immer öfter wird das fischen ohne angelschein möglich!

bmt.tierschutz.de

immer öfter wird das fischen ohne angelschein möglich!

IMMER ÖFTER WIRD DAS FISCHEN OHNE

ANGELSCHEIN MÖGLICH!

Wer in Deutschland Wirbeltiere tötet, muss dazu sachkundig sein, um dem Tier

unnötige Belastungen zu ersparen. Dies ist nicht nur rechtlich vorgeschrieben, sondern

auch eine ethische Selbstverständlichkeit. Um Wirtschaft und Tourismus anzukurbeln,

nehmen es die Bundesländer bei der Tötung von Fischen im Angelsport aber

offensichtlich nicht so genau.

Fische können leiden und Schmerzen empfinden. Diese Tatsache wird - entgegen früheren Diskussionen -

inzwischen von seriösen Fischwissenschaftlern im In- und Ausland geteilt. Für den deutschen Gesetzgeber ergibt

sich daraus die Verpflichtung, Fische konsequent vor unnötigen Schmerzen und Leiden zu schützen. Im

Tierschutzgesetz gilt es als Straftat, wenn einem Wirbeltier ohne vernünftigen Grund länger anhaltende oder sich

wiederholende erhebliche Schmerzen und Leiden zugefügt werden.

Warum wird dieser staatlich zugesicherte Schutz bei Fischen in der Praxis so wenig ernst genommen? So ist die

Angelfischerei unstrittig mit Leiden und Schmerzen für die Tiere verbunden. Neben dem unmittelbaren Schmerz

und der Verletzung an der Stelle des Hakensitzes in Maul- und Kiemenhöhle, Schlund oder Kiemen spielt vor allem

der Stress eine entscheidende Rolle. Er entsteht durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit bei gleichzeitig

einsetzendem starken Fluchtreflex. Bei den Fischen kommt es zum so genannten "Overstress", der so erheblich

ist, dass bis zu einem Drittel der Fische sterben, die geangelt und dann wieder zurückgesetzt werden. Eine

gesellschaftliche Akzeptanz des Angelns wird jedoch für möglich gehalten, wenn der Fisch ausschließlich als

Nahrungsmittel geangelt wird und der Fisch "waidgerecht" getötet wird. Zum waidgerechten Töten ist es

zwingend erforderlich, dass Angler die notwendige Sachkunde besitzen und in der Lage sind, den Fisch möglichst

rasch und schonend zu töten.

Um diese Sachkunde zu erlangen, benötigt man in Deutschland einen Fischereischein, umgangssprachlich den

Angelschein. Dieser Fischereischein ist mit Schulungen und einer Prüfung verbunden, Prüfungsgebühren fallen

auch an. Für viele (werdende) Angler stellt der Fischereischein ein unbequemes, überflüssiges bürokratisches

Hindernis dar.

Diese Einschätzung wird scheinbar von immer mehr Bundesländern geteilt: So erhalten in Bayern oder Baden-

Württemberg Mitglieder diplomatischer und berufskonsularischer Vertretungen und deren Angehörige ohne

Prüfung einen Fischereischein. Dieses Zugeständnis erinnert an feudale Zeiten, in der bestimmte

Personengruppen besondere Privilegien hatten. Mit dem Tierschutz ist diese Ausnahme absolut unvereinbar!

Ähnliche Ausnahmen werden für Ausländer und Touristen gemacht. In Baden-Württemberg, Bayern,

Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Saarland erhalten Ausländer, zumindest für eine befristete Zeit ihres

Aufenthaltes, einen Fischereischein, ohne zuvor eine Prüfung abgelegt zu haben. Besonders kritisch zu sehen sind

die "Touristenangelscheine" der Küstenbundesländer. In Mecklenburg-Vorpommern können für die Dauer von 28

Tagen, in Schleswig-Holstein sogar von 40 Tagen Touristen ohne Prüfung eine Angelerlaubnis erhalten. Von dieser

Ausnahme wird auch reger Gebrauch gemacht: Allein in Schleswig-Holstein gab es in der Saison 2008/2009 allein

2.362 Ausnahmegenehmigungen. Um zumindest formell so etwas Ähnliches wie eine Sachkunde zu vermitteln,

erhalten die Touristen in Schleswig-Holstein von den Angelläden bspw. eine DIN A4-Seite, auf dem das

tierschutzgerechte Töten von Fischen in vier Sätzen erklärt wird. Ob diese Kurzinformationen praxistauglich sind,


überhaupt gelesen, verstanden und geschweige denn angewendet werden, bleibt dem Zufall überlassen. Dieses

Vorgehen hat reine Alibifunktion und kann die Sachkundeschulung keineswegs ersetzen. In Brandenburg werden

die Fische unverständlicherweise in zwei Klassen eingeteilt. So genannte Friedfische dürfen im Gegensatz zu

Raubfischen ohne Prüfung geangelt werden. Die Angelläden in Brandenburg, in denen diese "Friedfischscheine"

erhältlich sind, werben mit dem Spruch: "Alles aus einer Hand direkt im Angelladen und ohne Lehrgänge und

Prüfungen." In Baden-Württemberg benötigt man keinen Fischereischein bei bewirtschafteten Flächen oder

Teichzuchten. Ähnlich ist es in Sachsen-Anhalt; hier ist für Kleinstgewässer (unter 500 qm) keine Scheinpflicht

erforderlich. Faktisch spielt die Größe eines Gewässers eine Rolle, ob und welchen tierschutzrechtlichen Schutz

ein Fisch erhält. In Niedersachsen gibt es überhaupt keine grundsätzliche Fischereischeinpflicht.

Das Ende der Fahnenstange ist in den Ländern noch nicht abzusehen. Anfang Oktober stellte die SPD-

Landtagsfraktion in Stuttgart den Antrag, dass sich nun auch Baden-Württemberg die umfangreiche

Ausnahmepraxis anderer Bundesländer zu eigen machen wolle. So soll für Touristen oder für das Angeln von

Friedfischen ganz auf die Voraussetzung eines Angelscheins verzichtet werden. Gleichzeitig soll das landesweit

geltende Nacht-Angelverbot gekippt werden.

Fische sind schmerzempfindliche Wirbeltiere. Ihnen wird zum Verhängnis, dass sie keine Laute von sich geben

können, um auf ihre Leiden und Schmerzen aufmerksam zu machen. Tatsache ist, dass man fundamentale

Regelungen des Tierschutzes für Fische in vielen Bundesländern schrittweise bereits ausgehöhlt hat. Es wird von

den Landespolitikern auch kaum ein Hehl daraus gemacht, dass man wirtschaftliche und touristische Belange als

wichtiger eingeschätzt.

Aus Sicht des bmt ist es an der Zeit, bundeseinheitliche Regelungen zum Schutz der Fische zumindest auf das

Niveau zu setzen, wie es das Tierschutzgesetz fordert. Insbesondere muss beim Töten der Fische

ordnungsgemäße Sachkunde dringend vorausgesetzt werden. Der bmt wird die jetzige völlig unzureichende

Rechtslage zum Anlass nehmen und seine Forderungen bei den Tierschutzreferenten der Länder einbringen.

Text: Torsten Schmidt

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aus: Recht der Tiere 4/2010; S. 14-15

Impressum:

BUND GEGEN MISSBRAUCH DER TIERE

VIKTOR-SCHEFFEL-STR.15

80803 MÜNCHEN

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