Kapitel 1 ( PDF , 754 kB ) - Bistum Osnabrück

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Kapitel 1 ( PDF , 754 kB ) - Bistum Osnabrück

„…GOTT UND DEN MENSCHEN NAHE...“

Materialien

zum Perspektivplan

2015


Impressum:

Bistum Osnabrück

Hasestraße 40 A

49074 Osnabrück

Layout: Sandra Ahlers, Bischöfliches Generalvikariat

Druck: Steinbacher Druck, Osnabrück

Osnabrück, August 2008


„…GOTT UND DEN MENSCHEN NAHE…“

Materialien zum Perspektivplan 2015

1


INHALT

Vorwort

Vorwort Domkapitular Heinrich Silies und Dr. Daniela Engelhard.............................. 5

Einführung

Bischof Dr. Franz-Josef Bode: Wir haben eine Vision.............................................. 7

1 Grundlegung

1.1 Zu einigen zentralen Begriffen............................................................................ 10

1.2 Von Pfarreien und Gemeinden: Zusammenspiel im Dienst einer

zukunftsfähigen Pastoral................................................................................... 14

2 Dokumentation

2.1 Der Gesamtverlauf des Prozesses und die Bistumsvorgaben an die Dekanate........... 17

2.2 Dekanatsneuordnung........................................................................................ 22

2.3 Ergebnisse der Strukturplanung.......................................................................... 24

- Einführende Erläuterungen

- Dekanat Osnabrück-Stadt........................................................................... 26

- Dekanat Bremen....................................................................................... 30

- Dekanat Emsland-Mitte.............................................................................. 34

- Dekanat Emsland-Nord.............................................................................. 38

- Dekanat Emsland-Süd................................................................................ 42

- Dekanat Grafschaft Bentheim...................................................................... 46

- Dekanat Osnabrück-Nord........................................................................... 49

- Dekanat Osnabrück-Süd............................................................................. 54

- Dekanat Ostfriesland.................................................................................. 58

- Dekanat Twistringen................................................................................... 61

2.4 Beispiele für geistliche Akzente und Aufbrüche in den Pfarreien, Pfarreiengemeinschaften

und Dekanaten des Bistums Osnabrück....................................... 64

3 Meilensteine

3.1 Eine Weiterentwicklung in drei Phasen................................................................ 69

3.2 Auf dem Weg zur Pfarreiengemeinschaft: .......................................................... 71

3.3 Auf dem Weg zur neuen Pfarrei ......................................................................... 72

- Warum überhaupt größere Pfarreien?

- Schritte zur Errichtung einer neuen Pfarrei

- Bedeutung der Pfarrkirche

3.4 Kooperationsvereinbarungen.............................................................................. 80

3.5 Projektstellen im Dekanat.................................................................................. 85

3.6 Pastoral und Caritas – Erfahrungen aus dem Pilotprojekt „Gemeinsam

solidarisch handeln“ im ehemaligen Dekanat Meppen........................................... 87

3


4 Ausblick

4.1 Veränderte Rollen der Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen................................... 91

4.2 Ehrenamtliche Gemeindeteams und hauptamtliche Bezugspersonen..................... 102

4.3 Ein mögliches Zukunftsmodell: Kleine Christliche Gemeinschaften....................... 104

4.4 Gremien in unseren Gemeinden – gelebte Partizipation....................................... 106

5 Unterstützungsangebote des Bistums

5.1 Moderatoren/-innen Perspektivplan 2015 ......................................................... 109

5.2 Weitere Unterstützungsangebote des Bistums ................................................... 111

6 Nachwort

Generalvikar Theo Paul: „Nehmt Neuland unter den Pflug“ (Hos. 10,12).............. 113

7 Anhang

Kleines Glossar pastoraler Grundbegriffe........................................................... 117

4


VORWORT

„Im Glauben daran, dass es vom

Geist des Herrn geführt wird, der

den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das

Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen

und Wünschen, die es zusammen

mit den übrigen Menschen

unserer Zeit teilt, zu unterscheiden,

was darin wahre Zeichen der Gegenwart

oder Absicht Gottes sind.“

(2. Vatikanisches Konzil, Gaudium et

spes 11)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe

Schwestern und Brüder,

vom letzten Konzil ging der entscheidende

Impuls aus, sich als Kirche

den vielfältigen gesellschaftlichen

Entwicklungen auszusetzen, sich ganz

unter die Menschen zu begeben und

den Dialog mit ihnen zu suchen. In

der Begegnung mit den Zeitgenossen

gelte es, das Evangelium, die heilende

und befreiende Botschaft Jesu, neu

zu entdecken. Weil diese Botschaft

hinaus drängt zu den Orten, an denen

Menschen heute leben, formuliert

auch unsere Bistumsvision: „Wir wollen

eine missionarische Kirche sein,

die Gott und den Menschen nahe ist.“

Kirche, die sich in dieser Weise

gesendet weiß, braucht lebendige

Gemeinden, in denen in Gottesdienst,

Katechese und Diakonie der Glaube

erfahrbar und miteinander geteilt wird.

In unserem Bistum mit seinen ganz

unterschiedlichen Regionen ringen die

Menschen seit vielen Generationen um

die rechte Weise, in der dies unter den

Bedingungen der jeweiligen Zeit gelingen

kann. Das Pastorale Zukunftsgespräch

mit seinen Versammlungen

1999 und 2004 hat in besonderer

Weise den Dialog im Bistum geprägt.

Wichtige Impulse des ersten Zukunftsgesprächs

mündeten in die Entwicklung

eines Perspektivplans 2008, der

im Jahr 2001 verabschiedet wurde.

In diesem Plan wurden Eckdaten zur

Verteilung des pastoralen Personals

5


und zur Bildung von Gemeindeverbünden

und Seelsorgebezirken vorgestellt.

Schneller als viele damals ahnten,

musste dieser Plan fortgeschrieben

werden. Nach intensiver Arbeit auf

den verschiedenen Ebenen des

Bistums liegt nun der Perspektivplan

2015 vor.

Im laufenden Beratungsprozess hat

sich gezeigt, dass die Termine der

Neuwahlen für Pfarrgemeinderat und

Kirchenvorstand wichtige Eckpunkte

bilden werden, um strukturelle Veränderungen

in Pfarreiengemeinschaften

zu vollziehen und neue Pfarreien

offiziell zu errichten. Somit werden die

Jahre 2010, 2014 und 2018 zentrale

Meilensteine in der Entwicklung markieren.

Damit verschiebt sich auch der

bisherige Zielpunkt der Veränderungen

von 2015 auf 2018. Alle Übersichten

und Tabellen in dieser Arbeitshilfe

setzen daher das Jahr 2018 als Endpunkt

des Prozesses.

Mit der vorliegenden Arbeitshilfe

ist eine Zwischenetappe in diesem

Prozess erreicht. Vieles wird in den

kommenden Jahren weiter zu entwickeln

und zu klären sein. Die bisher

zusammengetragenen inhaltlichen

und strukturellen Planungen unter

anderem zum Zuschnitt der Seelsorgeeinheiten

und deren Ausstattung mit

pastoralem Personal werden den weiteren

Entwicklungen die notwendige

Grundlage liefern.

Die Handreichung beginnt mit einer

geistlichen Auslegung der Bistumsvision

durch unseren Bischof Dr.

Franz-Josef Bode. An einige pastoraltheologische

Erläuterungen unter

anderem zu zentralen Begriffen, wie

„Gemeinde“ und „Pfarrei“, schließt

sich die umfangreiche Dokumentation

der Strukturplanungs-Ergebnisse an.

Die folgenden Kapitel enthalten

konkrete Vorschläge zur weiteren

Entwicklung in den Seelsorgeeinheiten

für die kommenden Jahre, Hinweise

auf entsprechende Unterstützungsangebote

des Bistums, einen Ausblick

auf zukünftige Herausforderungen und

schließlich ein Nachwort von Generalvikar

Theo Paul.

Dieser Zwischenschritt mit der Veröffentlichung

der Arbeitshilfe ist uns ein

willkommener Anlass, für die intensive

Zeit gemeinsamer Beratungen zu

danken. Der Dank gilt zuallererst den

vielen Engagierten in den Gemeinden,

Einrichtungen und Verbänden, aber

auch denen, die sich in den verschiedenen

Abteilungen des Bischöflichen

Generalvikariats mit ihren Kompetenzen

eingebracht haben. Ebenso

danken wir für viele Stunden der Beratung

innerhalb der Bistumsleitung.

Nicht zuletzt sei allen gedankt, die an

diesem Heft mitgearbeitet haben, vor

allem Herrn Dr. Stephan Winter und

Herrn René Kollai für die Mühen der

redaktionellen Arbeit. Möge die Handreichung

für die vielfältigen kirchlichen

Orte in unserem Bistum eine Hilfe für

den weiteren Weg in die Zukunft sein.

Domkapitular Heinrich Silies

Leiter der diözesanen

Steuerungsgruppe

Dr. Daniela Engelhard

Leiterin des Seelsorgeamtes

6


EINFÜHRUNG

Wir haben eine Vision

von Bischof Dr. Franz-Josef Bode

Wir haben in unserem Bistum eine

Vision entwickelt, einen Ausblick, einen

Durchblick auf ein Ziel hin, einen

Lichtblick und Leitstern, der unser

Leben im Bistum neu ausrichtet, orientiert

und motiviert:

„Wir wollen eine missionarische Kirche

sein, die Gott und den Menschen nahe

ist.

Deshalb gestalten wir unser Bistum im

Zusammenleben mit den Menschen so,

dass sie darin

- den Glauben als sinnstiftend und

erfüllend, kritisch und befreiend

erleben,

- sich in ihrer jeweiligen Lebenswirklichkeit

angenommen wissen,

- ein Zuhause und Gemeinschaft

finden.“

Denn niemand interessiert sich für

einen Glauben, der ihm nicht Lebenshilfe

sein kann und der für sein

Alltagsleben keine Bedeutung hat.

Niemand interessiert sich für einen

Glauben, der an den Erfahrungen seines

Lebens vorbeigeht, seine Lebenssituation,

seine Freude und Hoffnung,

seine Trauer und Ängste nicht ernst

nimmt. Und niemand wird auf Dauer

bei der Kirche bleiben, wenn er nicht

echte, tragfähige Beziehung, Gemeinschaft,

ein Obdach für seine Seele, ein

Zuhause findet.

Die Sehnsucht nach dem „Mehr“ dem

Größeren, nach dem Angenommensein

in der Not und nach Gemeinschaft

liegt unabweisbar in der Luft. Nur die

„Nähe“, die Christus selbst oft nennt

und lebt, ist eine heilsame Antwort

auf das, was in der Luft liegt. „Jetzt

aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne

wart, durch Christus Jesus, nämlich

durch sein Blut, in die Nähe gekommen“

(Eph 2,13). Ja, nur diese Nähe

Christi, der von dem „Nahen“ des Reiches

Gottes spricht, vom „nahen Gott“

und von der Liebe zum „Nächsten“,

kann das in der Luft liegende Glauben,

Hoffen und Lieben wieder verdichten

zum greif- und schöpfbaren Wasser

des Lebens, kann das Verdunstete

wieder zu einem neuen Wasser verdichten,

das sogar der Wandlung in

köstlichen Wein der Freude fähig ist.

Sieben Zugänge zu

Glaube und Kirche

1. Diese Nähe ist nicht mehr allein

in der Gemeindestruktur zu haben,

wie wir sie bisher kennen.

Denn Menschen finden heute auf

verschiedene Weise Zugänge zum

christlichen Glauben und zur

Kirche. Dabei ist die territoriale

Zugehörigkeit zu einer Pfarrei oder

einer Pfarreiengemeinschaft immer

noch ein fundamentaler und wichtiger

Zugang. Man gehört aufgrund

des Wohnortes zunächst einmal

dazu, ob innerlich beheimatet oder

nicht. Durch eine Gemeinde, die

nicht nur binnengerichtet denen

zugewandt ist, die immer schon

überall dabei sind, werden Neuzugezogene

und Fremde aufmerksam.

Dazu sind eine gute Kommunikation,

Öffentlichkeitsarbeit und

auch ein Besuchsdienst wichtig.

So wird Gemeinde für Neue und

Fremde als einladend erfahren.

Auch die Kasualien, die „Seelsorgsfälle“,

bergen eine nicht zu

unterschätzende Chance. Gerade

Sterbebegleitung und Beerdigungen

(Pastoral um Tod und Trauer) sind

Wege, Menschen zu begegnen,

die die territoriale Gemeinde noch

wenig kennen. Die Festtagsgottesdienste

sind ebenso wichtige Chancen

wie das „Dazwischen-gehen“

bei Straßen- und Nachbarschaftsfesten.

Auch Sakramentalien

(Segnungen, Einweihungen) sind

neu zu entdecken und zu gestalten.

2. Menschen finden aber auch

Zugang zum Glauben und zur

Kirche durch bestimmte Lebenssituationen,

die in der kategorialen

Seelsorge aufgegriffen werden: im

Urlaub, in Krankheit und Rehabilitation,

in Notfällen, in der Schule

und im Religionsunterricht, in

Sondersituationen (Militärseelsorge

oder Gefängnisseelsorge), auch

durch die Berufungspastoral des

Päpstlichen Werks für Berufe der

Kirche (PWB).

3. Auch personale Beziehungen in

Verbänden, Gemeinschaften,

Gruppen und Kreisen werden zu

Verörtlichungen des Glaubens, die

nicht immer auf die eigene Territo-

7


ialgemeinde beschränkt sind:

Bibelkreise, Meditationskreise,

Hospizhelferkreise, Gebetsgruppen,

geistliche Begleitung, Exerzitien im

Alltag, Kleine Christliche Gemeinschaften,

ökumenische Kreise …

4. In diesem Zusammenhang sind

auch die medialen Anknüpfungspunkte

zu nennen, die klassischen

wie Printmedien, Film, Funk und

Fernsehen ebenso wie die Welt des

Internets. Sie eröffnen Beziehungsmöglichkeiten,

die nicht von personaler

Kommunikation wegführen,

sondern sie herausfordern.

5. Auch geistliche Orte bekommen

bei der Mobilität der Menschen

heute eine eigene Anziehungskraft

und bilden um sich herum ein

gewisses Netzwerk: Klöster und

Ordensgemeinschaften, Wallfahrtsorte,

Zentren geistlicher Gemeinschaften,

Bildungshäuser…

So wachsen lokale Bindungen, für

die Menschen Einiges an Weg und

Zeit auf sich nehmen.

6. Viele nehmen auch für einen

bestimmten Abschnitt ihres Lebensweges

näher am Leben der Kirche

teil und entfernen sich dann wieder.

Oder sie sind zu bestimmten

Zeiten des Kirchenjahres (Advent,

Fastenzeit) dichter dabei, suchen

sich feste Auszeiten oder Exerzitienangebote

als Intensivzeiten in ihrem

sonst ziemlich gefüllten Alltag.

Solche temporalen Verbindungen,

7. Wenn wir an die großen Glaubensfeste

und Begegnungen der Diözesen

und an die Landes- und Weltweite

der Kirche denken, an die

universale Kirche, die im Dienst

an der Einheit im Petrusamt des

Papstes ein Gesicht erhält, ist auch

der globale Zugang nicht wegzudenken.

Auf den Weltjugendtagen

etwa zeigen Millionen von jungen

Menschen, dass Glaube und Kirche

nicht eine kleine lokale Restsituation

sind mit einer Handvoll Getreuen,

sondern eine Weltdimension

haben in einem Netzwerk quer

durch alle Kulturen und Generationen.

Gerade die sich ausweitende

Zerstreuungssituation (Diaspora)

des Glaubens braucht überlebensglobal

kategorial

Rastplätze, Gastzeiten, dürfen wir

nicht leichtfertig abtun.

Bei aller Klage über eine zu punktuelle

Begegnung sind hier auch

die Sakramente zu nennen (sakramentale

Pastoral). Sie sind und

bleiben wichtige, ja zentrale

Berührungspunkte mit Glaube und

Kirche. Die Taufe des Kindes bleibt

die tiefe Deutung und Annahme einer

Lebenssituation, die Eltern eine

ganz neue Dimension ihres Lebens

erfahren lässt. Beichte, Erstkommunion,

Firmung, Krankensalbung,

Ehe haben mit Grunderfahrungen

und Lebenswenden des Menschen

zu tun, denen so einladend wie

möglich zu begegnen ist (Mystagogik).

Die pastoralen Nöte einer zu

punktuellen Sakramentenpastoral

und einer zu engen Jahrgangspastoral

liegen auf der Hand, aber

die Gnade Gottes sucht ihre Wege

nicht immer so und in dem Moment,

wie wir es wollen.

8


notwendig diese Erfahrung der

Gesamtkirche.

Diese sieben verschiedenen Zugänge

von Menschen zum Glauben verdeutlichen,

dass der Blick nicht nur aus

Priester- und Finanzmangel über die

Gemeindegrenzen hinausgehen muss

– das ist wohl ein schmerzlicher Anlass

dafür. Er muss es auch deshalb,

weil nur im Zusammenspiel der Kräfte

mehrerer Gemeinden (in einer Pfarreiengemeinschaft

oder in einer neuen

Pfarrei) die verschiedenen Gaben

und Fähigkeiten, Akzente und Farben

so eingesetzt werden können, dass

Menschen auf verschiedene Weise

angesprochen werden.

Größere Räume müssen nicht der

Nähe entbehren, wenn es genügend

Elemente gibt, die gerade auf die

Förderung von direkten Beziehungen

zielen. Breite muss nicht der Dichte,

Weite nicht der Tiefe widersprechen,

wenn Personen und Gruppen personale

Überzeugung ausstrahlen, wenn sie

„burning persons“ und nicht ausgebrannte

Personen sind, wenn Priester,

Diakone, hauptamtliche pastorale

Dienste und ehrenamtliche Gruppen in

Liturgie, Verkündigung und Diakonie

den Glauben feiern, bezeugen und

leben.

Gemeinschaft und

Sendung aller

Das Zweite Vatikanische Konzil hat

den Begriff „communio“, der Gemeinschaft,

stark herausgestellt als

Lebensprinzip der Kirche, communio

nach dem Bild des dreifaltigen Gottes:

Einheit mit Gott und untereinander

(vgl. Joh 17,21 ff.) und Einheit in

Verschiedenheit, wie der dreifaltige

Gott in sich selbst höchste Einheit in

lebendiger Gemeinschaft lebt. Was

das für die Dienste der Kirche und ihr

Miteinander bedeutet, muss weiter

ausgelotet werden.

Priesterlicher Dienst in einer Pfarreiengemeinschaft

oder in einer größeren

(neuen) Pfarrei erfordert hohe Befähigung

zum Dienst an der Einheit durch

Kooperation, Integration und Delegation.

Dieser Dienst muss als geistliche

Leitung verstanden werden aus der

Feier der Eucharistie und der Versöhnung

heraus. Er muss für den Priester

Raum für geistliche Begleitung von

Einzelnen und Gruppen offenlassen.

Die Identität des diakonischen

Dienstes ist noch nicht ausgeschöpft.

Vielleicht gibt es neben der Diakonie

am physisch und psychisch notleidenden

Menschen noch eine Diakonie

durch helfende Tätigkeit etwa in

Verwaltung und Organisation...

Die pastoralen Dienste werden in den

Feldern der Begleitung, Katechese, in

kategorialen Feldern wie Beratung und

Bildung ihren genuinen Platz haben.

Nicht zuletzt braucht das Ehrenamt,

der freiwillige Einsatz der eigenen

Lebenskompetenz, eine notwendige

Neubewertung und Begleitung.

Missionarische Gemeinde geht nicht

ohne echte innere „communio“

(Gemeinschaft) der Kirche. „Missio“

(Sendung) ohne „communio“ bleibt

Aktivismus und vordergründige Zahlenerfassung;

„communio“ ohne „missio“

bleibt ein Kreisen um sich selbst

ohne Wirkung nach außen und in die

Zukunft. Ebenso geht Kirche nicht in

die Weite und Breite ohne Tiefe und

Dichte.

Weil das immer mehr Menschen spüren

– selbst wenn die Rezepte für morgen

noch nicht vorliegen –, weil diese

Wahrnehmung in der Luft liegt, dürfen

wir sicher hoffen, dass der Glaube

nicht einfach weiter verdunstet, sondern

doch wieder Orte und Zeichen

der Verdichtung, der Kondensation

findet, wo er als „lebendiges Wasser“,

als neu erlebtes Taufwasser erfahren

wird. Auch dann bleibt noch, was

wir oftmals als „Mangelverwaltung“

einordnen und was zurzeit manchmal

leider unvermeidlich ist. Aber all das

ist vorläufig für eine missionarische

Kirche!

9


1. GRUNDLEGUNG

1.1 Zu einigen zentralen Begriffen

Angesichts der tief greifenden Veränderungen

in der „pastoralen Landschaft“

ist die verstärkte Kooperation

zwischen den verschiedenen Trägern

pastoralen Handelns (Pfarrgemeinden,

Verbänden, geistlichen Gemeinschaften,

kirchlichen Einrichtungen, z.B.

Caritas) eine der zentralen Herausforderungen

für die kommende Zeit.

Wenn angesichts dieser Situation über

Elemente einer zukunftsfähigen Pastoral

gesprochen wird, ist es wichtig,

sich über einige zentrale Begriffe zu

verständigen, die dabei verwendet

werden: Was meinen wir eigentlich,

wenn wir „Pfarrgemeinde“, „Pfarrei“,

„Kirchengemeinde“ oder ähnliches

sagen? Ist damit nicht dasselbe

gemeint? Oder versuchen die verschiedenen

Ausdrücke unterschiedliche

Aspekte zu betonen?

Pfarrgemeinde

Dieser Begriff ist in unserem Bistum

weit verbreitet, aber eigentlich noch

sehr jung. Er ist vor allem geprägt

worden durch die Beratungen der

Synode der Deutschen Bistümer

(„Würzburger Synode“, 1971 bis

1975). In diesem Begriff sind die

beiden Begriffe »Pfarrei« und »Gemeinde«

zusammengefügt worden.

Das Problem ist allerdings, dass die

Pfarrei auf der einen und die Gemeinde

auf der anderen Seite nicht

unbedingt identisch sind.

Pfarrei

Dieser bei uns bislang weniger

gebräuchliche Begriff stammt – wie

weiter unten noch deutlich werden

wird – aus dem lateinischen

parochia/paroecia. Er bezeichnet

ursprünglich „das Wohnen eines

Fremden in einem Orte ohne Bürgerrecht“

(vgl. z.B. 1 Petr 1,17).

Das Gesetzbuch der katholischen

Kirche, der Codex Iuris Canonici

(CIC, aktuelle Fassung von 1983),

nennt in can. 515 § 1 CIC folgende

konstitutive Elemente einer Pfarrei:

1. Eine Pfarrei ist eine bestimmte

Gemeinschaft von Gläubigen.

2. Diese Gemeinschaft ist auf

Dauer als Teilkirche errichtet.

3. Die Seelsorge ist einem Pfarrer

als eigenberechtigtem Hirten

anvertraut.

4. Die Seelsorge geschieht unter

der Aufsicht des Diözesanbischofs.

Damit ist die Pfarrei die rechtliche

Grundform der Gemeinde.

Weitere wichtige Elemente einer

Pfarrei sind z.B. Pfarrkirche und

Pfarrhaus, Pfarrbücher und Archiv.

Diese Elemente sind aber nicht

konstitutiv für eine Pfarrei.

Kirchengemeinde

„Kirchengemeinde“ hängt eng mit

„Pfarrei“ zusammen. Der Begriff

„Kirchengemeinde“ kommt aus

dem öffentlich-rechtlichen Bereich

und ist durch Staatskirchenverträge

in den einzelnen Bundesländern

verankert. Er errichtet eine katholische

Pfarrei als anerkannten Träger

des öffentlichen Rechts. Ausdruck

dieser Rechtsverfassung ist in den

Bundesländern Bremen und Niedersachsen

die Notwendigkeit der

Bildung eines Kirchenvorstands

als Organ der juristischen Person

Kirchengemeinde.

Gemeinde

Die Gemeinschaft der Gläubigen ist

theologisch gesehen das Ziel der

Pfarreibildung, dem alle anderen

Elemente einer Pfarrei dienen.

Die Würzburger Synode formuliert

deshalb: In der Pfarrei „soll die

Kirche als Einheit des Gottesvolkes

in überschaubarem Lebensraum am

Ort sichtbar und erfahrbar werden“. 1

Dies geschieht in der Feier des

Glaubens im Gottesdienst, in der

Weitergabe des Glaubens in der

Verkündigung/Katechese und in der

Praxis des Glaubens im caritativen

Handeln. Das heißt: Die Pfarrei

dient der Bildung von Gemein-

1 Beschluss Pastoralstrukturen, OG I, 694.

10


schaften, in denen Menschen ihren

Glauben leben können. Dafür steht

der Ausdruck „Gemeinde“: Immer

dort, wo sich die so genannten

Grunddimensionen kirchlichen

Lebens entfalten, entsteht Gemeinde

Jesu Christi.

Zwar ist das, was der Ausdruck

sagen will, in der Sendung Jesu

Christi verankert und hat in ihm

seinen bleibenden Grund. Doch ist

„Gemeinde“ in diesem Sinne erst

durch das II. Vatikanische Konzil in

der katholischen Kirche wiederentdeckt

worden. Wir kennen diesen

Begriff auch aus dem öffentlichen

Bereich, wo er bezüglich kommunaler

Gliederungen benutzt wird (vgl.

z.B. „Samtgemeinde“). Der Begriff

beschreibt aber im kirchlichen

Kontext eben gerade keine formale

Struktur, sondern die Sammlung

von Gläubigen, die miteinander am

Leib Christi teilhaben. Gemeinde ist

da, wo sich Menschen am Sonntag

zur Feier des Herrenmahles versammeln,

aber auch da, wo Getaufte

sich im Bibel-Teilen für das Wort

Gottes öffnen. Gemeinde ist da, wo

Menschen an einem Wohnort in der

Kommunion- oder Firmvorbereitung

in Gruppen ein Stück Weg miteinander

gehen, aber auch da, wo

sie aus den unterschiedlichsten

Regionen eines Landes zusammenkommen,

um ihren Glauben miteinander

zu teilen, wie z.B. auf einem

Katholikentag. Gemeinde ist da, wo

in einer Einrichtung für behinderte

Menschen Mitglieder der

Pfarrgemeinde regelmäßig zum

gemeinsamen Spiel und Gebet vorbeikommen,

aber auch dort, wo

eine Seelsorgerin die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter einer Pflegeeinrichtung

zu Gespräch und

Gottesdienst einlädt.

Pfarreiengemeinschaft

Dieser von der Deutschen Bischofskonferenz

im Frühjahr 2007 vorgeschlagene

Begriff soll einheitlich

für den deutschen Sprachraum folgende

Situation benennen: Mehrere

Pfarreien unter der Leitung eines

einzigen Pfarrers bilden gemeinsam

eine Seelsorgeeinheit. In dieser

Einheit bleibt die rechtliche Eigenständigkeit

der Pfarreien gewahrt

(zum Teil haben diese in einer

Übergangsphase auch noch einen

eigenen Pfarrer); die Pfarreien arbeiten

jedoch seelsorglich und

organisatorisch eng zusammen.

Zum Beispiel können gemeinsame

Organe/Gremien gebildet werden

– etwa ein gemeinsamer Pfarrgemeinderat

–, der Einsatz des

nichtpastoralen Personals gemeinsam

koordiniert werden, Pfarrbüro,

Pfarrbrief und Homepage gemeinsam

geführt bzw. gestaltet. In

unserem Bistum wurde diese Form

der Zusammenarbeit bisher mit

dem Ausdruck „Gemeindeverbund“

benannt.

Neue Pfarrei

Dort, wo im Gegensatz zur Pfarreiengemeinschaft

die „Zuschnitte“ bisher

rechtlich selbstständiger Pfarreien

verändert werden, entsteht eine

neue Pfarrei. Dies kann auf zwei

Wegen geschehen:

Modell A: Eine Pfarrei bleibt bestehen;

die anderen Pfarreien werden

aufgelöst und der weiterbestehenden

Pfarrei eingegliedert.

Modell B: Alle Pfarreien werden formal

aufgelöst und es wird eine neue

Pfarrei im Territorium der bisherigen

Pfarreien errichtet. Die Auflösung

einer Pfarrei geschieht formal durch

ein entsprechendes Dekret des

Diözesanbischofs. Dadurch verlieren

die pfarrlichen Gremien Kompetenzen

bzw. hören auf zu existieren.

Ebenso verlieren Siegel und

Kirchenbücher ihre Gültigkeit.

Pastoraler Raum

Dieser Begriff ist in der Diözese

Osnabrück erstmals in den Beratungen

zum Perspektivplan 2015

eingeführt worden. Er hat einerseits

zu Missverständnissen geführt.

Andererseits kann er verschiedene

Aspekte, die mit einer neuen Sozialgestalt

von Kirche einhergehen, auf

den Punkt bringen. Insofern handelt

11


es sich um einen pastoraltheologischen

Ausdruck, der keine formale

Struktur der Kirche beschreibt – wie

z.B. Kirchengemeinde –, sondern

der auf einer Ebene mit „Gemeinde“

liegt. Wer von einem Pastoralen

Raum spricht, der betont, dass

Kirche in einer Stadt, einem Stadtteil

oder einer Region in vielfältiger

Weise das Leben der Menschen

berührt und die Menschen untereinander

verbindet: Erziehungsfragen

(vgl. die entsprechenden

Orte wie Kindertagesstätten,

Schulen, Beratungsstellen, Jugendeinrichtungen)

können ebenso eine

Nahtstelle zur Kirche bilden, wie

Fragen von Krankheit und Alter

(Krankenhäuser und Altenpflegeheime)

oder auch Hilfen in

materieller oder psychischer Not

(Sozialstationen, unterschiedliche

Beratungsstellen, „Tafeln“ …).

Wo Kirche sich im pastoralen Raum

entfaltet, bildet sie zwischen den

verschiedenen Orten und damit

auch den Lebensbezügen der Menschen

ein Netzwerk, in dem kirchliche

und nicht-kirchliche Einrichtungen

miteinander in Verbindung

stehen – um der Menschen willen,

die zu diesem Raum gehören.

Schon dieser erste Überblick über

einige zentrale Begriffe verdeutlicht,

dass die Weiterentwicklung und Neustrukturierung

der Seelsorgeeinheiten

in unserem Bistum ein Prozess ist, der

auf mindestens zwei verschiedenen

Ebenen abläuft. Beide Ebenen beeinflussen

sich gegenseitig, sind aber

doch voneinander zu unterscheiden:

Ebene 1: Pastorale Weiterentwicklung

und Neuordnung angesichts veränderter

gesellschaftlicher und kirchlicher

Rahmenbedingungen – Leitfrage: Was

kennzeichnet künftig die Gemeinde

Jesu Christi, ihre Sendung an einem

konkreten Ort?

Ebene 2: Formale Weiterentwicklung

und Neuordnung kirchlicher Strukturen

– Leitfrage: Welche rechtlichen,

finanziellen und personellen Rahmenbedingungen

müssen geschaffen werden,

um der Sendung des Evangeliums

an einem konkreten Ort gerecht

werden zu können? Diese Frage wird

relevant z.B. durch Änderungen beim

Zuschnitt von Pfarreien bzw. durch

Gründung einer neuen Pfarrei oder

verbindliche Formen der Zusammenarbeit

in einer Pfarreiengemeinschaft.

„Gemeinde“ in den

Beschlüssen der Würzburger

Synode

„Die Gemeinde ist an einem bestimmten

Ort oder innerhalb eines

bestimmten Personenkreises die

durch Wort und Sakrament begründete,

durch den Dienst des Amtes

geeinte und geleitete, zur Verherrlichung

Gottes und zum Dienst an

den Menschen berufene Gemeinschaft

derer, die in Einheit mit der

Gesamtkirche an Jesus Christus

glauben und das durch ihn geschenkte

Heil bezeugen. Durch die

eine Taufe (vgl. 1 Kor 12,13) und

durch die gemeinsame Teilhabe

an dem einen Tisch des Herrn (vgl.

1 Kor 10,16 f) ist sie ein Leib in

Jesus Christus. Im allerweitesten

Sinn verwirklicht sich Gemeinde

Christi überall, wo zwei oder drei

im Namen Jesu beisammen sind

(vgl. Mt 18,20).“ 2

„Der Auftrag der Kirche erfordert die

Sammlung von Menschen zu lebendigen,

offenen Gemeinden auf allen

pastoralen Ebenen. Überall dort, wo

– durch den Dienst des Amtes geeint

– Menschen das Wort gläubig

hören und weitertragen, miteinander

Eucharistie feiern und im

Dienste der Liebe füreinander und

für alle da sind, lebt Gemeinde Jesu

Christi.“ 3

2 Beschluss Dienste und Ämter, OG I, 605.

3 Beschluss Pastoralstrukturen, OG I, 689f.

12


„Pfarrei“ im Codex Iuris

Canonici (1983)

Can. 374 § 1:

Jede Diözese oder andere Teilkirche

ist in verschiedene Teile,

d. h. Pfarreien, aufzugliedern.

Can. 515 § 1:

Die Pfarrei ist eine bestimmte

Gemeinschaft von Gläubigen,

die in einer Teilkirche auf Dauer

errichtet ist und deren Hirtensorge

unter der Autorität des

Diözesanbischofs einem Pfarrer

als ihrem eigenen Hirten anvertraut

wird.

Can. 515 § 2:

Pfarreien zu errichten, aufzuheben

oder sie zu verändern, ist

allein Sache des Diözesanbischofs,

der keine Pfarreien

errichten oder aufheben oder

nennenswert verändern darf,

ohne den Priesterrat gehört zu

haben.

Personalpfarreien zu errichten,

die nach Ritus, Sprache oder

Nationalität der Gläubigen eines

Gebietes oder auch unter einem

anderen Gesichtspunkt bestimmt

werden.

Can. 519:

Der Pfarrer ist der eigene Hirte

der ihm übertragenen Pfarrei;

er nimmt die Hirtensorge für die

ihm anvertraute Gemeinschaft

unter der Autorität des Diözesanbischofs

wahr, zu dessen Teilhabe

am Amt Christi er berufen

ist, um für diese Gemeinschaft

die Dienste des Lehrens, des

Heiligens und des Leitens auszuüben,

wobei nach Maßgabe

des Rechts auch andere Priester

oder Diakone mitwirken sowie

Laien mithelfen.

Can. 515 § 3:

Die rechtmäßig errichtete Pfarrei

besitzt von Rechts wegen

Rechtspersönlichkeit.

Can. 518:

Die Pfarrei hat in aller Regel

territorial abgegrenzt zu sein und

alle Gläubigen eines bestimmten

Gebietes zu umfassen; wo

es jedoch angezeigt ist, sind

13


1. GRUNDLEGUNG

1.2 Von Pfarreien und Gemeinden

Zusammenspiel im Dienst einer zukunftsfähigen Pastoral

Die Neustrukturierung zielt also in

erster Linie auf die Weiter- bzw. Neuentwicklung

verschiedener Formen

der Gemeindebildung. In der Geschichte

der Kirche hat es in Zeiten

größerer Veränderungsprozesse immer

wieder solche Neuaufbrüche gegeben.

So ist das Entstehen der kirchlichen

Verbände im Deutschland des 19.

Jahrhunderts als ein Prozess der Gemeindebildung

zu verstehen. Gegenwärtig

ist diesbezüglich die Bewegung

der so genannten „Kleinen Christlichen

Gemeinschaften“ vor allem in Asien

und Afrika sowie der „Basisgemeinschaften“

in Lateinamerika zu nennen.

Auch in vielen europäischen Ländern

geschieht die Bildung neuer Gemeinden,

z.B. in Frankreich, wo sich nach

der faktischen Auflösung vieler Pfarreien

Glaubende vor allem in nichtpfarrlich

organisierten geistlichen Gemeinschaften

zusammenfinden oder das

Leben vor Ort in regionalen Einheiten

kirchlich organisiert wird – jenseits der

obsolet gewordenen Grenzen der alten

Pfarreien.

Wie in der Einführung von Bischof

Dr. Bode beschrieben, ist Gemeindebildung

unter territorialen Gesichtspunkten

(also in einer Pfarrei) die bei

uns am weitesten verbreitete, aber

nur eine der möglichen Formen, die

zukünftig zunehmend durch andere

ergänzt werden wird. Die Pfarrei bietet

jedoch die Chance, aufgrund der Nähe

zum Wohnort der Menschen und auf

der Basis einer relativ stabilen Kerngemeinde

in vielfältiger Weise

Gemeindebildung zu fördern.

Zwei Fragen lassen sich anschließen:

Wie verhalten sich künftig Gemeinden

und Pfarrei zueinander?

Zu einer katholischen Gemeinde kann

sich jemand zählen, der sich an einem

bestimmten „Ort“, an dem Gottesdienst

gefeiert (= Liturgia), der Glaube

verkündigt (= Martyria) und im Alltag

bezeugt und gelebt wird (= Diakonia),

zuhause fühlt. Das kann auch z.B. in

Krankenhäusern, in Gefängnissen, in

Hochschulgemeinden, in Klöstern etc.

der Fall sein. Trotz aller Veränderungsprozesse

in einer mobilen Gesellschaft

wird dem Wohnort und damit der

territorialen Pfarrei auch in der künftigen

Pastoral eine wichtige Bedeutung

zukommen. Die Pfarrei handelt jedoch

nicht isoliert neben anderen kirchlichen

Angeboten und Einrichtungen,

sondern versucht dazu beizutragen,

dass diese – im Zusammenspiel mit

nichtkirchlichen Personen und Institutionen,

die sich für den Menschen

engagieren – sowohl fruchtbar in

Spannung zueinander stehen als auch

ergänzen.

Was damit gemeint ist, kann das Bild

von der Pfarrei als Herberge oder

Raststätte verdeutlichen: „Pfarrei“

leitet sich vom griechischen „paroikia“

ab, womit ursprünglich die Herbergen

auf den Fernstraßen des römischen

Reiches bezeichnet wurden. „Diese

Rastplätze ermöglichten den Reisenden

auszuruhen, Kommunikation zu

pflegen, die nötige Nahrung aufzunehmen,

die Wunden, die man sich auf

dem Weg zugezogen hatte, zu heilen,

die Pferde und Wagen neu zu rüsten,

um dann die nächste Wegstrecke anzugehen

und zu bewältigen. Die Form

dieser ‚paroikia’ war unterschiedlich,

entsprechend den örtlichen Verhältnissen

und Bedürfnissen. Die Kirche, das

wandernde Volk Gottes auf dem Weg

ins Himmelreich, hat diesen Begriff im

3. Jahrhundert ganz bewusst übernommen.“

4 Die sogenannte „Kerngemeinde“

in der Pfarrei spielt in diesem

Zusammenhang die Rolle derer, die

die Herberge relativ stabil bewohnen

und als „Herbergsteam“ betreuen.

Diese Gemeinschaft sorgt dafür, dass

die materiellen und personellen Ressourcen

für die verschiedenen kirchlichen

„Orte“, also die Gemeinden in

ihren vielfältigen Formen, fruchtbar

werden. Die „Gäste“ wiederum sind

nicht einfach passive Empfänger der

Wohltaten, sondern prägen ihrerseits

durch den kreativen Umgang mit den

ihnen geschenkten Gütern das Bild der

gesamten Herberge mit.

Die Mitglieder des „Herbergsteams“

können ihren Dienst umso besser

4 Erzbischof Ludwig SCHICK: Pfarrei – Kirche

vor Ort. Theologisch-kirchenrechtliche Vorgaben

und Hinweise zur Pfarrei. In: „Mehr als Strukturen...

Entwicklungen und Perspektiven der

pastoralen Neuordnung in den Diözesen“.

Dokumentation des Studientages der Frühjahrs-

Vollversammlung 2007 der Deutschen Bischofskonferenz

(Arbeitshilfen 213), hrsg. vom

Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz,

Bonn 2007, 22-39,39. Vgl. auch

HENDRIKS, Jan, Gemeinde als Herberge. Kirche

im 21. Jahrhundert – eine konkrete Utopie,

dt. Gütersloh 2001.

14


erfüllen, je mehr sie sich selbst nicht

rein funktional, sondern von ihrer gemeinsamen

Teilhabe am Leib Christi

getragen wissen. Hierzu trägt innerhalb

der Kerngemeinde besonders die

Gottesdienstgemeinde bei: Sie wird

durch die Menschen gebildet, die sich

vor allem in der Eucharistiefeier und

in anderen gottesdienstlichen Formen

versammeln zu Lob und Dank, zu

Bitte und Klage.

Die Deckungsgleichheit von Pfarrei

und Gemeinde, die in der Ära der

„Volkskirche“ vielerorts Realität war,

kommt demnach der Quadratur des

Kreises gleich. 5 Wir leben heute – ob

gewollt oder nicht – in einer größeren

Vielfalt von Gemeinden und Gemeinschaften

innerhalb der Pfarrei, die

oftmals nur schwer zu erfassen und zu

überschauen ist:

„Pfarreientwicklung ist etwas anderes

als Gemeindebildung. Pfarrei steht für

die Gestalt, Gemeinde für den Gehalt.

Wer von der Pfarrei redet, redet

zunächst von der Strukturebene. Die

Pfarrei existiert als Rechtsform auch

dann noch, wenn alles christliche Leben

längst ausgezogen ist... Gemeinde

ist sozusagen ein ‚Tätigkeitswort‘.

Gemeinde ist nicht, sie wird…“ 6

5 Vgl. SPIELBERG, Bernhard, Kreisquadrat und

Pfarrgemeinde. Zwei unlösbare Probleme. In: LS

2/2006, 92-100.

6 Bischof Dr. Heinrich MUSSINGHOFF, „Zukunft

der Gemeinde – Gemeinde der Zukunft“.

Vortrag bei den Begegnungen mit den pastoralen

Diensten, März – Juni 2007, S. 3.

Beispiele für Pfarreibildung

sind:

- Aufgabenverteilung im hauptamtlichen

pastoralen Team

- Anpassung der pfarrlichen Gremien

(Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat)

- Organisation des Pfarrbüros

- Klärung der Aufgabenbereiche und

Anstellungsverhältnisse von hauptu.

nebenamtlichen Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern der Pfarrei(-en)

- Ebenen der Vernetzung mit anderen

kirchlichen und sozialen

Trägern im Gebiet der Pfarrei (z.B.

Forum Schule – Gemeinde, Zusammenarbeit

mit Einrichtungen der

institutionalisierten Caritas)

Beispiele für Gemeindebildung

sind:

- Schwerpunktsetzung in der Pastoral

- Arbeit an Gemeindevisionen in den

gemeindlichen Gremien

- Entwicklung einer missionarischen

Sakramentenpastoral

- Entfaltung einer Vielfalt von Gottesdienstformen

- Entwicklung regionaler und/oder

milieuspezifischer Angebote

- Neuzugezogenenpastoral

- Elemente geistlicher Vertiefung für

bestehende Gruppen und Verbände

- Aufbau „Kleiner Christlicher

Gemeinschaften“ (= Kirche in der

Nachbarschaft)

- Mitwirkung an stadtteilbezogenen

oder dörflichen sozialen Projekten

15


Die Tendenz geht immer stärker dahin,

dass in weniger werdenden und

dann größeren Pfarreien eine Vielzahl

von Gemeinden existiert: „Die eine

Pfarrei ist ebenso Ort der Seelsorge

wie die vielen …Gemeinden… Orte

der Seelsorge sind. Deshalb sprechen

wir gerne von der Pfarrei als einer

Gemeinschaft von Gemeinden. Die

Schaffung solcher Orte in vergrößerten

pastoralen Räumen ist von der Absicht

geleitet, ein gemeinsames kirchliches

Bewusstsein zu erreichen und ein

Miteinander im Volke Gottes, das die

Gläubigen als Mitglieder einer Pfarrei

und der ihr zugeordneten Gemeinden

… darstellen.“ 7

Was bedeutet in diesem Zusammenhang

„Pastoraler Raum“?

Wir stehen somit vor einer doppelten

Entwicklung:

1. Die Anzahl der Pfarreien wird

geringer und die Fläche der Pfarreien

wird größer.

2. Zugleich werden die Formen

gemeindlichen Lebens vielfältiger.

Die Gleichung „eine Pfarrei = eine

Gemeinde“ wird immer seltener die

Wirklichkeit hinreichend beschreiben.

Das bedeutet, dass die Vergrößerung

der pastoralen Strukturen – egal ob

durch (neue) Pfarreien oder durch

7 Bischof Felix GENN: Das Zusammenwirken

von unterschiedlichen Orten, Formen und

Vollzügen der Seelsorge in den vergrößerten

pastoralen Räumen. In: Mehr als Strukturen,

40-49, 44 (Hervorhebung redaktionell).

16

Pfarreiengemeinschaften – nur dann

lebensfördernd ist, wenn bestehende

und neue Orte der Gemeinschaftsbildung

Beheimatung im Glauben

gewährleisten. Die zentrale Herausforderung

besteht darin, wie sich zukünftig

Nähe im Sinne der „Erfahrung

der Menschen in der Verkündigung

Jesu“ darstellen lässt: „Er (Jesus)

kommt ihnen nahe, indem er Worte,

Gesten und Bilder aufgreift, die sie

betreffen. Jesu Begegnungen mit den

Menschen, seine Krankenheilungen

und Dämonenaustreibungen bringen

das Reich Gottes in die Unmittelbarkeit

der persönlichen und sozialen

Lebenswelten.“ 8 Nähe wird damit

zum „Grundparadigma und Auftrag

kirchlicher Pastoral“, denn: Die Kirche

hat den Auftrag, in ihrer Verkündigung

die Person Jesu Christi, die Person

des gekreuzigten Auferstandenen zu

vermitteln. Dies geschieht vor allem

in den Sakramenten und im seelsorglichen

Handeln der Gemeinde, indem

sie konkreten Menschen nahe kommen

will.

Solche Pastoral um der Menschen

willen gelingt jedoch nur, wenn Kirche

ernst nimmt, dass in einer mobilen

Gesellschaft Nähe nicht zuerst eine

territoriale, sondern eine personale

Kategorie ist. So ist etwa für viele

junge Menschen der Nächste nicht

derjenige, der im Nachbarhaus wohnt,

8 Dieses und das folgende Zitat: Arbeitsgruppe

„Pfarrei und Gemeinde – Historisch gewachsene

Strukturen vs. Neue pastorale Gliederungen“. In:

Mehr als Strukturen, 68-71, 69f.

sondern derjenige, der im Adressverzeichnis

des Handys erscheint. Deshalb

gibt es zu einer Pastoral, in der

sich pfarrliche, sonstige kirchliche und

auch nichtkirchliche Personen und

Institutionen vernetzen, keine Alternative,

denn nur auf diesem Weg differenziert

sich pastorales Handeln in

einer Weise aus, dass es Menschen in

ihren sehr vielfältigen Lebenssituationen

erreicht. Dafür steht der Ausdruck

»pastoraler Raum«: Er zielt zwar – wie

»Pfarrei« – in erster Linie auf das

Territorium, auf das bezogen sich eine

bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen

in einer Vielzahl von Gemeinden

sammelt. Der Begriff nimmt aber eben

vor allem die „Orte“ der Pastoral in

den Blick, den sozialen Einzugsraum

dieser „Orte“ und existenzielle, pastorale

und spirituelle Bedürfnisse der

Menschen in diesem Raum. Und diese

pastoralen „Orte“ überschreiten zum

Teil das Territorium einer Pfarrei bzw.

sind nur sehr eingeschränkt territorial

beschreibbar. 9

Ein gewandeltes Verständnis von Gemeinde

und Pfarrei fordert auch dazu

heraus, über die Arbeit derer nachzudenken,

die sich ehren- und hauptamtlich

in der Pastoral engagieren.

Dazu finden sich einige Überlegungen

im Abschnitt 4.1.

9 In unserem Bistum haben wir während der zurückliegenden

Diskussionsprozesse im Rahmen

der Perspektivplanung den Begriff „pastoraler

Raum“ z.T. nur im Hinblick auf die Bildung

neuer, größerer Pfarreien gebraucht. Das hat

nicht immer und überall zur Klärung beigetragen.

Die jetzt vorgeschlagene Verwendung ist

etwas offener und betont, dass der Begriff v. a.

pastoraltheologische Relevanz hat.

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