TaTorT DeuTschlanD – Die lokalreDakTion DeckT auf - Drehscheibe

drehscheibe.org

TaTorT DeuTschlanD – Die lokalreDakTion DeckT auf - Drehscheibe

Journalisten-Reader

Tatort Deutschland

Die Lokalredaktion

deckt auf

Modellseminar

16. bis 20. September 2013

in Rostock


Modellseminar: Tatort Deutschland

INHALT

Impressum ...............................................................................................................................4

Eine Frage der Ehre ...............................................................................................................5

Nach 16 Jahren hilft die Arbeit eines Reporters der Polizei auf die Sprünge

Wolfgang Kaes, Chefreporter Bonner General-Anzeiger

Plädoyer für den Notfallplan ...............................................................................................7

Fünf Punkte, mit deren Hilfe Lokalredaktionen Extremsituationen begegnen können

Heiko Müller, Ostfriesen-Zeitung, Emden

„Der Ermittlungsfall geht vor“ ...........................................................................................9

Information der Öffentlichkeit bedeutet für LKA-Pressestelle eine Crux

Frank Federau, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Landeskriminalamt Niedersachsen

Das Märchen vom sauberen Sport...................................................................................11

Doping, Korruption, Manipulation reichen hinunter bis auf die lokale Ebene

Ulrike Spitz, Kommunikationsberaterin und Journalistin

Das Unmögliche für möglich halten ...............................................................................13

Bei der Recherche von Korruptionsfällen helfen Hartnäckigkeit und gute Kontakte

Prof. Dr. Frank Überall, Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft, Köln

„Seien Sie fair!“ .....................................................................................................................15

Wie man bei der Verdachtsberichterstattung vieles richtig machen kann

Dominik Höch, Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, Berlin

Die Spur hinter der Spur ....................................................................................................17

In akribischer Kleinarbeit lassen Fallanalytiker Profile erkennbar werden

Axel Petermann, Leiter „Operative Fallanalyse“, Kriminalpolizei Bremen

Die Kunst des Weglassens ................................................................................................19

Bei Reportagen aus dem Gerichtssaal sollte ein Protagonist im Zentrum stehen

Michael Schmuck, Journalist und Rechtsanwalt

Mehr als nur ein Heft ..........................................................................................................21

Umfangreiches Portal mit Service für jeden Tag: die „drehscheibe“ online

Stefan Wirner, Redaktionsleiter drehscheibe, Raufeld Medien, Berlin

„Zuhören, nicht so viel reden“ .........................................................................................22

Klare Absprachen helfen beim Umgang mit Opfern und Angehörigen

Peter Schwarz, Redakteur Waiblinger Kreiszeitung

Leichenfund zum Frühstück .............................................................................................24

Seminarteilnehmende berichten zum Tagesauftakt von Mord und Totschlag

Seite


Modellseminar: Tatort Deutschland

Arbeitsgruppen

Der Lokalredakteur auf Schurkenjagd ..........................................................................25

Für den Fall der Fälle: der Notfallplan

Arbeitsgruppe 1

Neue Wege der Recherche ...............................................................................................27

Wie man Suchmaschinen, Facebook und Co. sinnvoll nutzen kann

Arbeitsgruppe 2

So spannend ist der Gerichtssaal ..................................................................................30

Was bei der Berichterstattung hilft und Hintergrundthemen realisieren lässt

Arbeitsgruppe 3

Mut zu unbequemen Geschichten ..................................................................................32

Gewagter Journalismus zahlt sich aus und erhöht die Glaubwürdigkeit

Arbeitsgruppe 4

Anhang ..................................................................................................................................35

- Literatur- und Linktipps

- Programm

- Teilnehmendenliste

- Artikel zum Thema „Tatort Sportplatz“

- Anzeige „drehscheibe“

Seite


Modellseminar: Tatort Deutschland

Impressum

Veranstalter

Bundeszentrale für politische Bildung/bpb

Fachbereich Multimedia/

Journalistenprogramm

Projektteam Lokaljournalisten der bpb

Berthold L. Flöper

Adenauerallee 86

53113 Bonn

Telefon: 0228 99515-558

Telefax: 0228 99515-498

E-Mail: floeper@bpb.de

Tagungsorganisation

Gabriele Bommel (bpb)

Telefon: 0228 99515-552

Telefax: 0228 99515-405

E-Mail: bommel@bpb.de

Johannes Bilstein (bpb)

Telefon: 0228 99515-252

Telefax: 0228 99515-293

E-Mail: bilstein@bpb.de

Betreuung vor Ort

Imke Emmerich

Bundeszentrale für politische Bildung

Fachbereich Multimedia

Seminarleitung

Kirsten Reuschenbach

mssw Print Medien-Service Südwest GmbH

Ludwigshafen

E-Mail: Kirsten.Reuschenbach@mssw-online.de

Katrin Teschner

Braunschweiger Zeitung

Braunschweig

E-Mail: katrin.teschner@bzv.de

Arbeitsgruppenleitung

Mario Quadt

Rhein-Zeitung

Neuwied

E-Mail: Mario.Quadt@rhein-zeitung.net

Helmuth Rücker

Vilshofener Anzeiger

Vilshofen

E-Mail: helmuthruecker@aol.com

Ulrike van Weelden

Main-Echo

Obernburg

E-Mail: vanWeelden@t-online.de

Arno Zähringer

Altmark-Zeitung

Stendal

E-Mail: Arno.Zaehringer@cbeckers.de

Journalisten-Reader

Volker Dick

der textkomplize

51643 Gummersbach

Telefon: 02261 6070450

Telefax: 02261 6096114

E-Mail: volker.dick@buchstabensuppe.net

Redaktionsschluss: 19.09.2013, 18 Uhr

Fotos

Volker Dick, Kirsten Reuschenbach

Tagungsstätte

InterCity Hotel Rostock

Herweghstraße 51

18055 Rostock

Telefon: 0381 4950-0

www.intercityhotel.com/Rostock

Seite


Modellseminar: Tatort Deutschland

referat

Wolfgang Kaes: „Ich wollte wissen, wer Trudel Ulmen war.“

Eine Frage der Ehre

Nach 16 Jahren hilft die Arbeit eines Reporters der Polizei auf die Sprünge

Vor 17 Jahren verschwand

eine Frau

aus Rheinbach bei

Bonn spurlos. Der

Ehemann gab an,

sie sei mit ihrem

Liebhaber auf und

davon. Doch als

Trudel Ulmen 2011

für tot erklärt werden

sollte, wurde

Wolfgang Kaes auf

den Fall aufmerksam.

Der Chefreporter

des Bonner

General-Anzeigers

(GA) begann zu

recherchieren und

half maßgeblich dabei,

ein Verbrechen

aufzudecken.

Dabei stand zunächst der Zufall Pate:

Eine amtliche Bekanntmachung landete aus

Versehen zunächst nicht in der Anzeigenabteilung,

sondern in der Redaktion. In der

Bekanntmachung des Amtsgerichts Rheinbach

ging es um Trudel Ulmen, eine Frau

aus Rheinbach, die für tot erklärt werden

sollte. Wolfgang Kaes wurde stutzig, weil er

nie von der Sache gehört hatte und fragte

bei der Polizei nach, die zurückhaltend

reagierte. „Ganz am Anfang stand bei mir

vor allem die Neugier, ich wollte wissen:

Wer war Trudel Ulmen?“, blickt Kaes zurück:

„Dann habe ich aber relativ schnell gemerkt,

dass da etwas nicht stimmt.“

Seine Recherchen begann der Reporter

bei den Angehörigen der Verschwundenen,

die aus dem Eifelstädtchen Mayen stammte

der Ort, in dem auch Wolfgang Kaes

aufgewachsen ist. Ein zweiter Zufall, der ihm

die Informationsbeschaffung erleichterte und

ihm ein deutlicheres Bild von Trudel Ulmen

vermittelte. Er sprach mit der Mutter, mit

Geschwistern, mit Schulfreunden in Mayen

und Freunden wie Nachbarn in Rheinbach.

Dabei gewann er die Erkenntnis: „Diese

Frau war nicht der Typ, der sich von heute

auf morgen absetzt und alles im Stich lässt,

um ein neues Leben zu beginnen.“

Weitere Anhaltspunkte erhielt Kaes durch

einen Hinweis in ihrer Personalakte beim

letzten Arbeitgeber, dem Neurologischen

Rehabilitationszentrum Godeshöhe in Bad

Godesberg. Daraus war ersichtlich, dass die

Polizei damals lediglich vier Tage ermittelt

und sich im Wesentlichen mit der Aussage

des Ehemanns begnügt hatte. Der hatte

Seite


Modellseminar: Tatort Deutschland

seine Frau als vermisst gemeldet und dann

mitgeteilt, sie habe sich per Telefon bei ihm

gemeldet und erzählt, mit dem Liebhaber

durchgebrannt zu sein: „Für die Polizei war

damit alles geklärt, die Akte wurde geschlossen

und fünf Jahre danach vernichtet.“

Wolfgang Kaes versuchte zwar auch, den

Ehemann zu befragen, doch der vertröstete

ihn zunächst und blockte dann ab; mit

der Begründung, er sei psychisch über die

Sache hinweg.

Zu diesem Zeitpunkt war der Reporter

auf zahlreiche Ungereimtheiten gestoßen:

„Es gab immer mehr Puzzleteile, die aber

alle nicht zusammenpassten.“ Die Polizei

beschäftigte sich währenddessen damit,

nach dem Informanten des Journalisten zu

fahnden. Dennoch hielt Kaes sich mit Kritik

an der Polizei zurück, „ich wollte nicht deren

Korpsgeist schüren“. Doch die im GA von

Kaes veröffentlichten Recherche-Ergebnisse

ließen einen Kriminaldirektor aufhorchen,

mit dem sich Wolfgang Kaes traf und dem

er sein sämtliches Wissen zum Fall zur

Verfügung stellte. Die Polizei trat wieder auf

den Plan 16 Jahre nach den Ereignissen.

„Es zeichnete sich nun auch für die Kripo

ab, dass mit dem Verschwinden von Trudel

Ulmen etwas nicht stimmte“, sagt der Reporter,

„am Ende war es für die Kripo auch eine

Frage der Ehre, den Fall aufzuklären.“ Am

Ende der Ermittlungsarbeit stand das Geständnis

des Ehemanns, seine Frau in ihrem

Bett mit einem Kissen erstickt zu haben.

So linear sich die Geschichte im Nachhinein

liest für Wolfgang Kaes bedeuteten

die fünf Monate von den ersten Erkundungen

bis zur Aufklärung des Falls eine

große Anspannung. „Zwischendurch haben

mich auch Selbstzweifel geplagt, ob ich mich

nicht vielleicht doch verrannt habe und an

der Geschichte nichts dran ist“, berichtet er.

Doch durch einen DNA-Abgleich fand die

Polizei heraus, dass Trudel Ulmens Leiche

bereits 1996 gefunden worden war, damals

nur nicht zugeordnet werden konnte.

Ein weiterer Punkt machte ihm zu schaffen:

Im Laufe seines Engagements war

Wolfgang Kaes für die Familie der Verschwundenen

zum Hoffnungsträger geworden,

der vielleicht herausbekommen kann,

was mit Trudel Ulmen tatsächlich passiert

sein mag. „Wir haben in diesen Monaten fast

täglich miteinander gesprochen, manchmal

auch mitten in der Nacht“, erinnert er sich an

die Nähe zur Familie. Weil der Kontakt derart

eng war, bat die Kripo den GA-Chefreporter

auch, die Beamten zur Überbringung

der Todesnachricht nach Mayen zu begleiten.

Der Schlusspunkt einer Zeit, in der Kaes

an fast nichts anderes mehr denken konnte

als an den Fall Ulmen, der ihn auch mehr als

einmal nachts am Schlafen hinderte.

Er selbst rückte plötzlich in den Fokus der

Medien, der WDR interviewte ihn, der Spiegel

wollte Näheres wissen. Wolfgang Kaes

sieht sich aber nicht als Held, sondern gibt

zu: „Die journalistische Distanz war nach

fünf Monaten Recherche und der Nähe zur

Familie nicht aufrechtzuerhalten.“

Kontakt

Tel.: 0228 6688-471

E-Mail: w.kaes@ga-bonn.de

Web: www.wolfgang-kaes.de

Z

ur Person

Wolfgang Kaes

Jahrgang 1958. Studium der

Politikwissenschaft, Kulturanthropologie

und Pädagogik an

der Universität Bonn. Danach

Polizei-Reporter beim Kölner

Stadt-Anzeiger, Leiter des

Bonner Büros der Koblenzer

Rhein-Zeitung und Chefreporter

der Mainzer Rhein-Zeitung.

Anschließend Wechsel

zum Bonner General-Anzeiger,

dort heute Leitender

Redakteur und Chefreporter.

Leuchtturm-Preis und Henri-

Nannen-Preis für Recherchen

im Fall Trudel Ulmen. Autor

mehrerer Kriminalromane.

Seite


Modellseminar: Tatort Deutschland

referat

Heiko Müller: Fall Lena führte alle Beteiligten an die Grenze der Belastbarkeit

Plädoyer für den Notfallplan

Fünf Punkte, mit deren Hilfe Lokalredaktionen Extremsituationen begegnen können

Die Ermordung eines

elfjährigen Mädchens

versetzt im März und

April 2012 Emden in

den Ausnahmezustand:

Ein Unschuldiger

wird festgenommen

und mit Lynchjustiz

bedroht, auf Facebook

überschlagen

sich Behauptungen

und Gerüchte, Polizeiskandale

werden

offenbar und eine Lawine

überregionaler

Medien überrollt die

Stadt an der Emsmündung.

Mittendrin

steht die Lokalredaktion

der Ostfriesen-Zeitung (OZ) und

gerät an die Grenzen ihrer Belastbarkeit,

wie Heiko Müller, langjähriger OZ-Redakteur,

berichtet. Seine Konsequenz: ein

Fünf-Punkte-Plan, wie Lokalredaktionen

besser mit Extremsituationen umgehen

können.

An einem Samstagabend wird in einem

Parkhaus in der Emder Innenstadt die Leiche

der elfjährigen Lena gefunden. Schnell

steht fest, dass es sich um ein Gewaltverbrechen

„mit sexuellem Hintergrund“ handelt.

Die Polizei richtet eine Soko mit 40

Beamten ein. Ebenfalls schnell, nämlich drei

Tage danach, wird ein 17-Jähriger festgenommen.

Weitere drei Tage später lässt die

Polizei den Verdächtigen wieder frei. Der

tatsächliche Täter wird dann am darauf folgenden

Tag verhaftet doch der ursprünglich

Verdächtigte ist bereits in den Fokus

von Boulevardblättern, seriösen Medien und

Facebook-Nutzern geraten. „Zwei Tage nach

dem Mord hat eine Medienlawine die Stadt

überrollt“, berichtet Heiko Müller, „überall in

der Stadt haben Reporter Passanten befragt.“

Mehrfach wird der 17-Jährige als Täter in

Medien und auf Facebook vorverurteilt, die

Beschuldigungen lassen eine Identifizierung

zu. „Im Internet wurden Lynchaufrufe

verbreitet, es begann eine Hatz auf den

Verdächtigen, Name und Adresse kursierten“,

schildert der OZ-Redakteur die Vorkommnisse.

Außerdem versammelt sich

eine Gruppe von rund 50 Menschen vor dem

Polizeipräsidium, angeblich mit der Absicht,

es zu stürmen. Als seine Unschuld feststeht,

wird der 17-Jährige unter Polizeischutz

genommen, verlässt mit seiner Familie die

Seite


Modellseminar: Tatort Deutschland

Stadt und muss psychologische Hilfe in Anspruch

nehmen.

Der tatsächliche Täter gesteht wobei

sich herausstellt, dass er offenbar für einen

weiteren sexuellen Übergriff in der Nähe des

Tatortes verantwortlich war und sich sogar

wegen seiner sexuellen Neigung bei der

Polizei Monate vorher selbst angezeigt hatte.

Der Fall Lena weitet sich also zum Polizeiskandal

aus.

Die sich überschlagenden Ereignisse führen

die Lokalredaktion der OZ an ihre Grenzen

arbeitsorganisatorisch und ethisch.

„Einige Kollegen waren fast rund um die

Uhr im Einsatz“, sagt Heiko Müller, „und die

Berichterstattung der überregionalen Medien

erhöhte den Druck.“ Die Redaktion legte

sich Zurückhaltung auf in der Begleitung der

Vorgänge, was ihr positiv angerechnet wurde.

Der Umfang der Berichterstattung umfasste

bis zu zwei Seiten täglich, berichtet

wurde auf allen Kanälen. „Zudem kam die

Redaktion nicht umhin, ständig Facebook

zu beobachten, um neue Entwicklungen

und Veranstaltungen nicht zu verpassen“,

ergänzt Müller: „Und zum ersten Mal bestimmten

bei einem Kriminalfall in Ostfriesland

soziale Netzwerke Tempo und Ton mit.“

Als schwierig schildert er den Umgang

mit persönlicher Betroffenheit und nennt ein

Beispiel: „Nach der Festnahme des tatsächlichen

Täters stellte sich heraus, dass der

junge Mann nur wenige hundert Meter von

der eigenen Wohnung entfernt wohnte, der

Vermieter ein Bekannter ist und die eigene

Tochter fast täglich an der Wohnung des

Täters vorbei musste.“

Inzwischen hat Heiko Müller Lehren aus

den Vorkommnissen gezogen und Empfehlungen

für Lokalredaktionen erarbeitet. Fünf

Punkte stehen dabei im Vordergrund:

• Bei ähnlichen Fällen sollten Redaktionen

sofort ein Team aus Print-, Online- und

Videoredakteuren sowie Fotografen bilden;

mindestens ein Kollege sollte ständig am

Ort des Geschehens sein, um immer auf

dem neuesten Stand zu bleiben.

• Lokalredaktionen sollten ein verbindliches

Regelwerk mit moralischen Grundsätzen

entwickeln, einen Notfallplan aufstellen.

Festgelegt werden sollte zum Beispiel, wie

mit Opfern, deren Angehörigen, mutmaßlichen

Tätern umgegangen wird.

• Wucht und Macht sozialer Medien sind

nicht zu unterschätzen; soziale Netzwerke

sollten aber als Informationsquellen genutzt

und Gegenstand der Berichterstattung

werden.

• Redaktionen sollten auf jeden Fall eine

„Manöverkritik“ ansetzen, um aus dem

Abstand das Geschehene zu reflektieren.

• Der Umgang mit seelischen Belastungen

von Journalisten und der sensible Umgang

mit Opfern sollte in Aus- und Fortbildungen

thematisiert werden.

Von der eigenen Verantwortung befreit ein

derartiger Plan allerdings nicht, so Heiko

Müller: „Es gibt kein Patentrezept, wie man

mit solchen Situationen und persönlicher Betroffenheit

umgeht.“

Kontakt

Tel.: 04921 932518

E-Mail: h.mueller@zgo.de

Web: www.oz-online.de

Z

ur Person

Heiko Müller

Geboren 1960; nach Abitur

und Wehrdienst Volontariat

bei der Ostfriesen-Zeitung,

dort seit 1982 Lokalredakteur

in der Bezirkredaktion

Emden/Nord. Ein besonderes

Faible entwickelte er für

Blaulicht-Themen. Immer

interessiert ihn aber auch

das vermeintlich Alltägliche.

Für seine Serie „Müller

kommt!“ wurde er im Jahr

2010 mit dem bundesweit

ausgeschriebenen Ferag-

Leserblattbindungspreis des

Verbands Deutscher Lokalzeitungen

ausgezeichnet.

Seite


Modellseminar: Tatort Deutschland

referat

Frank Federau: Facebook-Fahndung hilft der Polizei, Medien dagegen wenig

„Der Ermittlungsfall geht vor“

Information der Öffentlichkeit bedeutet für LKA-Pressestelle eine Crux

Das Thema stand

im Rampenlicht bei

Datenschützern und

Öffentlichkeit, sobald

es aufgekommen

war: die Facebook-

Fahndung. Begonnen

in Niedersachsen

2011 von der Polizei

Hannover, liegt die

Verantwortung dafür

nun beim niedersächsischen

Landeskriminalamt

(LKA).

Frank Federau, Leiter

der Presse- und

Öffentlichkeitsarbeit

des LKA, erläutert

den Nutzen der Fahndung

per Facebook

und geht außerdem auf das Spannungsfeld

zwischen Polizei und Medien ein

das sich besonders dann auflädt, wenn

es um eine schnelle Informationsvermittlung

geht.

Als Pilotprojekt gestartet, hagelte es zu

Beginn der Facebook-Fahndung Kritik. Zu

dieser Zeit stellte die Polizei Hannover als

Vorreiter detaillierte Informationen zu Fällen

in das soziale Netzwerk ein, mit dem Ergebnis,

dass Datenschützer protestierten da

auf diese Weise sämtliche Daten auf Servern

in den USA landeten.

Mit der Übernahme der Facebook-Präsenz

durch das LKA Niedersachsen Ende 2011

änderte sich das Verfahren. „Wir veröffentlichen

nur noch wenige Infos auf Facebook,

verlinken diese Einträge aber mit unserer

Website, wo die Fahndungen ausführlich

dargestellt werden“, erläutert Frank Federau,

„die Daten liegen nun auf niedersächsischen

Polizeiservern.“

Hintergrund des Engagements auf Facebook:

die Suche nach Zeugen und Tathinweisen

bei Fällen schwerer Kriminalität.

„Wir möchten schnell und hautnah agieren“,

sagt der LKA-Sprecher, „wobei wir Hinweise

nicht über die Kommentarfunktion erhalten

wollen.“ Stattdessen sollen sich Zeugen an

ihre jeweils zuständige Polizeidienststelle

wenden: „Alle Dienststellen in Niedersachsen

sind darin einbezogen.“

Die via Facebook geäußerten Bitten, die

Polizei bei Fahndungen zu unterstützen, haben

bislang rund 16.000 Freunde angelockt.

„Das ist nicht sehr viel, aber wir werben für

die Seite bei TV-Auftritten und auf unserer

Website“, bekennt Frank Federau. Dass

die Kommentarfunktion genutzt werden

Seite


Modellseminar: Tatort Deutschland

soll, betont er ausdrücklich: „Wir wollen die

Interaktion, aber nur in kurzer Form.“ Damit

die LKA-Facebookseite nicht missbräuchlich

genutzt werden kann, beispielsweise für

Denunziationen, steht die Präsenz rund um

die Uhr unter Kontrolle. „Letztlich ist es fast

egal, ob wir auf diesem Weg 20 oder 100

Hinweise bekommen“, so Federau, „Hauptsache,

es wird angenommen.“ Journalisten

allerdings dürften dort kaum fündig werden,

da exklusive Informationen fehlen.

Auskunft gibt der Sprecher auch dazu, wie

die Polizei Facebook zu Fahndungszwecken

nutzt wobei er gleich klarstellt, dass der

Schritt in Richtung verdeckter Ermittlungstätigkeit

in diesem Feld ein kleiner sein kann:

Sobald ein falscher Name gewählt und tief

in Persönlichkeitsrechte eingegriffen wird,

bedarf das Vorgehen einer richterlichen

Zustimmung. In Chatrooms, wo generell

Alias-Namen gewählt werden, kann sich

auch die Polizei mit Tarnnamen bewegen.

„Sollten wir uns aber in einem solchen Chat

beispielsweise mit einem Kinderpornohändler

zu einem Treffen verabreden, bedarf dies

ebenfalls eines richterlichen Beschlusses“,

erklärt der Pressesprecher und gibt zu, dass

die Polizei immer wieder technisch hinterherhinkt:

Die Entwicklung überholt uns

dauernd, es gibt Bereiche, da sind uns die

Täter voraus, das ist normal. Aber wir rüsten

ständig nach.“

Auf das Spannungsverhältnis zwischen

Polizei und Medien angesprochen, stellt

Frank Federau klar: „Bei der Informationsweitergabe

an Journalisten geht der Ermittlungsfall

immer vor.“ Vor allem sollen keine

Details verraten werden, die den Tätern irgendwelche

Hinweise über den Ermittlungsstand

geben könnten. „Ich versuche zwar

den Spagat zu schaffen zwischen unseren

Interessen und denen der Journaille, aber

im Grunde machen wir aus Sicht der Medien

alles falsch“, sagt Federau, der um den

Druck weiß, unter dem Journalisten bei der

Berichterstattung über Kriminalfälle stehen.

„Trotzdem kann ich keine Details rausgeben,

weil die oft zu weiteren Spekulationen

führen.“

Frank Federau bietet einen anderen Weg

an, Journalisten bei der Recherche weiterzuhelfen:

„Wenn mir jemand eine aus seiner

Sicht heiße Spur schildert, so kann ich ihm

den Hinweis geben, dass er sich auf dem

Holzweg befindet, falls die Spur in unseren

Augen keine Relevanz hat.“

Dass die Polizei Journalisten nicht zu

gefährlichen Einsätzen etwa eines SEKs

mitnehmen kann, bedauert Federau, hält es

aber für unabdingbar. „Das Gefahrenpotenzial

im Umgang mit Schwerstverbrechern

wäre viel zu groß.“ Negativ bewertet er

die aus seiner Sicht häufig zu aggressive

Berichterstattung und die einseitige Betrachtungsweise

mancher Medien. „Berechtigte

Kritik finde ich aber immer gut“, unterstreicht

Frank Federau, der außerdem bemerkt:

„Auch wenn wir manchmal gern mehr sagen

würden der Staatsanwalt sitzt obendrüber

und lässt unter Umständen auch gegen

Beamte ermitteln, wenn Erkenntnisse nach

außen dringen.“

Kontakt

Tel.: 0511 26262-6302

E-Mail: frank.federau@polizei.niedersachsen.de

Web: www.lka.niedersachsen.de

Z

ur Person

Frank Federau

Geboren 1960; 1976 Eintritt

in den Dienst der Polizei

Niedersachsen. 1986 bis 1989

Ausbildung gehobener Dienst,

Diplom-Verwaltungswirt. Danach

bis 1999 Ermittler beim

LKA Niedersachsen, bis 2006

Pressesprecher des LKA. Von

2004 bis 2006 Fernstudium

Fachjournalismus mit Diplom-

Abschluss. Seit 2007 Leiter

der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

beim Landeskriminalamt

Niedersachsen im

Rang eines Ersten Kriminalhauptkommissars.

Seite 10


Modellseminar: Tatort Deutschland

referat

Ulrike Spitz: Es gibt keine Alternative zur intensiven Recherche

Das Märchen vom sauberen Sport

Doping, Korruption, Manipulation reichen hinunter bis auf die lokale Ebene

„Tatort Sportplatz“

hat Ulrike Spitz

ihren Vortrag betitelt

und wer da

lediglich an üble

Blutgrätschen

oder Elfmeterschinder

im Fußball

denkt, liegt

falsch. Tatsächlich

geht es um eine

bemerkenswerte

Bandbreite an justiziablen

Vergehen

im Bereich des

Sports, und das

längst nicht nur

im professionellen

Bereich, wie die Journalistin und Kommunikationsberaterin

erläutert. Ein Aufruf,

auch im Lokalen genau hinzusehen,

was auf Sportplätzen und in Vereinen vor

sich geht.

Als ehrenamtliche Mitarbeiterin in der

Sport-AG der Anti-Korruptions-Organisation

Transparency International kommt Ulrike

Spitz so manches zu Ohren, was den Glauben

an „sauberen Sport“ zerstört bis hinunter

auf die Ebene kleiner Vereine. „Wenn

Ihnen ein Vereinschef sagt: ,Das schreiben

Sie jetzt aber bitte nicht, weil das Finanzamt

mitliest‘, dann sollten Sie sich nicht daran

halten, sondern berichten“, lautet ihr Appell:

„Denn hier wird oft die Grundlage für Betrug

und Steuerhinterziehung gelegt.“

Wer also bislang beim Thema Korruption

und Betrug nur an den Weltfußballverband

Fifa oder die Formel 1 gedacht hat, sollte

seinen Fokus vermehrt auf lokale und regionale

Akteure richten. Als mögliche Vergehen

bereits auf lokaler Ebene nennt Ulrike Spitz

die Gewährung von Handgeld, fehlerhafte

Spendenquittungen, Bestechlichkeit sowie

Vorteilsannahme und -gewährung.

Auch dem großen überregionalen sportpolitischen

Thema Doping kann die Journalistin

viele lokale Seiten abgewinnen. Dabei geht

es zwar nicht um Doping im engeren Sinne,

„aber es führt doch in diese Richtung“, so

die Expertin: „Beispielsweise wird in Fitness-Studios

teilweise ein wilder Handel mit

Wachstumshormonen getrieben, ein klarer

Fall von Arzneimittelmissbrauch.“

Journalistische Aufmerksamkeit über

Platzierungen und Zeiten hinaus haben aus

ihrer Sicht auch lokale Sportwettkämpfe

verdient, etwa Marathonläufe. „Dabei kommt

es immer wieder zu Todesfällen, weil Sportlerinnen

und Sportler die Wirkung gängiger

Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Voltaren

unterschätzen und mit Herzinfarkt zusam-

Seite 11


Modellseminar: Tatort Deutschland

menbrechen“, berichtet Ulrike Spitz, „darüber

sollten Sie berichten, allein deswegen,

um im Interesse aller über die Gefahren aufzuklären.“

Laut einer Transparency-Untersuchung

hatten bei einem Marathon in Bonn

60 Prozent der Teilnehmenden Schmerzmittel

eingenommen eine Zahl, mit der die

frühere stellvertretende Geschäftsführerin

der Nationalen Anti Doping Agentur (Nada)

auf die Dimension des Phänomens Doping

hinweist, das bereits im Jugendsport auch

durch überehrgeizige Eltern befördert wird.

Als mindestens so dramatisch wie Doping

beschreibt Ulrike Spitz die weltweite Verbreitung

von Sportmanipulation: „Das ist

eigentlich das größte Problem derzeit, da wir

uns auf hochkriminellem Gelände bewegen.“

Den bekanntesten Fall rund um den ehemaligen

DFB-Schiedsrichter Robert Hoyzer,

der viele Spiele verpfiffen hatte, nennt sie

nur als Spitze des Eisbergs. „Gefährdet

sind vor allem Torhüter und Schiedsrichter

in der 3. und 4. Fußballliga“, gibt sie tiefere

Einblicke in den Wettsumpf, der sich ihrer

Auskunft nach von Asien her ausbreitet und

der Zockermentalität vieler Sportler entgegenkommt.

„Internetwetten bekommen Sie gar nicht

unter Kontrolle“, beschreibt sie die Schwierigkeit,

„und der, der manipuliert, kassiert

die Kohle.“ Immerhin: „Der Sport hat kapiert,

dass er dagegen etwas tun muss. Meiner

Ansicht nach darf zum Beispiel kein Fußballer

auf seine Sportart Wetten abschließen.“

Nicht um Geld geht es bei einem weiteren

Delikt auf dem „Tatort Sportplatz“ dem

sexuellen Missbrauch. Immer wieder werden

Fälle bekannt, in denen Übungsleiter ihre

Position und das aufgebaute Vertrauensverhältnis

ausnutzen, im Leistungssport, aber

ebenso im Amateurbereich. Daher unterstützt

Ulrike Spitz die Forderung, dass auch

ehrenamtlich tätige Trainer ein polizeiliches

Führungszeugnis vorlegen müssen, um so

potenzielle Gefährdungen zu minimieren.

„Leider wird darauf oft verzichtet und nicht

so genau hingesehen, dabei ist es wichtig,

präventiv tätig zu sein. Ich lasse mich gern

kontrollieren in meinem Ehrenamt“, betont

die Journalistin. Die Frage, warum gerade

der Bereich Sport eine derartige Vielzahl

unterschiedlicher Delikte hervorbringt,

beantwortet Ulrike Spitz vor allem mit: „Ziel

im Sport ist Erfolg, es gibt eine Überidentifikation

sowie falsche Kameradschaft, dazu

ein Familiengefühl mit der Ansicht: Probleme

regeln wir intern.“

Dass es angesichts dieser Voraussetzungen

schwierig ist, in einem solchen Umfeld

zu recherchieren, gibt sie zu, aber: „Es

gibt keine Alternative zur intensiven Recherche

bei diesen Themen. Hinschauen, frühes

Erkennen, Kontakte knüpfen und Vertrauen

wecken können Wege ebnen.“ Trotz all der

negativen Erscheinungen will sich Ulrike

Spitz ihre Liebe zum Sport bewahren „ich

lasse mich immer noch mitreißen, obwohl

ich sehr viel weiß.“

Kontakt

Tel.: 0151 52910378

E-Mail: mail@ulrike-spitz.de

Web: www.ulrike-spitz.de

Z

ur Person

Ulrike Spitz

Ehemalige Leistungssportlerin,

Mitglied der Skilanglauf-

Nationalmannschaft. Journalistische

Ausbildung und 25

Jahre journalistische Erfahrung,

u. a. als Sportredakteurin

bei der Badischen Zeitung

und Sportchefin der Frankfurter

Rundschau. Früher stellvertretende

Geschäftsführerin

der Nationalen Anti Doping

Agentur (NADA). Heute tätig

als Kommunikationsberaterin

und Journalistin sowie als

Beraterin zur Prävention im

Sport, beispielsweise in den

Feldern Doping, Korruption,

Sportmanipulation.

Seite 12


Modellseminar: Tatort Deutschland

referat

Frank Überall: Geschmiert wird häufig dort, wo es was zu verteilen gibt

Das Unmögliche für möglich halten

Bei der Recherche von Korruptionsfällen helfen Hartnäckigkeit und gute Kontakte

„Man kennt sich

und man hilft

sich“: An diesem

aus dem Kölner

Klüngel bekannten

Spruch

findet Prof. Dr.

Frank Überall

zunächst wenig

Negatives. Allerdings

interessiert

ihn, wie solche

Beziehungen in

Korruption umschlagen

können,

mit der er sich

seit vielen Jahren

beschäftigt wissenschaftlich

und

als freier Journalist. Entsprechend viele

Tipps zur Recherche hat Frank Überall im

Gepäck, untermauert durch theoretisches

Rüstzeug.

„In jeder Großorganisation gibt es irgendwo

Korruption“, sagt er, aber wie viel

davon wird bekannt? Lediglich geschätzte

fünf Prozent der Fälle, so die Antwort. Laut

Überall geht es nicht um Bagatellen: „Das

Hauptproblem in Deutschland liegt in korrupten

Netzwerken, die auf verschiedene Weise

funktionieren.“ Dabei steht nicht immer Geld

im Mittelpunkt, sondern ebenso spielen

unterschiedliche Zuwendungen und Vorteile

eine Rolle.

Eine Gemeinsamkeit stellen die Gründe

dar, die Korruptions-Täter antreiben. So

lockt die Funktion von Bestechungsgeld als

„speed money“. „Damit kann man Bürokratie

überwinden und Dinge beschleunigen“,

erläutert der Journalist. Das Vorgehen ist

zwar verboten, aber: „Weil es illegal ist,

kann keine der beteiligten Seiten reden oder

Leistungen auch nur kritisieren, das würde

eine Strafe für beide bedeuten.“

Wer Korruption betreibt, legt sich häufig

eine spezielle Ethik zurecht, schildert Frank

Überall. Die Akteure beruhigen sich mit

Ansichten wie „Haben wir schon immer so

gemacht“ oder „Es wird doch niemand geschädigt“.

Selbsttäuschung und Schönreden

helfen dabei, das Verhalten als normal zu

bewerten.

„Wenn es um Korruption in Rathäusern

geht, tritt sie häufig an Stellen auf, wo es

etwas zu verteilen gibt“, berichtet der erfahrene

Rechercheur und nennt als Beispiele

die Bauverwaltung, die Stellen, an denen

Genehmigungen ausgesprochen werden,

etwa im Bereich Gastronomie, und die Kfz-

Seite 13


Modellseminar: Tatort Deutschland

Zulassungsstelle.

Die Varianten, wie Korruptions-Beziehungen

entstehen, sind nach Darstellung

des Wissenschaftlers vielfältig. Oft steht Gier

im Vordergrund, als häufig gilt aber auch das

„Anfüttern“ mittels Geschenken, etwa einer

Flasche Wein. Ebenso spielt die Verführung

durch Nähe, Information und Macht

eine Rolle auch bei Journalisten. Anhand

mehrerer Beispiele illustriert Frank Überall

die Auswüchse im kommunalen Bereich. Im

Fall der „Lustreisen“ etwa hatten Gasversorger

Behördenvertreter und Mandatsträger

zu Reisen eingeladen: unter dem Etikett der

Informationsvermittlung. Dabei ging es unter

anderem in ein Luxushotel an der Ostsee.

Die haben´s da mächtig krachen lassen“, so

Überall.

Bei der Recherche empfiehlt er vor allem

eins: „Das Unmögliche für möglich halten.“

Dazu gehört, einfach mal zu spekulieren,

wer mit wem eine Korruptionsbeziehung unterhalten

könnte, um dann auf Verdacht an

den entsprechenden Stellen nachzufragen,

getreu dem Motto: „Ich habe gehört, dass ...“

Außerdem rät Überall herauszubekommen,

in welchen Aufsichtsräten Politiker sitzen,

welche Nebentätigkeiten sie ausüben,

welche Ehrenämter. Auch bei großzügigen

Spenden und gemeinnützigem finanziellen

Engagement etwa von Unternehmern ruft

er zur Wachsamkeit auf aber auch zur

Zurückhaltung: „Ich habe große Bauchschmerzen

dabei, immer auf solche Fälle

draufzuhauen, weil es ja tatsächlich Unternehmer

gibt, die sich uneigennützig für die

Allgemeinheit einsetzen.“

Ganz genaues Hinsehen hält er für

unabdingbar, wenn es um die Arbeit von

Ombudsleuten oder Korruptionsbeauftragten

in Behörden geht. „Wir als Journalisten

haben die Aufgabe, diesen Leuten auf den

Füßen zu stehen und Berichte einzufordern“,

betont er. Auf keinen Fall sollte man sich von

interessierter Seite einschüchtern lassen:

Die, die am härtesten schießen, haben das

Meiste zu verbergen“, spricht Frank Überall

aus Erfahrung.

Auch sollte sich niemand aufs falsche

Gleis führen lassen, wenn Korruptionsverfahren

eingestellt werden: „Damit ist nicht

die Unschuld desjenigen bewiesen, sondern

zunächst nur seine Schuld nicht nachgewiesen.“

Zum Aufbau und zur Pflege von

Kontakten empfiehlt er unter dem Stichwort

„Socialising“, immer wieder mit Verantwortlichen

bei Polizei, Gerichten, Staatsanwaltschaft

zu sprechen nicht nur dann, wenn

es um konkrete Informationen geht. Anwälte,

Vergabekammern bei der Bezirksregierung,

kommunale Rechnungsprüfungsämter,

Industrie- und Handelskammern sowie

Handwerkskammern nennt er als weitere

Anlaufstellen. Als schwierig beschreibt er

aber die journalistische Präsentation der

Recherchen: „Das sind nicht die Fälle, wo

Blut fließt, sondern alles ist so unglaublich

abstrakt.“

Kontakt

Tel.: 0171 8379214

E-Mail: buero@politikinstitut.de

Web: www.politikinstitut.de

Das Buch

Abgeschmiert Wie Deutschland durch

Korruption heruntergewirtschaftet wird

Lübbe-Verlag 2011, 19,99 €

Z

ur Person

Prof. Dr. Frank Überall

Geboren 1971; Studium der

Politikwissenschaft an der

Universität Köln. Danach freier

Journalist, u. a. für Hörfunk

und Fernsehen, etwa für den

WDR, die tageszeitung und

dpa. 2007 Promotion in Tübingen

über den Klüngel in der

politischen Kultur Kölns; seit

Oktober 2011 Professor an

der Hochschule für Medien,

Kommunikation und Wirtschaft

in Köln, wo er Journalismus

sowie Politik/Soziologie lehrt.

Autor und Mitautor mehrerer

politischer Sachbücher.

Seite 14


Modellseminar: Tatort Deutschland

Referat

Dominik Höch: Journalisten sollten liberale Rechtsprechung für sich nutzen

„Seien Sie fair!“

Wie man bei der Verdachtsberichterstattung vieles richtig machen kann

Mit einer ermutigenden

Nachricht

kann Dominik Höch

ins Thema einsteigen:

„In den vergangenen

Jahren

haben Gerichte den

Schutz der Journalisten

bei Recherche

und Berichterstattung

erheblich

gestärkt.“ Dennoch

bleiben genügend

Fallstricke, über die

der Berliner Rechtsanwalt

anhand

konkreter Beispiele

aufklärt. Dabei

liefert der gelernte

Journalist nicht nur Hinweise zur sauberen

Recherche, sondern geht auch auf

Fragen zur Verdachtsberichterstattung

und zum Recht am eigenen Bild ein.

Zu Beginn weist er deutlich auf den

Rechtsanspruch der Medien hin, von Behörden

Zugang zu amtlichen Informationen zu

erhalten festgelegt in den Landespressegesetzen

und dem Informationsfreiheitsgesetz

(IFG) des Bundes. „Behörden, die sich

weigern, sollten lernen, dass die Informationsansprüche

der Medien fast immer durchgesetzt

werden“, ergänzt Dominik Höch.

So musste das Bezirksamt Berlin-Neukölln

Auskunft geben über den Umfang der Beteiligung

von Mitarbeitern an einem privaten

Buchprojekt des Bezirksbürgermeisters

Buschkowsky. „Insgesamt gilt hier eine äußerst

liberale Rechtsprechung, die Journalisten

für sich nutzen sollten“, empfiehlt der

Experte für Urheber- und Medienrecht. Auch

bei öffentlichen Veranstaltungen darf keinem

Medienvertreter der Zugang verwehrt bleiben,

es bestehen umfassende Zutrittsrechte.

Schwieriger wird es, wenn ein Journalist

einer privaten Veranstaltung beiwohnen will.

„Wenn aber alle anderen Medienvertreter

dort eingeladen sind und nur einer nicht,

dann gilt das Diskriminierungsverbot“, berichtet

Höch zum Vorteil des Journalisten.

Der im Presserecht festgelegte Auskunftsanspruch

gilt auch gegenüber der

Staatsanwaltschaft, allerdings: „Im Ermittlungsverfahren

ist Zurückhaltung der Ermittlungsbehörden

angesagt; eine Bestätigung

von Ermittlungsverfahren ist wegen eines

Eingriffs ins Persönlichkeitsrecht nicht

zwingend.“ Überhaupt warnt er Journalisten

davor, sich instrumentalisieren zu lassen,

etwa wenn es um Strafanzeigen geht. „Eine

Strafanzeige bedeutet überhaupt nichts“,

Seite 15


Modellseminar: Tatort Deutschland

betont Dominik Höch, „jeder kann gegen

jeden eine Strafanzeige stellen.“ Wann aber

darf man den Namen einer Person nennen,

gegen die ermittelt wird? „Wenn die Staatsanwaltschaft

einen Namen rausgibt, dann

muss das Medium nicht zwingend prüfen,

ob es identifizierend berichten darf“, so der

Rechtsanwalt, „auf jeden Fall spielt es bei

der Abwägung eine große Rolle, bedeutet

aber trotzdem keinen Freibrief.“

Schranken gelten ebenso bei Recherchemethoden.

So dürfen Gespräche am Telefon

nicht ohne Einwilligung des Betroffenen mitgeschnitten

und nachher genutzt oder einem

Dritten zur Verfügung gestellt werden: „Also

entweder lassen Sie es ganz oder Sie gehen

sauber und transparent vor.“ Einen Riegel

schiebt der Gesetzgeber auch vor das wörtliche

Zitieren aus Anklageschriften es ist

schlichtweg verboten. „Da sind Ihre sprachlichen

Fähigkeiten gefragt, den Sachverhalt

geschickt zu umschreiben“, bemerkt Höch.

Spielraum in der Berichterstattung hingegen

bietet die Grauzone zwischen Privat-

und Sozialsphäre, wobei im Einzelfall

abgewägt werden muss, ob etwas zulässig

ist: „Journalisten sollten sich bewusst sein,

dass sie hier in einem sensiblen Bereich unterwegs

sind.“ Ähnliches gilt für das Feld der

Verdachtsberichterstattung. Dominik Höch

nennt vier Punkte, die als Richtschnur fürs

sorgfältige Arbeiten gelten können:

• Der Vorgang muss von einigem Gewicht

sein.

• Es muss ein Mindestbestand an Beweistatsachen

vorliegen, Gerüchte reichen nicht.

Die Schilderung muss als Verdacht erfolgen

(sprachliche Komponente).

• Es müssen entlastende Elemente mitgeteilt

werden; insbesondere sollte der Betroffene

zu Wort kommen.

„Wenn Sie sich daran halten, können Sie

wenig falsch machen“, ermuntert der Anwalt,

der dazu rät, Betroffenen angemessene

Fristen einzuräumen, sich zu äußern:

„Es macht Sinn, hier fair zu sein und sich

manchmal die Frage zu stellen, ob der Beitrag

nicht doch geschoben werden muss.“

Was die Veröffentlichung möglicherweise

identifizierender Fotos angeht, plädiert Höch

für die Verpixelung des gesamten Kopfs bis

zum Oberkörper. „Die schwarzen Balken vor

den Augen können Sie dagegen vergessen.“

Selbst Angeklagte im Gerichtssaal dürfen

nicht per se erkennbar gezeigt werden,

warnt er, abhängig vom Gewicht der Tat.

Auch den Umgang mit Kommentaren auf

der verlagseigenen Facebook-Seite thematisiert

Dominik Höch und empfiehlt, die Seite

ständig zu kontrollieren und transparent zu

erklären, wenn Einträge gelöscht werden:

„Man darf sich nicht zum Anwalt gegenseitiger

Beschimpfungen machen lassen.“

Kontakt

Tel.: 030 84712495

E-Mail: dominik.hoech@hoechkadelbach.de

Web: www.hoechkadelbach.de

Z

ur Person

Dominik Höch

Jahrgang 1974. Nach Jura-

Studium in Bonn Zeitungsvolontariat

beim Berliner Kurier.

Rechtsanwalt seit 2004,

Fachanwalt für Urheber- und

Medienrecht, aktuell Partner

bei Höch Kadelbach Rechtsanwälte,

Berlin. Dozent in

der Fachanwaltsausbildung

Gewerblicher Rechtsschutz,

regelmäßige Seminare zum

Medienrecht. Besonderes

Interesse an der Beratung von

Einzelpersonen und Unternehmen

in (medialen) Krisensituationen

und der Verhinderung

solcher Krisen. Ende 2011 mit

Prof. Christian Schertz Veröffentlichung

des Buchs „Privat

war gestern Wie Medien

und Internet unsere Werte

zerstören“.

Seite 16


Modellseminar: Tatort Deutschland

kamingespräch

Axel Petermann: Kraft der Situation kann Menschen zu Gewalttätern machen

Die Spur hinter der Spur

In akribischer Kleinarbeit lassen Fallanalytiker Profile erkennbar werden

Die Frage kommt

möglicherweise

einen Augenblick

zu spät: „Ist jemand

von Ihnen empfindlich?“,

will Axel

Petermann wissen.

Denn da hat er schon

das Tatortfoto eines

blutverschmierten

Kellerflurs gezeigt.

Allerdings nicht,

um das Plenum

zu schockieren.

Nüchtern und ruhig

referiert der Fallanalytiker

der Kripo

Bremen tatsächliche

Fälle aus seinem

Arbeitsbereich, der landläufig „Profiling“

genannt wird. „Mich interessieren Entscheidungen,

die ein Täter getroffen hat“,

erläutert er und lässt das Publikum an

seiner Herangehensweise teilhaben.

Die zentrale Aufgabe der Fallanalyse ist

immer die Rekonstruktion des Tathergangs,

denn durch sie werden die zeitlichen Abläufe

und die Motive des Täters erkennbar“, umreißt

Axel Petermann die Erwartungen an

sein Fachgebiet, das Mitte der 1970er-Jahre

in den USA entstanden ist.

Damals strengte das FBI ein Forschungsprogramm

an, um die geringe Aufklärungsquote

bei Morden zu verbessern. US-Experten

führten Interviews mit Tätern und

konnten auf dieser Basis typologische Unterscheidungen

vornehmen, charakteristisches

Täterverhalten herausarbeiten. Als einer der

Vorreiter in Europa wandte Axel Petermann

die Methoden an. „Mich hat diese Herangehensweise

fasziniert, um scheinbar unerklärliches

Verhalten von Tätern verstehen

zu können“, begründet er sein Engagement:

„Wir gucken uns genau an, was ein Täter

getan hat und was er damit möglicherweise

bezweckt hat, was sein Wunsch war.“

Ausgangspunkt für die rund 60 in Deutschland

arbeitenden zertifizierten Fallanalytiker

ist der unberührte Tatort. „Wir versuchen uns

vorzustellen, was dort passiert sein könnte,

wir suchen aber nicht nach Fingerabdrücken

oder Ähnlichem, sondern nach der Spur

hinter der Spur“, beschreibt Petermann.

Hat ein Täter beispielsweise einen Hammer

als Mordwerkzeug benutzt, fragt sich der

Fallanalytiker: Warum gerade ein Hammer?

Was sagt das über die Person und die Beziehung

zu seinem Opfer aus?

Es folgt akribische Arbeit, die aus Aktenstudium,

Fotoauswertung, der Berücksichtigung

sämtlicher Spuren besteht. Ein de-

Seite 17


Modellseminar: Tatort Deutschland

tailliertes Analyseschema liefert das Gerüst,

mit der Rekonstruktion der Tat als erstem

Schritt. In diesen werden etwa Merkmale der

Leiche, Persönlichkeit des Opfers, Besonderheiten

des Tatorts und Hinweise auf den

Tatentschluss einbezogen.

„Man muss sich seine eigenen Gedanken

machen“, sagt Axel Petermann, „zum

Wesenszug eines Fallanalytikers gehört es,

Dinge kritisch zu hinterfragen. Wenn man

anders hinguckt, dann ergeben sich daraus

häufig wieder neue Ideen und Ansätze.“ Gemeinsam

sitzen die Profiler in einem Raum

zusammen, die Wände tapeziert mit braunem

Packpapier, auf dem alle möglichen

Versionen durchgespielt werden, so lange,

bis etwas ausgeschlossen und ein anderes

Modell verfolgt werden kann.

„Dabei ist es wichtig, sich nicht zu schnell

festzulegen“, ergänzt der Experte, „ein

Täter hat nicht immer nur ein Motiv. Wir

müssen uns fragen: Welches wird ihm am

wichtigsten gewesen sein?“ Geklärt werden

muss auch der Umstand, ob das Opfer nur

Pech gehabt hat oder gezielt für das Verbrechen

ausgesucht wurde? Täterentscheidungen

nachvollziehen, besondere Verhaltensweisen

erkennen, die Plausibilität des

Tatgeschehens prüfen, Motive benennen

am Ende dieses Weges voller Detailfragen

können Fallanalytiker Aussagen zum

Profil des Täters treffen, zu seinem Alter,

seiner Herkunft, seinen Kenntnissen, seiner

Lebenssituation. Was im Übrigen nicht nur

bei Tötungsdelikten hilft, sondern auch bei

Verbrechen wie Raub, Erpressung, Brandstiftung.

Anhand konkreter Beispiele illustriert Axel

Petermann, mit welchen Fällen er es in seinem

Alltag zu tun bekommt, wie die Handschrift

eines Täters Schlüsse auf dessen

Persönlichkeit zulässt. Auf den Fotos, die

er zeigt, leuchtet kein Theaterblut, dort liegt

kein Gummitorso, die klaffende Halswunde

wurde nicht mit Schminke angelegt: Es

handelt sich ausschließlich um polizeiliche

Tatort-Fotos, die manchen im Plenum kräftig

schlucken lassen. Petermann hat es mit

allen denkbaren Grausamkeiten zu tun, mit

Tätern, die ihre Opfer inszenieren, verstümmeln,

sie depersonifizieren.

Da werden Menschen die Augen ausgestochen

oder sie skalpiert, um den Opfern

ihre physische Identität zu nehmen. Da wird

nach der Tat emotionale Wiedergutmachung

betrieben, indem der Täter die Leiche abdeckt,

um den Finder zu schonen oder die

Würde der Leiche zu wahren. Da werden

beim Übertöten Opfer in wilder Wut zigfach

mit einem Messer traktiert, obwohl sie längst

tot sind. Dennoch sagt Axel Petermann: „Es

muss kein böser und gewalttätiger Mensch

sein, der so etwas tut. Es kann auch die

Kraft der Situation sein, die einen Menschen

zum Gewalttäter werden lässt.“

Kontakt

Tel.: 0171 4809596

E-Mail: koenigsmoor@t-online.de

Web: www.polizei.bremen.de

Z

ur Person

Axel Petermann

Geboren 1952; klassische Polizeiausbildung

in Bremen, seit

1975 bei der Kripo tätig. Nach

der Kommissarausbildung

Leiter der Mordkommission

und stellvertretender Leiter im

Kommissariat für Gewaltverbrechen.

Ab 1999 Aufbau der

Dienststelle „Operative Fallanalyse“,

deren Leiter er ist.

Dazu lehrt er als Dozent für

Kriminalistik an der Hochschule

für Öffentliche Verwaltung

in Bremen. Petermann ist

Deutschlands bekanntester

Profiler: Sein Buch „Auf

der Spur des Bösen“ hielt

sich über 20 Wochen in der

Spiegel-Bestsellerliste. Seit

2011 berät er das Team des

Frankfurter „Tatort“.

Seite 18


Modellseminar: Tatort Deutschland

referat

Michael Schmuck: Auch langweiligste Fälle können spannend zu lesen sein

Die Kunst des Weglassens

Bei Reportagen aus dem Gerichtssaal sollte ein Protagonist im Zentrum stehen

Sein Vortrag gleicht

eher einer kabarettistischen

Vorstellung,

in der Michael

Schmuck von einer

Anekdote aus dem

Gerichtssaal zur

nächsten springt.

Doch der Journalist

und Anwalt aus

Berlin vermag nicht

nur bestens zu unterhalten,

sondern

auch unterhaltsam

zu informieren darüber,

wie Gerichtsberichte

spannend

gestaltet werden

können und welche

Geschichten über Richter, Angeklagte

und Verhandlungen die interessantesten

sind.

„Jedes dumme Schwein ist gleichzeitig

auch ein armes Schwein“, ruft Michael

Schmuck gleich vorweg auf, fair zu berichten.

Die Grundregel lautet: Abstand halten

und ausgewogen schreiben, etwa ein Für

und Wider schildern und Strafmilderungsgründe

erklären. Dazu gehört laut Schmuck

ebenso, sich emotional zurückzuhalten und

beim Schreiben kühlen Kopf zu bewahren.

Das muss nicht dröge wirken: „Sie können

auch den langweiligsten Fall so schreiben,

dass er spannend zu lesen ist.“

Vor allem eins gibt er den Teilnehmenden

des Seminars fürs Schreiben über Gerichtsverhandlungen

mit auf den Weg: „Die Kunst

ist das Weglassen. Sie werden vor Gericht

mit einer Vielzahl verschiedenster Informationen

bombardiert, die Sie aber nicht weiterbringen

und die Leser nicht interessieren“,

sagt der Anwalt, „also vergessen Sie belanglose

Zeugen und unbedeutende Ausführungen

des Richters einfach.“

Selbstverständlich darf der Fall dadurch

nicht verfälscht werden. Es geht vielmehr

um die Beschränkung auf einen bestimmten

Aspekt oder eine Person als roter Faden

der Geschichte. „Das kann der Angeklagte,

das Opfer oder der Richter sein oder auch

die Geschichte des Falls oder der Verhandlung“,

nennt Michael Schmuck Beispiele:

„Sie müssen sich Ihren Protagonisten vor

dem Schreiben aussuchen.“

Hilfreich für fesselnde Artikel sind natürlich

interessante Prozesse. „Meine Lieblingsgeschichten

sind die, wo es menschelt“, erzählt

Schmuck, „und 90 Prozent aller Straftaten

sind irgendwie auch Familiendramen.“

So berichtet er auf humoristische Weise

von Banküberfällen, hinter denen Druck

Seite 19


Modellseminar: Tatort Deutschland

aus der Familie als Ursache steht. Auch

Streitigkeiten unter Nachbarn, Delikte wie

Schwarzfahren und Ladendiebstahl sowie

Beleidigungen erregen seine Aufmerksamkeit.

Ähnlich interessant findet er seltene

Taten oder Tatbeschreibungen, wobei das

„Herbeiführen einer Kernexplosion“ kaum

vorkommen dürfte dafür aber Verbrechen

wie „Störung der Totenruhe“, „Jagdwilderei“

und „Erregung öffentlichen Ärgernisses“.

Egal, worum es letztlich geht, eins sollten

Journalisten auf jeden Fall beherrschen:

Fachbegriffe richtig einzusetzen, also Festnahme

und Verhaftung sowie Mord und Totschlag

auseinanderzuhalten. Auch bietet es

sich nach Schmucks Erfahrung gelegentlich

an, Hintergründe auf verständliche Weise

zu erläutern, beispielsweise welche Konsequenzen

es hat, bei einem Diebstahl eine

Waffe mitzuführen. Nicht zwingend ist für ihn

die Verwendung juristischer Terminologie:

„Statt räuberischer Erpressung sollten Sie

im Sinne Ihrer Leser schlicht beim Bankraub

bleiben.“

Auch die Nennung von Namen hält Michael

Schmuck nicht unbedingt für erforderlich.

„Wenn die Geschichte an sich spannend

ist, sind Namen gar nicht nötig“, bemerkt er,

erwähnt allerdings auch Ausnahmen aus

seiner Journalistenpraxis. „Wenn ein notorischer

Heiratsschwindler tatsächlich Fritze

Ficker heißt, kommt man um die Namensnennung

im Grunde gar nicht herum und

tut ihm das denn weh?“

Statt Namen rät Schmuck dazu, sich

saftige Einstiege in die Texte zu überlegen,

die den Leser unmittelbar anziehen. Möglich

sind nachrichtliche und szenische Einstiege,

aber auch solche mit Zitat oder Rückblende.

Als seine „persönliche Macke“ empfiehlt der

Jurist und Autor die Variante „szenisch plus

Rückblende“: „Heute hängen Sebastians

breite Schultern herunter. Gebeugt sitzt er

auf der Anklagebank. Er ist nicht mehr der

starke Mann, der er noch vor einem Jahr

war, als er ...“

Die Würze erhalten lesenswerte Gerichtsberichte

dann durch die Schilderung vielsagender

Details. Dazu kann laut Michael

Schmuck die Beschreibung der Personen

gehören, ihrer Kleidung, Größe, Frisur, aber

genauso kommen Zahlen, Daten Fakten

infrage. „Aber nicht zu sehr mit Blut spritzen,

selbst wenn Brutalitäten in der Verhandlung

zur Sprache kommen“, warnt er. Zwar darf

grundsätzlich alles berichtet werden, was

im Gerichtssaal gesagt wird, „bis auf zu

saftige intime Details aus dem Privatleben.

Aber nur genau so, wie es gesagt wurde.

Verfälschungen sind angreifbar“, weist

Michael Schmuck auf ethische Aspekte hin.

Ausnahmsweise ganz ohne Witz, Ironie und

Schnoddrigkeit.

Kontakt

Tel.: 0176 48188818

E-Mail: Post@MichaelSchmuck.de

Web: www.michaelschmuck.de

Tipp: Bis Ende der 39. Kw kann das „Material

Gerichtsreporter“ über Schmucks Website

abgerufen werden, im Bereich „Neues“.

Z

ur Person

Michael Schmuck

Jahrgang 1961; vor dem

Jura-Studium drei Jahre Polizeiausbildung.

Absolvent der

Henri-Nannen-Journalistenschule

in Hamburg, danach

Gerichts- und Polizeireporter

für die Berliner Zeitung,

Pressereferent der Berliner

Anwaltskammer und Redakteur

des Berliner Anwaltsblattes.

Ein Jahr lang Aufbau

und Leitung der Kommunikation

des Bildungsinstituts ibis.

Tätigkeit als Journalist, Lektor

und Anwalt, Schwerpunkt

Presse- und Urheberrecht. Autor

des Buchs: „Vom Schwulst

zur klaren Formulierung“, ein

Ratgeber für besseres Juristendeutsch.

Seite 20


Modellseminar: Tatort Deutschland

referat

Stefan Wirner: Wie sich die Angebote des Themendienstes optimal nutzen lassen

Mehr als nur ein Heft

Umfangreiches Portal mit Service für jeden Tag: die „drehscheibe“ online

Die Redaktion

der drehscheibe

will guten Lokaljournalismus

fördern“, sagt deren

Leiter Stefan

Wirner und stellt

die Leistungen

des Themendienstes

vor. Ein

Schwerpunkt

dabei: die Möglichkeiten

der

Website mit ihren

Angeboten, die

Service für jeden

Tag zur Verfügung

stellen.

Die monatlich als Heft erscheinende „drehscheibe“

liefert die besten Geschichten und

Ideen aus deutschen Lokalredaktionen. „Aber die

drehscheibe ist mehr als das Heft“, betont Stefan

Wirner, „wir sind ein Serviceportal, das Sie durch

den Redaktionsalltag begleitet.“ Gedrucktes Magazin

und die Internetpräsenz unter www.drehscheibe.org

haben einiges zu bieten. Das reicht

vom täglichen Redaktionstipp via Twitter bis zum

wöchentlichen Newsletter, von der Themenbörse

bis zum dpa-Newstipp und umfangreicher Archivsuche.

Viele dieser Angebote, unter anderem der

Newsletter, sind auch für Nicht-Abonnenten

zugänglich. Und wenn ein Verlag Abonnent der

drehscheibe ist, steht das Angebot all seinen

Mitarbeitern kostenlos zur Verfügung. Ein Haupt-

Abo kostet 36 Euro im Monat. Freie Journalisten

bekommen das Abo für 18 Euro. Von der Redaktion

werden mehr als 120 deutsche Zeitungen

ausgewertet. Das Magazin für Lokaljournalisten

der Bundeszentrale für politische Bildung wird

von Raufeld Medien in Berlin produziert.

Kontakt

Tel.: 030 69566522

E-Mail: wirner@raufeld.de

Web: www.drehscheibe.org

Zur Person

Stefan Wirner

Geboren 1966; Studium der

Germanistik in Köln, München

und Berlin. Als Seiteneinsteiger

zum Journalismus gekommen.

Vor seiner Zeit bei

der drehscheibe war er Chef

vom Dienst am Newsdesk der

Netzeitung. Heute ist Stefan

Wirner Redaktionsleiter der

drehscheibe.

Seite 21


Modellseminar: Tatort Deutschland

interview

Peter Schwarz: Medien haben sich zu sehr auf Ermittlerkreise verlassen

„Zuhören, nicht so viel reden!“

Klare Absprachen helfen beim Umgang mit Opfern und Angehörigen

Der türkische Zuwanderer Enver

Simsek wurde am 9. September

2000 an seinem Blumenstand im

hessischen Schlüchtern erschossen

das erste Mordopfer des sogenannten

Nationalsozialistischen

Untergrunds (NSU). Peter Schwarz,

Redakteur bei der Waiblinger Kreiszeitung,

hat mit Semiya Simsek, der

Tochter des Opfers, ein Buch geschrieben:

„Schmerzliche Heimat“.

Im Interview berichtet er darüber

und was Journalisten beim Umgang

mit Betroffenen beachten sollten.

Herr Schwarz, wie kam es, dass

Sie zusammen mit Semiya Simsek

dieses Buch geschrieben haben?

Ich habe nach dem Amoklauf von

Winnenden im Jahr 2009 häufig mit

Opfern und Angehörigen gesprochen.

Sie wurden von einem Anwalt aus

Waiblingen vertreten, Jens Rabe, über

ihn lief der Kontakt. Wir haben miteinander

gute Erfahrungen gemacht. Er übernahm

auch das Mandat von Frau Simsek.

Bei seinen Besuchen in der Familie merkte

er, dass es sich nicht um herkömmliche Anwaltsgespräche

handelt. Man saß in der Küche

und hat über Gott und die Welt geredet:

über Integration, über das deutsch-türkische

Verhältnis und das, was passiert ist. Und er

war der Meinung, das sei Stoff für ein Buch.

Weil er mich von der Arbeit zum Thema Winnenden

her kannte, hat er mich gefragt, ob

ich daran mitwirken wolle.

Wie sah die Arbeit an dem Buch aus?

Wir haben viele Akten gesichtet, Vernehmungsprotokolle,

Zeugenprotokolle, Zwischenberichte,

alles, was uns an Unterlagen

zur Verfügung stand. Wir wollten das objektivieren,

was Semiya aus ihrer subjektiven

Perspektive und dem Erinnerungsfundus

ihrer Familie erzählen konnte. Da es ein

Buch werden sollte, das die Geschichte

der Familie erzählt, gehörte auch dazu, zu

zeigen, wie zum Beispiel der Vater nach

Deutschland gekommen war, wie er sich hier

etwas aufgebaut hat etc. Deshalb haben

wir uns mit vielen Verwandten getroffen und

uns mit ihnen unterhalten. Hinzu kam, dass

Semiya im Juli vergangenen Jahres in der

Türkei geheiratet hat. Deshalb besuchten wir

fünf Tage lang das Dorf, aus dem ihr Vater

stammte. Freude und Trauer vermischten

sich dabei unglaublich intensiv.

Was sollte man als Journalist beim Umgang

mit Opfern oder deren Angehörigen

beachten?

Man muss klare Voraussetzungen schaffen.

Vor dem Gespräch sollte man klären:

Seite 22


Modellseminar: Tatort Deutschland

Wann erscheint der Beitrag? Mit Bild oder

lieber ohne? Soll der Name genannt werden

oder nicht? Ich habe in den Vorgesprächen

mit den Angehörigen der Opfer von Winnenden

immer angeboten, dass sie den

Text vor der Veröffentlichung noch einsehen

können was man ja normalerweise nicht

so gerne macht. Das dient einfach dazu,

Vertrauen zu schaffen. Die Betroffenen

machen viele negative Erfahrungen: Journalisten

stehen bei ihnen im Blumenbeet,

überrumpeln sie am Telefon usw. Sie haben

Angst, dass auf die Ohnmacht, in der sie

sowieso stecken, die zweite Ohnmacht folgt

und ihnen der Zugriff auf die eigene Geschichte

auch noch entzogen wird. Hier alles

klar abzusprechen, hat sich für mich sehr

bewährt. Mir hat dann auch niemals jemand

in die Texte eingegriffen. Und im Gespräch

kann ich nur empfehlen: zuhören, nicht so

viel reden! Denn diese Menschen haben

etwas zu erzählen.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Medien

in dieser Affäre? Hätten zum Beispiel

auch Lokalzeitungen Dinge anders machen

können?

Man kommt wohl nicht umhin, auch die

Rolle der Medien sehr kritisch zu hinterfragen.

Das fängt an mit dem unsäglichen

Begriff der „Döner-Morde“, den viele übernommen

haben, weil er in die Überschrift

passt. Das hat die Opfer völlig vor den

Kopf gestoßen. Insgesamt haben sich die

Medien über all die Jahre viel zu viel auf

die Wasserstandsmeldungen, die Exklusiv-

Raunerei und Hintergrundinformationen aus

Ermittlerkreisen verlassen. Wie es eben ist:

Man braucht Quellen, und wenn uns jemand

etwas erzählt, dann nehmen wir das gerne

auf, neigen aber auch dazu, es etwas unkritisch

zu betrachten. Schließlich soll uns ja

der Ermittler beim nächsten Mal wieder etwas

sagen. Diese Ermittlersprüche, dass die

Türken alle dichthalten, in einer Parallelwelt

leben und nicht verraten, was sie wissen, die

haben sich eins zu eins in vielen Zeitungsartikeln

wiedergefunden. Niemand hat sich die

Frage gestellt, ob diese Menschen vielleicht

deshalb nichts erzählen, weil sie einfach alle

nichts wissen.

Wie bewältigt man die Arbeit an so

einem Buch neben der Tätigkeit als Journalist?

Mit drei Monaten unbezahltem Urlaub.

Sonst wäre es nicht zu verwirklichen gewesen

nach Feierabend neben der Alltagsarbeit,

das hätte ich meiner Familie nicht

zugemutet.

Das Interview ist in voller Länge auf der

Website der drehscheibe erschienen und

dort nachzulesen: http://www.drehscheibe.

org/interview-mit-peter-schwarz.html

Kontakt

Tel.: 07151 566-382

E-Mail: ps@psschwarz.de

Das Buch

Semiya Simsek, Peter Schwarz:

Schmerzliche Heimat

Rowohlt Berlin, 2013

272 Seiten, 18,95 Euro

Z

ur Person

Peter Schwarz

Jahrgang 1965. Studium der

Germanistik und Soziologie

in Tübingen. 1996 Volontariat

beim Zeitungsverlag Waiblingen,

seither dort zu Hause.

Theodor-Wolff-Preis 2001, in

Teamarbeit mehrere Lokaljournalistenpreise

der Konrad-

Adenauer-Stiftung. Prägende

Berufserfahrung: die Berichterstattung

über den Amoklauf

in Winnenden. Im Sommer

2012 drei Monate vom Zeitungsverlag

freigestellt, um

mit Semiya Simsek das Buch

„Schmerzliche Heimat“ schreiben

zu können.

Seite 23


Modellseminar: Tatort Deutschland

Leichenfund zum Frühstück

Seminarteilnehmende berichten zum Tagesauftakt von Mord und Totschlag

Kein Qi Gong, kein autogenes Training,

keine Power-Gymnastik: Der Seminartag

in Rostock begann nicht wie üblich

mit körperlicher Tätigkeit, sondern mit

etwas völlig Anderem: Mord, Totschlag,

Verbrechen in all seinen Facetten.

Teilnehmende des Seminars hatten

aus ihrem Redaktionsalltag blutige wie

unblutige Geschichten mitgebracht,

um sie zu Beginn des Programms zu

erzählen. Nur was für harte Nerven so

kurz nach dem Frühstück!

Bereits der Auftakt des Seminars stand

im Zeichen des Verbrechens: Gleich bei der

Anmeldung konnten sich die Teilnehmenden

aus einer reichen Auswahl an diversen „Tatwerkzeugen“

bedienen und bei der Vorstellungsrunde

verkünden, wie man mit dem

jeweiligen Gegenstand gegen das Gesetz

zu verstoßen gedenkt, rein hypothetisch,

versteht sich.

Kamen dabei schon fantasievolle Varianten

zum Vorschein, ging es in der ersten

Viertelstunde des Seminartags jeweils um

wahre Fälle aus deutschen Städten und Provinzen,

bundesweit bekannte, aber auch rein

lokale. Von der Millionärstochter, die einen

Dealer ersticht, dem Bürgermeisterkandidat,

der seine Tochter missbraucht, über den

ungeschickten Pastor-Erpresser und den

Flitzer mit dem Pferdeschwanz bis zur „Killer-Kuh“

Verona: Spätestens nach diesem

Frühprogramm dürfte allen im Plenum klar

gewesen sein, dass das Böse immer und

überall ist.

Seite 24


Modellseminar: Tatort Deutschland

Arbeitsgruppen-berichte

Arbeitsgruppe 1: Polizeiruf 110

Der Lokalredakteur auf Schurkenjagd

Für den Fall der Fälle: der Notfallplan

Es kann immer

etwas Außergewöhnliches

passieren: ein

Amoklauf, eine

Naturkatastrophe,

ein Mord. Wohl

der Redaktion,

die für solche

Fälle einen Notfallplan

in der

Schublade liegen

hat. Arbeitsgruppe

1 jedenfalls

sieht das so und

hat ein entsprechendes

Papier

entwickelt.

Für den Fall der

Fälle: Die Redaktion

sollte eine

Telefonliste parat

haben:

• alle Redakteure bei Mantelredaktionen:

Ansprechpartner in der Zentrale, Online-

Redaktion, CvD, Druckzentrum

• infrage kommende Freie

• alle Fotografen

• Leitstelle/Lagezentrum Polizei

• Handynummern Pressestelle Polizei

• Handynummern Staatsanwaltschaft

• Verwaltungschef (OB/BM/Landrat) und

deren Referenten

• Hilfsorganisationen: Feuerwehr, Rettungsdienst,

THW etc.

Auf Schurkenjagd mit Leuchtturm (v. l.): Christine Bilger, Nina Estermann,

Katharina Pütz, Birgit Kalle, Ariane Mönikes, Steffen Ittig, Torben Müller, Tobias

Dachenhausen, Helmuth Rücker (Leitung).

Diese sollte zum einen auf den Rechnern

abgelegt sein. Am Newsdesk und im Sekretariat

liegt die Liste ausgedruckt vor. Am

besten steckt sich auch jeder eine Kopie

davon in die (Kamera-)Tasche.

Bei einer großen Lage (Amoklauf, Entführung,

Großfeuer, Autobahnmassenunfall

etc.) wird ein festes Team gebildet. Tipp:

infrage kommende Kollegen im Vorfeld

benennen.

Diese Mannschaft wird wenn irgend

möglich nicht ausgetauscht, bis die Lage

weitgehend abgeschlossen ist. Sie ist auch

federführend bei der Nachberichterstattung.

Das Team besteht aus:

• einem Hauptverantwortlichen in der Redaktion,

bei dem alle Fäden zusammenlaufen.

Wer rausgeht, eine Meldung absetzt oder

neue Entwicklungen erfährt, nimmt immer

Seite 25


Modellseminar: Tatort Deutschland

mit diesem Kollegen, der am Newsdesk

sitzt, Kontakt auf. Auch Fotolieferungen,

Aufträge an zusätzliche Fotografen laufen

über diesen Kollegen.

• einem Hauptreporter, im Idealfall ein Blaulichtexperte,

der möglichst viele Ansprechpartner

in diesem Fachgebiet ohnehin

kennt. Er schreibt den Text federführend.

• einem „Wachhund“ vor Ort (bei mehreren

Schauplätzen möglichst mehr als einer).

Dieser meldet sich, wenn z. B. ein Sprecher

spontan vor das Polizeipräsidium/das

Rathaus/die Bank usw. tritt oder wenn

wichtige Ansprechpartner gesichtet werden.

Er sollte auch eine Kamera dabei

haben. Das kann auch ein freier Mitarbeiter

übernehmen.

• mindestens einem Fotografen.

Für alle, die „draußen“ sind, wäre es gut,

Handy mit Ersatzakku (Autoladekabel),

Kamera und einen Laptop mit Surfstick zum

Absetzen von Meldungen, Textteilen, Fotos,

Videos dabeizuhaben.

Praxistipps: Das Handynetz kann zusammenbrechen.

In diesem Fall kann man

Anwohner fragen, ob man sich in ihr W-Lan

einwählen darf. Kulis und andere Stifte

versagen im Regen. Nur Bleistifte schreiben

immer. Eine zweite Speicherkarte oder ein

USB-Stick können mit einem Taxi in die Redaktion

gebracht werden, wenn mit Online-

Übertragung gar nichts mehr geht.

Ablauf Berichterstattung:

So früh wie möglich liefern Schreiber und

Fotograf, damit Online eine Vorabmeldung

produzieren kann. Ein Zweitreporter kümmert

sich im Idealfall um das Umfeld des

Falls, damit sich der Hauptreporter auf das

zentrale Geschehen konzentrieren kann.

Wichtig: Der Hauptreporter muss irgendwann

schreiben. Klären, wer ihn in dieser

Zeit ablöst. Der Nachrichtenfluss soll nicht

abreißen; fortlaufend setzen die Reporter

neue Meldungen ab. Der Desk steuert, ob

daraus neue Meldungen für Online entstehen

oder ein Facebook-Post oder ein Tweet.

Es wird ein Ansprechpartner bestimmt, der

sich um Anfragen anderer Medien kümmert.

Er entscheidet, ob und wie man kooperiert,

muss daher auch informiert sein, was der

eigene Reporter exklusiv hat.

Die sozialen Netzwerke müssen nicht nur

bedient werden, sondern auch gescannt.

Möglichst auch am Desk werden Facebook

und Twitter gescannt: Gibt es neue Entwicklungen

oder Gerüchte, die man überprüfen

muss? Wenn ja, wer: Innendienst oder

Reporter draußen?

Tipp: Wenn man Gerüchte schnell auf

ihren Wahrheitsgehalt überprüft und auf

Facebook antwortet, kann das u. U. die Meinungsführerschaft

bringen.

Ethische Grundsätze festschreiben:

• sensible, zurückhaltende Berichterstattung

an den Schutz der Angehörigen denken

• im Vorfeld eine Skala („Rostock-Skala“)

überlegen, von 1 bis 10: dabei bedeutet

1 volle Zurückhaltung und 10 alle Details

bringen. Wir empfehlen die 4 als Richtwert.

Das heißt: keine Leichen, keine Körperteile,

keine Blutlachen.

• Sensible Bildauswahl, Schockierendes

vermeiden, dennoch aussagekräftig auswählen.

• Umgang mit Angehörigen: Notfallhelfer

berichten, dass Menschen in den ersten

sechs Stunden nach einem traumatischen

Erlebnis nicht wirklich steuern können, was

sie erzählen; man hat als Reporter auch

die Verantwortung, Opfer und Angehörige

in dieser Ausnahmesituation vor sich selbst

zu schützen.

Erstes Gegenlesen:

Mit den Augen der Angehörigen auf den

Text schauen! Würden wir wollen, dass der

Bericht so erscheint, wenn das Opfer oder

der Täter ein Mitglied der eigenen Familie

wäre? Empfehlung: Sekretärin, Korrektor

oder sonst einen Verlagsangestellten drüberschauen

lassen, der nicht „rein journalistisch“

denkt.

Seite 26


Modellseminar: Tatort Deutschland

Arbeitsgruppe 2: Die Schnüffler

Neue Wege der Recherche

Wie man Suchmaschinen, Facebook und Co. sinnvoll nutzen kann

Erstklassige

Schnüffler

verlassen sich

nicht auf allen

bekannte Standardmethoden


sie wählen auch

ungewöhnliche

Varianten, um

an Informationen

heranzukommen.

Arbeitsgruppe

2 liefert die

Handreichung

für schlaue Recherche.

Christian Kremer, Mark Adel, Ayla Jacob, Jörgen Linker, Michael Mößlein, Normann

Berg, Ulrike van Weelden (Leitung), Uwe Renners, Dimitri Soibel und Henri

Kramer (v. l.) schnüffelten nicht nur im Ostseesand nach verborgenen Schätzen.

Grundlegende Tipps zu Krimi-Recherchen in

der Region

• Akten-Einsichtsrechte von anderen Berufsgruppen

(Beamten, Regierungsmitgliedern,

Anwälten) für eigene Zwecke nutzen. Beispiel:

Medizinskandale Anwälte für Medizinrecht

(www.Patientenanwalt.de) in der

eigenen Region suchen und regelmäßig

nach neuen Fällen fragen

• Sich bei Anfragen offensiv auch auf Gerüchte

beziehen „Versuchsballons“

• Kontakte zum Zoll und zur Feuerwehr als

Alternative zur Polizei

• Für langfristige Personen-Recherche zum

Beispiel über Gewerkschaft der Polizei/

Bund deutscher Kriminalbeamter; Polizeidatenbanken

zu Personen (mit Geburtstag,

wenn möglich) und Kfz-Kennzeichen;

Infos zu allen früheren Einsätzen zu der

jeweiligen Person möglich; Problem: Es

wird bei der Polizei registriert, wer spezielle

Informationen zu Personen abruft; Quellenschutz

beachten (evtl. mit der Veröffentlichung

warten)

• Mut haben, einfach einmal Streifenpolizisten

anzuquatschen und nach der Lage

im lokalen Polizeirevier zu fragen (Thema

Krankenstand, Belastung etc.)

• Leitfaden für das Recherchieren nach Originaldokumenten

des Investigativjournalisten

Daniel Drepper www.danieldrepper.

de

Das Internet für das Lokale optimieren

• RSS-Feeds: Feed abonnieren für bestimmte

lokale Homepages einsortiert

Firefox o. Chrome Aktualisierungen

von bestimmten Seiten Erweiterungen

wie „Feedly“ nötig

Seite 27


Modellseminar: Tatort Deutschland

• „Google Alerts“ für Heimatstadt, kleine

Dörfer, Stadtteile etc. einrichten täglicher

Service

Spezielles zu „Facebook“

• Lokale Facebook-Gruppen beobachten

für Recherche (beispielsweise Gruppen

zu Blitzern, Staus und Unfällen in der Region.

Das kann schneller sein als Polizei)

• Zweiter Fake-Account (Frauenprofil?) kann

sinnvoll sein; damit ist verdeckte Recherche

möglich; wichtig: langfristig Profil-Legenden

bilden

• Hilfreich: tägliche Fragen an die Leser stellen

und zu Hinweisen aufrufen

• Umstellen auf „Englisch“ als Sprache; unter

Einstellungen; deutlich mehr Suchfunktionen

• Freundeslisten ordnen nach Freunden, Politiker,

Journalisten etc.; sofort einsortieren

Andere soziale Netzwerke

• XING (www.xing.com): sehr interessant für

Geschäftspersonen, Lebensläufe

• Migrantennetzwerke für Russischsprachige:

www.odnoklassniki.ru

• Twitter nutzen, etwa zu aktuellen Bundestagsanfragen

etc.

Diverse Internet-Suchmaschinen

• Problem: Viele Journalisten verlassen sich

bei der Suche im Internet einzig auf

Google, die bekannteste Suchmaschine

eines der größten Internetunternehmen

weltweit. Mehr als 90 Prozent der deutschen

Internetnutzer nutzen google.de.

Diesem Suchmonopol, das in gewisser

Weise die Informationsauswahl einschränkt,

soll diese Liste unterschiedlicher

Suchmaschinen entgegengesetzt werden.

• Allgemeine Suchmaschinen durchsuchen

das Internet mit einem Programm (Robot).

Beispiele: www.bing.de, www.

yahoo.de, www.lycos.de, www.fireball.de,

www.teoma.com, www.yandex.com. Amerikanische,

nicht ortsbasierte Suche: www.

google.com/ncr

• Neben diesen Anbietern gibt es auch

Suchmaschinen, die mehr Wert auf Datenschutz

legen Suchhistorien werden

nicht so abgegriffen wie bei den großen

Anbietern. Beispiele: www.Ixquick.com und

www.duckduckgo.com

• Metasuchmaschinen durchsuchen unterschiedliche

Webverzeichnisse und Ergebnisse

anderer Suchmaschinen, aber

auch Lexika oder Telefonbücher. Beispiele:

www.metager.de, www.metacrawler.de,

www.hotbot.com, www.meta-spinner.de

• Webkataloge sind redaktionell gepflegte

Verzeichnisse im Internet. Beispiel: www.

dmoz.org und www.allesklar.de

• DeepWeb-Suchmaschinen bieten die

Ergebnisse aus einer Auswahl von Datenbanken:

Ein Beispiel ist die Seite www.

internetbibliothek.de dort gibt es, nach

Themengebieten geordnet, etliche Links zu

den unterschiedlichsten Datenbanken. Ein

Thema ist auch Recht und Gesetz. Weitere

Beispiele sind www.infobote.com und

www.completeplanet.com.

Spezielle Suchdienste und Links

• Sämtliche öffentliche europäische Ausschreibungen

(auch Abonnement möglich)

www.ted.europa.eu/TED/main/Home-

Page.do

• Vereinsregister/Handelsregister www.

handelsregister.de (kostenpflichtig)

• Expertenlisten zu bestimmten Themen

(abonnierbar) wie Doping, Wetten, Suizide,

Kriminalität www.idw-online.de

• Firmenveröffentlichungen zu Bilanzen und

so weiter www.bundesanzeiger.de

• Insolvenzregister www.insolvenzbekanntmachungen.de

• Firmenwissen kostenpflichtiger Infoservice

www.firmenwissen.de oder www.

wer-zu-wem.de

• Zwangsversteigerungen www.zvg-portal.

de

• Hausgeschichten Welche Villen stehen

leer (zum Beispiel Immobilienhändler wie

www.engelvoelkers.com/de oder www.

Seite 28


Modellseminar: Tatort Deutschland

immobilienscout24.de)

• Gesetzestexte zum Strafrecht und andere

Gesetze www.dejure.org

• Auktionen der Justiz www.justiz-auktion.

de

• Themenvorschläge für Lokaljournalisten

www.drehscheibe.org

• Linksammlungen zum Islam und zu Salafisten

(möglichst nicht von privaten Adressen

aus suchen) unter

www.diewahrereligion.de

• Videosuche etwa nach Handyvideos von

Massenschlägereien in der Region www.

youtube.de

Seite 29


Modellseminar: Tatort Deutschland

Arbeitsgruppe 3: Zeugin der Anklage

So spannend ist der Gerichtssaal

Was bei der Berichterstattung hilft und Hintergrundthemen realisieren lässt

Der Gerichtssaal ist

der ideale Tummelplatz

für Lokaljournalisten:

Hier passieren die Geschichten

vor der eigenen

Haustür, die unsere

Leser lesen wollen von

der kleinen Lebenskatastrophe

zum korrupten

Wirtschaftskapitän bis

zum kaltblütigen Mord.

Doch was macht es

mitunter so schwer, aus

Gerichten zu berichten?

Was hilft uns bei der

Berichterstattung und

welche Hintergrundthemen

rechts und links

der Verhandlung sind

möglich? Mit all diesen

Fragen hat sich Arbeitsgruppe

3 beschäftigt.

Was es so schwer

macht …

• Vielfalt der verhandelten

Themen (Gewalt, Sex,

Wirtschaft, Organisierte

Kriminalität, Korruption

u. a.)

• Umgang mit persönlicher Betroffenheit &

Aggression

• Sensibilität beim Umgang mit Details

• Bewerten, ob das Gehörte plausibel ist

• Balanceakt zwischen Drama und Nachricht

• Verantwortung gegenüber Angehörigen

• Angeklagte drohen mit juristischen Schritten

• Komplexe Sachverhalte komprimieren

• Mangelndes juristisches Verständnis

• „Juristendeutsch“ verständlich übersetzen

• Dauer/Themen schwer planbar

Lieber im und am Strandkorb als auf der Anklagebank (v. l.): Silvia Zöller,

Anna-Lena Mey, Frank Schmidt-Wyk, Mario Quadt (Leitung); im Strandkorb:

Laura Kaufmann, Sören Göpel, Julia Weigelt.

Auch nicht so einfach

• ethische Fragen: Was macht Menschen zu

Tätern?

• Als Vertretung neu in laufendes Verfahren

einsteigen

• Berichten unter Zeitdruck

• Fehlender Hintergrund (Berichten nur zu

Auftakt, Plädoyer, Urteil)

• Den Leser unterhalten vs. der Tragik angemessene

Sprache

• Emotionale Taten vs. kühles Urteilen/Recht

• Nachfragen nicht immer möglich

Seite 30


Modellseminar: Tatort Deutschland

• Konzentration lässt nach Stunden nach

• „Live berichten“ (etwa Online) und Entscheidendes

im Saal verpassen

• Einschüchterung der Berichterstatter durch

Angeklagte (Handyfoto)

Was uns hilft

• Auch unscheinbare Termine können tolle

Geschichten sein

• häufiger an einem Fall mit Hintergrundberichten

dranbleiben

• Mut zur ungewöhnlichen Perspektive

(Missbrauch: Wo gibt es Prävention? Drogen:

Unterwegs mit Dealer)

• Den Leser fragen: Was interessiert dich?

• Kollegen redigieren Texte und sehen Fall

aus anderen Blickwinkeln

• Bewusstsein: Grad der Anonymisierung

muss in Dörfern größer sein

• Staatsanwälte/Gerichte so lange nerven,

bis sie wöchentliche Listen der Termine/

Fälle herausgeben

• Geschichten erzählen: Wie wurde der

Mensch zum Täter?

• Gesetzestexte lesen

Sprachliche Hilfe

• Keine Textschablonen oder Standardfloskeln

• Einstiege variieren (zum Beispiel: Tat in

der Gegenwart schildern, Auswirkungen

auf Opfer, Atmosphäre/Reaktionen im Gerichtssaal

• Äußerlichkeiten der Angeklagten oder anderer

Beteiligter beschreiben

• Schlagabtausch mit Zitaten dokumentieren

• Emotionen einfangen

• Erzählen und Hintergrund erklären (auch

als Extrastück)

Und sonst so

1.) Rund um die Justiz:

• Wie läuft ein Ortstermin am Tatort ab?

• Warum dauert ein Prozessbeginn oft Jahre?

Folgen für Angehörige

• Gutachterwesen: Einfluss, Auswahl, Kompetenz

• Porträts von Richtern, Staatsanwälten, Anwälten,

Ex-Knackis

• Übersetzer

• Sicherheit im Familiengericht

2.) Mehr nachhaken:

• Welche Urteile hat die höhere Instanz

jüngst kassiert?

• Welche Auswirkungen haben BGH-Urteile?

• Amtliche Bekanntmachungen lesen

• Insolvenzbekanntmachungen

• in Sozial-, Arbeits- und Verwaltungsgerichten

anrufen

• ungelöste Fälle aufgreifen

3.) Das Davor und Danach:

• Gerichtsvollzieher

• Asservatenkammer

• JVA

• Vermisstenstelle

• Resozialisierung: Für was gibt der Staat

wie viel Geld aus?

• Opferverbände

4.) Der Mensch hinter dem Amt:

• Drohungen durch Organisierte Kriminalität

• Todesnachrichten überbringen

• Notfallseelsorge

• Fremdsprachen in der JVA

Zum Weiterlesen

• Gesetzessammlung: http://dejure.org

• Klaus Ungerer: Was weiß der Richter von

der Liebe Best of FAZ-Kolumne

• Hinweise der Initiative Tageszeitung: http://

bit.ly/19aRKPg

• Kurt Braun: Handbuch der Gerichtsberichterstattung

(1994)

• Spiegellegende Gisela Friedrichsen: www.

spiegel.de/thema/gisela_friedrichsen/

• Infos über Aufbau der Justiz auf Seiten der

Landesjustizministerien

• Blog: http://blog.strafrecht.jurion.de/

Seite 31


Modellseminar: Tatort Deutschland

Arbeitsgruppe 4: Die Unbestechlichen

Mut zu unbequemen Geschichten

Gewagter Journalismus zahlt sich aus und erhöht die Glaubwürdigkeit

„Einen guten Journalisten

erkennt man daran, dass er sich

nicht gemein macht mit einer

Sache, auch nicht mit einer

guten Sache.“ Diesem Zitat von

Hanns Joachim Friedrichs folgt

Arbeitsgruppe 4 und scheut

sich nicht, sich auf diese Weise

unbeliebt zu machen.

Guter Journalismus ist unbequem,

aber warum? Er erfordert

mehr Aufwand, eine größere

Recherchetiefe, kritische Distanz

und stete Selbstüberprüfung.

Damit wird der Journalist seiner

Wächterfunktion gerecht, einer

seiner Hauptaufgaben. Geschichten,

die den Leser interessieren, sind oft

unbequem.

Was ist überhaupt unbequem?

Kritisch zu sein heißt zunächst,

den Mächtigen auf die Füße zu

treten, auf Missstände hinzuweisen

und Skandale aufzudecken.

Dann wird es unbequem

für den Bürgermeister, die

Bauamtsleiterin, den Unternehmer,

den Vereinsvorsitzenden oder die

Sparkassenchefin. Wer kritisiert

wird, kann Ansehen und Einfluss

verlieren, im Extremfall auch seine

Position oder seine Freiheit. Deshalb

ist vielfach die erste Reaktion eines

Kritisierten, die Vorwürfe von sich zu

weisen und die Kompetenz der Journalisten

anzuzweifeln. Dann wird es für die

Redaktion unbequem. Sie muss ihre Kritik

mit Fakten untermauern. Das macht eine

tiefer gehende Recherche notwendig.

Nicht immer stehen die Mächtigen im

Fokus unbequemer Berichterstattung. Es

kann auch unbequem sein, den Menschen

Lassen sich nicht in die Enge treiben (vorne, v. l.): Matthias

Zimmermann und Arno Zähringer (Leitung), Frank Lahme,

Anastasia Iksanov, Katja Mielcarek, Rainer Lahmann-Lammert,

Brigitte Arms, Stephanie Sartor (dahinter, v. l.), Manfred

Scherer und Matthias Grünebaum (ganz hinten, v. l.).

den Spiegel vorzuhalten und Mainstream-

Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen.

Querdenken ist immer unbequem.

Grundsätze einer kritischen Berichterstattung:

Kritische Berichterstattung erfordert in

besonderer Weise journalistische Sorgfalt.

Qualität kommt von quälen, und sich quälen

ist unbequem. Bei kritischen Themen ist

Seite 32


Modellseminar: Tatort Deutschland

es unerlässlich, den Redaktionsleiter,

andere Kollegen und im Zweifel auch die

Rechtsabteilung einzubinden.

Der journalistische Aufwand, die Angst

vor unangenehmen Folgen, die personelle

Ausdünnung vieler Redaktionen und

eingeschliffene Routinen stehen einer

kritischen Berichterstattung im Weg und

nehmen den Kollegen den Mut, unbequem

zu sein.

Unsere Leser haben einen Anspruch

darauf, dass die Zeitung gesellschaftliche

Zustände kritisch betrachtet. So wird die

Gesellschaft besser informiert, kontroverse

Positionen werden besser abgewogen und

entschieden.

Voraussetzungen, Werkzeuge, Tipps und

Hinweise für unbequeme Geschichten

Wir müssen das Rad nicht neu erfinden,

es reicht, sich die Grundsätze und

Selbstverständlichkeiten ins Gedächtnis zu

rufen. Voraussetzungen dafür sind:

• Rückgrat (Selbstverständnis)

• kritischer Blick: Was ist die Nachricht?

Stimmt die Nachricht?

• Neugier

• Präsenz zeigen, rausgehen, ansprechbar

sein

• Netzwerke aufbauen, pflegen und nutzen.

Vertrauen aufbauen und nicht enttäuschen;

bei Interessenskonflikten die Geschichte

an einen Kollegen abgeben

• Unbedingter Informantenschutz

• Rückhalt in der Redaktion nach innen

und außen zur Bestätigung und wenn’s

ungemütlich wird

• Eigene Kompetenz macht fundierte Kritik

und Berichterstattung erst möglich.

Wichtige Werkzeuge

• Ein gut gepflegtes Archiv

• Wichtige Themen in der Wiedervorlage, so

ist Kontinuität gewährleistet

• Qualitätskontrolle (innerhalb der

Redaktion)

• Fehler offen korrigieren

• Zugang zu nichtöffentlichen

(Sitzungs-)Unterlagen

• Ideenbörsen in der Redaktion

• Nutzung von sozialen Netzwerken als

Rechercheinstrument

Tipps und Hinweise

• Recherchewege transparent machen

• Leser als Tippgeber nennen, sofern der

das will

• Bei Pressereisen, Autotests und Ähnlichem

Ross und Reiter nennen („Dieses Auto

wurde der Redaktion von xy zur Verfügung

gestellt.“)

• Eigenes Verhalten zumindest hinterfragen

(Stichwort Presserabatt). Wer selber

angreifbar ist, ist weniger glaubwürdig.

Die Folgen einer unbequemen

Berichterstattung

Die positiven Auswirkungen einer

kritischen, investigativen Recherche

übertreffen die negativen Konsequenzen.

Dennoch können Probleme auftreten: Der

Journalist kann durch den Betroffenen vom

Informationsfluss abgeschnitten werden

(Verwaltung, Behörden, Unternehmen,

Pressestellen mauern). Das erschwert eine

weitere Berichterstattung in der konkreten

Angelegenheit, aber auch bei neuen

Themen.

Enttäuschte Leser reagieren auf in ihren

Augen unangemessene Berichterstattung

mit kritischen Briefen (Shitstorm,

lancierte Aktionen) oder drohen mit Abo-

Kündigungen, Anzeigenkunden damit, keine

Anzeigen mehr zu schalten. Der Redakteur/

Journalist kann zum Feindbild in Teilen der

Öffentlichkeit werden.

Die positiven Aspekte betreffen unter

anderem folgende Punkte:

Die Redaktion erwirbt sich durch ihre

Recherchearbeit Respekt weit über die

Chronistenpflicht hinaus.

• Durch diese vertiefende Berichterstattung

wird die Leser-Blatt-Bindung verstärkt.

• Der Leser erhält Informationen, an die er

selbst ohne die journalistische Arbeit nicht

Seite 33


Modellseminar: Tatort Deutschland

herankäme. Das ist für ihn ein exklusiver

Mehrwert, der sich zudem durch den

stärkeren Zeitungsverkauf für den Verlag

rentiert.

Die öffentliche Diskussion wird durch die

aufklärende Berichterstattung angeregt.

Die Qualität der Diskussion nimmt zu.

Fazit:

Guter, gewagter Journalismus zahlt sich

aus und erhöht die Glaubwürdigkeit der

Redaktion.

Beispiele

Im Fall Gustl Mollath haben 99 Prozent

aller Journalisten, die am Tag seiner

Entlassung anwesend waren, applaudiert,

als das angebliche Justizopfer in Freiheit

kam. Für wenige Medien war der Fall

unangenehm, nur weil sie auch die

Gegenseite gehört haben, d. h. Interview mit

seiner Ex-Frau geführt haben.

In Osnabrück haben sich die Stadt und die

Umlandgemeinden einen Konkurrenzkampf

um billige Gewerbegrundstücke geliefert.

Die Zeitung machte dies transparent, indem

sie aus nicht-öffentlichen Unterlagen zitierte

und die Quadratmeterpreise nannte.

In Hamm wurde ein katholischer

Geistlicher von der Tageszeitung als

Kinderpornograf enttarnt. Der Pfarrer musste

ins Kloster und die Zeitung sah sich einem

Shitstorm gegenüber.

In St. Wendel deckte die Zeitung auf,

dass Werksarbeiter bei einem touristischen

Großprojekt über Monate keinen Lohn

erhielten. Die Leser quittierten die

Berichterstattung überwiegend positiv.

Seite 34


Modellseminar: Tatort Deutschland

Anhang

• Literatur- und Linktipps

• Seminarprogramm

• Liste der Teilnehmenden

• Artikel Rhein-Zeitung vom 5.9.2013: Sexueller Missbrauch

an Kindern und Jugendlichen im Sport (Material U. Spitz)

• Artikel Spiegel online vom 26.3.2010: Missbrauch im Sport.

Trainer als Täter (Material U. Spitz)

• Anzeige „drehscheibe“

Seite 35


Modellseminar: Tatort Deutschland

Literatur- und Linktipps

Fritz Baur/Gerhard Walter: Einführung in das Recht der Bundesrepublik Deutschland, 6. Aufl.

München 1993, 13,50 €

Bundeszentrale für politische Bildung: Recht AZ, Fachlexikon für Studium und Beruf, Schriftenreihe

Bd. 1054, Bonn 2010, 7 €

Ferdinand von Schirach: Verbrechen. Stories, München, Zürich 2010, 16,95 €

René Schnitzler: Zockerliga. Ein Fußballprofi packt aus, Gütersloh 2011, 13,99 € (E-Book)

Axel Petermann: Auf der Spur des Bösen, Berlin 2010, 8,95 €

www. rechtswoerterbuch.de: umfangreiches Rechtswörterbuch und -lexikon im Netz, über

20.000 Seiten mit allen wichtigen Rechtsbegriffen, Artikeln und Definitionen aus Zivilrecht, Strafrecht

und Öffentlichem Recht

www.rechtslexikon.net: ausführliche und auch für Laien verständliches Online-Lexikon mit rund

10.000 Erläuterungen aus allen juristischen Fachgebieten

www.dhpol.de: Website der Deutschen Hochschule der Polizei, die Hochschule für Führungskräfte

der Polizeien des Bundes und der Länder und das wichtigste Forum zwischen Wissenschaft

und Praxis zur Diskussion polizeilicher Fragen in Deutschland

www.polizei.de: offizielles Portal der deutschen Polizei, mit Links zu den Internetauftritten der

Polizeien und polizeilichen Einrichtungen der Länder und des Bundes

www.polizei-portal.de: im News-Bereich Übersicht der verschiedenen Polizeimeldungen aus

den Bundesländern

www.bka.de: Datei von vermissten Menschen, zu finden unter dem Pfad Startseite > Fahndung

> Fahndung nach Personen > Vermisste

Seite 36


Modellseminar: Tatort Deutschland

Modellseminar

Tatort Deutschland

Die Lokalredaktion deckt auf

vom 16. bis 20. September 2013

in Rostock

Tagungsstätte

InterCity Hotel Rostock

Herweghstraße 51

18055 Rostock

Tel.: 0381 4950-0

http://www.intercityhotel.com/Rostock

Veranstalter

Bundeszentrale für politische Bildung

Fachbereich Multimedia

Lokaljournalistenprogramm

Adenauerallee 86

53113 Bonn

Tel.: 0228 / 99 515-558

Fax: 0228 / 99 515-498

www.bpb.de/lokaljournalistenprogramm

www.drehscheibe.org

Verantwortlich: Berthold L. Flöper

Programm (vorläufig)

Montag, 16. September 2013

bis 15.00 Uhr

Eintreffen der Teilnehmer

18.30 Uhr Abendessen

Begrüßung, Vorstellungsrunde und Einführung

20.00 Uhr Der Fall Trudel Ulmen wie ein Reporter

einen Mord aufklärte

Wolfgang Kaes, Chefreporter, General-Anzeiger,

Bonn

Seite 1 von 4

Seite 37


Modellseminar: Tatort Deutschland

Dienstag, 17. September 2013

9.00 Uhr Der lokale Krimi Seminarteilnehmer erzählen

ihren spannendsten Kriminalfall

9.15 Uhr Mordfall Lena in Emden und öffentliche

Hetze gegen Verdächtige welche Lehren

ziehen die Medien daraus?

Heiko Müller, Redakteur, Ostfriesen-Zeitung,

Emden

11.00 Uhr Polizei und Medien im Spannungsfeld.

Die „Facebook-Recherche“ - wie das LKA

Niedersachsen soziale Netzwerke zur Verbrechensaufklärung

nutzt

Frank Federau, erster Kriminalhauptkommissar

und Sprecher des LKA Niedersachsen

12.30 Uhr Mittagessen

14.00 Uhr Wie Medien mit Opfern umgehen

Veit Schiemann, Sprecher des Opferschutzvereins

WEISSER RING e.V.

16.00 Uhr Gruppenarbeit

18.30 Uhr Abendessen

Mittwoch, 18. September 2013

9.00 Uhr Der lokale Krimi Seminarteilnehmer erzählen

ihren spannendsten Kriminalfall

9.15 Uhr Korruption vor Ort: Wo und wie in

Deutschland geschmiert wird

Prof. Frank Überall, Politik- und Medienwissenschaftler

11.00 Uhr Was darf man schreiben und was nicht?

Fallstricke bei der Berichterstattung

Dominik Höch, Fachanwalt für Urheber- und

Medienrecht

12.30 Uhr Mittagessen

14.00 Uhr Gruppenarbeit

16.00 Uhr Gruppenarbeit

Seite 38

Seite 2 von 4


Modellseminar: Tatort Deutschland

18.30 Uhr Abendessen

20.00 Uhr Kamingespräch:

Auf der Spur des Bösen Profiler entschlüsseln

rätselhafte Gewaltverbrechen

Axel Petermann, Buchautor und Fallanalytiker

bei der Kripo Bremen

Donnerstag, 19. September 2013

9.00 Uhr Der lokale Krimi Seminarteilnehmer erzählen

ihren spannendsten Kriminalfall

9.15 Uhr Geschichten aus dem Gerichtssaal

Michael Schmuck, Journalist, Rechtsanwalt

und Dozent

11.00 Uhr Die drehscheibe stellt sich vor

Stefan Wirner, Redaktion drehscheibe,

Raufeld Medien

12.30 Uhr Mittagessen

14.00 Uhr Gruppenarbeit

16.00 Uhr Gruppenarbeit

18.30 Uhr Abendessen

Freitag, 20. September 2013

9.00 Uhr Der lokale Krimi Seminarteilnehmer erzählen

ihren spannendsten Kriminalfall

9.15 Uhr „Keine Angst vor der braunen Gefahr“ -

Eine Lokalredaktion hat als Anwältin der

Opfer über die NSU-Morde berichtet.

Peter Schwarz, Buchautor und Reporter der

Waiblinger Kreiszeitung

11.00 Uhr Präsentation der Arbeitsgruppen

12.15 Uhr Lob und Kritik

12.30 Uhr Abschluss / Mittagessen

Seite 39

Seite 3 von 4


Modellseminar: Tatort Deutschland

ARBEITSGRUPPEN

AG 1: Polizeiruf 110 Der Lokalredakteur auf Schurkenjagd

Leitung: Helmuth Rücker, Vilshofener Anzeiger

AG 2: Die Schnüffler Neue Wege der Recherche

Leitung: Ulrike van Weelden, Main-Echo, Obernburg

AG 3: Zeugin der Anklage so spannend ist der Gerichtssaal

Leitung: Mario Quadt, Rhein-Zeitung, Neuwied

AG 4: Die Unbestechlichen Mut zu unbequemen Geschichten

Leitung: Arno Zähringer, Altmark-Zeitung, Stendal

Seminarleitung:

Kirsten Reuschenbach, mssw Print-Medien Service Südwest GmbH

Katrin Teschner, Leitende Redakteurin in der Chefredaktion, Braunschweiger Zeitung

Tagungsreader:

Volker Dick, der Textkomplize, Gummersbach

Tagungsorganisation:

Gabriele Bommel

Bundeszentrale für politische Bildung

FBE Multimedia/Journalistenprogramm

Adenauerallee 86, 53113 Bonn

Tel.: 0228 / 99515-552

Fax: 0228 / 99515-405

E-mail: bommel@bpb.de

Johannes Bilstein

Bundeszentrale für politische Bildung

Fachbereich Veranstaltungen

Adenauerallee 86, 53113 Bonn

Tel.: 0228 / 99515-252

Fax: 0228 / 99515-293

E-mail: bilstein@bpb.de

Seite Seite 40 4 von 4


Modellseminar: Tatort Deutschland

Seite 41


Modellseminar: Tatort Deutschland

Seite 42


Modellseminar: Tatort Deutschland

Rhein-Zeitung, 5.9.2013

Sexueller Missbrauch an Kindern und

Jugendlichen im Sport: Wenn der

Trainer die Grenzen überschreitet

Mainz - Eltern wähnen ihre Kinder

gerade im Sportverein gut aufgehoben.

In den allermeisten Fällen ist das

auch so, und dennoch gibt es wie

überall schwarze Schafe, die ihre

Machtposition ausnutzen: Trainer, die

bei der Hilfestellung zu weit gehen,

Übungsleiter, die mit unter die Dusche

kommen.

Im Interview mit unserer Zeitung

spricht Ines Rose, Leiterin des

Mainzer Polizeikommissariats II für

Sexualdelikte und Gewaltdelikte gegen

Frauen und Kinder, über die Gefahren

sexuellen Missbrauchs im Sport. Die

55-Jährige, selbst Mutter von drei

Kindern, führt keine konkreten Fälle

an. „Es sollen keine alten Wunden

aufgerissen werden“, sagt Rose. Mit der

Erfahrung von 35 Jahren Polizeiarbeit

erzählt die Kriminalhauptkommissarin

von Täterstrategien und darüber, wie

sich Kinder und Eltern vor Übergriffen

schützen können. Rose warnt auch vor

einem Generalverdacht.

Um Panikmache zu vermeiden:

Sexueller Missbrauch im Sport, wie

ernst ist das Problem?

Das ist kein Problem, das im

Vordergrund steht. Aber: Täter suchen

sich Gelegenheiten, um ihre Neigungen

auszuleben. Sie suchen sich gern

Tätigkeiten, bei denen sie mit den

Opfern zu tun haben. Wir finden Täter

oft bei Sportveranstaltungen, bei

Kinderfestivals, in Sportvereinen. Und

die, die sich ehrenamtlich anbieten, sind

auch oft Täter.

Gibt es konkrete Zahlen? Einige

Experten sprechen davon, dass ein

Drittel aller Sportlerinnen schon

einmal Opfer sexueller Belästigung

oder Gewalt war.

Zahlen kann ich nicht nennen, weil das

Dunkelfeld riesig groß ist. Hier sind

schließlich Kinder betroffen, die sich

„outen“ müssen, und wenn sich ein Kind

dazu entschließt, sind da oft noch die

Eltern, die das vielleicht nicht wollen.

Dazu kommt, dass Täter und Opfer in

einer Beziehung stehen. Je näher diese

Beziehung ist, desto schwerer ist es,

das Ganze anzuzeigen, weil man ja

auch die positiven Dinge einer solchen

Beziehung nicht verlieren will. Ein

Beispiel: Der Trainer gaukelt dem Opfer

vor - natürlich nicht ganz uneigennützig:

Du bist ein kleiner Star, und ich werde

dich fördern. Da entsteht eine gewisse

Abhängigkeit, die will man als Kind

nicht verlieren, nach dem Motto: Das

ist ja der, der mich groß macht, der

mich fördert. Kinder, die ihren Trainer

anhimmeln, werden nichts sagen.

Ist der Sport besonders gefährdet?

Natürlich gibt es die schwarzen Schafe

überall. Der Sport bietet aber eine

Gelegenheit, sich körperlich nahe zu

kommen, je nach Sportart mehr oder

weniger.

Gibt es Sportarten, die besonders

betroffen sind?

Das sind die Einzelsportarten, bei denen

der Trainer etwa durch Festhalten am

Barren körperlichen Kontakt quasi

aufnehmen muss. Dann gibt es aber

auch Sportarten, die besonders im

Fokus stehen. Jeder kleine Junge

Seite 43


Modellseminar: Tatort Deutschland

will heutzutage doch ein Fußballstar

werden. Da läuft es aus Sicht des

Sportlers oft auf der Schiene: Wie

fördert mich der Trainer, welches Lob

kriege ich, wie werde ich eingesetzt?

Tatsache ist, dass die Opfer besondere

Privilegien genießen und damit

auch genötigt werden, bestimmte

Handlungen mitzumachen. Die Trainer

versprechen Extra- oder Einzeltraining

- einhergehend mit der Möglichkeit,

das Kind für sich allein zu haben und

dann Dinge mit dem Kind machen zu

können, die keiner mitbekommt.

Woran kann man potenzielle Täter

erkennen?

Man kann sie nicht erkennen, das ist ja

das Gefährliche. In der Regel können

diese Leute sehr gut mit Kindern

umgehen. Es kommt immer darauf

an, was das Ziel des Täters ist. Es gibt

welche, die nur Fotos machen wollen,

angeblich für die Sportzeitung oder

für den Eigenbedarf - und sich dann

daran aufgeilen. Man sollte sich fragen:

Warum muss ein Trainer Fotos machen?

Was wir oft beobachten, sind Trainer,

die eine sehr große Nähe aufbauen.

Trainer haben die Aufgabe, die Kinder

zu trainieren und zu fördern. Vielleicht

sollen sie auch noch darauf achten,

dass die Schule nicht zu kurz kommt.

Wenn aber ein Trainer den Kindern

anbietet: Bei mir zu Hause könnt ihr

eure Hausaufgaben machen, ich gebe

euch Nachhilfe, ist es etwas anderes.

Manche Kinder dürfen beim Trainer

vor dem Spiel auch übernachten. Viele

Eltern sind sogar dankbar, dass sie

morgens nicht so früh aufstehen und

Gott-weiß-wohin fahren müssen. Das

aber sind Grenzüberschreitungen, die

jeder erkennen sollte.

Gelangen rührige Trainer und

Übungsleiter somit nicht schnell

unter Generalverdacht?

Wenn ein Trainer, der keine bösen

Gedanken hat, ein bisschen vernünftig

ist, dann darf er so etwas nicht tun.

Der Erwachsene ist derjenige, der die

Grenze setzen muss. Ein Kind hat beim

Trainer zu Hause nichts zu suchen. Und

was den Körperkontakt angeht: Kinder

brauchen Zuwendung, sie brauchen

Umarmungen, sie wollen in die Luft

geworfen werden, wenn sie etwas gut

gemacht haben. Aber es gibt überall

Grenzen.

Wie schmal ist der Grat zwischen

Vorsicht und voreiligem Verdacht?

Im Prinzip hat es heutzutage - und das

heiße ich auch nicht gut - jeder Opa auf

dem Spielplatz schwer, der Kindern ein

Bonbon schenkt, und jeder Autofahrer,

der ein Kind nach dem Weg fragt.

Wobei ich denke: Dann soll er doch

einen Erwachsenen fragen. Ich sage

meinen Kindern immer: Wenn ihr etwas

wissen wollt, dann fragt eine Familie

oder eine Frau. Die meisten Täter sind

nun mal Männer. Manchmal sehe ich

Trainer, die mit den Kindern ins Kino,

in die Pizzeria oder Eisdiele gehen,

ich sehe sie zusammen im Stadion. Da

muss man sich fragen: Macht dieser

Mensch auch noch etwas anderes in

seiner Freizeit, als sie mit den Kids zu

verbringen? Das hat ein Geschmäckle,

aber ich kann keinem etwas vorwerfen.

Ich würde meinem Kind sagen: Sieh zu,

dass du mit diesem Mann nicht allein

Seite 44


Modellseminar: Tatort Deutschland

bist. Diese Täter suchen sich Situationen,

in denen sie mit dem Kind allein sind

- egal, ob im Sportverein oder sonst wo.

Wir haben es immer mit einem Täter zu

tun, der ein Opfer sucht, nicht zwei oder

drei.

Gilt sexueller Missbrauch im

Sportverein nicht oft als Tabu? Will

der eine oder andere Klubvorsitzende

das Thema der Vereinsidylle zuliebe

nicht lieber totschweigen?

Welche Schule, welche Firma, welcher

Sportverein will den Makel haben, dass

etwas vorgefallen ist? Das Schlimmste

für einen Sportverein ist, wenn so ein

Fall bekannt wird. Alle Vereine suchen

händeringend Freiwillige, weil kein Geld

da ist. Wenn die das dann auch noch gut

machen und Eltern und Kinder zufrieden

sind, ist das ein Geschenk, alle denken:

Ach, haben wir ein Glück, dass wir so

einen tollen Kerl haben. Und dann will

auch keiner vermuten, dass etwas falsch

läuft. Oft ist es auch so, dass versucht

wird, so einen Menschen irgendwie

anders loszuwerden. Viele werden

weggelobt und tauchen in einem anderen

Sportverein wieder auf. Wenn man sich

da nicht die Mühe macht, hinterher zu

sein, können diese Menschen wieder

neu anfangen. Prinzipiell sehe ich aber,

dass die Vereine sich kümmern, dass das

Thema nicht mehr tabu ist wie früher.

Wie können sich Kinder schützen, was

können Eltern tun?

Dieses Thema soll man dann anpacken,

wenn es sich ergibt. Ein Kind bekommt

ja auch mit, wenn irgendwo ein anderes

Kind angesprochen wird oder wenn

darüber etwas in der Zeitung steht.

Also spricht man mit Kindern darüber,

damit sie wissen: Es gibt Menschen,

die Kindern wehtun, die sie nicht mehr

nach Hause lassen - und man sieht es

diesen Menschen nicht an. Man muss

ja nicht bis ins kleinste Detail gehen.

Eltern sollten hingucken, wach sein,

vielleicht im Verein mitarbeiten, um

Dinge mitzubekommen. Ich rate Eltern

außerdem häufig, die Liste, wer die

Kinder im Kindergarten abholen darf,

klein zu halten. Das Kind muss den

Überblick behalten können, wer fremd

ist und wer nicht. Dann gilt noch der

Grundsatz: immer alles gemeinsam, nach

Möglichkeit kein Einzeltraining.

Ist das nicht übertrieben? Im Tennis

zum Beispiel gibt es doch häufig

Einzeltraining.

Da sind ja meistens andere Leute

nebenan auf dem Platz. Wenn ich um

Hilfe schreie, muss mich jemand hören

können. Wenn man Sport treibt, solange

die Mannschaft dabei oder jemand auf

dem Nebenplatz ist, passiert nichts. Man

sollte Situationen vermeiden, in denen

man mit jemandem allein ist.

Was kann der Sportverein oder -

verband tun?

Ehrlich sein und nicht sagen: Das will

ich nicht sehen, das kann nicht sein. Die

angesprochenen Grenzüberschreitungen,

wenn ein Trainer die Kinder mit

nach Hause nimmt, würde ich von

Vereinsseite direkt ansprechen. Da

muss gar kein konkreter Verdacht da

sein. Aber es soll verhindern, dass es

zu solchen Situationen kommt oder

Gerüchte entstehen. Denn das kann dem

Verein ja auch schon schaden.

Seite 45


Modellseminar: Tatort Deutschland

Spiegel online, 26.3.2010

Missbrauch im Sport: Trainer als

Täter

Von Jan Reschke

In Sportvereinen sehen viele Eltern

ihre Kinder gut aufgehoben. Doch

auch hier ist sexueller Missbrauchs

nicht selten. Die Täter, meist Trainer,

nutzen das Vertrauensverhältnis

aus. Sogar im Leistungssport leiden

Athleten immer wieder unter sexuellen

Übergriffen ihrer Ausbilder.

Es geschah im Zeltlager. Die Handball-

Abteilung des ESV Ingolstadt hatte

sich für fünf Tage an den Weicheringer

Weiher nahe Neuburg an der Donau

zurückgezogen. 30 Jungen und Mädchen

im Alter von acht bis elf Jahren waren

mitgefahren. Außerdem einige Betreuer,

darunter Martin G. (Name von der

Redaktion geändert). Mindestens fünf

Mädchen lockte G. im Verlauf des

Lagers in sein Zelt. Dort forderte er sie

auf, sich auszuziehen, anschließend

missbrauchte er sie. Im November

2009 gestand er vor Gericht seine Taten

und wurde zu drei Jahren und sieben

Monaten Haft verurteilt.

Auch der mutmaßliche Kinderschänder

Christoph G., der sich im August des

vergangenen Jahres der Polizei gestellt

hatte und Jungen im Alter von sieben

bis 15 Jahren zum Teil mit grober

Gewalt sexuell missbraucht haben soll,

fand seine Opfer in einem Sportverein.

Und vor wenigen Tagen gestand ein

Sporttrainer aus Linz, zwei zur Tatzeit

minderjährige männliche Athleten

missbraucht zu haben.

Ein Großteil sexueller Übergriffe kommt

aus dem nahen sozialen Umfeld der

Opfer, auch in Sportvereinen kommt

es zu solchen Taten. Genaue Zahlen

gibt es dazu nicht, Opferverbände

vermuten jedoch ein erhebliches

Ausmaß. Im Verein können erste

Annäherungsversuche geschickt getarnt

werden: Scheinbar zufällig werden

Kinder bei Hilfestellungen zwischen den

Beinen oder am Busen berührt. Beim

Umziehen oder Duschen fallen Blicke

auf die Geschlechtsteile nur wenig auf.

Täter genossen im Verein großes

Vertrauen

Potentielle Täter, die als Trainer oder

Trainerin arbeiten, können gezielt

Situationen herbeiführen, um ungestört

mit den ihnen anvertrauten Kindern

zusammenzutreffen. Trainingslager

bieten sich an, aber auch Einzeltraining

oder -gespräche. Meist genießen die

Täter im Verein großes Vertrauen, ihr

überdurchschnittliches Engagement lässt

sie positiv dastehen, was es im Falle von

Übergriffen für die Opfer schwermacht,

Gehör und Glauben zu finden.

Elinor Burkett und Frank Bruni

schrieben in ihrem 1995 veröffentlichten

„Buch der Schande“ über die Täter: „Sie

sind Rattenfänger in ihrer Umgebung,

die von den Kindern verehrt und von

den Eltern wegen ihrer Großzügigkeit,

Geduld und ihrer Fähigkeit, mit Kindern

umzugehen, gepriesen werden.“ Diese

Rattenfänger finden sich als Priester in

der Kirche, als Lehrer in der Schule oder

als Trainer im Sport. Opfer können oft

erst über die Übergriffe sprechen, wenn

sie sich selbst aus dem Vereinsumfeld

gelöst haben oder die betreffende

Person nicht mehr dort ist. Dann sind

die Fälle häufig schon verjährt. „Der

Druck ist vorher einfach zu groß“, sagt

Seite 46


Modellseminar: Tatort Deutschland

Ursula Enders von der Kontakt- und

Informationsstelle gegen sexuellen

Missbrauch an Mädchen und Jungen,

Zartbitter in Köln.

Dort sind in den vergangenen Jahren

regelmäßig Fälle des sexuellen

Missbrauchs von Kindern durch

Trainer, Bademeister oder Sportlehrer

bekanntgeworden. Zartbitter hat

daher schon einige Broschüren und

Aufklärungs-Cartoons zu diesem

Thema veröffentlicht. Dennoch „ist

der Wissensstand in pädagogischen

Arbeitsfeldern in dieser Hinsicht auf

RTL-Niveau“, sagt Enders.

Auch im Leistungssport sind etliche

Fälle bekannt

Im Jahr 2008 erfasste die Statistik des

Bundeskriminalamtes insgesamt 12.052

Fälle von sexuellem Missbrauch an

Kindern. Wie viele davon im Rahmen

eines Sportvereins passierten, kann

nur geschätzt werden. Es handelt sich

bei den Tätern keineswegs nur um

triebgesteuerte Menschen mit sexuellen

Neigungen zu Kindern. „Meist sind

sie heterosexuell und gewinnen

eine Befriedigung daraus, andere zu

erniedrigen“, so Enders.

Doch es sind nicht nur kleine

Sportvereine, in denen sexuelle

Übergriffe passieren. Auch

im Leistungssport sind etliche

Fälle bekannt, bei denen Trainer

ihre Machtstellungen und ihre

Schutzbefohlenen missbrauchten.

wegen „Vergewaltigung einer

Minderjährigen unter 15 Jahren“ vor

Gericht verantworten. Die meisten

anderen Vorwürfe waren bereits

strafrechtlich verjährt. De Camaret

bestreitet jede Form der Vergewaltigung

und des sexuellen Missbrauchs von

Minderjährigen. Ende des vergangenen

Jahres wurde das Verfahren gegen ihn

eingestellt - aus Mangel an Beweisen.

Die Staatsanwaltschaft will in Berufung

gehen.

1995 wurde ein bekannter

Eiskunstlauftrainer wegen sexuellen

Missbrauchs von Schutzbefohlenen

in elf Fällen und Körperverletzung zu

einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren

auf Bewährung und einer Geldstrafe

verurteilt. Er hatte einer 17-Jährigen

beim Training mehrmals an den Busen

gefasst und ihr in die Hose gegriffen. Ein

anderes Mädchen hatte der Trainer nach

einer misslungenen Übung angebrüllt:

„Du musst mal wieder ordentlich gefickt

werden, damit du die Beine besser

hochkriegst.“

Auswirkungen auf seine Karriere hatte

der Vorfall nur zeitweilig: 2002 nahm

er seine Trainertätigkeit wieder auf und

betreute auch wieder Spitzensportler.

Die Opfer leiden häufig ihr Leben lang.

So soll der renommierte Tennistrainer

Régis de Camaret 13 seiner Spielerinnen

sexuell missbraucht haben - teils

über Jahre hinweg. Der berühmte

Coach musste sich unter anderem

Seite 47


02

07+ 03+

07+ 05 +

07+

+

09

07+ 10+

07+ 12+

07+ 14+

EDITORIAL

Themen im harten Pflaster des Alltags

finden und entwickeln

INTERVIEW

Frank Fligge über die Balance zwischen

Heimatgefühl und journalistischer Ethik

FORSCHUNG

Wie lokale Medien die Mitsprache der Bürger in

politischen Prozessen fördern können

PSYCHOLOGIE

Heimat verändert sich wie Zeitungen darauf

reagieren können

DATENJOURNALISMUS

Wie aus Daten eine Story entsteht

AUSSICHTEN

Die Generationenfamilie und andere

Zukunfts trends

STADTENTWICKLUNG

Lokalzeitungen dürfen die Stadt nicht allein

den Planern und Politikern überlassen

PRAXIS

Ergebnisse der Arbeitsgruppen

Modellseminar: Tatort Deutschland

www.drehscheibe.org

Mehr als

ein Magazin

Archiv, Werkstatt, Interviews, Videos …

Nutzen Sie unser Angebot!

DPA-NEWS-TIPPS

Nummer 10, 1. September 2013, www.drehscheibe.org

aus Lokalredaktionen für Lokalredaktionen

herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung

+

Nr. 6 www.drehscheibe.org

Zukunft

der Stadt

Arbeitsheft zum Modellseminar


Strand: Städte im Umbruch”


der bpb

STADT FINDET

ZUKUNFT

NÄHE UND DISTANZ

EINMISCHEN, MITREDEN

NEWS

+

Montage: Raufeld

DEN WANDEL BEGLEITEN

IN VIER SCHRITTEN

IN ZUKUNFT GROSSFAMILIE

BITTE EINMISCHEN

DIE IDEALE STADT

täter, opfer,

ermittler weNN

lokalredaktioNeN

auf SpureNSuche

geheN.

Ein Netzwerk lebt von seinen Teilnehmern.

Sie können mitbestimmen, welche Themen bei

den Modellseminaren des Lokaljournalistenprogramms

der bpb behandelt werden.

Vorschläge direkt an floeper@bpb.de

Jetzt

abonnieren !

Die drehscheibe ist Teil des Lokaljournalistenprogramms

der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb.

Seite 48

aus Lokalredaktionen für Lokalredaktionen

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine