EINBLICK Sonderheft „Was heißt schon normal?“ - AGAPLESION ...

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EINBLICK Sonderheft „Was heißt schon normal?“ - AGAPLESION ...

Sonderausgabe

Was heißt schon normal?

Betreuung und Pflege

chronisch psychisch kranker Menschen

Sonderheft EINBLICK | 1


Editorial | Intern

Liebe Leserinnen und Leser,

Neue Freunde finden

Kleinkinder werden trotz Auffälligkeiten

in die normale Kitagruppe

integriert und bekommen

dafür einen zusätzlichen Stützerzieher.

Auch Grundschulkinder

mit besonderem Förderbedarf

besuchen heute Regelklassen.

Für diese Inklusion stehen den

unterrichtenden Lehrern Sozialarbeiter,

Sonderpädagogen und/

oder Psychologen zur Seite.

Auch manche Erwachsene mit

chronisch psychischen Erkrankungen

oder geistiger Behinderung

benötigen Begleitung und

Anleitung, um sich gleichberechtigt

an allen gesellschaftlichen

Prozessen beteiligen zu können.

Das beginnt bei der eigenen

Körperpflege und regelmäßigen

Nahrungsaufnahme, geht über

die Haushaltsführung und Tagesstrukturierung

bis hin zu Arbeit

und Freizeitgestaltung.

BETHANIEN RADELAND und

BETHANIEN HAVELSTRAND

bieten einen Lebensraum, in dem

psychisch Kranke im Rahmen der

vollstationären Pflege und Betreuung

nach dem Normalitätsprinzip

Unterstützung, Zuwendung

und Anerkennung erfahren

und inbesondere jüngere Menschen

eine Chance erhalten, den

Alltag wiederzuerlenen, um in

ein selbstbestimmtes Leben zurückkehren

zu können.

Mit diesem Sonderheft bieten wir

einen EINBLICK in unsere Häuser

und unsere Arbeit. Damit können

wir nicht alle Fragen zum Thema

beantworten, aber vielleicht zu

einem besseren Verständnis beitragen,

warum unsere Einrichtungen

gebraucht werden.

Ich bedanke mich für Ihr Interesse

Ihr Alexander Dettmann

Geschäftsführer

Wieder teilnehmen am Leben, die

positiven Seiten des Alltags entdecken,

sich trauen und anderen vertrauen

– die AGAPLESION BETHA-

NIEN DIAKONIE schafft in ihren

Häusern für chronisch psychisch

kranke Menschen die Voraussetzungen

dafür, dass die Bewohnerinnen

und Bewohner wieder ein

Selbstwertgefühl entwickeln können.

EINBLICK sprach darüber mit

dem Geschäftsführer Alexander

Dettmann.

Was ist das Besondere an Haus

Radeland und Haus Havelstrand?

Dettmann: Wir sind stolz auf unser

breitgefächertes Therapieangebot,

das wir in dieser Vielfalt nur deshalb

vorhalten können, weil wir

sowohl über die räumlichen Bedingungen

dafür verfügen, als auch

personell so aufgestellt sind, dass

immer mehrere Angebote gleichzeitig

stattfinden können.

Welche Angebote sind das?

Dettmann: Das reicht von hauswirtschaftlichen

Tätigkeiten wie

Kochen und Backen über gemeinsame

Frühstücksrunden, Kosmetikgruppen,

eine Zeitungsredaktion,

Kreatives Gestalten, Gedächtnistraining,

eine Kleiderbörse und die

Bücherkiste, Musik-, Kunst-, Gartenund

Bewegungstherapie bis hin zur

tiergestützten Therapie und Arbeitstherapie,

in denen Bewohner

Wäsche sortieren, handwerklich

tätig sind, Gartenarbeit verrichten,

Marmeladen selbst hergestellen

und seit Kurzem auch im eigenen

Hofladen verkaufen.

Sie erwähnten die idealen Räumlichkeiten

in Haus Radeland.

Dettmann: Ganz richtig. Wir verfügen

über gemütliche Gesellschaftsräume

und Wohnküchen auf jeder

Wohnetage, einen Festsaal für

Alexander Dettmann, Geschäftsführer der

AGAPLESION BETHANIEN DIAKONIE

gemeinsame Feiern mit allen Bewohnerinnen

und Bewohnern, eine

Vielzahl an Therapieräumen, darunter

ein Kunstatelier, ein Musikraum,

Werkstätten, eine Wellnessoase,

ein Fitnessraum sowie ein hotelähnlich

gestaltetes Foyer mit offenem

Empfangsthresen. Unser Kleinod

aber ist der Park, in dem nicht nur

unsere beiden Alpakas einen großzügigen

Auslauf haben, sondern

auch Spazierwege und zahlreiche

Ruhebänke dazu einladen, die

Natur zu erleben.

Über die definierte Nutzung hinaus

haben all diese Räume eine weitere

Funktion, welche?

Dettmann: Sie sind auch Orte der

Begegnung. Hier kommen unsere

Bewohnerinnen und Bewohner wie

selbstverständlich in Kontakt miteinander

und erlernen wie beiläufig

wieder soziales Verhalten.

Wie würden Sie Ihr hauptsächliches

Pflegeziel beschreiben?

Dettmann: Wir wollen, dass die

Menschen, die für kürzere oder längere

Zeit bei uns wohnen, ihr Leben

möglichst eigenständig bewältigen.

Wir stärken sie durch unsere Pflege,

Betreuung, Begleitung und Therapieangebote,

sodass sie Schritt für

Schritt an Selbstvertrauen gewinnen

und dadurch auch befähigt werden,

eigeninitiativ neue Freundschaften

zu schließen.

2 | EINBLICK Sonderheft


Hintergrund

Was heißt schon normal?

Psychische Erkrankungen sind immer häufiger

Aus einer Studie der Technischen

Universität Dresden aus dem Jahr

2005 geht hervor, dass wir in unserem

Verständnis für psychische

Störungen umlernen müssen. Der

Leiter der Studie, Prof. Hans-Ulrich

Wittchen, hob in seinem Kommentar

hervor, dass psychische Erkrankungen

nicht selten sind, sondern

dass jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt

im Laufe seines Lebens davon

betroffen sein kann.

„Psychische Störungen sind Erkrankungen

unseres Gehirns und Nervensystems

– dem komplexesten

Organ des Menschen! Warum sollte

ausgerechnet dieser Teil unseres

Körpers weniger häufig erkranken

als andere Organe unseres Körpers?

Eine EU-Studie ermittelte, dass pro

Jahr 27 Prozent (83 Millionen) der

EU-Bürger eine Depression, bipolare

Schizophrenie, Alkohol- oder

Drogenabhängigkeit, Sozialphobie,

Panikstörung, generalisierte Angst,

Zwangsstörungen, somatoforme

Störungen oder Demenz erleiden

und daran dauerhaft erkranken.

Aber nur etwa ein Viertel der Betroffenen

wird auch angemessen

behandelt.

Ausmaß und Folgen sind höchst

variabel: Einige erkranken nur

episodisch kurzzeitig über Wochen

und Monate, andere längerfristiger.

Zirka 40 Prozent sind chronisch

über Jahre oder gar von der Jugend

bis an ihr Lebensende betroffen.

Mit geringen Unterschieden zwischen

den EU-Ländern erhalten nur

26 Prozent aller Betroffenen mit

psychischen Störungen überhaupt

irgendeine und noch weniger eine

adäquate Behandlung. Oft vergehen

viele Jahre, manchmal Jahrzehnte,

bevor eine erste Behandlung

eingeleitet wird. Ausnahmen

sind Psychosen, schwere Depressionen

und komplexe komorbide

(Mehrfacherkrankungen) Muster.

Unbehandelt verlaufen viele psychische

Störungen häufig chronisch

mit zunehmenden Komplikationen.

Die besorgniserregend niedrige

Behandlungsrate von psychischen

Störungen, die in keinem anderen

Bereich der Medizin in diesem Ausmaß

bisher beobachtet wurde, ist

nicht allein mit der psychischen

Störungen immer noch anhaftenden

Stigmatisierung zu erklären.

Ein Schlüsselkriterium der Diagnostik

aller psychischen Störungen ist,

dass sie mit Leiden des Betroffenen

und gravierenden Belastungen und

negativen Folgen im beruflichen,

familiären und sozialen Rahmen

einhergehen. Angesichts der Häufigkeit

und Schwere psychischer

Störungen erscheint es nicht überraschend,

dass die Studie aufzeigt,

dass von allen Arbeitsunfähigkeitstagen

pro Jahr die Mehrzahl auf

psychische Störungen und nicht

etwa auf somatische Erkrankungen

zurückgeführt werden kann.

Sonderheft EINBLICK | 3


Wohnen & Pflegen

Heimat ist da, wo du angenommen wirst

RADELAND

Wir kümmern uns um Menschen

mit chronisch psychischen, Suchtund

gerontopsychischen Erkrankungen

sowie um Menschen mit

Demenz oder geistiger Behinderung

in allen Altersgruppen.

SO WOHNT MAN BEI UNS

Haus Radeland

Es gibt es 171 Pflegeplätze, die sich

auf vier Wohnetagen des Haupthauses

sowie ein siebengeschossiges

Wohnhaus verteilen. Dieses

verfügt über Einzelapartments mit

eigener Küche, Bad und Balkon

sowie zwei Wohngemeinschaften.

Darüber hinaus gibt es mehrere

Aufenthaltsräume, in denen sich die

Bewohnerinnen und Bewohner zu

gemeinsamen Aktivitäten treffen.

Das Wohnhaus stellt auf dem Weg

zurück in die Normalität einen

wichtigen Therapieschritt dar. Hier

wird vor allem die Rückkehr in das

selbstbestimmte Leben trainiert.

Haus Havelstrand

Die idyllisch gelegene Villa verfügt

über 44 Pflegeplätze. Die Zimmer

sind mit einem eigenen Duschbad/

WC ausgestattet oder haben eine

naheliegende Anbindung an ein

Bad mit Toilette. Von den gemeinschaftlich

genutzten

Räumen blickt man

direkt auf die Havel.

Wir kümmern uns

Spezialisierte

Wohngruppen

Gartenstadt, Wasserstadt,

Siemensstadt,

Haselhorst, Klosterfelde,

... Unsere

Bewohnerinnen und

Bewohner leben in Radeland in

kleinen, nach Spandauer Stadtteilen

benannten Wohngruppen.

Die Gruppen sind nach ihren Krankheitsbildern

zusammengestellt:

• Menschen mit psychischen

Erkrankungen

• Menschen mit dementiellen

Erkrankungen

• Menschen mit geistiger

Behinderung

SO LEBT MAN BEI UNS

Das therapeutische Team von

Haus Radeland besteht aus:

• Ergotherapeut/innen

• Krankengymnast/innen

• Betreuungsassistent/innen

• Gartentherapeut/innen

• Musiktherapeut/innen

• Kunsttherapeut/innen

• Diplom-Sozialpädagoginnen

Wir schaffen ein Zuhause, in dem

unsere Bewohnerinnen und Bewohner

uneingeschränkte Annahme finden.

Wir bieten die Art von Pflege

und Betreuung, die sie tatsächlich

brauchen, um ihren Alltag trotz

ihrer Erkrankung als sinnvoll und

lebenswert zu erfahren. Dazu stärken

wir vorhandene Kompetenzen

und vermeiden Reizüberflutungen

und Überforderungen.

Die Betreuung

orientiert sich am

psychobiografischen

Pflegemodell nach

Böhm. Wir fragen

nach der Biografie

unserer Bewohner

und betrachten

deren Lebensgewohnheiten

vor der

Erkrankung. Ziel unserer

Pflege und Betreuung ist das

Wohlbefinden unserer Bewohner

und Bewohnerinnen als Ausdruck

von Lebensqualität.

Wir begleiten und unterstützen sie

zum Beispiel bei

• Handlungen des täglichen Lebens

wie Aufstehen, Waschen,

Anziehen, Essen usw.,

• der Haushaltsführung,

• der Aufnahme sozialer Kontakte,

RADELAND: Einzelzimmer im Haupthaus Eigenes Duschbad Einzelapartment im Wohnhaus

4 | EINBLICK Sonderheft


Wohnen & Pflegen

• der Kommunikation mit Mitbewohnern

und Betreuern,

• der Freizeitgestaltung und

• der Tagesstrukturierung.

MEDIZINISCHE VERSORGUNG

AGAPLESION BETHANIEN RADE-

LAND und AGAPLESION BETHA-

NIEN HAVELSTRAND nehmen am

„Berliner Projekt teil, das heißt,

wir bieten eine medizinische Versorgung

durch festangestellte Ärzte,

die in Rufbereitschaft auch rund um

die Uhr erreichar sind. Wöchentliche

Visiten ermöglichen, Veränderungen

rechtzeitig wahrzunehmen,

einen langfristigen persönlichen

Kontakt zu den Bewohnerinnen

und Bewohnern aufzubauen und

mit den Pflegekräften zielorientiert

zusammenzuarbeiten.

UNSER PFLEGEZIEL

Wir wollen, dass unsere Bewohnerinnen

und Bewohner lernen, ihr

Leben wieder eigenständig zu bewältigen.

Deshalb konzentrieren

wir uns darauf, vorhandene körperliche

und geistige Fähigkeiten zu

erhalten, zu fördern und wiederzuerwecken.

Wir bereiten sie so

auf die Wiedereingliederung in die

Gesellschaft vor. Unsere Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter übernehmen

dabei die Rolle des Begleiters in

allen Lebensbereichen und bieten

praktische Hilfe nach dem Normalitätsprinzip

an.

Ankommen

„Ich bin angekommen. Ist dies

nicht für uns alle eine der persönlichsten,

Halt gebenden, ja wichtigsten

Erfahrungen? Irgendwo ankommen

bedeutet auch „Ich bin

angenommen worden.

Wenn Interessierte nach unseren

Zielen für die Bewohner fragen, so

ist eine der grundlegenden Antworten:

die persönliche Annahme eines

jeden, der zu uns findet, mit einer

oft langen Leidensgeschichte – Erfahrungen

von Ausgrenzung, Verlust

von Halt gebenden Strukturen

– und vor allem auch mit seinem

Bedürfnis „anzukommen.

Einen guten Lebensort für sich zu

finden, ob vorübergehend oder für

länger, bedeutet erst einmal, wahrgenommen

zu werden – ein Grund-

bedürfnis, das jeder Mensch hat.

Es bedeutet für die tägliche Arbeit,

die natürlichen und gesunden

Anteile des Erkrankten anzuerkennen,

sie anzusprechen, manchmal

kreativ zu übersetzen und diese

durch den gemeinsamen Austausch

und Wertschätzung zu stärken.

Es bedeutet, durch die stützende

Zusammenarbeit im Team nicht die

Geduld zu verlieren, die gesunden

Lebensmotive der Bewohnerinnen

und Bewohner selektiv zu suchen

und in der Beziehung (wieder)

erfahrbar zu machen. So kann ein

Ankommen im Haus Radeland

dann vielleicht auch für die Bewohnerin

oder den Bewohner ein

Ankommen in einem lebenswerten

neuen Zuhause bedeuten.

Daria Kaluza, Psychologin

Fernsehzimmer im Wohnhaus Wohnetagenküche HAVELSTRAND

Sonderheft EINBLICK | 5


Ergotherapie

IM PORTRAIT:

BRIGITTE SCHMIDT

Leiterin der Ergotherapie

BETHANIEN RADELAND

• Realschulabschluss in Wolfsburg

• Lehre als Arzthelferin

• 1968 – 1969 Au-pair bei einer

amerikanischen Familie in

einem Vorort von Washington

D. C. (18 Monate)

• 1969 Umzug nach Berlin

• Ausbildung zur Ergotherapeutin

am Ev. Waldkrankenhaus

• Schwangerschaftsvertretung,

danach Leitungsposition für die

Ergotherapie an der FU-Klinik

in der Nussbaumallee

• Eröffnung eines Patientenclubs

für ehemalige Patienten

• Gründung einer gestaltungstherapeutischen

Gruppe

• Geburt einer Tochter und ein

Jahr Elternzeit

• Aufbau der Ergotherapieabteilung

und einer Gedächtnisgruppe

in einem privaten

Seniorenheim im Grunewald

• seit 1993 Leitung Ergotherapie

in Haus Radeland

• berufsbegleitendes Weiterbildungsstudium

„Psychosoziale

Therapie und Beratung an der

Alice Salomon Fachhochschule

• Ausbildung von Praktikanten

• Dozentin an der Wannsee-Akademie

(für Gesundheitsberufe)

Erfüllung im Beruf

Während meiner Au-pair-Zeit in

den USA kam ich im Georgetown

Hospital in Washington erstmals

mit der „Occupational Therapy

in Kontakt. Dieses Berufsfeld, in

dem man mit kreativen und lebenspraktischen

Techniken Menschen

in schwierigen Situationen behandelt,

überzeugte mich so, dass ich

nach Berlin zog und – finanziert

durch meine Ersparnisse aus den

USA – am Ev. Waldkrankenhaus

eine Ausbildung zur Ergotherapeutin

begann. Zu dieser Zeit gab es in

Deutschland nur sechs Schulen für

„Beschäftigungs- und Arbeitstherapie,

drei davon in Berlin.

Da ich später in der Pädiatrie arbeiten

wollte, schrieb ich meine Diplomarbeit

über das Thema „Kindliche

Entwicklung und verfasste

drei Kinderbücher zu dem Thema.

Nach dem Examen erhielt ich ein

Stellenangebot von der Psychiatrischen

Klinik der Freien Universität

Berlin in der Nussbaumallee in

Westend, zunächst als Schwangerschaftsvertretung,

danach für einen

Leitungsposten in der Ergotherapie.

In dieser Zeit hielten die ersten

Ansätze der Sozialpsychiatrie und

Familientherapie als Behandlungsmethoden

Einzug in die Klinik. Da

in der Ergotherapieausbildung alle

Fachgebiete nur angerissen worden

waren, absolvierte ich viele Fortbildungen

in Gesprächsführung,

themenzentrierter Interaktion, Gestalttherapie

usw. Gemeinsam mit

Kollegen verfassten wir ein Buch

über die Wirkung und Anforderungen

bestimmter handwerklicher

Materialien und Techniken – das

erste in seiner Art und eine ziemliche

Fleißarbeit!

Unter dem Eindruck der Sozialpsychiatrie

eröffnete ich mit einem

Psychologen einen Patientenklub

für entlassene Patienten und eine

Gestaltungstherapeutische Gruppe.

Nach der Geburt meiner Tochter

und einer einjährigen Berufspause

wechselte ich in ein privates Seniorenheim

im Grunewald. Hier baute

ich die Ergotherapieabteilung und

das Kulturprogramm auf. Einige

meiner Patienten nahmen an einem

Forschungsprojekt des Max-Planck-

Instituts für Bildungsforschung zum

Thema „Lernen im Alter teil. Das

war so spannend, dass ich eine Gedächtnisgruppe

aufbaute und einige

Jahre durchführte.

1993 übernahm ich die Leitung der

Ergotherapie/Therapieabteilung

in der Radelandstraße, erst unter

dem ASB, heute in Trägerschaft

der AGAPLESION BETHANIEN

DIAKONIE. Daneben absolvierte

ich berufsbegleitend ein Weiterbildungsstudium

„Psychosoziale

Therapie und Beratung an der

Alice Salomon Fachhochschule,

bildete Praktikanten aus, gab Unterricht

zur Gerontopsychiatrie an der

Wannsee Schule e. V. und nahm

mit der Akademie das Staatsexamen

für Ergotherapeuten ab.

Auch nach über 40 Berufsjahren ist

die Arbeit mit unseren Bewohnerinnen

und Bewohnern spannend

und jeden Tag eine neue Herausforderung,

die eine dauernde Weiterentwicklung

notwendig macht.

Das wünsche ich mir auch für die

Zukunft von Haus Radeland: dass

die AGAPLESION BETHANIEN

DIAKONIE nicht aufhört, sich für

diese Einrichtung und die Belange

der psychisch Erkrankten zu engagieren,

weiter Visionen entwickelt

und zum Wohl der uns anvertrauten

Menschen umsetzt.

Brigitte Schmidt

6 | EINBLICK Sonderheft


Anleiten & Begleiten

Balkonkästen bepflanzen

Ganz nah dran

Seit 2012 arbeiten im Therapeutenteam

von Haus Radeland zwei

Diplom-Sozialpädagoginnen. Was

unterscheidet diese von den Ergo-,

Musik-, Garten-, Bewegungs- und

Kunsttherapeuten? Warum sind

die Pädagoginnen für die Arbeit in

unserem Haus wichtig?

Obwohl ihre Tätigkeiten eine große

Schnittmenge aufweisen, sind ihre

Aufgaben sehr verschieden. Therapeuten

leiten Bewohnerinnen und

Spendensammlung für Tsunami-Opfer

Bewohner in Einzel-, Gruppen- und

Arbeitstherapien an, während die

Pädagoginnen sie im Alltag begleiten.

Dies reicht von der Anleitung

zur selbstständigen Körperpflege bis

zur Erledigung von Behördengängen.

Damit sind die Pädagoginnen

den Bewohnerinnen und Bewohnern

sehr nah und übernehmen

dadurch auch eine Vermittlerrolle,

nicht nur, wenn es darum geht,

eigene Wünsche zu artikulieren.

Die pädagogische Arbeit zielt auch

auf die Teilhabe am Gesellschaftsleben.

Dazu gehören Ausflüge, Reisen,

Café- und Restaurantbesuche,

Eigenes schaffen und gegenseitig loben

Bei Hertha im Olympiastadion

Hausfeste wie Faschingsfeiern,

Sommerfeste usw., zu denen auch

Angehörige und Besucher herzlich

willkommen sind, sowie Basare zu

Ostern, im Herbst und Advent und

seit Neuestem auch Discoabende.

Ein Beispiel für gemeinsame Projekte

der Therapeuten und Pädagoginnen

ist die Begrünung der

Balkone und die Pflege der Pflanzen

im Wohnhaus, bei der die

Bewohner von den Pädagoginnen

begleitet und von der Gartentherapeutin

angeleitet werden.

Brigitte Schmidt

Das Kreativangebot im Haus Havelstrand

ist vielseitig. So gestalten die

Bewohnerinnen und Bewohner nicht

nur die Hausdekorationen passend

zur jeweiligen Jahreszeit, sondern

auch den Raumschmuck zur Ausgestaltung

unserer Feste und erfreuen

damit sich selbst und die Angehörigen,

denen sie ihre Werke stolz präsentieren.

Oftmals wird das Selbstgefertigte

später mit in die eigenen

Zimmer genommen und dort noch

einmal den Mitbewohnerinnen und

Mitbewohnern gezeigt. Das steigert

erneut das Selbstwertgefühl.

Das Malangebot erfreut sich ebenfalls

großer Beliebtheit. Es fördert

die Kreativität und bietet eine sinnvolle

Tagesbeschäftigung. Wir arbeiten

dabei biografiebezogen und

ermöglichen unseren Bewohnern

und Bewohnerinnen, sich ihrer persönlichen

Geschichte entsprechend

bildlich auszudrücken. Bei allen gestalterischen

Arbeiten steht jedoch

das Gruppengefühl im Vordergrund.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer

unterstützen sich untereinander

in ihren kreativen Prozessen

und sprechen sich auch gegenseitig

Lob zu.

Martina Glauke

Sonderheft EINBLICK | 7


Reiseberichte

Cattlemans Ranch

Wir erreichen Wiesendorf über eine

Waldstraße. Bernd Stamm erwartet

uns schon. Der Pferdewirt und gebürtige

Frankfurter zeigt uns einen

Teil seiner 50 Hektar großen Ranch,

auf der er Angus-Rinder und Pferde

züchtet. Bei der Besichtigung der

Ställe trauen sich einige Ausflügler

gleich in die Nähe der Pferde,

andere halten sich erst einmal im

Hintergrund. Das ändert sich nach

dem zünftigen Mittagessen und

einer kurzen Erholungspause.

Bernd Stamm bittet zwei Ausflügler,

ihm zu helfen, die Tränke zu befüllen

und ein Pferd zu putzen. Die

beiden Männer gehen vorsichtig auf

das Tier zu und striegeln es schließlich

unter Anleitung.

Eine Mitfahrerin, die den Vorgang

beobachtet, erzählt, dass sie „Tiere

immer mochte, aber an Pferde nicht

rangeht. Daraufhin fordert der

Rancher sie auf, mit ihm gemeinsam

Hafer zu holen. Zögernd gibt

sie dem Pferd das Futter. Dann

berührt sie zaghaft den Hals und

die Mähne, legt die Hand auf und

setzte sie wieder ab.

Nachdem das Pferd geputzt ist, soll

es in den Stall zurückgeführt werden.

Mit dieser Aufgabe wird ein

weiterer Mitfahrer betraut, der bis

dahin die Sonne genossen und dem

Treiben aus der Ferne zugeschaut

hat. Er nähert sich dem Pferd recht

lustlos, doch als er die Zügel in der

Hand hält, wirkt er sehr zufrieden

und wendet sich dem Tier zu.

Die Rückfahrt erfolgt wieder über

die herrliche Waldstrecke mit einem

Abstecher zum Gräbendorfer See.

Stefan Berg

„Wenn ich die See seh, ... – Ausflug nach Warnemünde

Wir fahren mit einer kleinen Bewohnergruppe

für ein paar Stunden

an die Ostsee nach Warnemünde.

Schon die Fahrt dorthin tut gut:

hinaus in die Welt durchs schöne

Land Brandenburg und hügelige

Mecklenburg-Vorpommern, vorbei

an großen Spargelfeldern, weiten

Wäldern, riesigen Windparks und

dem Müritz-Nationalpark. Wir

sehen Bauern, die ihre Felder bestellen,

überholen viele Laster und

sehen Kraniche fliegen. Spätestens

jetzt kommt ein bisschen Urlaubsstimmung

auf. Gleich hinter Berlin

reißt die Wolkendecke auf und

die Sonne strahlt vom knallblauen

Himmel. Wenn Engel reisen!

Herr Bauer* hat einige CDs mit

toller Musik für die Fahrt dabei.

Herr Schornstein steuert behutsam

den Bus, dass man sich fühlt wie in

„Abrahams Schoß. Den ersten Halt

– Raucher- und Kekspause muss

schon sein – machen wir an der

Raststätte Walsleben-Ost, den zweiten

kurz vor Rostock. In Warnemünde

parken wir unser Auto direkt

hinter dem berühmten Hotel Neptun,

durchqueren einen kleinen

Park mit einem Gedenkfriedhof

für Kapitäne zur See und schon

empfangen uns die Düfte von Tang

und Salzwasser und die weitläufige

Strandpromenade.

Einige suchen nach Steinen und

Muscheln, andere legen sich auf

die mitgebrachten Decken, sonnen

sich, lauschen dem Rauschen des

Meeres und beobachten die einund

auslaufenden Schiffe: riesige

Fähren von und nach Skandinavien

und große Containerschiffe. Wir

lassen unsere Gedanken treiben

wie die Möwen, die von den Wellen

getragen werden, trällern alle

„Ein Schiff wird kommen... vor uns

hin und genießen die Zeit. Es ist

Spaziergang am Ostseestrand

April. Einige wenige Mutige baden

schon in der eiskalten, klaren Ostsee.

Wir beschließen diesen schönen

Tag bei Kaffee und Kuchen auf der

Sommerterrasse des „Neptun’s.

Gegen 15 Uhr geht es dann wieder

zurück nach Berlin.

Angela Hellmann

8 | EINBLICK Sonderheft


Beauty & Wellness

„Spieglein, Spieglein an der Wand

Wellnessoase

Als wir die Kosmetikgruppe in Radeland

einführten, fand sie einmal in

der Woche für zweieinhalb Stunden

statt. Im Laufe der Zeit wurde sie

immer stärker angenommen, sodass

ein Beautytag für Frauen und Männer

entstand.

Wir stellen ein vielfältiges Angebot

an Kosmetikprodukten bereit, das

zum Ausprobieren verführt. Damit

werden die Eigeninitiative und Entscheidungsfähigkeit

verbessert. Aber

Peelings, Cremes, Parfums und

andere Kosmetika stimulieren auch

die Sinne und steigern das Bewusstsein

für die persönliche Hygiene.

Darüber hinaus hilft die Kosmetikgruppe

zu erkennen, wann man

Körperkontakt zulässt und wann

Distanz benötigt wird: Darf mir die

Therapeutin die Nägel lackieren?

Schminke ich mich selbst oder lasse

ich mich schminken?

Von der Gruppe profitieren insbesondere

auch Bewohnerinnen und

Bewohner mit schweren körperlichen

Behinderungen, da hier das

sinnliche Erleben und die Kommunikation

im Vordergrund stehen und

viele Einschränkungen nebensächlich

werden. Die gemütliche Atmosphäre

erleichtert es, selbstbestimmt

Kontakte zu anderen zu knüpfen,

sich gegenseitig zu beraten und Hilfestellung

zu leisten. Das wiederum

stärkt die eigene Wahrnehmung,

wirkt Verwahrlosungstendenzen

entgegen, fördert die Entspannung,

steigert das Selbstwertgefühl und

beeinflusst das Sozialverhalten

positiv. Von diesen Runden profitieren

aber auch die Therapeutinnen,

da über das Kosmetikthema oft

andere wichtige Themenbereiche

von allein angesprochen werden,

wodurch ein vertrauensvolles therapeutisches

Verhältnis entstehen

kann.

Rebecca Schwerdtfeger,

Angela Hellmann

Unsere Bewohner haben wie alle

anderen Menschen ein Bedürfnis

nach Entspannung und Wohlgefühl.

Für den „Urlaub vom Alltag haben

wir in BETHANIEN RADELAND eine

Wellnessoase mit Pool eingerichtet.

Der Wellnessbereich kann von Personen

genutzt werden, die körperlich

gesund sind, aber wegen ihrer

geistigen oder seelischen Behinderung

und ihres Sozialverhaltens in

öffentlichen Bädern wenig toleriert

werden. Außerdem dient der Bereich

im Rahmen der Einzeltherapie

der Entspannung

mit deeskalierender

Wirkung.

Schön aussehen und gut riechen: kein Problem bei dieser Auswahl an Kosmetika!

Ziel ist es, dass

unsere Bewohnerinnen

und

Bewohner

später wieder problemlos ein öffentliches

Schwimmbad besuchen

können und damit in ihrer Alltagsnormalität

gestärkt werden.

Katrin Hartenstein

Sonderheft EINBLICK | 9


Kunsttherapie

Bilder der Gefühls- und Seelenwelt

Gruppentherapie einen hilfreichen

Rahmen, um wieder mit anderen

Menschen Kontakt aufzunehmen.

Bewohner, die die Zweierbeziehung

brauchen, um sich zu öffnen, betreut

der Kunsttherapeut in Einzeltherapie.

Gerade schwer psychisch

erkrankte Menschen, die die Dynamik

einer Gruppe belastet, benötigen

einen schützenden Rahmen,

um sich bildnerisch auszudrücken

und nonverbal kommunizieren zu

können.

Kunstatelier in BETHANIEN RADELAND

Kunsttherapie findet bei Menschen

mit unterschiedlichen Erkrankungen

und krisenhaften Entwicklungen in

allen Lebensphasen und psychosozialen

Zusammenhängen sinnvollen

Einsatz. Kunsttherapie fördert

die Fähigkeit des Menschen, seine

Umwelt unmittelbar über die Sinne

wahrzunehmen und zu begreifen.

Im gestalterischen Prozess können

Beeinträchtigungen der Krankheitsverarbeitung,

der Selbst- und Fremdwahrnehmung,

der Lebensfreude,

der Zusammenarbeit zwischen Klienten

und Therapeuten überdacht

und positiv verändert werden.

Der Klient kann im therapeutischen

Gespräch mögliche Bedingungen

für die Entstehung von Störungen/

Erkrankungen erkennen und Bewältigungsstrategien

entwickeln.

Verloren geglaubte Fähigkeiten und

Selbstheilungskräfte werden auf

diese Weise neu entwickelt und

gestärkt. Das Sprechen über das gestaltete

Werk kann dem Bewohner

helfen, neue Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten

zu entdecken.

Das Kunstwerk wird zum Spiegel

der persönlichen Geschichte, des

momentanen Empfindens und der

aktuellen Handlungsweise.

Die Kunsttherapie in Haus Radeland

findet täglich einzeln oder

in der Gruppe statt. Auf der Basis

einer vertrauensvollen Beziehung

werden innere Prozesse durch Materialien

und Medien der Bildenden

Kunst sichtbar gemacht, Farb- und

Formqualitäten mit eigenem Erleben

und persönlichen Lebensmotiven

verbunden. Dabei werden Materialien

wie flüssige (z. B. Aquarell,

Tempera) oder feste Farben (zum

Beispiel Pastellkreiden, Ölkreiden,

Farbstifte), Ton, Holz oder Stein

(z. B. Speckstein) verwendet.

Kreatives Gestalten in der Gruppe

ermöglicht und fördert gegenseitige

künstlerische Anregung und Hilfestellung,

soziales Lernen und damit

eine Erweiterung der sozialen Kompetenz.

Da chronische Erkrankungen

oft mit einem sozialen Rückzug

verbunden sind, bietet die

Die Bilder aus der Kunsttherapie

findet man an den Wänden des

ganzen Hauses. Sie bieten einen

minimalen Einblick in die Gefühlsund

Seelenwelt der Bewohner. Der

alte Spruch „Wo man singt, da lass

dich ruhig nieder, böse Menschen

haben keine Lieder gilt auch für

die Maltherapie: Wo man Freude

am Bild hat, lässt es sich gut leben!

Sandra Müller, Valery Diel

„Sonst verlerne ich alles

Udo Simon*: Seit ungefähr einem

Jahr nehme ich an der Kunsttherapie

teil, einmal wöchentlich eine

gute Stunde. In diesen Stunden

widme ich mich der Schönschreibkunst

(Kalligraphie) und schreibe

Sprüche und Gedichte in verschiedenen

Schriften ab.

Kalligraphie eines Bewohners

10 | EINBLICK Sonderheft


Kunsttherapie

In meinem Studium an der Hochschule

für Grafik und Buchkunst

in Leipzig habe ich mich intensiv

mit Schrift befasst. Mein Studium

dauerte fünf Jahre, danach war ich

noch drei Jahre Meisterschüler.

Meine Ausbildung endete 1981 mit

dem Diplom als Grafiker. Heute

werden allerdings die Schriften am

PC ausgeführt.

Durch eine persönliche schwere

Krise wurde ich krank und muss

seitdem Tabletten nehmen. Meine

Motorik ist durch die Krankheit

nicht mehr so locker. Mein Schreibfluss

war früher auch viel flüssiger.

Diese Übungen in der Kunsttherapie

sind für mich sehr wichtig, weil

ich sonst gar nicht mehr schreibe

und befürchte, alles zu verlernen,

denn die Fertigkeiten müssen frisch

gehalten werden. In den Übungsstunden

bekomme ich die nötige

Motivation und das Material wird

mir gestellt. Manchmal schreibe

ich auch Schilder, die hier im Haus

gebraucht werden.

„Ich male, was mir in

den Kopf kommt

Anni Meyer*: Jede Woche warte ich

darauf, dass Mittwoch wird, weil ich

da zur Kunsttherapie gehe. Bislang

hatte ich nur in der Schule gemalt

und dachte immer, ich könnte nicht

malen und ich hatte auch überhaupt

kein Interesse daran, bis der Kunsttherapeut

mir Wachsbuntstifte in die

Hand gab, ich sie gegriffen hab und

es ging plötzlich! Vögel, Blumen

oder was immer mir in den Kopf

kommt, muss ich dann auch gleich

malen. Nicht mit Wasser und Farbe,

das ist mir fremd. Jetzt knie ich

mich richtig rein und es gefällt mir

sehr, was ich male, und ich bin

auch richtig stolz darauf. Einige

meiner Bilder sind gerahmt worden

und aufgehängt. Ich gehe sie mir

anschauen und freue mich darüber,

was ich schaffen kann!

Orientierung durch farbenfrohe Spraykunst

In Radeland erleichtert ein Farbenleitsystem,

sich im Haus zurechtzufinden.

Volker Kempf heißt der

Künstler, der den Gestaltungsauftrag

umgesetzt hat. Mit Spraydosen

brachte er seine Kunstwerke auf

dünne Holztafeln auf und schuf damit

sehr farbenfrohe, heitere Bilder.

Zeichnung einer Bewohnerin, entstanden in der Kunsttherapie

Die Bewohnerinnen und Bewohner

konnten diese Technik in einem

Workshop selbst erproben. Herr

Kempf brachte Schablonen mit, die

bei den ersten Versuchen mit der

Spraytechnik geholfen haben. Nach

wenigen Stunden zeigte sich, dass

auch unter den Bewohnern etliche

Künstler sind, die ihre Bilder anschließend

stolz präsentierten.

Sonderheft EINBLICK | 11


Musiktherapie

„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder...

Die Musiktherapie stellt einen eigenständigen

Teil des therapeutischen

Angebots dar. Der

gezielte Einsatz

von Musik kann

bei psychischen

Erkrankungen

zu seelischer

und körperlicher

Stabilität führen.

Dies ist sowohl

über das Musikhören als auch über

das eigene Musizieren möglich.

Da Musik starke emotionale Reaktionen

hervorrufen kann, war sie

schon früh mit Heilung und Wohlbefinden

verbunden. In der Antike

wurden Menschen gezielt mit Musik

in Trance versetzt, um die Götter

zu beschwören und Dämonen zu

vertreiben. Man ging davon aus,

dass durch Musik die geistige und

seelische innere Harmonie wiederhergestellt

werden kann.

„Ein wichtiges Gruppenverfahren

in der modernen Musiktherapie ist

jedoch auch die Improvisation,

erklärt Musiktherapeutin Gisela

Reiber. „Der Bewohner ist nicht immer

zum fröhlichen Lied gestimmt

oder bereit, zur verabredeten Zeit

seinen Gefühlen freien Lauf zu

lassen, zum Beispiel in der Trommelgruppe.

Frau Reiber erkennt

die Stimmung und geht darauf ein.

Manchmal wird dann nur geredet

oder ein Lied von der CD gehört.

„Ein Freund ist jemand, der das Leid

deines Herzens kennt und es dir

vorsingt, wenn du es vergessen hast.

Ein Musiktherapeut ist jemand, der

Sie unterstützt, Ihr Lied selbst wiederzufinden.

Gisela Reiber, 2010

Für die therapeutische Arbeit ist der

Zugang zum Bewohner sehr wichtig.

Dies gilt auch für die Musiktherapie.

In Haus Radeland gehen die

beiden Musiktherapeuten Gisela

Reiber und Stefan Herold deshalb

mit den Bewohnern erst einmal ins

Gespräch. „Zuerst muss eine Beziehung

aufgebaut werden, bevor

man ein therapeutisches Bündnis

eingeht, sagt Reiber, die den Bewohnerinnen

und Bewohnern dafür

entsprechende Zeit gibt. Jeder dürfe

in seinem Tempo ankommen.

Oft sind Lieblingslieder

der

Schlüssel zum

Aufbau einer

Beziehung. „Die

Rhythmen der

biografischen

Musik haben sich in den Jahren verändert,

so Frau Reiber. „Vor einigen

Jahren wurden noch Lieder der

20er und 30er Jahre gewünscht.

Heute muss sie auch Lieder im

Internet suchen. Die Bewohner und

Krankheitsbilder haben sich ebenfalls

verändert. Viele sind bei der

Aufnahme jünger und verschlossener.

Zudem fehle die Bereitschaft,

im Bewohnerchor mitzusingen. Deshalb

haben Stefan Herold und Gisela

Reiber ihre Angebote verändert.

Musiktherapeut Stefan Herold baut mit

Bewohnern eigene Instrumente.

Unter anderem werden nun auch

eigene Lieder mit entsprechender

Software zusammengestellt, sodass

die Bewohnerinnen und Bewohner

bei Feiern des Hauses schon ihren

eigenen Rap präsentiert haben.

Frau Reiber leitet zudem seit einigen

Jahren montags eine 75-minütige

offene Musikstunde. In diese Runde

kann jeder kommen und darf einfach

wieder gehen, wie er Lust hat.

Man kann sich Lieder wünschen

und Orffsche Musikinstrumente wie

Glockenspiele, Klangstäbe aus Holz

und Metall, Pauken, Trommeln, Geräuschemacher,

Lärm- und Effektinstrumente

ausprobieren. „Dann

ist Stimmung im Haus – die Musik

schallt durch alle Stockwerke.

Herr Herold baut mit einer kleinen

Männergruppe selbst Trommeln

und andere Instrumente. „Die sind

natürlich besonders wertvoll für

unsere Bewohner, erklärt er und

es mache riesigen Spaß, die Instrumente

dann zu spielen.

Dass beide Therapeuten auch die

Bewohnerfeiern mit ihrer Instrumentenkunst

bereichern, versteht

sich von selbst. Man kann über die

Vielfalt nur staunen. Da erklingen

Klavier, Akkordeon, Flöte, Djembe,

Saxophon, Monochord und lassen

in die Welt der Musik eintauchen.

Sandra Müller

12 | EINBLICK Sonderheft


Beschäftigungstherapie

Wir stellen vor: „Sprachrohr IRRE erfolgreich

Die Zeitungsgruppe von Haus Radeland

Eines ist klar: Ohne Nervennahrung

wie Kekse, Schokolade, Selters usw.

geht bei uns gar nix! Manchmal

diskutieren wir Themen so intensiv,

dass wir vergessen mitzuschreiben,

und manchmal sind die Dinge von

so persönlicher Natur, dass wir sie

nicht aufschreiben wollen!

Toll ist es, hier eine Gruppe zu haben,

in der wir frei und offen reden

können und jeder den Mitstreitern

vertraut.

Redaktionssitzung mit Ergotherapeutin Angela Hellmann

Im Sommer 2007 entstand die Idee,

mit Bewohnerinnen und Bewohnern

ein Instrument für den internen

Informationsfluss zu entwickeln.

Nach vielen Gesprächen auch mit

der Heimleitung und Kollegen wurde

schließlich eine Zeitungsgruppe

ins Leben gerufen. Zwölf Bewohnerinnen

und Bewohner wollten

etwas Neues ausprobieren. Das

Neue wurde „Sprachrohr genannt

und ist eine hausinterne Zeitung,

geschrieben von Bewohnern für

Bewohner.

Wir greifen Themen auf, die von

allgemeinem Interesse im Haus

Radeland sind, informieren über

geplante Veränderungen, erzählen

kleine Geschichten, schreiben

Gedichte, thematisieren Sorgen und

Nöte, stellen Fragen, stoßen Diskussionen

an, berichten über Ärgerliches,

Ernstes und Lustiges – kurz

gesagt: Wir schreiben über Dinge,

die uns bewegen. Wir denken uns

außerdem für jede Ausgabe ein

Schwerpunktthema aus (wie zum

Beispiel das Thema Depression)

und sind mit viel Spaß dabei.

Das „Sprachrohr erscheint dreimal

jährlich und ist zwischen 10 bis 20

Doppelseiten stark. Die Zeitung

wird in unserem Haus kopiert und

geheftet. Sie wird nicht verkauft,

sondern ausschließlich hausintern

verbreitet.

Was haben wir nicht alles erlebt in

den vergangenen sechs Jahren: den

Trägerwechsel, inhaltliche Neuerungen,

viele bauliche Veränderungen,

die Umbenennung der Wohnetagen,

die Zusammensetzung der

Bewohner und zahlreiche personelle

Veränderungen, die Umstellung

von papier- auf PC-gestützte

Dokumentation und und und. All

das hat die Zeitungsgruppe mit

begleitet und kommentiert.

Unsere Gruppe hat sich ebenfalls

verändert: Wir sind kleiner geworden,

haben zwischendurch leichte

Ermüdungserscheinungen gezeigt,

sodass wir überlegten, ob wir das

Projekt nicht einstellen sollen und

ob wir eigentlich noch ausreichend

Leser und ausreichend Redakteure

haben.

Wir haben uns entschieden weiterzumachen.

Wir sind keine Hochleistungstruppe,

arbeiten nicht im

Akkord und setzen uns nicht unter

Druck, aber wir haben immer noch

viele Dinge auf dem Herzen, die

wir weitergeben wollen. So treffen

wir uns jeden Freitag für eine

Stunde zur Redaktionssitzung und

schreiben alles mit großem Elan,

rauchenden Köpfen und viel Spaß

auf. Wir sind sehr stolz darauf,

schon sechs Jahre (!!!) zu bestehen.

Die Sprachrohr-Redaktionsgruppe,

unterstützt von Angela Hellmann

Sonderheft EINBLICK | 13


Tiergestützte Therapie

Ängste überwinden. Verantwortung übernehmen.

Das Alpaka ist eine aus den südamerikanischen

Anden stammende,

domestizierte Kamelart, die vor

allem wegen ihrer Wolle gezüchtet

wurde. Aufgrund ihres Haus- und

Begleittiercharakters werden die

ruhigen und friedlichen Alpakas

in Deutschland gerne in der tiergestützten

Therapie eingesetzt, seit

2010 auch in Haus Radeland. EIN-

BLICK sprach darüber mit Ergothe-

Streicheln, füttern, sauber halten

rapeutin Linda Temizkan, die auch

ausgebildete Tiertherapeutin ist.

Warum arbeiten Sie mit Alpakas?

Alpakas wirken auf Menschen entspannend

und ausgleichend. Sie

unterscheiden nicht zwischen behinderten

und gesunden Menschen

und passen sich dem Menschen,

der Situation und der Stimmung

an. Alpakas haben einen vergleichbaren

therapeutischen Wert wie

Delfine und können mehrere Stunden

am Tag ohne Stress mit Menschen

arbeiten. Dazu müssen sie

aber trainiert sein und eine Bezugsperson

an ihrer Seite haben, die

ihnen Sicherheit gibt und sich

regelmäßig um sie kümmert.

Was gehört zu diesem Training?

Die Tiere werden schrittweise an

ein Halfter und an das Striegeln gewöhnt.

Auch den Parcours müssen

sie erst kennenlernen, bevor die Bewohner

mit ihnen unter Anleitung

arbeiten können. Da Alpakas Herdentiere

sind, kann man nur mit

beiden gleichzeitig arbeiten.

Wo sind die Tiere untergebracht?

Sie leben in unserem Park, wo sie

auch einen Unterstand haben, in

den sie sich selbstständig zurückziehen

können.

Wie bereiten Sie Bewohner auf den

Kontakt mit den Alpakas vor?

Erst einmal informieren wir über

die Tiere. Zum Beispiel „schreit

das Alpaka, wenn Gefahr durch einen

Fuchs oder einen Hund droht,

und alle anderen Tiere stimmen

mit ein. Wir erklären auch, wie

man sich den Tieren nähert und sie

streicheln kann, ohne sie zu irritieren,

und worauf man beim Putzen

achten muss.

Wie verläuft die Alpaka-Therapie?

Basis sind ein Vertrauen zwischen

Bewohner und Therapeut und ein

individueller Therapieplan, der mit

dem Bewohner besprochen wird.

Dann werden Mensch und Tier einander

vorgestellt. Danach sind die

Therapieabläufe so unterschiedlich

wie die Diagnosen der einzelnen

Bewohner. Möglich ist das Tier zu

füttern, zu tränken, zu putzen, zu

pflegen oder den Stall auszumisten

und in Ordnung zu halten.

Die Therapie mit Kleintieren fördert

neben den verschiedenen Sinnen

auch das Sozialverhalten. Im Vordergrund

steht das Verantwortungsgefühl

für ein anderes Lebewesen,

das jeden Tag zu versorgen ist und

um das man sich kümmern muss.

Im Haus Havelstrand sollen künftig

Kuschelhühner in der Kleintiertherapie

eingesetzt werden. Das große

Gartengrundstück und die dörfliche

Atmosphäre in Konradshöhe bieten

sich dafür wie von selbst an. Der

Hühnerstall ist bereits gebaut. Die

Bewohnerinnen und Bewohner

werden die Tiere demnächst also

unter Anleitung füttern und das

Gehege sauber halten. Dabei lernen

sie auch, sich gegenseitig zu helfen.

Das Sammeln der Eier dürfte dann

zu der Frage anregen, was man mit

ihnen machen soll. Antwort: zum

Beispiel einen Kuchen backen.

Martina Glauke

© Gerhard Seybert – Fotolia.com

Wie lange dauert diese Therapie?

Pauschal kann man das nicht

beziffern. Da jeder Mensch individuell

ist, kann die Therapie von

einem einmaligen Besuch bis zu

einer Langzeittherapie reichen. Die

Dauer wird anhand des Befundes

mit dem Arzt oder den Therapeuten

abgesprochen.

Was bewirkt die Therapie?

Der Umgang mit Alpakas fördert

die Kontaktaufnahme, hilft Ängste

zu überwinden, baut das Selbstwertgefühl

auf und hilft Verantwortung

aufzubauen.

Das Gespräch führte Sandra Müller.

14 | EINBLICK Sonderheft


Physiotherapie

Heilen und vorbeugen

Fragt man Cornelia Kromski, was

ihre tägliche Arbeit ausmacht, lächelt

sie gewinnend. Seit 26 Jahren

organisiert die 60-jährige staatlich

geprüfte Physiotherapeutin im Haus

Radeland die Krankengymnastik

und führt auch selbst Behandlungen

durch.

Frau Kromski begann ihre berufliche

Laufbahn im Lynar Krankenhaus

(heute: Vivantes Klinikum) in

Spandau auf der Wachstation der

Chirurgie, war danach fast zehn

Jahre am Unfallambulatorium in

Kreuzberg tätig, bevor sie 1987 in

das ASB-Krankenheim für chronisch

psychisch Kranke in der Radelandstraße

(seit 2009: AGAPLESION BE-

THANIEN RADELAND) wechselte,

deren Krankengymnastikabteilung

sie von 1995 bis 2000 leitete. 2001

machte sich Frau Kromski selbstständig,

behandelt aber weiterhin

Bewohnerinnen und Bewohner im

Haus Radeland.

Regelmäßig besuchte Cornelia

Kromski Fortbildungen, zum Beispiel

zum Umgang mit Depressionen

und Burnout, und qualifizierte

sich in speziellen Knie- und Wirbelsäulentherapien,

gerätegestützten

Therapien und Fixation weiter.

Ruhig, einfühlsam und humorvoll

führt sie ihre Behandlungen durch.

Mit Atmungs- und Entspannungstherapien

in Anlehnung an die

Kinesiologie erzielt die Physiothera-

peutin auch bei den verschlossensten

Bewohnern einen dauerhaften

Behandlungserfolg. Ebenso gelang

es ihr, dass Bewohner mit starker

Gangunsicherheit nach neurologischen

Ausfällen, wie etwa einem

Schlaganfall, wieder selbstständig

gehen.

Ihre Art, in kleinen, wenig belastenden

Behandlungsschritten nach und

nach Fortschritte zu erzielen, sind

ein wesentlicher Grund, warum Frau

Kromski einen guten persönlichen

Zugang zu den Bewohnerinnen und

Bewohnern hat. Durch ihre sensible

Kontaktaufnahme und zielgerichtete

Entspannungstechniken konnte die

Physiotherapeutin bereits schwere

Kontraktionen und Auffälligkeiten

wie Schreiattacken und aggressives

Verhalten dauerhaft reduzieren.

Jeder Bewohner kann nach Absprache

mit dem Therapeutenteam, den

Pflegefachkräften und der Ärztin

eine krankengymnastische Behandlung

in Anspruch nehmen. Bettlägerige

Patienten besucht Frau Kromski

in deren privatem Pflegezimmer,

mobile Bewohnerinnen und Bewohner

kommen zu ihr in den Behandlungsraum

und absolvieren dort unter

Anleitung der Krankengymnastin

ihre Übungen – bei akuten Zuständen

nach Frakturen aller Art, bei

Parkinson oder Multiple Sklerose

zum Beispiel nach dem Bobathkonzept,

bei Arthrose, Rheuma oder

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zum

Rollstuhltraining, der Fußreflexzonenmassage

oder für die Carnio-

Sacrale Therapie.

Sandra Müller

Sonderheft EINBLICK | 15


Bewegungstherapie

Lebensfreude durch Sport und Bewegung

Regelmäßige Bewegung und gesunde

Ernährung sind wichtige Voraussetzungen

für das körperliche

Wohlbefinden. Auch Menschen mit

psychischen Erkrankungen sollten

sich deshalb fit halten. Doch fehlt

ihnen oft der Antrieb zu sportlichen

Aktivitäten. Wie in allen anderen

Bereichen des täglichen Lebens

benötigen unsere Bewohnerinnen

und Bewohner daher professionelle

Anleitung, wenn es darum geht,

sich gezielt zu bewegen.

Die Angebote der Bewegungstherapie

in BETHANIEN RADELAND

verfolgen mehrere Ziele:

• Förderung und Erhalt von körperlicher

Mobilität und Fitness

• Stressabbau

• Gewinn an Lebensfreude

• Anbahnung einer aktiven Freizeitbeschäftigung

• Ausschöpfen biografischer Ressourcen

und Kompetenzen

• Integration in gemeinschaftsfördernde

Gruppenaktivitäten

• Förderung der Fähigkeit zur sozialen

Integration durch Anpassung

an Spielregeln

• Förderung der Fähigkeit zur

psychischen Selbststrukturierung

durch spielerische Interaktion

• Aufbau eines vitalen Körperbildes

WER DARF MITMACHEN?

Wir wenden uns vor allem an die

Bewohnerinnen und Bewohner des

Wohnhauses, die häufig zurückgezogen

in ihren Apartments leben,

aber auch an die Menschen auf den

Wohnetagen des Haupthauses, insbesondere

an diejenigen mit psychotischen

Krankheitsbildern und

Demenz, die sich vom Gemeinschaftsleben

zurückgezogen haben

oder es bedrohen. Hingegen darf

die Bewegungstherapie in akuten

Phasen psychotischer, depressiver

und manisch-depressiver Krankheitsbilder

sowie bei akuter Suizidalität

nicht angewendet werden

(Kontraindikationen).

IM SPANNUNGSFELD

VON ARBEITSTHERAPIE UND

PSYCHOTHERAPIE

Die Bewegungstherapie arbeitet

mit der Arbeitstherapie Hand in

Hand. Sie dient der Vorbereitung

einer arbeitstherapeutischen Maßnahme,

indem sie mobilisiert und

die Anpassung an und Einhaltung

von Spielregeln trainiert. Umgekehrt

kann die Bewegungstherapie

von der Arbeitstherapie das Entlohnungsmodell

übernehmen, hier

dann in Naturalien wie Essen und

Trinken.

Die Bewegungstherapie arbeitet

auch mit der Psychotherapie Hand

in Hand. Denn körperliche Aktivitäten

bringen die Seele in Bewegung.

Dadurch wird oft auch der

Gesprächs- und Mitteilungsbedarf

wiederbelebt – die Begleitmusik der

bewegungstherapeutischen Arbeit.

Die Bewohnerinnen und Bewohner

öffnen sich allmählich, die Bewegungstherapeutin

kann dadurch

eine therapeutische Beziehung

aufbauen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner

leiden häufig unter starken muskulären

Verspannungen, die durch die

Bewegungstherapie wieder gelöst

werden können.

MEDIEN, DIE WIR EINSETZEN

Schwimmen ist ein wirksames Entspannungsmedium.

Durch die Bewegung

des Wassers und im Wasser

wird das ganze Körpersystem

(Haut, Muskeln, Gelenke, Drüsen)

sanft massiert. Gemeinsame Ballspiele

bewirken spielerische Interaktionen.

Aqua-Fitness unterstützt die individuelle

Motivierung der Bewohner

zu neuen spielerischen und freieren

Bewegungsformen bei reduzierter

Schwerkrafteinwirkung und ohne

Sturzgefahr. Dies reicht vom Aqua-

Tanz bis zum Aqua-Walken.

Tischtennis eignet sich ausgezeichnet

zur Förderung der (Bewegungs-)

Spontanität. Diese Sportart arbeitet

an der Wurzel von Antriebsstörungen.

Sie ermöglicht gleichfalls den

spielerischen Zugang zu dem vom

16 | EINBLICK Sonderheft


Bewegungstherapie

Bauchtanz verbindet Tanz und

Musik. Beide Elemente vermitteln

Lebensfreude. Dieses Bewegungsangebot

erproben wir noch. Der

Bauchtanz ist insbesondere für

Menschen mit starken Mobilitätseinschränkungen

geeignet. Kreisende

Bewegungen werden hier

in kleinem Radius und an jedem

Gelenk entfaltet.

Bewohner internalisierten System

sozialer Spielregeln und trägt dazu

bei, diese zu verändern. Die internalisierten

sozialen Regeln sind

häufig abweichend oder wahnhaft

verzerrt gegenüber den sozial

geltenden, mit denen sich manche

Bewohner überworfen haben. Spielen

nach Regeln hilft, diese Kluft zu

überwinden und fördert damit die

Integrations- und Anpassungsfähigkeit.

Fitnessgeräte sind ein beliebtes Medium,

um Kraft aufzubauen und das

Selbstbewusstsein zu stärken.

Yoga mit seinen sanften Dehnungsübungen

hilft die häufig extrem

verspannte Muskulatur zu lockern.

Seelische Kraft kann in symbolisch

bedeutsamen Positionen, wie zum

Beispiel „der Krieger, aufgebaut

werden.

Bewohnern oft als bedroht empfundene

eigene Körperbild positiv

zu beeinflussen. Unkontrollierte

Bewegungen können in Bildern wie

„den Affen abwehren aufgefangen

werden.

Walken beinhaltet einfache Bewegungsprinzipien

und ermöglicht ein

hohes Maß an Lockerung der oft

extrem verspannten Schulter-Nacken-Muskulatur.

Gleichzeitig wird

durch das Erleben der Natur während

des Walkens Stress abgebaut.

Qigong besteht aus langsamen und

fließenden Bewegungen. Qigong

arbeitet mit Vorstellungsbildern und

deren suggestiver Kraft, die eine

tiefenpsychologische (Neben-)Wirkung

haben. Die Arbeit mit beruhigenden,

schönen Bildern, wie „den

Mond schauen, ermöglicht es,

das von den Bewohnerinnen und

Mit Qigong-Übungen wird die

Koordination geschult, die häufig

eingeschränkt ist, wenn das Körperbild

als zerstückelt erlebt wird. Die

langsamen und fließenden Bewegungen

im Qigong wirken effektiv

auf das vegetative Nervensystem

und damit an der Wurzel von körperlicher

und seelischer Entspannung

und seelischer und geistiger

Aufmerksamkeit. Die einfachen

Bewegungsmuster ohne Kraftaufwand

und Bewegungsartistik stellen

im Hinblick auf die bei vielen

Bewohnern stark eingeschränkte

Bewegungsfähigkeit ein adäquates

Bewegungsangebot dar.

Inge Wittneben, Ergotherapeutin

und Qigong-Kursleiterin (DQGG)

Sonderheft EINBLICK | 17


Arbeitstherapie

„Wenn die blauen Veilchen wieder blühn...

Die Gartenarbeit ist ein altes Mittel,

um kranken Menschen durch alltagspraktisches

Tun ein Gefühl von

Selbstwirksamkeit und Ich-Wichtigkeit

zurückzugeben, denn Mensch

und Natur stehen von Anfang an in

einem sehr engen Verhältnis zueinander.

Die Gartentherapeutin organisiert

nach Niepel/Pflister (Praxisbuch

Gartentherapie, 2010) pflanzenund

gartenbezogene Aktivitäten

und (Natur-)Erlebnisse, um die

Sinne zu stimulieren, Erfahrungen

mit Pflanzen zu bieten, soziale

Kontakte und die Kommunikation

zu fördern, vorhandene Fähigkeiten

zu erhalten sowie eine Realitätsorientierung

zu ermöglichen. Alle

gartentherapeutischen Aktivitäten

werden jahreszeiten- und themenbezogen

geplant, zum Beispiel

Anzucht im Frühjahr, Gemüse im

Sommer, Früchte zu Erntedank,

Adventsgestecke im Winter.

Die Gartentherapie findet einmal

pro Woche auf jeder Wohnetage

als Einzel- oder Gruppenbetreuung

mit zwei bis fünf Bewohnern statt.

Sie kann ganzjährig im Innen- und

Außenbereich durchgeführt werden

(Bewohnerzimmer, Aufenthaltsraum,

Balkon, Garten) und dauert

zwischen 30 bis 90 Minuten. Die

Tätigkeiten werden im Sitzen oder

Stehen verrichtet. Die Anforderungen

lassen sich von sehr niedrig (im

Sinne von dabei sein, zuschauen),

über niedrig (z. B. 15 Minuten Blumen

gießen) bis fachlich anspruchsvoll

(z. B. Hecke schneiden) einstufen.

Bei der Planung wird darauf

geachtet, dass es weder zu Überlastungen

und Versagensgefühlen

kommt, noch zu Unterforderungen.

Gärtnerisches Handwerk

Bodenbearbeitung, Säen, Stecklinge

ziehen, Pflege von Zimmerpflanzen,

Anbau und Ernte von Obst, Gemüse

und Kräutern, Schneiden von Obststräuchern

usw.

Nach der Quittenernte

Holunderblüten portionieren

Selbstgemachte Marmeladen etikettieren

Die Gartenarbeit erfüllt körperliche,

psychische, emotionale und spirituelle

Bedürfnisse.

Herbstbasar: Stolz werden die selbstgefertigten Blumengestecke präsentiert.

Floristik

Blumensträuße binden, Pflanzenschalen

dekorieren, Adventskränze

basteln, Kräutermandalas, Kunst im

Garten, Wohnetage dekorieren.

Kreatives Gestalten in jahreszeitlichen,

traditionellen Bezügen hilft,

die persönliche, kulturelle Identität

auszudrücken. Durch die gemeinsame

Ausgestaltung des Hauses entsteht

ein Gefühl des „Daheimseins.

18 | EINBLICK Sonderheft


Arbeitstherapie

Pflanzenverwendung

Teemischungen, Konfitüren, Öle,

Duftkissen u. a. m.

Obst, Gemüse und Kräuter bieten

von der Ernte über die Verarbeitung

bis zum Verzehr durch Geruch,

Geschmack, Haptik und Aussehen

zahlreiche sinnliche Stimulationen.

Unterschiedliche Essgewohnheiten

und kulturelle Vorlieben werden im

Gespräch aufgegriffen, das stärkt

das Selbstwertgefühl.

Sinnesstimulierende Aktivitäten

für Bettlägerige

Wir bringen Natur und Garten durch

natürliche, jahreszeitliche Elemente

an das Bett unserer Bewohner und

aktivieren damit seine Sinne: Hören,

Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten.

Diese Wahrnehmungen vermitteln

Ruhe, Geborgenheit und Sicherheit,

der Bettlägerige erfährt Zuwendung

und entspannt sich.

Aktivitäten im Freien

Bewohnern, die keinen Bedarf an

gartentherapeutischen Aktivitäten

haben und trotzdem die Vielfalt

der Natur erleben möchten, bieten

wir das Programm „Naturgestützte

Aktivitäten im Freien an: auf den

Balkon oder nach draußen vor die

Tür gehen, im Garten sitzen, im

Wald oder in der Gartenkolonie

spazierengehen, Ausflüge machen.

Duft, Farben und Formen der Pflanzen,

Vogelgezwitscher, Luft, Licht,

Wetter und Temperatur beleben

alle Sinne. Die Natur bietet kalendarische

Orientierung, Vertrautheit

und Normalität und ist deshalb ein

Ort für Sicherheit und Geborgenheit

mit natürlicher Milieugestaltung.

Die alltagsnahen Situationen der

Gartentherapie führen dazu, dass

die Teilnehmenden die Aktivitäten

oft gar nicht als Therapie wahrnehmen,

ähnlich wie das bei hauswirtschaftlichen

Angeboten erlebt wird.

Kerstin Elschner

Das RadeLandlädchen

Das RadeLandlädchen schließt den

Kreis der Arbeitstherapieangebote

und ist doch etwas Besonderes! Hier

und auf dem Bauernmarkt in der

Spandauer Altstadt verkaufen wir

die Produkte, die unsere Gartengruppe

sät, zieht und erntet und die

Einkochgruppe verarbeitet. Wir stellen

uns der Konkurrenz

und machen auf

uns aufmerksam. Darüber

hinaus bieten

wir Kommissionsware

von „Platane 19

aus Charlottenburg

und „Lebensräume

aus Neuruppin an,

was die Vernetzung

nach draußen ebenfalls

stärkt.

Das Verkaufsteam

hat seit Eröffnung des

Hofladens im März

2013 ein hohes Maß

an Verantwortungsbewusstsein

und Engagement

entwickelt.

Für die Verkäufer bedeutet

die Arbeit im

RadeLandlädchen ein Stück mehr

Normalität. Immer zwei Bewohner

sind – mit Unterstützung der Therapeuten

– für die Ladendienste am

Montag, Mittwoch und Samstag

verantwortlich. Ab 13:30 Uhr

bereiten sie zuerst alles für den

Verkauf vor: Die Kaffeemaschine ist

einzuschalten, das Mobiliar aus der

Wir bieten

• selbstgemachte Marmeladen

aus heimischen

Früchten, z. B. Quitte,

Erdbeer-Rhabarbar, sowie

exotische Kompositionen

wie Ingwer-Orange, Kiwi-

Aprikose usw.

• Holunderblütensirup (nur

im Juni/Juli), Himbeeressig

• Hundekekse „ Leckerlis

• Blumengestecke

• selbstgezogene Pflanzen

• duftende Lavendelsäckchen

und -kissen

• selbstgemalte Bilder

• Modeschmuck

• Bücherkiste

• Snacks und Kaffee to go

Öffnungszeiten

Montag, Mittwoch, Samstag

14:00 – 17:00 Uhr

Garage zu holen, das Geöffnet-

Schild und die Kaffeefahne sind aufzustellen,

die Kasse mit Wechselgeld

aufzufüllen und das Angebot

attraktiv zu arrangieren.

Während der Öffnungszeit von 14

bis 17 Uhr sind Kundenkontakte

zu bewältigen,

Auskünfte über die

Produkte zu geben

und die Kasse zu

bedienen. Nach

Ladenschluss wird

dann abgerechnet,

aufgeräumt, ausgefegt

und schließlich

noch die Alarmanlage

eingeschaltet.

Der Hofladen hat

sich auch zu einem

beliebten Treffpunkt

für andere

Bewohnerinnen und

Bewohner entwickelt,

die hier gerne

einen besonderen

Kaffee trinken, ein

Buch tauschen oder

einfach nur zum

Plauschen vorbeischauen.

Einmal im Monat trifft sich das

Team des RadeLandlädchens, um

den Dienstplan festzulegen, Ideen

zur Weiterentwicklung des Ladens

zu diskutieren und ein wenig den

Erfolg zu feiern!

Brigitte Schmidt

Sonderheft EINBLICK | 19


Arbeitstherapie

Frisch und sauber in den richtigen Schrank

Zimmernummern. So können sie

die Wäsche den jeweiligen Fächern

teilweise aus dem Kopf zuordnen.

Für ihre Tätigkeit erhalten die

Mitglieder der Wäschegruppe eine

Motivationshilfe. Voraussetzungen

für die Teilnahme an dieser Maßnahme

sind persönliche Hygiene,

Zuverlässigkeit und ein gewisses

Maß an Verantwortungsgefühl.

Die Wäschegruppe bietet Arbeitstherapieplätze

im Dienstleistungsbereich.

Eine kleine verbindliche

Gruppe von drei Bewohnern mit

unterschiedlichen Diagnosen sortiert

unter Anleitung einer Ergotherapeutin

dreimal in der Woche die

persönliche Kleidung der 171 Bewohner

von Haus Radeland. Diese

kommt gewaschen, aber unsortiert

aus einer Großwäscherei und muss

für die Verteilung auf den Wohnetagen

und richtige Zuordnung zu

seinem Besitzer vorbereitet werden.

Der zeitliche Aufwand für diese

Arbeit orientiert sich an der Liefermenge.

In der Regel wird dafür dreimal

wöchentlich zirka eine Stunde

benötigt: Das Wäschedienstteam

hängt die Oberbekleidung nach

Wäschereibons auf die Kleiderständer,

sortiert die übrige Wäsche in

Wagen, säubert Wäscheständer und

räumt die Wäschekammer anschließend

wieder auf.

geliefert werden kann. Die Absprachen

sind klar und werden eingehalten.

So verbessern sie auch ihre

Handlungsplanung, Zeiteinteilung,

Ausdauer, Pünktlichkeit, Konzentration,

Kommunikation und Kooperationfähigkeit.

Dabei entwickeln sie

erstaunliche Gedächtnisleistungen:

Sie merken sich nicht nur die Wohnbereiche,

in denen die einzelnen

Bewohner leben, sondern auch die

Kleiderbörse

Die Wäschegruppe ermöglicht

wichtige Erfahrungen, die jeder

andere Berufstätige auch macht.

Wenn zum Beispiel ein Gruppenmitglied

ausfällt, müssen die anderen

seine Arbeit mit übernehmen,

da unsere Bewohner sonst keine

sauberen Anziehsachen bekämen.

Das führt mitunter zu intensiven

gruppendynamischen Prozessen.

Die wiederkehrenden Arbeitsabläufe

geben den Mitgliedern der

Wäschegruppe Sicherheit und

die verantwortungsvolle Tätigkeit

steigert ihr Selbstvertrauen und ihre

psychische Stabilität.

Angela Hellmann

Die drei Bewohner teilen die Aufgaben

selbstständig untereinander

auf, sind sich gegenseitig behilflich

und haben ein System entwickelt,

wie die fertig sortierte Wäsche am

schnellsten auf die Wohnetage

Ob Oster-, Herbst oder Adventsbasar – die Second-Hand-Kleiderbörse ist bei den

Bewohnerinnen und Bewohnern sehr beliebt und bietet ideale Möglichkeiten, sich

den eigenen Kleiderschrank regelmäßig für kleines Geld aufzufrischen oder aber

Kleidungsstücke, an denen man sich sattgesehen hat, auszusortieren.

20 | EINBLICK Sonderheft


Leben im Wohnhaus Spandau

Auf dem Weg zurück in die Selbstständigkeit

Im Wohnhaus von BETHANIEN

RADELAND betreuen und pflegen

wir 44 Menschen in unterschiedlichen

Pflegestufen mit diversen

psychischen Krankheitsbildern,

darunter auch Doppeldiagnosen

(geistige Behinderung und chronisch

psychische Erkrankungen).

Die Bewohnerinnen und Bewohner

finden im Wohnhaus oft für viele

Jahre ein neues Zuhause. Sie sind

unterschiedlichen Alters, verschiedener

Herkunft und Familienstände.

Sie leben allein oder zu zweit im

eigenen Apartment mit Küche und

Duschbad oder zu dritt in einer der

beiden Wohngemeinschaften mit

eigenem Zimmer, einem großen

Wohnzimmer, Gemeinschaftsküche

und Badezimmer. Die Wohnräume

verteilen sich auf acht Etagen. Das

Haus verfügt über einen Fahrstuhl,

einen behindertengerechten Hauseingang

und zwei Aufenthaltsräume

(in der 1. und 6. Etage).

Stellvertretung, Pflegekräfte, Ergotherapeuten,

eine Sozialpädagogin,

Betreuungsassistenten, die Physiotherapeutin,

eine Psychologin und

eine Ärztin, Pflegeschüler und Praktikanten.

Sie alle bemühen sich um

das Wohl der Bewohnerinnen und

Bewohner.

LEBEN IM WOHNHAUS

Im Wohnhaus steht der selbstbestimmte

Alltag im Vordergrund.

Die Bewohnerinnen und Bewohner

werden in allen Bereichen des täglichen

Lebens unterstützt, gefördert

und gefestigt: bei der Körperpflege,

der Zubereitung der Mahlzeiten,

der persönlichen Haushaltsführung,

dem Ordnunghalten, dem Saubermachen

und der Ausgestaltung des

eigenen Zimmers und der Gemeinschaftsräume,

beim Umgang mit

Geld, bedarfsgerechten Einkäufen,

aber auch bei Arztbesuchen und

Behördengängen.

Die Bewohner können folgendes

Beschäftigungsangebot wahrnehmen:

wöchentliche Einkaufs- und

Kochgruppen; Gartengruppe (Pflege

der Topfblumen und Balkonkästen,

Gestaltung des Außenbereichs);

Arbeitsförderung (z. B. Mitarbeit

im RadeLandlädchen oder auch

Teilnahme an der Einkochgruppe);

Bewegungstherapie (Schwimmen,

Tischtennis usw.); Tiertherapie (Versorgung

und Kontakt zu den Alpakas);

Besuch des wöchentlichen

Gottesdienstes im Haupthaus.

Außerdem finden einmal monatlich

Ausflüge mit dem hauseigenen Bus

statt. Ziele waren zuletzt: Naturkundemuseum,

Luftwaffenmuseum,

Tropical Island, Döberitzer Heide

und ein Markt in Polen.

Die Wohnzimmer und Gemeinschaftsräume

werden entsprechend

den Jahreszeiten und christlichen

Feiertagen dekoriert.

Selber kochen und abschmecken Gemeinsam den Tisch decken In „familiärer Runde beim Essen

Hier treffen sich die Bewohnerinnen

und Bewohner viermal täglich zu

den gemeinsamen Mahlzeiten. Die

Gruppenräume ermöglichen ihnen

darüber hinaus individuelle Kontaktaufnahmen,

gemütliches Beisammensein

und gemeinsame Fernsehabende.

Außerdem treffen sie hier

für ihre persönlichen Belange stets

Ansprechpartner, wie zum Beispiel

die Wohnetagenleitung und deren

Anleitung und Betreuung erfolgen

in enger Zusammenarbeit mit den

gesetzlichen Betreuern. In regelmäßigen

Fallgesprächen mit den

Bewohnerinnen und Bewohnern

wird beraten und entschieden, was

aktuell für den Betroffenen wichtig

und sinnvoll ist. Ebenso werden die

individuellen Tagesabläufe gemeinsam

entwickelt und in persönlichen

Wochenplänen festgehalten.

Die ganzheitliche pädagogische Betreuung

umfasst neben Gruppenangeboten

auch eine Einzelbetreuung.

In diesen „Zweierrunden lässt sich

ein intensives Vertrauen aufbauen,

das es leichter macht, Bedürfnisse

zu äußern oder Probleme anzusprechen

und zu lösen. Die Pädagoginnen

und Therapeuten entwickeln

darüber hinaus mit jedem Bewohner

einen individuellen Förderplan und

Sonderheft EINBLICK | 21


Leben im Wohnhaus Spandau

Gemeinsame Mittagsmahlzeit im Tagesraum

definieren persönliche Ziele. Dies

ist für die Bewohner ein wichtiger

Schritt in Richtung Selbstständigkeit

– nicht nur hinsichtlich der Möglichkeit,

in eine offenere, ambulante

Wohneinrichtung umzuziehen,

sondern auch in einer Förderwerkstatt

zu arbeiten oder eine Praktikumseinrichtung

zu besuchen.

Zurzeit werden auch neue Handlungskataloge

entwickelt. Ziel ist

eine deeskalierende, auf das jeweilige

Krankheitsbild abgestimmte

Vorgehensweise, um persönliche

Krisen eines Bewohners frühzeitig

zu erkennen, professionell darauf

reagieren zu können und adäquate

Hilfe anzubieten.

Das Beispiel einer 29-jährigen

Bewohnerin verdeutlicht, welche

persönlichen Entwicklungschancen

das Wohnhaus eröffnet:

Frau Weiß* lebt seit Oktober 2012

im Wohnhaus. Sie zog gemeinsam

mit ihrer Lebenspartnerin in eine

Zwei-Zimmer-Wohnung ein. Frau

Weiß war anfangs sehr schüchtern,

sprach wenig, zog sich häufig zurück

und zeigte ein gestörtes Essverhalten.

Durch den starken Einfluss

ihrer Freundin war ihr Leben fremdbestimmt.

Es gelang, beide Frauen

Wieder den eigenen Haushalt führen

Wichtige Voraussetzungen für das selbstständige Leben außerhalb unserer stationären

psychiatrischen Intensivpflegeeinrichtungen sind auch hauswirtschaftliche

Fertigkeiten, die im Rahmen der Beschäftigungstherapie trainiert werden.

für unser Therapieprogramm zu

gewinnen. Ein Wochenplan half,

sich schnell mit den Angeboten

und Terminen vertraut zu machen.

Regelmäßig nehmen Frau Weiß und

ihre Freundin jetzt mit großer Begeisterung

an der Koch-, der Einkaufs-

und der Schwimmgruppe

teil. Seit Eröffnung des RadeLandlädchens

im März 2013 helfen

beide Frauen außerdem aktiv im

Verkauf mit. Des Weiteren besucht

Frau Weiß die Gartentherapie, zeigt

Freude und Interesse am Gestalten

von Tischgestecken und Blumenkästen.

Durch eine engmaschige

Einzelbetreuung und kleinschrittige

Arbeitsanweisungen wird sie immer

sicherer in ihren Handlungen und

arbeitet zum Teil selbstständig auch

ohne ihre Freundin. Frau Weiß wird

regelmäßig zu den Mahlzeiten im

Gemeinschaftsraum eingeladen.

Zusätzlich erhält sie flüssige Zusatznahrung,

sodass eine ausgewogene

Ernährung gewährleistet ist. Noch

immer fällt es Frau Weiß allerdings

schwer, über ihre Vergangenheit

oder ihre Bedürfnisse zu sprechen.

Kontaktgespräche werden in ihrem

Zimmer geführt. Langfristiges Ziel

ist es, Frau Weiß in ihrer Selbstständigkeit

weiter zu stärken und das

Vertrauen weiter auszubauen.

Anna-Katharina Kluttig

22 | EINBLICK Sonderheft


Respectare

Die Kunst der respektvollen Berührung

Das Bedürfnis nach Geborgenheit

und Nähe ist uns Menschen in die

Wiege gelegt. Unsere erste Sinneserfahrung

ist die Berührung im

Mutterleib. Hier erspüren wir mit

unserem gesamten Körper unsere

Umgebung und uns selbst. Berührung

ist somit die erste Form der

Kommunikation und Kontaktaufnahme

mit unserer Umwelt. Im

Laufe des Lebens lässt das Bedürfnis

nach Berührungen nicht nach,

es ändern sich nur die Umstände.

Mit zunehmendem Alter schwinden

allerdings oft die Möglichkeiten der

Berührung – durch den Verlust des

Lebenspartners oder nachlassende

soziale Kontakte.

In der Pflege ist die Berührung von

Mensch zu Mensch ein wesentliches

Medium zur Kontaktaufnahme.

Berührung greift in die Intimität der

Person ein. Pflegende sollten sich

deshalb bewusst sein, was es bedeutet,

berührt zu werden und andere

zu berühren. Sie müssen viel

über die Wirkung wissen. In Haus

Radeland arbeiten wir dabei nach

dem respectare ® -Konzept.

Was ist respectare ® ?

Respectare ® ist ein Konzept zur Entwicklung

der Berührungskompetenz

für das Begleiten und achtsame Berühren

in Pflege und Therapie. Respectare

® wurde 1999 von Annette

Berggötz, Lehrerin für Pflegeberufe,

Dozentin und Respectare-Trainierin,

konzipiert. Der von Frau Berggötz

für ihr Konzept benutzte Begriff

„respectare ist ein Kunstwort, auch

wenn es lateinisch klingt. Auf die

Berührungskompetenz bezogen

lässt sich „respectare übersetzen

mit „Zeit für Nähe – Raum für

Distanz. Doch vor allem bedeutet

„respectare Beziehungsarbeit.

Berühren nach respectare ®

Die Berührung ist eingebunden in

ein festes Ritual. Dieses beginnt

mit der Erlaubnisfrage. Es folgen

Streichmassagen nach einem festgelegten

Ablauf. Dabei bleiben die

berührenden Hände kontinuierlich

in Kontakt mit dem Körper. Am

Ende der Berührungen steht das

Bedanken. Warum bedanken wir

uns? Wir sehen es als ein großes

Geschenk an, dass ein Mensch uns

so viel Vertrauen entgegenbringt,

dass wir ihn berühren dürfen.

Bei den Streichberührungen der

Arme und Hände, Beine und Füße,

des Rückens und Kopfes fließen

Elemente aus der traditionellen indischen

und schwedischen Massage

sowie der Reflexiologie mit ein.

Warum wenden wir

respectare ® an?

Wir haben uns für dieses Konzept

entschieden, weil es Mitarbeiter in

ihrem wertschätzenden, respektvollen

Kontakt mit Bewohnern,

Kollegen und Angehörigen stärkt.

Es dient der Kommunikation, wenn

Worte nicht mehr zum Menschen

durchdringen. Bei Menschen mit

dementiellen oder psychischen

Erkrankungen kann eine einfühlsam

und respektvoll gestaltete Begegnung

Sicherheit und Geborgenheit

schaffen.

Wie erwerben unsere Mitarbeiter

Berührungskompetenz?

Sie werden in einem zweitägigen

Basisseminar von ausgebildeten

Praxisbegleitern unseres Hauses geschult.

Hier lernen sie unter Anleitung

und durch Selbsterfahrung die

verschiedenen Streichberührungen.

Zusätzlich finden Kick off-Schulungen

statt, um allen Mitarbeitenden

die Grundlagen des Konzepts vorzustellen.

2011 erhielten alle Führungskräfte

aus den Häusern AGAPLESION

BETHANIEN RADELAND und

AGAPLESION BETHANIEN HAVEL-

STRAND eine Schulung durch Frau

Berggötz, zwei Mitarbeitende wurden

zu respectare ® -Praxisbegleitern

ausgebildet. Sie schulen nun die

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

im Haus und leiten sie anschließend

in der Praxis an. Bei Interesse

und Fragen können sich alle Mitarbeitenden,

Bewohnerinnen und

Bewohner sowie deren Angehörige

jederzeit gern an die Praxisbegleiter

wenden.

Katja Hamburger

Sonderheft EINBLICK | 23


Deeskalation

Konflikte und aufschaukelnde Prozesse verhindern

Deeskalation durch aggressionsfreie Sprache und Verhaltensweisen

Vermeidung negativ besetzter Begriffe

Die Krankenschwester Christiane

Temizkan ist im Haus Radeland

Wohnetagenleiterin der Bereiche

Gartenstadt und Wasserstadt für

Bewohner mit Demenz. Sie arbeitet

seit 20 Jahren mit dementiell

erkrankten Menschen. Deren

herausforderndes Verhalten

brachte die Krankenschwester

trotz langjähriger Erfahrungen

immer wieder in Situationen,

die auch sie nur schwer händeln

konnte. Als ihr Hausleiter Heiko

Wiemer vorschlug, eine Deeskalationstrainerausbildung

zu

absolvieren, nahm Christiane

Temizkan dieses Angebot gerne

wahr. Im Folgenden stellt sie die

Grundzüge des Deeskalationsprogramms

vor.

ProDeMa ® (Professionelles Deeskalationsmanagement)

ist ein umfassendes

und mehrfach evaluiertes

Präventionskonzept zum professionellen

Umgang mit Gewalt und

Aggression. Es wurde von dem Psychologen

und Psychotherapeuten

Ralf Wesuls entwickelt und umfasst

für alle Bereiche des Gesundheitsund

Sozialwesens speziell auf die

jeweiligen Patienten/Betreuten

zugeschnittene Ausbildungs- und

Schulungsinhalte, um eine maximale

Praxistauglichkeit zu erreichen.

Das Deeskalationsprogramm

umfasst sieben Stufen:

Die Deeskalationsstufen I – III

beschäftigen sich mit den Gründen

des herausfordernden Verhaltens.

Diese können sein: Angst, Unsicherheit,

Verlust der Autonomie usw.

Stufe IV widmet sich der Technik

der verbalen Deeskalation.

Stufe V beinhaltet Übungen der

Körperintervention zur Vermeidung

eines physischen Angriffs bzw. einer

bewohnerschonenden Befreiung der

Pflegefachkraft.

Stufe VI befasst sich mit patientenschonenden

Begleit-, Halte-, Immobilisations-

und Fixierungstechniken.

In vielen Situationen müssen

Patienten/Betreute bei Selbst- oder

Fremdgefährdung festgehalten oder

immobilisiert werden, um weder

sich noch andere Personen zu verletzen.

Die Begleitung eines zum

Beispiel verwirrten oder alkoholisierten

Bewohners erfordert große

Vorsicht. Unsere Begleit-, Halteund

Immobilisationstechniken sind

flexibel hinsichtlich des jeweiligen

Bewohners und seines Verhaltens.

Stufe VII (Nachsorge): Aggressive

Vorfälle, herausfordernde Verhaltensweisen,

stattgefundene Eskalationen

oder notwendig gewordene

Immobilisationen und Fixierungen

werden mit dem Bewohner, einzelnen

Mitarbeitern oder dem gesamten

Team nachbesprochen mit dem

Ziel, zukünftige Vorfälle zu vermeiden.

Nach Erhalt des Trainerscheins

übertrage ich mein Wissen im Deeskalationmanagement

an unsere

Mitarbeiter weiter. Das Erkennen

und Vermeiden von angespannten

Situationen wird in Gruppenarbeiten

gelehrt. Die Erlernung der

Technik verbaler Deeskalation

nimmt den Hauptteil der zweitägigen

Fortbildung in Anspruch.

Dabei erproben die Mitarbeiter

einfache Techniken, um körperliche

Angriffe zu vermeiden und diesen

zu entgehen.

Das Feedback der Mitarbeiter nach

der Fortbildung ist überwiegend

positiv. Sie sind erfreut, dass gerade

langjährige Kollegen schon unbewusst

gewisse Techniken anwenden.

Durch die Theorie fühlen sich die

Teams gestärkt und

können die Techniken

der verbalen Deeskalation

anwenden.

Die Befreiung aus einer

Umklammerung seitens

des Bewohners ist

verblüffend einfach und

zeigt den Mitarbeitern

und Mitarbeiterinnen,

dass sie mit herausforderndem

Verhalten

professionell umgehen

können. Mich persönlich

begeistert dieses

Training insbesondere deshalb, weil

es nur in Zusammenarbeit mit den

Bewohnern gut funktioniert.

Die wichtigste Voraussetzung für

eine erfolgreiche Deeskalation ist

ein intensiver Beziehungsaufbau

zu den hilfebedürftigen, uns anvertrauten

Menschen.

Christiane Temizkan

24 | EINBLICK Sonderheft


Biografiearbeit

Psychobiografisches

Pflegemodell

Das psychobiografische Pflegemodell

von Erwin Böhm basiert auf

der Annahme, dass Körper, Seele,

Geist, soziales Umfeld und die persönliche

Geschichte in einem permanenten

Zusammenhang stehen.

Böhm stellte fest, dass Menschen

mit Demenz nicht mehr über die

„Welt der Dinge, also den kognitiven

Anteil der Psyche, erreicht

Erinnerungen an die Urgroßeltern

werden können, sondern der Zugang

über die „Welt der Gefühle

erfolgen muss. Er unterscheidet

sieben Interaktionsstufen, auf

denen sich der alte Mensch befinden

kann: Sozialisation (regionale

Geschichtsprägung), Mutterwitz

(sprechen, wie einem der Schnabel

gewachsen ist), seelische soziale

Grundbedürfnisse, Prägungen (als

Kind erlernte Verhaltensnormen,

Eigenarten, Rituale), Triebe, Intuition

(Märchen, Aberglaube), Urkommunikation

(Ebene des Säuglings).

Für jede Stufe müssen eigene

Zugangswege zum alten Menschen

gefunden werden, wobei grundsätzlich

gilt: „Vor den Beinen muss

die Seele bewegt werden.

Böhms Pflegemodell hat gleichermaßen

den Gepflegten und den

Pflegenden im Blick. Ziele sind die

Reaktivierung des Pflegebedürftigen,

eine Steigerung seines Selbstwertgefühls,

eine Symptomlinderung

ohne Einsatz von Psychopharmaka,

eine Verbesserung der Pflegequalität

durch „seelische Pflege, die

Erhöhung der Arbeitszufriedenheit

und die Senkung der Krankenstände.

Von Böhm

stammt auch

der Begriff

des Normalitätsprinzips.

Er geht

davon aus,

dass jeder

Mensch

– geprägt

durch seine

Sozialisation,

Kultur und Erfahrungen – eine

persönliche Lebensform entwickelt,

aus der sich sein Bild von einem

normalen Verhalten und Handeln

ergibt: wie und was man isst; wie

man mit anderen in Beziehung tritt;

womit man sich beschäftigt; worin

man den Sinn des Lebens sieht;

wie man sich kleidet. Ein Mensch

mit Demenz greift auf Normen und

Handlungsweisen aus seinen früheren

Lebenszeiten zurück. Deshalb

ist die Biografiearbeit von zentraler

Bedeutung.

Sonderheft EINBLICK | 25


Biografiearbeit

Milieugestaltung

Damit sich unsere Bewohnerinnen

und Bewohner daheim fühlen,

sind ihre Zimmer und die Gemeinschaftsräume

so möbliert, wie die

Wohnräume ihrer Prägungszeit

eingerichtet waren.

Gewohnheiten

Von Herrn Mitzner* wissen wir aus

seiner Kindheit, dass er immer der

Erste in der Badewanne war, wenn

die Mutter Wasser eingelassen hat.

Baden ist

für ihn mit

wohltuenden

Erinnerungen

verbunden.

Wir ermöglichen

ihm

Entspannung

in unserem

Pflegebad, um

seine permanente

motorische Unruhe für einen

Augenblick zu unterbrechen. Es

sind oft gerade die kleinen Dinge,

die den Alltag unser Bewohner bestimmen

und auflockern können.

Mutterwitz

Böhm nimmt an, dass der alte

Mensch in der von ihm definierten

Interaktionsstufe 2 (noch Erwachsenenalter)

kognitiv nachlässt, aber

noch erreichbar ist und auch noch

auf Humor reagiert. Insbesondere

wenn sein „Mutterwitz ehedem

stark ausgeprägt war, kann dieser

ein sehr wichtiger Schlüssel sein,

um Zugang zu ihm zu bekommen.

Als die noch etwas müden Bewohnerinnen

und Bewohner der Wohnetage

Altstadt im Aufenthaltsraum

frühstückten und ich ihre Morgenmedikation

vorbereitete, kam Frau

Husmann* zu mir. Sie wollte wie so

oft die Erste sein. Ich bat um etwas

Geduld. Sie ging zu ihrem Platz

zurück und ich wandte mich erneut

den Medikamenten zu. Ich nahm

den Medikamentenblister von Frau

Husmann, füllte ihn um, drehte

mich zu ihr und… weg war sie!

„Huch, ist Frau Husmann verpufft?

entfuhr es mir. Herr Adam* lachte

laut los und klopfte auf den Tisch,

Frau Knorr* meinte lachend und mit

Tränen in den Augen: „Nein die ist

doch gerade rausgegangen.‘‘ Frau

Husmann kam lachend vom Flur

zurück: „Aber nein, ich bin doch

hier. Nun musste auch ich lachen.

Alle anderen wurden von unserer

Fröhlichkeit angesteckt. Der Tagesraum

war plötzlich ganz erfüllt von

einer heiteren lauten Stimmung und

alle unterhielten sich angeregt. Das

lockte weitere Bewohner und meine

Kollegin aus der Wohnküche an.

Wir erlebten einen heiteren Tag.

Ich-Wert

Böhm geht davon aus, dass ein

Mensch nur „lebbar ist, wenn

er mindestens einmal am Tag der

Wichtigste ist.

An einem sehr schönen Sommertag

beschlossen Herr Rosen* und ich,

WELTALZHEIMERTAG

In Deutschland sind rund 1,2

Millionen Menschen an Demenz

erkrankt. Es sind fast ausschließlich

Menschen höheren Alters

betroffen. Seit 1994 finden jedes

Jahr am Welt-Alzheimertag (21.

September) vielfältige Aktivitäten

statt, um die Öffentlichkeit

auf die Situation der Erkrankten

und ihrer Angehörigen aufmerksam

zu machen.

unseren Kaffee im Freien zu trinken,

und bereiteten vor dem Wohnhaus

eine Tafel vor. Sie war gut

besucht, alle unterhielten sich und

genossen das herrliche Wetter. Da

kam Herr Graul*, eine ehemaliger

Schauspieler und extrovertierter

Mensch, hinzu. Alle rollten mit den

Augen. Wie erwartet, riss er gleich

das Gespräch an sich. Die ersten

Bewohner verließen genervt die

Runde. Ich reichte Herrn Graul eine

Tasse mit den Worten: „Romeo, oh

mein Romeo, hier ist ihr Kaffee!

„Vielen Dank, ihr holde Maid. Er

verbeugte sich schmunzelnd und

bat mich, für einen Augenblick seine

Assistentin zu sein. Er schlüpfte

in die Rolle des Romeo und spielte

mit mir die Balkonszene, begleitet

von einer gewissen Situationskomik,

da Julia überhaupt nicht textsicher

war und Romeo ihr die Einsätze ins

Ohr flüstern musste. Dann geschah

ein kleines Wunder: Die Kaffeetafel

füllte sich wieder. Mehr und mehr

Bewohner kamen dazu, um sich

das Spektakel anzusehen. Zum Abschluss

verbeugten sich Herr Graul

und ich in alter Theatermanier. Es

gab klatschenden und lachenden

Beifall und Zugaberufe. Herr Graul

genoss diesen Moment. Wir blieben

in lockerer Atmosphäre zusammen

bis zum Abendbrot, das wir auf

Wunsch vieler Bewohner ebenfalls

im Vorgarten einnahmen.

Susanne Schneider

26 | EINBLICK Sonderheft


Berliner Projekt |Angehörige

Ärztliche Versorgung

Angehörige

AGAPLESION BETHANIEN RADE-

LAND und AGAPLESION BETHA-

NIEN HAVELSTRAND sind Mitglied

im „Berliner Projekt – Die Pflege

mit dem Plus. Es bietet eine ganzheitliche

Betreuung und intensive

Pflege von chronisch kranken, multimorbiden

und psychisch kranken

Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen

rund um die Uhr. Das

Projekt ist eine Besonderheit und

existiert seit 1998 nur in Berlin.

Die medizinische Versorgung in Radeland

und Havelstrand wird von

zwei festangestellten Ärzten, einem

niedergelassenen Psychiater und

zwei Psychologinnen gewährleistet,

die außerhalb ihrer Präsenzzeit in

der Einrichtung über eine 24-Stunden-Rufbereitschaft

erreichbar sind.

Das schafft Bedingungen, die weit

über dem allgemein üblichen medizinischen

Betreuungsstandard in

Pflegeheimen liegen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner

werden mit schwersten psychiatrischen

Störungen aufgenommen.

SEELISCHE GESUNDHEIT

Fast jeder Dritte leidet einmal in

seinem Leben an einer behandlungsbedürftigen

psychischen

Erkrankung. Experten nennen sie

seit langem Volkskrankheiten.

Erst in den letzten Jahren wurde

das Problem zunehmend in der

Gesellschaft diskutiert. Für mehr

Aufklärung über das Thema sorgt

auch der Internationale Tag der

seelischen Gesundheit, 1992 von

der World Federation for Mental

Health mit Unterstützung der

Weltgesundheitsorganisation ins

ins Leben gerufen. Er findet wieder

am 10.10.2013 statt.

Auffällig ist, dass wahnhafte Störungen

immer mehr zunehmen – und

dass diese auch immer mehr jüngere

Menschen betreffen. Wenn man

Haus Radeland und Haus Havelstrand

exakt benennen wollte, müsste

man eigentlich von einer „Intensivstation

der Psychiatrie sprechen,

so der behandelnde Psychiater.

Durch die ärztliche Begleitung, eine

angemessene, gesunde Ernährung,

die viele Bewohnerinnen und Bewohner

lange Zeit entbehrt haben,

aber auch durch eine behutsame

Einführung in die Therapie zuerst in

Einzel-, später in Gruppenaktivitäten

– wie gemeinsames Kochen, Malen,

Musizieren, Gärtnern, Bewegung

und Sport, Ausflüge und Reisen –

werden die Menschen, die in Haus

Radeland und Haus Havelstrand

leben, allmählich wieder in die

Lage versetzt, ihre Umwelt wahrzunehmen

und einzuschätzen. „Sie

erlangen ein Sicherheitsgefühl, eine

Art Heimat, sagt die zuständige

Hausärztin.

Sandra Müller

Angehörigen-Akademie: Barbara Evers,

Diplom-Psychologin und psychologische

Psychotherapeutin, spricht über „Humor

in der Psychiatrie.

Der Kontakt und die Zusammenarbeit

mit den Angehörigen unserer

Bewohner ist uns sehr wichtig, deshalb

bieten wir verschiedene Veranstaltungen

an, in denen wir informieren,

Hilfeangebote unterbreiten

und Raum für den Gedanken- und

Erfahrungsaustausch untereinander

schaffen.

Angehörigen-Abende

je Wohnetage zweimal im Jahr

Vorträge

In der 2011 gegründeten Angehörigen-Akademie

der AGAPLESION

BETHANIEN DIAKONIE berichten

erfahrene Experten aus der Praxis

für die Praxis unter anderem über:

• Humor in der Psychiatrie

• Psychisch krank? Symptome erkennen

und damit umgehen

• Tiere als Therapie

• Depression – oder etwas depri?

• Depression oder Burn-out?

• Schritte aus der Depression

• Angststörungen – muss Angst

immer eine Erkrankung sein?

• Deeskalation im Pflegealltag mit

psychisch kranken Menschen

• Man kann nicht immer lächeln

• Aggression in der Pflege

• Hinlauftendenz – Wenn Menschen

mit Demenz weglaufen

• Begleiten bis zum Schluss –

Wünsche erfüllen

Der Dialog – Selbsthilfegruppe

Jeder 1. Dienstag im Monat

17:30 – 19:00 Uhr

kostenfrei, ohne Anmeldung

Offene Sprechstunde

„Tiertherapie mit Alpakas

Jeder 3. Mittwoch im Monat

15:00 – 17:00 Uhr

kostenfrei, ohne Anmeldung

Aktuelle Themen und Termine unter

www.bethanien-diakonie.de

Sonderheft EINBLICK | 27


Gerichtliche Unterbringung nach § 1906 BGB

Wenn die ambulante Betreuung nicht ausreicht

Manche Menschen sind psychisch

so schwerwiegend erkrankt, dass

sie eine besonders engmaschige Betreuung

benötigen. Darüber hinaus

stellen sie häufig eine Gefahr für

sich selbst und/oder ihre Mitmenschen

dar. In solchen Fällen ist die

Gesellschaft gefordert. Die Bundesländer

haben daher gesetzliche

Grundlagen geschaffen, die es

Betreuern und Ämtern erlauben,

nach einer fundierten Begutachtung

eine in der Regel befristete Unterbringung

in einer dafür besonders

spezialisierten stationären Pflegeeinrichtung

zu veranlassen.

Die Bewohnerinnen und Bewohner

kommen aus den Akutstationen der

psychiatrischen Krankenhäuser, aus

dem Krankenhaus des Maßregelvollzugs,

aus ambulanten Versorgungsstrukturen

wie dem betreuten

Einzelwohnen oder Wohngemeinschaften

für psychisch Kranke, aber

auch aus der Obdachlosigkeit.

Haus Radeland bietet diesen Menschen

ein wohnliches Ambiente und

vielfältige Gesellschaftsräume wie

gemütliche Wohnzimmer, moderne

Gemeinschaftsküchen, Sport- und

Fitnessräume, ein Wellnessbad,

einen Festsaal sowie einen großen

Garten. Überall im Haus und auf

dem Grundstück können sich die

Bewohnerinnen und Bewohner frei

bewegen.

Durch eine intensive Betreuung und

über den Tag verteilte Anleitungen,

Ansprachen und Motivationshilfen

erreichen wir, dass sich ihr Zustand

stabilisiert und sie langsam Vertrauen

zu unseren Therapeutinnen und

Therapeuten, Pflegekräften und Psychologinnen

aufbauen. Sie können

jederzeit auch von sich aus in die

psychologische Beratung kommen.

Viel läuft über die Beziehungsarbeit.

Die meisten Bewohner sind

beim ersten Zusammentreffen sehr

misstrauisch, aber ein offener, ehrlicher

Umgang mit ihrer Erkrankung

hat sich bewährt. Außerdem bieten

wir an, den Kontakt zu Angehörigen

und Bekannten neu aufzubauen.

In halbjährlichen Fallgesprächen

werden Ressourcen und Defizite

der Bewohnerin oder des Bewohners

immer wieder neu definiert.

Nach den ersten Monaten können

wir das Verhalten der Person einschätzen.

Bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme

sind wahnhafte

Störungen und Gefährdungen unter

Kontrolle. Wenn sich der Betroffene

durch das tägliche Training zudem

an Absprachen und Regeln hält,

kann der Unterbringungsbeschluss

nach Beratung mit dem Betreuer,

der Hausärztin und der Pflegedienstleitung

aufgehoben werden.

Ebenfalls im Team entscheiden wir,

welche Therapien sinnvoll sind.

Jeder wird in das tägliche Angebot

eingebunden und findet eine sinnvolle

Beschäftigung. Wichtig ist

auch der regelmäßige Kontakt zur

Außenwelt, um die Selbstständigkeit

in dieser Umgebung zu üben:

Gemeinsames Picknick am Kiesteich

beim Besuch eines Fußballspiels,

einem Ausflug in die Spandauer

Altstadt, einem Spaziergang in der

Gartenkolonie oder einer mehrtägigen

Reise zum Beispiel an die

Ostsee.

Sandra Müller

28 | EINBLICK Sonderheft


Beruf & Karriere

Berufe mit Perspektiven

Die AGAPLESION BETHANIEN

DIAKONIE bildet junge Berufsanfänger

als Altenpfleger/in, Kauffrau/

Kaufmann im Gesundheitswesen,

Restaurantfachfrau/-fachmann oder

Köchin/Koch aus. Sie ermöglicht zudem

Berufstätigen und Wiedereinsteigern,

die sich neu orientieren,

den Pflegeberuf über den zweiten

Bildungsweg zu erlernen. Außerdem

fördert sie Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter durch regelmäßige

Fortbildungen, den stetig steigenden

Anforderungen in Pflege und

Betreuung gewachsen zu bleiben.

Ebenso unterstützt sie die Weiterqualifizierung

– zum Beispiel zur/

zum Fachkrankenpfleger/in für

Psychiatrie, zur Wohnetagenleitung

oder zur/zum Qualitätsmanagementbeauftragten.

BERUFLICHE ENTWICKLUNGS-

MÖGLICHKEITEN – EIN BEISPIEL

sie in ihrer täglichen Arbeit schon

„aus dem Bauch raus richtig gemacht

hatte. „Ich bekam vor allem

den fachlichen Hintergrund, um

gegenüber meinen Mitarbeiterinnen

argumentieren zu können, erzählt

sie. Und was schätzt die mittlerweile

43-Jährige besonders an ihrem

Beruf? „Die Dankbarkeit der Leute,

egal wie krank sie sind. Wenn man

selbst wertschätzend und freundlich

ist, bekommt man sehr viel Bestätigung.

VORAUSSETZUNGEN

Die Gesundheitsbranche bietet vielfältige

Karrieremöglichkeiten. Diese

beginnt mit einem Studium (z. B.

Medizin, Psychologie, Sozialwesen/

Sozialpädagogik, Musikpädagogik/

-therapie u. ä.) oder einer Berufsausbildung

zur Krankenschwester

bzw. zum Krankenpfleger, zur/zum

Susanne Schneider spricht mit einem

Bewohner des Wohnhauses Spandau

Altenpfleger/in, Heilerziehungspfleger/in,

Ergotherapeut/in usw. Voraussetzung

aller Ausbildungswege

ist ein erfolgreicher Schulabschluss,

also die Allgemeine Hochschulreife

(Abitur) oder das Fachabitur,

der Mittlere Schulabschluss MSA

(früher: Realschulabschluss), die

Erweitere Berufsbildungsreife eBB

oder die Berufsbildungsreife BB

(früher: Hauptschulabschluss).

Susanne Schneider kam als Quereinsteigerin

Ende der 1990er Jahre

eher zufällig zur Altenpflege. Die

gelernte Köchin absolvierte während

eines Erziehungsjahres ein

Praktikum in einem Fachkrankenhaus

für Geriatrie. Danach fand die

junge Mutter eine Anstellung als

Pflegehelferin im Haus Radeland.

Mit dieser Position gab sich Susanne

Schneider aber nicht zufrieden. 1998

begann sie eine vierjährige berufsbegleitende

Ausbildung zur Altenpflegerin

und stieg bis zur Wohnetagenleiterin

auf. Ihr Interesse, sich

weiterzubilden, blieb ungebrochen.

Von 2010 bis 2012 nahm sie an

einer zweijährigen berufsbegleitenden

Ausbildung zur „Fachkrankenschwester

für Psychiatrie am Sankt

Hedwig-Krankenhaus teil, die ihr

krankheitsbezogene Fachkenntnisse

und Strategien vermittelte. Diese

Ausbildung bestätigte Susanne

Schneider aber auch in vielem, was

Erfolgreich bestanden und übernommen

Hausleiter Heiko Wiemer (links) und Pflegedienstleiter und Diakon Peter

Sehmsdorf (rechts) gratulieren Ronny Ortmann und Janina Jonath zum

Examen als Altenpfleger/in. Beide wurden daraufhin im Juni 2013 in eine

unbefristete Anstellung übernommen. AGAPLESION BETHANIEN RADE-

LAND beabsichtigt, zukünftig auch Heilerziehungspfleger/innen im eigenen

Haus auszubilden.

Katrin Hartenstein

Sonderheft EINBLICK | 29


Menschen um uns

„Endlich wieder ich

Ralf Sommer* zog vor Kurzem aus

dem Wohnhaus aus. Er hat den

Schritt zurück in die Normalität

geschafft. EINBLICK sprach mit

dem 46-Jährigen über seine Zeit in

Radeland und seine Zukunftspläne.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Anfangszeit

in Radeland?

Ich kam nach einer Krise direkt aus

dem Krankenhaus hierher. Die erste

Zeit im Haupthaus war geprägt von

Unsicherheit, Ängsten und der neuen

Wohnsituation. Allmählich gewöhnte

ich mich an die Strukturen

und fasste Vertrauen zu netten Pflegern

und Schwestern. Die Kontakte

zu einigen Bewohnern bestehen

heute noch und sind mir wichtig.

An welcher Beschäftigungstherapie

haben Sie teilgenommen?

An der Tischtennis- und der Abendgruppe,

der Kochgruppe und der

Gartengruppe. Dies kann ich jedem

Bewohner empfehlen. In Radeland

gibt es tolle Ergotherapiegruppen.

Durch die regelmäßige Teilnahme

verbesserte sich meine körperliche

und seelische Belastbarkeit. Ich hatte

wieder Lebensmut und wollte in

ein eigenständigeres Leben zurück.

Der erste Schritt dahin war mein

Umzug in das Wohnhaus.

Was veränderte sich dadurch?

Die Eingewöhnungsphase gestaltete

sich teilweise schwierig. Ich fand

erst nach zwei Monaten Zugang

zu den anderen Bewohnern des

Wohnhauses. Parallel ging ich

weiter zu den therapeutischen

Angeboten im Haupthaus. Das

eigenständige Leben im Wohnhaus

hat meine hauswirtschaftlichen

Fähigkeiten wieder aktiviert. Aber

auch die Möglichkeit, jederzeit in

meinem Einzelzimmer Ruhe zu finden,

gab mir viel Kraft. Mit der Zeit

fühlte ich mich aber nicht mehr

ausreichend gefordert.

Welche zusätzliche Herausforderung

haben Sie gefunden?

Der „Zuverdienst Spandau bot mir

an zwei bis drei Tagen in der Woche

eine Tätigkeit in der Gartenarbeit

an. Ich fühlte mich gebraucht.

Nach eineinhalb Jahren im Wohnhaus

haben Sie mit Ihrer Bezugspflegerin,

der Hausärztin und

Einsam oder gemeinsam?

ihrem gesetzlichen Betreuer über

Ihren Wunsch gesprochen, in eine

eigene Wohnung zu ziehen.

Der Wunsch nach einem selbstbestimmten

Leben wurde immer stärker.

Ich fand Unterstützung durch

das Pflegepersonal im Wohnhaus.

In den Fallbesprechungen wurden

schrittweise Regeln für meine bevorstehende

Selbstständigkeit formuliert.

Das gab mir eine Richtung

vor. Ich habe auch das Gespräch

mit den Ärzten des Hauses gesucht.

Sie unterstützten meinen Heilungsprozess.

Nun habe ich eine eigene

Wohnung und hoffe auf meine

Zukunft.

Sie haben sich noch einen weiteren

Wunsch erfüllt.

Sie meinen meinen neuen Motorroller.

Ja, den habe ich mir vor vier

Wochen gekauft. Damit bin ich

mobiler und nicht mehr auf die

öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.

Herr Sommer, wir wünschen Ihnen

für Ihre Zukunft alles Gute.

Das Gespräch führte Sandra Müller.

Wer in das Haus Radeland einzieht,

muss sich auf eine neue Umgebung

und neue Menschen einlassen. Obwohl

ein Umzug für psychisch Kranke

eine noch weit größere Herausforderung

darstellt als für gesunde

Menschen, eröffnet er auch Chancen,

neues Vertrauen zu erleben

und neue Freunde zu finden.

Haus Radeland verfügt über Einzel-

und wenige Doppelzimmer.

Auf den ersten Blick scheint das

Einzel-zimmer die bessere Wahl,

doch es gibt auch Bewohnerinnen

und Bewohner, die sich bewusst

für ein Doppelzimmer entscheiden,

wie Heike* und Jutta*. Die beiden

Frauen wohnten zuerst in getrennten

Zimmern auf der gleichen

Wohnetage, bis sie beschlossen, ein

Zimmer zu teilen.

Während Heike im Hofladen arbeitet,

ist Jutta in der Besteckgruppe.

So hat man sich beim Abendessen

viel zu erzählen. Dasselbe gilt für

ihre Freizeitaktivitäten: Jutta interessiert

sich für hauswirtschaftliche

Tätigkeiten, Heike geht lieber in die

Disco oder zum Fußballspiel. Neben

diesen Unterschieden gibt es viele

gemeinsame Aktivitäten wie Cafébesuche

oder Spaziergänge. Aber

auch weniger beliebte Tätigkeiten

wie das Aufräumen des Zimmers

werden gemeinsam leichter erledigt.

Die Freundschaft der beiden Frauen

bewährt sich besonders, wenn krankheitsbedingte

Schwierigkeiten im

Alltag auftreten. Diese werden dann

mit der Stärke der jeweils anderen

überwunden.

Rebecca Schwerdtfeger

30 | EINBLICK Sonderheft


Seelsorge

Seelsorge neben der Spur, in der Spur

Es passiert immer wieder: Züge

fahren, Züge verspäten sich und

Züge entgleisen. Wenn auch nur

ein Wagon aus der Spur gerät, kann

der ganze Zug nicht weiterfahren,

selbst wenn alle anderen Wagen

einwandfrei auf dem Gleis verharren.

So geht es auch manchen

Menschen.

„Neben-der-Spur-Sein – mehr oder

weniger dauerhaft aus der Spur

geraten sind die Menschen, die in

AGAPLESION BETHANIEN RADE-

LAND wohnen und die ich als

evangelischer Pfarrer und Seelsorger

regelmäßig begleite. Es sind

Menschen unterschiedlichster Bildung,

Menschen jeden Alters und

verschiedenster Religiosität – jeder

ein unvergleichliches Individuum.

Gemeinsam ist den Bewohnern

jedoch Eines: Ein Teil ihres Lebenszuges

ist durch Erkrankung wie

Schizophrenie, Borderline oder bipolare

Störungen „neben die Spur

geraten. Man hält sie für „Irre.

Jedoch: Ein anderer Teil ihrer Persönlichkeit

ist noch im richtigen

Gleis, ist gesund, ist ansprechbar,

hat gesunde Gedanken und Gefühle,

mitunter auch hochfliegende

Pläne. Natürlich ist es oft nicht

einfach, die komischen, merkwürdigen,

krankhaften Anteile auszuhalten

und ihnen dabei nur so viel

Beachtung zu geben, wie nötig ist;

der „Wahnsinn drängt selbige Anteile

gern nach vorne – sie möchten

beachtet werden. Dennoch: Es

lohnt sich, den Persönlichkeitswaggon

auf dem richtigen Gleis in den

Blick zu nehmen; es lohnt sich für

mich als Seelsorger, der gesunden

Seite der Menschen Aufmerksamkeit

zu schenken, indem ich die

Bewohner wochentags besuche.

Mit viel Geduld ist die Suche nach

validen Spuren der Vergangenheit

so gut wie immer erfolgreich.

Genauso heilsam ist es, mit den

Menschen neue Alltagswege zu

entdecken und Schritte auf diesen

Wegen mitzugehen. – Und das im

Namen Gottes.

Neben den auch in der Psychiatrie

vorkommenden traurigen liturgischen

Anlässen – wie Aussegnung

am Totenbett und Trauerfeiern auf

dem Friedhof – sind das zweite bedeutende

Element der Seelsorge die

wöchentlich gut besuchten Gottesdienste

– mit vertrauter und neuer

Musik, mit bekannten Texten und

Wir haben unser Feld bestellt…

„Zuhause in christlicher Geborgenheit

– an der praktischen Umsetzung

dieses Leitspruchs in unserer

Einrichtung hatte den größten Anteil

wohl niemand anderes als Pastor

Karsten Mohr. Er bot Atempausen

für die Mitarbeitenden an, leitete

die Teamtage, gestaltete Andachten,

war für die Seelsorge der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter zuständig

und für die Aussegnungen unserer

verstorbenen Bewohnerinnen und

Bewohner.

Nun, im einhundertsten Gründungsjahr

des Bethanien Sophienhauses

und der Bethanien Diakonie, verabschiedet

sich Pastor Mohr in den verdienten

Ruhestand. Er hinterlässt

neuen Gedanken, mit Bildern und

Dingen zum Anfassen. Oftmals

werden diese Gottesdienste ganz

von allein zu lebhaften Mitmach-

Gottesdiensten – einmal im Jahr

sogar unter freiem Himmel.

Pfarrer Stefan Kuhnert

eine große Lücke. Wir werden

gemeinsam versuchen, diese zu

schließen. Die Angebote, die Pastor

Mohr im Haus Radeland geschaffen

hat, sollen fortbestehen.

In Zukunft werde ich als Diakon

die Atempausen für die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter und die Aussegnungen

übernehmen. Sicher kann

ich Pastor Mohr nicht ersetzen, aber

es wird weiterhin Angebote geben,

die das christliche Profil unseres

Hauses unterstreichen. Alle Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter sind

herzlich eingeladen, sich mit Ideen

und Taten daran zu beteiligen.

Peter Sehmsdorf, Diakon

IMPRESSUM

Herausgeber: AGAPLESION BETHANIEN DIAKONIE gGmbH, Paulsenstr. 5 – 6, 12163 Berlin; V. i. S. d. P.: Alexander Dettmann, Geschäftsführer; Redaktionsleitung:

Sandra Müller, Unternehmenskommunikation, presse@bethanien-diakonie.de; Redaktion/Lektorat: Nicola von Amsberg; Fotos: Marcus von

Amsberg, Christian Lietzmann, privat; Layout: News & Media, Berlin; © AGAPLESION BETHANIEN DIAKONIE, Juni 2013. Nachdruck, auch auszugsweise,

sowie Übernahme auf Datenträger aller Art oder fotomechanische Wiedergabe ist untersagt. *Alle Bewohnernamen wurden von der Redaktion geändert.

Sonderheft EINBLICK | 31


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