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PDF-Download - Bayerische Staatsoper

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MAX JOSEPH<br />

unfrei frei<br />

BAYERISCHE<br />

STAATSOPER<br />

BallettFestwoche:<br />

Sidi Larbi Cherkaoui<br />

kommt<br />

Vesselina Kasarova &<br />

Alexander Kluge<br />

über<br />

I Capuleti e i Montecchi<br />

La fedeltà premiata<br />

–<br />

Haydn<br />

neu entdeckt<br />

0 2<br />

0 2


M A R T I N P E R E Z A G R I P P I N O<br />

T H E Y E L L O W P A R C E L<br />

A C R Y L I C O N C A N V A S – 3 5 X 2 5 C M<br />

2 0 1 0<br />

0 3<br />

0 3


EDITORIAL<br />

REBELLEN?<br />

„Rebellen“ heißt das dritte Thema unserer Beschäftigung mit dem Komplex „unfrei frei“, der diese<br />

Spielzeit an der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong> und damit auch MAX JOSEPH prägt. Folgt nach „Privatvergnügen“<br />

und „Kinderseele“ nun also die große Politik?<br />

Ein Blick in die Nachrichten scheint die Brisanz zu bestätigen: In Tunesien, Ägypten oder im Jemen<br />

geht die Bevölkerung massenweise auf die Straße und will Veränderung. Doch sind das ähnlich geprägte<br />

politische Revolten, wie wir sie von 1789, 1848 oder 1918 kennen? Werden Rebellen heute im Internet<br />

– in Blogs und sozialen Netzwerken – gemacht? Ist der Motor ihres Kampfes eher der Wunsch<br />

nach persönlichem Glück und Wohlstand als eine Ideologie? Ist es Freiheit?<br />

Vielmehr als politische Rebellen, die seit Jahrhunderten einen bedeutenden Platz auf der Opernbühne<br />

haben, treffen wir in den kommenden Premieren, Gastspielen und Konzerten Querdenker,<br />

deren Kampf mit gesellschaftlichen Normen, göttlichen Plänen oder ästhetischen Kategorien mit<br />

anderen Mitteln als der großen Geste stattfindet.<br />

Romeo will seine Julia lieben, darf es aber nicht, die Figuren in Haydns La fedeltà premiata müssen<br />

ihre Liebe vor einem Seeungeheuer verbergen, um nicht dem brutalen Zorn der Göttin Diana zum<br />

Opfer zu fallen. Der heilige Franziskus rebelliert gegen seine eigenen<br />

Ä<br />

N<br />

G<br />

S<br />

T<br />

E<br />

und Grenzen, um die überindividuelle Erfahrung Gottes zu machen – heutige Pilger tun es ihm nach<br />

und widersetzen sich der Geschwindigkeit unseres Alltags. In der BallettFestwoche stehen zwei<br />

Rebellen unterschiedlicher Generationen im Mittelpunkt: John Neumeiers Gegenentwurf zum klassischen<br />

Ballett ist längst klassisch geworden, Sidi Larbi Cherkaoui experimentiert mit verschiedenen<br />

stilistischen und ästhetischen Ansätzen und Traditionen und überwindet so bestehende<br />

G<br />

R<br />

E<br />

N<br />

Z<br />

E<br />

N<br />

im zeitgenössischen Tanz. Auf paradox anmutende Weise rebellieren zeitgenössische japanische<br />

Komponisten, die im 6. Akademiekonzert zu hören sind, indem sie sich auf die musikalische Tradition<br />

ihres Landes besinnen und damit die vorherrschende westliche Klangsprache in Frage stellen.<br />

Die Rebellen dieses Heftes zeigen individuelle Hoffnungen und Wünsche. Vielleicht eine heutige<br />

Perspektive auf Rebellion.<br />

Nikolaus Bachler<br />

0 3<br />

0 3


INHALT<br />

Fotografie: Alexandra Croitoru<br />

from ROM Series, 2004 –2006<br />

Courtesy of the artist and Plan B Gallery<br />

20<br />

„REBELLISCH UND KÄMPFERISCH SEIN“<br />

Vesselina Kasarova über I Capuleti e i Montecchi und wie<br />

man sich auf der Opernbühne durchsetzt<br />

P–R–E–M–I–E–R–E<br />

24<br />

HIMMELSMACHT<br />

VS.<br />

FAMILIENMACHT<br />

Barbara Vinken schreibt die Geschichte der Liebe<br />

Stil-Rebellin: Die rumänische Fotokünstlerin Alexandra<br />

Croitoru, von der das Titelmotiv stammt, lehnt sich in<br />

ihren Bildern gegen Konventionen über Mode und Aussehen<br />

auf und kombiniert Sturmhaube zum Bikini.<br />

03<br />

EDITORIAL<br />

Rebellen?<br />

Von Nikolaus Bachler<br />

08<br />

IN DIESER AUSGABE<br />

Autoren und Künstler, die dieses Heft gestaltet haben<br />

09<br />

ILLUSTRATION<br />

von Misaki Kawai<br />

10<br />

MÜNCHNER FREIHEIT<br />

Ingvild Goetz über eine Installation von Andro Wekua<br />

1<br />

2<br />

LOB DER NÜCHTERNEN REBELLEN<br />

Essay von<br />

Mathias Greffrath<br />

28<br />

IM DIENSTE SEINER DURCHLAUCHT<br />

Ein Besuch im Hause Esterházy, dem Arbeitgeber<br />

von Joseph Haydn<br />

P-R-E-M<br />

I-E-R<br />

36<br />

„DIESES BALLETT GEHÖRT NACH MÜNCHEN“<br />

Fotografie: Tatiana Lecomte Fotografie: Holger Badekow<br />

John Neumeier über sein Ballett Illusionen –<br />

wie Schwanensee, das die BallettFestwoche eröffnet<br />

P–R–E–M–I–E–R–E


VORSCHAU<br />

MAX JOSEPH<br />

42<br />

Alexander Kluge über I Capuleti e i Montecchi<br />

und die Freiheit in der Liebe<br />

Premiere<br />

68<br />

PORTFOLIO<br />

Olaf Breunings Masken, hinter denen sich das Nichts verbirgt<br />

Illustration: Andy Rementer<br />

4<br />

6<br />

WIDER DIE ZUMUTUNGEN UNSERER ZEIT:<br />

Saint FranÇois d’Assise oder<br />

warum wir wieder pilgern<br />

P–R–E–M–I–E–R–E<br />

7<br />

8<br />

GEGEN DEN STRICH<br />

Modeschöpfer Christian Lacroix, der die Kostüme<br />

für I Capuleti e i Montecchi<br />

entwarf, über Mode, Liebe und Zorn<br />

Fotografie: Olaf Breuning<br />

50<br />

OPERN-COMIC<br />

Madama Butterfly, gezeichnet von Andy Rementer<br />

85<br />

A<br />

genda<br />

Fotografie: Koen Broos<br />

60<br />

REVOLUTION DER KLEINEN SCHRITTE<br />

Der belgische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui<br />

Gastspiel<br />

86<br />

K-U-L-T-U-R-T-I-P-P-S<br />

aus der Oper<br />

89<br />

MEINUNGSAUSTAUSCH<br />

Briefe an den Intendanten<br />

90<br />

SPIELPLAN<br />

95<br />

KURZPORTRÄT:<br />

Meike Zopf, die das Plakat für<br />

I Capuleti e i Montecchi gestaltet<br />

64<br />

MONUMENTE IN GROSSER FERNE<br />

Das geheimnisvolle japanische Blasinstrument Shō,<br />

das beim 6. Akademiekonzert zu erleben ist<br />

96


CONTRIBUTORS<br />

IMPRESSUM<br />

MAX JOSEPH<br />

Magazin der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />

www.staatsoper.de/maxjoseph<br />

Max-Joseph-Platz 2 / 80539 München<br />

T 089 – 21 85 10 20 /<br />

F 089 – 21 85 10 23 /<br />

www.staatsoper.de<br />

Tatiana Lecomte<br />

2<br />

8<br />

„Ich glaube nicht unbedingt,<br />

dass man etwas sichtbar<br />

machen kann, indem man<br />

die ‚Wirklichkeit’ zeigt“, sagt<br />

Tatiana Lecomte, die in<br />

Lyon und in Amsterdam<br />

Malerei studierte, bevor sie<br />

zur Fotografie fand. Wie die<br />

Wahl-Wienerin in diesem<br />

Medium das Nicht-Sichtbare<br />

zu ihrer eigenen Bildwirklichkeit<br />

macht, zeigen ihre<br />

Fotografien, die sie in den<br />

Rokokosälen und im<br />

winterlichen Park des<br />

österreichischen Schlosses<br />

Esterházy aufgenommen hat.<br />

Fast meint man, die festlich<br />

gemessenen Klänge eines<br />

Streichquartetts von Joseph<br />

Haydn zu sehen … Ab S. 28.<br />

Mathias Greffrath<br />

1<br />

2<br />

Zeitzeuge der Studentenbewegung,<br />

beschäftigt sich der<br />

Autor Mathias Greffrath in<br />

den Feuilletons der Zeit<br />

und der Süddeutschen<br />

Zeitung, aber auch in<br />

Theater heute oder Geo<br />

vorwiegend mit den sozialen<br />

und kulturellen Auswirkungen<br />

von Globalisierung<br />

und mit dem Klimawandel.<br />

Für MAX JOSEPH dachte<br />

er über politisches Rebellentum<br />

nach. Rebellionen<br />

„haben das Zeug zum<br />

Mythos in sich. Die verwaltete<br />

Welt des globalen<br />

Kapitalismus kennt alle<br />

Formen – und scheint gegen<br />

alle immun – oder haben sie<br />

nur ihre Gestalt verändert?“<br />

Antworten ab S. 12.<br />

Misaki Kawai<br />

0<br />

9<br />

Kindlich verspielte Collagen<br />

und Installationen sind<br />

charakteristisch für die 1978<br />

in Japan geborene Künstlerin.<br />

Aus Materialien wie<br />

Pappmaché und Stoff<br />

erschafft sie imaginative<br />

Welten, die von skurrilen<br />

Figuren bewohnt werden.<br />

Hinter den farbenfrohen<br />

Arbeiten scheinen jedoch oft<br />

Traurigkeit und eine überraschende<br />

Ambivalenz auf.<br />

Misaki Kawai lebt und<br />

arbeitet in New York. Im<br />

April widmet ihr das<br />

Fumetto Comic-Festival in<br />

Luzern eine Einzelausstellung.<br />

Eine ihrer Collagen ist<br />

auf der folgenden Seite zu<br />

sehen.<br />

E-Mail<br />

maxjoseph@st-oper.bayern.de<br />

HErausgEbEr<br />

Staatsintendant Nikolaus Bachler<br />

(V.i.S.d.P.)<br />

CHEfrEdaktion<br />

Anne Urbauer<br />

koordination<br />

Christoph Koch, Barbara Kämpf<br />

rEdaktion<br />

Miron Hakenbeck, Rainer Karlitschek,<br />

Olaf A. Schmitt, Andrea Schönhofer,<br />

Bettina Wagner-Bergelt<br />

bildrEdaktion<br />

Yvonne Gebauer, Julia Schmitt<br />

rEdaktionEllE MitarbEit<br />

Simone Herrmann, Lucas Koch<br />

autorEn<br />

Larissa Beham, Christian Berzins,<br />

Sören Eckhoff, Matthias R. Entreß, Wolfgang<br />

Fuhrmann, Ingvild Goetz,<br />

Mathias Greffrath, Johanna Hänsch,<br />

Klaus Kieser, Alexander Kluge, Regina<br />

Knappik, Karl-Heinz Krämer,<br />

Christian Lacroix, Gabriela Scherer,<br />

Judith Specht, Simone Theilacker, Barbara<br />

Vinken, Klaus Witzeling<br />

fotografEn & illustratorEn<br />

Martin Perez Agrippino, Holger Badekow, Olaf<br />

Breuning, Koen Broos, Mircea Cantor,<br />

Alexandra Croitoru, Jorge Fatauros, Dominik<br />

Gigler, Gian Gisiger, Wilfried Hösl, Daisuke<br />

Ichiba, Misaki Kawai, Timothy Karpinski,<br />

Christian Lacroix, Tatiana Lecomte, David<br />

Maupilé, Suuri Maruyama, Klaus Mocha, Anne<br />

Morgenstern, Andy Rementer, Regina<br />

Schmeken, Thomas Schmidt, Dorota Sliwonik,<br />

Brigitte Waldach, Anja Weber, Andro Wekua,<br />

Dan Witz, Meike Zopf<br />

ÜbErsEtzung<br />

Simone Herrmann<br />

MarkEting<br />

Laura Schieferle<br />

T 089 – 21 85 10 27 /<br />

F 089 – 21 85 10 33 /<br />

marketing@st-oper.bayern.de<br />

sCHlussrEdaktion<br />

Clarissa Czöppan<br />

Andy Rementer<br />

5<br />

0<br />

Nie ohne mein Skizzenbuch!<br />

„Das ist ein großartiger Ort,<br />

um spontane Ideen zu<br />

zeichnen, sie dann zu<br />

vergessen und später wieder<br />

zu finden“, sagt der in<br />

Philadelphia lebende<br />

Comic-Zeichner und Illustrator.<br />

Rementer ist Autor<br />

der wöchentlich erscheinenden<br />

Comic-Reihe Techno<br />

Tuesday und hat kürzlich<br />

begonnen, seine Charaktere<br />

und Ideen in Animationen<br />

zu beleben. Für MAX<br />

JOSEPH zeichnete er das<br />

Opern-Comic Madama<br />

Butterfly. Ab S. 50.<br />

Barbara Vinken<br />

2<br />

4<br />

Geschlechterrollen, Sexualität,<br />

Liebe und Mode. Aber<br />

auch Kleists Hermannsschlacht,<br />

über die sie gerade<br />

ein Buch, Bestien – Kleist<br />

und die Deutschen, geschrieben<br />

hat, gehört zum Themen-Kosmos<br />

der Münchner<br />

Professorin für Allgemeine<br />

und Französische Literaturwissenschaft.<br />

In dieser<br />

Ausgabe von MAX JO-<br />

SEPH schreibt Barbara<br />

Vinken über die Tradition<br />

der Liebe als Rebellion in<br />

der Literatur und die heute<br />

propagierte „Pflicht zur<br />

Lust“. Ab S. 24.<br />

Alexander Kluge<br />

4<br />

2<br />

Für Alexander Kluge, der<br />

gerade mit Gerhard Richter<br />

das Buch Dezember – 39<br />

Geschichten. 39 Bilder<br />

veröffentlichte, begleitet<br />

Musik „wie vom anderen<br />

Stern die wirklichen Ereignisse“.<br />

In MAX JOSEPH<br />

schreibt er, einer der<br />

Wegbereiter des Neuen<br />

Deutschen Films, TV-Produzent,<br />

Medientheoretiker und<br />

Schriftsteller, über die von<br />

Machtstrukturen beherrschte<br />

Liebe und die Musik<br />

Bellinis, „die eine Parallelwelt<br />

erschafft, in der Harmonie<br />

und Freiheit möglich<br />

sind“. Ab S. 42.<br />

gEstaltung<br />

Bureau Mirko Borsche<br />

Mirko Borsche, Johannes von Gross,<br />

Maximilian Berz, Reinhard Schmidt<br />

VErlag<br />

HoffMann und CaMPE VErlag gMbH,<br />

ein Unternehmen der<br />

ganskE VErlagsgruPPE<br />

Harvestehuder Weg 42 / 20149 Hamburg<br />

T 040 – 44188 457 / F 040 – 44188 236 /<br />

cp@hoca.de<br />

www.hocacp.de<br />

anzEigEnlEitung<br />

<strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong>: Imogen Lenhart<br />

T 089 – 2185 1006/ anzeigen@st-oper.bayern.de<br />

Verlag: Doris Bielstein<br />

T 040 – 2717 2095 / doris.bielstein@jalag.de<br />

Vertrieb Zeitschriftenhandel<br />

Premium Sales Germany GmbH<br />

Poßmoorweg 2–6<br />

22301 Hamburg<br />

T 040 – 2717 2343<br />

litHografiE<br />

MXM Digital Service, München<br />

druCk<br />

Gotteswinter, München<br />

issn<br />

1867-3260<br />

Nachdruck nur nach<br />

vorheriger Einwilligung.<br />

Alle Rechte vorbehalten.


MISAKI KAWAI, SMOKE GHOST<br />

Misaki Kawai, Smoke Ghost, collage (mixed media) on canvas, 137 x 119 cm<br />

Der Geist des Unbehagens: Ohnmacht und Sprachlosigkeit waren gestern, jetzt materialisiert sich ziviler Ungehorsam.<br />

„Ich arbeite als Künstlerin, obwohl ich keine besondere Technik habe“, sagt die Illustratorin Misaki Kawai.<br />

„Es geht um Inhalte“ – auch das ist aufsässig.


ANDRO WEKUA<br />

GOTT IST TOT ABER DAS MÄDCHEN NICHT<br />

2008<br />

0 8<br />

0 8


MUNCHNER FREIHEIT<br />

INGVILD GOETZ,<br />

Sammlerin und Besitzerin eines privaten Museums<br />

für zeitgenössische Kunst, über ein<br />

Kunstwerk, das sie an jugendliche Rebellion<br />

denken lässt.<br />

Ingvild Goetz hat Anfang der 90er<br />

Jahre in München für ihre<br />

Sammlung ein Museumsgebäude<br />

von Herzog & de Meuron errichten<br />

lassen, das erste der Schweizer<br />

Stararchitekten in München, die<br />

später auch die Allianz-Arena<br />

bauten. 2003 wurde das Haus um<br />

den Trakt „Base103“ erweitert,<br />

der die filmischen Arbeiten der<br />

Sammlung aufnimmt. Die Ausstellungen<br />

wechseln zweimal jährlich.<br />

Das Museum ist Montags bis<br />

Samstags nach telefonischer Anmeldung<br />

zu besichtigen.<br />

Sammlung Goetz<br />

Oberföhringer Straße 103<br />

81925 München<br />

Tel. 089 - 95 93 96 9 – 0<br />

www.sammlung-goetz.de<br />

Foto Goetz: Thomas Schmidt<br />

Andro Wekua<br />

Gott ist tot aber das Mädchen<br />

nicht, 2008<br />

Wachs, Hartschaum, Bewehrungsstahl,<br />

Baumwolle, Keramik,<br />

Kunsthaar, Stahl, Acrylgips,<br />

Aluminium, Plexiglas etc.<br />

L x B x H: 203 x 103 x 150 cm,<br />

Courtesy Sammlung Goetz<br />

© Andro Wekua<br />

Die Installation des georgischen Künstlers<br />

Andro Wekua zeigt eine weibliche Figur auf<br />

ein em Stuhl sitzend – ja fast liegend, umgeben<br />

von einem gläsernen Kasten. Das Mädchen,<br />

nur mit Unterwäsche und Turnschuhen<br />

bekleidet, hält die Augen geschlossen und<br />

den Kopf gesenkt. Erst auf den zweiten Blick<br />

nimmt man den ruhigen, entspannten, aber<br />

auch entschlossenen Gesichtsausdruck wahr.<br />

Die Arme sind locker vor dem Oberkörper<br />

verschränkt. Trotz ihres Eingeschlossenseins<br />

strahlt das Mädchen Selbstsicherheit und<br />

Zufriedenheit aus.<br />

Jugend rebelliert, stößt aber immer wieder<br />

an die von den vorherigen Generationen<br />

gesetzten Grenzen. Wenn es diese jugendliche<br />

Rebellion nicht gäbe, hätten wir bis heute<br />

keine großen Fortschritte gemacht, denn die<br />

ältere Generation hat Angst vor Veränderung<br />

oder Weiterentwicklung. Es wäre ihr am<br />

liebsten, wenn die Welt in ihrer Tradition stehen<br />

bliebe.<br />

0 9<br />

0 9


B I L D E R D A N W I T Z


LOB DER NÜCHTERNEN REBELLEN<br />

Ein Essay von Mathias Greffrath


M A T H I A S G R E F F R A T H


E S S A Y


M A T H I A S G R E F F R A T H<br />

Der Rebell von heute setzt<br />

nicht mehr Paläste<br />

in Brand, sondern Parlamente<br />

instand. Mit der Verfassung<br />

in der Hand kämpft er als<br />

„Wutbürger“ um die<br />

Vollendung der Demokratie<br />

in Deutschland.<br />

„Empört Euch!“ Der Aufruf des 93-jährigen ehemaligen<br />

Widerstandskämpfers Stéphane Hessel ist nur 33 Seiten<br />

stark, aber in ein paar Wochen hat er sich mehr als eine<br />

Million Mal verkauft, weit über Frankreich hinaus. Der<br />

Mitverfasser der UN-Menschenrechtserklärung ruft Europas<br />

Bürger, vor allem die Jungen, zum Widerstand auf:<br />

gegen die Diktatur der Finanzmärkte, den Raub der Regierungen<br />

am Volkseigentum, den Konsumterror, den<br />

Wachstumswahn, die Naturzerstörung. Alles konsensfähig,<br />

schreiben die nüchternen Kommentatoren, warum<br />

also die Aufregung im Feuilleton? Aber zwischen den Zeilen<br />

steht: Welche rührende Naivität angesichts der Systemzwänge.<br />

Geht doch alles nicht.<br />

Futtergetreide für die Schweine Europas wächst; wo Despoten<br />

auf Öl oder Uran sitzen und sich auf Kosten der<br />

Völker bereichern; wo die kapitalistische Modernisierung<br />

nachgeholt wird, mit all ihren Opfern, wie in China. In<br />

Tunesien, wo eine gebildete Mittelschicht die Diktatur<br />

eines Clans abschüttelt, der Zorn sich effektiv über Twitter<br />

und Facebook organisiert und in den Halbdespotien<br />

Arabiens einen Flächenbrand auslöst. In Ägypten steht<br />

das Volk auf und blamiert die westlichen Wirtschafsregierungen,<br />

die jahrzehntelang Diktatoren umschmeichelten.<br />

Aber unsere spontane Euphorie ist überschattet. Erfahrene<br />

Zeitungsleser wissen: Revolutionen sind nur noch<br />

siegreich, wenn die Börsen und die Supermächte sie zulassen.<br />

Rebellionen finden statt, weil Rebellen keine andere Wahl<br />

mehr haben. Sie sind Befreiungsschläge, wenn alle Einsprüche,<br />

alle Eingaben, alle Argumente nicht geholfen, ja nicht<br />

einmal eine öffentliche Stimme gefunden haben. Etwas, das<br />

stärker ist als alle strategische Vernunft, treibt sie an: der<br />

Hunger die schlesischen Weber 1844, die Haitianer 2008;<br />

das verletzte Rechtsgefühl die Bauernkrieger zur Lutherzeit<br />

und die Landlosen in Brasilien heute. Der Freiheitsdurst<br />

die Barrikadenkämpfer von 1848, die Studenten auf<br />

dem Platz des Himmlischen Friedens, die Jugend Ägyptens.<br />

In Stuttgart gingen Hunderttausende auf die Straße – gegen<br />

eine politische Elite, die nicht nur die Verwandlung<br />

ihres Bahnhofs in ein weiteres Saturn-H&M-Starbucks-<br />

Paradies für „alternativlos“ erklärt, sondern generell alle<br />

„Modernisierungsmaßnahmen“. Und weiteres Wachstum<br />

wie gewöhnlich sowieso. Die Kluft zwischen dem Bürgerwillen<br />

und dem Handeln der Eliten wächst von Jahr zu<br />

Jahr. Eine Zügelung des Finanzkapitals, eine Besteuerung<br />

obszöner Einkommen, eine Bildungsexplosion, ein soziales<br />

Gesundheitssystem – für all das gibt es in Deutschland verfassungsändernde<br />

Mehrheiten. In der Demoskopie. Nicht<br />

im Parlament. Stehen wir also dicht vor einer Rebellion?<br />

Die erste Antwort lautet: Keine Spur davon. Krise hin, Klima<br />

her: In den entwickelten Konsumdemokratien verebben<br />

die Revolten im Schlick der Medien und der Gewohnheiten.<br />

Wir nicken freundlich zustimmend, wenn Ex-Fußball-Star<br />

Eric Cantona uns aufruft, millionenfach am 7. Dezember<br />

unsere Konten leerzuräumen, um das teufliche Finanzsystem<br />

endlich zum Kollaps zu bringen, aber natürlich bleibt<br />

es beim verbalen Happening. Wo Rebellentum den Herrschenden<br />

wirklich weh tut, wie im Fall Wikileaks, schlagen<br />

die Blamierten hart mit Polizei und Technik zurück, und<br />

die Öffentlichkeit nimmt eher am Internet-Superman Julian<br />

Assange Anteil als an den skandalösen Untergründen<br />

von Banking und Politik. An die gewöhnen wir uns gerade<br />

schleichend, mangels alternativer Mächte.<br />

Rebellionen, Revolutionen gar brechen heutzutage allenfalls<br />

dort aus, wo die Bauern hungern, weil auf ihrem Land<br />

1 4<br />

1 4<br />

Die Rebellen in den Geschichtsbüchern sind Verlierer: Revolutionäre,<br />

die nicht genug Bataillone auf ihrer Seite hatten,<br />

um eine neue Rechtsordnung zu gründen. „Geschlagen<br />

ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten’s besser aus“,<br />

rief Thomas Müntzers Haufen. Aber auch wenn sie zerschlagen<br />

und in Blut erstickt werden, Rebellionen wirken<br />

untergründig weiter – als Ikonen eines unzerstörbaren naturrechtlichen<br />

Glaubens, der da sagt: Kein Mensch soll<br />

hungern und keiner soll getreten werden. So werden sie<br />

tradiert durch Hollywood: Spartacus, Robin Hood, Garibaldi,<br />

Zapata, Solidarność. Und die fiktiven und gerechten<br />

Supermänner aller Zeiten bevölkern die Comic-Tagtraumwelten<br />

unserer Kinder.<br />

Unter der milden und geregelten Herrschaft von Kapital,<br />

Konsum und Partei-Eliten sind Rebellionen, groß und heroisch<br />

geschrieben, kaum noch denkbar. Seit wir im „Prozess<br />

der Zivilisation“ immer mehr Verantwortung in die<br />

Hände von Großunternehmern, Bürokratien, Regierungen<br />

mit Gewaltmonopol gelegt haben – und damit Sicherheit<br />

und Wohlstand gemehrt –, wird der politische Rebell zum<br />

Irrläufer. Und wird als solcher behandelt. In Diktaturen<br />

verschwindet der Dissident, wenn nicht im Folterkeller,<br />

dann in der Psychiatrie. In Gesellschaften, in denen Ausbeutung<br />

und Massenhedonismus eine geregelte Liaison<br />

mit demokratischen Verfahrensregeln und medialer Programmierung<br />

eingegangen sind, versickert der rebellische<br />

Impuls. Wenn keine starken Handlungen möglich sind und<br />

die kulturindustriellen Sedativa versagen, versteigt sich der<br />

Zorn in mörderische Abstraktionen, explodiert in Amok-


E S S A Y


läufen, oder – das ist die Regel – führt als versteinerte Wut<br />

zu Vandalismus, Hyperaktivität oder Depression und wird<br />

dann ambulant von der Pharmaindustrie versorgt. Die<br />

Wohlstandsrebellionen der Jugend reagieren zwar seismographisch<br />

auf globale Miseren – fernes Elend, sinnlose Arbeit,<br />

Unrecht, Unfreiheit und Naturzerstörung – aber erschöpfen<br />

sich schnell im weiteren Lebenslauf. Ihre ästhetischen<br />

Ausdrucksformen – ob Woodstock, Punk oder Naturromantik<br />

– werden dankbar von Textil-, Fahrzeug- und Vergnügungsindustrie<br />

weiterverarbeitet.<br />

Aber je starrer die flexiblen Verhältnisse werden, desto<br />

stärker die Sehnsucht nach Menschen, die den Gang der<br />

Dinge nachhaltig unterbrechen. Oder das zumindest fordern.<br />

Oder schreiben. Oder singen. Auf Platz 1 und 2 bei<br />

Google stehen unter „Rebellion“, noch vor der Begriffsklärung:<br />

eine Power-Metal-Band und ein Hersteller von Gewaltspielen.<br />

Und in einem Chat dieser Tage kann man lesen:<br />

„A: Keine meiner Freunde sind Rebellen. Darf ich mit Dir<br />

über Rebellentollfinden quatschen?<br />

B: Ich habe hautnah Kontakt zu einem Rebellen! Ich habe<br />

schon erfahren, dass er öfters weint und gerade dabei ist,<br />

einen Text über Quantenphysik zu verfassen.<br />

C: Einer meiner Freunde ist ein wahrer Rebell. Er liebt<br />

Opern.“<br />

Wer es hierzulande, in Europa, noch ernst meint mit der<br />

Rebellion, sollte Abschied nehmen von opernhaften Bildern.<br />

Nur politische Romantiker sehen in der seelischen<br />

Not der Vorstädte, in arbeitslosen Subkulturen, Vandalismen,<br />

Krawallen oder Plünderungen den Rohstoff für Revolten.<br />

Etwa die Autoren des Manifests Der kommende Aufstand,<br />

eines weiteren Bestsellers der intellektuellen<br />

Unbehagens-Industrie. „Die Gegenwart ist aussichtslos“,<br />

lautet das Resümee ihrer mehr an Heideggers Bauernund<br />

Handwerkerwelten als an Marx geschulter Zivilisationskritik.<br />

Das mag dem Lebensgefühl zukunftsloser<br />

Jugendlicher, verzweifelter Ökologen und den Sinnkrisen<br />

angestellter Kulturträger poetischen Ausdruck verleihen.<br />

Aber das schöne Pamphlet ruft nicht zur Rebellion auf,<br />

sondern zum Ausstieg aus der Gesellschaft, in kleinen<br />

Gruppen, die partisanenmäßig Sand ins Getriebe der Krisenwelt<br />

streuen und sich mit Stromdiebstahl, Hausbesetzungen<br />

und Sozialtransvers über Wasser halten, bis zur<br />

Zeit nach dem „Crash“. Oder das Heil wird – bei einigen<br />

amerikanischen Fundamentalökologen – in der Sabotage<br />

von Produktionsanlagen und Infrastrukturen, Pipelines,<br />

Versorgungsnetzen, Verkehrswegen, Medien gesehen. Je<br />

schneller Schluss ist mit all dem, desto eher kann das unausdenklich<br />

Neue anbrechen. Man möchte sich nicht ernsthaft<br />

vorstellen, wie ein Staat reagieren würde, in dem<br />

Techno-Rebellen solchen Anregungen folgen.<br />

Der letzte Sieg der Freiheit wird trocken sein, schrieb der<br />

Republikaner Gottfried Keller im 19. Jahrhundert, und die<br />

Rebellen unserer Tage finden wir nicht mit den Phantombildern<br />

von damals. Sie wohnen nebenan und nirgendwo.<br />

MATHIAS GREFFRATH<br />

1 6<br />

1 6<br />

Zum Beispiel als „Désobeisseur“, als Gehorsamsverweigerer.<br />

Mehr als dreitausend französische Lehrer haben sich<br />

so geweigert, eine dumme und diskriminierende Schulreform<br />

umzusetzen. Sie wurden mit Herabstufung und Gehaltskürzungen<br />

bestraft. Diese Bewegung des „ethischen<br />

Ungehorsams“ scheint um sich zu greifen: Angestellte der<br />

Elektrizitätswerke stellen zahlungsunfähigen Kunden den<br />

Strom wieder an, ihre Kollegen in den Arbeitsämtern solidarisieren<br />

sich mit ihren Klienten, Polizisten lehnen es ab,<br />

Asylantenfamilien zum Flugzeug zu bringen. Nicht, dass<br />

sie es tun, sondern dass sie es öffentlich tun ist neu. Und es<br />

zeigt: Der Virus der Rebellion ist nicht ganz auszumerzen.<br />

Noch einmal: Mexiko, China, Guinea, die arabische Welt<br />

haben andere Probleme – auch wenn sie von unserer Art<br />

zu leben und zu wirtschaften verursacht werden –, und<br />

deshalb sehen Rebellionen dort gelegentlich immer noch<br />

wie früher aus. Aber die Revolte unter den Bedingungen<br />

der medialen Konsumdemokratie: Das wäre die massive<br />

und massenhafte Inbesitznahme unserer Bürgerrechte, die<br />

wir den gescheiterten Rebellionen und gelungenen Revolutionen<br />

der Vergangenheit verdanken.<br />

„Wutbürger“ – das könnte ein Anfang sein. Aber nur die<br />

lange Wut verändert die Welt. Der westeuropäische Rebell,<br />

will er wirklich wirksam sein, rennt nicht länger als<br />

Volksheld gegen die Bollwerke gieriger und gewalttätiger<br />

Eliten an, sondern kämpft als Staatsbürger gegen die Enteignung<br />

dessen, was seine Vorfahren errungen und wofür<br />

sie teuer bezahlt haben – ob er die Namen und Werke von<br />

Bebel und Rathenau, von Büchner und Brecht oder den<br />

Fidelio nun kennt oder nicht. Und weil Partisanen am besten<br />

in heimischem Gelände kämpfen, geschieht das am<br />

aussichtsreichsten in ihrer Region, ihrer Stadt: um ihr<br />

Wasserwerk, ihre Schulen, ihre Arbeitsplätze. Oder ihren<br />

Bahnhof. Der Rebell 2011 setzt nicht Paläste in Brand,<br />

sondern Parlamente instand. Fordert nicht mit dem Degen,<br />

sondern mit der Verfassung in der Hand die Vollendung<br />

der Demokratie in Deutschland. „Wir sind das Volk“,<br />

das war noch feudal: „Bitte bitte, liebe Obrigkeit, hör uns<br />

an, setz Dich mit uns an den runden Tisch!“ Die kommende<br />

Rebellion ruft: „Wir sind der Staat!“<br />

Der letzte Sieg der Freiheit wird trocken sein – das ist<br />

nur halbwahr. Denn möglich wird er nur durch die kleingemünzte<br />

Energie starker Gefühle: von Mitgefühl und<br />

Zorn, Liebe und Verachtung, Heimatliebe und Freiheitstrieb.<br />

Ganz große Emotionen für ganz kleine Schritte.<br />

Der weise Jacob Burckhardt schrieb in seinen Weltgeschichtlichen<br />

Betrachtungen: „Um relativ nur Weniges zu<br />

erreichen … braucht die Geschichte ganz enorme Veranstaltungen<br />

und einen ganz unverhältnismäßigen Lärm.“<br />

Sie braucht den Rebellen. Heute mehr als kürzlich noch:<br />

It’s a hard rain’s gonna fall …<br />

Mehr über den Autor auf S. 8 (Contributors)


FÜNF HÖFE<br />

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Margit Baumgartner Design-Möbel, Salvatorstraße 3 / Ecke Theatinerstraße, 80333 1 München, 9 Telefon: 089-295 922, www.ligne-roset-fünfhöfe.de<br />

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1 8<br />

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Die bulgarische<br />

Mezzosopranistin Vesselina<br />

Kasarova feierte mit Partien<br />

von Mozart und Rossini<br />

auf den größten Bühnen<br />

der Welt Erfolge und gilt als<br />

Spezialistin für<br />

„Hosenrollen“ – wie den<br />

Romeo in Vincenzo Bellinis<br />

I Capuleti e i Montecchi,<br />

mit dem sie in München<br />

gastiert. Eine Künstlerin, die<br />

„Musik als das Ehrlichste, was<br />

es gibt“ begreift und auch<br />

über den „Affenzirkus Oper“<br />

kein Blatt vor den Mund<br />

nimmt.<br />

INTERVIEW<br />

CHRISTIAN BERZINS<br />

FOTOGRAFIE<br />

ANNE MORGENSTERN<br />

INTERVIEW<br />

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MAX JOSEPH Frau Kasarova, ich habe vor kurzem<br />

mit dem ehemaligen Zürcher Opernhausdirektor<br />

Christoph Groszer gefrühstückt …<br />

VESSELINA KASAROVA … Oh, er lebt<br />

noch!<br />

MJ Sehr vergnügt sogar. Er wohnt mit Tochter und Enkel<br />

auf einem wunderschönen Landgut in Apulien und erzählte,<br />

wie er 1988 nach Bulgarien kam, Sie bei einem Galakonzert<br />

hörte und auf der Stelle in Zürich unter Vertrag nahm.<br />

Für ihn war es ein Coup. Was war es für Sie – eine Flucht<br />

in den Westen?<br />

VK Nein, und dahinter stand auch kein lang gehegter<br />

Wunsch, ich hatte vielmehr große Bedenken. Meine Mutter<br />

fragte mich damals sorgenvoll: „Vesselina, weißt Du, was Du<br />

machst?“<br />

MJ Kein Gang von der Unfreiheit in die Freiheit?<br />

VK So habe ich nie gedacht, obwohl wir in Unfreiheit<br />

lebten und meine Familie indirekt gelitten hat. Bulgarien<br />

habe ich eine tolle musikalische Ausbildung zu<br />

verdanken. Zürich war eine Chance für meinen Beruf,<br />

für meine Persönlichkeit.<br />

MJ Sie wären dafür auch nach Moskau gegangen?<br />

VK Ja, wahrscheinlich, denn ich wollte singen. Viele Bulgaren<br />

sind nach Moskau gegangen, auch Nikolai Ghiaurov<br />

oder Ghena Dimitrova.<br />

MJ Kaum in Zürich richtig angekommen, waren<br />

Sie auch schon wieder weg. Über Salzburg und Wien<br />

ging’s in die große Opernwelt. Nicht alle können mit<br />

dem schnellen Erfolg umgehen. Wie haben Sie das<br />

gemacht?<br />

VK Ich habe dieses Leben genossen, aber längst<br />

nicht alles mitgemacht. Mir war bewusst, was mit<br />

mir passierte. Ich wollte kein Produkt werden, nicht<br />

zu sehr im Mittelpunkt stehen. Der Druck, schnell<br />

und auf Risiko zu arbeiten, war groß. Viele Sänger<br />

leiden darunter, viele können dem vorgegaukelten<br />

Niveau gar nicht entsprechen. Ich war stolz und idealistisch,<br />

wollte etwas erreichen, weil ich wusste: Ich<br />

kann etwas.<br />

MJ Haben Sie damals abends vor dem Zubettgehen dem<br />

Schicksal gedankt?<br />

VK Oft, denn von irgendwo hat man ja dieses Talent, diese<br />

Stimme. Aber ich hatte auch Antennen, die mir den richtigen<br />

Weg wiesen. Ich begegnete Nikolaus Harnoncourt und<br />

Edita Gruberova, zwei einzigartig starken Persönlichkeiten,<br />

die jahrelang für ihre Kunst gekämpft haben. Ich spürte<br />

bei der Arbeit mit Edita Gruberova, dass ich meine Persönlichkeit<br />

entwickeln muss und sagte mir: „Sei individuell,<br />

kopiere nicht!“. Durch meinen Beruf habe ich gelernt, dass<br />

Leute nur von mir berührt sind, wenn ich ehrlich bin. Auch<br />

das Lächeln beim Applaus ist so ein Ding: Es gibt Sänger,<br />

die lächeln auf Knopfdruck. Für mich muss Kunst ernst sein.<br />

MJ Sie bewundern diese zwei Kämpfernaturen.<br />

Wurden Sie selbst zu einer Kämpferin, ja zu einer<br />

Rebellin?<br />

VK Ich habe immer gekämpft, aber auf eine gute<br />

Weise. Ich habe vor kurzem in Basel mit jungen Sän-


VESSELINA KASAROVA<br />

gern gearbeitet und sagte ihnen: „Lasst keine bösen<br />

Gedanken gegen Konkurrenten zu. Diese negative<br />

Energie zerstört euch!“ Erfolg macht unruhig. Manchmal<br />

kommen junge Sänger zu mir, die schon bei dieser<br />

und jenem waren. Die sind völlig durcheinander<br />

– eine Qual. Dann frage ich sie: „Warum haben Sie zu<br />

singen begonnen?“<br />

MJ Und wenn Sie diese Frage für sich selbst beantworten,<br />

was ist Ihre Antwort?<br />

VK Ich wollte etwas ausdrücken.<br />

MJ Sie kämpften auch gegen den Betrieb, indem<br />

sie immer wieder Rollen ablehnten.<br />

VK Ja, in dieser Hinsicht musste ich rebellisch sein,<br />

obwohl es mit viel Risiko verbunden war. Ich habe<br />

immer wieder gedacht: Was passiert, wenn du das<br />

nicht annimmst? Ich debütiere nächste Saison als<br />

Eboli, hätte die Rolle aber schon 1989 singen sollen<br />

– vor 22 Jahren!<br />

MJ Wie konnten Sie den Wünschen der Intendanten und<br />

Dirigenten widerstehen?<br />

VK Mit Tricks, mit Diplomatie, mit viel Hin und Her.<br />

Wie oft sagte ich: „Eine wunderbare Idee, aber ich bin<br />

noch nicht bereit.“ Brangäne, Venus, Amneris – alles wurde<br />

mir schon angeboten.<br />

MJ Kommt es auch vor, dass Sie gegen Regisseure<br />

rebellieren?<br />

VK Ich bin offen für vieles, es ist egal, ob ich ein modernes<br />

oder ein traditionelles Kostüm trage. Aber es<br />

ist nicht egal, mit wem ich spiele, denn manchmal<br />

stecke ich in einem Korsett: Ich könnte spielerisch<br />

viel mehr machen, aber die Regisseure und Kollegen<br />

wollen das nicht.<br />

MJ Geben Sie sich also manchmal zu früh geschlagen?<br />

VK Was soll ich tun? Mache ich zuviel, störe ich. Ich habe<br />

schnell verstanden, dass ich mich anpassen muss. Ich will<br />

mir mein Leben nicht mehr so schwer machen. Auf der<br />

Bühne bin ich das Produkt eines Regisseurs.<br />

MJ Der aber vielleicht manchmal weniger weiß<br />

als Sie?<br />

VK Ich habe auch Respekt vor denen, die im Moment<br />

noch nicht so viel wissen. Was bringt es, wenn<br />

ich sage „Das ist Quatsch!“ und die Produktion verlasse?<br />

Ich gewinne, wenn ich weitermache. Bleiben<br />

und kämpfen – ein Kampf mit sich selbst. Wir Sänger<br />

müssen rebellisch und kämpferisch sein, aber<br />

im positiven Sinn. Mit diesem Denken bin ich in<br />

den letzten Jahren ruhiger geworden, akzeptiere,<br />

was da kommt. Es bringt nichts, mit dem Regisseur<br />

zu streiten, auch wenn einige keine Ahnung<br />

von Oper haben. Manchmal müssen wir Sänger lachen.<br />

Es kommt vor, dass eine neue Produktion<br />

nur wenig Substanz hat (schaut sehr ernst). Finden<br />

Sie das nicht auch?<br />

MJ Doch, ich habe es ja eben wieder bei der Saisoneröffnung<br />

der Scala in der Walküre gesehen: Die Sänger waren<br />

völlig auf sich allein gestellt, Waltraud Meier hat sich<br />

dann in der Lokalpresse heftig darüber beklagt.<br />

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„Musik ist das Ehrlichste,<br />

was es gibt. Wenn die<br />

Vorstellung beginnt, überstrahlt<br />

sie alles, egal, welchen<br />

Blödsinn man auch immer auf<br />

der Bühne tut!“<br />

VK Sehen Sie! Ich bin auch ehrlich, aber wer über das<br />

Geschehen hinter der Bühne die Wahrheit sagt, gilt sehr<br />

schnell als schwierig und kompliziert.<br />

MJ Sie sagten mal, dass die Oper ein Affenzirkus<br />

sei. Wer sind die Affen?<br />

VK Wir alle, die Künstler: Regisseure, Dirigenten,<br />

Sänger. Was hinter der Bühne manchmal läuft, ist<br />

ein Zirkus.<br />

MJ Eine Show?<br />

VK Wir Sänger wechseln von einem Baum zum anderen,<br />

von einer Produktion zur nächsten, anstatt nach einer Premiere<br />

zur Ruhe zu kommen. Oft geschieht es auch, dass wir<br />

einen Monat lang ohne ein Konzept proben.<br />

MJ Das muss frustrierend sein.<br />

VK Ja, deswegen spreche ich vom Affenzirkus. Wir<br />

Sänger stehen oft blöd da und wissen nicht, warum.<br />

Man darf uns nicht unterschätzen. Wir bringen<br />

manchmal eine Inszenierung, die nichts darstellte,<br />

auf ein gewisses Niveau.<br />

MJ Sie haben in einem Interview mit der Zeit …<br />

VK Immer wieder dieses Interview! Was stand dort?<br />

MJ Sie sagten, wie fürchterlich Ihr Beruf sei.<br />

VK Das ist er manchmal – neben allen positiven<br />

Dingen. Allen geht es so.<br />

MJ Warum malen dann alle Ihre Welt schön?<br />

VK Eigentlich wollen alle – Regisseur, Sänger, Dirigenten<br />

– etwas Gutes machen. Aber manchmal sind wir Opfer:<br />

Kann man proben, wenn man in einem großen leeren<br />

Raum singen muss? Das Originaldekor sehen wir erst zehn<br />

Tage vor der Premiere, man kann sich dann nicht mehr<br />

wehren, wenn etwas nicht passt. Dann kommt plötzlich<br />

noch ein lautes Orchester hinzu. Was passiert? Es wird geklagt,<br />

die Sänger seien zu leise.<br />

MJ Was ist denn das Schönste an Ihrem Beruf?<br />

VK (begeistert) Das Singen! Musik ist für mich das<br />

Ehrlichste, was es gibt. Durch die Musik verstehe<br />

ich die Welt. Beginnt die Vorstellung, ist die Musik<br />

über allem, egal, wie die Inszenierung aussieht, welchen<br />

Blödsinn man auch immer auf der Bühne tut.<br />

Mozart ist so stark, dass man ihn mit keiner Regie<br />

zerstören kann.<br />

MJ Und die tägliche Arbeit an der Stimme?<br />

VK Auch das ist sehr schön. Aber je unsicherer ein Mensch<br />

ist, je egozentrischer, desto mehr leidet er in diesem Beruf.<br />

Irgendwann stürzt man ab. Wenn man etwas erreicht hat,


INTERVIEW<br />

MJ Sind Sie im Unterschied zu Romeo und Julia<br />

einmal der Liebe ausgewichen?<br />

VK Nein, so weit ging ich dann doch nicht. Ich kann<br />

mir diese Situation nicht vorstellen, da ich so gute<br />

Eltern hatte: Ich habe auf sie, und sie haben auf mich<br />

gehört.<br />

MJ Folgen Sie allgemein eher dem Kopf als dem Bauch?<br />

VK Ja, aber ich handle auch mit dem Kopf intuitiv, Intuition<br />

hat nämlich viel mit Intelligenz zu tun.<br />

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darf man nicht immer gleich mehr wollen. Es gibt keine<br />

Stimme, die alles kann. Erfolge soll man genießen, aber<br />

I<br />

dabei versuchen, die Qualität zu halten. Je länger ich dabei<br />

bin, desto kritischer werde ich.<br />

M<br />

MJ Sind Sie dennoch eine glückliche Opernsängerin?<br />

O<br />

VK Was ist Glück? Momente, Sekunden? Beim<br />

N<br />

Singen stimmt in kurzen Momenten alles. Durch<br />

T<br />

die Musik habe ich viel von den Menschen erfahren,<br />

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aber das größte Glück ist meine Familie.<br />

C<br />

MJ Könnten Sie morgen aufhören zu singen?<br />

C<br />

VK Ich wäre dazu in der Lage, weiß aber nicht, wie weh mir<br />

H<br />

das täte. Ich hoffe, dass ich noch lange werde singen können.<br />

I<br />

MJ Als nächstes steht Bellinis I Capuleti e i Montecchi<br />

an der <strong>Staatsoper</strong> in München an – Bellinis<br />

Vertonung des Stoffes Romeo und Julia. Mögen Sie<br />

diese Geschichte?<br />

VK Nicht so sehr (lacht erstaunlich laut)!<br />

MJ Mögen Sie Julia?<br />

VK Ich weiß es nicht, ich bin schon ein romantischer Typ,<br />

aber diese Liebe? Naja. Ich mag die Tragik am Ende.<br />

MJ Hätte Romeo dieser unseligen Liebe ausweichen<br />

sollen?<br />

VK Das wäre schade, dann würde uns das Finale<br />

verloren gehen (lacht) – meine große Arie.<br />

MJ Alleine wegen der Musik sollen Romeo und Julia unvernünftig<br />

sein?<br />

VK Ja! Ganz im Gegensatz zu mir: Ich bin ein sehr rationaler<br />

Mensch. Ich gehe kein Risiko ein und experimentiere 2 1<br />

nicht mit meinem Leben.<br />

2 1<br />

Der Zürcher Journalist Christian<br />

Berzins ist Kulturredakteur der Aargauer<br />

Zeitung und schreibt auch für<br />

das Schweizer Kulturmagazin DU und<br />

die Weltwoche.<br />

Vesselina Kasarova wurde 1965 in Stara<br />

Zagora (Bulgarien) geboren. 1989<br />

schloss sie ihr Gesangsstudium ab und<br />

kam ans Opernhaus Zürich. 1991 debütierte<br />

sie bereits bei den Salzburger<br />

Festspielen und wurde kurze Zeit später<br />

Ensemblemitglied an der Wiener<br />

<strong>Staatsoper</strong>. Bald sang sie an den größten<br />

Häusern und nahm zahlreiche CDs<br />

auf. Kasarova ist verheiratet, hat einen<br />

zwölfjährigen Sohn und lebt bei<br />

Zürich.<br />

CDs (Auswahl):<br />

Belle Nuit. Arien und Ouvertüren von<br />

Jacques Offenbach. RCA/Sony BMG<br />

2008.<br />

Sento Brillar. Arien von Händel.<br />

RCA/Sony BMG 2008.<br />

Bulgarian Soul. RCA/Sony BMG 2003.<br />

I Capuleti e i Montecchi<br />

Tragedia lirica in zwei Akten<br />

von Vincenzo Bellini<br />

Premiere am Sonntag, 27. März 2011,<br />

Nationaltheater<br />

Weitere Termine im Spielplan ab<br />

S. 90.


HIMMELSMACHT<br />

VS.<br />

2 2<br />

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TEXT BARBARA VINKEN<br />

ILLUSTRATION TIMOTHY KARPINSKI<br />

2 3<br />

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BARBARA VINKEN<br />

Woran erkennt man, dass es Liebe ist? Weil ein Gefühl zwischen dem<br />

Ich und der Gesellschaft steht, wie bei Romeo und Julia? Weil man<br />

sich dem Zwang zur Leidenschaft nicht entziehen kann, wie ’68,<br />

oder an zwei Kindern und einer Postleitzahl in einem Villenvorort, wie<br />

heute? Barbara Vinken über die Geschichte einer Urgewalt.<br />

„Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht“, sang man in<br />

der 1885 uraufgeführten Operette Der Zigeunerbaron von<br />

Johann Strauß. Mit dieser aufbauenden Einschätzung der<br />

Liebe bewegte sich Strauß auf Platons Spuren, der die Seele<br />

durch den Eros den himmlischen Mächten entgegenstreben<br />

sieht.<br />

Platons Liebeslehre ist eine Erkenntnislehre für Eingeweihte.<br />

„Der Eros, der sich an der Schönheit eines Körpers<br />

entzündet, führt den Liebenden in einem aufsteigenden<br />

Weg zur Schönheit aller Körper, zur Erkenntnis der Schönheit<br />

der Seelen und schließlich zur Erkenntnis des Urschönen.“<br />

Der erotische Weg, den Platon beschreibt, ist ein Weg<br />

der Verallgemeinerung: vom einen<br />

Körper zu den vielen; ein Weg der<br />

ästhetischen Ethisierung: zur schönen<br />

Lebensführung; und ein Weg<br />

der Sublimierung: von der Schönheit<br />

der Leiber zu jener der Seelen<br />

und schließlich des Urschönen. Die,<br />

die lieben, verlieren sich nicht im<br />

Wahn, sondern finden die Wahrheit:<br />

die Liebe, fürwahr eine Himmelsmacht.<br />

2 4<br />

2 4<br />

Andere waren weniger optimistisch.<br />

Eros ist ihnen ein grausamer<br />

Dämon, Venus eine höllische Furie.<br />

Und das vor allen Dingen dann,<br />

wenn gegen die Staatsräson geliebt<br />

wird. Die Liebe Didos, der Königin<br />

von Karthago, zu Aeneas, dem<br />

nachmaligen Gründer von Rom, ist<br />

eine solche Liebe gegen die Staatsräson.<br />

Didos Leidenschaft, die Aeneas<br />

in ihrem Bett festhält, droht<br />

ihn schlicht von seiner Mission abzubringen.<br />

Vergil schildert die Liebe<br />

als schleichende Krankheit, die<br />

das Mark verzehrt, als Pfeil, der<br />

der tödlich getroffenen Hirschkuh<br />

in der Flanke stecken bleibt, als<br />

Fallstrick, in dem die Gefangene<br />

elend gefesselt zugrunde geht, als<br />

Gift, das durch die Adern rinnt und<br />

schließlich den ganzen Körper in<br />

Brand versetzt und das zum Wahnsinn<br />

führt. Unheilbar – das ist Vergils Diagnose. Liebe ist<br />

ein Vernichtungskrieg, der mit anderen Mitteln ausgetragen<br />

wird und zum schlechten Ende, zu Wahnsinn und Selbstmord<br />

führt.<br />

In unserer Tradition steht die Liebe nicht nur im Spannungsverhältnis<br />

von verheerender Leidenschaft und hehrer<br />

Himmelsmacht. Liebe steht im Konflikt zwischen Familie<br />

und Individuum. Sie stellt das Individuum gegen die<br />

Familie, gegen die Gesellschaft. Im Namen der Liebe rebelliert<br />

das Individuum für die Freiheit, den Geliebten selbst<br />

zu wählen und nicht denjenigen, den die Familie oder das<br />

Kollektiv designiert haben.<br />

„Heiratspolitik“ sagt ja eben dieses:<br />

Die Interessen der Gemeinschaft<br />

und der Familien zählen<br />

beim Schließen einer Ehe und<br />

nicht das individuelle Liebesglück,<br />

das im Fall des Falles schlicht geopfert<br />

werden muss. Im Interesse<br />

der Familie werden Kronprinzessinnen<br />

wie jüdische Bankiers- und<br />

kleine Bürgerstöchter „gut“ verheiratet.<br />

Von der aus Gründen der<br />

Staatsraison zwischen Marie Antoinette<br />

und Louis XVI geschlossenen<br />

Ehe erhofft man sich keine<br />

Liebe, sondern Kinder. Der steinreiche<br />

Bankier Rothschild verheiratet<br />

seine Töchter gleichgültig<br />

gegen deren Neigungen mit Christen,<br />

um die Integration in die französische<br />

Gesellschaft voranzutreiben.<br />

Emmas Vater nimmt Charles Bovary<br />

deshalb zum Schwiegersohn,<br />

weil er keine Mitgift verlangt. Davor<br />

ist Charles von seiner Mutter<br />

mit einer alten und angeblich sehr<br />

reichen Witwe verheiratet worden,<br />

die im Bett kalte Füße hat. Anna<br />

Karenina wird an ihren viel älteren<br />

und hässlichen Mann verheiratet,<br />

weil er eine ausgesprochen<br />

gute Partie ist. Weil er ihr eine


glänzende gesellschaftliche Stellung verspricht, wird die<br />

blutjunge Effi Briest mit Instetten verheiratet, der älter<br />

als ihre Mutter ist. Tritt die Liebe zu einer so arrangierten<br />

Ehe hinzu, ist das der erhoffte Glücksfall. Oft ereignet sie<br />

sich jedoch außerhalb der Ehe. Die Rebellion gegen die<br />

Konventionen, das sich hinwegsetzen über die Institution<br />

im Namen der Liebe ist dann oft tödlich. Tristan und Isolde<br />

schrecken um ihrer ehebrecherischen Liebe willen nicht<br />

vor Mord zurück und gehen schließlich selbst an ihr zu<br />

Grunde. Anna Karenina wirft sich vor den Zug.<br />

Gäbe es diesen Konflikt zwischen Liebe und Gesellschaft<br />

nicht, wären wir um viele Tragödien, viele Opern, viele<br />

Komödien, viele Romane ärmer. Die Liebe ist Rebellion –<br />

gegen die Familie, gegen die Gesellschaft. Diese Rebellion<br />

aus Liebe, dieser Kampf für die Freiheit der Liebe geht bis<br />

zum Tod. Das ist der mythische Stoff, aus dem unsere Dramen<br />

gestrickt waren. Die Liebe gegen die Familienmacht,<br />

gegen die Gesellschaft zu behaupten, ist der Freiheitskampf,<br />

der unermüdlich auf der Bühne geführt wurde.<br />

Bellinis Oper I Capuleti e i Montecchi, die aus der gleichen<br />

Quelle schöpft, die auch Shakespeare für seine Tragödie<br />

Romeo und Julia verwendet hat, fasst diesen Konflikt archetypisch.<br />

Die beiden, die sich hier so unsterblich verlieben,<br />

kommen aus zwei Familien, die sich in unversöhnlichem<br />

Hass gegenüberstehen. Nicht Liebe, sondern Mord<br />

herrscht zwischen ihnen. Seine Tochter Julia sieht der Vater<br />

Capulet selbstverständlich für jemanden aus seinem<br />

Clan vor, und selbstverständlich hat Julia nicht die Freiheit,<br />

mit dem zu gehen, den sie über alles liebt: den Anführer<br />

des feindlichen Clans. Julia hat in Bellinis Oper aber<br />

auch nicht diese innere Freiheit: Mit Romeo kann sie nicht<br />

fliehen, weil sie das Haus der Capuleti buchstäblich verkörpert<br />

und sie durch eine Flucht ihre Familie entehren würde.<br />

Romeos und Julias Liebe ist eine Liebe zum Tode. Für<br />

die Geliebte, die ihm eine heuchlerische Gesellschaft und die<br />

Göttin Diana zu entreißen suchen, zu sterben bereit ist auch<br />

der Hirte Fileno in Haydns Oper La fedeltà premiata. Diese<br />

Bereitschaft zum Selbstopfer ist umso reiner, als sein Tod<br />

ihr Leben an der Seite eines anderen ermöglicht.<br />

HIMMELSMACHT VS. FAMILIENMACHT<br />

2 5<br />

2 57<br />

Heute ist dieser Kampf um die Freiheit der Liebe gewonnen.<br />

Die letzte Etappe in diesem Kampf um die freie Liebe<br />

war die 68er-Revolution. Wir dürfen lieben, wen, wann<br />

und wie wir wollen. Kein Mensch erwartet mehr, dass eine<br />

Frau jungfräulich in die Ehe geht. Affären machen eine<br />

Frau höchstens interessanter und niemand würde daran<br />

denken, sich wie das verleumdete Dienstmädchen von<br />

Puccini qualvoll selbst zu Tode zu bringen, um seinen Ruf<br />

zu retten und seine Jungfräulichkeit in einer Autopsie beglaubigen<br />

zu lassen. Sexualität und Zeugung sind voneinander<br />

abgelöst und das Risiko ungewollter Schwangerschaften<br />

besteht kaum mehr. Schande und Entehrung sind<br />

uns fast unbekannte Konzepte. Kinder, die außerhalb der<br />

Ehe geboren werden, sind kein Stigma mehr für die Mutter,<br />

sondern frei gewählt. Arrangierte Ehen gibt es jedenfalls<br />

in unseren Breitengraden nicht mehr. Heiraten sind<br />

Liebesheiraten. Ehen werden problemlos ohne Schuldfrage<br />

geschieden. Die Ehe wird nicht mehr als Institution, sondern<br />

als Ort der Lust für beide Partner betrachtet; man<br />

bleibt nur so lange zusammen, wie man sich begehrt. Und<br />

da Leidenschaft nicht gerade ein taugliches Fundament<br />

für Institutionen ist, hat das zur seriellen Monogamie geführt.<br />

Die Ehe mit einer bürgerlichen, geschiedenen Frau<br />

kann wie im Fall des Prince of Wales eventuell noch zum<br />

Verlust des Thronanspruches führen. Härtere Sanktionen<br />

sind nicht zu befürchten. Im wahrsten Sinne des Wortes ist<br />

Liebe, einst die Fessel aller Fesseln, ganz frei, aber im selben<br />

Zug auch unverbindlich geworden.<br />

Die Frage ist aber, ob bei aller gewonnenen Freiheit „Liebe“<br />

und „Partnerschaft“ heute nicht zum Inbegriff des Gesellschaftskonformen<br />

geworden sind. Und unsere Toleranz<br />

repressiv. Kollektiv stehen wir unter dem Imperativ einer<br />

erfüllten Sexualität. Diese ist stärker denn je an das Paar<br />

gebunden. Nur im Paar gelten wir als ganz. Von den Jugendlichen<br />

erwarten wir, dass sie spätestens mit sechzehn<br />

eine Freundin oder einen Freund haben. Wedekinds Frühlingserwachen<br />

ist nicht mehr tragische Verstrickung; die<br />

16-Jährigen sind dort fast ein bisschen spät dran, und unsere<br />

Jugendlichen sollen es ihnen – natürlich ohne die tragischen<br />

Folgen – ganz unverbindlich bitte nachtun.<br />

Wichtigstes Kriterium für ein gelungenes Leben ist eine<br />

funktionierende, also sexuell erfüllende Partnerschaft. Alles<br />

darf man in den Sand setzen: das nicht. Dabei spielt es<br />

keine Rolle, ob die Geschlechtspartner homo- oder heterosexuell<br />

sind. Wie stark die Norm des Paares geworden ist,<br />

zeigt auch der Kampf der Homosexuellen auf das Recht<br />

zur Ehe, das nicht nur juristische oder ökonomische Gründe<br />

hat, sondern symbolische. Der Anspruch der Gesellschaft<br />

an den Einzelnen scheint zu sein: Du sollst, du musst<br />

genießen. Bei so viel Pflicht zur Lust verkümmert Leidenschaft<br />

oft zum Sex. Eine Affäre sollte auf keinen Fall Abgründe<br />

des Verzehrens, Sehnens und des Schmerzes aufreißen,<br />

sondern in das „feel good about yourself“-Programm<br />

integrierbar sein. Gesunder Sex wird zum Teil des Fitness-<br />

Pensums: Schließlich werden beim Orgasmus Kalorien abgebaut<br />

und das Herz an seine Höchstgrenze getrieben.<br />

Vielleicht ist es der moderne Befehl zur Lust – mit oder<br />

ohne Liebe –, der die jungen Leute scharenweise ins spießige<br />

Idyll treibt, wo die Liebe weder Himmelsmacht noch<br />

Dämon ist, so verbindlich wie wenig fesselnd und man weder<br />

himmelhoch jauchzend noch zu Tode betrübt, dafür<br />

aber auch nicht glücklich, sondern bestenfalls zufrieden ist.<br />

Der Wunsch nach einer stabilen, auf Treue und Vertrauen<br />

gründenden Partnerschaft mit zwei Kindern im Reiheneckhaus<br />

im Grünen war noch nie so stark wie heute.<br />

Mehr über die Autorin auf S. 8 (Contributors)


P–R–E–M–I–E–R–E<br />

La<br />

fedeltà premiata<br />

TEXT WOLFGANG FUHRMANN<br />

FOTOGRAFIE TATIANA LECOMTE


JOSEPH HAYDN<br />

IM DIENSTE SEINER<br />

DURCHLAUCHT<br />

Seine Symphonien und die Kammermusik sind weltberühmt.<br />

Doch wer könnte eine der Opern nennen, die Joseph Haydn für<br />

seinen Arbeitgeber, den Fürsten Esterházy, schrieb?<br />

Die jungen Sänger des Opernstudios erwecken in dieser Spielzeit<br />

La fedeltà premiata zu neuem Leben.<br />

Was Bayreuth für Richard Wagner und Salzburg für Wolfgang<br />

Amadé Mozart, das ist Eisenstadt für Joseph Haydn:<br />

eine authentische Stätte des Wirkens und der kulturellen<br />

Kontinuität und ein Ort, an dem die Musik des Komponisten<br />

engagiert und auf hohem Niveau gepflegt wird. Noch<br />

immer wird das Bild der Hauptstadt des österreichischen<br />

Burgenlands vom Schloss der Fürsten Esterházy bestimmt,<br />

jenem Gebäude, in dem Haydn jahrzehntelang seinen Dienst<br />

leistete, und dessen klassizistische Erweiterungen Anfang<br />

des 19. Jahrhunderts er noch miterlebt hat. Stärker als bei<br />

Wagner oder Mozart ist auch das „Populare“, die im Volk<br />

gängige oder nach dem Volk klingende Musik, in Haydns<br />

Musik eingegangen: Fürstliche Repräsentation und eingängige<br />

Melodik fanden hier zu einer Synthese, die seine Musik<br />

weltbekannt machte. Nirgends auf der Welt aber wird sie so<br />

eindringlich gepflegt wie bei den Haydn-Festspielen in Eisenstadt,<br />

wo man jeden September Bekanntes und Unbekanntes<br />

von Haydn und anderen auf hohem Niveau erleben<br />

kann. Immer noch sind die Fürsten Esterházy mächtige<br />

Grundbesitzer und kulturelle Förderer in Österreichs kleinstem<br />

Bundesland.<br />

Als Joseph Haydn 1761 in den Dienst dieses Fürstenhauses<br />

trat, bedeutete das für ihn einen Aufstieg sondergleichen.<br />

Er war nun „Vice-Capellmeister“, also designierter Nachfolger<br />

des alten und kränkelnden Kapellmeisters Gregor Joseph<br />

Werner (der 1766 starb), und dies am Hofe eines der<br />

mächtigsten Magnaten Ungarns, der nach dem Hause Liechtenstein<br />

sogar als der reichste des Heiligen Römischen<br />

Reichs galt.<br />

1761 war Haydn noch keine dreißig Jahre alt, doch er hatte<br />

die Tiefen existenzieller Not zur Genüge kennengelernt, um<br />

sein Glück zu würdigen und an ihm festzuhalten. Ein ehemaliger<br />

Sängerknabe des Wiener Stephansdoms, hatte er<br />

sich als freier Musiklehrer und Aushilfsmusiker „ganze 8<br />

Jahr Kumerhaft herumschleppen“ müssen, wie er selbst<br />

schrieb. In diesen Wiener Jahren hat Haydn wirklich bittere<br />

Armut kennengelernt – später schilderte er gern, viel-<br />

2 7 Zentrum des großen Wirtschaftsbetriebs in der<br />

2 7 Es war also eine streng, fast bürokratisch geordnete Welt im<br />

ungarischen<br />

leicht mit ein wenig Übertreibung, wie er am Michaelerplatz<br />

„ein armseliges Dachstübchen ohne Ofen, worin er kaum<br />

gegen den Regen geschützt war“, bewohnte und dort jede<br />

freie Minute zum autodidaktischen Kompositionsstudium<br />

an seinem „alten, von Würmern zerfressenen Klavier“ nutzte.<br />

Kein Wunder, dass er seinen Dienstantritt bei den Esterházys,<br />

diese seine zweite Stelle – sein erster Dienstherr, der<br />

böhmische Graf Morzin, hatte sich finanziell ruiniert –, als<br />

Chance begriff und nutzte.<br />

Dass Haydn seinen Dienstvertrag 1761 also voll Hochgefühl<br />

unterschrieb, dürfte kaum zu bezweifeln sein, zumal er hier<br />

Gelegenheit hatte, ein eigenes Orchester aufzubauen (und<br />

daraus das wohl herausragendste Ensemble seiner Zeit formen<br />

sollte). Zwar hat sich die bürgerliche Biographik über<br />

einige Formulierungen dieser „Convention und Verhaltungs-<br />

Norma des Vice-Capel-Meisters“, wie das Dokument heißt,<br />

immer wieder empört: Vorschriften wie jene, dass Haydn<br />

sich und seine Musiker sauber zu kleiden habe, dass er jeden<br />

Vor- und Nachmittag in der fürstlichen Kammer zu erfragen<br />

habe, „ob eine Musique seyn solle“, vor allem aber, dass er<br />

jederzeit auf Befehl zu komponieren, diese Kompositionen<br />

aber niemandem anderen zukommen lassen sollte als seiner<br />

Durchlaucht. Das alles scheint mit dem neuzeitlichen Bild<br />

des frei schaffenden Künstlers schwer vereinbar zu sein –<br />

und ist doch aus der Perspektive des Ancien Régime ganz<br />

verständlich: Der (Vize-)Kapellmeister war eben als „Haus-<br />

Officier“ ein leitender Angestellter (also gerade kein niederer<br />

Domestik), und seine Musik war eben so sehr das Eigentum<br />

des Hauses Esterházy wie etwa ein in dessen Auftrag<br />

angefertigtes Gemälde. Bezahlt wurde Haydn anständig,<br />

aber nicht übermäßig: Dreißig Jahre lang bezog er dasselbe<br />

Gehalt (etwa 800 Gulden), und eine 1771 erwirkte Aufbesserung<br />

um 200 Gulden kam nur zustande, weil Haydn zusätzlich<br />

das Organistenamt in der Eisenstädter Schlosskapelle<br />

übernommen hatte.


JOSEPH HAYDN<br />

2 8<br />

2 8


LA FEDELTÀ PREMIATA<br />

2 9<br />

2 9


JOSEPH HAYDN<br />

3 0<br />

3 0


LA FEDELTÀ PREMIATA<br />

„Niemand in<br />

meiner Nähe konnte<br />

mich an mir<br />

selbst irre machen<br />

und quälen.“<br />

Joseph Haydn<br />

Tiefebene, den die Esterházy’schen Landgüter darstellten.<br />

Und doch ließ die oft drückende Welt des Hofes Freiräume<br />

– solche des künstlerischen Experiments etwa, wie<br />

Haydn es in einem berühmten Ausspruch einmal formulierte:<br />

„Mein Fürst war mit allen meinen Arbeiten zufrieden,<br />

ich erhielt Beyfall, ich konnte als Chef eines Orchesters<br />

Versuche machen, beobachten, was den Eindruck<br />

hervorbringt, und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen,<br />

wegschneiden, wagen; ich war von der Welt abgesondert,<br />

Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir<br />

selbst irre machen und quälen, und so mußte ich original<br />

werden.“ Im Übrigen ließ sich Haydn durch die oben erwähnte<br />

Dienstvorschrift wohl zu keinem Zeitpunkt daran<br />

hindern, seine Musik mitzuteilen, in Abschriften oder im<br />

Druck zu verbreiten und damit sein Gehalt ordentlich<br />

aufzubessern. Offensichtlich lag diese Art gesicherter<br />

Existenz mit kleinen Freiräumen seinem eher konservativen<br />

Temperament näher als das risikoreiche Leben als<br />

„freier Musiker“, das er in Wien kennengelernt hatte.<br />

In gewisser Weise kam der europäische Ruhm, den sich<br />

Haydn mit seiner Musik nach und nach erwarb, auch seinem<br />

Patron zugute. Nikolaus I., der von 1762 bis 1790 regierte,<br />

führt nicht umsonst den Beinamen „der Prachtliebende“<br />

– das Jagdschloß Eszterháza in Ungarn, das von<br />

ihm zur prunkvollen Residenz ausgebaut wurde, wird<br />

noch heute, als nur teilweise restaurierte Ruine, seinem<br />

Ruf als „ungarisches Versailles“ gerecht. Ab 1766 bildete<br />

es den bevorzugten Sommeraufenthalt des Fürsten, der<br />

3 1<br />

3 1<br />

nur im Winter in Eisenstadt und im ungeliebten Wien<br />

lebte; erst sein Nachfolger zog wieder ganz nach Eisenstadt.<br />

Und neben seinen prächtigen Räumen, Gemälden<br />

und Uhren zählten zu den Prunkstücken dieses Schlosses<br />

eben auch das nicht mehr erhaltene Opernhaus, die Kapelle<br />

und ihr berühmter Kapellmeister. Der Fürst schickte<br />

neu eingetroffenen Besuchern im nahe gelegenen Pressburg<br />

(Bratislava, das damals zu Ungarn gehörte) sogar seine<br />

Kutsche, um ihnen einen Tagesausflug nach Eszterháza<br />

zu erleichtern, und ließ auch eine Art Kunstführer drucken,<br />

die „Beschreibung des Hochfürstlichen Schlosses<br />

Esterháß im Königreiche Ungern (!)“, der auch das prachtvoll<br />

ausgestattete Opernhaus pries: „Es ist unbeschreiblich,<br />

wie sehr hier Augen und Ohren ergötzet werden.“<br />

Dass dem Komponisten die Aufenthalte zumal im abgeschiedenen<br />

Eszterháza zumindest in späteren Jahren sauer<br />

wurden, lässt sich denken. In der Winterzeit hatte er<br />

freilich in Wien und im Umkreis des kaiserlichen Hofs<br />

viele Gelegenheiten, seine Musik aufzuführen und zu verbreiten.<br />

An eine Wiener Freundin, Marianne von Genzinger,<br />

der er zärtlich zugetan war, berichtete Haydn nach<br />

der Rückkehr nach Eszterháza einmal humoristisch und<br />

doch melancholisch, er sitze „in meiner Einöde – verlassen<br />

– wie ein armer waiß – fast ohne menschlicher Gesellschaft<br />

– traurig“. 1776 schrieb er in einer autobiographischen<br />

Skizze, dass er im Dienst der Esterházys „zu leben<br />

und zu sterben mir wünsche“, und formell wurde ihm –<br />

trotz seiner beiden umjubelten London-Reisen und eines


JOSEPH HAYDN<br />

de facto Ruhestands ab 1803 – dieser Wunsch erfüllt: Haydn<br />

blieb bis zu seinem Tode Hofkapellmeister.<br />

Seine wichtigste Funktion war zwischen 1775 und 1790 eben<br />

die eines Opernkapellmeisters, fast alle seiner Opern entstanden<br />

in dieser Zeit, als statt gelegentlicher Festopern ein<br />

regelmäßiger Spielbetrieb stattfand. Immer wieder kamen<br />

Gäste hohen und bürgerlichen Ranges, um die Opern Haydns<br />

und seiner Zeitgenossen unter der Leitung des berühmten<br />

Kapellmeisters selbst zu sehen. Dabei hatte der Komponist<br />

gerade von seinen Opern „im Ganzen eine gute Meinung“,<br />

erklärte aber zugleich, dass sie „in ihrer ursprünglichen Gestalt<br />

in der neueren Epoche schwerlich mit Glück aufgeführt<br />

werden könnten.“ Und damit liegt die Antwort auf die Frage,<br />

warum Haydn als Opernkomponist nicht berühmt geworden<br />

ist, schon recht nahe. Wie jeder andere Komponist seiner<br />

Zeit hat Haydn für einen konkreten Ort und vor allem<br />

für konkrete Interpreten komponiert, den Sängern die Musik<br />

gewissermaßen in die Kehle geschrieben. So können wir<br />

anhand der Besetzungsangaben beispielsweise rekonstruieren,<br />

dass seine langjährige Geliebte Luigia Polzelli als Sopranistin<br />

allenfalls mittlere Qualitäten aufwies. Offenbar hatte<br />

er eine gewisse Scheu, diese Werke anderswo aufführen zu<br />

lassen, während er seine Instrumentalmusik bedenkenlos an<br />

den meistbietenden Verleger verkaufte.<br />

Nichtsdestoweniger verbreiteten sich Haydns spätere Opern<br />

zumindest im deutschen Sprachraum. Die 1781 uraufgeführte<br />

La fedeltà premiata wurde beispielsweise in deutscher<br />

Übersetzung als Die belohnte Treue während der 1780er Jahre<br />

in Wien, Pressburg, Graz und Pest, vielleicht auch in<br />

Donau eschingen gespielt. Darüber hinaus versuchte Haydn<br />

gelegentlich, seinen Ruhm als Vokalkomponist durch gezielte<br />

Publikation einzelner Nummern zu befördern. Eine solche<br />

„Auskopplung“ einer besonders dramatischen Szene aus La<br />

fedeltà premiata – des Rezitativs und der Arie Ah, come il<br />

cuore mi palpita – war sogar äußerst erfolgreich. Diese bewegende<br />

Szene, in der Fillide (alias Celia) ihren Geliebten tot<br />

glaubt und sich gegen die Vorwürfe seines Schattens aus der<br />

Unterwelt verteidigen will, wurde in Hamburg und England<br />

von dem Kieler Professor Carl Friedrich Cramer in einer<br />

begeisterten Rezension als „ein kleines so sehr vollendetes<br />

Ganzes von dem richtigsten und edelsten Ausdrucke der<br />

Leidenschaft“ gepriesen – die vermutlich umfangreichste<br />

Besprechung irgendeines Werks von Haydn zu Lebzeiten<br />

des Komponisten überhaupt.<br />

Dass diese zeitweilige Verbreitung und Anerkennung von<br />

Haydns Opern ohne nachhaltigen Erfolg blieb, dass sie sich<br />

im Repertoire nicht etablierten, dieses Schicksal teilt er mit<br />

berühmteren Zeitgenossen wie Giovanni Paisiello oder Giuseppe<br />

Sarti. Wie die Opern Händels oder Vivaldis zeigen, bedeutet<br />

solche Vergessenheit keineswegs ein Urteil für immer.<br />

Vielleicht stimmt es, dass Haydns wahres Genie in der<br />

Instru mentalkomposition lag – dies sollte uns aber nicht daran<br />

hindern, seine Opern immer wieder einmal auf den Prüfstand<br />

3 2<br />

zu stellen.<br />

3<br />

2<br />

La fedeltà premiata von Joseph Haydn<br />

In Cumae kann treue Liebe tödlich sein: Die Göttin Diana fordert alljährlich<br />

das Opfer von zwei treu Liebenden. Einzig ein Freiwilliger, der sich<br />

für die beiden opfert, kann den Fluch aufheben. Ein solcher jedoch hat<br />

sich bisher nicht gemeldet, so steht bereits die Auswahl des zehnten<br />

Paares bevor. Doch Treue ist ein rares Gut in Cumae, und darum sind<br />

die Opfer nicht leicht zu finden: Aus Angst, zum treuen Liebespaar des<br />

Jahres gewählt zu werden, verstellen sich die Protagonisten, gehen<br />

nicht ernst gemeinte Beziehungen ein, wecken falsche Hoffnungen und<br />

lösen Enttäuschungen aus. Einzig Melibeo hat keine Angst, denn als<br />

Priester steht er unter dem Schutz der Diana und muss ihren Fluch<br />

nicht fürchten. Er nutzt seine Machtposition, um Amaranta, auf die er<br />

ein Auge geworfen hat, für sich zu gewinnen – und übersieht dabei, dass<br />

er sich selbst mitten im Spiel um Liebe und Glück befindet.<br />

Der Haydn-Sommer 2011 auf Schloss Esterházy:<br />

3. bis 5. Juni: Streichquartettfestival<br />

26. bis 30. Juli: Opernpasticcio<br />

26. bis 28. August: Alfred Brendel, Kit Armstrong: Recital, Gespräch,<br />

Vortrag<br />

27. / 28. August: Orlando Palladino<br />

8. bis 18. September: Internationale Haydntage<br />

Wolfgang Fuhrmann ist Assistent am Musikwissenschaftlichen<br />

Institut der Universiät<br />

Wien. Er beschäftigt sich seit vielen<br />

Jahren mit der Musik Joseph Haydns und<br />

der Wiener Klassiker und hat sich 2010 an<br />

der Universität Bern mit einer Arbeit über<br />

„Haydn und sein Publikum“ habilitiert.<br />

La fedeltà premiata<br />

Dramma pastorale giocoso in drei Akten<br />

von Joseph Haydn<br />

Premiere am Freitag, 25. März 2011,<br />

Cuvilliés-Theater<br />

Weitere Termine im Spielplan ab S. 90


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Ausgezeichnet. Mit dem ECHO Jazz 2010 und dem ECHO Klassik 2008. Die Musikabteilung im Kaufhaus der Sinne<br />

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1 9


JOHN NEUMEIER<br />

»DIESES BALLETT<br />

GEHÖRT<br />

NACH MÜNCHEN«<br />

John Neumeier kehrt nach München zurück. Im „Ludwig-Jahr“<br />

tanzt das <strong>Bayerische</strong> Staatsballett zur Eröffnung der<br />

BallettFestwoche die von der Tragödie des Bayernkönigs<br />

inspirierte Tschaikowsky-Adaption des Hamburger Tanzfürsten<br />

Illusionen – wie Schwanensee<br />

Interview: Klaus Witzeling<br />

Von der Revolution zum Klassiker: John Neumeier hat in<br />

seiner Version von Peter Tschaikowskys Schwanensee Elemente<br />

des Tanzes und Theaters innovativ verbunden. 1976<br />

in Hamburg uraufgeführt und nun selbst ein Klassiker im<br />

enormen Œuvre des Choreografen und Ballett-Intendanten,<br />

steht Illusionen – wie Schwanensee exemplarisch für seine<br />

Dramaturgie der Erinnerung und des Traums in szenischen,<br />

filmartig geschnittenen Rückblenden. In der durch die Tragödie<br />

des Bayernkönigs Ludwig II. inspirierten Adaption<br />

wandelt sich das romantische Märchenballett zur darstellerisch<br />

wie stilistisch facettenreich getanzten Seelenstudie eines<br />

innerlich zerrissenen Künstlers auf dem Thron, in der<br />

sich Fantasie und Wirklichkeit durchdringen. Die Inszenierung<br />

in der opulenten Ausstattung von Jürgen Rose ist paradigmatisch<br />

für das von Geschichte, Literatur, Psychologie<br />

und Regietheater animierte und belebte Ballettdrama<br />

Neumeiers.<br />

Kapitel einer einzigartigen<br />

Ballett-Geschichte:<br />

John Neumeier 1967 im<br />

Kostüm von Jeu de cartes<br />

von John Cranko.<br />

Foto: Klaus Mocha<br />

MAX JOSEPH Fünf Ihrer Ballette sind seit 1973<br />

vom <strong>Bayerische</strong>n Staatsballett aufgeführt und ins Repertoire<br />

übernommen worden, nur nicht Illusionen –<br />

wie Schwanensee. Warum hat es seit dem erfolgreichen<br />

Gastspiel 1978 so lange gedauert, bis das Ballett<br />

endlich in München angekommen ist?<br />

JOHN NEUMEIER Woran das genau lag, kann<br />

ich nicht sagen. Eine Ursache mögen die wechselnden<br />

Ballettdirektoren gewesen sein. Ich versuche ja nicht,<br />

meine Ballette direkt zu verkaufen. Ich warte auf eine<br />

Einladung oder einen einleuchtenden Grund, warum<br />

die Einstudierung einer meiner Choreografien gewünscht<br />

wird. Als mich Ivan Liška vor zwei Jahren<br />

darum gebeten hat, konnte ich nur sagen: Selbstverständlich,<br />

dieses Ballett gehört nach München.<br />

MJ Könnte das Zögern nicht auch an Ihrer für die Siebzigerjahre<br />

unkonventionellen Sicht des Königs gelegen haben,<br />

den Sie als Künstlertypus und Rebellen in politischer<br />

wie erotischer Hinsicht zeichnen?<br />

JN Nein, das glaube ich nicht. Weil ich Ballett nicht als ein<br />

realistisches Medium sehe. Mein Ballett ist keine historische<br />

Dokumentation. Die Inspiration zu meiner Königsfigur,<br />

die ich bewusst nicht Ludwig II. nenne, habe ich zwar<br />

eindeutig durch den Bayernkönig. Aber wichtig sind auch<br />

Parallelen zwischen ihm, dem Prinzen Siegfried im Ballett<br />

und dessen Komponisten Peter Tschaikowsky. Ich wollte<br />

meiner zerrissenen Königsfigur etwas Allgemeingültiges geben<br />

und nicht behaupten: Das ist wirklich Ludwig II., und<br />

die historische Geschichte war tatsächlich so. Es gab beispielsweise<br />

keine Prinzessin Natalie aus Polen. Man hätte<br />

sagen können: Ja, Herr Neumeier haben Sie denn nie ein<br />

Buch über Ludwig II. gelesen? Außerdem: Das Kunstmedium<br />

Tanz verlangt eine besondere dramaturgische Struktur.<br />

3 4 Und ich versuchte, meine mit dem ursprünglichen Konzept<br />

3 4 von Reisinger* und Tschaikowsky und vor allem natürlich


Foto: David Maupilé<br />

3 5<br />

BALLETTFESTWOCHE 3 5 2011


JOHN NEUMEIER<br />

John Neumeier als<br />

Hortensio bei<br />

der Premiere von<br />

Der Widerspenstigen<br />

Zähmung von<br />

John Cranko im<br />

März 1969.<br />

Foto: Jorge Fatauros<br />

der Ivanow-Fassung* für den zweiten „weißen Akt“ abzugleichen<br />

und diese einzubeziehen, so gut es möglich war.<br />

MJ Zur Zeit der Uraufführung hat Illusionen Furore<br />

gemacht, erntete Begeisterung und harsche Kritik.<br />

JN Mein Nussknacker war noch davor und wirkte<br />

schon revolutionär, weil er nicht zu Weihnachten<br />

spielt. Aber Schwanensee war eine noch heiligere Kuh<br />

– ich wollte sagen: ein noch heiligerer Vogel. Mats Ek<br />

hat mir Jahre später gesagt, wie beeindruckt er von<br />

meiner Produktion war, dass sie ihm den Mut für seine<br />

gegeben hat. Es mag schon revolutionär gewirkt<br />

haben, war aber nie mein Wunsch, absichtlich etwas<br />

Revolutionäres zu machen. Ich war nur davon überzeugt,<br />

dass ich Schwanensee nicht anders hätte inszenieren<br />

können.<br />

MJ Der Ballettkritiker Horst Koegler spricht in seinem<br />

Buch über Sie im Zusammenhang mit den drei Tschaikowsky-Klassikern<br />

Nussknacker, Schwanensee und Dornröschen<br />

von einer Hamburgischen Dramaturgie des Balletts.<br />

Können Sie das Konzept skizzieren?<br />

JN Schön, dass Herr Koegler das so sieht. Mir ging es<br />

bereits 1974 beim Meyerbeer – Schumann-Abend einfach um<br />

meinen Versuch, die Tatsache, dass ein Ballett ein Ballett<br />

ist, aufzubrechen und mir zu sagen: Ein Ballett ist auch<br />

eine Form von Theater. Das war vielleicht eine revolutionäre<br />

Ausgangsidee.<br />

MJ Was war denn das Neue an Ihrem Meyerbeer –<br />

Schumann-Ballett?<br />

JN Der Vorhang ging auf. Im Dunkeln hörte man<br />

eine alte Originalaufnahme von Enrico Caruso, der<br />

eine Arie aus Meyerbeers L’Africaine sang, während<br />

Will Quadflieg Briefe von Schumann und Boy<br />

Gobert Briefe von Meyerbeer zitierten. Dann, als<br />

das Licht langsam kam, sah man zwei Tänzer in<br />

Trainingskleidern, die an der Stange ihr Exercise<br />

machten. Auf der Bühne lagen Kleidungsstücke herum.<br />

Neugierig nahmen die Tänzer sie auf, probierten,<br />

zogen sie an, schlüpften ins Kostüm – und damit<br />

in die Figuren, standen als Meyerbeer und<br />

Schumann da. Das Regietheater in der Oper stellt<br />

die Frage: Warum singt einer? Warum höre ich Musik?<br />

Ich stellte die Frage: Warum tanzen wir? Bis<br />

3 6<br />

3 6<br />

dahin stellte man die Frage nicht beim Ballett: Hier<br />

war man im Theater und das Orchester spielte.<br />

MJ Geht es Ihnen um einen gedanklichen oder emotionalen<br />

Wendepunkt, an dem ein Sänger zu singen, ein Tänzer<br />

zu tanzen beginnt?<br />

JN Genau. Meyerbeer – Schumann, Daphnis und Chloé und<br />

auch die Illusionen beginnen mit einem Prolog in der Stille.<br />

Zwei Wachleute bringen den König in ein Gebäude, das ihm<br />

fremd, dem Zuschauer fremd ist. Erst als er das Schwanenemblem<br />

auf seinem Kostüm zufällig berührt, es bewusst aufnimmt,<br />

überwältigen ihn Erinnerungen, und wir hören<br />

die Musik seiner Emotion, seiner Erinnerung. Das Ballett<br />

Schwanensee beginnt …<br />

MJ … in dem bei Ihrer Interpretation auch Homosexualität<br />

ein zentrales Motiv ist. Wir werden heute<br />

von schwulen Bürgermeistern regiert, aber 1976 war<br />

das noch undenkbar. Hatten Sie in irgendeiner Form<br />

Schwierigkeiten damit?<br />

JN Wenn ich zurückdenke, war es auch damals kein<br />

Problem für mich. In meinen ersten Vorstellungen<br />

vom Ballett sah ich einen Prinzen am Rand eines Seeufers<br />

gehen und hinter ihm einen schönen Mann in<br />

Schwarz. Ich habe nicht gefragt: Darf ich das machen?<br />

Ich bin zwar nicht jemand, der auf dem Christopher<br />

Street Day mitgeht, aber das Männer-Duo habe ich nie<br />

in Frage gestellt. Allerdings habe ich offen gelassen, ob<br />

der Mann im Schatten einen Doppelgänger oder einen<br />

Todesengel verkörpert, also den Wunsch nach einem<br />

Liebhaber, die Schuldgefühle des Königs oder dessen<br />

Todessehnsucht. Ich will der Figur ihre Vielseitigkeit<br />

erhalten, sie nicht erklären und ihr die Magie nehmen.<br />

Das hat mit derselben Idee zu tun, warum Ludwig<br />

schlicht „Der König“ heißt.<br />

MJ Gab es für Sie bei der Inszenierungskonzeption Einflüsse<br />

oder Vorbilder von Theaterregisseuren?<br />

JN Als Jürgen Rose und ich mit der großen Ballett-Literatur<br />

des 19. Jahrhunderts experimentierten, waren wir stark<br />

von Peter Stein geprägt. Die Kostüme sollten bis ins letzte<br />

Detail stimmen. Wir fragten uns, wie wir die magische Realität<br />

seiner Schauspiel-Inszenierungen auf die Ballettbühne<br />

übertragen könnten, um Ähnliches zu erreichen wie Stein in<br />

seinem Peer Gynt. Auch der französische Regisseur Patrice


INTERVIEW<br />

Neuschwanstein an der<br />

Elbe: Alexandre<br />

Riabko als der von<br />

König Ludwig II.<br />

inspirierte „König“ im<br />

Jahr 2010 in der<br />

Hamburger Wiederaufnahme<br />

von Illusionen – wie<br />

Schwanensee.<br />

Foto: Holger Badekow<br />

Chéreau war mit seinem körperlich-sinnlichen Inszenierungsstil<br />

sehr wichtig für mich. Er hat mich darauf gebracht,<br />

dass man einem klassischen Werk trauen und versuchen<br />

muss, dessen Wahrheit so intensiv zu begreifen, dass es in<br />

seiner eigenen Stimme neu klingt – auch im traditionsbeladenen<br />

Ballett.<br />

MJ Beide Regisseure revolutionierten zu ihrer Zeit<br />

ähnlich wie Peter Brook die internationale und deutsche<br />

Theaterszene. Welche Rebellen waren in der<br />

Tanzkunst für Sie richtungsweisend?<br />

JN Vaslav Nijinsky natürlich. Seine Kreativität und<br />

den Mut, Dinge zu verlangen, die so außergewöhnlich<br />

und innovativ waren für die Menschen, mit denen er<br />

gearbeitet hat, empfinde ich als revolutionär. Man<br />

konnte damals doch noch keinen Vergleich zu Arbeiten<br />

einer Martha Graham oder eines Merce Cunningham<br />

ziehen. Unter den amerikanischen zeitgenössischen<br />

Choreografen ist Jérome Robbins ein Vorbild, vor allem<br />

die Konzepte für seine weniger bekannten Ballette<br />

The Guests oder auch The Age of Anxiety, die auf seiner<br />

Beschäftigung mit der Psychoanalyse basieren,<br />

beeindruckten mich sehr, obwohl ich sie nicht gesehen<br />

hatte. Er war insofern rebellisch, als er eine seiner<br />

wichtigen Schaffensphasen unterbrochen hat, sich für<br />

zwei Jahre in ein Studio zurückzog, um wie in einem<br />

Labor die choreografischen Arbeitsmethoden auf die<br />

Entwicklung von neuen Theaterformen anzuwenden.<br />

MJ In welchen Arbeitsschritten entwickelt sich die Neueinstudierung<br />

von Illusionen?<br />

JN Gebe ich ein größeres Werk an eine andere Compagnie,<br />

ist meine erste Frage: Passt es zu ihr oder nicht? Was werden<br />

wir beide, die Compagnie und ich als Choreograf, voneinander<br />

lernen? Über die Antwort entscheide ich eher intuitiv,<br />

aber sie hängt auch von der Kapazität und Qualität des<br />

betreffenden Ensembles ab, welches das Werk einstudiert.<br />

Im zweiten Schritt überprüfe ich die Besetzungen, mit denen<br />

meine Assistenten zuerst Szenen und Schritte erarbeiten.<br />

In der Anfangsphase vermittle ich auch Inspirationen<br />

zu den Charakteren und Situationen. In den letzten zwei<br />

oder drei Wochen bin ich wieder dabei, überprüfe die Bühneneinrichtung<br />

und lasse mich auch zu Änderungen durch<br />

die neue Besetzung inspirieren.<br />

3 7<br />

3 7<br />

MJ Haben Sie jemals davon geträumt, in einem<br />

Schloss zu wohnen?<br />

JN Ja, immer (lacht lauthals). Tatsächlich träume<br />

ich immer wieder, dass ich in Schlössern wohne. Ein<br />

interessanter Traum, weil ich weiß, es gibt Räume in<br />

diesem Haus, die ich noch nicht gesehen habe. Das ist<br />

ein ganz aufregendes Gefühl.<br />

MJ Sie haben sich doch Ihr Schloss gebaut, oder nicht?<br />

JN Nur ein ganz kleines, bescheidenes. Seit ich aus meinem<br />

Zuhause in Amerika wegging, hatte ich nicht in einem Haus<br />

gelebt. Ich bin gewarnt worden: Warum wollen Sie in einem<br />

Haus wohnen, normalerweise bewohnen die Leute doch immer<br />

nur gewisse Räume? Ich mache das nicht. Seit drei Jahren<br />

wohne ich wirklich in meinem ganzen Haus. Je nachdem,<br />

was ich mache, benutze ich verschiedene Räume. Ich bewohne<br />

dieses Haus in seiner Fülle. Ich sage das, auch wenn ich in<br />

Verdacht geraten sollte, größenwahnsinnig zu sein.<br />

MJ Mit dem Ballettzentrum – Horst Koegler nennt es<br />

in seinem Buch ein Ballettimperium – haben Sie sich<br />

doch auch ein eigenes Reich geschaffen?<br />

JN Das sehe ich anders. Das Ballettzentrum ist aus<br />

einem Kern entstanden. Als ich nach Hamburg gekommen<br />

bin, wo ich übrigens anfangs nicht gewollt war,<br />

weil man nicht wusste, was dieser junge revolutionäre<br />

Typ da anstellen würde, fing ich in einem kleinen Büro<br />

an, das ich mit meinem Ballettmeister teilte, weil es<br />

der einzige Raum mit Dusche war. Als man den Erfolg<br />

bemerkte, musste man diesen Erfolg sichern, und es<br />

bedurfte auch der Vergrößerung, weil die Anforderungen<br />

mit mehr Vorstellungen, Gastspielen und der Ballettschule<br />

gestiegen sind. Das Zentrum ist da, weil die<br />

Arbeit solche Dimensionen angenommen hat. Aber ich<br />

habe nie gesagt, ich komme nur nach Hamburg, wenn<br />

ich ein Ballettzentrum erhalte.<br />

MJ Sie sind als revolutionärer Typ gekommen und stehen<br />

jetzt als etablierter Ballettintendant auf der anderen Seite.<br />

Wie kommen Sie mit diesem Wechsel zurecht?<br />

JN Ich empfinde das nicht so, ich habe mich nicht völlig<br />

verändert. Jedes Mal, wenn ich vor einem neuen Ballett stehe,<br />

frage ich mich: Kann ich das überhaupt oder schaffe ich<br />

es? Das Entscheidende ist noch immer die Kreativität. Die<br />

Potenz von Kreativität ist es, die den Garten wachsen lässt.


JOHN NEUMEIER<br />

Weiße Akte, heilige<br />

Kuh? Mit Illusionen –<br />

wie Schwanensee<br />

revolutionierte John<br />

Neumeier den<br />

Klassiker des Handlungsballetts.<br />

Foto: Holger Badekow<br />

Wenn das nicht mehr da ist ... Ich glaube nicht, dass ich ein<br />

administrativer Ballettdirektor sein könnte, selbst wenn ich<br />

zwei Zentren hätte.<br />

MJ Wollen Sie neben Ihrem Werk auch mit Ihrer<br />

Sammlung etwas Bleibendes schaffen?<br />

JN Nicht jede Privatsammlung beginnt mit dem Gedanken,<br />

sie weiterzugeben. Der Anfang waren Neugier<br />

und Wissensdurst. Ich habe mit Büchern begonnen,<br />

lange bevor ich einen Stich, eine Radierung oder<br />

ein Kunstobjekt gekauft habe. Ich war zunächst an<br />

Büchern interessiert, weil ich Informationen gesammelt<br />

habe, um mein Wissen zu vergrößern. Als ich<br />

den Nijinsky-Kopf ersteigert hatte, kam die Freude<br />

an Kunstwerken dazu und das Gefühl, unbewusste<br />

Aspekte über diesen Künstler zu erfahren. Langsam<br />

kommen die Gedanken: Diese wunderbare Sammlung<br />

kann nicht nur für mich sein.<br />

MJ Verliert der Rebell in der Vitrine nicht und wird zum<br />

Denkmal?<br />

JN Ich lebe mit meiner Sammlung. Sie ist ein lebendiger<br />

Schatz, der meine Arbeit befruchtet. Denn zur Freude und<br />

Leidenschaft, sie auszuweiten, kommt später dann auch<br />

eine Verantwortung. Waren es anfangs die persönliche Faszination<br />

und mein Bedürfnis, mehr zu wissen, kann ich jetzt<br />

die Neugier anderer Menschen wecken und ihnen die Möglichkeit<br />

bieten, diese Werke im Zusammenhang kennen zu<br />

lernen. Darum habe ich auch die John Neumeier Stiftung<br />

gegründet, um die Sammlung in ihrer Gesamtheit zu erhalten<br />

– nicht nur die Nijinsky-Abteilung.<br />

MJ Rebellion entzündet sich auch am Widerspruch<br />

gegen die Tradition und die ältere Generation. Haben<br />

Sie Rebellion gegen sich erfahren?<br />

JN Schwer zu beantworten. Ich weiß natürlich nicht,<br />

was jüngere Choreografen über mich denken. Ich weiß<br />

nur von mir: Während ich John Crankos Romeo in<br />

Stuttgart tanzte, habe ich meinen eigenen geplant und<br />

die Oberflächlichkeit kritisiert, mit der – wie ich „Rebell“<br />

meinte – er das Shakespeare-Drama gesehen hat.<br />

Ich war schon rebellisch und hatte meine kleine Gruppe<br />

um mich, die mir wie Jünger folgte. Wenn junge<br />

Choreografen meiner Compagnie so denken würden,<br />

hätte ich nichts dagegen und würde es verstehen. Aber<br />

3 8<br />

3 8<br />

wenn ich auf junge Choreografen treffe, begegnen sie<br />

mir mit großem Respekt, mehr, als ich eigentlich erwarte.<br />

Was sie von einzelnen Werken halten, kann ich<br />

nicht sagen, das ist ihre eigene Meinung. Aber ich fühle<br />

mich gut in der Auseinandersetzung mit den neuen Rebellen<br />

dieser Zeit.<br />

MJ Sie haben sich mit dem Gewicht des Ehrenbürgers auch<br />

in die Debatten um die Kultur in Hamburg eingemischt und<br />

eine Form von Widerstand artikuliert. Macht sich der Unangepasste<br />

in Ihnen so auch im reifen Künstler bemerkbar?<br />

JN Natürlich ergreife ich Partei für die Kunst. Aber vor<br />

allem dadurch, dass ich an ihr arbeite und mich ihr widme.<br />

Ich bin hauptsächlich damit beschäftigt, an unseren nächsten<br />

Ballettabend zu denken und ihn möglichst gut über die<br />

Bühne zu bringen. Ich denke an die Werke, die in dieser<br />

Spielzeit herauskommen: Sylvia in Amsterdam, Die kleine<br />

Meerjungfrau in Moskau oder nun in München Illusionen –<br />

wie Schwanensee und vor allem die Premiere der Zehnten<br />

Sinfonie von Gustav Mahler hier in Hamburg. Dafür muss<br />

ich präsent sein, um sie mit meinen heutigen Augen auf den<br />

gegenwärtigen Stand zu bringen.<br />

MJ Werden Sie etwas an den Illusionen verändern?<br />

JN Ich verspreche nichts. Aber Veränderung ist der<br />

Grund, warum ich immer weiter arbeite. Tanz ist Bewegung<br />

– alles ist möglich.<br />

* Die erste Choreografie zu Schwanensee stammte von einem Choreografen<br />

namens Julius Wenzel Reisinger und wurde zum Desaster. Erst 1894 wurde<br />

durch Marius Petipa (1. und 3. Akt) und Lew Iwanow (2. und 4. Akt) zu<br />

Tschaikowskys Komposition eine ebenbürtige Choreografie erschaffen, die<br />

sich bis heute behauptet.<br />

Klaus Witzeling ist Ballettkritiker<br />

des Hamburger Abendblattes<br />

Illusionen – wie Schwanensee<br />

Eröffnung der BallettFestwoche am<br />

Donnerstag, 21. April 2011,<br />

Nationaltheater<br />

Weitere Termine im Spielplan<br />

ab S. 90


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ALEXANDER KLUGE<br />

EIN REQUIEM<br />

ÜBER DIE<br />

VERLORENE FREIHEIT<br />

IN DER LIEBE<br />

Vincenzo Bellinis<br />

I Capuleti e i Montecchi<br />

Von<br />

Alexander Kluge<br />

Illustration<br />

Mircea Cantor<br />

4 0<br />

4 0


EIN REQUIEM ÜBER DIE VERLORENE FREIHEIT IN DER<br />

Im Ursprung der Zivilisationen gibt es keine Freiheit der<br />

Einzelnen, am wenigsten in der Liebe. Das unteilbare Individuum,<br />

die unveräußerliche Emotion ist etwas Modernes.<br />

Am Anfang stehen Clans und ihre Gefolgschaft, Väter<br />

verfügen über die Zukunft ihrer Töchter. In den italienischen<br />

Städten der Renaissance verteidigen sich in Familientürmen<br />

diese Clans gegeneinander. Wie die Kirchen die<br />

geistliche, so drücken diese Hochbauten die weltliche Macht<br />

aus: eingefrorener Bürgerkrieg.<br />

L<br />

I<br />

E<br />

B<br />

E<br />

blüfft, wie aus so viel Improvisation und Vermischung ein<br />

derart überzeugendes Werk sich herausmendelte. Die<br />

Evolution bastelt, die Kunst ebenfalls, die Liebe auch.<br />

Bei Romeo und Julia bastelt die Geschichte am eigenen<br />

Unglück. Zweimal hätte Julia die Chance gehabt zu einer<br />

gemeinsamen Flucht mit Romeo aus dem Herrschaftsbereich<br />

des Clans. Wie mit unsichtbaren Fäden festgehalten,<br />

bleibt sie im Bereich des Vaters.<br />

Das ist der Hintergrund, auf dem sich das Schicksal des<br />

Romeo Montecchi und der Giulietta Capuleti abspielt. Es<br />

geht um eine Wandergeschichte, die schon seit der Antike<br />

erzählt wird. Bei Ovid heißt sie Pyramus und Thisbe. Die<br />

Geschichte wird wieder aufgenommen in den Erzählungen<br />

der Renaissance, beginnend mit der Unglückserzählung<br />

von Mariotto und Gianozza da Salerno (1476). Es<br />

bewegt die Menschen, dass ein Vater seine Tochter (den<br />

wertvollsten Schatz) verwahren will und dadurch umbringt<br />

– wie später in Verdis Rigoletto – oder dass ein<br />

Bruder die Schwester zum Machterhalt des Clans benötigt<br />

und so in den Wahnsinn treibt – wie Lucia di Lammermoor.<br />

Zu diesem Stamm des Erzählens gehört Bellinis<br />

Meisteroper I Capuleti e i Montecchi, die den Bogen<br />

spannt zu den Höhepunkten in Bellinis Werk: Norma und<br />

I Puritani.<br />

Es war eine Menge kreativer Zufälle erforderlich, damit<br />

dieses Werk so entstand, wie wir es heute kennen. Das<br />

Teatro La Fenice hatte dem renommierten Komponisten<br />

Nicola Vaccai den Auftrag für die Komposition des Werks<br />

gegeben. Da dieser um die operninteressierte Prinzessin<br />

Samoiloff warb und alle Termine und Nachfristen nicht<br />

einhielt, sprang Vincenzo Bellini ein. Er übernahm von<br />

Vaccais Projekt den Stoff, einen Teil der Texte und die<br />

Zeitnot. So wanderten breite Teile von Bellinis letzter<br />

Oper Zaira (nach Voltaires Trauerspiel von 1732) in die<br />

Partitur der neuen Oper ein. Nach dem Erfolg der Premiere<br />

wurde dennoch das Finale Bellinis durch die Komposition<br />

des ursprünglichen Beauftragten, Vaccai, ersetzt (auf<br />

Veranlassung der Sängerin Maria Malibran). Jahrzehntelang<br />

wurde die Oper mit diesem Ende gespielt. Es ver-<br />

4 1<br />

4 1<br />

Die dramatische Handlung des Librettos ist einfacher als<br />

das Stück Shakespeares, das Bellini nicht vorlag. Will<br />

man die Brücke zwischen der starken Musik und der intrigenreichen<br />

Handlung schlagen, sollte man die Subtexte<br />

im Gelände der dramatischen Verhältnisse genau lesen.<br />

Es geht nicht darum, dass Julia auf Rat eines Arztes<br />

durch Scheintod dem Herrschaftsbereich ihrer Familie zu<br />

entkommen sucht, die Nachricht davon Romeo nicht erreicht,<br />

so dass er sich angesichts der Scheintoten selbst<br />

umbringt, worauf Giulietta den Liebestod erleidet. Es<br />

geht um etwas Grundsätzlicheres und Allgemeineres, das<br />

Bellinis Musik, eine moderne Freiheitsmusik, mit ihren<br />

„langen Melodien“ (wie Verdi gesagt hat) in schöner Unwirklichkeit<br />

ausdrückt. Die Musik besiegt die Gewalt<br />

(wie bei Orpheus), aber die Gewalt beherrscht die Handlung<br />

und vernichtet die Liebenden. Das ist der Grund für<br />

das lyrische Requiem, das Bellini schrieb, unabhängig von<br />

Einzelheiten der Handlung und dem historischen Bürgerkriegsszenario<br />

zwischen Ghibellinen (Anhänger der deutschen<br />

Kaiser) und Guelfen (Anhänger der lombardischen<br />

Städte und des Papstes).<br />

Für kurze Momente antworten allerdings Handlung und<br />

Musik direkt aufeinander im Sinne der Freiheitsidee Bellinis.<br />

So treffen zum Beispiel die Rivalen Tebaldo (mit<br />

ihm soll Giulietta zwangsverheiratet werden) und Romeo<br />

im Duell aufeinander. In diesem Moment kommt der<br />

Trauerzug daher, mit dem die (scheintote) Giulietta in die<br />

Grabkammer getragen werden soll. Die beiden Rivalen<br />

werfen, überwunden von Musik und von Trauer, ihre<br />

Schwerter von sich und stehen einen Moment lang wie<br />

Verbündete da. In diesem Augenblick herrscht kein Bür-


ALEXANDER KLUGE<br />

gerkrieg mehr. Es gibt zwar keine Utopie, aber eine Heterotopie:<br />

eine Parallelwelt, in der kriegerische Verhältnisse<br />

auch glücklich ausgehen und in Versöhnung enden können.<br />

Das ist ein Dauerthema der italienischen Oper und macht<br />

die Schönheit ihrer traurigen Melodien aus.<br />

Das zugrunde liegende, sehr ernste Problem liegt darin:<br />

Das Konzept der modernen, emphatischen Liebe ist<br />

kompromisslos; Liebe ist unteilbar. In der Wirklichkeit<br />

des Lebens aber arbeiten in den Liebenden ganz unterschiedliche,<br />

einander überlagernde Bindungskräfte. So<br />

ist es für Giulietta vermutlich nicht möglich, die Liebe<br />

zu den Eltern und zum eigenen Hause ganz wegzuwerfen,<br />

zu löschen, quasi zu leugnen. Umgekehrt gibt es in<br />

der menschlichen Evolution den Hang zur Exogamie:<br />

Das Liebesglück winkt draußen, außerhalb der Familie.<br />

Das schafft eine Zerrissenheit, von der die Musik<br />

berichtet.<br />

Glauben oder die Familienbande einfach abgewöhnen, wenn<br />

doch die Kinderseele in den Menschen zu dem einen hin und<br />

die erwachsene Erotik zum anderen hin ihre Attraktionen<br />

ausübt. Liebe ist ein konservativer Trieb. Sie gehorcht der<br />

Aufklärung jedenfalls nicht rasch.<br />

Alles dies ist der Grund für Bellinis bewegendes Werk.<br />

Es geht um die Trauer, dass die menschlichen Emotionen<br />

so sind, wie sie sind, dass Machtverhältnisse in ihrer<br />

Rücksichtslosigkeit diese Gefühle nicht achten und dass<br />

es keine dramaturgischen Tricks gibt, die den Ernst des<br />

Subtextes mildern können. Die Milderung besteht darin,<br />

dass die generöse Musik Bellinis tröstet. So ist eine der<br />

schönsten Trauermusiken der Welt entstanden in dieser<br />

Oper Bellinis, welche die siebte in seinem jungen und<br />

kurzen Leben war.<br />

I Capuleti e i Montecchi erzählt von dieser Konstellation:<br />

dem Fremden (im Film von Romeo und Julia wäre das<br />

Leonardo DiCaprio) und dem Clan zu Hause. Von einem<br />

solchen Dreieck erzählt auch Verdis La forza del destino.<br />

Hier herrscht nicht Bürgerkrieg zwischen städtischen<br />

Parteien, sondern das Problem ist Rassismus und Standesdünkel.<br />

Der Geliebte Leonoras ist ein Inka-Prinz. Einen<br />

Moment kommt es, wie in Bellinis Oper, zu einer<br />

Nähe zwischen dem rächerischen Bruder Leonoras und<br />

dem Geliebten dieser jungen Frau. Die Musik sagt: Sie<br />

könnten gute Freunde sein. Das ändert nichts am tragischen<br />

Ausgang der Handlung. In der früheren Oper Bellinis,<br />

Zaira, aus der, wie gesagt, ein wesentlicher Anteil<br />

der Partitur stammt und die auf Voltaires Tragödie basiert,<br />

geht es um eine verwandte Konstellation. Ein Vater und<br />

ein Bruder vernichten das Glück einer jungen Prinzessin,<br />

die einen Muslim liebt, so wie dieser sie wieder liebt. Hier<br />

ist christlicher Fundamentalismus der Motor des Vernichtungsprinzips.<br />

Bei dem Aufklärer Voltaire heißt es: „Herkunft,<br />

Familie, Blut sind Steine am Hals der Freiheit.“<br />

Die Freiheit der Liebe hat keine Chance, wenn es um<br />

fundamentalistischen Glauben geht. Der Aufklärer Voltaire<br />

macht es sich einfacher als Bellini. Er blickt auf den 4 2<br />

Kampf der Prinzipien, als könne man sich den religiösen 4 2<br />

I Capuleti e i Montecchi<br />

Tragedia lirica in zwei Akten<br />

von Vincenzo Bellini<br />

Premiere am Sonntag, 27. März 2011,<br />

Nationaltheater<br />

Weitere Termine im Spielplan ab S. 90<br />

Mehr über den Autor auf S. 8 (Contributors)


4 3<br />

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1 9<br />

1 9


SAINT FRANÇOIS D’ASSISE<br />

DIE<br />

LEISE SUBVERSION<br />

Pilgern ist die Chance,<br />

sich selbst in großer<br />

Ursprünglichkeit zu erleben<br />

und Antworten auf die<br />

Zumutungen unserer Zeit<br />

zu finden.<br />

Text Judith Specht<br />

Bilder Suuri Maruyama<br />

Hape Kerkeling dürfte der derzeit bekannteste Pilger sein.<br />

Durch seinen Entschluss, „mal weg“ zu sein, zeigte er eine<br />

Möglichkeit auf, in der modernen Gesellschaft nach einem<br />

eigenen Weg zu suchen. Über drei Millionen Leser sind ihm<br />

allein bis 2008 als „Lesesesselpilger“ gefolgt, und für viele<br />

davon war das Buch der letzte Anstoß, auch selbst „mal<br />

weg“ zu sein.<br />

Pilgern und darüber schreiben – damit ist Kerkeling freilich<br />

nicht allein. Vielmehr steht er in einer langen Tradition<br />

von Literaten und Künstlern, die Inspiration wie<br />

Inhalt zu ihren Werken im Gehen entdeckten. Zudem findet<br />

sich Kerkeling in Begleitung vieler, die sich durch<br />

eine zeitlich begrenzte Abkehr vom Alltag Impulse für<br />

Veränderung erhoffen. Sei es die Londoner Investmentbankerin,<br />

die nach dem Bankencrash kündigt und Neuorientierung<br />

auf dem Jakobsweg sucht. Oder der Bremer<br />

Privatier, der auf einer einwöchigen Alpenwanderung<br />

Kraft, das Gefühl der Freiheit und Inspiration findet.<br />

Doch was fasziniert immer mehr Menschen an dieser<br />

scheinbar verstaubten Art der Fortbewegung? Ist es ein<br />

4 4<br />

4 4<br />

typisches Phänomen einer spätmodernen Gesellschaft, in<br />

der Entwicklungen der Moderne wie Beschleunigung oder<br />

Individualisierung nicht mehr als Fortschritt, sondern als<br />

Überforderung erlebt werden?<br />

Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen:<br />

Durch Langsamkeit, Unwägbarkeit und – oft ungewohnte<br />

– körperliche Anstrengung wird das Machbare in Frage<br />

gestellt und damit ein tiefgehendes Freiheitsgefühl erlaufen.<br />

Natürlich ist es möglich, in sechs Stunden mit dem<br />

ICE Deutschland zu durchqueren, gleichzeitig zu telefonieren,<br />

zu arbeiten und zu essen. Aber ist es nicht vielleicht<br />

erfüllender, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren<br />

und in diesen sechs Stunden eine Tagesetappe auf<br />

einem Pilgerweg zu laufen? Stunden, in denen man die<br />

Wärme der Sonne oder Nässe des Regens spürt. Und die<br />

Fähigkeit des eigenen Körpers zur ursprünglichsten Art<br />

der Fortbewegung erlebt.<br />

Pilger- und Fernwanderungen lassen sich als Passageritual<br />

beschreiben. Sie unterscheiden sich von reinen Urlaubswanderungen,<br />

bei denen – je nach Geschmack – Leistungsbeto-


P I L G E R N<br />

P–R–E–M–I–E–R–E<br />

Saint François d’Assise


nung oder Naturgenuss im Vordergrund stehen, der Alltag<br />

aber nur kurzfristig ausgeblendet wird. Denn Wanderungen<br />

als Passageritual werden mit der Intention durchgeführt,<br />

über die Erfahrung des Unterwegsseins hinaus eine<br />

Antwort auf die Zumutungen der Spätmoderne zu finden.<br />

Oft geben biographische Wendepunkte den Anstoß – zum<br />

Beispiel die Verrentung oder eine überwundene schwere<br />

Krankheit. Wandern dient hier als Mittel zum Zweck und<br />

eröffnet sozusagen Schritt für Schritt die Chance zur (Re-)<br />

Konstruktion der eigenen Biographie.<br />

Der Jakobswegforscher Klaus Herbers bezeichnet Pilgern<br />

(auch) als subversiv. Die quasi-natürliche Bewegungsform<br />

bremst die Geschwindigkeit aus, die die Moderne beherrscht.<br />

Fortbewegung wird auf ein menschlich-langsames<br />

Maß zurückschraubt. Befragt man Menschen, die sich selbst<br />

auf den Weg gemacht haben, werden weitere Aspekte des<br />

Subversiven sichtbar. Sie verbindet eine – mal mehr, mal<br />

weniger bewusste – Negation oder Neuinterpretation von<br />

Errungenschaften der Moderne. So wie bei einem südfranzösischen<br />

Arzt, der nach einer Herzoperation auf den Jakobsweg<br />

ging. Sein zentrales Erleben unterwegs fasst er in<br />

die Worte: „Le plus important … c’est lorsque je suis bien<br />

dans mon corps“ („Das wichtigste ist, dass ich mich in meinem<br />

Körper wohl fühle“). Im weiteren Gespräch wird ersichtlich,<br />

dass sein Wohlbefinden nicht (nur) im Körper,<br />

sondern „im eigenen Leib“ begründet ist. Die Leiblichkeit<br />

verschwand als Wort wie als Körperbild im Zuge der cartesianischen<br />

Spaltung in Natur und Geist. Es folgte die duale<br />

Auffassung der Welt und das nun vorherrschende mechanisch-funktionale<br />

Körperbild der Naturwissenschaften.<br />

Beim Pilgern jedoch erlebt sich der französische Arzt<br />

unver hofft in seiner leibhaftig-ganzheitlichen Existenz –<br />

und ist glücklich.<br />

Religion und Moderne gelten als nur schwerlich vereinbar.<br />

Religion und Pilgern hingegen gehen Hand in Hand. Und<br />

dennoch ist die zu beobachtende Pilgerreligiosität nicht<br />

das, was die Großkirchen schätzen. Eines ihrer Kennzeichen,<br />

so die Religionssoziologin Danièle Hervieu-Léger, ist<br />

die zeitliche Begrenzung der Glaubenspraxis – zum Beispiel<br />

auf eine Pilgerwanderung. Eine Lehrerin drückt ihren<br />

religiös-spirituellen Impuls so aus: Sie gehe den Compostela-Weg<br />

nicht, um in jeder Kirche und an jedem Kreuz<br />

auf die Knie zu fallen und zu beten, sondern um näher an<br />

sich heranzukommen. Das sei in unserer Zeit nötig. Man<br />

müsse eigentlich die Kirche selber in sich tragen. Gängige<br />

religiöse Praktiken wie Kirchgang und Kniefall lehnt die<br />

Lehrerin für sich ab. Aber sie hat eine weitergehende Forderung<br />

an Religiosität: Sie möchte den als äußerlich erlebten<br />

Kirchgang durch intensives inneres Erleben ersetzen. Mit<br />

ihrem Bild, „die Kirche in sich tragen“, macht sie eine Aussage,<br />

die an die Frömmigkeit des Franziskus von Assisi erinnert:<br />

sich als Fremdling in dieser Welt fühlen, den Leib als<br />

die Zelle zum Beten stets mit sich tragen. Damit wird unwesentlich,<br />

ob sie sich in einer Kirche oder inmitten der Natur<br />

befindet. Denn das, was sie braucht, das hat sie dabei. Und<br />

SAINT FRANÇOIS D’ASSISE<br />

4 6<br />

4 6<br />

nebenbei eine Form entwickelt, wie die oft zitierte Säkularisierung<br />

auch als religiöse Individualisierung gelesen werden<br />

kann.<br />

Die Ursprünge des Jakobswegs lassen sich bis ins 9. Jahrhundert<br />

zurückverfolgen. Seitdem unterliegt dieser Weg<br />

den Wechselspielen der Geschichte – seien sie religiöser,<br />

machtpolitischer oder wirtschaftlicher Natur. Kein Zweifel<br />

jedoch besteht darin, dass dieser Weg durch den Raum geprägt<br />

wurde, der ihn umgibt – und dass er diesen Raum<br />

über all die Jahrhunderte beeinflusst hat. Zeit und Raum,<br />

die großen Determinanten der Moderne, sind also auch<br />

hier präsent. Waren sie in frühen philosophischen Reflexionen<br />

untrennbar, so ist die Geburtsstunde der Moderne in<br />

Worten des Zeitforschers Hartmut Rosa die „Emanzipation<br />

der Zeit vom Raum“. Beim Pilgern, so scheint es, finden<br />

Raum und Zeit wieder zusammen, ist Wandern doch nichts<br />

anderes als die Durchquerung des Raums im Tempo des<br />

eigenen Schritts.<br />

Doch es geht noch weiter: Die spürbare Historizität des<br />

Weges führt zu einem Aufbrechen der linearen Zeitstruktur,<br />

indem nun Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als<br />

Eins erlebt werden. Oder wie eine kanadische Hebamme es<br />

ausdrückt: „Moi, j’étais très attachée à avoir l’impression de<br />

marcher dans les pas des autres pèlerins“. Sie findet Stärke<br />

in dem Wissen, dass sie in den Fußstapfen mittelalterlicher<br />

Pilger läuft und dass auch ihr Weg Spuren für die Zukunft<br />

hinterlassen wird. Durch dieses Erleben unterwegs werden<br />

nicht nur Raum und Zeit zusammengeführt. Es bietet auch<br />

die Chance der Integration in eine größere Gemeinschaft<br />

von Menschen – ein Bedürfnis, das vielleicht unmodern,<br />

aber eben doch sehr menschlich ist.<br />

Tage oder Wochen unterwegs zu Fuß gehen äußerlich mit<br />

einer radikalen Vereinfachung einher. Luxus gibt es weder<br />

in materieller, noch in hygienischer oder kulinarischer Hinsicht.<br />

Und dennoch, oder gerade deshalb: In dieser zeitlich<br />

begrenzten Abkehr vom Alltag liegt die Chance, Zugang zu<br />

originär Eigenem zu finden. Viele Menschen haben diese<br />

Möglichkeit entdeckt, die ihnen die kleine, private Subversion<br />

zu Fuß bietet. Also passen Sie auf, wenn Sie wieder<br />

einmal einem Menschen mit Rucksack begegnen: Er könnte<br />

ein Rebell sein!<br />

Judith Specht hat das Buch Fernwandern<br />

und Pilgern in Europa –<br />

Über die Renaissance der<br />

Reise zu Fuß 2009 im Profil Verlag<br />

veröffentlicht.<br />

Saint François d’Assise<br />

Oper in drei Akten von<br />

Olivier Messiaen<br />

Premiere am Freitag, 1. Juli 2011,<br />

Nationaltheater


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Pilgern ist ein Passageritual. Es verbindet<br />

eine zeitweilige Verneinung von<br />

Errungenschaften der Moderne und eine<br />

zeitliche Begrenzung der Glaubenspraxis.


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S I D I L A R B I C H E R K A O U I<br />

DIE REVOLUTION DER<br />

KLEINEN SCHRITTE<br />

Tanzen, weil Worte nichts bewegen. Die Choreographien des Belgiers Sidi<br />

Larbi Cherkaoui sprengen Normen und<br />

fügen die unterschiedlichsten Kulturen zusammen, um daraus neue, zutiefst<br />

menschliche Bühnenereignisse entstehen<br />

zu lassen. Im Rahmen der BallettFestwoche 2011 wird der<br />

Senkrechtstarter mit seiner Kompanie Eastman und Babel (Worte) zum ersten<br />

Mal in München auftreten.<br />

Text Klaus Kieser<br />

Fotografie Koen Broos<br />

BALLETTFESTWOCHE 2011<br />

5 8<br />

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5 9<br />

5 9


Kaum einer unter den jüngeren Choreographen hat in den<br />

vergangenen zehn Jahren solche Erfolge verbuchen können<br />

wie Sidi Larbi Cherkaoui. Der Belgier mit marokkanischen<br />

Wurzeln ist zum Global Player der Tanzszene geworden;<br />

seine Stücke kommen weltweit zur Aufführung, er arbeitet<br />

mit Tanzkünstlern unterschiedlichster Kulturen zusammen,<br />

heimst Preise ein, hat Superstar-Status. Muss so einer<br />

rebellieren? Wenn ja, gegen was? Reicht es schon, als<br />

Selbstbeschreibung „Ich bin Sidi Larbi Cherkaoui, ich bin<br />

Choreograph, ich bin ein Homosexueller<br />

[…], ich habe ein Tattoo” in medialen Umlauf<br />

zu bringen, um als Rebell zu gelten?<br />

Da fallen einem markantere Rebellen ein.<br />

Der 35-Jährige gibt sich betont jugendlich.<br />

Zum Gespräch in einem vornehmen Berliner<br />

Hotel erscheint er in Baggy Jeans. Er<br />

wirkt konzentriert und will gleich von seinem<br />

Gesprächspartner wissen, wann dieser das erste Mal<br />

mit zeitgenössischem Tanz in Berührung gekommen sei.<br />

Wie kaum ein anderer Choreograph seiner Generation kann<br />

er erzählen; er ist eloquent, und er weiß es. „Reden ist Singen.<br />

Singen ist Tanzen”, sagt er. Dann gilt logischerweise<br />

auch: Reden ist Tanzen. Ein Tanz der Worte. In seinem<br />

Gruppenstück Babel (Worte) tanzen buchstäblich auch die<br />

Worte – das Stück thematisiert den Wettbewerb der Sprachen<br />

und welches Unheil die verschiedenen Sprachen anrichten:<br />

Wir verstehen den anderen nicht mehr, finden keinen<br />

Zugang zu seinem Denken. Wie viel einfacher wäre es<br />

da, sich nur mit Gesten, Berührungen zu verständigen? Klar,<br />

dass in Babel (Worte) nicht nur virtuos getanzt,<br />

sondern ebenso virtuos und zugleich<br />

unterhaltsam Sprache eingesetzt wird.<br />

Cherkaoui mag es nicht, wenn in der Kunst<br />

Grenzen aufgezogen werden. Theater, Musik,<br />

Tanz: Für ihn gehört alles zusammen.<br />

Er weigert sich, in diesen Kategorien zu<br />

denken, weil das bedeuten würde, das auszuschließen,<br />

was nicht in die Schubladen<br />

passt. Diese Haltung ermöglicht es ihm,<br />

furchtlos die unterschiedlichsten Einflüsse<br />

aufzusaugen, sie sich anzueignen, zu amalgamieren. Und sie<br />

so zu transformieren, dass es wie eine intensive Beschäftigung<br />

mit indischem Tanz, mit Flamenco, mit Kung-Fu erscheint.<br />

Er tanzt im Duett mit der Kuchipudi-Legende<br />

Shantala Shivalingappa, stampft mit Flamenco-Star María<br />

Pagés um die Wette. Versucht, sich in punkto Körperbeherrschung<br />

mit den weltberühmten Shaolin-Mönchen zu<br />

messen. Cherkaouis umjubeltes Stück Sutra hat seine Reise<br />

in den Fernen Osten zum Thema, zeigt ihn, den so anders<br />

ausgebildeten Europäer, zunächst fast unbeholfen neben<br />

den umherwirbelnden Mönchen: Er kommt eben aus<br />

einer anderen Tradition, die sich auf die Schnelle nicht<br />

überbrücken lässt, und erst als er es aufgegeben hat, die<br />

Präzision und die Energie der Mönche nachzuahmen, gewinnt<br />

er: kann er sich in ihre Phalanx einfügen.<br />

SIDI LARBI CHERKAOUI<br />

„Wäre Tanz in<br />

meinemnormalenLeben<br />

präsent<br />

gewesen, wäre ich vielleicht<br />

Mathematiker<br />

geworden.“<br />

6 0<br />

6 0<br />

Vielleicht ist das Cherkaouis größtes Talent: permanent zu<br />

lernen und ohne Scheuklappen Experimente zu wagen –<br />

von klein auf wohl auch eine Strategie, um sich als Sohn<br />

einer flämischen Mutter und eines marokkanischen Vaters<br />

zu behaupten und selbst zu finden. Beobachtet man ihn,<br />

wie er etwa filigrane Armbewegungen des indischen Tanzes<br />

von Shantala Shivalingappa abschaut, nachahmt, korrigiert,<br />

bis die Meisterin zufrieden ist, verblüfft seine Fähigkeit<br />

zur sekundenschnellen Adaption, wobei das Resultat<br />

nie nur bloße Kopie, sondern etwas ganz<br />

Eigenes, Cherkaoui-Typisches ist. Er sei<br />

eben dauernd dabei, „alles zu analysieren“,<br />

meint er fast entschuldigend. Spricht<br />

so ein Rebell?<br />

Cherkaoui kam spät zum Tanz. Er absolvierte<br />

in seiner Heimatstadt Antwerpen<br />

die Schule mit guten Noten, war ausgezeichnet<br />

in Sport. Dann begann er mit dem Studium, Französisch<br />

und Englisch, brach es aber nach einem Jahr ab,<br />

um sich ganz dem Tanz zu widmen. Da war er 19. Der Entschluss<br />

kam nicht von ungefähr; bereits mit 16, 17 hatte er,<br />

der sich für Kung-Fu-Filme mit Bruce Lee und Musikvideos<br />

begeisterte, eine Leerstelle in seinem Leben entdeckt:<br />

die Bewegung. Es sei wie ein Drang gewesen, erklärt Cherkaoui,<br />

„alles, was mit Bewegung und mit Ritual zu tun hatte“,<br />

kennenzulernen. Eine „selbstbezogene Suche”, ohne<br />

zu wissen, was ihn erwarten würde. Es war die Erkundung<br />

dessen, was gefehlt und wonach er instinktiv verlangt<br />

hatte: „Wäre Tanz in meinem normalen Leben präsent<br />

gewesen“, sagt er, „wäre ich vielleicht<br />

Mathematiker geworden.”<br />

Es geht dann alles ganz schnell: Er wird für<br />

das belgische Fernsehen als Background-<br />

Tänzer entdeckt, tritt als Michael-Jackson-<br />

Imitator auf, studiert bei der Präzisions-<br />

Fanatikerin Anne Teresa De Keersmaeker<br />

an deren Schule P.A.R.T.S in Brüssel, wird<br />

Mitglied des von Alain Platel gegründeten,<br />

in Gent ansässigen Ballets C de la B, probiert<br />

es mit dem Choreographieren. Sein<br />

zweites Stück Rien de rien, im Jahr 2000 in Zusammenarbeit<br />

mit Damien Jalet entstanden, macht ihn über Nacht<br />

bekannt. 2002 erhält er für diese Arbeit beim Monaco Dance<br />

Forum einen „Prix Nijinsky”.<br />

Von da an jagt eine Kreation die nächste; zu den wichtigsten<br />

gehören: Foi (2003), Tempus Fugit (2004), Loin mit dem Ballett<br />

des Genfer Grand Théâtre und zero degrees mit Akram<br />

Khan, beide 2005, dann 2006 Mea culpa mit den Ballets de<br />

Monte-Carlo, Myth und Apocrifu, beide 2007, Sutra (2008),<br />

Orbo Novo mit dem Cedar Lake Contemporary Ballet 2009<br />

und zuletzt Babel (Worte), das er 2010, wieder in Kooperation<br />

mit Damien Jalet, auf die Bühne bringt. Es sind kürzere<br />

Choreographien und abendfüllende Werke, Duette oder<br />

Gruppenstücke. Choreographien für klassische Kompanien,


BALLETTFESTWOCHE 2011<br />

für moderne Ensembles, darunter das schwedische Cullberg<br />

Ballett oder für eigens zusammengestellte Tanz-Kollektive<br />

– 2010 gründet er in seiner Geburtsstadt Antwerpen die<br />

Gruppe Eastman –, Choreographien für sich selbst und<br />

seine Künstlerkollegen. Cherkaouis künstlerischer Horizont<br />

scheint keine Grenzen zu kennen.<br />

perlichkeit durchsetzt ist, wie sie belgische Choreographen<br />

wie Wim Vandekeybus und Jan Fabre pflegen. Dennoch<br />

sieht sich Cherkaoui nicht als ein „belgischer” Choreograph<br />

und damit als Teil jener Welle, die seit den achtziger Jahren<br />

für Furore gesorgt hat. Eine Definition über Kategorien des<br />

Nationalen lehnt er ab.<br />

Wenn es etwas gibt, was diese so verschiedenen Werke verbindet,<br />

dann ist es ein unglaubliches Verständnis von Theatralität.<br />

Cherkaoui hat diesen untrüglichen<br />

Sinn für Spektakel, vermischt ohne<br />

jede ideologische Verengung das, was ihn<br />

gerade interessiert. Da gibt es keine „reine<br />

Lehre”, keinen Konzeptualismus, dem<br />

viele andere jüngere Choreographen huldigen.<br />

Cherkaoui braucht keine Theorie;<br />

es geht ihm nur um eins: um gute oder<br />

schlechte Kunst. Dass er kein „Feindbild<br />

im Tanz“ hat, machte man ihm gerade aus der zeitgenössischen<br />

Szene, der er ja entstammt, zum Vorwurf, als er mit<br />

den „Klassikern“, den Ballets de Monte-Carlo zusammenarbeitete:<br />

Wie er nur mit diesen steifen Tänzern arbeiten könne?<br />

Seine Antwort: „Es sind immer noch Menschen, es sind<br />

nette Menschen, die schätzen, was ich mache. Ihr schaut auf<br />

sie herab, doch sie schauen nicht auf euch herab.”<br />

Lagerdenken ist ihm fremd. Auch Geschichte und Gegenwart<br />

sind für ihn keine getrennten Welten – Cherkaoui sieht<br />

sie als stark aufeinander bezogen an, auch da ist er Nonkonformist.<br />

„Mich interessieren Kettenreaktionen: Wie ist etwas<br />

entstanden, woher komme ich, wohin gehe ich.” Das<br />

Bewusstsein für historische Zusammenhänge unterscheidet<br />

ihn von vielen jungen Tänzern und Choreographen, die mit<br />

Tanzgeschichte nichts zu tun haben wollen. „Die einzige<br />

Weise, vorwärts zu gehen, ist, die Geschichte zu kennen.”<br />

Seine eigene Geschichte sieht er jedenfalls in deutlichem<br />

Zusammenhang mit der Popkultur, bezeichnet sich als deren<br />

Kind. Es ist die Fähigkeit zur permanenten Aneignung,<br />

die Cherkaoui am Pop so fasziniert. Früher sei die Musikerin<br />

Kate Bush ein Idol für ihn gewesen, sagt der Tänzer. Er<br />

wollte nicht singen wie sie, sondern bewunderte ihren Mut<br />

und ihre Fähigkeit, unterschiedliche musikalische Einflüsse<br />

aufzugreifen und so zu verarbeiten, dass sie wie etwas Eigenes<br />

klingen.<br />

Später hatte Pina Bausch einen großen Einfluss auf ihn – ihr<br />

Werk entdeckte er Mitte der neunziger Jahre. Sobald er von<br />

Pina Bausch spricht, erwähnt Cherkaoui, dass sie ja bei<br />

Kurt Jooss, dem Ausdruckstänzer und Mitbegründer der<br />

Essener Folkwangschule, gelernt habe … Da blitzt es wieder<br />

auf, sein Denken in historischen Zusammenhängen, seine<br />

Suche nach Verbindungen. Pina Bausch scheint bis heute<br />

auf ihn zu wirken: Die collagenhafte Form, der Einsatz von<br />

Sprache findet sich in diversen Stücken Cherkaouis. In Babel<br />

(Worte) etwa sind diese Elemente in ein zirzensisches<br />

Spektakel integriert, das zugleich von jener kraftvollen Kör-<br />

6 1<br />

6 1<br />

Vandekeybus, Fabre, Michael Laub, Anne Teresa De Keersmaeker<br />

oder Pina Bausch – Cherkaoui sieht diese großen<br />

Namen nicht als Rebellen, sondern als<br />

Normbrecher. Ein Normbrecher ist auch<br />

er. Doch ist er keiner, der mit Getöse seine<br />

Meinung vertritt und andere von seiner<br />

Haltung überzeugen will. Wenn, dann<br />

ist er ein sanfter Rebell. Cherkaoui geht<br />

es zuallererst um Inhalte. „Auf die Haltung<br />

kommt es an. Die Choreographen<br />

sind nicht so wichtig. Viel wichtiger ist es,<br />

das auszudrücken, was der Fluss der Dinge ist.“ Zum „Fluss<br />

der Dinge“ gehören für ihn Lernen und Neugier: auf Menschen,<br />

auf neue Tanzformen, auf Begegnungen. Nicht vorschnell<br />

urteilen, nichts von vornherein ablehnen. Jeden Moment<br />

im Leben bewusst wahrnehmen. Und warten können<br />

– auf den richtigen Augenblick. „Geduld gehört zu den Wörtern,<br />

die mir am besten gefallen”, sagt Cherkaoui. Die Geduld,<br />

ruhig und entschlossen zu arbeiten, überall nach Inspiration<br />

Ausschau zu halten, sich immer wieder neu zu<br />

erfinden. Der zeitgenössische Choreograph als Chamäleon?<br />

Bewirkt man so Veränderung? „Man kann eine Revolution<br />

nicht so einfach starten, man muss manchmal ganz kleine<br />

Schritte machen, ja, man muss Geduld haben, um etwas zu<br />

ändern.“<br />

Cherkaouis offener Umgang mit allen Formen des Tanzes,<br />

sein Prinzip der Verbindung von Heterogenem erschließen<br />

dem Tanz eine Würde, die zutiefst menschlich und menschenverbindend<br />

ist – wie am Schluss von Babel (Worte),<br />

wenn alle Tänzer mit Blick zum Publikum eine Reihe bilden<br />

und nicht mehr sprechen, sondern mit weich fließenden<br />

Bewegungen miteinander kommunizieren.<br />

Klaus Kieser ist Tanzpublizist, Verleger<br />

und leitender Redakteur der Fachzeitschrift<br />

tanz.<br />

Im Sommer 2010 erschien die<br />

Film-Dokumentation Sidi Larbi<br />

Cherkaoui – Rêves de Babel von Don<br />

Kent und Christian Dumais-Lvowski.<br />

DVD. 59 Minuten.<br />

Babel (Worte) von<br />

Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet<br />

BallettFestwoche 2011<br />

Samstag, 30. April 2011,<br />

Nationaltheater


6.AKADEMIEKONZERT<br />

MONUMENTE<br />

IN<br />

GROSSER FERNE<br />

TEXT MATTHIAS R. ENTRESS<br />

ILLUSTRATION DAISUKE ICHIBA<br />

Aus der Stille des andächtigen Verharrens, das der Musik<br />

vorangeht, schält sich ein Ton, leise wie ein Hauch aber<br />

schneidend wie ein Rasiermesser. Das Ohr kann ihn nicht<br />

verorten. Kein Instrument des Symphonieorchesters kann<br />

etwas Ähnliches hervorbringen. Aus dem einen Ton werden<br />

mehrere und bilden den Negativabdruck einer Melodie. Aus<br />

dem Miteinander dieser dünnen Töne ergeben sich lebhaft<br />

wechselnde Schwebungen, und dieser physikalische Effekt<br />

scheint die eigentliche Substanz der Musik dieses Instruments<br />

zu sein – der japanischen Mundorgel Shō.<br />

Bei dem 6. Akademiekonzert mit dem Dirigenten Yutaka<br />

Sado am 9. und 10. Mai im Nationaltheater wird sie das<br />

Soloinstrument in zwei Werken zeitgenössischer japanischer<br />

Komponisten sein, die beide maßgeblich an der<br />

Emanzipierung der japanischen Tradition im westlich dominierten<br />

Musikleben Japans beteiligt waren: Tōru Takemitsu<br />

(1930–1996) und Toshio Hosokawa (geb. 1955).<br />

Welch ein Wagnis es künstlerisch und kulturell ist, die Klänge<br />

und die sonderbare Funktionsweise der Shō mit westlichen<br />

Ensembles, in diesem Fall mit dem Orchester und<br />

dem Streichquartett, zusammenzubringen, muss man sich<br />

als westlicher Hörer vergegenwärtigen. In Europa gibt es<br />

zwischen der Tradition und Gegenwart der Kunstmusik<br />

keine wirklichen Brüche. Zwar führt von Perotinus Magnus,<br />

Mitbegründer der Polyphonie, im 12. Jahrhundert zu<br />

Helmut Lachenmann kein direkter, aber ein kontinuierlicher<br />

Weg steter Entwicklung und kleiner Revolutionen.<br />

Unter der Leitung von Yutaka<br />

Sado bringt das<br />

<strong>Bayerische</strong> Staatsorchester<br />

drei Werke neuer<br />

japanischer Musik zur<br />

Aufführung. Eine feinsinnige<br />

interkulturelle<br />

Begegnung und zugleich eine<br />

Tür zu unbekannten,<br />

aufregenden Klangwelten.<br />

In Japan, wie auch in vielen anderen (nicht allen) asiatischen<br />

Ländern, evoziert das Wort „Tradition“ zwiespältige Gefühle,<br />

denn es steht für eine untergegangene, veraltete Welt.<br />

Die traditionelle Musik Japans, insbesondere die der Aristokratie<br />

und des höfischen Zeremoniells, hat mit den Klangidealen,<br />

Formverläufen oder auch der sozialen Funktion der<br />

höchst beliebten westlichen Klassik praktisch nichts gemein.<br />

Dabei repräsentiert sie in hörend nachvollziehbarer<br />

Weise ebenso wie die westliche Klassik Grundprinzipien ihrer<br />

Kultur. In der japanischen Gagaku-Musik, der „eleganten<br />

Musik“ des Hofes und der Aristokratie, erfährt man die<br />

stoische Haltung des Zen-Buddhismus und die naturhafte<br />

Hierarchie des ehemals staatstragenden Konfuzianismus,<br />

während die Musik Europas für Individualität und Humanismus<br />

steht. Erst die Neue Musik mit ihrem erweiterten<br />

Interesse an philosophischen und formalen Konzepten kam<br />

ab Mitte des 20. Jahrhunderts so nah an die traditionellen<br />

Musikformen des Ostens, dass ein neuer (über Puccinis Madama<br />

Butterfly hinausgehender) Funkenschlag von Kreativität<br />

zünden konnte.<br />

Der Komponist, der dies in Japan als erster begriff und umsetzte,<br />

war Tōru Takemitsu. Dieser fühlte sich zunächst in der<br />

westlichen Moderne zuhause, vor allem bei Debussy und der<br />

Musik des Schönberg-Kreises. Mit Werken aus dieser Zeit<br />

gewann er unter anderem auch den Beifall Strawinskys, dem<br />

er 1958 begegnete. Aber für den Reichtum des eigenen Erbes


entflammte ihn erst der für sein Interesse an asiatischen Denkweisen<br />

berühmte amerikanische Avantgardist John Cage.<br />

In zahlreichen Werken konfrontierte Takemitsu seitdem die<br />

traditionellen japanischen Instrumente mit den westlichen,<br />

schrieb sogar Werke für Gagaku-Orchester ( In an Autumn<br />

Garden, 1973), aber selbst in rein westlicher Besetzung wurde<br />

die Zerbrechlichkeit des Klangs zu seinem Markenzeichen.<br />

In Takemitsus Ceremonial von 1992, einem Spätwerk, überschneiden<br />

sich die beiden Sphären nicht, sondern wechseln<br />

sich ab. Hatte er, der sich jahrzehntelang dafür eingesetzt<br />

hat, eine Synthese der musikalischen Kulturen zu erschaffen,<br />

aufgegeben und nun auf friedliche Koexistenz gesetzt?<br />

Keineswegs, denn dieses einfach strukturierte Werk ist ein<br />

Dokument der Befruchtung. Wie ein Stern, heiß und<br />

punktförmig, erstrahlt der schneidende Klang der Shō mit<br />

einer Folge auseinander hervorwachsender Klänge, einer<br />

kleinen Klangfarbenmelodie außerhalb der Zeit; darauf<br />

folgt, wie ein breiter Kometenschweif, eine Orchestervariation,<br />

welche den Klang aufnimmt und ihn dann überraschend<br />

in das irdische Paradies des musikalischen Impressionismus<br />

überführt. Das Stück endet mit dem ersterbenden<br />

Atem der Mundorgel.<br />

Die Shō, dieses merkwürdigste Instrument der japanischen<br />

Musik, im 8. Jahrhundert aus China eingeführt, repräsentiert<br />

den diametralen Gegensatz zum Credo der westlichen<br />

Musik, das da heißt: Expressivität. Es ist ein Instrument<br />

des Atmens, und es ist dem Atem sozusagen egal, ob er Töne<br />

erzeugt oder nicht, denn wenn das Griffloch nicht geschlossen<br />

ist, entweicht die Luft ungenutzt. Die feinen Metallzungen<br />

der 17 Pfeifen, von denen zwei stumm sind und nur die<br />

Flügel des mystischen Vogels Phönix nachbilden, dessen<br />

Schrei dem Klang der Shō gleichen soll, werden von Luftströmen<br />

beider Richtung in Schwingung versetzt, sodass ein<br />

kontinuierlicher Ton entstehen kann. Am bemerkenswertesten<br />

ist, dass die Stimmung pythagoreisch ist, hergeleitet<br />

aus reinen Quinten und ihren Obertonspektren, was zu ihrem<br />

unirdischen Sphärenklang beiträgt. Ohne jede Verbindung<br />

zum griechischen Altertum haben die chinesische und<br />

japanische Musik dieselben Naturregeln musikalischer<br />

Schönheit entdeckt. Es heißt, in der Shō gefriere die Melodie.<br />

Die Shō ist somit im wahrsten Sinn des Wortes ein<br />

Instrument der „musica negativa“, denn ihr Klang ist gemacht<br />

aus Zweifel und Stille.<br />

Ein Konzert, in dem die Shō klassischen westlichen Ensembles<br />

begegnet, wird so zum Aufstand des Weniger gegen das<br />

Mehr. Bemerkenswert, dass mit Mayumi Miyata als Solistin<br />

jene musikhistorische Person beteiligt ist, die zeitgenössischen<br />

Komponisten in Ost und West mit der radikalen<br />

Schönheit der Shō ein neues Verständnis für die Möglichkeiten<br />

von Musik erschlossen hat.<br />

Dieser „Aufstand“ prägt auch die Neue-Musik-Szene in Japan.<br />

Toshio Hosokawa, dessen Landscape V für Shō und<br />

JAPANISCHE MUSIK<br />

6 3<br />

6 3<br />

Streichquartett im 6. Akademiekonzert aufgeführt wird und<br />

der sich in Europa immer wieder für traditionelle Musik<br />

Japans stark macht, sagt: „Ich habe eine sehr tiefe Neigung<br />

zu japanischer Alter Musik, aber viele junge Komponisten<br />

finden überhaupt keinen Zugang dazu. Es gibt in Japan viele<br />

verschiedene Richtungen, einer macht europäische Avantgarde,<br />

ein anderer ist noch sehr konservativ, und wieder ein<br />

anderer macht aus alter japanischer Musik etwas Neues. Es<br />

gibt beim Publikum eine große Sehnsucht nach europäischer<br />

Musik, und man möchte sowohl von der Alten wie von<br />

der Neuen Musik Europas etwas lernen, aber die japanische<br />

Neue Musik wird in Japan selten gehört.” Landscape V ist<br />

eine Klangsynthese großen gegenseitigen Respekts, von äußerster<br />

Leisheit und setzt um, was Hosokawa als typisch für<br />

sein Land erachtet: „Japanische Kunst ist sehr fein. Wir<br />

möchten diese Fertigkeit der Feinheit umsetzen. Japanische<br />

Komponisten schätzen allgemein nicht das Primitive, das<br />

Starke, aber wir lieben diese Feinheit.“<br />

Die interkulturelle Begegnung fordert dem Schumann-Quartett<br />

des <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchesters einiges an mikrotonaler<br />

Feinstimmung ab, um das Schattenspiel, den berührungslosen<br />

Tanz der Klänge darzustellen. Und doch verzichtet<br />

Hosokawa nicht auf (westliche) Steigerungen und expressive<br />

Ausbrüche, die allerdings auf verhaltenstem Niveau stattfinden,<br />

sich in geräuschhaften Ereignissen der Streicher ankündigen<br />

und zu einigen dissonanten Mezzopiano-Sforzandi führen,<br />

die sich sogleich zurücknehmen – Monumente in großer<br />

Ferne.<br />

Doch Japan kennt nicht nur Stille, sondern auch Gigantomanie.<br />

Der Dirigent Yutaka Sado ist berühmt für seine Aufführungen<br />

von Beethovens Neunter mit 10.000 Chorsängern,<br />

und das dritte Werk, das Sado ausgewählt hat, repräsentiert<br />

genau dies: Das überschwengliche Bacchanal (1953) von<br />

Toshirō Mayuzumi (1929–1997), das dieser nach der Rückkehr<br />

vom Studium in Paris im Alter von 24 Jahren schrieb,<br />

ist ganz dem Westen und seiner damals, 1953, dem Japaner<br />

noch überwältigend scheinenden Zivilisation gewidmet. Es<br />

steht in der Tradition von Gershwins Ein Amerikaner in Paris<br />

und Edgard Varèses Amériques – nur dass sich unvermittelt<br />

die Rhythmen buddhistischer Gebetstrommeln einmischen.<br />

„Ich möchte“, sagt Sado, „dem deutschen Publikum neue<br />

Türen zu unbekannten, aufregenden Welten aufstoßen. Jedes<br />

der drei Werke steht für eine andere Generation der<br />

japanischen Musikszene, aber gemeinsam ist ihnen eine universelle<br />

Schönheit, die aus ihnen spricht.“ Drei Werke, in<br />

denen das Neue aus der fremden Perspektive geboren wurde,<br />

aktueller denn je im Zeitalter der Globalisierung.<br />

Matthias R. Entreß arbeitet als freier Journalist. Neben Veröffentlichungen<br />

zu zeitgenössischer und außereuropäischer Musik kuratiert er Konzerte<br />

mit traditioneller Musik aus Korea.<br />

6. Akademiekonzert 2010/11<br />

am Montag, 9. Mai und Dienstag, 10. Mai 2011, Nationaltheater<br />

Diese und folgende Seiten: Die japanische Mundorgel Shō, wie Illustrator<br />

Daisuke Ichiba sie sieht.


6 4<br />

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6 5<br />

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PORTFOLIO<br />

DOUBLE, 2002


NÄCHSTE SEITE: WE ARE SUCH ANIMALS, 2005<br />

OLAF BREUNING


6 8<br />

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6 9<br />

6 9


OLAF BREUNING<br />

APES, FAKE MONKEYS,<br />

SPEAKERS, SOUND, VIDEO PROJECTORS, EARTH, BUSHES, 2001


PORTFOLIO<br />

NO SHAPE FOR TRIANGLE, 2010<br />

NÄCHSTE SEITE: FIRE, 2008


7 2<br />

7 2


7 3<br />

7 3


OLAF BREUNING<br />

SMOKE BOMBS, 2008


PORTFOLIO<br />

20 DOLLAR BILLS, 2007<br />

Die Frauen sind mit übergroßen,<br />

künstlichen Brüsten und blonden<br />

Perücken mit rosa Schleifchen<br />

ausstaffiert, der Brustkorb eines<br />

Mannes ist aufgepumpt, die Gesichter<br />

sind Masken ohne Profil:<br />

Vorstellungen von Weiblichkeit,<br />

Männlichkeit, Attraktivität – in<br />

Olaf Breunings Fotoarbeit Double<br />

von 2002 werden sie anhand einer<br />

Gruppe Tennisspieler in ihrer<br />

ganzen Künstlichkeit ausgestellt.<br />

Hinter diesen Klischees gibt es<br />

allerdings nichts Eigentliches zu<br />

entdecken. Olaf Breuning, 1970<br />

im schweizerischen Schaffhausen<br />

geboren, ist ein Kind der Postmoderne.<br />

Sein Diplom in Fotografie<br />

legte er an der Zürcher Hochschule<br />

der Künste ab. Seit zehn Jahren<br />

lebt er als freischaffender Künstler<br />

in New York. Die Kunst, sagt<br />

er, solle „ein Spiegel meines Lebens<br />

sein“. Und, mit Lyotard: „Die<br />

großen Erzählungen, auch die der<br />

Kunstgeschichte, sind endgültig<br />

vorbei, und man wird torpediert<br />

von unendlich vielen kleinen Geschichten<br />

und Informationen.“<br />

Er wählt die unterschiedlichsten<br />

Medien: Installationen, Skulpturen,<br />

Zeichnungen, Filme, Fotografien.<br />

Gegen die Gewissheiten, die<br />

etwa Fotografie zu vermitteln<br />

suchte, rebelliert er mit Mitteln<br />

der Vieldeutigkeit, der Übertreibung<br />

und der Dekonstruktion.<br />

Mit der Verbindung disparater<br />

Teile schafft er neue Bilder, die<br />

ihre eigene Künstlichkeit stets<br />

aufdecken, wie etwa in der Foto-<br />

Collage We are such animals<br />

(2005), in der er Torsi aus Pornomagazinen<br />

einen Tier-Unterkörper<br />

verpasst.<br />

In Smoke Bombs (2008), der Momentaufnahme<br />

einer Performance,<br />

legt er den Produktionsprozess<br />

offen. In der Serie Marilyns<br />

(2010) transferiert Breuning<br />

das Prinzip der seriellen Vervielfältigung,<br />

wie man es von Andy<br />

Warhol kennt, auf lebende Körper.<br />

Unendliche Verweise eröffnen dem<br />

Betrachter so eine Vielzahl möglicher<br />

Interpretationen. Je genauer<br />

er hinsieht, desto schneller wird er<br />

von Kaskaden der Verunsicherung<br />

mitgerissen. Originäre Bedeutung<br />

gibt es in den Werken Breunings<br />

nicht, alles ist Zitat, nichts ist echt.<br />

Die Identität ist eine Maske, hinter<br />

der sich nichts verbirgt.<br />

TEXT: JOHANNA HÄNSCH<br />

GALERIE NICOLA VON SENGER, ZÜRICH


7 6<br />

7 6


G E G E N<br />

den<br />

S T R I C H<br />

Foto: Wilfried Hösl<br />

Er galt als Star der Haute Couture, bis er sein Haus<br />

2009 schließen musste. In MAX JOSEPH erzählt<br />

Christian Lacroix, der die Kostüme für<br />

I Capuleti e i Montecchi entwirft, aus seinem Leben.<br />

Eine Kriegserklärung an das Diktat des Mammon und<br />

eine Liebeserklärung an die Individualität.<br />

Text und Illustration Christian Lacroix


7 8<br />

7 8


Wenn man im 18. Jahrhundert vom „Krieg in Spitzenärmeln“<br />

sprach, war damit auch die ästhetische Seite gemeint<br />

– die Schlacht um Stil und Geschmack. Heute ist die Mode<br />

eine Schlacht der Daten und Zahlen. Eine Auseinandersetzung<br />

unter mächtigen Konzernen, die sich ganz der Börse<br />

verschrieben haben. Die Kreativität stellen sie in den Dienst<br />

der Uniformität und verkehren sie so in ihr Gegenteil.<br />

Die aggressive Monumentalität von Werbebudgets ersetzt<br />

den Wettstreit der Talente. Unter solchen Bedingungen besitzt<br />

ein unbemitteltes Genie kaum noch eine Chance, bekannt<br />

zu werden. Ich kann mich immer noch nicht an den<br />

Gedanken gewöhnen, dass „Mode“ heute bedeuten soll, auszusehen<br />

wie alle anderen. Für mich bedeutet Mode (abgeleitet<br />

von „modus“) die Art und Weise, sich als Individuum<br />

durch Kleidung auszudrücken – wenn möglich auf eine einzigartige<br />

Weise. Mode ist für mich Spiegelbild der Seele und<br />

des Geistes, nicht Abbild der Kreditkarte.<br />

„Das, was die Öffentlichkeit Dir vorwirft – pflege es, das bist<br />

Du selbst!“ Dieser Satz von Jean Cocteau hat mich seit meiner<br />

Zeit als Heranwachsender begleitet. Ich hätte ihn am<br />

liebsten in goldenen Lettern an die Wände meines Zimmers<br />

geschrieben: Man selbst bleiben, gegenüber allem und allen.<br />

Ich habe immer in mir die Furcht vor der Gruppe, der Masse,<br />

der militärischen Ordnung gespürt. Soweit ich mich erinnern<br />

kann, habe ich mich niemals irgendwelchen Anordnungen<br />

unterworfen, deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Ich<br />

hätte mich auch nicht einer Sache beugen können, die gegen<br />

meine Natur gewesen wäre.<br />

Als ich heranwuchs, Mitte der 60er Jahre, war es selbstverständlich,<br />

ein Rebell zu sein. Sei es mit Hilfe des Rock 'n'<br />

Roll, Joints oder Schlägereien. Aber auch da hielt ich mich<br />

abseits. Den Satz Cocteaus immer im Kopf, begann ich zu<br />

lesen – und natürlich war meine Lektüre weitaus spannender<br />

als die klassische Literatur, die wir in der Schule durchnahmen.<br />

Durch Cocteau stieß ich auf André Gide, dessen gesammelte<br />

Werke ich gelesen habe, und zwangsläufig auf Oscar Wilde.<br />

Seine Aphorismen und sein Dandytum mögen heute wie<br />

eine Karikatur wirken, so oft gesehen, so banalisiert und<br />

ihrer Substanz beraubt wie sie sind – damals waren sie noch<br />

kaum bekannt und voller Glanz. Und vor allem waren sie<br />

eine kostbare Hilfe für einen Jungen, der wusste (und es<br />

auch wollte), dass er allein gegen die meisten anderen stand.<br />

Es war die große, begeisternde Zeit des „Swinging London“<br />

und der Carnaby Street. Dort kaufte ich mir rosafarbene<br />

und grüne Gewänder aus indischer Seide und Samt, die ich<br />

dann mit einer arroganten Haarsträhne über einem Auge,<br />

halbnacktem Bauch, ochsenblutroten Schuhen und snobistischer<br />

Herablassung trug. Ein Aufzug, für den mich Lehrer<br />

auch mal vor die Tür setzten und mir ein paar Gleichaltrige<br />

Steine hinterherwarfen, weil sie mein „Mod“-Gebaren unerträglich<br />

fanden. Ich sagte mir nur, dass man in dieser selben<br />

CHRISTIAN LACROIX<br />

7 9<br />

7 9<br />

Stadt Arles, in der ich aufgewachsen bin, vor 80 Jahren auch<br />

Steine auf Vincent van Gogh geworfen hatte, weil er anders<br />

war und sich seine Malerei mit nichts vergleichen ließ, was<br />

man kannte.<br />

Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray war von Joris-Karl<br />

Huysmans’ Roman Gegen den Strich inspiriert, also wendete<br />

ich mich auch ihm zu. Der Held des Romans, Monsieur<br />

Des Esseintes, ist die Quintessenz des Dandytums, einer,<br />

der das Seltenste, Geistvollste und Künstlichste sucht, was<br />

er in der Natur finden kann. Und dann, im Umkehrschluss,<br />

das, was das Künstliche an Realität, Authentizität und<br />

Wahrheit zu bieten hat. Was einem wiederum Cocteau und<br />

seine hübsche Trouvaille „Die Kunst ist eine Lüge, die die<br />

Wahrheit sagt“ ins Gedächtnis ruft.<br />

Mit Des Esseintes fühlte ich mich weniger allein. Wenn ich<br />

meine Freunde besuchte, die von ihren Eltern ins Internat<br />

gesteckt worden waren, weil sie unser Anderssein nicht akzeptierten,<br />

lasen wir uns zu zweit oder zu dritt gegenseitig<br />

den Roman in den winterlich verlassenen Parks vor. Die<br />

langen Aufzählungen von Huysmans, all die seltenen Edelsteine<br />

und die unglaublichen Stoffe von halluzinatorischer<br />

Farbenpracht sind mir immer im Gedächtnis geblieben und<br />

haben später meine Arbeit, Zeichnungen und Kollektionen<br />

bereichert.<br />

Die Ereignisse des Pariser Mai '68 hatten Auswirkungen bis<br />

nach Arles. Bei uns gab es zwar keine Barrikaden oder brennenden<br />

Autos, aber Streiks und Lebensmittelknappheit.<br />

Und vor allem Diskussionen am Gymnasium. Wir waren davon<br />

elektrisiert, dass das ganze Land von genau den gleichen<br />

Zuckungen erschüttert wurde wie unsere siedende Adoleszenz,<br />

als ob ganz Frankreich wieder jung geworden wäre.<br />

Einige Monate zuvor war das skandalumwittertste Mädchen<br />

der Stadt meine Freundin geworden. Sie bestärkte mich in<br />

meinen eher ungewöhnlichen Vorlieben für die (figurative)<br />

Malerei der Pompiers und die Symbolisten, fand meine<br />

nackten Füße in Church's und mein Bulldoggen-Aussehen<br />

apart und führte mich in die „Underground“-Gesellschaft<br />

einiger älterer Exzentriker ein. Wir liefen uns die Hacken<br />

ab, um Filme von Godard, Agnès Varda, Chris Marker oder<br />

Polly Maggoo von William Klein zu sehen. Dieser geschlossene,<br />

gegen den Strich und gegen den Mainstream gerichtete<br />

Kosmos, in dem wir Literatur und Kino lebten und<br />

dachten (einige von uns waren Schriftsteller, andere Film-<br />

Assistenten), schien mir unvergleichlich viel reicher, lebendiger<br />

und gegenwartsnaher zu sein als die jeweiligen Modeströmungen.<br />

In der Nacht fuhren wir per Anhalter zum Allerheiligsten<br />

– dem „Churrascaria“, einem legendären Club, umgeben von<br />

Weihern und Sümpfen, im Niemandsland der Camargue.<br />

Jean Lafont, Stierzüchter und Schützling der exzentrischen<br />

Mäzenin Marie-Laure de Noailles, hatte ihn eröffnet, um<br />

dort seine Freunde – die Kennedys, die Pompidous, aber


CHRISTIAN LACROIX<br />

auch Sinti und Roma – zu bewirten. Eine große runde, strohgedeckte<br />

Hütte mit einem Feuer in der Mitte, einem riesigen<br />

Leuchter, den César entworfen hatte, ein Fußboden aus festgestampfter<br />

Erde, Plakate von Alfons Mucha an den Wänden<br />

und Appliken aus Glas von Gallé. Das klingt heute vielleicht<br />

etwas banal, aber damals war es die Quintessenz des<br />

Neuen, und die Musik mischte Hendrix mit Verdi, die Tangos<br />

der 30er Jahre mit den Rolling Stones. Auf dem Parkplatz<br />

gab es ebenso viele Rolls wie Mofas, und manchmal<br />

floss Blut.<br />

Auch hier begegnete ich einer Idee von Dandytum, die mir<br />

half, mich zu finden. Ich spürte eine Geistesverwandtschaft<br />

zu Baudelaire, für den Schönheit immer auch etwas Bizarres<br />

haben musste. Echte Dandys sind keine Karikaturen, die<br />

sich nur um den Knoten ihrer Krawatte oder die Farbe ihrer<br />

Weste kümmern, sondern scharfe Denker, kühn, mutig,<br />

Wegbereiter und Antreiber neuer Ideen, Kämpfer gegen die<br />

etablierte Ordnung, Verteidiger des Andersseins.<br />

Meine Eltern hätten sich gewünscht, dass ich Professor,<br />

Priester oder Arzt werde. Ich habe sie geliebt und deshalb<br />

keinen großen Streit angefangen. Aber ich saß in der<br />

Falle: Ich war auf dem besten Weg, die Museumslaufbahn<br />

einzuschlagen, Konservator zu werden – eine verstaubte<br />

Profession, wie es mir damals schien. Aber ohne den Staub,<br />

den ich liebte. Das war der Moment, in dem mir die Götter<br />

Françoise Rosenstiehl schickten, meine spätere Frau. Ich<br />

lernte sie 1973 in Paris kennen, und sie ermutigte mich, das<br />

abzustreifen, was nicht mehr zu mir passte. Als ich durch<br />

die Konservatorenprüfung fiel, hat sie mich bestärkt, endlich<br />

mein kühnstes Ziel in Angriff zu nehmen.<br />

nicht mit der gut gekleideten, nachsichtig gewordenen alten<br />

Dame zufrieden geben, zu der die Haute Couture – mit<br />

wenigen Ausnahmen – geworden war.<br />

Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass das Leben zu kurz<br />

ist, um es nicht mit aller Kraft und Leidenschaft nach eigenen<br />

Vorstellungen zu gestalten. Was mich betraf, sollte die<br />

Mode zur Extravaganz der großen glamourösen Jahre von<br />

Kino und Theater zurückfinden. Mode sollte wieder eine<br />

Möglichkeit sein, sich selbst darzustellen und neu zu erfinden.<br />

So wurde man auf meine Arbeit aufmerksam, die nicht<br />

viel mit dem zu tun hatte, was man damals kannte. Dabei<br />

hatte ich weder den Anspruch noch den Willen, irgendetwas<br />

zu revolutionieren, weder die Geschichte der Mode noch den<br />

Schnitt. Aber ich hatte ganz einfach Lust, all das neu zusammenzusetzen,<br />

der Mode eine neue, intensivere Ausstrahlung<br />

und vor allem eine persönliche „Allure“ zu geben.<br />

Ich habe Mode entworfen, als wären es Theaterkostüme. Ich<br />

wollte die Welt mit bunteren, unabhängigeren, spielerischen<br />

Geschöpfen bevölkern, deren Eleganz aus Originalität geboren<br />

ist, aus Chuzpe und Courage. Damit gewann ich Anerkennung<br />

und Prestige. Aber auch Unverständnis, wenn<br />

nicht sogar Feindschaft. Und dies in einem Moment, in dem<br />

die Welt sich globalisierte und zu ewiger Trauer anschickte,<br />

indem sie jedes persönliche Profil mit der Dampfwalze des<br />

falschen Luxus und der Logos, der völlig beliebigen „Statussymbole“<br />

und der „People“, die gar keine sind, platt machte.<br />

Ich hätte wachsamer sein können, nein, müssen! Und meine<br />

Antennen einschalten, auf meine Intuition hören, um diese<br />

Gleichmacherei viel früher zu bekämpfen.<br />

Wie eine Löwin hat sie meine Arbeit verteidigt, mich motiviert,<br />

mir höhere Ziele zu stecken, meine Zeichnungen zu<br />

zeigen, keine Konzessionen mehr zu machen.<br />

Ich glaube, ohne sie wäre ich sehr schnell wieder in den Süden<br />

zurückgekehrt und hätte meine Tage als Schwadroneur<br />

gefristet, der die Welt an der Theke einer Bar aus den Angeln<br />

hebt. Sie hat in mein Schicksal eingegriffen, die Karten neu<br />

gemischt und mich seit Ende der 70er Jahre auf die Mode-<br />

Spur gebracht, als alles noch sehr einfach war. Jedenfalls wurde<br />

ich bereits 1981 Künstlerischer Leiter des Hauses Jean<br />

Patou, 1987 konnte ich dann mein eigenes Haus gründen.<br />

Françoise unterstützte mich in meinem Denken und Fühlen.<br />

Jeder billige Kompromiss in ästhetischer und ethischer<br />

Hinsicht war für mich ausgeschlossen, besonders was die<br />

sogenannten „Trends“ in der Mode betrifft. Wir waren unzufrieden<br />

mit dem, was in den Boutiquen Ende der 70er<br />

Jahre angeboten wurde, und haben einen ganz eigenen Stil<br />

entwickelt. Seine Basis bildeten Stoffe mit Geschichte, die<br />

wir auf Flohmärkten oder verstaubten Dachböden fanden.<br />

Etwas zu entwerfen oder zu zeichnen, was nicht existierte,<br />

war eine aufregende Sache für mich. Und als ich wie von<br />

Zauberhand Couturier wurde, konnte ich mich natürlich<br />

8 0<br />

8 0<br />

Aber jetzt, da die Wirtschaftskrise andere Prioritäten setzt,<br />

andere Haltungen und andere Initiativen erfordert, scheint<br />

der Moment zu kommen, in dem man vielleicht wieder in<br />

den „Krieg der Spitzenärmel“ ziehen und, erfüllt von Freude<br />

und Inspiration, rebellieren kann. Mir erscheint das als ein<br />

heilsamer und natürlicher Zustand, den es herbeizuführen<br />

gilt. Nur so gewinnen wir die Definitionsmacht darüber zurück,<br />

wie unsere Zukunft aussehen soll, was wir unter „zeitgemäß“<br />

verstehen und unter „Fortschritt“ – ein Wort, das<br />

man heute kaum mehr in den Mund nimmt, aber das den<br />

Geist der Rebellion immer befeuert hat. Rebellieren, indem<br />

man sich selbst treu bleibt, Kritiken und Vorwürfen trotzt.<br />

Aufhören, die Dinge laufen zu lassen, am Rand zu stehen.<br />

Denn der „Rand“, das schrieb Jean-Luc Godard einmal,<br />

„der Rand ist das, was die Seiten zusammenhält.“<br />

Übersetzung Simone Herrmann<br />

Christian Marie Marc Lacroix wurde<br />

1951 in Arles geboren und galt<br />

in den 80er Jahren als große Hoffnung<br />

der Pariser Couture. Nach<br />

Jahren als Designer bei Jean Patou<br />

gründete er 1987 sein eigenes Haus,<br />

das bis 2009 bestand.


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1 9<br />

1 9


MAX JOSEPH № 3— 2010/2011<br />

genda<br />

KULTURTIPPS AUS DER OPER<br />

BRIEFE AN DEN INTENDANTEN: FIDELIO<br />

SPIELPLAN<br />

PORTRÄT PLAKATKÜNSTLERIN MEIKE 8 3 ZOPF<br />

VORSCHAU<br />

8 3<br />

86<br />

89<br />

90<br />

95<br />

96


AGENDA<br />

K – U – L – T – U – R<br />

Was die Mitarbeiter der Oper machen, wenn sie nicht<br />

bei der Oper mitarbeiten.<br />

BILDBAND MICHAEL JACKSON<br />

Von Simone Theilacker, Assistentin des<br />

Geschäftsführenden Direktors<br />

Die Pop-Ikone Michael Jackson gehört zu einem Menschenschlag,<br />

der sich vom Mainstream abzusetzen vermag und<br />

rebellischen Charakter besitzt. Wer sich, wie ich, nicht zu<br />

seinem engsten Fankreis gehörig fühlt, wird mit Erstaunen<br />

die Schönheit der exzentrischen und bisweilen skurrilen<br />

Fotografien in einem vor kurzem erschienenen Bildband<br />

bewundern.<br />

keit, doch geht von ihm eine immense Kraft und Zärtlichkeit<br />

aus. Arno Bani verewigt Michael Jackson auf märchenhafte<br />

Art und Weise in seinen ausdrucksstarken Bildern – für<br />

Fotografie-Liebhaber eine absolute Kaufempfehlung.<br />

Michael Jackson von Arno Bani, Knesebeck Verlag, 208 Seiten mit<br />

100 farbigen Abbildungen, 45 Euro.<br />

AUSSTELLUNG „WENN DER VORHANG FÄLLT“<br />

Von Karl-Heinz Krämer, Technischer Direktor<br />

Das Shooting mit dem jungen französischen Fotografen<br />

Arno Bani (Jahrgang 1976) fand 1999 unter strengster Geheimhaltung<br />

in Paris statt. Jackson trägt Kleidung renommierter<br />

Modedesigner wie Yves Saint Laurent, die speziell<br />

angefertigt wurde. Zudem enthält der Bildband einen Text<br />

der Modehistorikerin Jeromine Savignon, der sich vor allem<br />

mit den Umständen dieses einzigartigen Fotoshootings beschäftigt.<br />

Savignon gibt so auch einen Einblick in die Psyche<br />

des „King of Pop“ – ein Mann der Extreme, gratwandernd<br />

zwischen Genie, Wahnsinn und kindlicher Naivität. Sie schildert<br />

auch die enge künstlerische Beziehung der beiden:<br />

„Sie schreiben ein Klavierstück zu vier Händen in einer unvergesslichen<br />

Zusammenarbeit, in einer zwei Monate währenden<br />

Euphorie des Spiels.“<br />

Seit nunmehr einem halben Jahr in München an der <strong>Bayerische</strong>n<br />

<strong>Staatsoper</strong> als Technischer Direktor tätig, pflege ich<br />

die Beziehung zur Hauptstadt aufgrund der familiären Beziehungen<br />

zu meinen beiden Töchtern in Berlin. Mit diesen werde<br />

ich im Frühling die Ausstellung im Gropius-Bau „Wenn der<br />

Vorhang fällt“ anschauen. Die Künstlerin Margarita Broich,<br />

eine bekannte Schauspielerin und Fotografin aus Berlin, hat<br />

zu den Salzburger Festspielen eine Fotoausstellung initiiert,<br />

die Schauspieler unmittelbar nach Ende der Aufführungen<br />

zeigt. Dabei sind ganz erstaunliche Bilder als Momentaufnahmen<br />

entstanden. Frau Broich ist die Ehefrau von Martin<br />

Wuttke und war zuvor mit dem Dramatiker Heiner Müller,<br />

dem sogenannten Mauerläufer, verheiratet. Aus diesem Grunde<br />

war sie stets ganz nahe an den Schauspielern und Sängern<br />

dran.<br />

„Wenn der Vorhang fällt“. Margarita Broich – Fotografien, 18.03. bis<br />

30.05.2011. Eine Ausstellung des Martin-Gropius-Bau in<br />

Zusammenarbeit mit dem Theatertreffen 2011, Martin-Gropius-Bau,<br />

Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, www.gropiusbau.de.<br />

LEIPZIG, STADT DER FRIEDLICHEN REVOLUTION<br />

Von Sören Eckhoff, Chordirektor<br />

Eines der beeindruckendsten Fotos ist sicher das Titelbild<br />

Michael Jackson mit dem blauen Auge. Gekleidet in einem<br />

schillernd bestickten Blazer, vor schwarzem Hintergrund,<br />

mit betrübtem Gesichtsausdruck, eines der beiden geschlossenen<br />

Augenlider koloriert mit einem blauglitzernden<br />

Kreis – das Foto wirkt wie ein Gemälde von großer Traurig-<br />

8 4<br />

8 4<br />

Zu Beginn dieser Spielzeit habe ich Leipzig nach mehreren<br />

Jahren den Rücken gekehrt, doch gerade deshalb liegt es<br />

mir am Herzen, Menschen in diese einzigartige Stadt zu locken<br />

– und sei es nur für einen Tag! Gründe dafür gibt es<br />

viele, einer liegt sicher auf dem Gelände der ehemals größten<br />

Baumwollspinnerei auf dem Kontinent, die Ende des


AGENDA<br />

T – I – P – P – S<br />

19. Jahrhunderts eine eigene Stadt in der Stadt bildete und<br />

sich nach 1989 zu einem Zentrum der Kreativität mit Ateliers,<br />

Galerien, Werkstätten, Theaterbühnen und Designbüros<br />

gewandelt hat. Dieser Ort spiegelt den kulturellen Reichtum<br />

der Stadt wider, die die Besucher am Bahnhof in einer weltberühmten<br />

Halle aus dem Jahr 1915 empfängt. Noch mehr<br />

Jugendstil-Architektur findet man im einzigartigen Waldstraßenviertel.<br />

Leipzig ist eine bedeutende Messestadt, vor<br />

allem beherbergt sie die neben Frankfurt am Main wichtigste<br />

deutsche Buchmesse. An Musik mangelt es ebenso wenig:<br />

Richard Wagner und Clara Schumann wurden hier geboren.<br />

Johann Sebastian Bach begegnet man in Bronze<br />

südlich der Thomaskirche, seinen Motetten jeden Freitag<br />

und Samstag in eben dieser Kirche, wo er als Kantor gewirkt<br />

hat. Noch mehr Musik gibt es im weltberühmten Gewandhaus,<br />

wie im Opernhaus auf der anderen Seite des Augustusplatzes.<br />

Die wechselhafte Geschichte der Stadt lässt<br />

sich im Museum in der Runden Ecke erleben, wo die ehemaligen<br />

Räume des Ministeriums für Staatssicherheit zu besichtigen<br />

sind. Ein Muss sind Kaffee und Kuchen im Kaffeehaus<br />

Riquet, wo die alte Leipziger Kaffeehaustradition<br />

wiederbelebt wird.<br />

Baumwollspinnerei, Spinnereistraße 7, Leipzig, www.spinnerei.de.<br />

Museum in der Runden Ecke, Dittrichring 24, Leipzig,<br />

www.runde-ecke-leipzig.de. Die Sonderausstellung „Leipzig auf dem Weg<br />

zur Friedlichen Revolution“ ist noch bis 08.05. zu sehen.<br />

und man kann nebenbei lesen, Tee trinken – oder einfach<br />

nur zur Ruhe kommen. Was auch im Auto immer wieder eingelegt<br />

wird: Sade. Am liebsten „Lovers Rock“.<br />

Sade: Lovers Rock, Epic, 2000.<br />

Musiciens Gitans de Perpignan: De Sant Jaume Son, Al Sur, 1992.<br />

Jan Garbarek, The Hilliard Ensemle: Officium, ECM, 1994.<br />

LESEN: HANNS-JOSEF ORTHEIL<br />

Von Regina Knappik, Opernladen<br />

Ich trage stets ein Taschenbuch bei mir, da ich in Parks, im<br />

Biergarten, in der Bahn oder auf meinem Blumenbalkon<br />

(meiner kleinen Toskana) immer lese – Biographien und Romane<br />

von Ludwig XIV. (Der gehörnte Marquis) über Marie<br />

Antoinette bis zur Französischen Revolution und der Entstehung<br />

der Enzyklopädie (Die Philosophin). Dann wieder<br />

springe ich nach Russland, von Zar Peter I. bis zur Oktoberrevolution.<br />

Natürlich führen mich meine Städtereisen im Urlaub<br />

nach Paris und St. Petersburg an die Schauplätze der<br />

Bücher, und ich komplettiere das Gelesene mit Sendungen,<br />

die nachts auf Arte oder 3sat laufen. Mein Lieblingsschriftsteller<br />

aber ist Hanns-Josef Ortheil.<br />

MUSIK VON FLAMENCO BIS SADE<br />

Von Gabriela Scherer, Mitglied des Ensembles<br />

Illustration: Gian Gisiger, Bureau Mirko Borsche<br />

Wenn mir der Job und vor allem mein Mutterdasein mal einen<br />

ruhigen Augenblick gönnen, höre ich Musik. Ich höre eigentlich<br />

fast alles, von Klassik bis Rock, Musicals, spanische<br />

Musik (Flamenco oder ein fantastisches katalanisches Album,<br />

„Musiciens Gitans de Perpignan“) aber auch ruhige<br />

Musik zum Entspannen, hier empfehle ich Jan Garbarek and<br />

The Hilliard Ensemble – „Officium“. Ein wunderschönes Album,<br />

8 5<br />

8 5<br />

Ein wunderbarer Erzähler, der zuletzt mit seinen Kindheitserinnerungen<br />

Die Erfindung des Lebens und Die Moselreise auf<br />

den Bestsellerlisten stand. Er schrieb eine Trilogie, die ich<br />

kunstinteressierten Lesern besonders empfehlen kann: Faustinas<br />

Küsse handelt von Goethes Zeit in Rom, Im Licht der Lagune<br />

von einen Maler in Venedig. Und Die Nacht des Don Juan<br />

erzählt die Entstehung von Mozarts Oper Don Giovanni.<br />

Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens, 592 Seiten, geb., 22,95 Euro.<br />

Die Moselreise. Roman eines Kindes, 224 Seiten, geb., 16,99 Euro, beide<br />

Luchterhand Literaturverlag.<br />

Im Licht der Lagune, 320 Seiten, Taschenbuch, 9 Euro.<br />

Faustinas Küsse, Taschenbuch, 352 Seiten, 10 Euro.<br />

Die Nacht des Don Juan, Taschenbuch, 384 Seiten, 10 Euro, alle btb.


UNITEL CLASSICA<br />

Photo © Wilfried Hösl<br />

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1 9<br />

1 9


MEINUNGSAUSTAUSCH<br />

»UNERTRÄGLICH«<br />

Die Operngeschichte ist reich an Inszenierungen, die sehr<br />

umstritten sind, ehe sie zu Publikumsmagneten<br />

aufsteigen. MAX JOSEPH dokumentiert Publikumsreaktionen.<br />

Staatsintendant Nikolaus Bachler antwortet.<br />

In dieser Ausgabe: Fidelio<br />

W. E. – München<br />

Mit einem Kopfschütteln ist die – auch szenisch<br />

fragwürdige – Einführung des langsamen Satzes<br />

aus dem Streichquartett op. 132 zu sehen.<br />

Dieses wunderbare Stück ist in der Oper fehl<br />

am Platz. Mit seinem esoterischen Charakter und als Ausdruck<br />

des äußersten Spätstils von Beethoven hat es mit<br />

Fidelio nichts zu tun. Das unmittelbar folgende C-Dur-Finale<br />

passt danach wie die Faust aufs Auge.<br />

N. B. – Seit Gustav Mahler wird an dieser Stelle meist<br />

die viel längere Leonoren-Ouvertüre gespielt, und das<br />

Anhalten des Moments, in dem die Welt still steht, macht<br />

im Übrigen nach der Befreiung und vor dem großen Finale<br />

auch Sinn. In einer naturgemäß widersprüchlichen<br />

Interpretation war gerade das Streichquartett der Moment<br />

der Aufführung, über dessen Qualität und Richtigkeit<br />

sich alle einig waren. Beethoven selbst hat übrigens<br />

gerade im Fidelio nicht alles sorgfältig festgelegt, sondern<br />

über fünfzehn Jahre hinweg sein Werk überarbeitet<br />

– und auch vieles offengelassen.<br />

A. H. – Ampfing<br />

Das war ja wohl der scheußlichste Fidelio, den ich jemals<br />

in meinem Leben gesehen habe. Was ist denn das für ein<br />

Intendant, der so etwas durchgehen lässt? Wissen die<br />

nicht, dass hier immense Steuergelder vergeudet werden?<br />

Dass der Opernbesucher enttäuscht und frustriert nach<br />

Hause fährt?<br />

N. B. – Sie werden sicher auch bemerkt haben, dass viele<br />

Besucher geradezu begeistert waren. Ich bin fest überzeugt,<br />

dass die Kunst neben der Bildung einer der wenigen<br />

Orte in der Gesellschaft ist, wo Steuermittel niemals<br />

verschwendet sind. Trotzdem tut es mir immer leid, wenn<br />

ein Zuschauer frustriert nach Hause fährt. Ich hoffe,<br />

dass Sie beim nächsten Mal die Oper mit besseren Gefühlen<br />

verlassen werden.<br />

8 7<br />

8 7<br />

S. R. – (ohne Ortsangabe)<br />

Was Sie sich mit dem Plakat für die Premiere<br />

des Fidelio geleistet haben, würde man auf Bayrisch<br />

als „unter aller Sau“ bezeichnen. Die aufgeknüpften<br />

Hauptpersonen, dazu ein splitternackter<br />

Henker mit XXL -Männlichkeit. Eine Entwürdigung des<br />

Komponisten und der Darsteller.<br />

N. B. – Dass Sie das Fidelio-Plakat empört hat, respektiere<br />

ich. Im Fidelio geht es um Unrecht, um Mörder, um<br />

Henker und um die geschundenen Kreaturen. Dies lässt<br />

sich nun mal nicht mit einem Plakat vor weiß-blauem<br />

Himmel ausdrücken. Es ist daher keine „Entwürdigung<br />

des Komponisten und der Darsteller“, sondern der Versuch,<br />

den wahrhaftigen Inhalt zu vermitteln, und das ist<br />

doch der Sinn von Kunstplakaten.<br />

H. H. – München<br />

Calixto Bieito hätte besser das Originallibretto genau gelesen.<br />

Hätte es „nach Fidelio“ geheißen, dann kann man es<br />

durchgehen lassen, dass Don Fernando als Clown auftritt<br />

und so die „Gattenliebe“ ins Lächerliche zieht. Ich finde es<br />

bodenlos, was sich solche Regisseure erlauben!<br />

N. B. Es ist nicht „bodenlos“, sondern es ist der Beruf des<br />

Regisseurs, Werke zu interpretieren. Ich glaube, Calixto<br />

Bieito hat durchaus auf die Bühne gebracht, was Beethoven<br />

komponiert hat, und er hat es vor allem für das Publikum<br />

gemacht. Das schließt, wie immer in der Kunst,<br />

auch ein, dass eine Interpretation von einigen, wie in<br />

diesem Fall von Ihnen, abgelehnt wird. Große Werke haben<br />

niemals nur eine Aussage, sondern sind widersprüchlich<br />

– das gerade macht sie groß. Und zum Beispiel<br />

die Gattenliebe im Zusammenhang mit dem Begriff<br />

„Treue“ zu befragen, das ist Sinn und Aufgabe der Bühne<br />

– immer wieder neu und immer wieder anders. Das<br />

hält das Theater lebendig.


BAYERISCHE<br />

STAATSOPER<br />

UNFREI<br />

frei<br />

SPIELPLAN<br />

S<br />

P<br />

I<br />

E<br />

27.03.2011<br />

L<br />

P<br />

L<br />

A<br />

–<br />

N<br />

01.07.2011<br />

Soweit nicht anders angegeben, finden<br />

alle Veranstaltungen im Nationaltheater statt.<br />

8 8<br />

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O–P–E–R<br />

Vincenzo Bellini<br />

I Capuleti e i Montecchi<br />

Musikalische Leitung Yves Abel<br />

Inszenierung Vincent Boussard<br />

Vesselina Kasarova, Eri Nakamura, Dimitri Pittas, Steven Humes,<br />

Carlo Cigni<br />

So 27.03.11 19:00 Uhr<br />

Mi 30.03.11 19:00 Uhr<br />

So 03.04.11 18:00 Uhr<br />

Mi 06.04.11 19:00 Uhr<br />

Sa 09.04.11 19:00 Uhr<br />

Di 12.04.11 19:00 Uhr<br />

Premiere<br />

Premierenmatinee zur Neuinszenierung<br />

So 20.03.10 11:00 Uhr Moderation Nikolaus Bachler<br />

sponsored by<br />

Gaetano Donizetti<br />

Lucrezia Borgia<br />

Musikalische Leitung Paolo Arrivabeni<br />

Inszenierung Christof Loy<br />

John Relyea, Edita Gruberova, Charles Castronovo, Silvia Tro Santafé,<br />

Nam Won Huh, Christian Rieger, John Chest, Dean Power, Steven<br />

Humes, Emanuele D’Aguanno, Tareq Nazmi<br />

Mo 28.03.11 19:00 Uhr<br />

Sa 02.04.11 19:00 Uhr<br />

Francis Poulenc<br />

Dialogues des Carmélites<br />

Musikalische Leitung Kent Nagano<br />

Inszenierung Dmitri Tcherniakov<br />

Alain Vernhes, Susan Gritton, Bernard Richter, Felicity Palmer,<br />

Soile Isokoski, Jamie Barton, Hélène Guilmette, Okka von der Damerau,<br />

Gabriela Scherer, Kevin Conners, Ulrich Reß, John Chest,<br />

Christian Rieger, Levente Molnár, Rüdiger Trebes<br />

Fr 01.04.11 19:30 Uhr<br />

Do 07.04.11 19:30 Uhr<br />

Mo 11.04.11 19:30 Uhr<br />

Sa 16.04.11 19:30 Uhr<br />

Vincenzo Bellini<br />

Norma<br />

Musikalische Leitung Friedrich Haider<br />

Inszenierung Jürgen Rose<br />

Zoran Todorovich, Francesco Petrozzi, Steven Humes, Edita Gruberova,<br />

Sonia Ganassi, Okka von der Damerau<br />

So 10.04.11 19:00 Uhr<br />

Fr 15.04.11 19:00 Uhr<br />

Mi 20.04.11 19:30 Uhr<br />

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Richard Wagner<br />

Parsifal<br />

Musikalische Leitung Kent Nagano<br />

Inszenierung Peter Konwitschny<br />

Michael Volle, Steven Humes, Kwangchul Youn, Nikolai Schukoff,<br />

John Wegner, Angela Denoke, Kevin Conners, Levente Molnár,<br />

Ulrich Reß, Kenneth Roberson, Hanna-Elisabeth Müller,<br />

Laura Tatulescu, Gabriela Scherer, Evgeniya Sotnikova, Tara Erraught,<br />

Okka von der Damerau, Solisten des Tölzer Knabenchors<br />

So 17.04.11 17:00 Uhr<br />

So 24.04.11 16:00 Uhr<br />

Wolfgang Amadeus Mozart<br />

Die Entführung aus<br />

dem Serail<br />

Musikalische Leitung Johannes Debus<br />

Inszenierung Martin Duncan<br />

Elena Mosuc, Anna Prohaska, Alek Shrader, Kevin Conners,<br />

Franz-Josef Selig, Bernd Schmidt, Demet Gül<br />

Mi 04.05.11 19:30 Uhr<br />

Sa 07.05.11 19:30 Uhr<br />

Giacomo Puccini<br />

Tosca<br />

Musikalische Leitung Keri-Lynn Wilson<br />

Inszenierung Luc Bondy<br />

Tatiana Serjan, Marcello Giordani, Juha Uusitalo, Christian Van Horn,<br />

Christoph Stephinger, Kevin Conners, Rüdiger Trebes, Christian Rieger,<br />

Solist des Tölzer Knabenchors<br />

Do 05.05.11 19:00 Uhr<br />

So 08.05.11 19:00 Uhr<br />

Do 12.05.11 19:00 Uhr<br />

gefördert durch BMW München<br />

Gaetano Donizetti<br />

L’elisir d’amore<br />

Musikalische Leitung Juraj Valcuha<br />

Inszenierung David Bösch<br />

Anna Netrebko, Matthew Polenzani, Fabio Maria Capitanucci,<br />

Alessandro Corbelli, Tara Erraught<br />

Mi 11.05.11 19:00 Uhr<br />

Sa 14.05.11 19:00 Uhr<br />

Di 17.05.11 19:00 Uhr<br />

sponsored by<br />

8 9<br />

8 9


Giacomo Puccini<br />

La bohème<br />

Musikalische Leitung Marco Armiliato<br />

Inszenierung Otto Schenk<br />

Hibla Gerzmava, Laura Tatulescu, Joseph Calleja, Levente Molnár,<br />

Christian Rieger, Steven Humes, Nam Won Huh, Alfred Kuhn,<br />

Rüdiger Trebes, John Chest, Peter Mazalán<br />

Fr 13.05.11 19:00 Uhr<br />

Mo 16.05.11 19:00 Uhr<br />

Fr 20.05.11 19:30 Uhr<br />

Di 24.05.11 19:00 Uhr<br />

Olivier Messiaen<br />

Saint François d’Assise<br />

Musikalische Leitung Kent Nagano<br />

Szenische Konzeption Hermann Nitsch<br />

Mitarbeit Regie Natascha Ursuliak<br />

Christine Schäfer, Paul Gay, John Daszak, Nikolay Borchev,<br />

Kenneth Roberson, Ulrich Reß, Christoph Stephinger, Peter Mazalán<br />

Fr 01.07.11 16:00 Uhr Festspielpremiere<br />

gefördert durch BMW München<br />

Antonín Dvořák<br />

Rusalka<br />

Musikalische Leitung Tomáš Hanus<br />

Inszenierung Martin Kušej<br />

Dmytro Popov, Nadia Krasteva 22. / 25. / 29.05., Kristīne Opolais,<br />

Günther Groissböck, Janina Baechle, Ulrich Reß,<br />

Tara Erraught, Evgeniya Sotnikova, Angela Brower,<br />

Okka von der Damerau, John Chest<br />

So 22.05.11 19:00 Uhr<br />

Mi 25.05.11 19:00 Uhr<br />

So 29.05.11 18:00 Uhr<br />

Mi 01.06.11 19:00 Uhr<br />

Sa 04.06.11 19:00 Uhr<br />

Richard Strauss<br />

Der Rosenkavalier<br />

Musikalische Leitung Leif Segerstam<br />

Nach einer Konzeption von Jürgen Rose und Otto Schenk<br />

Anja Harteros, Peter Rose, Kate Aldrich, Martin Gantner, Lucy Crowe,<br />

Ingrid Kaiserfeld, Ulrich Reß, Heike Grötzinger,<br />

Christoph Stephinger, Kenneth Roberson, Francesco Petrozzi,<br />

Christian Rieger, Wookyung Kim, Evgeniya Sotnikova,<br />

Martha Hirschmann, Hanna-Elisabeth Müller, Dean Power<br />

Do 02.06.11 18:00 Uhr<br />

So 05.06.11 18:00 Uhr<br />

Mi 08.06.11 18:00 Uhr<br />

So 12.06.11 18:00 Uhr<br />

So 19.06.11 16:00 Uhr<br />

Giuseppe Verdi<br />

Aida<br />

Musikalische Leitung Asher Fish<br />

Inszenierung Christof Nel<br />

Luciana D’Intino, Norma Fantini, Carlo Ventre, Kwangchul Youn,<br />

Michael Volle, Anatoli Kotscherga, Kenneth Roberson, Angela Brower<br />

Di 07.06.11 19:00 Uhr<br />

Sa 11.06.11 19:00 Uhr<br />

Di 14.06.11 19:00 Uhr<br />

Fr 17.06.11 19:30 Uhr<br />

sponsored by<br />

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B–A–L–L–E–T–T<br />

GEFÖRDERT DURCH<br />

Nacho Duato<br />

Vielfältigkeit.<br />

Formen von Stille und Leere<br />

Musik Johann Sebastian Bach<br />

Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Do 31.03.11 19:30 Uhr<br />

Fr 08.04.11 19:30 Uhr<br />

Mo 25.04.11 18:00 Uhr BallettFestwoche 2011<br />

Sa 28.05.11 19:00 Uhr<br />

Di 31.05.11 19:30 Uhr<br />

John Neumeier<br />

Illusionen – wie Schwanensee<br />

Musik Peter I. Tschaikowsky<br />

Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Musikalische Leitung Michael Schmidtsdorff<br />

Do 21.04.11 19:00 Uhr BallettFestwoche 2011 Premiere<br />

Sa 23.04.11 19:00 Uhr BallettFestwoche 2011<br />

Do 28.04.11 19:00 Uhr BallettFestwoche 2011<br />

Fr 06.05.11 19:30 Uhr<br />

So 15.05.11 19:30 Uhr<br />

Mi 18.05.11 19:00 Uhr<br />

Sa 21.05.11 19:00 Uhr<br />

Mo 23.05.11 19:00 Uhr<br />

John Cranko<br />

Der Widerspenstigen<br />

Zähmung<br />

Musik Kurt-Heinz Stolze nach Domenico Scarlatti<br />

Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Musikalische Leitung Myron Romanul<br />

9 0<br />

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Di 26.04.11 19:30 Uhr BallettFestwoche 2011


John Cranko<br />

Onegin<br />

Musik Peter I. Tschaikowsky, arrangiert von Kurt-Heinz Stolze<br />

Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Musikalische Leitung Michael Schmidtsdorff<br />

Mi 27.04.11 19:30 Uhr BallettFestwoche 2011<br />

Fr 27.05.11 19:30 Uhr<br />

Ballett Extra<br />

Proben zur Premiere<br />

»Illusionen – wie Schwanensee«<br />

Mit John Neumeier und Tänzern des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

So 17.04.11 15:00 Uhr<br />

Prinzregententheater<br />

Jörg Mannes / Terence Kohler<br />

Mein Ravel:<br />

Wohin er auch blickt … /<br />

Daphnis und Chloé<br />

Musik Maurice Ravel<br />

Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Musikalische Leitung Michael Schmidtsdorff<br />

Fr 29.04.11 19:30 Uhr BallettFestwoche 2011<br />

Sidi Larbi Cherkaoui / Damien Jalet<br />

Babel (Worte) – Gastspiel<br />

Musik Patrizia Bovi, Mahabub Khan, Sattar Khan, Gabriele Miracle,<br />

Shogo Yoshii (Kodo)<br />

Produktion Company Eastman vzw und<br />

Théâtre royal de la Monnaie, Brüssel<br />

Musikalische Leitung Fahrettin Yarkin<br />

Sa 30.04.11 19:30 Uhr BallettFestwoche 2011<br />

Marius Petipa / Ivan Liška<br />

Dornröschen<br />

Musik Peter I. Tschaikowsky<br />

Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Musikalische Leitung Valery Ovsianikov 3. / 23.06.<br />

Myron Romanul 13. / 18.06.<br />

Fr 03.06.11 19:30 Uhr<br />

Mo 13.06.11 18:00 Uhr<br />

Sa 18.06.11 19:30 Uhr<br />

Do 23.06.11 18:00 Uhr<br />

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Omelette surprise<br />

Mit Tänzern des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Mi 11.05.11 20:00 Uhr Ballettprobenhaus, Platzl 7<br />

Große Männer-Soli<br />

Javier Amo Gonzalez tanzt Chaconne von José Limón,<br />

Norbert Graf tanzt sein Solo von Simone Sandroni u. a.,<br />

dazu Filmaufzeichnungen von großen historischen Soli des<br />

internationalen Balletts<br />

Do 09.06.11 20:00 Uhr Ballettprobenhaus, Platzl 7<br />

Große Frauen-Soli<br />

Der sterbende Schwan, Die Nacht, Five Brahms Waltzes<br />

in the Manner of Isadora Duncan, Isabelle Sevérs in ihrem Solo<br />

von Simone Sandroni u. a., sowie Filmaufzeichnungen weiterer Soli<br />

Fr 10.06.11 20:00 Uhr Ballettprobenhaus, Platzl 7<br />

Matineen der<br />

Heinz-Bosl-Stiftung<br />

So 08.05.11 11:00 Uhr<br />

So 15.05.11 11:00 Uhr<br />

Ray Barra und Marius Petipa<br />

Don Quijote<br />

Musik Ludwig Minkus<br />

Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />

Fr 24.06.11 19:30 Uhr<br />

Sa 25.06.11 19:30 Uhr<br />

So 26.06.11 15:00 Uhr<br />

So 26.06.11 19:30 Uhr<br />

Prinzregententheater<br />

Prinzregententheater<br />

Prinzregententheater<br />

Prinzregententheater<br />

9 1<br />

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K–O–N–Z–E–R–T–E<br />

C–A–M–P–U–S<br />

Passionskonzert<br />

PartnEr dEs bayErisCHEn staatsorCHEstErs<br />

5. Akademiekonzert<br />

Wolfgang Rihm, Johannes Brahms<br />

Musikalische Leitung Kent Nagano<br />

Sopran Soile Isokoski<br />

Bariton Christian Gerhaher<br />

Windsbacher Knabenchor<br />

Mo 04.04.11 20:00 Uhr<br />

Di 05.04.11 20:00 Uhr<br />

5. Kammerkonzert<br />

Ludwig van Beethoven, Antonín Dvořák<br />

So 10.04.11 11:00 Uhr<br />

Di 12.04.11 20:00 Uhr<br />

Allerheiligen Hofkirche<br />

Allerheiligen Hofkirche<br />

6. Akademiekonzert<br />

Toru Takemitsu, Toshio Hosokawa, Toshiro Mayuzumi,<br />

Peter I. Tschaikowsky<br />

Musikalische Leitung Yutaka Sado<br />

Shō Mayumi Miyata<br />

Schumann Quartett<br />

Mo 09.05.11 20:00 Uhr<br />

Di 10.05.11 20:00 Uhr<br />

6. Kammerkonzert<br />

Johann Strauß / Brett Dean, Wolfgang Amadeus Mozart / Anonymus,<br />

Richard Strauss / Franz Hasenöhrl, Georges Bizet / Andreas N. Tarkmann<br />

So 22.05.11 11:00 Uhr<br />

Di 24.05.11 20:00 Uhr<br />

Allerheiligen Hofkirche<br />

Allerheiligen Hofkirche<br />

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E<br />

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P<br />

L<br />

A<br />

N<br />

Georg Friedrich Händel, Igor Strawinsky, John Thrower<br />

Do 14.04.11 19.30 Uhr<br />

Allerheiligen Hofkirche<br />

2. Kammerkonzert der<br />

Orchesterakademie<br />

Mi 04.05.11 20:00 Uhr<br />

Fr 06.05.11 20:00 Uhr<br />

Schloss Fürstenried<br />

Allerheiligen Hofkirche<br />

Joseph Haydn<br />

La fedeltà premiata<br />

Mitglieder des Opernstudios der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />

Musikalische Leitung Christopher Ward<br />

So 27.03.11 19:00 Uhr<br />

Mi 30.03.11 19:00 Uhr<br />

Mi 06.04.11 19:00 Uhr<br />

Sa 09.04.11 19:00 Uhr<br />

Cuvilliés-Theater<br />

Cuvilliés-Theater<br />

Cuvilliés-Theater<br />

Cuvilliés-Theater<br />

Richard Strauss / Franz Hasenöhrl<br />

Sitzkissenkonzert:<br />

Till Eulenspiegel einmal anders<br />

Sa 14.05.11 15:00 Uhr<br />

Sa 21.05.11 15:00 Uhr<br />

Parkett Garderobe<br />

Parkett Garderobe<br />

Die unmögliche Enzyklopädie<br />

Die unmögliche<br />

Enzyklopädie 18: Sprache<br />

Di 05.04.11 20:00 Uhr Ballettprobenhaus, Platzl 7<br />

9 2<br />

9 2


PLAKATKÜNSTLERIN<br />

Schatten des Todes<br />

When did we lose beauty<br />

2003<br />

Acryl und Kohle auf<br />

Leinwand<br />

200 x 260 cm<br />

Die Künstlerin Meike Zopf<br />

über die Inspiration für das Plakat zu<br />

I Capuleti e i Montecchi<br />

Abertausend Liebestode starben abertausend<br />

Liebespaare auf den Bühnen<br />

dieser Welt, seit Ovid Pyramus und<br />

Thisbe in den Freitod unterm Maulbeerbaum<br />

schickte. Dieser antike Liebestod<br />

– vor allem in Romeo-und-Julia-Fassungen<br />

scheint er wieder auf.<br />

Und auch im Gemälde When did we lose<br />

beauty der Hannoveraner Künstlerin<br />

Meike Zopf, das jetzt Vorlage war für<br />

das Opernplakat zu I Capuleti e i Montecchi,<br />

kann man ihn finden. Auf zwei<br />

unschuldsweißen Figuren – ein Mann<br />

und eine wie eine Braut gekleidete Frau<br />

– lastet fast erdrückend die massive Farbe<br />

des Bildhintergrunds: eine existenzielle<br />

Bedrohung, vielleicht schon der<br />

Schatten des Todes.<br />

Blutrote Farbe bedeckt die Köpfe der<br />

beiden, blutrote Tropfen quellen daraus<br />

hervor. Bald schon könnten sie das viele<br />

Weiß dunkelrot färben – auch bei Ovid<br />

färbten sich die Früchte des Maulbeerbaums<br />

dunkel vom Blut der Entleibten.<br />

Tatsächlich ist die Mythologie der 38-jährigen<br />

Malerin Meike Zopf aber eine sehr<br />

individuelle: „Befragen“ möchte sie Symbole<br />

und Motive, die sie aus ihrem eigentlichen<br />

Zusammenhang löst. Und „erforschen“,<br />

in welchen völlig neuen sie sich<br />

bringen lassen.<br />

In ihren Universen kreuzen Flugzeuge<br />

und Kinderwagen-Teile, fleischige menschliche<br />

Herz en schneiden Fragmente<br />

christlicher Ikonographie. Als Kind<br />

fas ziniert von der schwelgerischen Symbolsprache<br />

des Katholizismus, erkennt<br />

die gebürtige Berlinerin im Theatralischen<br />

ihrer großformatigen Werke eine<br />

Nähe zur Oper: „Das Bild ist eine Bühne,<br />

auf der ich Figuren auf- und abtreten<br />

lasse.“<br />

In When did we lose beauty will Meike<br />

Zopf kein liebendes Paar zeigen, sondern<br />

antagonistische Prinzipien – die<br />

Frau als Natur, den Mann als demiur-<br />

gische Kultur, die künstlich manipuliertes<br />

Leben kreiert. Gegen diesen<br />

Verlust natürlicher Unschuld rebelliert<br />

sie: „Wir blicken in die Abgründe<br />

unseres Menschseins.“ – Abgründe,<br />

über die manchmal nicht einmal mehr<br />

die Liebe hinweg kann.<br />

Meike Zopf schloss ihr Kunststudium an der FH<br />

Hannover 2005 als Meisterschülerin ab. Sie stellte<br />

unter anderem in Frankreich, Spanien und der<br />

Türkei aus. Vom 17.03.11 bis zum 05.05.11 zeigt<br />

die Galerie Kaysser in München ihre Arbeiten in<br />

der Einzelausstellung „Idylle VI“.<br />

Weitere Infos: www.meike-zopf.de,<br />

www.berlinartprojects.de, www.galerie-kaysser.de<br />

Text: Larissa Beham, Foto: Dorota Sliwonik


MAX JOSEPH<br />

VORSCHAU 2010/2011<br />

№ 4<br />

UNFREI<br />

frei<br />

Sonderausgabe<br />

Münchner Opernfestspiele<br />

Kent Nagano über<br />

Saint François d’Assise<br />

Anja Harteros über die<br />

Feldmarschallin<br />

Mozarts Väter –<br />

Mitridate, rè di Ponto<br />

Uraufführungen im<br />

Pavillon 21<br />

MINI Opera Space<br />

Die Festspielausgabe von MAX JOSEPH erscheint<br />

am 26. Juni 2011.

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