Leif: Solitär, Anstifter, Organisator und Vordenker - Rolf Schwendter

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Leif: Solitär, Anstifter, Organisator und Vordenker - Rolf Schwendter

„Der Tod ist der Anfang eines neuen Lebens.“

Michel de Montaigne, Essais

Solitär, Anstifter, Organisator und Vordenker - Rolf Schwendter wird seine

Wirkung posthum entfalten. Montaigne unserer Zeit

Thomas Leif

Eigentlich sollte Rolf Schwendter Mitte März bei der 25-Jahr-Feier des Forschungsjournals Soziale

Bewegungen in Berlin dabei sein. Zum Konferenz-Motiv „Erfolgreich Scheitern“ und den dazu

passenden Referenten-Kaskaden war sein Auftritt mit situativen Spontan-Strophen von „Ich bin

noch immer unbefriedigt“ bereits ein Jahr zuvor geplant. Spitze, karikierende Sentenzen zur Kindertrommel

im reduzierten Sound der Stones.

Hier hätte der Professor für Devianzforschung an der Uni Kassel (1975-2003) sein Talent ausgespielt:

Im Grenzbereich von Ästhetik und Wissenschaft hätte er die Wirkungsgeschichte von 25

Jahren sozialen Bewegungen entziffert, die Tabuzonen des schwächelnden Protests ausgeleuchtet

und eine beherzten Blick nach vorn gewagt. „Abweichendes Verhalten“ als Produktivkraft,

Kritik als Geschenk, wunde Punkte, blinde Flecke: Auf die „Blackbox“ im Denken des Mainstreams

war er spezialisiert.

Hätte. Könnte. Sollte. Dazu kam es nicht. Wenige Tage zuvor traf einer seiner typischen weißen

A5-Zettel mit hellblauer Tinte und akkurater Handschrift ein. Zaghafte Hinweise auf den Gesundheitszustand,

die wertvolle Ressource Zeit (im Dauerspagat zwischen Kassel und Wien) und die

zu erwartenden Reiseanstrengungen. An Pfingsten war er dann doch wieder da –zum 39. Malauf

dem open ohr Festival in Mainz. Leiser, bedächtiger, blasser, viele Kilo leichter. Aber –wie

kein anderer Referent – erfüllte er seine Pflichten, wie 39 Mal zuvor. Lesungen, Diskussionen,

Moderationen. Ganz gleich, welche Aufgabe die Projektgruppen ihm in vier Jahrzehnten Festivalgeschichte

übertrugen: Er war immer da, immer präsent, immer inspirierend. So arbeitete er

in all seinen Projekten: in der „informellen Gruppe“ in Wien (1959-1969), in den (republikanischen)

Clubs, den Lesetheatern, „Offenen Wohnzimmern“, Theorie-Arbeitskreisen, auf der Waldeck,

den vielen Festivals, Theatern und natürlich an der Hochschule in Kassel. Ein Dauer-Pilger

heute hier morgen dort, im Blaumann, mit Plastiktüten voller Flugschriften und den Kopf voller

Gedanken.

Bescheidene Beharrlichkeit

Zuverlässigkeit war sein besonderes Kennzeichen. Ein schier unerschöpflicher Wissensfundus

seine Quelle. Promovierter Jurist, promovierter Politikwissenschaftler, promovierter Philosoph

bereits mit 29 Jahren: dazu zwei Dutzend Werke – von den Klassikern „Modelle zur Radikaldemokratie“

(1970) bis zur „Theorie der Subkultur“ (1971) und der „Geschichte der Zukunft in zwei

Bänden (1978-1984). Seinen Bildungsreichtum trug Rolf Schwendter nie wie eine Monstranz vor

sich her. Er war schnell im Kopf, sehr schnell, seine Gedankenblitze kamen oft und unverhofft.

Von Weihrauch-Schwenkern und Claqueuren hielt er jedoch nicht viel. „Anspruchslosigkeit

macht frei“ war eines seiner wiederholten Leitmotive. Es mag in einer Ego-infizierten Welt merkwürdig

abgedroschen klingen, aber er war bescheiden und pflegte nicht nur die Attitüde des Bescheidenen.

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Rolf Schwendters Werk hätte es –ähnlich wie im Fall Arno Schmidts –verdient, sorgfältig ausgewertet

und editiert zu werden. Die Träume auf seinen Zetteln würden einen Stiftungsauftrag

rechtfertigen, beflügeln und einen Mäzen vom Schlage Jan Philipp Reemtsma herausfordern.

„Drehpunktperson“ und „Bildungskoordinator“

Wer Rolf Schwendter verstehen will, muss seinen Vortrag „Avantgarde und Gruppenprozesse“

lesen, den er 1991 auf der Fachkonferenz des Forschungsjournals in Saarbrücken in der Heimvolkshochschule

der Friedrich-Ebert-Stiftung gehalten hat. Vor gut 20 Jahren beschäftigten wir

uns mit der „Politischen Klasse in Deutschland“ und stellten die „Eliten auf den Prüfstand.“ Der

Sammelband erschien ein Jahr später mit Texten von Wolfgang Schäuble über Peter Glotz, Antje

Vollmer und Hans-Jochen Vogel. Und natürlich mit dem Schlüsseltext von Rolf Schwendter. (Den

Text haben wir dem Nachruf beigefügt. Die Red.)

In seiner bereits vor 20 Jahren handschriftlich vorgelegten biografischen Reflexion mahnte er:

„Im Binnenverhältnis der sozialen Bewegungen und ihrer Drehpunktpersonen hat der ‚Eliten‘-

Begriff nichts verloren. Brüsker formuliert: Wo soziale Bewegungen als solche fungieren, ist der

‚Eliten‘- Begriff gegenstandslos – und wo der ‚Eliten‘-Begriff in sein Recht tritt, ist dies ein

untrügliches Anzeichen dafür, dass die betreffende soziale Bewegung zu existieren aufgehört

hat.“ Sein kulturelles Kapital hatte Rolf Schwendter hier eindeutig vermessen: Er verstand sich

als Drehpunktperson und als Bildungskoordinator, in Anlehnung an Iwan Illich. Er sah seine Rolle

in der Avantgarde, in Abgrenzung zum Elitebegriff. Aus subkulturellen Bewegungen sollte sich

eine Gegenkultur als Gegenentwurf zu herrschenden Verhältnissen etablieren. Er lebte als Radikaldemokrat,

nicht als Anarchist.

Begnadeter Gastrosoph und kulinarischer Diagnostiker

Schon Ende der 1960iger Jahre verknüpfte Rolf Schwendter kulturelles und kulinarisches Kapital.

Zum Abschluss seiner „Bildungsangebote“ etwa im Republikanischen Club in Mainz gab es ein

großes, gemeinsames Essen. Zwei Mal, zwanzig und dreißig Jahre später (1998 und 1999), konnten

wir das umsetzen, was er in „Schwendters Kochbuch“ (1988), in „Arme Essen – Reiche speisen“

(1995) und in „Vergessene Wiener Küche“ (2004) konzipierte. Das „bollito misto“ für 150

Personen werde weder ich, noch der Gonsenheimer Metzger oder der (begleitende) Sternekoch

Hans-Peter Wodarz samt der vier Hilfsköche eines Sozialprojekts jemals vergessen. Rolf

Schwendter überwachte das vorsichtige Garen der Zutaten (von gepökelter unger Rinderzunge

bis zum freilaufenden Bresse-Huhn einer präzise definierten Altersklasse) in einer Riesenpfanne.

Er selbst verfeinerte die Kollektivspeise auf „Schloss Freudenberg“ in Wiesbaden am Ende mit

zwei Flaschen bestem Madeira, der langsam in die zehn verschiedenen Fleischsorten einsickerte.

Sechs Gänge – unendliche Überraschungen.

Wahrscheinlich war dies sein größter Koch-Einsatz, wenn auch mit einer assistierenden Profi-Brigade.

Zum Dank vereinbarten wir einen Besuch in einem Sterne-Restaurant. Daraus wurde dann

ein echtes Devianz-Erlebnis. Die Kellner vermuteten einen Obdachlosen mit Zottelbart, Blaumann

und ausgetretenen Latschen, wagten sich aber nicht, meine Begleitung abzuweisen. Die

Gäste im klimatisierten Restaurant rümpften die Nase. Aber schon nach der Sonderauswahl und

Zusammenstellung eines Acht-Gänge-Menues quer zur Speisekarte schmolz das Eis des irritiert-abweisenden

Kellners. Tee statt Wein. Kein Alkohol. Nachdem Rolf Schwendter in Anwesenheit

des Oberkellners den „Gruß des Hauses“ und die Vorspeise profund sezierte, die Herkunft

der Rohprodukte und die genauen Garzeiten identifizierte, neue, alternative Kombinationen

entwickelte, wurden alle weiteren Gänge vom Chefkoch persönlich geliefert. Ein Wort gab

das andere. Der Sternekoch hatte seine Lektion in Devianzforschung gelernt und „noch nie einen

kulinarisch fachkundigeren Gast bedienen und kennenlernen dürfen.“

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„Das Gespräch ist meiner Ansicht nach die lohnendste und natürlichste Übung unseres Geistes.

Keine andere Lebensbestätigung macht mir so viel Freude“, bemerkte Michel de Montaigne

(1533-1592) in „Essais“. (Beste Edition: Die andere Bibliothek, Frankfurt 1998) Rolf Schwendter

war mit seiner Menschenfreundlichkeit, seinem Geist und seinem Werk ein Seelenverwandter

Montaignes. Ein Montaigne unserer Zeit.

Rolf Schwendter starb am Sonntagabend (21.7.2013) in Kassel. Viel zu früh.

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