Ludwig Thoma Komödie in drei Akten Personen: Fritz ... - act-n-arts

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Ludwig Thoma Komödie in drei Akten Personen: Fritz ... - act-n-arts

Beermann: Gegen die Unsittlichkeit in den unteren Schichten, wo sie leicht in Zügellosigkeit ausartet. Als Präsident muß

ich am Ende wissen, was wir wollen.

Ströbel: Auch die Frau Hochstetter gehört zu den unteren Schichten. Wenn jetzt Berührungspunkte zutage treten, so

tut's mir leid.

Beermann: Die Polizei soll nichts tun, was ihr leid tut. Herrgott! Wenn mich nur der Präsident angehört hätte! So was

behandelt man doch nicht bloß geschäftsmäßig!

Ströbel: Der Herr Präsident hätte das nämliche gesagt. Er kann auch nichts ändern.

Beermann: Man kann alles.

Ströbel: Hier liegen die Beweise. Deutet auf das Tagebuch. Kein Mensch kann sie mehr aus der Welt schaffen. Auch der

Herr Präsident nicht.

Beermann: Und was geschieht damit?

Ströbel: Sie gehen an den Staatsanwalt. Die Lawine ist im Rollen.

Beermann: Und was sie erschlagen wird, das sollen wir einfach abwarten? Es läutet am Telephon.

Ströbel: Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Geht nach rechts zum Telephon.

Während Ströbel am Telephon spricht und ihm den Rücken kehrt, geht Beermann zum Schreibtisch und versucht, in das

Tagebuch einen Blick zu werfen. Er öffnet es furchtsam und schließt es mehrmals, wenn er glaubt, daß sich Ströbel

umwendet.

Ströbel am Telephon: Hier Amtszimmer des Assessor Ströbel... Wer dort... Hier Amtszimmer... Jawohl... Assessor

Ströbel... ach, Pardon, Herr Präsident... Pause ich habe verstanden, gewiß. Ich werde im Bureau bleiben... Pause ich

habe die Hochstetter vernommen... die Frau Hauteville ja... Pause ich bleibe im Bureau, bis Herr Präsident kommen, ich

habe die Ehre. Ströbel läutet ab.

Beermann schließt hastig das Buch und bemüht sich, gleichgültig auszusehen.

Ströbel: Da sehen Sie selbst, Herr Beermann, daß der Präsident die Sache im Gang hält. Er will heute noch mal mit mir

darüber konferieren.

Beermann: Man muß also hilflos zusehen, wie das Unglück kommt?

Ströbel: Sie müssen konsequent sein...

Beermann: Da können Bekannte dabei sein, Verwandte.

Ströbel: Sie müssen konsequent sein. Die Gründung Ihres Vereins ist doch jetzt glänzend gerechtfertigt.

Beermann wütend: Ach, lassen Sie mich in Ruhe mit dem dummen Sittlichkeitsverein! Man bleibt doch 'n Mensch!

Ströbel: Ich begreife Sie nicht.

Beermann: Sehen Sie, ich habe die schwersten Gewissensbisse. Heute nacht, wie ich mir das so vorstellte, was

kommen wird, dieses Familienunglück, da habe ich mich gefragt, was ist wichtiger: daß man Moral besitzt, oder daß man

an unsere Moral glaubt?

Ströbel: Und Sie haben die Antwort nicht gefunden?

Beermann: Doch, ich bin mir vollständig klar darüber geworden, daß es viel wichtiger ist, wenn das Volk an unsere Moral

glaubt.

Ströbel: Dazu hätten Sie keinen Verein gebraucht.

Beermann: Erst recht. Moralisch sein, das bringe ich in meinem Zimmer allein fertig, aber das hat keinen erzieherischen

Wert. Die Hauptsache ist, daß man sich öffentlich zu moralischen Grundsätzen bekennt. Das wirkt günstig auf die

Familie, auf den Staat.

Ströbel: Ich muß sagen, von der Seite habe ich die Sache noch nicht betrachtet.

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