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Gebet


Gebet

Theologische Meditationen in der Fastenzeit


Gebet

Theologische Meditationen

in der Fastenzeit

Herausgegeben von Peter Walter

Universitätskirche Freiburg 2008


Elektronisches Original unter: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/6086/

© Freiburg im Breisgau : Universitätsbibliothek 2008

© Umschlag: Ida Köhne: Betender Jude am Laubhüttenfest, 1979 (Privatbesitz)

Skizzen von I. Köhne 1978, S. 6, 28, 36 und 42: Universitätsbibliothek Freiburg

ISBN 978-3-928969-35-2


5

Vorwort

Das Beten „ist dem Menschen schwer. Er muß sich darum immer wieder besinnen,

was eigentlich Gebet sei, und er darf nicht warten, bis es von selbst geschieht. Eine

Besinnung auf das Wesen und die Würde des Gebetes kann zum Antrieb werden,

wenigstens das eine Gott zu sagen: Herr, lehre uns beten!“ (Karl Rahner)

Nachdem die von Professoren der Theologischen Fakultät in Verbindung mit der

Kleinen geistlichen Musik gehaltenen Theologischen Meditationen in der Fastenzeit

2007 so guten Anklang fanden, wurde auch in diesem Jahr an den Samstagen

der Fastenzeit eine Meditationsreihe angeboten. Im Sinne des oben zitierten Textes

von Karl Rahner ging es darum, Hilfestellungen zur Besinnung auf das Wesen

und die Würde des Gebetes zu geben und zum Beten hinzuführen. Gerne entsprechen

wir dem Wunsch zahlreicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Texte der

Meditationen nachlesen zu können und die musikalischen Programme präsent zu

haben.

Für das Zustandekommen der Reihe danke ich den Kollegen sowie der Organistin

und den Organisten aufs herzlichste. Herr Prof. Dr. Albert Raffelt, der auch in diesem

Jahr die Programme mitgestaltet und als Organist mitgewirkt hat, hat dankenswerterweise

die Veröffentlichung betreut.

Peter Walter

Freiburg, im Hebst 2008


7

Inhalt

Vorwort 5

Bittgebet 9

Peter Walter 9

Programm 9

Meditation 11

Gebet 14

Litanei 15

Karl-Heinz Braun 15

Programm 15

Meditation 17

Aus der Namen Gottes Litanei 20

Klage 21

Werner Tzscheetzsch 21

Programm 21

Meditation 23

Beten – Selbstgespräch, Anrede, Dialog? 29

Bernhard Uhde 29

Programm 29

Meditation 31

Beten – Selbstgespräch? 31

Beten – Anrede? 33

Beten – Dialog? 34

Psalm 121 35

Gebet und Lebensdank 37

Magnus Striet 37

Programm 37

Meditation 39


8

Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit 43

Hubert Windisch 43

Programm 43

Meditation 45

Psalm 63 48

Das Gebet – Betender Jude am Laubhüttenfest 49

Albert Raffelt 49


9

Universitätskirche Freiburg i. Br.

Theologische Meditationen - Kleine geistliche Musik

9. Februar 2008, 16.00 Uhr

Bittgebet

"Wer bittet, der empfängt" (Lk 11,10)

Dietrich Buxtehude (1637-1707)

Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ (BuxWV 196)

Lesung: Lk 11,9-13

Dietrich Buxtehude

Nun bitten wir den Heiligen Geist (BuxWV 208)

Theologische Meditation: Professor Dr. Peter Walter

Georg Böhm (1661-1733)

Vater unser im Himmelreich

Gebet

Dietrich Buxtehude

Praeludium in g (BuxWV 149)

Prof. Dr. Albert Raffelt, Orgel


10

Das musikalische Programm sucht die Intention der Meditation über das Bittgebet dadurch

zu unterstützen, daß zum einen die Bitte an die drei Personen der Trinität in

Chorälen zum Ausgangspunkt genommen wird.

„Ich rufe zu Dir, Herr Jesu Christ“ und „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ werden in

Bearbeitungen von Dietrich Buxtehude vorgestellt. Erstere ist eine Choralphantasie

norddeutschen Typs, in der die einzelnen Zeilen des Chorals in unterschiedlicher Weise

in verschiedenen Stimmen verarbeitet werden; letztere ein schlichter Orgelchoral

mit dem verzierten Cantus firmus in der Sopranstimme.

Dies gilt zwar auch für Georg Böhms Choralbearbeitung des „Vater unser“ – des Bittgebets

schlechthin in seinem zweiten Teil –, allerdings hebt sich Böhm von der älteren

Tradition, die Buxtehude hier verkörpert, durch die nach Art eines Streichersatzes

komponierte Begleitung, die die vokale reichverzierte Solostimme trägt, deutlich ab.

„Das Resultat ist eine höchst expressive, opernartige »Aria«“ (Pieter Dirksen).

Das abschließende Praeludium Buxtehudes ist eine typische mehrteilige norddeutsche

Orgeltoccata. Zum einleitenden Figurenwerk tritt eine Baßfigur hinzu (Beispiel 1), die

sich als Ostinato herausstellt. Ihre letzte Phrase beschließt diesen Teil solistisch im Pedal.

Das Werk hat zwei Fugen, wobei die erste eine strenge Ricercar-Fuge im „alten

Stil“ ist (Beispiel 2), während die abschließende Fuge (Beispiel 3), die fast aus dem gleichen

Intervall-Material gewonnen ist, eine „fuga pathetica“ (Kerala J. Snyder) darstellt,

die das Werk repräsentativ beschließt. Der Verbindungsteil mit bewegtem Baß ist stilistisch

wie eine Continuo-Aussetzung angelegt. Vielleicht darf man die Wiederholungstendenzen

in diesem Werk (Ostinato, Schlußfigur ...) in ihrer Inständigkeit auch dem

Themenfeld der „Bitte“ annähern.


11

Bittgebet

Peter Walter

Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird

euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft,

dem wird geöffnet. Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange

gibt, wenn er um einen Fisch bittet, oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet?

Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wieviel mehr

wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.

(Lk 11,9–13)

„Wer bittet, empfängt“ (Lk 11,10)

Das ursprüngliche Jesuswort scheint kaum interpretationsbedürftig zu sein. „Seine

Sprache ist schlicht, und der Sachverhalt, auf den es zielt, ist einfach. […] Zwar

stellt Jesus eine Forderung. Aber er fordert keine Leistung, die uns schwerfallen

würde. Wir sollen uns nichts abverlangen, sondern nur verlangen. Das Handeln

Gottes könnte man insofern einfach nennen, als es keinen Einschränkungen unterliegt.

Aus der Unbestimmtheit dessen, was Gott uns gibt, scheint man schließen zu

dürfen, daß er gewillt ist, uns alles zu geben. Auf ein Gebot, dessen Erfüllung leicht

ist, folgt eine Verheißung, die schlechthin unbegrenzt ist – einfacher geht’s nicht

[…] Gerade diese Einfachheit bereitet uns indessen eigentümliche Verständnisschwierigkeiten.“

So formuliert es der Philosoph Michael Theunissen, der dieses

Jesus-Wort zum Ausgangspunkt einer wunderbaren philosophischen Meditation

gewählt hat, die er für die Festschrift zum 70. Geburtstag von Bernhard Welte, dem

langjährigen Präfekten dieser Universitätskirche, beigesteuert hat. 1 Dafür, daß

Menschen immer wieder die Erfolglosigkeit ihres Bittens erfahren, braucht man

Beispiele nicht zu suchen. Gott und den Menschen wohlgesonnene Ratgeber können

da leicht auf die Idee kommen, zu empfehlen, das Bitten zu unterlassen. Man

bringt den erhabenen Gott nicht in Verlegenheit und bewahrt sich vor Enttäuschungen,

wenn man Gott nicht mit seinen großen und kleinen Sorgen und Bitten

behelligt. Und christliche Ausleger, denen dieser deistische Ausweg sich nicht eröffnet,

versuchen die waghalsige Aussage ihres Meisters interpretierend zu relativieren.

Ja, man könnte vermuten, daß solches Relativieren bereits in der Fassung

dieser Spruchsequenz vorliegt, die wir eben gehört haben. Heißt es doch am Ende

1

Michael THEUNISSEN: Ho aiton lambanei. Der Gebetsglaube Jesu und die Zeitlichkeit

des Christseins, in: Jesus – Ort der Erfahrung Gottes. Bernhard Welte zum 70. Geburtstag.

Freiburg 1976, S. 13–68. Zitiert wird im Folgenden nach dem Wiederabdruck

in: Michael THEUNISSEN: Negative Theologie der Zeit. Frankfurt am Main 1991 (Suhrkamp-Taschenbuch

Wissenschaft. 938), S. 321–377; Zitat: S. 328f.


12

der von Lukas überlieferten Fassung: „Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren

Kindern gebt, was gut ist, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen

Geist denen geben, die ihn bitten“ (Lk 11,13). Da, wo der lukanische Jesus den

Heiligen Geist als Gabe Gottes verspricht, ist in der Parallele des Matthäusevangeliums

einfach vom Guten die Rede, das der Vater im Himmel denen gibt, die ihn

bitten (Mt 7,11). Nach Auffassung der Exegeten handelt es sich hierbei wohl um

die ursprüngliche Fassung. Sie sehen aber insgesamt in dem Logion sowohl in

seiner bei Matthäus wie in der bei Lukaus überlieferten Gestalt so viel aramäisches

Sprachkolorit, daß sie es für ein Wort des irdischen Jesus halten. Jesus, so kann

man sagen, setzt alles auf eine Karte. Er läßt keinen Raum für Ausflüchte: Euer

Vater im Himmel gibt euch Gutes, wenn ihr ihn bittet. Von dem, was für sie gut ist,

meinen die Menschen eine Vorstellung zu haben: Wohlergehen, Gesundheit,

Glück … Aber was ist, wenn mein Gebet darum nicht erhört wird? Die Gabe des

Geistes hingegen erscheint offener, unverfänglicher, nicht überprüfbar, und man

kann sich fragen, ob mit dieser kleinen Veränderung des ursprünglichen Jesuswortes

nicht seine spiritualisierende Interpretation anfängt.

Theunissen greift im Untertitel ein Wort Rudolf Bultmanns auf, der es in seinem

faszinierenden, vor über 80 Jahren erschienenen und noch immer aktuellen Jesus-

Buch geprägt hat, wo er vom „Gebetsglauben Jesu“ spricht. 2 Bultmann schreibt

hier: „… man kann nicht zweifeln, daß, wenn Jesus zum Bittgebet mahnt, dann die

Bitte im eigentlichen Sinn gemeint ist, d.h. im Gebet soll sich nicht die Ergebung in

Gottes unabänderlichen Willen vollziehen, sondern das Gebet soll Gott bewegen,

etwas zu tun, was er sonst nicht tun würde.“ 3 Jesus habe, so Bultmann, kein „theoretische[s]

Bedenken, wie das möglich sei; da für ihn der Gottesgedanke nicht

durch den Gedanken der Gesetzlichkeit charakterisiert ist. […] Das Weltgeschehen

beruht nach Jesu Glauben nicht auf einer gesetzmäßigen Notwendigkeit, sondern

auf Gottes freier Tat“ 4 . Jesus räsoniert nach Bultmann nicht darüber, wie seine

Aufforderung zum Bittgebet zum Gedanken der göttlichen Allmacht paßt, unter den

er, Bultmann, die philosophische Gotteslehre mit ihrem letztlich statischen Gottesbild,

der Auffassung von Gott als dem „unbewegten Beweger“, faßt. Nach Bultmann

ist es geradezu eine Anmaßung, auf das Bittgebet zu verzichten, um diesen

Gottesgedanken nicht zu gefährden. Ein deistisches Gottesbild ist nur anscheinend

ein Gott und den Menschen wohlwollendes Gottesbild. Vielmehr sieht Bultmann

darin eine Anmaßung. Der Mensch würde sich dann nämlich „eine Gottesanschauung

anmaßen, die er gar nicht hat. Würde er Gott als den Allmächtigen

schauen, würde ihm die Tatsache der Allmacht Gottes offenbar sein in seiner eigenen

Wirklichkeit, so hätte er freilich keinen Anlaß zu bitten.“ Aber das ist nicht

die Auffassung Jesu. Er „weiß, daß das gar nicht die tatsächliche Situation des

Menschen ist, für den Gott, der Allmächtige, zunächst der ferne Gott ist, also muß

er bitten, daß Gott ihm sein Handeln zeige.“ 5

2

3

4

5

Rudolf BULTMANN: Jesus. München – Hamburg 1965 (Siebenstern-Taschenbuch. 17),

S. 123–129.

Ebd., S. 127.

Ebd.

Ebd., S. 128.


13

Die Haltung, die Jesus gelebt hat, ist mit der Bezeichnung „Gebetsglaube“ treffend

charakterisiert. Er hat in dieser Haltung gelebt und er ist in dieser Haltung gestorben.

Die synoptischen Evangelien haben sie in der Getsemani-Szene verdichtet:

„Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will,

sondern was du willst [soll geschehen]“ (Mk 14,36). Der Gebetsglaube Jesu ist, um

noch einmal Michael Theunissen zu zitieren, das „grenzenlose Zutrauen zur grenzenlosen

Macht Gottes. […] Uns, den Menschen, wird nichts unmöglich sein, weil

ihm, dem Gott, nichts unmöglich ist, weil er in seiner grenzenlosen Macht alles

vermag. Im Vertrauen auf die Macht Gottes lebt aber nur, wer nicht auf seine eigene

Macht vertraut. […] Sich verlassen auf Gott heißt: sich selbst loslassen, sicher

seiner Subjektivität entäußern. Der Glaube ist demnach die Freiheit des Menschen

von sich selbst. Diese Freiheit aber entlastet auf eigentümliche Weise vom Druck

der Zukunft. Sie befreit von der Sorge um die eigene Existenz.“ 6 Aber auch dies

nicht, weil der Mensch Gott mit seinen Sorgen nicht zu nahe treten möchte, sondern

weil er hoffend darauf vertraut, daß Gott der im umfassenden Sinn des Wortes

Entgegenkommende ist. Er kommt uns entgegen, indem er uns Hoffnung

schenkt und Zukunft eröffnet. „Du hast mir Raum geschaffen, als mir angst war“

(Ps 4,2), betet der Psalmist. Diese Zusage vermag nicht nur in den Nöten dieses

Lebens die Enge unseres Herzens zu weiten, sondern auch an der Schwelle des

Todes Raum zu eröffnen für eine Zukunft, die kein Ende hat. „Amen. Komm, Herr

Jesus“ (Offb 22,20). Mit diesen Worten schließt (fast) die Offenbarung des Johannes,

und mit ihr das Neue Testament. Der Gebetsglaube Jesu wird zum Gebetsglauben

an Jesus, den treuen Zeugen.

Jesus ist Gottes Einladung an uns, ihm unser Leben, unsere Not und unsere Fragen

anzuvertrauen, im Gebet mit Jesus eins zu werden. Und so zeigt sich, daß der

lukanische Schluß unserer Perikope doch keine spiritualistische Ausflucht ist. Was

Jesus uns hier als Gottes Antwort auf unser Bitten verheißt, ist der Heilige Geist,

der Geist Jesu. Der Betende wird mit dem betenden Jesus eins, vereinigt sich mit

seinem Glauben, seiner Hoffnung, seiner Liebe. So hat übrigens Augustin die drei

Gaben, die der gute Vater nach der matthäischen Fassung des Logions seinem

Sohn nicht verweigert, gedeutet: das Brot statt eines Steines, den Fisch anstelle

einer Schlange und das Ei statt eines Skorpions. Diese Gaben stehen für Liebe,

Glaube und Hoffnung. Schön ist die Begründung für das Ei als Symbol der Hoffnung:

„Die Hoffnung ist noch nicht zur Sache gekommen. Das Ei ist etwas, aber es

ist noch nicht das Küken. Die Vierfüßler gebären Junge, die Vögel aber die Hoffnung

auf Junge.“ 7

Der Heilige Geist nimmt sich nach dem tiefen Wort des Paulus aus dem Römerbrief

„unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise

beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in

Worte fassen können“ (Röm 8,26).

Dies ist ein ungemein tröstliches Wort. Auch in unserem Nichtwissen, worum wir

bitten sollen, ist Gott gegenwärtig. „Tröste dich“, so läßt Blaise Pascal, der große

Denker und Gottsucher des 17. Jahrhunderts, Jesus sprechen: „Tröste dich, du

6

7

THEUNISSEN, S. 336.

AUGUSTINUS: Serm. 105, 7; PL 38, 621.


14

würdest mich nicht suchen, hättest du mich nicht gefunden.“ 8 Daß wir mit Gott an

kein Ende kommen, gibt uns die Zuversicht, daß er da ist.

Gebet

Nun bitten wir den heiligen Geist

um den rechten Glauben allermeist,

daß er uns behüte an unserm Ende,

wenn wir heimfahrn aus diesem Elende. Kyrieleis.

Du wertes Licht, gib uns deinen Schein,

lehr uns Jesus Christ kennen allein,

daß wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland,

der uns bracht hat zum rechten Vaterland. Kyrieleis.

Du süße Lieb, schenk uns deine Gunst,

laß uns empfinden der Lieb Inbrunst,

daß wir uns von Herzen einander lieben

und im Frieden auf einem Sinn bleiben. Kyrieleis.

Du höchster Tröster in aller Not,

hilf, daß wir nicht fürchten Schand und Tod,

daß in uns die Sinne nicht verzagen,

wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis. 9

8

9

Blaise PASCAL: Œuvres complètes. Ed. Louis LAFUMA. Paris 1963, S. 620; Übers. nach:

Blaise PASCAL: Die Mitte. Betrachtungen über den Menschen und über Christus. Ausgewählt

und eingeleitet von Albert RAFFELT. Mainz 1990 (Topos-Taschenbücher. 198),

S. 103.

Str. 1: 13 Jh.; Str. 2–4: Martin LUTHER 1524 (Evangelisches Gesangbuch. Karlsruhe

1995, Nr. 124).


15

Universitätskirche Freiburg i. Br.

Theologische Meditationen - Kleine geistliche Musik

16. Februar 2008, 16.00 Uhr

Litanei

„… euer Vater weiß, was ihr braucht,

noch ehe ihr ihn bittet“ (Mt 6,8)

Jehan Alain (1911-1940)

Variations sur un thème de Clément Jannequin (1937) JA 118

Lesung: Mt 6,7-15

Jehan Alain

Postlude pour l'office de Complies (1929) JA 29

Theologische Meditation: Professor Dr. Karl-Heinz Braun

Jehan Alain: Litanies

Litanei-Gebet

Jehan Alain

Joies, aus: Trois Danses (1937-1939) JA 120A

Prof. Martin Schmeding Orgel


16

Musikalisch steht in der Mitte der heutigen theologischen Meditation das Orgelstück

Litanies von Jehan Alain.

Das Stück hat biographische Hintergründe, die von alptraumbesetzten Skizzen zur endgültigen

Fassung am 15.08.1937 (Bittprozessionen an Mariä Himmelfahrt!) reichen,

wobei das folgende Motto der Druckfassung unter dem Eindruck des tödlichen Bergunfalls

seiner Schwester Marie-Odile hinzugesetzt wurde.

« Quand l’âme chrétienne ne trouve plus de mots nouveaux dans la détresse pour implorer

la miséricorde de Dieu, elle répète sans cesse la même invocation avec une foi

véhémente. La raison atteint sa limite. Seule la foi poursuit son ascension / Wenn die

christliche Seele in ihrer Verzweiflung keine (neuen) Worte mehr findet, um Gottes

Erbarmen anzuflehen, wiederholt sie ohne Unterlaß in einem leidenschaftlichen Glauben

die gleiche Anrufung. Der Verstand stößt dabei an seine Grenze, allein der Glaube

ist fähig, einem solchen Höhenflug zu folgen...».

Das Stück beginnt

einstimmig

mit einer

Variante des

unregelmäßigen Litanei-Themas, das in stetiger Veränderung wiederholt und über eine

gewaltige Schlußsteigerung – vom Largo-Einsatz im Pedal, über ein accelerando zum

Thema in einer Akkordkette in der linken Hand, die

auch der Komponist als kaum spielbar bezeichnete, und

rhythmischen Akkordschlägen zu dem dissonanten

Schlußakkord geführt wird.


17

Litanei

Karl-Heinz Braun

So sollt ihr beten:

Unser Vater im Himmel,

dein Name werde geheiligt,

dein Reich komme,

dein Wille geschehe

wie im Himmel, so auf der Erde.

Gib uns heute das Brot, das wir brauchen.

Und erlaß uns unsere Schulden,

wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern rette uns vor dem Bösen. (Mt 6,9–13)

„So sollt ihr beten...“, eine deutliche biblische Weisung Jesu.

Das Vaterunser ist das Gebet für die Christen. Es bedeutet, sich zu Gott, einem

liebenden, unendlich nahen Gott der unaussprechlichen Weite wenden zu können.

„Dein Reich komme“ – dass Seine Dimensionen erst die Kraft unseres Lebens

ausmachen. Und dafür brauchen wir die richtige Nahrung. Dieses Brot ist mehr als

nur Stoff, es ist Geist, ist Eucharistie. Und das heißt Danksagung durch Versöhnung,

immer wieder mit Gott, mit anderen und nicht zuletzt mit sich selbst.

Ein Gebet, liebe Zuhörer, ist das Vaterunser, das in seiner Kürze kein Ende kennt,

denn es kommt auf den Geist an, mit dem dieses Gebet gesprochen wird. Konzentration

ist nur eine Seite, doch auch schon sehr viel – wann haben Sie das letzte

Mal ein Vaterunser achtsam gebetet, beten können – in einem Gottesdienst etwa?

Das Vaterunser ist ein Geschehen-lassen, dass Gott sich als himmlischer Vater

zuwendet, Not wendet, Wendung und Wandlung ist…

Wann kann ein Mensch ein Vaterunser beten?

Wann haben wir Menschen denn einen Zugang in unser „stilles Kämmerlein“ (Mt

6,6)?

In der Innigkeit der Ruhe liegen der Schlüssel und die Kraft zur Gottesbegegnung.

Wie schwer ist es, dorthin zu kommen.

Als der Präfekt unserer Universitätskirche, Professor Peter Walter, mich einlud, einige

Gedanken zum Gebet zu sprechen, habe ich spontan an die „Litanies“ des

französischen Orgelkomponisten Jehan Alain gedacht, der im grausigen Zweiten

Weltkrieg neunundzwanzigjährig seinen Tod fand, 1940.

Vor vielen Jahren habe ich dieses grandiose Orgelstück gehört, ich selbst freilich

war sensibilisiert durch mein eigenes Orgelspielen, ich muss sagen: nach dieser

musikalischen Litanei war ich ein anderer.


18

Und als ich mir später die Noten besorgte und nachzuspielen begann, bescheiden

und nicht so genial wie nachher unser Organist, Professor Martin Schmeding, da

traf ich auf den Kompass, den Jehan Alain selbst mitgab. Vor den so rasch aufeinanderfolgenden

Noten hat Alain seiner Komposition eine Richtung gegeben. Er

schreibt auf seinem Notenblatt:

„Wenn die christliche Seele in ihrer Verzweiflung keine Worte mehr findet, um Gottes

Erbarmen anzuflehen, wiederholt sie ohne Unterlass in einem leidenschaftlichen

Glauben die gleiche Anrufung.“

– Sie macht viele, viele Worte, die gleichen oder dieselben… – Und Jehan Alain

weiter: „Der Verstand stößt dabei an seine Grenzen, allein der Glaube ist fähig, einem

solchen Höhenflug zu folgen“.

Die vielen, zahlreichen Worte einer Litanei sind ein Akt gegen die Verzweiflung,

sind mehr als ein Klagen; es ist wie das Entfachen einer gewaltigen Windböe, die

alles umhaut, was sich ihr entgegenstellt… eine Obsession, eine Hartnäckigkeit,

eine Dynamik, die ergreift. So und ähnlich erklärte Jehan Alain seine Komposition

(15. 8. 1937).

Seine Musik will betören, bezaubern, verändern, umwandeln – wie den inständigen

Beter einer Litanei.

Dabei klingen die Strukturen durchaus profan. Seiner kleineren Schwester, der

später großen Organistin Marie-Claire Alain, erklärte er, seine Musik klinge bisweilen

wie ein penetrantes Rattern einer großen Lokomotive mit einem zu kleinen

Tender. Tiefernstes und zugleich auch humorvoll Komisches, das ist Jehan Alain.

Das ist die Grammatik seiner Musik, mit diesen musikalischen Mitteln bringt er etwas

zum Ausdruck, das ihn selbst in den schwierigen Dreißiger Jahren des 20.

Jahrhunderts umgetrieben hat. Alpträume, innere Bedrängnis, Not. Seine Briefe

zeugen davon – und schließlich der Tod seiner Schwester Marie-Odile in den Bergen…

„Daß das Letzte nicht Enttäuschung sei“ (Karl Lubomirsky) – oder, Jules Lemaître,

der ihn 1935 zu einer Komposition anregte: „Die Angst zu fühlen, wie die Klage

sich im Nichts verliert“. Litaneien sind ein vehementes Kämpfen gegen eine Sinnlosigkeit.

Es ist ein Insistieren von Existenz, Expression gegen das, was einen drückt und

umbringen will. Litaneien erlauben den Menschen anzuklopfen, zu pochen, laut zu

werden, sich selbst mit den ureigenen Ängsten und Wünschen einzubringen – immer

wieder, immer neu – unabhängig davon, ob Menschen das anhören wollen, ob

sie es als unmöglich oder unzweckmäßig erachten.

Litaneien ermöglichen einem Menschen, authentisch zu beten. Was drückt, darf

geäußert werden, was eng macht, kann sich frei machen. Wenn ein Mensch so zitternd

und bebend sich einbringt, dann dringt das mitten in das Herz Gottes.

Gott weiß um die Not eines Menschen, es bedarf nicht vieler Worte, aber die Kraft

des eigenen Glaubens und Insistierens kann aktiviert werden, ist ein Schlüssel,

Gottes Zuwendung erahnen, ertasten, erfahren zu können: „Dein Glaube hat Dir

geholfen“, so erklärte es Jesus (Mk 5, 34).

Jehan Alain hat erfasst, wie das Beten einer Litanei verändern kann, wie der Betende

verändert wird, und er hat diese Erfahrungen, die er selbst durchmachen

musste, in Töne gesetzt.


Wenn wir ihnen folgen, dann reißen sie uns mit auf den Höhenflügen des Gebetes.

Es sind ja eigentlich nicht die Töne, es ist ihre Dynamik, es ist der Sog, der von ihnen

ausgeht, von ihrem hoch fliegenden Rhythmus; das kann aus Stumpfheit und

Ängsten, aus Gleichgültigkeit und Lethargie herausreißen, auch zu einem engagierten

Beten.

Hier darf das Ich pochen und trommeln, weil es weiß, dass dieses nicht irgendwo

im Nichts verschwebt, wie der Nachhall der Töne im Kirchenraum. Sie sind etwas

von dem „Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“, wie Paulus den Römern

erklärt (Röm 8,26), in denen aber eine Richtung steckt, die Richtung nach oben,

die uns herausholen will, aus den Ängsten oder nur aus der Unfähigkeit, zu etwas

noch fähig zu sein.

Unruhig ist unser Herz deshalb, damit es mit seiner Suche nach Gott nicht aufhört

(vgl. Augustinus, Confessiones I,1).

Diese Unruhe hat Jehan Alain gedrängt, seine Welt der „Freude und Hoffnung,

Trauer und Angst“ (Gaudium et spes 1) vor Gott zu tragen und zu Musik werden zu

lassen, um darin ein anderer zu werden – durch Gott, der unser Vater sein will.

19


20

Aus der Namen Gottes Litanei

Ich möchte Sie einladen, einen Auszug aus der Namen Gottes Litanei mitzubeten.

Möge das ein jeder so tun, wie es ihm möglich ist. Die Anrufung lautet: Zeige dich,

Gott

Gott im Himmel –

In unzugänglichem Licht –

In unserer Mitte –

Mitten in uns –

Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs –

Gott unserer Vorfahren –

Gott der Geschichte –

Gott hier in unserer Welt –

Ausgeliefert unserer Laune –

Ausgeliefert unserem Spott –

Ausgeliefert unserem Schweigen –

Ausgeliefert unserem Reden –

In der Einsamkeit –

In den Augenblicken des Glücks –

Im Leiden –

Im Tod –

In einer Welt ohne Gott –

In allem, was sich ereignet –

Gott unser Heil –

Unser Befreier –

Unsere Hoffnung –

Unsere Freude –

Eingeprägt in unseren Herzen –

Amen.


21

Universitätskirche Freiburg i. Br.

Theologische Meditationen - Kleine geistliche Musik

23. Februar 2008, 16.00 Uhr

Klage

„Ich liege wach, und ich klage

wie ein einsamer Vogel auf dem Dach“

(Ps 102,8)

César Franck (1822-1890):

Prélude, fugue, variation op. 18

Lesung: Ps 102, 1-13

Theologische Meditation: Professor Dr. Werner Tzscheetzsch

Johann Sebastian Bach (1685-1750):

Ich ruf’ zu Dir, Herr Jesu Christ

aus dem „Orgelbüchlein“, BWV 639

Gebet

Johann Sebastian Bach:

Praeludium und Fuge in c-Moll, BWV 546

Florian Naab Orgel


22

Das Präludium in César Francks Prélude, fugue, variation besteht aus einer natürlich

fließenden, wiegenden Melodie im 9/8.-Takt. Das zweite Thema durchschreitet in Achtel-Viertel-Folge

alle Intervalle... Nach einer homophonen Überleitung folgt die Fuge,

deren Themenkopf aus dem Thema des Prélude entwickelt ist. Die Variation beginnt

mit den Sechzehntel-Figuren, die das Thema dann begleiten.

Das dreistimmige

Choralvorspiel

aus Bachs Orgelbüchlein ist zu dem Text geschrieben: „Ich ruf’ zu dir, Herr Jesu

Christ, ich bitt’, erhör’ mein Klagen, / verleih’ mir Gnad’ zu dieser Frist, laß mich doch

nicht verzagen. / Den rechten Weg, o Herr, ich mein’, / den wollest du mir geben, / dir

zu leben, mein’m Nächsten nütz’ zu sein, / dein Wort zu halten eben.“ Der besonders

an den Zeilenschlüssen stark verzierte Cantus wird durch eine gleichmäßig pochende

(„rufende“) Bewegung (gebrochene Akkorde in der linken Handel, Achtelfolgen im Pedal)

untermalt.

Mit

eindrucksvollen

dialogischen Akkorschlägen eröffnet Bach eindrucksvoll das c-Moll-Wer k. H. Keller er-

den Chor

innert die pathetische Motivik („Schluchzmotiv“) an die c-Moll-Fantasie und

„O Mensch, bewein...“ aus der Matthäus-Passion, was die Einbindung in die Thematik

dieser Fastenmeditation unterstützt.

Während das

Praeludium

von BWV

546 als Leipziger

Arbeit

Bachs gilt,

die er möglicherweise

als

Einzelstück konzipiert habe, hat die Fuge einen weniger guten Ruf und wird z.T. sogar

als (von Bach korrigierte?) Schülerarbeit angesehen – doch das muß nicht so sein. Musikalische

Schönheit kann man ihr jedenfalls nicht absprechen.


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Klage

Werner Tzscheetzsch

Das Gebet eines Unglücklichen

[Gebet eines Unglücklichen, wenn er in Verzweiflung ist und vor dem Herrn seine

Sorge ausschüttet.]

2 Herr, höre mein Gebet! /

Mein Schreien dringe zu dir.

3 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir! /

Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! /

Wenn ich dich anrufe, erhöre mich bald!

4 Meine Tage sind wie Rauch geschwunden, /

meine Glieder wie von Feuer verbrannt.

5 Versengt wie Gras und verdorrt ist mein Herz, /

so dass ich vergessen habe, mein Brot zu essen.

6 Vor lauter Stöhnen und Schreien /

bin ich nur noch Haut und Knochen.

7 Ich bin wie eine Dohle in der Wüste, /

wie eine Eule in öden Ruinen.

8 Ich liege wach und ich klage /

wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.

9 Den ganzen Tag schmähen mich die Feinde; /

die mich verhöhnen, nennen meinen Namen beim Fluchen.

10 Staub muss ich essen wie Brot, /

mit Tränen mische ich meinen Trank;

11 denn auf mir lasten dein Zorn und dein Grimm. /

Du hast mich hochgerissen und zu Boden geschleudert.

12 Meine Tage schwinden dahin wie Schatten, /

ich verdorre wie Gras.

13 Du aber, Herr, du thronst für immer und ewig, /

dein Name dauert von Geschlecht zu Geschlecht. (Ps 102)

„Ich liege wach und ich klage / wie ein einsamer Vogel auf dem Dach“

(Ps 102,8).

Wie gut ich das kenne. Da liege ich und kann nicht mehr schlafen. Gerade noch

war ich – so meine ich – im Tiefschlaf. Jetzt bin ich wieder hellwach. Unaufhörlich

strömen mir Gedanken durch den Kopf, Bilder steigen auf, Szenen spielen sich ab.


24

Es will einfach nicht aufhören: Aufgaben, die nicht erledigt sind, Ereignisse, mit denen

ich mich nicht abfinden will. Beziehungsprobleme, die mir nicht lösbar scheinen,

finanzielle Fragen, die mich überfordern.

Sorgen bauen sich auf und gewinnen bedrohliche Kontur. Phantasien werden groß

und größer, mein Klagepotenzial steigt.

Die Schlafstörung entspringt den Fragen, die mir tagsüber begegnet waren. Für

ihre Beantwortung nahm ich mir im Trubel des Tages aber keine Zeit – vielleicht

wollte ich mir auch gar keine Zeit nehmen. Jetzt in der Nacht türmen sich die Fragen

immer mehr auf. Draußen ist es dunkel – auch in mir wird’s dunkel und dunkler.

Warum ist das alles nur so, wie es ist? Ich fühle mich getrieben, abhängig, ja

manchmal richtig verzweifelt, ganz und gar nicht glücklich. Und das Leben könnte

doch so einfach sein! Innerlich beginne ich zu bitten und zu flehen, dann brechen

stammelnde Worte aus mir heraus: Wer, wer – verdammt noch mal – hilft mir?

Diese Frage – spüre ich – stelle ich in die Leere, da hört mich keiner, da ist keiner.

Nein, es ist ganz still, atemberaubend still.

Diese Stille bestärkt mein Gefühl der Einsamkeit, ich bin allein, ganz allein. Ich bin

wie ein einsamer Vogel auf dem Dach.

Du glaubst doch an Gott, sage ich mir – oder rede ich mir das nur ein? Wo ist er

denn? Warum antwortet er mir nicht, warum lässt er mich allein?

Gott scheint so fern, weit weg, an mir nicht interessiert, er lässt mich hängen. Ich

bin wirklich allein, ganz allein.

Wo bist du, Gott? Wo bleibst du, Gott? Wohin hast du dich verzogen?

Darf ich so fragen? Darf ich so beten? – Wer sollte es mir verbieten?

Mir fällt der Karsamstag ein: Gott ist verschwunden, der Tabernakel ist leer. Die

Gottesferne ist menschliche Wirklichkeit. Und mir kommen die Worte aus dem

Psalm 22, die der sterbende Jesus am Kreuz spricht – oder sage ich besser: betet?

– in den Sinn: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Auch

diesem Psalm liegt das schmerzliche Wahrnehmen von Gottes Abwesenheit zu

Grunde: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem

Schreien, den Worten meiner Klage? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst

keine Antwort; ich rufe bei Nacht, und finde doch keine Ruhe“ (Ps 22, 2–3).

Wenn Jesus so betet, warum ich nicht?

Der Menschensohn macht selbst die Erfahrung der Einsamkeit, der Gottverlassenheit.

Wenigstens in dieser Erfahrung bin ich nicht allein. Ich teile sie mit dem, von

dem wir glauben, dass er Gottes Sohn sei. Mit dem Sohn Gottes, der unsere

menschliche Erfahrung in sich aufgenommen hat, auch die schreckliche Erfahrung

der Einsamkeit – einsam wir der Vogel auf dem Dach. Nach dem Freiburger Alttestamentler

Alfons Deissler ist dieser Psalm denn auch „besonders gut als ‚Gebet

Jesu zum Vater hin’ (zu) denken“. Über Jesus „lag von Anfang an der Schatten des

Todesleidens, das sich in der entschlossenen Feindschaft seiner Gegen früh ankündigte.

Heimatlos – ‚die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn

aber hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann’ (Lk 9,58) – ist er in der Frage seines

Leidens selbst im Apostelkreis ein einsamer Unverstandener (Mt 16,21–23). In

der entscheidenden Stunde fleht er selbst um ‚den Vorübergang des Kelchs“ (Mk


25

14,36), ‚brachte unter lautem Rufen und unter Tränen (vgl. V.10) Gebete und Flehrufe

vor den, der ihn erretten konnte vom Tode’ (Hebr 5,7).“ 1

Die Fragen, warum es dieses In-die-Einsamkeit-Gestoßen-Sein, wieso es das Leiden

an der Einsamkeit, warum es überhaupt das Leiden gibt, diese Fragen sind –

so kann ich aus der Bibel lernen – Gott selbst vorzulegen. Er muss darauf eine

Antwort geben – wer denn sonst?

Wenn ich ihn so fragend, klagend und anklagend anrede, ihn so zur Rechenschaft

ziehe, ist die Klage gewissermaßen von innen her ein Gebet, eine Anrede Gottes,

des Gottes, von dem ich nicht weiß, wo er sich versteckt hält.

Die Beterin oder der Beter unseres Psalmes hat bedrückende Sorgen, die aus einer

schrecklichen Krankheit rühren. Der Tod steht schon vor der Tür: „Meine Tage

schwinden dahin wie Schatten, ich verdorre wie Gras“.

Die Wirkungen der Krankheit auf diesen Menschen werden eindrücklich beschrieben:

Er stöhnt, er schreit, er hungert, er nimmt an Gewicht ab, ist nur noch „Haut

und Knochen“ – und die Krankheit hat auch eine Auswirkung auf seine Gottesbeziehung:

Er macht Gott für seinen erbärmlichen Zustand verantwortlich: „Auf mir

lasten dein Zorn und dein Grimm, du hast mich hochgerissen und zu Boden geschleudert“.

Hier deutet sich an, was im Buch Ijob, diesem Juwel der Weltliteratur, besonders

drastisch herausgestellt wird: Es gibt ein Leiden, das „schwerer wiegt als der Sand

des Meeres“ und das das Wirken Gottes so schrecklich verspürt, dass es wie giftige

„Pfeile des Allmächtigen“ im Menschen steckt (Ijob 6,3-4). Da gibt es keine vorschnelle

Vertröstung, kein Wegrationalisieren, keine Vogel-Strauß-Taktik, nein,

dieses Leiden ist da, mitten unter uns.

Die österliche Bußzeit, in der wir stehen, ist eine Zeit der Umkehr, eine Umkehr

nicht nach hinten, nicht nach rückwärts, sondern in die Gegenwart hinein, in die

Wahrnehmung des unaussprechlich Grausamen, Furchtbaren, Unerklärbaren hinein.

Sie ist aber auch eine Zeit der Umkehr nach vorwärts, in die Zukunft hinein.

Der Psalm deutet in Vers 13 diese Umkehr an. Aus der Klage heraus beginnt der

Lobpreis Gottes: „Du aber, Herr, du thronst für immer und ewig, dein Name dauert

von Geschlecht zu Geschlecht“. Und dieser Lobpreis mündet in eine Weissagung:

„Die Kinder deiner Knechte werden (in Sicherheit) wohnen, ihre Nachkommen vor

deinem Antlitz bestehen“.

Zurück zum Anfang. Meine in der Schlaflosigkeit erfahrene Einsamkeit, die durchlittene

Sinnlosigkeit mancher Stationen meines Daseins, mein Leiden unter der

Abwesenheit Gottes – das alles muss ich aushalten, aushalten lernen. Mich tröstet

bei alledem, dass Jesus, unser Bruder das alles auch mit- und durchgemacht hat.

Und er, der dieses menschliche Dasein von innen her kennt, es kennt auch mit den

Tiefen und Abgründen der aus Ängsten und Schrecken geborenen Schlaflosigkeit,

er wird kommen – wie im Glaubensbekenntnis gebetet wird – zu richten die Lebenden

und die Toten. Durch ihn komme ich mit meiner Einsamkeit bei Gott an.

Bei diesem Gott, der sich mir so oft entzieht.

1

Alfons DEISSLER: Die Psalmen. Düsseldorf 4 1984, S. 399.


26

Wenn ich nach einer Phase der Schlaflosigkeit wieder in den Schoß des Schlafes

zurückkehre, dann wünsche ich mir im Traum das Festmahl auf dem Berge Zion

am Ende der Zeiten:

„Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Volker ein Festmahl geben mit den

feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten

Speisen, mit besten, erlesenen Weinen.

Er zerreißt auf diesem Berg die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die

alle Völker bedeckt.

Er beseitigt den Tod für immer. Gott, der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht“

(Jes 25, 6–7).

Bis es aber soweit ist, werde ich – da bin ich ziemlich gewiss – noch viele Tränen

vergießen.


27

Du bist die Antwort nicht

auf unsere Fragen, Gott,

du bist kein Trost,

wenn wir nicht weiterkönnen

und an die Mauern

unseres Daseins stoßen.

Auch keine Zuflucht bist du

für unsere Unwissenheit,

du bist kein Lückenbüßer,

du bist für uns kein Weg

zu irgendeinem Glück

und keine Quelle unseres Wohlstands.

Du bist kein Grundsatz, Gott,

du bist uns kein Gesetz,

du mutest uns nichts zu,

du weißt nicht alles,

du bist nicht makellos,

nicht unbescholten,

du bist ein anderer,

du wehrst dich nicht.

Du läßt die Dinge laufen,

dahinleben läßt du uns,

du bist nicht hier,

nicht dort, nicht überall,

du bist nicht alles, Gott,

du sagst so wenig.

Was für einen Sinn hat das, Gott,

daß wir entzweit sind und gebrochen,

kannst du uns nicht heilen,

wie du Jesus, unsern Bruder,

aus der Macht des Todes befreit hast?

Wir bitten dich, mit ihm,

mach uns heil,

in Ehre stell uns wieder her,

erneuere die Gestalt dieser Welt,

trotz aller Sünden

bekleide uns mit deinem Licht,

deinem Heiligen Geist,

und mach uns unsterblich

heute und alle Tage unseres Lebens. 2

2

Huub OSTERHUIS: Ganz nah ist dein Wort. Wien – Freiburg – Basel 1969, S. 53

und 35.


29

Universitätskirche Freiburg i. Br.

Theologische Meditationen - Kleine geistliche Musik

1. März 2008, 16.00 Uhr

Beten – Selbstgespräch, Anrede, Dialog?

„...und stieg auf einen Berg, um zu beten...“

Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Ach Gott und Herr BWV 714

(Lk 9,29)

Lesung: Lk 9, 28-36

Franz Liszt (1811-1886)

Gebet (1879)

Theologische Meditation: Professor Dr. Bernhard Uhde

Franz Liszt

Les morts – Oraison (1860)

Gebet

Johann Sebastian Bach

Toccata und Fuge d-Moll BWV 538

Sebastian Küchler-Blessing, Orgel


30

Das Choralvorspiel über „Ach Gott und Herr,/ wie groß und schwer/ sind mein begangne

Sünden!/ Da ist niemand,/ der helfen kann,/ in dieser Welt zu finden.“ symbolisiert

den Dialog in der antwortenden Struktur des Kanons zw. Sopran und Tenor:

Die (fälschlich) sogenannte „Dorische Toccata“ von J. S. Bach ist ein durch und durch

dialogisch strukturiertes, konzertantes Werk. Der klangliche Kontrakst zwischen „Ober-

Fuge hat man „gleichweise erhabenen wie

werk“ und „Positiv“ wird dazu benutzt. Der

statischen Ausdruck“ bescheinigt. Sie ist im einzelnen sehr kunstvoll gestaltet: Vorhaltsumfangreiche

freie Passagen, schließlich Eng-

bildung, synkopische Bewegung ab T. 5,

führung des Themas.

Franz Liszts Gebet ist eine kurze meditative Komposition aus seiner römischen Zeit.

Aus Liszt Weimarer Zeit stammt die in mehreren Fassungen überlieferte „Oraison“ auf

ein Gedicht von F. Lamennais, dessen Strophen jeweils mit dem Refrain „Heureux les

morts qui meurent dans le Seigneur“ (Offb 14,13) enden.


31

Beten – Selbstgespräch, Anrede, Dialog?

Bernhard Uhde

Und es begab sich nach diesen Reden bei acht Tagen, daß er zu sich nahm Petrus,

Johannes und Jakobus und stieg auf einen Berg, um zu beten. Und da er betete,

ward das Aussehen seines Angesichts anders, und sein Kleid ward weiß und glänzte.

Und siehe, zwei Männer redeten mit ihm, welche waren Mose und Elia; die erschienen

verklärt und redeten von dem Ausgang, welchen er erfüllen sollte zu Jerusalem.

Petrus aber und die mit ihm waren, waren voll Schlafs. Da sie aber aufwachten,

sahen sie, wie er verklärt war und die zwei Männer bei ihm standen. Und es begab

sich, da die von ihm schieden, sprach Petrus zu Jesus: Meister, hier ist für uns

gut sein! Lasset uns drei Hütten machen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Und er

wußte nicht, was er redete. Da er aber solches redete, kam eine Wolke und überschattete

sie; und sie erschraken, da sie die Wolke überzog. Und es geschah eine

Stimme aus der Wolke, die sprach: Dieser ist mein auserwählter Sohn; auf den sollt

ihr hören! Und als die Stimme geschah, fanden sie Jesus allein. Und sie verschwiegen

es und verkündigten niemand in jenen Tagen, was sie gesehen hatten.

(Lk 9, 28–36)

Beten – Selbstgespräch?

„… und stieg auf einen Berg, um zu beten“

ER selbst, Jesus der Meister des Neuen Testaments, der doch Gott so nahe war,

er steigt auf einen Berg, um zu beten. Auf einen Berg: war nicht Mose auf einen

Berg gestiegen, um beim Herrn zu sein? Und heißt es nicht im Psalm 121: „Levavi

oculos meos in montes, unde veniet auxilium meum“ – „Erhoben habe ich meine

Augen zu den Bergen, von welchen meine Hilfe komme“, den Bergen, die „Frieden

bringen für das Volk“ (Ps 72)? „‚Deine Gerechtigkeit, Gott, steht wie die Berge Gottes.’

(Ps 35) Diese Liebe ist ein Berg, der hochaufragende Gottesberg… ‚Wer darf

hinaufziehn zum Berg des Herrn?’ (Ps 24)“ So Bernhard von Clairvaux (Über die

Gottesliebe X.27). Mose war Mensch, durch und durch, der Psalmist war Mensch,

Bernhard war Mensch: aber Jesus der Christus? Was sucht er die Bergeshöhe

auf?

Die Bergeshöhe: ein Bild für das dem Menschen Unzugängliche, die Bergeshöhe,

die gar in die Wolken dringt, aus denen der Ewige spricht: „Dieser ist mein auserwählter

Sohn; den sollt ihr hören“. Auf der Höhe des Berges hören die Apostel jene


32

Wahrheit, die von ihnen selbst nicht erkannt werden kann, ihnen unzugänglich

bleiben muß, wenn sie sich ihnen nicht selbst vergegenwärtigt. So reicht der Berg

von der Bergeshöhe hinunter zum Fuß des Berges, an welchem wir leben, hin zum

Tal, dem „Tal der Tränen“, aus dessen Tiefe wir rufen (Ps 130): der Berg aber ist

Grenze und Vermittlung, schwer zu begehen und der Gipfel für uns unerreichbar.

Dort, im für uns Unerreichbaren und verhüllt für uns, gefällt es dem zu wohnen (Ps

68,17), der alle Macht hat: der mit Blitz und Donner hervortritt und der im schweren

Wetter erscheint bei Ijob. Wirklichkeit und Wahrheit werden hier eins: der Berg und

das Bild des Berges sind ununterschieden.

Jesus also steigt auf einen Berg, „um zu beten“. Nur für uns, als Zeichen, sucht ER

die Nähe dessen, der überall nahe ist. Für uns, die wir wie die Apostel durch deren

Vermittlung wiederum IHN begleiten dürfen, ändert sich SEIN Äußeres, „da er betete“.

Und damit wird das vor menschliche Augen geführt, was die Stimme aus der

Wolke den menschlichen Ohren kundtut: der Sohn ist der reflektierte und reflektierende

Glanz des Vaters selbst, wie ER sich in der Auferweckung vollendet zeigt,

weshalb Mose und Elia dies Geschehen im Gespräch vorwegnehmen in die Vergegenwärtigung

des Künftigen. Das Gebet Jesu nun zeigt IHN, wie ER ist: ER und

der Vater sind eins. Und so wird dies Gebet nur äußerlich zu einem Gebet zu einem

Anderen: in Wahrheit ist es einem Selbstgespräch gleich, ein „Monologion“

Gottes, und dies für die Apostel, die ER mitnahm – nicht: die mitgingen! –, damit

sie Zeugen und Vermittler dessen werden, was auch Petrus zunächst nicht verstehen

und daher nicht verkündigen kann.

Was also ist die erste Bestimmung von Gebet, verstanden als Imitatio Christi? Ein

Selbstgespräch. Nun aber sind wir nicht Christus, nicht die Reflexion Gottes, ja

nicht einmal Mose, der das Antlitz des Ewigen nicht sehen durfte, denn „mein Antlitz

kannst du nicht sehen und leben“. Und doch: durch die Inkarnation hat sich

Gott selbst im Menschen niedergelassen, ER bewohnt das Innerste des Menschen,

ja mehr noch: „Tu autem eras interior intimo meo et superior summo meo“ –

„Du jedoch warst tiefer in mir als mein Innerstes und höher als mein Höchstes“, wie

der heilige Augustinus Confessiones III,11, sagt im Anhalt an Paulus, den Apostel:

„Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

Und so ist unser Gebet zunächst ein Selbstgespräch mit uns selbst, wie ER mit

dem Vater ein Selbstgespräch führt: mit uns und mit Christus in uns. Aber auch mit

uns, jedes Ich mit seinem Ich: der Betende – auch im Ritualgebet – spricht zunächst

mit sich selbst und sucht so zu sich selbst zu finden, indem er sich in

sprachlicher Form darstellt und einen Prozeß der Selbstklärung durchwandert: was

will ich, was will ich nicht, wer bin ich, wer bin ich nicht. Mir antwortet keine Stimme

aus der Wolke: zunächst bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, auf den weiten

Weg in die Tiefe der eigenen Person, unter deren Tiefen Christus verhüllt ist wie

Gott auf der Bergeshöhe. Und im Selbstgespräch des Gebetes wird die Differenz

zwischen IHM und mir in mir selbst deutlich. Beten ist Kennen – Lernen des Ich.


33

Beten – Anrede?

„… und stieg auf einen Berg, um zu beten“

Nun ist Gebet aber auch Anrede, Anrufung: eben jenes andere Höhere wird angerufen,

das in der Höhe mit Macht thront, uns unzugänglich in Erhabenheit, zu uns

hervortretend in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Eben dieses Hervortreten wird

berufen, erfleht, erbeten – sei es die Sonne, sei es die Person des Schöpfergottes,

der sich dem Menschen geoffenbart hat und so eine Anrufung überhaupt erst ermöglicht,

Anrede dessen, der in Liebe hervorgetreten ist: „Er liebt sie, und sie lieben

ihn“ (Koran 5,54), und der so eine Liebe zu sich erst ermöglicht als Ersthandelnder.

Die im Gebet verwahrte Anrede an das Ich ist auch eine Anrede an das Du, ermöglicht

durch jenes Du selbst. Dies ermöglicht Jesus der Christus uns, indem er

uns zu beten lehrt: „Vater unser…“ (Lk 11,2 ff.). Die Anrede, wenn sie nicht ins

Leere gehen soll und damit den ihr eigenen Sinn der Anrede verliert, wird erst

durch den Angeredeten selbst ermöglicht, gleichsam als Geschenk an den betenden

Rufer: die Erlaubnis zu beten ist bereits selbst ein Geschenk.

Jesus nimmt die Apostel mit auf den Berg, mit auf jene Höhe, die höher ist als alles

in ihnen. Und Jesus betet: eben diesem Geschehen Zeugen zu sein ist für die

Apostel bereits Geschenk, ist für uns bereits Geschenk. Und so liegt das Geschenk

der erlaubten Anrede an Gott selbst bereits in der Erlaubnis dieser Anrede.

Dies begründet jene meditativen Gebetsformen, wie sie im christlichen Hesychiasmus,

aber auch im islamischen sufischen Dhikr geübt werden: Gebetsformen,

die den Betenden selbst zur Ruhe bringen sollen, weil er in der vollkommenen Anrede

des Anderen sich selbst gleichsam vergisst und im „Du“ Gottes versinkt oder

gar verbrennt.

Zur Anrede an sich selbst wird dem betenden Rufer die Anrede an einen Anderen

zuteil als Geschenk.

Wie aber den „Anderen“ anreden, es sei denn, er lehrte es selbst – und ist diese

Belehrung nicht eine poetische Umschreibung für eine Anrede ohne Angeredeten,

ein Phantasma? Wir sind ja nicht mehr Kinder, die unseren Vorfahren gleich einen

Blitz für eine Antwort des höchsten Gottes halten können, nicht mehr Kinder, die

jedes uns – noch – unerklärliche Geschehen auf das Wirken Gottes selbst, gar auf

Antworten Gottes auf unsere Anfragen interpretiert. Wie also?

Und doch setzt Beten als Anrede die Annahme eines Anderen voraus. Und auch

wenn es IHN nicht geben sollte: den Anderen gibt es, und es gibt ihn als Imago

Dei. Und so lehrt Beten als Anrede, von sich selbst abzusehen, sich nicht als Subjekt

von Allem zu begreifen, sich weniger wichtig zu nehmen, kurz: Demut. Und so

lehrt Beten als Anrede dieses: Beten ist Kennen-Lernen des Anderen.


34

Beten – Dialog?

„… und stieg auf einen Berg, um zu beten“

Wie aber? Gebet als Anrede, Anrufung? Gar als Dialog? Und wie oft haben Menschen

zu Gott gebetet, ihn angeredet, ihn angerufen, und Er scheint sie nicht zu

erhören. Wie oft erschallt das „Kyrie eleison“, ohne daß wir das Erbarmen Gottes

bemerken? Gibt es denn kein Theodizee-Problem, ist trotz der geglaubten unendlichen

Güte Gottes nicht vieles Entsetzliche auf dieser Erde, eben diesem „Tal der

Tränen“?

Die Schrift läßt eine Antwort erschallen, die uns Menschen auf Erden nicht zuteil

werden kann: „Dieser ist mein auserwählter Sohn…“ Wir sind nicht Christus, der

unser Meister ist: und so sehen die Apostel „Jesus allein“, denn nur ihm kann diese

Antwort gelten. Und wir glauben nicht mehr an Antworten, wir glauben auch nicht

an die Antworten der Orakel von Dodona und Delphi, an die Sprüche der Sybille

von Cumae, auch wenn diese zusammen mit David im „Dies irae“ Erwähnung findet.

Die Tempel sind zerfallen, die Höhle der Sybille leer. Die Bergeshöhe ist uns

unzugänglich,

Die Bergeshöhe ist uns unzugänglich, jenes unzugängliche Licht, in dem der Ewige

wohnt und thront. Und so kommt er uns entgegen, er steigt den Berg hinab in

den Schmutz der Futterkrippe von Bethlehem, in den Morast um das Marterkreuz.

Zu uns hinab steigt er, wie der Hirte dem verirrten Schaf nachgeht – und so gibt er

uns Antwort auch auf unser Gebet, ja er spricht zu uns im Dialog: jener Christus,

der uns in der Schrift entgegentritt, uns mitnimmt. Das Gebet ist Selbstgespräch,

Anrede und Dialog: die Antwortrede ist in den Evangelien zu hören für den, der

Ohren hat, zu hören. Selten wohl spricht Gott unmittelbar wie zu Don Camillo, selten

wohl auch zu den erwählten Heiligen. Aber er spricht zu uns antwortend durch

Vermittlung der Schrift, aber auch durch Vermittlung von Menschen, die uns antworten

auf unsere Bitten und Sorgen, wie wir sie im Gebet vortragen mögen, die

sich uns zuwenden als dem geringsten der Brüder. Mose und Elia – Menschen –

sprachen auf der Höhe des Berges zu Jesus: und so ist uns durch Christus selbst

gezeigt, daß Menschen auch für uns Antwort sein können, Menschen, die im Namen

des Herrn sprechen und handeln. Und so ist Beten Kennen-Lernen der Antwort.

„… und stieg auf einen Berg, um zu beten“

Wir dürfen uns vergegenwärtigen, was Gebet sein kann: Kennen-Lernen des Ich,

des Anderen, der Antwort.

Beten wir, daß uns dieser Weg auf die Höhe des Berges gelinge, den „Bergen, die

Frieden bringen“ (Ps 72).


35

Psalm 121

Erhoben habe ich meine Augen zu den Bergen,

von welchen meine Hilfe komme.

Meine Hilfe kommt vom HERRN,

der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,

und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels

schläft und schlummert nicht.

Der HERR behütet dich;

der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,

daß dich des Tages die Sonne nicht steche

noch der Mond des Nachts.

Der HERR behüte dich vor allem Übel,

er behüte deine Seele.

Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang

Von nun an bis in Ewigkeit.


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Universitätskirche Freiburg i. Br.

Theologische Meditationen - Kleine geistliche Musik

8. März 2008, 16.00 Uhr

Gebet und Lebensdank

„Weshalb zogst du mich aus dem Mutterschoß?“

Marcel Dupré (1886-1971):

Lamento, op. 24 (1926)

(Ijob 10,18)

Lesung : Ijob 10,18-22.

Olivier Messiaen (1908-1992):

Monodie (1963)

Theologische Meditation: Professor Dr. Magnus Striet

Jean-Jacques Grunenwald (1911-1982):

Adoratio (1964)

Gebet

Jehan Alain (1911-1940):

Fantasmagorie (1935)

Bernhard Schmidt, Orgel


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Klage, Zerrissenheit, Dunkel stehen im Mittelpunkt des Ijob-Textes. Das musikalische

Programm korrespondiert mit der Thematik.

A mes chers amis … En mémoire de leur cher petit Donald, schrieb Marcel Dupré seine

Klagemusik:

Olivier Messiaens Monodie ist ein einstimmiges (!) Orgelwerk. Aus der Intervallspannung

und der differenzierten Rhythmik, die Messiaens Studien des Vogelgesangs erkennen

läßt, gewinnt es seine Aussage.

Die Adoratio von Jean-Jacques Grunenwald ist in ihrer Thematik von der Gregorianik

her inspiriert. Das vierteilige Stück beginnt „comme une litanie“ und hat einen „mystisch“

anmutenden Schluß.

Die Fantasmagorie von Jehan Alain ist mit den intensiven Motivrepetitionen T. 25ff.

zum einen eine Vorstufe der am 16.2. hier gespielten Litanies. Die Stimmen klingen in

anderen Lagen als gespielt, dem Irritierenden eines „Trugbilds“ entsprechend.

Die hier zum Ausdruck kommende Vielfalt der musikalischen Stile des 20. Jahrhunderts

mag ebenfalls als korrepondierend mit dem Thema Spannung und Zerrisenheit angesehen

werden.


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Gebet und Lebensdank

Magnus Striet

Warum ließest du mich aus dem Mutterschoß kommen, / warum verschied ich nicht,

ehe mich ein Auge sah? Wie nie gewesen wäre ich dann, / vom Mutterleib zum Grab

getragen. Sind wenig nicht die Tage meines Lebens? / Lass ab von mir, damit ich

ein wenig heiter blicken kann, bevor ich fortgehe ohne Wiederkehr / ins Land des

Dunkels und des Todesschattens, ins Land, so finster wie die Nacht, / wo Todesschatten

herrscht und keine Ordnung, / und wenn es leuchtet, ist es wie tiefe Nacht.

(Ijob 10,18-22)

„Weshalb zogst du mich aus dem Mutterschoß?“ (Ijob 10,18)

Das Thema des Lebensdankes berührt ein weites Feld, vielleicht ein menschlich

betrachtet zu weites Feld. Denn als ausgesprochener Dank ist und bleibt er ambivalent.

In diese Ambivalenzstruktur gerät er, wenn wir ihm seine unbefragte

Selbstverständlichkeit nehmen. Natürlich, möchte man ausrufen, warum nicht danken

für das Daseindürfen. Und warum nicht diesen Dank an Gott adressieren. Berühmt

sind die Verse von Matthias Claudius: „Ich danke Gott, und freue mich/ Wie's

Kind zur Weihnachtsgabe,/ Daß ich bin, bin! Und daß ich dich/Schön menschlich

Antlitz habe.“ Unendliche Male wurden diese Verse schon bepredigt. Fröhlich und

dankbar soll der Mensch sein Dasein annehmen, und vor allem: Sich in allem Gott

überlassen: „Er gibt dem Sperling auf dem Dach, wie sollt er’s mir nicht geben“,

heißt es weiter. Ja, möchte eine eingewöhnte Stimme in mir einstimmen, so ist es.

Was könnte es auch Schöneres geben, als sich unter dem Segen Gottes zu bequemen

zu dürfen.

Doch so einfach ist es nicht. Den biblischen Ijob widert eine solche Leichtfertigkeit

des Seins an. Gebeutelt vom Schicksal, wehrt sich alles in ihm, großzügig Einverständnis

mit Gott zu zeigen. Schuldlos bin ich, darauf besteht er, und doch quält

ihn das Leben. Warum? Der Lebensdank Gott gegenüber, seinem Schöpfer,

scheint unmöglich zu werden. Die Erinnerung an die schönen Momente des Lebens

verblasst. Nicht Dank, sondern Vorwurf füllt den Raum: Warum zogst Du

mich aus dem Mutterleib? Die Freude, da sein zu dürfen, vergeht Ijob. Nicht der

Tod ist das Unglück, sondern die Geburt. Nicht mehr verlangt das Seindürfen nach

dankbarer Antwort dem gegenüber, der dieses ermöglich hat. Sondern das Seinmüssen,

das bereits ins Dasein Ausgestoßensein, provoziert Fragen, verlangt


40

nach Antworten, lässt nach der Menschlichkeit Gottes, der dieses zumutet, fragen

– löst einen abgründigen Protest aus.

Die Frage Ijobs Warum zogst Du mich aus dem Mutterleib? ist immer wieder gestellt

worden. Der biblische Ijob konnte sich noch beruhigen, den Lebensdank

schließlich noch zollen. Er weiß zwar keine Antwort auf die Frage, warum ihn

grundlos diese elendigen Schicksalsschläge treffen. Aber er beugt sich dem, der

größer ist, dem Schöpfergott. Die modern gewordene Welt geht da gnadenloser

mit Gott um; sie lässt sich nicht mehr beruhigen. Der Mensch rebelliert, entzaubert

Gott und die Welt; die Welt wird Welt, entfernt sich aus dem Glauben, Gottes gute

Schöpfung zu sein.

Der moderne Entzauberungsprozess Gottes durch den Menschen geschieht nicht

aus prometheischer Willkür, sondern weil der geglaubte Gott sich vorenthält, von

seiner Barmherzigkeit nichts gespürt wird. Der Mensch zieht nur noch den

Schlussstrich unter die leidige Geschichte des Vermissens Gottes. Gott ist tot,

heißt es bei Nietzsche schließlich, und: Wir haben ihn getötet. Und der Lebensdank?

In nachgöttlichen Zeiten wird der Lebensdank zu einem weltlich Ding. Wem

soll er noch gelten, wenn kein Gott existiert? Soll man ihn in die Leere sagen?

Aber der für tot erklärte Gott bringt den Menschen in eine Situation, die für ihn nicht

minder prekär ist. Beim Literaturwissenschaftler George Steiner findet die Frage

Warum zogst Du mich aus dem Mutterleib? einen anderen Adressaten: den Menschen.

Kinder, die gequält werden durch die Natur, können ihren Eltern diese Frage

stellen. Wusstet ihr nicht um das einzig gewisse Menschenschicksal, nämlich

sterblich zu sein, dass ihr mir dieses zumutetet: Dass ihr mir zumutetet, unausweichlich

auf den Tod zuzulaufen?

Vorwürfe an die modern gewordene, diesseitsorientierte Welt sind schnell gemacht.

Es gibt die pulsierende Gier nach Lust, nach dem alle Möglichkeiten ausschöpfen

wollenden Erleben des Lebens, das die Verbindlichkeit scheut. Aber ist

dies vielleicht die Konsequenz davon, Gottes verlustig worden zu sein? Wird die

Verbindlichkeit vielleicht nur deshalb gescheut, weil man untröstlich melancholisch

darum weiß, dass alles der unendlichen Gefräßigkeit der Zeit zum Opfer fallen

wird? Weil allem das zukünftige Nichtmehrsein bereits jetzt anzusehen ist? Auch

der Vorwurf der künstlichen Manipulation des Lebens, seiner vorgeburtlichen Selektion

ist schnell gemacht. Und es bleibt ja auch dabei, dass menschliches Leben

entweder menschliches Leben ist und deshalb unbedingt schützenswert ist oder

nicht. Aber – ist nicht doch auch die Furcht davor nachvollziehbar, die Frage gestellt

zu bekommen Warum gabt ihr mir das Leben? „Auch noch Kinder? Gottverhüte“.

Dieser Vers findet sich in einem Gedicht Peter Rühmkorfs. Ja, wie rechtfertigen

wir, den Tod zu zeugen?

Es sind schwierige Fragen. Wer des Lebensdankes fähig, noch fähig ist und ihn im

Gebet an Gott richten kann, wird sich der Ambivalenz dieses Dankes bewusst bleiben.

Für das eigene Leben, das Daseindürfen, für das Dass ich bin, bin dankbar

sein zu sollen, kann im Verlauf eines Lebens schon kompliziert genug werden. Zu

meinen, dass Gott schon das Nötige zum Leben geben wird wie dem Spatze auf

dem Dache, entbehrt jeder Grundlage. Er gibt, ja, aber gemessen an dem, was

viele Menschen bräuchten, um leben zu können, zu wenig. Und damit zeigt sich

schon die prekäre Zuspitzung des Lebensdankes. Selbst wenn ich diesen Dank für


mich aufbringe, Einsamkeit und Enttäuschung, Mangel und Todesbewusstsein

mich in meinem Dankbarseinwollen nicht zermürben, die guten Momente des Lebens

in der Erinnerung nicht verblassen, so bleibt doch die Frage: Und was ist mit

den anderen?

Der Glaube an den Gott Israels hat die Menschheit vermenschlicht. Nicht zuletzt

dadurch, dass er dafür sensibilisiert hat, dass der Mensch nicht allein lebt – ja

dass er dazu imstande ist, sich in einem moralischen Universum wissen zu wollen,

das ausnahmslos alle Menschen einschließt. In den Dank für das eigene Leben

geht dann ein, auch in diesem Dank mit ausnahmslos allen Menschen verbunden

zu sein. Aber kann ich dankbar für das Dasein eines menschlichen Lebens sein,

das durch die Biologie entsetzlich gequält wird? Verliefe eine solche Dankbarkeit

nicht nahe am Zynismus und wäre die Wahl der – freilich nicht existierenden –

Möglichkeit, dass dieses Leben gar nicht existierte, die menschlichere Reaktion?

Wir haben diese Wahl nicht, sondern können uns nur verhalten zu dem, was bereits

gelebt worden ist, gelebt wird und gelebt werden wird. Mehr ist uns endlichen

Wesen nicht möglich.

Was ist dann mit dem Lebensdank? Wir danken zunächst nicht für das, was Menschen

zustößt. Ein solcher Dank ist dem Menschen mit einem menschlichen Antlitz

verwehrt. Aber die Frage, die uns unausweichlich vorgelegt ist, auch wenn wir sie

uns nicht ausgesucht haben, lautet: Wollten wir wirklich, dass dieses alles besser

nicht wäre? Dass die Begegnungen, die uns erfüllen und schließlich vielleicht enttäuschen,

die eingegangenen Versprechen, das hoffentlich unverkrampfte Lachen

der Kinder und das faltenvertiefte Gesicht der Alten, das Erleben der Schönheit der

Natur und dessen, was wir Kultur nennen, die Kunst und die Musik –, wollen wir

wirklich wünschen, dass dieses alles nicht ist? Dürften wir es für besser halten,

dass dieses alles besser nicht wäre? Es keinen Menschen gäbe mit diesem schön

menschlichen Antlitz, wie Matthias Claudius berührend formuliert?

Der Lebensdank verweigert sich dem aufkeimenden Wunsch, es wäre vielleicht

besser gewesen, kein Mensch wäre je aus einem Mutterschoß gezogen worden.

Er freut sich über das Ich bin, bin und er freut sich über das Sein der Anderen, aller

Anderen – so unvorstellbar dies angesichts dessen anmuten mag, was Menschen

widerfahren ist an Schicksalsschlägen und was Menschen aus dem Geschenk ihrer

Freiheit Entsetzliches gemacht haben.

Dem Gläubigen wird dieser Lebensdank dennoch möglich. Nicht leichtfertig, vergessend,

sondern weil er mit einem Gott rechnet, der noch Möglichkeiten für die

Zerbrochenen und Zerschlagenen hat. Und auch dankt er stellvertretend für die,

die nicht mehr danken können, weil sie nicht mehr sind oder weil sie durch das Leben

zermürbt sind. Deshalb stimmt er in aller Dankbarkeit auch die Klage an. Niemand

lebt für sich allein. Dem Menschen, der in einer menschlichen Weise dankbar

ist, wird deshalb aber auch die Klage umso dringlicher und intensiver.

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Universitätskirche Freiburg i. Br.

Theologische Meditationen - Kleine geistliche Musik

15. März 2008, 16.00 Uhr

Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit

„Prüft alles, und behaltet das Gute!“

(1 Thess 5,21)

Georg Böhm (1661-1733)

Vater unser im Himmelreich

Lesung: 1 Thess 5,16-22

Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Vater unser im Himmelreich, BWV 636 und BWV 737

Theologische Meditation: Professor Dr. Hubert Windisch

Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847)

Sonate 6: „Vater unser im Himmelreich“, op. 65,6 (Variationen)

Gebet

Felix Mendelssohn-Bartholdy

Sonate 6: „Vater unser im Himmelreich“ op. 65,5 (Fuga, Finale)

Ingrid Heinrich, Orgel


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Die musikalische Gestaltung der Meditation legt Bearbeitungen der Lutherschen Lied-

Fassung des christlichen Gebets schlechthin zugrunde.

Georg Böhms ariose Bearbeitung wurde schon am 9.2. hier gespielt:

Die erste der beiden Bearbeitungen J. S. Bachs entstammt dem „Orgelbüchlein“. Der

ausgezierte vierstimmige Satz ist durch „Ruhemotive“ (A. Schweitzer) gekennzeichnet.

Das allein überlieferte frühe Werk

BWV 737 ist ein mit imitierenden Motiven harmonisierter Choral.

Felix Mendelssohn-Bartholdys Orgelsonaten sind für die Gattungsgeschichte der Orgelmusik

im 19. Jahrhundert prägend gewesen. Die eindrucksvolle sechste Sonate wurde

auch in Zeiten, als man die Orgelmusik des 19. Jahrhunderts gering schätzte, oft gespielt.

Den Variationen des Chorals folgt eine Fuge, deren Motivik (Themenkopf, absteigende

Linie) aus dem Choral gebildet ist.

Der Schlußsatz hat unüberhörbar Anklänge an F. Schuberts „Tränenregen“ und beschließt

meditativ den ganzen Zyklus der Orgelsonaten.


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Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit

Hubert Windisch

Freut euch zu jeder Zeit!

Betet ohne Unterlass!

Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört.

Löscht den Geist nicht aus!

Verachtet prophetisches Reden nicht!

Prüft alles und behaltet das Gute!

Meidet das Böse in jeder Gestalt!

(1 Thess 5,16–22)

„Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21)

Ignatius von Loyola (1491–1556), der Gründer des Jesuitenordens, gilt gemeinhin

als der Vertreter einer christlichen Frömmigkeit, die auf der Basis eines exakten

methodischen Vorgehens vor allem Ordnung in das Glaubensleben bringen möchte.

Nicht zuletzt sein berühmtes Werk der Geistlichen Übungen, das Exerzitienbuch

also, hat Ignatius diesen Ruf eingebracht. Gewiß, manch unbedarfter Vertreter

des Jesuitenordens hat im Laufe der Geschichte das Seine dazu beigetragen,

daß in bezug auf das Grundanliegen des heiligen Ignatius der falsche Eindruck

entstehen konnte, als ginge es ihm vorrangig um methodische Spielereien oder um

ein zwanghaftes Regelsystem von Übungen. Sicher ist nicht zu bestreiten, daß

Ignatius Ordnung ins Glaubensleben bringen will. Aber es geht ihm immer um eine

innere, um eine geistliche Ordnung. All das, was wir leben und erleben, soll auf

Gott hingeordnet werden, unsere Wirklichkeit auf Seine Wirklichkeit, unser Tun auf

Seinen Willen. Kurz gesagt geht es Ignatius bei aller Betonung methodischer

Strenge und bei aller Anmahnung von Übungstreue darum, daß wir Gott in allen

Dingen suchen und finden, im heutigen Tag ebenso wie in unseren großen Herkünften

und Zielen.

Hinter dieser ignatianischen Einstellung steht die praktische Erkenntnis, daß uns

Gott durch die Wirklichkeit umarmt. Eine riskante Aussage, wenn man sich die

Wirklichkeit tagtäglich vor Augen führt, sei es auf der weiten Welt oder nur in einer

Straßenzeile. Wir müssen also differenzieren. Denn nicht alles, was geschieht, ist

Gottes Wille, aber in allem, was geschieht, dürfen und sollen wir nach dem Willen

Gottes suchen, fragen und, wo nötig, auch schreien. Eine zweifache Zuversicht

wird uns dabei zuteil: Gott ist zum einen nicht neben meiner Wirklichkeit, sondern


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in ihr und durch sie gegenwärtig, und zwar in guten und in bösen Tagen. Und zum

anderen ist Gott nicht nur an der Oberfläche meines Lebens gegenwärtig, sondern

bis auf dessen Grund. Vielleicht wird diese Sicht durch einen Gedanken von Pater

Alfred Delp SJ zugänglicher, den er in einem Brief aus dem Gefängnis in Berlin-

Plötzensee kurz vor seiner Hinrichtung niedergeschrieben hat:

„Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.

Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden

hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus

Gott herausströmen. Dies gilt für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will

Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort. Die

Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes

Bewußtsein und dauernde Haltung zu machen bzw. werden zu lassen. Dann wird

das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“

Einen Widerhall findet diese ignatianische Absicht und Einstellung im Gebet der

liebenden Aufmerksamkeit, dessen Namen der Jesuit Willi Lambert in den 70iger

Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt hat. Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit

ist eine Gebetsweise, mehr noch ein Gebetsbewußtsein, in dem auf besonders

wache Art die göttliche Umarmung durch die Wirklichkeit wahrgenommen

wird. Ignatius selbst sprach diesbezüglich von Gewissenserforschung bzw. von

Tagesauswertung und er nannte dieses Gebet die wichtigste Viertelstunde im Laufe

seines Tages. Es geht bei diesem Gebet darum, meine alltägliche Wirklichkeit

mit allen Freuden und Hoffnungen, mit aller Trauer und aller Angst (vgl. Gaudium

et spes 1) auf ihren Brunnenpunkt hin zu durchschauen und zu erhorchen. Es ist

wie bei manchen Ratespielen, so Willi Lambert, bei denen es durch ein Tuch hindurch

Gegenstände zu erfühlen gilt. Meine Wirklichkeit ist gleichsam das Tuch, das

Gott verbirgt und offenbart zugleich. Das Gebet der liebenden Aufmerksamkeit ist

nun der Versuch, in „Tuchfühlung“ mit Gott in meinem Leben zu kommen und in

meiner Wirklichkeit Seine größere, Seine tiefere Wirklichkeit zu ertasten. Manchmal

sind freilich unsere tastenden Glaubensfinger so steif und unbeweglich und

unbeholfen und erscheint uns die Decke der Wirklichkeit so dick und dicht und

starr, daß wir nichts zu erfühlen glauben außer unserem nervösen, zittrigen, verkrampften

und ungeschickten Fingerspiel. Das darf uns nicht erschrecken. Es ist

mir ja kein Automatismus einer Gebetserhörung versprochen. Wir sollen nur Tag

für Tag treu ausharren in liebender Aufmerksamkeit gegenüber Gottes Gegenwart

in allen Dingen. Dann wird die oft schwere Decke des Lebens immer wieder, vielleicht

nur für Augenblicke, zu einem leichten und luftigen Schleier, der den Blick

freigibt auf Gott, den Quell des Lebens, der Heiligkeit und der Liebe. Und wir bekommen,

wie Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther schreibt ( vgl. 1 Kor

2,9), hin und wieder eine Ahnung von dem, was kein Auge gesehen und kein Ohr

gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott

denen bereitet hat, die ihn lieben.

Zum Abschluß meiner Hinführung zum Verständnis des Gebets der liebenden

Aufmerksamkeit möchte ich noch die Praxis dieses Gebets erläutern:

Die (in der Regel) abendliche Gebetsübung dauert etwa 15 Minuten und besteht

aus fünf Schritten:

1. Sich dankend einfinden in Gottes Gegenwart


Ich setze einen bewussten Anfang des Gebetes (etwa mit einem Kreuzzeichen,

einem kurzen Gebet) und werde still und hörend.

2. Bitte um Erkenntnis und Befreiung

Ich bitte den Herrn, den zurückliegenden Tag mit wachen Augen und mit liebender

Aufmerksamkeit im Licht Gottes sehen zu können.

3. Die Wirklichkeit des Tages anschauen

Ich vergegenwärtige, was ich heute erlebt habe und wem ich begegnet bin. Vor allem

die erlebten Gefühle wie Freude und Friede, aber auch Schmerz, Wut, Ängste

und Trauer sollen lebendig werden – ohne dies zu beurteilen und zu bewerten.

4. Den Tag vor Gott da sein lassen

Ich frage, in welchen Wahrnehmungen ich den Heiligen Geist am Werk sehe –

durch einen Zuwachs an Glaube, Hoffnung und Liebe. In gleicher Weise frage ich

auch, welche Regungen eher Dunkelheit in der Seele und innere Verwirrungen

hervorrufen, zu Unglauben bewegen, ohne Hoffnung, ohne Liebe. Ich danke Gott

für das Gute, das er geschenkt hat; wo ich versagt habe, bitte ich Gott um Vergebung

und Hilfe zur Besserung.

5. Auf den neuen Tag zugehen mit dem Gott der Zukunft

Was mich im Blick auf den kommenden Tag bewegt – Ereignisse, Begegnungen,

Pläne, Sorgen – überlasse ich Gott. Ich bitte ihn um Kraft zum „einen Notwendigen“,

um das, was mir jetzt wichtig ist, und um Entschiedenheit zum Wachsen in

Glaube, Hoffnung und Liebe.

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Psalm 63

Gott, du mein Gott, dich suche ich,

meine Seele dürstet nach dir.

Nach dir schmachtet mein Leib

wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.

Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum,

um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.

Denn deine Huld ist besser als das Leben;

darum preisen dich meine Lippen.

Ich will dich rühmen mein Leben lang,

in deinem Namen die Hände erheben.

Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele,

mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen.

Ich denke an dich auf nächtlichem Lager

und sinne über dich nach, wenn ich wache.

Ja, du wurdest meine Hilfe;

jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel.

Meine Seele hängt an dir,

deine rechte Hand hält mich fest.


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Das Gebet – Betender Jude am Laubhüttenfest

Albert Raffelt

Das Bild „Betender Jude am Laubhüttenfest“ stammt von Ida Köhne (1907-2005),

einer Malerin aus dem Ruhrgebiet, Schülerin bedeutender Lehrer wie Alexander

Kanold und Erich Wolfsfeld in Berlin in den 30 er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Das malerische Werk Ida Köhnes 1 entwickelt sich aus Arbeiten, die klassische

Techniken rezipieren, in der Begegnung mit der modernen Kunst des ersten Drittels

bzw. der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu immer größerer Freiheit in der

Formgestaltung, die sowohl zur Abstraktion von Naturgestalten wie zur völlig unbefangenen

gegenständlichen Darstellung führen konnte, ohne die Eigenheit eines

Personalstils zu verlassen.

Das Werk ist geprägt durch die Wahrnehmung der Schöpfungswirklichkeit in allen

Gestalten des Lebens. Prägende Eindrücke, die künstlerisch verarbeitet wurden,

hat Ida Köhne vor allem auf Reisen – nach Spanien, Frankreich, Italien und in bereits

höherem Alter 1978 nach Israel – aufgenommen.

Die Universitätsbibliothek Freiburg im Breisgau besitzt als Nachlaß u.a. eine umfangreiche

Skizzensammlung, die auch die Eindrücke der Israel-Reise dokumentiert

2 . Daraus stammen die Skizzen 6 (Jerusalem), 36 (Bettler in Akko) und 42 (Jerusalem)

sowie die Skizze zu dem im folgenden Jahr in Mischtechnik gestalteten

Bild „Betender Jude am Laufhüttenfest“ (65,5 x 52) S. 28.

Das Bild „Betender Jude am Laubhüttenfest“ (1979) 3 gestaltet eine der Ur-

Traditionen des jüdischen Glaubens gespiegelt in konzentrierten Gestalt des Beters.

Der Essener Philosoph Georg Scherer nannte es anläßlich einer Ausstellung

der Künstlerin 1980 in Mühlheim zutreffend „Das Gebet“ schlechthin. Dies war der

Anlaß, es für diese Publikation heranzuziehen.

1

2

3

Vgl. Albert RAFFELT – Gertrud TYKIEL: Ida Köhne. Werkverzeichnis. 5 Teile. Freiburg im

Breisgau : UB, 2005

.

Eine Reihe früherer spanischer Skizzen ist abgebildet in: Die Bibliothek – von außen

und von innen. Aspekte Freiburger Bibliotheksarbeit. Für Bärbel Schubel. Freiburg i.Br.

2008 .

Ida Köhne. Werkverzeichnis. Teil 2/2, Nr. 138. Das Werk ist auch abgebildet in Oberhausen.

Bochum : Schürmann und Klagges, 1988 (Großer Kultur- und Freizeitführer

Ruhrgebiet. 2), S. 63.

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