Bilder der Natur

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Bilder der Natur

12. April 2008, Neue Zürcher Zeitung

Bilder der Natur

Lorraine Daston und Peter Galison skizzieren eine Geschichte der

Objektivität

Von Carlo Caduff

Auf dem Höhepunkt der Kleinen Eiszeit, als Europas Gletscher noch auf dem

Vormarsch waren, 1665, publizierte der englische Naturphilosoph Robert Hooke

eine Auswahl seiner schönsten Schneeflockenporträts. Es waren dies bitterkalte

Jahre, die dem Schneeflockenjäger vorzügliche Forschungsbedingungen

bescherten, denn der Schnee lag lange und hoch. Zahlreiche Exponenten der

neuzeitlichen Wissenschaft folgten dem famosen Beispiel des Robert Hooke und

nutzten die unverhoffte Gunst des Klimas. Mit einem schwarzen Stofffetzen

ausgerüstet, flanierten sie durch gleissende Winterlandschaften, um bei

vorteilhafter Windlage ein paar Flocken aufzufangen.

Ökonomie der Beobachtung

Als die glitzernde Ausbeute des Spaziergangs sich unter der Linse des

Mikroskops wiederfand, enthüllten sich dem neugierigen Blick der Wissenschaft

geometrische Formen von vollendeter Regelmässigkeit. So jedenfalls sahen die

filigranen Flocken aus, als sie von den Naturforschern und ihren Zeichnern im

17. und 18. Jahrhundert aufs Blatt gepaust und in Kupfer gestochen wurden.

Zwar stiessen die emsigen Schneeflockenjäger auf ihrer winterlichen Pirsch

immer wieder auf sonderbare Exemplare, die eine unregelmässige Gestalt

erkennen liessen, doch begründeten sie deren Existenz stets mit Verweis auf den

einsetzenden Zerfall.

An dem metaphysischen Postulat der vollkommenen Natur wollten Hooke und

seine zahlreichen Nachfolger jedenfalls nicht rütteln. Sie schufen daher

Repräsentationen der Natur, die den normativen Vorstellungen der Zeit

entsprachen. Dies zeigen die renommierten Wissenschaftshistoriker Lorraine

Daston und Peter Galison in einer anregenden Studie, die es sich zum Ziel


gesetzt hat, eine Geschichte der Objektivität in Bildern zu erzählen.

Aufschlussreiches Quellenmaterial haben Daston und Galison in den meist

aufwendig gestalteten Bildbänden entdeckt, in denen Naturwissenschafter die

teilweise kuriosen Gegenstände ihrer methodischen Nachstellung abbilden

liessen. Auf welche Art und Weise so unterschiedliche Dinge wie Schneeflocken

und Nervenzellen, Schildkröten und Blattläuse, Hirnströme und Nanoröhren

dargestellt wurden und werden – diese Frage steht im Zentrum des opulent

ausgestatteten Werks.

Es war nicht nur das hartnäckige metaphysische Vorurteil, das den

unermüdlichen Schneeflockenfänger Robert Hooke veranlasste, die legitime

Existenz asymmetrischer Flocken vehement zu bestreiten. Wie Daston und

Galison nachweisen, entsprangen Hookes veröffentlichte Porträts einer

Ökonomie der Beobachtung, die die Autoren mit dem Begriff der

«Naturwahrheit» charakterisieren. Hooke lag nicht daran, eine einzelne Flocke so

zu zeichnen, wie er sie an einem bestimmten Wintertag mit eigenen Augen

gesehen hatte. Vielmehr destillierte er aus zahlreichen Beobachtungen eine Reihe

von typischen Flocken, die er anschliessend auf einem Blatt skizzierte. Was auf

solche Weise zu plastischer Darstellung fand, waren keine individuellen

Exemplare, sondern allgemeine Typen, die sich so in der Wirklichkeit vielleicht

gar nicht beobachten liessen.

Gegenstand der wissenschaftlichen Nachbildung von Natur, so Daston und

Galison, war nicht eine sichtbare Gestalt, sondern eine verborgene Urform, die

sich nur dem kundigen Auge erschloss. Unwesentliche Details und zufällige

Verformungen einzelner Exemplare galt es gezielt auszublenden. Die

«naturwahre» Repräsentation im Medium des nachzeichnenden Bildes setzte

langwierige Beobachtung, gezielte Selektion und typisierende Abstraktion voraus.

Mitte des 19. Jahrhunderts kam diese prägnante Form der richtigen Darstellung

von Natur regelrecht unter Dauerbeschuss. Die kolorierten Abbildungen in den

grossformatigen Bildbänden schienen ungenau, zweifelhaft, subjektiv und

wurden als idealisierte Trugbilder entlarvt. Wissenschafter monierten lautstark,

man möge doch bitte die Dinge so darstellen, wie sie wirklich sind, nicht, wie sie

sein sollten. An die Stelle der «Naturwahrheit» war eine neue Ökonomie der

Beobachtung getreten, die Daston und Galison mit dem Begriff der


«mechanischen Objektivität» belegen. Was ist damit gemeint? Folgt man den

amerikanischen Wissenschaftshistorikern, so muss man sich unter der

prosaischen Formel eine Art «Blindsehen» vorstellen: die kritische Bemühung

moderner Wissenschaft, ein Wissen zu schaffen, «das keine Spuren des

Wissenden trägt». Ziel der «mechanischen Objektivität» war es, Natur möglichst

unabhängig von menschlichen Eingriffen und persönlichen Einstellungen

abzubilden. Es war dies die Stunde des technischen Apparats, der die

unverfälschte Aufzeichnung der Wirklichkeit versprach.

Arbeit am Selbst

Hier nun ist der glühende Kern der weit ausgreifenden Studie erreicht. Die

Autoren klären nicht nur, was wir damit meinen, wenn wir von objektivem

Wissen sprechen, sie zeigen auch, dass der Begriff der Objektivität eine

Geschichte hat, die sich keineswegs mit der Geschichte der Wissenschaft deckt.

Als erstaunlich jung nämlich erweist sich die Redeweise von der objektiven

Betrachtung der Welt; sie etablierte sich erst um 1860. Den Siegeszug dieses

spezifischen Zugriffs anhand der Praxis der Abbildung wissenschaftlicher

Gegenstände nachzuzeichnen, ist das Verdienst des Buches, das in

eigentümlicher und vielleicht nicht immer konziser Weise einen

begriffsgeschichtlichen mit einem bildgeschichtlichen Ansatz kombiniert.

Angeregt durch das philosophische Werk des späten Michel Foucault, zeigen

Daston und Galison zudem, dass mit dem fulminanten Aufstieg der neuen Norm

von der richtigen Abbildung der Natur bestimmte Vorstellungen des

wissenschaftlichen Akteurs unauflöslich verknüpft waren. Objektivität setzte eine

unermüdliche Arbeit des Wissenschafters an seinem Selbst voraus. Wer objektiv

sein wollte, musste seine persönlichen Präferenzen und subjektiven

Einstellungen so weit als möglich neutralisieren.

Als zentraler Anspruch der empirischen Wissenschaft forderte die Objektivität

von ihren Adepten einen unbedingten Willen zur Selbstverleugnung: Der

Wissenschafter war gleichsam dazu aufgerufen, sich in eine rastlose Maschine der

unverfälschten Registrierung von Fakten zu verwandeln. Diese Art der

asketischen Arbeit am wissenschaftlichen Selbst hat Nietzsche mit dem

polemischen Wort des Eunuchentums belegt. Solch markige Sprüche finden sich

bei Daston und Galison freilich nicht, und trotzdem stehen die beiden in der


Nachfolge Nietzsches und seiner «genealogischen» Entzauberung des Guten und

Wahren.

Auch wenn dem grossen argumentativen Bogen viele historische Details geopfert

werden und eine stärkere Kontextualisierung an mancher Stelle eine andere

Deutung nahelegen würde, liest sich die Studie gleichwohl mit Gewinn. Einer

ehrgeizigen Naturwissenschaft, die zum überspannten Anspruch neigt, kann die

historische Vergegenwärtigung als heilsame Anleitung zur Nüchternheit dienen.

All jene wiederum, die das Verhältnis von Wissenschaft und Ethik nur noch

unter den Prämissen einer bürokratischen Bioethik zu denken vermögen, dürfen

sich vom Anliegen der Autoren, die objektive Einstellung als ethische Tugend zu

begreifen, nachhaltig irritieren lassen.

Lorraine Daston und Peter Galison: Objektivität. Aus dem Amerikanischen von

Christa Krüger. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007. 531 S., Fr. 56.50.

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