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Dokumentation Theatertreffen der Jugend 2013 - Berliner Festspiele

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Theatertreffen der Jugend 2013

BlickRück

www.berlinerfestspiele.de


Inhaltsverzeichnis

11 Editorial

13 Auszug aus dem Grußwort

15 Prolog

17 Jury Rückblick

18 Bühne

20 Almost Lovers – Ein Theater Mobil-Projekt

26 Parallele Welten – Die Insel

34 hell erzählen

42 Lochland

50 99 Prozent

60 Romeo und Julia

68 Hamlet

76 Urban Sounds Clash Classic

84 Bühne Spezial

86 Nominierungen 2013

88 Campus

90 Praxis

94 Dialog

97 Essay

98 Spezial

100 Forum

103 Praxis

110 Dialog

111 Fokus

112 Essay

114 Epilog

132 Jury

135 Kuratorium

136 Statistik

138 Bundeswettbewerbe

139 Impressum


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Editorial

BlickRück ist eine Einladung, auf das 34. Theatertreffen

der Jugend vom 24. 05. bis 01. 06. 2013 im

Haus der Berliner Festspiele zurückzuschauen.

Im Zentrum der Festivalwoche standen die acht

eingeladenen Produktionen aus Berlin, Bielefeld,

Düsseldorf, Grevenbroich, Heidelberg und

Solingen. Mit eigenen Themen und Haltungen

und in höchst unterschiedlicher Form befragten

die jugendlichen Spieler/-innen in ihren Stücken

die Welt im Kleinen wie im Großen. Was ist heute

eigentlich Männlichkeit? Wie lebt es sich in

parallelen Kulturen und virtuellen Welten? Wie

gelingt die Veränderung, wenn sie doch eigentlich

unmöglich erscheint? Was bedeutet der

Verlust von Heimat für die eigene Zukunft?

Kann bloße Empörung uns heute noch zu einer

echten Revolution führen? Ist das Liebe, was ich

jetzt fühle? Was wird, wenn eine ganze Generation

nicht entscheiden kann oder will? Wonach

suchen wir, wenn wir rausziehen in die Großstadt?

Über diese Fragen und viele mehr wurde debattiert

im Campus-Programm des Festivals: in den

Workshops, den Aufführungsgesprächen, in der

Festivalzeitung und den vielen Begegnungen der

Teilnehmer/-innen im Garten, beim Essen, in

kleinen Gruppen irgendwo im Haus der Berliner

Festspiele. Und ganz nebenbei wurde natürlich

auch gefeiert auf und unter der Bühne, sich

selbst und die Zeit, die hier geteilt wurde.

Im Programm des Forums für künstlerische

Leiter/- innen von jugendlichen Theatergruppen

sowie für Studierende ging es ebenfalls um den

gegenseitigen Austausch. In Workshops und

Gesprächen wurden theatrale Formen und Inhalte

der eingeladenen Produktionen im Hinblick

auf die eigene Theaterarbeit befragt und

praktisch reflektiert. Darüber hinaus wurden zu

verschiedenen Schwerpunkten Impulse für die

weitere Theaterarbeit gegeben.

Das Festivalkonzept des Theatertreffens der

Jugend, das im Kern darauf setzt, das Miteinander

und den Austausch aller Teilnehmer/-innen

unter einander in den Vordergrund zu stellen,

erweist sich nach wie vor als richtig. So spielt es

für die eingeladenen Produktionen keine Rolle

mehr, aus welchem institutionellen Kontext sie

kommen, ob sie in DS-Kursen oder Theater-AGs

in Schulen, in selbstorganisierten Strukturen aller

Art oder in Spielgruppen von freien und/oder

Jugend-, Stadt- oder Staatstheatern entstehen.

Die Berliner Festspiele wünschen sich, dass

diese Festivalkonzeption auch für die Zukunft

weiter trägt und sich möglichst viele Gruppen aus

allen Bereichen der Theaterarbeit von und mit Jugendlichen

weiterhin am Wettbewerb beteiligen.

Christina Schulz

Leiterin der Bundeswettbewerbe

der Berliner Festspiele

11


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Auszug aus dem Grußwort

Theatertreffen der Jugend: Das ist eine Woche

voller kreativer Theateraufführungen. Eine

Woche, in der an jedem Abend ein anderes

Theater-Ensemble seine Produktion zeigt. Und

eine Woche voller spannender Diskussionen

darüber. Begleitet werden die Aufführungen von

Workshops mit Theatermusikern, Tänzern und

Choreografen, Regisseuren und Theaterautoren.

Darüber hinaus ermöglicht das neue strukturierte

Konzept der Berliner Festspiele eine

immer stärkere Vernetzung unserer gemeinsamen

Bundeswettbewerbe. …

… Dem diesjährigen Theatertreffen der Jugend

wünsche ich großen Erfolg, unvergessliche

Aufführungen und Begegnungen sowie Ausstrahlung

weit über die Berliner Theaterwoche hinaus.

Prof. Dr. Johanna Wanka

Bundesministerium für Bildung und Forschung

13


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Prolog

Vorhang auf –

von Anna Theresia Bohn

Angekommen. Im Haus der Berliner Festspiele

zum Theatertreffen der Jugend. Was eigentlich

der Anfang all dessen war, ist nun vermutlich nur

vage zu erzählen. War es der Film, dessen

Schauspielerin zum eigenen Vorbild gewählt

wurde? Der Zettel am schwarzen Brett, der die

Gründung der Theater AG nach der Schule angekündigt

hat? Der Freund, der einen dazu ermuntert

hat, einmal zur Probe des Jugendtheaters

einfach so vorbei zu kommen?

Wie es auch begonnen hat: Nun ist Mai und man

ist endlich angekommen. Der Wettstreit ist vorbei.

Hier sind bereits alle Spielende von Beginn an

Preisträger. Tiefes Ein- und Ausatmen: tatsächlich

angekommen. Sei es aus Berlin oder aus Grevenbroich;

man trägt Ähnliches im Gepäck: Bequemes

für die Workshops, vielleicht etwas Kurzes zum

Tanzen, Zahnbürste, Requisiten, aber vor allem

Neugier, Erwartungen, Vorfreude und Theaterfieber.

Wie mögen die kommenden Tage werden?

Man sieht sich von der Bühne zum Workshop,

vom Festivalgarten zum Theatersitz huschen, mit

Bier und Brause, und das alles gemeinsam mit

neuen Gesichtern, deren Handynummern man

später einspeichern wird. Es wird viel gesprochen

werden an diesen Tagen, von Theater und insbesondere

von Jugendtheater. Was bedeutet

Jugendtheater? Es bedeutet vor allem Spielen.

Das meint nichts Geringeres als das Ausprobieren

einer Unzahl an möglichen Lebensrealitäten

– wie könnte, wie müsste, wie dürfte, wie würde

alles sein? Spielen mit Spaß, mit Humor, mit

Ernst, mit Achselschweiß, mit Lichteffekten und

lauter Musik, mit eigener oder fremder Kleidung,

mit Unbekannten, die im Spiel bekannter werden;

und vielleicht, wenn man von der Bühne hüpft,

sieht man sich selbst plötzlich als jemand anderes.

Das Spiel scheint die Taktik dessen, was andere

Leben nennen. Intuition und Handwerk. Applaus.

Natürlich geht uns das etwas an, denn es

geht um uns und um jeden anderen.

Angekommen im Haus, dessen verschiedene

Theaterbühnen im Grunde eine große Bühne

ergeben, deren Textur über diese Tage einen

Imprint hinterlassen wird; vielleicht die kaputte

Hose und der Holzspan im Knie, vielleicht eine

Rolle, die man im Workshop ausprobiert, die

dann Monate später im neuen Stück auftaucht.

Vielleicht das frei gemachte Regalfach, in das

man dann die Festivalzeitungen einordnet, die

vielen Programmheftchen, die nachts geschriebenen

Liebesbriefe, den Notizblock mit Literaturund

Filmempfehlungen, den Festivalausweis mit

dem eigenen Namen, welchen einmal Freunde in

die Hand nehmen werden, um zu fragen, was

das sei. In diesen Tagen werden wir die Präpositionen

aus dem Ärmel schütteln, sodass wir uns

auf, an, hinter, vor, neben, über und sogar unter

der Bühne zum Feiern treffen. Es wird ein Anschauen,

Anfassen, Anhören und Anziehen.

Wie find ich das, wie steht mir das, wie geht das,

ein wenig wie Shoppen vielleicht, aber umsonst

und mit Applaus, ein Spiel eben. Es gibt Bilder

von vergangenen Jahren, da sieht man Menschen,

die sich im Garten gegenseitig Frisuren machen,

die in neu geformten Gruppen Zahnpasta essen,

die vor einem Fenster filmen, wie dahinter einer

die Scheibe küsst. Was zum Theater moment

wird, den man erzählt, wird hier gespielt, wird frei

gewählt. Heute Abend geht der Vorhang auf. Wir

lassen ihn offen.

15


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Jury Rückblick

Ein Nachwort aus

Jury-Perspektive – vom Juryvorsitzenden

Martin Frank

Ein äußerst anregender Festivalprozess einer

sich entwickelnden Theaterwahrnehmung

klingt nach – ein sehr erfreuliches Merkmal der

Programmstruktur des 34. Theatertreffens der

Jugend. Wie von der Jury erhofft, wurde unser

theateraffines Publikum von der Qualität und

Energie der ausgewählten Vorstellungen von

Beginn an in Bann gezogen. Die inhaltlich und

formal mutigen Inszenierungen der Wochenmitte

gaben Anlass für fruchtbare Diskussionen

sowohl unter den Spielleiter/-innen als auch

bei den jugendlichen Teilnehmer/-innen. Mit

fortschreitender Festivaldauer, mit gewachsenem

Vertrauen unter den Anwesenden, die sich

in Workshops und Fachdiskussionen kennenlernen

konnten, stieg das Diskussionsengagement

stetig. Freundliche Rückmeldungen wichen

fordernden Fragestellungen und differenzierter

Kritik. Die Auswahl der Jury hielt dem Festivalprozess

bis zuletzt stand. Danke an alle, von

Spielleiter/-innen über Darsteller/-innen, bis

Programmgestalter/-innen und der Technikcrew,

die dieses komplexe Zusammenwirken

und Mitgestalten möglich gemacht haben.

Thema. Im Programmteil Fokus des Forums für

die pädagogisch-künstlerischen Leiter/-innen

sprachen sich viele engagierte Vertreter/-innen

der Szene zur Situation des Theaters an Schulen

aus. Man beriet sich über Initiativen und brachte

Motivationsanstöße auf den Weg.

Das Theatertreffen der Jugend kann Probleme

von solch strukturellen Dimensionen nicht

lösen, kann allenfalls mit seinen Begegnungsanlässen

Seismograph und Brennglas sein, den

Austausch anregen. Die Jury versucht zu ermutigen,

indem sie auf Produktionsformate hinweist,

die im Wettbewerb auffielen und die institutionsübergreifend

realisierbar erscheinen. Jeder einzelne

Impuls mag für sich klein erscheinen, in

der Summe macht sich das Theatertreffen der

Jugend als unübersehbarer Leuchtturm für die

Sache des Theaters mit Jugendlichen in allen

institutionellen Erscheinungsformen bemerkbar.

Wir hoffen, die Diskussion in Schwung gebracht

zu haben und freuen uns auf die neue Auswahl

im Mai 2014.

Wir sind mit der Sorge um den Rückgang der

Beteiligung von Schulen am Wettbewerb auf

das Festival gekommen. Theaterlehrer/-innen

brachten ihren Unmut über die erschwerten Bedingungen

in Foren und Gesprächen am Rande

des Programms immer wieder zur Sprache. Es

gab offizielle Programmergänzungen zu diesem

17


Bühne

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Almost Lovers – ein Theater Mobil-Projekt

Junges Schauspielhaus Düsseldorf

Freitag, 24. Mai 2013, 20:00 Uhr

Es spielten:

Philipp Brand, Sebastian Czwordon, Ali Dilekci,

Islam Dulatov, Tamik Dulatov, Dennis Duszczak,

Taleb-El-Haf, Kevin Galla, Maximilian Gängel,

Astrit Muharemi, Mohammad Sawalha, Leon Wegener,

Hana Zunic (Mädchen im Video)

Regie: Ines Habich

Ausstattung: Miriam Chouaib

Choreografie: Corey Action

Video: Sami Bill

Dramaturgie und Theaterpädagogik:

Dorle Trachternach

Regieassistenz: Bente Loubier, Wera Mahne

Assistenz des Choreografen: Aldo da Silva

Kostümassistenz: Riet Desoete

Ausstattungshospitanz: Tatjana von der Beek

Gruppenportrait – von Felix Kracke

Grad noch aus Wohnwägen und übelsten Sozialsiedlungen

rausgekratzt, tritt die Düsseldorfer

Krawallgruppe an, uns mit ihrer Testosteron-Parade

mal so richtig einen vor den Bug zu knallen.

Uns die Männlichkeit 3.0 hin zu performen,

Klischees zu durchleben, abzulegen, auch mal

zu weinen. Unsere Augen bleiben natürlich trocken.

Sie sind losgezogen nach überall, haben

die Männer aufgelesen, die nur Fast-Männer

sind, die überhaupt erst mal wissen wollen, was

sie sind und sein sollen. Gendertrouble Deluxe.

Stars wollten sie eigentlich werden und sind

dann doch im Theater gelandet. Gut für uns,

denn wir freuen uns auf elfjährige Backstage-

Mädchen, die kreischen, auf Action-Theater,

das die Gebrüll-Skala sprengt (Vorschlag war

„sechs Sterne“, aber wir bleiben seriös), auf diese

Gruppe, die zischt und brodelt, ausbricht –

wir verkünden schon mal den Notstand. Alle aus

den Häusern, Kinder und Frauen zuerst! Übrig

bleiben nur die Düsseldorfer Jungs. Sie haben

diskutiert, beobachtet, rumgeschrien, aus ihrem

Erleben die Stränge geflochten, die es zu

erzählen gilt. Widerspiegeln wollen sie, was

nicht gezeigt werden kann da draußen, sie tragen

es nach innen, zu uns. Wo bleibt er denn

jetzt, der moderne Mann? Schwäche wollen sie

zeigen und mal rauskommen aus sich, aus Vorstellungen,

Normen, Strukturen. Da starten sie

und notlanden schließlich alle beim eigenen Vater.

Aber keine Sorge, die FZ übernimmt gern

das Sorgerecht. Alles startklar, wir fahren weiter.

Wie auch alles andere, was hinter Bühnen

aus ihnen herausfährt, worüber alle lachen, was

alle riechen. Was könnte gemeint sein? Wir jedenfalls

riechen Euren Schweiß. Wir sind bereit!

Come and get some!

21


Die Jury zur Auswahl – von Ulrike Hatzer

Die Sache läuft schon, wenn wir,

das Publikum, dazu kommen.

Umkleidekabine, Fitnessstudio,

Geruch nach Schweiß und Tränen

(oder Theaternebel?) liegt

in der Luft. Hier ist Kraft am

Start, und Technik, Trauer,

Träume und Humor.

„Almost“ heißt „fast“, nicht

„ganz“. Es heißt auch: Da fehlt

noch was. Wenn man fragt,

was da noch fehlt, stellt man

schnell fest, dass das Stück

auch „Almost Sons“, „Almost

Winners“ oder „Almost Heroes“

heißen könnte. Es fehlen die

Väter, die Zukunftsaussichten,

die Möglichkeiten, zu zeigen,

was man kann, zu welchen

Größen man aufsteigen könnte,

wenn, ja wenn nicht immer

alles nur „fast“ wäre: Fast ein

Zuhause, fast eine Kindheit,

fast eine Zukunft.

Man wäre so gerne ein Held.

Papa lebt es ja vor, er erwartet

es von „Fast-schon“. Mit tapferem

Kampf, mit Kraft und Mut

lässt sich die Welt bezwingen.

Nur keine Schwäche zeigen.

Und so töten sie Drachen und

kämpfen um alles. Klar nur auf

der Bühne, aber „fast“ wie im

richtigen Leben.

Das Frauenbild ist zwiespältig,

liegt irgendwo zwischen Mutter

und Puppe, ist idealisiert, wenn

es freilich ans Eingemachte

geht, wird es schwierig. Wie

schreibt man einen Brief? Wie

redet man über Liebe? Tut man

das überhaupt?

Dann doch lieber in die Welt

des Fans von Fortuna Düsseldorf.

Da kann man sich beweisen,

lärmen, drohen, Feindbilder

schüren, aber auch übers Ziel

hinausschießen bis hin zur Verhaftung.

Da hat man dann Zeit,

sich mit seiner Zelle auseinanderzusetzen.

Da kommen dann

die Ideen von Kampf und Krieg.

Aber wofür? Für die Freiheit?

Die Erwachsenen sprechen über

Projektionen zu den Jungs, sind

real zunächst nicht existent.

Dann aber doch ein unglaublich

berührender Monolog des

Sohnes an der Hand des Vaters

über dessen permanente Abwesenheit

in Notlagen. Mit wem

spricht der Sohn da?

Und dann das leidige Thema

Weggehen, Disko, Party. Wo

sonst kann man sich bewähren?

Mit herrlicher Selbstironie

kommt aber auch zur Sprache,

dass man da über Kondomkauf

und dessen Peinlichkeit reden

muss. Die Choreografien oder

die Anmache übers Mikro zeigen

unmissverständlich die Distanz

der Spieler zur eigenen

Unbeholfenheit. Sie können

über sich selbst lachen.

Über Themen wie Altern kann

man dagegen nicht reden:

„Scheiß Thema“.

Reden wir lieber über Geld. Wenn

man nur welches hätte. Was

wäre wenn? Wenn der Traum von

100.000 € wahr würde? Ja dann

... mehr wird nicht verraten.

In „Almost Lovers“ vom Jungen

Schauspiel Düsseldorf kommen

alle Ängste und Nöte von

Jungs zur Sprache, alle Träume

und Hoffnungen. Sie sind nicht

mehr Junge und noch nicht

Mann, noch nicht Liebhaber,

Ehemann, Steuerzahler. Sie

bemühen sich und meistens

reicht es nur fast, nicht ganz,

im wahren Leben, über das sie

erzählen, singen und tanzen.

Auf der Bühne aber verschwindet

das „fast“. Da sind sie nicht

mehr „almost“, da sind sie

„ganz und gar“: überzeugend,

berührend, ironisch und durch

und durch ehrlich. Ein Genuss.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Stimmen zum Stück

+++ ein tolles eröffnungsstück, kurzweilig, da war viel drin +++ es

war laut und verraucht, unglaublich schön, vital und voller energie

+++ tolle choreografie +++ zu viele stereotype +++ manchmal zu viele

filmszenen, aber, was ich gerne mochte, waren die ganz kleinen

gesten, wie sie in der gruppe miteinander umgegangen sind und hier

noch die hand oder wie sie da vorne schüchtern die hände gehalten

haben +++ war richtig klasse, wirklich super, die tänze, die jungs,

von denen man denken würde, ihnen wäre es peinlich, so was zu

machen +++ ich freue mich, dass es immer mehr jungsstücke im

jugendtheater gibt, ich bin ein bisschen erstaunt, dass die söhne

unserer kriegsveteranen inzwischen auch auf den bühnen des jugendtheaters

angekommen sind +++ mich hat diese gewalterfahrung

berührt, die die jungs mitkriegen und dann diese irrationalen träume

mit medialem muster von aufstieg und absturz +++ bei aller komik

und bei aller explosion und vielfalt fand ich’s doch oft sehr berührend

+++ es hat mir gefallen, dass diese jungs, die eigentlich schon als so

ziemliche typen gesprochen haben, sich überwunden haben, auch

mal ihre weichen seiten zu zeigen +++ ich fand es sehr interessant,

dass sie schöne brüche hatten, bei denen sie mit klischees gut

umgegangen sind, mir hat es gefallen, dass sie den pathos genossen

haben +++ ich habe es sehr genossen, dass diese ganzen jungsklischees

aufgegriffen wurden, also dass damit gespielt wurde, und dann

wieder gebrochen, das fand ich sehr kraftvoll, weil das jungs selbst

durchmachen +++ mir gefällt die energie, mir gefällt die lust am

scheitern, die lust am blöd dastehen +++

23


Rezensionen

So fühlen sich Jungenträume an – von Sebastian Meineck

„Almost Lovers” vom Jungen

Schauspielhaus Düsseldorf war

eine Reise durch die Wünsche

und Träume von Jungs und halben

Männern. Das Bühnenbild:

eine Umkleidekabine, Spinde,

Handtücher, eine Bank, die

Jungs in Adidas-Streifen. Eine

Umkleidekabine, das ist auch

Zwischenraum, wie der Raum

vor dem Erwachsenwerden. In

ihrer Gang träumen die Jungs

davon, groß und stark zu sein.

Ihre Fantasien bauschen sich

auf wie der Nebel aus der Nebelmaschine,

der auf die Bühne

geblasen wird. Es spielt „Wild

Boys“. Sie legen eine Choreografie

hin, und schlagen mit

den Fäusten in die Luft. Man

denkt: Diesen Jungs ist alles

zuzutrauen. Dann bricht die

Musik plötzlich ab, und es heißt:

„Du musst dein Zimmer aufräumen!“

oder „Du musst das

Geschirr spülen!“ Schließlich

tanzt man doch nicht wirklich

durch die Straßen einer verruchten

Stadt. Man muss in die

Schule gehen und mit seinen

Eltern klarkommen und irgendwie

ein Mädchen finden. Der

Traum ist zerplatzt. Dieser Konflikt

zwischen Wunschtraum

und Wirklichkeit begegnet uns

in fünf, sechs, sieben Variationen

auf der Bühne. Immer wieder

gewinnt ein neuer Traum

Gestalt. Zum Beispiel der Traum

vom verführerischen Liebhaber,

oder der Traum vom Piraten

im heldenhaften Fechtkampf,

oder der vom Drachentöter,

dessen Krönung gefeiert wird.

Dabei geht es nicht darum,

sich in Klischees zu flüchten,

sondern ironisch mit ihnen zu

spielen. Und es ist eine Ironie,

bei der man nicht einmal weiß,

ob sie sich selbst meint oder ihr

Gegenteil. Es ist beides zusammen,

gespielt mit voller

Inbrunst und mit einem Augenzwinkern.

Es sind unwirkliche

Heldenbilder mit wirklicher Kraft

dahinter. Es ist das Material, aus

dem Jungenträume gemacht

werden. Einer der Träume

dauert am längsten. Die Jungs

kaufen sich eine Yacht und fahren

aufs Meer hinaus. Ein Boot

auf Rädern wirbelt über die

Bühne, ein Kapitän wird ernannt,

der Jubel ist groß. Doch

plötzlich bröckelt der Traum,

aber er bröckelt, ohne zu enden.

Das Essen wird knapp und

auch auf der Yacht muss geputzt

werden. Die Probleme

des Alltags erscheinen im

Traum. Fast hat man das Gefühl,

da kämpft eine andere Geschichte

um Aufmerksamkeit.

Vielleicht ist das ein anderes

Theaterstück, das für sich erzählt

werden will, aber das ins

flotte Tempo der Inszenierung

nicht ganz hineinpasst. Doch

schließlich geht auch der Traum

von der Yacht zu Ende, und wir

spüren: Es könnte eine unendliche

Geschichte sein, so lang

wie eine ganze Jugend.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Alles auf Probe – von Felix Kracke

Abgekämpft sehen sie zu Beginn

schon aus, hängen und

lungern im angedeuteten Raum

zwischen Umkleidekabine und

Fitnessstudio. Spinde und Bänke,

die später noch Schutzbunker

und Königsthron sein werden,

umgeworfen und malträtiert.

Der Start als Training. Inmitten

die jungen Wilden, die uns von

sich erzählen wollen, über Vorund

Heldenbilder, Vaterfiguren,

Über- und Unterdruck von

Männlichkeit, der sich aufstaut

und raus will, wenigstens: mitgeteilt

werden will. Die fidelen,

wachen, energetischen Düsseldorfer

machen das in einer losen

Szenenfolge aus intimen Momenten

und Monologen, gespiegelt

von Chorsequenzen und

durchchoreografierten Tanz-,

Musik-, Show-Intermezzi. Sie erzählen

von Schlägereien, Hausaufgaben,

natürlich Knast, in

dem die Angst vor dem Vater

größer ist als die Angst vor der

Justiz, von der Unmöglichkeit,

einen Liebesbrief zu schreiben,

der nicht falsch ist, der nicht

ist, wie schon vielfach gehört,

vom persönlichen Ringen zwischen

Selbstverwirklichung und

Selbstaufgabe. Dieses Ringen,

das man immer verlieren würde,

wäre da nicht die Möglichkeit

einer Ausflucht durch die Tagträumerei

(meinetwegen:

Fantasie), führt sie in Gefilde

der großen Vorbilder, führt sie

nach Hollywood und ins Zentrum

von Trash und Albernheit.

„Herr der Ringe” und

„Fluch der Karibik”, filmische

Schlachtengemälde legen die

Referenzen offen: Woher er

stammt und woraus er sich

speist, der hier über allem wabernde

und abgeschmackte

Begriff der Männlichkeit.

Diese Schlacht hat sich selbst

geschlagen.

Das sind die Klischees, die man

vielleicht erst mal durchleben

muss, um sie abzulegen. Das ist

ein Rückgriff auf Theater als

Form des kindlichen Spiels, der

Verstellung, wo man ein

Schwert greift und ein Krieger

ist, einen Mantel umhängt und

König sein kann. Es zeigt, dass

auch Geschlecht immer Spiel

ist, immer Annäherung und

Verhandlung. Alles auf Probe.

Ein Schiff kommt hereingefahren,

gekauft für zehntausend

Euro oder hunderttausend,

Geld spielt keine Rolle,

die szenische Fabulierlust der

jungen Fast-Männer findet ihren

Höhepunkt. Seefahrer-Romantik

ungebrochen. Das

wäre von der Vorlage eigentlich

zum Fremdschämen, zum

Sogehtdasdochnicht!-Rufen,

ist es aber nicht, weil die

Schiffsbesatzung, weil die Düsseldorfer,

weil sie ja selbst

hilflos sind, ehrlich und direkt,

weil sie suchen und vielleicht in

der szenischen Behauptung

erst etwas finden. Auch wenn

es ein Schiff ist. All das ist rasant

zusammengeschnitten

und collagiert mit Nebel, Gegenlicht

und Mikroverstärkung.

Macht Spaß und lässt die Zeit

verstreichen, wenngleich sich

mitunter ein Gefühl der Beliebigkeit

einschleicht. Der Selbstgenügsamkeit.

In den schwächeren

Momenten werden die

Emotionen damit größer gezogen,

als sie es bräuchten, in den

stärkeren, die von Fußstapfen

handeln, die zu groß sind und

bleiben, lenken sie das Augenmerk

auf ein Scheitern, ein Stocken

der Potenz, das Kraft hat.

Das Zusammensacken nach

der Kampfankündigung, nach

den Vätern, die in den Krieg

zogen und ziehen, ist so ein

Moment. Zurück auf Anfang,

diese Schlacht hat sich selbst

geschlagen. In dem Fitnessraum,

in dem alles begann, der

Vorbereitungsraum, Proberaum

ist, endet es wieder. „Wir

bemühen uns“, sagen sie als

Chormonolog, den es als Kommentarfunktion

wahrscheinlich

nicht gebraucht hätte, und

es klingt wie Entschuldigung

und Versprechen zugleich. Das

ist natürlich Nabelschau pur.

Aber wo sonst, wenn nicht hier?

25


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Parallele Welten – Die Insel

Ensemble Parallele Welten I – Theater Bielefeld

Samstag, 25. Mai 2013, 20:00 Uhr

Es spielten:

Simon Belte, Patrick Dietrich, Onur Erkus, Marwa El Sayed,

J amila Hutchinson, David Kasprowski, Lena Köppen, Delia

Kornelsen, Karolin Kronauer, Malice Musljiji, Gaye Mutluay,

Demokrat Ramadani, Liridone Ramadani, Natalia Schiano,

Christin Schneider, Band: Romina Wendker, Patrick Düwell,

Lukas Kluge

Regie und Ausstattung: Canip Gündogdu

Dramaturgie: Martina Breinlinger

Schreibwerkstatt: Nuran David Calis

Choreografie: Simon Wiersma

Grafik/Video: Alparslan Kale

Musikalische Leitung: Ramona Kozma

Co-Regie: Cornelia Rössler

Regiehospitanz: Anna Plätke

Bühnenbildassistenz: Laura Hohnerkamp

Gruppenportrait – von Lydia Dimitrow

FZ recherchiert: Ja, den Wikipedia-Artikel: „Bielefeldverschwörung“

gibt es wirklich, haha, kicher,

grunz. Die Gruppe des heutigen Abends,

die uns ihr Stück „Die Insel“ präsentieren wird,

setzt sich aber nicht nur aus Bielefeldern zusammen.

Sie sei eine „Drittelgruppe“: ein Drittel

Bielefelder, ein Drittel Theatergruppe aus Schloß

Holte (ist kein Schloss, heißt nur so), ein Drittel

Band (wo auch immer die herkommen). Aber

wie das bei berühmten Trios so ist (siehe Kelly

Family): Ohne ein Drittel sind die anderen beiden

keine Drittel mehr (oder so). „Ohne die

Band würden ganz viele Szenen gar nicht funktionieren.“

Insofern geht es bei der Bielefelder

Produktion vor allem ums Zusammenkommen,

nicht nur im Chatroom, sondern eben auch auf

der Bühne: Nochnicht-Schauspieler mit Schauspielern

mit Musikern mit Autoren. Denn nicht

alle, die Texte für das Stück geschrieben haben,

stehen heute auf der Bühne. Und nicht jeder

spricht den eigenen Text. Das hängt auch damit

zusammen, dass die Geschichten, die erzählt

werden, so persönlich sind. „Wir haben viel von

uns preisgegeben.“ Es geht in ihrem Stück auch

um die Frage, wie sehr man sich öffnen muss,

wenn man jemandem helfen will. Und wie anonym

das Internet eigentlich wirklich ist oder

sein sollte. „Wir wollten auch zeigen, dass Anonymus

gar nicht allein ist mit ihren Problemen,

obwohl sie das immer denkt.“ Aus all dem geht

hervor: Es wird gern gekuschelt in Bielefeld! FZ

sagt: Weiter so! Denn wir kuscheln auch gern.

27


Die Jury zur Auswahl – von Sebastian Stolz

Weiß ist die hellste unbunte

Farbe. Weiß ist physikalisch

gesehen keine eigene Farbe,

sondern entsteht durch die

Überlagerung aller Spektren

des Lichts. Weiß ist somit die

„Summe aller Farben“...

Weiß. Es ist weiß da draußen,

die Winterlandschaft glänzt

von Ost nach West. Die Reise

geht nach Bielefeld. Angekommen.

Es beginnt der Einlass mit

einer kleinen Band und melancholischen

Gitarrenklängen.

Weiß. Die weißen Gartenstühle,

auf die wir uns setzen, knacken

nach kurzer Zeit. Hin und

wieder sackt ein Zuschauer ab,

reißt es uns schon jetzt vom

Hocker? Weiß. Der weiße Raum

mit von der Art sich unterscheidenden,

aber weißen Stühlen

wirkt steril, unschuldig und ruft

nach Geschichten. Im Nebenraum

ein Ensemblekampfschrei,

dann treten sie herein.

Weiß. Die Spieler in weißen Kleidern

und Anzügen, bestückt mit

nur einem roten Detail. Rot erinnert

an Blut, wie Weiß an Nichts.

Ein kleines verletzliches Detail,

ein Schluck Lebensdurst will sich

seinen Weg in eine leere, noch

unbeschriebene Welt bahnen.

Eine weiße Spielerwand beginnt

von der Rampe chorisch zu erzählen,

von ihren Vorfahren

und deren Reise nach Deutschland,

aber auch von Verwandten

in anderen Ländern. Amerika,

Schweden, Gran Canaria,

Kaukasus, Deutschland, Ex-Jugoslawien,

Russland, Kosovo,

Schweiz, Ostdeutschland. „Wir

kommen zwar alle von hierher,

aber ich glaube, es zieht uns in

die Ferne“, sagt ein Mädchen.

Die Spieler verschwinden. Federn

fallen. Eine Stimme aus

dem Off erklingt, sie klingt

traurig, erzählt vom Fliegen.

Egal. Die Insel ist erreicht und

alle sind im Chat. Nullen und

Einsen sortieren das Netz, die

Musik schrammelt los. Wer

passt zu wem? Welche

Kombination zieht sich an,

stößt sich ab? Individualisieren

oder vereinheitlichen? Skype,

Facebook, Youporn & Co. Sie

nehmen sich den virtuellen

Raum und hoffen auf Freiheit,

auf eine Spielwiese. Wieder unterbricht

die Stimme aus dem

Off, es ist Anonymus: „ … ich

habe keine Freunde ...“, der Rest

verbündet sich und spielt los.

Skypen mit der Familie im Ausland.

Das Netz überbrückt Distanzen

und macht uns alle zu

einer globalen Familie. Der

nächste Stuhl bricht. Anonymous

verkündet seine Selbstmordabsichten,

es verbleibt

nur eine Stunde zum Handeln.

Die anderen User der Insel diskutieren

im Chat, Ersatz oder

Evolution. Die Uhr tickt und

plötzlich droht das Netz ein

Raum zu werden, in dem der

Handlungsspielraum eingeschränkt

ist, Anonymus scheinbar

unerreichbar, ihr Selbstmord

unaufhaltsam. Anonymus

„sucks“ und die Spieler tanzen

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


und singen mit ihrer Lebensfreude

gegen Anonymus´ „shitstorm“

an. Dennoch bröckelt

die „Happy World“, Anonymus

fordert Reibung, eine Haltung,

Wahrheit und Geständnisse. Es

wird sich geoutet, diskutiert

über Religion, die große reine

Liebe – es wird existenziell. Das

Ensemble spielt, singt und bewegt

sich mit einer beeindruckenden

Souveränität und

Durchlässigkeit. Sie nutzen eine

einfache, aber wirksame Theatralik.

Der ernste Ton wird mit

leidenschaftlichen Musikeinsätzen

und viel Humor gebrochen,

mündet in simpler Poesie,

die Gitarre leicht gezupft und

verträumt. „Du musst Spuren

in der Welt hinterlassen“, das

ist anstrengend, wie der Spagat

zwischen zwei Welten, den

parallelen Welten. Mein Stuhl

knackt, er droht zu brechen.

Die Anonymen Ausländer reiten

auf Klischees, zerspielen sie

und füllen das Integrationspaket.

„Deutsche sind …“, ich habe

keine Ahnung, was deutsch ist.

Das Ensemble verrät es mir und

rappt vom Sauerkraut. Die Ironie

erreicht mich. Die Figuren suchen

nach Identität, ihrer Identität.

Was ist mitzunehmen aus

der einen und der anderen Welt?

Ich frage mich nach meinen

parallelen Welten, bin ich echt

deutsch, auch wenn ich seit

Monaten kein Sauerkraut auf

dem Teller hatte? Bin ich schon

integriert, nach 24 Jahren Mauerfall?

Ich esse lieber asiatisch

als deutsche Hausmannskost,

habe ich mich damit aus kulturellen

Kontexten segregiert?

Noch 20 Minuten und Anonymus

wird sterben. Religionen

verschmelzen und es riecht

nach gegrilltem Steak; jedenfalls

glaube ich, es mir einzubilden.

Tatsächlich, ein Grill

erobert die Bühne. Es gibt Buletten.

Essen im Netz, eine

schöne Zukunftsvision. Wieder

prallen Geschichten auf Anonymus,

der Spiel- und Erzähllust

kann man sich nicht entziehen.

Gelüste und Sehnsüchte brechen

heraus, um wirklich zu leben

musst du in eine parallele

Welt, in die Vergangenheit oder

einfach an die frische Luft.

Dort herrscht Sommer und die

kosovarischen Kühe stehen

friedlich auf dem Berg. Anonymus

bleibt unbeeindruckt, die

letzten 10 Minuten ticken. Es

bleibt die Entscheidung für die

eine oder die andere Welt oder

eben nur unsere Träume. Musik,

Vollgas, Endspurt, dann Stille.

Anonymus hat sich ausgeloggt

oder ausgeknockt? Mein Stuhl

hält, genau wie dieses so sympathische

und kräftige Ensemble:

„Hallo Welt, ich bin Du und

Du bist ich …“

29


Stimmen zum Stück

+++ schöne szenen zum thema herkunft und identität +++ ich fand interessant,

dass sie den selbstmord zum roten faden gemacht haben +++ voller

leben und drama und humor +++ verwirrend +++ ich fand, es entspricht dem

wirklichen leben +++ gelungener musikeinsatz +++ zu viele klischees +++ ein

bisschen langweilig +++ ich hab ein stück darüber gesehen, wie du in zwei

welten leben kannst, aber auch zwei welten in dir sein können, und darüber,

wie dich das manchmal auseinanderreißt, aber auch darüber, wie sich

wieder alles harmonisch zusammenfügen kann +++ abgegriffene thematik +++

super bühnenbild +++ gut gespielt +++ ich habe nicht oft stücke mit jugendlichen

gesehen, aber ich habe mich gefragt, ob die ideen auch alle von den jugendlichen

selbst kamen +++ das thema internet ist einfach super +++ sie

haben im stück einfach viele bekannte probleme noch einmal formuliert,

aber ich hätte mir gewünscht, dass sie zeigen, wie einzelne menschen damit

umgehen +++ mich würde sehr interessieren, wie sie auf schaukel, baum und

grill gekommen sind +++ mir war die umsetzung zu technisch, zu künstlich

+++ sehr persönlich +++ richtig viele schöne bilder +++ zu viele worte +++ ich

fand es schwer, reinzukommen, aber als dann dieser religionsclip kam, hat es

mich echt gepackt +++ den gesang fand ich am besten +++ sie haben zu sehr

versucht, uns toleranz einzuhämmern, das war mir nicht subtil genug +++

die stelle, an der sie alle gleichzeitig die zuschauer angesprochen haben, war

am besten +++

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Rezensionen

Nur eine Randnotiz – von Lydia Dimitrow

Die Frage ist doch auch: Macht

man das noch? Hängt man mit

14 (bzw. 14–23) in irgendeinem

random Chatroom ab? Ist

Jugendlichen Anonymität im

Internet nach facebook und

studiVZ noch ein so großes

Bedürfnis? Man nimmt dem Bielefelder

Ensemble trotz allen Aktualitätsbemühungen

(Familientreffen

via Skype, Nacktfotos,

die plötzlich überall auf facebook

sind) diesen Erzählanlass

nicht so ganz ab. Wenn es ein

Internetthema gäbe, das

Jugendliche wirklich umtreibt

– wäre es dann wirklich die Gruppendynamik

in irgendeinem

Chatroom? Das Stück lässt diese

Fragen offen, da die Themen

Internet und Chat sich schon in

der ersten Hälfte der Inszenierung

wieder verlieren. Es soll

eben doch eigentlich um andere

Dinge gehen, um Familie,

Traditionen, um Anderssein,

um die Frage, wer man ist oder

besser: Wer man sein will.

„Parallele Welten“ heißt die

Stückreihe des Theater Bielefeld,

zu der „Die Insel“ gehört.

Die Figuren berichten von einem

Leben mit mehreren Welten,

mehreren Kulturen. Aber

kann es parallele Welten tatsächlich

geben? Ist man mal in

der einen, mal in der anderen?

Bewegt man sich nicht in Wirklichkeit

immer in mehreren

Welten gleichzeitig? So abstrakt

wie diese Überlegungen hier

erscheinen, bleiben sie leider

auch im Stück. Die Texte sind so

sehr im Allgemeinen und im Klischee

verhaftet, dass die Figuren

auf der Bühne wenig greifbar

werden. Sie wollen „Altes

beibehalten und Neues übernehmen“.

Aber was heißt das

genau? Man müsse sich jedenfalls

irgendwann zwischen den

Welten entscheiden, sagt eine

der Figuren, und wenn man darüber

nachdenkt, so ist das

doch ein ziemlich trauriger

Satz. Denn wie sähe so eine

Entscheidung aus? Wenn Deutsche

ständig Sauerkraut essen

und Bier trinken, wie es im Stück

heißt – ist dann Schluss mit Nasi

Goreng? Es bleibt oft unklar in

der Bielefelder Produktion, wo

der Ernst aufhört und die

(Selbst-)Ironie anfängt. Hoffentlich

irgendwo vor dem Rap,

der mit der Moral endet, Deutsche

ärgern lohne sich nicht.

Wahrscheinlich aber nicht vor

dem rätselhaften Rumi-Video-

Clip. Die Spieler singen, tanzen,

rappen und spielen mit Leidenschaft;

man spürt, dass sie dem

Publikum so viel sagen wollen,

so viel zeigen, so viel erzählen

wollen – und eben deswegen ist

es schade, dass so viele Elemente

der Inszenierung so wenig

mit ihnen zu tun zu haben

scheinen. Man hätte gern mehr

von ihnen gesehen, ganz fern

von Chatroom, Allerweltsklischees,

Religionspotpourri und

Selbstmordthematik.

31


Über Gott und die Welt – von Felix Kracke

Die Jugend des neuen Jahrtausends

als sinnlos plappernde

Korona, Nonsens erzeugende

und verbreitende Schar der Gesichtslosen,

sexuelle und gewalttätige

Perversionen, überhaupt:

das Ende der

zwischenmenschlichen Kommunikation,

das Aussterben der

Menschheit. So oder so ähnlich

hat man es sich wahrscheinlich

vorgestellt, als es hereinbrach,

das Internetzeitalter. Mit all

seinen Chatrooms und Foren,

den Social Networks, diesen

Lautsprecher-Portalen für bisher

Ungehörte. Es kam alles

anders und doch ganz ähnlich.

Das Klischee jedenfalls blieb bis

heute: Der anonyme Chat room,

in dem junge Menschen aller

Herren Länder Tag für Tag aufeinandertreffen,

um einfach

mal über Gott und die Welt zu

reden. Auch in der Produktion

des Theater Bielefeld werden

auf virtuellen Boden die Neurosen

gepflanzt, welche dieser

Vorstellung des modernen

Menschen entgegenkommen:

geografische und soziale Entwurzelung,

die Sehnsucht nach

Kontaktaufnahme, Geltungsdrang.

Eine von ihnen, Anonymous,

kann das nicht mehr ertragen,

kündigt an, sich

umzubringen. Die Chatgruppe

bricht auseinander. Eine Debatte

entspinnt sich über das

Für und Wider, die Vorzüge und

Schönheiten der irdischen Existenz.

Unterlegt mit Live-Musik

der Band (ist die eigentlich

auch im Chat room?), szenisch

gestaltet in bildhaften Formationen

und choreografischen

Abfolgen. Die Musik, Worte,

Bewegungen sind kurze Äußerungen

im Massenchat: Sie

ploppen auf, verschwinden,

werden kommentiert, weiter

geht’s. Ein Appell an das Leben.

Schade, dass wir von diesem

Leben, dem der Jugendlichen

und ihrer Umgebung so wenig

erfahren. An seiner Stelle stehen

Allgemeinplätze und

Natur fantasien, idealisierte

Ideen des Lebenswerten. Ein

bisschen wirkt es, als wäre es

die Generation der Mütter und

Väter, die hier über Jugend -

probleme spricht. Als wäre es

ihr Schreckgespenst Internet,

das spukt, ihre Sprache, die

spricht: Junge Menschen unterstellen,

ihnen wäre jemand

„auf den Schlips getreten“ und

Anonymous soll nach „Ene

meene meck”-Prinzip aus dem

Chat geworfen werden. Spannend

sind die Momente, in denen

etwas aufscheint von dem

persönlichen Zugriff der gut

aufgelegten Darsteller auf diese

großen Themen, wenn in Gameshow-Manier

die schlimmsten

Diskriminierungserfahrungen

geteilt werden sollen zum Beispiel;

das ist frisch und spielfreudig.

Oder wenn die Homosexualität

mit „Verstehste? Ein

Typ und noch ein Typ.“ kommentiert

wird – ein Satz, der

schwingt. Das so genannte anonyme

Internet bietet die Möglichkeit

der Zweitexistenz, der

künstlichen und künstlerischen

Erhöhung, kann das zu Tage fördern,

was in uns unbemerkt

blieb; was raus will, die Fantasie

treibt. Davon hätte ich

gerne mehr gesehen.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


hell erzählen

Freie Jugendtheatergruppe Hellersdorf des Theater o.N., Berlin

Sonntag, 26. Mai 2013, 20:00 Uhr

Es spielten:

Nathalie-Michelle Bremer, René Bresinski, Paul Figur,

Paul-Justin Forche, Stefan Huras, Jass Köhler, Lara Maier,

Melisa Munack, Pia Ziehe

Regie: Cindy Ehrlichmann

Dramaturgie: Dagmar Domrös

Ausstattung: Martina Schulle

Musik: Gerhard Schmitt, Minas Suluyan

Choreografie: Mandy Pfennig

Stimmbildung: Caroline Intrup

Gruppenportrait – von Sebastian Meineck

Die Hellersdorfer sind im Haus! Sie sind zwischen

11 und 15 Jahre alt, und sie sind „alle bisschen

gaga“. Jedenfalls sagen sie das von sich selbst.

Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis das Theater

ohne Namen das Ensemble geformt hat. Vielleicht

sind sie sogar so was wie eine Familie geworden.

Aber eine mit all dem Trubel, der zu einer

richtigen Familie dazu gehört. Ob es sie

nervös macht, im Haus der Berliner Festspiele

aufzutreten? „Na, wir sind in Berlin zuhaus!” sagen

sie unverblümt. Da macht es auch nix, die

Jüngsten auf dem Festival zu sein. Kaum sind

zwei Tage vorbei, schon haben sie eine Menge

neuer Freunde gefunden. Ein bisschen aufgeregt

sind sie natürlich schon. So groß war das Publikum

noch nie. Mehr als doppelt so viele Leute wie

sonst! Hellersdorf gesteht: „Das ist ganz was

Neues.“ Aber auch was Schönes. Es ist ein intimes

Stück, und einige der Geschichten stammen

aus dem richtigen Leben. Wer aufmerksam

lauscht, der wird den Jungs und Mädels sehr

nahe kommen. Die Hellersdorfer sind gespannt,

welche Kraft das Stück in einem so großen Raum

entwickelt. Was kann denn das Publikum machen,

damit die Aufregung ein bisschen kleiner

ist? Die Antwort: Gut gelaunt sein!

35


Die Jury zur Auswahl – von Maike Plath

„Ich kenn’ böse und gute Menschen.

Ich kenn' Ghettos und

Nobelviertel. Ich kenn’ Liebe

und Hass.” (Needy)

Wie ist es im Stadtteil Hellersdorf?

– „Vielleicht nicht der

schlimmste Bezirk, aber schon

Ghetto – dezent asozial halt.”

(Jass, 15 Jahre)

Kulturelle Bildung ist ein Muss.

„In Deutschland wachsen fast

vier Millionen Kinder unter 18

Jahren, also mehr als ein Viertel

dieser Altersgruppe, in mindestens

einer sozialen, finanziellen

oder kulturellen Risikolage

auf, die ihre Bildungschancen

schmälert.” (Annette Schavan,

frühere Bundesbildungsministerin).

Der Regisseur René Pollesch hat

in seinem letzten Stück Brecht

zitiert: Dass man am Ort der

Niederlage bleiben soll, weil

man da was lernen kann. Und

dass man sich hüten soll vor dem

Ruhm. Denn der sei der Niedergang,

der Anfang vom Ende.

Es gibt nicht viele unter uns, die

den Mut haben, am Ort der

Niederlage zu bleiben. Dort, wo

man am meisten lernen kann.

Cindy Ehrlichmann, Dagmar

Domrös und neun Jugendliche

aus Hellersdorf haben diesen

Mut. Und harren aus – bis aus

Widerstand, Zweifel und unermüdlicher

Suche dann plötzlich

ein künstlerisches Statement

wird.

„hell erzählen” ist ein kleines

Wunder. Oder ein großes. Weil

neun Jugendliche aus Hellersdorf

sich auf eine Welt einlassen,

die ihnen vollkommen fremd ist,

weil sie ihre Skepsis und ihre

Ängste überwinden und Vertrauen

fassen in eine kleine

Gruppe von Künstler/ -innen,

die ihnen einen Weg durch das

Gestrüpp der alltäglichen Katastrophen

weisen – und zwar

ausschließlich über die Mittel

der Kunst.

Hier soll niemandem „geholfen”,

niemand therapiert werden. Das

Ziel der gemeinsamen Arbeit

ist ein künstlerisches Produkt

− nicht mehr und nicht weniger.

Was passiert, wenn sich

beide Seiten auf einen künstlerischen

Prozess einlassen? Die

erste Voraussetzung dafür ist

wohl der wahre Mut zum Risiko

des Scheiterns.

„Heute ist der Tag der Niederlage.

Laut sein müssen. Brüllen.

Den Gesichtern entgegenhalten,

dass man gleich keine Lust

mehr auf die Probe hat. „Reiß

dich zusammen!”, „Konzentrier

dich!”, „Lass das!” Wann habe

ich diesen Feldwebelkurs gemacht?

Jetzt bekommen die

Jugendlichen, was sie kennen:

Eine überforderte Erwachsene,

die sie anbrüllt und ihnen im

Minutentakt rückmeldet, was

sie alles nicht können. Das galt

es doch zu vermeiden. Das war

doch meine Mission.”

Das schreibt Cindy Ehrlichmann

in aller Offenheit über die Momente

des Zweifelns im Prozess.

Umgekehrt wird es die Jugendlichen

aus Hellersdorf

irritiert haben, dass „Theater”

nicht immer das war, was sie

sich unter „Theater” vorgestellt

hatten. Vielleicht auch, dass

diese Arbeit ihnen mehr abverlangte,

als sie zunächst bereit

waren zu geben. Disziplin, Zuverlässigkeit,

Konzentration und

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


oft auch Arbeitsweisen, die ihnen

gänzlich fremd erschienen

und die in ihnen deshalb zunächst

Widerstände erzeugten.

Wir alle neigen schließlich dazu,

das Fremde zunächst einmal

skeptisch zu betrachten…

Warum aber sind diese Jugendlichen

den Weg bis zur Premiere,

bis zum herzklopfenden „Sich-

Zeigen” vor Publikum gegangen?

Wie ist es ihnen gelungen,

ein Theater stück zu entwickeln,

das seine eigenen, künstlerischen

Mittel in direktem, persönlichen

Austausch miteinander

ertastet und mit der daraus

resultierenden Ausdrucksstärke

und persönlichen Unmittelbarkeit

den direkten Weg zum Zuschauer

findet?

Cindy Ehrlichmann schreibt:

„Die Jugendlichen, mit denen

wir arbeiten, sind einzigartig,

stark, mutig und unmittelbar.

Sie sind Überlebenskämpfer.”

Offensichtlich hat hier eine Begegnung

statt gefunden, die es

allen Beteiligten ermöglicht

hat, sich über Gefühle der

Fremdheit und der bloßen Zuschreibungen

hinweg zu setzen.

Aus „Das sind die „Jugendlichen

aus Hellersdorf” und

„Das sind die komischen Künstler

aus Prenzlauer Berg” ist eine

beiderseitige Verwunderung

über die mögliche Nähe geworden.

Über die Möglichkeit, etwas

anderes zu sehen, als das

vermeintlich Offensichtliche.

Eine Verwunderung über die Erkenntnis,

dass sowohl die „komischen

Künstler” als auch die

„Hellersdorfer Kids” einander

tatsächlich in gleichen Teilen

etwas geben können, das beiden

Seiten vorher für ihr „Weltbild”

– für ihr Verständnis von

Welt − gefehlt hat. Über den

Widerstand, den Zweifel und

das vorsichtige, aber unermüdliche

„Sich-Einlassen” auf das

Fremde, fand jede und jeder in

dieser Gruppe am Ende zu sich

selbst und gleichzeitig zum

Ganzen − zu ihrer Geschichte.

Genau das vermittelt sich dem

Zuschauer in „hell erzählen”

auf leisen Sohlen und mit voller

Wucht. Wir sehen selbstbewusste,

junge Menschen, die

uns klar in die Augen schauen

und sagen: „Das bin ich”, und

die uns an innere und äußere

Orte führen, die wir kennen.

Und die uns berühren. Alles, was

wir in „hell erzählen” auf der

Bühne sehen, wirkt zutiefst persönlich

und gleichzeitig allgemeingültig.

Wir erfahren nicht

nur etwas über diese Kinder,

sondern vor allem etwas über

uns selbst und den gesellschaftlichen

Zustand, in dem wir

leben. „hell erzählen” ist damit

in seiner kleinen, leisen Privatheit

großes politisches Theater.

37


Stimmen zum Stück

+++ mir hat’s unglaublich gut gefallen: die geschichten, die erzählt wurden, die

musik, die pappkartons, aus denen gebaut wurde (häuser und heime), der spielerische

charakter +++ beeindruckend +++ schön und ehrlich +++ bewegend +++

ich fand beeindruckend, dass sie so eine klare form gefunden haben +++ ich

habe seit langem nicht mehr so einen guten chor gesehen +++ mir hat das musikalisch-rhythmische

gefallen +++ begeistert +++ mein sozialarbeiterherz hat

hoch geschlagen, und mein theaterpädagogenherz hat noch höher geschlagen:

weil man hier gesehen hat, dass man mit theater menschen dazu bringen kann,

ihren alltag und ihr umfeld wahrzunehmen und zu sagen: ich will etwas verändern.

und das ist doch toll, dass sie das können, dass sie sich vor hundert leute

stellen und sagen: das bin ich, das kenn ich, das ist mein alltag, und das finde

ich scheiße, und ich will mich verändern +++ krasse geschichten +++ es war aber

auch ein bisschen erwartbares problemkieztheater +++ das stück hat mir hoffnung

gegeben +++ auch wenn die texte manchmal aufgesagt gewirkt haben,

fand ich es trotzdem beeindruckend, dass sie sich trauen, ihre eigenen geschichten

zu erzählen, so viel von sich preiszugeben +++ die direktheit war toll,

mit der die jungs und mädchen gesprochen und sich dargestellt haben +++ sie

haben mich in ihren alltag mitgenommen +++ diese pappelemente waren toll

+++ ein stück mit ganz viel rhythmik und power +++ ich fand sie so sympathisch,

weil sie einfach sie waren +++

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Rezensionen

Spiel im Spiel – von Anna Theresia Bohn

Die Idee, die „eigene Biografie

und die eigene Identität als

gleichzeitig relevant und veränderbar”

wahrzunehmen, ist in

der Form des Spielens im Spiel

realisiert. Vom „Das bin ich”-

Vorstellungsspiel zur „Reise

nach Jerusalem” bis zur selbst

gespielten Musik. Dabei dient

als Grundelement des Spiels

das Pappe-Rechteck, das je

nach Bedarf kreativ umfunktioniert

wird zum Versteck für

Musikinstrumente, zum Sitz,

zum Bauglied, zum Rahmen für

das Gesicht. Was ist der Charakter

dieses Spiels? Zum einen

treten Flexibilität und Dynamik

in den Vordergrund: Im Spiel

kann vieles geschehen, was unvorhergesehen

war. Zum anderen

liegt der Fokus auch auf der

Methodik und der Struktur als

tragende Stützen des Inhalts:

Die Spielregeln haben Gültigkeit

und beeinflussen die Handlungen

der Spielenden. So wird

gemeinsam aufgebaut, gemeinsam

zerstört. Es entstehen

Räume, in denen Möglichkeiten

so lange durchgespielt

werden, bis jede Version ihre

berechtigte Bühnenpräsenz

hat. Dies alles lebt vom Charme

der Ehrlichkeit, der Authentizität.

Im Spiel liegt jedoch immer

auch die Spannung zwischen

Realität und Fiktionalität. So

behauptet beispielsweise die

Figur in ihrer Rolle, schwarze

Haare zu haben, der Spieler

aber ist blond. Dabei zuzusehen,

ist unterhaltsam. Gleichzeitig

wirft das Spiel den Zuschauenden

auf sich selbst

zurück: Wie kann ich mit den

Problemen, die im Spiel sowohl

ernst als auch humorvoll

anskizziert werden, umgehen,

wenn es nicht unbedingt unmittelbar

meiner Lebensrealität

entspricht? Alkoholtherapie,

Eifersuchtsmord und Gewalt

sind Spielanlässe, keine Therapieeinblicke.

Von diesen Geschichten

ist man berührt,

ohne dass Betroffenheit diktiert

wird. Dies gelingt schlau

durch die Hinweise der Fiktionalität

des Spiels, in welchem

Verhältnis die Fiktionalität

auch immer zur Realität stehen

mag. Die Beziehung von Biografie

zur Rolle bleibt dadurch

selbstverständlich unklar und

lässt den Zuschauer als Zuschauer

zurück, der das Spiel

wie ein staunender Voyeur beobachtet

oder ist es die Einsicht

der Überforderung?

39


Kein Luftschlossstück – von Lydia Dimitrow

Da gibt es Markierungen auf

dem Boden wie in einer Turnhalle.

Neun Jugendliche sitzen

neben oder hinter kastenartigen

Papprahmen. Da wird geschminkt,

geknüpft, gestrickt.

Dann fängt alles an mit einem

Spiel: Stuhltanz, nur ohne Stühle,

dafür mit den Papprahmen,

und wer sich zu spät einen greifen

kann, ist nicht nur einfach

raus, sondern muss sich erst

vorstellen. „Ich bin Lilly. Das bin

ich. Ich bin hübsch, aber vielleicht

bin ich auch ein bisschen

hässlich.“ Die Figuren, die dort

auf der Bühne erschaffen werden,

wollen von sich erzählen.

Davon, wie sie sich selbst sehen,

von ihren Wünschen und

ihrem Alltag, von dem, was sie

kennen: „Ich kenn’ Kleinsein

und Großsein“, „ich kenn’, wenn

gar nichts mehr geht“, „ich

kenn’ Sport, ich kenn Shoppen,

ich kenn’ Ämter und Heime“. Ihre

Sprache ist klar und pointiert,

immer wieder sehr poetisch und

gut durchrhythmisiert; und

genau das hält am Ende das

Pathos fern, die Allgemeinplätze

und die Betroffenheitsbeklemmung,

die sich so leicht

einschleichen, wenn es um Alkoholismus

geht, um Jugend -

gefängnis und Therapiestunden.

Die Figuren machen keinen

Hehl daraus, dass Gewalt und

Einsamkeit zu ihrem Alltag

gehören. Ein Spieler sagt: „Ich

hasse mein Zuhause.“ Aber was

sie dann doch am meisten

stört, ist, dass es jeden Tag

„immer dasselbe“ ist, dass sich

das Leben wie eine Einbahnstraße

anfühlt, jeder mit seinen

eigenen Problemen ringt, kein

Ausweg in Sicht ist. Und dann

hat die Angst der einen davor,

von den Mitschülern ausgenutzt

zu werden, weil man

immer die Beste ist, plötzlich

genauso viel Gewicht wie die

Angst der anderen davor, ins

Heim zu kommen. Ihr gemeinsames

Fazit ist: „Etwas muss

sich ändern!“ Und auf der Bühne,

im Spielen kann genau diese

Veränderung stattfinden.

Etwa, wenn alle Spieler gemeinsam

trommeln, und nach

und nach jeder einzelne aus

diesem Einerlei-Rhythmus mit

wildem Getrommel und dem

Schlachtruf („Etwas muss sich

ändern!“) aussteigt; wenn

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Geschichten einfach neu erzählt

werden („Das Ende gefällt

mir nicht!“) und wenn man

Träume auf der Bühne so erzählen

kann, dass sie fast wahr

klingen: Needy wird im Shoppingcenter

von Universal Music

entdeckt, und dass sie wirklich

singen kann, zeigt ihre Darstellerin

Jass – „We could have had

it all“. Insofern ist die Hellersdorfer

Produktion vor allem

auch eine kleine Liebeserklärung

ans Theater, ans Spielen,

denn auf der Bühne ist alles

möglich, kann Wirklichkeit neu

erschaffen werden, und das vor

allem zusammen. Und so geht

die Kraft des Ensembles natürlich

vor allem von ihrem Zusammenspiel

aus – wenn sie gemeinsam

stampfen, springen,

tanzen (Gangnam Style und

Wuttanz), Papprahmentürme

stapeln und Musik machen, mit

Melodika, Cajón, Xylophon, Gitarre.

Trotz aller Träume, allem

Mut zur Veränderung und aller

Utopie – am Ende ist „hell erzählen“

kein Luftschlossstück.

Die Spieler rufen im Chor: „Aber

wenn es nur so einfach wäre!“

Es ist nicht so einfach. Auch

nicht nach dieser wunderbaren

Produktion, die nichts glattbügelt,

sondern auch Brüche zeigt

und das Schwierige, der es gelingt,

mit so reduzierten Mitteln

und so vielen geschickten Spielanweisungen

so viel zu erzählen.

41


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Lochland

poco*mania, Theatergruppe Käthe-Kollwitz-Gesamtschule,

Grevenbroich Montag, 27. Mai 2013, 20:00 Uhr

Es spielten:

Elisabeth Riahi Dehkordi, Deborah Habicht, Tasha Helten,

Oliver Hilden, Roxana Hünnekens, Maxi Jatzkowski, Kamilla

Anna Kleiner, Tom Radermacher, Marco Schichtel, Monique

Schubert, Jasmin Schulz

Regieteam: Axel Mertens und Ensemble

Assistentin: Miriam Poppke

Technik: Marcel Röber, Mike Peitz,

Dominik Schotten

Videos: Marcel Röber, Klaus Stimpel

Bühne: Klaus Stimpel

Gruppenportrait – von Anna Theresia Bohn

Zum Glück hat es die Theatergruppe nicht verschluckt

und so finden sich die elf Spielenden zusammen

mit ihren drei Technikern heute auf der

Bühne wieder, auf der sie alle gemeinsam als Ensemble

der kleinen Manie mit Bewegungsdrang

live den regionalen Sterbeprozess der Dörfer

märchenhaft in die größere Nationalgeschichte

namens Kapitalismus einbinden. Im letzten September

formte sich die „geile”, „harmonische”

Gruppe an Schülern, geleitet von einer Ehemaligen.

„Wir haben uns alle verliebt”, beichten sie

uns. Bei Bier. So fiel es ihnen leicht, sich zu entscheiden,

die Erzählungen ihrer Biografie als politisches

Anliegen zu inszenieren. Mal etwas Anderes

als das „alte Thema Liebe”. Die tägliche

Konfrontation mit dem Kohleabbau, der ständige

Blick auf die Kraftwerke, die sich schwarz färbende

Wäsche und die Umsiedlungsschicksale

von Oma und Opa dienen als Inhalte des Stücks.

Dabei möchte es das Ensemble jedoch nicht belassen;

sie suchen die Konfrontation mit ihren eigenen

Wissenslücken. Was passiert da eigentlich

wieso und was heißt das für wen? Diese Fragen

versuchen sie durch Interviews mit Betroffenen

sowie durch Eigenrecherchen vor Ort zu klären.

Was den 10.- bis 13.-Klässlern bei den Proben dabei

immer wieder wichtig blieb, war, sich in der

spielfreudigen Gruppe den Potentialen des Theaters

zu nähern. Dabei ist vor allem das multimediale

Experimentieren mit dem Thema von Interesse.

So fuhren poco*mania durch die Dörfer und

nahmen alles mit der Kamera auf: Sie dokumentieren

das Reale, holen im Medium ihre Interviewpartner

auf die Bühne und wollen uns mit live zusammengemischter

Technik beeindrucken.

Daumen drücken! Eine für Nicht-Regionale ungewohnte

Sprache ist nun in Berlin zu hören: Von

„Löchern” und „Schluchten” ist die Rede. Davon,

dass sie an „mein” oder „dein” angrenzen. Davon,

dass solche „Löcher” auch zu einem „mein”

oder „unser” werden können, so präsent sind sie

in der Lebensrealität. Besitzergreifend. Davon,

dass sie sich erweitern und unbekümmert verschlucken.

Dass sie eigenständig wie Personen

agieren. Eine unheimliche, destruktiv lebendige

Umwelt. Wir hören vom „Sterbeprozess” der Dörfer,

dessen Dauer wie bei einem Patienten in Monaten

angegeben wird. Diesem Themenkomplex

nähert sich das Ensemble auf mehreren Ebenen.

So soll die Struktur des Märchens genutzt werden.

Und gleichzeitig sind da die Wut und der Zynismus.

Es tun sich Abgründe auf. Heute Abend

werfen wir einen Blick hinein.

43


Die Jury zur Auswahl − von Sepp Meißner

Wenn die Meinungstyrannen

und Ranking-Junkies aus dem

bunten deutschen Blätterwald

feststellen, dass deine Heimatstadt

die dreckigste des Landes

ist, dann ist es an der Zeit, sich

zu wehren. Früher wäre man ja

auf die Barrikaden geklettert,

hätte sich vor Firmeneingängen

postiert und alle möglichen

Schmähparolen skandiert. Die

Verursacher von derlei Schandmalen

mussten gebrandmarkt,

mussten zur Verantwortung

gebracht werden.

Nichts von alledem lauten Trara

führen die Grevenbroicher

Jugendlichen von der Käthe-

Kollwitz-Gesamtschule im

Sinn. Sie haben schon viel früher

gespürt, dass sich in ihrer

Heimat Beängstigendes auftut

– ein Loch nämlich. Und dieses

Loch wird um der Braunkohle,

um der ach so dringend benötigten

Energie willen nach und

nach Wälder, Felder, Höfe,

Häuser, Dörfer, Städte, Existenzen

verschlingen, Geschichten

vernichten. 1000 Jahre altes

Kulturland muss dem Fortschritt

weichen.

Solange wir von den Großprojekten

dieser Welt, sei es in Brasilien,

China oder sonst wo, nicht unmittelbar

betroffen sind, haben

wir schnell vernünftige Sachzwänge

zur Entschuldigung parat.

Sobald poco*mania uns

aber diese perfide Grausamkeit

mit der Harmlosigkeit einer

Märchenerzählung aus „Lochland“

näher bringt, erwirken sie

tiefe Betroffenheit, decken sie

die Boshaftigkeit des realen

Handelns bis hin zu dessen Zynismus

schonungslos auf.

Ihr Protest ist ein ganz stiller,

ein unschuldiger, aber ein um

nichts weniger eindringlicher.

Sie wissen sehr wohl, dass sie

mit ihren Eltern im Dilemma

stecken. Wer hackt schon die

Hand ab, die einen füttert?

Und dennoch zwingt das unmittelbare

Miterleben zu verantwortungsvoller

Darstellung

dessen, was die vielfältige Recherche

bei den Betroffenen zu

Tage befördert hat.

Und so erleben wir einen Bilderbogen

von rücksichtslosem Vorgehen,

von berührenden Verlusten,

von stillen Schmerzen. Da

mag sich der Großkonzern noch

so bemühen, das Gefühl, über

den Tisch gezogen, der Kindheitserinnerungen

beraubt,

entwurzelt und in gleichförmige

Reihenhaus siedlungen

umgetopft zu werden, lässt

sich nicht vertreiben. Die finanziellen

Vorteile der Konzerne

sind nicht zu leugnen, Plünderer

und Gaffertourismus tun ein

Übriges, den Betroffenen die

Würde zu nehmen. Die Aussicht

auf renaturierte blühende

Landschaften zum Schwimmen,

Segeln oder Kanufahren klingen

da wie blanker Hohn.

Mit einer Vielzahl unterschiedlicher

theatraler Mittel geht die

Gruppe zu Werke. Da steht Satirisches

neben derber Komik,

Lyrisches neben Plakativem, Videoeinspielung

neben Klanginstallation,

Puppenspiel neben

personalem Spiel. Auf diese

Weise erhält jede der 15 Szenen

einen ihr angemessenen Charakter,

um schließlich in archaischer

Form das böse Märchen

vom Verlust der Heimat zu erzählen.

Damit werfen die Grevenbroicher

eindringlich grundsätzliche

Fragen nach unserem

Umgang mit Umwelt und uralter

Kultur auf.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Stimmen zum Stück

+++ gut, nicht sich selbst zum thema zu nehmen, sondern

etwas, für das man sich engagiert +++ politisch +++ gute

aufarbeitung eines ernsten themas +++ großartiger

wechsel von ernst und humor +++ unterhaltsam +++ von

anfang an volle schauspielerische leistung auf der bühne

+++ wunderschöne sprache +++ erfrischend, eine andere

thematik als nur die spieler auf der bühne zu sehen +++

berührend +++ schöne bühnenbilder haben wir da erlebt,

beispielsweise wie sie die bilder aufgehängt haben und

schnell die leinwand aufgebaut haben +++ ich habe mich

oft gefragt, ob das noch theater oder schon film ist +++

so viele medien wurden verwendet +++ bisschen zu sehr

hollywood +++ geniales bühnenbild +++ die politik wurde

hier auf die bühne geholt, mit allen potentialen, die dadurch

entstehen, und einigen gefahren, die sich ergeben

+++ langatmig +++ voll betroffenheit +++ schwierig +++

brechttheater +++ heftig! ich hatte noch nie vom thema

gehört und war völlig überrascht und emotional bewegt

+++ seltsamer abspann +++ selten habe ich so lustiges

politisches theater gesehen +++ gute metaphern +++ beeindruckend

+++ ich hoffe, die lochländer können noch

lange so fröhlich am theater arbeiten +++

45


Rezensionen

Ein Märchen über das Verschwinden – von Margarita Iov

Tosenden Applaus gab es gestern

für „Lochland“ von

poco*mania der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule

aus Grevenbroich.

Das Ensemble erzählt

uns ein zynisches Märchen

über den Kohleabbau im Ruhrgebiet,

der langsam dahin

schwindenden Heimat der Darsteller.

Auf dem Grund des

Lochs leben die Geld scheißenden

Wolkenmacher. Eine böse

Fabel, die leider wahr ist. Im

Grunde: Theater nach Brecht,

klassische Verfremdungseffekte

wie die grotesk komisch gespielten

Dialoge, stark übertriebenes

Mienen und Gestenspiel, Sprechchöre,

karikaturhafte, gogoleske

Figuren (die Absperrer), Schilder

(„Gott ist schon weg“). Das

Stück hat haupt sächlich wegen

der starken schauspielerischen

Leistung der Darsteller und dem

starken Medieneinsatz so gut

funktioniert: Reibungsloser und

schneller Kulissenumbau, einfache,

aber wirkungsvolle Effekte,

atmosphärische Kamerafahrten

durch die Straßen

nicht mehr existierender Orte,

sphärischmelancholische Musik,

zum Teil sogar live eingespielt.

Tatsächlich hätte es

auch mit etwas weniger Aufwand

genauso gut funktioniert.

Aber das Wesentliche an „Lochland“

waren die Inhalte, nicht

die Mittel. Das junge Ensemble

hat sich an eine originelle und

interessante Thematik herangewagt,

die nicht direkt mit ihrem

Alltag zu tun hat, aber dadurch

nicht weniger persönlich

ist. Das Loch erinnert an das

„Nichts“ aus der unendlichen

Geschichte. Es wächst und wandert

und verschluckt Häuser,

Tiere, bald ganze Dörfer, es

drängt die Menschen aus ihren

Häusern und das geht nahe. Die

persönlichen Schicksale älterer

Anwohner werden in einem kurzen

Dokumentarfilm vorgestellt,

in dem sie von der erzwungenen

Umsiedlung er zählen. Einziger

großer Patzer des Abends war in

meinen Augen der Abspann, der

gut gemeint war, das Anliegen

aber aus irgendwelchen Gründen

noch mal direkt formuliert

und ein bisschen zu sehr auf die

Tränendrüse gedrückt hat.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Apokalypse Loch – von Anna Theresia Bohn

Von Beginn an ist die Bühne ein

visuell ästhetisch komponiertes,

simples Bild: An einer

schwarzen Stellwand werden

eingerahmte Fotos aufgehängt;

Außen- und Innenansichten,

Kraftwerke und leere

Stühle in verlassenen Häusern.

Die eingerahmten Erinnerungen

werden im Laufe des Stückes

gewendet, sodass aus den

Rahmen junge und alte Augen

der Betroffenen auf die Zuschauenden

blicken. Auch

wirkt ein vor dem Gesicht gehaltener

Bilderrahmen als Erzählrahmen

für die Spielenden.

Das alles ist visuell sehr ansprechend.

Nur das Loch sieht man

nicht als Fotografie. Es bleibt

die unheimliche Frage: Wie

sieht es wirklich aus? Was ist da

drin? Diese Ungewissheiten

verleihen dem Loch eine lebendige

Kraft, eine Eigendynamik,

die das Stück antreibt. Das politische

Anliegen wird variiert,

künstlerisch gestaltet. Die

Spielenden nähern sich diesem

Thema mal durch verfremdende

highpitch-Stimmen, mal

durch grotesken Zirkus, mal

durch bitteren Zynismus, mal

durch Kasperle-Theater und

immer wieder auch mit ernstem

Dokumentationsanspruch.

Die vielen Perspektiven, die dadurch

auf das Thema gerichtet

werden, verhindern, dass das

Stück sich reduzieren lässt auf

die simple Forderung nach Betroffenheit.

Im Gegenteil: Hier

soll ein synästhetisches Erfahren

geschaffen werden. Das

Engagement von poco*mania

besteht darin, akustisch, visuell

und biografisch das Thema der

einstürzenden Erde – bedingt

durch den Kohleabbau – auf die

Bühne zu bringen. Alle Sinne

ansprechen. Man hört den

Wind, das erdige Geräusch des

sich ausweitenden Lochs.

Schnell wird dabei das Kernproblem

der Anschaulichkeit des

Lochs klar thematisiert: Kein

Märchen und keine inszenierte

Imagination kann ein adäquates

Bild erschaffen. Es geht

poco*mania um die Lebensrealität

in diesem Szenario. So

stellen sie fest, „jetzt sind sie

alle fort, unsere Lieblingsplätze“.

Es geht um die Denk- und

Lebensweise, um die sozialen und

psychologischen Auswirkungen

47


auf die betroffenen Menschen.

Wie ist das Leben mit der drohenden

Präsenz des Lochs? Um eine

Erklärung für das Geschehen zu

finden, wird sich im Spiel an der

Struktur des Märchens orientiert.

So wird die Figur des dummen,

profitgierigen Königs eingeführt.

Weitere Kunstfiguren

werden erdacht. Ein Wolkenmacher

wird entdeckt. Kapitalismus

und Stoffwechsel werden

in Verbindung gebracht:

Kohle, im doppelten Wortsinn,

trifft auch die doppelte Schuld,

zum einen durch den Abbau des

Rohrstoffes und zum anderen

durch den finanziellen Profit.

Das Erzählen wird genutzt, um

Hoffnungen einen Ausdruck zu

geben, „jetzt kommt das Wunder“,

um das Gespielte danach

zu kommentieren und in seiner

Fiktionalität zu entlarven. Immer

wieder werden die Szenen

beendet, indem die Leinwand

aufgebaut wird, um in Farboder

Schwarz-Weiß-Aufnahmen

zu White Noise eine Fahrt durch

die verlassenen Dörfer zu führen.

Eine Gespensterstadt mit

zugewachsenen Verkehrsschildern.

Beschmierungen, Ruinen,

unwirklich wirkende Skelette

der Windräder. Apokalyptische

Landschaften. Bei all dem kristallisiert

sich die Tragik des unwiderruflichen

Abschieds heraus:

„Irgendwann ist alles weg,

was mal war“. Am Ende wird der

ernste, politische Anspruch

deutlich. Eine Betroffene erzählt,

„meine Heimat ist ein

Loch und irgendwann ein Baggersee“.

Die Tatsächlichkeit des

Geschehens wirkt umso bedrückender

vor den humorvollen

Szenen zuvor. Auch erinnern die

Nahaufnahmen des Rauches

aus den Kohlekraftwerken an

Alexander Kluges Katastrophen-Kürzestfilme.

Crescendo.

Die Musik wird voll aufgedreht,

die geographischen Muster der

Ackerfläche werden hinausgezoomt,

bis die Welt in ihrer Totalität

gezeigt wird. Im Anschluss

ein Abspann mit der

Widmung an die betroffenen

Dörfer, eine alphabetisch geordnete

Liste, die den Zuschauenden

überfordert. Die das

Anliegen am Schluss leider

überzeichnet. Es wird versucht,

die Zukunft in Fakten zu begreifen.

Das Loch wird weiterwachsen.

Es wird ein 27m² großer

Restsee übrigbleiben. Stark ist

die Intention des Abspanns

deutlich, unmittelbar appellierend.

Man muss sich fragen:

Wie gehe ich nun damit um?

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


99 Prozent

spinaTheater − junges ensemble solingen

Dienstag, 28. Mai 2013, 20:00 Uhr

Es spielten:

Fabian Bauer, Johannes Berkholz, Aylin Cam, Caroline

Heiner, Lena Mergard, Julia Nau, Daphne Sassin,

Marie Stute, Dustin Weber

Regie: Christoph Stec, Jan-Marco Schmitz

Choreografie: Gabriela Tarcha

Kostüme: Marie Stute

Stimmbildung: Corinna Elling-Audersch

Gruppenportrait – von Margarita Iov

Das junge Ensemble des spinaTheaters aus Solingen

besteht aus neun Spielern und Spielerinnen

zwischen 16 und 21, die privat gar nicht so politisch

sind, wie man nach einem Blick ins Programmheft

vielleicht denken könnte. Denn heute

Abend wird es um Revolution gehen und um die

wachsende Schere zwischen Arm und Reich. „99

Prozent“, ein in Eigenregie (Christoph Stec, Jan-

Marco Schmitz) und nach dem Leitbild des demokratischen

Theaters produziertes Stück, beschäftigt

sich kritisch mit sozialen und

politischen Fragen. Hauptsächlich mit der Frage,

wie viel uns ein Krieg am anderen Ende der Welt

eigentlich angeht. Daran mitgeschrieben hat

jeder, gearbeitet wurde in Collagentechnik. Die

neun gehen das Risiko des partizipativen Theaters

selbstbewusst ein und gehen heute Abend

entspannt auf die Bühne. Eine Reaktion wird es

auf jeden Fall geben, sagen sie. Auf die Frage, ob

es denn heute Abend eine waschechte Revolution

geben würde, antworten die Solinger geheimnisvoll

lächelnd: möglicherweise ja! Was wir heute

ganz bestimmt zu sehen (und zu hören!)

kriegen, ist Empörung. „Raushalten geht nicht“,

schreibt Jurorin Carmen Waack. „Wer den Raum

betritt, gehört unweigerlich dazu.“ Also um 20:00

Uhr, ab in den Saal und sich anstecken lassen!

51


Die Jury zur Auswahl – von Carmen Waack

„Schlag zurück! Schlag zurück!

Schluck’s nicht – spuck’s aus,

schlag zurück!

Mit Worten, mit Fäusten, mit

Lachen, mit Schreien – Es gibt

tausend Wege, finde deinen.“

Früchte des Zorns

99%

Neunundneunzig Prozent ist

knapp einhundert Prozent,

aber eben nicht ganz. Neunundneunzig

Prozent ist eine

Drohung und ein Versprechen.

Neunundneunzig Prozent ist

eine Sammlung.

Neunundneunzig Prozent ist:

Ein Papierflieger, der in einen

Turm stürzt, der Beginn des

Kampfes gegen den unsichtbaren

Terrorismus, eine stürzende

Mauer, ein flackerndes Herz,

die Freude über einen Burger,

der weniger als einen Euro kostet,

oder auch nicht, Waffen,

die sechs Wände Stahlbeton

durchbrechen, zu Hause im

Wohnzimmer sitzen, während

die Welt ringsum immer gewalttätiger

wird, „Hol die Ellenbogen

raus – Bück dich hoch“,

eine Runde Mitleid in der

Mitleid erregendsten Show

Deutschlands mit der kleptomanischen

Karo und der mickrigen

Marie, ein abgeholzter

Wald, tote Küken, Kindersoldaten,

die Forderung, dass die

Welt aufhört, einem ein

schlechtes Gewissen zu machen:

Man will nicht wissen,

welche Kinderhände die eigenen

T-Shirts genäht haben, wie

ein Actionfilm, in dem schon

längst alles explodiert wäre,

eine Huldigung an die Lebensmittelkonzerne

dieser Welt,

(Geheiligt werden eure Marken!),

wie der Song „Wenn mal

mein Herz unglücklich liebt“,

das Versprechen von „No more

nightmares“, die Vermutung,

dass keiner wohl Lust haben

wird, so lange zu warten, bis

ein Hungerstreik vorbei wäre,

die Chance, „Tabu“ zu spielen

mit Kevin Normalverbraucher,

die Gewissheit darüber, dass

wir unsere Ärsche hochkriegen

müssten, um die Welt zu retten,

(doch dazu sind wir viel zu

faul!), wie mit der Heckenschere

auf die Schokoregale im Supermarkt

loszugehen, mit dem

Feuerzeug das Öl anzünden,

neunundneunzig Prozent ist ein

Schlag zurück...

Aber, um erst mal die Grundlagen

zu klären: Neunundneunzig

Prozent ist ein offenes Stück!

Das heißt, wer will, kann mitmachen.

Es ist jederzeit möglich,

sich zu beteiligen.

Jede und jeder ist also gefragt,

dieses Stück mitzugestalten und

zu den 99% das hinzuzugeben,

dass zu den hundert Prozent

vielleicht noch fehlt. Raushalten

geht nicht. Wer den Raum betritt,

gehört unweigerlich dazu.

Die Grenzen verschwimmen:

Politische Versammlung oder

Lecture-Performance, aktuelle

Nachrichtencollage oder Folterkabinett,

Tanz oder satirische

Revue, Showeinlage oder

künstlerisches Experiment? Wie

immer, wenn die klaren Linien

zwischen Genres und Veranstaltungsformen

verschwimmen,

entsteht etwas ganz Besonderes:

Die Bewusstwerdung des

Live-Momentes, die Frage nach

der individuellen Mitverantwortung

aller Anwesenden für

eine Situation, die Verdeutlichung

der Ko-Präsenz zwischen

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Performer/-innen und Zuschauenden,

die nur das Theater

herstellen kann, das Involviert-Sein,

das Sich-nichtentziehen-können.

Bei 99% geht es also um die

Frage nach Teilhabe und Beteiligung.

Im Theater, im Privaten

und im Politischen. Wann bewegst

du dich? Wann unterschreibst

du eine Petition?

Wann spendest du für Kinder,

die T-Shirts nähen oder Waffen

tragen? Wann schwimmst du

gegen den Strom? Wann stehst

du auf und brüllst aus Leibeskräften:

„Ihr könnt mich alle

mal am Arsch lecken. Ich lass

mir das nicht länger gefallen!?“

Die Gruppe vom spinaTheater

hat ihren Weg gefunden, zurückzuschlagen.

Angeleitet von

zwei ehemaligen Spielern entwickelt

sie im kollektiven Verfahren

eine Inszenierung, die

Mut macht. Die Gruppe wütet

ungehemmt im multifunktionalen

Bühnenbild aus immer

wieder neu zu kombinierenden

Pappkartons, die mal als ordentliche

Wand dem Publikum

die Sicht auf die Bühne

versperren, mal zum Schlachtfeld

werden. Auch die Kostüme

sind einfach und unaufdringlich.

Ein zerrissenes Abendgewand

und ein rotes Kleid

werden symbolträchtig. Im

Vordergrund steht immer die

direkte, unverstellte und energetisch

aufgeladene Spielweise

der einzelnen Akteur/-innen.

Sie verausgaben sich, rennen,

toben, proklamieren, schreien,

singen, musizieren, tanzen, riskieren,

improvisieren und tun

selten so als ob. Die Spieler/-

innen wollen (immer mit einem

geschickten Augenzwinkern),

dass auch ihr Publikum richtig

wütend wird. Dieses Experiment

gelingt.

Und das Herz – ein Muskel in

der Größe einer Faust – schlägt

höher, wenn das Theater von

jungen Menschen so viele Fragen

stellt, eine so große Formenvielfalt

entwickelt und

ein so facettenreiches und

selbstreflektiertes Bild einer

Generation widerspiegelt.

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Stimmen zum Stück

+++ mutig ist, dass man grenzen überschreitet, auch im theater:

man muss das publikum beeinflussen, und das schafft dieses

stück auf jeden fall +++ kraftvoll +++ man war die ganze zeit

im stück drin, man konnte jederzeit mitmachen, wenn man

wollte, und das ist eine idee, die in jedes stück gehört +++ leider

hat keiner das human mic ausprobiert +++ stimmung einer

revolution +++ sie haben dieses durcheinander einer revolution

gut abgebildet, indem sie zum beispiel die kisten immer wieder

verschoben haben +++ spielfreude +++ unglaubliche körperspannung

+++ wunderschöne tanzszenen +++ sehr körperlich

+++ ich hab in diesem stück keine auseinandersetzung gesehen,

die irgendetwas neues gebracht hätte +++ ich weiß nicht, was

sie hätten machen können, um mich zu wirklicher empörung

zu bringen, ich hab mich jedenfalls nicht empört – vielleicht,

weil sie so empört waren +++ ich hab das politische vermisst,

weil ich keine positionen gesehen habe +++ ich fühlte mich an

einigen stellen erpresst: ich möchte nicht, dass sich menschen

meinetwegen schlagen lassen +++ mit der szene, in der das

mädchen geschlagen wurde, wurde wirklich erreicht, was gesagt

wurde +++ das mit den nettotüten war richtig krass, ich

hatte richtig angst, dass sie ersticken +++ die haben ihre

message (kritik an den medien) so unglaublich konsequent

rübergebracht +++ alles blieb plakativ an der oberfläche +++

haben sie die thematik wirklich verstanden? +++ ich hab selten so

viel qualität im jugendtheater gesehen und selten so große

bilder, auf die man sich so einlassen kann +++

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Rezensionen

Wanted: Offenheit – von Lydia Dimitrow

Es ist so schön, wenn sie tanzen.

Immer wieder baut das

spinaTheater in seine Inszenierung

stimmige Choreografien

ein; die Spieler tanzen ganze

Songs oder lassen eher nebenbei

gemeinsame Bewegungsmuster

ins Stück einsickern. Die

sind gut geprobt und nicht kitschig,

suggerieren dieses ironische

Augenzwinkern, diesen

provokativen Unterton, die Kritik

oft vor Plattheit bewahren.

So zum Beispiel, wenn sie zu

Deichkind eine Art Ausbeutungschoreografie

tanzen:

„Bück dich hoch! Komm steiger

den Profit! Bück dich hoch!

Sonst wirst du ausgesiebt!“ Das

sieht gut aus und macht Lust

auf mehr (viel mehr!). Ein Vorzug

dieser Tanzparts ist allerdings

auch ganz einfach, dass

die Spieler in diesen Szenen

nicht sprechen. Denn die überraschende

Kraft, die diese

Tanzszenen haben und die einen

gewissen Assoziationsraum

eröffnen, fehlt den Argumenten

des Ensembles, und so

passiert inhaltlich wenig Interessantes

an diesem „99

Prozent“-Abend. Es geht ihnen

um Ungerechtigkeit und Unterdrückung,

um die Fehler im

System und um selbstzerstörerisches

Inkaufnehmen viel zu

vieler Dinge. Aber eben viel zu

viele Dinge sind es auch, die das

(vielleicht vermeintliche) Interesse

der Spieler ausmachen;

von Massentierhaltung bis Kindersoldaten

ist alles dabei, nur

geht bei diesem Topic-Dropping

die Möglichkeit auf inhaltliche

Tiefe und echte Auseinandersetzung

schlicht verloren.

Das wäre auch gar nicht so

schlimm, wenn „99 Prozent“

ein Stück über einen Diskurs

wäre, über einen Weltverbesserungsdiskurs

zum Beispiel oder

darüber, warum so viele nichts

an dem ändern, worüber sie

sich beschweren. Aber es

scheint dem Ensemble aus Solingen

doch viel mehr am Herzen

zu liegen, dass das Publikum

sich mit ihnen empört,

richtig wütend, mit ihnen

kampfbereit wird.

Und das ist wahrscheinlich das

größte Problem der Inszenierung:

dass sie so viel vom Publikum

will. Die Zuschauer sollen

Geld geben, Tabu spielen, aufstehen

und sagen: „Ihr könnt

mich mal am Arsch lecken!“ Mit

dieser Forderung öffnet und

schließt das Stück: „Ich will,

dass ihr aufsteht und sagt – ihr

könnt mich mal am Arsch lecken!“

Am Anfang steht niemand

auf, am Stückende fast

der ganze Saal. Aber ist das

jetzt als Erfolg zu verbuchen?

Wenn 300 Leute aufstehen und

brüllen: „Ihr könnt mich mal

am Arsch lecken“? Das ist weder

provokativ noch neu und

wirkt mehr wie etwas, das man

andernorts als Stimmungsmache

oder Agitation bezeichnen

würde. Und will man das beim

Theaterbesuch? Politik hin oder

her, niemand wird gern instrumentalisiert,

auch nicht im

Theater. Das spinaTheater

macht gleich zu Anfang ein

Versprechen, das es am Ende

nicht einlöst: „Unser Stück ist

offen.“ Da gebe es ein Mikro,

das die ganze Zeit an sei; jeder

könne jederzeit hingehen und

hätte dann eine Minute Zeit,

seine Meinung zu sagen. Da ergeben

sich schon beim Konzept

die ersten Probleme: Wenn

man ein „offenes“, ein „demokratisches“

Stück machen will

– warum haben die Spieler dann

so viel Zeit, ihre Meinung zu äußern,

wie sie wollen, und die

Zuschauer nur eine Minute?

Wer macht die Regeln? Wozu

braucht man überhaupt Regeln?

Das viel größere Problem

ist aber, dass es im Stück gar

keinen bewusst eingeräumten

Raum für diese Meinungsäußerung

gibt: „99 Prozent“ ist so

durchinszeniert, mit Lichtwechseln,

Multimediashow und

jeder Menge Musik – an welcher

Stelle sollte sich da das Publikum

einschalten? Das Vorhaben

wirkt nicht aufrichtig, allein

schon, weil man sich als

Zuschauer oft gar nicht ernst

genommen fühlt: „Da das relativ

lange gedauert hat, machen

wir erst mal was Lustiges

55


mit euch“ – wer seinem Publikum

eine so geringe Belastungs-

und Aufmerksamkeitsspanne

unterstellt, kann doch

auf keinen echten Dialog aus

sein? Dann soll die Pseudo-Offenheit

mit einem gemeinsamen

Tabu-Spiel unterstrichen

werden (gesuchte Begriffe:

Wettrüsten und Joseph Kony),

aber wäre echte Offenheit

nicht eher, wenn die Spielkarten

nicht nur vom Ensemble kämen,

sondern auch vom Publikum?

Aber auf so viel Risiko,

wie dass dann themen irrelevante

Begriffe wie Blumenvase

aufkämen, will sich die Produktion

dann eben doch nicht einlassen.

Das Ensemble will Geld

sammeln für ihre Theatergruppe.

Dafür soll ein Mädchen so

lange geschlagen werden, bis

die Zuschauer zusammen 70

Euro gezahlt haben. So offen,

dass das Geld, das tatsächlich

dabei zusammenkommt und

angeblich über 70 Euro beträgt,

öffentlich gezählt wird, sind die

Spieler dann auch nicht. Das

Publikum muss die Behauptung

einfach mal glauben und weiß

eigentlich auch nicht, was genau

denn mit dem Geld gemacht

werden soll. Stattdessen

gibt es noch eine verbale Backpfeife,

denn das Ganze habe

„ja relativ lange gedauert”.

Sieht diese Intransparenz nicht

genauso aus wie die, mit der

man sich im täglichen Leben so

oft konfrontiert sieht und die

das Ensemble eigentlich kritisieren

will? Man kann Machtstrukturen

schlecht kritisieren,

indem man selber welche

schafft. Geld für die eigene Sache

unter Androhung von Gewalt

einzufordern, nennt man

Erpressung. Und von jemandem

verlangen, die Meinung

eines anderen mit einer Masse

laut in den Raum zu rufen (“mic

check!”), hat mehr mit Instrumentalisierung

als mit Befreien

zu tun. Es hätte ein tolles Tanzstück

werden können, die Produktion

des spinaTheaters. Und

vielleicht auch noch viel mehr,

weil da fähige und engagierte

Schauspieler auf der Bühne

standen. Aber dann hätte man

erst anerkennen müssen, dass

Wut vielleicht ein erster Schritt

ist, aber nicht der ganze Weg.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Wir sind gekommen, um. – von Felix Kracke

Meterhoch und -breit steht uns

die aus Pappkartons gestapelte

Mauer entgegen, die eingerissen

werden soll und wird. Es ist

eine Mauer von Vielen. Die aus

Berlin natürlich, ganz konkret,

aber auch die vielzitierten Mauern

in Köpfen, Sinnbild für Widerstand

und Dekonstruktion.

Eine Mauer ist dann Mauer,

wenn sie sich zerlegen lässt,

wird zum steinernen Bild des

Stachels, der dem System gezogen

werden soll. Viele Beispiele

ließen sich dafür finden,

gleich zu Beginn werden uns via

Ton- und Videoeinspielungen

Referenzräume eröffnet: der

erwähnte Mauerfall, Live-Berichte

aus Demonstrationsbewegungen,

Nine/Eleven. Das

Versammlungsgesetz wird verlesen,

jetzt endlich: Der Einsturz

im Gegenlicht. Ein fulminantes

Bild. Die Zielsetzungen

des Solinger spinaTheaters sind

klar: Es soll sich empört werden

und aufgeregt, der scheinbar

erloschene Zorn neu aufgegossen.

Die titelgebenden 99 Prozent

sind wir, die sich nicht

mehr unterdrücken lassen wollen

vom Patriarchat des einen

Prozent. Es geht gegen die Abholzung

des Regenwaldes, Kindersoldaten,

Massentierhaltung,

Ausbeutung bei H&M,

Datenschutz, die EuroKrise: Es

geht eigentlich um alles, politische

Tabula rasa. Die Generation

Facebook, die wir sein

sollen, wird an ihr Thema herangeführt:

Sie liken und sharen,

werfen sich auf jeden Zug, der

medial vorbeirauscht, sind Follower

jeder revolutionären Bewegung

und kreisen doch nur

um sich selbst. Damit solle jetzt

Schluss sein, die politische Müdigkeit

soll einer Frischzellenkur

unterzogen werden.

Das geschieht in kurzen, wütenden,

direkten Monologen, in

denen sich hauptsächlich aufgeregt

wird. Über McDonalds,

Nintendo, über die Schwierigkeit,

eine Aktivistin zu sein. Es

geschieht auch im angedeuteten

Talkshowformat, „Eine

Runde Mitleid“, in welcher der

Moderator seine armseligen

Kandidatinnen und Kandidaten

sich mal so richtig ausheulen

lässt über dies und das. Für 30

Sekunden, dann ist Schluss.

Auch Ackermann bekommt

sein Fett weg. Der mittlerweile

ehemalige Vorsitzende der

Deutschen Bank wird zur Abziehfigur

seiner zockenden,

existenzvernichtenden Bänker-

Clique. Im Abzählreim wird seilgesprungen,

die Millionen steigen,

wer stolpert, der fliegt. So

schnell und bilderreich erzählt

sich das Stück, die Mauerkisten

werden aufgestapelt und

herumgeschoben, werden Versteck,

Gefängnis, Fernseh-

Tisch. Auch Tanzeinlagen fehlen

nicht, beispielsweise zu

Deichkinds „Bück dich hoch“,

eine stylish choreografierte Absage

auf die Mechanismen der

Arbeitswelt (macht Spaß). Und

es wird gesungen: „Das Herz ist

ein Muskel in der Größe einer

Faust“ – mit den Früchten des

Zorns aus dem heimischen AZ

auf die Theaterbühne. Alles ist

wunderbar anzusehen und

musikalisch unterlegt, stellenweise

fantastisch, eindringlich

gespielt. Und auf der

Stelle tretend. Wo führt sie hin,

die Ausformulierung der eigenen

Unfähigkeit, Revolution

machen zu können (aus diversen

Gründen)? Ich denke, dass

im künstlerischen Prozess eine

Art Gegen-Logik entwickelt

werden kann, die über eine rationale

Logik hinausgeht, die

darüber hinausgeht, einfach

alles auf die Bühne zu tragen,

was einem zu einem Thema in

den Sinn kommt. Das wird zudem

problematisch, wenn die

Tendenz eines Sozial- und Gewaltpornos

entsteht. In Netto-

Tüten werden Menschen erstickt,

ein Mädchen so lange

geschlagen, bis das Publikum

70 € für das Theater spendet.

Das weist auf nichts als Plattitüden

hin, ist Selbstzweck und

angewiesen auf die emotionale

Wirkung dieser Drastik. Die

Spielweise wird als eine partizipative

verkündet, Eingriffe seien

jederzeit möglich. Wahlweise

durch das offene Mikrofon an

57


der Bühnenrampe oder durch

das sogenannte Human Mic,

der verkörperte Lautsprecher.

Aufstehen, „Mic Check“ sagen,

seine Botschaft an die Bühne

richten, und das Publikum

skandiert mit. Das mit der Partizipation

ist natürlich hanebüchener

Unsinn: Eine Form wird

nicht dadurch geöffnet, dass

man es behauptet. In dem

extrem geschlossenen Ablauf

des Abends ist kein Eingreifen

möglich. Unvorstellbar, dass jemand

während einer Tanzszene

die Bühne betritt, um seine

Meinung über den Syrien-Konflikt

kund zu tun oder seine Eltern

zu grüßen. Das Machtmonopol

der Bühne wird nie

abgegeben, höchstens Statist

dürfte man werden. Es ist ja

auch gar nicht klar, was überhaupt

gesagt werden soll. Das

offene Mikro als leere Geste. Es

geht weiter. Das Publikum soll

jetzt allerhand machen. Tabu

spielen, Papierflieger fangen,

irgendwas auf die Bühne brüllen

und eben 70 Euro sammeln: Das

ist Publikums-Instrumentalisierung,

Effekte-Macherei. Ohne

dass eine ironische oder intellektuelle

Brechung stattfindet

oder überhaupt etwas erzählt

wird. Protest als Form wird genau

zu dem medialisierten

Kunstprodukt, das vermieden

werden soll, zu einer Beschäftigungstherapie

ohne Sinn und

Richtung. Die Forderung an

sich, man solle wütend werden,

sich engagieren, klingt pädagogisch

und ist politisch unterkomplex.

Das Publikum wird

pennälerhaft belehrt und seiner

Eigen ständig keit beraubt.

In dem Aufruf, ich solle „Ihr

könnt mich alle mal am Arsch

lecken!“ brüllen, von über dreihundert

Mündern begleitet,

komme ich mir veralbert, nicht

ernst genommen vor. Das ist

keine politische Äußerung, die

anarchisches Potential hätte,

aufrührerisches, die etwas freisetzen

würde, was vorher blockiert

lag: Das ist Dressur. Meine

Meinung zur EU, zu H&M, zur

Wirtschaftskrise passt nicht

auf ein Plakat, lässt sich nicht

in „Ihr könnt mich alle mal am

Arsch lecken!“ zusammenfassen.

Ich möchte das „Ihr“ genauso

wenig teilen wie ein

„Wir“. Ich möchte nicht an der

Erzeugung einer identitären

Gruppe beteiligt sein, die so

nicht existiert („die Jugend“,

„die Mächtigen“). Dann geschieht

das, was immer Gefahr

läuft, zu geschehen, wenn blinde

Wut, ungestümer Aktionismus

versucht, Politik zu machen.

Die suggerierte Politikmüdigkeit

ist also vielleicht gar keine und

die Jugend gar nicht unpolitisch,

sondern im Gegenteil

sehr wach und sich den komplexen

Strukturen der Gegenwart

bewusst. Es ist super, dass

Ihr wütend seid, ich glaube

wirklich an Zorn als wichtigen

Motor für Kunst und Politik,

aber nehmt mich nicht in Geiselhaft.

Ich will mich nicht belehren

lassen. Ich habe meinen

eigenen Zorn.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Romeo und Julia sehr frei nach William Shakespeare

Parkaue-Club 4, Theater an der Parkaue –

Junges Staatstheater Berlin

Mittwoch, 29. Mai 2013, 20:00 Uhr

Es spielten:

Maxim Andrijenko, Leon Blaschke, Julius Christodulow, Lina

Gasenzer, Tobias Klee, Lea Mattenklotz, Lucie Oelschläger,

Hannah Rolletschek, Yolanda Rüchel, Joelle Schindler

Regie: Joanna Praml

Dramaturgie: Anne Paffenholz

FZ Portrait – von Luna Ali

„Psssst. Nein. Verratet nichts.” Sie spielen wirklich

„Romeo und Julia.” FZ bestätigt: Das ist kein

Scherz. Die wichtigsten Szenen werden in 33 oder

35, vielleicht auch in 36 Minuten aufgeführt. Julius

beispielsweise spielt die Nachtigall und Tobias

den Balkon. Felix und Hannah, die angeblich was

miteinander haben, gibt es gar nicht. Denn sie

haben alle was miteinander. Es ist ein Stück über

Liebe, weil sie jeden betrifft. Amor spielt auch

mit. Normalerweise machen die Parkauer biografische

Stücke, aber dieses eine Mal wollten sie

mal ein anderes, richtiges Stück inszenieren. FZ

fragt: Warum das alte Liebesstück? Die Berliner

antworten: „Da wurden die Jungs von den Mädchen

überstimmt. Eigentlich basiert „Romeo und

Julia” auf unserer Geschichte.“ Überhaupt sind

sie eine große Liebesgemeinschaft. Das Schicksal

führte sie vor fünf Jahren zusammen. Während

dieser langjährigen Beziehung haben sie bereits

viele Stücke in die Welt gesetzt, weitere folgen

(passend zu „Romeo und Julia” lautet das

nächste Thema „Sterben“).

61


Die Jury zur Auswahl – von Klaus Riedel

„Romeo und Julia“, neben

„Hamlet“ wohl das berühmteste

Stück Shakespeares, die berühmteste

Liebesgeschichte

der Weltliteratur, über dreißigmal

verfilmt, motivisch hunderte

Male in allen künstlerischen

Gattungen adaptiert, als

Deckengemälde von Gustav

Klimt das „Kaisertreppenhaus“

im Wiener Burgtheater zierend,

in schöner Regelmäßigkeit unter

den meistgespielten Stücken

in deutschen Theatern,

gefühlt eigentlich schon auf

jeder Schul- oder Jugendbühne

gesehen, damit eigentlich ein

„No-Go-Stück für einen Jugendtheaterclub“!?

Eigentlich klar, dass man sich

zu Beginn einer Vorstellung erst

einmal dafür öffentlich entschuldigen

muss, bei dieser

Produktion entgegen der sonstigen

Tradition des Parkaue-

Club 4 nicht etwas Eigenes gemacht,

thematisch gearbeitet,

sondern einen fertigen Spieltext

zur Grundlage genommen

zu haben – und dann auch noch

diesen, Shakespeare, „Romeo

und Julia“, ausgerechnet, das

Über-Drama schlechthin. Aber

die Spielleiterin wollte das so.

Ähm, Glückwunsch.

Die Spielerinnen und Spieler

nehmen also Aufstellung, um in

bester chorischer Manier, ganz

texttreu, den Chor des Prologs

zu Gehör zu bringen. Darin eine

Drohung („Zeigt euch zwei

Stunden unser Bühnenspiel“)

und ein im Gewand der erneuten

Entschuldigung daherkommendes

Versprechen („Und wir,

wobei wir sehr auf Nachsicht

zählen, / Wolln das verbessern,

was dem Text mag fehlen.“).

Vierzehn Verse Shakespeare

also, dann tritt laut Textbuch

der Chor ab – und bei den jungen

Berlinerinnen und Berlinern

ist erst einmal Schluss, zumindest

mit Shakespeare, zumindest

dem Über-Drama, zumindest

mit dem Text. Denn wo in

Shakespeares Tragödie auf einem

öffentlichen Platz zu

Verona die Familienfehde zwischen

den Montagues und den

Capulets beginnt, verhandeln

die Spielerinnen und Spieler,

gleichfalls in aller Öffentlichkeit,

Konflikte und Fragen, die

sich in der Gruppe rund um die

Auseinandersetzung mit der

Spielvorlage ergeben haben:

Was bedeutet Liebe für Mädchen,

was für Jungen? Und was

bedeutet Liebe für jeden Einzelnen?

Und wäre es nicht viel

dringlicher, stattdessen Klimakatastrophe

und Piratenpartei

auf der Bühne zu thematisieren?

Christian Wulff also

statt Mercutio?

Wir dürfen der Gruppe zuschauen

bei einem Diskurs gewordenen

katalytischen Prozess

in der Begegnung mit

einem klassischen Text – und

erleben das Thema Liebe in einem

Schnelldurchlauf von erster

Verliebtheit bis hin zu abgeklärter

Enttäuschtheit. Und

weil Liebe jeden etwas angeht,

diskutieren die Jugendlichen

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


das Phänomen nicht abstrakt

und anonym, sondern am eigenen

Beispiel: Haben Felix und

Hannah nun etwas miteinander

oder nicht? Und kann das sein,

als Vierzehnjährige wirklich noch

nicht geküsst worden zu sein? Pikant

wird das Ganze, wenn man

weiß, dass die heute vierzehnbis

siebzehnjährigen Spielerinnen

und Spieler bereits seit fünf Jahren

als Gruppe zusammen sind,

sie also mithin, vorsichtig formuliert,

eine hochinteressante biografische

Phase miteinander

verbracht haben bzw. noch miteinander

verbringen.

Das alles wird so kräftig, spielerisch

sicher, selbstironisch und

nachvollziehbar auf die Bühne

gebracht, dass allein damit

obiges Versprechen („Wolln das

verbessern, was dem Text mag

fehlen“) schon eingelöst wäre.

Aber der Gruppe gelingt noch

viel mehr: Mit ihrer so demonstrativ

zur Schau gestellten Veröffentlichung

locken sie uns

kunstvoll auf Fährten, denen

wir allzu gerne folgen. Können

wir ihnen aber tatsächlich

glauben oder sind wir hier nicht

eher Zeugen eines kunstvollen

Vexier-Spiels mit der Als-ob-

Situation des Theaters, Erwartungen

an die Liebe und unsere

Erwartungen an Jugendliche

im Umgang mit diesem Thema?

Eines ironisch-reflexiven

Spiels mit Rezeptionsästhetik,

theaterpädagogischen Dogmen

und dem Verhältnis von

Spielleitung und Gruppe? So

gelesen, wird die anfängliche

Entschuldigung zur selbstbewussten

Ansage.

Und nicht zwei Stunden dauert

dieses Spiel, sondern dreiunddreißig

Minuten. Nur dreiunddreißig

Minuten – und so viel

gezeigt, so viel erzählt, so viel

verschmitzt gelogen – und so

sehr berührt.

63


Stimmen zum Stück

+++ komplett was anderes, als ich erwartet hätte +++

sehr bewusst gespielt +++ sehr unterhaltsam +++ ironisch

+++ das war nicht romeo und julia +++ sehr charmant

+++ ich hab romeo und julia erwartet und dachte, dass

so eine klassische geschichte kommt, und dann haben

sie so etwas lustiges daraus gemacht +++ sie haben alles

mit einem leichten lächeln gespielt, diese leichtigkeit

hat ihnen total gut getan +++ ich dachte schon ich

bekomme eine halbe stunde langweiligen shakespeare,

aber ey: das war so lustig +++ es wirkte sehr authentisch,

ich wusste teilweise nicht, gehört das noch zum

stück oder nicht? +++ sehr reduziert, aber trotzdem

effektvoll +++ die taschenlampen haben mir sehr gefallen

+++ wahnsinnig kitschig +++ originell +++ flachwitzig

+++ ich hab von der ersten minute bis zu letzten gelacht,

ich spüre meine bauchmuskeln immer noch +++

musste die ganze zeit lachen +++ würde es am liebsten

noch einmal anschauen +++ süß, einfach ganz süß +++

das stück hat die liebe auf den kopf gestellt +++ das

war so schön, wie sie den konflikt innerhalb der gruppe

fingiert haben, ich hab mich gefragt, wie wollen die

romeo und julia in 35 minuten spielen?, und das haben

sie so schön gelöst +++ bisher die ungewöhnlichste

interpretation von romeo und julia +++

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Rezensionen

Kalkulierte Risiken – von Fine Riebner

Schon die Ansprache ist unverblümt:

Man entschuldigt sich,

dass man nun keine Eigenproduktion

zeigt, sondern ein klassisches

Theaterstück, das sei

aber auch die Schuld von Spielleiterin

Joanna. Das Ensemble

tut nicht so, als sei diese Anrede

echt. Alle sind sich darüber

bewusst, dass sie auf einer

Bühne stehen. Die Metaebene

wurde erfolgreich eröffnet. Der

Parkaue-Club 4 ist das Risiko

eingegangen, ehrlich zu sein.

Und gerade dadurch hat das

Stück gestern einen Raum mit

so vielen Ebenen so leichtfüßig

eröffnet und die Zuschauenden

von jeglichen Vorgaben befreit.

Man durfte einfach Publikum

sein. Jetzt wird das Jugendtheater

karikiert: Jungen und

Mädchen stehen in schlecht

sitzenden Hemden und Blümchenkleidern

im Spot und sprechen

natürlich chorisch den

Eingangsmonolog. Doch schon

hier geht es mit Shakespeare

nicht mehr weiter: Julius ist das

Ganze einfach zu peinlich, er

bricht ab. Es beginnt eine Auseinandersetzung,

die Mädchen

wollen die Sache jetzt einfach

durchziehen, außerdem gehe

es um Liebe und das berühre sie

schon auch irgendwie. Es werden

weitere Versuche gestartet,

der Vorlage gerecht zu bleiben.

„Wenn wir dürfen und es

von der Zeit her okay ist“, wendet

sich eine der Schauspielerinnen

an das Publikum. Doch

die Jungen verweigern sich

(schon wieder!). Schnell wird

der Streit persönlich. Die Gruppe

schmeißt sich gegenseitig

Vorwürfe und Beleidigungen an

den Kopf. Die könnten ernst gemeint

sein oder nicht, die Grenzen

zwischen Realität und Theater

verschwimmen. Bis es

nicht mehr weiter geht und Lucie

sich schließlich an Gott

wendet. Und: Gott reagiert.

Das Licht scheint plötzlich rot,

die Musik läuft, Amor tritt auf

und sticht einem nach dem anderen

den Stachel der Liebe ins

Herz. Die Jugendlichen liegen

auf dem Boden und krümmen

sich vor Schmerz. Es ist dunkel.

Dann melden sich zaghaft und

zerbrechlich die ersten Stimmen.

Die Verliebten suchen und

finden sich mit Hilfe von Taschenlampen.

Die junge Liebe

sprießt und blüht schließlich

auf. Alles fühlt sich an wie im

Zeitraffer, aber trotzdem nah.

Gegen die Charmebolzen von

der Parkaue kann man sich

kaum wehren und noch besser,

man will es auch gar nicht. Ihre

Darstellungen sind kitschig,

ironisch und treffen mitten ins

Herz. Man will sich verlieren in

dem Stück, man will wieder

fünfzehn sein, sentimental

werden, mitleiden, mitlachen.

Und das Stück lässt es zu. So

schnell man sich verloren hat

an diesem Abend, so schnell

wird man auch wieder hinauskatapultiert.

Das Ende, ähnlich

dem Anfang, ist eine charmante

Vertröstung und schließt den

Rahmen um das Stück: „Sorry

noch mal, dass wir Romeo und

Julia jetzt doch nicht gespielt

haben. Aber die Inszenierung

am Berliner Ensemble soll ganz

toll sein.“ Zu den größten Stärken

des Park aue-Clubs gehörten

– neben dem unheimlichen

Charme des begabten jungen

Ensembles – seine Ehrlichkeit

und seine Offenheit. Die ermöglichte

die vielen Ebenen

des Stückes. Es wurde nicht getan

als ob. Von Anfang an war

das Konzept offen und klar:

Scheitern als Chance. Und so

konnten Ängste reflektiert werden,

über sich selbst, die eigene

Zukunft, so konnte gespielt

werden mit verschiedenen Realitäten.

Und neben dem „wirklich“

Inhaltlichen, namentlich

der Liebe, wurde es vor allem

ein intelligentes Stück über

Theater, über Erwartungen und

über Identität. Shakespeare

habe ich dabei nicht vermisst.

65


Rezensionen

„Ist Liebe das, was ich jetzt fühle?“ – von Lydia Dimitrow

Wenn auf dem Theatertreffen

der Jugend „Romeo und Julia“

auf dem Spielplan steht, dann

ist natürlich von vornherein

klar, dass es sich dabei nicht

um die konventionellste und

drögeste Klassikerinszenierung

der Welt handeln wird. Und

trotzdem kann das Ensemble

vom Parkaue-Club 4 noch überraschen.

Denn es geht ihnen

gar nicht darum, den altbekannten

Stoff irgendwie neu

und funky zu inszenieren, auch

nicht darum, eine eigene Version

zu schreiben, es geht um

keine noch so ferne Adaption –

es geht nur um einen Ausgangspunkt.

Um einen Ausgangspunkt

für ein pointiertes,

witziges Stück übers Teenagersein,

über die „Liebe, love,

l’amour“ und vor allem – übers

Theater. So kommentiert die

Parkaue-Inszenierung ganz

charmant und en passant

Theater pädagogik, Jugendtheater

und deren Hang zu Eigenproduktionen,

einfach Festivaldiskurs:

Man könne „so ’ne

Scheiße“ nicht spielen, denn

„das hat doch gar nichts mit

uns zu tun!“ Eine anderer lamentiert:

„Für meine Zukunft

bringt mir dieses Scheißdrecksstück

rein gar nichts!“ Die

nächste kontert: „Sei doch

froh, dass wir ’n richtiges Stück

spielen, da kannst du dich wenigstens

nicht blamieren!“ Am

Ende soll es natürlich auch um

Liebe gehen an diesem Abend,

darum, dass Liebe blind macht,

und darum, dass Liebe ganz

schön vertrackt sein kann. Und

auch hier bewegen sich die Berliner

ironisch und treffsicher

übers Plattitüdenminenfeld. Er

fragt, ob sie gern schwimme,

sie schwimmt gern, er fragt:

„Darf ich dich mal ins Becken

stoßen?“ „Oh Mann, Tobias,

deine Sprüche sind so cool!“

Man hat viel Spaß an diesem

Abend und findet fast keinen

Moment uninteressant. Was

das Parkaue-Ensemble dafür

braucht? Weiße Hemden, Blümchenkleider,

Taschenlampen,

Papierherzchen, nicht viel mehr.

Womit eindrücklich vorgeführt

wird, wie man mit wenigen Mitteln

viel produzieren kann, ganz

ohne bombastisches Bühnenbild

und Multimediashow. Und das

ist doch auch mal schön zu sehen.

Für alle, die die nächste

Inszenierung im eigenen Wohnzimmer

planen. Chapeau!

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


HAMLET nach Shakespeare in der zeitgenössischen Textfassung von Christopher Kriese

Theater Performance Kunst RAMPIG, Heidelberg

Donnerstag, 30.05.2013, 20:00 Uhr

Es spielten:

Sebastian Arnd, Leoni Awischus, Friedrich Blam, Antonia

Cinquegrani, Tim Fischer, Nils Kirchgeßner, Lea Langenfelder,

Karolina Lesna, Julian Maier, Sarah-Lina Mantler, Karoline

Stegmann, Cornelius Thomas, Marisa Wojtkowiak

Regie und Dramaturgie: Beata Anna Schmutz

Szenografie: Nicolas Rauch, Sophie Lichtenberg

Kostümbild: Melanie Riester

Maskenbild: Susi Tanner

Video: Volker Langenfelder

Musik: Janek Amann

Malerei: Christian Patruno

Regieassistenz: Luca Pauer

Produktion: Benjamin Bay, Anna Müller

Technik: Sebastian Arnd, Christoph Hack

Fotografie: Nikola Haubner

Gruppenportrait – von David Holdowanski

Die Truppe spielt und scherzt über das Aufführen ihrer Stücke in Heidelberg in einer Turnhalle, in der

sie keine Scheinwerfer an die Decke hängen dürfen, da diese einsturzgefährdet ist und während den

Aufführungen öfter der Notstrom angeht. Doch mit Schweiß und Fleiß haben sie es nach vier Nominierungen

endlich zum Theatertreffen der Jugend geschafft. Sie erschaffen Kunst unabhängig von

Institutionen, da sie sich in einem Verein organisiert haben und RAMPIG ein geschützter Name ist.

Der zwar von einer YouTubeBand genutzt wird, aber die hat nur 92 Clicks. Mit dem Finanzamt sind sie

eng befreundet und wollen deshalb auch auf die Titelseite der FZ, da sie sonst das Finanzamt vorbeischicken.

Und sie lassen Grüße an Herrn S. vom Finanzamt ausrichten. Bewundernswert ist ihre Art,

zu arbeiten. Sie wohnen in Heidelberg, Mannheim und Berlin. Zum Proben kommen alle nach Berlin

Pankow. Am 4. Oktober 2013 findet um 20:00 Uhr die Premiere ihres nächsten Stückes in Heidelberg

statt. Heute spielen sie vor einem fast dreimal so großen Publikum wie sonst, deshalb fühlt es sich

auch fast so an wie eine Neuinszenierung. Sie wollen mit dem Publikum korrespondieren und vergleichen

ihre Arbeit mit 99 Prozent. Sie spielen auf der Grenze zwischen Theater und Bildender Kunst. Da

kommt es auch gelegen, dass die Regie Kunstgeschichte studiert hat. Aber das war schon vor zehn

Jahren. Außerdem betreuen sie zwei Kindertheatergruppen, arbeiten auf dem Flohmarkt und machen

Performance in Wohnungen. Tickets gibt es unter: info@nordkorea.de. Sie fragen: Was findest

du besser? Deine Mudda oder RAMPIG. Klar, deinen Vater.

69


Die Jury zur Auswahl – von Anna Wille

Ich muss, ich muss, ich muss,

muss, muss, muss!

Es ist ein Zerfleischen, das mit

den Erwartungen der Welt an

das MICH und jenen des MICHs

an die Welt – und an das Mich

selbst. Die Strukturen sind

schlimm, schlimm, schlimm

und wir sind mittendrin und ich

kann sie dir, Welt, erklären und

du, Welt, wirst dann sehen, sehen,

sehen. Ich muss Bedeutung,

ich muss Gender, ich

muss Entscheidung punktgenau

und effizient – ich muss

Genuss. Aber ach, das will ich

auch und zwar am liebsten:

Genuss. Denn immer diese

Schwermut. Mir ist langweilig.

Hilft Händel? Hilft Wagner? Ich

brauche eine Reibungsfläche!

So steht Hamlet am Rande der

Küste und denkt. Und Hamlet

ist rampig, nein Rampig. Was

olle Hamlet einst antrieb, das

eint ihn heute mit den Heidelbergern.

Und die rechnen ab:

Generation Hamlet. Die Generation,

die all zu gut vorbereitet

ist, um Entscheidungen zu treffen

oder die Stimme zu erheben

oder die Bombe zu zünden. Und

wir alle mittendrin. Nichts zu

machen. Das einzige, was in die

Luft fliegt, sind Sicherheiten

und Selbstverständnis: Familie,

Liebe, Politik. Und so geht es auf

dem Spielfeld schon lange nicht

mehr um Dänemark. My home

is my castle. Und was bleibt ist

die Sinnsuche. Und die wird bei

Rampig zum Sinnesrausch.

Denn wenn Rampig Klassiker

spielt, dann bleibt vom Reclamheft

nicht viel übrig.

Shakespeare kommt in den

Fleischwolf – und dazu der ein

oder andere Klassiker der zeitgenössischen

Bildenden Kunst.

Gemälde, Performances oder

politische Statements werden

von den Spieler/-innen zusammen

gesucht und den Hamlets,

Ophelias und Gertrudes als

Atem gegeben. Christopher

Kriese hat der Gruppe ein adäquates

Textmaterial zur Verfügung

gestellt, das ihren Themen

eine Sprache gibt, die sitzt.

Und die Gruppe hat aus ihrem

virtuosen Tanz durch die schöngeistigen

Disziplinen eine Formund

Zeichensprache geschaffen,

die mehr als sitzt. Wohin

das Auge blickt, was soll es nur

zuerst hören? In Rampigs Räumen

und Szenen werden Kunst

und Theater so übereinander geschoben,

dass vor allem eins

bleibt: Genuss. Und da ist sie, die

Medizin für die Generation Hamlet.

Und die Reibungsfläche.

Wer sich dem Postmodernen

verschreibt, muss auch damit

rechnen, dass aus der Renaissance

von Vielem etwas ganz

Eigenes entstehen kann. Und

das hat Rampig erfolgreich riskiert.

Ihre zitierende Arbeitsweise

ist mit der Gruppe gewachsen

und entwickelt nun

eine Schlagkraft, sie wird zur

Marke. Rampig hat die Berührungsängste

gegenüber der

Kunstwelt längst hinter sich

gelassen. Angstfrei schieben

sie diese und jene Folie über den

Hamlet und machen auch keinen

Halt vor Zitaten aus der

aktuellen Politik. Es scheint,

Rampig hätte für das, was sie

vom Hamlet zu erzählen haben,

ihre Theatersprache perfektioniert.

Und wenn der

Rausch dann vorbei ist, und wir

vergeblich auf den roten Vorhang

warten und statt dessen

in Mitten einer Ausstellung sitzen,

dann fragen wir uns, ist

das ein neues Kuratieren? Kuratiert

Rampig im Spiel?

Und ja, das Abendland ist der

Knaller!

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Stimmen zum Stück

+++ der wahnsinn hamlets, ungeheuren respekt vor dem

ensemble, das war echt krass +++ unvergessliche bilder +++

verstörend +++ ich bin sprachlos, gewaltige bilder +++ hat

mir sehr gut gefallen +++ ich fand das stück ganz gut, aber

ein bisschen überladen +++ ich muss es noch verarbeiten

+++ ich hab’s nicht verstanden +++ konnte da nicht ganz

folgen +++ akustisch schwierig +++ beste schauspielerische

darbietung bisher +++ gut, aber überladen, mit interessanten

ideen, aber nicht bis zum ende durchgehalten, ich hätte

mir erhofft, dass manche dinge länger ausgespielt worden

wären +++ manche dinge konnten gar nicht richtig gewürdigt

werden, weil so viel da war +++ overdressed, overstyled

+++ beeindruckend +++ voll toller bilder +++ ein bisschen zu

perfekt, vielleicht +++ zu krasse materialschlacht +++ ich

bin tierisch froh, dass sich keiner die beine gebrochen hat

+++ vom sprachlichen und akrobatischen hervorragend +++

denke, es war ein ernsthafter versuch, an diese grenzen zu

gelangen +++ performanceklischees +++ das hatte gar

nichts mit hamlet zu tun, ich fand es einfach nicht gut,

okay, das bühnenbild war ganz schön, muss ich ehrlich zugeben,

aber, dass sie sich ausgezogen haben, musste nicht

sein, es hat mich gelangweilt +++ ich fand die schauspielerische

darbietung richtig gut, einfach super wie sie den

raum genutzt haben+++

71


Rezensionen

In Schönheit gestorben – von Felix Kracke

Die Worte haben nichts mehr

zu sagen, sind, bleiben nur Hülle.

Was bleibt, ist das Schweigen

nach der ungeheuren Tat.

Hamlet, dieser wirre, irrende,

rachsüchtige und Leidenschaft

suchende Prinz von Dänemark

ist schon tot, als das Publikum

den Saal betritt. Wir sind in der

doppelten Fleischbeschau: die

Darstellerinnen und Darsteller

in Unterwäsche, sich sanft zur

Musik wiegend, Ausstellungsobjekte

in der angedeuteten

Schlachterhalle. Die Familie

und sich selbst gerichtet, die

Intrigen ausgelöscht: Wir stehen

mit Hamlet vor den nur

fleischlichen Überresten. Was

bleibt in dem Schweigen, ist die

fahle Erinnerung an einen zerrissenen

Staat, in dessen berühmtem

Kern etwas faul sei.

Der Staat ist ein gewaltiges

Sammelsurium, in dem die Fleischer-

und Kleiderhaken von

der Decke hängen, der weiße

Boden zugestellt ist mit Tischen,

auf denen geschrieben

wird, in denen Fleisch und

Wurst durch den Wolf gedreht

wird und Strick- und Häkelzeug

herumliegt. Es wird videoprojiziert,

die Fernseher stehen als

Dreigespann, an den Seiten

Tierpräparate und ein gewaltiges,

live gemaltes Kadaver-Gemälde.

Stark bilderhaft bearbeitet,

geradezu beackert,

kämpfen sich die Rampig-Darstellerinnen

und -Darsteller

durch den Kosmos Hamlet.

Zeitgenössische Textfragmente

bilden ein Standbein, aber auch

die „Hamletmaschine“ und diverse

Sekundärliteratur. Die

postmoderne Verwirrung soll

herausgeschält werden aus

dieser Zwiebel des „hochbegabten

Affen”, wie Hamlet sich

hier selbst beschreibt. Wie er

keinen Bock mehr hat, auf das

Spiel, es durchschaut und dennoch

mittut. Das Schweigen

wird gefüllt mit der metaphorischen

Körper- und Requisitensprache

der drapierten Figurinen,

wie sie in Slow Motion

kämpfen und die Körper reiben

und wie sie das leitmotivische

Fleisch wieder und wiederkäuen.

Sie wirken wie einer heiligen

Messe entnommen. Das Stück

als rituelle Beschwörung und

Wiedergeburt des Vergessenen,

Verdrängten. Hier soll eine Kapelle

des Erhabenen errichtet

werden. Die Texte, wenn sie

denn auftauchen, sind nebenher

gesprochen, fallen aus dem

Mund vor die Füße, was lapidar

wirkt. Sie sind gesprochener

Text, nur Verweis auf das gesprochene

Wort. Lapidar wirkt

auch die Problematisierung des

Hamlet-Komplexes. Dieses Anrennen

gegen eine Welt, die

faul zu sein scheint, das Zerschellen

an den unverrückbaren

Zuständen, das seine Erlösung

nur im Tode aller finden

kann, wird hier verzeitgeistigt

zum modern Verwirrten, der

vor lauter Bäumen den Wald

nicht sieht. Dieser Zugriff ist

ein legitimer, erklärt aber nicht

die existenzielle Fallhöhe, die

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


stofflich verhandelt wird. Wie

soll so der Terrorist Hamlet entstehen,

der Selbstmörder, der

Rasende? Dem wird man nicht

gerecht. Auch die Rolle der

Ophelia, die laut Text fassung

„die Frau als Opfer“ spielt,

wirkt zu schnell gedacht, zu

hastig abgekanzelt. Wie viel

Täter steckt nicht auch in ihr,

wie viel mitbestimmend ist

nicht auch sie an dem Lauf der

Tragödie? So kommt es, dass

leider gerade die gesprochenen

Szenen, die text lichen, als die

schwächsten erscheinen. Zu

unfokussiert und pauschal wirken

sie – „ich scheiße auf deine

Liebe, Ophelia, du Opfer“, das

könnte, müsste ein zentraler

Satz sein. Hamlets Abwendung

von Ophelia, die er will und

doch nicht kann, ist hier nur

beiläufige Tirade. Kontrastierend

dazu die Maschinerie von

Bildern und Stimmungen, die

klar gesetzt, symbolisch hoch

aufgeladen daherkommen. Die

Tiere im Schnee, das Fast-Fallen

von der Tischkante, immer wieder

die Momente des Körper-

Chores. Doch auch hier das

schale Gefühl: Eine Form wurde

zu stark ästhetisiert, formschön

gehalten und damit entkernt.

Diesen Kern aber, den

faulen, nach dem hätte ich suchen

wollen. Ob der im Hamlet

liegt, dem Stück selbst, oder

sonst wo. Etwas, um das die

Produktion kreist; das ihr Auftrieb

gibt und einen Sog auslöst.

Ekstatische Ausbrüche

wirken wie Disco-Tänze, die

Schlägerei in Zeitlupe wie einem

Musikvideo entnommen.

Über allem liegt ein Glitzer,

nicht nur auf den goldenen

Schläppchen. Vieles wirkt wie

fürs Foto gestellt. Das ist schade,

weil die Brüche und das Zerrissene

interessiert hätten, das

unberechenbar Zerstörerische.

Und weil die Darstellerinnen

und Darsteller mehr versprechen

in ihrem Spiel, weil da etwas

zaghaft schillert, hoffentlich

raus will, weil manchmal

Bild und Spiel nahtlos zusammengeht,

was wunderbar

funktioniert: das verwundete

Tier, das Spieler ist, unter einem

Geweih aus Tape, zusammengesunken.

Doch so bleibt

der Schlachthof trotz des Blutes,

des Fleisches, nach der

Schlachterei doch gereinigt,

nahezu clean.

73


Wir sind Hamlet – von Margarita Iov

Wenn ich ins Theater gehe, lasse

ich mir gern etwas Neues erzählen.

Und ich finde es gut,

wenn ich nicht jedes Bild und

jede Metapher sofort entschlüsseln

kann; wenn ich das

Gefühl habe, man nimmt mich

als Zuschauer ernst und hat

keine Angst, mich zu überfordern.

Gestern Abend haben wir

kein Theaterstück im klassischen

Sinne, viel mehr ein interdisziplinäres

brain storming

im Kosmos Hamlet gesehen.

Als Stück hätte das alles auch

gar nicht funktioniert, dazu

wurde nicht genug auf die zahlreichen

Zitate aus Literatur,

Film und Kunstgeschichte eingegangen

und die Spannungskurve

hatte zu viele Täler. Auf

assoziativer und ästhetischer

Ebene wurde aber unheimlich

viel transportiert. Ich habe die

überschäumende Bilderflut genossen.

Man hätte die Performance

auch auf vier oder fünf

Stunden ausweiten und den

Text tatsächlich in Zyklen wiederholen

können; Ansätze von

Wiederholungen im Spiel und

Sprache waren ja auch da.

Tatsächlich war das Bühnenbild

auch als Rauminstallation gedacht,

in der das Publikum

nach dem Stück umherwandern

sollte, was leider den Rahmen

gesprengt hätte und daher

ausblieb. Die Vierteilung

des Publikumsraums und seine

schiere Größe haben der Akustik

leider eher geschadet und

viel an Text ging verloren. In

manchen Situationen wurde

das sehr gut gelöst, wie in der

„to die / to sleep / to sleep / per

chance to dream”-Szene, in denen

sich die Darsteller ins Publikum

begaben und vereinzelt

mit den Zuschauern gesprochen

und interagiert haben.

Das Handwerk hatten die Heidelberger

zweifellos zur Verfügung:

sinnliche, erotische Choreografien,

große Präsenz,

eindringlicher Blickkontakt mit

dem Publikum sowie Stimmgewalt

und Mut zur Körperlichkeit,

die der große inhaltliche

Schwerpunkt des Abends war

(„Ich spüre, dass ich Fleisch

und Knochen bin.”). Da gab es

totes und lebendiges Fleisch

nebeneinander, Wurst und

nackte Körper neben ausgestopften

Waldtieren. Der

Mensch, ein Tier. Nur um einige

der meiner Meinung nach gelungenen

Elemente der Inszenierung

zu nennen: die musikalische

Unterstützung durch

zarten A cappella Gesang; die

Aufteilung der Texte einer Figur

auf mehrere Darsteller verschiedenen

Geschlechts; die

Mischung aus Originaltext,

Christopher Krieses Hamlet Trilogie,

Heiner Müllers „Hamletmaschine”

und verschiedener

Übersetzungstexte. Man merkte

einfach, dass sich die Truppe

mit der Thematik beschäftigt

und auch drum herum gelesen

und weitergedacht hat. Um

manches Bild und um manchen

Effekt hätte ich aber auch nicht

getrauert, wenn sie gefehlt

hätten, wie zum Beispiel den

mit Tape an die Wand geklebten

Hamlet oder die recht unmotiviert

wirkende Video-Projektion.

Ich finde: Der ernsthafte

und auch ernstzunehmende

Versuch einer Annäherung.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Urban Sounds Clash Classic

akademie der autodidakten am Ballhaus Naunynstraße,

Berlin

Freitag, 31. Mai 2013, 20:00 Uhr

Es spielten:

Serkan Akman, Ömer Aras, Dilan Barkın, Defne Çelik,

Duygu Dursun, Necati Öziri, Clarice Palczynski, Ati Taş,

Hasan Taşgın, Special guest: Ayben

Regie und Projektleitung: Veronika Gerhard,

François Régis, Volkan T.

Videoworkshop & Videoschnitt:

Mario Bergmann, Davide de Feudis

Module8 VJ Workshops: Ilan Katin

Gruppenportrait – von Fine Riebner

nach einem Gespräch mit Hasan Taşgın

Die akademie der autodidakten kämpft für etwas Gutes. Ömer zum Beispiel sei extra aus Spandau

nach Kreuzberg gekommen, weil die akademie der autodidakten so gut ist. Jugendliche mit (post-)

Migrantenhintergrund, die sich für Theater interessieren, können sich hier frei fühlen, wie in einer Familie,

und würden nicht ausgegrenzt oder zum Beispiel unter Druck gesetzt, deutlich sprechen zu

müssen. Hasan zum Beispiel (auf Youtube unter dem Namen „Hassasin” bekannt, Anm. d. Red.) hat

sich in „deutschen” Theatergruppen nie wohlgefühlt. Er sei der Lauteste gewesen, obwohl er nichts

gesagt hätte (Anm. d. Red.: Hääh). Als er, von über hundert Jugendlichen, die Hauptrolle in einem

Stück von Alfred Döblin bekommen hat, erzählt Hasan, fragten sich die anderen, warum ausgerechnet

der die Rolle kriege. Aber am Ballhaus sei das anders gewesen. Dort hätte man sofort erkannt,

dass aus dem Jungen was zu holen sei [sic] und er habe gleich die Rolle bekommen, die eigentlich ein

anderer Junge hätte spielen sollen. Natürlich schaffe nicht jeder so einen Durchbruch wie Hasan,

sagt Hasan. Und er selbst habe sich auch oft gefragt, warum er immer solche „Bad Cop”-Rollen bekäme,

wie zum Beispiel Franz Biberkopf oder so. Aber damit müsse man leben. Er sei halt das Vorzeigeobjekt

der autodidakten. Kindern mit Lernproblemen sage man, sie sollen sich den Hasan anschauen,

da hätte man vor drei Jahren auch noch nicht gedacht, dass er mal sechs Bücher [sic] lesen

würde! Manchmal motiviere Hasan ganze Schulklassen dazu, Bücher zu lesen, und später würden die

Lehrerinnen zu ihm kommen und ihm dafür danken, dass er geschafft habe, woran sie gescheitert

sind. Das sei schon ein schönes Gefühl, gesteht Hasan. Heute Abend steht Hasan LIVE auf der Bühne

und performt für uns! Wir schätzen uns glücklich und finden: Wer das verpasst, hat was verpasst!

77


Die Jury zur Auswahl – von Jan Koslowski

Urban Sounds Clash Classic,

Klassischer Urbaner Klang (Klänge)

Zusammenstoß? Städtische

Musik schlägt Klassik? Symphony

of a big City, frei nach Beuys

und seiner sozialen Plastik!

„Wo Stahlwolken an den Himmel

genietet sind und die Sonne

aussperren, wachen wir wie

Wolkenkratzer.“ (Necati Öziri)

Jeden Tag eine neue Performance,

eine neue Strategie für

unseren Alltag, für das Sinfonie-Orchester

bestehend aus

fahrenden Zügen, Beton und

Altbau-Fassaden, einem Platz

voller Menschen und/oder du

und ich allein auf dem Dach, um

dieses ganze Durcheinander

endlich mal überblicken zu können.

Wem gehört diese Stadt,

gehöre ich dazu, wo finden wir

unsere Gemeinsamkeiten?

Die akademie der autodidakten,

der Name lässt es vermuten,

gründet ihre künstlerische

Auseinandersetzung oft auf

dem breiten Angebot von Workshops,

welche auch für diese

Produktion den Ausgangspunkt

bildeten. Den Teilnehmern werden

verschiedene künstlerische

Praktiken von Profis nahegebracht,

erklärt, praktisch ausprobiert,

immer mit einem

aktuellen Bezug, inhaltlich

und künstlerisch, zeitgenössisch,

informiert, mit theoretischem

Background!

Record gedrückt und losziehen,

die Bilder suchend, die einen

Alltag so ausmachen, die Geräusche,

die Sounds, die uns

untermalen, morgens in der

U-Bahn, abends im Club, in

der Uni zwischen alten Männerweisheiten

gefangen und

mitten drin auch, wenn ein

kleines Herz zur Ruhe kommen

will, auf einem großen Platz,

allein unter zu vielen Menschen.

Die Kamera fängt es

ein, wir folgen den Bildern

dieser Stadt, auf der Suche

nach? Wonach suchen wir

denn? Vielleicht ist es nicht

wichtig, wichtiger ist, dass wir

rausgegangen sind, weil wir suchen

wollen, weil es hier was zu

erzählen gibt, weil wir was erzählen

wollen.

Besonders scheint sie zu sein,

diese Stadt, über die sie berichten

wollen, und es gibt ein ganzes

Magazin voll von Klischees

und merkwürdigen Assoziationen,

Vorurteilen über diesen

Moloch. Coolness und Hipsterepizentren,

Arroganz als Mentalität,

Meinungen, die anscheinend

jeden mitreden

lassen, wenn es um sie geht,

um die Strahlkraft und die Brillen

der Vorurteile, mit denen

man sie betrachtet, und doch

gibt es sie, die Bewohner, den

alltäglichen Alltag, die Probleme,

die jede andere Stadt auch

hat, das Gefühl von Zugehörigkeit

und Heimelichkeit und und

und. Kommen wir zum Punkt!

( . ) „Urban Sounds Clash Classic“

ist diese Symphonie einer

Großen Stadt, ein Gesamtkunstwerk

aus unterschiedlichsten

Disziplinen. Eine fast

permanente Videospur aus Bildern

der Suche und dem Finden

einer Identität. Die Musik,

die uns Gefühle mitteilt vom

Leben in diesen Bildern. Die

Texte, die uns erzählen, wie

es sich in diesen Bildern lebt.

Die Bühne, die uns das alles

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


zusammen live erfahrbar macht.

Die Maschinerie liegt offen, die

Autoren, Regisseure und Videoart-Künstler

präsentieren

ihre Werke persönlich / the artist

is present / und das macht

es zu einem besonderen Erlebnis,

den Künstlern zuzusehen,

wie sie ihre eigenen Werke

performen, rappen, spielen,

singen, im Drive des Urbanen

Zusammenstoßes, und das mit

einer beeindruckenden Präsenz

und nicht anbiedernden Leichtigkeit,

elegant gekonnt!

Macht euer Theater selbst! Mit

diesem Motto verbinde ich diesen

Abend stark, ein Motto, das

für mich im Jugendtheater einfach

unheimlich wichtig ist. Die

Jugendlichen haben alles selber

produziert, recherchiert,

geschnitten, geschrieben, und

stehen auch noch selber auf

der Bühne. Die gestellten Fragen

sind ihre, es ist ihr Theater!

Und es ist eine Liebeserklärung

an ihre Stadt, die, wäre

sie an mich gerichtet, ich nicht

hätte ablehnen können, so

charmant erscheint sie mir.

Hochpoetisch beschreiben die

autodidakten den Rausch, die

Liebe, das Zusammenleben in

einem Tohuwabohu aus Verabredungen

und Regeln, Schule

und Arbeit, Familie und Beziehung.

Äußern aber auch Kritik,

wie in jeder großen Liebe gibt

es auch hier die Konflikte und

die Aggression, die große Gefühle

so mit sich bringen.

Hier wurde versucht nachzuvollziehen,

wie zum Beispiel

sich die Streetart im High Art

Kontext etablieren konnte.

Was heißt High and Low Art,

wo wird man eingeordnet, und

das gerade im Hinblick auf

kulturelle Produktionen von

(post-) migrantischen Jugendlichen?

Wie funktionieren die

Mechanismen der „High Art“-

Produktionen und wie kann

man diese Begrifflichkeit erweitern?

Auf allen Ebenen wird

hier agiert und hinterfragt,

und doch wirkt das Gesamtkunstwerk

„Urban Sounds Clash

Classic“ nicht überladen, sondern

greift perfekt ineinander.

Charming as Hell und konkret

wie der wiederkehrende Klang

der einfahrenden U-Bahnen

am Kottbusser Tor. Bravo!

79


Stimmen zum Stück

+++ waren super sympathisch auf der bühne +++

super unterhaltsam +++ tolle videos +++ authentisch

+++ sie haben nur einen kleinen teil des lebens in berlin

wiedergegeben und auch nur einen kleinen teil des

lebens der jugendlichen +++ ich hab die ganze zeit

gehofft, da kommt noch etwas, der bruch, wo sie

sagen: „ihr denkt bestimmt, so sind wir migratenkinder

drauf, sind wir aber gar nicht” +++ das waren

ja gar keine jugendlichen +++ als ich mit auf die bühne

gegangen bin, war das eine super interessante perspektive,

vor allem das hören, da gab es ja viel zu

hören +++ hat überhaupt nicht hierher gepasst, das

waren ja nur videos und musik +++ als sie angefangen

haben musik zu machen, dachte ich: „nein, hört auf

damit, macht doch keine musik!” und als sie dann

angefangen haben theater zu machen, dachte ich:

„nein, macht die musik wieder an.” +++ richtig super

+++ absolut flach +++ nichts neues +++ sehr berlin,

sehr lustig +++ eine liebeserklärung an berlin +++

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Rezensionen

Von Herzen, für Herzen – von Lydia Dimitrow

Vier große Leinwände, auf denen

der Trailer einer Stadt abläuft.

Einer Stadt und vieler Leben.

Schienen, Züge, Himmel,

Windräder, Postauto, eine Alditüte

im Bad. Rolltreppe, Facebook,

Goldbroiler, ein Kind mit

Pudelmütze. Wäsche waschen,

Supermarktszenen, Bilder von

längst vergangenen Partys.

„Urban Sounds Clash Classic“

ist ein Film-Musik-Performance-

Poesieprojekt, das vielleicht

weniger die vom Ensemble

selbst gestellte Frage „Was ist

Berlin?“ beantwortet als etwas

über ihren Alltag, ihre Lebenswirklichkeit

erzählt, die sich

nun zufällig in dieser Großstadt

abspielen. Es hätte auch Detmold

sein können – und wäre

vermutlich genauso interessant

geworden. Die Spielenden sind

schwarz-weiß gekleidet und

bekommen alle ihre eigene

Showtime, in der sie rappen,

reimen, dichten, philosophieren,

perfomen. Für die Musik

sind hauptsächlich Männer zuständig,

die wie Bodyguards

aussehen, allen voran Hasan

mit dem Kamm im Haar; fürs

Video gibt es einen extra Tisch,

mit drei Laptops und drei

Menschen dahinter. Das alles

könnte Gefahr laufen, schnell

zu clean zu wirken, mit dieser

(Pseudo-) Edelclub-Ästhetik,

die ganz darauf aus ist, gut

auszusehen und cool zu wirken

– aber dann stehen die Spielenden,

die gerade nicht selbst ins

Mikro texten, so herrlich unbeteiligt

an der Bar rum (Getränke

gibt es auch, von Necati,

dem fröhlichen Barkeeper) und

singen charmant schief im

Chor: „Guten Morgen, Deutschland!“

Und prompt ist der Reiz

des Selbstgemachten wieder

da, des Selbsterzählten. Denn

das Ensemble erzählt hauptsächlich

von sich selbst: Jeden

Morgen gebe es zwei Optionen,

sagt eine Spielerin. „Zurück ins

Bett oder meine Maske auf und

raus.“ Im Hintergrund laufen

Videos von ihr ab, sie vorm

Spiegel, wie sie sich schminkt.

Es gelte „nicht zu verzweifeln /

der Welt gerecht zu werden“.

Das Ensemble von der akademie

der autodidakten schickt

sich an, ein einziges großes, intermediales

Berlin-Gedicht zu

schaffen. Da schlägt bei aller

Poesie („und ich weiß um die

Zeit, die wir uns gaben“) auch

ganz schön oft das Kitscho-

Meter aus („Wieso sehn’ ich

mich nach dir? / Wieso tropfen

schon wieder Tränen aufs Papier?“).

Es soll eine Liebeserklärung

werden – eine Liebeserklärung

an die Stadt, die eigenen

Möglichkeiten, vielleicht sogar

an sich selbst. Und Liebeserklärungen

sind kitschig, klar. Aber

Kitsch ohne Brüche wird schnell

zur Schmalzrutschbahn, und so

fürchtet man schon, der ganze

Abend könne womöglich ironie-

und witzfreie Zone bleiben.

Da verkündet Hasan selbstsicher:

Freitagabend, Theatertreffen

der Jugend, „Urban

Sounds Clash Classic“ – „Ihr

habt nichts falsch gemacht,

Leute.“ Und zum Glück behält

er Recht, denn endlich bricht

die Selbstironie ins Poesie-Projekt

ein. Grandioser Auftritt

vom Bademanteltyp, Hasan

spricht – Anführungszeichen

oben – französisch – Anführungszeichen

unten – und singt

den neuen Großstadthit „Berlin

ist Single“. Das Publikum soll

mitsingen, aber bitte „nicht

aus dem Arsch, sondern aus

dem Herzen“. Pointiert und

witzig wird der Berlin-Hype

aufs Korn genommen: Egal aus

welchem „Pommesdorf“ man

käme, alle wollten nur „von

81


unserem Image profitieren“

und „billig einkaufen gehen“.

„Ey, chill mal dein Leben ganz

kurz“ – denn Hasan kann von

weitem erkennen, wer hier Berliner

ist und wer nicht, und

überhaupt: „Bevor ihr Brot

sagt, hab ich schon zweimal

abgebissen.“ Die Wette gilt:

Hasan will seinen Bist-du-ein-

Berliner-Riecher unter Beweis

stellen. Der, der und die sollen

aufstehen, und dann sagt Hasan

an. Im ersten Moment

denkt man: Ach du Schreck,

peinliche Publikumsbeteiligung,

nachdem wir doch schon

singen sollten, aber dann erklärt

Hasan so charmant einfach

jeden Aufgestandenen

zum Berliner, dass einmal mehr

klar wird: Eigentlich geht es gar

nicht um die Stadt. Sondern

ums Zusammensein, ums Hier

und Jetzt und am Ende auch –

um eine riesengroße Party. Alles

sei „machbar auf Berliner

Straßen“, man höre hier „tausend

Sprachen, die zusammenpassen“.

das Stück vorbei ist. Ist das

nicht echte Theaterperformance?

Auf jeden Fall macht es

Spaß und gehört neben (zum

Beispiel) satirischem Philosophie-Monolog,

einer am Mikro

einschlafenden Spielerin und

Meta-Kommentaren zum Stück

(„Alter, du hast Möse gesagt!“),

zu den unerwarteten und interessanten

Elementen der Inszenierung.

Man hat das Gefühl,

bei einer Riesen-Revue-Show

dabei gewesen zu sein, die von

Herzen kam. Etwas über das

Ensemble erfahren zu haben.

Darüber, wie sie ihre Welt sehen.

Trotz allen Kitsches, trotz

allem Zu-Dick-Auftragens. Es

hat einfach Spaß gemacht.

Und es war ein Befreiungsschlag

für kitschige Formulierungen

wie: eine Inszenierung,

„die von Herzen kam“. Danke

dafür.

Es wird wieder gesungen, es

werden Zuschauer auf die Bühne

geholt, die wild mittanzen

und – als sich plötzlich fast alle

Spielenden auf den Boden fallen

lassen – sich auch hinlegen

und einfach mit einfrieren. Bis

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Eine Stimmung von Berlin – von Sebastian Meineck

Mit „Urban Sounds Clash Classic“

hat die akademie der autodidakten

ein kleines Animationsprogramm

auf die Theaterbühne

gelegt. Gleich am Anfang soll

das Publikum jubeln und applaudieren.

Applaus fürs Haus

der Festspiele, Applaus für die

anwesenden Theaterclubs, Applaus

für Performer und Musiker

auf der Bühne, Applaus für jeden

Einzelnen im Publikum.

Schließlich sei man in Berlin

und es sei Freitagabend. Als der

Funken nicht so recht überspringt,

heißt es: Das müsse

daran liegen, dass nicht alle im

Publikum aus Berlin kommen.

Also werden ein paar Leute gefragt,

ob sie Berliner seien. Wer

keiner ist, muss sich setzen.

Wer einer ist, bekommt Applaus.

Bei so viel Applaus wird

ein Star am Mikrofon gebraucht.

Und der wird auch geliefert

und singt. Die Stimme ist

okay. Zwischendrin kämmt er

sich immer mal wieder und

steckt sich den Kamm ins Haar.

Mit der Zeit kommen Discokugeln

und Nebelmaschine zum

Einsatz. Es ist eine große Stimmungs-Show

und eine Liebeserklärung

an die Stadt Berlin.

Die Jungs tragen Schlips und

Anzug, einer tritt mit Sonnenbrille

im Bademantel auf, die

Mädels tragen schicke, enge

Klamotten. Es geht den autodidakten

darum, sich selbst zu

feiern. Aber das Publikum ist

zum Mitfeiern eingeladen. Die

Hooks der Songs lauten: „Berlin

ist single“, „Was ist Berlin?“ und

„Auf jeden Fall“. Bei „Berlin ist

single“ soll jeder mitsingen,

„auch die Pärchen“. Ironische

Brüche festigen das Konzept:

So tritt ein Mädchen vors Mikro,

und die Nebelmaschine speit.

Doch dann sind nur Schnarchgeräusche

zu hören, und das

Mädchen schließt die Augen.

Eine Rapperin stürmt die Bühne

und legt eine Performance hin.

Erst danach wacht das Mädchen

wieder auf. Man macht

keinen Hehl daraus, dass man

protzen möchte, und dass man

mehr verspricht, als man liefert.

Die Feier wird reflektiert

und fortgesetzt. Während der

Performance flimmern Videos

von Berlin über die vier Leinwände:

Straßen und U-Bahnen,

die Performer im Dönerladen,

an der Uni, oder bei sich zuhause,

frühstückend. Zwischen den

Songs werden lyrische Texte

vorgetragen. Sie handeln vom

Leben in Berlin: vom Arbeitengehen

und Feiern, vom Verkatert-

und vom Einsamsein. Dabei

ist kein Sprachklischee zu

schade, und auch kein Reim:

„In dieser Stadt, in der meine

Hoffnungen den Asphalt rauchen/

tickt die Uhr eine Tonlage

tiefer/ und atmet die Sonne einen

Gedanken leichter.“ Oder:

„Ich laufe unter die Linden / um

dich zu finden.“ Oder: „Wer hat

dir dein Lächeln geklaut, Berlin?“

Man merkt: Die Performance

setzt eindeutig nicht

auf tiefgründige Gedanken,

sondern auf ein großes Gefühl.

Es geht nicht darum, Zusammenhänge

in die Zeilen zu lesen,

das wäre kaum möglich.

Sondern es geht darum, auf

einzelne Worte zu achten: Lächeln,

Hoffnung, Liebe, Dreck.

Die Stimmung, die vermittelt

werden soll, ist eine Mischung

aus Blues, Sexyness, Coolness

und Großstadtromantik. Es ist

eine Ästhetik des Abgefuckten.

Das alles ist eine inhaltsleere

Freude, ein narzisstischer Dauerrausch.

Wer die Stimmung

nicht teilen könne, heißt es, der

habe eben Berlin noch nicht

verstanden. An dieser Schwelle

teilt sich das Publikum: Einige

haben es verstanden, und singen

oder tanzen am Ende

gleich mit auf der Bühne; einige

andere nicht.

83


Bühne − Spezial

Lesung: Seitenwechsel

Sonntag, 26. Mai 2013, 22:00 Uhr

Von und mit der Redaktion der Festivalzeitung FZ (ehemalige Preisträgerinnen

und Preisträger des Treffens junger Autoren)

Felix Kracke – „Über dem bescheuerten Firmament“

Anna-Theresia Bohn – „zu erzählen“

David Holdowanski – „Im Kommunismus gibt es keine Sitzplätze“

Sebastian Meineck – „Der Hefemann“

Luna Ali – „Lager der Gerechtigkeit“

Khesrau Behroz – „Zum Meer“

Margarita Iov – „Die Drift“

Lydia Dimitrow – „was wir alles könnten“

Moderation: Laura Naumann

Intermezzi: Franklyn Ufford

Die Lesung ist zu hören und zu sehen auf unserem Festivalblog:

www.blog.theatertreffen-der-jugend.de

Die Texte sind in der Sonderausgabe FZ Literatur nachzulesen.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Hörspiel: Happy End

Mittwoch, 29. Mai 2013, 22:00 Uhr

Konzert: MomosMind

Freitag, 31. Mai 2013, 22:00 Uhr

Hörspiel von: Julia Wolf und Ragnhild Sørensen

Eine Produktion der Raumstation im Auftrag

des WDR

Rebekka Blum ist eine Frau und wird bald 30

Jahre alt. Als sei das nicht schlimm genug, erscheint

ihr zu allem Überfluss Angelina Jolie

höchstpersönlich und verkündet, dass Rebekka

in 20 Tagen sterben wird. So hatte Rebekka sich

ihren Geburtstag nicht vorgestellt. Und ihr Leben

auch nicht. Im obskuren „Amt für finale Angelegenheiten“

erhebt sie Einspruch gegen das

Todesurteil. Die beiden Anhörungsrichter lassen

kein gutes Haar an ihr, „im Zweifel gegen die

Angeklagte“ scheint ihr Motto zu sein. Rebekka

kämpft gegen die überlebensgroße Angelina Jolie,

den Zynismus ihrer Richter und nicht zuletzt

gegen sich selbst. Was fängt man urplötzlich

mit seinem Leben an? Reichen 20 Tage, um darüber

nachzudenken?

Konzert für die Gäste des Theatertreffens der

Jugend. Eintritt frei.

Die Band MomosMind gehörte zu den Preisträgern

des Treffens junge Musik-Szene 2012. Sie

kommen aus Essen und das musikalische Spektrum

ihrer Musik lässt sich mit Indie-Funk-Pop

mit Einflüssen aus Ska und Blues am besten

beschreiben.

Es spielten:

Gesang und Synthesizer: Rhian Antonia Schütte

Schlagzeug: Junis El Hussein

Gitarre: Lorenz Luboldt

Bass: Raphael Schulte

Zum Reinhören:

85


Nominierungen 2013

Für die Zwischenauswahl zur Teilnahme am Theatertreffen der Jugend waren neben den

Preisträger-Ensembles folgende Produktionen nominiert:

Jugendensemble Perform[d]ance e.V., Stralsund

Identität 2.0

Junge Akteure am Theater Bremen

Warum das Kind in der Polenta kocht nach Aglaja Veteranyi

Junges DT Berlin

Fluchtpunkt Berlin

914 Musikklasse der Sophie-Scholl-Schule, Berlin

Traumatical

Offene Theater-AG Max-Eyth-Schule Alsfeld

post ist das prä von hmhmhm

P14 – Jugendtheater, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Ein Käfig ging einen Vogel suchen

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Projektkurs Theater des Georg-Büchner-Gymnasiums, Kaarst

Puppen sind wir?

Theater-AG der Goetheschule Hannover

Girlsnightout

von Gesine Danckwart

Theatergruppe am Goethe, Düsseldorf

Ingrimm

Theatergruppe des Benedikt-Stattler-Gymnasiums, Bad Kötzting

Wosanano

Theaterjugendclub Die KarateMilchTiger – Schauspiel Chemnitz

Küsse.Bisse.Penthesilea. nach Heinrich von Kleist

87


Campus

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Campus

Das Campus-Programm richtete sich an die Teilnehmer/

-innen des Theatertreffens der Jugend. Es untergliederte

sich in die Bereich Praxis mit verschiedenen Theaterworkshops,

Dialog mit den täglichen Aufführungsgesprächen

und der täglich erscheinenden Festivalzeitung. Neue Einund

Ausblicke konnten in der Rubrik Spezial gewonnen werden.

Praxis

Samstag, 25. Mai 2013

Sonntag, 26. Mai 2013

Montag, 27. Mai 2013

Mittwoch, 29. Mai 2013

jeweils 09:30 bis 12:00 und 13:30 bis 16:00 Uhr

Workshop-Präsentation:

Donnerstag, 30. Mai 2013

von 11:00 bis 12:30

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Workshop I: Jetzt rocke ich die Bühne!

Was will man eigentlich wenn man eine Bühne betritt? Den Laden rocken? Die

Welt verändern? Sich verändern? Auf die Frage einer Journalistin, was das eigentlich

heißt, „Schauspieler“, antwortete Fabian Hinrichs mal: darüber müsste man

mal nachdenken – darüber müsste ich mal nachdenken. ….

mit Nikolai Plath – 1984 in Flensburg geboren. Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin (Diplom

2008), Engagements im Ballhaus Ost, Berlin, Theater Bonn, Heimathafen Neukölln, Berlin, Staatsschauspiel Dresden,

Deutsches Theater, Berlin, Maxim Gorki Theater, Berlin, BAT Studiotheater, Berlin, Eigenreich Theater, Berlin / Akademie der

Künste, Berlin. Letzte Produktionen: „Aber sicher!“ (2013) UA; „Hamlet“ (2012) Regie: Alexander Riemenschneider, Theater

Bremen; „Dämonen“ (2012) Regie: Krzysztof Minkowski, JVA Charlottenburg/aufBruch Berlin; Mathilde Bäumler. „Ein

Dschungelstück“ (2013) Regie: Alexander Riemenschneider, Theater Bonn.

Workshop II: Don’t worry – dance!

Erkunde deine individuelle Tanzform und zeige sie auf der Bühne. Wir werden mit

Alltags- und Tanzbewegungen, Gesten, Worten, Musik, Bilder improvisieren und

untersuchen, wie aus Impulsen und instinktiven Reaktionen ein szenischer Vorgang

oder eine Choreografie entstehen kann. ….

mit Mirjam Bührer – geboren 1986 in Frauenfeld, hat den Bachelor in Sport-, Theater- und Tanzwissenschaft an der Universität

Bern absolviert und sich danach an der Zürcher Hochschule der Künste und bei Bewegungsart in Freiburg im Breisgau in zeitgenössischen

Bühnentanz, Performance und Improvisation vertieft. Sie unterrichtet seit einigen Jahren Tanz in verschiedensten

Formen (Jazz, Modern, Hip-Hop, Impro) in Projektwochen, Jugend- und Sportlagern und in Freikursen an Schulen.

und David Speiser – geboren 1984 in Basel, hat an diversen Jugendclubs und Projekten am Theater Basel und Jungen Theater

Basel mitgewirkt. Während der Produktion „strange days, indeed“ des belgischen Choreografen Ives Thuwis entdeckte er seine

Begeisterung für den Bühnentanz. Momentan absolviert er die Ausbildung als Tänzer bei der Bewegungsart in Freiburg im

Breisgau. Daneben unterrichtet er Kinder und Jugendliche im Circus Basilisk.

Workshop III: Textwerkstatt

Was will ich sagen? Und wie schreibe ich es? Die Textwerkstatt bietet Raum für

Fragen nach dem Anfangen und Weitermachen. Anhand verschiedener dramatischer

Formen soll erprobt werden, wie man Worte für Ideen findet und wie man

sich ein Gerüst für einen Text baut, das Struktur schafft und gleichsam Freiräume

öffnet…

mit Julia Wolf – lebt als freie Autorin in Berlin. Sie schreibt Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. Ihr Stück „Der

Du“ wurde 2010 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt und 2011 als Hörspiel für den WDR produziert. Mit dem Stück

„Ein Mädchen namens Elvis“ war sie zu 2010 zu den Werkstatttagen am Wiener Burgtheater und 2011 zu den Autorentheatertagen

am Deutschen Theater, Berlin eingeladen. Seit 2010 schreibt und produziert sie in Zusammenarbeit mit der Berliner

Produktionsfirma Raumstation regelmäßig Hörspiele. Im Rahmen einer Drehbuchförderung der Filmförderanstalt arbeitet Julia

Wolf momentan an ihrem ersten Drehbuch für einen Spielfilm.

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Workshop IV: RECLAM GOES CELLULOID – Klappe die Zweite!

Und bitte! 4 Tage, ein Konzept, drei Teams, ein Film. „Die Orestie“ wird dekonstruiert,

durchgelüftet und unter die Lupe genommen, zerschlagen und umgewandelt,

und dann wieder liebevoll zusammengesetzt. 3 Bücher. 3 Teams. Wir produzieren

den Klassiker der Klassiker der Klassiker (noch älter geht’s nicht!) auf ganz

und gar unklassische Art und Weise.

mit Hannah Dörr – geboren 1990, arbeitet als freie Videokünstlerin für Theater und studiert an der Kunsthochschule für Medien

in Köln und an der Universität der Künste Berlin. Eigene Arbeiten zeigte sie an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz,

Berlin innerhalb des P14-Jugendtheaters, dem Hebbel am Ufer, Berlin und dem Radialsystem, Berlin.

und Jan Koslowski – geboren 1987, Regisseur und Filmemacher. Er studierte an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-

Württemberg und besucht zurzeit die Masterclass für Regie an der Zürcher Hochschule der Künste. Er arbeitet für das Jugendtheater

der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz P14. Jan Koslowski und Hannah Dörr arbeiten schon seit Jugendtagen zusammen,

sie kooperierten in zahlreichen Theaterproduktionen und realisierten gemeinsam mehrere Kurzfilme.

Workshop V: Wer oder was fragt nach dem Bild

Erzählen, darstellen, präsentieren – schon im Alltag handeln wir theatral, schlüpfen

in verschiedene Rollen, setzen uns den Blicken anderer aus und inszenieren

uns. Jeden Tag gehen wir mit verschiedenen Darstellungsstrategien um, meist unbewusst

und zufällig. Gemeinsam wollen wir diese Selbstdarstellungsstrategien

des Alltags entschlüsseln. Aber was hat das mit Theater zu tun, und vor allem:

Was hat das mit UNSEREM Theater zu tun? …

mit Julia Gräfner – geboren 1989 in Schwerin, hat 2012 ihr Schauspielstudium Bachelor of Arts in Theatre an der Hochschule

der Künste Bern abgeschlossen. Im Jahr 2008 gehörte sie mit der Produktion „hamlet.net“ der Theatergruppe am Goethe-

Gymnasium Schwerin zu den Teilnehmern des Theatertreffens der Jugend. Im darauffolgenden Jahr war sie Redaktionsmitglied

der Festivalzeitung und 2010 und 2011 Jungjurorin in der Festivaljury. Seit Herbst 2012 studiert sie im Studiengang Master

of Scenic Art Practice an der Hochschule der Künste Bern. Verschiede Produktionen und Projekte führten sie in den letzten

Jahren an das Luzerner Theater, Konzerttheater Bern, Sophiensæle, Berlin, Pathos, München, AUA-Wir leben! Festival, Bern,

SKENA-UP! Festival Prishtina und Schaubudensommer Dresden.

und Anna Wille – geboren 1989 in Schwerin. Während der Schulzeit wirkte sie konzeptionell und spielerisch an diversen Projekten

der Theatergruppe am Goethe Gymnasium Schwerin TaGGS mit. 2008 wurde die Gruppe mit „hamlet.net“ zum Theatertreffen

der Jugend und zum Liebe Macht Tod Festival des ZDFtheaterkanals eingeladen. Nach dem Abitur und während des

Studiums folgten Dramaturgie-Hospitanzen und Assistenzen am Mecklenburgischen Staatstheater, Schwerin, Staatsschauspiel

Dresden und Maxim Gorki Theater, Berlin. Bis 2012 studierte sie Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater

Leipzig. Sie ist Mitglied des Werkstattmacher e.V. für Theaternachwuchs in Leipzig und arbeitet als Assistentin für das Kollektiv

ehrliche arbeit – freies Kulturbüro in Projekten der Freien Theater Szene Berlin.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Workshop VI: Theatrale Games – Werkstatt theatrale Spielformate

Dieser Workshop soll einige Game-Formate untersuchen, ausprobieren und erklären.

Das Theater- und Medienkollektiv machina eX produziert Computerspiele mit

theatralen Mitteln. Insbesondere die Spielregeln des Point'n'Click-Adventures werden

hierbei vom virtuellen in den realen Raum überführt. Dieses und zwei weitere

Spielformate – Performerfernsteuerung und Streetgames – wollen wir im Workshop

betrachten… sowie gemeinsam Games in den jeweiligen Formaten entwickeln, testen

und vor allem spielen! …

mit Nele Katharina Lenz – studierte Szenische Künste an der Universität Hildesheim und an der Université Sorbonne-Nouvelle,

Paris. Sie ist Theatermacherin, Produktionsleiterin und Videofilmerin und leitete medien- und theaterpädagogische

Workshops in Berlin und Hamburg. Als Gründungsmitglied des Medien-Theaterkollektivs machina eX arbeitet sie seit 2009 mit

an der Entwicklung von theatralen Games.

und Mathias Prinz – Sounddesigner, Musiker, Theatermacher und Literaturwissenschaftler. Als Mitglied von machina eX ist er

seit 2009 mit der Zusammenführung von Computerspielen und Theater beschäftigt. Er studiert momentan Literarisches Schreiben

an der Universität Hildesheim und schreibt an einem Buch über Friedrich Dürrenmatts Spätwerk.

Workshop VII: Fehler für alle!

Das Theater ist ein Ort der Urteile. Ständig bewerten wir die Dinge, die wir sehen:

die Inszenierung, die Schauspieler, die Regie, das Bühnenbild, die Musik, und so

weiter. Auch auf diesem Festival wird es sicher oft darum gehen, wem was warum

gefällt und was nicht. Theatermachern ist es anscheinend wichtig, schnell sagen

zu können, ob sie etwas „gut“ oder „schlecht“ finden, etwas „richtig“ oder

„falsch“ ist – bei Vorstellungen, aber auch schon bei den Proben. Hier setzt der

Workshop an….

mit Alexander Riemenschneider – geboren 1981 und aufgewachsen im Rheinland, lebt in Bremen; war zunächst als Musiker in

Deutschland und Nachbarländern unterwegs; ab 2003 Theatermusiker und Regieassistent am Theater Bonn; dann Regiestudium

in Hamburg; während des Studiums Einladungen zu mehreren europäischen Theaterfestivals, seit 2009 tätig als Theaterregisseur,

u. a. am Schauspielhaus Hamburg und am Deutschen Theater, Berlin, in Bonn, Oldenburg und Prag. Seit der Spielzeit

2012/13 ist Alexander Riemenschneider als Hausregisseur im Schauspiel am Theater Bremen engagiert.

und Jacob Suske – geboren 1980 bei Graz, arbeitete als Theaterkomponist bereits u. a. am Deutschen Theater, Berlin, der

Schaubühne, Berlin, Schauspiel Frankfurt, Staatstheater Dresden, Residenztheater, München, Luzerner Theater, Stadttheater

Bern, dem Düsseldorfer Schauspielhaus, Theaterhaus Jena und mit freien Gruppen wie Faradaycage oder Banality Dreams.

Vor allem mit der Regiesseurin Sabine auf der Heyde verbindet ihn eine langjährige und intensive Zusammenarbeit. Als Bassist

spielte er unter anderem mit Bonaparte, One Shot Orchestra, Lunik oder Sophie Hunger, produzierte Bands wie Lily Yellow

oder Huck Finn und arbeitete als Dozent an der Schauspielschule des Mozarteum Salzburg, der ZHdK Zürich und der Jazzschule

Luzern. Zurzeit arbeitet er an seinem Soloprojekt Zachov.

93


Dialog

Aufführungsgespräche

täglich 17:00 Uhr

Samstag 01. Juni 2013, 10:30 Uhr im Oberen Foyer

Die Aufführungsgespräche zu den Produktionen waren neben deren Aufführungen

und dem Workshop-Programm wichtiges Element des intensiven inhaltlichen Austauschs

der Gruppen untereinander. In kleineren Gesprächsgruppen hatten die

Jugendlichen täglich Gelegenheit, ihre persönlichen Reflektionen und Kritiken anzubringen

und auszutauschen. Es öffnete sich ein konzentrierter Raum, in dem die

inhaltliche und künstlerische Auseinandersetzung der Spielerinnen und Spieler der

jeweiligen Produktion gemeinsam mit allen jugendlichen Festivalteilnehmern besprochen

wurde. Diese Aufführungsgespräche wurden von einer Patengruppe moderiert.

Die Moderatoren wurden von den ehemaligen Teilnehmerinnen Sarah Gailer und Katharina Bartels

in das Gesprächsformat eingeführt.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Festivalzeitung FZ

Die Festivalzeitung FZ kritisierte, interviewte, porträtierte, spekulierte, fabulierte

und eröffnete zusätzliche Denkräume, neue und andere Perspektiven auf die gezeigten

Produktionen.

Die Redaktion 2013 bestand aus:

Khesrau Behroz – Redaktionsleitung,

geboren 1987 in Kabul,

Student, liest und lebt in Berlin.

Womit er besonders zufrieden

ist: Kunstvermittlung bei „Die

Welt bewohnen“ im Rahmen der

documenta 12; diverse (Schul-)

Theaterproduktionen; Redakteur

des Theaterfestivals Kaltstart in

Hamburg, Auftritte auf Lesebühnen

und bei Poetry Slams.

Veröffentlichung in „schräg gegens

licht“ (2010), Gründung von

„echauffier – Magazin für Empörung“

(2011), Kurzgeschichte mit

Illustrationen und Hörspiel „Gift

und die alten Herren“ (2012), Lesereise

„Wasil rennt davon“ – Ryo

Takeda liest Texte von Khesrau

Behroz (2013).

Luna Ali, geboren 1993 in Syrien,

Studentin, Bochum, lebt seit

2001 in Deutschland. Sie schreibt

nicht nur auf Deutsch, sondern

denkt und träumt auch in dieser

Sprache. Angefangen hat alles

mit Briefeschreiben, ging über in

exzessives Theaterspielen und

endete beim Poetry Slam. Politik

und Bücher spielen eine große

Rolle in ihrem Leben. Veröffentlichung

in der Anthologie „ich

stell dir die schatten schärfer“

des Treffens junger Autoren der

Berliner Festspiele, 2012.

Anna-Theresia Bohn, geboren

im Mai 1989 in Mainz. Studiert

Relevantes in Berlin. Ehemalige

Preisträgerin des Treffens junger

Autoren, ehemaliges Jurymitglied

des poet | bewegt. Veröffentlichungen

in Anthologien.

Ist auf Lesungen anzuhören,

-schauen, -treffen. Schreibt Gerüchten

zufolge an einem Buch:

„Jahresbilanz“. Schreibt den Tatsachen

entsprechend mit Herzblut

an dem, was sie selbst gerne

lesen würde.

Lydia Dimitrow, geboren 1989

in Berlin. Schreibt Prosa, Gedichte,

Szenisches, Songs. 2005

und 2007 beim Treffen junger

Autoren, seit 2008 in der FZ-Redaktion

des Theatertreffens der

Jugend. Studiert Allgemeine und

Vergleichende Literaturwissenschaft,

deutsche und französische

Philologie an der Freien

Universität Berlin und an der

Université de Lausanne. Liest

seit 2008 regelmäßig bei der Lesebühne

Lauschgift. Seit 2011

kleinere Übersetzungen aus dem

Französischen. Mag Theater. Sehr.

Dave Großmann – FZ Fotograf,

geboren 1989 in Jena, lebt und

wütet seit einigen Jahren in

Berlin. Kann und will sich nicht

entscheiden, was er als aktuelle

Tätigkeit angeben soll. Auf der

einen Seite Gestalter, in der

Grafik, mit der Kamera, aber

auch mit Pinsel und Farben unterwegs.

Auf der anderen Seite

Tänzer und Choreograf im Bereich

BBoying, aber auch im

zeitgenössischen Kontext. Preisträger

diverser Tanz- und Fotowettbewerbe

auf nationaler

und internationaler Ebene. Studiert

Kommunikationsdesign

an der FH Potsdam und arbeitete

für diverse Institutionen:

Bundeswettbewerbe der Berliner

Festspiele, Berliner Ensemble,

Tanz im August, TanzTangente

Berlin sowie UdK und

danceworks berlin.

95


David Holdowanski, geboren

1991, Heidelberg, Studium der

Philosophie, Slawistik und

Komparatistik. Preisträger des

Treffens junger Autoren 2007

und 2009. Stipendiat der Stiftung

Niedersachsen, Teilnehmer am

„Literaturlabor“ der Bundesakademie

für kulturelle Bildung,

Wolfenbüttel 2009. Redakteur

und Regisseur der

Festivalzeitung beim Theatertreffen

der Jugend. Finalist bei

Radikal Büchner, zdf.kultur

2013. Veröffentlichung in Anthologien,

u.a. in „Der Horizont

hängt schief“, Berlin 2008, „Destillate“,

Wolfenbüttel 2009,

„schräg gegens licht“, Frankfurt

a. M. 2010.

Margarita Iov, geboren 1993 in

Kiew, nahm 2011 am Treffen

junger Autoren teil und ist 2013

Stipendiatin der Niedersächsischen

Kulturstiftung. Ihre Texte

wurden in verschiedenen Anthologien

– „Freihändig“, „Hundert

Herzschläge Freigepäck“ –

sowie in der Edit #61

veröffentlicht. Im Verlag Das

neue Berlin erschien im Jahr

2011 ihre Übersetzung der

Kriegstagebücher des russischen

Fotografen Jewgeni

Chaldej. Sie lebt in Berlin.

Felix Kracke, geboren 1990 in

Hamburg, aufgewachsen in

Detmold. Studium Kunsttheorie

an der Zürcher Hochschule

der Künste und seit 2012 Theaterregie

an der Hochschule für

Musik und Darstellende Kunst

in Frankfurt am Main. Schreibt

Kurzprosa und Theatertexte (u.

a. für das Staatstheater Karlsruhe,

Theaterhaus Jena, die

Neuköllner Oper, Berlin). Aktuell

Teilnehmer des Förderprogramms

stück / für / stück am

Schauspielhaus, Wien.

Sebastian Meineck, geboren

1992 in Mainz, ist Student der

Allgemeinen und Vergleichenden

Literaturwissenschaft und

der Soziologie in Frankfurt am

Main. Er schreibt, liest, treibt

sein Unwesen da, wo andere

schreiben und lesen (dreimaliger

Preisträger beim Treffen

junger Autoren, beim Europäischen

Literaturwettbewerb der

Jugend-Literatur-Werkstatt

Graz, Teilnehmer im Literatur-

Labor Wolfenbüttel). Veröffentlichungen

in Anthologien,

im Internet und im Radio. Mitarbeiter

bei Radio Klinikfunk

Wiesbaden. Liest vor in Cafés

und Kellern.

Fine Riebner, geboren 1993 in

Berlin-Neukölln. 2009 erstes

Theaterprojekt „Bernarda Albas

Haus“ mit Patricia von Miserony.

Anfang 2010 erste Lesung

eigener Texte im

Neuköllner Schillerpalais. 2011

Preisträgerin des Treffen junger

Autoren. Im Jahr 2012 Engagement

am Theater unterm Turm,

Berlin und Nachwuchsdramatikerin

beim Interplay

Europe in Madrid. 2013 Engagement

im schaltwerk. Studentin

der Psychologie.

Julian Eric Christian, geboren

1990 in Frankfurt am Main, Student

an der UdK Berlin mit Ausrichtung

auf transmediales

Raumdesign bzw. raumspezifische

Erkenntnisprovokation.

Kunstvermittlung im Rahmen

der documenta 12 „Die Welt bewohnen“,

dokumentarische Begleitung

diverser Zusammenkünfte

im theatralen Bereich in

Bild, Grafik und Ton. Stets an

der Erlebbarmachung eines

psychogeographischen Reizes

interessiert – bezogen auf performative

und zeitbasierte Medien

– welcher beim Adressaten

mindestens so intensiv ist wie

beim Performer.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Essay

Rezension und Party – von Sebastian Meineck

Das Theatertreffen der Jugend ist ein Festival, aber es ist mehr als nur ein Fest. Wenn die Blumen

verteilt werden und der Applaus durch den Saal rauscht, wenn abends die Party steigt, dann ist es

Zeit fürs Fest. Jede eingeladene Produktion hat auf hohem Niveau etwas geschaffen, das bemerkenswert

ist. Das darf so richtig gefeiert werden.

Das Theatertreffen der Jugend

– ein komischer Raum

Das Theatertreffen ist aber

auch ein Raum für Gespräche

und für neue Gedanken. Die

Produktionen kommen aus

ganz Deutschland. Manchmal

kommen sie aus kleinen Ortschaften,

und bisher haben nur

Lokalzeitungen über sie geschrieben.

In Berlin öffnet sich

ein ganz anderer Raum. Hier

gibt’s eine neue Öffentlichkeit.

Das Festival ist zwar zu groß,

als dass man hier jeden Einzelnen

kennen lernen kann. Aber

es ist auch so klein, dass man

sich auf eines verlassen könnte:

Es ist ein geschützter Raum.

Wir sind eine kleine Gemeinschaft.

Das Theatertreffen der

Jugend ist ein Raum, in dem

sich keiner zurückhalten muss

mit spontanen Einfällen, frechen

Späßen oder einfach nur

Klartext. Dazu sind die Workshops

da, die Aufführungsgespräche,

und auch: die Festivalzeitung.

Die Festivalzeitung FZ –

ein komisches Ereignis

Die Festivalzeitung ist nicht nur

dazu da, all das abzubilden, was

in diesen acht Tagen hier geschieht.

Das gehört natürlich

auch dazu, und deshalb laufen

wir jeden Tag mit Aufnahmegeräten

und Fotoapparaten

herum. Uns geht es aber auch

darum, neue Ereignisse zu schaffen,

und zum Festival etwas beizutragen,

das es sonst nicht

geben würde. Und ein solcher

Beitrag zum Festival, das sind

die Rezensionen.

Überraschung!

Mit den Rezensionen wollen wir

Gespräche über die Stücke anregen,

die sonst vielleicht nicht

geführt worden wären. Ich bin

jetzt seit drei Jahren beim Theatertreffen

der Jugend, und jedes

Jahr treffe ich überraschte

Leute, die nicht gedacht hätten,

dass wir das schreiben,

was wir schreiben. Wir von der

Redaktion sind in erster Linie

Autoren und haben uns beim

Schwester-Wettbewerb des

Theatertreffens der Jugend,

dem Treffen junger Autoren,

kennen gelernt. Einige von uns

sind schon seit mehr als fünf

Jahren beim Theatertreffen der

Jugend. Wir lieben das Theater,

aber wir kommen in der Regel

nicht von der Bühne. Wir schauen

uns die Stücke an und horchen

in uns rein, was sie bei uns

auslösen. Manche von uns machen

sich direkt im Stück Notizen.

Am Abend und am Morgen

danach diskutieren wir darüber.

Dann geht es uns darum,

unsere Eindrücke in einen Text

zu bringen, und dabei deutlich

zu machen, woher diese Eindrücke

kommen. Unser Ziel ist

es dabei, der Wirkung gerecht

zu werden, die das Stück in uns

ausgelöst hat. Unser Ziel ist es

aber nicht, Verbesserungsvorschläge

zu machen, denn wir

sind keine Regisseure. Und allgemeingültige

Urteile wollen

wir auch nicht fällen. Das können

wir gar nicht, und wahrscheinlich

kann das ohnehin

keiner. Was man mit diesen Rezensionen

dann anfängt, das

ist jedem selbst überlassen.

Bestimmt kann man nicht immer

ganz nachvollziehen, warum

der Rezensent nun diesen

oder jenen Eindruck vom Stück

mitgenommen hat. Ich wundere

mich auch manchmal über

meine Kollegen. Manche Sachen

kann ich erst Tage später

diskutieren, weil ich die erst einmal

sacken lassen muss. Aber

gerade darin sehen wir den besonderen

Input der Rezensionen.

Die wollen nicht eingeschweißt

oder eingerahmt

werden. Sie wollen überraschen

und irritieren, um Gespräche

übers Theater anzuregen.

97


Spezial

Außenblick

Dienstag, 28. Mai 2012

10:00 – 12:00 Uhr

Raus aus dem Mikrokosmos Theatertreffen der Jugend. Es galt, die Großstadt zu

entdecken: ganz klassisch im Bus, ganz touristisch…

Innenblick

Dienstag, 28. Mai 2012

15:00 Uhr – 16:00 Uhr

Prospektzüge, Ober- und Untermaschinerie, Galerien in schwindelerregender

Höhe und mehr aus der Welt der Theatertechnik waren zu bestaunen in der Tour

durch das Haus der Berliner Festspiele.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Stimmen zum Festival

+++ ich habe neue formen von theater kennengelernt +++ ich habe über

sehr viele themen neu nachgedacht, auch über mich selbst, und ich bin zu

neuen schlüssen gekommen +++ ich habe es geliebt, so viel zu lernen +++

als ehemaliger habe ich nicht alles miterlebt, aber es gab trotzdem sehr

viel neuen input, man lernt einfach nicht aus, und hier wird so offen miteinander

umgegangen +++ ich war ja auch schon letztes jahr dabei und

fand, dass die stücke dieses jahr noch viel abwechslungsreicher waren +++

die leute waren toll, die band auch, die fassbrause ist natürlich immer das

coolste, ich hab viel gelernt +++ die stücke sind vielfältiger geworden, zum

beispiel die performance aus solingen war eine neue erfahrung für mich:

abschreckend, aber sehr interessant +++ ich habe gesehen, wie leute neue

formen vom theater ausprobieren +++ ich kann im namen der gruppe sprechen:

wir haben uns persönlich total verändert, wir sind stärker geworden,

wir können mehr kritik vertragen als vorher +++ der tanzworkshop hat

mich unglaublich weitergebracht +++ man lernt so viele leute kennen, man

ist so erschlagen von der wucht +++ es hat sich alles verändert bei mir +++

ich bin sehr viel offener geworden, als vorher, das hat mich richtig verändert

+++ ich glaube schon, dass es mich verändert hat, aber das muss sich

erstmal setzen +++ für mich war das festival auch sehr schön, es war mal

anders als die festivals, auf denen ich sonst war, auch von der struktur her

+++ die workshops waren sehr toll, es hat mir auch gut gefallen, dass wir so

viele workshops hatten +++ zum beispiel das stück gestern (aus heidelberg)

hab ich nicht richtig verstanden +++ ich fand das festival sehr dicht, ich

fands toll, all die stücke sehen zu können, acht stücke nacheinander jeden

abend! +++ ich fand die workshops sehr cool, sehr abwechslungsreich, es

war sehr intensiv, ich bin jetzt aber ganz froh, erstmal ’ne pause zu haben

+++ ich habe hier tolle leute kennen gelernt und mich mit leuten unterhalten,

mit denen ich mich sonst nicht unterhalten würde. nicht, weil ich die

verachten würde oder so, nein, einfach, weil ich die sonst nie treffen würde

+++ das festival war cool, es gab gute stimmung, und alles war auf einem

hohen niveau +++

99


Forum

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


101


Forum

Das FORUM des Theatertreffens der Jugend richtete sich

an Spielleiter/-innen und untergliederte sich in drei

Sektionen: Praxis, Dialog und Fokus. Praxis enthielt zwei

kompakte Blöcke mit jeweils mehreren Impulsworkshops

und einem Intensivworkshop sowie einen Block Impulsworkshops

für Studierende. Dialog beinhaltete alle Aufführungsgespräche

des Festivals. Fokus widmete sich

einem Schwerpunkt innerhalb des Forum-Programms.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Praxis

Praxis I

Handlungen, die in einem zeitlichen Ablauf

reproduzierbar organisiert sind, so

lassen sich Choreografien beschreiben.

Je mehr sich Theaterformen vom Text

entfernen, desto interessanter werden

choreografische Zugriffe: Bilder statt

Sprache, physische Realität statt

Sprechtechnik. Aber was macht Choreografien

aus und sind sie auch jenseits

von Tanz denkbar? Die vier Referenten

vermittelten unterschiedliche

Zugänge, Methoden und Bausteine.

Im Workshop von Tom Bünger stand der

sprechende Körper im Zentrum. Zentral

dabei ist, dass Tanz kein „Als-Ob“

kennt, sondern die unmittelbare, reale

Physis. Der Workshop machte das „Dasein“

stark, eine neutrale körperliche

Präsenz, die eine große Kraft auf der

Bühne entwickeln kann. Davon ausgehend

wurden mit großer Reduktion die

Zeichenhaftigkeit von Bewegungen,

Raumrichtungen, Geschwindigkeiten,

Nähe und Distanz, Synchronität und

Gegenbewegung untersucht. Was erzählt

ein neutraler Blick ins Publikum,

ein Rücken, ein fallender Arm, was

macht der restliche Körper dabei? Der

Workshop konzentrierte die Aufmerksamkeit

auf den Körper, noch bevor

Tanz stattfindet. Erst im zweiten Schritt

wurde das Körperzeichen dann in den

Raum, in eine Choreografie transportiert.

Wichtigste Arbeitsmethode dabei

war nicht die Komposition von Bewegung,

sondern die zufällige Gleichzeitigkeit

oder Begegnung von vorgegebenen

und improvisierten Bewegungs -

elementen: so entstanden die interessantesten

choreografischen Wirkungen

des Workshops. Der Workshop machte

auch Nicht-Tänzern Mut, Tanz einmal

nur als den physischen Körper zu denken:

Der Körper spricht schon durch

einfachste Bewegungen wie die Drehung

eines Kopfes, das Fallen von

Schultern oder das Einknicken der Knie.

Der Praxis-Impuls von Andreas Simon

hingegen spielte mit den Extremen der

zeitlichen Gestaltung: Langsamkeit und

maximale Geschwindigkeit sowohl in

Form von Bewegungsetüden, als auch

einer Arbeitsmethode: Was passiert,

wenn sich Bewegung unter Zeitdruck

entwickeln muss? Im Kontrast dazu:

Wie läuft die langsamste Bewegung an,

was passiert im Körper? Wie hängen

Tempo und Größe der Bewegung zusammen,

welche Grenzen gibt es? Die

Wirkung von Tempovariationen wurden

in unterschiedlichen choreografischen

Sets ausprobiert. Deutlich wurde, dass

Zeitdruck Hemmungen fallen lässt und

das spielerische Moment einer Improvisationsphase

fördert. Die Konzentration

auf extreme Langsamkeit schafft ein

Bewusstsein für den Körper: Gewichtsverlagerung,

Kraft, Form, Größe einer

103


Bewegung. Als spannendste Gestaltungsmittel

für Choreografien wurden

im Workshop Kontraste und Tempowechsel

formuliert.

Auch Musik kann ein wichtiges choreografisches

Element sein, wenn sie überlegt

eingesetzt wird. Dominik Blumer

fokussierte seinen Workshop auf Musik

als Teil der Inszenierung (in Abgrenzung

zum Einsatz in der Probenarbeit, zur

Entwicklung von Figuren oder Szenen

etc.) und schärfte die Aufmerksamkeit

für die unterschiedlichen Wirkungen

von Musikeinsätzen. Zentrale Fragen bei

der Verwendung von Musik waren: Wer

hört die Musik? Ist sie für den Zuschauer

zusätzliche Bebilderung oder agieren

die Spieler damit? Wer spielt die Musik?

Gibt es eine Band, wird sie auf der Bühne

produziert oder kommt sie als Einspielung?

Welchen Anlass im Stück gibt

es für Musik und wie motiviert sie sich

im konkreten Moment? Musik kann ein

szenisches Mittel zur Unterstützung

oder Verfremdung der Situation auf der

Bühne sein. Sie kann auch dramaturgisches

Mittel sein, beispielsweise leitmotivisch

für eine Figur klingen oder eine

Entwicklung abbilden, in dem sie die

Handlung an Anfang und Schluss klammert

und die Schlussmusik eine Variation

der Anfangsmusik ist (z.B. andere

Instrumentierung). Als rhythmisches

Element dynamisiert sie die Handlung,

kann verlangsamen oder beschleunigen.

Musikeinsätze lassen sich auch auf

der Konzeptebene motivieren: durch die

Liedtexte, die Zeitebene oder ein Genre

– wenn Musik sich mit anderen Mitteln

in eine Richtung verdichtet, entfaltet

sie die größtmögliche szenische Wirkung.

Im Workshopexperiment wurden

anhand einer Szene aus „Das Fest“ die

Wirkung von unterschiedlichen Musiken

und Musikeinsätzen untersucht. Schauspiel

lässt sich als ein Dialog zwischen

physischer Handlung und einem Text

beschreiben, der Anhaltspunkt, die Folie

für die konkrete Handlung ist.

In Maike Krauses Workshop waren zufällige

Choreografien in physischen

Handlungen zentral. Ein performatives

Experiment führte in den theoretischen

Workshophintergrund ein und war

gleichzeitig schon Spielraum für Zufälle:

Ausgangsbasis war ein identischer Text,

jedoch mit drei unterschiedlichen Regieanweisungen,

die dem Publikum

nicht bekannt waren. Dieser Text wurde

von drei Personen vorgelesen, die jeweils

ihre Regieanweisungen umsetzten.

Die Versuchsanordnung lenkte unsere

Aufmerksamkeit auf die physische

Handlung, die sich beim Lesen zwischen

den Spielern vollzieht – die zufällige

Choreografie. Als Mittel konkretisierten

sich Form, Zeit, Ausdruck,

Bewegung und Bewegungsqualität,

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Raum, Richtung, Tempo und Tempowechsel,

Dauer, Geste. Diese Gestaltungsmittel

gehen zurück auf die Werkzeuge

des Schauspielers: Augen

(Blicke), Atem, Kontakt (mit sich, mit

dem Boden, mit einem Partner), Bewegung,

Rhythmus (Dynamik, zeitliche

Struktur) – der Körper agiert wie eine

Skulptur, die sich in Bewegung setzen

kann. Mithilfe von „Instant Compositions“,

kleinen körperlichen Handlungsanweisungen,

entwickelten wir dann

Kurzchoreografien, in denen die Werkzeuge

und Stilmittel erprobt werden

konnten.

Durch die Impulsworkshops leitete: Rieke Oberländer, geboren

1982, Studium der Kulturwissenschaften und ästhetischen

Praxis mit Schwerpunkt Theater an der Universität Hildesheim.

2003 und 2005 Jurorin beim Theatertreffen der Jugend,

2004 bei den Landesschultheatertagen Thüringen, 2008 Jurorin

beim Festival Liebe Macht Tod – Schüler spielen Shakespeare,

Regieassistentin in verschiedenen Schauspielproduktionen

in Hildesheim und Bremen. Workshopleiterin für

verschiedene Träger – u.a. Theatertreffen der Jugend, Schiller

05, Schultheater der Länder. 2004 bis 2007 Leiterin des Jugendclubs

am Stadttheater Hildesheim. Seit Sommer 2007

Theaterpädagogin und Leiterin der Theaterpädagogik am

Theater Bremen.

Im Intensivworkshop mit Heiko Kalmbach

erkundeten und (er)probten die

Teilnehmer/-innen Einsatzmöglichkeiten

von Video im Theater.

105


Praxis II

Wie arbeiten theaterpädagogische Eigenproduktionen

mit Figuren? Welches

Verhältnis zwischen Figur und Spieler

gibt es da und wie viel Fiktion braucht

das Biografische Theater? Wie wird aus

Biografischem Fiktionales und geht es

auch umgekehrt? In Praxis II sollten die

Workshops der drei Referenten einen

Austausch über unterschiedliche Perspektiven

auf das Thema anregen.

Die Einheit von Ulrike Hatzer fand als

Gradwanderung zwischen fiktionaler

Figur und physischer Realhandlung

statt. Aus körperlichen Zuständen und

Handlungsabfolgen wurden zum Thema

„Meine letzte große Schlacht“ Texte

und Subtexte entwickelt und miteinander

in Beziehung gesetzt. Welche Sätze

kommen, wenn mein Körper beengt am

Boden kauert? Welche Figur aus der Literatur,

aus Film oder Geschichte fällt

mir dazu ein? Und welche Wirkung entsteht,

wenn ich nun einen fremden Text

zu meiner Bewegungsabfolge spreche,

diesen aber in Einschüben mit kurzen

Bestandsaufnahmen meines realen

körperlichen Befindens kommentiere?

Deutlich wurde, wie sinnlich Figuren

durch körperliche Handlungen werden,

wie viel Spannung erzeugt wird, wenn

Körper und Text sich reiben und wie das

Kommentieren sowohl eine humorvolle

Leichtigkeit, als auch eine Tiefe schaffen

kann. Plötzlich erscheint die Figur mehrdimensionaler

und gleichzeitig kommt

der Spieler selbst zum Vorschein. Reizvoll

ist die Beziehung, die sich zwischen beiden

andeutet und dem Zuschauer viel

Raum für Deutungen überlässt.

Der Schreibworkshop von Thomas Freyer

arbeitete an der Fiktionalisierung von

Biografischem. Orientiert am Prinzip

„Distanz erzeugt Spannung“ ging es um

die Reduktion, die Konzentration auf das

eigentliche Interesse an etwas bereits

Ausgesprochenem. Biografisches Material

hat nicht per se theatrale Qualität,

in der Auswahl und Komposition liegt die

Kraft. Der Workshop vermittelte einen

Ansatz, wie dokumentarisches Material

zu einer Figur jenseits der Klischees inspirieren

kann, der später das Material

als Sprache zurückgegeben wird. In einer

dreischrittigen Schreibaufgabe entwickelten

wir aus Figuren Situationen und

später (Dialog-) Szenen.

Performance inszeniert im Gegensatz

zum traditionellen Theaterverständnis

keine „Als-Ob“-Situationen, sondern

zeigt reale Handlung, die Spielregeln

folgt. Figuren schaffen Zusammenhänge,

sind aber ein Fiktionalitätssignal. In

der Performance steht die Realpräsenz

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


des Performerkörpers im Zentrum. Können

Figuren demnach überhaupt performativ

handeln? Und können Performer

zu Figuren werden?

Anhand von Beispielinszenierungen von

Rimini Protokoll und She She Pop wurden

im Impuls von Linda Waack Möglichkeiten

der Grenzüberschreitung zwischen

Performance und Figur diskutiert.

Beispielsweise erlebt das Publikum bei

sehr langen Theaterabenden Schauspieler

auch als Performer, deren Körper

auf die körperliche Belastung des Spiels

reagieren. Denkbar sind auch performative

Elemente in Inszenierungen, wie

z.B. in „Wilhelm Tell“ den Apfelschuss in

Korrespondenz zu Marina Abramovics

Performance „Rest energy“ zu gestalten.

Rimini Protokoll überschreiten die

Grenze des Fiktionalen mithilfe von Experten

des Alltags, die sie anhand der

Figurenliste des Stücks auswählen. Der

Wallenstein wird so ein echter Politiker,

der über seinen Aufstieg und Fall berichtet,

Soldaten sind echte Soldaten,

die ihre Einsätze schildern. Im Workshop

wurde nach diesem Vorbild aus der Figurenliste

unterschiedlicher Klassiker

eine Taskperformance entwickelt und

Handlungsanweisungen für die Theatralisierung

des Expertenmaterials erfunden.

Durch die Impulsworkshops leitete: Rieke Oberländer (Vita s.

Praxis I)

Dennis Deter und Lea Martini stellten in

ihrem Intensivworkshop den Körper als

Material und Werkzeug künstlerischer

Forschungsprozesse in den Mittelpunkt.

107


Praxis für Studierende

Im Fokus der vier Impulseinheiten standen

Fragen des „drüber Redens“ im Mittelpunkt:

Wie lässt sich über das Theater

von und mit Jugendlichen reden? Woran

lassen sich Beschreibungen von Jugend

auf der Bühne anknüpfen und von welchem

Theater ist überhaupt die Rede?

Den Impuls 1 mit dem Titel „Buntzone -

Theaterpädagogik und/oder/ist nicht/

ist auch/ Regie“ leitete Ulrike Hatzer,

die sich diesen Fragen spielerisch mittels

theatraler Dialogformate annäherte.

So ging es zunächst einmal darum,

sich im wahrsten Sinne des Wortes um

Kopf und Kragen zu reden, losgelöst

von „Wissen“. Begrifflichkeiten wie biografisches

und dokumentarisches Theater,

ästhetische Bildung, Amateurtheater,

Laientheater wurden in einem

assoziativen Reihum zum Thema gemacht.

Anschließend wurden diese Begrifflichkeiten

in einer fiktiven Konferenzsituation

zwischen Repräsentanten

des Biografischen (z.B. Andres Veiel)

und Experten/-innen des Theaters

(Theaterlehrer,-pädagogen, Regisseure)

verhandelt. Wenn auch fiktiv, so wurde

ein Dialog eröffnet, der verschiedene

Perspektiven aufzeigte und im Nachdenken

über das eigene Theatermachen

wiederum „Realität“ erlangte.

Im zweiten Impuls „Von der Recherche

zur Szene – Herausforderungen für die

Dramaturgie“ mit Birgit Lengers standen

Form und Verfahren des sogenannten

Recherchetheaters im Mittelpunkt.

Anhand einer Produktion des Jungen DT

(„Fluchtpunkt Berlin”) wurde beispielhaft

aufgezeigt, wie biografisches Material

im Rahmen eines Projekts recherchiert,

erhoben und in Szene gesetzt

werden kann, was nicht von den Spielern

selbst stammt. Ein solcher Transformations-

bzw. Gestaltungsprozess

wurde anhand einer Recherche zum

Thema „fremder Tascheninhalt“ erprobt.

So wurde nicht die eigene Tasche

nach Inhalt durchsucht und anschließend

in der Art einer kleinen Installation

aufbereitet, sondern die des Partners.

Im Arrangement des

„persönlichen Materials“ zeigte sich der

fremde Blick auf das je Eigene und war

für alle Beteiligten eine besondere Erfahrung.

Mit dem Impuls 3 unter dem Titel „Qualitätskriterien

– Meilensteine der Jurytätigkeit“

eröffnete Martin Frank ebenfalls

spielerisch das Gespräch über

Qualitätskriterien im Theater von und

mit Jugendlichen. Im Spiel mit den

vier Elementen konnte zunächst dem

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


eigenen Empfinden im Festival-Hierund-Jetzt

nachgespürt werden. Anschließend

wurden Fragen zur Qualität

im Theater allgemein oder im Theater

mit Jugendlichen über die Elemente

verhandelt. Hierbei wurde auch auf die

eingeladenen Produktionen Bezug genommen.

So lautetet z.B. eine Frage:

Welches Element war die Inszenierung

Almost Lovers? Welches Element hat

der Inszenierung gefehlt? Im Spiel mit

den Elementen eröffnete sich hier eine

andere, abstrakte Form des Nachdenkens

und Redens über Theater.

Form zu finden, über die sich im Durchdringen

von Sagen und Zeigen sinnstiftende

Momente ereigneten; Aha-Effekte

der besonderen Art und Weise.

Leitung: Ina Driemel > Sozialpädagogin und Theaterpädagogin.

Tätig als freischaffende Theaterpädagogin und Lehrbeauftragte

im Bereich Ästhetik/ Medien/Kunst; forscht zum

Thema „Jugend” in der Theaterpädagogik.

Der vierte Impuls unter dem Titel „Lecture-Performance-Experimente“

wurde

von Veronika Reichl geleitet. Auch hier

wurde auf die Produktionen des Festivals

Bezug genommen und zum Gegenstand

kleinerer Lecture-Performance-

Experimente gemacht. Das „Reden

über“ wurde theatral bzw. performativ

gerahmt, beispielweise durch die Einnahme

einer öffentlichen Sprecherposition

oder über die Auseinandersetzung

mit dem, was genau nicht

gemeint ist, quasi als Performance des

Gegenteiligen. Eine Analyse von Produktionen

auf körperliche Art und Weise

wurde ebenfalls erprobt. Unter dem

Motto: Dance your analysis! galt es eine

109


Dialog

Aufführungsgespräche

25. – 31. Mai 2013, jeweils 17:00 – 18:00 Uhr,

01. Juni 2013, 10:30 – 11:30 Uhr

Beschreibungen und Beobachtungen führten in das tägliche Aufführungsgespräch

mit Juror/-innen, Spielleiter/-innen und Forumsteilnehmer/-innen über formalästhetische,

inhaltliche und thematische Aspekte der Produktionen. Gefragt waren

Expertise, Toleranz, grenzenlose Neugier und viel Lust auf das Experimentieren

mit Gesprächsstrukturen.

mit Ulrike Hatzer – Siehe Jury

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Fokus

Gespräch mit der Jury

Dienstag, 28. Mai 2013

13:30 – 16:00 Uhr

Die Bedingungen rund ums Jugendtheater sind im Wandel. Wie kann zwischen G8

und Smartphones gutes Jugendtheater entstehen? Diese und weitere Fragen wurden

von den Teilnehmer/-innen in einer offenen Gesprächsrunde für die Gäste des

Theatertreffens der Jugend mit dessen Jury erörtert.

111


Essay

Die Gefahr liegt in der Imitation – von Lydia Dimitrow

In der Parkaue-Inszenierung

„Romeo und Julia” ging es vor

allem um die Unmöglichkeit,

als Jugendtheater so einen

Klassiker auf die Bühne zu bringen.

FZ hat nachgedacht und

ist ins Gespräch gekommen,

und stellt die ketzerische Frage:

Sind Textrealisationen im Jugendtheater

sinnvoll? Bei den

vielen Literaturverweisen, die

das Heidelberger Ensemble in

seinem Programmheft angibt,

ist nicht ganz klar, ob wir da

gestern eine Textrealisation

von Christopher Krieses „ich

bin nicht hamlet“, „ich bin

hamlet“ und „bin ich hamlet

oder bin ich’s nicht ist das ein

titel oder ein gedicht“ gesehen

haben, oder ob es sich bei

der Inszenierung um eine große

collagierte Adaption handelt

(abgesehen davon, dass

auch nicht ganz klar ist, ob es

sich bei Krieses Texten um

dramatische handelt). Aber

ansonsten ist die Lage klar:

Sechs Abende voller Eigenproduktionen

bis jetzt, woran

auch nichts ändert, dass sich

eine davon als „Romeo und

Julia“-Inszenierung ausgibt.

Ein Theaterfestival, das fast

nur Eigenproduktionen zeigt –

bildet das einen Trend ab oder

eine Notwendigkeit?

Jury-Mitglied Maike Plath sieht

durchaus einen Zusammenhang

zwischen der Überzahl an

Eigenproduktionen und der

Festivalphilosophie des Theatertreffens

der Jugend: „Wir

suchen hier ja Gruppen, die die

eigene oder eine kritische Haltung

auf die Bühne bringen.“

Für eine Eigenproduktion ist

dieser Ansatz schon Grundvoraussetzung,

bei Textrealisationen

liegt der vielleicht weniger

auf der Hand. Die Gefahr liegt

in der Imitation. Maike Plath

erzählt, es gebe auch Bewerbungen,

die nicht nur versuchen,

möglichst texttreu zu

sein, sondern die sogar ganze

Inszenierungen nachahmen.

„Das ist dann einfach wahnsinnig

langweilig.“ Und laut Plath

auch gefährlich. Man könne die

Tatsache nicht ignorieren, dass

viele Schauspieler im professionellen

Theater schlicht drei bis

vier Jahre Schauspielausbildung

hinter sich haben. Wenn

man sich dann mit Stoff oder

Inszenierung in den direkten

Vergleich begebe, könne Jugendtheater

leicht „defizitär“

wirken, sagt Plath. „Uns interessiert

nicht, wie Schüler versuchen,

Schauspieler zu sein.“

Auf diesen Punkt kommt auch

Workshopleiterin Linda Waack

zu sprechen. Für sie ist es wichtig,

dass es nicht als Mangel

behandelt wird, dass die Spieler

beispielsweise keine ausgebildeten

Sprecher sind, sondern

dass man versucht, damit produktiv

umzugehen. „Man legt

dem Handwerk das Handwerk“,

sagt sie. Und auch das

sei laut Maike Plath ein Aspekt,

der bei Textrealisationen oft zu

kurz kommt: „Da werden die

Jugendlichen dann oft nur als

Schauspieler behandelt.“ Dabei

sei doch das Tolle am Jugendtheater,

dass die Spieler eher als

ganzheitliche Künstler wahrgenommen

werden, Künstler, die

gleichzeitig Schauspiel, Dramaturgie,

Bühne und Kostüm machen

können. Man kann im Jugendtheater

einfach freier sein,

mehr ausprobieren – ohne Berufshierarchie

oder die Angst

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend

Dialog


um das nächste Engagement.

Eine besondere Freiheit ergibt

sich im Jugendtheater auch

daraus, dass es kein Abonnentenpublikum

gibt, das es zu befriedigen

gilt. Man kann sich

relativ ungebunden fragen:

Welche Themen bewegen uns?

Mit welcher Sprache wollen wir

uns ausdrücken? Warum also

dann ein Stück finden, das dem

nur annähernd entspricht,

wenn man auch eins selber

machen kann, eben so, wie es

einem gefällt. Bei Realisationen

müsse man sich das Stück

mit all seinen Überforderungsmomenten

aneignen, sagt Linda

Waack. Bei einer Adaption

könne man zumindest die ganze

Fremdheit der Vorlage ausstellen

und einen Abstand dazu

schaffen. „Deswegen münden

auch so viele Textrealisationen

irgendwann in Textadaptionen.“

Da stellt sich doch die

Frage: Ist nicht genau diese

Fremdheit eines anderen Textes,

die etwaige Komplexität eine

Herausforderung? Wenn man

sich an etwas abarbeitet, das

eben nicht das Eigene ist – kann

nicht gerade das zu neuen

Gedanken, einer neuen Auseinandersetzung

führen?

Auch Textrealisationen bzw.

-adaptionen könnten spannend

sein, sagt Jurymitglied

Klaus Riedel. Dann müsse man

sich auch gar nicht fragen, wie

die Lebenswelt der Spieler auf

das Stück zu adaptieren sei,

wichtig sei nur, dass das Ensemble

etwas mit dem Kernkonflikt

anfangen könne. Es

sei nur so schwer, passende

Texte fürs Jugendtheater zu

finden. Denn während man im

professionellen Theater nach

dem passenden Ensemble für

ein Stück sucht, muss man im

Jugendtheater natürlich oft

nach dem passenden Stück

fürs Ensemble suchen. Da

brauche man Textvorlagen, die

eher „Textflächen” seien, die

nicht vollkommen durch dialogisiert

sind, die eine „hohe

Leerstellendichte“ aufweisen.

So etwas sei in der Gegenwartsdramatik

leichter zu

finden als bei den Klassikern,

und damit könne man dann

viel anfangen.

Interessant ist: Bei der Frage,

ob man sich für eine Eigenproduktion

entscheidet oder

für eine Textvorlage, scheinen

auch vor allem praktische Entscheidungen

eine Rolle zu

spielen, denn gegen Letzteres

scheint rein konzeptionell erst

mal nichts zu sprechen. Klar –

es sollte etwas Eigenes entstehen.

Aber man kann genauso

gut aus einer Textvorlage etwas

Eigenes machen wie aus

einer Produktion, für die man

von vorneherein den Text

selbst entwickelt, selbst aus

einem Klassiker. Denn dann

könnte man versuchen, sich

eben nicht nur am Text selbst

abzuarbeiten, sondern auch

an dem Diskurs, der sich schon

um ihn rankt. Schließlich kann

selbst der Vergleich mit anderen

produktiv werden – wenn

Jugendliche ganz selbstbewusst

sagen: Das können wir

besser! Ein bisschen Größenwahn

gehört eben auch dazu.

113


Epilog

Wir haben es getan – von Margarita Iov

Wir haben so viel geschafft in

den vergangenen acht Tagen.

Und wir haben so viel Spaß gehabt

dabei. Wir sind hier alle

aufgeblüht, jeder auf seine Art.

Wir haben eingesehen, dass wir

alle nur versuchen, gute Jungs

zu sein. Dass wir Ängste haben

und Sorgen, aber eben auch

Träume. Wir haben gesehen,

dass es da eine große Kluft gibt

zwischen zwei Welten und dass

das Internet die Welt einerseits

kleiner, aber andererseits auch

einsamer macht. Wir haben

gesehen, wie viel Hellersdorf

uns allen zu erzählen hat über

das, was sich ändern soll, in der

Welt und in uns. Wir haben gesehen,

dass es mitten in unserem

Land ein riesiges Loch gibt,

das unaufhaltbar wächst. Dass

Menschen ihre Heimat verlieren

und wir nichts davon mitkriegen.

Wir haben uns gemeinsam

empört und einander

mal richtig die Meinung gegeigt.

Uns geärgert, über Gott

und die Welt und über unsere

eigene Antriebslosigkeit. Wir

haben gesehen, dass man „Romeo

und Julia” nicht mehr guten

Gewissens aufführen kann

und es gerade deshalb doch

tun sollte. Wir waren kurzzeitig

alle wieder 14 und verknallt. Wir

haben totes und lebendiges

Fleisch auf der Bühne gesehen

und waren alle mal kurz Hamlet

und alle mal Ophelia. Wir

haben was über Kunst gelernt.

Wir haben uns auf einen musikalischen

Berlin-Trip eingelassen

und mal ganz genau hingehört.

Wir haben uns immer

wieder die Hände wund geklatscht.

Wir haben ein Hörspiel

gehört, in dem Angelina

Jolie vorkommt. Wir haben gehört,

dass die FZ-Redaktion

auch super seriös kann, wenn

sie will. Will sie aber nur ganz

selten. Wir haben uns überraschen

und beeindrucken lassen,

manchmal sogar von uns

selbst. Wir haben getrunken

und gefeiert und gespielt, neue

Bekanntschaften gemacht und

neue Freundschaften geschlossen.

Wir haben gelernt, uns zu

konzentrieren. Wir haben gelernt,

einander ernst zu nehmen.

Wir haben gelernt, mit

anderen zu arbeiten. Wir haben

uns weiterentwickelt. Wir haben

gelernt, Kritik auszuteilen

und einzustecken. Wir haben

die Hosen runtergelassen und

sind über unseren Schatten gesprungen.

Wir haben uns was

getraut. Und hoffentlich ein

bisschen was gelernt. Auch

über uns. Wir haben Texte geschrieben

und Spiele entwickelt.

Wir haben Filme gedreht

und Fotos geschossen. Wir haben

getanzt und gesungen. Wir

haben nachgedacht, über die

Schauspielerei und das Theater

an sich. Gesehen, was man alles

machen kann auf einer

Bühne. Und sind zu dem Ergebnis

gekommen, dass man absolut

alles machen kann und

sich auch ruhig mal irren darf.

Wir haben uns angesehen, was

die anderen so gemacht haben.

Und dann darüber gesprochen.

Wir haben herausgefunden,

dass der Dancefloor unten

„Ritze” heißt. Und der Barmann

„Levin”. Und wir haben hoffentlich

ein bisschen in der FZ

geblättert. Wir haben sogar

tatsächlich mal eine Stadtrundfahrt

gemacht. Wir haben

einsehen müssen, dass der Mai

ein Wintermonat ist und dass

es in Berlin jeden Tag regnet.

Jeden Tag. Wir haben unglaublich

gut gegessen und

literweise Fassbrause getrunken.

Und unglaublich gut ausgesehen.

Wir haben eigentlich

kaum geschlafen. Dafür

abends gemeinsam das Tanzbein

geschwungen. Im Garten

herumgehangen, bei jedem

Wetter und zu jeder Uhrzeit.

Uns stundenlang unterhalten.

Und was haben wir gelacht.

Und wie werden wir das hier

alles vermissen.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


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131


Jury

Martin Frank (Jury-Vorsitz), Basel

geboren 1962, Lithograph, Diplom-Sozialpädagoge,

Berufspraxis in der offenen Psychiatrie,

Ausbildung an der Theaterspielschule Nordrhein-

Westfalen, Theaterpädagoge am Theater im

Zentrum Stuttgart, an der Württembergischen

Landesbühne Esslingen, am Staatstheater

Braunschweig und carrousel Theater in Berlin,

Gründung des Theaterpädagogischen Zentrums

Theaterplus Basel und des Schweizer Jugendclub-

Festivals Spiilplätz, zahlreiche Inszenierungen im

professionellen und Laientheater in den Sparten

Schauspiel, Tanz und Oper. In der Jury seit 1994.

Ulrike Hatzer, Braunschweig

geboren 1966, Schreinerin, Studium der Theaterwissenschaft,

Philosophie und Regie in München

und Dublin, Mitglied in Künstlergruppen

wie Fatal Theater, Micro Oper München, Forum

Kunst und Bühne. Nach Assistenzen/Hospitanzen

bei Regisseuren wie Bob Wilson, Vicco von

Bülow und Arbeiten für die Schauburg am Elisabethplatz

in München fünf Jahre künstlerische

und geschäftsführende Leitung der TheaterFAB-

RIK Gera des Theaters Altenburg-Gera. Ihre Produktionen

erhielten Festivaleinladungen und

Auszeichnungen zum Theatertreffen der Jugend,

Bundestreffen der Jugendclubs an Theatern

und Preis des Kinder- und Jugendtheaterzentrums

der BRD in Frankfurt / M. Seit 2005

Inszenierungen in Potsdam, Bonn, Duisburg,

seit 2010 regelmäßig für das Junge Staatstheater

in Braunschweig und für das Stadt-Theater

des Staatstheaters – ein Bürgerensemble, das

sie mitinitiiert und -entwickelt hat. Seit 2010 Arbeit

mit Regiestudenten der Abteilung für

Schauspiel und Regie des Mozarteums in Salzburg

zum dokumentarischen Theater mit professionellen

und nichtprofessionellen Schauspielern.

In der Jury seit 2007.

Josef Meißner, Passau

geboren 1950, seit 1981 Lehrer am Gymnasium

Leopoldinum Passau; 1982ff Aufbau und Leitung

einer Schultheatergruppe mit überwiegend kabarettistischen

Eigenproduktionen mit Einladungen

zum Theatertreffen der Jugend 2006, den

Theatertagen der bayerischen Gymnasien 1992,

2002, 2005 und zum Jugendtheaterfestival in

Straubing 2005, 2007; 1998–2006 Neuinszenierungen

von Freilichtspielen mit Laien in Niederbayern;

2003–2008 Gründung und Leitung des Kabarettensembles

TREIBGUT/Passau; Referent in den

Bereichen Kabarett, Regie und szenisches Lernen;

2007 Jurymitglied des Jugendtheaterfestivals

EuroArt in Brasov/ROM; seit 2008 Jurymitglied für

den Nachwuchspreis Scharfrichterbeil für Kabarettisten;

2010 Gründung des Kabarettensembles

Kellerkinder / Passau und Regie; seit 2010 Leiter

der Fördergemeinschaft für die bayerischen Theatertage

der Gymnasien. In der Jury seit 2008.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Jan Koslowski, Zürich

aufgewachsen in Berlin, seit 2007 Mitglied des

Jugendtheaters P14 der Volksbühne Berlin am

Rosa Luxemburg Platz, zunächst auf der Bühne,

später als Regisseur. Es folgten Regie-Hospitanzen

bei René Pollesch und erste eigene Stücke

im Rahmen von P14. Teilnahme am Theatertreffen

der Jugend 2010 mit dem Stück „Paulina sulla

spiaggia“ und am Bundestreffen der Jugendclubs

an Theatern mit der Produktion

„Beschissene Umarmungen“. Er studierte an der

Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg

und besucht zurzeit die Masterclass für

Regie an der Zürcher Hochschule der Künste. Er

inszenierte unter anderem für das Dramatikerfestival

des Badischen Staatstheaters und die

Biennale Neue Stücke Europa in Wiesbaden sowie

aktuell für das Schauspielhaus Stuttgart.

In der Jury als Jungjuror seit 2011.

Klaus Riedel, Kassel

geboren 1969, Studienleiter und Lehrer für

Deutsch, Politik und Darstellendes Spiel an der

Modellschule Obersberg in Bad Hersfeld. Ausbilder

in der Lehrerfortbildung für Darstellendes

Spiel/Theater; Leitung von Workshops zu den

Themen Klassikerinszenierungen, Theatertheorie,

Didaktik. Mitglied des Vorstandes des Landesverbandes

Schultheater in Hessen e.V.; Organisation

verschiedener Theaterfestivals. Mit mehreren

Schultheater-Produktionen eingeladen

zum Theatertreffen der Jugend und dem Schultheater

der Länder. Veröffentlichungen bei Klett

und Edition Körber-Stiftung; Mitglied der Autorengruppe

der Schulbuchreihe „Grundkurs Darstellendes

Spiel“, Schroedel-Verlag. In der Jury

seit 2010.

Maike Plath, Berlin

geboren 1970 in Flensburg, 1998 – 2013 Lehrerin

für Darstellendes Spiel, Deutsch und Englisch in

der Sekundarstufe 1. Seit 2004 Entwicklung und

Durchführung zahlreicher Theaterproduktionen

an der Anna-Siemsen-Hauptschule Berlin Neukölln.

Seit 2013 freiberufliche Theaterpädagogin,

Fortbildnerin und Autorin. Workshops und Vorträge

zum Biografischen Theater und zur Statuslehre

(nach Keith Johnstone) in Deutschland

und in der Schweiz. 2008 – 2012 Vorstandsmitglied

im Bundesverband Theater in Schulen

(BVTS). Seit 2011 Künstlerische Leitung der Jugendtheaterprojekte

am Heimathafen Neukölln.

Publikationen: „Biografisches Theater in

der Schule“, Beltz Verlag 2009, „Spielend unterrichten

und Kommunikation gestalten – Warum

jeder Lehrer ein Schauspieler ist“, Beltz Verlag

2010, „Freeze & Blick ins Publikum – Das Methodenrepertoire

für den Theaterunterricht“, Beltz

Verlag 2011. In der Jury seit 2008.

133


Sebastian Stolz, Eisenach

geboren 1980 in Gera, freiberuflicher Regisseur,

Dramaturg und Filmemacher. Beginn der Theater-

und Filmarbeit 1997 in der TheaterFABRIK

des Theater Altenburg-Gera. 2003 Gründung der

Filmgruppe Allesfilm Apfelfilm, anschließend 4

Jahre Film&Theater in Lodz/Polen. 2008 Dozent

für Filmproduktion bei der International Film

Workshop Academy in Zusammenarbeit mit der

Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

2008-2012 Leiter des Jungen Schauspiel am Landestheater

Eisenach, davor Dramaturg am Jungen

Theater des Hans Otto Theaters Potsdam.

Ab 2012 Studium Theater- und Musikmanagement

an der Ludwig-Maximilians-Universität

München. Seit 2013 Inhaber der FILMWILD Produktionsfirma.

Zudem tätig als Werkstattleiter

und Coach in den Bereichen Film, Theater und

Kommunikation. Zahlreiche Auszeichnungen,

u.a. vier Einladungen zum Theatertreffen der

Jugend in Berlin. In der Jury seit 2011.

Carmen Waack, Hildesheim

geboren 1981 in Gießen, Studium der Kulturwissenschaften

und ästhetischen Praxis an der

Universität Hildesheim mit Schwerpunkt Theater.

Seit 1990 eigene künstlerische Tätigkeiten und

Theaterproduktionen. Theaterpädagogische

und -vermittelnde Tätigkeit seit 1996 u.a. bei

Theaterprojekten des Bund Deutscher PfadfinderInnen,

bei dem bolivianischen Straßentheaterprojekt

„Ojo Morado“, am Jungen Schauspiel

Hannover und beim UnArt-Festival in Dresden

und Berlin. Mitbegründung des Hildesheimer

Theater- und Performancekollektivs Fräulein

Wunder AG 2006. Jungjurorin des Theatertreffens

der Jugend 2008 und 2009. Lehrtätigkeit an

der Universität Hannover im Studienfach Darstellendes

Spiel, an der HBK Braunschweig, an

der Universität der Künste Berlin und an der

Universität Hildesheim. Leitung Theaterpädagogik/Junges

Staatstheater am Staatstheater

Braunschweig 2010. In der Jury seit 2010.

Anna Wille, Leipzig

geboren 1989 in Schwerin, während der Schulzeit

wirkte sie konzeptionell und spielerisch an diversen

Projekten der Theatergruppe am Goethe

Gymnasium Schwerin TaGGS mit. 2008 wurde

die Gruppe mit „hamlet.net“ zum Bundestreffen

Theater der Jugend und zum Liebe Macht Tod-

Festival des ZDFtheaterkanals eingeladen. Nach

dem Abitur und während des Studiums folgten

Dramaturgie-Hospitanzen und Assistenzen am

Staatstheater Schwerin, Staatsschauspiel Dresden

und Maxim Gorki Theater Berlin. Bis 2012

studierte sie Dramaturgie an der Hochschule für

Musik und Theater Leipzig. Sie ist Mitglied des

Werkstattmacher e.V. für Theaternachwuchs in

Leipzig und arbeitet als Assistentin für das Kollektiv

ehrliche arbeit – freies Kulturbüro in Projekten

der Freien Theater Szene Berlin. In der

Jury als Jungjurorin seit 2012.

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Kuratorium

Dr. Irina Ehrhardt, Bundesministerium für Bildung und Forschung (Vorsitz)

Agnes Schipper, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, Berlin

(stellvertretender Vorsitz)

Michael Assies, Bundesverband Theater an Schulen e. V. (BVTS), Berlin

Eva Besteck, Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur

Rheinland-Pfalz, Mainz

Prof. Dr. Dagmar Dörger, Fachhochschule Erfurt

Günter Frenzel, Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, München

Annett Israel, Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland,

Frankfurt am Main

Thomas Lang, Bundesakademie für Kulturelle Bildung, Wolfenbüttel

Rosemarie Meyer-Behrendt, Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes

Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

N.N., Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit – Landesjugendamt, Erfurt

Brigitte Menell, Ministerium für Bildung und Wissenschaft des Landes Schleswig-Holstein, Kiel

Maren Schmidt, BAG Spiel und Theater e.V., Hannover

Dr. Gerd Taube, Bundesvereinigung für Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. (BKJ), Remscheid

135


Statistik

Bewerbungen insgesamt 102

Verteilung auf Bundesländer:

Baden-Württemberg 9

Bayern 6

Berlin 18

Brandenburg 2

Bremen 1

Hamburg 1

Hessen 7

Mecklenburg-Vorpommern 3

Niedersachsen 10

Nordrhein-Westfalen 28

Rheinland-Pfalz 4

Saarland 1

Sachsen 5

Sachsen-Anhalt 0

Schleswig-Holstein 4

Thüringen 3

Produktionsform:

Eigenproduktion 60

Textadaption 25

Textrealisation 17

Produktionsort:

Schule 37

- Grundschule 1

- Hauptschule (Grundkurs) 1

- Gesamtschule (Theater-AG’s) 5

- Realschule 0

- Gymnasium 25

- davon Theater AG (17)

- davon Grundkurs/DS/LK (8)

- Oberschule 1

- Förderschule 0

- Waldorfschule 0

- Freie Schule 0

- Berufsschule/Berufsausbildung (Theater-AG’s) 4

- Hochschule 0

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Außerschulischer Bereich 65

- Vereine 5

- freie Gruppen 8

- Kooperationen Schule/Theater 1

- Kooperationen Schule/Vereine 1

- Projekte von Ehemaligen 1

- Jugendkunst- und/oder Musikschule 2

- Jugendkulturzentren 1

- kirchliche Träger 1

Jugendtheater und Jugendgruppen an Freien Theatern 12

Jugendclubs an Stadt-/Landes-/Staatstheater 31

Genre:

Sprechtheater 93

Tanztheater 4

Musiktheater/Musicals 4

Performance 1

Alterszusammensetzung:

Unter 15 Jahren 2

Überwiegend zwischen 11 und 19 23

Überwiegend zwischen 16 und 21 52

Überwiegend ab 17 bis über 21 23

Überwiegend über 20 2

137


Bundeswettbewerbe der

Berliner Festspiele

30. Treffen junge Musik-Szene 07. bis 11. November 2013

Konzert der Preisträger

08. November 2013, 19:00 Uhr

Neuer Ausschreibungsbeginn März 2014

28. Treffen junger Autoren 21. bis 25. November 2013

Lesung der Preisträger

22. November 2013, 19:00 Uhr

Neuer Ausschreibungsbeginn März 2014

35. Theatertreffen der Jugend 30. Mai bis 07. Juni 2014

Ausschreibungsbeginn Oktober 2013

Einsendeschluss 10. Februar 2014

01. Tanztreffen der Jugend 27. August bis 01. September 2014

Ausschreibungsbeginn Oktober 2013

Einsendeschluss 24. März 2014

Alle Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele werden gefördert vom

Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Das Programm der Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele gliedert sich in allen Sparten in drei

Säulen: Auf der BÜHNE erfolgen die öffentlichen Präsentationen der Arbeiten. Der CAMPUS beinhaltet

das Workshop-Programm und verschiedene Gesprächsformate für die ausgewählten

Teilnehmer/-innen. Und das FORUM richtet sich an Pädagogen/-innen, Praktiker/-innen und Studierende

der jeweiligen Bereiche der kulturellen Jugendarbeit.

Die Bundeswettbewerbe der Berliner Festspiele auch auf Facebook:

www.facebook.com/bundeswettbewerbe

Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


Impressum

Festival

Leitung: Dr. Christina Schulz

Koordination: Renate Kligge

Koordination Forum: Ina Driemel

Mitarbeit: Gudrun Ohst

Technische Leitung: Thomas Pix

Beleuchtungsmeisterin: Petra Dorn

Tonmeister: Manfred Tiesler / Jürgen Kramer

Spielstättenleitung: Karsten Neßler

Presse: Sara Franke

Festivalbüro: bundeswettbewerbe@berlinerfestspiele.de

Tel. +49 30 254 89 213 / Fax +49 30 254 89 132

Veranstalter

Berliner Festspiele

Ein Geschäftsbereich der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH

Gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

Intendant: Dr. Thomas Oberender

Kaufmännische Geschäftsführerin: Charlotte Sieben

Leitung Redaktion: Christina Tilmann

Leitung Marketing: Stefan Wollmann

Leitung Presse: Jagoda Engelbrecht

Technische Leitung: Andreas Weidmann

Leitung Ticket Office: Michael Grimm

Leitung Hotelbüro: Heinz Bernd Kleinpaß

Protokoll: Gerhild Heyder

Magazin

Herausgeber: Berliner Festspiele

Redaktion: Dr. Christina Schulz, Christina Tilmann

Mitarbeit: Renate Kligge, Anne Phillips-Krug, Barbara Barthelmes

Grafik: Ta-Trung, Berlin

Festival-Fotografie: Dave Grossmann

Festival-Motiv: Philipp Jester

Druck: enka-druck GmbH

Stand: September 2013

Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, 10719 Berlin, T +49 30 254 89 0

www.berlinerfestspiele.de, info@berlinerfestspiele.de

Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH, Schöneberger Str. 15

10963 Berlin, www.kbb.eu

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Dokumentation

Theatertreffen der Jugend


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Dokumentation

Theatertreffen der Jugend

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