PDF-Download - Bayerische Staatsoper
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MAX JOSEPH<br />
unfrei frei<br />
BAYERISCHE<br />
STAATSOPER<br />
BallettFestwoche:<br />
Sidi Larbi Cherkaoui<br />
kommt<br />
Vesselina Kasarova &<br />
Alexander Kluge<br />
über<br />
I Capuleti e i Montecchi<br />
La fedeltà premiata<br />
–<br />
Haydn<br />
neu entdeckt<br />
0 2<br />
0 2
M A R T I N P E R E Z A G R I P P I N O<br />
T H E Y E L L O W P A R C E L<br />
A C R Y L I C O N C A N V A S – 3 5 X 2 5 C M<br />
2 0 1 0<br />
0 3<br />
0 3
EDITORIAL<br />
REBELLEN?<br />
„Rebellen“ heißt das dritte Thema unserer Beschäftigung mit dem Komplex „unfrei frei“, der diese<br />
Spielzeit an der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong> und damit auch MAX JOSEPH prägt. Folgt nach „Privatvergnügen“<br />
und „Kinderseele“ nun also die große Politik?<br />
Ein Blick in die Nachrichten scheint die Brisanz zu bestätigen: In Tunesien, Ägypten oder im Jemen<br />
geht die Bevölkerung massenweise auf die Straße und will Veränderung. Doch sind das ähnlich geprägte<br />
politische Revolten, wie wir sie von 1789, 1848 oder 1918 kennen? Werden Rebellen heute im Internet<br />
– in Blogs und sozialen Netzwerken – gemacht? Ist der Motor ihres Kampfes eher der Wunsch<br />
nach persönlichem Glück und Wohlstand als eine Ideologie? Ist es Freiheit?<br />
Vielmehr als politische Rebellen, die seit Jahrhunderten einen bedeutenden Platz auf der Opernbühne<br />
haben, treffen wir in den kommenden Premieren, Gastspielen und Konzerten Querdenker,<br />
deren Kampf mit gesellschaftlichen Normen, göttlichen Plänen oder ästhetischen Kategorien mit<br />
anderen Mitteln als der großen Geste stattfindet.<br />
Romeo will seine Julia lieben, darf es aber nicht, die Figuren in Haydns La fedeltà premiata müssen<br />
ihre Liebe vor einem Seeungeheuer verbergen, um nicht dem brutalen Zorn der Göttin Diana zum<br />
Opfer zu fallen. Der heilige Franziskus rebelliert gegen seine eigenen<br />
Ä<br />
N<br />
G<br />
S<br />
T<br />
E<br />
und Grenzen, um die überindividuelle Erfahrung Gottes zu machen – heutige Pilger tun es ihm nach<br />
und widersetzen sich der Geschwindigkeit unseres Alltags. In der BallettFestwoche stehen zwei<br />
Rebellen unterschiedlicher Generationen im Mittelpunkt: John Neumeiers Gegenentwurf zum klassischen<br />
Ballett ist längst klassisch geworden, Sidi Larbi Cherkaoui experimentiert mit verschiedenen<br />
stilistischen und ästhetischen Ansätzen und Traditionen und überwindet so bestehende<br />
G<br />
R<br />
E<br />
N<br />
Z<br />
E<br />
N<br />
im zeitgenössischen Tanz. Auf paradox anmutende Weise rebellieren zeitgenössische japanische<br />
Komponisten, die im 6. Akademiekonzert zu hören sind, indem sie sich auf die musikalische Tradition<br />
ihres Landes besinnen und damit die vorherrschende westliche Klangsprache in Frage stellen.<br />
Die Rebellen dieses Heftes zeigen individuelle Hoffnungen und Wünsche. Vielleicht eine heutige<br />
Perspektive auf Rebellion.<br />
Nikolaus Bachler<br />
0 3<br />
0 3
INHALT<br />
Fotografie: Alexandra Croitoru<br />
from ROM Series, 2004 –2006<br />
Courtesy of the artist and Plan B Gallery<br />
20<br />
„REBELLISCH UND KÄMPFERISCH SEIN“<br />
Vesselina Kasarova über I Capuleti e i Montecchi und wie<br />
man sich auf der Opernbühne durchsetzt<br />
P–R–E–M–I–E–R–E<br />
24<br />
HIMMELSMACHT<br />
VS.<br />
FAMILIENMACHT<br />
Barbara Vinken schreibt die Geschichte der Liebe<br />
Stil-Rebellin: Die rumänische Fotokünstlerin Alexandra<br />
Croitoru, von der das Titelmotiv stammt, lehnt sich in<br />
ihren Bildern gegen Konventionen über Mode und Aussehen<br />
auf und kombiniert Sturmhaube zum Bikini.<br />
03<br />
EDITORIAL<br />
Rebellen?<br />
Von Nikolaus Bachler<br />
08<br />
IN DIESER AUSGABE<br />
Autoren und Künstler, die dieses Heft gestaltet haben<br />
09<br />
ILLUSTRATION<br />
von Misaki Kawai<br />
10<br />
MÜNCHNER FREIHEIT<br />
Ingvild Goetz über eine Installation von Andro Wekua<br />
1<br />
2<br />
LOB DER NÜCHTERNEN REBELLEN<br />
Essay von<br />
Mathias Greffrath<br />
28<br />
IM DIENSTE SEINER DURCHLAUCHT<br />
Ein Besuch im Hause Esterházy, dem Arbeitgeber<br />
von Joseph Haydn<br />
P-R-E-M<br />
I-E-R<br />
36<br />
„DIESES BALLETT GEHÖRT NACH MÜNCHEN“<br />
Fotografie: Tatiana Lecomte Fotografie: Holger Badekow<br />
John Neumeier über sein Ballett Illusionen –<br />
wie Schwanensee, das die BallettFestwoche eröffnet<br />
P–R–E–M–I–E–R–E
VORSCHAU<br />
MAX JOSEPH<br />
42<br />
Alexander Kluge über I Capuleti e i Montecchi<br />
und die Freiheit in der Liebe<br />
Premiere<br />
68<br />
PORTFOLIO<br />
Olaf Breunings Masken, hinter denen sich das Nichts verbirgt<br />
Illustration: Andy Rementer<br />
4<br />
6<br />
WIDER DIE ZUMUTUNGEN UNSERER ZEIT:<br />
Saint FranÇois d’Assise oder<br />
warum wir wieder pilgern<br />
P–R–E–M–I–E–R–E<br />
7<br />
8<br />
GEGEN DEN STRICH<br />
Modeschöpfer Christian Lacroix, der die Kostüme<br />
für I Capuleti e i Montecchi<br />
entwarf, über Mode, Liebe und Zorn<br />
Fotografie: Olaf Breuning<br />
50<br />
OPERN-COMIC<br />
Madama Butterfly, gezeichnet von Andy Rementer<br />
85<br />
A<br />
genda<br />
Fotografie: Koen Broos<br />
60<br />
REVOLUTION DER KLEINEN SCHRITTE<br />
Der belgische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui<br />
Gastspiel<br />
86<br />
K-U-L-T-U-R-T-I-P-P-S<br />
aus der Oper<br />
89<br />
MEINUNGSAUSTAUSCH<br />
Briefe an den Intendanten<br />
90<br />
SPIELPLAN<br />
95<br />
KURZPORTRÄT:<br />
Meike Zopf, die das Plakat für<br />
I Capuleti e i Montecchi gestaltet<br />
64<br />
MONUMENTE IN GROSSER FERNE<br />
Das geheimnisvolle japanische Blasinstrument Shō,<br />
das beim 6. Akademiekonzert zu erleben ist<br />
96
CONTRIBUTORS<br />
IMPRESSUM<br />
MAX JOSEPH<br />
Magazin der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />
www.staatsoper.de/maxjoseph<br />
Max-Joseph-Platz 2 / 80539 München<br />
T 089 – 21 85 10 20 /<br />
F 089 – 21 85 10 23 /<br />
www.staatsoper.de<br />
Tatiana Lecomte<br />
2<br />
8<br />
„Ich glaube nicht unbedingt,<br />
dass man etwas sichtbar<br />
machen kann, indem man<br />
die ‚Wirklichkeit’ zeigt“, sagt<br />
Tatiana Lecomte, die in<br />
Lyon und in Amsterdam<br />
Malerei studierte, bevor sie<br />
zur Fotografie fand. Wie die<br />
Wahl-Wienerin in diesem<br />
Medium das Nicht-Sichtbare<br />
zu ihrer eigenen Bildwirklichkeit<br />
macht, zeigen ihre<br />
Fotografien, die sie in den<br />
Rokokosälen und im<br />
winterlichen Park des<br />
österreichischen Schlosses<br />
Esterházy aufgenommen hat.<br />
Fast meint man, die festlich<br />
gemessenen Klänge eines<br />
Streichquartetts von Joseph<br />
Haydn zu sehen … Ab S. 28.<br />
Mathias Greffrath<br />
1<br />
2<br />
Zeitzeuge der Studentenbewegung,<br />
beschäftigt sich der<br />
Autor Mathias Greffrath in<br />
den Feuilletons der Zeit<br />
und der Süddeutschen<br />
Zeitung, aber auch in<br />
Theater heute oder Geo<br />
vorwiegend mit den sozialen<br />
und kulturellen Auswirkungen<br />
von Globalisierung<br />
und mit dem Klimawandel.<br />
Für MAX JOSEPH dachte<br />
er über politisches Rebellentum<br />
nach. Rebellionen<br />
„haben das Zeug zum<br />
Mythos in sich. Die verwaltete<br />
Welt des globalen<br />
Kapitalismus kennt alle<br />
Formen – und scheint gegen<br />
alle immun – oder haben sie<br />
nur ihre Gestalt verändert?“<br />
Antworten ab S. 12.<br />
Misaki Kawai<br />
0<br />
9<br />
Kindlich verspielte Collagen<br />
und Installationen sind<br />
charakteristisch für die 1978<br />
in Japan geborene Künstlerin.<br />
Aus Materialien wie<br />
Pappmaché und Stoff<br />
erschafft sie imaginative<br />
Welten, die von skurrilen<br />
Figuren bewohnt werden.<br />
Hinter den farbenfrohen<br />
Arbeiten scheinen jedoch oft<br />
Traurigkeit und eine überraschende<br />
Ambivalenz auf.<br />
Misaki Kawai lebt und<br />
arbeitet in New York. Im<br />
April widmet ihr das<br />
Fumetto Comic-Festival in<br />
Luzern eine Einzelausstellung.<br />
Eine ihrer Collagen ist<br />
auf der folgenden Seite zu<br />
sehen.<br />
E-Mail<br />
maxjoseph@st-oper.bayern.de<br />
HErausgEbEr<br />
Staatsintendant Nikolaus Bachler<br />
(V.i.S.d.P.)<br />
CHEfrEdaktion<br />
Anne Urbauer<br />
koordination<br />
Christoph Koch, Barbara Kämpf<br />
rEdaktion<br />
Miron Hakenbeck, Rainer Karlitschek,<br />
Olaf A. Schmitt, Andrea Schönhofer,<br />
Bettina Wagner-Bergelt<br />
bildrEdaktion<br />
Yvonne Gebauer, Julia Schmitt<br />
rEdaktionEllE MitarbEit<br />
Simone Herrmann, Lucas Koch<br />
autorEn<br />
Larissa Beham, Christian Berzins,<br />
Sören Eckhoff, Matthias R. Entreß, Wolfgang<br />
Fuhrmann, Ingvild Goetz,<br />
Mathias Greffrath, Johanna Hänsch,<br />
Klaus Kieser, Alexander Kluge, Regina<br />
Knappik, Karl-Heinz Krämer,<br />
Christian Lacroix, Gabriela Scherer,<br />
Judith Specht, Simone Theilacker, Barbara<br />
Vinken, Klaus Witzeling<br />
fotografEn & illustratorEn<br />
Martin Perez Agrippino, Holger Badekow, Olaf<br />
Breuning, Koen Broos, Mircea Cantor,<br />
Alexandra Croitoru, Jorge Fatauros, Dominik<br />
Gigler, Gian Gisiger, Wilfried Hösl, Daisuke<br />
Ichiba, Misaki Kawai, Timothy Karpinski,<br />
Christian Lacroix, Tatiana Lecomte, David<br />
Maupilé, Suuri Maruyama, Klaus Mocha, Anne<br />
Morgenstern, Andy Rementer, Regina<br />
Schmeken, Thomas Schmidt, Dorota Sliwonik,<br />
Brigitte Waldach, Anja Weber, Andro Wekua,<br />
Dan Witz, Meike Zopf<br />
ÜbErsEtzung<br />
Simone Herrmann<br />
MarkEting<br />
Laura Schieferle<br />
T 089 – 21 85 10 27 /<br />
F 089 – 21 85 10 33 /<br />
marketing@st-oper.bayern.de<br />
sCHlussrEdaktion<br />
Clarissa Czöppan<br />
Andy Rementer<br />
5<br />
0<br />
Nie ohne mein Skizzenbuch!<br />
„Das ist ein großartiger Ort,<br />
um spontane Ideen zu<br />
zeichnen, sie dann zu<br />
vergessen und später wieder<br />
zu finden“, sagt der in<br />
Philadelphia lebende<br />
Comic-Zeichner und Illustrator.<br />
Rementer ist Autor<br />
der wöchentlich erscheinenden<br />
Comic-Reihe Techno<br />
Tuesday und hat kürzlich<br />
begonnen, seine Charaktere<br />
und Ideen in Animationen<br />
zu beleben. Für MAX<br />
JOSEPH zeichnete er das<br />
Opern-Comic Madama<br />
Butterfly. Ab S. 50.<br />
Barbara Vinken<br />
2<br />
4<br />
Geschlechterrollen, Sexualität,<br />
Liebe und Mode. Aber<br />
auch Kleists Hermannsschlacht,<br />
über die sie gerade<br />
ein Buch, Bestien – Kleist<br />
und die Deutschen, geschrieben<br />
hat, gehört zum Themen-Kosmos<br />
der Münchner<br />
Professorin für Allgemeine<br />
und Französische Literaturwissenschaft.<br />
In dieser<br />
Ausgabe von MAX JO-<br />
SEPH schreibt Barbara<br />
Vinken über die Tradition<br />
der Liebe als Rebellion in<br />
der Literatur und die heute<br />
propagierte „Pflicht zur<br />
Lust“. Ab S. 24.<br />
Alexander Kluge<br />
4<br />
2<br />
Für Alexander Kluge, der<br />
gerade mit Gerhard Richter<br />
das Buch Dezember – 39<br />
Geschichten. 39 Bilder<br />
veröffentlichte, begleitet<br />
Musik „wie vom anderen<br />
Stern die wirklichen Ereignisse“.<br />
In MAX JOSEPH<br />
schreibt er, einer der<br />
Wegbereiter des Neuen<br />
Deutschen Films, TV-Produzent,<br />
Medientheoretiker und<br />
Schriftsteller, über die von<br />
Machtstrukturen beherrschte<br />
Liebe und die Musik<br />
Bellinis, „die eine Parallelwelt<br />
erschafft, in der Harmonie<br />
und Freiheit möglich<br />
sind“. Ab S. 42.<br />
gEstaltung<br />
Bureau Mirko Borsche<br />
Mirko Borsche, Johannes von Gross,<br />
Maximilian Berz, Reinhard Schmidt<br />
VErlag<br />
HoffMann und CaMPE VErlag gMbH,<br />
ein Unternehmen der<br />
ganskE VErlagsgruPPE<br />
Harvestehuder Weg 42 / 20149 Hamburg<br />
T 040 – 44188 457 / F 040 – 44188 236 /<br />
cp@hoca.de<br />
www.hocacp.de<br />
anzEigEnlEitung<br />
<strong>Bayerische</strong> <strong>Staatsoper</strong>: Imogen Lenhart<br />
T 089 – 2185 1006/ anzeigen@st-oper.bayern.de<br />
Verlag: Doris Bielstein<br />
T 040 – 2717 2095 / doris.bielstein@jalag.de<br />
Vertrieb Zeitschriftenhandel<br />
Premium Sales Germany GmbH<br />
Poßmoorweg 2–6<br />
22301 Hamburg<br />
T 040 – 2717 2343<br />
litHografiE<br />
MXM Digital Service, München<br />
druCk<br />
Gotteswinter, München<br />
issn<br />
1867-3260<br />
Nachdruck nur nach<br />
vorheriger Einwilligung.<br />
Alle Rechte vorbehalten.
MISAKI KAWAI, SMOKE GHOST<br />
Misaki Kawai, Smoke Ghost, collage (mixed media) on canvas, 137 x 119 cm<br />
Der Geist des Unbehagens: Ohnmacht und Sprachlosigkeit waren gestern, jetzt materialisiert sich ziviler Ungehorsam.<br />
„Ich arbeite als Künstlerin, obwohl ich keine besondere Technik habe“, sagt die Illustratorin Misaki Kawai.<br />
„Es geht um Inhalte“ – auch das ist aufsässig.
ANDRO WEKUA<br />
GOTT IST TOT ABER DAS MÄDCHEN NICHT<br />
2008<br />
0 8<br />
0 8
MUNCHNER FREIHEIT<br />
INGVILD GOETZ,<br />
Sammlerin und Besitzerin eines privaten Museums<br />
für zeitgenössische Kunst, über ein<br />
Kunstwerk, das sie an jugendliche Rebellion<br />
denken lässt.<br />
Ingvild Goetz hat Anfang der 90er<br />
Jahre in München für ihre<br />
Sammlung ein Museumsgebäude<br />
von Herzog & de Meuron errichten<br />
lassen, das erste der Schweizer<br />
Stararchitekten in München, die<br />
später auch die Allianz-Arena<br />
bauten. 2003 wurde das Haus um<br />
den Trakt „Base103“ erweitert,<br />
der die filmischen Arbeiten der<br />
Sammlung aufnimmt. Die Ausstellungen<br />
wechseln zweimal jährlich.<br />
Das Museum ist Montags bis<br />
Samstags nach telefonischer Anmeldung<br />
zu besichtigen.<br />
Sammlung Goetz<br />
Oberföhringer Straße 103<br />
81925 München<br />
Tel. 089 - 95 93 96 9 – 0<br />
www.sammlung-goetz.de<br />
Foto Goetz: Thomas Schmidt<br />
Andro Wekua<br />
Gott ist tot aber das Mädchen<br />
nicht, 2008<br />
Wachs, Hartschaum, Bewehrungsstahl,<br />
Baumwolle, Keramik,<br />
Kunsthaar, Stahl, Acrylgips,<br />
Aluminium, Plexiglas etc.<br />
L x B x H: 203 x 103 x 150 cm,<br />
Courtesy Sammlung Goetz<br />
© Andro Wekua<br />
Die Installation des georgischen Künstlers<br />
Andro Wekua zeigt eine weibliche Figur auf<br />
ein em Stuhl sitzend – ja fast liegend, umgeben<br />
von einem gläsernen Kasten. Das Mädchen,<br />
nur mit Unterwäsche und Turnschuhen<br />
bekleidet, hält die Augen geschlossen und<br />
den Kopf gesenkt. Erst auf den zweiten Blick<br />
nimmt man den ruhigen, entspannten, aber<br />
auch entschlossenen Gesichtsausdruck wahr.<br />
Die Arme sind locker vor dem Oberkörper<br />
verschränkt. Trotz ihres Eingeschlossenseins<br />
strahlt das Mädchen Selbstsicherheit und<br />
Zufriedenheit aus.<br />
Jugend rebelliert, stößt aber immer wieder<br />
an die von den vorherigen Generationen<br />
gesetzten Grenzen. Wenn es diese jugendliche<br />
Rebellion nicht gäbe, hätten wir bis heute<br />
keine großen Fortschritte gemacht, denn die<br />
ältere Generation hat Angst vor Veränderung<br />
oder Weiterentwicklung. Es wäre ihr am<br />
liebsten, wenn die Welt in ihrer Tradition stehen<br />
bliebe.<br />
0 9<br />
0 9
B I L D E R D A N W I T Z
LOB DER NÜCHTERNEN REBELLEN<br />
Ein Essay von Mathias Greffrath
M A T H I A S G R E F F R A T H
E S S A Y
M A T H I A S G R E F F R A T H<br />
Der Rebell von heute setzt<br />
nicht mehr Paläste<br />
in Brand, sondern Parlamente<br />
instand. Mit der Verfassung<br />
in der Hand kämpft er als<br />
„Wutbürger“ um die<br />
Vollendung der Demokratie<br />
in Deutschland.<br />
„Empört Euch!“ Der Aufruf des 93-jährigen ehemaligen<br />
Widerstandskämpfers Stéphane Hessel ist nur 33 Seiten<br />
stark, aber in ein paar Wochen hat er sich mehr als eine<br />
Million Mal verkauft, weit über Frankreich hinaus. Der<br />
Mitverfasser der UN-Menschenrechtserklärung ruft Europas<br />
Bürger, vor allem die Jungen, zum Widerstand auf:<br />
gegen die Diktatur der Finanzmärkte, den Raub der Regierungen<br />
am Volkseigentum, den Konsumterror, den<br />
Wachstumswahn, die Naturzerstörung. Alles konsensfähig,<br />
schreiben die nüchternen Kommentatoren, warum<br />
also die Aufregung im Feuilleton? Aber zwischen den Zeilen<br />
steht: Welche rührende Naivität angesichts der Systemzwänge.<br />
Geht doch alles nicht.<br />
Futtergetreide für die Schweine Europas wächst; wo Despoten<br />
auf Öl oder Uran sitzen und sich auf Kosten der<br />
Völker bereichern; wo die kapitalistische Modernisierung<br />
nachgeholt wird, mit all ihren Opfern, wie in China. In<br />
Tunesien, wo eine gebildete Mittelschicht die Diktatur<br />
eines Clans abschüttelt, der Zorn sich effektiv über Twitter<br />
und Facebook organisiert und in den Halbdespotien<br />
Arabiens einen Flächenbrand auslöst. In Ägypten steht<br />
das Volk auf und blamiert die westlichen Wirtschafsregierungen,<br />
die jahrzehntelang Diktatoren umschmeichelten.<br />
Aber unsere spontane Euphorie ist überschattet. Erfahrene<br />
Zeitungsleser wissen: Revolutionen sind nur noch<br />
siegreich, wenn die Börsen und die Supermächte sie zulassen.<br />
Rebellionen finden statt, weil Rebellen keine andere Wahl<br />
mehr haben. Sie sind Befreiungsschläge, wenn alle Einsprüche,<br />
alle Eingaben, alle Argumente nicht geholfen, ja nicht<br />
einmal eine öffentliche Stimme gefunden haben. Etwas, das<br />
stärker ist als alle strategische Vernunft, treibt sie an: der<br />
Hunger die schlesischen Weber 1844, die Haitianer 2008;<br />
das verletzte Rechtsgefühl die Bauernkrieger zur Lutherzeit<br />
und die Landlosen in Brasilien heute. Der Freiheitsdurst<br />
die Barrikadenkämpfer von 1848, die Studenten auf<br />
dem Platz des Himmlischen Friedens, die Jugend Ägyptens.<br />
In Stuttgart gingen Hunderttausende auf die Straße – gegen<br />
eine politische Elite, die nicht nur die Verwandlung<br />
ihres Bahnhofs in ein weiteres Saturn-H&M-Starbucks-<br />
Paradies für „alternativlos“ erklärt, sondern generell alle<br />
„Modernisierungsmaßnahmen“. Und weiteres Wachstum<br />
wie gewöhnlich sowieso. Die Kluft zwischen dem Bürgerwillen<br />
und dem Handeln der Eliten wächst von Jahr zu<br />
Jahr. Eine Zügelung des Finanzkapitals, eine Besteuerung<br />
obszöner Einkommen, eine Bildungsexplosion, ein soziales<br />
Gesundheitssystem – für all das gibt es in Deutschland verfassungsändernde<br />
Mehrheiten. In der Demoskopie. Nicht<br />
im Parlament. Stehen wir also dicht vor einer Rebellion?<br />
Die erste Antwort lautet: Keine Spur davon. Krise hin, Klima<br />
her: In den entwickelten Konsumdemokratien verebben<br />
die Revolten im Schlick der Medien und der Gewohnheiten.<br />
Wir nicken freundlich zustimmend, wenn Ex-Fußball-Star<br />
Eric Cantona uns aufruft, millionenfach am 7. Dezember<br />
unsere Konten leerzuräumen, um das teufliche Finanzsystem<br />
endlich zum Kollaps zu bringen, aber natürlich bleibt<br />
es beim verbalen Happening. Wo Rebellentum den Herrschenden<br />
wirklich weh tut, wie im Fall Wikileaks, schlagen<br />
die Blamierten hart mit Polizei und Technik zurück, und<br />
die Öffentlichkeit nimmt eher am Internet-Superman Julian<br />
Assange Anteil als an den skandalösen Untergründen<br />
von Banking und Politik. An die gewöhnen wir uns gerade<br />
schleichend, mangels alternativer Mächte.<br />
Rebellionen, Revolutionen gar brechen heutzutage allenfalls<br />
dort aus, wo die Bauern hungern, weil auf ihrem Land<br />
1 4<br />
1 4<br />
Die Rebellen in den Geschichtsbüchern sind Verlierer: Revolutionäre,<br />
die nicht genug Bataillone auf ihrer Seite hatten,<br />
um eine neue Rechtsordnung zu gründen. „Geschlagen<br />
ziehen wir nach Haus, die Enkel fechten’s besser aus“,<br />
rief Thomas Müntzers Haufen. Aber auch wenn sie zerschlagen<br />
und in Blut erstickt werden, Rebellionen wirken<br />
untergründig weiter – als Ikonen eines unzerstörbaren naturrechtlichen<br />
Glaubens, der da sagt: Kein Mensch soll<br />
hungern und keiner soll getreten werden. So werden sie<br />
tradiert durch Hollywood: Spartacus, Robin Hood, Garibaldi,<br />
Zapata, Solidarność. Und die fiktiven und gerechten<br />
Supermänner aller Zeiten bevölkern die Comic-Tagtraumwelten<br />
unserer Kinder.<br />
Unter der milden und geregelten Herrschaft von Kapital,<br />
Konsum und Partei-Eliten sind Rebellionen, groß und heroisch<br />
geschrieben, kaum noch denkbar. Seit wir im „Prozess<br />
der Zivilisation“ immer mehr Verantwortung in die<br />
Hände von Großunternehmern, Bürokratien, Regierungen<br />
mit Gewaltmonopol gelegt haben – und damit Sicherheit<br />
und Wohlstand gemehrt –, wird der politische Rebell zum<br />
Irrläufer. Und wird als solcher behandelt. In Diktaturen<br />
verschwindet der Dissident, wenn nicht im Folterkeller,<br />
dann in der Psychiatrie. In Gesellschaften, in denen Ausbeutung<br />
und Massenhedonismus eine geregelte Liaison<br />
mit demokratischen Verfahrensregeln und medialer Programmierung<br />
eingegangen sind, versickert der rebellische<br />
Impuls. Wenn keine starken Handlungen möglich sind und<br />
die kulturindustriellen Sedativa versagen, versteigt sich der<br />
Zorn in mörderische Abstraktionen, explodiert in Amok-
E S S A Y
läufen, oder – das ist die Regel – führt als versteinerte Wut<br />
zu Vandalismus, Hyperaktivität oder Depression und wird<br />
dann ambulant von der Pharmaindustrie versorgt. Die<br />
Wohlstandsrebellionen der Jugend reagieren zwar seismographisch<br />
auf globale Miseren – fernes Elend, sinnlose Arbeit,<br />
Unrecht, Unfreiheit und Naturzerstörung – aber erschöpfen<br />
sich schnell im weiteren Lebenslauf. Ihre ästhetischen<br />
Ausdrucksformen – ob Woodstock, Punk oder Naturromantik<br />
– werden dankbar von Textil-, Fahrzeug- und Vergnügungsindustrie<br />
weiterverarbeitet.<br />
Aber je starrer die flexiblen Verhältnisse werden, desto<br />
stärker die Sehnsucht nach Menschen, die den Gang der<br />
Dinge nachhaltig unterbrechen. Oder das zumindest fordern.<br />
Oder schreiben. Oder singen. Auf Platz 1 und 2 bei<br />
Google stehen unter „Rebellion“, noch vor der Begriffsklärung:<br />
eine Power-Metal-Band und ein Hersteller von Gewaltspielen.<br />
Und in einem Chat dieser Tage kann man lesen:<br />
„A: Keine meiner Freunde sind Rebellen. Darf ich mit Dir<br />
über Rebellentollfinden quatschen?<br />
B: Ich habe hautnah Kontakt zu einem Rebellen! Ich habe<br />
schon erfahren, dass er öfters weint und gerade dabei ist,<br />
einen Text über Quantenphysik zu verfassen.<br />
C: Einer meiner Freunde ist ein wahrer Rebell. Er liebt<br />
Opern.“<br />
Wer es hierzulande, in Europa, noch ernst meint mit der<br />
Rebellion, sollte Abschied nehmen von opernhaften Bildern.<br />
Nur politische Romantiker sehen in der seelischen<br />
Not der Vorstädte, in arbeitslosen Subkulturen, Vandalismen,<br />
Krawallen oder Plünderungen den Rohstoff für Revolten.<br />
Etwa die Autoren des Manifests Der kommende Aufstand,<br />
eines weiteren Bestsellers der intellektuellen<br />
Unbehagens-Industrie. „Die Gegenwart ist aussichtslos“,<br />
lautet das Resümee ihrer mehr an Heideggers Bauernund<br />
Handwerkerwelten als an Marx geschulter Zivilisationskritik.<br />
Das mag dem Lebensgefühl zukunftsloser<br />
Jugendlicher, verzweifelter Ökologen und den Sinnkrisen<br />
angestellter Kulturträger poetischen Ausdruck verleihen.<br />
Aber das schöne Pamphlet ruft nicht zur Rebellion auf,<br />
sondern zum Ausstieg aus der Gesellschaft, in kleinen<br />
Gruppen, die partisanenmäßig Sand ins Getriebe der Krisenwelt<br />
streuen und sich mit Stromdiebstahl, Hausbesetzungen<br />
und Sozialtransvers über Wasser halten, bis zur<br />
Zeit nach dem „Crash“. Oder das Heil wird – bei einigen<br />
amerikanischen Fundamentalökologen – in der Sabotage<br />
von Produktionsanlagen und Infrastrukturen, Pipelines,<br />
Versorgungsnetzen, Verkehrswegen, Medien gesehen. Je<br />
schneller Schluss ist mit all dem, desto eher kann das unausdenklich<br />
Neue anbrechen. Man möchte sich nicht ernsthaft<br />
vorstellen, wie ein Staat reagieren würde, in dem<br />
Techno-Rebellen solchen Anregungen folgen.<br />
Der letzte Sieg der Freiheit wird trocken sein, schrieb der<br />
Republikaner Gottfried Keller im 19. Jahrhundert, und die<br />
Rebellen unserer Tage finden wir nicht mit den Phantombildern<br />
von damals. Sie wohnen nebenan und nirgendwo.<br />
MATHIAS GREFFRATH<br />
1 6<br />
1 6<br />
Zum Beispiel als „Désobeisseur“, als Gehorsamsverweigerer.<br />
Mehr als dreitausend französische Lehrer haben sich<br />
so geweigert, eine dumme und diskriminierende Schulreform<br />
umzusetzen. Sie wurden mit Herabstufung und Gehaltskürzungen<br />
bestraft. Diese Bewegung des „ethischen<br />
Ungehorsams“ scheint um sich zu greifen: Angestellte der<br />
Elektrizitätswerke stellen zahlungsunfähigen Kunden den<br />
Strom wieder an, ihre Kollegen in den Arbeitsämtern solidarisieren<br />
sich mit ihren Klienten, Polizisten lehnen es ab,<br />
Asylantenfamilien zum Flugzeug zu bringen. Nicht, dass<br />
sie es tun, sondern dass sie es öffentlich tun ist neu. Und es<br />
zeigt: Der Virus der Rebellion ist nicht ganz auszumerzen.<br />
Noch einmal: Mexiko, China, Guinea, die arabische Welt<br />
haben andere Probleme – auch wenn sie von unserer Art<br />
zu leben und zu wirtschaften verursacht werden –, und<br />
deshalb sehen Rebellionen dort gelegentlich immer noch<br />
wie früher aus. Aber die Revolte unter den Bedingungen<br />
der medialen Konsumdemokratie: Das wäre die massive<br />
und massenhafte Inbesitznahme unserer Bürgerrechte, die<br />
wir den gescheiterten Rebellionen und gelungenen Revolutionen<br />
der Vergangenheit verdanken.<br />
„Wutbürger“ – das könnte ein Anfang sein. Aber nur die<br />
lange Wut verändert die Welt. Der westeuropäische Rebell,<br />
will er wirklich wirksam sein, rennt nicht länger als<br />
Volksheld gegen die Bollwerke gieriger und gewalttätiger<br />
Eliten an, sondern kämpft als Staatsbürger gegen die Enteignung<br />
dessen, was seine Vorfahren errungen und wofür<br />
sie teuer bezahlt haben – ob er die Namen und Werke von<br />
Bebel und Rathenau, von Büchner und Brecht oder den<br />
Fidelio nun kennt oder nicht. Und weil Partisanen am besten<br />
in heimischem Gelände kämpfen, geschieht das am<br />
aussichtsreichsten in ihrer Region, ihrer Stadt: um ihr<br />
Wasserwerk, ihre Schulen, ihre Arbeitsplätze. Oder ihren<br />
Bahnhof. Der Rebell 2011 setzt nicht Paläste in Brand,<br />
sondern Parlamente instand. Fordert nicht mit dem Degen,<br />
sondern mit der Verfassung in der Hand die Vollendung<br />
der Demokratie in Deutschland. „Wir sind das Volk“,<br />
das war noch feudal: „Bitte bitte, liebe Obrigkeit, hör uns<br />
an, setz Dich mit uns an den runden Tisch!“ Die kommende<br />
Rebellion ruft: „Wir sind der Staat!“<br />
Der letzte Sieg der Freiheit wird trocken sein – das ist<br />
nur halbwahr. Denn möglich wird er nur durch die kleingemünzte<br />
Energie starker Gefühle: von Mitgefühl und<br />
Zorn, Liebe und Verachtung, Heimatliebe und Freiheitstrieb.<br />
Ganz große Emotionen für ganz kleine Schritte.<br />
Der weise Jacob Burckhardt schrieb in seinen Weltgeschichtlichen<br />
Betrachtungen: „Um relativ nur Weniges zu<br />
erreichen … braucht die Geschichte ganz enorme Veranstaltungen<br />
und einen ganz unverhältnismäßigen Lärm.“<br />
Sie braucht den Rebellen. Heute mehr als kürzlich noch:<br />
It’s a hard rain’s gonna fall …<br />
Mehr über den Autor auf S. 8 (Contributors)
FÜNF HÖFE<br />
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Margit Baumgartner Design-Möbel, Salvatorstraße 3 / Ecke Theatinerstraße, 80333 1 München, 9 Telefon: 089-295 922, www.ligne-roset-fünfhöfe.de<br />
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Die bulgarische<br />
Mezzosopranistin Vesselina<br />
Kasarova feierte mit Partien<br />
von Mozart und Rossini<br />
auf den größten Bühnen<br />
der Welt Erfolge und gilt als<br />
Spezialistin für<br />
„Hosenrollen“ – wie den<br />
Romeo in Vincenzo Bellinis<br />
I Capuleti e i Montecchi,<br />
mit dem sie in München<br />
gastiert. Eine Künstlerin, die<br />
„Musik als das Ehrlichste, was<br />
es gibt“ begreift und auch<br />
über den „Affenzirkus Oper“<br />
kein Blatt vor den Mund<br />
nimmt.<br />
INTERVIEW<br />
CHRISTIAN BERZINS<br />
FOTOGRAFIE<br />
ANNE MORGENSTERN<br />
INTERVIEW<br />
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MAX JOSEPH Frau Kasarova, ich habe vor kurzem<br />
mit dem ehemaligen Zürcher Opernhausdirektor<br />
Christoph Groszer gefrühstückt …<br />
VESSELINA KASAROVA … Oh, er lebt<br />
noch!<br />
MJ Sehr vergnügt sogar. Er wohnt mit Tochter und Enkel<br />
auf einem wunderschönen Landgut in Apulien und erzählte,<br />
wie er 1988 nach Bulgarien kam, Sie bei einem Galakonzert<br />
hörte und auf der Stelle in Zürich unter Vertrag nahm.<br />
Für ihn war es ein Coup. Was war es für Sie – eine Flucht<br />
in den Westen?<br />
VK Nein, und dahinter stand auch kein lang gehegter<br />
Wunsch, ich hatte vielmehr große Bedenken. Meine Mutter<br />
fragte mich damals sorgenvoll: „Vesselina, weißt Du, was Du<br />
machst?“<br />
MJ Kein Gang von der Unfreiheit in die Freiheit?<br />
VK So habe ich nie gedacht, obwohl wir in Unfreiheit<br />
lebten und meine Familie indirekt gelitten hat. Bulgarien<br />
habe ich eine tolle musikalische Ausbildung zu<br />
verdanken. Zürich war eine Chance für meinen Beruf,<br />
für meine Persönlichkeit.<br />
MJ Sie wären dafür auch nach Moskau gegangen?<br />
VK Ja, wahrscheinlich, denn ich wollte singen. Viele Bulgaren<br />
sind nach Moskau gegangen, auch Nikolai Ghiaurov<br />
oder Ghena Dimitrova.<br />
MJ Kaum in Zürich richtig angekommen, waren<br />
Sie auch schon wieder weg. Über Salzburg und Wien<br />
ging’s in die große Opernwelt. Nicht alle können mit<br />
dem schnellen Erfolg umgehen. Wie haben Sie das<br />
gemacht?<br />
VK Ich habe dieses Leben genossen, aber längst<br />
nicht alles mitgemacht. Mir war bewusst, was mit<br />
mir passierte. Ich wollte kein Produkt werden, nicht<br />
zu sehr im Mittelpunkt stehen. Der Druck, schnell<br />
und auf Risiko zu arbeiten, war groß. Viele Sänger<br />
leiden darunter, viele können dem vorgegaukelten<br />
Niveau gar nicht entsprechen. Ich war stolz und idealistisch,<br />
wollte etwas erreichen, weil ich wusste: Ich<br />
kann etwas.<br />
MJ Haben Sie damals abends vor dem Zubettgehen dem<br />
Schicksal gedankt?<br />
VK Oft, denn von irgendwo hat man ja dieses Talent, diese<br />
Stimme. Aber ich hatte auch Antennen, die mir den richtigen<br />
Weg wiesen. Ich begegnete Nikolaus Harnoncourt und<br />
Edita Gruberova, zwei einzigartig starken Persönlichkeiten,<br />
die jahrelang für ihre Kunst gekämpft haben. Ich spürte<br />
bei der Arbeit mit Edita Gruberova, dass ich meine Persönlichkeit<br />
entwickeln muss und sagte mir: „Sei individuell,<br />
kopiere nicht!“. Durch meinen Beruf habe ich gelernt, dass<br />
Leute nur von mir berührt sind, wenn ich ehrlich bin. Auch<br />
das Lächeln beim Applaus ist so ein Ding: Es gibt Sänger,<br />
die lächeln auf Knopfdruck. Für mich muss Kunst ernst sein.<br />
MJ Sie bewundern diese zwei Kämpfernaturen.<br />
Wurden Sie selbst zu einer Kämpferin, ja zu einer<br />
Rebellin?<br />
VK Ich habe immer gekämpft, aber auf eine gute<br />
Weise. Ich habe vor kurzem in Basel mit jungen Sän-
VESSELINA KASAROVA<br />
gern gearbeitet und sagte ihnen: „Lasst keine bösen<br />
Gedanken gegen Konkurrenten zu. Diese negative<br />
Energie zerstört euch!“ Erfolg macht unruhig. Manchmal<br />
kommen junge Sänger zu mir, die schon bei dieser<br />
und jenem waren. Die sind völlig durcheinander<br />
– eine Qual. Dann frage ich sie: „Warum haben Sie zu<br />
singen begonnen?“<br />
MJ Und wenn Sie diese Frage für sich selbst beantworten,<br />
was ist Ihre Antwort?<br />
VK Ich wollte etwas ausdrücken.<br />
MJ Sie kämpften auch gegen den Betrieb, indem<br />
sie immer wieder Rollen ablehnten.<br />
VK Ja, in dieser Hinsicht musste ich rebellisch sein,<br />
obwohl es mit viel Risiko verbunden war. Ich habe<br />
immer wieder gedacht: Was passiert, wenn du das<br />
nicht annimmst? Ich debütiere nächste Saison als<br />
Eboli, hätte die Rolle aber schon 1989 singen sollen<br />
– vor 22 Jahren!<br />
MJ Wie konnten Sie den Wünschen der Intendanten und<br />
Dirigenten widerstehen?<br />
VK Mit Tricks, mit Diplomatie, mit viel Hin und Her.<br />
Wie oft sagte ich: „Eine wunderbare Idee, aber ich bin<br />
noch nicht bereit.“ Brangäne, Venus, Amneris – alles wurde<br />
mir schon angeboten.<br />
MJ Kommt es auch vor, dass Sie gegen Regisseure<br />
rebellieren?<br />
VK Ich bin offen für vieles, es ist egal, ob ich ein modernes<br />
oder ein traditionelles Kostüm trage. Aber es<br />
ist nicht egal, mit wem ich spiele, denn manchmal<br />
stecke ich in einem Korsett: Ich könnte spielerisch<br />
viel mehr machen, aber die Regisseure und Kollegen<br />
wollen das nicht.<br />
MJ Geben Sie sich also manchmal zu früh geschlagen?<br />
VK Was soll ich tun? Mache ich zuviel, störe ich. Ich habe<br />
schnell verstanden, dass ich mich anpassen muss. Ich will<br />
mir mein Leben nicht mehr so schwer machen. Auf der<br />
Bühne bin ich das Produkt eines Regisseurs.<br />
MJ Der aber vielleicht manchmal weniger weiß<br />
als Sie?<br />
VK Ich habe auch Respekt vor denen, die im Moment<br />
noch nicht so viel wissen. Was bringt es, wenn<br />
ich sage „Das ist Quatsch!“ und die Produktion verlasse?<br />
Ich gewinne, wenn ich weitermache. Bleiben<br />
und kämpfen – ein Kampf mit sich selbst. Wir Sänger<br />
müssen rebellisch und kämpferisch sein, aber<br />
im positiven Sinn. Mit diesem Denken bin ich in<br />
den letzten Jahren ruhiger geworden, akzeptiere,<br />
was da kommt. Es bringt nichts, mit dem Regisseur<br />
zu streiten, auch wenn einige keine Ahnung<br />
von Oper haben. Manchmal müssen wir Sänger lachen.<br />
Es kommt vor, dass eine neue Produktion<br />
nur wenig Substanz hat (schaut sehr ernst). Finden<br />
Sie das nicht auch?<br />
MJ Doch, ich habe es ja eben wieder bei der Saisoneröffnung<br />
der Scala in der Walküre gesehen: Die Sänger waren<br />
völlig auf sich allein gestellt, Waltraud Meier hat sich<br />
dann in der Lokalpresse heftig darüber beklagt.<br />
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„Musik ist das Ehrlichste,<br />
was es gibt. Wenn die<br />
Vorstellung beginnt, überstrahlt<br />
sie alles, egal, welchen<br />
Blödsinn man auch immer auf<br />
der Bühne tut!“<br />
VK Sehen Sie! Ich bin auch ehrlich, aber wer über das<br />
Geschehen hinter der Bühne die Wahrheit sagt, gilt sehr<br />
schnell als schwierig und kompliziert.<br />
MJ Sie sagten mal, dass die Oper ein Affenzirkus<br />
sei. Wer sind die Affen?<br />
VK Wir alle, die Künstler: Regisseure, Dirigenten,<br />
Sänger. Was hinter der Bühne manchmal läuft, ist<br />
ein Zirkus.<br />
MJ Eine Show?<br />
VK Wir Sänger wechseln von einem Baum zum anderen,<br />
von einer Produktion zur nächsten, anstatt nach einer Premiere<br />
zur Ruhe zu kommen. Oft geschieht es auch, dass wir<br />
einen Monat lang ohne ein Konzept proben.<br />
MJ Das muss frustrierend sein.<br />
VK Ja, deswegen spreche ich vom Affenzirkus. Wir<br />
Sänger stehen oft blöd da und wissen nicht, warum.<br />
Man darf uns nicht unterschätzen. Wir bringen<br />
manchmal eine Inszenierung, die nichts darstellte,<br />
auf ein gewisses Niveau.<br />
MJ Sie haben in einem Interview mit der Zeit …<br />
VK Immer wieder dieses Interview! Was stand dort?<br />
MJ Sie sagten, wie fürchterlich Ihr Beruf sei.<br />
VK Das ist er manchmal – neben allen positiven<br />
Dingen. Allen geht es so.<br />
MJ Warum malen dann alle Ihre Welt schön?<br />
VK Eigentlich wollen alle – Regisseur, Sänger, Dirigenten<br />
– etwas Gutes machen. Aber manchmal sind wir Opfer:<br />
Kann man proben, wenn man in einem großen leeren<br />
Raum singen muss? Das Originaldekor sehen wir erst zehn<br />
Tage vor der Premiere, man kann sich dann nicht mehr<br />
wehren, wenn etwas nicht passt. Dann kommt plötzlich<br />
noch ein lautes Orchester hinzu. Was passiert? Es wird geklagt,<br />
die Sänger seien zu leise.<br />
MJ Was ist denn das Schönste an Ihrem Beruf?<br />
VK (begeistert) Das Singen! Musik ist für mich das<br />
Ehrlichste, was es gibt. Durch die Musik verstehe<br />
ich die Welt. Beginnt die Vorstellung, ist die Musik<br />
über allem, egal, wie die Inszenierung aussieht, welchen<br />
Blödsinn man auch immer auf der Bühne tut.<br />
Mozart ist so stark, dass man ihn mit keiner Regie<br />
zerstören kann.<br />
MJ Und die tägliche Arbeit an der Stimme?<br />
VK Auch das ist sehr schön. Aber je unsicherer ein Mensch<br />
ist, je egozentrischer, desto mehr leidet er in diesem Beruf.<br />
Irgendwann stürzt man ab. Wenn man etwas erreicht hat,
INTERVIEW<br />
MJ Sind Sie im Unterschied zu Romeo und Julia<br />
einmal der Liebe ausgewichen?<br />
VK Nein, so weit ging ich dann doch nicht. Ich kann<br />
mir diese Situation nicht vorstellen, da ich so gute<br />
Eltern hatte: Ich habe auf sie, und sie haben auf mich<br />
gehört.<br />
MJ Folgen Sie allgemein eher dem Kopf als dem Bauch?<br />
VK Ja, aber ich handle auch mit dem Kopf intuitiv, Intuition<br />
hat nämlich viel mit Intelligenz zu tun.<br />
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darf man nicht immer gleich mehr wollen. Es gibt keine<br />
Stimme, die alles kann. Erfolge soll man genießen, aber<br />
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dabei versuchen, die Qualität zu halten. Je länger ich dabei<br />
bin, desto kritischer werde ich.<br />
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MJ Sind Sie dennoch eine glückliche Opernsängerin?<br />
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VK Was ist Glück? Momente, Sekunden? Beim<br />
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Singen stimmt in kurzen Momenten alles. Durch<br />
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die Musik habe ich viel von den Menschen erfahren,<br />
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aber das größte Glück ist meine Familie.<br />
C<br />
MJ Könnten Sie morgen aufhören zu singen?<br />
C<br />
VK Ich wäre dazu in der Lage, weiß aber nicht, wie weh mir<br />
H<br />
das täte. Ich hoffe, dass ich noch lange werde singen können.<br />
I<br />
MJ Als nächstes steht Bellinis I Capuleti e i Montecchi<br />
an der <strong>Staatsoper</strong> in München an – Bellinis<br />
Vertonung des Stoffes Romeo und Julia. Mögen Sie<br />
diese Geschichte?<br />
VK Nicht so sehr (lacht erstaunlich laut)!<br />
MJ Mögen Sie Julia?<br />
VK Ich weiß es nicht, ich bin schon ein romantischer Typ,<br />
aber diese Liebe? Naja. Ich mag die Tragik am Ende.<br />
MJ Hätte Romeo dieser unseligen Liebe ausweichen<br />
sollen?<br />
VK Das wäre schade, dann würde uns das Finale<br />
verloren gehen (lacht) – meine große Arie.<br />
MJ Alleine wegen der Musik sollen Romeo und Julia unvernünftig<br />
sein?<br />
VK Ja! Ganz im Gegensatz zu mir: Ich bin ein sehr rationaler<br />
Mensch. Ich gehe kein Risiko ein und experimentiere 2 1<br />
nicht mit meinem Leben.<br />
2 1<br />
Der Zürcher Journalist Christian<br />
Berzins ist Kulturredakteur der Aargauer<br />
Zeitung und schreibt auch für<br />
das Schweizer Kulturmagazin DU und<br />
die Weltwoche.<br />
Vesselina Kasarova wurde 1965 in Stara<br />
Zagora (Bulgarien) geboren. 1989<br />
schloss sie ihr Gesangsstudium ab und<br />
kam ans Opernhaus Zürich. 1991 debütierte<br />
sie bereits bei den Salzburger<br />
Festspielen und wurde kurze Zeit später<br />
Ensemblemitglied an der Wiener<br />
<strong>Staatsoper</strong>. Bald sang sie an den größten<br />
Häusern und nahm zahlreiche CDs<br />
auf. Kasarova ist verheiratet, hat einen<br />
zwölfjährigen Sohn und lebt bei<br />
Zürich.<br />
CDs (Auswahl):<br />
Belle Nuit. Arien und Ouvertüren von<br />
Jacques Offenbach. RCA/Sony BMG<br />
2008.<br />
Sento Brillar. Arien von Händel.<br />
RCA/Sony BMG 2008.<br />
Bulgarian Soul. RCA/Sony BMG 2003.<br />
I Capuleti e i Montecchi<br />
Tragedia lirica in zwei Akten<br />
von Vincenzo Bellini<br />
Premiere am Sonntag, 27. März 2011,<br />
Nationaltheater<br />
Weitere Termine im Spielplan ab<br />
S. 90.
HIMMELSMACHT<br />
VS.<br />
2 2<br />
2 2
TEXT BARBARA VINKEN<br />
ILLUSTRATION TIMOTHY KARPINSKI<br />
2 3<br />
2 3
BARBARA VINKEN<br />
Woran erkennt man, dass es Liebe ist? Weil ein Gefühl zwischen dem<br />
Ich und der Gesellschaft steht, wie bei Romeo und Julia? Weil man<br />
sich dem Zwang zur Leidenschaft nicht entziehen kann, wie ’68,<br />
oder an zwei Kindern und einer Postleitzahl in einem Villenvorort, wie<br />
heute? Barbara Vinken über die Geschichte einer Urgewalt.<br />
„Die Liebe, die Liebe ist eine Himmelsmacht“, sang man in<br />
der 1885 uraufgeführten Operette Der Zigeunerbaron von<br />
Johann Strauß. Mit dieser aufbauenden Einschätzung der<br />
Liebe bewegte sich Strauß auf Platons Spuren, der die Seele<br />
durch den Eros den himmlischen Mächten entgegenstreben<br />
sieht.<br />
Platons Liebeslehre ist eine Erkenntnislehre für Eingeweihte.<br />
„Der Eros, der sich an der Schönheit eines Körpers<br />
entzündet, führt den Liebenden in einem aufsteigenden<br />
Weg zur Schönheit aller Körper, zur Erkenntnis der Schönheit<br />
der Seelen und schließlich zur Erkenntnis des Urschönen.“<br />
Der erotische Weg, den Platon beschreibt, ist ein Weg<br />
der Verallgemeinerung: vom einen<br />
Körper zu den vielen; ein Weg der<br />
ästhetischen Ethisierung: zur schönen<br />
Lebensführung; und ein Weg<br />
der Sublimierung: von der Schönheit<br />
der Leiber zu jener der Seelen<br />
und schließlich des Urschönen. Die,<br />
die lieben, verlieren sich nicht im<br />
Wahn, sondern finden die Wahrheit:<br />
die Liebe, fürwahr eine Himmelsmacht.<br />
2 4<br />
2 4<br />
Andere waren weniger optimistisch.<br />
Eros ist ihnen ein grausamer<br />
Dämon, Venus eine höllische Furie.<br />
Und das vor allen Dingen dann,<br />
wenn gegen die Staatsräson geliebt<br />
wird. Die Liebe Didos, der Königin<br />
von Karthago, zu Aeneas, dem<br />
nachmaligen Gründer von Rom, ist<br />
eine solche Liebe gegen die Staatsräson.<br />
Didos Leidenschaft, die Aeneas<br />
in ihrem Bett festhält, droht<br />
ihn schlicht von seiner Mission abzubringen.<br />
Vergil schildert die Liebe<br />
als schleichende Krankheit, die<br />
das Mark verzehrt, als Pfeil, der<br />
der tödlich getroffenen Hirschkuh<br />
in der Flanke stecken bleibt, als<br />
Fallstrick, in dem die Gefangene<br />
elend gefesselt zugrunde geht, als<br />
Gift, das durch die Adern rinnt und<br />
schließlich den ganzen Körper in<br />
Brand versetzt und das zum Wahnsinn<br />
führt. Unheilbar – das ist Vergils Diagnose. Liebe ist<br />
ein Vernichtungskrieg, der mit anderen Mitteln ausgetragen<br />
wird und zum schlechten Ende, zu Wahnsinn und Selbstmord<br />
führt.<br />
In unserer Tradition steht die Liebe nicht nur im Spannungsverhältnis<br />
von verheerender Leidenschaft und hehrer<br />
Himmelsmacht. Liebe steht im Konflikt zwischen Familie<br />
und Individuum. Sie stellt das Individuum gegen die<br />
Familie, gegen die Gesellschaft. Im Namen der Liebe rebelliert<br />
das Individuum für die Freiheit, den Geliebten selbst<br />
zu wählen und nicht denjenigen, den die Familie oder das<br />
Kollektiv designiert haben.<br />
„Heiratspolitik“ sagt ja eben dieses:<br />
Die Interessen der Gemeinschaft<br />
und der Familien zählen<br />
beim Schließen einer Ehe und<br />
nicht das individuelle Liebesglück,<br />
das im Fall des Falles schlicht geopfert<br />
werden muss. Im Interesse<br />
der Familie werden Kronprinzessinnen<br />
wie jüdische Bankiers- und<br />
kleine Bürgerstöchter „gut“ verheiratet.<br />
Von der aus Gründen der<br />
Staatsraison zwischen Marie Antoinette<br />
und Louis XVI geschlossenen<br />
Ehe erhofft man sich keine<br />
Liebe, sondern Kinder. Der steinreiche<br />
Bankier Rothschild verheiratet<br />
seine Töchter gleichgültig<br />
gegen deren Neigungen mit Christen,<br />
um die Integration in die französische<br />
Gesellschaft voranzutreiben.<br />
Emmas Vater nimmt Charles Bovary<br />
deshalb zum Schwiegersohn,<br />
weil er keine Mitgift verlangt. Davor<br />
ist Charles von seiner Mutter<br />
mit einer alten und angeblich sehr<br />
reichen Witwe verheiratet worden,<br />
die im Bett kalte Füße hat. Anna<br />
Karenina wird an ihren viel älteren<br />
und hässlichen Mann verheiratet,<br />
weil er eine ausgesprochen<br />
gute Partie ist. Weil er ihr eine
glänzende gesellschaftliche Stellung verspricht, wird die<br />
blutjunge Effi Briest mit Instetten verheiratet, der älter<br />
als ihre Mutter ist. Tritt die Liebe zu einer so arrangierten<br />
Ehe hinzu, ist das der erhoffte Glücksfall. Oft ereignet sie<br />
sich jedoch außerhalb der Ehe. Die Rebellion gegen die<br />
Konventionen, das sich hinwegsetzen über die Institution<br />
im Namen der Liebe ist dann oft tödlich. Tristan und Isolde<br />
schrecken um ihrer ehebrecherischen Liebe willen nicht<br />
vor Mord zurück und gehen schließlich selbst an ihr zu<br />
Grunde. Anna Karenina wirft sich vor den Zug.<br />
Gäbe es diesen Konflikt zwischen Liebe und Gesellschaft<br />
nicht, wären wir um viele Tragödien, viele Opern, viele<br />
Komödien, viele Romane ärmer. Die Liebe ist Rebellion –<br />
gegen die Familie, gegen die Gesellschaft. Diese Rebellion<br />
aus Liebe, dieser Kampf für die Freiheit der Liebe geht bis<br />
zum Tod. Das ist der mythische Stoff, aus dem unsere Dramen<br />
gestrickt waren. Die Liebe gegen die Familienmacht,<br />
gegen die Gesellschaft zu behaupten, ist der Freiheitskampf,<br />
der unermüdlich auf der Bühne geführt wurde.<br />
Bellinis Oper I Capuleti e i Montecchi, die aus der gleichen<br />
Quelle schöpft, die auch Shakespeare für seine Tragödie<br />
Romeo und Julia verwendet hat, fasst diesen Konflikt archetypisch.<br />
Die beiden, die sich hier so unsterblich verlieben,<br />
kommen aus zwei Familien, die sich in unversöhnlichem<br />
Hass gegenüberstehen. Nicht Liebe, sondern Mord<br />
herrscht zwischen ihnen. Seine Tochter Julia sieht der Vater<br />
Capulet selbstverständlich für jemanden aus seinem<br />
Clan vor, und selbstverständlich hat Julia nicht die Freiheit,<br />
mit dem zu gehen, den sie über alles liebt: den Anführer<br />
des feindlichen Clans. Julia hat in Bellinis Oper aber<br />
auch nicht diese innere Freiheit: Mit Romeo kann sie nicht<br />
fliehen, weil sie das Haus der Capuleti buchstäblich verkörpert<br />
und sie durch eine Flucht ihre Familie entehren würde.<br />
Romeos und Julias Liebe ist eine Liebe zum Tode. Für<br />
die Geliebte, die ihm eine heuchlerische Gesellschaft und die<br />
Göttin Diana zu entreißen suchen, zu sterben bereit ist auch<br />
der Hirte Fileno in Haydns Oper La fedeltà premiata. Diese<br />
Bereitschaft zum Selbstopfer ist umso reiner, als sein Tod<br />
ihr Leben an der Seite eines anderen ermöglicht.<br />
HIMMELSMACHT VS. FAMILIENMACHT<br />
2 5<br />
2 57<br />
Heute ist dieser Kampf um die Freiheit der Liebe gewonnen.<br />
Die letzte Etappe in diesem Kampf um die freie Liebe<br />
war die 68er-Revolution. Wir dürfen lieben, wen, wann<br />
und wie wir wollen. Kein Mensch erwartet mehr, dass eine<br />
Frau jungfräulich in die Ehe geht. Affären machen eine<br />
Frau höchstens interessanter und niemand würde daran<br />
denken, sich wie das verleumdete Dienstmädchen von<br />
Puccini qualvoll selbst zu Tode zu bringen, um seinen Ruf<br />
zu retten und seine Jungfräulichkeit in einer Autopsie beglaubigen<br />
zu lassen. Sexualität und Zeugung sind voneinander<br />
abgelöst und das Risiko ungewollter Schwangerschaften<br />
besteht kaum mehr. Schande und Entehrung sind<br />
uns fast unbekannte Konzepte. Kinder, die außerhalb der<br />
Ehe geboren werden, sind kein Stigma mehr für die Mutter,<br />
sondern frei gewählt. Arrangierte Ehen gibt es jedenfalls<br />
in unseren Breitengraden nicht mehr. Heiraten sind<br />
Liebesheiraten. Ehen werden problemlos ohne Schuldfrage<br />
geschieden. Die Ehe wird nicht mehr als Institution, sondern<br />
als Ort der Lust für beide Partner betrachtet; man<br />
bleibt nur so lange zusammen, wie man sich begehrt. Und<br />
da Leidenschaft nicht gerade ein taugliches Fundament<br />
für Institutionen ist, hat das zur seriellen Monogamie geführt.<br />
Die Ehe mit einer bürgerlichen, geschiedenen Frau<br />
kann wie im Fall des Prince of Wales eventuell noch zum<br />
Verlust des Thronanspruches führen. Härtere Sanktionen<br />
sind nicht zu befürchten. Im wahrsten Sinne des Wortes ist<br />
Liebe, einst die Fessel aller Fesseln, ganz frei, aber im selben<br />
Zug auch unverbindlich geworden.<br />
Die Frage ist aber, ob bei aller gewonnenen Freiheit „Liebe“<br />
und „Partnerschaft“ heute nicht zum Inbegriff des Gesellschaftskonformen<br />
geworden sind. Und unsere Toleranz<br />
repressiv. Kollektiv stehen wir unter dem Imperativ einer<br />
erfüllten Sexualität. Diese ist stärker denn je an das Paar<br />
gebunden. Nur im Paar gelten wir als ganz. Von den Jugendlichen<br />
erwarten wir, dass sie spätestens mit sechzehn<br />
eine Freundin oder einen Freund haben. Wedekinds Frühlingserwachen<br />
ist nicht mehr tragische Verstrickung; die<br />
16-Jährigen sind dort fast ein bisschen spät dran, und unsere<br />
Jugendlichen sollen es ihnen – natürlich ohne die tragischen<br />
Folgen – ganz unverbindlich bitte nachtun.<br />
Wichtigstes Kriterium für ein gelungenes Leben ist eine<br />
funktionierende, also sexuell erfüllende Partnerschaft. Alles<br />
darf man in den Sand setzen: das nicht. Dabei spielt es<br />
keine Rolle, ob die Geschlechtspartner homo- oder heterosexuell<br />
sind. Wie stark die Norm des Paares geworden ist,<br />
zeigt auch der Kampf der Homosexuellen auf das Recht<br />
zur Ehe, das nicht nur juristische oder ökonomische Gründe<br />
hat, sondern symbolische. Der Anspruch der Gesellschaft<br />
an den Einzelnen scheint zu sein: Du sollst, du musst<br />
genießen. Bei so viel Pflicht zur Lust verkümmert Leidenschaft<br />
oft zum Sex. Eine Affäre sollte auf keinen Fall Abgründe<br />
des Verzehrens, Sehnens und des Schmerzes aufreißen,<br />
sondern in das „feel good about yourself“-Programm<br />
integrierbar sein. Gesunder Sex wird zum Teil des Fitness-<br />
Pensums: Schließlich werden beim Orgasmus Kalorien abgebaut<br />
und das Herz an seine Höchstgrenze getrieben.<br />
Vielleicht ist es der moderne Befehl zur Lust – mit oder<br />
ohne Liebe –, der die jungen Leute scharenweise ins spießige<br />
Idyll treibt, wo die Liebe weder Himmelsmacht noch<br />
Dämon ist, so verbindlich wie wenig fesselnd und man weder<br />
himmelhoch jauchzend noch zu Tode betrübt, dafür<br />
aber auch nicht glücklich, sondern bestenfalls zufrieden ist.<br />
Der Wunsch nach einer stabilen, auf Treue und Vertrauen<br />
gründenden Partnerschaft mit zwei Kindern im Reiheneckhaus<br />
im Grünen war noch nie so stark wie heute.<br />
Mehr über die Autorin auf S. 8 (Contributors)
P–R–E–M–I–E–R–E<br />
La<br />
fedeltà premiata<br />
TEXT WOLFGANG FUHRMANN<br />
FOTOGRAFIE TATIANA LECOMTE
JOSEPH HAYDN<br />
IM DIENSTE SEINER<br />
DURCHLAUCHT<br />
Seine Symphonien und die Kammermusik sind weltberühmt.<br />
Doch wer könnte eine der Opern nennen, die Joseph Haydn für<br />
seinen Arbeitgeber, den Fürsten Esterházy, schrieb?<br />
Die jungen Sänger des Opernstudios erwecken in dieser Spielzeit<br />
La fedeltà premiata zu neuem Leben.<br />
Was Bayreuth für Richard Wagner und Salzburg für Wolfgang<br />
Amadé Mozart, das ist Eisenstadt für Joseph Haydn:<br />
eine authentische Stätte des Wirkens und der kulturellen<br />
Kontinuität und ein Ort, an dem die Musik des Komponisten<br />
engagiert und auf hohem Niveau gepflegt wird. Noch<br />
immer wird das Bild der Hauptstadt des österreichischen<br />
Burgenlands vom Schloss der Fürsten Esterházy bestimmt,<br />
jenem Gebäude, in dem Haydn jahrzehntelang seinen Dienst<br />
leistete, und dessen klassizistische Erweiterungen Anfang<br />
des 19. Jahrhunderts er noch miterlebt hat. Stärker als bei<br />
Wagner oder Mozart ist auch das „Populare“, die im Volk<br />
gängige oder nach dem Volk klingende Musik, in Haydns<br />
Musik eingegangen: Fürstliche Repräsentation und eingängige<br />
Melodik fanden hier zu einer Synthese, die seine Musik<br />
weltbekannt machte. Nirgends auf der Welt aber wird sie so<br />
eindringlich gepflegt wie bei den Haydn-Festspielen in Eisenstadt,<br />
wo man jeden September Bekanntes und Unbekanntes<br />
von Haydn und anderen auf hohem Niveau erleben<br />
kann. Immer noch sind die Fürsten Esterházy mächtige<br />
Grundbesitzer und kulturelle Förderer in Österreichs kleinstem<br />
Bundesland.<br />
Als Joseph Haydn 1761 in den Dienst dieses Fürstenhauses<br />
trat, bedeutete das für ihn einen Aufstieg sondergleichen.<br />
Er war nun „Vice-Capellmeister“, also designierter Nachfolger<br />
des alten und kränkelnden Kapellmeisters Gregor Joseph<br />
Werner (der 1766 starb), und dies am Hofe eines der<br />
mächtigsten Magnaten Ungarns, der nach dem Hause Liechtenstein<br />
sogar als der reichste des Heiligen Römischen<br />
Reichs galt.<br />
1761 war Haydn noch keine dreißig Jahre alt, doch er hatte<br />
die Tiefen existenzieller Not zur Genüge kennengelernt, um<br />
sein Glück zu würdigen und an ihm festzuhalten. Ein ehemaliger<br />
Sängerknabe des Wiener Stephansdoms, hatte er<br />
sich als freier Musiklehrer und Aushilfsmusiker „ganze 8<br />
Jahr Kumerhaft herumschleppen“ müssen, wie er selbst<br />
schrieb. In diesen Wiener Jahren hat Haydn wirklich bittere<br />
Armut kennengelernt – später schilderte er gern, viel-<br />
2 7 Zentrum des großen Wirtschaftsbetriebs in der<br />
2 7 Es war also eine streng, fast bürokratisch geordnete Welt im<br />
ungarischen<br />
leicht mit ein wenig Übertreibung, wie er am Michaelerplatz<br />
„ein armseliges Dachstübchen ohne Ofen, worin er kaum<br />
gegen den Regen geschützt war“, bewohnte und dort jede<br />
freie Minute zum autodidaktischen Kompositionsstudium<br />
an seinem „alten, von Würmern zerfressenen Klavier“ nutzte.<br />
Kein Wunder, dass er seinen Dienstantritt bei den Esterházys,<br />
diese seine zweite Stelle – sein erster Dienstherr, der<br />
böhmische Graf Morzin, hatte sich finanziell ruiniert –, als<br />
Chance begriff und nutzte.<br />
Dass Haydn seinen Dienstvertrag 1761 also voll Hochgefühl<br />
unterschrieb, dürfte kaum zu bezweifeln sein, zumal er hier<br />
Gelegenheit hatte, ein eigenes Orchester aufzubauen (und<br />
daraus das wohl herausragendste Ensemble seiner Zeit formen<br />
sollte). Zwar hat sich die bürgerliche Biographik über<br />
einige Formulierungen dieser „Convention und Verhaltungs-<br />
Norma des Vice-Capel-Meisters“, wie das Dokument heißt,<br />
immer wieder empört: Vorschriften wie jene, dass Haydn<br />
sich und seine Musiker sauber zu kleiden habe, dass er jeden<br />
Vor- und Nachmittag in der fürstlichen Kammer zu erfragen<br />
habe, „ob eine Musique seyn solle“, vor allem aber, dass er<br />
jederzeit auf Befehl zu komponieren, diese Kompositionen<br />
aber niemandem anderen zukommen lassen sollte als seiner<br />
Durchlaucht. Das alles scheint mit dem neuzeitlichen Bild<br />
des frei schaffenden Künstlers schwer vereinbar zu sein –<br />
und ist doch aus der Perspektive des Ancien Régime ganz<br />
verständlich: Der (Vize-)Kapellmeister war eben als „Haus-<br />
Officier“ ein leitender Angestellter (also gerade kein niederer<br />
Domestik), und seine Musik war eben so sehr das Eigentum<br />
des Hauses Esterházy wie etwa ein in dessen Auftrag<br />
angefertigtes Gemälde. Bezahlt wurde Haydn anständig,<br />
aber nicht übermäßig: Dreißig Jahre lang bezog er dasselbe<br />
Gehalt (etwa 800 Gulden), und eine 1771 erwirkte Aufbesserung<br />
um 200 Gulden kam nur zustande, weil Haydn zusätzlich<br />
das Organistenamt in der Eisenstädter Schlosskapelle<br />
übernommen hatte.
JOSEPH HAYDN<br />
2 8<br />
2 8
LA FEDELTÀ PREMIATA<br />
2 9<br />
2 9
JOSEPH HAYDN<br />
3 0<br />
3 0
LA FEDELTÀ PREMIATA<br />
„Niemand in<br />
meiner Nähe konnte<br />
mich an mir<br />
selbst irre machen<br />
und quälen.“<br />
Joseph Haydn<br />
Tiefebene, den die Esterházy’schen Landgüter darstellten.<br />
Und doch ließ die oft drückende Welt des Hofes Freiräume<br />
– solche des künstlerischen Experiments etwa, wie<br />
Haydn es in einem berühmten Ausspruch einmal formulierte:<br />
„Mein Fürst war mit allen meinen Arbeiten zufrieden,<br />
ich erhielt Beyfall, ich konnte als Chef eines Orchesters<br />
Versuche machen, beobachten, was den Eindruck<br />
hervorbringt, und was ihn schwächt, also verbessern, zusetzen,<br />
wegschneiden, wagen; ich war von der Welt abgesondert,<br />
Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir<br />
selbst irre machen und quälen, und so mußte ich original<br />
werden.“ Im Übrigen ließ sich Haydn durch die oben erwähnte<br />
Dienstvorschrift wohl zu keinem Zeitpunkt daran<br />
hindern, seine Musik mitzuteilen, in Abschriften oder im<br />
Druck zu verbreiten und damit sein Gehalt ordentlich<br />
aufzubessern. Offensichtlich lag diese Art gesicherter<br />
Existenz mit kleinen Freiräumen seinem eher konservativen<br />
Temperament näher als das risikoreiche Leben als<br />
„freier Musiker“, das er in Wien kennengelernt hatte.<br />
In gewisser Weise kam der europäische Ruhm, den sich<br />
Haydn mit seiner Musik nach und nach erwarb, auch seinem<br />
Patron zugute. Nikolaus I., der von 1762 bis 1790 regierte,<br />
führt nicht umsonst den Beinamen „der Prachtliebende“<br />
– das Jagdschloß Eszterháza in Ungarn, das von<br />
ihm zur prunkvollen Residenz ausgebaut wurde, wird<br />
noch heute, als nur teilweise restaurierte Ruine, seinem<br />
Ruf als „ungarisches Versailles“ gerecht. Ab 1766 bildete<br />
es den bevorzugten Sommeraufenthalt des Fürsten, der<br />
3 1<br />
3 1<br />
nur im Winter in Eisenstadt und im ungeliebten Wien<br />
lebte; erst sein Nachfolger zog wieder ganz nach Eisenstadt.<br />
Und neben seinen prächtigen Räumen, Gemälden<br />
und Uhren zählten zu den Prunkstücken dieses Schlosses<br />
eben auch das nicht mehr erhaltene Opernhaus, die Kapelle<br />
und ihr berühmter Kapellmeister. Der Fürst schickte<br />
neu eingetroffenen Besuchern im nahe gelegenen Pressburg<br />
(Bratislava, das damals zu Ungarn gehörte) sogar seine<br />
Kutsche, um ihnen einen Tagesausflug nach Eszterháza<br />
zu erleichtern, und ließ auch eine Art Kunstführer drucken,<br />
die „Beschreibung des Hochfürstlichen Schlosses<br />
Esterháß im Königreiche Ungern (!)“, der auch das prachtvoll<br />
ausgestattete Opernhaus pries: „Es ist unbeschreiblich,<br />
wie sehr hier Augen und Ohren ergötzet werden.“<br />
Dass dem Komponisten die Aufenthalte zumal im abgeschiedenen<br />
Eszterháza zumindest in späteren Jahren sauer<br />
wurden, lässt sich denken. In der Winterzeit hatte er<br />
freilich in Wien und im Umkreis des kaiserlichen Hofs<br />
viele Gelegenheiten, seine Musik aufzuführen und zu verbreiten.<br />
An eine Wiener Freundin, Marianne von Genzinger,<br />
der er zärtlich zugetan war, berichtete Haydn nach<br />
der Rückkehr nach Eszterháza einmal humoristisch und<br />
doch melancholisch, er sitze „in meiner Einöde – verlassen<br />
– wie ein armer waiß – fast ohne menschlicher Gesellschaft<br />
– traurig“. 1776 schrieb er in einer autobiographischen<br />
Skizze, dass er im Dienst der Esterházys „zu leben<br />
und zu sterben mir wünsche“, und formell wurde ihm –<br />
trotz seiner beiden umjubelten London-Reisen und eines
JOSEPH HAYDN<br />
de facto Ruhestands ab 1803 – dieser Wunsch erfüllt: Haydn<br />
blieb bis zu seinem Tode Hofkapellmeister.<br />
Seine wichtigste Funktion war zwischen 1775 und 1790 eben<br />
die eines Opernkapellmeisters, fast alle seiner Opern entstanden<br />
in dieser Zeit, als statt gelegentlicher Festopern ein<br />
regelmäßiger Spielbetrieb stattfand. Immer wieder kamen<br />
Gäste hohen und bürgerlichen Ranges, um die Opern Haydns<br />
und seiner Zeitgenossen unter der Leitung des berühmten<br />
Kapellmeisters selbst zu sehen. Dabei hatte der Komponist<br />
gerade von seinen Opern „im Ganzen eine gute Meinung“,<br />
erklärte aber zugleich, dass sie „in ihrer ursprünglichen Gestalt<br />
in der neueren Epoche schwerlich mit Glück aufgeführt<br />
werden könnten.“ Und damit liegt die Antwort auf die Frage,<br />
warum Haydn als Opernkomponist nicht berühmt geworden<br />
ist, schon recht nahe. Wie jeder andere Komponist seiner<br />
Zeit hat Haydn für einen konkreten Ort und vor allem<br />
für konkrete Interpreten komponiert, den Sängern die Musik<br />
gewissermaßen in die Kehle geschrieben. So können wir<br />
anhand der Besetzungsangaben beispielsweise rekonstruieren,<br />
dass seine langjährige Geliebte Luigia Polzelli als Sopranistin<br />
allenfalls mittlere Qualitäten aufwies. Offenbar hatte<br />
er eine gewisse Scheu, diese Werke anderswo aufführen zu<br />
lassen, während er seine Instrumentalmusik bedenkenlos an<br />
den meistbietenden Verleger verkaufte.<br />
Nichtsdestoweniger verbreiteten sich Haydns spätere Opern<br />
zumindest im deutschen Sprachraum. Die 1781 uraufgeführte<br />
La fedeltà premiata wurde beispielsweise in deutscher<br />
Übersetzung als Die belohnte Treue während der 1780er Jahre<br />
in Wien, Pressburg, Graz und Pest, vielleicht auch in<br />
Donau eschingen gespielt. Darüber hinaus versuchte Haydn<br />
gelegentlich, seinen Ruhm als Vokalkomponist durch gezielte<br />
Publikation einzelner Nummern zu befördern. Eine solche<br />
„Auskopplung“ einer besonders dramatischen Szene aus La<br />
fedeltà premiata – des Rezitativs und der Arie Ah, come il<br />
cuore mi palpita – war sogar äußerst erfolgreich. Diese bewegende<br />
Szene, in der Fillide (alias Celia) ihren Geliebten tot<br />
glaubt und sich gegen die Vorwürfe seines Schattens aus der<br />
Unterwelt verteidigen will, wurde in Hamburg und England<br />
von dem Kieler Professor Carl Friedrich Cramer in einer<br />
begeisterten Rezension als „ein kleines so sehr vollendetes<br />
Ganzes von dem richtigsten und edelsten Ausdrucke der<br />
Leidenschaft“ gepriesen – die vermutlich umfangreichste<br />
Besprechung irgendeines Werks von Haydn zu Lebzeiten<br />
des Komponisten überhaupt.<br />
Dass diese zeitweilige Verbreitung und Anerkennung von<br />
Haydns Opern ohne nachhaltigen Erfolg blieb, dass sie sich<br />
im Repertoire nicht etablierten, dieses Schicksal teilt er mit<br />
berühmteren Zeitgenossen wie Giovanni Paisiello oder Giuseppe<br />
Sarti. Wie die Opern Händels oder Vivaldis zeigen, bedeutet<br />
solche Vergessenheit keineswegs ein Urteil für immer.<br />
Vielleicht stimmt es, dass Haydns wahres Genie in der<br />
Instru mentalkomposition lag – dies sollte uns aber nicht daran<br />
hindern, seine Opern immer wieder einmal auf den Prüfstand<br />
3 2<br />
zu stellen.<br />
3<br />
2<br />
La fedeltà premiata von Joseph Haydn<br />
In Cumae kann treue Liebe tödlich sein: Die Göttin Diana fordert alljährlich<br />
das Opfer von zwei treu Liebenden. Einzig ein Freiwilliger, der sich<br />
für die beiden opfert, kann den Fluch aufheben. Ein solcher jedoch hat<br />
sich bisher nicht gemeldet, so steht bereits die Auswahl des zehnten<br />
Paares bevor. Doch Treue ist ein rares Gut in Cumae, und darum sind<br />
die Opfer nicht leicht zu finden: Aus Angst, zum treuen Liebespaar des<br />
Jahres gewählt zu werden, verstellen sich die Protagonisten, gehen<br />
nicht ernst gemeinte Beziehungen ein, wecken falsche Hoffnungen und<br />
lösen Enttäuschungen aus. Einzig Melibeo hat keine Angst, denn als<br />
Priester steht er unter dem Schutz der Diana und muss ihren Fluch<br />
nicht fürchten. Er nutzt seine Machtposition, um Amaranta, auf die er<br />
ein Auge geworfen hat, für sich zu gewinnen – und übersieht dabei, dass<br />
er sich selbst mitten im Spiel um Liebe und Glück befindet.<br />
Der Haydn-Sommer 2011 auf Schloss Esterházy:<br />
3. bis 5. Juni: Streichquartettfestival<br />
26. bis 30. Juli: Opernpasticcio<br />
26. bis 28. August: Alfred Brendel, Kit Armstrong: Recital, Gespräch,<br />
Vortrag<br />
27. / 28. August: Orlando Palladino<br />
8. bis 18. September: Internationale Haydntage<br />
Wolfgang Fuhrmann ist Assistent am Musikwissenschaftlichen<br />
Institut der Universiät<br />
Wien. Er beschäftigt sich seit vielen<br />
Jahren mit der Musik Joseph Haydns und<br />
der Wiener Klassiker und hat sich 2010 an<br />
der Universität Bern mit einer Arbeit über<br />
„Haydn und sein Publikum“ habilitiert.<br />
La fedeltà premiata<br />
Dramma pastorale giocoso in drei Akten<br />
von Joseph Haydn<br />
Premiere am Freitag, 25. März 2011,<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Weitere Termine im Spielplan ab S. 90
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Ausgezeichnet. Mit dem ECHO Jazz 2010 und dem ECHO Klassik 2008. Die Musikabteilung im Kaufhaus der Sinne<br />
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3 3<br />
3 3<br />
Marienplatz München 1– 9ludwigbeck.de<br />
1 9
JOHN NEUMEIER<br />
»DIESES BALLETT<br />
GEHÖRT<br />
NACH MÜNCHEN«<br />
John Neumeier kehrt nach München zurück. Im „Ludwig-Jahr“<br />
tanzt das <strong>Bayerische</strong> Staatsballett zur Eröffnung der<br />
BallettFestwoche die von der Tragödie des Bayernkönigs<br />
inspirierte Tschaikowsky-Adaption des Hamburger Tanzfürsten<br />
Illusionen – wie Schwanensee<br />
Interview: Klaus Witzeling<br />
Von der Revolution zum Klassiker: John Neumeier hat in<br />
seiner Version von Peter Tschaikowskys Schwanensee Elemente<br />
des Tanzes und Theaters innovativ verbunden. 1976<br />
in Hamburg uraufgeführt und nun selbst ein Klassiker im<br />
enormen Œuvre des Choreografen und Ballett-Intendanten,<br />
steht Illusionen – wie Schwanensee exemplarisch für seine<br />
Dramaturgie der Erinnerung und des Traums in szenischen,<br />
filmartig geschnittenen Rückblenden. In der durch die Tragödie<br />
des Bayernkönigs Ludwig II. inspirierten Adaption<br />
wandelt sich das romantische Märchenballett zur darstellerisch<br />
wie stilistisch facettenreich getanzten Seelenstudie eines<br />
innerlich zerrissenen Künstlers auf dem Thron, in der<br />
sich Fantasie und Wirklichkeit durchdringen. Die Inszenierung<br />
in der opulenten Ausstattung von Jürgen Rose ist paradigmatisch<br />
für das von Geschichte, Literatur, Psychologie<br />
und Regietheater animierte und belebte Ballettdrama<br />
Neumeiers.<br />
Kapitel einer einzigartigen<br />
Ballett-Geschichte:<br />
John Neumeier 1967 im<br />
Kostüm von Jeu de cartes<br />
von John Cranko.<br />
Foto: Klaus Mocha<br />
MAX JOSEPH Fünf Ihrer Ballette sind seit 1973<br />
vom <strong>Bayerische</strong>n Staatsballett aufgeführt und ins Repertoire<br />
übernommen worden, nur nicht Illusionen –<br />
wie Schwanensee. Warum hat es seit dem erfolgreichen<br />
Gastspiel 1978 so lange gedauert, bis das Ballett<br />
endlich in München angekommen ist?<br />
JOHN NEUMEIER Woran das genau lag, kann<br />
ich nicht sagen. Eine Ursache mögen die wechselnden<br />
Ballettdirektoren gewesen sein. Ich versuche ja nicht,<br />
meine Ballette direkt zu verkaufen. Ich warte auf eine<br />
Einladung oder einen einleuchtenden Grund, warum<br />
die Einstudierung einer meiner Choreografien gewünscht<br />
wird. Als mich Ivan Liška vor zwei Jahren<br />
darum gebeten hat, konnte ich nur sagen: Selbstverständlich,<br />
dieses Ballett gehört nach München.<br />
MJ Könnte das Zögern nicht auch an Ihrer für die Siebzigerjahre<br />
unkonventionellen Sicht des Königs gelegen haben,<br />
den Sie als Künstlertypus und Rebellen in politischer<br />
wie erotischer Hinsicht zeichnen?<br />
JN Nein, das glaube ich nicht. Weil ich Ballett nicht als ein<br />
realistisches Medium sehe. Mein Ballett ist keine historische<br />
Dokumentation. Die Inspiration zu meiner Königsfigur,<br />
die ich bewusst nicht Ludwig II. nenne, habe ich zwar<br />
eindeutig durch den Bayernkönig. Aber wichtig sind auch<br />
Parallelen zwischen ihm, dem Prinzen Siegfried im Ballett<br />
und dessen Komponisten Peter Tschaikowsky. Ich wollte<br />
meiner zerrissenen Königsfigur etwas Allgemeingültiges geben<br />
und nicht behaupten: Das ist wirklich Ludwig II., und<br />
die historische Geschichte war tatsächlich so. Es gab beispielsweise<br />
keine Prinzessin Natalie aus Polen. Man hätte<br />
sagen können: Ja, Herr Neumeier haben Sie denn nie ein<br />
Buch über Ludwig II. gelesen? Außerdem: Das Kunstmedium<br />
Tanz verlangt eine besondere dramaturgische Struktur.<br />
3 4 Und ich versuchte, meine mit dem ursprünglichen Konzept<br />
3 4 von Reisinger* und Tschaikowsky und vor allem natürlich
Foto: David Maupilé<br />
3 5<br />
BALLETTFESTWOCHE 3 5 2011
JOHN NEUMEIER<br />
John Neumeier als<br />
Hortensio bei<br />
der Premiere von<br />
Der Widerspenstigen<br />
Zähmung von<br />
John Cranko im<br />
März 1969.<br />
Foto: Jorge Fatauros<br />
der Ivanow-Fassung* für den zweiten „weißen Akt“ abzugleichen<br />
und diese einzubeziehen, so gut es möglich war.<br />
MJ Zur Zeit der Uraufführung hat Illusionen Furore<br />
gemacht, erntete Begeisterung und harsche Kritik.<br />
JN Mein Nussknacker war noch davor und wirkte<br />
schon revolutionär, weil er nicht zu Weihnachten<br />
spielt. Aber Schwanensee war eine noch heiligere Kuh<br />
– ich wollte sagen: ein noch heiligerer Vogel. Mats Ek<br />
hat mir Jahre später gesagt, wie beeindruckt er von<br />
meiner Produktion war, dass sie ihm den Mut für seine<br />
gegeben hat. Es mag schon revolutionär gewirkt<br />
haben, war aber nie mein Wunsch, absichtlich etwas<br />
Revolutionäres zu machen. Ich war nur davon überzeugt,<br />
dass ich Schwanensee nicht anders hätte inszenieren<br />
können.<br />
MJ Der Ballettkritiker Horst Koegler spricht in seinem<br />
Buch über Sie im Zusammenhang mit den drei Tschaikowsky-Klassikern<br />
Nussknacker, Schwanensee und Dornröschen<br />
von einer Hamburgischen Dramaturgie des Balletts.<br />
Können Sie das Konzept skizzieren?<br />
JN Schön, dass Herr Koegler das so sieht. Mir ging es<br />
bereits 1974 beim Meyerbeer – Schumann-Abend einfach um<br />
meinen Versuch, die Tatsache, dass ein Ballett ein Ballett<br />
ist, aufzubrechen und mir zu sagen: Ein Ballett ist auch<br />
eine Form von Theater. Das war vielleicht eine revolutionäre<br />
Ausgangsidee.<br />
MJ Was war denn das Neue an Ihrem Meyerbeer –<br />
Schumann-Ballett?<br />
JN Der Vorhang ging auf. Im Dunkeln hörte man<br />
eine alte Originalaufnahme von Enrico Caruso, der<br />
eine Arie aus Meyerbeers L’Africaine sang, während<br />
Will Quadflieg Briefe von Schumann und Boy<br />
Gobert Briefe von Meyerbeer zitierten. Dann, als<br />
das Licht langsam kam, sah man zwei Tänzer in<br />
Trainingskleidern, die an der Stange ihr Exercise<br />
machten. Auf der Bühne lagen Kleidungsstücke herum.<br />
Neugierig nahmen die Tänzer sie auf, probierten,<br />
zogen sie an, schlüpften ins Kostüm – und damit<br />
in die Figuren, standen als Meyerbeer und<br />
Schumann da. Das Regietheater in der Oper stellt<br />
die Frage: Warum singt einer? Warum höre ich Musik?<br />
Ich stellte die Frage: Warum tanzen wir? Bis<br />
3 6<br />
3 6<br />
dahin stellte man die Frage nicht beim Ballett: Hier<br />
war man im Theater und das Orchester spielte.<br />
MJ Geht es Ihnen um einen gedanklichen oder emotionalen<br />
Wendepunkt, an dem ein Sänger zu singen, ein Tänzer<br />
zu tanzen beginnt?<br />
JN Genau. Meyerbeer – Schumann, Daphnis und Chloé und<br />
auch die Illusionen beginnen mit einem Prolog in der Stille.<br />
Zwei Wachleute bringen den König in ein Gebäude, das ihm<br />
fremd, dem Zuschauer fremd ist. Erst als er das Schwanenemblem<br />
auf seinem Kostüm zufällig berührt, es bewusst aufnimmt,<br />
überwältigen ihn Erinnerungen, und wir hören<br />
die Musik seiner Emotion, seiner Erinnerung. Das Ballett<br />
Schwanensee beginnt …<br />
MJ … in dem bei Ihrer Interpretation auch Homosexualität<br />
ein zentrales Motiv ist. Wir werden heute<br />
von schwulen Bürgermeistern regiert, aber 1976 war<br />
das noch undenkbar. Hatten Sie in irgendeiner Form<br />
Schwierigkeiten damit?<br />
JN Wenn ich zurückdenke, war es auch damals kein<br />
Problem für mich. In meinen ersten Vorstellungen<br />
vom Ballett sah ich einen Prinzen am Rand eines Seeufers<br />
gehen und hinter ihm einen schönen Mann in<br />
Schwarz. Ich habe nicht gefragt: Darf ich das machen?<br />
Ich bin zwar nicht jemand, der auf dem Christopher<br />
Street Day mitgeht, aber das Männer-Duo habe ich nie<br />
in Frage gestellt. Allerdings habe ich offen gelassen, ob<br />
der Mann im Schatten einen Doppelgänger oder einen<br />
Todesengel verkörpert, also den Wunsch nach einem<br />
Liebhaber, die Schuldgefühle des Königs oder dessen<br />
Todessehnsucht. Ich will der Figur ihre Vielseitigkeit<br />
erhalten, sie nicht erklären und ihr die Magie nehmen.<br />
Das hat mit derselben Idee zu tun, warum Ludwig<br />
schlicht „Der König“ heißt.<br />
MJ Gab es für Sie bei der Inszenierungskonzeption Einflüsse<br />
oder Vorbilder von Theaterregisseuren?<br />
JN Als Jürgen Rose und ich mit der großen Ballett-Literatur<br />
des 19. Jahrhunderts experimentierten, waren wir stark<br />
von Peter Stein geprägt. Die Kostüme sollten bis ins letzte<br />
Detail stimmen. Wir fragten uns, wie wir die magische Realität<br />
seiner Schauspiel-Inszenierungen auf die Ballettbühne<br />
übertragen könnten, um Ähnliches zu erreichen wie Stein in<br />
seinem Peer Gynt. Auch der französische Regisseur Patrice
INTERVIEW<br />
Neuschwanstein an der<br />
Elbe: Alexandre<br />
Riabko als der von<br />
König Ludwig II.<br />
inspirierte „König“ im<br />
Jahr 2010 in der<br />
Hamburger Wiederaufnahme<br />
von Illusionen – wie<br />
Schwanensee.<br />
Foto: Holger Badekow<br />
Chéreau war mit seinem körperlich-sinnlichen Inszenierungsstil<br />
sehr wichtig für mich. Er hat mich darauf gebracht,<br />
dass man einem klassischen Werk trauen und versuchen<br />
muss, dessen Wahrheit so intensiv zu begreifen, dass es in<br />
seiner eigenen Stimme neu klingt – auch im traditionsbeladenen<br />
Ballett.<br />
MJ Beide Regisseure revolutionierten zu ihrer Zeit<br />
ähnlich wie Peter Brook die internationale und deutsche<br />
Theaterszene. Welche Rebellen waren in der<br />
Tanzkunst für Sie richtungsweisend?<br />
JN Vaslav Nijinsky natürlich. Seine Kreativität und<br />
den Mut, Dinge zu verlangen, die so außergewöhnlich<br />
und innovativ waren für die Menschen, mit denen er<br />
gearbeitet hat, empfinde ich als revolutionär. Man<br />
konnte damals doch noch keinen Vergleich zu Arbeiten<br />
einer Martha Graham oder eines Merce Cunningham<br />
ziehen. Unter den amerikanischen zeitgenössischen<br />
Choreografen ist Jérome Robbins ein Vorbild, vor allem<br />
die Konzepte für seine weniger bekannten Ballette<br />
The Guests oder auch The Age of Anxiety, die auf seiner<br />
Beschäftigung mit der Psychoanalyse basieren,<br />
beeindruckten mich sehr, obwohl ich sie nicht gesehen<br />
hatte. Er war insofern rebellisch, als er eine seiner<br />
wichtigen Schaffensphasen unterbrochen hat, sich für<br />
zwei Jahre in ein Studio zurückzog, um wie in einem<br />
Labor die choreografischen Arbeitsmethoden auf die<br />
Entwicklung von neuen Theaterformen anzuwenden.<br />
MJ In welchen Arbeitsschritten entwickelt sich die Neueinstudierung<br />
von Illusionen?<br />
JN Gebe ich ein größeres Werk an eine andere Compagnie,<br />
ist meine erste Frage: Passt es zu ihr oder nicht? Was werden<br />
wir beide, die Compagnie und ich als Choreograf, voneinander<br />
lernen? Über die Antwort entscheide ich eher intuitiv,<br />
aber sie hängt auch von der Kapazität und Qualität des<br />
betreffenden Ensembles ab, welches das Werk einstudiert.<br />
Im zweiten Schritt überprüfe ich die Besetzungen, mit denen<br />
meine Assistenten zuerst Szenen und Schritte erarbeiten.<br />
In der Anfangsphase vermittle ich auch Inspirationen<br />
zu den Charakteren und Situationen. In den letzten zwei<br />
oder drei Wochen bin ich wieder dabei, überprüfe die Bühneneinrichtung<br />
und lasse mich auch zu Änderungen durch<br />
die neue Besetzung inspirieren.<br />
3 7<br />
3 7<br />
MJ Haben Sie jemals davon geträumt, in einem<br />
Schloss zu wohnen?<br />
JN Ja, immer (lacht lauthals). Tatsächlich träume<br />
ich immer wieder, dass ich in Schlössern wohne. Ein<br />
interessanter Traum, weil ich weiß, es gibt Räume in<br />
diesem Haus, die ich noch nicht gesehen habe. Das ist<br />
ein ganz aufregendes Gefühl.<br />
MJ Sie haben sich doch Ihr Schloss gebaut, oder nicht?<br />
JN Nur ein ganz kleines, bescheidenes. Seit ich aus meinem<br />
Zuhause in Amerika wegging, hatte ich nicht in einem Haus<br />
gelebt. Ich bin gewarnt worden: Warum wollen Sie in einem<br />
Haus wohnen, normalerweise bewohnen die Leute doch immer<br />
nur gewisse Räume? Ich mache das nicht. Seit drei Jahren<br />
wohne ich wirklich in meinem ganzen Haus. Je nachdem,<br />
was ich mache, benutze ich verschiedene Räume. Ich bewohne<br />
dieses Haus in seiner Fülle. Ich sage das, auch wenn ich in<br />
Verdacht geraten sollte, größenwahnsinnig zu sein.<br />
MJ Mit dem Ballettzentrum – Horst Koegler nennt es<br />
in seinem Buch ein Ballettimperium – haben Sie sich<br />
doch auch ein eigenes Reich geschaffen?<br />
JN Das sehe ich anders. Das Ballettzentrum ist aus<br />
einem Kern entstanden. Als ich nach Hamburg gekommen<br />
bin, wo ich übrigens anfangs nicht gewollt war,<br />
weil man nicht wusste, was dieser junge revolutionäre<br />
Typ da anstellen würde, fing ich in einem kleinen Büro<br />
an, das ich mit meinem Ballettmeister teilte, weil es<br />
der einzige Raum mit Dusche war. Als man den Erfolg<br />
bemerkte, musste man diesen Erfolg sichern, und es<br />
bedurfte auch der Vergrößerung, weil die Anforderungen<br />
mit mehr Vorstellungen, Gastspielen und der Ballettschule<br />
gestiegen sind. Das Zentrum ist da, weil die<br />
Arbeit solche Dimensionen angenommen hat. Aber ich<br />
habe nie gesagt, ich komme nur nach Hamburg, wenn<br />
ich ein Ballettzentrum erhalte.<br />
MJ Sie sind als revolutionärer Typ gekommen und stehen<br />
jetzt als etablierter Ballettintendant auf der anderen Seite.<br />
Wie kommen Sie mit diesem Wechsel zurecht?<br />
JN Ich empfinde das nicht so, ich habe mich nicht völlig<br />
verändert. Jedes Mal, wenn ich vor einem neuen Ballett stehe,<br />
frage ich mich: Kann ich das überhaupt oder schaffe ich<br />
es? Das Entscheidende ist noch immer die Kreativität. Die<br />
Potenz von Kreativität ist es, die den Garten wachsen lässt.
JOHN NEUMEIER<br />
Weiße Akte, heilige<br />
Kuh? Mit Illusionen –<br />
wie Schwanensee<br />
revolutionierte John<br />
Neumeier den<br />
Klassiker des Handlungsballetts.<br />
Foto: Holger Badekow<br />
Wenn das nicht mehr da ist ... Ich glaube nicht, dass ich ein<br />
administrativer Ballettdirektor sein könnte, selbst wenn ich<br />
zwei Zentren hätte.<br />
MJ Wollen Sie neben Ihrem Werk auch mit Ihrer<br />
Sammlung etwas Bleibendes schaffen?<br />
JN Nicht jede Privatsammlung beginnt mit dem Gedanken,<br />
sie weiterzugeben. Der Anfang waren Neugier<br />
und Wissensdurst. Ich habe mit Büchern begonnen,<br />
lange bevor ich einen Stich, eine Radierung oder<br />
ein Kunstobjekt gekauft habe. Ich war zunächst an<br />
Büchern interessiert, weil ich Informationen gesammelt<br />
habe, um mein Wissen zu vergrößern. Als ich<br />
den Nijinsky-Kopf ersteigert hatte, kam die Freude<br />
an Kunstwerken dazu und das Gefühl, unbewusste<br />
Aspekte über diesen Künstler zu erfahren. Langsam<br />
kommen die Gedanken: Diese wunderbare Sammlung<br />
kann nicht nur für mich sein.<br />
MJ Verliert der Rebell in der Vitrine nicht und wird zum<br />
Denkmal?<br />
JN Ich lebe mit meiner Sammlung. Sie ist ein lebendiger<br />
Schatz, der meine Arbeit befruchtet. Denn zur Freude und<br />
Leidenschaft, sie auszuweiten, kommt später dann auch<br />
eine Verantwortung. Waren es anfangs die persönliche Faszination<br />
und mein Bedürfnis, mehr zu wissen, kann ich jetzt<br />
die Neugier anderer Menschen wecken und ihnen die Möglichkeit<br />
bieten, diese Werke im Zusammenhang kennen zu<br />
lernen. Darum habe ich auch die John Neumeier Stiftung<br />
gegründet, um die Sammlung in ihrer Gesamtheit zu erhalten<br />
– nicht nur die Nijinsky-Abteilung.<br />
MJ Rebellion entzündet sich auch am Widerspruch<br />
gegen die Tradition und die ältere Generation. Haben<br />
Sie Rebellion gegen sich erfahren?<br />
JN Schwer zu beantworten. Ich weiß natürlich nicht,<br />
was jüngere Choreografen über mich denken. Ich weiß<br />
nur von mir: Während ich John Crankos Romeo in<br />
Stuttgart tanzte, habe ich meinen eigenen geplant und<br />
die Oberflächlichkeit kritisiert, mit der – wie ich „Rebell“<br />
meinte – er das Shakespeare-Drama gesehen hat.<br />
Ich war schon rebellisch und hatte meine kleine Gruppe<br />
um mich, die mir wie Jünger folgte. Wenn junge<br />
Choreografen meiner Compagnie so denken würden,<br />
hätte ich nichts dagegen und würde es verstehen. Aber<br />
3 8<br />
3 8<br />
wenn ich auf junge Choreografen treffe, begegnen sie<br />
mir mit großem Respekt, mehr, als ich eigentlich erwarte.<br />
Was sie von einzelnen Werken halten, kann ich<br />
nicht sagen, das ist ihre eigene Meinung. Aber ich fühle<br />
mich gut in der Auseinandersetzung mit den neuen Rebellen<br />
dieser Zeit.<br />
MJ Sie haben sich mit dem Gewicht des Ehrenbürgers auch<br />
in die Debatten um die Kultur in Hamburg eingemischt und<br />
eine Form von Widerstand artikuliert. Macht sich der Unangepasste<br />
in Ihnen so auch im reifen Künstler bemerkbar?<br />
JN Natürlich ergreife ich Partei für die Kunst. Aber vor<br />
allem dadurch, dass ich an ihr arbeite und mich ihr widme.<br />
Ich bin hauptsächlich damit beschäftigt, an unseren nächsten<br />
Ballettabend zu denken und ihn möglichst gut über die<br />
Bühne zu bringen. Ich denke an die Werke, die in dieser<br />
Spielzeit herauskommen: Sylvia in Amsterdam, Die kleine<br />
Meerjungfrau in Moskau oder nun in München Illusionen –<br />
wie Schwanensee und vor allem die Premiere der Zehnten<br />
Sinfonie von Gustav Mahler hier in Hamburg. Dafür muss<br />
ich präsent sein, um sie mit meinen heutigen Augen auf den<br />
gegenwärtigen Stand zu bringen.<br />
MJ Werden Sie etwas an den Illusionen verändern?<br />
JN Ich verspreche nichts. Aber Veränderung ist der<br />
Grund, warum ich immer weiter arbeite. Tanz ist Bewegung<br />
– alles ist möglich.<br />
* Die erste Choreografie zu Schwanensee stammte von einem Choreografen<br />
namens Julius Wenzel Reisinger und wurde zum Desaster. Erst 1894 wurde<br />
durch Marius Petipa (1. und 3. Akt) und Lew Iwanow (2. und 4. Akt) zu<br />
Tschaikowskys Komposition eine ebenbürtige Choreografie erschaffen, die<br />
sich bis heute behauptet.<br />
Klaus Witzeling ist Ballettkritiker<br />
des Hamburger Abendblattes<br />
Illusionen – wie Schwanensee<br />
Eröffnung der BallettFestwoche am<br />
Donnerstag, 21. April 2011,<br />
Nationaltheater<br />
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ALEXANDER KLUGE<br />
EIN REQUIEM<br />
ÜBER DIE<br />
VERLORENE FREIHEIT<br />
IN DER LIEBE<br />
Vincenzo Bellinis<br />
I Capuleti e i Montecchi<br />
Von<br />
Alexander Kluge<br />
Illustration<br />
Mircea Cantor<br />
4 0<br />
4 0
EIN REQUIEM ÜBER DIE VERLORENE FREIHEIT IN DER<br />
Im Ursprung der Zivilisationen gibt es keine Freiheit der<br />
Einzelnen, am wenigsten in der Liebe. Das unteilbare Individuum,<br />
die unveräußerliche Emotion ist etwas Modernes.<br />
Am Anfang stehen Clans und ihre Gefolgschaft, Väter<br />
verfügen über die Zukunft ihrer Töchter. In den italienischen<br />
Städten der Renaissance verteidigen sich in Familientürmen<br />
diese Clans gegeneinander. Wie die Kirchen die<br />
geistliche, so drücken diese Hochbauten die weltliche Macht<br />
aus: eingefrorener Bürgerkrieg.<br />
L<br />
I<br />
E<br />
B<br />
E<br />
blüfft, wie aus so viel Improvisation und Vermischung ein<br />
derart überzeugendes Werk sich herausmendelte. Die<br />
Evolution bastelt, die Kunst ebenfalls, die Liebe auch.<br />
Bei Romeo und Julia bastelt die Geschichte am eigenen<br />
Unglück. Zweimal hätte Julia die Chance gehabt zu einer<br />
gemeinsamen Flucht mit Romeo aus dem Herrschaftsbereich<br />
des Clans. Wie mit unsichtbaren Fäden festgehalten,<br />
bleibt sie im Bereich des Vaters.<br />
Das ist der Hintergrund, auf dem sich das Schicksal des<br />
Romeo Montecchi und der Giulietta Capuleti abspielt. Es<br />
geht um eine Wandergeschichte, die schon seit der Antike<br />
erzählt wird. Bei Ovid heißt sie Pyramus und Thisbe. Die<br />
Geschichte wird wieder aufgenommen in den Erzählungen<br />
der Renaissance, beginnend mit der Unglückserzählung<br />
von Mariotto und Gianozza da Salerno (1476). Es<br />
bewegt die Menschen, dass ein Vater seine Tochter (den<br />
wertvollsten Schatz) verwahren will und dadurch umbringt<br />
– wie später in Verdis Rigoletto – oder dass ein<br />
Bruder die Schwester zum Machterhalt des Clans benötigt<br />
und so in den Wahnsinn treibt – wie Lucia di Lammermoor.<br />
Zu diesem Stamm des Erzählens gehört Bellinis<br />
Meisteroper I Capuleti e i Montecchi, die den Bogen<br />
spannt zu den Höhepunkten in Bellinis Werk: Norma und<br />
I Puritani.<br />
Es war eine Menge kreativer Zufälle erforderlich, damit<br />
dieses Werk so entstand, wie wir es heute kennen. Das<br />
Teatro La Fenice hatte dem renommierten Komponisten<br />
Nicola Vaccai den Auftrag für die Komposition des Werks<br />
gegeben. Da dieser um die operninteressierte Prinzessin<br />
Samoiloff warb und alle Termine und Nachfristen nicht<br />
einhielt, sprang Vincenzo Bellini ein. Er übernahm von<br />
Vaccais Projekt den Stoff, einen Teil der Texte und die<br />
Zeitnot. So wanderten breite Teile von Bellinis letzter<br />
Oper Zaira (nach Voltaires Trauerspiel von 1732) in die<br />
Partitur der neuen Oper ein. Nach dem Erfolg der Premiere<br />
wurde dennoch das Finale Bellinis durch die Komposition<br />
des ursprünglichen Beauftragten, Vaccai, ersetzt (auf<br />
Veranlassung der Sängerin Maria Malibran). Jahrzehntelang<br />
wurde die Oper mit diesem Ende gespielt. Es ver-<br />
4 1<br />
4 1<br />
Die dramatische Handlung des Librettos ist einfacher als<br />
das Stück Shakespeares, das Bellini nicht vorlag. Will<br />
man die Brücke zwischen der starken Musik und der intrigenreichen<br />
Handlung schlagen, sollte man die Subtexte<br />
im Gelände der dramatischen Verhältnisse genau lesen.<br />
Es geht nicht darum, dass Julia auf Rat eines Arztes<br />
durch Scheintod dem Herrschaftsbereich ihrer Familie zu<br />
entkommen sucht, die Nachricht davon Romeo nicht erreicht,<br />
so dass er sich angesichts der Scheintoten selbst<br />
umbringt, worauf Giulietta den Liebestod erleidet. Es<br />
geht um etwas Grundsätzlicheres und Allgemeineres, das<br />
Bellinis Musik, eine moderne Freiheitsmusik, mit ihren<br />
„langen Melodien“ (wie Verdi gesagt hat) in schöner Unwirklichkeit<br />
ausdrückt. Die Musik besiegt die Gewalt<br />
(wie bei Orpheus), aber die Gewalt beherrscht die Handlung<br />
und vernichtet die Liebenden. Das ist der Grund für<br />
das lyrische Requiem, das Bellini schrieb, unabhängig von<br />
Einzelheiten der Handlung und dem historischen Bürgerkriegsszenario<br />
zwischen Ghibellinen (Anhänger der deutschen<br />
Kaiser) und Guelfen (Anhänger der lombardischen<br />
Städte und des Papstes).<br />
Für kurze Momente antworten allerdings Handlung und<br />
Musik direkt aufeinander im Sinne der Freiheitsidee Bellinis.<br />
So treffen zum Beispiel die Rivalen Tebaldo (mit<br />
ihm soll Giulietta zwangsverheiratet werden) und Romeo<br />
im Duell aufeinander. In diesem Moment kommt der<br />
Trauerzug daher, mit dem die (scheintote) Giulietta in die<br />
Grabkammer getragen werden soll. Die beiden Rivalen<br />
werfen, überwunden von Musik und von Trauer, ihre<br />
Schwerter von sich und stehen einen Moment lang wie<br />
Verbündete da. In diesem Augenblick herrscht kein Bür-
ALEXANDER KLUGE<br />
gerkrieg mehr. Es gibt zwar keine Utopie, aber eine Heterotopie:<br />
eine Parallelwelt, in der kriegerische Verhältnisse<br />
auch glücklich ausgehen und in Versöhnung enden können.<br />
Das ist ein Dauerthema der italienischen Oper und macht<br />
die Schönheit ihrer traurigen Melodien aus.<br />
Das zugrunde liegende, sehr ernste Problem liegt darin:<br />
Das Konzept der modernen, emphatischen Liebe ist<br />
kompromisslos; Liebe ist unteilbar. In der Wirklichkeit<br />
des Lebens aber arbeiten in den Liebenden ganz unterschiedliche,<br />
einander überlagernde Bindungskräfte. So<br />
ist es für Giulietta vermutlich nicht möglich, die Liebe<br />
zu den Eltern und zum eigenen Hause ganz wegzuwerfen,<br />
zu löschen, quasi zu leugnen. Umgekehrt gibt es in<br />
der menschlichen Evolution den Hang zur Exogamie:<br />
Das Liebesglück winkt draußen, außerhalb der Familie.<br />
Das schafft eine Zerrissenheit, von der die Musik<br />
berichtet.<br />
Glauben oder die Familienbande einfach abgewöhnen, wenn<br />
doch die Kinderseele in den Menschen zu dem einen hin und<br />
die erwachsene Erotik zum anderen hin ihre Attraktionen<br />
ausübt. Liebe ist ein konservativer Trieb. Sie gehorcht der<br />
Aufklärung jedenfalls nicht rasch.<br />
Alles dies ist der Grund für Bellinis bewegendes Werk.<br />
Es geht um die Trauer, dass die menschlichen Emotionen<br />
so sind, wie sie sind, dass Machtverhältnisse in ihrer<br />
Rücksichtslosigkeit diese Gefühle nicht achten und dass<br />
es keine dramaturgischen Tricks gibt, die den Ernst des<br />
Subtextes mildern können. Die Milderung besteht darin,<br />
dass die generöse Musik Bellinis tröstet. So ist eine der<br />
schönsten Trauermusiken der Welt entstanden in dieser<br />
Oper Bellinis, welche die siebte in seinem jungen und<br />
kurzen Leben war.<br />
I Capuleti e i Montecchi erzählt von dieser Konstellation:<br />
dem Fremden (im Film von Romeo und Julia wäre das<br />
Leonardo DiCaprio) und dem Clan zu Hause. Von einem<br />
solchen Dreieck erzählt auch Verdis La forza del destino.<br />
Hier herrscht nicht Bürgerkrieg zwischen städtischen<br />
Parteien, sondern das Problem ist Rassismus und Standesdünkel.<br />
Der Geliebte Leonoras ist ein Inka-Prinz. Einen<br />
Moment kommt es, wie in Bellinis Oper, zu einer<br />
Nähe zwischen dem rächerischen Bruder Leonoras und<br />
dem Geliebten dieser jungen Frau. Die Musik sagt: Sie<br />
könnten gute Freunde sein. Das ändert nichts am tragischen<br />
Ausgang der Handlung. In der früheren Oper Bellinis,<br />
Zaira, aus der, wie gesagt, ein wesentlicher Anteil<br />
der Partitur stammt und die auf Voltaires Tragödie basiert,<br />
geht es um eine verwandte Konstellation. Ein Vater und<br />
ein Bruder vernichten das Glück einer jungen Prinzessin,<br />
die einen Muslim liebt, so wie dieser sie wieder liebt. Hier<br />
ist christlicher Fundamentalismus der Motor des Vernichtungsprinzips.<br />
Bei dem Aufklärer Voltaire heißt es: „Herkunft,<br />
Familie, Blut sind Steine am Hals der Freiheit.“<br />
Die Freiheit der Liebe hat keine Chance, wenn es um<br />
fundamentalistischen Glauben geht. Der Aufklärer Voltaire<br />
macht es sich einfacher als Bellini. Er blickt auf den 4 2<br />
Kampf der Prinzipien, als könne man sich den religiösen 4 2<br />
I Capuleti e i Montecchi<br />
Tragedia lirica in zwei Akten<br />
von Vincenzo Bellini<br />
Premiere am Sonntag, 27. März 2011,<br />
Nationaltheater<br />
Weitere Termine im Spielplan ab S. 90<br />
Mehr über den Autor auf S. 8 (Contributors)
4 3<br />
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1 9<br />
1 9
SAINT FRANÇOIS D’ASSISE<br />
DIE<br />
LEISE SUBVERSION<br />
Pilgern ist die Chance,<br />
sich selbst in großer<br />
Ursprünglichkeit zu erleben<br />
und Antworten auf die<br />
Zumutungen unserer Zeit<br />
zu finden.<br />
Text Judith Specht<br />
Bilder Suuri Maruyama<br />
Hape Kerkeling dürfte der derzeit bekannteste Pilger sein.<br />
Durch seinen Entschluss, „mal weg“ zu sein, zeigte er eine<br />
Möglichkeit auf, in der modernen Gesellschaft nach einem<br />
eigenen Weg zu suchen. Über drei Millionen Leser sind ihm<br />
allein bis 2008 als „Lesesesselpilger“ gefolgt, und für viele<br />
davon war das Buch der letzte Anstoß, auch selbst „mal<br />
weg“ zu sein.<br />
Pilgern und darüber schreiben – damit ist Kerkeling freilich<br />
nicht allein. Vielmehr steht er in einer langen Tradition<br />
von Literaten und Künstlern, die Inspiration wie<br />
Inhalt zu ihren Werken im Gehen entdeckten. Zudem findet<br />
sich Kerkeling in Begleitung vieler, die sich durch<br />
eine zeitlich begrenzte Abkehr vom Alltag Impulse für<br />
Veränderung erhoffen. Sei es die Londoner Investmentbankerin,<br />
die nach dem Bankencrash kündigt und Neuorientierung<br />
auf dem Jakobsweg sucht. Oder der Bremer<br />
Privatier, der auf einer einwöchigen Alpenwanderung<br />
Kraft, das Gefühl der Freiheit und Inspiration findet.<br />
Doch was fasziniert immer mehr Menschen an dieser<br />
scheinbar verstaubten Art der Fortbewegung? Ist es ein<br />
4 4<br />
4 4<br />
typisches Phänomen einer spätmodernen Gesellschaft, in<br />
der Entwicklungen der Moderne wie Beschleunigung oder<br />
Individualisierung nicht mehr als Fortschritt, sondern als<br />
Überforderung erlebt werden?<br />
Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen:<br />
Durch Langsamkeit, Unwägbarkeit und – oft ungewohnte<br />
– körperliche Anstrengung wird das Machbare in Frage<br />
gestellt und damit ein tiefgehendes Freiheitsgefühl erlaufen.<br />
Natürlich ist es möglich, in sechs Stunden mit dem<br />
ICE Deutschland zu durchqueren, gleichzeitig zu telefonieren,<br />
zu arbeiten und zu essen. Aber ist es nicht vielleicht<br />
erfüllender, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren<br />
und in diesen sechs Stunden eine Tagesetappe auf<br />
einem Pilgerweg zu laufen? Stunden, in denen man die<br />
Wärme der Sonne oder Nässe des Regens spürt. Und die<br />
Fähigkeit des eigenen Körpers zur ursprünglichsten Art<br />
der Fortbewegung erlebt.<br />
Pilger- und Fernwanderungen lassen sich als Passageritual<br />
beschreiben. Sie unterscheiden sich von reinen Urlaubswanderungen,<br />
bei denen – je nach Geschmack – Leistungsbeto-
P I L G E R N<br />
P–R–E–M–I–E–R–E<br />
Saint François d’Assise
nung oder Naturgenuss im Vordergrund stehen, der Alltag<br />
aber nur kurzfristig ausgeblendet wird. Denn Wanderungen<br />
als Passageritual werden mit der Intention durchgeführt,<br />
über die Erfahrung des Unterwegsseins hinaus eine<br />
Antwort auf die Zumutungen der Spätmoderne zu finden.<br />
Oft geben biographische Wendepunkte den Anstoß – zum<br />
Beispiel die Verrentung oder eine überwundene schwere<br />
Krankheit. Wandern dient hier als Mittel zum Zweck und<br />
eröffnet sozusagen Schritt für Schritt die Chance zur (Re-)<br />
Konstruktion der eigenen Biographie.<br />
Der Jakobswegforscher Klaus Herbers bezeichnet Pilgern<br />
(auch) als subversiv. Die quasi-natürliche Bewegungsform<br />
bremst die Geschwindigkeit aus, die die Moderne beherrscht.<br />
Fortbewegung wird auf ein menschlich-langsames<br />
Maß zurückschraubt. Befragt man Menschen, die sich selbst<br />
auf den Weg gemacht haben, werden weitere Aspekte des<br />
Subversiven sichtbar. Sie verbindet eine – mal mehr, mal<br />
weniger bewusste – Negation oder Neuinterpretation von<br />
Errungenschaften der Moderne. So wie bei einem südfranzösischen<br />
Arzt, der nach einer Herzoperation auf den Jakobsweg<br />
ging. Sein zentrales Erleben unterwegs fasst er in<br />
die Worte: „Le plus important … c’est lorsque je suis bien<br />
dans mon corps“ („Das wichtigste ist, dass ich mich in meinem<br />
Körper wohl fühle“). Im weiteren Gespräch wird ersichtlich,<br />
dass sein Wohlbefinden nicht (nur) im Körper,<br />
sondern „im eigenen Leib“ begründet ist. Die Leiblichkeit<br />
verschwand als Wort wie als Körperbild im Zuge der cartesianischen<br />
Spaltung in Natur und Geist. Es folgte die duale<br />
Auffassung der Welt und das nun vorherrschende mechanisch-funktionale<br />
Körperbild der Naturwissenschaften.<br />
Beim Pilgern jedoch erlebt sich der französische Arzt<br />
unver hofft in seiner leibhaftig-ganzheitlichen Existenz –<br />
und ist glücklich.<br />
Religion und Moderne gelten als nur schwerlich vereinbar.<br />
Religion und Pilgern hingegen gehen Hand in Hand. Und<br />
dennoch ist die zu beobachtende Pilgerreligiosität nicht<br />
das, was die Großkirchen schätzen. Eines ihrer Kennzeichen,<br />
so die Religionssoziologin Danièle Hervieu-Léger, ist<br />
die zeitliche Begrenzung der Glaubenspraxis – zum Beispiel<br />
auf eine Pilgerwanderung. Eine Lehrerin drückt ihren<br />
religiös-spirituellen Impuls so aus: Sie gehe den Compostela-Weg<br />
nicht, um in jeder Kirche und an jedem Kreuz<br />
auf die Knie zu fallen und zu beten, sondern um näher an<br />
sich heranzukommen. Das sei in unserer Zeit nötig. Man<br />
müsse eigentlich die Kirche selber in sich tragen. Gängige<br />
religiöse Praktiken wie Kirchgang und Kniefall lehnt die<br />
Lehrerin für sich ab. Aber sie hat eine weitergehende Forderung<br />
an Religiosität: Sie möchte den als äußerlich erlebten<br />
Kirchgang durch intensives inneres Erleben ersetzen. Mit<br />
ihrem Bild, „die Kirche in sich tragen“, macht sie eine Aussage,<br />
die an die Frömmigkeit des Franziskus von Assisi erinnert:<br />
sich als Fremdling in dieser Welt fühlen, den Leib als<br />
die Zelle zum Beten stets mit sich tragen. Damit wird unwesentlich,<br />
ob sie sich in einer Kirche oder inmitten der Natur<br />
befindet. Denn das, was sie braucht, das hat sie dabei. Und<br />
SAINT FRANÇOIS D’ASSISE<br />
4 6<br />
4 6<br />
nebenbei eine Form entwickelt, wie die oft zitierte Säkularisierung<br />
auch als religiöse Individualisierung gelesen werden<br />
kann.<br />
Die Ursprünge des Jakobswegs lassen sich bis ins 9. Jahrhundert<br />
zurückverfolgen. Seitdem unterliegt dieser Weg<br />
den Wechselspielen der Geschichte – seien sie religiöser,<br />
machtpolitischer oder wirtschaftlicher Natur. Kein Zweifel<br />
jedoch besteht darin, dass dieser Weg durch den Raum geprägt<br />
wurde, der ihn umgibt – und dass er diesen Raum<br />
über all die Jahrhunderte beeinflusst hat. Zeit und Raum,<br />
die großen Determinanten der Moderne, sind also auch<br />
hier präsent. Waren sie in frühen philosophischen Reflexionen<br />
untrennbar, so ist die Geburtsstunde der Moderne in<br />
Worten des Zeitforschers Hartmut Rosa die „Emanzipation<br />
der Zeit vom Raum“. Beim Pilgern, so scheint es, finden<br />
Raum und Zeit wieder zusammen, ist Wandern doch nichts<br />
anderes als die Durchquerung des Raums im Tempo des<br />
eigenen Schritts.<br />
Doch es geht noch weiter: Die spürbare Historizität des<br />
Weges führt zu einem Aufbrechen der linearen Zeitstruktur,<br />
indem nun Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als<br />
Eins erlebt werden. Oder wie eine kanadische Hebamme es<br />
ausdrückt: „Moi, j’étais très attachée à avoir l’impression de<br />
marcher dans les pas des autres pèlerins“. Sie findet Stärke<br />
in dem Wissen, dass sie in den Fußstapfen mittelalterlicher<br />
Pilger läuft und dass auch ihr Weg Spuren für die Zukunft<br />
hinterlassen wird. Durch dieses Erleben unterwegs werden<br />
nicht nur Raum und Zeit zusammengeführt. Es bietet auch<br />
die Chance der Integration in eine größere Gemeinschaft<br />
von Menschen – ein Bedürfnis, das vielleicht unmodern,<br />
aber eben doch sehr menschlich ist.<br />
Tage oder Wochen unterwegs zu Fuß gehen äußerlich mit<br />
einer radikalen Vereinfachung einher. Luxus gibt es weder<br />
in materieller, noch in hygienischer oder kulinarischer Hinsicht.<br />
Und dennoch, oder gerade deshalb: In dieser zeitlich<br />
begrenzten Abkehr vom Alltag liegt die Chance, Zugang zu<br />
originär Eigenem zu finden. Viele Menschen haben diese<br />
Möglichkeit entdeckt, die ihnen die kleine, private Subversion<br />
zu Fuß bietet. Also passen Sie auf, wenn Sie wieder<br />
einmal einem Menschen mit Rucksack begegnen: Er könnte<br />
ein Rebell sein!<br />
Judith Specht hat das Buch Fernwandern<br />
und Pilgern in Europa –<br />
Über die Renaissance der<br />
Reise zu Fuß 2009 im Profil Verlag<br />
veröffentlicht.<br />
Saint François d’Assise<br />
Oper in drei Akten von<br />
Olivier Messiaen<br />
Premiere am Freitag, 1. Juli 2011,<br />
Nationaltheater
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Pilgern ist ein Passageritual. Es verbindet<br />
eine zeitweilige Verneinung von<br />
Errungenschaften der Moderne und eine<br />
zeitliche Begrenzung der Glaubenspraxis.
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S I D I L A R B I C H E R K A O U I<br />
DIE REVOLUTION DER<br />
KLEINEN SCHRITTE<br />
Tanzen, weil Worte nichts bewegen. Die Choreographien des Belgiers Sidi<br />
Larbi Cherkaoui sprengen Normen und<br />
fügen die unterschiedlichsten Kulturen zusammen, um daraus neue, zutiefst<br />
menschliche Bühnenereignisse entstehen<br />
zu lassen. Im Rahmen der BallettFestwoche 2011 wird der<br />
Senkrechtstarter mit seiner Kompanie Eastman und Babel (Worte) zum ersten<br />
Mal in München auftreten.<br />
Text Klaus Kieser<br />
Fotografie Koen Broos<br />
BALLETTFESTWOCHE 2011<br />
5 8<br />
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5 9<br />
5 9
Kaum einer unter den jüngeren Choreographen hat in den<br />
vergangenen zehn Jahren solche Erfolge verbuchen können<br />
wie Sidi Larbi Cherkaoui. Der Belgier mit marokkanischen<br />
Wurzeln ist zum Global Player der Tanzszene geworden;<br />
seine Stücke kommen weltweit zur Aufführung, er arbeitet<br />
mit Tanzkünstlern unterschiedlichster Kulturen zusammen,<br />
heimst Preise ein, hat Superstar-Status. Muss so einer<br />
rebellieren? Wenn ja, gegen was? Reicht es schon, als<br />
Selbstbeschreibung „Ich bin Sidi Larbi Cherkaoui, ich bin<br />
Choreograph, ich bin ein Homosexueller<br />
[…], ich habe ein Tattoo” in medialen Umlauf<br />
zu bringen, um als Rebell zu gelten?<br />
Da fallen einem markantere Rebellen ein.<br />
Der 35-Jährige gibt sich betont jugendlich.<br />
Zum Gespräch in einem vornehmen Berliner<br />
Hotel erscheint er in Baggy Jeans. Er<br />
wirkt konzentriert und will gleich von seinem<br />
Gesprächspartner wissen, wann dieser das erste Mal<br />
mit zeitgenössischem Tanz in Berührung gekommen sei.<br />
Wie kaum ein anderer Choreograph seiner Generation kann<br />
er erzählen; er ist eloquent, und er weiß es. „Reden ist Singen.<br />
Singen ist Tanzen”, sagt er. Dann gilt logischerweise<br />
auch: Reden ist Tanzen. Ein Tanz der Worte. In seinem<br />
Gruppenstück Babel (Worte) tanzen buchstäblich auch die<br />
Worte – das Stück thematisiert den Wettbewerb der Sprachen<br />
und welches Unheil die verschiedenen Sprachen anrichten:<br />
Wir verstehen den anderen nicht mehr, finden keinen<br />
Zugang zu seinem Denken. Wie viel einfacher wäre es<br />
da, sich nur mit Gesten, Berührungen zu verständigen? Klar,<br />
dass in Babel (Worte) nicht nur virtuos getanzt,<br />
sondern ebenso virtuos und zugleich<br />
unterhaltsam Sprache eingesetzt wird.<br />
Cherkaoui mag es nicht, wenn in der Kunst<br />
Grenzen aufgezogen werden. Theater, Musik,<br />
Tanz: Für ihn gehört alles zusammen.<br />
Er weigert sich, in diesen Kategorien zu<br />
denken, weil das bedeuten würde, das auszuschließen,<br />
was nicht in die Schubladen<br />
passt. Diese Haltung ermöglicht es ihm,<br />
furchtlos die unterschiedlichsten Einflüsse<br />
aufzusaugen, sie sich anzueignen, zu amalgamieren. Und sie<br />
so zu transformieren, dass es wie eine intensive Beschäftigung<br />
mit indischem Tanz, mit Flamenco, mit Kung-Fu erscheint.<br />
Er tanzt im Duett mit der Kuchipudi-Legende<br />
Shantala Shivalingappa, stampft mit Flamenco-Star María<br />
Pagés um die Wette. Versucht, sich in punkto Körperbeherrschung<br />
mit den weltberühmten Shaolin-Mönchen zu<br />
messen. Cherkaouis umjubeltes Stück Sutra hat seine Reise<br />
in den Fernen Osten zum Thema, zeigt ihn, den so anders<br />
ausgebildeten Europäer, zunächst fast unbeholfen neben<br />
den umherwirbelnden Mönchen: Er kommt eben aus<br />
einer anderen Tradition, die sich auf die Schnelle nicht<br />
überbrücken lässt, und erst als er es aufgegeben hat, die<br />
Präzision und die Energie der Mönche nachzuahmen, gewinnt<br />
er: kann er sich in ihre Phalanx einfügen.<br />
SIDI LARBI CHERKAOUI<br />
„Wäre Tanz in<br />
meinemnormalenLeben<br />
präsent<br />
gewesen, wäre ich vielleicht<br />
Mathematiker<br />
geworden.“<br />
6 0<br />
6 0<br />
Vielleicht ist das Cherkaouis größtes Talent: permanent zu<br />
lernen und ohne Scheuklappen Experimente zu wagen –<br />
von klein auf wohl auch eine Strategie, um sich als Sohn<br />
einer flämischen Mutter und eines marokkanischen Vaters<br />
zu behaupten und selbst zu finden. Beobachtet man ihn,<br />
wie er etwa filigrane Armbewegungen des indischen Tanzes<br />
von Shantala Shivalingappa abschaut, nachahmt, korrigiert,<br />
bis die Meisterin zufrieden ist, verblüfft seine Fähigkeit<br />
zur sekundenschnellen Adaption, wobei das Resultat<br />
nie nur bloße Kopie, sondern etwas ganz<br />
Eigenes, Cherkaoui-Typisches ist. Er sei<br />
eben dauernd dabei, „alles zu analysieren“,<br />
meint er fast entschuldigend. Spricht<br />
so ein Rebell?<br />
Cherkaoui kam spät zum Tanz. Er absolvierte<br />
in seiner Heimatstadt Antwerpen<br />
die Schule mit guten Noten, war ausgezeichnet<br />
in Sport. Dann begann er mit dem Studium, Französisch<br />
und Englisch, brach es aber nach einem Jahr ab,<br />
um sich ganz dem Tanz zu widmen. Da war er 19. Der Entschluss<br />
kam nicht von ungefähr; bereits mit 16, 17 hatte er,<br />
der sich für Kung-Fu-Filme mit Bruce Lee und Musikvideos<br />
begeisterte, eine Leerstelle in seinem Leben entdeckt:<br />
die Bewegung. Es sei wie ein Drang gewesen, erklärt Cherkaoui,<br />
„alles, was mit Bewegung und mit Ritual zu tun hatte“,<br />
kennenzulernen. Eine „selbstbezogene Suche”, ohne<br />
zu wissen, was ihn erwarten würde. Es war die Erkundung<br />
dessen, was gefehlt und wonach er instinktiv verlangt<br />
hatte: „Wäre Tanz in meinem normalen Leben präsent<br />
gewesen“, sagt er, „wäre ich vielleicht<br />
Mathematiker geworden.”<br />
Es geht dann alles ganz schnell: Er wird für<br />
das belgische Fernsehen als Background-<br />
Tänzer entdeckt, tritt als Michael-Jackson-<br />
Imitator auf, studiert bei der Präzisions-<br />
Fanatikerin Anne Teresa De Keersmaeker<br />
an deren Schule P.A.R.T.S in Brüssel, wird<br />
Mitglied des von Alain Platel gegründeten,<br />
in Gent ansässigen Ballets C de la B, probiert<br />
es mit dem Choreographieren. Sein<br />
zweites Stück Rien de rien, im Jahr 2000 in Zusammenarbeit<br />
mit Damien Jalet entstanden, macht ihn über Nacht<br />
bekannt. 2002 erhält er für diese Arbeit beim Monaco Dance<br />
Forum einen „Prix Nijinsky”.<br />
Von da an jagt eine Kreation die nächste; zu den wichtigsten<br />
gehören: Foi (2003), Tempus Fugit (2004), Loin mit dem Ballett<br />
des Genfer Grand Théâtre und zero degrees mit Akram<br />
Khan, beide 2005, dann 2006 Mea culpa mit den Ballets de<br />
Monte-Carlo, Myth und Apocrifu, beide 2007, Sutra (2008),<br />
Orbo Novo mit dem Cedar Lake Contemporary Ballet 2009<br />
und zuletzt Babel (Worte), das er 2010, wieder in Kooperation<br />
mit Damien Jalet, auf die Bühne bringt. Es sind kürzere<br />
Choreographien und abendfüllende Werke, Duette oder<br />
Gruppenstücke. Choreographien für klassische Kompanien,
BALLETTFESTWOCHE 2011<br />
für moderne Ensembles, darunter das schwedische Cullberg<br />
Ballett oder für eigens zusammengestellte Tanz-Kollektive<br />
– 2010 gründet er in seiner Geburtsstadt Antwerpen die<br />
Gruppe Eastman –, Choreographien für sich selbst und<br />
seine Künstlerkollegen. Cherkaouis künstlerischer Horizont<br />
scheint keine Grenzen zu kennen.<br />
perlichkeit durchsetzt ist, wie sie belgische Choreographen<br />
wie Wim Vandekeybus und Jan Fabre pflegen. Dennoch<br />
sieht sich Cherkaoui nicht als ein „belgischer” Choreograph<br />
und damit als Teil jener Welle, die seit den achtziger Jahren<br />
für Furore gesorgt hat. Eine Definition über Kategorien des<br />
Nationalen lehnt er ab.<br />
Wenn es etwas gibt, was diese so verschiedenen Werke verbindet,<br />
dann ist es ein unglaubliches Verständnis von Theatralität.<br />
Cherkaoui hat diesen untrüglichen<br />
Sinn für Spektakel, vermischt ohne<br />
jede ideologische Verengung das, was ihn<br />
gerade interessiert. Da gibt es keine „reine<br />
Lehre”, keinen Konzeptualismus, dem<br />
viele andere jüngere Choreographen huldigen.<br />
Cherkaoui braucht keine Theorie;<br />
es geht ihm nur um eins: um gute oder<br />
schlechte Kunst. Dass er kein „Feindbild<br />
im Tanz“ hat, machte man ihm gerade aus der zeitgenössischen<br />
Szene, der er ja entstammt, zum Vorwurf, als er mit<br />
den „Klassikern“, den Ballets de Monte-Carlo zusammenarbeitete:<br />
Wie er nur mit diesen steifen Tänzern arbeiten könne?<br />
Seine Antwort: „Es sind immer noch Menschen, es sind<br />
nette Menschen, die schätzen, was ich mache. Ihr schaut auf<br />
sie herab, doch sie schauen nicht auf euch herab.”<br />
Lagerdenken ist ihm fremd. Auch Geschichte und Gegenwart<br />
sind für ihn keine getrennten Welten – Cherkaoui sieht<br />
sie als stark aufeinander bezogen an, auch da ist er Nonkonformist.<br />
„Mich interessieren Kettenreaktionen: Wie ist etwas<br />
entstanden, woher komme ich, wohin gehe ich.” Das<br />
Bewusstsein für historische Zusammenhänge unterscheidet<br />
ihn von vielen jungen Tänzern und Choreographen, die mit<br />
Tanzgeschichte nichts zu tun haben wollen. „Die einzige<br />
Weise, vorwärts zu gehen, ist, die Geschichte zu kennen.”<br />
Seine eigene Geschichte sieht er jedenfalls in deutlichem<br />
Zusammenhang mit der Popkultur, bezeichnet sich als deren<br />
Kind. Es ist die Fähigkeit zur permanenten Aneignung,<br />
die Cherkaoui am Pop so fasziniert. Früher sei die Musikerin<br />
Kate Bush ein Idol für ihn gewesen, sagt der Tänzer. Er<br />
wollte nicht singen wie sie, sondern bewunderte ihren Mut<br />
und ihre Fähigkeit, unterschiedliche musikalische Einflüsse<br />
aufzugreifen und so zu verarbeiten, dass sie wie etwas Eigenes<br />
klingen.<br />
Später hatte Pina Bausch einen großen Einfluss auf ihn – ihr<br />
Werk entdeckte er Mitte der neunziger Jahre. Sobald er von<br />
Pina Bausch spricht, erwähnt Cherkaoui, dass sie ja bei<br />
Kurt Jooss, dem Ausdruckstänzer und Mitbegründer der<br />
Essener Folkwangschule, gelernt habe … Da blitzt es wieder<br />
auf, sein Denken in historischen Zusammenhängen, seine<br />
Suche nach Verbindungen. Pina Bausch scheint bis heute<br />
auf ihn zu wirken: Die collagenhafte Form, der Einsatz von<br />
Sprache findet sich in diversen Stücken Cherkaouis. In Babel<br />
(Worte) etwa sind diese Elemente in ein zirzensisches<br />
Spektakel integriert, das zugleich von jener kraftvollen Kör-<br />
6 1<br />
6 1<br />
Vandekeybus, Fabre, Michael Laub, Anne Teresa De Keersmaeker<br />
oder Pina Bausch – Cherkaoui sieht diese großen<br />
Namen nicht als Rebellen, sondern als<br />
Normbrecher. Ein Normbrecher ist auch<br />
er. Doch ist er keiner, der mit Getöse seine<br />
Meinung vertritt und andere von seiner<br />
Haltung überzeugen will. Wenn, dann<br />
ist er ein sanfter Rebell. Cherkaoui geht<br />
es zuallererst um Inhalte. „Auf die Haltung<br />
kommt es an. Die Choreographen<br />
sind nicht so wichtig. Viel wichtiger ist es,<br />
das auszudrücken, was der Fluss der Dinge ist.“ Zum „Fluss<br />
der Dinge“ gehören für ihn Lernen und Neugier: auf Menschen,<br />
auf neue Tanzformen, auf Begegnungen. Nicht vorschnell<br />
urteilen, nichts von vornherein ablehnen. Jeden Moment<br />
im Leben bewusst wahrnehmen. Und warten können<br />
– auf den richtigen Augenblick. „Geduld gehört zu den Wörtern,<br />
die mir am besten gefallen”, sagt Cherkaoui. Die Geduld,<br />
ruhig und entschlossen zu arbeiten, überall nach Inspiration<br />
Ausschau zu halten, sich immer wieder neu zu<br />
erfinden. Der zeitgenössische Choreograph als Chamäleon?<br />
Bewirkt man so Veränderung? „Man kann eine Revolution<br />
nicht so einfach starten, man muss manchmal ganz kleine<br />
Schritte machen, ja, man muss Geduld haben, um etwas zu<br />
ändern.“<br />
Cherkaouis offener Umgang mit allen Formen des Tanzes,<br />
sein Prinzip der Verbindung von Heterogenem erschließen<br />
dem Tanz eine Würde, die zutiefst menschlich und menschenverbindend<br />
ist – wie am Schluss von Babel (Worte),<br />
wenn alle Tänzer mit Blick zum Publikum eine Reihe bilden<br />
und nicht mehr sprechen, sondern mit weich fließenden<br />
Bewegungen miteinander kommunizieren.<br />
Klaus Kieser ist Tanzpublizist, Verleger<br />
und leitender Redakteur der Fachzeitschrift<br />
tanz.<br />
Im Sommer 2010 erschien die<br />
Film-Dokumentation Sidi Larbi<br />
Cherkaoui – Rêves de Babel von Don<br />
Kent und Christian Dumais-Lvowski.<br />
DVD. 59 Minuten.<br />
Babel (Worte) von<br />
Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet<br />
BallettFestwoche 2011<br />
Samstag, 30. April 2011,<br />
Nationaltheater
6.AKADEMIEKONZERT<br />
MONUMENTE<br />
IN<br />
GROSSER FERNE<br />
TEXT MATTHIAS R. ENTRESS<br />
ILLUSTRATION DAISUKE ICHIBA<br />
Aus der Stille des andächtigen Verharrens, das der Musik<br />
vorangeht, schält sich ein Ton, leise wie ein Hauch aber<br />
schneidend wie ein Rasiermesser. Das Ohr kann ihn nicht<br />
verorten. Kein Instrument des Symphonieorchesters kann<br />
etwas Ähnliches hervorbringen. Aus dem einen Ton werden<br />
mehrere und bilden den Negativabdruck einer Melodie. Aus<br />
dem Miteinander dieser dünnen Töne ergeben sich lebhaft<br />
wechselnde Schwebungen, und dieser physikalische Effekt<br />
scheint die eigentliche Substanz der Musik dieses Instruments<br />
zu sein – der japanischen Mundorgel Shō.<br />
Bei dem 6. Akademiekonzert mit dem Dirigenten Yutaka<br />
Sado am 9. und 10. Mai im Nationaltheater wird sie das<br />
Soloinstrument in zwei Werken zeitgenössischer japanischer<br />
Komponisten sein, die beide maßgeblich an der<br />
Emanzipierung der japanischen Tradition im westlich dominierten<br />
Musikleben Japans beteiligt waren: Tōru Takemitsu<br />
(1930–1996) und Toshio Hosokawa (geb. 1955).<br />
Welch ein Wagnis es künstlerisch und kulturell ist, die Klänge<br />
und die sonderbare Funktionsweise der Shō mit westlichen<br />
Ensembles, in diesem Fall mit dem Orchester und<br />
dem Streichquartett, zusammenzubringen, muss man sich<br />
als westlicher Hörer vergegenwärtigen. In Europa gibt es<br />
zwischen der Tradition und Gegenwart der Kunstmusik<br />
keine wirklichen Brüche. Zwar führt von Perotinus Magnus,<br />
Mitbegründer der Polyphonie, im 12. Jahrhundert zu<br />
Helmut Lachenmann kein direkter, aber ein kontinuierlicher<br />
Weg steter Entwicklung und kleiner Revolutionen.<br />
Unter der Leitung von Yutaka<br />
Sado bringt das<br />
<strong>Bayerische</strong> Staatsorchester<br />
drei Werke neuer<br />
japanischer Musik zur<br />
Aufführung. Eine feinsinnige<br />
interkulturelle<br />
Begegnung und zugleich eine<br />
Tür zu unbekannten,<br />
aufregenden Klangwelten.<br />
In Japan, wie auch in vielen anderen (nicht allen) asiatischen<br />
Ländern, evoziert das Wort „Tradition“ zwiespältige Gefühle,<br />
denn es steht für eine untergegangene, veraltete Welt.<br />
Die traditionelle Musik Japans, insbesondere die der Aristokratie<br />
und des höfischen Zeremoniells, hat mit den Klangidealen,<br />
Formverläufen oder auch der sozialen Funktion der<br />
höchst beliebten westlichen Klassik praktisch nichts gemein.<br />
Dabei repräsentiert sie in hörend nachvollziehbarer<br />
Weise ebenso wie die westliche Klassik Grundprinzipien ihrer<br />
Kultur. In der japanischen Gagaku-Musik, der „eleganten<br />
Musik“ des Hofes und der Aristokratie, erfährt man die<br />
stoische Haltung des Zen-Buddhismus und die naturhafte<br />
Hierarchie des ehemals staatstragenden Konfuzianismus,<br />
während die Musik Europas für Individualität und Humanismus<br />
steht. Erst die Neue Musik mit ihrem erweiterten<br />
Interesse an philosophischen und formalen Konzepten kam<br />
ab Mitte des 20. Jahrhunderts so nah an die traditionellen<br />
Musikformen des Ostens, dass ein neuer (über Puccinis Madama<br />
Butterfly hinausgehender) Funkenschlag von Kreativität<br />
zünden konnte.<br />
Der Komponist, der dies in Japan als erster begriff und umsetzte,<br />
war Tōru Takemitsu. Dieser fühlte sich zunächst in der<br />
westlichen Moderne zuhause, vor allem bei Debussy und der<br />
Musik des Schönberg-Kreises. Mit Werken aus dieser Zeit<br />
gewann er unter anderem auch den Beifall Strawinskys, dem<br />
er 1958 begegnete. Aber für den Reichtum des eigenen Erbes
entflammte ihn erst der für sein Interesse an asiatischen Denkweisen<br />
berühmte amerikanische Avantgardist John Cage.<br />
In zahlreichen Werken konfrontierte Takemitsu seitdem die<br />
traditionellen japanischen Instrumente mit den westlichen,<br />
schrieb sogar Werke für Gagaku-Orchester ( In an Autumn<br />
Garden, 1973), aber selbst in rein westlicher Besetzung wurde<br />
die Zerbrechlichkeit des Klangs zu seinem Markenzeichen.<br />
In Takemitsus Ceremonial von 1992, einem Spätwerk, überschneiden<br />
sich die beiden Sphären nicht, sondern wechseln<br />
sich ab. Hatte er, der sich jahrzehntelang dafür eingesetzt<br />
hat, eine Synthese der musikalischen Kulturen zu erschaffen,<br />
aufgegeben und nun auf friedliche Koexistenz gesetzt?<br />
Keineswegs, denn dieses einfach strukturierte Werk ist ein<br />
Dokument der Befruchtung. Wie ein Stern, heiß und<br />
punktförmig, erstrahlt der schneidende Klang der Shō mit<br />
einer Folge auseinander hervorwachsender Klänge, einer<br />
kleinen Klangfarbenmelodie außerhalb der Zeit; darauf<br />
folgt, wie ein breiter Kometenschweif, eine Orchestervariation,<br />
welche den Klang aufnimmt und ihn dann überraschend<br />
in das irdische Paradies des musikalischen Impressionismus<br />
überführt. Das Stück endet mit dem ersterbenden<br />
Atem der Mundorgel.<br />
Die Shō, dieses merkwürdigste Instrument der japanischen<br />
Musik, im 8. Jahrhundert aus China eingeführt, repräsentiert<br />
den diametralen Gegensatz zum Credo der westlichen<br />
Musik, das da heißt: Expressivität. Es ist ein Instrument<br />
des Atmens, und es ist dem Atem sozusagen egal, ob er Töne<br />
erzeugt oder nicht, denn wenn das Griffloch nicht geschlossen<br />
ist, entweicht die Luft ungenutzt. Die feinen Metallzungen<br />
der 17 Pfeifen, von denen zwei stumm sind und nur die<br />
Flügel des mystischen Vogels Phönix nachbilden, dessen<br />
Schrei dem Klang der Shō gleichen soll, werden von Luftströmen<br />
beider Richtung in Schwingung versetzt, sodass ein<br />
kontinuierlicher Ton entstehen kann. Am bemerkenswertesten<br />
ist, dass die Stimmung pythagoreisch ist, hergeleitet<br />
aus reinen Quinten und ihren Obertonspektren, was zu ihrem<br />
unirdischen Sphärenklang beiträgt. Ohne jede Verbindung<br />
zum griechischen Altertum haben die chinesische und<br />
japanische Musik dieselben Naturregeln musikalischer<br />
Schönheit entdeckt. Es heißt, in der Shō gefriere die Melodie.<br />
Die Shō ist somit im wahrsten Sinn des Wortes ein<br />
Instrument der „musica negativa“, denn ihr Klang ist gemacht<br />
aus Zweifel und Stille.<br />
Ein Konzert, in dem die Shō klassischen westlichen Ensembles<br />
begegnet, wird so zum Aufstand des Weniger gegen das<br />
Mehr. Bemerkenswert, dass mit Mayumi Miyata als Solistin<br />
jene musikhistorische Person beteiligt ist, die zeitgenössischen<br />
Komponisten in Ost und West mit der radikalen<br />
Schönheit der Shō ein neues Verständnis für die Möglichkeiten<br />
von Musik erschlossen hat.<br />
Dieser „Aufstand“ prägt auch die Neue-Musik-Szene in Japan.<br />
Toshio Hosokawa, dessen Landscape V für Shō und<br />
JAPANISCHE MUSIK<br />
6 3<br />
6 3<br />
Streichquartett im 6. Akademiekonzert aufgeführt wird und<br />
der sich in Europa immer wieder für traditionelle Musik<br />
Japans stark macht, sagt: „Ich habe eine sehr tiefe Neigung<br />
zu japanischer Alter Musik, aber viele junge Komponisten<br />
finden überhaupt keinen Zugang dazu. Es gibt in Japan viele<br />
verschiedene Richtungen, einer macht europäische Avantgarde,<br />
ein anderer ist noch sehr konservativ, und wieder ein<br />
anderer macht aus alter japanischer Musik etwas Neues. Es<br />
gibt beim Publikum eine große Sehnsucht nach europäischer<br />
Musik, und man möchte sowohl von der Alten wie von<br />
der Neuen Musik Europas etwas lernen, aber die japanische<br />
Neue Musik wird in Japan selten gehört.” Landscape V ist<br />
eine Klangsynthese großen gegenseitigen Respekts, von äußerster<br />
Leisheit und setzt um, was Hosokawa als typisch für<br />
sein Land erachtet: „Japanische Kunst ist sehr fein. Wir<br />
möchten diese Fertigkeit der Feinheit umsetzen. Japanische<br />
Komponisten schätzen allgemein nicht das Primitive, das<br />
Starke, aber wir lieben diese Feinheit.“<br />
Die interkulturelle Begegnung fordert dem Schumann-Quartett<br />
des <strong>Bayerische</strong>n Staatsorchesters einiges an mikrotonaler<br />
Feinstimmung ab, um das Schattenspiel, den berührungslosen<br />
Tanz der Klänge darzustellen. Und doch verzichtet<br />
Hosokawa nicht auf (westliche) Steigerungen und expressive<br />
Ausbrüche, die allerdings auf verhaltenstem Niveau stattfinden,<br />
sich in geräuschhaften Ereignissen der Streicher ankündigen<br />
und zu einigen dissonanten Mezzopiano-Sforzandi führen,<br />
die sich sogleich zurücknehmen – Monumente in großer<br />
Ferne.<br />
Doch Japan kennt nicht nur Stille, sondern auch Gigantomanie.<br />
Der Dirigent Yutaka Sado ist berühmt für seine Aufführungen<br />
von Beethovens Neunter mit 10.000 Chorsängern,<br />
und das dritte Werk, das Sado ausgewählt hat, repräsentiert<br />
genau dies: Das überschwengliche Bacchanal (1953) von<br />
Toshirō Mayuzumi (1929–1997), das dieser nach der Rückkehr<br />
vom Studium in Paris im Alter von 24 Jahren schrieb,<br />
ist ganz dem Westen und seiner damals, 1953, dem Japaner<br />
noch überwältigend scheinenden Zivilisation gewidmet. Es<br />
steht in der Tradition von Gershwins Ein Amerikaner in Paris<br />
und Edgard Varèses Amériques – nur dass sich unvermittelt<br />
die Rhythmen buddhistischer Gebetstrommeln einmischen.<br />
„Ich möchte“, sagt Sado, „dem deutschen Publikum neue<br />
Türen zu unbekannten, aufregenden Welten aufstoßen. Jedes<br />
der drei Werke steht für eine andere Generation der<br />
japanischen Musikszene, aber gemeinsam ist ihnen eine universelle<br />
Schönheit, die aus ihnen spricht.“ Drei Werke, in<br />
denen das Neue aus der fremden Perspektive geboren wurde,<br />
aktueller denn je im Zeitalter der Globalisierung.<br />
Matthias R. Entreß arbeitet als freier Journalist. Neben Veröffentlichungen<br />
zu zeitgenössischer und außereuropäischer Musik kuratiert er Konzerte<br />
mit traditioneller Musik aus Korea.<br />
6. Akademiekonzert 2010/11<br />
am Montag, 9. Mai und Dienstag, 10. Mai 2011, Nationaltheater<br />
Diese und folgende Seiten: Die japanische Mundorgel Shō, wie Illustrator<br />
Daisuke Ichiba sie sieht.
6 4<br />
6 4
6 5<br />
6 5
PORTFOLIO<br />
DOUBLE, 2002
NÄCHSTE SEITE: WE ARE SUCH ANIMALS, 2005<br />
OLAF BREUNING
6 8<br />
6 8
6 9<br />
6 9
OLAF BREUNING<br />
APES, FAKE MONKEYS,<br />
SPEAKERS, SOUND, VIDEO PROJECTORS, EARTH, BUSHES, 2001
PORTFOLIO<br />
NO SHAPE FOR TRIANGLE, 2010<br />
NÄCHSTE SEITE: FIRE, 2008
7 2<br />
7 2
7 3<br />
7 3
OLAF BREUNING<br />
SMOKE BOMBS, 2008
PORTFOLIO<br />
20 DOLLAR BILLS, 2007<br />
Die Frauen sind mit übergroßen,<br />
künstlichen Brüsten und blonden<br />
Perücken mit rosa Schleifchen<br />
ausstaffiert, der Brustkorb eines<br />
Mannes ist aufgepumpt, die Gesichter<br />
sind Masken ohne Profil:<br />
Vorstellungen von Weiblichkeit,<br />
Männlichkeit, Attraktivität – in<br />
Olaf Breunings Fotoarbeit Double<br />
von 2002 werden sie anhand einer<br />
Gruppe Tennisspieler in ihrer<br />
ganzen Künstlichkeit ausgestellt.<br />
Hinter diesen Klischees gibt es<br />
allerdings nichts Eigentliches zu<br />
entdecken. Olaf Breuning, 1970<br />
im schweizerischen Schaffhausen<br />
geboren, ist ein Kind der Postmoderne.<br />
Sein Diplom in Fotografie<br />
legte er an der Zürcher Hochschule<br />
der Künste ab. Seit zehn Jahren<br />
lebt er als freischaffender Künstler<br />
in New York. Die Kunst, sagt<br />
er, solle „ein Spiegel meines Lebens<br />
sein“. Und, mit Lyotard: „Die<br />
großen Erzählungen, auch die der<br />
Kunstgeschichte, sind endgültig<br />
vorbei, und man wird torpediert<br />
von unendlich vielen kleinen Geschichten<br />
und Informationen.“<br />
Er wählt die unterschiedlichsten<br />
Medien: Installationen, Skulpturen,<br />
Zeichnungen, Filme, Fotografien.<br />
Gegen die Gewissheiten, die<br />
etwa Fotografie zu vermitteln<br />
suchte, rebelliert er mit Mitteln<br />
der Vieldeutigkeit, der Übertreibung<br />
und der Dekonstruktion.<br />
Mit der Verbindung disparater<br />
Teile schafft er neue Bilder, die<br />
ihre eigene Künstlichkeit stets<br />
aufdecken, wie etwa in der Foto-<br />
Collage We are such animals<br />
(2005), in der er Torsi aus Pornomagazinen<br />
einen Tier-Unterkörper<br />
verpasst.<br />
In Smoke Bombs (2008), der Momentaufnahme<br />
einer Performance,<br />
legt er den Produktionsprozess<br />
offen. In der Serie Marilyns<br />
(2010) transferiert Breuning<br />
das Prinzip der seriellen Vervielfältigung,<br />
wie man es von Andy<br />
Warhol kennt, auf lebende Körper.<br />
Unendliche Verweise eröffnen dem<br />
Betrachter so eine Vielzahl möglicher<br />
Interpretationen. Je genauer<br />
er hinsieht, desto schneller wird er<br />
von Kaskaden der Verunsicherung<br />
mitgerissen. Originäre Bedeutung<br />
gibt es in den Werken Breunings<br />
nicht, alles ist Zitat, nichts ist echt.<br />
Die Identität ist eine Maske, hinter<br />
der sich nichts verbirgt.<br />
TEXT: JOHANNA HÄNSCH<br />
GALERIE NICOLA VON SENGER, ZÜRICH
7 6<br />
7 6
G E G E N<br />
den<br />
S T R I C H<br />
Foto: Wilfried Hösl<br />
Er galt als Star der Haute Couture, bis er sein Haus<br />
2009 schließen musste. In MAX JOSEPH erzählt<br />
Christian Lacroix, der die Kostüme für<br />
I Capuleti e i Montecchi entwirft, aus seinem Leben.<br />
Eine Kriegserklärung an das Diktat des Mammon und<br />
eine Liebeserklärung an die Individualität.<br />
Text und Illustration Christian Lacroix
7 8<br />
7 8
Wenn man im 18. Jahrhundert vom „Krieg in Spitzenärmeln“<br />
sprach, war damit auch die ästhetische Seite gemeint<br />
– die Schlacht um Stil und Geschmack. Heute ist die Mode<br />
eine Schlacht der Daten und Zahlen. Eine Auseinandersetzung<br />
unter mächtigen Konzernen, die sich ganz der Börse<br />
verschrieben haben. Die Kreativität stellen sie in den Dienst<br />
der Uniformität und verkehren sie so in ihr Gegenteil.<br />
Die aggressive Monumentalität von Werbebudgets ersetzt<br />
den Wettstreit der Talente. Unter solchen Bedingungen besitzt<br />
ein unbemitteltes Genie kaum noch eine Chance, bekannt<br />
zu werden. Ich kann mich immer noch nicht an den<br />
Gedanken gewöhnen, dass „Mode“ heute bedeuten soll, auszusehen<br />
wie alle anderen. Für mich bedeutet Mode (abgeleitet<br />
von „modus“) die Art und Weise, sich als Individuum<br />
durch Kleidung auszudrücken – wenn möglich auf eine einzigartige<br />
Weise. Mode ist für mich Spiegelbild der Seele und<br />
des Geistes, nicht Abbild der Kreditkarte.<br />
„Das, was die Öffentlichkeit Dir vorwirft – pflege es, das bist<br />
Du selbst!“ Dieser Satz von Jean Cocteau hat mich seit meiner<br />
Zeit als Heranwachsender begleitet. Ich hätte ihn am<br />
liebsten in goldenen Lettern an die Wände meines Zimmers<br />
geschrieben: Man selbst bleiben, gegenüber allem und allen.<br />
Ich habe immer in mir die Furcht vor der Gruppe, der Masse,<br />
der militärischen Ordnung gespürt. Soweit ich mich erinnern<br />
kann, habe ich mich niemals irgendwelchen Anordnungen<br />
unterworfen, deren Sinn ich nicht erkennen konnte. Ich<br />
hätte mich auch nicht einer Sache beugen können, die gegen<br />
meine Natur gewesen wäre.<br />
Als ich heranwuchs, Mitte der 60er Jahre, war es selbstverständlich,<br />
ein Rebell zu sein. Sei es mit Hilfe des Rock 'n'<br />
Roll, Joints oder Schlägereien. Aber auch da hielt ich mich<br />
abseits. Den Satz Cocteaus immer im Kopf, begann ich zu<br />
lesen – und natürlich war meine Lektüre weitaus spannender<br />
als die klassische Literatur, die wir in der Schule durchnahmen.<br />
Durch Cocteau stieß ich auf André Gide, dessen gesammelte<br />
Werke ich gelesen habe, und zwangsläufig auf Oscar Wilde.<br />
Seine Aphorismen und sein Dandytum mögen heute wie<br />
eine Karikatur wirken, so oft gesehen, so banalisiert und<br />
ihrer Substanz beraubt wie sie sind – damals waren sie noch<br />
kaum bekannt und voller Glanz. Und vor allem waren sie<br />
eine kostbare Hilfe für einen Jungen, der wusste (und es<br />
auch wollte), dass er allein gegen die meisten anderen stand.<br />
Es war die große, begeisternde Zeit des „Swinging London“<br />
und der Carnaby Street. Dort kaufte ich mir rosafarbene<br />
und grüne Gewänder aus indischer Seide und Samt, die ich<br />
dann mit einer arroganten Haarsträhne über einem Auge,<br />
halbnacktem Bauch, ochsenblutroten Schuhen und snobistischer<br />
Herablassung trug. Ein Aufzug, für den mich Lehrer<br />
auch mal vor die Tür setzten und mir ein paar Gleichaltrige<br />
Steine hinterherwarfen, weil sie mein „Mod“-Gebaren unerträglich<br />
fanden. Ich sagte mir nur, dass man in dieser selben<br />
CHRISTIAN LACROIX<br />
7 9<br />
7 9<br />
Stadt Arles, in der ich aufgewachsen bin, vor 80 Jahren auch<br />
Steine auf Vincent van Gogh geworfen hatte, weil er anders<br />
war und sich seine Malerei mit nichts vergleichen ließ, was<br />
man kannte.<br />
Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray war von Joris-Karl<br />
Huysmans’ Roman Gegen den Strich inspiriert, also wendete<br />
ich mich auch ihm zu. Der Held des Romans, Monsieur<br />
Des Esseintes, ist die Quintessenz des Dandytums, einer,<br />
der das Seltenste, Geistvollste und Künstlichste sucht, was<br />
er in der Natur finden kann. Und dann, im Umkehrschluss,<br />
das, was das Künstliche an Realität, Authentizität und<br />
Wahrheit zu bieten hat. Was einem wiederum Cocteau und<br />
seine hübsche Trouvaille „Die Kunst ist eine Lüge, die die<br />
Wahrheit sagt“ ins Gedächtnis ruft.<br />
Mit Des Esseintes fühlte ich mich weniger allein. Wenn ich<br />
meine Freunde besuchte, die von ihren Eltern ins Internat<br />
gesteckt worden waren, weil sie unser Anderssein nicht akzeptierten,<br />
lasen wir uns zu zweit oder zu dritt gegenseitig<br />
den Roman in den winterlich verlassenen Parks vor. Die<br />
langen Aufzählungen von Huysmans, all die seltenen Edelsteine<br />
und die unglaublichen Stoffe von halluzinatorischer<br />
Farbenpracht sind mir immer im Gedächtnis geblieben und<br />
haben später meine Arbeit, Zeichnungen und Kollektionen<br />
bereichert.<br />
Die Ereignisse des Pariser Mai '68 hatten Auswirkungen bis<br />
nach Arles. Bei uns gab es zwar keine Barrikaden oder brennenden<br />
Autos, aber Streiks und Lebensmittelknappheit.<br />
Und vor allem Diskussionen am Gymnasium. Wir waren davon<br />
elektrisiert, dass das ganze Land von genau den gleichen<br />
Zuckungen erschüttert wurde wie unsere siedende Adoleszenz,<br />
als ob ganz Frankreich wieder jung geworden wäre.<br />
Einige Monate zuvor war das skandalumwittertste Mädchen<br />
der Stadt meine Freundin geworden. Sie bestärkte mich in<br />
meinen eher ungewöhnlichen Vorlieben für die (figurative)<br />
Malerei der Pompiers und die Symbolisten, fand meine<br />
nackten Füße in Church's und mein Bulldoggen-Aussehen<br />
apart und führte mich in die „Underground“-Gesellschaft<br />
einiger älterer Exzentriker ein. Wir liefen uns die Hacken<br />
ab, um Filme von Godard, Agnès Varda, Chris Marker oder<br />
Polly Maggoo von William Klein zu sehen. Dieser geschlossene,<br />
gegen den Strich und gegen den Mainstream gerichtete<br />
Kosmos, in dem wir Literatur und Kino lebten und<br />
dachten (einige von uns waren Schriftsteller, andere Film-<br />
Assistenten), schien mir unvergleichlich viel reicher, lebendiger<br />
und gegenwartsnaher zu sein als die jeweiligen Modeströmungen.<br />
In der Nacht fuhren wir per Anhalter zum Allerheiligsten<br />
– dem „Churrascaria“, einem legendären Club, umgeben von<br />
Weihern und Sümpfen, im Niemandsland der Camargue.<br />
Jean Lafont, Stierzüchter und Schützling der exzentrischen<br />
Mäzenin Marie-Laure de Noailles, hatte ihn eröffnet, um<br />
dort seine Freunde – die Kennedys, die Pompidous, aber
CHRISTIAN LACROIX<br />
auch Sinti und Roma – zu bewirten. Eine große runde, strohgedeckte<br />
Hütte mit einem Feuer in der Mitte, einem riesigen<br />
Leuchter, den César entworfen hatte, ein Fußboden aus festgestampfter<br />
Erde, Plakate von Alfons Mucha an den Wänden<br />
und Appliken aus Glas von Gallé. Das klingt heute vielleicht<br />
etwas banal, aber damals war es die Quintessenz des<br />
Neuen, und die Musik mischte Hendrix mit Verdi, die Tangos<br />
der 30er Jahre mit den Rolling Stones. Auf dem Parkplatz<br />
gab es ebenso viele Rolls wie Mofas, und manchmal<br />
floss Blut.<br />
Auch hier begegnete ich einer Idee von Dandytum, die mir<br />
half, mich zu finden. Ich spürte eine Geistesverwandtschaft<br />
zu Baudelaire, für den Schönheit immer auch etwas Bizarres<br />
haben musste. Echte Dandys sind keine Karikaturen, die<br />
sich nur um den Knoten ihrer Krawatte oder die Farbe ihrer<br />
Weste kümmern, sondern scharfe Denker, kühn, mutig,<br />
Wegbereiter und Antreiber neuer Ideen, Kämpfer gegen die<br />
etablierte Ordnung, Verteidiger des Andersseins.<br />
Meine Eltern hätten sich gewünscht, dass ich Professor,<br />
Priester oder Arzt werde. Ich habe sie geliebt und deshalb<br />
keinen großen Streit angefangen. Aber ich saß in der<br />
Falle: Ich war auf dem besten Weg, die Museumslaufbahn<br />
einzuschlagen, Konservator zu werden – eine verstaubte<br />
Profession, wie es mir damals schien. Aber ohne den Staub,<br />
den ich liebte. Das war der Moment, in dem mir die Götter<br />
Françoise Rosenstiehl schickten, meine spätere Frau. Ich<br />
lernte sie 1973 in Paris kennen, und sie ermutigte mich, das<br />
abzustreifen, was nicht mehr zu mir passte. Als ich durch<br />
die Konservatorenprüfung fiel, hat sie mich bestärkt, endlich<br />
mein kühnstes Ziel in Angriff zu nehmen.<br />
nicht mit der gut gekleideten, nachsichtig gewordenen alten<br />
Dame zufrieden geben, zu der die Haute Couture – mit<br />
wenigen Ausnahmen – geworden war.<br />
Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass das Leben zu kurz<br />
ist, um es nicht mit aller Kraft und Leidenschaft nach eigenen<br />
Vorstellungen zu gestalten. Was mich betraf, sollte die<br />
Mode zur Extravaganz der großen glamourösen Jahre von<br />
Kino und Theater zurückfinden. Mode sollte wieder eine<br />
Möglichkeit sein, sich selbst darzustellen und neu zu erfinden.<br />
So wurde man auf meine Arbeit aufmerksam, die nicht<br />
viel mit dem zu tun hatte, was man damals kannte. Dabei<br />
hatte ich weder den Anspruch noch den Willen, irgendetwas<br />
zu revolutionieren, weder die Geschichte der Mode noch den<br />
Schnitt. Aber ich hatte ganz einfach Lust, all das neu zusammenzusetzen,<br />
der Mode eine neue, intensivere Ausstrahlung<br />
und vor allem eine persönliche „Allure“ zu geben.<br />
Ich habe Mode entworfen, als wären es Theaterkostüme. Ich<br />
wollte die Welt mit bunteren, unabhängigeren, spielerischen<br />
Geschöpfen bevölkern, deren Eleganz aus Originalität geboren<br />
ist, aus Chuzpe und Courage. Damit gewann ich Anerkennung<br />
und Prestige. Aber auch Unverständnis, wenn<br />
nicht sogar Feindschaft. Und dies in einem Moment, in dem<br />
die Welt sich globalisierte und zu ewiger Trauer anschickte,<br />
indem sie jedes persönliche Profil mit der Dampfwalze des<br />
falschen Luxus und der Logos, der völlig beliebigen „Statussymbole“<br />
und der „People“, die gar keine sind, platt machte.<br />
Ich hätte wachsamer sein können, nein, müssen! Und meine<br />
Antennen einschalten, auf meine Intuition hören, um diese<br />
Gleichmacherei viel früher zu bekämpfen.<br />
Wie eine Löwin hat sie meine Arbeit verteidigt, mich motiviert,<br />
mir höhere Ziele zu stecken, meine Zeichnungen zu<br />
zeigen, keine Konzessionen mehr zu machen.<br />
Ich glaube, ohne sie wäre ich sehr schnell wieder in den Süden<br />
zurückgekehrt und hätte meine Tage als Schwadroneur<br />
gefristet, der die Welt an der Theke einer Bar aus den Angeln<br />
hebt. Sie hat in mein Schicksal eingegriffen, die Karten neu<br />
gemischt und mich seit Ende der 70er Jahre auf die Mode-<br />
Spur gebracht, als alles noch sehr einfach war. Jedenfalls wurde<br />
ich bereits 1981 Künstlerischer Leiter des Hauses Jean<br />
Patou, 1987 konnte ich dann mein eigenes Haus gründen.<br />
Françoise unterstützte mich in meinem Denken und Fühlen.<br />
Jeder billige Kompromiss in ästhetischer und ethischer<br />
Hinsicht war für mich ausgeschlossen, besonders was die<br />
sogenannten „Trends“ in der Mode betrifft. Wir waren unzufrieden<br />
mit dem, was in den Boutiquen Ende der 70er<br />
Jahre angeboten wurde, und haben einen ganz eigenen Stil<br />
entwickelt. Seine Basis bildeten Stoffe mit Geschichte, die<br />
wir auf Flohmärkten oder verstaubten Dachböden fanden.<br />
Etwas zu entwerfen oder zu zeichnen, was nicht existierte,<br />
war eine aufregende Sache für mich. Und als ich wie von<br />
Zauberhand Couturier wurde, konnte ich mich natürlich<br />
8 0<br />
8 0<br />
Aber jetzt, da die Wirtschaftskrise andere Prioritäten setzt,<br />
andere Haltungen und andere Initiativen erfordert, scheint<br />
der Moment zu kommen, in dem man vielleicht wieder in<br />
den „Krieg der Spitzenärmel“ ziehen und, erfüllt von Freude<br />
und Inspiration, rebellieren kann. Mir erscheint das als ein<br />
heilsamer und natürlicher Zustand, den es herbeizuführen<br />
gilt. Nur so gewinnen wir die Definitionsmacht darüber zurück,<br />
wie unsere Zukunft aussehen soll, was wir unter „zeitgemäß“<br />
verstehen und unter „Fortschritt“ – ein Wort, das<br />
man heute kaum mehr in den Mund nimmt, aber das den<br />
Geist der Rebellion immer befeuert hat. Rebellieren, indem<br />
man sich selbst treu bleibt, Kritiken und Vorwürfen trotzt.<br />
Aufhören, die Dinge laufen zu lassen, am Rand zu stehen.<br />
Denn der „Rand“, das schrieb Jean-Luc Godard einmal,<br />
„der Rand ist das, was die Seiten zusammenhält.“<br />
Übersetzung Simone Herrmann<br />
Christian Marie Marc Lacroix wurde<br />
1951 in Arles geboren und galt<br />
in den 80er Jahren als große Hoffnung<br />
der Pariser Couture. Nach<br />
Jahren als Designer bei Jean Patou<br />
gründete er 1987 sein eigenes Haus,<br />
das bis 2009 bestand.
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8 1<br />
8 1<br />
1 9<br />
1 9
UNITEL CLASSICA<br />
Photo © Wilfried Hösl<br />
Antonín Dvořák: Rusalka<br />
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1 9<br />
1 9
MAX JOSEPH № 3— 2010/2011<br />
genda<br />
KULTURTIPPS AUS DER OPER<br />
BRIEFE AN DEN INTENDANTEN: FIDELIO<br />
SPIELPLAN<br />
PORTRÄT PLAKATKÜNSTLERIN MEIKE 8 3 ZOPF<br />
VORSCHAU<br />
8 3<br />
86<br />
89<br />
90<br />
95<br />
96
AGENDA<br />
K – U – L – T – U – R<br />
Was die Mitarbeiter der Oper machen, wenn sie nicht<br />
bei der Oper mitarbeiten.<br />
BILDBAND MICHAEL JACKSON<br />
Von Simone Theilacker, Assistentin des<br />
Geschäftsführenden Direktors<br />
Die Pop-Ikone Michael Jackson gehört zu einem Menschenschlag,<br />
der sich vom Mainstream abzusetzen vermag und<br />
rebellischen Charakter besitzt. Wer sich, wie ich, nicht zu<br />
seinem engsten Fankreis gehörig fühlt, wird mit Erstaunen<br />
die Schönheit der exzentrischen und bisweilen skurrilen<br />
Fotografien in einem vor kurzem erschienenen Bildband<br />
bewundern.<br />
keit, doch geht von ihm eine immense Kraft und Zärtlichkeit<br />
aus. Arno Bani verewigt Michael Jackson auf märchenhafte<br />
Art und Weise in seinen ausdrucksstarken Bildern – für<br />
Fotografie-Liebhaber eine absolute Kaufempfehlung.<br />
Michael Jackson von Arno Bani, Knesebeck Verlag, 208 Seiten mit<br />
100 farbigen Abbildungen, 45 Euro.<br />
AUSSTELLUNG „WENN DER VORHANG FÄLLT“<br />
Von Karl-Heinz Krämer, Technischer Direktor<br />
Das Shooting mit dem jungen französischen Fotografen<br />
Arno Bani (Jahrgang 1976) fand 1999 unter strengster Geheimhaltung<br />
in Paris statt. Jackson trägt Kleidung renommierter<br />
Modedesigner wie Yves Saint Laurent, die speziell<br />
angefertigt wurde. Zudem enthält der Bildband einen Text<br />
der Modehistorikerin Jeromine Savignon, der sich vor allem<br />
mit den Umständen dieses einzigartigen Fotoshootings beschäftigt.<br />
Savignon gibt so auch einen Einblick in die Psyche<br />
des „King of Pop“ – ein Mann der Extreme, gratwandernd<br />
zwischen Genie, Wahnsinn und kindlicher Naivität. Sie schildert<br />
auch die enge künstlerische Beziehung der beiden:<br />
„Sie schreiben ein Klavierstück zu vier Händen in einer unvergesslichen<br />
Zusammenarbeit, in einer zwei Monate währenden<br />
Euphorie des Spiels.“<br />
Seit nunmehr einem halben Jahr in München an der <strong>Bayerische</strong>n<br />
<strong>Staatsoper</strong> als Technischer Direktor tätig, pflege ich<br />
die Beziehung zur Hauptstadt aufgrund der familiären Beziehungen<br />
zu meinen beiden Töchtern in Berlin. Mit diesen werde<br />
ich im Frühling die Ausstellung im Gropius-Bau „Wenn der<br />
Vorhang fällt“ anschauen. Die Künstlerin Margarita Broich,<br />
eine bekannte Schauspielerin und Fotografin aus Berlin, hat<br />
zu den Salzburger Festspielen eine Fotoausstellung initiiert,<br />
die Schauspieler unmittelbar nach Ende der Aufführungen<br />
zeigt. Dabei sind ganz erstaunliche Bilder als Momentaufnahmen<br />
entstanden. Frau Broich ist die Ehefrau von Martin<br />
Wuttke und war zuvor mit dem Dramatiker Heiner Müller,<br />
dem sogenannten Mauerläufer, verheiratet. Aus diesem Grunde<br />
war sie stets ganz nahe an den Schauspielern und Sängern<br />
dran.<br />
„Wenn der Vorhang fällt“. Margarita Broich – Fotografien, 18.03. bis<br />
30.05.2011. Eine Ausstellung des Martin-Gropius-Bau in<br />
Zusammenarbeit mit dem Theatertreffen 2011, Martin-Gropius-Bau,<br />
Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, www.gropiusbau.de.<br />
LEIPZIG, STADT DER FRIEDLICHEN REVOLUTION<br />
Von Sören Eckhoff, Chordirektor<br />
Eines der beeindruckendsten Fotos ist sicher das Titelbild<br />
Michael Jackson mit dem blauen Auge. Gekleidet in einem<br />
schillernd bestickten Blazer, vor schwarzem Hintergrund,<br />
mit betrübtem Gesichtsausdruck, eines der beiden geschlossenen<br />
Augenlider koloriert mit einem blauglitzernden<br />
Kreis – das Foto wirkt wie ein Gemälde von großer Traurig-<br />
8 4<br />
8 4<br />
Zu Beginn dieser Spielzeit habe ich Leipzig nach mehreren<br />
Jahren den Rücken gekehrt, doch gerade deshalb liegt es<br />
mir am Herzen, Menschen in diese einzigartige Stadt zu locken<br />
– und sei es nur für einen Tag! Gründe dafür gibt es<br />
viele, einer liegt sicher auf dem Gelände der ehemals größten<br />
Baumwollspinnerei auf dem Kontinent, die Ende des
AGENDA<br />
T – I – P – P – S<br />
19. Jahrhunderts eine eigene Stadt in der Stadt bildete und<br />
sich nach 1989 zu einem Zentrum der Kreativität mit Ateliers,<br />
Galerien, Werkstätten, Theaterbühnen und Designbüros<br />
gewandelt hat. Dieser Ort spiegelt den kulturellen Reichtum<br />
der Stadt wider, die die Besucher am Bahnhof in einer weltberühmten<br />
Halle aus dem Jahr 1915 empfängt. Noch mehr<br />
Jugendstil-Architektur findet man im einzigartigen Waldstraßenviertel.<br />
Leipzig ist eine bedeutende Messestadt, vor<br />
allem beherbergt sie die neben Frankfurt am Main wichtigste<br />
deutsche Buchmesse. An Musik mangelt es ebenso wenig:<br />
Richard Wagner und Clara Schumann wurden hier geboren.<br />
Johann Sebastian Bach begegnet man in Bronze<br />
südlich der Thomaskirche, seinen Motetten jeden Freitag<br />
und Samstag in eben dieser Kirche, wo er als Kantor gewirkt<br />
hat. Noch mehr Musik gibt es im weltberühmten Gewandhaus,<br />
wie im Opernhaus auf der anderen Seite des Augustusplatzes.<br />
Die wechselhafte Geschichte der Stadt lässt<br />
sich im Museum in der Runden Ecke erleben, wo die ehemaligen<br />
Räume des Ministeriums für Staatssicherheit zu besichtigen<br />
sind. Ein Muss sind Kaffee und Kuchen im Kaffeehaus<br />
Riquet, wo die alte Leipziger Kaffeehaustradition<br />
wiederbelebt wird.<br />
Baumwollspinnerei, Spinnereistraße 7, Leipzig, www.spinnerei.de.<br />
Museum in der Runden Ecke, Dittrichring 24, Leipzig,<br />
www.runde-ecke-leipzig.de. Die Sonderausstellung „Leipzig auf dem Weg<br />
zur Friedlichen Revolution“ ist noch bis 08.05. zu sehen.<br />
und man kann nebenbei lesen, Tee trinken – oder einfach<br />
nur zur Ruhe kommen. Was auch im Auto immer wieder eingelegt<br />
wird: Sade. Am liebsten „Lovers Rock“.<br />
Sade: Lovers Rock, Epic, 2000.<br />
Musiciens Gitans de Perpignan: De Sant Jaume Son, Al Sur, 1992.<br />
Jan Garbarek, The Hilliard Ensemle: Officium, ECM, 1994.<br />
LESEN: HANNS-JOSEF ORTHEIL<br />
Von Regina Knappik, Opernladen<br />
Ich trage stets ein Taschenbuch bei mir, da ich in Parks, im<br />
Biergarten, in der Bahn oder auf meinem Blumenbalkon<br />
(meiner kleinen Toskana) immer lese – Biographien und Romane<br />
von Ludwig XIV. (Der gehörnte Marquis) über Marie<br />
Antoinette bis zur Französischen Revolution und der Entstehung<br />
der Enzyklopädie (Die Philosophin). Dann wieder<br />
springe ich nach Russland, von Zar Peter I. bis zur Oktoberrevolution.<br />
Natürlich führen mich meine Städtereisen im Urlaub<br />
nach Paris und St. Petersburg an die Schauplätze der<br />
Bücher, und ich komplettiere das Gelesene mit Sendungen,<br />
die nachts auf Arte oder 3sat laufen. Mein Lieblingsschriftsteller<br />
aber ist Hanns-Josef Ortheil.<br />
MUSIK VON FLAMENCO BIS SADE<br />
Von Gabriela Scherer, Mitglied des Ensembles<br />
Illustration: Gian Gisiger, Bureau Mirko Borsche<br />
Wenn mir der Job und vor allem mein Mutterdasein mal einen<br />
ruhigen Augenblick gönnen, höre ich Musik. Ich höre eigentlich<br />
fast alles, von Klassik bis Rock, Musicals, spanische<br />
Musik (Flamenco oder ein fantastisches katalanisches Album,<br />
„Musiciens Gitans de Perpignan“) aber auch ruhige<br />
Musik zum Entspannen, hier empfehle ich Jan Garbarek and<br />
The Hilliard Ensemble – „Officium“. Ein wunderschönes Album,<br />
8 5<br />
8 5<br />
Ein wunderbarer Erzähler, der zuletzt mit seinen Kindheitserinnerungen<br />
Die Erfindung des Lebens und Die Moselreise auf<br />
den Bestsellerlisten stand. Er schrieb eine Trilogie, die ich<br />
kunstinteressierten Lesern besonders empfehlen kann: Faustinas<br />
Küsse handelt von Goethes Zeit in Rom, Im Licht der Lagune<br />
von einen Maler in Venedig. Und Die Nacht des Don Juan<br />
erzählt die Entstehung von Mozarts Oper Don Giovanni.<br />
Hanns-Josef Ortheil: Die Erfindung des Lebens, 592 Seiten, geb., 22,95 Euro.<br />
Die Moselreise. Roman eines Kindes, 224 Seiten, geb., 16,99 Euro, beide<br />
Luchterhand Literaturverlag.<br />
Im Licht der Lagune, 320 Seiten, Taschenbuch, 9 Euro.<br />
Faustinas Küsse, Taschenbuch, 352 Seiten, 10 Euro.<br />
Die Nacht des Don Juan, Taschenbuch, 384 Seiten, 10 Euro, alle btb.
UNITEL CLASSICA<br />
Photo © Wilfried Hösl<br />
Antonín Dvořák: Rusalka<br />
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1 9<br />
1 9
MEINUNGSAUSTAUSCH<br />
»UNERTRÄGLICH«<br />
Die Operngeschichte ist reich an Inszenierungen, die sehr<br />
umstritten sind, ehe sie zu Publikumsmagneten<br />
aufsteigen. MAX JOSEPH dokumentiert Publikumsreaktionen.<br />
Staatsintendant Nikolaus Bachler antwortet.<br />
In dieser Ausgabe: Fidelio<br />
W. E. – München<br />
Mit einem Kopfschütteln ist die – auch szenisch<br />
fragwürdige – Einführung des langsamen Satzes<br />
aus dem Streichquartett op. 132 zu sehen.<br />
Dieses wunderbare Stück ist in der Oper fehl<br />
am Platz. Mit seinem esoterischen Charakter und als Ausdruck<br />
des äußersten Spätstils von Beethoven hat es mit<br />
Fidelio nichts zu tun. Das unmittelbar folgende C-Dur-Finale<br />
passt danach wie die Faust aufs Auge.<br />
N. B. – Seit Gustav Mahler wird an dieser Stelle meist<br />
die viel längere Leonoren-Ouvertüre gespielt, und das<br />
Anhalten des Moments, in dem die Welt still steht, macht<br />
im Übrigen nach der Befreiung und vor dem großen Finale<br />
auch Sinn. In einer naturgemäß widersprüchlichen<br />
Interpretation war gerade das Streichquartett der Moment<br />
der Aufführung, über dessen Qualität und Richtigkeit<br />
sich alle einig waren. Beethoven selbst hat übrigens<br />
gerade im Fidelio nicht alles sorgfältig festgelegt, sondern<br />
über fünfzehn Jahre hinweg sein Werk überarbeitet<br />
– und auch vieles offengelassen.<br />
A. H. – Ampfing<br />
Das war ja wohl der scheußlichste Fidelio, den ich jemals<br />
in meinem Leben gesehen habe. Was ist denn das für ein<br />
Intendant, der so etwas durchgehen lässt? Wissen die<br />
nicht, dass hier immense Steuergelder vergeudet werden?<br />
Dass der Opernbesucher enttäuscht und frustriert nach<br />
Hause fährt?<br />
N. B. – Sie werden sicher auch bemerkt haben, dass viele<br />
Besucher geradezu begeistert waren. Ich bin fest überzeugt,<br />
dass die Kunst neben der Bildung einer der wenigen<br />
Orte in der Gesellschaft ist, wo Steuermittel niemals<br />
verschwendet sind. Trotzdem tut es mir immer leid, wenn<br />
ein Zuschauer frustriert nach Hause fährt. Ich hoffe,<br />
dass Sie beim nächsten Mal die Oper mit besseren Gefühlen<br />
verlassen werden.<br />
8 7<br />
8 7<br />
S. R. – (ohne Ortsangabe)<br />
Was Sie sich mit dem Plakat für die Premiere<br />
des Fidelio geleistet haben, würde man auf Bayrisch<br />
als „unter aller Sau“ bezeichnen. Die aufgeknüpften<br />
Hauptpersonen, dazu ein splitternackter<br />
Henker mit XXL -Männlichkeit. Eine Entwürdigung des<br />
Komponisten und der Darsteller.<br />
N. B. – Dass Sie das Fidelio-Plakat empört hat, respektiere<br />
ich. Im Fidelio geht es um Unrecht, um Mörder, um<br />
Henker und um die geschundenen Kreaturen. Dies lässt<br />
sich nun mal nicht mit einem Plakat vor weiß-blauem<br />
Himmel ausdrücken. Es ist daher keine „Entwürdigung<br />
des Komponisten und der Darsteller“, sondern der Versuch,<br />
den wahrhaftigen Inhalt zu vermitteln, und das ist<br />
doch der Sinn von Kunstplakaten.<br />
H. H. – München<br />
Calixto Bieito hätte besser das Originallibretto genau gelesen.<br />
Hätte es „nach Fidelio“ geheißen, dann kann man es<br />
durchgehen lassen, dass Don Fernando als Clown auftritt<br />
und so die „Gattenliebe“ ins Lächerliche zieht. Ich finde es<br />
bodenlos, was sich solche Regisseure erlauben!<br />
N. B. Es ist nicht „bodenlos“, sondern es ist der Beruf des<br />
Regisseurs, Werke zu interpretieren. Ich glaube, Calixto<br />
Bieito hat durchaus auf die Bühne gebracht, was Beethoven<br />
komponiert hat, und er hat es vor allem für das Publikum<br />
gemacht. Das schließt, wie immer in der Kunst,<br />
auch ein, dass eine Interpretation von einigen, wie in<br />
diesem Fall von Ihnen, abgelehnt wird. Große Werke haben<br />
niemals nur eine Aussage, sondern sind widersprüchlich<br />
– das gerade macht sie groß. Und zum Beispiel<br />
die Gattenliebe im Zusammenhang mit dem Begriff<br />
„Treue“ zu befragen, das ist Sinn und Aufgabe der Bühne<br />
– immer wieder neu und immer wieder anders. Das<br />
hält das Theater lebendig.
BAYERISCHE<br />
STAATSOPER<br />
UNFREI<br />
frei<br />
SPIELPLAN<br />
S<br />
P<br />
I<br />
E<br />
27.03.2011<br />
L<br />
P<br />
L<br />
A<br />
–<br />
N<br />
01.07.2011<br />
Soweit nicht anders angegeben, finden<br />
alle Veranstaltungen im Nationaltheater statt.<br />
8 8<br />
8 8<br />
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Vincenzo Bellini<br />
I Capuleti e i Montecchi<br />
Musikalische Leitung Yves Abel<br />
Inszenierung Vincent Boussard<br />
Vesselina Kasarova, Eri Nakamura, Dimitri Pittas, Steven Humes,<br />
Carlo Cigni<br />
So 27.03.11 19:00 Uhr<br />
Mi 30.03.11 19:00 Uhr<br />
So 03.04.11 18:00 Uhr<br />
Mi 06.04.11 19:00 Uhr<br />
Sa 09.04.11 19:00 Uhr<br />
Di 12.04.11 19:00 Uhr<br />
Premiere<br />
Premierenmatinee zur Neuinszenierung<br />
So 20.03.10 11:00 Uhr Moderation Nikolaus Bachler<br />
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Gaetano Donizetti<br />
Lucrezia Borgia<br />
Musikalische Leitung Paolo Arrivabeni<br />
Inszenierung Christof Loy<br />
John Relyea, Edita Gruberova, Charles Castronovo, Silvia Tro Santafé,<br />
Nam Won Huh, Christian Rieger, John Chest, Dean Power, Steven<br />
Humes, Emanuele D’Aguanno, Tareq Nazmi<br />
Mo 28.03.11 19:00 Uhr<br />
Sa 02.04.11 19:00 Uhr<br />
Francis Poulenc<br />
Dialogues des Carmélites<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Inszenierung Dmitri Tcherniakov<br />
Alain Vernhes, Susan Gritton, Bernard Richter, Felicity Palmer,<br />
Soile Isokoski, Jamie Barton, Hélène Guilmette, Okka von der Damerau,<br />
Gabriela Scherer, Kevin Conners, Ulrich Reß, John Chest,<br />
Christian Rieger, Levente Molnár, Rüdiger Trebes<br />
Fr 01.04.11 19:30 Uhr<br />
Do 07.04.11 19:30 Uhr<br />
Mo 11.04.11 19:30 Uhr<br />
Sa 16.04.11 19:30 Uhr<br />
Vincenzo Bellini<br />
Norma<br />
Musikalische Leitung Friedrich Haider<br />
Inszenierung Jürgen Rose<br />
Zoran Todorovich, Francesco Petrozzi, Steven Humes, Edita Gruberova,<br />
Sonia Ganassi, Okka von der Damerau<br />
So 10.04.11 19:00 Uhr<br />
Fr 15.04.11 19:00 Uhr<br />
Mi 20.04.11 19:30 Uhr<br />
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Richard Wagner<br />
Parsifal<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Inszenierung Peter Konwitschny<br />
Michael Volle, Steven Humes, Kwangchul Youn, Nikolai Schukoff,<br />
John Wegner, Angela Denoke, Kevin Conners, Levente Molnár,<br />
Ulrich Reß, Kenneth Roberson, Hanna-Elisabeth Müller,<br />
Laura Tatulescu, Gabriela Scherer, Evgeniya Sotnikova, Tara Erraught,<br />
Okka von der Damerau, Solisten des Tölzer Knabenchors<br />
So 17.04.11 17:00 Uhr<br />
So 24.04.11 16:00 Uhr<br />
Wolfgang Amadeus Mozart<br />
Die Entführung aus<br />
dem Serail<br />
Musikalische Leitung Johannes Debus<br />
Inszenierung Martin Duncan<br />
Elena Mosuc, Anna Prohaska, Alek Shrader, Kevin Conners,<br />
Franz-Josef Selig, Bernd Schmidt, Demet Gül<br />
Mi 04.05.11 19:30 Uhr<br />
Sa 07.05.11 19:30 Uhr<br />
Giacomo Puccini<br />
Tosca<br />
Musikalische Leitung Keri-Lynn Wilson<br />
Inszenierung Luc Bondy<br />
Tatiana Serjan, Marcello Giordani, Juha Uusitalo, Christian Van Horn,<br />
Christoph Stephinger, Kevin Conners, Rüdiger Trebes, Christian Rieger,<br />
Solist des Tölzer Knabenchors<br />
Do 05.05.11 19:00 Uhr<br />
So 08.05.11 19:00 Uhr<br />
Do 12.05.11 19:00 Uhr<br />
gefördert durch BMW München<br />
Gaetano Donizetti<br />
L’elisir d’amore<br />
Musikalische Leitung Juraj Valcuha<br />
Inszenierung David Bösch<br />
Anna Netrebko, Matthew Polenzani, Fabio Maria Capitanucci,<br />
Alessandro Corbelli, Tara Erraught<br />
Mi 11.05.11 19:00 Uhr<br />
Sa 14.05.11 19:00 Uhr<br />
Di 17.05.11 19:00 Uhr<br />
sponsored by<br />
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Giacomo Puccini<br />
La bohème<br />
Musikalische Leitung Marco Armiliato<br />
Inszenierung Otto Schenk<br />
Hibla Gerzmava, Laura Tatulescu, Joseph Calleja, Levente Molnár,<br />
Christian Rieger, Steven Humes, Nam Won Huh, Alfred Kuhn,<br />
Rüdiger Trebes, John Chest, Peter Mazalán<br />
Fr 13.05.11 19:00 Uhr<br />
Mo 16.05.11 19:00 Uhr<br />
Fr 20.05.11 19:30 Uhr<br />
Di 24.05.11 19:00 Uhr<br />
Olivier Messiaen<br />
Saint François d’Assise<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Szenische Konzeption Hermann Nitsch<br />
Mitarbeit Regie Natascha Ursuliak<br />
Christine Schäfer, Paul Gay, John Daszak, Nikolay Borchev,<br />
Kenneth Roberson, Ulrich Reß, Christoph Stephinger, Peter Mazalán<br />
Fr 01.07.11 16:00 Uhr Festspielpremiere<br />
gefördert durch BMW München<br />
Antonín Dvořák<br />
Rusalka<br />
Musikalische Leitung Tomáš Hanus<br />
Inszenierung Martin Kušej<br />
Dmytro Popov, Nadia Krasteva 22. / 25. / 29.05., Kristīne Opolais,<br />
Günther Groissböck, Janina Baechle, Ulrich Reß,<br />
Tara Erraught, Evgeniya Sotnikova, Angela Brower,<br />
Okka von der Damerau, John Chest<br />
So 22.05.11 19:00 Uhr<br />
Mi 25.05.11 19:00 Uhr<br />
So 29.05.11 18:00 Uhr<br />
Mi 01.06.11 19:00 Uhr<br />
Sa 04.06.11 19:00 Uhr<br />
Richard Strauss<br />
Der Rosenkavalier<br />
Musikalische Leitung Leif Segerstam<br />
Nach einer Konzeption von Jürgen Rose und Otto Schenk<br />
Anja Harteros, Peter Rose, Kate Aldrich, Martin Gantner, Lucy Crowe,<br />
Ingrid Kaiserfeld, Ulrich Reß, Heike Grötzinger,<br />
Christoph Stephinger, Kenneth Roberson, Francesco Petrozzi,<br />
Christian Rieger, Wookyung Kim, Evgeniya Sotnikova,<br />
Martha Hirschmann, Hanna-Elisabeth Müller, Dean Power<br />
Do 02.06.11 18:00 Uhr<br />
So 05.06.11 18:00 Uhr<br />
Mi 08.06.11 18:00 Uhr<br />
So 12.06.11 18:00 Uhr<br />
So 19.06.11 16:00 Uhr<br />
Giuseppe Verdi<br />
Aida<br />
Musikalische Leitung Asher Fish<br />
Inszenierung Christof Nel<br />
Luciana D’Intino, Norma Fantini, Carlo Ventre, Kwangchul Youn,<br />
Michael Volle, Anatoli Kotscherga, Kenneth Roberson, Angela Brower<br />
Di 07.06.11 19:00 Uhr<br />
Sa 11.06.11 19:00 Uhr<br />
Di 14.06.11 19:00 Uhr<br />
Fr 17.06.11 19:30 Uhr<br />
sponsored by<br />
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B–A–L–L–E–T–T<br />
GEFÖRDERT DURCH<br />
Nacho Duato<br />
Vielfältigkeit.<br />
Formen von Stille und Leere<br />
Musik Johann Sebastian Bach<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Do 31.03.11 19:30 Uhr<br />
Fr 08.04.11 19:30 Uhr<br />
Mo 25.04.11 18:00 Uhr BallettFestwoche 2011<br />
Sa 28.05.11 19:00 Uhr<br />
Di 31.05.11 19:30 Uhr<br />
John Neumeier<br />
Illusionen – wie Schwanensee<br />
Musik Peter I. Tschaikowsky<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Musikalische Leitung Michael Schmidtsdorff<br />
Do 21.04.11 19:00 Uhr BallettFestwoche 2011 Premiere<br />
Sa 23.04.11 19:00 Uhr BallettFestwoche 2011<br />
Do 28.04.11 19:00 Uhr BallettFestwoche 2011<br />
Fr 06.05.11 19:30 Uhr<br />
So 15.05.11 19:30 Uhr<br />
Mi 18.05.11 19:00 Uhr<br />
Sa 21.05.11 19:00 Uhr<br />
Mo 23.05.11 19:00 Uhr<br />
John Cranko<br />
Der Widerspenstigen<br />
Zähmung<br />
Musik Kurt-Heinz Stolze nach Domenico Scarlatti<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Musikalische Leitung Myron Romanul<br />
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Di 26.04.11 19:30 Uhr BallettFestwoche 2011
John Cranko<br />
Onegin<br />
Musik Peter I. Tschaikowsky, arrangiert von Kurt-Heinz Stolze<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Musikalische Leitung Michael Schmidtsdorff<br />
Mi 27.04.11 19:30 Uhr BallettFestwoche 2011<br />
Fr 27.05.11 19:30 Uhr<br />
Ballett Extra<br />
Proben zur Premiere<br />
»Illusionen – wie Schwanensee«<br />
Mit John Neumeier und Tänzern des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
So 17.04.11 15:00 Uhr<br />
Prinzregententheater<br />
Jörg Mannes / Terence Kohler<br />
Mein Ravel:<br />
Wohin er auch blickt … /<br />
Daphnis und Chloé<br />
Musik Maurice Ravel<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Musikalische Leitung Michael Schmidtsdorff<br />
Fr 29.04.11 19:30 Uhr BallettFestwoche 2011<br />
Sidi Larbi Cherkaoui / Damien Jalet<br />
Babel (Worte) – Gastspiel<br />
Musik Patrizia Bovi, Mahabub Khan, Sattar Khan, Gabriele Miracle,<br />
Shogo Yoshii (Kodo)<br />
Produktion Company Eastman vzw und<br />
Théâtre royal de la Monnaie, Brüssel<br />
Musikalische Leitung Fahrettin Yarkin<br />
Sa 30.04.11 19:30 Uhr BallettFestwoche 2011<br />
Marius Petipa / Ivan Liška<br />
Dornröschen<br />
Musik Peter I. Tschaikowsky<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Musikalische Leitung Valery Ovsianikov 3. / 23.06.<br />
Myron Romanul 13. / 18.06.<br />
Fr 03.06.11 19:30 Uhr<br />
Mo 13.06.11 18:00 Uhr<br />
Sa 18.06.11 19:30 Uhr<br />
Do 23.06.11 18:00 Uhr<br />
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Omelette surprise<br />
Mit Tänzern des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Mi 11.05.11 20:00 Uhr Ballettprobenhaus, Platzl 7<br />
Große Männer-Soli<br />
Javier Amo Gonzalez tanzt Chaconne von José Limón,<br />
Norbert Graf tanzt sein Solo von Simone Sandroni u. a.,<br />
dazu Filmaufzeichnungen von großen historischen Soli des<br />
internationalen Balletts<br />
Do 09.06.11 20:00 Uhr Ballettprobenhaus, Platzl 7<br />
Große Frauen-Soli<br />
Der sterbende Schwan, Die Nacht, Five Brahms Waltzes<br />
in the Manner of Isadora Duncan, Isabelle Sevérs in ihrem Solo<br />
von Simone Sandroni u. a., sowie Filmaufzeichnungen weiterer Soli<br />
Fr 10.06.11 20:00 Uhr Ballettprobenhaus, Platzl 7<br />
Matineen der<br />
Heinz-Bosl-Stiftung<br />
So 08.05.11 11:00 Uhr<br />
So 15.05.11 11:00 Uhr<br />
Ray Barra und Marius Petipa<br />
Don Quijote<br />
Musik Ludwig Minkus<br />
Solisten und Ensemble des <strong>Bayerische</strong>n Staatsballetts<br />
Fr 24.06.11 19:30 Uhr<br />
Sa 25.06.11 19:30 Uhr<br />
So 26.06.11 15:00 Uhr<br />
So 26.06.11 19:30 Uhr<br />
Prinzregententheater<br />
Prinzregententheater<br />
Prinzregententheater<br />
Prinzregententheater<br />
9 1<br />
9 1
K–O–N–Z–E–R–T–E<br />
C–A–M–P–U–S<br />
Passionskonzert<br />
PartnEr dEs bayErisCHEn staatsorCHEstErs<br />
5. Akademiekonzert<br />
Wolfgang Rihm, Johannes Brahms<br />
Musikalische Leitung Kent Nagano<br />
Sopran Soile Isokoski<br />
Bariton Christian Gerhaher<br />
Windsbacher Knabenchor<br />
Mo 04.04.11 20:00 Uhr<br />
Di 05.04.11 20:00 Uhr<br />
5. Kammerkonzert<br />
Ludwig van Beethoven, Antonín Dvořák<br />
So 10.04.11 11:00 Uhr<br />
Di 12.04.11 20:00 Uhr<br />
Allerheiligen Hofkirche<br />
Allerheiligen Hofkirche<br />
6. Akademiekonzert<br />
Toru Takemitsu, Toshio Hosokawa, Toshiro Mayuzumi,<br />
Peter I. Tschaikowsky<br />
Musikalische Leitung Yutaka Sado<br />
Shō Mayumi Miyata<br />
Schumann Quartett<br />
Mo 09.05.11 20:00 Uhr<br />
Di 10.05.11 20:00 Uhr<br />
6. Kammerkonzert<br />
Johann Strauß / Brett Dean, Wolfgang Amadeus Mozart / Anonymus,<br />
Richard Strauss / Franz Hasenöhrl, Georges Bizet / Andreas N. Tarkmann<br />
So 22.05.11 11:00 Uhr<br />
Di 24.05.11 20:00 Uhr<br />
Allerheiligen Hofkirche<br />
Allerheiligen Hofkirche<br />
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P<br />
L<br />
A<br />
N<br />
Georg Friedrich Händel, Igor Strawinsky, John Thrower<br />
Do 14.04.11 19.30 Uhr<br />
Allerheiligen Hofkirche<br />
2. Kammerkonzert der<br />
Orchesterakademie<br />
Mi 04.05.11 20:00 Uhr<br />
Fr 06.05.11 20:00 Uhr<br />
Schloss Fürstenried<br />
Allerheiligen Hofkirche<br />
Joseph Haydn<br />
La fedeltà premiata<br />
Mitglieder des Opernstudios der <strong>Bayerische</strong>n <strong>Staatsoper</strong><br />
Musikalische Leitung Christopher Ward<br />
So 27.03.11 19:00 Uhr<br />
Mi 30.03.11 19:00 Uhr<br />
Mi 06.04.11 19:00 Uhr<br />
Sa 09.04.11 19:00 Uhr<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Cuvilliés-Theater<br />
Richard Strauss / Franz Hasenöhrl<br />
Sitzkissenkonzert:<br />
Till Eulenspiegel einmal anders<br />
Sa 14.05.11 15:00 Uhr<br />
Sa 21.05.11 15:00 Uhr<br />
Parkett Garderobe<br />
Parkett Garderobe<br />
Die unmögliche Enzyklopädie<br />
Die unmögliche<br />
Enzyklopädie 18: Sprache<br />
Di 05.04.11 20:00 Uhr Ballettprobenhaus, Platzl 7<br />
9 2<br />
9 2
PLAKATKÜNSTLERIN<br />
Schatten des Todes<br />
When did we lose beauty<br />
2003<br />
Acryl und Kohle auf<br />
Leinwand<br />
200 x 260 cm<br />
Die Künstlerin Meike Zopf<br />
über die Inspiration für das Plakat zu<br />
I Capuleti e i Montecchi<br />
Abertausend Liebestode starben abertausend<br />
Liebespaare auf den Bühnen<br />
dieser Welt, seit Ovid Pyramus und<br />
Thisbe in den Freitod unterm Maulbeerbaum<br />
schickte. Dieser antike Liebestod<br />
– vor allem in Romeo-und-Julia-Fassungen<br />
scheint er wieder auf.<br />
Und auch im Gemälde When did we lose<br />
beauty der Hannoveraner Künstlerin<br />
Meike Zopf, das jetzt Vorlage war für<br />
das Opernplakat zu I Capuleti e i Montecchi,<br />
kann man ihn finden. Auf zwei<br />
unschuldsweißen Figuren – ein Mann<br />
und eine wie eine Braut gekleidete Frau<br />
– lastet fast erdrückend die massive Farbe<br />
des Bildhintergrunds: eine existenzielle<br />
Bedrohung, vielleicht schon der<br />
Schatten des Todes.<br />
Blutrote Farbe bedeckt die Köpfe der<br />
beiden, blutrote Tropfen quellen daraus<br />
hervor. Bald schon könnten sie das viele<br />
Weiß dunkelrot färben – auch bei Ovid<br />
färbten sich die Früchte des Maulbeerbaums<br />
dunkel vom Blut der Entleibten.<br />
Tatsächlich ist die Mythologie der 38-jährigen<br />
Malerin Meike Zopf aber eine sehr<br />
individuelle: „Befragen“ möchte sie Symbole<br />
und Motive, die sie aus ihrem eigentlichen<br />
Zusammenhang löst. Und „erforschen“,<br />
in welchen völlig neuen sie sich<br />
bringen lassen.<br />
In ihren Universen kreuzen Flugzeuge<br />
und Kinderwagen-Teile, fleischige menschliche<br />
Herz en schneiden Fragmente<br />
christlicher Ikonographie. Als Kind<br />
fas ziniert von der schwelgerischen Symbolsprache<br />
des Katholizismus, erkennt<br />
die gebürtige Berlinerin im Theatralischen<br />
ihrer großformatigen Werke eine<br />
Nähe zur Oper: „Das Bild ist eine Bühne,<br />
auf der ich Figuren auf- und abtreten<br />
lasse.“<br />
In When did we lose beauty will Meike<br />
Zopf kein liebendes Paar zeigen, sondern<br />
antagonistische Prinzipien – die<br />
Frau als Natur, den Mann als demiur-<br />
gische Kultur, die künstlich manipuliertes<br />
Leben kreiert. Gegen diesen<br />
Verlust natürlicher Unschuld rebelliert<br />
sie: „Wir blicken in die Abgründe<br />
unseres Menschseins.“ – Abgründe,<br />
über die manchmal nicht einmal mehr<br />
die Liebe hinweg kann.<br />
Meike Zopf schloss ihr Kunststudium an der FH<br />
Hannover 2005 als Meisterschülerin ab. Sie stellte<br />
unter anderem in Frankreich, Spanien und der<br />
Türkei aus. Vom 17.03.11 bis zum 05.05.11 zeigt<br />
die Galerie Kaysser in München ihre Arbeiten in<br />
der Einzelausstellung „Idylle VI“.<br />
Weitere Infos: www.meike-zopf.de,<br />
www.berlinartprojects.de, www.galerie-kaysser.de<br />
Text: Larissa Beham, Foto: Dorota Sliwonik
MAX JOSEPH<br />
VORSCHAU 2010/2011<br />
№ 4<br />
UNFREI<br />
frei<br />
Sonderausgabe<br />
Münchner Opernfestspiele<br />
Kent Nagano über<br />
Saint François d’Assise<br />
Anja Harteros über die<br />
Feldmarschallin<br />
Mozarts Väter –<br />
Mitridate, rè di Ponto<br />
Uraufführungen im<br />
Pavillon 21<br />
MINI Opera Space<br />
Die Festspielausgabe von MAX JOSEPH erscheint<br />
am 26. Juni 2011.