wie sein Kosmos ein Mechanon im Sinne der klassischen

Physik. Er ist aber an periodische Prozesse von

konkreten Dominanten — statt abstrakten und unbedingten

Einheiten — in solchem Grade gebunden, daB

es für ihn proportional keinen Unterschied macht, ob

die perspektivischen Gesamt-Konstellationen, in denen

er als Objekt und Subjekt fungiert, unbedingte oder nur

bedingte identische Wiederholungen seien. Auch die

peinlichste Frage, ob denn nun tatsachlich der Mensch

selbst und jeder seiner Lebensmomente als ein Ausschnitt

einer umfassenden Punktation ohne alle Anderung

ewige Male wiederkehre, laBt sich entwurzeln. Denn

auch er selbst ist nicht vorhanden als rational-mechanische

diskrete Einheit, und eine zulangliche mathematisch-physikalische

Sphare für den kosmischen GesamtprozeB

haben wir überhaupt noch nicht. Wir mussen uns

also an begrenztere Natur- und Geistesordnungen — wie

die Erforschung uns aller zuganglichen Periodiken —

und damit im Einklange und darüber hinaus an die

Erlebbarkeit des Alls in unserer Seele halten.

30. Die Ewige Wiederkunft des Gleichen als Erlebnis

der Seele. — Die Lehre von der Ewigen Wiederkunft

des Gleichen ist der gröBte Anspruch, der je an die

menschliche Seele gestellt worden ist. Sie kann garnicht

55


angenommen werden als bloB erkenntnismaBige Überzeugung.

Sie laBt sich ohne das Mitgehen der ganzen

Seele nicht einmal auffassen. Sie erregt bei widerstrebender

Seele den unüberwindlichen Widerstand des Lebensgeistes

gegen sich. Denn sie ist die Probe des Menschen

und seiner Seele auf ein unbedingtes Ja zum All

des Lebens. Sie fordert das, unbekümmert um seine

Tragkraft, vom einzelnen Individuum, von der Person.

Sie laBt es darauf ankommen, daB die Besten unter ihr

zusammenbrechen, die Schlechten, gemein miBverstehend,

sie annehmen. Unter der Last ihrer und ihres

BewuBtseins bricht Nietzsche selbst zusammen und seine

Zarathustra-Prophetie ist erfüllt von diesen Mitleid-

Leiden und Gewissens-Kampfen: er will sie verschweigen,

kann und darf es nicht. Er wird Selbstopferer und

Opferpriester der Menschheit. Für den Einen und Einzigen,

der stark genug sei in der Wahrheit zu leben und

selig zu sein: den Übermenschen. So wird die asketische

Religion durch die ihr entgegengesetzte der Lebensbejahung,

-Steigerung und -Erfüllung in der GröBe und

auch in der Furchtbarkeit überboten — mit einer MaBlosigkeit

der Überwindung und des Opfers. — Hier

aber pflegt nichts Echtes mehr empfunden zu werden.

Diese Lehre wird nicht nur von Ungeweihten sondern

von Unbeteiligten erörtert. —• Es geht um die vollkommene

Erlebung des Lebens. Die unendlichen Male der

Wiederkehr jedes Augenblickes sind noch nicht das

Letzt-Entscheidende. Sie sind erst die Schwerter des

neuen Martyriums und Mysteriums das die Seele tötet

und gebiert. Die Seele wird gezwungen das Leben ganz

zu erleben, und hat sie ihr organisches AusmaB erklaf-

56


tert, so ist es für sie unwichtig ob das Gleiche noch wiederkehre

oder nicht mehr, sie ist dem Gleichen und dem

Ungleichen gewachsen. Vermochte sie in Einem Atemzuge

fertig zu erleben, so ware für sie einmal wie alle

Male. Wie es nun auch physikalisch sich verhalte, der

Logos der Psyche ist dieser und die Psyche ist obwohl

nicht der Gegenstand doch das Objekt und Subjekt der

Lehre. Zwar nicht so, daB jede beliebige Psyche vor die

letzte Folgerung gestellt sei — nur eine war bisher f ahig,

die letzte Folgerung zu erleben —, j edoch so, daB ein

unentrinnbarer Zirkel, eine neue Wahrheit, die eine

durchgehende Erneuerung nach sich zieht, immer fester

alle umschlieBe. — Die Ewige Wiederkunft des Gleichen

stellt die Einheit des Lebens wieder her, verlangt ein

Verhaltnis zum unteilbaren ganzen Leben und dessen

Verwirklichung in unserem persönlichen Leben. Dieses

ist das groBe Ja. Die Probe geschieht am einzelnen Geschick

das wir ablehnend erlebt haben, dessen unendlich

wiederholte Erlebung uns unvorstellbar unertraglich sein

würde. Darüber hinaus werden wir gezwungen, von vielen

möglichen eine wirkliche Gesamtlage, ein im GröBten

und Kleinsten Unveranderliches und Einmaliges, verunendlicht

und verewigt zu erleben. Das treibt über das

Grausen des Ekels bis an den Willen zum ewigen Tode.

Rettung bleibt nur die: dem was ist und dem wie ist

den ungeheuersten Wert geben: nicht nur das Unentrinnbare

annehmen sondern es aus uns selber hervorbringen,

die Trennung zwischen All und Ich aufheben,

die Notwendigkeit als eigenste in uns entbinden, jede

Stunde und jedes Ding als unendlich und ewig verinnigen.

So würden wir uns und unsere Welt heiligen, zur

57


Freiheit erlösen, unser Leben und damit das Leben durch

Erlebung schöpferisch und vollkommen machen, als

periodische und rythmische Wesen und Chorfiihrer gleichsam

ein musisches Spiel darstellend. Auch das noch ware

für ein Ich zuviel Unendlichkeit! ja mehr denn Unendlichkeit:

Ewigkeit! Die Krystallisation vollzieht sich

durch die Teleologie auf einen höchsten Augenblick des

Erlebens hin. Es ist der, in dem, bei auBerster BewuBtheit,

die Ewige Wiederkunft des Gleichen, also das ganz

erlebte Leben, mit all seinem Leiden und Entsetzen selig

erscheint und statt tiefster Angst rasender Wunsch wird.

Um dieses höchsten Augenblickes willen wird der Rest

ertragen also ertragbar. Denn in jenem ist das Ziel, der

Übermensch, von einer ihn mitbedingenden Person vorweggenomen.

31. Die Verwirklichung. — Die Verwandlung des

Menschen bedeutet das Gleiche wie die Verwirklichung

von Nietzsche. Nicht nur der neue Typus selbst, schon

jede Vorstellung eines solchen ist garnicht da ohne

Nietzsche. Ebenso sind die Wege von ihm gebahnt, die

Ziele von ihm gesetzt. Für die Entwicklung und Schöpfung

nun — dies beides ist wie Natur und Geist nicht

mehr getrennt — hat Nietzsche zwei scheinbar entgegengesetzte

Vorschriften. Doch lost sich der Gegensatz

auf, sobald man Entwicklung und Schöpfung als zwei

zusammenwirkende Potenzen, eine niedere und eine

höhere, richtig versteht. Die Schöpfung ist rücksichtenlos

und unerbittlich, Selbstüberwindung Hingabe Opfer

Katastrophe des Menschen selbst, Folge und Folgerung

der gröBten und grausamsten aller Religionen: der über-

58


menschlichen und dionysischen. Das steht in den nachgelassenen

Planen und Trümmern des eschatologischen

Zarathustra-Dramas. Die Entwicklung dagegen ist biologisch

und organisch, voll Vorsicht und maBvoll, über

unbestimmte Fristen erstreckt, vor jeder Überf ordening

weise sich zurückhaltend. Der Zusammenhang und -halt

zwischen Entwicklung und Schöpfung ist dieser: jeder

Einzelne hat seine Freiheit als die Verfügung über sich

in seinen und seiner Lage Grenzen, das Unbedingte als

solches gilt für jeden alle und keinen, dessen bedingte

Umsetzung in Leben und echte Funktion des Lebens

aber ist ihm als Einzelnem anheimgestellt. Eine allgemeine

und schrankenlose Forderung an die Person würde

nur zur Vernichtung und nicht zum Aufbau führen.

33. Die F einde. — Diese neue Welt und dieser neue

Mensch haben auch ihre Feinde. Sie finden sich nicht

vorzüglich unter den aufrichtigen Hütern irgend eines

Alten. Denn die stehen an ihrem Platz und werden sich

zu ihrer Frist vor einem Nichts oder vor einem Neuen

sehen. Sie greifen nicht gefahrlich an was sie kaum bemerken

und sie anzugreifen würde verkehrt sein. Der

Kampf gegen das Alte zerstört meist ohne hervorbringen

zu können. Das wahre Neue ist nicht Gegensatz

sondern Schöpfung. Seine Feinde sind — wie von je

und wie einst bei Christus — die ihm eigentlich und

der Sache nach Nahestehenden aber hamisch Abgewandten.

Es sind die Unglaubigen und Spotter, die Zweifeinden

und Verzweifelnden. Es sind die welche die Macht

der Materie gegenüber dem Geiste als Scheingeistige

zynisch erheben. Es sind die Geistigen gegen den Geist

59


und gegen die schöpferischen Geister. Aber die Materie

— mit ihr das Fertige und Beharrende das Überlieferte

und Ergreiste — kann nie der Feind des Geistes sein,

der ja selber diese Feindschaft entzünden und zielen

müBte. Die Materie wird Feind des Geistes, wenn der

Geist sich spaltet und sein verraterisches Halb sie, die

neutrale Materie, widergeistig vergeistigt und emport.

Dieses ist Ischarioth und die Sünde des Geistes: die

nicht vergeben werden kann, weil der Geist sich selbst

verlassen und hinterriicks iiberfalien hat. Verfinstert das

Licht sich anstatt das Finstere zu erleuchten: wer soil

das Licht erleuchten? und sagt der Geist: ich lief re mich

aus in deine Hande Materie: wo ist ein zweiter Geist

der ihn befreite? — Die vom Geiste in der Wirklichkeit

Enttauschten und darum giftigen oft niedertrachtigen

Wirklichkeit-Anwalte entkraiten die ohnedies unstarke

Empfanglichkeit der Halb- und Ungeistigen und beirren

das Selbstvertrauen, damit die Freiheit und Tatkraft,

der Geistigen. Im tibrigen haben sie Unrecht und sollten

auf horen zu lügen als könnten sies nicht wissen. Die

Macht des Geistes innerhalb und oberhalb der Natur ist

nun wohl endgültig erwiesen. Der Geschichtlauf und die

Geschichtlage, die sehr beschamenden, sind Folge der

konsequenten Materialisationen des Geistes, bei denen

er die Materie heben, der gehobenen aber erliegen muBte.

Ein Einsatz des ganzen Geistes für den ganzen Menschen

und seine ganze Welt ist aber vor Nietzsche nicht geleistet

worden. — Wie es den letzten Erben der Geschichte

zu Mute ist — den falschen Helden der Depressionen

Pessimismen Nihilismen — und von welchen

Lebensgefühlen und Denkbildern ihre narziBhaften

60


Weiher verwirrt werden, das ist unmaBgeblich. Denn

sie sind zurückgeblieben, über alles mit sich selbst beschaftigt,

und sie mochten daB das andre Ufer zu ihnen

geschwommen komme, aber wollen nicht über ihren

Schatten springend selbst hinüber. Sie sind weder Einzelne

noch Gewalten-Getragne, sie sind Salzsaulen und

Felsfratzen, ein vor dem Auf gang verst einernder Untergang.

Soweit sie überleben wird ihr Lebensstoff Materie

mit Keimen, anheimgegeben den nachsten Geschlechtern.

Aber Materie und sei es auch Materie des Geistes

und nimmermehr Geist. Ihre Personen haben wie alle

andern unanfechtbar das Recht des Daseins. Des Daseins

j edoch welches ihrer Art entspricht: selber auszuleben.

Keineswegs dessen: ihre Krankheit und ihr Verderben

weiter und weiter auszusaen. Und dies gerade

tun sie! Sie streben den Lebensgrad aller auf den ihren

herabzusetzen, die Ohnmacht Gott es die Allmacht des

Teufels überzeugend zu machen, die Erschöpfung der

Natur und das Versagen des Geistes an den Pranger zu

stellen, die Hoffnunglosigkeit überall einzuimpfen, das

Böse und Schlechte durch Fingerzeig und Geschwatz zu

verhundertfachen, das Gute und Ewige bitter lachelnd

totzusagen, die Unterwelt und das Ende heraufzulocken.

Diese sind die Feinde des neuen Menschen und

seiner neuen Welt. Sie können nie siegen, auch dieses

Mal nicht. Aber sie erhalten sich in der Schwebe, indem

sie das Ganze nieder und unter sich herabziehn. Sei es

auch nur mit ihrem Blicke! Wer ist stark genug, solchem

Blicke oder solchen Tonen nicht mit seinen Gliedern nachzugeben?

Sie mussen als die Feinde bekampft werden,

das heiBt vor allem: ungehört und unbeachtet bleiben.

61


34- Der Vollzug der Verwandelung. — Wie kann der

Mensch seine Verwandehmg vollziehen? Wie und was

kann und soil er dafür tun? Verboten ist die gewichtlose

Begeisterung, das Vorschnellen nicht genug Belasteter.

Solche Freischaxler werden aufgerieben oder ins Leere

versprengt. Nur wer alle Bürden mitführt, sich und die

Seinigen, den ganzen alten Menschen und die ganze

alte Welt, nur wer solche Schritte setzt die er nie mehr

zurück nehmen wird sodaB jeder Schritt Ziel ist, erweist

sich als Mittatiger an der groBen Verwandelung.

Denn Geist ist dies Eine: ganz einzustehn für die Natur

und zwar als Person die Gott vertritt. So auch für

die bruchlose Geschichte und Aufschichtung rückwarts

und vorwaxts. — Die Verantwortlichkeit Zurückhaltung

Stetigkeit muB die auBerste sein. Denn der ProzeB wird

über alle Denkbarkeit lange wahren. Da darf nur geplant

und begonnen werden, wessen Vollendung, also

zunachst dauernde Festhaltung sich verbürgen laBt. Das

bedeutet erstens: das Nachste und darum Erreichbare,

zweitens: das durch heilige Zucht von Generation zu

Generation bereits Fortgeerbte, zu einer anderen Entelechie

Gemachte. Dabei ist das Ermessen und Nicht-

Überschreiten der jeweiligen Tragweite des Versuches

entscheidend. Unser schwaches und wirres Geschlecht

wird des Hammers und des Pragstocks entraten. Es wird

nur sein Allernachstes auf jenes Ganze hin ausrichten,

das Ganze nur als solches fromm in sich bewahren. Es

wird nichts als was unweigerlich und unmittelbar Erfüllung

verlangt und erlaubt auf sich nehmen dürfen —

gestreng sich hütend vor ebenso langfristigen wie kurzsichtigen

„Verwirklichungen". — Der neue Mensch und

62


seine neue Welt sind uns anbefohlen, in reiner Einsicht

und Freiheit von uns selbst. Wir haben das wie einen

Schatz zu hüten, daB er nicht des geringsten beraubt

werde, wie ein Banner zu umklammern, daB es immer

in der Hand eines Zugehörigen bleibe, wie einen Acker

und Garten zu bestellen, daB sie Jahr um Jahr den

Unsrigen Früchte tragen. Darüber hinaus haben wir

nichts zu tun — nur da wo wir hingestellt sind oder durch

uns selber stehen in dem einen Sinne alles: und zwar als

nicht mehr noch minder sondern genau als die welche

wir sind.

35. Die Axendrehung zum Menschen. — Eine gröBere

Axendrehung als jede bisher — auch die zur Askese

und auch die zum Christentum — ist Nietzsches Ausrichtung

aller Wege und Ziele auf das Endziel: den

Menschen selbst. Bisher ging es im auBersten Falle um

die abgelöste Seele des Menschen, im übrigen um weltliche

oder innere Festungen oder Eroberungen, über

denen der Mensch sich selbst vergaB. Auch was den

Menschen meinte, blieb teilmenschlich oder gruppenmenschlich,

nichts wollte als ein und alles den Menschen.

Auch Ecce Homo nicht — dies war die Signatur des ins

Jenseits heimgekehrten Gottsohns. — Die Wendung

zum Menschen kann noch garnicht erlebt geschweige

denn im Leben vollzogen werden. Man stelle sich etwa

vor: über die Ausbreitung des Handels und die Ausf uhr

und Einfuhr von Waren, desgleichen über die allgemeine

Anwendung der technischen Erfindungen, entscheiden

nicht mehr die dadurch Begünstigten im Namen von

Nutzen und Wohlfahrt, sondern Verantwortende der

63


Folgen, Voraussehende der Wirkungen in Bezug auf die

Entwicklung der Art Mensch. Oder: welche Arbeit, zumal

von Arbeitermassen, geleistet werden und welche

nicht, ferner: auf welche Weise gearbeitet werde und auf

welche nicht, darüber entscheidet in zweiter Linie zwar

die Frucht der Arbeiten, in erster Linie aber was diese

oder jene Arbeit aus dem arbeitenden Menschen macht.

Jeder Heutige der nicht selber ein Utopist ist wird das

für Utopie halten, mit Recht. Denn es ist etwas das erst

übermorgen anfangt fallig zu werden. Es ist das Übergreifen

einer neuen Religion auf Gebiete die nicht nur

ganzlich dem Geist und der Seele entzogen, auch völlig

f ormlos geblieben sind, die sich sogar in gröBerer Anarchie

befinden als jemals ein Volk Staat oder Reich und von

deren Gewalten und Gewaltherren doch alle Völker Staaten

und Reiche geknechtet werden, der Mensch selber

jeden Tag mehr verklavt wird. Die Macht der Religionen

war nie hinlanglich, erreichte aber immer den Punkt des

eigentlich Utopischen. — Warum soli die neue Religion

eine geringere anstatt noch gröBere Energie entfalten?

36. Das Mitnehmen der Welt. — Die Hinwendung

des Menschen auf sich selbst ist keine Abwendung von

seiner Welt. Denn nur an dieser mit dieser durch diese

kann er sich verwirklichen. Der Mensch, der Eine, hat

keinen Atemzug und keinen Ausdruck, es sei denn über

das Mittel dessen was er ist und doch nicht ist: der Welt.

Das Mittel aber, das teils als Material ihm zur Verfügung

gestellt ist teils als System er um sich gebaut hat,

darf nicht ihn als MaB und Mitte verdrangen. Es muB

untergeordnet und er beherrschend bleiben. Als Herr-

64


schender muB er es verwalten und ihm auch geziemende

Gewalt geben. Es ist überall mitbedingend, doch nicht

mehr. — Das Mittel als Material des Menschen und das

System der Mittel als sein AuBenbau umfaBt auch seine

ganze Kultur, nicht nur was man geme als Zivilisation

herabdrückt. Jene wie diese hat keinen selbstandigen

Wert, es sei denn ein historisch-archaologischer, sie hat

ihren Wert nur als funktionierendes Organ menschlicher

Weltbildung und dadurch wiederum Menschbildung. Der

Mensch, sein Mittel, sein System der Mittel stehn in

einem unteilbar Ringe, dessen Ziel jenseits darüber

liegt als der Übermensch, dessen Triebkraft das Streben

des Menschen zum Übermenschen, damit zur endlichen

Erreichung seiner selbst als Vollmensch ist. —- Darum

muB der Mensch, gerade wenn er das Fernste erlangen

will, alles Nachste annehmen. So wie Goethe sagt, ihm

sei jede Tatigkeit gleich und symbolisch gewesen. Das

Gegebene, es sei Zeitalter Blut Charakter Stand Beruf

besondere Lage und Mitmenschen, ist grundsatzlich zu

betrachten und behandeln wie das Ackerlos das einem

gefallen ist und der Boden den er zu bestellen hat. Das

bedeutet gewiB nicht eine sehr rohe Forderung, daB der

Unglückliche oder hoffnunglos Benachteiligte sich kurz

bescheide, es bedeutet die Verlegung des Wert-Gewichtes

von dem Lebensstoffe auf die Lebenskraft und den

heiligen Anspruch jedes Lebensstoffes auf schicksalhaft

ihm zugeordnete Lebenskraft. — Wird nun der Einzelne

sich selbst das Ziel, so auch nur er mit allen seinen Burden

und in seinem ganzen Bannkreise. Hat er Weib und

Kind, so sind diese garnicht von ihm zu trennen sondern

wie Teile seines Körpers, nicht anders wenn er einem

5 65


Betriebe einem Staate einer Bewegung vorsteht und

abermals nicht anders wenn er mittatig oder dienend zugehörig

ist. Gerade das was der Mensch nicht selber ist

erweist den Menschen selber. Nur daran kann er sich

bewahren. Ein warts verwandelt er sich entsprechend

wie er sich auswaxts entfaltet, wie er das andere auswarts

gestaltet. Er selber ist Werkzeug und Sprungbrett,

Werk und Ziel nur, wenn er mit sich über sich

hinaus zeugt und schafft, sich überspringt. Dann findet

er sich drüben als Höheren, einst Vollendeten. Die Selbstformung

ist ein Geschliffenwerden an allen Flachen der

Welt und ein gleichzeitiges VerstoBen des eignen Kristallkeimes

in die Schichten der Welt. Selbstgestaltung

ist Mit- und Allgestaltung.

37. Gemeinschaft und Sinn; Idee und System der Mittel.

— Schon eine veranderte Grundhaltung, mehr die

Absicht an der Welt etwas zu andern, schlieBt die erst

kleine dann groBe Zahl ahnlich Gesinnter zusammen.

So kommen sogenannte Sachen zum Siege. Die Verbande

die entstehn sind von verschiedner Art. Sie reichen von

Blut- Geist- und Gottesbünden bis zur Rottung anstandiger

oder unanstandiger Geschaitleute Parteileute und

Interessenten. Verschieden ist auch die Gewissenhaftigkeit

bei der Aufnahme Nichtaufnahme und AusstoBung

von Gliedern. Das Gesetz ware, daB der erste Sinn der

Verbindung alle Glieder unbedingt verpflichtete. Also

der Wandel und die Lehre Christi die christlichen Kirchen

oder das Wohl der Völker ihre Regierungen. Dagegen

stehn zwei Tatsachen des Lebens. Die erste: jede

Gemeinschaft, auf was auch sie fuBe und ziele, verselb-

66


standigt sich mehr oder minder indem die als Lebewesen

weiter wachst. Da von wird auch ihr Sinn mitgezogen,

umgedeutet und umgewertet. Die zweite Tatsache:

jede Gemeinschaft besteht als doppelte Wirklichkeit,

nicht nur als allseitige Beziehung auf einen Sinn,

sondern auch als Allheit ihrer Glieder, das heiBt: in

jenem Sinne nicht aufgehender, ihm und einander auch

weithin widerstreitender Lebewesen. Durch beides ist die

Gemeinschaft einesteils als Leben gewahrleistet, andresteils

in ihrem Sinne und dadurch auch in ihrem Leben

bedroht. Ihr Kritisches ist, daB sie als zwar ein Lebewesen

doch mit einem Sinne steht und fallt. Um sich

aufrecht zu halten und mehr als das: Macht und Vorteile

zu gewinnen, dieses sowohl als ganze wie als Summe

einzelner, verschiebt sie notwendig ihren tatsachlichen

Schwerpunkt von ihrem Sinne ihrer Sache ihrem Ziel

auf das System der Mittel, welches allein die Auswirkung

und Durchsetzung in der Welt leistet. Damit aber

kehrt sie das reine Verhaltnis um: die Gemeinschaft ist

nicht mehr für die Idee da sondern die Idee für die

Gemeinschaft, ja zuletzt Idee und Gemeinschaft dienstbar

einem verstarrten und tyrannisierenden durch seine

Überfunktion verselbstandigten System der Mittel zu

Zwecken. Diese Entartung ist unvermeidlich in jeder

Gemeinschaft. Wohl soil sie zurückgehalten werden.

Doch sie laBt sich nicht abstellen. Das ist unentrinnbare

Naturordnung. Es folgt daraus, daB keine Idee durch

eine sie tragende Gemeinschaft welthaft erfüllt, ja nicht

einmal bewahrt werden kann. Dieses spricht nicht gegen

die Gemeinschaft unter der Idee, es zeigt ihre Gefahr

und ihre Grenze. Die Idee soil sich nicht allein noch

5* 67


endgültig auf eine von ihr begründete Gemeinschaft

stützen, sie bedarf ewig des in keiner Gemeinschaft aufgehenden

Restes: des ursprünghchen Menschen.

38. Der Einzelne und die Gemeinschaft; der Einzelne

verantwortlich. — Der Einzelne hat den Vorrang der

schöpferischen Verantwortlichkeit. Darum, nicht wegen

eines unverantworteten Anspruches, vertritt nur er den

Menschen. Die Gemeinschaft beschrankt und entfaltet

die Einzelnen. Sie nimmt und giebt ihnen Werte. Sie

ist sogar Mitbedingung und Organ an jedem Einzelnen.

Aber sie selber ist nur Verselbstandigung organisierter

Funktionen und durchaus nicht Organon. Deshalb auch

die dauernden Kampfe um sie in ihr und zwischen den

Einzelnen und ihr. Sie ist allenfalls ein Werdendes, vielleicht

eine Wiederkehr der uralten Stockbildung, deren

fortentwickelte Reste bei Tieren wie etwa den Bienen

und Ameisen noch physiologisch, bei andern wie etwa

den Herden und Schwarme ballenden Saugern und

Vögeln und so auch bei den Menschen nur psychologisch

gefestigt sind. Die unerschütterliche Schranke gegen die

Übertreibung der Gemeinschaft ist der geschlossene Organismus,

mit dem nicht organisierende Funktionen

verwechselt werden dürfen, die zwar viele Organismen

überspannen aber nicht zu einem körperlichen Organismus

zusammenschliessen — also zu überhaupt keinem.

Diesseits dieser Grenze bleibt jede menschliche

Gemeinschaft. Darum ist sie letzthin, wenn auch vielleicht

nicht tatsachlich, abhangiger vom Einzelnen als

der Einzelne von ihr. Dies um so mehr als der Einzelne

nicht etwa einzigen, sondern vielen einander ausschlie-

68


Benden Gemeinschaften angehört. So hat nur der Einzelne

eine schöpferische Verantwortlichkeit. Der Mensch

ist als Mensch einsam. Er ist vor uns nach seiner hohen

Mitte, der Einsamkeit, und nur als Einsamer, Glied von

Gemeinschaft. — Für die gewollte Verwandlung der

Art ist ausschlaggebend, was die Einzelnen erreichen.

Das ist wichtiger als alle Wirkung auf andere. Es ist

aber nicht einmal leiblich fortpflanzbar. Es entspricht

biologisch einem einmaligen Phanotyp. Es ist geistig und

seelisch fortpflanzbar als stete Wiederkehr der Selbstzeugung.

Es selber ist nach Durchmessung aller bedingenden

Stuf en abermals und abermals Urgeburt. So wie

Zarathustra seine Jünger von sich schickt und erst nachdem

alle ihn verleugnet haben ihnen wiederkehren will.

So wie es in Georges Templer-Gedichte heiBt:

Wie wir gediehn im schooBe fremder amme:

1st unser nachwuchs nie aus unsrem stamme —

Nie alternd nie entkraftet nie versprengt

Da ungeborne glut in ihm sich mengt.

Oder wie die neue Sage vom Volke der Hyperboraer singt:

Selber sind wir gesetzlos völlig / kometische menschen.

Aber gedachtnis gesang und musik und ein glanz wo

wir gingen

Eint uns / engeres nicht / wir meiden einer den andern.

Der Einzelne ist als Verantwortlicher verwandelbar und

als Verwandelbarer unmittelbar zu verwandeln. Er ist

sich selbst der Nachste: am leichtesten und am tiefsten,

am nachhaltigsten sich ergreifbar. Eine alte Lehre gewinnt

jetzt höhere Bedeutung: die daB jeder vorerst

69


sich bessere und dann andere. Es würde die gewaltigste

Umwalzung sein, wenn zum ersten Male in der Geschichte

des Sittlichen der Sittlich-Erregte sich ein Aus- und

Übergreifen sowohl im allgemeinen wie von Fall zu Falle

verböte, wenn er mit frommer Scheu sich selber lauterte

und bildete bis zum wirklichen Vorbilde, indem er das

was er bei anderen bemangelt und verurteilt in sich aufsuchte

und überwande. Solches würde — unter Auslassung

der pharisaischen Person und Gemeinschaft —

unorganisierte und reine Entwicklungen erzielen, unermeBlich

viel Gift und Unrat unterlassen zu erzeugen.

Und es würde, anstatt eines Chaos von Übertragungen

und Beschuldigungen aus Selbstflucht, den Selbstaufbau

im Strahlungraume der allmachtigen Allseele zum Seelenkosmos

hinleiten. Dann würde des Herakleitos Wort,

daB unsichtbare Harmonie wirksamer sei als sichtbare,

zur erfüllenden Tat werden.

39. Die Wandelung zur freien Gemeinschaft der Einzelnen.

— Dann ergiebt sich von Mensch zu Mensch,

statt wie bisher die Divergenz, als Frucht gelauterter

Selbstentfaltung eine Konvergenz, damit der Übergang

zu einer neuen Art von Gemeinschaft, die auf einer Konstellation

von freien Individuen und Individuationen

beruht. Hier ist das Individuum zwar in seinem Kerne

sicherer und starker als je und nur in zweiter Linie zu

Abbruch und Ausgleichung genötigt, dafür aber auch

seiner Massigkeit und Wucherung entledigt und vergeistigt.

Es darf nicht mehr sich als so und so beschaffenes

und dabei auf allgemeine Werte und Forderungen gestütztes,

also als personifizierten Moralismus und mora-

70


lisierende Person den Mitmenschen auf erlegen, sondern

nur noch, soweit es von jenen Werten und Forderungen

umgepragt worden ist, sie blühend ausströmen und durch

Strahlung gleichsam magisch ausbreiten. Ja es darf seine

Individuation überhaupt nicht mehr gegen andere Individuationen

über das Medium einer Idee hin ausspielen,

sondern ist in eine taktvolle Distance sowohl von

Person zu Person wie gegenüber der Idee gewiesen und

von den Selbstverstarkungen und Machtmitteln der Unbedingtheiten

vertretenden Ichfunktion abgeschnitten.

So herrscht im Reiche der Einzelnen oder des Menschen

eine nunmehr tiefer gegründete und schöpferisch wirkende

Humanitat und Duldsamkeit: die alle individuelle

und ideelle VerstofHichung auflösende Allseele.

Es ist aber nicht die Frage, bis zu welchem Grade diese

Wandelung vorschreite oder vorschreiten könne. Sie

soil Ideal und gute Sitte werden. — Bei diesen heiligen

Bestrebungen giebt es keine Niederlagen. Jedes Scheitern

ja alle Untergange sind Phasen eines ansteigenden

einzelnen und gesamten menschlichen Prozesses. Es

giebt keinen MaBstab und kein Gebot des Erreichens.

Jedes aber was erreicht ist führt vorwarts, wenn es echt

und endgültig ist. Entmutigung ist nur da am Platze,

wo Anspannung und Aufwand im Zirkel zurückführen

oder gar das Neue sich ausbeuten laBt, um das Alte

mit Zufuhr frischer Kraft zu versteifen. Auch das gehort

in den ProzeB. Aber das muB erschrecken und die

Gegenwirkung auslösen.

40. Verwirklichung von Idee und Ideal. — Es geht

hier abermals um Gemeinschaft. Idee und Ideal verwei-

7i


len nur kurz bei abgesonderten Einzelnen, sie sind immer

im Vordringen gegen die Vielen und die Welt und bilden

Gemeinschaft. Dabei geraten sie dann in ihre Schicksale.

Sieg und vor dem Siege schon Entartung. Sie werden

das was in Gruppen und Massen siegen kann. Diese

Schicksale sind, in den ewigen Kreislaufen, dennoch

gut. Denn Idee und Ideal sind nur Vorformen unseres

Lebens. Sie mussen sich bewahren als verwirklichbar

oder als selbstgenug. Die Verwirklichbarkeit ist an die

Verschmelzung mit der jeweiligen Wirklichkeit gebunden.

Ein tragischer ProzeB der Verderbnis und Erniedrigung,

doch mit dem geheimen Ziele, daB das Höchste

zuletzt sich als starker denn das Übermachtigende erweise,

ja als unverletzlich sich behaupte, daB es nicht

nur seine Eigenmacht durch seine Ohnmacht hindurch

rette sondern sie als Übermacht im Scheinmachtigen selber

— der Wirklichkeit — hindurch zwinge. Genau dieses

ist auch die Rolle sowohl der höheren Potenzen und

Organisatoren im Bezirk des sich aufbauenden Bios wie

auch des Schöpfer-Erlösers oder der Erlöserin in der

inneren Lehre aller Religionen: der Gnosis. Der Ausgang

aber — die Selbstbewahrung des Ideales und die Emporzeugung

der Wirklichkeit — ist stets ungewiB oder

zweideutig. Darum genügt es nicht, den ProzeB zu verlangsamen

und überwachen, ihn durch Reformationen

zu lautern und periodisch an den Ursprung zurück zu

leiten. Es muB auch ein zweiter ProzeB, welcher vielmehr

der ewig neu beginnende erste ist, jenseits und

über aller Gemeinschaftung vor sich gehen: die Verkörperung

von Idee und Ideal als selbstgenugsamen durch

die grundsatzlich unabhangigen Einzelnen: deren Selbst-

72


erlösung als Selbstschöpfung, deren Selbstverwandelung

und in ihr die Verwandelung des Menschen — die Stiftung

eines reinen Reiches von Hinübergehenden, die

nur diese Gemeinschaft haben, daB ein jeder sich selbst

verantwortet auf das am fernsten Ziele stehende Urbild

hin: den Übermenschen.

41. Die Religion des Heroismus, des Humanismus und

des Alltags. — Die Verwandlung des Menschen in der

Richtung auf den Übermenschen ist fortwahrend heroische

Opfertat. Das ist der Grund, weswegen diese

Religion als erste von allen Religionen ohne bestimmte

und unerlaBliche Formen, ohne Dogma und ohne Kultus

ist und bleiben muB, wenn aber solche aus ihr hervorgehen

werden, sie nie unverbrüchlich sein werden. Diese

Religion ist die erste rein geistige und voll wirkliche.

Sie gebietet nicht sondern sie ist eine Heroisierung des

freien Menschen. Daraus entspringen von selber Freundschaften

Ehen Chöre Bünde und zuletzt neue Völker,

um Heiligtümer geschart. Sie sind die Erlesenen, die

sich selber erlesen haben und die gemeinsam für jeden

Einzelnen und einzeln für die Gemeinschaft einstehen.

Ihre Ehrfurcht vor sich selbst aber gebietet ihnen auch,

nicht hochmütig in Eigenbann sich zu schlieBen noch

was Gott des Daseins gewürdigt hat zu verachten, sondern

demütig die GroBe Mutter des Lebens und die Urund

Allseele durch alle Stufen und Reihen hin zu verehren.

So wird ihr Heroismus gleichgewogen durch den

umfassendsten Humanismus: das Allmenschentum. Der

aber gilt nicht nur nach auBen, ebenso nach innen. Er

verlangt den nicht erhabenen noch glanzenden, den

73


unscheinbaren und geringen Aufbau des Alltaglichen.

Er verlangt nur Dienst, an den Dingen nicht minder als

an den Wesen. Er verlangt daB nichts vernachlaBigt

noch verwahrlost werde, jedes versorgt und gehütet als

ein Göttliches. Dieses ist nicht das Schwere aber Begeisternde,

es ist das Leichte aber Erschöpfende. Es ist

das was wir ohnedies immer tun — oder lassen. Wir sollen

es an jeder Stelle und zu jeder Stunde so gut als

möglich tun. Wir sollen es mit einer Liebe vollbringen,

wie sie die Inder gegen die Tiere und Pflanzen hegen:

als Natur- und Geistes-Religion und uneingeschrankten

Gottesdienst. Und dies soil nicht unsere Pflicht von oben

her sein, sondern unser Persönlichstes und die Wiederherstellung

oder Urstiftung unserer eigensten Familie:

der Menschheit und ihrer Welt. Es soli nur reichen so

weit als wir selber reichen. Es soli aber unser neues und

umfassendes Ich sein: unser Ein- und Ausatmen Leben

und Weben, unsere letzte Schönheit und erste Liebe.

Dieses ist der Beginn der dem Ende zuvorkommt. Und

ohne dieses endigt jede heroische Bahn und so auch die

des Menschen selbst in einer Ilias.

74


R U D O L F

PANNWITZ:

GEMEINSAMES NACHWORT FUR

MEIN GEDANKENWERK 19394943

D

IESE in diesen jahren entstandenen werke sind abschliisse

lebenslanger arbeit an ewigen dingen, ihre titel lauten: Die

Verwandlung und der Aufbau des Menschen und seiner Welt -

Phaenomenologische Bruchstuecke - Allseele.

Jedes der werke ist in sich vollstandig und bedarf keiner

erganzung, doch waren sie nicht kurz nach einander ja fast

neben einander gestaltet worden und das nicht nur aus einem

und demselben geiste sondern auch mit weithin übereinstimmenden

inhalten ohne daB mehr als das einzelne fassen kann in

ihnen alien zum ausdruck kame. es ist eine dreimalige behandlung

des gleichen gegenstandes: des menschen und seiner zukunft.

dabei sind die aufgaben verschieden, und auBerordentlich

verschieden ist die form.

Das erste werk geht von der durch nietzsche festgestellten


zeitenwende aus und führt eine analyse kritik und synthese / ausgerichtet

auf einen neuen menschen und seine neue welt / durch

alle gebiete unseres daseins (der mensch selbst / die gemeinschaften

/ der staat / die wirtschaft / die religion / die kirche /

die philosophic / die wissenschaft / die kunst und die kiinste /

die kultur / die erziehung). die erforschung und verjüngung betrifft

nicht so das zeitliche als das zeitlos wesentliche. die

denkform ist phanomenologisch, nur daB der unermeBliche

stoff verbietet die zerlegungen bis in die allerersten urspriinge

fortzusetzen. das zweite werk dagegen beginnt in den ursprüngen

und kehrt auf jeder stufe bis zu ihnen zurück. es verharrt

in ihnen und entwickelt aus ihnen eine elementarlehre

von der welt des menschen. gleichzeitig klart es indem es sie

ausübt seine eigne methode, das dritte werk hat nicht nur denselben

gegenstand auch dieselben voraussetzungen und ziele

wie die beiden ersten. aber es gehort seiner art nach in eine

andere reihe / es ist eine dichterische profetie, dennoch muB es

hier angeführt werden da seine unmittelbarkeit um nichts weniger

und um nichts mehr und auch nichts anderes als jene langsamen

und lückenlosen aufbauten verkörpert.

Die tiefe einheit von all dem und wie es zu nehmen ist findet


sich bereits in dem ersten der Vierteljahr-Drucke (193 9/1) im

einleitenden aufsatz klargelegt. nun ergiebt sich von selber daB

die wiederholung von etwas einheitlichem in mehrfacher abgewandelter

form zumal wenn es so eigentümlich und neu ist

auch ohne gefordert zu sein doch erwünscht sein mag und

auch ohne vermiBtes hinzuzubringen doch das ganze nach

auBen und innen erweitert / über die flache bespiegelt / in

die tiefe aufschlietët. liegt dann noch dem einen dieser dem

andern jener zugang naher so kommt am ende mancher wenn er

an der rechten stelle ansetzt zuerst zu dem seinigen und von

da aus weiter zu dem was nicht mehr das seine ist.

Im gegenstande gibt das gedankenwerk von 1939 bis 1943

nicht alles, es fehlt die zusammenhangende und eingehende behandlung

der natur- und seelenwissenschaft. das zweite ist für

spater vorbehalten. das erste ist in den schriften Das organische

Leben {mit einer methodologischen Einleitung) und der Ursprung

und das Wesen der Geschlechter und der geschlechtlichen

Fortpflanzung grundsatzlich enthalten, beide schriften entsprechen

obwohl sie um etwas alter sind nach ihrer stufe den letzten

doch ist ihr naherer gegenstand begrenzt und so sind auch noch

frühere schriften unentbehrlich die den kosmos betreffen und


deren denkform ausgesprochen kosmologisch ist. es ist dies das

hauptwerk Kosmos Atheos I. II. und daran anschlieBend Logos

Eidos Bios.

Der leser dem an den sachen gelegen ist und der dabei zunachst

auf die hauptsache sich richtet wird schon aus einem

der werke und leichter wohl aus mehreren einesteils die methode

andrenteils das menschen- und weltbild gewinnen und dann es

immer leichter finden mit einem mitwachsenden neuen organ

nicht nur nachverstehend diese biicher sondern selbstandig das

wovon sie zeugen nach eigener anlage und eigenem ziel sich zu

erobern.

Bei der

AKADEMISCHEN VERLAGSANSTALT PANTHEON/AMSTERDAM

sind in Vorbereitung:

Die Verwandlung und der Aufbau des Menschen und seiner Welt -

Phaenomenologische Bruchstuecke—Das

- Über dem Torgang - Aiaia

Bereits erschienen sind:

organische Leben - Aüseele

Nietzsche und die Verwandlung des Menschen, brosch. RM 4.—

Weg des Menschen brosch. RM 4.—


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RUDOLF PANNWITZ:

GEMEINSAMES NACHWORT FUR

MEIN GEDANKENWERK 1939*1943

DIESE in diesen jahren entstandenen werke sind abschlüsse

lebenslanger arbeit an ewigen dingen, ihre titel lauten: Die

Verwandlung und der Aufbau des Menschen und seiner Welt -

Phaenomenologische Bruchstuecke - Allseele.

Jedes der werke ist in sich vollstandig und bedarf keiner

erganzung, doch waren sie nicht kurz nach einander ja fast

neben einander gestaltet worden und das nicht nur aus einem

und demselben geiste sondern auch mit weithin übereinstimmenden

inhalten ohne daB mehr als das einzelne fassen kann in

ihnen alien zum ausdruck kame. es ist eine dreimalige behandlung

des gleichen gegenstandes: des menschen und seiner zukunft.

dabei sind die aufgaben verschieden, und auBerordentlich

verschieden ist die form.

Das erste werk geht von der durch nietzsche festgestellten


deren denkform ausgesprochen kosmologisch ist. es ist dies das

hauptwerk Kosmos Atheos I. II. und daran anschlieBend Logos

Eidos Bios.

Der leser dem an den sachen gelegen ist und der dabei zunachst

auf die hauptsache sich richtet wird schon aus einem

der werke und leichter wohl aus mehreren einesteils die methode

andrenteils das menschen- und weltbild gewinnen und dann es

immer leichter finden mit einem mitwachsenden neuen organ

nicht nur nachverstehend diese bücher sondern selbstandig das

wovon sie zeugen nach eigener anlage und eigenem ziel sich zu

erobern.

Bei der

AKADEMISCHEN VERLAGSANSTALT PANTHEON/AMSTERDAM

sind in Vorbereitung:

Die Verwandlung und der Aufbau des Menschen und seiner Welt -

Phaenomenologische Bruchstuecke - Das organische Leben - Allseele

- Über dem Torgang - Aiaia

Bereits erschienen sind:

Nietzsche und die Verwandlung des Menschen, brosch. RM 4.—

Weg des Menschen brosch. RM 4.—

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