BAUNETZWOCHE#105

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BAUNETZWOCHE#105

BAUNETZWOCHE # 105

Das Querformat für Architekten. 28. November 2008

Special:

DIE RUINEN DES

RAZIONALISMO

Dienstag

Mit solchen Meldungen schafft es die Architektur sogar in die Yahoo.de-Nachrichtenschnipsel: „Die Solartechnik

muss nach Einschätzung des Rektors der Bauhaus-Universität Weimar, Gerd Zimmermann, besser in

die Architektur integriert werden. ‚Die Anlagen sind rentabel, aber nicht schön‘, sagte er am Dienstag auf dem

internationalen Kongress Bauhaus. SOLAR in Erfurt.“ Und was tut er gegen hässliche Solarpaneele? „An der

Bauhaus-Universität wird ein Masterstudiengang für die Anwendung der Solartechnik in der Architektur konzipiert

und eine Juniorprofessur ‚Erneuerbare Energien‘ eingerichtet.“ Na, dann wird ja alles gut.

Mittwoch

Das Planwerk Innenstadt ist sein zentrales Vermächtnis: Berlins Senatsbaudirektor a. D. Hans Stimmann wollte

damit die städtebaulichen Sünden der Nachkriegsmoderne heilen und den historischen Stadtgrundriss wieder

herstellen – oftmals um jeden Preis. Doch kaum ist er in Pension, macht seine Nachfolgerin alles anders:

Regula Lüscher will jetzt auf die Wünsche der Linkspartei Rücksicht nehmen und dabei „insbesondere solche

Planungen überprüfen, die den sozialistischen Städtebau in den Hintergrund drängen würden“, sagte sie dem

Tagesspiegel. Bau auf, bau auf!

Start

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Archiv


Buchrezension

Architektur in Hamburg.

Der große Architekturführer.

Ralf Langes „Architekturführer Hamburg“

war bei seinem Erscheinen 1995

von Stand weg ein Standardwerk:

genau, ausführlich, hervorragend

indexiert. Auf 334 Seiten kam mit

erschöpfender Ausführlichkeit so gut

wie alles vor, was man zur Hamburger

Architektur aller Epochen (aber

natürlich mit Schwerpunkt auf dem

20. Jahrhundert) zwischen die Buchdeckel

eines Paperbacks packen konnte.

Doch seitdem sind 13 Jahre vergangen,

und wer die rege Bauentwicklung

Hamburgs verfolgt, wird Projekte wie

die Hafen-City genauso vermissen wie

die schicken Bürogebäude auf dem

Polder Neumühlen, direkt am Elbufer.

Mit einem neuen Verlag im Rücken

hat der Autor nun die überfällige

Neuauflage gestemmt; sie ist im

November 2008 erschienen und

liegt druckfrisch auf unserem Tisch:

Auf den ersten Blick kaum umfangreicher

(384 statt 334 Seiten),

steckt der Mehr-Wert im Detail.

Zierte die Ursprungsauflage noch

ein Blick von Meinhard von Gerkans

Privatterrasse auf die Hafenanlagen,

kommt die Neuauflage mit einem

signalroten Cover und abstrakter

Prägung des Innenstadtplans. Rot sind

auch die Datenblöcke der Projekte gedruckt

und die Kapitelmarkierung im

Anschnitt der Seiten; dadurch findet

man sich beim Blättern schnell zurecht.

Als Schwachpunkt bleibt die Kapiteleinteilung,

die sich nach geografischer

Nähe der behandelten Ortsteile gliedern

soll und dennoch Verwirrung bei

der Auffindbarkeit stiftet. Oder warum

ist die Hafen-City, die ja nun als Stadterweiterung

der Innenstadt konzipiert

ist, in einem Kapitel angesiedelt, das

ansonsten Vororte wie Harburg (oder

gar Jesteburg in Niedersachsen) behandelt?

Tückischerweise gibt es auch

noch Abweichungen zur Altauflage;

so ist die Großsiedlung Veddel damals

im Kapitel „L – Die Marschgebiete“

und heute im Kapitel „E – Der Osten“

untergeschlüpft. Ein Übersichtsplan

über das gesamte Stadtgebiet, der

die einzelnen Kapitel im Plan visuell

verortet hätte, fehlt schmerzlich.

Bei den Gebäudebeschreibungen versucht

Lange durchaus kritisch, das heißt

wertend zu sein: So ist ein Bürohaus

von Chipperfield in der Hafen-City

„erstaunlich banal“ und die Kehrwiederspitze

„viel zu massig für das

historische Umfeld“. Das Genre des

rein beschreibenden Architekturführers

wird hier also gelegentlich in Richtung

Architekturkritik verlassen; das Format

eines Friedrich Achleitner erreicht

der Autor dabei allerdings nicht.

Bleibt zum Schluss die sympathische

Tatsache zu vermelden, dass der Kaufpreis

sich von 50 DM auf 30 Euro in

13 Jahren nur sehr moderat erhöht

hat; die gefühlte Verdoppelung der

Preise seit Beginn des Euro-Zeitalters

hat sich hier also nicht manifestiert.

Eine gute verlegerische Entscheidung.

(Benedikt Hotze)

Ralf Lange: Architektur in Hamburg.

Der große Architekturführer.

17x24 cm, 384 Seiten,

600 s/w-Abbildungen, Klappenbroschur.

Junius-Verlag, Hamburg, 2008.

29,90 Euro. ISBN: 978-3-88506-586-9

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DIE RUINEN DES

RAZIONALISMO

Colonia marina della Federazione Fascista di Novara, Rimini

1933-34, Giuseppe Peverelli. Fotos: Dan Dubowitz, 2006-08

01 Editorial 02 Buchrezension 03-16 Special 17 H&S 18-20 Tipps 21 Silent Gliss 22 Bild der Woche


Finissage in Stuttgart: Nur noch dieses

Wochenende ist in der Galerie am

Weißenhof eine kleine Ausstellung

zu sehen: „Fascismo abbandonato“.

Zwei Architekten aus England zeigen

Fotografien von verlassenen Kinderferienheimen

des faschistischen Italien.

Diese Colonie marine wurden in den

dreißiger Jahren entlang der Adriaund

der ligurischen Küste errichtet;

die meisten verfielen später. Die spektakulären

Bauten wurden in den

achtziger Jahren „wiederentdeckt“ –

und gingen als reizvolle Ruinen des

Razionalismo um die Welt. Doch inzwischen

beginnt nach Nutzung und

Verfall die dritte Ära der Colonie:

ihre Wiederherstellung.

Zwei Briten, Patrick Duerden und Dan Dubowitz,

die seit zwei Jahren mehrere Fotoexpeditionen zu

den neuralgischen Orten um Rimini und Livorno

herum unternommen haben, präsentieren also ein

Stück italienischer Architekturgeschichte in einer

deutschen Architekturgalerie.

Colonia marina della Federazione Fascista di Novara, Rimini

1933/34, Giuseppe Peverelli

Rückblick: Zwischen 1923 und 1943 entstanden

für die staatlichen Jugendorganisationen O.N.B.

Opera Nazionale Balilla (ab 1937 G.I.L. Gioventù

Italiana del Littorio) Ferienanlagen von Kapazitäten

zwischen 100 und 2.000 Betten. Ziele dieser Ko-

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lonien waren die physische Stärkung des „Volkskörpers“

durch die Ertüchtigung der Kinder und

deren ideologische Indoktrination und Erziehung

zum Gehorsam. Die meisten dieser Einrichtungen

wurden von den Parteiorganisationen der größeren

Städte und von dem Regime nahestehenden Industrieunternehmen

betrieben. Neben den Ferienlagern

am Meer gab es auch noch solche in den Bergen,

die Colonie montane oder alpine, und Tageseinrichtungen

in Städten zum Sonnenbaden, die Colonie

elioterapiche. Vor allem in den Jahren 1933 bis 1935,

als das faschistische Regime Italien und seine Kolonien

(Äthiopien, Libyen, Albanien und die Dodekanischen

Inseln) zum Impero Romano erklärt hatte,

wurden die meisten und größten dieser Ferienlager

errichtet. Insofern waren die Kinderferienlager

integraler Bestandteil einer aggressiven imperialistischen

Politik und dienten dem Zweck, die Jugend

paramilitärisch auf den Kriegsdienst vorzubereiten.

Das Thema Colonie kam Mitte der achtziger Jahre in

der internationalen Fachwelt auf: In einer Ausgabe

der italienischen Zeitschrift Domus aus dem Jahr

1985 konnte man zum ersten Mal mit Erstaunen

die spektakulären Kinderferienlager im Zusammenhang

sehen: Riesige runde Wohntürme im Gebirge

und an der See; Gebäude, die an Passagierschiffe,

Flugzeuge oder an Eisenbahnwaggons erinnern;

expressive Gebäudeformen mit großen Rampenanlagen,

mit Aussichtstürmen, Appellplätzen, Speisesälen,

Sonnendecks und Sportplätzen. Manche von

zeitloser Eleganz wie die Kolonie Agip in Cesenatico,

manche bombastisch und fast kitschig wie die

Kolonie FIAT in Marina di Massa und wieder andere

symbolüberladen wie die Colonia marina „XXVIII

Ottobre“ in Cattolica. Teilweise waren die Kolonien

noch in Gebrauch, teilweise zeigten die Abbil-

Foto oben:

Mit dem Domus-Heft 659 von 1985 erhielt

die internationale Fachwelt erstmals

Kenntnis von den verfallenen Kinderferien-Kolonien

des Faschismus in Italien

Foto links oben:

Colonia PNF Genova, Chiavari

1935, Camillo Nardi-Greco

Foto links:

Colonia marina FIAT, Marina di Massa

1933, Vittorio Bonadè Bottino

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dungen verlassene, heruntergekommene Bauten.

Ein Jahr später griff Gerrit Confurius im Heft

7-8/1986 der Bauwelt das Thema auf und wies auf

die Koinzidenz von moderner, rationalistischer Formensprache

und der Politik des Faschismus‘ hin, wo

die Moderne doch eher als die Architektur der Demokratien

galt und mit Diktaturen die neoklassizistischen

Bauten der Gigantomanie assoziiert wurden.

1988 brachte die Architectural Association (London)

den Band „Cities of Childhood“ heraus, in dem ein

Katalog historischer Abbildungen der Colonie enthalten

war sowie ein Verzeichnis ihrer Architekten,

die fast ausnahmslos unbekannte Namen hatten.

Aus diesen Veröffentlichungen bildete sich eine Art

Kanon von etwa zwanzig Kolonien heraus, die sich

seitdem in allen Publikationen zum Thema wiederholen.

Auch die Forschung kreist nur um diese

Auswahl und tritt daher auf der Stelle. Es gibt jedoch

weit mehr als die zwanzig bekannteren Lager. Nach

meinen Recherchen sind es mehrere Hundert, die

sowohl in rationalistischer Formensprache als auch

im neoklassizistischen Stil der Romanità aufgeführt

wurden; letztere werden bei Abhandlungen über die

Kolonien vollständig ignoriert. Wenn Duerden und

Dubowitz gleichfalls diese gängigen, bekannteren

Beispiele aufsuchen und dokumentieren, so liegt

das daran, dass diese Auswahl die spektakulärsten

und ungewöhnlichsten Koloniebauten im Stile des

Razionalismo umfasst, die nach wie vor Erstaunen

und Verblüffung hervorrufen. Wenn man sie

zwischenzeitlich wieder vergessen haben sollte, so

bringen die Bilder in der Ausstellung sie dem Betrachter

noch einmal eindrücklich in Erinnerung.

1988 brachte die AA London

den Katalog „Cities of

Childhood“ heraus, aus dem

sich eine Art Kanon von rund

20 besonders spektakulären

Kolonien herausbildete.

Tatsächlich gab es mehrere

Hundert

Ästhetik des Verfalls

In zwölf großen Aufnahmen (100 x 100 cm) hat

der in Italien lebende Dan Dubowitz fünf dieser

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Ferienlager präsentiert – als verlassene und verwüstete

Ruinen. „Verlassener Faschismus“ betiteln die

beiden Briten denn auch ihr Fotoprojekt, an dem sie

seit 2006 arbeiten, und thematisieren damit die politischen

Implikationen dieser offen gelassenen und

verfallenden Bauwerke.

Neu an den Aufnahmen von Dan Dubowitz ist, dass

er sie nicht sachlich und archivarisch dokumentiert,

sondern sie als Ruinen ästhetisiert, fast romantisiert.

Er zeigt ihren baulichen Niedergang in einer eigenartigen

Poesie, die bestrebt ist, nicht die ursprüngliche

Gestaltungsabsicht der dreißiger Jahre freizulegen,

sondern ihre Geschichten und Fährnisse von

Nutzung und Verfall zu erzählen.

Größe und Qualität der Abbildungen (analoge Mittelformatfotografien)

lassen den Betrachter förmlich

in diesen Gebäuden stehen und breiten vor ihm ein

Panorama des Verfalls aus. Mal blickt man in die

gähnende Leere von großen Schlaf- oder Speisesälen,

deren Wände und Decken von Feuchtigkeit durchsetzt

allmählich aufplatzen und zerbröckeln, mal

sieht man bis auf den Rohbau entkernte Stahlbetonskelette,

die kaum erahnen lassen, dass sie einmal

mit Marmorplatten und filigranen Stahl-Glas-

Konstruktionen verkleidet waren, und mal schaut

man auf Berge von Müll, die sich in diesen Räumen

zu surrealen Landschaften auftürmen. Man sieht die

Überreste von Bettgestellen, kleine Nachttischen,

Stühlen, Kissen, Bettzeug, Abfall, Staub und Dreck,

die von den letzten Jahrzehnten diese Kolonien erzählen.

Die Möblierung stammt überwiegend aus

den sechziger Jahren, denn die meisten dieser Kolonien

wurden bis in die frühen siebziger Jahre hinein

genutzt, bis die Massentouristik für Kinder vom

Individualtourismus mit der Familie verdrängt

wurde. Kleidung, Gepäckstücke, häuslicher Abfall

und improvisierte Nachtlager stammen von den

Clandestini, den illegalen Einwanderern, die in

solchen Gebäude vorübergehend Zuflucht suchen.

Zugemauerte Fenster und Türen zeigen, dass versucht

wurde, dem einen Riegel vorzuschieben. Doch wurden

diese Mauern schon wieder durchbrochen und

bieten abermals heimliche Eingänge. Bunte Graffiti,

zerbrochene Glasscheiben, eingetretene Türen und

sonstige Spuren von Gewalt zeugen von der Zerstörungswut

einiger Jugendlicher, die sich in diesen

Bauten die Zeit vertreiben. Insofern erzählen der

Erhaltungszustand und der Müll in diesen Kolonien

schon von mehreren Zeit- und Nutzungsschichten.

Colonia elioterapica „Roberto Farinacci“, Cremona

1936, Carlo Gaudenzi

Foto: Arne Winkelmann, 2008

Das Gebäude wird teilweise als Club genutzt

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Fascismo rovinato. Fotos von Dan Dubowitz, 2006-08

Colonia marina della Federazione Fascista di Novara, Rimini

1933/34, Giuseppe Peverelli

Das Haus wird zum Hotel umgebaut

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Colonia marina „XXVIII Ottobre“, Cattolica

1932, Clemente Busiri-Vici

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Colonia marina „Costanzo Ciano“ del Comune di Varese,

Milano Marittima

1937–39, Mario Loreti

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Colonia marina „Rosa Maltoni Mussolini“, Tirrenia

1925-35, Angiolo Mazzoni

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Colonia elioterapica fluviale „Maria Pia di Savoia“, Vercelli

1935, Uffici Tecnici Comunali

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Colonia marina „Amos Maramotti“ di Reggiana, Riccione

1934, Costano Costantini

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Fascismo riverderto

In den letzten Jahren wurden und werden jedoch

viele dieser Kolonie-Ruinen saniert und umgenutzt.

Einige Bergkolonien im Piemont wurden vor

wenigen Jahren zu Sportlerheimen für die Olympischen

Winterspiele in Sestriere 2006 umgebaut

(siehe BauNetz-Meldung „Nachgenutzt“ vom 10. 2.

2006). Aus den großen Mannschaftsschlafsälen für

die Balilla wurden Zwei- bis Dreibettzimmer für

die Olympioniken. An den Küsten wurden einige

Meereskolonien zu Seniorenheimen (sic), Apartmenthäusern

und Hotels umgewidmet: beispielsweise

die ehemalige Colonia marina Dalmine in Riccione,

die nun das Hotel Conchiglie beherbergt, oder die

Kolonie des Italienischen Roten Kreuzes in Marina

di Ravenna, die nun exklusiven Ferienapartments

Platz bietet. Während diese BAUNETZWOCHE

erscheint, wurden bei der Colonia marina Novarese

(Seite 8) nun ebenfalls mit Sanierungsarbeiten

begonnen, um aus dem schiffsförmigen Bau ein

Hotel werden zu lassen. Insofern ist die Ära der

pittoresken Ruinen und abenteuerlichen Fotosafaris

in den hohlen Zähnen an der Küste vorbei.

Begleitet wird dieser Sanierungs- und Nachnutzungsboom

von heiklen Debatten: Auf der einen Seite

reklamieren demokratische Architekten und Stadtplaner

diese Kolonien als Bauten der „weißen Moderne“

und negieren oder verharmlosen deren ursprüngliche

politische Bestimmung, und auf der anderen Seite

nehmen Neofaschisten diese Gebäude als Errungenschaften

der Mussolini-Zeit für sich in Anspruch.

Foto oben:

Colonia marina Dalmine,

Riccione

1936, Giovanni Greppi

Heute ein Hotel

Foto unten:

Colonia Croce Rossa Italiana,

Marina di Ravenna

1934, Ing. Montanari

Heute Ferienapartments

Fotos: Arne Winkelmann, 2008

Bei der Vernissage in der Weißenhofgalerie hatte der

Pisaner Architekt Beniamino Cristofani sein Projekt

der Revitalisierung der Kolonien-Stadt Calambrone

vorgestellt. Calambrone war eine Retortenstadt von

ursprünglich sieben Kolonien an einem unbesiedelten

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Küstenstreifen bei Livorno, die von 1932 bis 1939

errichtet wurde. Dieses gigantomane Projekt entstand

auf Betreiben des aus Livorno stammenden Costanzo

Ciano, dem „zweiten Mann“ im faschistischen Italien.

Mehrere zehntausend Kinder konnten in dieser

künstlichen, rein saisonal genutzten Trabantenstadt

untergebracht werden. In den fünfziger und sechziger

Jahren entstanden hinter der Küstenstraße weitere

Kolonien, die jedoch seit den siebziger Jahren zusammen

mit den faschistischen Ferienlagern brach fielen.

Cristofani steht vor der Aufgabe, diese Geisterstadt

nun schrittweise zu revitalisieren. Für die Gebäude

muss eine neue Nutzung gefunden werden, die

nicht nur saisonal funktioniert. Hierfür wurden

Wohnkonzepte entwickelt, bei der die Kolonien in

Apartmenthäuser umgewandelt werden, die jedoch

nur über kleine Wohneinheiten verfügen, dafür aber

ein großes gemeinschaftliches Raumangebot aufweisen.

Das gilt vor allem für Seniorenresidenzen, bei

denen die medizinische und ärztliche Versorgung

hinzukommt. Was nicht heißen soll, dass sich die

ehemaligen Kinderferienlager nun alle in Altersheime

verwandelt hätten. Fast könnte man von Kommunehäusern

sprechen, wenn diese Konzepte nicht einen

exklusiven Anspruch hätten. Der Charakter dieser

Kolonien ändert sich damit grundlegend von einem

des Massentourismus hin zum exklusiven Wohnen.

Das Prinzip von Seniorenheimen wurde auf Zielgruppen

aller Altersschichten übertragen, schließlich geht

es um eine urbane Revitalisierung und nicht um eine

Gettoisierung oder um die Einrichtungen Gated

Communities. Hierfür ist auch eine Nachverdichtung

durch Neubauten vorgesehen, beispielsweise in der

Area Servici, dem früheren Versorgungszentrum der

Koloniensiedlung. Zwar muss man sich freuen, dass

Colonia marina „Vittorio Emanuele III“, Tirrenia

1934-40, Gino Steffanon

links oben: Foto Arne Winkelmann, 2006

rechts oben: Projekt „Caleidoscopo“, Benjamin Cristofani

Colonia marina femminile dei Fasci Italiani all’estero,

Tirrenia

1940, Mario Paniconi u. Giulio Pediconi

links Mitte: 1940

rechts Mitte: Foto Arne Winkelmann, 2006

links unten: Foto Sailko, 2008

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diese Gebäude erhalten und vor dem Verfall bewahrt

werden, aber für den Ruinenfreund und Fotografen

werden diese Bauten nun ein wenig uninteressant.

(Arne Winkelmann)

Ausstellung „Fascismo abbandonato – Dan Dubowitz

und Patrick Duerden“ noch bis 30. November 2008,

Di-Sa 14-18 Uhr, So 12-17 Uhr, Eintritt frei

Architekturgalerie Am Weißenhof, Am Weißenhof 30,

70191 Stuttgart, www.weissenhofgalerie.de

Projekt „Fulmine“ Ex Centro Servici, Calambrone

Beniamino Cristofani

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Tipps

Liebling der Woche:

Tree

Passend zum Wintereinbruch bietet der schwedische

Möbelhersteller Swedese einen Kleiderständer

an, der die Stimmung zugeschneiter Bäume nun

auch in die Wohnung holt. Jacken und Mäntel lassen

sich ganz einfach über die „Äste“ dieses kahlen,

weißen Baumes hängen und brauchen somit nicht

mehr mühevoll über jene zierlichen Haken gestülpt

werden, die an konventionellen Flurgarderoben zu

finden sind. Wenn man also zu denen gehört, die das

Haus oft in Eile verlassen und im Vorbeigehen noch

schnell nach ihrer Jacke fischen, dann sollte sich

diese Art der Aufhängung als Vorteil erweisen. Für

Haushalte mit Kindern ist der von den Designern

Michael Young und Katrin Petursdottir entworfene

„Baum“ zudem auch in einer etwas kleineren Variante

erhältlich. Es spricht also nichts dagegen, die Kleiderständer

zu einem kleinen Wald zu gruppieren.

www.designlines.de

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Tipps

Gutes Lernklima

In neuen Schulen und Kindergärten im hessischen

Frankfurt sind zumindest die baulichen Voraussetzungen

für ein gutes Lernklima deutlich verbessert.

Denn Schulamt und Magistrat entschieden

hier vor ein paar Jahren, künftige Bauwerke für

den Nachwuchs im Passivhausstandard auszuführen.

Zwei dieser Beispiele zeigt die Rubrik

Kultur/Bildung im Baunetz Wissen Dämmstoffe.

Auch in Italien denkt man um: in Bozen entstand

das erste Passivhaus aus öffentlicher Hand.

Jede Menge Wohnhäuser mit diesem Standard,

wichtige Grundlagen zu Dämmmaterialien und

alles über Bauschäden, die durch fehlerhafte Konstruktionen

entstehen, finden Sie ebenfalls im

Online-Fachlexikon zum Thema Dämmstoffe.

www.baunetzwissen.de/Daemmstoffe

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Tipps

Von Venedig nach Frankfurt,

vom Mobile zum Mikado

Die 11. Architektur-Biennale in Venedig ist seit dem

letzten Wochenende geschlossen. Was es dort zu

sehen gab? Unser umfassender Videoblog zu Biennale

bleibt natürlich für Sie online:

www.baunetz.de/biennale

Kaum in Venedig abgebaut, kommt der deutsche

Beitrag „Updating Germany - Projekte für eine

bessere Zukunft“ schon nach Frankfurt ins DAM.

Die Kuratoren Friedrich von Borries und Matthias

Böttger von raumtaktik zeigen in einer Neuinszenierung

der Ausstellung 20 Optionen für eine bessere

Zukunft. Ergänzend zu den 20 Exponaten, die

bereits in Venedig zu sehen waren, werden erstmals

alle 100 Projekte präsentiert, die für den Ausstellungskatalog

ausgewählt wurden. Die Beiträge

stammen aus Architektur und Städtebau sowie aus

anderen Disziplinen wie z.B. der Biotechnologie,

der Energieerzeugung, Transport und Verkehr.

Fotos des Arbeitsmodells: Keke Ye, raumtaktik

Ausstellung: Updating Germany - Projekte für eine

bessere Zukunft: 6. Dezember 2008 bis 22. Februar

2009, Di, Do-So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr

Eröffnung: 5. Dezember, 2008, 19.30 Uhr

Ort: Deutsches Architekturmuseum, Schaumainkai 43,

60596 Frankfurt am Main

www.dam-online.de

Das „Mobile“ als zentrale Inszenierungsidee des

deutschen Pavillons wird dabei im Ungers-Bau zum

Mikado. Die Kuratoren: „Unsere Welt ist ein fragiles

System. Auf der Biennale in Venedig wurde dies

durch ein raumgreifendes Mobile ausgedrückt. Für

Frankfurt haben wir das Mobile zu einem Mikado

umgebaut. Alle Änderungen beeinflussen einander

und können sogar zum Zusammenbruch führen.“

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Bild der Woche *

*Aus einer Pressemitteilung des

Verlags Vieweg+Teubner:

„Wiesbaden, 26. November 2008. 1936

schrieb Professor Ernst Neufert die Bauentwurfslehre

als Hilfsmittel für Studenten

und Architekten, als Leitfaden für

Bauherren und Planer. Heute in 18

Sprachen übersetzt und mit einer Gesamtauflage

von über 800.000 Exemplaren

weltweit, ist die Bauentwurfslehre

eines der erfolgreichsten Architekturbücher

des 20. Jahrhunderts.“

Mit dem Neufert ist es so wie mit

der Bild-Zeitung: Angeblich liest sie

keiner, aber jeder weiß, was drinsteht.

Wir haben jedenfalls schon

im ersten Semester gelernt, dass der

Neufert gerade kein Architekturbuch

sei, sondern eine Sammlung

von Maßen und Daten. Und die

braucht man offenbar dauernd:

„Kann ich mal eben den Neufert

haben?“ ist einer der meistgehörten

Fragen im Entwurfsbüro...

Und weiter aus Wiesbaden: „Für

den Frankfurter Designer Uwe Fischer

war die Bauentwurfslehre Motiv und

Leitgedanke, um einen Raum zu gestalten.

Seine Realisation ist im aktuellen

Katalog der Möbelfirma Flötotto zu sehen.

Flötotto hat für seinen neuen Profilsystemkatalog

Architekten, Innenarchitekten,

Bühnenbildner, Produktdesigner

und Künstler jeden Alters gebeten zu

zeigen, wie sie Räume mit diesem System

möblieren würden. Uwe Fischer hat

einen Raum mit einer außerordentlichen

Klarheit und Funktionalität erschaffen,

ganz im Sinne Ernst Neuferts, der

immer den Mensch als Maß und Ziel

im Vordergrund seiner Entwürfe sah.“

Wer jetzt allerdings den „Raum

Neufert“ tatsächlich betreten will,

hat Pech gehabt: Er wurde für die

Katalogproduktion aufgebaut,

fotografiert – und wieder abgebaut.

Ortslose Kunst quasi. (-tze)

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