«Unser Klima spielt verrückt.» Beharrlich vorwärts. - CARITAS ...

caritas.ch

«Unser Klima spielt verrückt.» Beharrlich vorwärts. - CARITAS ...

Nr. 2/Juni 2013

Menschen

Wir helfen

«Unser Beharrlich Klima vorwärts. spielt verrückt.»

Die Familie Haitianer Dembele nehmen in das Mali Schicksal kämpft gegen in ihre Erosion eigenen und Hände. Übernutzung.


Inhalt

12. Januar 2010

an diesem tag bebt die erde an verschiedenen Orten auf der Welt.

Haiti trifft die Naturkatastrophe an diesem Tag am heftigsten. Über eine Million Menschen

verlieren das Dach über ihrem Kopf. Caritas hilft ihnen, es wieder aufzubauen. Seite 8

Schweiz:

Sozialunternehmen

Das Restau-Verso

beschäftigt IV-Rentner

und kommt ohne

Subventionen aus.

Seite 21

2 Caritas «Menschen» 2/13

Titelbild: Rafaelle Castera/Caritas Schweiz; Bilder: Sedrik Nemeth/Caritas Schweiz, Jörg Arnold/Caritas Schweiz, zVg;

Weltkarte: OneMarketing; Quelle Weltkarte: European-Mediterranean Seismological Centre; Bild: Luca Zanetti/Caritas Schweiz


Gastkolumne:

Martin Schulz

Armut ist eines Nobelpreisträgers

wie der EU

unwürdig, findet der

Präsident des Europäischen

Parlaments.

Seite 25

AUSSERDEM

4 Echo/Impressum

5 Offener Brief

14 Ohne Worte

15 Jahresbericht

22 Welt: Bangladesch

23 Ein Blick ins Leben

26 In Kürze

28 Fotorätsel

31 youngCaritas

Brennpunkt:

Prix Caritas

Die Britin Rachel

Newton setzt sich

unermüdlich für

Strassenkinder im

Nordirak ein. Dafür

wird sie nun geehrt.

Seite 19

Caritas-Menschen:

Pia Zanetti

Die Fotografin schaut

genau zu. Mit ihrer

Kamera entdeckt sie

den Menschen und

seine Menschlichkeit.

Seite 30

Editorial

Den Menschen

erkennen

Martin Schulz, Rachel Newton, Pia Zanetti,

Benjamin Mach: vier Personen, die unterschiedlicher

nicht sein könnten. Sie sind verschiedener

Herkunft, sprechen verschiedene

Sprachen, sind verschiedenen Alters, leben

in verschiedenen Lebenswelten und haben

ganz verschiedene Sorgen. Martin Schulz ist

Präsident des Europäischen Parlaments, Rachel

Newton arbeitet mit Strassenkindern

im Nordirak, Pia Zanetti ist Schweizer Fotografin

und Benjamin Mach ist ein Genfer

Gymnasiast.

Was sie verbindet? Hinter statistischen

Zahlen, Figuren auf dem Bildschirm und

Katastrophenmeldungen erkennen sie den

Menschen, einen Menschen in Not, der

Hilfe benötigt und verdient. Sie sehen die

Demütigung, die Armut letztlich ist, sie

sehen die Grenzen, welche Armut der Entfaltung

eines Menschen setzt, und sie empören

sich darüber.

Vor allem aber wirken sie dagegen, im

wahrsten Sinne des Wortes. Sie werden tatkräftig,

um eine Änderung, eine Verbesserung

zu bewirken. Jeder von ihnen nutzt

den Freiraum, die Macht und die Mittel, die

ihm zur Verfügung stehen: Martin Schulz

wirkt politisch, um eine Armutspolitik auf

der europäischen Ebene zu erzielen, Rachel

Newton wirkt vor Ort und betreut irakische

Strassenkinder in Schutzhäusern, Pia

Zanetti dokumentiert rund um die Welt

die Armut und ihre Opfer in Bildern und

Benjamin Mach sammelt Geld für Nothilfeprojekte.

Wir, Caritas Schweiz, sind glücklich,

Ihnen in dieser Ausgabe diese aussergewöhnlichen

Menschen vorzustellen. Und

wir sind stolz, zusammen mit diesen Personen

gegen die Armut zu kämpfen.

Wir freuen uns, wenn auch Sie dabei

sind.

Iwona Swietlik

Für die Redaktion «Wir helfen Menschen»

«Menschen» 2/13 Caritas 3


Echo

PRESSE

24. 2. 2013

Grenzenloses Flüchtlings-Elend

Hugo Fasel, Direktor der Caritas Schweiz

über syrische Flüchtlinge: «Und was tut die

Schweiz? (...) Unser Land müsste 800 000

Flüchtlinge aufnehmen, 10 Prozent gemessen

an der Bevölkerung. (...) Genau das leisten

Jordanien und der Libanon: Der Libanon

zählt vier Millionen Einwohner. In den

nächsten Monaten wird die Zahl der Flüchtlinge

400 000 erreichen, 10 Prozent der Bevölkerung.

(...) Im Vergleich dazu leistet sich

die politi sche Schweiz den Luxus, während

der Asyldebatte des Parlaments darüber zu

diskutieren, ob wir 32 Syrienflüchtlinge

aufnehmen sollen.(...) Es ginge jetzt darum,

100 Millionen Franken einzusetzen, damit

einige Zehntausend Menschen den Bürgerkrieg

überleben, ein Jahr lang. Im Vergleich

zu dem, was die beiden betroffenen Länder

und deren Bevölkerung leisten, wäre dies

keine übertriebene Solidarität.»

Hugo Fasel, Direktor der Caritas Schweiz, im Lager für syrische Flüchtlinge in der Bekaa-Ebene

im Libanon.

1. 3. 2013

KulturLegi jetzt überall erhältlich

Die KulturLegi ist jetzt in der ganzen

Schweiz erhältlich: Die Caritas hat ihr Angebot

ausgeweitet. Heute nutzen bereits

45 000 von Armut betroffene Personen Angebote

aus den Bereichen Kultur, Bildung,

Sport und Freizeit. Und es sollen (...) noch

IMPRESSUM

«Menschen». Magazin der Caritas Schweiz, erscheint

viermal im Jahr: jeweils März, Juni, September, Dezember.

Redaktionsadresse: Caritas Schweiz, Kommunikation,

Löwenstrasse 3, Postfach, CH-6002 Luzern,

E-Mail: info@caritas.ch, www.caritas.ch, Tel. +41 41 419 22 22

Redaktion: Iwona Swietlik (imy), Leitung;

Jörg Arnold (ja); Stefan Gribi (sg); Vérène Morisod Simonazzi (vm);

Odilo Noti (on); Katja Remane (kr); Ulrike Seifart (use)

Abopreis: Das Abonnement kostet sechs Franken pro Jahr und wird

einmalig von Ihrer Spende abgezogen.

Auflage: 67500 (deutsch und französisch)

Konzept: Spinas Civil Voices, Zürich

Grafik: Urban Fischer

Druckerei: Kyburz, Dielsdorf

Papier: Carisma Silk, 100 % recycling

Spendenkonto: PC 60-7000-4

mehr werden: Bis in drei Jahren hofft die

Hilfsorganisation ihren Klientenkreis auf

100 000 Personen vergrössern zu können.

12. 3. 2013

Ins Ausland, um in der Heimat leben

zu können.

Vor drei Monaten stellte die Caritas Schweiz

das Pilotprojekt «In guten Händen» vor: In

Kooperation mit der Partnerorganisation

in der rumänischen Diözese Alba Iulia holt

sie ausgebildete Pfleger, Krankenschwestern

oder Sozialarbeiter aus Rumänien für drei

Monate in die Schweiz, wo sie als Ergänzung

zur Spitex gebrechliche, bettlägerige

Menschen pflegen. Mit diesem Modell sollen

sowohl Betreuer und Betreuerinnen als

auch Patienten aus dem Graubereich geholt

werden.

14. 3. 2013

Wachstum der Caritas-Märkte

Die 23 Läden des Hilfswerks Caritas, in

denen Arme vergünstigt einkaufen können,

haben 2012 einen Umsatz von über 10

Millionen Franken erzielt. Der Verkauf von

Früchten und Gemüse sei um 30 Prozent

auf 1,5 Millionen Franken gestiegen. (...)

Ermöglicht worden sei dies unter anderem

durch einen Beitrag der SV-Stiftung zur Verbilligung

solcher Produkte.

Derzeit existieren in der Schweiz 23 Caritas-Märkte

(....) Bis 2020 soll die Zahl der

Märkte auf 30 steigen. Die Caritas will

damit noch stärker zur Entlastung der Budgets

von armutsbetroffenen Menschen beitragen

(...)

4 Caritas «Menschen» 2/13

Bild: Beatrice Winkler/Der Sonntag


Offener Brief

Sehr geehrter

Herr Bundesrat

Schneider-Ammann

Hugo Fasel,

Direktor

Caritas Schweiz

Wir möchten Ihnen als verantwortlichem

Bundesrat für die Arbeitsbedingungen in

der Schweiz ein dringendes Anliegen unterbreiten:

In der Schweiz beschäftigen immer

mehr Familien Hausangestellte fürs Putzen,

Kochen und Mithilfe bei der Betreuung

von Kindern und älteren Menschen. Es

sind meistens Migrantinnen, die diese Arbeiten

verrichten, oft zu miserablen Bedingungen:

geringe Entlöhnung, informelle

Arbeitsverträge ohne Sozialversicherung,

keine bezahlten Ferien, kein Anspruch auf

Lohnfortzahlung bei Krankheit, wenig oder

keine Schutzbestimmungen bei Unfall, geringe

Arbeitsplatzsicherheit und ausufernde,

höchst flexible Arbeitszeiten.

Migrantinnen werden schamlos

ausgenützt.

Um ihre Situation zu verbessern, haben

sich Hausangestellte weltweit zusammengeschlossen

und jahrelang mehr Rechte und

Schutz gefordert. Nun hat die Internationale

Arbeitsorganisation ILO in Genf das

Problem der Recht- und Schutzlosigkeit erkannt

und anerkannt: Sie hat im Juni 2011

das «Übereinkommen für die Rechte der

Hausangestellten» verabschiedet. Hausangestellte

werden damit erstmals als Arbeitnehmerinnen

mit definierten Rechten

anerkannt und anderen Beschäftigten

gleichgestellt. In den definierten Rahmenbedingungen

ist eine wöchentliche Mindestruhezeit

von 24 Stunden am Stück vorgeschrieben,

Überstunden sollen vergütet

und Mindestlöhne respektiert werden.

Auch in der Schweiz entsprechen Arbeitsverhältnisse

mit Hausangestellten oft

nicht einmal den Mindestnormen. Insbesondere

Migrantinnen mit einem unsicheren

Aufenthaltsstatus werden schamlos ausgenützt.

Dies muss sich ändern. Umso mehr

als eine wachsende Anzahl von Schweizer

Haushalten für die Betreuung ihrer älteren

Angehörigen Migrantinnen aus Osteuropa

anstellt. Die Schweiz hat mit eine Verantwortung

dafür zu übernehmen, dass solche

Arbeitsverhältnisse fair ausgestaltet werden.

Demnächst wird der Bundesrat darüber

entscheiden, ob er dem Parlament empfiehlt,

das ILO-Übereinkommen zu ratifizieren.

Wir appellieren an Sie, sich für die

möglichst rasche Ratifikation einzusetzen.

Das Übereinkommen ist eine wichtige Voraussetzung,

um für Hausgestellte menschenwürdige

Arbeitsbedingungen zu schaffen

und sie als rechtmässige Arbeitnehmerinnen

anzuerkennen. Wir danken Ihnen für

Ihr Engagement zugunsten von Hausangestellten:

in der Schweiz und weltweit.

Hugo Fasel

Bild: Franca Pedrazzetti/Caritas Schweiz

«Menschen» 2/13 Caritas 5


Hoffnung

für Haiti

Haiti wurde einst als Perle der Karibik besungen. Mittlerweile

gilt es als gescheiterter Staat. Seit die schwarzen Sklaven

1804 die Unabhängigkeit der französischen Kolonie ausriefen,

befindet sich das Land in einer Abwärtsspirale. Eine Kette

von Katastrophen trug das ihre dazu bei. So etwa das Erdbeben

vom 12. Januar 2010. Es gibt aber auch ein anderes Haiti.

Unten, an der Basis der Gesellschaft, in Dörfern wie Petit

Boucan oder Cabaret, beginnen die Menschen, das Schicksal

in ihre eigenen Hände zu nehmen.


Reportage: Hoffnung für Haiti

Text: Odilo Noti

Bilder: Rafaelle Castera

«Goudougoudou» pflegen die Haitianer

zu sagen, wenn sie über das Erdbeben vom

12. Januar 2010 reden. Das Wort ist eine

kreolische Lautmalerei. «Goudougoudou»

beschreibt ein Geräusch, das zu hören ist,

wenn die Armierungseisen in den Betondecken

und in den Wänden knarren und

Das Erdbeben hat Haiti den Boden unter

den Füssen weggezogen.

knirschen, weil sich die Erde bewegt, horizontal

und vertikal. Plötzlich ist der Boden

unter den Füssen weg, Zementplatten bersten

und Wellbleche liegen wie zerknautschte

Hüte auf dem Schutt.

«Goudougoudou» steht nicht nur für

die Erdbebenkatastrophe von 2010, wie

Hans Christoph Buch in seinem Essay

«Haiti. Nach ruf auf einen gescheiterten

Staat» bemerkt. Das Wort steht auch für die

Abwärtsspirale, die der Insel- und Sklavenstaat

seit seiner Unabhängigkeit vor 200

Jahren vollzieht, «eine nicht abreissende

Kette von Katastrophen».

Auch wer die Sicht von Buch in dieser

Radikalität nicht teilen mag, denkt bei einer

Fahrt durch die Hauptstadt Port-au-Prince

unwillkürlich, dass das Beben von 2010

dem Land sprichwörtlich den Boden unter

den Füssen weggezogen hat.

Bild: Die beiden Enkel von Itélia Théodore vor

ihrem neuen Haus: Es bietet Schutz, und es ist

hell und geräumig.

Immer noch leben Hunderttausende in

Zelten oder kampieren in Verschlägen aus

Wellblech, Lumpen und Plastikfolien. Grossfamilien

drängen sich auf engstem Raum

zusammen. Der Fortschritt besteht für sie

darin, dass sie von internationalen Organisationen

regelmässig mit sauberem Wasser

und mit Nahrungsmitteln versorgt werden.

Allerdings ist die Zahl dieser ewigen

Provisorien, so Peter Eppler, Programm verantwortlicher

der Caritas für den Wiederaufbau,

deutlich zurückgegangen. Die Regierung

hat in verschiedenen Quartieren der

Hauptstadt beschädigte Häuser repariert und

Obdachlose umgesiedelt. Und Eppler merkt

an: «Es gibt spürbare Fortschritte. Oft bleiben

in den Zelten und Verschlägen nur vereinzelte

Familienmitglieder zurück, um sich

so ein Anrecht auf die Gutscheine für Wasser

und Nahrungsmittel zu beschaffen. Auch das

gehört zu ihrem Überlebenskampf.»

Trümmersymbole

Schwere Baumaschinen beseitigen vor unseren

Augen die letzten Reste des Palais National,

der Residenz des Staatspräsidenten.

Die dem Kapitol in Washington nachem

pfundene Mittelkuppel war zehn Meter

in die Tiefe abgerutscht, die Frontfassade

8 Caritas «Menschen» 2/13


Bild: Jedes Haus wird mit einem Wassertank ausgestattet, der das

Regenwasser aufnimmt. Das erspart die mühselige Wasserschlepperei.

Bild: Je nach Grösse der Familie gibt es drei Häusertypen. Alle Häuser

besitzen einen Wassertank und eine Aussentoilette. Die Ausstattung im

Innern ist Sache der Familien.

eingestürzt. Bis dahin symbolisierte die

Bau ruine mit den eingeknickten Säulen, die

weltweit über die Bildschirme flimmerte,

das Scheitern des haitianischen Staates. Eine

Stiftung des Hollywood-Schauspielers Sean

Penn habe, wie in Port-au-Prince zu vernehmen

ist, Präsident Martelly angeboten, die

Trümmer zu beseitigen. Martelly, früher selber

ein populärer Musiker, nahm das Angebot

an. Ihm war das Verschwinden des

Trümmersymbols nur recht.

Es ist mit Händen zu greifen, dass das

Erdbeben weite Teile der haitianischen Hauptstadt,

wo rund drei Millionen Menschen lebten,

dem Erdboden gleich gemacht hat. Eine

breite Schneise der Zerstörung zieht sich

vom Meer bis hin auf nach Pétion Ville in

der östlichen Anhöhe der Stadt. Die Innenstadt

wurde nahezu völlig vernichtet, das Regierungsviertel

im Zentrum ist eine einzige

Steinwüste. Wo sich einst verschiedene Ministerien,

das Finanz- und das Katasteramt,

die Post und die Verwaltung befanden, breitet

sich heute das Nichts aus.

Die Bilanz der Naturkatastrophe ist

verheerend, wie die folgenden Zahlen

noch einmal in Erinnerung rufen: 250 000

Menschen verloren ihr Leben, mehr als

eine Million Menschen wurden obdachlos.

4000 Schulgebäude sind nicht mehr nutzbar.

350 000 Schülerinnen und Schüler sind ohne

Klassenräume. 1300 tote Lehrerinnen und

Lehrer zählte das Erziehungsministerium.

Kleinbauern in Petit Boucan: Es wird

besser

Zwanzig Kilometer westlich der Hauptstadt

liegt die Region Léogane, das Epizentrum

des Bebens. Bis zu achtzig Prozent der Häuser

und der örtlichen Infrastruktur wurden

zerstört. Nach wie vor durchziehen breite

Risse die Durchfahrtsstrassen. Hier befindet

sich auch, und zwar oberhalb der in Küstennähe

gelegenen Gemeinde Gressier, das

Das Engagement der Caritas in Haiti ist breit abgestützt

Caritas Schweiz hat unmittelbar nach dem Erdbeben

vom 12. Januar 2010 in Gressier, westlich

von Port-au-Prince, Not- und Überlebenshilfe

für 40 000 Menschen geleistet. Sie verteilte

Zelte, Material für Notunterkünfte sowie Küchenutensilien.

Zusätzlich unterstützte sie Schulen

und Volksküchen. Als es wegen der Erdbebenkatastrophe

noch zu einer Cholera-Epidemie

kam, stellte Caritas in der Erdbebenregion den

Zugang zu sauberem Trinkwasser sicher und

verteilte Hygienesets. Darüber hin aus führte sie

Aufklärungs- und Präventionsprojekte durch.

Dorf Petit Boucan. Die meisten Weiler in

dieser Bergregion sind nur zu Fuss erreichbar.

Hier, in diesen abgelegenen Gemeinden,

hatte die Caritas unmittelbar nach dem

Erdbeben für 8700 Familien Nothilfe geleistet.

Sie erstellte provisorische Unterkünfte

und Kochstellen. Ausserdem verteilte sie

Werkzeuge und Güter des täglichen Bedarfs,

und sie unterstützte 30 Schulen mit Zelten.

100 Haushalte – das entspricht etwa 700

Personen – haben vor einem Jahr auch ein

neues Haus erhalten. Zu den Glücklichen

gehören Maurilus und Clairna. 34 Quadratmeter

beträgt die Grundfläche ihres

Nebst den Wiederaufbau-Programmen im

Wohn- und Schulbereich führt die Caritas ihre

langfristigen Entwicklungsprojekte weiter. Es

sind vor allem Landwirtschafts- und Schulprojekte

in der Region von Gonaïves.

Das Engagement der Caritas in Haiti wird

ermöglicht durch ihre eigenen Spenderinnen

und Spender sowie durch die Beiträge der

Glückskette, der Direktion für Entwicklung und

Zusammenarbeit (DEZA) und von Organisationen

aus dem internationalen Caritas-Netz.

«Menschen» 2/13 Caritas 9


Reportage: Hoffnung für Haiti

Mit neuen Schulen in die Zukunft

In Anwesenheit von Caritas-Direktor

Hugo Fasel konnten am 6. Mai drei von

fünf neu gebauten Schulzentren in der

Region von Port-au-Prince ihren Betrieb

aufnehmen. Damit ist ein wichtiges

Etappenziel der Erdbebenhilfe von

Caritas erreicht worden. Die beiden

letzten Schulen öffnen ihre Tore im

Frühjahr 2014.

Im nördlichen Teil Haitis, in Gonaïves, unterstützt

die Caritas seit bald 20 Jahren die Schule

«La Sainte Famille». Die Schule befindet sich

im Armenviertel «Trou Sable». Mittlerweile erhalten

dort 1600 Kinder eine qualitativ gute

Ausbildung.

Die Seelen der Schule sind Père Gérard

und Sœur Vincenzina. Auf ihre Initiative hin ist

«La Sainte Famille» entstanden. Sie haben die

Schule ständig weiter entwickelt, und sie sind,

zusammen mit den Lehrerinnen und Lehrern,

verantwortlich dafür, dass «La Sainte Famille»

als eine der besten Schulen des Landes gilt.

In Würdigung ihres Lebenswerkes wurden

Père Gérard und Sœur Vincenzina 2010 mit

dem Prix Caritas ausgezeichnet. Sie hätten

nicht nur pädagogische Pionierarbeit geleistet,

erklärte Bundesrat Didier Burkhalter bei

der Preisübergabe in Luzern: «Père Gérard

und Sœur Vincenzina haben sich konkret und

konsequent für die Rechte des Kindes eingesetzt,

vor allem für das Recht auf Bildung. Sie

haben uns ein wegweisendes, inspirierendes

Beispiel gegeben. Dafür gebührt ihnen unser

Dank.»

Bildungsprojekte mit Tradition

Nicht zuletzt die Zusammenarbeit mit der

Schule «La Sainte Famille» führte dazu, dass

Caritas Schweiz die schulische Förderung von

benachteiligten Kindern zu einem Schwerpunkt

ihres langfristigen Engagements in Haiti

erklärte. So war es nur folgerichtig, dass nach

dem Erdbeben von 2010 dem Wiederaufbau

von zerstörten Schulzentren ein grosses Gewicht

zukam.

Insgesamt baut die Caritas fünf Schulzentren

für rund 2500 Kinder. Die ersten drei Schulen

konnten am 6. Mai eröffnet werden: Saint-

Vincent de Paul in Gressier, Sainte-Thérèse in

Darbonne und Anne Marie Javouhey in Bolosse.

Die letzten zwei Schulen werden nach den Planungen

der Caritas-Baufachleute im Frühjahr

des kommenden Jahres fertig gestellt werden.

Kleiner Anteil staatlicher Schulen

Das ohnehin schon mangelhafte und ungenügende

Schulwesen Haitis hatte durch die Erdbebenkatastrophe

einen herben Rückschlag erlitten.

1300 Lehrerinnen und Lehrer verloren ihr

Leben. Die Zahl der getöteten Kinder wird vom

Erziehungsministerium auf 40 000 geschätzt.

Darüber hinaus wurden 4000 Schulen dem Erdboden

gleichgemacht.

Nur zwölf Prozent der Schulen in Haiti sind

staatlich. Mit einem Anteil von 15 Prozent führt

alleine die katholische Kirche – Pfarreien und

Ordensgemeinschaften – mehr Schulen als der

Staat. Daneben gibt es freikirchlich geführte

oder von privaten Stiftungen und Organisationen

getragene Einrichtungen. Es erstaunt daher

Bild oben: Blick auf einen Flügel der Schule

«Vincent de Paul» in Gressier. Das Zentrum

nimmt rund 700 Schülerinnen und Schüler auf.

Bild unten: Peter Eppler, der Caritas-Verantwortliche

für die Wiederaufbau-Programme

in Haiti.

wenig, dass das haitianische Schulsystem äusserst

fragmentiert und zersplittert ist. Einzig

die katholischen Schulen hatten sich landesweit

verbindliche Ziele und Standards gegeben.

Ihr Beispiel inspirierte auch die Arbeitsgruppe

«Erziehung und Ausbildung», die der damalige

Staatspräsident Préval wenige Jahre vor dem

Erdbeben ins Leben gerufen hatte.

Zusammenarbeit mit Bund und Experten

Die Caritas richtete den Wiederaufbau der Schulen

an klaren Leitlinien aus. Peter Eppler, der Programm-Verantwortliche

der Caritas: «Es war für

uns zwingend, dass die Schulen erdbebensicher

gebaut werden mussten. Die Träger der

Schulen – in der Regel Pfarreien – und die Eltern

mussten einbezogen werden. Und schliesslich

koordinierten wir unsere Projekte mit dem Erziehungsministerium.»

Das sei sehr anspruchsvoll

gewesen, erklärt Eppler. Die Caritas lässt es

aber nicht mit rein baulichen Massnahmen bewenden.

«Schulmanagement» heisst ein weiteres

Stichwort. Lehrer und Schulleitungen sollen

befähigt werden eine Schule nicht nur zu führen,

sondern auch weiterzuentwickeln.

10 Caritas «Menschen» 2/13


Hauses, verteilt auf drei Zimmer und eine

überdachte offene Veranda. Das ältere Ehepaar

– er 70, sie 60 Jahre alt – ist überglücklich.

Clairna: «Trotz allem, was wir erlebt

und erlitten haben: dieses Haus ist ein Geschenk

des Himmels. Wir konnten noch nie

in einem derart schönen Zuhause wohnen.»

Beide fristen ihr Dasein als Kleinbauern,

wie nahezu alle hier oben in Petit Boucan.

Sie bauen Mais, Maniok und Erbsen an. Für

ihre Selbstversorgung halten sie sich Hühner,

Schweine und Ziegen. Das Leben ist hart. Es

gibt keine medizinische Betreuung, und die

Kinder müssen weite Schulwege zurücklegen.

Das Erdbeben hatte diese Gegend besonders

stark getroffen. Nun gibt es dank der Häuser

Anzeichen, dass es wieder besser wird.

Häuser mit Zisternen in Cabaret

Die Erfahrungen in Petit Boucan haben die

Caritas darin bestärkt, den Wiederaufbau

auch in anderen Dörfern und Weilern weiterzuentwickeln.

So etwa in Cabaret, wo

kürzlich 210 Häuser fertig erstellt wurden.

In einer nächsten Phase, bis Anfang 2015,

sollen zusätzliche 330 Häuser gebaut werden.

Dann werden rund 2500 Menschen ein

neues Zuhause haben. Mittlerweile gelangen,

je nach Grösse der Familie, drei Häusertypen

zur Ausführung. Alle Häuser besitzen

zusätzlich eine Veranda, eine Aussentoilette

und eine Zisterne, die rund 2000 Liter

Regenwasser fassen kann.

Der Caritas-Mann Peter Eppler zeichnet

sich durch grosse Erfahrung aus. Er hat Entwicklungs-

und Nothilfeprogramme nicht

nur in Haiti, sondern auch in Bangladesch,

Nepal, Indien und Indonesien realisiert. In

Haiti ist er mit der Tatsache konfrontiert,

dass die staatliche Struktur auf der Dorf ebene

kaum funktioniert: «Ein Gemeindepräsident

ist, für uns unvorstellbar, in der Regel für ein

Dutzend zum Teil weit abgelegene Dörfer verantwortlich.

Über die notwendigen Finanzen

verfügt er kaum.» Fragt man einen Bewohner

nach dem Namen seines Dorfes, nennt

er meistens den Weiler. Den Namen der politischen

Gemeinde kennt er nicht. Diese spielt

im Bewusstsein und im Alltag der Menschen

keine Rolle. Weder zieht sie Steuern ein, noch

erbringt sie eine konkrete Dienstleistung.

Bild: Schulhausbau in Darbonne: Bauarbeiter

verteilen den Zement.

«Menschen» 2/13 Caritas 11


Reportage: Hoffnung für Haiti

Vor diesem Hintergrund ist das Engagement

eines Hilfswerkes auf der Dorfebene

wichtig und anspruchsvoll zugleich.

So etwa mussten die Fachleute der Caritas

in Petit Boucan und Cabaret grundlegende

Daten aufnehmen, um überhaupt den Wiederaufbau

planen zu können. Es gab bei den

Behörden kein Schadensverzeichnis. Ebenso

Die Bevölkerung muss mitreden und mitmachen.

wenig existierten soziodemografische Daten

zur Dorfbevölkerung. Erst danach konnten

die Caritas-Ingenieure aus der Schweiz und

aus Haiti die Planung an die Hand nehmen.

Caritas-Philosophie: Bevölkerung

beteiligen

Wie Fabienne Weibel, Mitglied des Caritas-Teams

in Petit-Goâve, auf der Baustelle

in Cabaret erläutert, wurde parallel zu den

Planungsarbeiten in den verschiedenen Weilern

des Dorfes ein Baukomitee gegründet:

«Diese Komitees sind wichtig für die Auswahl

der Begünstigten, für die Planung und

Umsetzung der Bauarbeiten, aber auch für

den Einsatz von lokalen Arbeitskräften und

Freiwilligen.» Auf diese Weise übernimmt

das Dorf eine entscheidende Verantwortung

für den Wiederaufbau. Noch einmal Weibel:

«Wir stellen die Fachkräfte zur Verfügung

und finanzieren das Material für die Bauarbeiten.

Doch die Bevölkerung muss mitreden

und mitarbeiten. Dann identifiziert sie

sich mit ihren Häusern. Das ist weitherum

spürbar.»

Neben der aktiven Beteiligung der Begünstigten

gibt es ein zweites, unverzichtbares

Element der Caritas-Bauphilosophie:

Die Häuser müssen erdbebensicher gebaut

werden. Man nehme einerseits Rücksicht

auf lokale Bautraditionen, führt Eppler aus.

Gleichzeitig achte die Caritas darauf, dass

Bild: Die Familie des Kleinbauern Frantz Varin

wohnt in einem Haus der Caritas. Die

Kochstelle befindet sich – aus Sicherheitsgründen

– ausserhalb des Hauses.

die bauenden Handwerker-Gruppen – 50 an

der Zahl! – internationale Qualitäts- und Sicherheitsstandards

einhielten.

Frantz Varin, der mit seiner Frau und

zwei Kleinkindern im Westen von Cabaret

wohnt, ist zufrieden mit seinem Haus. Der

Kleinbauer bilanziert: «Das Caritas-Haus

ist stabil und erdbebensicher, und die Steinmauern

schützen uns vor Stürmen, Gewittern

und Überschwemmungen.» Es sei eine harte,

schweisstreibende Arbeit gewesen, vom weit

entfernten Flussbett Steine und Kies zur Baustelle

zu karren. Es habe sich aber gelohnt,

erklärt Frantz mit sichtlichem Besitzerstolz.

Dank des Wassertanks hat es nun auch ein

Ende mit der mühseligen Wasserschlepperei.

Ein handfester Gewinn an Lebensqualität.

12 Caritas «Menschen» 2/13


Haiti

Kuba

Gonaïves

Cabaret

Dominikanische

Republik

PORT-AU-PRINCE

Petit Boucan

– Fläche: 27 750 km 2

– Hauptstadt: Port-au-Prince

– Bevölkerung: 10,2 Millionen

– Sprachen: Französisch, Kreolisch

– Bruttoinlandprodukt je Einwohner:

700 US-Dollar

– Währung: 1 Gourde = 100 Centimes

– Landesstruktur: 10 Departemente

– Nationalfeiertag: 1. Januar

Bilder: Das Leben der Bauernfamilien in Petit

Boucan und Cabaret ist hart. Umso mehr

freuen sie sich über ihr neues Zuhause, das erst

noch erdbebensicher ist.

Schicksal in die eigenen Hände nehmen

Bevor wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit

Cabaret verlassen, passieren wir eine

Trainingsbaustelle. Unter Anleitung eines

haitianischen Ingenieurs werden Handwerker

und Handlanger angeleitet, erdbebensicher

und professionell zu bauen. Die Zusatzausbildung

wird ihnen aber auch in der

Zukunft ein Einkommen sichern.

Eppler: «In Partnerschaft mit der

schweizerischen Direktion für Entwicklung

und Zusammenarbeit haben wir mittlerweile

50 solcher Handwerksgruppen ausgebildet.

Auch das gehört zu unserer Bauphilosophie.

Es geht der Caritas nicht nur

um das Bauen allein. Wir setzen uns dafür

ein, dass die Menschen ihre Lebensbedingungen

nachhaltig verbessern können.»

Nicht zuletzt kommen aufgrund solcher Erfahrungen

auch in den Dörfern Prozesse in

Gang. Die Menschen beginnen, ihr Schicksal

selber in die Hände zu nehmen.

Der Staat und die Politik in Haiti mögen

an den widrigen und katastrophalen Bedingungen

gescheitert sein und in Trümmern

liegen, so wie dies der verschwundene Palais

National des Staatspräsidenten symbolisiert.

Die Zivilgesellschaft dagegen, die

von den Kleinbauern in Petit Boucan und

Cabaret verkörpert wird, ist trotz allem

zu neuen Aufbrüchen fähig. Das lässt hoffen.

Auch für Haiti, die einstige Perle der

Karibik. <

«Menschen» 2/13 Caritas 13


Ohne Worte

Ein Morgen in der prähistorischen Stadt El Tajin im mexikanischen Bundesstaat Veracruz.

Luis Fernando Medina Salazar wuchs in

Mexico City und in Chconcuac als ältester

von vier Brüdern auf. Im Alter von 15 Jahren

erhielt er die Möglichkeit, mit der mexikanischen

Fussballmannschaft eine Reise

nach Brasilien, Argentinien und Chile zu

unternehmen. Seitdem reist er und fotografiert.

Derzeit lebt er in der Schweiz, wo er

den Fotoblog www.passengerdiaries.com

gegründet hat. Luis Fernando Medina Salazar (36)

14 Caritas «Menschen» 2/13

Bild: Luis Fernando Medina Salazar; Porträtbild: zVg


_Wir helfen Menschen

Das haben wir 2012 bewirkt

Weltweit gibt es 450 Millionen Kleinbauernbetriebe. Lange

geringeschätzt, werden sie heute als Schlüssel zur Überwindung

von Armut und Hunger betrachtet. Seit Jahrzehnten setzt

Caritas Schweiz in ihren Projekten beharrlich auf die Kleinlandwirtschaft.

2012 hat Caritas Schweiz 4,9 Millionen Franken

in die landwirtschaftliche Ausbildung, in Feldbewässerungen,

Saatgut, organischen Dünger und in den Zugang zu Land

investiert. In der Schweiz leben rund 260 000 Kinder in Armut.

Caritas macht sich stark dafür, dass die Politik dem Problem

der Kinderarmut die dringend nötige Beachtung schenkt. Mit

Projekten wie dem Caritas-Markt, der KulturLegi oder der

Sozial- und Schuldenberatung sorgt Caritas für mehr Handlungsspielraum

im Leben von armen Familien.

In Myanmar erlernten 566 junge Bäuerin -

nen und Bauern aus 50 Dörfern

in den «Farmer Field Schools» Methoden

der orga nischen Landwirtschaft.

Schweiz: Patinnen und Paten haben im

Rahmen von «mit mir» 42 480 Stunden

mit benachteiligten Kindern verbracht.

In 36 wieder aufgebauten oder

reparierten Schulen in Pakistan

findet nicht nur Unterricht statt. Sie

bieten bei Hochwasser Tausenden

Menschen Zuflucht.


Unser Einsatz für die weltweite Ernährungssicherung

Im Jahr 2012 hat Caritas Schweiz 4,9 Millionen Franken

in die landwirtschaftliche Ausbildung, in Feldbewässerungen,

Saatgut, organischen Dünger und in den Zugang zu Land

investiert. Rund 125 000 Menschen haben in Kursen gelernt,

wie sie bessere Erträge und ein sicheres Einkommen erzielen

können. Mit ihren langfristigen Projekten zur Ernährungssicherung

konnte Caritas Schweiz 400 000 Kinder, Frauen

und Männer erreichen.

In Afrika stand für die Caritas die Bewältigung der grossen

Dürren von 2011 in Äthiopien, Kenya und Somalia und von

2012 im Sahelgebiet Westafrikas im Zentrum. In Mali zum

Beispiel, wo der aufkeimende Konflikt die Situation zusätzlich

erschwerte, hat Caritas Schweiz für 49 000 von Dürre und

Hunger betroffene Menschen nicht nur Nothilfe geleistet,

sondern auch Massnahmen gegen künftige Nahrungskrisen

in die Wege geleitet. Daneben wurden auch die langfristigen

Landwirtschaftsprojekte weitergeführt.

Ein verzweigtes Bewässerungssystem sowie die Ausbildung

zur Produktion und Lagerung von hochwertigem Saat -

gut sorgten für mehr Ertrag auf den Feldern von 1330 Bauern

in Artibonite, Haiti. In Laos förderte Caritas in 20 Dörfern

zusammen mit ihrer lokalen Partnerorganisation die Bildung

von Produzentengruppen, in denen sich inzwischen über

1000 Kleinbauern zusammengeschlossen haben.

Personen, die 2012 ihre

Ernährungssituation

durch Caritas-Projekte

verbessern konnten

300 000

250 000

200 000

150 000

100 000

50 000

0

Afrika

Lateinamerika

Asien

Europa/GUS

Guatemalas Norden ist durch Abholzung

und Klimawandel stark gefährdet. Caritas

schulte 400 Bauern in ökologischer

Landwirtschaft und im Produkte-Vertrieb.

In Haiti entstanden in der Region von

Gressier und Léogâne 310 erdbebensichere

Familienhäuser – ein Meilenstein

im Wiederaufbau nach dem Erdbeben

von 2010.

Caritas beteiligte sich im Tschad

am Aufbau eines meteorologischen

Frühwarnsystems. Nun können

100 000 Bauern familien besser auf

sich anbahnende Notsituationen

reagieren.


Unser Einsatz gegen Kinderarmut in der Schweiz

Caritas Schweiz und die Regionalen Caritas-Organisationen

engagieren sich mit ihren Projekten auf vielfältige Weise, um

die Situation von armutsbetroffenen Kindern und deren Familien

zu verbessern. In den 23 Caritas-Märkten in der ganzen

Schweiz können sie Lebensmittel und Produkte des täglichen

Bedarfs für Menschen mit knappem Budget beziehen. Auf

grosses Interesse stösst das stark ver günstigte Angebot von

Früchten und Gemüse. Der Umsatz dieser Produkte ist 2012

um 30 Prozent auf über 1,5 Millionen Franken gestiegen.

Mit der KulturLegi bekommen Familien mit knappem

Budget vergünstigten Zugang zu über 1372 Angeboten aus

den Bereichen Bildung, Kultur, Freizeit und Sport. Rund

45 000 Personen, davon 10 000 Kinder, besitzen bereits eine

KulturLegi. Für Familien besonders hilfreich sind die stark

vergünstigten Ferienangebote der Reka, Sportan gebote

sowie Erlebnisse wie ein Besuch im Zirkus.

Freiwillige Gotten und Göttis begleiteten 2012 im Rahmen

des Patenschaftsprojekts «mit mir» 295 armutsbetroffene

Kinder in sieben Kantonen. Die Kinder erleben eine abwechslungsreiche

Freizeit und lernen neue Sichtweisen kennen,

während die Eltern für einige Stunden entlastet sind. Der

Elternbildungskurs bereitet Familien ausländischer Herkunft

auf den Schuleintritt ihrer Kinder vor. Mit 29 Kursen in den

Kantonen Aargau, Fribourg, Graubünden und Zürich haben

587 Mütter und Väter mit Migrationshintergrund das Schweizer

Schulsystem besser kennen gelernt.

Durchschnittliche Armuts -

grenze gemäss SKOS

für das Jahr 2010 (Franken

pro Monat)

Grund- ø Wohn- ø Kranken- ø Armutsgrenze

bedarf kosten kassenprämie (gerundet)

Einzelperson 960 1183 326 2450

2 Erwachsene ohne Kinder 1469 1370 636 3500

Einelternfamilie mit 1 Kind 1469 1529 449 3450

2 Erwachsene mit 2 Kindern 2054 1732 808 4600

Gesundes Essen für arme Familien mit

Kindern: 2012 gingen im Caritas-

Markt verbilligte Früchte und Gemüse

für rund 1,5 Millionen Franken über

den Ladentisch.

Die KulturLegi ermöglichte im letzten Jahr

100 Familien eine Woche Ferien in

der Schweiz zum Pauschalpreis von

100 Franken.

715 Asylsuchende und Flüchtlinge

besuchten bei der Caritas Schweiz

Sprachkurse in deutscher und französischer

Sprache.


Zahlen und Fakten im Überblick

Herkunft der Caritas-Erträge

Verwendung der Erträge

Eigene Erträge

9 Mio. Fr.

Andere

Organisationen

5,61 Mio. Fr.

Internat.

Caritas-

Netz

15,28 Mio. Fr.

Glückskette

12,45 Mio. Fr.

15,8

5,8

12,9

9,3

%

Liechtensteinischer

15,4

Entwicklungsdienst 1,2

Kantone und Gemeinden

1,2 Mio. Fr. 14,83 Mio. Fr.

Kennzahlen gemäss Zewo-Richtlinien

26,9

12,2

Direkte

Spenden

26,05 Mio. Fr.

Übrige

Beiträge

Bund

0,5

0,52 Mio. Fr.

Deza

11,74 Mio. Fr.

Internationale

Zusammenarbeit

59,85 Mio. Fr.

61,0

Übriger admini- 3,7

strativer Aufwand

3,59 Mio. Fr.

Fundraising und Werbung

3,73 Mio. Fr.

3,8

%

Direkte administrative

Projektunterstützung 1,8

1,76 Mio. Fr.

Information und Kommunikation 1,9

1,84 Mio. Fr.

6,4

20,6

Inland

und Netz

20,24 Mio. Fr.

Fairtrade und

Kleiderzentrale

6,3 Mio. Fr.

Grundlagenforschung und

0,8 übrige Projektbeiträge

0,76 Mio. Fr.

Projekte

92,5

%

3,7 3,8

Fundraising

und Werbung

Übriger administrativer

Aufwand

Für weitere Auskünfte und Informationen sowie für die Bestellung

gedruckter Exemplare des detaillierten Jahresberichts:

Caritas Schweiz

Löwenstrasse 3, Postfach Telefon: +41 41 419 22 22 E-Mail: info@caritas.ch

CH-6002 Luzern Telefax: +41 41 419 24 24 Internet: www.caritas.ch

Dank systematischen Kooperationen konnte Caritas Schweiz

die Wirkung jedes gespendeten Frankens im Jahr 2012 mehr

als verdreifachen. Besonders wichtige Partner sind die

Glückskette sowie Caritas-Organisa tionen anderer Länder. Die

Beiträge der öffentlichen Hand (Direktion für Entwicklung

und Zusammenarbeit, weitere Bundesstellen, Kantone und

Gemeinden) machten rund einen Viertel aller Erträge aus.

Diese Kennzahlen sind in Übereinstimmung mit den Richtlinien

der Stiftung Zewo zur Ermittlung des administrativen Aufwandes

gemeinnütziger Organisa tionen erhoben worden.

Den detaillierten Jahresbericht und den ausführlichen Finanzbericht

finden Sie auf www.caritas.ch/jahresbericht.

Bilder: Caritas Schweiz, Rafaelle Castera, Daniel Eberhard, Stefano Iori, Reka, Urs Siegenthaler, Luca Zanetti


Brennpunkt: Prix Caritas

Couragierte Kämpferin

für die Kleinsten

Der diesjährige Prix Caritas geht

an Rachel Newton. Die couragierte

Britin kämpft im Norden Iraks für

die Rechte und den Schutz der Kinder.

Angefangen hat es zu Beginn der Neunzigerjahre.

Damals reiste Rachel Newton

nach Pakistan, um afghanischen Flüchtlingen

Hilfe zu leisten. Per Zufall sah die Britin

einen Filmbeitrag über irakische Kurden

und deren Flucht vor der Diktatur Saddam

Husseins. «Zu dieser Zeit wusste ich so gut

wie nichts über die Kurden im Nordirak.»

Einige Jahre später, 1998, nahm die Pädagogin

an einem Projekt für arbeitende Kinder

im Irak teil. «Damals gingen tausende

Kinder nicht in die Schule, weil sie arbeiteten»,

erinnert sie sich. Die Aufgabe war

knifflig: Den Kindern zur Schulbildung zu

verhelfen, ohne die Armut ihrer Familien zu

vergrössern.

Ort der Sicherheit und Ruhe

Das Projekt wurde nicht weiter geführt und

Rachel Newton reiste zurück in ihre Heimat,

nach England. Doch die Misere der arbeitenden

Kinder ging ihr nicht aus dem Sinn.

2001 lernte Rachel Newton einen pensionierten

irakischen Lehrer und einen Ex-

Kindersoldaten kennen. Sie halfen ihr, Kontakte

zu lokalen Vertretern aufzubauen. Vor

allem aber verschafften sie ihr den Zugang

zu den betroffenen Kindern. «Zu Beginn

fragten wir die Knaben, welche Hilfe sie

am meisten benötigen. 99 Prozent der Kinder

antwortete: einen sicheren Ort, um sich

zu erholen.»

Ein Jahr später errichtete die von Rachel

Newton ins Leben gerufene Organisation

STEP (Seeking to Equip People) ein

Drop-in-Zentrum, ein Schutztreffpunkt für

arbeitende Kinder. Monatlich kommen 800

Knaben ins Zentrum. Sie verpflegen sich

hier, sie waschen sich, sie erholen sich, lernen

und spielen. Sie erhalten hier medizinische

Betreuung und menschliche Zuwendung.

Vor allem aber finden sie hier Sicherheit

und Ruhe.

Zutritt zum Schutztreffpunkt haben nur

Kinder. Das hat Gründe: Kinder gehören zu

Monatlich kommen 800 Knaben ins Zentrum.

den am meisten gefährdeten Gruppen. In der

kurdischen Region Sulaimania, in der Rachel

Newton wirkt, ist über ein Drittel aller

Kinder sexuellem Missbrauch, Gewalt und

Ausbeutung ausgesetzt. Über 11 Prozent der

Kinder werden zur Arbeit angehalten, knapp

20 Prozent minderjährig verheiratet.

Bild: Rachel Newton wird

für ihren Einsatz für

irakische Kinder mit dem

diesjährigen Prix Caritas

ausgezeichnet.

Prix Caritas 2013

Mit einem neu errichteten, mobilen Dropin-Zentrum

versucht nun Rachel Newton,

auch jene Kinder zu erreichen, die in Lagern

für intern Vertriebene leben. Denn

seit 2003, seit dem Einmarsch amerikanischer

Truppen in den Irak, sind Zehntausende

Menschen gestorben. Weitere knapp

vier Millionen Menschen aber flüchteten

oder wurden intern vertrieben. Sie gehören

zu den Ärmsten. Insgesamt leben heute von

den 31 Millionen Irakern sieben Millionen

mit gerade 2 US-Dollar pro Tag.

Caritas Schweiz würdigt den aussergewöhnlichen,

couragierten Einsatz von Rachel

Newton mit dem diesjährigen Prix Caritas.

Ihre – von Caritas Schweiz finanziell

unterstützten – Projekte im Nordirak sind

bedeutungsvoll für den ganzen Irak: Das unermüdliche

Engagement für die Kinderrechte

und Kinderschutzrechte tragen dazu bei, eine

nachhaltige Grundlage für die gesamte irakische

Gesellschaft zu schaffen. (imy)

Bild: zVg

«Menschen» 2/13 Caritas 19


_Palliativ-Pflege-Tagung 2013

Angehörige sind wir alle!

Nahestehende, Zugehörige und Angehörige als Partner sehen

In Zusammenarbeit mit:

Donnerstag, 5. September 2013, 9.30 Uhr bis 16.30 Uhr

GERSAG, Kongresszentrum Emmen (Luzern)

Für alle Mitarbeitenden und Freiwilligen aus Spital, Pflegeheim, Spitex

und spezialisierter Palliative Care

Anmeldung mit nebenstehendem Talon oder elektronisch:

Caritas Schweiz, Sekretariat Kommunikation, Löwenstrasse 3, 6002 Luzern

Telefon: 041 419 22 22, Fax: 041 419 24 24, E-Mail: info@caritas.ch

Online: www.caritas.ch/ppt

Sektion Zentralschweiz

SBK

ASI

AUS DEM CARITAS-kartenVERLAG

Spenden Sie Trost mit einer Trauerkarte von Caritas

Verwandlung

Trost

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Silja Walter und einem

Einzahlungsschein

mit der Möglichkeit zu

einer Spende.

Bestellen Sie mit der beiliegenden Bestellkarte, per Telefon 041 419 22 22 oder auf www.caritas.ch/karten

20 Caritas «Menschen» 2/13


Schweiz

Schweiz

Gegen die

Mädchenbeschneidung

Sozial ohne Subventionen

Obwohl sie in der Schweiz verboten

ist, wird die weibliche Genitalverstümmelung

in gewissen afrikanischen

gemeinschaften praktiziert. Caritas

Schweiz setzt sich für die bedrohten

Mädchen ein.

Das Restau-Verso in Delémont (JU)

beschäftigt IV-Rentner, ohne dafür

Subventionen zu erhalten. Nach einer

schwierigen Anlaufphase errreichte

das sozialwirtschaftliche Unternehmen

2013 die schwarze Null.

«Bei unserer Eröffnung im September 2009

hatten wir keinen einzigen Franken auf dem

Konto. Caritas Jura fungierte damals als

unsere Bank», erinnert sich Laurent Heizmann,

Leiter des Restau-Verso. Seit dem

ersten Entwurf begleitet er das Projekt.

«Wir wollten jenen Personen eine Anstellung

bieten, die die Anforderungen des Arbeitsmarktes

zwar nicht erfüllten, aber arbeiten

wollten und konnten. Die Herausforderung

bestand darin, rentabel zu arbeiten,

da diese Arbeitskräfte weit weniger Ertrag

erwirtschaften.»

Angebot im Ausbau

Zurzeit beschäftigt das Restau-Verso

18 Rentner der Invalidenversicherung (IV),

die in einem Pensum zwischen 40 und

70 Prozent arbeiten. Sie werden von fünf

Fachkräften angeleitet, der Geschäftsführer

selbst ist ein ausgebildeter Koch. Um rentabel

zu arbeiten, musste das Konzept mehrmals

überarbeitet werden. So wurde das Re­

staurant auf 100 Plätze vergrössert und die

Preise mussten erhöht werden. Und schliesslich

wurde das Angebot durch 140 Mahlzeiten,

die an Schulen und Kindertagesstätten

ausgeliefert werden, sowie durch einen Lieferservice

ergänzt.

Rücksicht gefragt

Das im Industriegebiet gelegene Restaurant

ist abends geschlossen. «Die hier beschäftigten

IV-Rentner sind physisch und psychisch

weniger belastbar. Sie benötigen kürzere Arbeitstage

und einen Ruhetag während der

Woche. Allerdings habe ich beobachtet,

dass es diesen Menschen besser geht, sobald

sie Arbeit haben», stellt Heizmann fest. (kr)

www.restau-verso.ch

www.caritas-jura.ch

Bild: Roberto gehört seit der Eröffnung

des Restau-Verso zum Küchenteam.

Um die fünfzig Frauen aus Ländern mit

einer weit verbreiteten Tradition der Mädchenbeschneidung

sind von der Caritas ausgebildet

worden. Sie organisieren Treffen

mit ihren Landsleuten, und klären sie über

die gesundheitlichen Risiken dieser Tradition

auf. Die Migrantinnen sind wichtige

Mittlerinnen, denn sie geniessen eine hohe

Akzeptanz bei den betroffenen Gemeinschaften.

Laut Schätzungen der UNICEF

leben in der Schweiz 10 000 Migrantinnen

aus Ländern, in denen Mädchen traditionellerweise

beschnitten werden – wie Somalia,

Eritrea, Äthiopien und der Sudan. Ungefähr

90 Prozent von ihnen sind beschnitten.

Mit der Unterstützung der Caritas hat

der Kanton Waadt eine Präventionsstrategie

für Migrantinnen sowie ein Betreuungsangebot

für das Personal im Gesundheitswesen

ausgearbeitet. Der Kanton sieht zudem

vor, das Thema der weiblichen Genitalverstümmelung

in die Weiterbildungsangebote

einfliessen zu lassen. (kr)

www.caritas.ch/beschneidung

www.vd.ch/mgf

Bild: Sadiha Muhiadin erklärt Frauen aus Sudan

die Gesundheitsrisiken der Beschneidung.

Bilder: Sedrik Nemeth, Monika Hürlimann

«Menschen» 2/13 Caritas 21


Welt: Bangladesch

Europa: Bosnien-Herzegowina

Hilfe gegen Ausbeutung

Migration ist für viele Menschen in

Bangladesch eine wichtige Entwicklungschance.

Rund 300 000 Arbeitsmigrantinnen

und -migranten verlassen

jährlich Bangladesch. Sie schicken

über 150 Millionen Franken nach Hause.

Im Schatten der Migrationswirtschaft

blühen Ausbeutung und Menschenhandel.

Als Kindermädchen im Libanon werde

sie viel verdienen, riet eine Bekannte der

16-jährigen Taglöhnerin Parvin aus Bangladesch.

Parvin borgte Geld und fuhr in

die Hauptstadt Dhaka, von wo sie mit gefälschten

Reisepapieren nach Libanon kam.

Ohne Sprachkenntnisse fand sie sich in dem

modernen Haushalt nicht zurecht. 17 Stunden

musste sie täglich arbeiten, eingesperrt

in der Wohnung bei Brot und Wasser. Parvin

flüchtete. Ein neues Arbeitsangebot entpuppte

sich als Hinterlist. Nach sexueller

Ausbeutung wurde sie von ihren Peinigern

auf die Strasse geworfen. Mit Hilfe von Caritas

Libanon kehrte sie nach Hause zurück,

verschuldet, ausgebeutet, geschändet und

von der Dorfgemeinschaft geächtet.

Hilfe für Migrationsopfer

Wäre nicht die lokale Organisation OKUP

gewesen, die mit Caritas Libanon zusammenarbeitet

und die sich um die Reintegration

von Migrationsopfern kümmert, wäre

die Heimkehr nicht möglich gewesen. Heute

arbeitet Parvin bei OKUP. Zusammen mit

anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

informiert sie über Rechte und Gefahren der

Arbeitsmigration.

Caritas hat im Einzugsgebiet Dhaka

sechs Zentren für Migrantinnen und Migranten

aufgebaut, in welchen Unterstützung

angeboten wird. Zudem wurde eine telefonische

«Help-Line» eingerichtet. Unterstützung

erhalten nicht nur Migrantinnen und

Migranten, sondern auch ihre Angehörige,

die zurückbleiben.

Maja Hürlimann

Bild: Junge Migrantinnen fallen dem

Menschenhandel besonders oft zum Opfer.

Zentrum

für soziale

Berufe

Am 19. April 2013 wurde in Banja Luka das

erste Ausbildungszentrum für soziale Pflegeberufe

in Bosnien-Herzegowina eröffnet.

Der feierliche Anlass fand im Beisein von Bischof

Franjo Komariza sowie weiteren lokalen

Vertretern aus Politik und Bildungswesen

sowie Repräsentanten internationaler

Organisationen statt.

Neue Perspektiven

Der Bau des Zentrums schafft die Infrastruktur

für eine dringend benötigte Ausbildung.

Menschen auf der Suche nach

neuer Beschäftigung finden hier eine neue

berufliche Perspektive. Die Nachfrage nach

Fachkräften im Pflegebereich ist in Bosnien

gross: Die Chancen stehen gut, dass alle Absolventen

der neuen Pflegeschule eine feste

Anstellung finden werden.

Mit dieser Einweihung des Zentrums

findet eine langjährige Zusammenarbeit

zwischen verschiedenen lokalen und internationalen

Institutionen unter der Leitung

von Caritas Schweiz ihren Abschluss.

Franzisca Beck

Bild: Im neuen Zentrum wird dringend

benötigtes Pflegepersonal ausgebildet.

22 Caritas «Menschen» 2/13

Bilder: Anja Burri, Caritas Schweiz, zVg


Ein Blick ins Leben von

Manal, Syrien

Manal ist 32 Jahre alt und floh, wie Hunderttausende

andere auch, vor dem Krieg in

Syrien. Sie und ihre Familie suchten Schutz

im Libanon. Ursprünglich kommt Manal

aus Hama, einer Stadt im Westen Syriens.

Hama war eine der ersten Städte, in denen

vor zwei Jahren die Proteste gegen das Regime

begannen. Als Manals Mann bei einer

Demonstration von der Armee verhaftet

und zwei Wochen gefangen gehalten und

gefoltert wurde, beschloss das Paar, nach

der Befreiung des Mannes mit den fünf gemeinsamen

Kindern zu fliehen. Seit Oktober

2012 lebt die Familie in einer kleinen

Wohnung in Beirut und wird von Caritas

unterstützt. Da Manal Repressalien fürchtet,

wird weder ihr vollständiger Name

noch ihr Bild veröffentlicht.

Das Interview führte Caroline Nanzer.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Seitdem ich im Libanon bin, hat sich mein

Alltag sehr stark verändert. In Syrien bereitete

ich am Morgen den Kindern das Frühstück

zu, dann gingen sie in die Schule und ich

kümmerte mich um den Haushalt. Manchmal

half ich im Geschäft meines Bruders oder

besuchte Nachbarn. Hier in Beirut gehen die

Kinder nicht zur Schule und die Wohnung ist

so klein, dass ich innerhalb weniger Stunden

mit Putzen fertig bin. Mir fehlen hier mein

Bruder und die Nachbarn aus Syrien.

Was verdienen Sie?

Im Libanon verdienen wir nichts. In Syrien

arbeitete mein Mann als Fliesenleger. Wir

waren nicht reich, aber wir besassen ein Haus

und unsere Kinder konnten in die Schule

gehen. Hier müssen wir uns jeden Monat

neu verschulden, um die Miete bezahlen zu

können. Wir haben schon 600 Dollar Schulden.

Mein Mann wurde während seiner Gefangenschaft

so viel geschlagen, dass er nicht

mehr lange sitzen kann. Er findet keine Arbeit.

Momentan überleben wir dank der Hilfe

der Caritas und anderer Organisationen.

Was schätzen Sie an Ihrer Heimat?

Was ich schätze und vermisse, sind meine

Freunde und die Familie, die ich seit sechs

Monaten nicht mehr gesehen habe. Ich habe

innerhalb von zwei Wochen mein ganzes

Leben verloren.

Was heisst für Sie Glück?

Glück heisst für mich, in Frieden leben zu

können. Ich wäre froh, wenn der Frieden in

Syrien wieder einkehrt und wir alle zurückgehen

und ein neues Land aufbauen könnten.

Was wünschen Sie sich?

Ich möchte, dass die Gewalt und Massaker

in Syrien aufhören. Ich will meine Familie,

die Freunde und Nachbarn nochmals sehen.

Ich möchte, dass mein Leben wieder normal

wird.

Womit kämpfen Sie?

Ich will meine Würde nicht verlieren. Wenn

wir hier etwas brauchen, müssen wir betteln.

Ich bin dankbar, dass man uns hilft,

aber es ist schwer, von jemandem abhängig

zu sein.

Worauf sind Sie stolz?

Ich bin stolz, wie mein Mann und ich die Situation

zusammen durchstehen.

Was ist ihr Lieblingsessen?

Mein Lieblingsessen ist syrischer Kebab.

Was tun Sie am liebsten?

Ich kümmere mich gerne um meine Familie.

Es ist mir wichtig, dass sich alle wohl fühlen.

Ich denke oft an früher zurück, an die

schönen Zeiten. Wie es war, als ich meine

Zeit mit den Kindern verbrachte und mit

ihnen zusammen Hausaufgaben machte.

Das sind schöne Erinnerungen.

Syrien in Zahlen

– Staatsform: Präsidialregime

– Fläche: 185180 km²

– Hauptstadt: Damaskus

– Einwohnerzahl: 22,5 Mio.

– Flüchtlinge: 1,4 Mio.

– Intern Vertriebene: 2,4 Mio.

– Volksgruppen: Araber, Kurden, Armenier,

Turkmenen, Tscherkessen

– Landessprache: Arabisch

– Währung: Syrische Lira

– Alphabetisierung: 80 Prozent

– Ein Kilo Reis: 90 SYP (1,20 Franken)

– Ein Kilo Brot: 250 SYP (3,30 Franken)

Bild: Sam Tarling/Caritas Schweiz; Quelle Zahlen: CIA World Factbook, Wikipedia, DEZA, UNHCR

«Menschen» 2/13 Caritas 23


Bei Katastrophen ist

jede Minute kostbar.

Helfen Sie uns, schnell zu handeln –

mit dem Katastrophen-Fonds der Caritas

Wenn die Erde bebt, Flüsse über die Ufer treten oder die Dürre

lebensbedrohlich wird, heisst es handeln. Der Katastrophen-

Fonds ermöglicht es der Caritas, im Ernstfall sofort mit Nothilfe

zu reagieren. Engagieren Sie sich mit einem Franken pro Tag

für den Katastrophen-Fonds der Caritas – Sie helfen uns,

Leben zu retten.

Karte weg? Besuchen Sie uns im Internet auf

www.caritas.ch/katastrophenfonds oder rufen Sie uns an

unter 041 419 22 22.

24 Caritas «Menschen» 2/13


Gastkolumne

Kein Geld da, um Armut

zu bekämpfen?

Europa geht in das fünfte Jahr der Krise.

Und langsam begreifen wir, welchen Preis

wir für diese Krise wirklich zahlen: Nach

der Vernichtung von unvorstellbaren Vermögenswerten

kristallisieren sich jetzt die

langfristigen Folgewirkungen immer klarer

heraus: der Raubbau an der Realwirtschaft,

das beschädigte Vertrauen in die demokratischen

Institutionen, das löchrig gewordene

soziale Gewebe und der geschwächte Zusammenhalt

in Europa. Das dramatischste

Problem ist jedoch die unerträglich hohe

Jugendarbeitslosigkeit und die wachsende

Armut in vielen Ländern.

Der von den Staats- und Regierungschefs

im Juni vergangenen Jahres beschlossene

Pakt für Wachstum und Jobs muss deshalb

endlich mit Leben gefüllt werden und konkrete

Ergebnisse zeitigen. Denn Millionen

Menschen in Europa glauben zu Recht, dass

Für einen Nobelpreisträger wie die EU ist es unwürdig, dass

so viele Menschen in solcher Armut leben müssen.

700 Milliarden für die Banken

Als der EU der Friedensnobelpreis 2012 zugesprochen

wurde, ging mir sofort durch

den Kopf, dass es für einen Preisträger wie

die EU unwürdig ist, dass so viele Menschen

in solcher Armut leben müssen. Vor

allem Alte, Kinder und sozial benachteiligte

Gruppen sind von den Folgen der Krise und

der unwirksamen Krisenbekämpfung betroffen.

Die Europäische Kommission hat Zahlen

vorgelegt, die zeigen, dass die Reallöhne

in den letzten Jahren in achtzehn der siebenundzwanzig

EU-Mitgliedsländer drastisch

gefallen sind, in Portugal beispielsweise

um über zehn Prozent, in Griechenland

sogar um über zwanzig Prozent. In

sieben EU-Ländern liegt die Jugendarbeitslosigkeit

bei über 25 Prozent, in vier Ländern

über 30 Prozent und in Griechenland

und Spanien hat jeder zweite junge Mensch

keine Arbeit. Die dramatische Jugendarbeitslosigkeit

birgt das Potenzial, die EU

zu zerreissen.

es dem Gebot der sozialen Gerechtigkeit widerspricht,

wenn durch harte Haushaltskürzungen

ausgerechnet den Schwächsten der

Gesellschaft die Last für die Finanzkrise

aufgebürdet wird. Wir wenden über 700

Milliarden Euro auf, um das Bankensystem

in Europa zu stabilisieren, aber es soll kein

Geld da sein, um die Jugendarbeitslosigkeit

zu bekämpfen?

Bild: Martin Schulz, Präsident des Europäischen

Parlamentes.

Das Vertrauen geschädigt

Sparen alleine ist keine Lösung. Das Scheitern

dieser Politik ist nur allzu deutlich. Zusammenhalt

und Stabilität unserer Gesellschaften

sind gefährdet. Die soziale Krise in

Europa lässt viele Menschen an der Handlungsfähigkeit

demokratischer Institutionen

und Politiker zweifeln und hat auch

das Vertrauen in die EU schwer geschädigt.

Diese Vertrauenskrise kann nur dann überwunden

werden, wenn wir die Lasten gerechter

verteilen, die bei der Bewältigung

der Wirtschaftskrise anfallen, wenn wir den

Menschen wieder Arbeit in Aussicht stellen

und ihnen Zukunftsperspektiven eröffnen.

Martin Schulz

Bild: zVg

«Menschen» 2/13 Caritas 25


In Kürze

Über 3000 User nutzen die Social

Media der Caritas

Ein grosser Teil der Kommunikation erfolgt

heute digital. Ein schnelleres Medium, um

Neuigkeiten zu verbreiten, gibt es nicht.

Auch Caritas Schweiz ist auf Plattformen

wie Facebook, Twitter, Google+, Flickr und

Youtube präsent. Mittlerweile nutzen über

3000 User das Angebot von Caritas, lesen

News aus aller Welt, schauen sich online

Videos und Fotos an und teilen interessante

Inhalte mit ihren Freunden. Und das

mit einem Klick. Folgen Sie uns – den Zugang

zu allen Plattformen finden Sie auf

www.caritas.ch. (use)

Rückkehrhilfe – YouProject stellt

Rückkehrer ins Zentrum

www.youproject.ch ist ein neues Internet-

Portal, das vom Bundesamt für Migration

(BFM) initiiert und in Zusammenarbeit mit

der Internationalen Organisation für Migration

(IOM) und den Rückkehrberatungsstellen

umgesetzt wurde. Das Portal präsentiert

Videos und Slideshows von Menschen,

die in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt

sind und ihre Rückkehrhilfeprojekte erfolgreich

umgesetzt haben.

Seit 1997 führt die Caritas Schweiz im

Auftrag der Kantone Obwalden, Schwyz

und Zug die Rückkehrberatungsstelle. Sie

informiert über die Rückkehrhilfe, vernetzt

sich mit verschiedenen Stellen und unterstützt

die Rückkehrenden bei ihren Rückkehrbemühungen.

Dabei stehen die Freiwilligkeit

der Rückkehr sowie die Wahrung der

Sicherheit und Würde der Betroffenen an

erster Stelle.

Peter Marty

Weitere Informationen:

www.youproject.ch

Zaghafte Politik der Versöhnung

in Ruanda

Seit dem 7. April wird in Ruanda während

100 Tagen des Genozids gedacht. Dieser

kostete 1994 etwa 800 000 Tutsis und

200 000 Hutus das Leben. In vergangenen

Jahren führte die undifferenzierte Rhetorik

des Staates, der die Bevölkerung einseitig in

Hutu-Täter und Tutsi-Opfer einteilte, dazu,

dass alte Wunden aufgerissen und ethnische

Gräben zementiert wurden. Dieses Jahr machen

sich erste Zeichen einer differenzierteren

Vergangenheitsbewältigung bemerkbar:

Hutus, die Tutsis vor dem Tod bewahrt

haben, erhalten neu öffentlich Anerkennung.

Auch wird fortan auf Bildvorführungen

der Massaker verzichtet. Nach wie

vor bleibt es aber ein kriminelles Vergehen,

über die Opfer auf Seiten der Hutus zu sprechen.

Die Caritas Schweiz unterstützt in Ruanda

Versöhnungsprojekte für die Zivilgesellschaft.

(imy)

Die KulturLegi gibt es jetzt in der ganzen Schweiz

Seit kurzem kann die KulturLegi der Caritas

in der ganzen Schweiz bezogen werden. In

immer mehr Kantonen bestehen ergänzend zu

den nationalen auch regionale Angebote. Insgesamt

wird die KulturLegi bereits von 45 000

Personen genutzt. Bis Ende 2015 sollen es

100 000 sein. Die KulturLegi ermöglicht armutsbetroffenen

Menschen, durch vergünstigte

Angebote am gesellschaftlichen und

kulturellen Leben teilzunehmen. So erhalten

sie zum Beispiel 50 Prozent Rabatt auf den

Zoo-Eintritt, auf Kurse der Klubschule Migros

oder auf Matchtickets für Heimspiele des BSC

Young Boys. (imy)

Weitere Informationen:

www.kulturlegi.ch

Bild: Freizeit, Kultur und Sport – dank der

KulturLegi für alle zugänglich.

26 Caritas «Menschen» 2/13

Bilder: nadezhda1906/Fotolia, zVg


Mit Erlös aus Weihnachtsverkauf

armutsbetroffenen Kindern helfen

In der Weihnachtszeit verkaufte Aldi Suisse

Weihnachtskarten, Geschenkpapier und

Teelichthalter, um die gesamten Einnahmen

vollumfänglich Caritas zugunsten armutsbetroffenen

Kindern in der Schweiz zu spenden.

So unterstützt Aldi Schweiz den Caritas-Kinderhilfsfonds

bereits zum zweiten

Mal mit über 90 000 Franken. Der Kinderhilfsfonds

unterstützt Kinder aus armutsbetroffenen

Familien und ermöglicht auf diese

Weise, dass sie ein Instrument lernen oder

an einem Freizeitsportangebot teilnehmen.

Nadine Urech

Bild: Zusammen mit Caritas Schweiz setzt sich

Aldi Suisse für armutsbetroffene Kinder ein.

Frauen stärken in Indien

200 Millionen Menschen in Indien leiden

Hunger. Auf dem aktuellen Uno-Index der

menschlichen Entwicklung kommt das Land

auf Platz 139 von 186 zu liegen. Die Frauen

leiden unter der Armut besonders. Sie sind

Menschen zweiter Klasse: als Baby unerwünscht,

als Kind verheiratet, als Arbeitskraft

ausgebeutet, als Frau geschlagen, als

Witwe von der Gesellschaft ausgeschlossen.

Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung.

Für Caritas ist die Förderung von Frauen

und Mädchen in Indien in allen Projekten

zentral. Sie sollen ihre Rechte geltend machen

und ihre soziale Stellung verbessern

können. Frauen stärken: das ist in Indien

die wirkungsvollste Massnahme im Kampf

gegen die Armut. (ja)

Bild: Will man Armut in Indien bekämpfen, muss

man Frauen fördern und stärken.

Bilder: Eng Hiong Low/Caritas Schweiz, zVg

«Menschen» 2/13 Caritas 27


Fotorätsel

Wie heisst dieses

Grundnahrungsmittel?

Dieses Grundnahrungsmittel wächst in Mali

besonders gut. Wie heisst es?

A Reis

B Quinoa

C Hirse

Wettbewerb: Gewinnen Sie ein

Seidenschal aus Indien!

Schicken Sie die richtige Antwort mit dem Vermerk «Fotorätsel»

bis zum 31. Juli an info@caritas.ch oder an Caritas Schweiz,

Redaktion Caritas-Magazin, Löwenstrasse 3, Postfach, 6002

Luzern. Unter den richtigen Antworten werden drei Seidenschale

aus Indien verlost (siehe Artikel rechts sowie Bild auf

dem Deckblatt). Die Lösung findet sich ab Augutst auf der Website

unter: www.caritas.ch/fotoraetsel sowie in der September-

Ausgabe des Magazins «Wir helfen Menschen». (Lösung zum

Fotorätsel im Magazin 1/2013: Hartkäse)

28 Caritas «Menschen» 2/13

Bild: Andreas Schwaiger/Caritas Schweiz


Caritas-Fairtrade /claro fair trade

Der Stoff, aus dem

Träume gemacht sind

Die indische Druckerei Brindaban

Prints färbt und bedruckt Stoffe für den

fairen Handel. Das Unternehmen

sichert Arbeitsplätze und zahlt faire

Löhne. Damit trägt es zur Verringerung

der Landflucht bei.

Wenn Dipankar Mondal mit dem Velo

zur Arbeit fährt, hat er es nicht weit. Nur

zwei Kilometer von seinem Dorf Parbatur

in Westbengalen, Indien, entfernt liegt die

kleine Textil-Druckerei Brindaban Prints,

in der der 29-Jährige arbeitet. Dipankar ist

für den Job sehr dankbar, denn nach Jahren

ohne eigenes Einkommen kann er nun

endlich zum Überleben seiner Familie beitragen.

Und dies praktisch vor der Haustür.

Die Gegend bietet sonst kaum Möglichkeiten,

einer bezahlten Arbeit nachzugehen.

Die meisten Dorfbewohner leben von der

Landwirtschaft, sie bauen Reis und Gemüse

an und können, in guten Erntejahren, mit

dem Verkauf ihrer Produkte ein wenig Geld

verdienen.

Landflucht verhindern

Wer nicht im Dorf bleibt, sucht sein Glück

anderswo: «Meist wandern die Männer in

die grossen Städte aus und arbeiten dort»,

«Ich bin glücklich über unsere Situation.»

sagt Dipankar. «Sie lassen ihre Familien zurück

und schicken ihnen Geld.»

Brindaban Prints bietet 14 Männern aus

der Region eine Alternative zur Landflucht

und beschäftigt diese zu fairen Bedingungen.

Dies ist dank der Zusammenarbeit von

Brindaban mit Sasha, einer indischen Fairtrade-Organisation,

überhaupt erst möglich

geworden. Von Sasha erhielt die Druckerei

ihren ersten grossen Auftrag, 1000 Stoffeinheiten

mussten bedruckt werden. Sasha

unterstützt den ehemaligen Kleinstbetrieb

mit Know-how und Finanzen. Mit einem

Kredit der Fairtrade-Organisation konnte

Brindaban Land kaufen und ein neues Produktionsgebäude

errichten.

Diese Kooperation verpflichtet aber

auch. Eine Pflicht, der der Druckerei-Inhaber

gerne und gewissenhaft nachkommt:

Den Angestellten werden Garantielöhne

ausbezahlt, es gibt geregelte Arbeitszeiten

und eine Kostenübernahme bei medizinischen

Behandlungen.

Einkommen sichern

Dipankars Träume haben sich mit Brindaban

erfüllt: «In den wenigsten Familien gibt es

jemanden, der einen Verdienst nach Hause

bringt. Ich bin glücklich über unsere Situa­

Bild: Im langwierigen Verfahren wird die

Farbe aufgetragen, fixiert und getrocknet.

Daraus entstehen zarte Textilien.

tion», sagt er. Zudem seien alle gesund und

zufrieden, mehr brauche er nicht.

Arbeit mit Farbe

Der Familienvater wurde bei Brindaban im

Textil-Siebdruck ausgebildet. In diesem Verfahren

wird der Stoff über Vorlagen direkt

mit der Farbe oder der Farbpaste bedruckt.

Für jede Farbe wird ein eigenes Sieb angefertigt

und die Vorlagen können etwa 400

Mal verwendet werden. Nach dem Farbauftrag

werden die Drucke durch Dampf

bei 170 Grad fixiert. Als Stoffe kommen

Chiffon-Seide oder Chanderheri, ein Seiden-Baumwoll-Gemisch,

zum Einsatz. (use)

Bilder: Sonja Picciati/Caritas Schweiz, zVg

«Menschen» 2/13 Caritas 29


Caritas-Menschen

Der Mensch im Fokus

In der Reihe der grossen Schweizer

Fotografen hat Pia Zanetti einen festen

Platz. Unvergesslich sind ihre Fotografien

von Max Frisch und ihre Reportagen

für die Zeitschrift «du», für die «NZZ»,

den «Stern» oder «Paris Match». Seit

acht Jahren bereichert Pia Zanetti auch

die Publikationen der Caritas.

«Solange ich fotografiere, trage ich meine

Ausrüstung selber. Wenn ich das nicht mehr

kann, ist es Zeit, die Kamera zur Seite zu

legen.» Mit diesen Worten lehnt Pia Zanetti

mein Angebot ab, ihr wenigstens das Stativ

zur Cessna zu tragen, die uns von Nairobi ins

südsudanesische Torit bringt. Und mit derselben

Bestimmtheit setzt sie diesen Grundsatz

auch auf dem steilen Pfad über die Felsen

von Lotoga durch. In der Mittagssonne

der Subsahara. Bei über 40 Grad Hitze.

Uganda angetreten. In einem Slum von

Kampala hat sie von HIV und Aids betroffene

Menschen porträtiert. Das Bild einer

für ihre verwaisten Enkel sorgenden Grossmutter

fand grosses Echo. «Ich kann mich

vom Blick dieser stolzen alten Frau kaum

trennen», hat uns ein Spender damals geschrieben.

«Das Leben ist anders, vielschichtiger, vielseitiger – und schöner

als das Sonntagslachen.»

Abenteuerlust und Mitmenschlichkeit

Pia Zanetti ist eine aussergewöhnliche Frau.

Niemand käme auf die Idee, dass sie am

25. Juni ihren siebzigsten Geburtstag feiert.

Endlose Autofahrten durch Schlamm und

Dreck. Der Schlafkomfort einer Bastmatte

auf dem Schulzimmerboden. Die Strassensperre

nach Einbruch der Dunkelheit. Pia

Zanetti ist so schnell nicht aus der Ruhe

zu bringen. Sicher, es ist auch ihre Abenteuerlust,

die sie das Bündel immer wieder

schnüren lässt. Tief im Innern aber treibt

sie ihre Mitmenschlichkeit und die Achtung

vor dem fremden Leben der Ärmsten.

Realität und ihr Abbild

An Sylvester 2004 hat Pia Zanetti ihre erste

fotografische Mission für Caritas nach

Der Respekt vor der Würde jedes Menschen

macht letztlich die Intensität der Fotografien

von Pia Zanetti aus. Niemals sind

bei ihr die Fotografierten bloss Objekte. Es

sind Individuen mit Geschichte und Eigenarten.

«Es gibt Organisationen, die wollen

nur lachende Menschen auf ihren Bildern»,

sagt die Fotografin. «Damit wird man den

Bild: Den Menschen zugewandt: Pia Zanetti

reiste anfangs März 2013 im Auftrag von Caritas

nach Indien.

Menschen nicht gerecht. Das Leben ist anders,

vielschichtiger, vielseitiger – und schöner

als das Sonntagslachen.»

Ehrlichkeit und Respekt

Die Fotografien von Pia Zanetti sind zu

einem Teil der Identität von Caritas geworden.

Sie sind Ausdruck ihres Selbstverständnisses

und ihrer Werte. Es ist das ungekünstelte,

direkte, zuweilen verspielte, liebevolle

und ehrliche Bild der Menschen, für die Caritas

sich engagiert: im Südsudan, in Indien,

im Schächental. Wir gratulieren Pia Zanetti

von Herzen zu ihrem Geburtstag. (ja)

30 Caritas «Menschen» 2/13

Bild: Jörg Arnold/Caritas Schweiz


Empört Euch

und macht

etwas!

Ich heisse Benjamin Mach, bin 18 Jahre

alt und wohne in Genf. Im Sommer

schliesse ich das Gymnasium ab. Was

danach kommt, weiss ich noch nicht

genau, vielleicht ein Medizin- oder Jura-

Studium. Mit meinem Projekt «Geneva

to Somalia 2012» habe ich über 16 000

Franken für ein Nothilfeprojekt der

Caritas in Somaliland gesammelt.

Es war ein kalter Winterabend im Jahr

2011. Ich hatte einen Artikel im «Le Courrier»

über die Hungersnot in Ostafrika gelesen

und diskutierte mit meinen Eltern

über diese Katastrophe. Sie sei vorhersehbar

und menschgemacht, wurde behauptet.

Es bekümmerte mich, dass wir Schweizer

uns dermassen inaktiv und gleichgültig gegenüber

dem Leid anderer Menschen verhielten.

Wir, die es so gut haben! Ich wollte

nicht die Augen verschliessen. Ich wollte dagegen

ankämpfen. Nur ist es viel einfacher,

gute Ideen zu haben, als sie auch tatsächlich

zu realisieren und so blieb es vorerst bei dieser

ersten Empörungswelle.

«Ich wollte nicht die Augen verschliessen.

Ich wollte dagegen ankämpfen.»

Als ich mir einige Monate später Gedanken

über ein Thema für meine Maturaarbeit

machte, kam mir dieser Winterabend wieder

in den Sinn. Ich beschloss, meine Arbeit

zu einem Hilfsprojekt zu machen, und

für die Menschen in Ostafrika Spenden zu

sammeln. Es war ein ehrgeiziges Ziel, besonders,

als ein grösserer Geldbetrag zusammenkommen

sollte. Um Menschen zu Spenden

zu bewegen, musste ein solides Projekt

her. Ich machte mich auf die Suche und entschied

mich für ein Nothilfeprojekt der Caritas

Schweiz in Somaliland. Mit den Spenden

sollte nicht ein langfristig angelegtes Entwicklungsprojekt

finanziert werden, sondern

sofort einsetzbare Nothilfe, wie zum

«Geneva to Somalia 2012»

Mit Briefen und diversen Verkaufsaktionen von Solidaritäts armbänder

hat Benjamin Mach 16 000 Franken für ein Nothilfeprojekt der Caritas

gesammelt. Sein Projekt «Geneva to Somalia 2012» ist für den young-

Caritas-Award 2013 nominiert. Dieser Preis wird jährlich an das beste

soziale Jugendprojekt verliehen und rückt das Engagement von jungen

Menschen ins Rampenlicht. Weitere Informationen zu diesem und

weiteren Projekten: www.youngcaritas.ch/award

Beispiel das Verteilen von Essen oder sauberem

Trinkwasser. Mich überzeugte die Art

und Weise, wie die Caritas zusammen mit

ihrer Partnerorganisation vor Ort ihre Hilfe

konkret umsetzt. Nach einem Treffen mit der

Projetverantwortlichen der Caritas Schweiz

und den Vertretern der Partnerorganisation

war ich überzeugt, dass ich das Richtige tat.

Mit meiner Maturaarbeit habe ich Menschen

für einen guten Zweck mobilisieren

können. Ich hatte aber auch die Chance, in

ein anderes Land einzutauchen und die Entwicklungszusammenarbeit

kennen zu lernen.

Wer weiss, vielleicht werde ich eines

Tages dieses Land auch aus der Nähe erleben?

Ich wünsche es mir für die Zukunft –

und auch, dass sich vermehrt junge Menschen

mit eigenen Hilfsaktionen für andere

engagieren.

Sara Bukies

Bild: Benjamin Mach: Engagement statt

Gleichgültigkeit.

Bilder: zVg

«Menschen» 2/13 Caritas 31


Ferienstimmung.

Grün und fair.

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