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Das Magazin der Orell Füssli Buchhandlungen

Nr. 2/2013

Ihr persönliches

Exemplar –

mit Wettbewerb!

Lügen ist

menschlich

«Das Verschwiegene»

von Linn Ullmann

Es muss nicht immer

«Shades» sein

Erotische

Neuerscheinungen

Verbindung über Raum

und Zeit

«Die vierzig Geheimnisse der

Liebe» von Elif Shafak

Und ausserdem:

Neue Bildbände, neue

Kinderbücher, neue

Reiseführer


STARTER

PAKET

eReader, Hülle, Ladegerät und Fr. 25.– Prepaid Card

187.–

statt 212.–

Angebot solange Vorrat

BOOKEEN ODYSSEY 2013 EDITION

INTEGRIERTER SHOP – ÜBER 400’000000 eBOOKS

DOWNLOAD VIA WLAN

PAPIEROPTIK – LESEN AUCH BEI SONNE


Editorial | 3

Inhalt

András Németh

Mitglied der Geschäftsleitung

cher sind erotisch

Liebe Leserin

Lieber Leser

Im vergangenen Jahr war eine erotische Geschichte

der weltweit grösste Bucherfolg: «Shades of Grey».

70 Millionen Exemplare der Trilogie von E.L. James

wurden verkauft. Seit «Harry Potter» hat keine

Buchserie mehr derart abgeräumt.

Dass erotische Literatur die Bestseller-Listen

anführt, ist ungewöhnlich – dass sie gut ankommt,

hingegen nicht. Einige der ältesten Werke der Weltliteratur

sind erotischen Inhalts, und viele Longseller

gehören zu diesem Genre. Bei der Erotik spielt

das Buch eben alle seine Stärken aus: Es kann

uns ins Welten entführen, die uns im wirklichen

Leben verschlossen bleiben. Bücher kennen keine

Scham und beurteilen uns nicht. Mit ihnen können

wir Abenteuer erleben, auch wenn wir selber keine

Helden sind.

Und ist nicht das Lesen per se erotisch? Doch, findet

Alex Pschera: «Lesen ist ein erotischer Akt», schreibt

der deutsche Publizist. «Besitz und Vereinigung sind

seine Merkmale. Das Riechen am Druckwerk ist Vorspiel

des Kommenden. Das Buch ist ein Körper. Jedes

Buch hat seinen eigenen Geruch, wie auch jeder

geliebte Mensch seinen eigenen Geruch hat.»

Wir, die wir täglich mit Büchern zu tun haben, teilen

diese Meinung natürlich: Bücher bereiten tiefe

Freude und machen stets Lust auf mehr. Und weil

cher so erotisch sind, widmen wir den Hauptbeitrag

in diesem «Books» der erotischen Literatur. Ich

wünsche Ihnen damit viel Vergnügen!

Verbindung über Raum und Zeit

«Die vierzig Geheimnisse

der Liebe» von

Elif Shafak

Seite 10

Reisebücher-Spezial

Vorfreude und Hilfe

vor Ort

Seite 23

© Muammer Yanmaz

Erotische Literatur:

Es muss nicht

immer «Shades»

sein

Seite 14

4 Notizen

20 Neue Bildbände Schön,

schöner, Krauthammer

32 Kaffeepause Die Debatte

36 Fantastisch!

Fantasy-Neuerscheinungen

40 Im Schaufenster

«Das Verschwiegene» von

Linn Ullmann

42 Kinderwelt

Freunde machen Freude

44 Neues von Orell Füssli

45 Mein Buch

46 Kochcher «Jerusalem»

48 Kreuzworträtsel

49 Veranstaltungen

51 Kolumne

Darum schreibe ich

von Linus Reichlin

Jetzt Fan werden:

www.facebook.com/OrellFuessli

Die nächste Ausgabe von Books, dem Magazin der Orell-Füssli-Buchhandlungen,

erscheint am 13. September 2013. Sie erhalten Books kostenlos in jeder Filiale.

Bestellungen nehmen wir gern entgegen über www.books.ch, orders@books.ch

und Telefon 0848 849 848. Buchhandlungen von Orell Füssli finden Sie in Basel,

Bern, Frauenfeld, St.Gallen, Winterthur und Zürich sowie am Flughafen Zürich.

Preisänderungen vorbehalten. Unsere aktuellen Verkaufspreise und eine umfassende

Auswahl an Büchern, Filmen und Spielen finden Sie auf www.books.ch.

Impressum

Herausgeber:

Orell Füssli Buchhandlungs AG, Dietzingerstrasse 3, Postfach, 8036 Zürich

Gesamtherstellung: Media Tune AG, Zürich

Redaktion: Die Blattmacher GmbH, Zürich

Gestaltungskonzept/Layout: Strichpunkt GmbH, Winterthur

Coverfoto: Agnete Brun

Alle so gekennzeichneten Bücher sind auf www.books.ch

auch als eBook erhältlich.


4 | NOTIZEN Books Nr. 2/2013

Notizen

Marius Leutenegger

Die Ernährung gehört zu den Fundamenten des Menschseins. Entsprechend

gross ist denn auch das Angebot an Ratschlägen, Tipps und Ideen rund um die

Ernährung. Die vielen Informationen machen es zwischendurch aber vielleicht

nötig, sich ein wenig zu erden – und das gelingt hervorragend mit dem Buch

«Essen Sie nichts, was Ihre Grossmutter nicht als Essen erkannt hätte»,

erschienen bei Kunstmann. Mit erfrischender Unoriginalität erinnert uns Autor

Michael Pollan darin an die Binsenwahrheiten rund ums Essen: Die ganze

westliche Ernährung ist ungesund, weil zu fett, zu süss und zu künstlich. Wie

soll man darauf reagieren? Pollan antwortet mit einfachen Rezepten: Meiden

Sie Produkte mit Zutaten, die ein Drittklässler nicht aussprechen kann; meiden

Sie Nahrungsmittel, für die im Fernsehen geworben wird; meiden sie Esswaren,

die in allen Sprachen denselben Namen haben. Und besonders sinnvoll: «Zahlen

Sie mehr, essen Sie weniger.» Die schönen Illustrationen von Maira Kalman

machen das Buch auch zu einem optischen Vergnügen.

Manche Wörter

kann man kaum

noch hören, weil sie

bis zum Gehtnichtmehr

ge- und missbraucht

werden.

Dazu zählt «Nachhaltigkeit».

Und darüber

soll man gleich

ein ganzes Buch lesen?

Unbedingt –

denn Ulrich Grober gibt in «Die Entdeckung

der Nachhaltigkeit», erschienen bei Kunstmann,

dem Begriff seine Würde und sein Gewicht

zurück. Auf faszinierende Weise legt

der Autor dar, wie alt das Konzept ist, das

heute als modernes Mass aller Dinge gilt.

1994 definierte zum Beispiel die UNO Nachhaltigkeit

als ein Dreieck aus ökologischem

Gleichgewicht, ökonomischer Sicherheit und

sozialer Gerechtigkeit – exakt so umschrieb

Hans Carl von Carlowitz den Begriff bereits

1713. Die Notwendigkeit, nachhaltig zu handeln,

ist also schon lange bekannt, und Grober

zeigt auf, warum es so schwer ist, dieses

Wissen in konkretes Handeln zu übertragen.

Ein kulturhistorisches Sachbuch, das man

nicht so schnell vergisst.

Mit seinem

Erstling «Flieg,

Hitler, flieg!»

umte der

junge britische

Autor Ned

Beauman

ziemlich ab – er

gewann damit

unzählige Preise, die internationale

Kritik überschlug sich geradezu vor

Begeisterung. Jetzt liegt der neue

Roman von Beauman vor, und er ist

ähnlich schillernd, böse und vergnüglich

wie das Debüt. Der gezwungen

originelle Titel der bei Dumont

publizierten Übersetzung sollte einen

nicht vom Lesen abschrecken: «Egon

Loesers erstaunlicher Mechanismus

zur beinahe augenblicklichen Beförderung

eines Menschen von Ort zu

Ort», im Englischen «The Teleportion

Accident», ist eine Art Road-Movie,

der sich über mehrere Jahrzehnte

hinzieht. Der Bühnenbildner Egon

Loeser, der nicht zufälligerweise einen

Namen wie ein Schimpfwort trägt,

verfolgt seine Traumfrau Adele Hitler

(«weder verwandt noch verschwägert»)

von Berlin über Paris nach Los

Angeles. Er ist von zwei Dingen

besessen: Adele endlich ins Bett zu

kriegen – und hinter die Geheimnisse

des Grössten seiner Zunft zu kommen:

Dem venezianischen Bühnenbildner

Lavicini soll es nämlich einst

gelungen sein, eine barocke Maschine

zum Beamen von Menschen zu

bauen. Auch KGB und Forscher in

Kalifornien sind hinter dem Teleportionsgerät

her, schliesslich herrscht

Krieg. Beauman staffiert seinen

bizarren Plot mit einem Ideenreichtum

aus, der locker für drei Romane

gereicht hätte; das durchwegs

exzentrische Personal wächst einem

ziemlich ans Herz, obwohl es aus

ausnahmslos unsympathischen

Neurotikern besteht. Das Buch ist

brillant geschrieben und hat seinen

Platz auf der Longlist des Booker

Prizes mehr als verdient.


Alle Bücher finden Sie auch auf NOTIZEN | 5

Leute, die das mögen,

mögen auch ...

© Joy Matter

Oft ist die letzte Seite eines Buchs jene,

die man am wenigsten mag – weil man

nicht möchte, dass das Lesevergnügen

schon zu Ende ist. Glücklicherweise

gibt es Fachleute, die einem in solchen

Momenten Bücher

mit vergleichbaren

Qualitäten empfehlen

können – Fachleute

wie Marcel

Rauber. Der 42-Jährige

arbeitet als Abteilungsleiter

im

Parterre bei Rösslitor

cher in St.Gallen.

Das Lesen entdeckte

er während

seiner Lehre zum

Bäcker-Konditor.

«Wegen der Arbeitszeiten

lebte ich an

meinen Bekannten

vorbei – und so füllte

ich mir die freie Zeit

mit Lesen», erinnert er sich. Bücher begeisterten

ihn schliesslich derart, dass

er sich auch noch zum Buchhändler

ausbilden liess.

«‹Tschick› des Berliner Schriftstellers

Wolfgang Herrndorf war 2010 eines

der erfolgreichsten deutschsprachigen

cher; die Geschichte einer ungewöhnlichen

Freundschaft zwischen einem

14-Jährigen aus bürgerlichen Verhältnissen

und einem verwahrlosten

jugendlichen Spätaussiedler aus Russland,

die ein wenig an ‹Huckleberry

Finn› von Mark Twain erinnert, gewann

unzählige Preise. Wer ‹Tschick› mochte,

wird auch ‹Wunder› der US-Amerikanerin

Raquel J. Palacio lieben. Beide

Romane erzählen vom Erwachsenwerden,

von den Schwierigkeiten,

sich im Leben

zurechtzufinden – und

beide Bücher vergisst

man als Leser nicht

mehr. ‹Wunder› ist ein

Debütroman und hat

das Potential zum Lieblingsbuch.

Im Mittelpunkt

steht der zehnjährige

August, der mit

seinen Eltern und seiner

grossen Schwester in

New York lebt. Weil er

seit seiner Geburt mindestens

27-mal am Gesicht

operiert werden

musste, ist er noch nie

auf eine richtige Schule

gegangen. Aber jetzt soll er in die 5.

Klasse kommen. August ist es gewohnt,

angestarrt zu werden, und er weiss,

dass die meisten Schüler nicht absichtlich

gemein zu ihm sind. Sein sehnlichster

Wunsch ist es aber, nicht weiter aufzufallen,

ein ganz normaler Junge zu

sein und Freunde zu finden. Doch nicht

aufzufallen ist nicht leicht, wenn man

so viel Mut und Kraft besitzt, so witzig,

klug und grosszügig ist wie August …

Tun Sie sich einen Gefallen und lesen

Sie dieses Buch

Mani Matter ist ein Schweizer

Mythos. Die Ausstellung «Mani

Matter (1936-1972)» war ein so

grosser Erfolg, dass sie nach einer

langen Tournee durch die Schweiz

noch einmal – und bis September

– im Landesmuseum in Zürich zu

sehen ist. Mitgearbeitet an der

faszinierenden Schau hat auch

Wilfried Meichtry; der Historiker

ist vor allem bekannt für sein Buch

über Iris Roten, «Verliebte Feinde»,

das auch verfilmt wurde. Durch

seine Tätigkeit für die Ausstellung

lernte Meichtry die Witwe von

Mani Matter kennen, Joy Matter.

«Und eines Tages sagte ich ihr,

dass ich gern eine Biographie über

Mani Matter schreiben würde»,

erzählte der Autor in einem Interview.

Diese Biographie ist jetzt von

Nagel&Kimche veröffentlich

worden – und sie ist ein Genuss

nicht nur für die vielen Matter-

Fans. Meichtry hat eine literarische

Biographie verfasst, die

einem einen überaus sympathischen

Menschen in seiner ganzen

Vielschichtigkeit näher bringt –

denn der Autor konnte erstmals

auf 31 Archivschachteln von Joy

Matter zugreifen; zudem präsentiert

einem «Mani Matter» auch

ein Panoptikum der Nachkriegsschweiz

zwischen

Tradition und

Aufbruch. Der

Erfolg, den dieses

Buch zweifellos

haben wird, ist ihm

zu gönnen.


6 | NOTIZEN Books Nr. 2/2013

Hollywood – der Glanz dieses Namens

rührt nicht von den heutigen Blockbuster-Produktionen

her, sondern entstand,

als die Filmfabrik noch wie eine Fussballliga

organisiert war. Bis in die

1960er-Jahre hinein hielten sich die

grossen Studios wie MGM, Paramount

oder Warner Brothers feste Teams von

Schauspielerinnen und Schauspieler.

Die Stars waren vertraglich gebunden

und den Studio-Bossen mehr oder weniger

ausgeliefert – welche Rollen sie spielen

durften, wie oft sie vor der Kamera

standen, welches Image sie letztlich hatten,

entzog sich ihrer Kontrolle. Auch die

Gestaltung des Privatlebens wurde zu einem Teil von den Studios vorgegeben. Auf

diese Weise wurde Hollywood zu seinem grössten Produkt: eine inszenierte, glamouröse

Welt voller Stars und Sternchen. Dieses Produkt strahlte einen Zauber aus,

der heute verschwunden ist. Aber wir können ihn noch immer spüren – zum Beispiel

dank des wunderbaren Fotobands «Hollywood Unseen» von Prestel. Der

Untertitel verspricht «Filmstars hinter den Kulissen», doch der Alltag, in dem die

berühmtesten Darsteller ihrer Zeit gezeigt werden, war natürlich ebenfalls sorgsam

inszeniert und vorteilhaft ausgeleuchtet. Man entdeckt in diesem Band also

keine Geheimnisse, sondern erfährt anhand der Bilder viel darüber, wie das goldene

Hollywood funktionierte, wie es die Stars machte und für welche Werte es stand.

In «Books» berichten wir vorwiegend

über Literatur aus dem deutschsprachigen

Raum – und über internationale

Bestseller. Die Romandie kommt nur selten

vor. Das ist ein Makel, den es schleunigst

zu korrigieren gilt – mit dem Verweis

auf ein mehr als lesenswertes Buch

einer jungen französischsprachigen Autorin:

«Bestseller» der Freiburgerin Isabelle

Flükiger, erschienen im Rotpunkt-

Verlag. Das schmale Bändchen, das man

an einem Sonntagmorgen vor, während

und nach dem Zmorge in einem Stück

verschlingen kann, handelt von einem

jungen, urbanen und sehr verliebten

Paar, das Perspektiven sucht und wortwörtlich

auf den Hund kommt. Flükiger

beschreibt mit viel Selbstironie das Leben

von Fastdreissigern in der Schweiz –

von Menschen also, die in aller Regel mit

beiden Beinen auf dem Boden stehen und

den Überfluss so sehr verachten, wie sie

ihn auch als selbstverständlich betrachten.

Doch keine Angst: Es geht hier nicht

um Gesellschaftskritik,

sondern um

eine leichte

Geschichte,

von der man

sich wünscht,

sie ginge noch

lange, lange

weiter ...

In dieser Ausgabe von «Books» dreht

sich vieles um die Liebe: Ab Seite 10

stellen wir zahlreiche Liebes- und

Erotikromane vor. Es ist zwar nicht

unbedingt wahr, dass ein Bild mehr

sagt als 1000 Worte, aber manchmal

sind Bilder natürlich genauso schön

wie Geschriebenes. Deshalb wollen

wir hier noch auf ein Buch über die

Liebe hinweisen, bei dem es viel zu

sehen gibt: «Die schönsten Liebespaare

in der Kunst», erschienen bei

Prestel. Der Bildband hält genau das,

was der Titel verspricht. Er zeigt rund

80 Bilder, auf denen geküsst, geschmachtet,

umarmt, bewundert und

liebkost wird. Die Werke stammen aus

allen Epochen und von den bekanntesten

Künstlern; die meisten von ihnen

hat man schon irgendwo gesehen,

erst in diesem Kontext spürt man aber

so richtig, wie zart sie Gefühle darstellen.

Begleitet wird die Auswahl

von angenehm wenigen kunsthistorischen

Erläuterungen und schönen Gedichten,

die wiederum belegen:

Manchmal sagen wenige Worte eben

doch so viel wie ein Bild.


Alle Bücher finden Sie auch auf NOTIZEN | 7

Was lesen Sie gerade?

Ellen Ringier, Juristin und Präsidentin der Stiftung «Elternsein»

Leichter

Lesen

Die eReaDeR von

oRell Füssli.

einFach zu hause.

«Seit dem Zerfall der Sowjetunion im

Jahr 1991 glaubte ich, Russland sei auf

dem Weg zu einer Demokratie. Zugegebenermassen

auf einem ausserordentlich

schwierigen Weg. Dass nach Gorbatschow

und Jelzin ein KGB-Mann

‹gewählt› worden war, irritierte anfangs,

aber die Hoffnung auf den jungen Putin

blieb.

Das, was ich in der mir zur Verfügung

stehenden Presse zu den wenig rechtsstaatlichen

Verurteilungen von Oligarchen

wie Chodorkowski und Lebedjew

las, irritierte zwar ungemein. Andererseits

– gibt es ein Recht auf Staatsplünderung?

Musste man Mitleid mit Leuten

wie Gussinski in Israel oder Abramowitsch

in London haben, die sich mit astronomischen

Besitztümern aus Russland

verabschiedet hatten? Und der

Krieg gegen Terroristen in Tschetschenien,

war er als Selbstverteidigungsmassnahme

etwa nicht gerechtfertigt?

Masha Gessen, Autorin von ‹Der Mann

ohne Gesicht. Wladimir Putin – eine Enthüllung›,

belehrt mich eines Besseren!

Wer diese Auflistung von im Namen des

(manipulierten) Rechts begangenen Verbrechen

– wahrlich eine Enthüllung – gelesen

hat, kann nicht anders, als die Hoffnung

auf den demokratischen Prozess zu

vergessen! Klar, die Beweiskette, die

Gessen auflistet, basiert zu weiten Teilen

auf Indizien. Sie überzeugt jedoch in hohem

Masse – nicht zuletzt weil die Autorin

mit keinem Wort vorgibt, die Dinge

seien tatsächlich so geschehen, als hätten

sich die Verbrechen gegen dissidente

Bürger Russlands mit Sicherheit so abgespielt.

‹So oder ähnlich›, ist man jedoch

nach dem Lesen der (selbstverständlich

nicht autorisierten) Biografie Putins

überzeugt!

Wladimir Putin hat von nun an ein Gesicht.»

Der Mann ohne Gesicht

Masha Gessen

384 Seiten

CHF 36.90

Piper


8 | NOTIZEN Books Nr. 2/2013

Jahrestage

Quelle: Dieter Hildebrandt: Ödön von Horváth, Rowohlt 1975

75 Jahre ist es her, dass Ödön von Horváth

in Paris starb. Der österreichisch-ungarische

Schriftsteller befand sich auf der Flucht

vor den Nazis, als er am 1. Juni 1938 von

einem herabfallenden Ast erschlagen wurde.

Da war er gerade einmal 37 Jahre alt.

Seine sozialkritischen Werke waren zu diesem

Zeitpunkt verboten, wurden aber in

Exilverlagen weiterhin veröffentlicht. Sein

bekanntester Roman ist wohl «Jugend ohne

Gott», der die Lieblosigkeit von Jugendlichen

in Nazideutschland anprangert. Zeitlebens

galt von Horváth aber vor allem als

grosser Theaterautor, etwa dank seiner

noch heute oft gespielten Dramen «Geschichten

aus dem Wiener Wald», «Glaube

Liebe Hoffnung» und «Kasimir und Karoline».

Pflichtlektüre nicht nur für Schüler!

Am 2. Juli jährt sich

der Todestag von Lisa

Tetzner zum 50. Mal.

Es gibt nicht viele Jugendbücher,

die so eindrücklich

sind wie ihr

Roman «Die schwarzen

Brüder». Dass das

1940 verfasste Buch

das Schicksal von Tessiner

Buben beschreibt, die als Kaminfeger

nach Italien verdingt wurden, ist kein Zufall:

Die Deutsche flüchtete 1933 vor den Nazis

nach Carona bei Lugano, zusammen mit

ihrem Mann Kurt Kläber. Das Paar lebte dort

in der Nachbarschaft von Hermann Hesse

und zuweilen mit Bert Brecht zusammen.

Tetzners Mann war übrigens auch kein Unbekannter:

Er nannte sich Kurt Held und

verfasste «Die rote Zora und ihre Bande».

«Die schwarzen Brüder» war denn auch ein

Gemeinschaftswerk des Paars, wegen der

Verfolgung von Kläber durch die Nazis

erschien es aber nur unter Lisa Tetzners

Namen.

Mit Oliver Sacks wird am 9. Juli einer der

bekanntesten Sachbuch-Autoren der Welt

80-jährig. Seit Jahrzehnten begeistert der

britische Neurologe mit seinen Beschreibungen

komplexer psychischer Krankheiten.

Weltberühmt machte ihn das Buch

«Awakenings» über Menschen, die vorübergehend

aus der Schlafkrankheit aufwachen

und sich des Lebens erfreuen – es diente gar

als Vorlage für einen Film mit Robert de Niro

als Patient und Robin Williams als Dr. Sacks.

In anderen Büchern beschäftigte sich Sacks

mit dem Tourette-Syndrom, mit Autismus

oder Gehörlosigkeit. Dabei gelang ihm stets

das Kunststück, blendend zu unterhalten

und Fallbeispiele mit viel Empathie, aber

ohne Kitsch darzustellen. In seinem neuen,

bei Rowohlt erschienenen

und

ebenfalls sehr lesenswerten

Werk

«Drachen, Doppelgänger

und Dämonen»

geht es um

Halluzinationen.

Am 14. August

jährt sich der Todestag

des Rennfahrers

und Rennautobauers

Enzo

Ferrari zum 25.

Mal. Was das mit

chern zu tun

hat? Der Jahrestag

bietet eine gute Gelegenheit, um auf eine

originelle Neuerscheinung aufmerksam zu

machen: «Nachdenkliche Rennfahrer»,

zusammengestellt vom Journalisten Max

Küng und erschienen bei der Edition Patrick

Frey. Das schmale Buch zeigt Fotos von –

Überraschung! – nachdenklichen Rennfahrern.

Diese Abenteurer haben ja auch viel

Grund zum Grübeln, denn sie schweben

ständig in Todesgefahr und werden oft genug

auch tatsächlich mit dem Tod konfrontiert.

Ein Buch nicht nur für Leute, die wissen,

wer Enzo Ferrari war.

Ein Abenteurer, der dem Tod ebenfalls gern

hin und wieder ins Auge blickte, war auch

T.E. Lawrence. Am 16. August ist es 125

Jahre her, dass er geboren wurde. Sein Leben

liest sich wie ein einziger Roman: Er

war Archäologe, Geheimagent und briti-

scher Offizier. Als solcher beteiligte er sich

im Ersten Weltkrieg am Aufstand der Araber

gegen das osmanische Reich – und wurde so

zu Lawrence von Arabien. Seine Erlebnisse

in Arabien beschrieb er im Bericht «Die sieben

Säulen der Weisheit», der heute zur

Weltliteratur zählt und von Ullstein als Taschenbuch

angeboten wird.

Und zum Schluss noch zwei Geburtstage für

alle Comicfans: Im Juni 1938, also vor genau

75 Jahren, wurde erstmals eine Geschichte

über Superman veröffentlicht – das war

auch die Geburtsstunde eines neuen Comicgenres,

nämlich der Superheldengeschichten.

Batman, Spiderman, Hulk, Iron Man

und wie sie alle heissen, sie sind durchwegs

im Sog des Riesenerfolgs um den «Stählernen»

entstanden, der inkognito als der tapsige

Reporter Clark Kent arbeitet und im

Notfall zu einem fliegenden und mit unglaublichen

Kräften ausgestatteten Helden

mutiert. Superman zählt zu den Figuren mit

dem weltweit höchsten Wiedererkennungswert,

und längst gibt es die legendäre Schöpfung

der beiden Teenager Jerry Siegel und

Joe Shuster in unzähligen Varianten. Für

Erstleser empfehlen wir hier die Comics, die

bei Fischer KJB erscheinen; die etwas älteren

bzw. ewigjungen Leser dürften an der

Neuerscheinung «Der letzte Sohn» von Panini

Manga und Comics ihre helle Freude

haben.

Erwachsene Comicfans

haben ebenfalls

Grund zum Feiern:

Robert Crumb wird

am 30. August 70

Jahre alt. Er begann

als Underground-

Zeichner zur Flower-Power-Zeit;

seine

bekannteste Figur

Fritz the Cat begeisterte

als drogensüchtiger

Faulpelz die Hippies und erschreckte

das Establishment. Viele seiner

Comics gelten als sexistisch und pornografisch,

aber Crumb kann auch anders: Seine

Comic-Interpretation des ersten Buch Mose,

erschienen als «Genesis» in der Bibliothek

der Süddeutschen Zeitung, gilt als Meisterwerk.


Alle Bücher finden Sie auch auf NOTIZEN | 9

... und ausserdem

Auch wenn die meisten Bücherfreunde

kluge Leute sind und daher

naturgemäss im Zuge reisen,

kennen sie wohl ebenso die Freude

am Fahren: im Auto gemütlich

durch den Périgord schaukeln, wo

Martin Walkers Romane spielen

(mehr dazu rechts), oder auf vier

Rädern die südsizilianische Welt

von Commissario Montalbano erkunden.

Für sie gibt es jetzt mit

Wettbewerbs-Gewinner

In der letzten Ausgabe von «Books» verlosten wir unter den Teilnehmenden unseres

Kreuzworträtsel-Wettbewerbs drei Büchergutscheine. Gewonnen haben:

1. Preis: Margrit Kloter, Dietlikon

2. Preis: Christa Montoya, Zürich

3. Preis: Marco Heiniger, Zürich

Herzliche Gratulation!

«The Joy of Driving» auch die ideale

Ablage für all die kleinen Dinge,

die im Auto herumliegen – das

Handy, die Reisedokumente oder

die Taschentücher. Natürlich lassen

sich mit dem Geheimfach-

Buch auch ein paar Goldbarren

oder ähnliches diskret im Büchergestell

verwahren.

Geheimfach-Buch

CHF 29.90

Das Lösungswort lautete übrigens «Wortschoepfungen». Die Gewinnerinnen und Gewinner

der Preise 4 bis 10 werden schriftlich benachrichtigt. Das aktuelle Kreuzworträtsel

finden Sie in dieser Ausgabe auf Seite 48.

Der schottische Historiker und

Schriftsteller Martin Walker ist

in das französische Périgord

verliebt – deshalb hat er seine

Krimis um den Chef de Police

Bruno Courrèges in dieser Region

angesiedelt. Die spannenden

Geschichten im ländlichen Ambiente

kommen gut an: Walker zählt

zu den heute erfolgreichsten

Krimiautoren, bislang gingen

allein auf Deutsch über 700’000

Bruno-Romane über die Ladentische.

Jetzt liegt der fünfte Band

der Serie vor: «Femme fatale»,

erschienen bei Diogenes. Der neue

Fall ist der vielleicht bisher beste,

denn Walker hat einige seiner

früheren Laster überwunden:

Allzu selbstverliebte Ausschweifungen

haben einer präzisen

Sprache Platz gemacht, es gibt

kaum noch langfädige Beschreibungen

regionaler Rezepte, mit

denen Walker seinen Helden

– und damit auch sich selber – als

grossen Connaisseur ausweisen

wollte. Bruno hat allerdings auch

kaum Zeit, in fremde Kochtöpfe

zu schielen, denn das neueste

Verbrechen in seiner Gemeinde

St-Denis hält ihn auf Trab: Eine

wunderschöne nackte Frau liegt

tot auf einem alten Kahn – inmitten

obskurer Gegenstände …


10 | Reportage Books Nr. 2/2013

Verbindung über

Raum und Zeit

Die türkische Autorin Elif Shafak verwebt in «Die vierzig Geheimnisse

der Liebe» das amerikanische Vorstadtleben auf faszinierende

Weise mit der Mystik des mittelalterlichen Orients.

Benjamin Gygax

Goekhan Celem

Eigentlich müsste Ella Rubinstein glücklich

sein: Sie hat drei Kinder, einen gut verdienenden

Zahnarzt zum Mann und ein schönes

viktorianisches Haus in Massachusetts.

«An erster Stelle auf Ellas

Prioritätenliste standen ihre Kinder», beschreibt

Elif Shafak ihre Protagonistin.

«David und sie hatten eine wunderschöne

Tochter, Jeannette, die aufs College ging,

und Zwillinge im Teenageralter, Orly und

Avi. Außerdem hatten sie einen zwölf Jahre

alten Golden Retriever namens Spirit,

der Ella schon als Welpe auf ihrer morgendlichen

Runde begleitet hatte, ein stets

aufmunternder Gefährte an ihrer Seite.»

Dennoch: Ella ist nicht glücklich. Ja sie ist

noch nicht einmal zufrieden. Als sie von

ihrem Mann zum Valentinstag einen Diamantanhänger

geschenkt erhält und die

Widmung liest, ist sie erschüttert: «Ella

hatte es David nie gesagt, aber als sie die

Karte las, hatte sie das Gefühl, einen Nachruf

zu lesen.» Und als wäre das nicht genug,

brüskiert sie gleichzeitig auch noch

ihre 19-jährige Tochter. Als diese nämlich

verkündet, sie wolle ihren Freund heiraten,

kann Ella ihre mütterlichen Befürchtungen

nicht für sich behalten und interveniert,

indem sie den Freund der Tochter

anruft und von den Hochzeitsplänen abzubringen

versucht. Dass diese Einmischung

nicht den gewünschten Erfolg haben wird,

weiss sie eigentlich selbst, doch sie glaubt,

den Lauf der Dinge kontrollieren zu müssen.

Liebe als Weg und Ziel

David versucht, Ella inmitten ihres Scherbenhaufens

eine neue Aufgabe zu verschaffen.

Er vermittelt ihr eine kleine Arbeit

für eine Bostoner Literaturagentur. Die

diplomierte Anglistin soll ein eingesandtes

Manuskript begutachten. Etwas lustlos

und von Selbstzweifeln gehemmt, beginnt

Ella mit Lesen: «Sie fühlte sich leer, geradezu

ermüdet von allem, was in ihrem Kopf

umherwirbelte. Die Kreditkartenzahlungen

für diesen Monat, Orlys schlimme Essgewohnheiten,

Avis schlechte Noten, Tante

Esther mit ihren traurigen Kuchen, die

schwindende Gesundheit ihres Hundes

Spirit, Jeannettes Heiratspläne, die heimlichen

Affären ihres Mannes, die fehlende

Liebe in ihrem Leben ... Einen nach dem

anderen sperrte sie ihre Gedanken in kleine

Schachteln ein. In dieser Stimmung

nahm sie das Manuskript aus dem Umschlag

und hielt es einen Moment in den

Händen, wie um es zu wiegen. Auf dem

ersten Blatt stand in indigoblauer Schrift

der Titel des Romans: ‹Süsse Blasphemie›.»

Dieser Roman eines geheimnisvollen

Schriftstellers mit Namen A.Z. Zahara

wird den weiteren Fortgang von Ellas Leben

verändern. Schon im Prolog lässt uns

die Autorin Elif Shafak wissen, wie die Geschichte

ausgehen wird: «Für Ella bedeutete

es schon eine gewaltige Anstrengung,

auch nur ihre gewohnte Kaffeemarke zu

wechseln. Weshalb sich niemand, auch sie

selbst nicht, erklären konnte, warum sie im

Herbst 2008 nach zwanzig Jahren Ehe die

Scheidung einreichte.»

Süsse Blasphemie

Elif Shafak lässt uns nicht nur in einem

Entwicklungsroman an den letzten fünf

Monaten von Ellas festgefahrenem Eheleben

teilhaben, sondern auch tief in eine

Geschichte aus dem 13. Jahrhundert eintauchen.

Die Autorin hat nämlich Ellas Geschichte

mit den Kapiteln aus «Süsse Blasphemie»

zu einer Collage montiert. Jedes

Kapitel von «Die vierzig Geheimnisse der

Elif Shafak

Die 42-jährige Elif Shafak ist neben Orhan

Pamuk die meistgelesene türkische

Autorin. Sie studierte Internationale Beziehungen

in Ankara und publizierte ihren

ersten Roman 1997. Weltweit erlangte

sie 2006 Bekanntheit, als sie in der Türkei

wegen «Herabwürdigung des Türkentum

angeklagt wurde. Sie hatte eine Figur aus

ihrem Roman «Der Bastard von Istanbul»

sagen lassen: «Ich stamme aus einer Familie,

deren gesamte Verwandtschaft 1915

von den Türken abgeschlachtet worden

ist, ich habe gelernt, meine Herkunft zu

verleugnen, und mir wurde beigebracht,

dass es keinen Völkermord gegeben hat.»

Aus Mangel an Beweisen wurde sie freigesprochen.

Nach 2006 lehrte sie an der Abteilung

für Nahost-Studien der University

of Arizona in Tucson, zurzeit forscht sie

an der Kingston Universität London. Elif

Shafak ist mit dem Journalisten Eyüp Can

Sağlık verheiratet und wohnt in London

und Istanbul. Das Paar hat eine Tochter

und einen Sohn.


Alle Bücher finden Sie auch auf Reportage | 11


12 | Reportage Books Nr. 2/2013

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Der Sufismus bringe einen dazu, mit dem Herzen zu denken, sagt Elif Shafak.

Liebe» ist mit dem Namen einer Person

überschrieben und aus deren Sicht erzählt.

Der fiktive historische Roman Zaharas erzählt

von der Begegnung des armen Wanderderwischs

Schams-e Tabrizi mit dem

persischen Gelehrten und Dichter Dschalal

ad-Din Rumi um 1244 in der anatolischen

Stadt Konya. Damals litt diese Weltregion

unter den Kreuzzügen, dem Einfall der

Mongolen unter Dschingis Khan und inneren

Konflikten. In einem Essay zu ihrem

Roman erklärt die Autorin: «In einer Zeit

tief verwurzelter Bigotterie und von Konflikten

standen Schams und Rumi ein für

eine universelle Spiritualität und öffneten

ihre Tür für Menschen jeder Herkunft gleichermassen.

Sie sprachen von Liebe als

Essenz des Lebens; Liebe, die über Länder,

Kulturen und Städte verband.»

Eine innige Beziehung

Nicht nur die harten Lebensumstände sind

historisch verbürgt, sondern auch die Personen

des Romans. Der Sufi Schams existierte

tatsächlich; der Wanderprediger

wurde «Sonne des Glaubens von Tabriz»

genannt, und er begegnete Rumi auch in

der Wirklichkeit. Die innige spirituelle Verbindung

der beiden stiess auf Unverständnis

oder Eifersucht, und die kompromisslose

Ehrlichkeit von Schams schuf ihm

viele Gegner – so, wie es Elif Shafak beschreibt.

1246 verschwand der mittellose

Wanderprediger aus Konya und kehrte

noch einmal kurz zurück, bevor sich 1247

seine Spur ganz verlor. Ob Schams wirklich

umgebracht wurde, ist unklar, doch es

wird allgemein angenommen. Bis heute ist

das Grab Schams im iranischen Khoy ein

viel besuchtes Monument. Noch bekannter

ist sein Schüler Rumi, der auch den Namen

Maulana – «unser Meister» – trägt. Seine

Verehrung verdankt der Dichter vor allem

den während 30 Jahren gesammelten Versen

aus «Der Diwan von Shams-e Tabrizi»,

mit denen er nach dem Verlust seines

Freundes seine grosse Trauer ausdrückte.

Am bekanntesten sind aber seine Sammlung

von Lebensweisheiten, die er in poetischen

Vierzeilern festhielt.

Der Weg der Sufis

Elif Shafak kam 1971 in Strassburg zur

Welt und wuchs unter anderem in Madrid,

Amman und Köln auf. Die Tochter einer

Diplomatin schrieb in einem Essay zur Geschichte

hinter «Die vierzig Geheimnisse

der Liebe»: «Ich war ein Einzelkind und

wurde von einer alleinerziehenden, arbeitenden

Mutter aufgezogen, die nicht viel

Zeit mit mir verbringen konnte.» Wie

kommt eine junge Frau aus einer so kosmopolitischen,

säkularen und gebildeten

Welt dazu, sich mit islamischer Mystik zu

beschäftigen? Die Gegenwelt lernte die Autorin

als Mädchen bei ihrer Grossmutter


Alle Bücher finden Sie auch auf Reportage | 13

kennen. Sie schreibt: «Weil ich einen Teil

meiner Kindheit bei meiner liebevollen

Grossmutter mit ihrem Aberglauben verbrachte,

war mir klar, dass die Welt nicht

ausschliesslich aus materiellen Dingen bestand,

dass am Leben mehr dran war, als

ich sehen konnte.» Und weil sie Bücher

liebte und gern in ihren eigenen Geschichten

lebte, begann ihr Interesse am Sufismus

mit Büchern: «Ich begann aus intellektueller

Neugierde darüber zu lesen, ein

Buch führte zumchsten ... Und je mehr

ich las, desto mehr verlernte ich, denn das

ist es, was der Sufismus mit uns macht: Er

führt uns dazu, das zu tilgen, was wir wissen

und dessen wir sicher sind. Danach

denken wir noch einmal nach – diesmal

nicht mit dem Verstand, sondern mit dem

Herzen.» Ihre Auseinandersetzung mit

dem Sufismus hat Elif Shafak in jene vierzig

Regeln der Liebe gegossen, die dem

Roman seinen Namen geben. Schams offenbart

sie im Buch nach und nach in seinen

Begegnungen mit den unterschiedlichsten

Menschen. Beim Lesen kann man

sich den Spass machen, die Regeln zu sammeln.

Und wer das nicht selbst tun will,

kann sich auf einen Leser verlassen, der

die Arbeit übernommen hat: Auf der Webseite

wilfried-ehrmann2.blogspot.ch werden

die Regeln kommentiert.

Der mystische Islam

der Sufis

Sufismus ist eine Sammelbezeichnung für

Strömungen im Islam, die ein asketisches

Leben und den mystisch-spirituellen Kern

der Religion suchen, einen «inneren Sinn»

des Korans. Sufis, oder auf Persisch

Derwische, verstehen ihre Religion als

Weg zu Gott und zur Wahrheit durch

Liebe und Hingabe. Besonders interessieren

sie sich deshalb für jene Suren, die von

der individuellen Beziehung des Gläubigen

zu Gott handeln. Dem Tanz kommt eine

wichtige Rolle zum Erlangen religiöser

Ekstase zu, so zum Beispiel beim

türkischen Mevlevi-Orden und seiner

Sema, dem Kreistanz in Trance.

Der Sufismus prägte nicht nur den Islam,

sondern auch die westliche Welt – erstmals

bereits im Mittelalter, als er die

Vorstellungen von romantischer Liebe und

Ritterlichkeit beeinflusste. Seit der Mitte

des 20. Jahrhunderts löst sich der Sufismus

teilweise ganz vom Islam und zieht

Sinnsuchende aus aller Welt an.

Spannung

vom Feinsten

Klappenbroschur. 368 Seiten


Weitere Bücher von

Elif Shafak


Spiegel der Stadt

(2004)

365 Seiten

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Literaturca

Die jüdische Familie Pereira

gerät im 17. Jahrhundert in die Fänge der

Inquisition, doch zwei Familienmitgliedern

gelingt die Flucht nach Istanbul, wo Moslems,

Christen und Juden nebeneinander

leben.

Ein autobiographischer Bericht von

Elif Shafak:

Als Mutter bin ich

nicht genug (2010)

352 Seiten

CHF 27.90

Egmont

Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt

Klappenbroschur. 416 Seiten

Die vierzig

Geheimnisse der Liebe

503 Seiten

CHF 31.90

Kein & Aber

Eine Frau trägt einen ganzen Harem in sich:

Mit subtilem Witz und berührender Offenheit

erzählt Shafak von der Schwierigkeit,

als Frau allen Rollen gerecht zu werden.

Nach der Geburt ihres Kindes verliert sie

ihr inneres Gleichgewicht und fällt in eine

Depression.

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14 | Erotische Literatur Books Nr. 2/2013

Es muss nicht

immer

« Shades » sein

Der durchschlagende Erfolg von «Shades of Grey» hat ein Genre wieder belebt:

die erotische Literatur, in der es um Dominanz und Unterwerfung geht. Dieses Genre

ist alt und bietet unzählige Höhepunkte.

Marius Leutenegger


Alle Bücher finden Sie auch auf Erotische Literatur | 15

Zeichnete man einen Stammbaum der Unterwerfungsliteratur,

wäre «Venus im

Pelz» wohl die Grossmutter von «Shades of

Grey» – und vielleicht gar die Stammmutter

des gesamten Genres. Das schmale

Bändchen erschien 1870 und wurde von

Leopold von Sacher-Masoch verfasst. Der

österreichische Autor ist als Namensgeber

in die Geschichte eingegangen – nicht der

süssen Sachertorte, sondern des viel pikanteren

Masochismus’. Zu Lebzeiten war

Sacher-Masoch ein international gefeierter

Autor und hochgeachteter Universitätsprofessor;

ihn überlebt hat aber eigentlich

nur «Venus im Pelz». Darin erzählt er die

Geschichte von Severin, der sich leidenschaftlich

in die junge Witwe Wanda verliebt.

Sie kann sich nicht recht dazu durchringen,

ihn zu heiraten, denn sie weiss, wie

unbeständig Gefühle sind. Severin schlägt

Wanda vor, ihn als Sklaven zu akzeptieren,

den sie jederzeit nach Belieben demütigen

darf – denn er meint, dass seine Liebe zu

ihr dann immer grösser werde, frei nach

dem Grundsatz: Was man nicht wirklich

besitzen kann, begehrt man umso stärker.

Wanda zögert; sie weiss, ein solches Arrangement

könnte ihre schlimmsten, bislang

unterdrückten Eigenschaften wecken.

Schliesslich aber willigt sie ein. Sie quält

ihren Sklaven fortan psychisch und physisch,

gibt sich ihm aber auch liebevoll hin.

Dass Wanda andere Liebhaber hat, treibt

Severin schier in den Selbstmord, er kann

sich von seiner Herrin aber nicht lösen –

bis sie bewusst zu weit geht und ihn von

einem ihrer Liebhaber auspeitschen lässt.

Severin ist von seiner Obsession geheilt

und nimmt wieder sein früheres Leben an.

Von Peitschen und Stiefeln

Interessant ist, dass «Venus im Pelz» nachträglich

fast zur Autobiographie von Sacher-Masoch

wurde: 1873 heiratete der

Autor eine junge Angelika, die sich wegen

des Buchs in Wanda umbenannte. Mit ihr

schloss Sacher-Masoch einen Sklavenvertrag

ab, und wie die fiktive Wanda hielt es

auch die echte am Ende nicht neben ihrem

Sklaven aus. Doch zurück zu «Venus im

Pelz». Das Buch enthält bereits viele Genre-typische

Ingredienzien. Uniformen,

Peitschen, Stiefel, Pelze und nächtliche

Aussschweifungen kommen ebenso vor

wie das Hin und Her zwischen Erniedrigung

und Zärtlichkeit. Doch das Buch erschien

in einer Zeit, in der es Zensur gab,

und es beschränkt sich daher auf Andeutungen.

Wer «gewisse Stellen» sucht, kann

lange blättern – es gibt sie kaum, erregend

ist allenfalls der Unterton der Geschichte.

Die Dialoge des Buchs, das derzeit von Roman

Polanski verfilmt wird, sind feinsinnig;

Sacher-Masoch bedient sich gern bei

der Hochkultur, um die Vorliebe seines

Helden – und damit auch seine eigene – zu

begründen, er zitiert fortlaufend Goethe

oder antike Autoren. «Venus im Pelz» ist

daher eher Literatur für den feinsinnigen

Kenner als Pornografie, die bekanntlich

nur auf eines abzielt: die Lesenden sexuell

zu erregen.

«Mein Körper

hatte nicht mit mir

zu tun. Er war ein

Köder, ein Mittel –

so zu benutzen, wie

er es entschied, mit

dem Ziel, uns beide

zu erregen.»

«9 ½ Wochen»

Die Hure mit den Rehaugen

Dass auch die Österreicher der vordergründig

prüden Habsburgerzeit keineswegs

auf solche Werke verzichten mussten,

beweist der 1906 erschienene Roman

«Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte

einer Wienerischen Dirne. Von ihr selbst

erzählt.» Auf dem Stammbaum jener Literatur,

um die es hier geht, würde dieses

Buch wohl die Position einer etwas verqueren

Tante einnehmen. Der Titel verspricht

Autobiografisches, doch eine Josefine

Mutzenbacher ist nicht aktenkundig.

Schon bei der Erstveröffentlichung des

Buchs wurde daher munter über dessen

Urheberschaft spekuliert. Am häufigsten

fiel damals der Name Felix Salten. Der österreichische

Autor gilt generell nicht gerade

als Pornograf, denn er schrieb vor allem

über Häschen und Rehe – sein wichtigstes

Werk ist «Bambi», die Vorlage für den berühmten

Disney-Film. Die Tatsache, dass

sich Salten nie gegen die Zuschreibung des

Mutzenbacher-Romans wehrte, macht ihn

allerdings schon sehr verdächtig, denn er

hätte allen Grund gehabt, sich von ihm zu

distanzieren: Das Buch wurde schnell als

jugendgefährdend und unsittlich verfemt,

und noch 1992 stuften es deutsche Richter

als «Kinderpornografie» ein.


16 | Erotische Literatur Books Nr. 2/2013

«‹Du willst also

durchaus gepeitscht

werden?›,

rief sie, indem

sie den Kopf in

den Nacken warf.

‹Ja.›»

«Venus im Pelz»

«Gewisse Stellen»

Man kann lächeln über das steife Beamtendeutsch,

in dem das damalige Urteil

verfasst wurde – im entscheidenden Punkt

muss man den Richtern aber Recht geben:

Der Dauerbrenner «Josefine Mutzenbacher»

IST Kinderpornografie. Das Buch

erzählt nämlich, wie Josefine ihre Sexualität

entdeckt und auszuleben beginnt. Am

Ende des ersten Bands ist sie 14 Jahre alt.

«Pepi» wird schon als Fünfjährige missbraucht

und kann darüber nur lustvoll lächeln,

sie hat inzestuöse Beziehungen und

gibt sich freudig jedem hier, der sich mit

ihr vergnügen will. Anders als bei Sacher-

Masoch sind hier die «gewissen Stellen»

die absolute Hauptsache. Meist leiten nur

zwei, drei Sätze von einem feurigen Abenteuer

zumchsten über. Wenn Wikipedia

schreibt, hier werde auch «ein Sittenbild

des Wiener Proletariats im ausgehenden

19. Jahrhunderts präsentiert», ist das eine

wohlwollende Übertreibung. Die Sprache

ist zwar tatsächlich von anno dazumal, alles

in allem bleibt «Josefine Mutzenbacher»

aber Pornografie in reinster Form.

Immerhin aber eine fröhliche – hier hat

jemand beim Schreiben offenbar viel Spass

gehabt und sich einer beneidenswerten

Fantasie bedienen können.

«Sie» und «Er»

Ist «Venus im Pelz» die Grossmutter von

«Shades of Grey», dann muss man den

1978 erschienenen Roman «9 ½ Wochen

– Erinnerungen an eine Liebesaffäre» von

Elizabeth McNeill als dessen Mutter bezeichnen.

Das Buch hat bereits viele Ähnlichkeiten

mit den aktuellen Titeln der Unterwerfungsliteratur:

Es ist in der Ich-Form

aus Sicht der Frau erzählt, es spielt in der

Grossstadt, die männliche Hauptfigur ist

ein stinkreicher und knallharter Geschäftsmann.

Die Erzählerin unterwirft sich dem

Mann mehr und mehr – bis zur völligen

Selbstaufgabe. Ihr Leben teilt sich bald in

einen beruflichen Alltag, in dem sie sehr

erfolgreich ist, und in das vorwiegend sexuell

geprägte Leben mit dem ungenannt

bleibenden «Ihm», in dem sie fast immer

gefesselt bleibt – an den Tisch, ans Bett, mit

Handschellen im Bad. Er macht sie komplett

von ihr abhängig, bestimmt ihr Programm,

füttert sie, wäscht sie, kämmt ihr

die Haare, liest ihr aus der Zeitung vor –

und sie ist einfach wahnsinnig verliebt in

diesen weltgewandten, sowohl dominanten

wie mütterlichen Kerl. Doch wie so oft

kann der Erregungspegel nur hoch bleiben,

wenn ständig die Dosis der Demütigungen

erhöht wird. Schliesslich bricht die

Ich-Erzählerin zusammen, muss ins Krankenhaus

– und löst sich von ihrem Dominator.

Der Befreiungsschlag ist aber auch ein

Verlust: «Es ist jetzt schon Jahre her, und

manchmal frage ich mich, ob mein Körper

je wieder anders reagieren wird als lau»,

lautet der letzte Satz des kurzen Romans.

Glaubwürdige Darstellung des

Abdriftens

Als «9 ½ Wochen» erschien, schlug der

Roman wie eine Bombe ein – das Interesse

an Unterwerfungsliteratur verläuft wellenförmig

und wird offenbar immer wieder

von einzelnen Werken ausgelöst, die genau

den Nerv der Zeit treffen. Die Welle

schwappte damals auch ins Kino, denn «9

½ Wochen» wurde mit Kim Basinger und

Mickey Rourke in den Hauptrollen verfilmt.

Heute können sich die meisten wohl nur an

den erfolgreichen Film erinnern, das Buch

ist aber weiterhin erhältlich. Und es ist eigentlich

unverständlich, dass es nicht eine

grössere Verbreitung gefunden hat, denn

es ist über weite Stellen faszinierend. Über

«Seine Stimme

klang kultiviert

und samtig, mit

einem gewissen

rauen Unterton,

der mich sofort an

Sex denken liess.

An aussergewöhnlichen

Sex.»

«Crossfire»

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Alle Bücher finden Sie auch auf Erotische Literatur | 17

die Autorin lässt sich heute kaum noch etwas

herausfinden, aber man darf annehmen,

dass sie hier ihre eigene Geschichte

erzählt – derart eindringlich und glaubwürdig

wird die Transformation einer humorvollen

Erfolgsfrau zum flehenden Sex-

Spielzeug beschrieben. Hier kann man

besser als bei Sacher-Masoch nachvollziehen,

wie sich eine sexuelle Abhängigkeit

entwickelt. Und anders als bei «Josefine

Mutzenbacher» sind die sexuellen Passagen

nicht Selbstzweck, sondern Teil der

Entwicklungsgeschichte.

Von der Fanfiction zum Welterfolg

Machen wir nun aber den Sprung in die

Gegenwart. «Schuld» an der neuesten Erfolgswelle

der Unterwerfungsliteratur ist

bekanntlich die 2011 und 2012 erschienene

Romantrilogie «Shades of Grey». Die

britische Autorin E.L. James verfasste zuchst

eine sogenannte Fanfiction zu den

«Biss»-Büchern von Stephenie Meyer; sie

verwickelte deren Protagonisten Edward

Cullen und Bella Swan in eine Geschichte

voller Lustschmerz und spielerischer Bestrafung.

Das kam bei den «Biss»-Fans

nicht nur gut an, deshalb arbeitete die heute

50-jährige ehemalige Fernsehproduzentin

ihren Text um – die Hauptfiguren hiessen

nun Anastasia Steele und Christian

Grey – und veröffentlichte ihn auf ihrer eigenen

Website. Dann wurde er als eBook

und schliesslich als Taschenbuch zum

Welterfolg: Bislang wurden 70 Millionen

Exemplare der Trilogie verkauft. Das

«Time»-Magazin kürte E.L. James 2012 zu

den 100 einflussreichsten Menschen der

Welt, und bezüglich der Welt der Unterhaltung

stimmt diese Einschätzung auf jeden

Fall: «Shades of Grey» hat unzählige Trittbrettfahrer

motiviert, ähnliche Bücher auf

den Markt zu werfen. Die Parallelen der

Epigonen zum Original sind dabei auffallend:

Fast alle richten sich an die gleiche

Zielgruppe – urbane Frauen –, haben eine

weibliche Urheberschaft und zeigen, dass

eine klug agierende Frau vom ihrem dominanten

Liebhaber am Ende nicht nur «süssen

Schmerz», sondern auch wahre Liebe

geschenkt erhält.

«Ein Seufzen entfährt

mir, bevor ich

es zurückhalten

kann.»

«Colours of Love – Entblösst»

Verklemmt statt wild

Über den Qualitätsbegriff lässt sich so gut

streiten wie über Geschmack, und auch

«Shades of Grey» wurde von vielen in die

Pfanne gehauen. Die englischsprachige

Kritik bezeichnete die Trilogie als «Mummy

Porn» – als Pornografie für Hausmütterchen.

In diese Schublade gehören auch

einige der Epigonen. Es ist jedenfalls erstaunlich,

wie bieder manche der klar pornografischen

cher wirken. Geht es zur

Sache, wirkt die Atmosphäre oftmals eigenartig

verklemmt und aseptisch. Im hervorragenden

Film «Sophie’s Choice» mit

Meryl Streep gibt es die Figur eines Bürgertöchterleins,

das lernen muss, schmutzige

Wörter in den Mund zu nehmen – und

aus ihrem Mund klingen diese dann eben

besonders befangen. So kommt es einem

auch bei vielen Neuerscheinungen vor: Die

Autorinnen beschreiben zwar mit deftigen

Ausdrücken, was ihre Hauptfiguren miteinander

anstellen, stellen aber sozusagen

nur Behauptungen von Lust auf; die Beschreibungen

bleiben so deutlich wie distanziert.

Es ist schwierig

Ein Beispiel dafür ist «Fire after dark» von

Sadie Matthews. Auch hier wird Hauptfigur

Beth ständig «fast in den Wahnsinn

getrieben vor Lust»; ein Klischee reiht sich

ans andere, der Maskenball ist ebenso unvermeidlich

wie der gefährliche russische

Oligarch. Doch die Sexszenen lassen wohl

nicht nur den Schreiber dieser Zeilen kalt

– gemäss dem Bonmot «Man spürt die Absicht

und ist verstimmt». Ähnliches lässt

sich auch über «Im Schatten der Lust» der

deutschen Autorin Sandra Henke sagen –

nur ist hier die Hauptfigur ausnahmsweise

nicht gertenschlank, sondern üppig. Als

männlicher Leser kann man deren Lebenspartner,

der auf ihre eher billigen Verführungsversuche

nicht mehr reagiert,

durchaus verstehen. Diese beiden weniger

geglückten Beispiele von erotischer Literatur

belegen am Ende vor allem, wie schwierig

es bleibt, eine gute Sexgeschichte zu

schreiben. Eine erotische Stimmung zu

«Mein Körper

hatte nicht mit mir

zu tun. Er war ein

Köder, ein Mittel –

so zu benutzen, wie

er es entschied, mit

dem Ziel, uns beide

zu erregen.»

«9 ½ Wochen»

schaffen, ist ja schon im wahren Leben, wo

einem ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung

stehen, nicht immer einfach – auf

dem Papier wird der Grat zwischen plump

und intensiv noch einmal schmaler.

Geduld bringt Lust

Mit Beschreibungen des Sexakts ist es jedenfalls

nicht getan – ohne eine sorgsam

aufgebaute erotische Stimmung, ohne

starke Charaktere bleibt alles an der Oberfläche

und wird am Ende langweilig. Die

Autoren und Autorinnen sind daher gut

beraten, nicht gleich mit der Tür ins Haus

zu fallen. Hervorragend gelingt das zum

Beispiel dem anonymen Autoren-Duo, das

unter dem Namen Vina Jackson die Serie


18 | Erotische Literatur Books Nr. 2/2013

«Kaum hatten die

Mädchen das Lehrerzimmer

verlassen,

als er mich auf

das Podium rief.»

«Josefine Mutzenbacher»

«80 Days» verfasst. Der erste Band «80

Days – Die Farbe der Lust» beginnt mit

dem Satz «Schuld war Vivaldi» – und einer

komplett unerotischen Begegnung der

Hauptfigur Summer mit ihrem Freund.

Das Begehren Summers nach einem anderen

Leben ist fast mit Händen zu greifen,

doch das Autorenduo versteht es, das verbale

Vorspiel gekonnt auszudehnen und

aufzubauen. Lange gibt es nur Sehnsucht

und unerfüllte Lust, man lernt die Protagonistin

kennen und verstehen – und beginnt,

mit ihr der Erlösung entgegenzufiebern.

Lustig ist lustvoll

Ähnliche Qualitäten bietet «Crossfire» von

Sylvia Day. Die Serie gilt gemeinhin als

weiterer Epigone von «Shades of Grey», ist

das aber nicht, denn sie entstand gleichzeitig

wie die Trilogie von E.L. James. Auf

Englisch verkaufte sich das Buch etwa fünf

Millionen Mal. In diesem Frühjahr ist es in

38 weiteren Sprachen erschienen, darunter

auch auf Deutsch. Der grosse Erfolg ist

verständlich, denn «Crossfire» hat etwas,

was vielen anderen Neuerscheinungen des

Genres abgeht: Humor. Natürlich beschreibt

auch Sylvia Day alle Protagonisten

als superschöne, dauererregte Sexgötter,

die genau wissen, mit welchen Knöpfen sie

das Gegenüber in Sekundenschnelle anwerfen

können – aber sie überdreht die

entsprechenden Schräubchen zuweilen so

genüsslich, dass eine leise Ironie den Text

durchweht. Dabei geht es durchaus um

ernste Themen: Die beiden Hauptfiguren,

die hinreissende Eva und der – Überraschung!

– knallharte Milliardär Gideon

sind als Kinder beide missbraucht worden

und können ihre Sexualität jetzt nur noch

in den Kategorien von Dominanz und Unterwerfung

ausleben. Gemeinsam müssen

sie einen Weg zu einer gesunden, funktionierenden

Beziehung finden. Das alles liest

sich sehr flüssig, die Charaktere sind vielschichtig

und machen neugierig. Und bei

den wohldosiert eingestreuten Sexszenen

findet Sylvia Day sogar einige Beschreibungen,

die man so noch nicht gelesen hat

– und das ist wahrlich nicht einfach!

Wie den Spreu vom Weizen

trennen?

Die Verwandtschaft der neuen Unterwerfungs-

zur populären Bekenntnisliteratur

wie «Bridget Jones» ist gross. Die meisten

Hauptfiguren berichten aus der Ich-Perspektive

aus einem urban geprägten Alltag,

wir nehmen teil an ihren Gedankengängen

und erfahren, dass sie eigentlich überhaupt

nicht masochistisch veranlagt sind

und selber über die grosse Lust staunen,

die ihnen dominante Partner bereiten können.

Besonders deutlich wird dieser Aspekt

beim Roman «Colours of Love – Entblösst»

von Kathryn Taylor. Hier begleitet

die Hauptfigur ihren dominanten Geliebten

in einen «dieser Clubs», doch sie kann

sich anderen Männern nicht hingeben. Der

Geliebte versteht seine Herzensdame, verteidigt

sie mit Fäusten und entschliesst

sich, eine echte Beziehung mit ihr aufzubauen.

Die Gratwanderung zwischen verrucht

und brav gelingt hier vorzüglich, und

diese Gratwanderung macht wohl auch

den Erfolg der neuen Unterwerfungsliteratur

aus: Im Zentrum stehen nicht lasterhafte

Weiber, sondern gewöhnliche Frauen,

die sich trauen, ein paar Schritte aus der

Normalität zu machen. Das alles erhöht

das Identifikationspotenzial beträchtlich,

und wenn man die Sache nicht zu ernst

nimmt, können solche Bücher Spass machen.

Wie aber soll man bei den Hunderten

von Neuerscheinungen Spreu vom Weizen

trennen? Nun, die meisten neuen Titel erscheinen

als Taschenbücher oder als

eBooks und sind nicht teuer. Deshalb kann

man ohne grossen Verlust eine Art Speed-

Dating mit Büchern wagen: Man kauft

gleich ein paar Titel – und macht sich lustvoll

auf die Suche nach dem, das wirklich

zu einem passt.

Venus im Pelz

Leopold von Sacher-Masoch

281 Seiten

CHF 14.90

Insel Taschenbuch

Josephine Mutzenbacher

247 Seiten

CHF 11.60

Rowohlt

9 ½ Wochen

Elizabeth McNeill

160 Seiten

CHF 24.90

Marterpfahl

Fire after Dark – Dunkle

Sehnsucht

Sadie Matthews

375 Seiten

CHF 15.90

Fischer Taschenbuch

Im Schatten der Lust

Sandra Henke

239 Seiten

CHF 12.90

Heyne

80 Days –

Die Farbe der Lust

Vita Jackson

368 Seiten

CHF 19.90

carl’s books

Crossfire – Versuchung

Sylvia Day

413 Seiten

CHF 15.90

Heyne

Colours of Love – Entblösst

Kathryn Taylor

320 Seiten

CHF 16.90

Bastei-Lübbe


Alle Bücher finden Sie auch auf BUCHtipps | 19

Andrea Camilleri

Die Tage des

Zweifels

Derek B. Miller

Ein seltsamer

Ort zum

Sterben

Ina Haller

Tod im Aargau

Arne Dahl

Bussestunde

Im Fahrwasser einer Luxusjacht wird

ein namenloser Toter angespült.

Die mondäne Schiffskapitänin wirkt

ebenso mysteriös wie ihre Besatzung.

Aber das ist nicht der einzige Grund,

weshalb Commissario Montalbano

so häufig am Hafen von Vigàta

anzutreffen ist. Denn Salvo ist verliebt

– und zwar in Laura, die Chefin der

Hafenkommandatur. Doch wie soll

er ihr das sagen? Wie soll er es seiner

Livia beibringen? Darf er überhaupt

in Laura verliebt sein, oder ist sie nur

der emotionale Rettungsanker für

sein fortgeschrittenes Alter? Und wie

soll er hinter das Geheimnis des Toten

kommen, wenn alle Zeugen tun,

als wären sie stumm wie Fische?

Der 14. Teil der erfolgreichen Serie

um Commissario Montalbano.

Nach dem Tod seiner Frau ist der

82-jährige Sheldon Horowitz zu

seiner Enkelin nach Oslo gezogen – in

ein fremdes Land ohne Juden. Viel

Zeit, um über die Vergangenheit

nachzudenken. All die Erinnerungen.

All die Toten. Eines Tages hört Sheldon

aus dem Treppenhaus Krach: Er

öffnet die Tür, und in seiner Wohnung

steht eine Frau mit einem kleinen

Jungen. Kurze Zeit später ist die

Tür aufgebrochen, die Frau tot und

Sheldon mit dem Kind auf der Flucht

den Oslofjord hinauf. Was wollen die

Verfolger von dem Jungen? Sheldon

weiss es nicht. Aber er weiss: Sie werden

ihn nicht kriegen.

Ein humorvoller Thriller mit einem

Schuss Roadmovie und einer Portion

Lebenserinnerungen.

Nach der spektakulären Ermordung

eines Erfolgsautors muss sich die

Verlagsmitarbeiterin Andrina den

bohrenden Fragen der Polizei stellen.

Dann überschlagen sich die Ereignisse:

Andrina findet die Verlagsräume

verwüstet vor. Kurz darauf nimmt

sich eine der beiden Verlegerinnen

das Leben, und die Lektorin überlebt

nur knapp einen Mordanschlag. Nach

und nach erhärtet sich der Verdacht,

dass die schrecklichen Ereignisse mit

Andrina selbst zusammenhängen und

sie in akuter Gefahr schwebt. Doch

wer könnte einen Grund haben, sie

zu töten?

Spätsommer in Stockholm, Sonntagnachmittag

zwischen drei und vier:

In dieser scheinbar friedvollen Zeit

geschieht ein buchstäblich unsichtbares

Verbrechen. Der schiere Zufall

macht Lena Lindberg, ein Mitglied der

A-Gruppe, zur ahnungslosen Zeugin.

Während ihr Vorgesetzter Paul Hjelm

den undankbaren Auftrag erhält, den

verschwundenen Geheimdienstchef

zu finden, stösst die A-Gruppe auf

eine Serie sadistischer Morde an

jungen Frauen. Doch nicht allein die

Tatsache, dass auch Hjelms Tochter

Tora ins Visier des Täters gerät, ist

der Grund für die aussergewöhnlichen

Mittel, zu denen die A-Gruppe

greift ...

Der zehnte Fall für die legendäre

Stockholmer A-Gruppe: Arne Dahl

lässt Böses mit Bösem vergelten

und beschert seinen Lesern das

überraschende Finale seiner vielfach

preisgekrönten Serie.

251 Seiten

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ISBN 978-3-7857-2466-8

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ISBN 978-3-95451-076-4

ISBN 978-3-492-04969-6


20 | Neue Bildbände Books Nr. 2/2013

Schöner Lesen

Schöne Bücher findet man überall bei Orell Füssli – die allerschönsten gibt es aber bei

Krauthammer, der Abteilung für Kunst-, Architektur-, Design- und Fotobücher in der Filiale

Kramhof in Zürich. Abteilungsleiterin Mirjam Kühnis hat einige besonders eindrückliche

Neuerscheinungen herausgepickt.

Marius Leutenegger

«Zum Thema Wohnen findet man bei

Krauthammer eine grosse Auswahl an Büchern

zu jedem Stil und für jeden Geschmack.

‹Holly Beckers wunderbare

Wohnideen› finde ich besonders gelungen,

weil es nicht einfach geglückte Einrichtungen

zeigt, sondern eine konkrete Anleitung

gibt, wie man beim Einrichten vorgehen

kann. Ich gehöre auch zu denen, die beim

Einrichten nicht so recht wissen, wie sie

beginnen sollen, und mir erscheint dieses

Buch deshalb so schön wie nützlich. Die

US-Amerikanerin Holly Becker zeigt, wie

man sein Zuhause in acht Schritten – vom

Vorbereiten bis zum Dekorieren – neu gestalten

kann. Das Buch bietet viele nützliche

Tipps sowie wertvolle Listen und Fragebögen;

es unterstützt einen beim

Budgetieren und beim Finden des eigenen

Stils. Und natürlich wartet es auch mit vielen

tollen Einrichtungsbeispielen auf, die

von der Autorin kompetent kommentiert

werden.»

Holly Beckers wunderbare

Wohnideen

Holly Becker

207 Seiten

CHF 39.90

Callwey

Holly Becker erklärt einem minutiös, wie man sein Heim so toll einrichtet.


Alle Bücher finden Sie auch auf Neue Bildbände | 21

«Wer sich für fremde Welten interessiert,

dürfte auch am nächsten Buch seine helle

Freude haben – an ‹The Design Hotels

Book›. Der elegante bronzefarbene Schmöker

präsentiert die grösste mir bekannte

Zusammenstellung von Designerhotels.

Vorgestellt werden neue und bewährte

Häuser aller Weltregionen; schön gemachte

Karten erleichtern die Orientierung, die

kurzen Hotel-Porträts bieten umfassende

Informationen über die Architektur und

die Besonderheiten des jeweiligen Hauses.

Natürlich wird alles mit vielen tollen Fotos

abgerundet. Das Buch macht grosse Lust,

gleich die Koffer zu packen und abzurauschen

– wären diese Hotels nur nicht so

teuer!»

The Design Hotels Book

792 Seiten

CHF 85.–

Die Gestalten

«Wenn wir gerade bei Stilfragen sind: Für

viele ist ja auch das Velo Ausdruck ihres

Lifestyles. Das schöne Buch ‹Velo – 2nd

Gear› dokumentiert die aktuelle urbane

Zweirad-Kultur. Grosszügige Bildstrecken

zeigen originelle Bikes und nicht minder

originelle Accessoires, geben Einblick in

bestimmte Fahrrad-Szenen und verraten,

wer die schönsten Gefährte herstellt. Alles

nach dem Motto: ‹I Bike, Therefore I Am›

– ich fahre Velo, also bin ich. Dieses Buch

spricht wohl nur eine ganz kleine Zielgruppe

an, aber ich habe es hier trotzdem vorstellen

wollen – als gutes Beispiel dafür,

dass man heute wirklich für jeden und jede

ein tolles Buch findet. Einfach in den Krauthammer

kommen und schmökern!»

Velo – 2nd Gear

Sven Ehmann

168 Seiten

CHF 53.–

Die Gestalten

«René Burri war unser Stargast, als wir vor

zwei Jahren den Krauthammer im Kramhof

eröffneten. In der Regel kennt man

Burri als Schwarz-Weiss-Fotografen; weltberühmt

sind seine Porträts von Che Guevara,

Pablo Picasso oder Le Corbusier. Das

neue Buch ‹Impossible Reminiscences›

präsentiert nun eine Sammlung von Burri-

Bildern in Farbe. Der grosse Band belegt,

dass der Zürcher auch ein Meister der

Farbfotografie ist. Die bislang zumeist unveröffentlichten

Bilder entstanden während

Burris fotojournalistischer Reisen

rund um die Welt; sie geben Einblick in den

Alltag ganz verschiedener Kulturen, und

mir imponiert, wie Burri überall eine gewisse

Ästhetik einfangen kann. Spannend

ist auch, dass er am Ende des Buchs jede

einzelne Aufnahme kommentiert und in

einen Kontext stellt. Dieses Buch ist ein

Genuss für Fotografie-Fans und alle, die

sich für fremde Welten interessieren.»

Impossible Reminiscences

René Burri

240 Seiten

CHF 122.–

Phaidon


22 | Neue Bildbände Books Nr. 2/2013

«Mein Liebling unter den Neuerscheinungen

ist ‹A map of the world›. Es scheint unter

jungen Designerinnen und Designer

grosse Mode zu sein, sich mit Landkarten

zu beschäftigen. Anders lässt sich die Fülle

an spannenden, hübschen, aufregenden,

überraschenden, bunten, dekorativen und

von A bis Z speziellen Landkarten und

Stadtplänen, die dieses Buch vereint, wohl

kaum erklären. Manche Karten sind exakt

und lesbar, andere gehören eher in die Kategorie

‹Experimente› – alle aber machen

grossen Spass. Manchmal fühlt man sich

fast an Wimmelbilder erinnert, so übervoll

sind manche Karten. Und man kann sich in

vielen Darstellungen regelrecht verlieren,

vor allem in jenen, die sich mit einer bekannten

Stadt beschäftigen.»

A Map of the World

Antonis Antoniou

221 Seiten

CHF 59.–

Gestalten

Krauthammer

Orell Füssli

Jahrzehntelang war die Buchhandlung

Krauthammer an der Oberen Zäune im

Zürcher Niederdorf ein Mekka für alle, die

Kunstbücher liebten – Architekten, Designer

oder Kulturfreunde. 2001 übernahm

Orell Füssli das renommierte Geschäft und

verlegte es in einen vergrösserten Laden

an der Marktgasse. Die Erweiterung der

Filiale Kramhof 2011 ermöglichte dann

einen erneuten Umzug: Heute ist der

Krauthammer eine 300 Quadratmeter

grosse, helle und besonders schön gestaltete

Abteilung des Hauptgeschäfts an der

Zürcher Bahnhofstrasse, sozusagen eine

Spezialbuchhandlung in der Buchhandlung.

Krauthammer bietet die schweizweit

grösste Auswahl an Architektur-, Grafik-,

Design- und Kunstbüchern und ist ein Eldorado

für alle, die schöne Bücher mögen:

Hier findet man neben den klassischen

Bildbänden auch viele originelle Neuerscheinungen

zu sämtlichen Themen rund

um Mode, Inneneinrichtung, Fotografie und

Style – und unzählige Bücher, die sich zum

Schenken eignen. Geleitet wird die Abteilung

von der 37-jährigen Mirjam Kühnis; sie

hat auch die Bücher ausgesucht, die wir in

diesem Beitrag vorstellen. «Am schönsten

finde ich die Atmosphäre im Krauthammer,

wenn es sich am Abend viele Leute mit unseren

chern in der Sitzlounge gemütlich

machen», sagt sie über ihren Arbeitsort.

Buchhändlerin Mirjam

Kühnis: «Eine Flut

von tollen Sachen!»


Alle Bücher finden Sie auch auf Spezial – Ratgeber | 23

Books

Spezial

Reisebücher:

Vorfreude und Hilfe

vor Ort

Wer eine Reise tut, der kann nicht nur etwas erleben. Er kann sich mit

Reiseführern schon Monate vorher auf das Ziel einstellen und dadurch

die Vorfreude erhöhen. Vor Ort aber erleichtern Reiseführer die

Orientierung und liefern viele Informationen, die den Genuss erhöhen.


24 | Spezial – Reisebücher Books Nr. 2/2013

Weltweit wegweisend

Hallwag Kümmerly+Frey ist der führende Schweizer Verlag

für Touristik. Fritz Ruchti ist zuständig für den Verkauf in der

Schweiz – und weiss, welche Reiseführer besonders beliebt sind.

Markus Ganz

Fritz Ruchti von Hallwag Kümmerly+Frey:

«Viele Reisende benützen die Bücher schon

Wochen oder Monate im Voraus für die

Planung.»

«Books»: Der Buchhandel stagniert. Gilt

das auch für den Bereich Touristik?

Fritz Ruchti: Nein, hier nahm der Umsatz

im Schweizer Markt um 4,5 Prozent, in

den Teilbereichen der Reiseführer und

Karten sogar um 9 Prozent zu.

Wie erklären Sie sich dieses erstaunliche

Wachstum?

Die Wirtschaftslage in der Schweiz ist anhaltend

gut. Die Schweizer reisen deshalb

nach wie vor sehr gern und benötigen

dazu Informationen. Das gute Ergebnis

hat auch damit zu tun, dass die Abwanderung

ins Internet in diesem Bereich

nicht so ausgeprägt ist wie etwa bei der

Belletristik.

Hat sich die Nachfrage nach bestimmten

geografischen Zielen verändert?

Zunehmend gefragt sind Reiseführer für

Europas Metropolen in Kombination mit

sehr guten Karten. Das Gebiet Nordamerika

mit Schwerpunkten an der West- und

Ostküste sowie Kanada liegt ebenfalls

im Trend. Zugenommen hat zudem das

Interesse nach Individual-Reiseführern

für Asien, Australien und Südamerika, abgenommen

hat dafür die Nachfrage nach

chern über Nordafrika und über die

klassischen Badeferiendestinationen entlang

des Mittelmeers. Anhaltend gefragt

sind Stadtführer für Paris, London, Berlin,

Wien, Hamburg, Rom und – zunehmend –

Barcelona.

Sehen Sie einen Trend bei der Aufmachung

der Reisebücher?

Es werden mehr Bilder und wesentlich

mehr Grafiken eingesetzt, etwa 3D-

Darstellungen von Gebäuden wie Kirchen

und Palästen bei Baedeker. Zunehmend

finden Leserinnen und Leser auch Links

und QR-Codes, die sehr einfach zu weiterführenden

Informationen im Internet

führen. Dies ist vor allem bei sich schnell

verändernden Themen wichtig, damit die

Aktualität gesichert bleibt.

Gibt es ungewöhnliche neue Konzepte?

Neue Ansätze haben es schwer. Grundsätzlich

decken neu aufgelegte Reiseführer

ein wesentlich breiteres Spektrum an

Themen ab als früher.

Werden Reiseführer spezifischer auf die

Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen

ausgerichtet?

Nein, es würde sich nicht lohnen, mehrere

Titel für eine Destination zu schaffen. Es

wird vielmehr versucht, in den einzelnen

Reiseführern verschiedene Zielgruppen

besser bedienen zu können.

Stimmt der Eindruck, dass eBooks bei

den Reiseführern noch keine grosse

Bedeutung haben?

Ja, denn die meisten Lesegeräte haben

nur eine schwarzweisse Anzeige. Sie sind

deshalb zum Betrachten eigentlich farbiger

Reiseführer nicht geeignet, machen

schlicht keinen Spass. Tablets haben zwar

farbige Displays, sind aber meist zu gross

und zu schwer. Sie spiegeln zudem bei

Sonnenlicht stark, sind somit schlecht

zum Lesen geeignet. Sowohl eReaders wie

Tablets kosten immer noch relativ viel,

und die Diebstahlgefahr ist in den Ferien

meist grösser. Man muss deshalb viel

vorsichtiger sein als bei einem Buch, kann

die Geräte nicht einfach im Auto oder auf

einem Café-Tisch liegen lassen. Somit

wird die positive Art, sich mit der Reise

auseinanderzusetzen, zum «Stressfaktor».

Hat das Buch auch Vorteile bei der

Handhabung?

Viele Reisende benützen die Bücher schon

Wochen oder Monate im Voraus für die

Planung, machen Notizen, kleben Zettel

hinein, geben sie den späteren Mitreisenden

weiter. Diese eigentlich sehr einfachen

Praktiken funktionieren elektronisch

nur mit Hindernissen oder gar nicht. Aus

diesen Gründen ist der eReiseführer ganz

einfach noch nicht «massentauglich». Der

Umsatzanteil von eReiseführern hat bis

heute bei kaum einem Reiseführer-Verlag

die 5-Prozent-Marke erreicht. Aber er

wird wachsen.

Wieso werden über zwei Drittel aller

Reiseführer noch immer im stationären

Buchhandel gekauft?

Der Kunde will das Buch in der Hand

halten und durchblättern können. Denn

er will sehen, ob es seine Erwartungen

erfüllt oder nicht. Dies hat auch damit zu

tun, dass Reiseführer keine Romane sind.

Es gibt Angebote der verschiedenen Anbieter

zu ein und derselben Stadt, die sich

oft stark unterscheiden; zum Glück, denn

die Geschmäcker und Bedürfnisse sind ja

auch sehr verschieden. Beim Kauf übers

Internet sind diese Unterschiede nur sehr

schwer feststellbar.

Hallwag

Kümmerly+Frey

Hallwag Kümmerly+Frey ist vor allem

bekannt für Kartografie, pflegt aber auch

ein breites Programm an Reiseführern.

Er vertreibt Reiseführer der Verlage

Baedeker, Marco Polo, DuMont, Dorling

Kindersley, Lonely Planet, promobil,

Caravaning, National Geographic Deutschland

und Kunth Verlag in der Schweiz

exklusiv.


Alle Bücher finden Sie auch auf SPEZIAL – Reisebücher | 25

Für jede Reise das richtige Buch

Markus Ganz

Dorling Kindersley: Der Bestseller

Als weltweit erfolgreichste Reihe gilt «Visà-Vis»

von Dorling Kindersley. Der neue

Reiseführer zu New Orleans zeigt deren herausragenden

Merkmale. Trotz kompaktem

Format vermitteln ungewöhnlich viele

Fotografien, dreidimensionale Aufrisszeichnungen

und Illustrationen einen guten

Eindruck des Reiseziels. Vor Ort überzeugt

die Reihe mit vielen Informationen zu

Attraktionen sowie einer umfangreichen

Liste von Restaurants und Hotels. Für viele

Städteziele gibt es neu eine herausnehmbare

Extrakarte auf plastifiziertem Papier.

New Orleans

Marilyn Wood

248 Seiten

CHF 43.90

Dorling Kindersley

DuMont: Anspruchsvoll

Der deutsche Verlag DuMont hat mit seinen

anspruchsvollen Kunst-Reisebüchern einen

neuen Standard gesetzt, den er auch mit

neuen Titeln etwa zu China und Sizilien einhält.

Er bietet mit der Reihe «DuMont direkt»

aber auch Kompaktführer für Citytrips

und Kurzreisen an – schliesslich ist

man auch bei einem Wochenendausflug auf

gute Informationen angewiesen. Im neuen

Band zu Istanbul werden die Highlights in

kurzen Kapiteln vorgestellt, dazu gehören

natürlich alle wichtigen Adressen und ein

grosser, herausnehmbarer Faltplan.

Istanbul

120 Seiten

CHF 18.90

DuMont

Bikeline: Alles für die Veloferien

Ein Naturerlebnis der besonderen Art bieten

Velotouren. Der deutsche Verlag Esterbauer

präsentiert mit seiner Reihe Bikeline

eine Vielzahl von Büchern, die bei Touren

in ganz Europa helfen. Für Schweizer besonders

spannend ist wohl der «Bodensee-

Radweg», der auf rund 260 Kilometern

rund um Obersee, Untersee und Überlinger

See führt. Das Buch stellt alle wichtigen

Sehenswürdigkeiten vor und empfiehlt

sinnvolle Etappen.

Bodensee-Radweg

119 Seiten

CHF 19.90

Esterbauer

Kenya.

Masai Mara.

Migration – ein einmaliges Erlebnis

Auf der Suche nach Nahrung wandern 2 Millionen Gnus, 250 000 Zebras und unzählige Antilopen

jährlich ins Masai Mara Reservat. Dieses einmalige Naturschauspiel dürfen Sie auf gar

keinen Fall verpassen. Sie übernachten im luxuriösen Exploreans Mara Rianta Camp **** ( * ) .

CHF 465 pro Person/ Nacht, Reisedatum 1.8. – 31.10.2013

Inbegriffen: All Inclusive, Übernachtung inkl. Pirschfahrt und Parkgebühren, Transfer vom/ zum Airstrip Masai Mara.

ST/J/NBO/EXPMARA0121

Weitere Infos zu diesem Angebot: www.travelhouse.ch/NBO0121

Kontaktieren Sie den Afrika-Spezialisten. Telefon 058 569 95 01

Africantrails Sägereistrasse 20 8152 Glattbrugg info.africantrails@travelhouse.ch www.travelhouse.ch

Spannende Reiseberichte: blog.travelhouse.ch & facebook.com/travelhouse.ch


Neue Freizeitkarten

inklusive Gratisversion für Smartphone

© Davos.ch

Wanderkarten

Velokarten

Mountainbike - Karten

Winter - Erlebniskarten

Outdoorkarten

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Alle Bücher finden Sie auch auf SPEZIAL – Reisebücher | 27

Baedeker: Synonym für Reiseführer

Der erste Reiseführer des deutschen Verlags

erschien bereits 1832 – kein Wunder,

galt Baedeker lange als Synonym für Reiseführer.

Seinen herausragenden Ruf hat

Baedecker bis heute halten können, obwohl

die Konkurrenz gross geworden ist.

Dies ist darauf zurückzuführen, dass der

Verlag die bewährten Qualitäten seiner

Produkte bis heute pflegt. Dies bestätigen

die neuen Reiseführer, die optisch aufgefrischt

und übersichtlicher gemacht wurden.

Die neue Ausgabe des Paris-Führers

etwa besticht wie eh und je mit der Fülle

und Genauigkeit der Angaben sowie mit

speziellen Tipps. Hinzu kommen ein grossformatiger

Stadtplan im Massstab

1:15’000, anschauliche Infografiken und

eindrückliche 3D-Darstellungen.

Paris

389 Seiten

CHF 39.90

Baedeker

Marco Polo: Auch für Einwohner

Von Marco Polo gibt es Reiseführer zu unzähligen

Destinationen. Die Reihe «Insider-

Tipps» bietet neben den üblichen Informationen

und Karten auch Hinweise auf

Attraktionen, die in anderen Reiseführern

oft fehlen. Ein gutes Beispiel dafür ist der

aktuelle Berlin-Führer, welcher der Berliner

Clubszene viel Platz einräumt. Für einige

Städte wie Zürich gibt es neu Cityguides,

die sich nicht an Touristen, sondern an die

Bewohner dieser Stadt richten. Einzigartig

aber ist der Stadtführer «My New York

City», der vom Pop-Art-Künstler James Rizzi

farbenfroh illustriert wurde – allein sein

Cityplan ist ein Kunstwerk für sich. Von «My

New York City» gibt es auch eine grossformatige

Kunstführer-Ausgabe mit ungewöhnlichen

Gadgets wie einem Poster, zwei

CDs sowie Gutscheinen für ein Kaffeetassen-Set

und einen Regenschirm.

My New York City

James Rizzi, Peter Bührer

239/352 Seiten

CHF 32.90/145.–

Marco Polo

MairDuMont

Haffmans & Tolkemitt: Raus in

die Natur

Ist Campieren spiessig? Nein, meinen die

Autoren der Reihe «Cool Camping», die eine

neue Generation zum Schlafen unterm Sternenhimmel

animieren will. Wer keine Lust

auf Klimaanlage und Frühstücksbuffet

habe, solle raus in die Natur. In «Cool Camping

Europa» werden 80 «sensationelle

Orte» zum Campen in ganz Europa vorgestellt,

von Berlin Mitte über eine Insel vor

Peniche in Portugal bis zu einem Platz direkt

vor der Eigernordwand. Wer sich auf

deutsche Orte konzentrieren möchte, für

den gibt es «Cool Camping Deutschland».

Und wer das Naturerlebnis kulinarisch abrunden

chte, findet im «Cool Camping

Cookbook» angepasste Rezepte für klassische

oder exotisch-raffinierte Gerichte.

Cool Camping Europa

Sophie Dawson u.a.

318 Seiten

CHF 29.90

Haffmans & Tolkemitt

Indien.

Märchen und Mythen.

Geführte Gruppenreise – Rajasthan aus dem Märchenbuch

Tauchen Sie ein in eine Zauberwelt voller Legenden und Traditionen. Prunkvolle Paläste,

exotische Landschaften, bunte Märkte und eine lebensfrohe Bevölkerung reich an Traditionen

und phantasie vollen Geschichten werden Sie in ihren Bann ziehen.

14 Tage CHF 2445 pro Person, z. B. Reisedatum 6.10.2013

Inbegriffen: Rundreise im klimatisierten Bus, Deutsch sprechende Reiseleitung. 12 Übernachtungen in guten Mittelklassehotels

mit Halbpension, 1 Übernachtung im Manvar Desert Camp mit Vollpension, Besichtigungen inkl.

Eintrittsgebühren. Reisedaten: 6.10., 4.11., 2.12.2013, 6.1., 2.2., 9.2., 3.3., 7.4. und 5.10.2014. SI/A/DEL/RTP100

Weitere Infos zu diesem Angebot: www.travelhouse.ch/DEL7100

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Inditours Sägereistrasse 20 8152 Glattbrugg info.inditours@travelhouse.ch www.travelhouse.ch

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Entdecke und erlebe die Welt mit den

Marco Polo Insider-Tipps.

3x Karibik gewinnen!

Weitere Informationen im teilnehmenden Buchhandel.

Jetzt mitmachen!

Teilnehmen dürfen alle Personen ab 18 Jahre mit Wohnsitz

in D / A / CH / L. Teilnahmeschluss: 30.08.2013


Alle Bücher finden Sie auch auf SPEZIAL – Reisebücher | 29

Reisen – aber nicht

nach Plan

Die Engländer sind sozusagen die Erfinder des neuzeitlichen

Tourismus’ – und damit auch des Reiseberichts. Zwei neue

cher sind besonders lesenswert, denn sie zeigen, wohin eine

Reise führen kann, wenn sie nicht von Tourismusbüros, Fahrplänen

und Websites in geordnete Bahnen gezwängt wird.

Hanspeter Künzler

Die Expedition auf den höchsten Berg der

Erde, Rum Doodle genannt, beginnt mit

einer Panne: Ausgerechnet Humphrey

Jungle, der Mann, der als Funkexperte und

Navigator ins Team eingeladen wurde,

geht auf dem Weg zur Vorbesprechung im

Londoner Verkehrsdschungel verloren.

Erst viel später gelangt er doch noch zur

Gruppe – nach einer Irrfahrt, die ihn über

Cockfosters, Hounslow, Wales und Buenos

Aires in eine Banditenhöhle in Yogistan

führt. Zu diesem Zeitpunkt ist den ur-englischen

Gentlemen, die sich zur Besteigung

aufgemacht haben, bereits ein weiteres

Ungeschick zugestossen. Lancelot Constant,

«eigens wegen seines Taktgefühles

und Kameradschaftsgeistes ausgesucht»,

hat wegen seiner lückenhaften Kenntnisse

der Lokalsprache aus Versehen statt 3000

Träger deren 30’000 engagiert. Die desaströse

Besteigung endet – so scheint es zumindest

– mit dem desolaten Ausruf: «Wir

hatten den falschen Berg bestiegen!»

Eine absurdere, tölpelhaftere Expedition

ist unmöglich. Und doch: den Zeitgenossen,

die den zum Heulen lustigen Roman

im Jahr 1956 erstmals zu Gesicht bekamen,

war der Inhalt plausibel genug, dass

die Kritikerin der ehrwürdigen Publikation

«Good Housekeeping» zugeben musste,

erst nach der Hälfte des Buches gemerkt zu

haben, dass es sich nicht um einen Dokumentarbericht

handle. «Die Besteigung

des Rum Doodle» ist ein Meisterwerk bitterböser

Satire. Denn die Lektüre von den

Berichten, welche die grossen englischen

Bergsteigerpioniere ein paar Jahre früher

aus dem Himalaya oder vom Cresta Run in

St. Moritz zurückgeschickt hatten, zeigt,

dass die Realität von der Fiktion so weit

nicht entfernt war. Da wie dort haben wir

es mit exzentrischen Engländern privilegierter

Abstammung zu tun, lauter Männern,

die sich ins ferne Abenteuer stürzen,

ohne sich dabei viel zu überlegen. Ihre

Ausrüstung ist dürftig, dafür ihr Bewusstsein,

heldenhafte Pioniertaten zu unternehmen,

gewaltig. Die Lokalbevölkerung

besteht für sie aus ungehobelten Muskelpaketen,

die selbst dann, wenn es ohne

ihre tatkräftige Mithilfe nicht mehr weiterginge,

mit herablassender Nonchalance

behandelt werden.

«Die Besteigung des Rum Doodle» gilt in

der britischen Bergsteigerszene längst als

Insider-Tipp. Es ist sogar ein Flecken Antarktis

offiziell nach ihm benannt worden,

Mount Rumdoodle. Doch der Roman bietet

mehr als amüsanten Lesestoff für Kletterer.

«The Guardian» hat ihn auf seine Liste der

«1000 Bücher, die jeder gelesen haben

muss» gesetzt, denn er kann durchaus als

Kritik an der Überheblichkeit gelesen werden,

die das Verhalten vieler Briten im Imperium

prägte. Vielleicht war die Satire

dem Publikum aber zu bissig: dem Autor

William E. Bowman (1911-1985) brachte

sie jedenfalls nicht allzu viel Glück. Bowman

wuchs in Middlesbrough auf, entwickelte

früh eine Passion fürs Wandern, bestieg

aber nie einen höheren Berg als den

Scafell Pike im Lake District. Er verdiente

sich den Lebensunterhalt als Ingenieur.

Obwohl «Die Besteigung des Rum Doodle»

in mehrere Sprachen übersetzt wurde,

konnte Bowman nur noch ein weiteres

Buch veröffentlichen – eine Parodie auf

Thor Heyerdahls Reisebericht von der

Kon-Tiki. Jetzt liegt sein Meisterwerk endlich

in einer neuen Übersetzung auf

Deutsch vor.

Ein Reisebuch ganz anderer Art ist «Slow

Travel – Die Kunst des Reisens». Dan Kieran

gehörte zehn Jahre lang zur Redaktion

von «The Idler», einer englischen Publikation,

die sich dem Müssiggang verschrieben

hat. Kieran nimmt als Anfangspunkt

seiner Reisen ein Zitat des chinesischen

Philosophen Lao Tzu: «Ein guter Reisender

hat keinen festen Plan. Und hat nicht vor, je

an ein Ziel zu gelangen ...» Das moderne

Reisen mit peinlich genau berechneten, auf

Effizienz bedachten Fahr- und Flugplänen

sei gleichermassen ein Anti-Reisen, meint

er: Statt den Reisenden mit dem Unerwarteten

zu konfrontieren und im wahrsten

Sinn des Worts seinen Horizont zu erweitern,

sei die moderne Reiseindustrie darauf

bedacht, ihn nicht mit unerwarteten

Erlebnissen zu stressen. Mit sanfter Eindringlichkeit

und vielen appetitanregenden

Anekdoten aus den eigenen Reisetagebüchern

– ein Wochenende auf der Insel

Mull, eine Zugreise nach Prag und so weiter

– plädiert er für das instinktive Reisen

ganz der Nase nach. «Slow Travel» ist ein

Buch wie eine Reise, die alleweil ein lesendes

Hockenbleiben in der Stube wert ist.

Die Besteigung des

Rum Doodle

William E. Bowman

180 Seiten

CHF 29.90

Rogner & Bernhard

Slow Travel –

Die Kunst des Reisens

Dan Kieran

250 Seiten

CHF 29.90

Rogner & Bernhard


30 | Buchtipps Books Nr. 2/2013

Günter Liehr

Marseille –

Porträt einer

widerspenstigen

Stadt

Yann Arthus-Bertrand

Der Mensch und

die Weltmeere

Vis-à-Vis Italien

Ray Hartung

Nepal

Marseille spielte immer eine besondere

Rolle unter Frankreichs grossen

Städten. Sie verteidigte ihre Eigenständigkeit

und wehrte sich gegen Zugriffe

des Zentralstaats. Dafür wurde sie

auch mehrmals hart bestraft. Das

Buch beschreibt die Bedeutung des

Marseiller Hafens als Durchgangsstation

für Waren und Reisende, Einund

Auswanderer, Kolonialbeamte,

Truppen- und Fluchtbewegungen.

Wellen von Immigranten haben das

Bevölkerungsgemisch dieser Stadt

hervorgebracht. Dass die zentralen

Viertel noch heute von Immigranten

und kleinen Leuten bewohnt sind,

passt der aktuellen Stadtpolitik nicht

ins Konzept. Ob aber die «Normalisierung»

gelingt, ist bei dieser Stadt

fraglich.

«Günter Liehrs Darstellung von Marseille

fasziniert – weil Liehr ein guter

Erzähler ist.» SRF 2 Kultur

Yann Arthus-Bertrand ist der wohl erfolgreichste

Luftbildfotograf der Welt

– und ein engagierter Umweltschützer.

In diesem überwältigenden Band

porträtiert er gemeinsam mit dem

Unterwasserfotografen Brian Skerry

die Grossartigkeit der Weltmeere

und ihrer Bewohner in über 200

Fotografien. Namhafte Journalisten,

Wissenschaftler und Umweltaktivisten

weisen mit ihren Beiträgen auf

die Überfischung, das Artensterben

und die Verschmutzung der Meere

hin. Gleichzeitig zeigen sie Lösungswege

auf. Dieses Buch dokumentiert

auf nie zuvor gesehene Weise die

Faszination und Bedeutung der Meere

für uns Menschen – und zeigt, was wir

tun müssen, um diesen Lebensraum

in Zukunft zu bewahren.

Nur wenige Länder können sich

mit Italien hinsichtlich Kunst, Küche

und historischem Erbe messen.

Mindestens ebenso berühmt wie für

seine Kultur ist das Land auch für

seine Lebensfreude und natürlich

für die traumhaften Strände. Dieser

Reiseführer macht den Urlaub in

Italien zum unvergesslichen Erlebnis.

Neben Landschaft, Geschichte und

Charakter werden die Höhepunkte

jeder Region Italiens detailliert vorgestellt.

Drei ausführliche Kapitel über

Venedig, Florenz und Rom zeigen die

schönsten Sehenswürdigkeiten dieser

Städte. Umfassende Informationen

zu Hotels, Restaurants, Shopping und

Unterhaltung sowie viele praktische

Reisetipps bieten alles Wichtige für

eine entspannte Reise.

Nepal ist ein Land der Superlative:

Neben dem Mount Everest befinden

sich weitere sieben 8000er im Norden

des Landes. Gerade einmal 200

Kilometer trennen die Berggiganten

des Himalaya vom Flachland des Terai

mit seinem subtropischem Klima.

Mehr als 60 Völker leben in Nepal,

ebenso vielfältig sind die Traditionen

und religösen Bräuche. Ausgangspunkt

vieler Trekkingrouten ist das

schön gelegene Pokhara am Phewa-

See. Die meisten Urlauber zieht es

in die Berge, wo sich fantastische

Wanderungen unternehmen lassen.

Dieser Reiseführer beschreibt alle

Regionen Nepals, die wichtigsten

Städte und Nationalparks. Zahlreiche

bekannte und weniger bekannte

Trekkingrouten werden ausführlich

vorgestellt.

12. Auflage 2013/2014

260 Seiten, Mit farbigem Bildteil

304 Seiten

720 Seiten

456 Seiten

CHF 42.90

CHF 59.00

CHF 49.90

CHF 29.90

Rotpunktverlag

Knesebeck

Dorling Kindersley

Trescher

ISBN 978-3-85869-5352

ISBN 978-3-86873-569-7

ISBN 978-3-8310-2313-4

ISBN 978-3-89794-198-4


Alle Bücher finden Sie auch auf BUCHtipps | 31

Catharina Ingelman-

Sundberg

Wir fangen

gerade erst an

Susan Elizabeth Phillips

Wer Ja sagt,

muss sich

wirklich trauen

Kristin Harmel

Solange am Himmel

Sterne stehen

Astrid Rosenfeld

Elsa ungeheuer

Alles begann mit dem Chor in einem

trostlosen Altersheim. Das Singen

erinnerte Märtha, Snille, Kratze,

Stina und Anna-Greta an bessere

Tage – und daran, dass es im Leben

einst noch so viel zu entdecken gab.

Überall ist es besser als hier, sagen

sich die fünf Freunde und schmieden

einen verwegenen Plan: Sie werden

ein Verbrechen begehen, um ins

Gefängnis zu kommen. Denn dass

es dort besser sein wird, weiss doch

jeder. Aber ein Verbrechen zu planen

und durchzuführen ist gar nicht so

einfach – schon gar nicht, wenn man

es eigentlich ehrlich meint.

Eine wunderbare Geschichte über

eine diebische Rentnergang, die nach

einem Aufruhr im Altersheim ein

neues Leben beginnt.

Wo ist die Braut? Ausgerechnet an

ihrem Hochzeitstag flüchtet Lucy in

letzter Sekunde und lässt ihren eigentlich

so unwiderstehlichen Bräutigam

vor dem Altar stehen. Er – und die

komplette Kleinstadt – bleiben ratlos

zurück. Als Lucy auf einen bedrohlich

aussehenden, aber auch sehr

reizvollen Fremden trifft, schwingt sie

sich spontan auf den Rücksitz seines

Motorrads. Das Ziel: unbekannt! Auf

ihrem wilden Roadtrip versucht Lucy,

mehr über diesen Mann zu erfahren,

der so viel über sie zu wissen scheint,

aber nichts über sich selbst preisgeben

will …

Rose McKenna liebt den Abend.

Wenn am Himmel über Cape Cod

an der amerikanischen Westküste

die ersten Sterne sichtbar werden,

erinnert sie sich – an die Menschen,

die sie liebte und verlor und von denen

sie nie jemandem erzählte. Doch

Rose weiss, dass es bald zu spät sein

wird, irgendjemandem irgendetwas

zu erzählen – denn sie hat Alzheimer.

Bald wird niemand mehr an das junge

Paar denken, das sich 1942 in Paris

die Liebe versprach. Als Rose ihre

Enkelin Hope bittet, nach Frankreich

zu reisen, ahnt diese nichts von der

herzzerreissenden Geschichte, die sie

dort entdecken wird: eine Geschichte

voller Hoffnung, Schmerz und einer

alles überwindenden Liebe.

Lorenz Brauer ist der neue Star der

internationalen Kunstszene. Doch

kaum einer ahnt, dass hinter seinem

kometenhaften Aufstieg nicht nur

Talent, sondern der raffinierte Plan

zweier einflussreicher Frauen steckt.

Karl Brauer, Lorenz’ jüngerer Bruder,

kennt die Hintergründe. Und er weiss

auch, dass die verrätselten Bilder des

aufstrebenden Malers ihren Ursprung

in der Kindheit haben: als Lorenz und

Karl ihre Mutter verloren hatten und

Elsa in ihr Leben trat. Elsa mit den

Streichholzarmen, dem rotzfrechen

Mundwerk, den extravaganten

Kleidern. Das Mädchen, an das einer

der Brüder sein Herz verlor und der

andere seine Illusionen. Das Mädchen,

das keiner von beiden vergessen

kann.

416 Seiten

512 Seiten

480 Seiten

288 Seiten

CHF 24.90

CHF 23.90

CHF 15.90

CHF 31.90

FISCHER Scherz

Blanvalet

Blanvalet

Diogenes

ISBN 978-3-651-00060-5

ISBN 978-3-7645-0455-7

ISBN 978-3-442-38121-0

ISBN 978-3-257-06850-4


32 | Kaffeepause Books Nr. 2/2013

Die Debatte

Was machen Buchhändlerinnen in der Kaffeepause? Sie

plaudern über Bücher. Books hat sich im Café Bagels in

der Filiale Winterthur zu den Orell-Füssli-Mitarbeiterinnen

Patrizia Melaugh und Bettina Zeidler gesetzt.

Marius Leutenegger

Erik Brühlmann

Das dritte Licht

Claire Keegan

96 Seiten

CHF 25.90

Steidl

Dunkle Gewässer

Joe R. Lansdale

320 Seiten

CHF 31.90

Tropen bei Klett-Cotta

In Küstennähe

Joachim B. Schmidt

368 Seiten

CHF 33.90

Landverlag

«Books»: Heute beginnen wir mit einem

schmalen Buch: «Das dritte Licht» von

Claire Keegan. Du hast es mitgebracht,

Patrizia. Worum geht’s?

Patrizia Melaugh (PM): Die Geschichte

spielt im ländlichen Irland. Ein Mädchen

kommt für ein paar Sommermonate zu

Pflegeeltern; sie stammt aus einer grossen

Familie, ihre Mutter ist schon wieder

schwanger, und der Vater bringt das

Mädchen zur Gastfamilie, einem kinderlosen

Paar. Claire Keegan beschreibt die

Zeit, die das Mädchen bei den Pflegeeltern

verbringt; alltägliche Dinge wie das Essen

bei der Ankunft oder der abendliche Besuch

von Freunden sind für das Mädchen

ungewohnt, und erstmals fühlt es sich

umsorgt. Diese Erwachsenen kümmern

sich um das Mädchen, kaufen ihm neue

Kleider oder führen es auch einmal an der

Hand. Aus Kinderperspektive wird hier

eine ganz einfache Geschichte erzählt.

Wie endet sie?

Bettina Zeidler (BZ): Das Mädchen

kommt zurück zu ihrer Familie, denn

der Bruder ist zur Welt gekommen. Das

Ende hat mich tief beeindruckt: wie das

Mädchen von den leiblichen Eltern lieblos

empfangen wird und dann ihrem Gastvater

nachrennt, um ihn noch einmal zu

umarmen.

PM: Das Mädchen hat in den Monaten

bei den Pflegeeltern wichtige Erfahrungen

gemacht und auch ein Geheimnis

entdeckt. Ich fand eindrücklich, wie die

Pflegemutter zu Beginn mit dem Problem

des Bettnässens umging – geschickt

und unaufgeregt löst sie das Problem.

Claire Keegan zeigt, wie unterschiedlich

Familien sein können und dass die eigene

Familie nicht unbedingt ein Hort von

Geborgenheit und Liebe sein muss. Trotz

seines geringen Umfangs hat «Das dritte

Licht» eine unheimlich grosse Tiefe.

Wie bist du auf dieses Buch gestossen?

PM: Ich habe ein gewisses Interesse an

irischer Literatur und entdeckte diese

Neuerscheinung in einer Vorschau. Weil

das Buch nicht einmal hundert Seiten

umfasst, habe ich allerdings erst gezögert,

es in diese Runde einzubringen ...

BZ: Aber manchmal ist weniger einfach

mehr – und das gilt bei diesem Buch auf

jeden Fall.

PM: Ja, für mich ist «Das dritte Lich

ein echtes Juwel, eine perfekte Kurzgeschichte.

Dies auch deshalb, weil die

Autorin nicht alles sagt, sondern vieles

nur andeutet.

BZ: Sie lässt uns Lesenden einen grossen

Spielraum. Sie mutet uns zu, dass wir das,

was sie schreibt, schon richtig interpretieren

können. Mir hat auch sehr gefallen,

dass alles sehr authentisch wirkt. Nie hatte

ich das Gefühl, die Autorin übertreibe

oder überzeichne etwas. Und die Sprache

hat mich ebenfalls beeindruckt.

PM: Bei diesem Buch liegt die Schönheit

in der Einfachheit. Und in der Präzision:

Oft benötigt Claire Keegan nur einen Satz

– schon sieht man die Situation vor sich.

Wem könnte dieses Buch gefallen?

BZ: Allen, die eine berührende Geschichte

suchen. Die Geschichte ist so einfühlsam

geschrieben.

PM: Ich finde, dieses Buch kann jeder

lesen, der sich nicht nur für Thriller interessiert.

«Das dritte Licht» stammt von einer

unbekannten Autorin und erscheint bei

einem unabhängigen Verlag. Kann so ein

Buch überhaupt ein Erfolg werden?


Alle Bücher finden Sie auch auf Kaffeepause | 33

PM: Wir machen es zum Bestseller! Ich

werde es auf jeden Fall jedem und jeder

ans Herz legen.

BZ: Ja, das ist ein Buch, das unbedingt

empfohlen werden muss. Und das sicher

sein Publikum finden wird. Es gibt zum

Glück viele Leute, die kürzere Geschichten

mögen.

Das nächste Buch, über das wir sprechen,

ist wesentlich dicker: «Dunkle

Gewässer» von Joe R. Lansdale.

BZ: Dieses Buch ist nicht nur bezüglich

Umfang ganz anders als «Das dritte

Licht».

Es sieht von aussen aus wie ein

Fantasy-Epos.

BZ: Das ist es aber nicht.

Was dann?

BZ: Das ist schwierig zu sagen. Es ist

auch kein Thriller und kein Krimi, wie auf

dem Cover angekündigt wird. Im Internet

fand ich den Begriff «Lansdale-Genre»;

der Autor schreibt offenbar sehr eigen.

Auf einer Fanseite erfuhr ich auch, dass

Lansdale Zombie-Bücher schreibt. Zum

Glück vernahm ich das erst, nachdem

ich mich entschieden hatte, dieses Buch

hier zu lesen – denn ich mag es zwar

deftig, aber mit Zombies kann ich gar

nichts anfangen. In «Dunkle Gewässer»

kommen sie allerdings auch nicht vor. Die

Geschichte spielt in den 1930er-Jahren in

einer rückständigen Gegend von Osttexas.

Es ist eine düstere Zeit, die von Prohibition,

Depression und Rassismus geprägt

wird. May Lynn, eines der schönsten

Mädchen der Gegend, wird von ihrer besten

Freundin Sue Ellen ermordet am Ufer

des River Sabine aufgefunden. Gemeinsam

mit ein paar Freunden beschliesst

Sue Ellen, die Asche der Freundin nach

Hollywood zu bringen, denn May Lynn

wollte immer Filmstar werden. Sue Ellen

und ihre Freunde stossen auf Geld, das

May Lynns Bruder bei einem Banküberfall

erbeutete, und machen sich damit, mit

der Asche von May Lynn und Sue Ellens

tablettensüchtiger Mutter auf den Weg

nach Hollywood – sie fahren auf einem

Boot den River Sabine hinunter. Wegen

der Beute aus dem Banküberfall ist eine

ganze Menge Leute hinter ihnen her: der

Sheriff, die gierige Verwandtschaft und

vor allem der schwarze Kopfgeldjäger

Skunk. Die Reise wird wegen der Verfolger

sehr gefährlich und abenteuerlich, es

passiert dabei ungeheuer viel.

Das ist also sozusagen die Entsprechung

zu einem Road-Movie – ein River-Book?

BZ: Das kann man so sagen. Einige vergleichen

dieses Buch mit «Huckleberry

Finn», und inhaltlich gibt es tatsächlich

gewisse Ähnlichkeiten. Aber «Dunkle Gewässer»

ist viel brutaler als ein Buch von

Mark Twain, es ist blutig und derb. Einem

Jugendlichen kann man es jedenfalls

nicht zu lesen geben. Weil ich selber aber

Düsterkeit und Brutalität zwischen zwei

Buchdeckeln mag, hat mir dieser Roman

sehr gefallen – und auch deshalb, weil er

so abenteuerlich ist und die Figuren so

skurril sind. Ich habe als Leserin mehrere

Seelen in mir, und hier ist meine Schlachtplattenseite

gut bedient worden.

Patrizia, du machst seit über drei Jahren

bei der Debatte in «Books» mit, ich kenne

deinen Geschmack daher ein wenig

und wage die Behauptung: Lansdale ist

nicht dein Stil.

PM: Tatsächlich nicht. Ich merkte sofort,

dass dies kein Buch für mich ist. Ehrlich

gesagt gefiel mir an diesem Roman gar

nichts, weder der Ton noch die Geschichte

noch das Personal. Aber hier geht es wohl

um Geschmacksfragen, und ich muss

sagen, dass ich eben auch «Huckleberry

Finn» nie mochte. Ich sehe allerdings,

dass man «Dunkle Gewässer» durchaus

als spannendes Buch lesen kann.

BZ: Mir war klar, dass dieses Buch polarisiert.

Niemand wird sagen, das finde ich

jetzt sosolala. Entweder mag man so etwas

– oder nicht. Dieses Buch hat einfach

meine düstere Seite angesprochen. Und

mir gefällt sehr, wie Lansdale schreibt – er

findet aussergewöhnliche Wege, einem etwas

näherzubringen, und man kann sich

alles hervorragend vorstellen. Ich roch

beim Lesen förmlich, wie Skunk stinkt.

Für wen eignet sich denn dieses Buch?

BZ: Ich werde es nur jenen empfehlen, die

ich kenne und bei denen ich weiss, dass

ihnen so etwas gefällt. Man kann sich mit

der Empfehlung dieses Buchs auch in die

Nesseln setzen, denn es ist schon sehr

brutal – selbst ich als geübte Thriller-

Leserin habe gelegentlich schlucken

müssen. Aber manche Abenteurer unter

den Lesern werden diesen Roman heiss

und innig lieben.

Kommen wir zum dritten Buch: «In

Küstennähe». Autor ist der Schweizer

Joachim B. Schmidt, der in Island lebt.

Spielt der Roman auch dort?

BZ: Ja. Erzählt wird die Geschichte einer

sich anbahnenden Freundschaft zwischen

zwei Männern, die unterschiedlicher

nicht sein können. Auf der einen Seite

haben wir den 23-jährigen Lárus, auf der

anderen den alten Grímur, einen alten

Patrizia Melaugh, 61, lebt in Schaffhausen

und arbeitet in der Abteilung Belletristik

der Filiale Kramhof. Sie mag vor allem

cher aus dem englischen Sprachraum.

Patrizia Melaugh:

«Wir machen

dieses Buch zum

Bestseller! Ich werde

es auf jeden Fall

jedem und jeder

ans Herz legen.»

Bettina Zeidler:

«Ja, das ist ein

Buch, das unbedingt

empfohlen

werden muss. Und

das sicher sein

Publikum finden

wird.»

Bettina Zeidler, 48, lebt in St. Gallen.

Sie arbeitet in der Abteilung Belletristik

der St. Galler Buchhandlung Rösslitor, die

zu Orell Füssli gehört. Am liebsten liest sie

skandinavische Krimis und Thriller


34 | Kaffeepause Books Nr. 2/2013

Patrizia Melaugh: «Ich habe auch ‹Huckleberry

Finn› nie gemocht.»

Mann in jenem Altersheim, in dem Lárus

als Gehilfe des Hauswarts arbeitet. Es gibt

zwei Erzählstränge. Der eine handelt vom

Hier und Jetzt und der Begegnung der

beiden Männer, der andere beschäftigt

sich mit dem Leben von Grímur, den man

den «Schchter» nannte und der immer

ein Einzelgänger war. Die beiden Erzählstränge

laufen immer stärker zusammen

– bis sich das Geheimnis um Grímur

lüftet. Es gibt nämlich Gerüchte, er habe

einst seine Halbschwester umgebracht ...

PM: Schon der Anfang des Buchs ist

super. Im Zimmer 37a ist der Heizkörper

kaputt, Lárus muss ihn flicken. Er tritt ins

Zimmer und sieht da diesen alten Mann

mehr tot als lebendig im Bett liegen. Bald

erfährt Lárus, dass es sich beim Alten um

Grímur handelt, dem er als Kind immer

Streiche spielte. Er und seine Freunde

hatten früher wahnsinnig Angst vor dem

grimmigen Alten, jetzt liegt dieser Mann

einfach so da – aber der Junge hat immer

noch Angst. Das ist alles auch sehr witzig

geschrieben. Lárus ist ein Schlitzohr und

vertickt zum Beispiel so nebenbei auch

noch Drogen. Ganz allmählich findet eine

Annäherung zwischen den beiden statt,

die auch von viel gegenseitiger Neugier

genährt wird. Schmidt wechselt sehr clever

von einem Erzählstrang zum anderen,

verbindet Vergangenheit und Gegenwart,

und das Geheimnis von Grímur interessiert

einen immer mehr.

BZ: Man muss sich vor dem Autor wirklich

verneigen, wie raffiniert er seinen

Roman aufgebaut hat. Bei vielen Details

habe ich erst am Ende gemerkt, wie

geschickt alles verwoben ist – und wie

schlau alles aufgelöst wird. Es gibt für

mich nur einen negativen Punkt: Ich hatte

zu Beginn Mühe, in die Geschichte reinzukommen.

Aber nach dem ersten Drittel

konnte ich das Buch nicht mehr weglegen.

PM: Eine besondere Qualität des Romans

ist auch, dass er so humorvoll ist. Der Autor

foutiert sich zum Beispiel mit Genuss

um politische Korrektheit.

BZ: Und er bedient gern auf spielerische

Weise die Klischees.

Merkt man, dass er Schweizer ist?

PM: Ich würde sagen: Das ist ein isländischer

Roman mit Schweizer Akzent.

Isländisch machen ihn die Themen, die

Atmosphäre, das Eigenbrötlerische der

Figuren. Schweizerisch finde ich gelegentlich

die Schreibe des Autors.

Wem würdet ihr «In Küstennähe»

empfehlen?

PM: Ich habe es gerade jemandem nahe

gelegt, der etwas lesen wollte, das leicht

und lustig ist.

BZ: Das ist einfach ein guter Unterhaltungsroman

in einer guten Sprache – und

mit super Figuren.

PM: Spannend, unterhaltsam, witzig –

was will man mehr!

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mich der Schlüssel

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Cheryl Strayed

Der grosse Trip

Sabine Ebert

1813 – Kriegsfeuer

August Strindberg

Bis ans offene

Meer

Alice Munro

Zu viel Glück

Cheryl Strayed ist gerade 26 geworden

und hat alles verloren. Mit

Drogen und Männern tröstet sie sich

über den Tod ihrer Mutter und das

Scheitern ihrer Ehe hinweg. Als ihr

ein Outdoor-Führer über den Pacific

Crest Trail in die Hände fällt, trifft

sie die folgenreichste Entscheidung

ihres Lebens: über 1000 Meilen zu

wandern – allein, ohne Erfahrungen

und mit einem Rucksack, den sie

Monster nennt. Klapperschlangen und

Schwarzbären, Hitze und Strapazen,

Abenteurer und Einsamkeit sind die

Begleiter auf dieser Reise, die sie fast

umbringt, stärkt und schliesslich heilt.

Das atemberaubende Abenteuer

einer Selbstfindung – voller Witz und

Intensität und mit einer respektlosen

Heldin, die man einfach lieben muss.

Frühjahr 1813: Europa stöhnt unter

Napoleons Herrschaft. Nach der

dramatischen Niederlage der Grande

Armée in Russland gehen Preussen

und das Zarenreich zum Gegenangriff

über. Im ausgebluteten Sachsen

müssen Menschen Entscheidungen

treffen, die ihr Leben unwiderruflich

verändern werden: eine Mutter, die

verzweifelt auf die Rückkehr ihrer

Söhne hofft, ein General, der seinen

Kopf riskiert, damit sich Sachsen den

Alliierten anschliesst, eine Gräfin,

die aus Liebe zur Spionin Napoleons

wird, zwei Studenten, die zu den

Lützowern wollen, die junge Henriette

auf der Flucht vor Plünderern.

Die Menschen ersehnen den Frieden,

während die Herrscher Europa längst

unter sich aufgeteilt haben und eine

gewaltige Schlacht heraufbeschwören.

Das Meer prägt die Bewohner der

Schäreninseln. Strindberg schildert

die Insellandschaft oft als Idylle, das

bäuerliche Zusammenleben der Schärenbewohner

humoristisch. Allerdings

geht es auf den Inseln keineswegs

nur beschaulich zu: In der Abgeschiedenheit

wird Neuankömmlingen mit

Misstrauen begegnet, Hierarchien

werden ausgereizt und harte Konflikte

ausgetragen. Auch für die Befindlichkeit

des modernen Menschen –

zwischen Tradition, Fortschritt und

Glaubenskrise – beweist der Dichter

der Jahrhundertwende ein feines

Gespür.

Die facettenreiche «Meeresprosa»

August Strindbergs – Erzählungen und

die beiden Romane «Die Hemsöer»

und «Am offenen Meer» – wurde

zum 100. Todesjahr erstmals in einer

dreibändigen Ausgabe zusammengeführt.

Zu viel oder zu wenig: Für das Glück

gibt es kein Mass – nie trifft man es

richtig. Alice Munros Heldinnen und

Helden geht es nicht anders. Sie

haben das Zuviel und Zuwenig erlebt,

sie kennen die Namen der Bäume,

die Last ungeschriebener Briefe. Sie

wissen, wie es sich anfühlt, wenn

man den Mann, der die gemeinsamen

Kinder getötet hat, in der

Anstalt besucht. Alice Munro ist die

Meisterin des Nachhalls, der einem

Leben seinen besonderen Klang, seine

Spannung und Vibration gibt, der

unserer Existenz Farbe verleiht. Alice

Munro macht ihre Leserinnen und

Leser zu Komplizen der schwierigen

Mission, das Glück zu finden. Nicht

zu viel, nicht zu wenig, sondern das

ideale «genau richtig». Und plötzlich

verstehen wir unser Leben neu.

448 Seiten

928 Seiten

792 Seiten

368 Seiten

CHF 29.90

CHF 39.90

CHF 99.00

CHF 16.90

Kailash

Knaur

mareverlag

Fischer

ISBN 978-3-424-63024-4

ISBN 978-3-426-65214-5

ISBN 978-3-86648-151-0

ISBN 978-3-596-18686-0


36 | Fantastisch! Books Nr. 2/2013

Fantastisch!

Eine Mitarbeiterin von Orell Füssli präsentiert Neuerscheinungen und Geheimtipps aus

dem Fantasy-Genre: Bücher für alle, die sich gern in fremde Welten entführen lassen.

Marius Leutenegger

«Die drei Titel, die ich heute vorstelle,

haben etwas gemeinsam: Alle sind zu Beginn

etwas düster und melancholisch

auch wenn dies nicht alle Buchumschläge

vermuten lassen.

‹Rot wie das Meer› ist bereits ein paar

Monate alt, ich empfehle es aber trotzdem

sehr gern. Die US-amerikanische Autorin

Maggie Stiefvater verzeichnete ihre ersten

Erfolge mit Elfenbüchern, die stark

von irischen Volksmärchen inspiriert

waren. ‹Ballade› und ‹Lamento› gefielen

mir aber gar nicht, ich fand die beiden

Bände langatmig und flach. Dann folgte

die Werwolf-Trilogie ‹Nach dem Sommer›,

für die sie sich offensichtlich von

Stephenie Meyers ‹Twilight› animieren

liess. Den Werwölfen bescherte der Mond

schlaflose Nächte, mir die Bücher. Selten

habe ich mit Figuren in Büchern so mitgefiebert

wie mit Grace und Sam aus

‹Nach dem Sommer›.

Diesmal hat Maggie Stiefvater eine ganz

andere Inspirationsquelle gefunden: die

alte irische Sage über die ‹Capaill Uisce›.

Dabei handelt es sich um riesige und gefährliche

Wasserpferde, die einmal jährlich

mit der Flut aus dem Wasser steigen.

‹Rot wie das Meer› spielt auf der irischen

Insel Thisby, auf der jährlich das Skorpio-

Rennen stattfindet, ein Wettkampf, bei

dem auch Wasserpferde mitmachen. Bislang

war das Rennen fest in Männerhand

– bis sich die junge Puck Connolly entschliesst,

mit ihrer kleinen Stute Dove

ebenfalls teilzunehmen. Das führt zu roten

Köpfen und heissen Diskussion. Die

zweite Hauptfigur des Buchs ist Sean

Kendrick. Er pflegt die Pferde, reitet sie

zu und besitzt selbst ein Wasserpferd.

Der Roman erzählt drei Geschichten: jene

von Puck, jene von Sean und die Sage

über die Wasserpferde. An diesen Strängen

schaukelt sich die Geschichte zu ihrem

Höhepunkt hoch, dem grossen Rennen.

Und ganz allmählich entwickelt sich

auch eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

zwischen Sean und Puck.

Vielleicht klingt das alles ein wenig dünn,

aber Maggie Stiefvater schafft es, eine

enorme Spannung aufzubauen. Beim Lesen

hatte ich das Gefühl, tief in einen Nebel

getaucht zu sein, um mich herum gab

es nichts mehr – diese Stimmung schlug

mich völlig in ihren Bann. Ich habe aber

gemerkt, dass sich dieses Buch nicht wie

viele andere Fantasy-Romane von allein

verkauft, sondern dass es empfohlen werden

muss. Also: ‹Rot wie das Meer› eignet

sich für alle, die unergründliche Liebesgeschichten

mögen. Junge Frauen, die

eine Fantasy-Geschichte mit Tiefgang suchen,

sind ebenfalls hervorragend bedient

– sowie natürlich alle Fans von Maggie

Stiefvater.

Während ‹Rot wie das Meer› eine abgeschlossene

Geschichte ist, handelt es sich

bei meiner nächsten Empfehlung um den

Auftakt zu einer Trilogie. ‹Für immer die

Seele› der Kalifornierin Cynthia J. Omo-

Angelina Rubli, 28, ist im Kanton

Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in

Dachsen und arbeitet bei Orell Füssli am

Bellevue. «Das erste Geschenk, an das

ich mich erinnern kann, war das Buch

‹Ronja Räubertochter›», erzählt sie. «Von

da an wollte ich nur noch lesen. In der

Oberstufe machte ich mehrere Schnupperlehren,

aber ich spürte stets: Ich will

Buchhändlerin werden.» In der Filiale

am Bellevue arbeitete Angelina zuerst

in der Reisebuch-Abteilung, aber «dann

willst du nur immer in die Ferien». Ihr

Traum sei ein Wechsel in die Kinder- und

Jugendbuchabteilung gewesen, weil «ich

das den spannendsten Bereich finde – er

ist extrem vielseitig, jeden Monat gibt es

neue Strömungen». Der Traum ging mittlerweile

in Erfüllung. Heute liest Angelina

etwa drei bis vier Bücher pro Woche.

Eigentümlicherweise beginnt sie dabei

meistens mit dem Schluss. «Ich weiss auch

nicht weshalb, aber ich lese zuerst immer

die letzten Seiten – und schaue dann,

wie die Geschichte zu diesem Schluss

hingeführt wird.»


Alle Bücher finden Sie auch auf Fantastisch! | 37

lolu erzählt die Geschichte der 16-jährigen

Cole, die immer wieder Visionen hat.

Plötzlich sieht sie sich zum Beispiel auf

einem Schafott stehen. Man liest, wie sie

sich in diesem Moment fühlt, was zum

Todesurteil geführt hat – und zack ist

man wieder zurück in der Gegenwart. So

geht es hin und her. Zu Beginn spielen die

Visionen von Cole immer in der frühen

Neuzeit, später werden auch Ereignisse

aus den 1920er-Jahren beschrieben. Cole

machen ihre Visionen grosse Sorgen, sie

hat Angst, sie sei plemplem, und sie vertraut

sich niemandem an. Nachdem sie

wegen einer Vision im Tower von London

ohnmächtig geworden ist, wacht sie in

den Armen des jungen Griffon auf. Sofort

hat sie das Gefühl, diesen gutaussehenden

jungen Mann schon lange zu kennen.

Griffon erklärt Cole, dass sie eine herumwandernde

Seele sei, die immer wieder

neue Existenzen durchlebe. Darüber hinaus

erfährt Cole, dass es viele wie sie gibt

– und dass sie eine Aufgabe zu erfüllen

hat. Irgendwo in Zeit und Raum ist da

aber auch noch eine böse Feindin, die sie

seit jeher vernichten möchte.

Schon diese kurze Zusammenfassung

zeigt: ‹Für immer die Seele› ist extrem

fantasievoll. Ich las das Buch, weil der

Klappentext mein Interesse weckte. Da

ich historische Romane liebe, gefiel mir

der Auftakt im 16. Jahrhundert ganz besonders

– und ich war schon etwas enttäuscht,

als das Buch dann plötzlich im

Hier und Jetzt spielte. Aber dann zog es

mich doch immer tiefer in die Geschichte

hinein, denn ich wollte wissen, was es

mit diesen Seelenwanderungen auf sich

hat und wie die einzelnen Geschichten

aus der Vergangenheit weitergehen. Cynthia

J. Omololu hat die Fähigkeit, immer

dann eine Episode zu verlassen, wenn es

am spannendsten ist – so liest man immer

weiter. Ich bin jedenfalls sehr gespannt,

wie die Trilogie weitergeht. Dieses

Buch eignet sich für alle, die

historische Romane mögen, aber auch

ganz besonders für die Leserinnen und

Leser von ‹Liebe geht durch alle Zeiten›.

Auch das dritte Buch, das ich hier vorstelle,

spielt grösstenteils ins England. Und

auch wenn seine Autorin Deutsche ist,

hat es einen sehr englischen Anklang.

Kein Wunder: Alexandra Pilz ist am gleichen

Tag wie Jane Austen geboren und

liebt deren Werke. Hauptfigur von ‹Zurück

nach Hollyhill› ist Emily; ihre Eltern

kamen vor längerer Zeit bei einem Autounfall

ums Leben. An ihrem 17. Geburtstag

erhält Emily von ihrer Grossmutter,

bei der sie aufwächst, einen Brief, den ihr

einst ihre Mutter schrieb. Darin fordert

die Mutter sie auf, nach Hollyhill zu gehen

und dort ihre Vergangenheit kennenzulernen.

Einst lebte nämlich ihre Mutter

dort, doch sie verliess das Dorf, weil sie

sich in Emilys Vater verliebt und dieser

nicht dem Dorf angehört hatte.

Doch Hollyhill findet man auf keiner Karte.

Emily macht sich auf den Weg von

Deutschland nach England und landet in

einer verregneten Jane-Austen-Gegend,

einem Moorgebiet irgendwo im grausten

Gebiet Englands. Dort wird sie, verzweifelt

wie sie ist, von Matt aufgegabelt. Und

dieser attraktive Junge behauptet doch

tatsächlich zu wissen, wo Hollyhill ist.

Emily steigt in seinen Jeep, mit der er sie

nach Hollyhill bringen will, und schläft

ein. Als sie erwacht, ist alles anders. Und

Emily erfährt: Hollyhill ist ein Dorf, das

in der Zeit reist. Es ist immer dort, wo jemand

Hilfe braucht. Das gilt auch im Fall

von Emily. Im Jahr 1980 geschehen grausame

Mädchenmorde, und Emily, die inzwischen

mit dem Dorf in eben jenes Jahr

gereist ist, gerät selbst ins Visier des Mörders.

Die Idee hinter diesem Plot ist so cool! Am

meisten Spass machten mir die Beschreibungen

der 1980er-Jahre. Emily erlebt,

wie Lady Di heiratet, und sie kann sich

nur wundern über die damals aktuelle

Mode. Aber lustige Passagen sind in diesem

Buch eigentlich eher die Ausnahme,

auch hier dominiert eine düstere, fast

traurige Stimmung. Das Buch eignet sich

für alle, die genau das mögen: Romane,

die sehr abwechslungsreich sind und

ganz unterschiedliche Stimmungen erzeugen.

Ich zähle mich selber zu dieser

Gruppe, und deshalb hoffe ich, dass Alexandra

Pilz ihre Idee vom zeitreisenden

Dorf noch für weitere Bücher nutzt.»

Rot wie das Meer

Maggie Stiefvater

430 Seiten

CHF 29.90

script5

Für immer die Seele

Cynthia J. Omololu

381 Seiten

CHF 27.90

Dressler

Zurück nach Hollyhill

Alexandra Pilz

348 Seiten

CHF 26.90

Heyne


38 | Fantastisch! Books Nr. 2/2013

Junge Mitarbeitende von Orell Füssli

geben weitere Tipps:

Tim Lenny George,

18, absolviert

im Kramhof in Zürich

das dritte und

letzte Jahr seiner

Buchhändler-Lehre.

Er lebt in einem

Dorf ausserhalb

von Bern und

braucht täglich

vier Stunden, um morgens zur Arbeit und

danach wieder nach Hause zu gelangen.

«Den weiten Weg nehme ich aber gern auf

mich», sagt er. «Denn die Zeit im Zug kann

ich zum Lesen nutzen.» Sein Tipp: «Departement

19 – Die Wiederkehr» von

Will Hunt. «Fantasy-Reihen finde ich

grundsätzlich toll. Es gibt jedoch in vielen

Fällen einen Makel: Je mehr Bände eine

Reihe umfasst, desto langweiliger und

plumper wird sie. Nicht so die Reihe ‹Department

19› von Will Hill. Schon der erste

Band, den ich bereits in ‹Books› empfahl,

begeisterte mich. Jetzt knüpft Hill mit einer

Fortsetzung gekonnt daran an. Graf

Dracula wurde von seinem treuen Anhänger

Valeri, dem ältesten der Gebrüder Rusmanov,

wieder zum Leben erweckt. Der

grösste Alptraum des Departments 19

wird damit Wirklichkeit. Doch Draculas

Gegnern bleibt noch etwas Zeit, denn der

Vampir muss erst wieder seine ursprünglichen

Kräfte zurückerlangen. Bis zur

Stunde Null dauert es noch genau vier Monate

– dann kann Dracula nichts mehr aufhalten

... ‹Department 19 – Die Wiederkehr›

ist, wie schon sein Vorgänger, ein

spannungsgeladener und mit reichlich

Knalleffekten ausgestatter Fantasy-Kracher,

der einem das Herz schneller pulsieren

lässt.»

Manuela Bigler,

25, arbeitet in der

Kinder- und Jugendbuchabteilung

von Orell

Füssli im Berner

Einkaufszentrum

Westside. «Das Lesen

hat mich von

Kind auf begleitet»,

sagt sie, «deshalb wollte ich auch beruflich

mit Büchern zu tun haben.» Am

liebsten mag sie Fantasy-Romane. «Bei

diesem Genre kann ich am besten abschalten»,

sagt die Bernerin. «Ich lese nicht so

gern Geschichten, die zu nahe an der Realität

sind, denn Lesen soll ja auch einen

Ausgleich zum Alltag bieten.» Ihr Tipp:

«Incarceron» von Catherine Fisher.

«Claudia, die Tochter des Wächters von Incarceron,

weiss nicht viel über dieses ‹Paradies›,

das vor Jahrhunderten geschaffen

wurde. Denn keiner kommt mehr hinein,

keiner hinaus. Incarceron ist ein Gefängnis;

es beobachtet seine Insassen, es reagiert

auf sie und denkt. Claudia will mehr

herausfinden, bricht in das Arbeitszimmer

ihres Vaters ein – und findet einen kristallenen

Schlüssel. Er könnte Finn helfen,

endlich aus Incarceron zu fliehen, wenn

Claudia ihn dabei unterstützt ... Die Idee zu

dieser Reihe ist völlig neu. Die Geschichte

spielt in der Zukunft, aber jeglicher Wandel

ist verboten – die Menschen müssen wie im

17. Jahrhundert leben. Erzählt wird die

Story abwechselnd aus der Sicht von Claudia

und Finn. Erst nach und nach kann

man alles zusammensetzen. Und das tut

man sehr gern – denn die Geschichte ist

äusserst spannend, die Figuren sind interessant

und die Wendungen überraschend.»

Marino Castelli,

28, wohnt in Ruswil

und arbeitet

bei Orell Füssli am

Bellevue. Buchhändler

wurde er,

weil «ich ein leidenschaftlicher

Leser bin und

mein Hobby zum

Beruf machen wollte». An seiner Tätigkeit

schätzt er vor allem, dass er immer neue

cher entdecken kann – auch dank der

Kunden, die etwas Bestimmtes suchen.

Marino liest querbeet, vor allem Krimis

und Fantasy-Romane. Sein Tipp: «Return

Man» von V.M. Zito. «Horden von Untoten

haben die USA überrollt. Das Land ist aufgeteilt

in den Osten, wo sich die letzten lebenden

Menschen verschanzt haben, und

in den Westen, wo Zombies Menschen jagen.

Nur ein Mann wagt es noch, in die

verseuchten Gebiete zurückzukehren, um

im Auftrag der Lebenden deren untoten

Verwandten die letzte Gnade zu erweisen

und Spezialeinsätze auszuführen: Henry

Marco ... Zombiebücher sind im Moment

recht in – und sie werden wohl eine noch

grössere Lesergemeinde bekommen, wenn

im Juni ‹World War Z› von Marc Foster mit

Brad Pitt in die Kinos kommt. Dieses Buch

hier hat mir sehr gut gefallen, denn es hält,

was man sich von einem Roman dieses

Genres verspricht, es ist spannend und hat

eine düstere und beklemmende Atmosphäre.

Als Leser sitzt man förmlich auf Kohlen,

weil man weiss, dass überall Gefahr lauert

– trotzdem ist man überrascht, wenn das

Unglück dann tatsächlich zuschlägt. Die

Hauptperson wirkt zu Beginn kühl und gefühllos,

bekommt aber von Kapitel zu Kapitel

mehr Seele. Ich empfehle das Buch

besonders allen Fans der weltweit erfolgreichen

Kultserie ‹Walking Dead›.»

Departement 19 –

Die Wiederkehr

Will Hill

688 Seiten

CHF 27.90

Lübbe

Incarceron –

Fliehen heisst sterben

Catherine Fisher

475 Seiten

CHF 29.90

Penhaligon

Return Man

V.M. Zito

541 Seiten

CHF 14.90

Heyne


Alle Bücher finden Sie auch auf BUCHtipps | 39

Koethi Zan

Danach

Tania Carver

Stirb, mein

Prinz

Robert Harris

Angst

Tess Gerritsen

Abendruh

Sarah Farber hat drei lange, grausame

Jahre in einem Kellerverlies überlebt.

Zehn Jahre ist das her, aber Sarah

kann die Dunkelheit, die Kälte, die

Verzweiflung, die Panik nicht vergessen.

Und sie weiss noch immer nicht,

was damals mit ihrer besten Freundin

Jennifer geschah. Jetzt kann sie nicht

länger vor der Vergangenheit davonlaufen.

Ihr Peiniger soll auf Bewährung

freikommen, und sie ist die einzige,

die das verhindern kann – aber nur,

wenn sie sich dem Schlimmsten stellt,

das sie sich vorstellen kann: der

Wahrheit.

Koethi Zans Kunst ist es, das Grauen

als Kino im Kopf erfahrbar zu

machen: Sarahs Martyrium wird zum

eigenen Martyrium, zu einer Qual, die

das Vorstellbare übersteigt.

Ein altes Haus soll abgerissen werden.

Da entdecken die Arbeiter etwas

Grauenhaftes im Keller: einen Käfig

aus Menschenknochen. Und darin ein

verwahrlostes Kind. Wer ist dieser

Junge? Wer hat ihm das angetan? Mit

ihren Ermittlungen stören Kommissar

Phil Brennan und Profilerin Marina

Esposito einen kaltblütigen Menschensammler,

der seit über 30 Jahren

einem grausamen Ritual folgt. Doch

dieser Killer duldet keine Einmischung.

Er will den Jungen zurück. Und der

Knochenkäfig enthält noch weitere

Überraschungen – Geheimnisse, die

Brennan und den Killer miteinander in

Verbindung bringen. Die Zeit drängt,

und niemand weiss, dass sich der

Killer vor aller Augen verbirgt ...

Der amerikanische Physiker

Alexander Hoffmann war lange im

Europäischen Kernforschungszentrum

CERN mit dem Aufbau des neuen

Teilchenbeschleunigers beschäftigt.

Zusammen mit seinem Partner, einem

Investmentbanker, betreibt er nun

einen äusserst lukrativen Hedgefonds.

Hoffmann hat eine revolutionäre

Form des algorithmischen Aktienhandels

entwickelt: Künstliche Intelligenz

und Angstparameter werden zu einer

hochgeheimen Software verknüpft,

die mit geradezu unheimlicher Präzision

die Bewegungen der Finanzmärkte

voraussagen kann. Eines Nachts überwindet

ein Einbrecher die Sicherheitsanlagen

von Hoffmanns Anwesen. Ein

albtraumhafter Tag voller Paranoia

und Gewalt beginnt.

Sie sind die einzigen Überlebenden

von schrecklichen Familientragödien.

Erst wurden ihre Eltern

brutal ermordet, dann auch noch die

Pflegefamilien. In «Abendruh», einem

Internat in der Abgeschiedenheit des

amerikanischen Bundesstaats Maine,

sollen drei Jugendliche ihre Sicherheit

wiedergewinnen und in ein normales

Leben zurückfinden. Doch obwohl die

Schule nach aussen hin abgesichert ist,

kommt es zuchst beunruhigenden

Vorfällen. Plötzlich bangen die drei

Jugendlichen um ihr Leben. Maura

Isles, die eine persönliche Verbindung

zu «Abendruh» hat, ist vor Ort, als

die Situation endgültig eskaliert.

Der bislang bedrohlichste Fall für Jane

Rizzoli und Maura Isles!

448 Seiten

576 Seiten

384 Seiten

416 Seiten

CHF 24.90

CHF 24.90

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FISCHER Scherz

List

Heyne

Limes

ISBN 978-3-651-00045-2

ISBN 978-3-471-35078-2

ISBN 978-3-453-43713-5

ISBN 978-3-8090-2578-8


40 | im schaufenster Books Nr. 2/2013

Lügen ist

menschlich

Mit «Das Verschwiegene» liefert die norwegische Schriftstellerin und

Journalistin Linn Ullmann einen ungewöhnlichen Roman ab, der das

Publikum in die alltäglichen Untiefen des Menschseins führt.

Erik Brühlmann

Viel mehr als die

Tochter

ml. Viele Söhne und Töchter verweigern

sich oft dem Bereich, in dem die prominenten

Eltern tätig sind – und werden

zum Beispiel lieber Wissenschaftler als

Politiker, lieber Lehrer als Schauspieler.

Manche haben sich jedoch im gleichen

Gebiet versucht. Eines der spannendsten

Beispiele dafür ist Franz Xaver Wolfgang

Mozart, das jüngste Kind von Wolfgang

Amadeus. Seine Mutter Constanze hatte

ihn schon früh zum Musiker bestimmt.

Der Bub erhielt Unterricht von den

bekanntesten Lehrern in Wien und galt als

überaus talentiert. Er wurde dann auch

Musiklehrer und Komponist in Lemberg,

unternahm ausgedehnte Konzertreisen

durch ganz Europa und schuf einige

beachtliche Werke. Doch er blieb stets

nur «der Sohn» – ein Umstand, der ihn

vor allem im späteren Leben immer mehr

ärgerte. Franz Grillparzer dichtete für den

Nachruf des berühmten Mannes:

Drei junge Burschen wollen im Wald bei

Mailund, in der Nähe von Oslo, einen

Schatz bergen, den sie vor einiger Zeit vergraben

hatten. Stattdessen buddeln sie

eine Leiche aus: Mille, ein Mädchen, das

zwei Jahre zuvor spurlos verschwunden

war. Der Anfang von «Das Verschwiegene»

der norwegischen Autorin Linn Ullmann

würde jedem Krimi gut zu Gesicht stehen.

Doch nicht in jedem Buch, in dem eine

Leiche auftaucht, steckt auch ein Kriminalroman

drin. Vielmehr bereitet die Tochter

der Schauspielerin Liv Ullmann und des

Regisseurs Ingmar Bergmann mit dem Leichenfund

den Tisch für eine Mischung aus

einem Psychogramm des allzu Menschlichen

und der Geschichte einer nicht perfekten

Familie.

Eigentlich ist alles anders

«Ich schreibe über Dinge, vor denen ich

Angst habe», sagte Linn Ullmann einmal in

einem Interview. «Und ich habe Angst davor,

angelogen zu werden – und es nicht zu

bemerken.» Die Lüge steht in all ihren Varianten

denn auch im Zentrum von «Das

Verschwiegene»: Notlügen, Selbstbetrug,

Dinge, die nicht gesagt werden oder auf

den ersten Blick anders scheinen, als sie

sind. Da wäre zum Beispiel Jon, der Vater,

ein Schriftsteller, der schon seit Jahren unter

einer Schreibblockade leidet. Er belügt

sich selbst, indem er sich ständig einredet,

dass der lang erwartete dritte Teil seiner

Trilogie bald fertig sein wird. Es ist nur

eine Frage der Zeit, der Umgebung, der

Eingebung, der Organisation seiner Noti-

Begabt, um höher aufzuragen,

Hielt ein Gedanke deinen Flug;

«Was würde wohl mein Vater sagen?»

War dich zu hemmen schon genug.

Auch Linn Ullmann ist die Tochter

berühmter Eltern: Ihre Mutter ist die

norwegische Schauspielerin Liv Ullmann;

diese wurde vor allem durch ihre Mitwirkung

in Filmen von Ingmar Bergman, des

bedeutendsten skandinavischen Regisseurs,

berühmt. 1997 wurde Bergman bei den

Filmfestspielen in Cannes als «Bester Filmregisseur

aller Zeiten» geehrt. Auch wenn

man solche Superlative nicht mag, gibt es

nichts daran zu rütteln, dass Bergman die

Filmgeschichte geprägt hat – mit Dramen

wie «Wilde Erdbeeren», «Szenen einer

Ehe» oder «Herbstsonate». Bergman und

Liv Ullmann führten fünf Jahre lang eine

Beziehung, der die 1966 geborene Linn

entsprang.

Das Mädchen wuchs in Europa und in den

USA auf, später studierte Linn Ullmann

Literatur in New York. Sie foutierte

sich um die schwere Hypothek, die ihre

Abstammung mit sich brachte, und wagte

sich schon früh in die Welt der Kunst;

schon mit fünf Jahren wirkte sie neben

ihrer Mutter in einem Film mit, sie wurde

Kulturjournalistin und veröffentlichte 1998

ihren ersten Roman. Die Tatsache, dass

sie so berühmte Eltern hat, nimmt sie so

locker, wie das nur möglich ist – was ihr

viel Respekt eingebracht hat. «Offensichtlich

gibt es einen Einfluss der Eltern auf

mich», sagte sie in einem Interview, «aber

ich weiss nicht, auf welche Weise und in

welchem Mass. Meine Eltern sind beide

grosse Erzähler.»

Das ist sie selber auchals Schriftstellerin

steht Linn Ullmann auf eigenen Beinen.

Ihre Romane und Novellen werden

mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt;

auf Deutsch ist zum Beispiel auch «Die

Lügnerin» erhältlich – ebenfalls ein Buch

mit beachtlichem Tiefgang und hohem

Unterhaltungswert.


Alle Bücher finden Sie auch auf im schaufenster | 41

zen ... Siri, seine Frau, lädt sich Unmengen

von Arbeit und Verpflichtungen auf – damit

sie einerseits Jons Untätigkeit und den Familienunterhalt

finanzieren kann und um

andererseits vor sich selbst zu verbergen,

dass ihr Leben nicht das ist, was es sein

sollte, was sie sich vorstellte. «Was habe

ich eigentlich aus meinem Leben gemacht?»,

fragt sie sich denn auch in einem

Moment der Schche – und findet keine

Antwort. Jenny wiederum, Siris Mutter, ist

eine Alkoholikerin, die nach langen Jahren

der Abstinenz an ihrem 75. Geburtstag

wieder zu trinken beginnt. weil sie mit ihrem

Leben anfangen darf, was sie will –

und nicht etwa, weil sie es braucht oder

weil sie den frühen Tod von Siris Bruder

noch immer nicht verwunden hat ...

Wie ein Fächer

«Das Verschwiegene» ist eine Geschichte,

die sich vom Zeitpunkt des Leichenfunds

an wie ein Fächer immer weiter öffnet. Mit

jedem Kapitel erkennt man ein neues Stück

des grossen Ganzen, setzt hier ein Stück

Vergangenheit, dort ein Stück Gegenwart

ein – und weiss doch nie so recht, wo das

Ganze hinführen wird. Klar ist nur, dass

Siris und Jons Familie in einem Netz von

Lügen und Ungesagtem lebt und sich darin

windet. Das erscheint zuchst grotesk,

erweist sich bei näherem Hinsehen aber

nur als eine scharfsinnige Betrachtung des

Alltäglichen. Gleiches lässt sich auch über

die Ehe sagen, die Jon und Siri führen und

die alles andere als märchenhaft oder romantisch

perfekt ist – eine Situation, welche

die Autorin, die mit dem Dichter und

Bühnenautor Niels Fredrik Dahl verheira-

tet ist, aus eigener Erfahrung kennt: «Wir

beide haben gescheiterte Ehen hinter uns;

es ist uns nicht fremd, wie bedrückt und

einsam man sich in einer Beziehung fühlen

kann», sagt sie und liefert mit Jon und Siri

ein literarisches Beispiel. Jon betrügt seine

Frau mehrfach, ist ständig bemüht, seine

Mailbox «Siri-kompatibel» zu halten,

schläft statt im Ehebett lieber im Arbeitszimmer.

Und Siri kontrolliert Jons Handy,

seine E-Mails, weiss um seine Fremdbeziehungen

und wird nicht müde, ihn mit der

Nase auf seine Schreibblockade zu stossen.

Alles, nur nicht sich aussprechen, ist die

Devise.

Der Kinder wegen?

Natürlich, die beiden haben Kinder – Liv

und die ältere Alma –, da muss man den

Schein des Perfekten natürlich wahren.

Und dann ist da auch noch Mille, das Mädchen,

das bei Jon und Siri als Au-Pair arbeitet,

sodass man die funktionierende Familie

geben muss. Doch was hat dieser Schein

mit dem Sein zu tun? Mille beispielsweise

ist sowieso mehr an den menschlichen Seiten

interessiert, die im Verborgenen liegen.

Deshalb liebt sie es auch, Menschen zu fotografieren,

ohne dass sie es bemerken.

Und Alma wird mit der Zeit, wie es heisst,

immer schwieriger, wird sozusagen zum

Gegenentwurf von Jon und Siri. «Fuck you,

Mama!», sagt sie mit unschöner Offenheit,

rauft sich mit anderen Mädchen und lässt

sich sogar dazu hinreissen, der Lehrerin

den Zopf abzuschneiden – einfach, weil sie

es kann. Mit dieser Offenheit, egal ob gespielt

oder ehrlich, kommen Jon und Siri

einfach nicht klar.

Und die Tat?

Was dies alles mit dem Tod von Mille zu tun

hat? Obwohl niemand in der Familie die

Tat begangen hat, hat doch jeder mit seinem

Verhalten zum Tod Milles beigetragen,

bewusst oder unbewusst. Wer letztlich der

Täter ist, bleibt nebensächlich. Denn dieses

Wissen ändert nichts mehr am Tod des

Mädchens. Viel wichtiger ist – und das ist

wohl die oft zitierte Moral der Geschicht’ –,

dass es selbst aus verfahrenen Situationen

Auswege geben kann. Wenn man sich denn

dazu entschliesst, das Verschwiegene auf

den Tisch zu bringen.

Das Verschwiegene

352 Seiten

CHF 29.90

Luchterhand

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6. – 22. JUNI 2013 6. – 22. JUNI 2013 6. – 22. JUNI 2013

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Aufführungsrechte Diogenes Verlag Aufführungsrechte Zürich

Diogenes Verlag Aufführungsrechte Zürich Diogenes Verlag Zürich


42 | Kinderwelt Books Nr. 2/2013

Freunde machen Freude

Pippi, Thomas und Annika; Kasperl und Seppel; Pettersson und Findus. In der bewährten Kinderliteratur

spielen Freundschaften oft eine besondere Rolle. Deshalb wollen wir von unserer Gewährsfrau

für Kinderbücher wissen: Gibt es auch gute Neuerscheinungen rund ums Thema Freundschaft?

Marius Leutenegger

Wendel. Während seines Abenteuers merkt

Jannis allmählich, dass der weise Salamander

sich mit seiner Einschätzung eines

Schrats ziemlich geirrt hat ... Der heimliche

Star dieses Buchs ist der Schrat Wendel,

der total herzig gezeichnet wurde: Er

hat eine Haut wie ein Pilz und sieht irgendwie

aus wie eine grosse Bohne. Der Text ist

sehr sympathisch und äusserst unterhaltsam

geschrieben, und die Bilder sind sehr

attraktiv. Ich kann mir vorstellen, dass

‹Wecke niemals einen Schrat› das Lieblingsbuch

vieler Kinder werden wird. Sie

können es selber lesen, es eignet sich aber

auch zum Vorlesen für Buben und Mädchen

im Kindergartenalter.

© joelle tourlonIas / beltZ & gelberg

«Freundschaft gibt Geborgenheit, deshalb

kommt sie in vielen Kinderbüchern vor.

Aus der grossen Fülle von Neuerscheinungen,

die dieses Thema aufnehmen, habe

ich vier Titel ausgewählt, für die ich sozusagen

meine Hand ins Feuer legen würde

– sie alle sind aussergewöhnlich gut.

‹Wecke niemals einen Schrat› von Autor

Wieland Freund und der Illustratorin Joëlle

Tourlonias finde ich zum Beispiel wahnsinnig

schön – das ist ein richtiges Herzensbuch,

das mit viel Liebe gemacht

wurde. Die Geschichte spielt im Elfenwald.

Jannis und Motte sind zwei Elfenkinder,

die gerade ihre Elfenprüfung ablegen

mussten. Das Mädchen Motte hat sie mit

Bravour bestanden, Jannis aber ist durchgerasselt,

weil er immer den Unterricht

schwänzte. Er kennt daher auch ‹Amsel

Werden wahre Freunde:

die Elfen Jannis und

Motte aus «Wecke

niemals einen Schrat».

Salamanders Buch über alles› nicht genau,

und deshalb stochert er auf einem Streifzug

durch den Wald dummerweise in einem

vermeintlichen Pilz herum – und

weckt so den Schrat Wendel auf. In Salamanders

weisem Buch steht, dass man

niemals einen Schrat aufwecken darf; tut

man es doch, folgt er einem für immer und

bringt einem nur Unglück. Jannis will vor

dem Schrat fliehen, doch er kann ihn nicht

abschütteln. Weil er auf seiner Flucht den

ganzen Elfenwald durcheinanderbringt,

wird Jannis verstossen. In der ersten

Nacht, in der er allein ist, beschwört der

böse Zauberer Holunder einen Sturm herauf,

der das ganze Elfenvolk und auch

Salamanders Buch verweht. Jannis Freundin

Motte und die Elfenkönigin werden

vom bösen Zauberer entführt, und nur

Jannis kann sie retten – zusammen mit

Das nächste Buch gefällt wohl vor allem

Mädchen – Buben lesen ja nicht so gern

Geschichten mit weiblichen Hauptfiguren.

‹Superhelden fliegen geheim› von Alice

Pantermüller erzählt die Freundschaftsgeschichte

von Karline und Rose. Karline

hat ein Geheimnis, das sie nicht einmal

Rose anvertrauen kann: Sie stammt aus

einer Superheldenfamilie. Die Eltern und

Geschwister von Karline retten dauernd

die Welt, und es ist anzunehmen, dass auch

die Jüngste irgendwelche Superkräfte hat

– nur haben sich diese noch nicht gezeigt.

Wie bei Superhelden üblich, agiert auch

die Familie von Karline im Verborgenen.

Dummerweise zieht Professor Puvogel in

die Stadt, der berühmteste Superheldenforscher,

der hinter dem Geheimnis der

Superhelden her ist. Und sein Sohn Jona

kommt ausgerechnet in die Klasse von

Karline und Rose. Weil Jona auch eher ein

Aussenseiter ist, freunden sich die beiden

Mädchen aber mit ihm an. Und das ist gut,

denn der Professor wird von zwei Gangstern

entführt und braucht dringend Hilfe.

Glücklicherweise entdeckt Karline endlich

ihre Gabe: Sie versteht alle Tiere, und das

erweist sich bei der Rettung des Professors

als unschätzbar wertvoll ... ‹Superhelden

fliegen geheim› ist ein sehr unterhaltsames

und witziges Buch – und ein ausserge-


Alle Bücher finden Sie auch auf Kinderwelt | 43

wöhnliches obendrein. Die Geschichte

wird rasant und mit viel Humor erzählt.

Von Alice Pantermüller stammt auch die

erfolgreiche Reihe ‹Mein Lotta-Leben›,

aber dieses neue Buch hat mir besser gefallen,

weil es so energiegeladen ist.

Aussergewöhnlich ist auch das nächste

Buch – darauf deutet ja bereits der Titel

hin: ‹Päpste pupsen nicht›, geschrieben

von Alexander Smoltczyk. Im Mittelpunkt

stehen zwei Mädchen. Die Familien der

beiden jungen Schweizerinnen leben in

Comiczeichner Ulf K. lockert «Superhelden fliegen

geheim» mit hübschen Illustrationen auf.

Rom – die eine Familie aus romantischen

Gründen, die andere, weil der Vater Kommandant

der Schweizergarde ist. Die beiden

Mädchen streifen zusammen durch

die Stadt, über die man übrigens sehr viel

erfährt, und sie stellen irgendwann fest,

dass die Stare in diesem Jahr bei ihrem

Flügen im Schwarm höchst ungewöhnliche

Formationen bilden. Die beiden Mädchen

machen sich auf die Suche nach den

Ursachen für dieses Phänomen und begegnen

dabei eigenartigen Leuten. Und sie

stossen auf ein grosses Geheimnis: Ein

Priester im Vatikan erfand eine Maschine,

mit der sich der Flug der Stare manipulieren

lässt, und diese Maschine wurde gestohlen.

Komischerweise bringen die manipulierten

Stare die Menschen jetzt dazu,

rundheraus die Wahrheit zu sagen. Und

das könnte im Falle des Papstes zu einer

© ulF K. / aren

Katastrophe führen, die es zu verhindern

gilt ... In dieser Geschichte ist alles sehr

mysteriös und speziell. Alexander Smoltczyk

erzählt in seinem Debüt zwar schlüssig

und klar, aber die Sache ist ein wenig

verzwickt, deshalb eignet sich das Buch

eher für geübte Leserinnen und Leser ab

neun, zehn Jahren. Sie können sich auf viel

Spannung und höchst originelle Wendungen

freuen!

Und dann ist mir gleich noch eine erstklassige

Neuerscheinung zum Thema Freundschaft

in die Hände geraten: ‹Ein Krokodil

taucht ab› von Nina Weger – ein Superbuch!

Das schöne Cover könnte einen auf

eine falsche Fährte leiten, denn die Geschichte

ist schon etwas düsterer, als der

Umschlag verspricht. Hauptfigur ist Paul,

der mit seinem Vater und dem Mississippi-

Alligator Orinoko zusammenlebt; der Vater

arbeitet mit Tieren und ist dadurch zu diesem

ungewöhnlichen Haustier gekommen.

Leider verliebt sich der Vater, und die neue

Freundin zieht zusammen mit ihrer Tochter

Elektra bei Paul ein. Es gibt ständig

Streit, und bei einem Krach fällt Orinoko

ins Klo und wird aus Versehen heruntergespült.

Paul macht sich auf die Suche nach

seinem besten Freund und geht in die Kanalisation.

Dort trifft er auf eine grosse

Bande von Kindern, die sich in der Kanalisation

ein eigenes Reich eingerichtet hat.

Paul muss schwören, dass er für immer bei

diesen Ausreissern bleibt, und sie helfen

ihm in Gegenzug, Orinoko zu finden. Doch

dann taucht Elektra auf. Sie wollte Orinoko

ebenfalls retten, um sich mit Paul zu versöhnen,

doch sie hat sich in der Kanalisation

verirrt. Erst verstehen sich Paul und

Elektra überhaupt nicht, dann merkt er

aber, dass sie es ehrlich meint mit der Versöhnung

– und die beiden beschliessen, die

Kanalisation gegen den Willen der Bande

zu verlassen. Das alles ist total spannend,

ein Abenteuer jagt das nächste, und man

kann als Leserin oder Leser kaum Luft holen.

Irgendwie hat mich das Ganze ein wenig

an ‹Die rote Zora› erinnert – zumindest

bezüglich Spannung ist der Vergleich

durchaus angebracht.»

Nicole Stäuble, 40, ist Buchhändlerin bei

Orell Füssli in Frauenfeld; sie hat einen

dreijährigen Sohn. «Ich machte bereits

meine Lehre zur Buchhändlerin bei Orell

Füssli», erzählt sie. Schon in der Lehre

seien Kinder- und Jugendbücher für sie

das Grösste gewesen, denn «dieser Bereich

ist so vielseitig und fast so etwas wie

eine Buchhandlung in der Buchhandlung!»

Ausserdem könne man die Kundinnen

und Kunden, die Kinderbücher suchten,

umfassend beraten: «Die meisten Leute

sind dankbar für Empfehlungen, weil sie

sich mit den Neuerscheinungen nicht so

gut auskennen.»

Wecke niemals

einen Schrat

Wieland Freund,

Joëlle Tourlonias

(Illustrationen)

217 Seiten

CHF 23.90

Beltz & Gelberg

ab 8 Jahren

Superhelden

fliegen geheim

Alice Pantermüller,

Ulf K. (Illustrationen)

163 Seiten

CHF 15.90

Arena

ab 9 Jahren

Päpste pupsen

nicht

Alexander

Smoltczyk

CHF 18.90

Dressler

ab 10 Jahren

Ein Krokodil

taucht ab

Nina Weger

336 Seiten

CHF 19.90

Oetinger

ab 10 Jahren


44 | ORELL FÜSSLI Books Nr. 2/2013

«Das kleine Gespenst»

in Winterthur

Ein Theatererlebnis für die ganze Familie: Der Kinderbuch-Klassiker

«Das kleine Gespenst» wird auf Schloss Mörsburg unter freiem

Himmel aufgeführt.

Benjamin Gygax

Am 18. Februar 2013 starb einer der grössten

deutschen Kinderbuchautoren: Otfried

Preussler. Er wurde fast 90 Jahre alt. Mit

seinen Büchern hat Preussler Generationen

von Kindern und Jugendlichen unterhalten.

«Der kleine Wassermann», «Die

kleine Hexe» oder «Der Räuber Hotzenplotz»

sind auch Jahrzehnte nach ihrem

Erscheinen bekannt und beliebt; und

«Krabat» sorgt auch heute noch für Gänsehaut

bei jugendlichen Leserinnen und Lesern.

Preusslers 32 Bücher wurden in 55

Sprachen übersetzt und rund 50 Millionen

Mal gedruckt.

Wie bühnentauglich die Geschichten des

deutschen Schriftstellers sind, zeigt jetzt

die Produktionsgesellschaft «summerträumli»

der beiden Schauspieler Patrizia

Gasser und Samuel Vetsch. Sie führt «Das

kleine Gespenst» in einer werkgetreuen

Dialektbearbeitung auf, unter freiem Himmel

und vor perfekter Kulisse: im Hof von

Schloss Mörsburg bei Stadel, Winterthur.

«Viele Kindertheater sind Tourneeproduktionen

und müssen deshalb auf aufwändige

Bühnenbilder und Requisiten verzichten»,

sagt Mit-Initiant und Regisseur

Samuel Vetsch. «Wir wollten aber einmal

ein richtiges Spektakel präsentieren, das

Gross und Klein etwas bietet.» Die Macher,

die schon beim MärliMusicalTheater von

Andrew Bond zusammenarbeiteten, versprechen

Live-Musik und Action.

Geplant sind 15 Vorstellungen. Sie gehen

zwischen dem 10. August und dem 15. September

jeweils am Mittwoch-, Samstagund

Sonntagnachmittag über die Bühne.

Damit das Spektakel auch bei Regen nicht

ins Wasser fällt, ist die Tribüne gedeckt.

Informationen und Hinweise zum Vorverkauf

unter www.summerträumli.ch.

Wettbewerb: Kurzgeschichten

gesucht!

Preis für den

Kramhof

Während einer Zugfahrt lässt sich wunderbar

lesen – die Zeit bis zum Ziel ist sozusagen

geschenkt, und man kann ungestört in

Geschichten abtauchen. Reist man mit dem

Voralpen-Express, ist Lesen aber ausnahmsweise

nicht die beste Beschäftigung,

denn der Zug durchquert vom Bodensee bis

zum Vierwaldstättersee einige der schönsten

Gegenden der Schweiz. Warum also

nicht einfach aus dem Fenster schauen und

die Eindrücke geniessen?

Und wer seine Eindrücke in eine Kurzgeschichte

packt, kann jetzt auch attraktive

Preise gewinnen. Der Voralpen-Express

und Orell Füssli suchen die spannendsten,

lustigsten oder romantischsten Kurzgeschichten.

Einzige Bedingung: Die Geschichte

darf höchstens 5000 Zeichen lang

sein und muss die fünf Begriffe «Voralpen-

Express», «Rothenthurmer Hochmoor»,

«Rickentunnel», «Sitterviadukt» und «unbekannter

Koffer» enthalten.

Senden Sie Ihre Geschichte bis zum 15. Oktober

2013 unter www.voralpen-express.ch

ein und gewinnen Sie ein Wochenende für

zwei Personen in Bad Zurzach, eine

Schreibwerkstatt mit Milena Moser oder einen

E-Reader. Alle Informationen unter

www.books.ch/geschichten-spinnen.

Seit 2004 vergibt die Arbeitsgemeinschaft

für Jugendbuchverlage avj, der

rund 90 Verlage im deutschsprachigen

Raum angehören, jährlich den «Kinderbuchhandlungspreis».

Die Auszeichnungen

für 2013 wurden im Rahmen der

Leipziger Buchmesse überreicht – und zu

den Preisträgern gehört auch Orell Füssli.

Die Filiale Kramhof an der Zürcher

Bahnhofstrasse gewann den Preis für die

Schweiz mit der Aktion «Testleser». Dabei

empfehlen Kinder anderen Kindern

Neuerscheinungen, die sie für besonders

gelungen halten. Zum Testleser-Team gehören

etwa 20 Buben und Mädchen, die

sich auf einen Aufruf gemeldet haben. Sie

können sich bei den Leseexemplaren bedienen

und verfassen dann eine Rezension,

die in der Buchhandlung ausgestellt

wird. «Eine kreative Idee, mit der ein Beitrag

zur Leseförderung geleistet wird

und welche die Buchhandlung für junge

Kundinnen und Kunden interessant

macht», urteilte die Jury.


Alle Bücher finden Sie auch auf Mein Buch | 45

Einkaufen auf dem Weg

in die Ferien

Wir möchten von Orell-Füssli-Kundinnen und -Kunden wissen: Welches ist

Ihr liebstes Buch? Heute antwortet David Auf der Maur aus Guarda.

Erik Brühlmann

nach Gran Canaria. Da kommt ihm die

Buchhandlung von Orell Füssli gerade gelegen,

um sich vor dem Flug noch mit Lesefutter

einzudecken. «Ich lese eben sehr

viel», sagt er, «Fachliteratur rund um die

Landwirtschaft, Kochcher, Krimis und

am liebsten historische Romane.» Mit digitalen

chern kann David Auf der Maur

wenig anfangen: «Ich liebe es einfach, ein

Buch in der Hand zu halten!» Und von der

Hand wandern die Bücher dann in die eigene

Bibliothek, denn in den allermeisten

Fällen behält er, was er gelesen hat. «Ich

finde es einfach toll, eine eigene Bibliothek

zu haben.»

ich das Buch; wenn ich den Film sehe, sehe

ich den Film. Oft haben beide Aufbereitungen

eines Stoffs ihre Qualitäten, wenn auch

nicht unbedingt dieselben.»

Konsequenterweise empfiehlt der Landwirt

für unsere Rubrik auch ein Buch, das

sowohl in Buchform als auch in der Verfilmung

mit Ben Whishaw und Dustin Hoffman

zu den Grosserfolgen zählt: «Das Parfum»

von Patrick Süskind aus dem Jahr

1985. Der Roman – der einzige, den Süskind

je geschrieben hat – erzählt die Geschichte

von Jean-Baptiste Grenouille, der

einen geradezu phänomenalen Geruchssinn

besitzt, jedoch selbst ohne menschlichen

Eigengeruch geboren wurde. Er beschliesst,

grösster Parfumeur aller Zeiten

zu werden. Für seine Vision, mit allen Mitteln

das perfekte Parfum zu kreieren, wird

er sogar zum Mörder – und muss erkennen,

dass seine Kreation nur eine Illusion

ist. «Wahnsinnig spannend geschrieben

und total faszinierend!», findet David Auf

der Maur.

In der Filiale von Orell Füssli am Flughafen

Kloten herrscht zuweilen ein babylonisches

Sprachwirrwarr. Deutsch, Englisch

und Französisch sind ebenso in Gebrauch

wie Idiome, die nicht so leicht zu identifizieren

sind. Kein Wunder, sind doch die

meisten Kundinnen und Kunden im wahrsten

Sinn des Wortes auf der Durchreise.

Das gilt auch für den 42-jährigen David Auf

der Maur. Der Landwirt aus dem Engadin

ist eigentlich auf dem Weg in die Ferien

Bei der Auswahl seiner Bücher verlässt

sich David Auf der Maur auf seine Intuition:

«Entweder gefällt mir das Cover, oder

der Titel fasziniert mich – und meistens ist

das dann eine gute Wahl.» Zu seinen Lieblingsautoren

gehören Ken Follett, Donna

Leon, Dick Francis und Paulo Coelho. «Gefällt

mir das Buch eines Autors, lese ich oft

auch alle anderen von ihm», so der 42-Jährige,

der auch kein Problem mit Literaturverfilmungen

hat. «Ich gehe da ganz unbefangen

heran. Wenn ich das Buch lese, lese

Das Parfum

Patrick Süskind

319 Seiten

CHF 17.90

Diogenes

Geniessen Sie spontane und

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46 | Kochcher Books Nr. 2/2013

Ein kulinarisches Mosaik

Jerusalem ist ein Brennpunkt vieler Menschengruppen. Dies hat zu andauernden Konflikten, aber auch

zu einer Konzentration von Kochtraditionen geführt. Yotam Ottolenghi zeigt mit seinen Kochchern,

dass Völkerverständigung durch den Magen gehen kann.

Markus Ganz

Yotam Ottolenghi: «Wir bemühen uns zu überraschen

und die Neugierde zu wecken.»

Eine einzige für Jerusalem typische Küche

kann es nicht geben. In der jahrtausendealten

Stadt leben Angehörige verschiedener

Strömungen des Judentums und des

Islams, aber auch griechisch- und russisch-orthodoxe

Christen, christliche Araber

oder Kopten. Sie alle pflegen unterschiedliche

Kochtraditionen, die von ihrer

geografischen, kulturellen und religiösen

Herkunft geprägt sind. Trotz dieser Vielfalt

kann man aber auch Gemeinsamkeiten

finden. Das zeigen Yotam Ottolenghi und

Sami Tamimi mit ihrem aussergewöhnlichen

Kochbuch «Jerusalem».

Freundschaft in London

Yotam Ottolenghi wurde 1968 als Sohn einer

deutschen Mutter und eines italienischen

Vaters im jüdisch geprägten West-

Jerusalem geboren; der gleichaltrige

Palästinenser Sami Tamimi wuchs zur selben

Zeit im muslimischen Ost-Jerusalem

auf. Die beiden sind einander dort nie begegnet.

Zufällig lernten sie einander 1999

in London kennen, wo Yotam Ottolenghi

eine Kochausbildung absolviert hatte. Zusammen

eröffneten sie 2002 eine Bar,

dann kam ein Restaurant hinzu. Mittlerweile

besitzen sie deren vier – denn die

© Richard Learoyd / Dorling Kindersley

geschmacksintensiven Kreationen ihrer

mediterran-orientalischen Küche stiessen

in der britischen Hauptstadt auf grosse Begeisterung.

«Wir bemühen uns zu überraschen

und die Neugierde zu wecken»,

schreiben sie auf ihrer Website.

Kräftig und kühn

Um diese Ziele zu erreichen, setzen sie

«kräftige Aromen und kühne Farbkombinationen»

ein, als Lieblingszutaten nennen

sie Zitrone, Granatapfel, Knoblauch und

Chili. Die bald landesweite Popularität ihrer

che ist auch darauf zurückzuführen,

dass sich Yotam Ottolenghi mit einer Kolumne

im Wochenend-Magazin von «The

Guardian» einen Namen gemacht hat. Er

beschreibt dort auf zum Kochen verführende

Weise, wie schmackhaft vegetarische

Gerichte sein können. Dies führte zu

zwei Kochchern, die international auf

grosse Beachtung stiessen: «Genussvoll

vegetarisch – mediteran. orientalisch. raffiniert»

und «Das Kochbuch – mediteran.

orientalisch. raffiniert».

Kindheitserinnerungen

Das neuste Kochbuch hat Yotam Ottolenghi

nun mit seinem Freund und Geschäftspartner

Sami Tamimi geschaffen. «Jerusalem»

sei eine Suche nach den wundervollen Geschmackserlebnissen

ihrer Kindheit, erklären

die beiden in der Einführung. Neben

traditionellen Gerichten, die sie

teilweise heutigen Essgewohnheiten anpassten,

bieten sie auch eigene Rezepte,

die von dieser Stadt inspiriert wurden. Der

grossformatige Bildband besticht jedoch

nicht nur mit appetitanregend bebilderten

Gerichten wie Mangoldkuchen, geschmorten

Wachteln mit Aprikosen, Korinthen

und Tamarinde oder gefüllten Quitten. Eindrücklich

sind – neben stimmungsvollen

Fotos aus dem Leben in Jerusalem – auch

die Texte, die oft weit übers Kulinarische

hinausgehen.

Kulinarische Wege

Zu den erklärten Lieblingsrezepten der Autoren

gehört ein einfaches Couscous mit

Tomaten und Zwiebeln. Es basiert auf einem

Gericht aus Samis Kindheit, das ihm

seine Mutter Na’ama im muslimischen

Ostjerusalem kochte. Im selben Zeitraum

ass Yotam im jüdischen Westteil der Stadt

oft ein ähnliches Gericht, das ihm sein Vater

Michael zubereitete. Doch statt Couscous

verwendete dieser Ptitim, kleine

Pastakugeln. «Die eine Variante schmeckte

so herrlich wie die andere», schreiben die

Autoren und schlagen den Bogen noch

weiter: In der Küche der libyschen Juden

gebe es ein ähnliches Gericht wie das von

Michael. Es heisse Shorba und widerspiegle

die Zeit der italienischen Besatzung in

Libyen im frühen 20. Jahrhundert. Michaels

Ptitim sei also möglicherweise von der

libyschen Küche in Jerusalem beeinflusst,

die ihrerseits wiederum italienische Spuren

aufweise. «Und das Sahnehäubchen

auf diesem interkulturellen Kuchen: Michaels

Grossonkel Aldo Ascoli war Admiral

der italienischen Marine, die 1911 in Tripolis

einfiel und Libyen besetzte.»

Jerusalem –

Das Kochbuch

Yotam Ottolenghi

und Sami Tamimi

318 Seiten

CHF 36.90

Dorling

Kindersley

Genussvoll vegetarisch

mediterran. orientalisch.

raffiniert

Yotam Ottolenghi

287 Seiten

CHF 36.90

Dorling

Kindersley

Das Kochbuch

mediteran. orientalisch.

raffiniert

Yotam Ottolenghi

303 Seiten

CHF 37.90

Dorling

Kindersley


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Für Sie probiert: Geschmortes

Kalbfleisch mit Dörrpflaumen

und Lauch

Rezept aus dem nebenan besprochenen Buch «Jerusalem»

Die Küche der «Spanioli» – sephardische

Juden, die seit vielen Generationen in Jerusalem

ansässig sind – ist etwas ganz Besonderes.

Die ersten Spanioli kamen im

Zug der Judenvertreibung 1492 ins Land,

oft nicht auf dem direkten Weg aus Spanien,

sondern über andere Länder. Daher ist

ihre Art zu kochen von vielen Traditionen

beeinflusst, die sie auf ihrem Weg nach

Jerusalem kennenlernten. Inzwischen sind

in ihre Gerichte auch Elemente der aschkenasischen

che eingeflossen – eine absolut

faszinierende Mischung. Typisch für die

sephardische Tradition ist die Kombination

von Fleisch und getrockneten Früchten,

wie wir sie hier finden. Das unterscheidet

ihre Gerichte deutlich von der Küche der

Palästinenser, in der trotz mancher Ähnlichkeiten

Süsses nie mit Pikantem kombiniert

wird.

Für 4 Personen (reichlich)

Zutaten:

110 ml Sonnenblumenöl

4 grosse Scheiben Kalbshaxe

mit Knochen (etwa 1 kg)

2 grosse Zwiebeln (etwa 500 g),

fein gehackt

3 Knoblauchzehen, zerdrückt

100 ml trockener Weisswein

250 ml Hühner- oder Rinderbrühe

1 Dose Tomatenstücke (400 g)

5 Zweige Thymian, die Blätter fein

gehackt

2 Lorbeerblätter

Schale von 1 Bio-Orange, in Streifen

abgeschält

2 kleine Zimtstangen

½ TL gemahlener Piment

2 Sternanis

6 Stangen Lauch (nur die weissen Teile),

in 1 ½ cm breite Ringe geschnitten

200 g Dörrpflaumen, entsteint

Salz und schwarzer Pfeffer

Zum Servieren:

120 g griechisches Joghurt

2 EL fein gehackte glatte Petersilie

2 EL abgeriebene Zitronenschale

2 Knoblauchzehen, zerdrückt

Zubereitung:

Den Backofen auf 180 °C vorheizen.

In einer grossen Pfanne mit schwerem Boden

2 Esslöffel Öl erhitzen, das Fleisch darin

auf jeder Seite 2 Minuten bei starker

Hitze anbraten, danach in einem Sieb abtropfen

lassen.

Den grössten Teil des Fetts wegschütten.

Erneut 2 Esslöffel Öl in der Pfanne erhitzen

und darin die Zwiebeln mit dem Knoblauch

etwa 10 Minuten bei mittlerer bis

starker Hitze goldgelb anbraten. Dabei gelegentlich

umrühren und den Bratensatz

vom Boden lösen. Den Wein angiessen und

3 Minuten bei starker Hitze kochen lassen,

bis er fast vollständig verdampft ist. Die

Hälfte der Brühe angiessen, Tomaten, Thymian,

Lorbeerblätter, Orangenschale, die

Gewürze, 1 Teelöffel Salz und etwas Pfeffer

hinzufügen, gut umrühren und aufkochen

lassen. Das Fleisch in die Pfanne legen und

in der Sauce wenden.

Das Fleisch mit der Sauce in eine ofenfeste

Form füllen und gleichmässig darin verteilen.

Mit Alufolie abdecken und für 2½ Stunden

in den Backofen schieben. Gelegentlich

prüfen, ob die Sauce nicht zu dick wird

und am Rand verbrennt. Ist dies der Fall,

etwas Wasser hinzufugen. Das Fleisch ist

gar, wenn es sich mühelos vom Knochen

lösen lässt. Die Fleischstücke aus der Sauce

nehmen und in einer grossen Schüssel

etwas abkühlen lassen. Das Fleisch von

den Knochen lösen und das Mark mit einem

kleinen Messer aus den Knochen herauskratzen.

Die Knochen wegwerfen.

Das restliche Öl in einer Pfanne erhitzen,

den Lauch darin etwa 3 Minuten unter gelegentlichem

Rühren bei starker Hitze anbraten,

dann zu der Sauce in die Form geben.

In der Pfanne die Dörrpflaumen mit

der restlichen Brühe, dem ausgelösten

Fleisch und dem Knochenmark verrühren

und ebenfalls in die Form geben. Mit Alufolie

abdecken, die Form nochmals für 1

Stunde in den Backofen schieben und anschliessend

die Sauce noch einmal abschmecken.

Mit dem Joghurt garnieren und mit einer

Mischung aus Petersilie, Zitronenschale

und Knoblauch bestreuen; heiss servieren.

Anmerkungen:

Das Kalbfleisch kann schon deutlich früher

gar sein, deshalb frühzeitig überprüfen.

Als Beilage passt Trockenreis, den man

beispielsweise mit Butter, gehackten Zwiebeln,

gerösteten Mandelsplittern und Kardamom

anreichern kann.


48 | WETTBEWERB Books Nr. 2/2013

Das Literatur-Kreuzworträtsel

Unter den richtigen Lösungen verlosen wir Gutscheinkarten von Orell Füssli:

1. Preis: CHF 200.–, 2. Preis: CHF 100.–, 3. Preis: CHF 50.–, 4. bis 10. Preis: je CHF 20.–.


Lösungswort:

Vorname / Name

Adresse

Bis am 27. Juli 2013 in einer der Orell-Füssli-Filialen in Zürich, Basel, Bern,

Winterthur, Frauenfeld, am Flughafen Zürich oder bei Rösslitor Bücher in St. Gallen

abgeben – oder per E-Mail an: books@books.ch.

Über den Wettbewerb wird keine Korrespondenz geführt.

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Veranstaltungen von Orell Füssli

Mai

16.

Handanalysen mit

Monika Hauser

Filiale Marktgasse, Winterthur 17-20 h

25.

Märlischtund

Juni

1.

Filiale Frauenfeld 10.30 h

Filiale Marktgasse, Winterthur Nachmittag

Theo der Bär kommt zu Besuch

6.

9.

Filiale Kramhof, Zürich 13-15 h

Theo der Bär kommt zu Besuch

Filiale am Bellevue, Zürich 20.30 h

«Zürich» und «Basel»

Mark van Huisseling und Alain Claude Sulzer

lesen aus ihren Büchern über ihre Städte

11.

Handanalysen mit Monika Hauser

Filiale Marktgasse, Winterthur 17-20 h

27.

Märlischtund

Filiale Frauenfeld 10.30 h

17. Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich 20 h

L-Reihe

Lesung von Daniel Kehlmann, Veranstaltet mit

der Filiale Kramhof

25.

Zürich liest: Lesung und

Diskussion mit Milena Moser

Filiale Marktgasse, Winterthur 19 h

1.

Filiale Kramhof, Zürich 13-15 h

Theo der Bär kommt zu Besuch

August

3.

Theo der Bär kommt zu Besuch

31.

Märlischtund

Filiale Kramhof, Zürich 13-15 h

Filiale Frauenfeld 10.30 h

3.

Filiale Rösslitor, St. Gallen 20 h

Literaturcafé

12.

Lesezirkel

Filiale Frauenfeld 19 h

13. Filiale Marktgasse, Winterthur 17-20 h

Handanalysen mit Monika Hauser

29.

Märlischtund

Juli

1.-7.

3.

Filiale Frauenfeld 10.30 h

Filiale Basel

10 Jahre Orell Füssli Basel

3-fache Bookpoints aufs ganze Sortiment

Glücksrad am 2., 4. und 7. Juli, jeweils

16-19 h

Filiale Basel 14-17 h

Globi kommt zu Besuch

20 % Rabatt aufs Globi-Sortiment

September

1.-30.

7.

Filiale Kramhof, Zürich

20-Jahr-Jubiläum

Diverse Veranstaltungen

Filiale Marktgasse, Winterthur Nachmittag

Theo der Bär kommt zu Besuch

12. Filiale Marktgasse, Winterthur 17-20 h

Handanalysen mit Monika Hauser

21.

Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich 20 h

L-Reihe: «Sprechen wir über

Eulen – und Diabetes»

Lesung von David Sedaris, veranstaltet mit der

Filiale Kramhof

28.

Märlischtund

Filiale Frauenfeld 10.30 h

Oktober

5.

Filiale Marktgasse, Winterthur Nachmittag

Theo der Bär kommt zu Besuch

10. Filiale Marktgasse, Winterthur 17-20 h

Handanalysen mit Monika Hauser

26.

Märlischtund

Filiale Frauenfeld 10.30 h

30.

Lesezirkel

Filiale Frauenfeld 19 h

November

2.

Filiale Marktgasse, Winterthur 13-16 h

Globi kommt zu Besuch

14.

Handanalysen mit Monika Hauser

Filiale Marktgasse, Winterthur 17-20 h

23.

Märlischtund

Filiale Frauenfeld 10.30 h

23.

Globi kommt zu Besuch

Filiale Rosenberg, Winterthur 13-16 h

25.

L-Reihe: «Ein gutes Herz»

Lesung von Leon de Winter, veranstaltet mit

der Filiale Kramhof

Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich 20 h

Mehr Veranstaltungen und Informationen finden Sie auf www.books.ch


GESCHICHTEN

SPINNEN

Hauptpreis:

2 Übernachtungen für

2 Personen in der

Literaturküche in

Bad Zurzach

voralpen-express.ch

Der wettbewerb Kurzgeschichten-

2013!


Books Nr. 2/2013 Kolumne | 51

Schweizer Autorinnen und

Autoren erzählen in «Books»,

warum sie schreiben.

Heute: Linus Reichlin

würde sie Tee aus einem Samowar trinken

und sich überlegen, wohin die Reise als

chstes führt, ob man einen Spaziergang

zum Strand macht oder nicht doch lieber

sich ein Pferd mietet.

Der schönste Ort um zu lesen ist für mich

ein frisch bezogenes Hotelbett. Nach einem

guten Abendessen und reichlich Wein legt

man sich kurz vor Mitternacht in die duftenden

Laken, und im Schein der Nachttischlampe

versinkt man in dem Buch, das

man gerade liebt, folgt dem Helden auf seinen

Wegen und wird von Seite zu Seite

müder.

Es ist mein erklärtes Ziel, Bücher zu schreiben,

die den Lesern in einem Hotelbett

solche Glücks- und Geborgenheitsgefühle

verschaffen. Obwohl aber das Bett der primäre

Ort der Leselust ist, soll man meine

cher natürlich auch in der Hotellobby

lesen können oder in der Hotelbar, meinetwegen

auch im Speisesaal – Hauptsache

Hotel. Literatur und Hotels gehören untrennbar

zusammen, nirgendwo sind Bücher

so sehr Bücher wie in Hotels, und

keine Bibliothek ist so verlockend und

abenteuerlich wie die in einem Hotel. Literatur

ist immer Aufbruch, mit dem ersten

Satz packen Autor und Leser gleichermassen

ihr Bündel und betreten fremde Welten.

Und wo stimmt das besser mit der

Wirklichkeit überein als eben in einem Hotel,

in dem auf den Aufbruch die Ruhe folgt

und man bestenfalls in einem Kaminzimmer

in einem englischen Ohrensessel sitzt

und den Roman weiterliest, der nun gleichfalls

nach dem Aufbruch in eine Phase der

Ruhe eingetreten ist, in der die Geschichte

vorübergehend an Tempo verliert, so als

Schade für den Schriftsteller ist nur, dass

er immer ein bisschen weniger Reisender

ist als der Leser. Er ist gewissermassen der

Reiseleiter und kennt deswegen sämtliche

Sehenswürdigkeiten und Aussichtspunkte

schon. Zweifellos ist das Auftauchen der

Pyramiden aus dem Kairoer Smog morgens

um halb sechs auch für ihn immer

wieder ein Ereignis, aber es ist eben nicht

mehr so überraschend wie für den Reisenden,

der es zum ersten Mal sieht. Und

selbst wenn der Reiseleiter – beispielsweise

bei einem Trekking-Urlaub – ebenfalls,

wie der Reisende, zum ersten Mal unbekanntes

Terrain betritt, wenn er also vorangeht

und mit der Machete den Weg freihackt,

ist für ihn das Erlebnis des Neuen

mit Arbeit verbunden, während der Reisende

hinter ihm auf dem frisch geschlagenen

Weg das Neue mühelos geniessen

kann. Der Schriftsteller arbeitet, der Leser

geniesst, und deswegen ist es nur gerecht,

dass er für den Genuss etwas bezahlt. Ich

schreibe, damit Menschen in Hotels meine

cher lesen, für die sie zuvor bezahlt haben.

Mit einem Teil des so verdienten Geldes

begleiche ich meinerseits die Rechnung

des Hotels, in dem ich wiederum das

Buch eines Kollegen lese, mit dem Unterschied,

dass ich meistens für die Bücher

von Kollegen nichts bezahlen muss, weil

ich sie mir auf irgendeinem Weg erschnorre.

Dadurch spare ich im Jahr rund 500

Franken an Bücherkosten. Man könnte

also auch sagen: Ich schreibe, um zu sparen,

auch beispielsweise Schlusspointen.

Linus Reichlin

Linus Reichlin, 56, kam in Aarau zur Welt

und lebt heute in Berlin. Bekannt wurde

er erst als Journalist, dann als Kolumnist –

und schliesslich als Schriftsteller. Für «Die

Sehnsucht der Atome» erhielt er 2009 den

Deutschen Krimipreis.

Das Leuchten in der Ferne

299 Seiten

CHF 29.90

Galiani

© Susanne Schleyer


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