Herbert Vorgrimler Die Lehrautorität der Gläubigen - FreiDok

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Herbert Vorgrimler Die Lehrautorität der Gläubigen - FreiDok

Rahner Lecture 2013

Rahner Lecture 2013

Herbert Vorgrimler

Die Lehrautorität der Gläubigen


Herbert Vorgrimler

Die Lehrautorität der Gläubigen


Rahner Lecture 2013

Veröffentlichung des Karl Rahner-Archivs München

In Verbindung mit der

Hochschule für Philosophie, München

im Verlag der

Universitätsbibliothek Freiburg i.Br.

Herausgegeben von

Andreas R. Batlogg SJ und Albert Raffelt


Die Lehrautorität

der Gläubigen

Karl Rahners Überlegungen zum

„sensus fidelium“

von

Herbert Vorgrimler

München – Freiburg i.Br. 2013


Elektronisches Original unter:

© Freiburg im Breisgau : Universitätsbibliothek 2013

© Umschlagsfoto: Verlag Herder, Freiburg i.Br.

© 1959 Foto S. 12: Herbert Vorgrimler, Münster

(aus: Herbert VORGRIMLER [Hrsg.]: Karl RAHNER:

Sehnsucht nach dem geheimnisvollen Gott. Freiburg i.Br. : Herder, 1990. Abb. 6)

© 2013 Foto S. 29: Albert Raffelt, Freiburg i.Br.

© 2013 Sonstige Fotos: Carlos Ignacio Man-Ging SJ, München

ISSN 1868-839X

ISBN 978-3-928969-51-2


Inhalt

Andreas R. Batlogg SJ

Einführung ............................................................................................................... 7

Herbert Vorgrimler

Die Lehrautorität der Gläubigen

Karl Rahners Überlegungen zum „sensus fidelium“ .............................................. 15

1. Lumen gentium 12: „Die Gesamtheit der Glaubenden …“

2. Zwei Fragen: Wie war es früher? – Wie ist es heute?

3. Kennzeichen der Gegenwart:

Unübersichtlichkeit und Komplexität

Spannung: Objektives Lehramt – subjektive Erfahrungen

4. Volksreligion – Theologie

5. Unmöglichkeit einer „positiven allseitigen Versöhntheit“

6. Defizite beim Lehramt

7. Defizite der Theologie

8. Fragen zu:

Verbindlichkeit von Dogmen

Verbindlichkeit moralischer Normen

Möglichkeit von Ökumene

9. Anforderungen an eine zeitgemäße Verkündigung

10. Resümee – im Blick auf die letzten 30 Jahre:

Zwei Möglichkeiten von praktischer Lehrautorität der Gläubigen

1. Stufe: Verweigerung (Beispiel: Humanae vitae)

2. Stufe: Verweigerung und Neuansatz (Beispiel: Säuglingstaufe)

Andreas R. Batlogg SJ

Dank und Hinweise ............................................................................................... 27

5


Einführung

Andreas R. Batlogg SJ

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zur Rahner Lecture 2013 darf ich Sie alle aus nah und fern herzlich willkommen

heißen. Seit dem 13. März, als ein Papst „vom anderen Ende der

Welt“ gewählt wurde, genügt eigentlich auch ein simples „buona sera“ – daß

man mit zwei Worten begeistern und für sich einnehmen kann, kommt nicht

oft vor in der Kirche. An diesen neuen Stil werden wir uns gewöhnen müssen.

Ich freue mich jedenfalls, daß Sie hierher gefunden haben, aus nah und

fern. Norlan Julia SJ, ein philippinischer Jesuit, hat, wie schon im vergangenen

Jahr, das Privileg der weitesten Anreise, wenn ich es recht sehe. Er lebt

nach wie vor in London und ist dabei, seine Doktorarbeit über Karl Rahner

abzuschließen. Norlan, your are most welcome in Munich, thank you for joining

us. Aus Brasilien stammt Luiz Carlos Sureki SJ, der aber aus Innsbruck

angereist ist, zusammen mit Paul Schroffner SJ. „Benvindo“, Luiz, und „boa

noite“ – herzlich willkommen zur Rahner Lecture!

Sie alle bekunden mit Ihrem Kommen ein Interesse an Karl Rahner, der uns

nach wie vor etwas zu sagen hat, über den Tag hinaus, über seine Lebenszeit

hinaus, wie wir wohl auch heute Abend bestätigt bekommen werden.

Mein besonderer Gruß gilt dem diesjährigen Referenten, Herrn Professor Dr.

Herbert Vorgrimler aus Münster.

Es ist nunmehr die fünfte Rahner Lecture – und wieder gibt es am selben

Abend natürlich Konkurrenz, geplante und auch nicht vorhersehbare wie

drüben in der Katholischen Akademie, wo heute auf Benedikt XVI. zurückgeschaut

und der neue Papst Franziskus in Blick genommen wird. Bischof

Rudolf Voderholzer aus Regensburg hat vorgestern mit mir telefoniert, es

ging um eine Frage zum Konzil und Karl Rahner – und wir haben dann beide

festgestellt, daß sich die Termine überschneiden.

I.

Die Lehrautorität der Gläubigen. Karl Rahners Überlegungen zum ‘sensus

fidelium’“. So lautet das Thema dieser Lecture.

Das klingt brisant. Um ein Lehramt von unten, ein Parallel-Lehramt zum römischen

Magisterium geht es dabei jedoch nicht. Karl Rahner enttäuscht

manchmal zu hoch gesteckte Erwartungen derer, die bei ihm Sprengstoff

entdecken wollen, den er sich lediglich aus der Tradition der Kirche holt, al-

7


lerdings nicht aus einer neuscholastisch eng geführten, sondern aus einem

breiten, oft vergessenen Traditionsstrom. Der „sensus fidelium“ ist keine Erfindung

Karl Rahners, sondern reicht bis ins Neue Testament zurück, wie wir

sehen werden.

Auch Benedikt XVI. hat wiederholt betont, daß die theologische Lehre für

den Glaubenden nachvollziehbar sein müsse und daß es auch bei Nichttheologen

eine Art übernatürlichen Instinkt gebe, der ihnen die Glaubenswahrheiten

erschließen helfe. Daran hat das Zweite Vatikanische Konzil erinnert,

wenn es sagt: Die Gesamtheit der Glaubenden kann nicht irren. Die

Zeitschrift „Concilium“ hat 1985 eine ganzes Heft dieser Thematik gewidmet,

darin findet sich auch der Beitrag „Vom ,sensus fidei’ zum ,consensus fidelium’“

– von Herbert Vorgrimler 1 .

II.

Bedarf es einer ausgiebigen Vorstellung unseres prominenten Referenten?

Nein. Herbert, Du gehörst ja de facto zur deutschsprachigen Theologie wie

das Amen zum Credo. Und ich sage: zur Theologie, nicht zur Theologiegeschichte.

Wer Karl Rahner sagt, nennt im selben Atemzug Herbert Vorgrimler.

Wie sein Lehrer und Freund ist Herbert Vorgrimler gebürtiger Freiburger. Er

hat in Innsbruck studiert und seinen Landsmann dort kennen und schätzen

gelernt. Es wurde, nach dem Grundstudium, der Priesterweihe 1953 und der

Promotion 1958 eine Arbeitsgemeinschaft und eine tiefe Freundschaft bis zu

Karl Rahners Lebensende am 30. März 1984 und darüber hinaus. Herbert

Vorgrimler war und ist ein Botschafter der menschenfreundlichen, gottverbundenen

Theologie Karl Rahners. kein Epigone, kein Imitator, kein Nachplapperer,

sondern ein profunder Kenner und Könner. „Wagnis Theologie“

lautet der Titel der Festschrift, die er 1979 Karl Rahner gewidmet hat 2 . Theologie

ist nicht nur eine Ansammlung frommer Sprüche oder lehramtlicher

Dekrete. Sie ist immer auch Wagnis.

Als Karl Rahner in Rom auf dem Konzil war, hat Herbert Vorgrimler Stallwache

gehalten und in Freiburg als Schriftleiter des „Lexikons für Theologie

und Kirche“ Kärrnerarbeit geleistet – und Beziehungsarbeit, bei allen Empfindlichkeiten

mehr oder weniger gelehrter Autoren. Am Vorabend des Konzils,

1961, erschien das „Kleine Theologische Wörterbuch“, das für viele Bischöfe

zu einer Art Nachhilfe- oder Crashkurs in Sachen Theologie wurde

und sie auf den neuesten Stand brachte – die Idee dazu entstand auf einer

Schwarzwaldwiese.

8

1 Herbert VORGRIMLER: Vom „sensus fidei“ zum „consensus fidelium“. In: Concilium 21 (1985), S.

237-242; später in: DERS.: Wegsuche. Bd. 2. Altenberge : Oros, 1998, S. 85-95.

2 Vgl. Herbert VORGRIMLER (Hrsg.): Wagnis Theologie. Erfahrungen mit der Theologie Karl Rahners.

Freiburg i.Br. : Herder, 1979.


Die allererste Rahnerbiographie stammt aus Herbert Vorgrimlers Feder, erschienen

im Jahr 1963, zuerst auf Niederländisch 3 . Herbert Vorgrimler war

nie offiziell Assistent Karl Rahners, aber doch wohl sein engster Mitarbeiter,

ein effizienter dazu, und außerdem ein enger Vertrauter. Von 1968 bis 1972

lehrte er an der Universität Luzern in der Schweiz, 1972 wurde er nach

Münster berufen, als direkter Nachfolger Karl Rahners, 1994 wurde er emeritiert.

Die Theologische Fakultät wählte ihn mehrmals zu ihrem Dekan.

Weder kann ich alle Funktionen noch alle Publikationen aufzählen. Aber

noch einmal: Karl Rahner und Herbert Vorgrimler kann man fast nur in einem

Atemzug nennen, nicht zuletzt auch wegen des Buches „Kleines Konzilskompendium“,

das im Dezember 1966, ein Jahr nach Konzilsende, erstmals

erschien, mit allen 16 Texten in deutscher, von der Bischofskonferenz

autorisierter Übersetzung, mit Einführungen, einer Konzilschronologie, Registern.

Mittlerweile liegt es in der 35. Auflage vor, ich selber kann mich von

der 15. Auflage 1981, als ich zu studieren begonnen habe, nicht trennen –

der Umschlag blättert ab, aber das Bändchen hält.

Kein Wunder also, daß sich Herbert Vorgrimler seit 1995 zusammen mit Karl

Lehmann, Johann Baptist Metz, Karl Heinz Neufeld SJ und Albert Raffelt im

Herausgeberkollektiv der „Sämtlichen Werke“ Karl Rahners findet. Als ich

2005 dort für P. Karl H. Neufeld SJ nachrückte, hat mich schon ein Schauer

überkommen – in diese Gesellschaft als Kollege einzutreten. Aber Herbert

Vorgrimler läßt einen seine Überlegenheit nicht herablassend oder arrogant

spüren.

Herausgeberschaft bedeutete für ihn nicht titulus coloratus. Er hat nicht nur

seinen Namen hergegeben. Die Bände 12, 14, 17 (ein Doppelband) und 29

hat Herbert Vorgrimler bearbeitet, die Titel sagen für sich genommen schon

etwas aus: „Menschsein und Menschwerdung Gottes. Studien zur Grundlegung

der Dogmatik, zur Christologie, Theologischen Anthropologie und Eschatologie“

(SW 12); „Christliches Leben. Aufsätze – Betrachtungen – Predigten“

(SW 14), „Enzyklopädische Theologie. Die Lexikonbeiträge der Jahre

1956–1973“ (SW 17/1, 17/2, mit einem Editionsbericht, der einer theologischen

Monographie entspricht) sowie „Geistliche Schriften. Späte Beiträge

zur Praxis des Glaubens“ (SW 29).

Das bleibt, über eine lange Lebenszeit hinaus, auf Jahrzehnte, vielleicht

Jahrhunderte hinaus, bin ich fast geneigt zu sagen, wenn nicht auch unter

uns Theologen das Kurzzeitgedächtnis, aber auch der Dank und die Ehrfurcht

vor soviel Dienst am Glauben und an der Theologie unterentwickelt

wäre, weil heute alles schnell – schnell gehen muß und die Modularisierung

zur Mentalität der theologischen Häppchenkultur verführt. Es bleiben Herbert

Vorgrimlers Rahner-Biographien und -Einführungen 4 , seine Beiträge im

3 Vgl. Herbert VORGRIMLER: Karl Rahner. Leben – Denken – Werke. München : Manz, 1963.

4 Vgl. z. B. Herbert VORGRIMLER: Karl Rahner verstehen. Eine Einführung in sein Leben und Denken.

Freiburg i.Br. : Herder, 1985 (Herderbücherei. 1192). Neuausgabe: DERS.: Karl Rahner.

Zeugnisse seines Lebens und Denkens. Kevelaer : Butzon & Bercker, 2 2011 (topos taschenbücher.

416). DERS.: Karl Rahner. Gotteserfahrung in Leben und Denken. Darmstadt : Wiss.

Buchgesellschaft, 2004.

9


Handbuch für Dogmengeschichte, seine beiden Sammelbände „Wegsuche“

5 , die weit verstreute Artikel und Aufsätze, darunter auch eine umfangreiche

Rahner-Abteilung, zusammengestellt haben, und vieles andere mehr.

III.

Und es bleibt – ein großartiger Mensch und Theologe, der ganz im Sinne

Karl Rahners Lust macht auf das Abenteuer Theologie. Karl Lehmann

spricht in der Festschrift zum 80. Geburtstag von einem „Leben für gelebten

Glauben und Theologie“ 6 . Schülerinnen und Schüler können das bezeugen.

Ich habe das selber als Doktorand erfahren dürfen. Ich wollte mich etwas

absichern gegen meinen Doktorvater, ich habe (kaum vorstellbar) schüchtern

das eine oder andere nachgefragt bei dem Professor im fernen Münster,

ich habe Antwort bekommen, Interesse gespürt. Daraus wurde dann

Freundschaft, mit der Zeit. Auch ein Glück. Im Vorwort meiner Dissertation,

geschrieben im Januar 2000, heißt es: „Akribische Hilfestellung in den beiden

letzten Jahren leistete Professor emeritus Dr. Herbert Vorgrimler, Münster/W.,

der durch seine menschliche Art viel zum Abschluß beigetragen hat

und mich wiederholt daran erinnerte, daß eine Doktorarbeit keine Prolegomena

jeder künftigen Theologie zu sein hat, sondern ein simpler Legitimationsvorgang.“

In der Druckfassung von 2001 steht: „Erhebliche Ermutigung

erfuhr ich durch Professor (em.) Herbert Vorgrimler, Münster/W., dessen

Menschlichkeit zur Maieutik wurde.“ 7 Ich weiß, das klingt etwas pathetisch –

aber wie drückt man Dank aus, wenn man viel verdankt und nicht vergessen

will?

Drei kleine Erinnerungen: 1999, zum Siebziger, fuhr ich nach Münster, zum

ersten Mal. Zum Fünfundsiebziger, 2004, erhielt ich, zusammen mit einem

Freund, eine Einladung – und die beiden Flugtickets München–Münster

wurden gleich mitgeschickt. Ein Freundeskreis war das, und ich kam mir

klein vor neben Johann Baptist Metz, nicht ganz so klein neben Herbert Vorgrimler.

Bei einem Besuch in Innsbruck, im Herbst 1999, ging’s in den „Wilden

Mann“ nach Lans, wohin sich Karl Rahner gern einladen ließ. Herbert

Vorgrimler wußte natürlich: Viel mehr Geld hat ein kleiner Jesuit auch nicht.

Es folgte eine Südtirol-Fahrt: Brixen, Bozen, Vinschgau mit der Abtei Marienberg,

die mit den Engel-Fresken in der Krypta 8 . In Brixen zuvor Mittages-

5 Herbert VORGRIMLER: Wegsuche. Kleine Schriften zur Theologie. 2 Bde. Altenberge : Oros,

1997/98.

6 Karl Kardinal LEHMANN: Herbert Vorgrimler – Ein Leben für gelebten Glauben und Theologie. In:

Ralf MIGGELBRINK – Dorothea SATTLER – Erich ZENGER (Hrsg.): Gotteswege. Für Herbert Vorgrimler.

Paderborn . Schöningh, 2009, S. 13-15.

7 Andreas R. BATLOGG: Die Mysterien des Lebens Jesu bei Karl Rahner. Zugang zum Christusglauben.

Innsbruck : Tyrolia, 2 2003 (Innsbrucker Theologische Studien. 56), S. 5.

8 Vgl. Klaus EGGER: Im Kloster Marienberg. In: Paul IMHOF – Hubert BIALLOWONS (Hrsg.): Karl

Rahner. Bilder eines Lebens. Freiburg i.Br. : Herder, 1985, S. 134 f.; Priester und frommer

Christ. Im Gespräch mit Klaus Egger, Innsbruck. In: Andreas R. BATLOGG – Melvin E. MICHALSKI

10


sen im „Hotel Elefant“, es durfte kein anderer Ort sein – „da 450 anni simbolo

della hospitalità“ bewirbt sich dieser Traditionsort selber. Gastfreundschaft

war, was ich bei dem großen Professor erlebte und erlebe – theologisch wie

menschlich. Das ist nicht wenig. Als ich heuer im Januar in Brixen Exerzitien

machte, bin ich auf meinem ersten Spaziergang zufällig am „Elefanten“ vorbeigekommen,

und schlagartig war die Erinnerung an diese schöne Fahrt da

– und fromme Gedanken und gute Wünsche, dankbare Wünsche, wurden

über den Brenner nach Norden geschickt.

1994 emeritiert, hat sich Herbert Vorgrimler nicht aufs Altenteil, aufs Golfen

oder Faulenzen zurückgezogen. Davon zeugen die Bände in der Edition

„Sämtliche Werke“, aber auch andere Bücher und Artikel; der jüngste übrigens

findet sich in der diese Woche erschienenen Mai-Ausgabe der „Stimmen

der Zeit“ 9 . Das neueste Buch ist eine Anthologie mit Texten von Johannes

XXIII. für jeden Tag, denen 60 Seiten Einführung von Herbert Vorgrimler

vorangehen, soeben erschienen 10 .

Herbert Vorgrimler ist gern gereist: Das Heilige Land, Syrien, Jordanien,

Ägypten kennt er in- und auswendig. Er hat das Gespräch mit dem Judentum

nicht nur akademisch gepflegt, sein Freund Erich Zenger wurde für ihn

zur „Gewissenserforschung für die christliche Dogmatik“ 11 , wie ein Artikel in

einem Gedenkband für den großen Alttestamentler bezeugt. Es hat Herbert

Vorgrimler getroffen, daß Reinhard Lettmann, der Altbischof von Münster,

mit dem er sehr eng befreundet war, am vergangenen Dienstag während einer

Pilgerreise vor der Geburtskirche in Bethlehem verstorben ist.

Herbert Vorgrimler lebt im Clemenshospital in Münster. Er wohnt dort, und er

arbeitet dort seit Mitte der 90er Jahre – ehrenamtlich und ganztägig als Leiter

der Krankenhausseelsorge und Rektor der Kapelle – in einem Spital, das

als Akademisches Lehrkrankenhaus der Westfälischen Wilhems-Universität

firmiert, ein Exzellenz-Hospital, in dem die Seelsorge denselben Status hat

wie eine Fachabteilung – auch dank der Bemühungen und des Einsatzes

von Herbert Vorgrimler. Er kommt dort mit vielen menschlichen Grenzfällen

und Grenzerfahrungen in Berührung. Täglich. Begleitet wird er auf seiner

Reise hierher von der Pflegedirektorin des „Clemens“, Sr. Marianne Candels,

die ich jetzt ebenfalls herzlich begrüße. Wer Kleingedrucktes liest,

kennt Ihren Namen aus vielen Publikationen Herbert Vorgrimlers – sie korrigiert

und liest, was die Welt erst danach sehen darf.

(Hrsg.): Begegnungen mit Karl Rahner. Weggefährten erinnern sich. Freiburg i.Br. : Herder,

2006, S. 239-251, 242 f.

9 Herbert VORGRIMLER: Versteht ihr, was ihr glaubt? Neuere Versuche zum Eucharistieverständnis.

In: Stimmen der Zeit 231 (2013), S. 352-355.

10 Herbert VORGRIMLER: Papst Johannes XXIII. – Leben und Wirken. In: JOHANNES XXIII.: Das Herz

muss voll Liebe sein. Gedanken für jeden Tag. Kevelaer : Topos plus, 2013 (Topos Taschenbücher.

836), S. 9-69.

11 Vgl. Herbert VORGRIMLER: Erich Zenger – Gewissenserforschung für die christliche Dogmatik. In:

Ilse MÜLLNER – Ludger SCHWINHORST-SCHÖNBERGER – Ruth SCORALICK (Hrsg.): Gottes Name(n).

Zum Gedenken an Erich Zenger (HBS 71). Freiburg i.Br. : Herder, 2012 (Herders Biblische Studien.

71), S. 72-81.

11


IV.

Meine Damen und Herren, „fratelli e sorelle“ – freuen Sie sich mit mir auf

Herbert Vorgrimler und sein Thema „Die Lehrautorität der Gläubigen“. Zur

Orientierung liegt ein Blatt auf mit der Gliederung [hier S. 5] – und einem

Foto vom Innsbrucker Flughafen, es datiert von 1959 [S. 12]. Herbert, ich

bitte um Dein Wort. Sehen Sie es einem 84jährigen bitte nach, daß er im

Sitzen vortragen muß.

13


Die Lehrautorität der Gläubigen

Karl Rahners Überlegungen zum „sensus fidelium“

Herbert Vorgrimler

Das Zweite Vatikanische Konzil enthält in Artikel 12 der Dogmatischen Konstitution

über die Kirche „Lumen gentium“ einen Abschnitt über den Glaubenssinn (sensus

fidei). Das Thema gehört dort zu den Bemühungen, vor den Äußerungen über die

Hierarchie, über die Unterschiede von Geweihten und Ungeweihten, die fundamentale

Einheit aller Glaubenden zu betonen. Außer dem Begriff des Volkes Gottes,

der allen Äußerungen zu Unterschieden vorangestellt ist, gehört dazu das Bekenntnis

zum Wirken des Heiligen Geistes Gottes, der allen Unterschieden und

Hierarchien übergeordnet ist. Einige wenige Sätze, in welchem Kontext der Glaubenssinn

vom Konzil thematisiert wird, seien hier zitiert:

„Das heilige Gottesvolk nimmt auch teil an dem prophetischen Amt Christi, in der

Verbreitung seines lebendigen Zeugnisses vor allem durch ein Leben in Glauben

und Liebe [...]. Die Gesamtheit der Glaubenden […] kann im Glauben nicht irren.

Und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie durch den übernatürlichen Glaubenssinn

(mediante supernaturali sensu fidei) des ganzen Volkes dann kund, wenn

sie ,von den Bischöfen bei zu den letzten gläubigen Laien’ (Augustinus) ihre allgemeine

Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert. Durch jenen

Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt wird,

hält das Gottesvolk […] den einmal den Heiligen übergebenen Glauben (vgl. Jud 3)

unverlierbar fest.“

Wenn die Rede vom Glaubenssinn ist, dann kommt selbstverständlich die Frage

auf, um welchen Glauben es sich denn beim Glaubenssinn handelt. Karl Rahners

Überlegungen aus dem Jahr 1975, mit denen er hier zunächst zu Wort kommen

soll 1 , sind gekennzeichnet durch seine Fähigkeit, sich in die Fragen, Unsicherheiten,

ja die Glaubensnot heutiger Menschen hinein zu versetzen – nie lebte und

dachte er platonisch entweltlicht – gekennzeichnet aber auch durch seinen entschiedenen

Willen, keinen einzigen Menschen verloren zu geben, auch nicht durch

theologisch-moralische Anforderungen auf Distanz zu halten. Dazu kam das Defizit,

das seit dem Ende des Konzils festgestellt wurde: dass das Konzil sich nicht

mit einer Begründung des Glaubens abgegeben hat, die vor der menschlichen

Vernunft bestehen kann.

1 Karl RAHNER: Glaubensbegründung heute. In: DERS.: Schriften zur Theologie. Bd. 12.

Zürich : Benziger 1975, 17-40; vorher unveröffentlicht, geht dieser Artikel auf einen

mündlichen Vortrag von 1973 zurück. Band 12 der „Schriften zur Theologie“ trägt begründet

den Titel „Theologie aus Erfahrung des Geistes“; der Text wird 2013 in dem in

Druck befindlichen Band 22/1a, der Sämtlichen Werke Karl Rahners S. 419-436 erscheinen:

Dogmatik nach dem Konzil, bearbeitet von Michael HAUBER und Peter WAL-

TER.

15


Rahner setzt zunächst mit der Frage ein: Wie war es früher?:

„Sicher wurde in der katholischen Fundamentaltheologie seit dem 19. Jahrhundert

die innere Begründung des Glaubens vernachlässigt. […] So sagte man, es sei

klar, daß die Offenbarung durch Wunder beglaubigt sei und daraus ergebe sich,

daß im Alten Testament, in Jesus Christus und von ihm abgeleitet in der Kirche eine

geschichtliche Offenbarung gegeben ist. Diese Tatsache wurde gewissermaßen

global bewiesen, um dann solcher formal argumentativ nachgewiesenen göttlichen

Offenbarung einzelne Glaubenswahrheiten zu entnehmen und dem einzelnen mit

dem Bemerken vorzuhalten, das ist geoffenbart, also hast Du es zu glauben, ganz

gleich, ob Du es verstehst oder nicht, ob Du einen inneren Zugang dazu findest

oder nicht. Selbst heute noch kommen unleugbar kirchenamtlich Verhaltensweisen

vor, die sich zu ausschließlich auf die bloß formale Autorität der Kirche und ihres

Lehramtes berufen. Allein auf Grund dessen wird dann verlangt, daß der einzelne

ganz bestimmten Glaubenssätzen zustimmt noch vor jedem Versuch, solche

Wahrheiten aus ihrer eigenen Sinnmitte heraus glaubwürdig zu machen.“ 2

So weit Rahner. Ich erlaube mir zu der Bemerkung Rahners, was heute noch vorkommt,

die Bemerkung zu machen: Ein drastisches Beispiel ist die Zumutung des

Papstes und seiner Glaubensbehörde, die Menschen in der Kirche sollten zum

„Jahr des Glaubens“, in dem wir immer noch sind, sich in den Weltkatechismus von

1992 vertiefen, in dem mit der Tendenz auf Vollständigkeit die Glaubenswahrheiten

in etwa 4000 Paragraphen zusammengestellt sind.

Zur Annäherung an die heutige schwierige Situation des Glaubens greift Rahner

unter Berufung auf den Römerbrief, Kapitel 7, und das Konzil von Trient den von

ihm gebildeten Begriff der „gnoseologischen Konkupiszenz“ zurück. Konkupiszenz

wird nicht ganz glücklich mit dem deutschen Wort „Begierlichkeit“ wiedergegeben 3 .

Nach der Lehre des Konzils von Trient befindet sich auch der gläubige, auch der

gerechtfertigte Mensch in einer Situation, in der er, und zwar bis zu seinem Tod,

von verschiedensten Geistern und Trieben bewegt ist. Diese Antriebe sind nicht

integriert, sie widersprechen sich:

„Der Mensch kann also gewissermaßen in seinem sittlichen Haushalt keinen wirklichen

Frieden und keine echte Integrität, keine völlige Strukturierung seines Lebens

erreichen. Immer ist und bleibt er der Eine und der Andere.“ 4

Auf die Glaubenssituation übertragen bedeutet diese Situation der Konkupiszenz,

dass sie heute auch für den Bereich menschlichen Erkennens gilt. Daher nennt

Rahner sie „gnoseologisch“:

„Das meint, daß unser Bewußtsein aus den verschiedensten Erkenntnisquellen

recht disparate Informationen und Einsichten empfängt, die sich nicht mehr positiv

und adäquat zu einer durchgestalteten Wissenssumme ordnen lassen. Als ich

selbst vor 40 Jahren mein theologisches Studium begann, war ich viel gescheiter

als heute, gemessen an der Fülle möglicher Erkenntnisse und Probleme. Denn

jetzt sind die Probleme und Erkenntnisse historischer, metaphysischer, philosophi-

2 RAHNER: Glaubensbegründung, S. 18f. (SW 22/1a, S. 420).

3 Zum früheren Begriff, seine Bedeutung in der kirchlichen Tradition und seine Verständnismöglichkeit

in der Neuzeit vgl. Johann Baptist METZ: Begierde. In: LThK 2 , Bd. 2, Sp.

108-112.

4 RAHNER: Glaubensbegründung, S. 20 (SW 22/1a, S. 421).

16


scher, sprachtheoretischer, soziologischer und religionsgeschichtlicher Art so zahlreich,

daß ich mich gegenüber dieser Masse an theologischem Material sehr viel

dümmer erfahre als damals. [...] In dieser Situation läßt sich im Kopf eines Einzelnen

alle weltanschaulich bedeutsame Erkenntnis nicht mehr positiv und zugleich

adäquat ordnen. Wir sollten auch nicht so tun, als sei eine solche Synthese heutigen

Wissens mit dem Glauben für einen Einzelnen noch möglich. Mit Recht dürfen

wir dennoch im Christentum die letzte Wahrheit und Deutung von Mensch und

Welt sehen. Und so lange ist uns auch die Überzeugung erlaubt, daß eine letzte

Synthese an und für sich im Idealfall möglich sein muss und daß es keine Gegenstände

des Wissens gibt, die sich in radikaler Weise so widersprechen, daß jeweils

nur der eine anzunehmen und der andere als Irrtum zu verwerfen ist. Dieses Ideal

kann allerdings nur asymptotisch abgezielt werden, es liegt vor uns und wird vermutlich

in eine immer noch wachsende Ferne entrücken. Zeit, Kraft Intelligenz und

Gedächtnis des modernen Menschen bleiben eben trotz aller Hilfsmittel begrenzt,

während der zur Synthese anstehende Stoff der modernen Wissenschaften, die

Erkenntnisse und Erfahrungen des Menschen in Geschichte und Gesellschaft immer

mehr zunehmen.“ 5

Was kann ein glaubender oder glauben wollender Mensch in dieser disparaten Situation

tun? Rahner meint, zunächst zwinge sich eine Konzentration auf das Ursprüngliche

am Christentum und an der Erfahrung auf. Ein Indiz dafür, dass es auf

dem Zweiten Vatikanischen Konzil wenigstens eine Ahnung davon, was zu tun ist,

gab, sieht er in der Lehre von einer Hierarchie der Wahrheiten 6 . Der Hinweis ist

wichtig, aber es kann hier nicht näher darauf eingegangen werden.

Zunächst geht es um eine theologische Antwort auf die Situation der gnoseologischen

Konkupiszenz:

Die Glaubensbegründung darf ruhig beim Menschen beginnen. Dabei ist nicht zu

befürchten, der anthropologische Ansatz müsse notwendig zu einer subjektivistischen

oder zeitbedingten Reduktion des christlichen Glaubens führen. Eines ist

allerdings klar: Wer überhaupt keine Frage hat, der kann auch keine Antwort hören.

[...] Je präziser gefragt wird, umso aufmerksamer und richtiger wird auch die

Antwort zu vernehmen sein; und so macht auch die in der Offenbarung gegebene

Antwort die eigene Frage des Menschen deutlicher. Setzt man bewußt dieses gegenseitige

Bedingungsverhältnis zwischen dem anthropologischen Ansatz und der

theologischen Antwort voraus, dann dürfte sich gegen den vorgeschlagenen Ausgangspunkt

nichts mehr einwenden lassen. Der Mensch kann sagen, daß ihn nur

Antworten interessieren, für die er eine Frage hat, und darum kann ihm Gott auch

nur mitteilen, wofür er sich aus seiner inneren Existenzmitte interessiert. Warum

sollte das notwendig zu einer Verkürzung des christlichen Glaubens führen? Der

Mensch ist doch aus seinem Wesen heraus Fragender, ja selbst absolute Frage,

die an keinem Punkt haltmacht. Eine objektive Neugierde ist ihm gegeben, der,

noch bevor er zu fragen beginnt, immer schon mit der zuvorkommenden, in die

Mitte seiner Existenz eingesenkten Gnade des Hl. Geistes begabt ist, d. h. begabt,

die Frage nach dem Unendlichen zu stellen und sich auf die Unendlichkeit Gottes

hin zu öffnen. Schränken wir unsere Fragen, Bedürfnisse und Sehnsüchte nicht

5 Ebd., S. 21f. (SW 22/1a, S.422f.).

6 Dekret über den Ökumenismus „Unitatis Redintegratio“, Art. 11.

17


von vornherein gegen jedes Recht und jeden Sinn ein, dann erfahren wir uns in der

konkreten Heilssituation als Frage, die nur durch die Selbstmitteilung Gottes im Hl.

Geist und durch die christliche Offenbarung ihre Antwort erhalten kann.“ 7

Rahner bekennt sich in diesem Zusammenhang dazu, dass „natürlich die amtliche

kirchliche Lehre die Glaubensbegründung in normativer Weise“ lenkt:

„Aber heute muß sie die notwendige Initiation und Erweckung innerer persönlicher

Glaubenserfahrung sein. Sie ist selbst bei dem vorhanden, der zunächst behauptet,

keine Glaubenserfahrung zu kennen und sich nicht für sie zu interessieren. In

seiner konkreten Existenz macht der Mensch tausend Erfahrungen, di er vorderhand

nicht bedenkt oder verdrängt, die er an den Rand seines Bewußtseins abschiebt

und mit denen er sich gar nicht ausdrücklich beschäftigen will, und sie sind

doch da. Werden sie richtig geweckt, dann erhellen sie den Inhalt des christlichen

Glaubens schon deswegen, weil der Mensch immer von der göttlichen Gnade aufgerufen

ist, die ihm zuvorkommt und in seiner Existenz mit wirksam ist. Natürlich

läßt sich zwischen der doktrinär von außen kommenden Lehre über Gott, den

Menschen und die Heilsgeschichte einerseits und der inneren Glaubenserfahrung

des je Einzelnen anderseits eine gewisse Diastase, Differenz und Spannung nicht

aufheben. Ein Grund dafür liegt im endlichen und subjektiven Bewußtsein des

Menschen, das gar nicht so lebendig, so kräftig und so müßig ist, um allein aus der

eigenen inneren Mitte die Inhaltlichkeit des christlichen Glaubens voll entwickeln zu

können.“ 8

Hier zeigt Rahner mit Entschiedenheit die Aufgabe des kirchlichen Lehramts:

Die im Menschen wirksame Gnade begabt mit der ganzen Fülle der Offenbarungs-

und Glaubenswirklichkeit. Sie besitzt darum nicht nur einen inneren Anknüpfungspunkt

in der menschlichen Existenz, sondern der Same für den Baum

der gesamten Heils- und Offenbarungsgeschichte nicht allein im Christentum,

vielmehr in allen großen Religionen liegt in jedem Menschen beschlossen. Der

Künder des Glaubens muss darum immer neu versuchen, diese innere Anlage und

Begabung wachzurufen.“ 9

Wollte man den christlichen Glauben von außen nahebringen „unter Hinweis auf

die formale Autorität der Kirche“, dann wäre „die Botschaft Gottes nicht so verkündet,

wie es heute nötig ist.“ 10 Rahner verdeutlicht seine Auffassung von der gnoseologischen

Konkupiszenz an einem ganz konkreten Beispiel:

„Stellt man den sonntäglichen Kirchgängern etwa die Frage, ob sie überzeugt seien,

daß der Papst unfehlbar ist, dann man vielleicht nur ein Bruchteil von diesen

mit ‚ja’ antworten. Damit stünden wir vor der Tatsache, daß von den Getauften eigentlich

nur ganz wenige Katholiken jene Glaubensmentalität wirklich besitzen, die

von der Kirche als selbstverständlich vorausgesetzt wird: Ich glaube alles, was die

heilige katholische Kirche zu glauben vorstellt. Sind nun die anderen, der große

Rest, keine katholischen Christen? Zwei Gründe sprechen heute gegen eine solche

Schlußfolgerung. Zunächst lebt ein großer Teil dieser Christen nämlich doch

aus der letzten, wenn vielleicht auch nicht reflektierten Substanz des Christentums

7 RAHNER: Glaubensbegründung, S. 24 (SW 22/1a, S.. 424).

8 Ebd. S. 25 (SW 22/1a, S. 425).

9 Ebd. S. 26 (SW 22/1a, S. 425f.).

10 Ebd. (SW 22/1a, S. 426),

18


und erfaßt diese ursprüngliche Glaubenswirklichkeit wenigstens in irgendeiner

Weise. Und das scheint in der gegenwärtigen Situation entscheidend. Dann ist

aber auch die Mentalität der heute vorauszusetzenden gnoseologischen Konkupiszenz

gar nicht derart, daß scheinbar oder wirklich dem Glauben widersprechende

Behauptungen mit absolutem Engagement vorgetragen und vertreten werden. Gerade

der religiös Unterrichtete sagt ja gar nicht: Ich bin endgültig und dezidiert davon

überzeugt. Daß der Papst nicht unfehlbar ist. Interpretiert man beispielsweise

eine so klingende Behauptung näher, dann meint sie: Ich kann mit der Aussage

der päpstlichen Unfehlbarkeit nichts anfangen, sie kommt mir wenig wahrscheinlich

vor, meine Neigung geht eher auf eine gegenteilige Ansicht usw. Sucht man nun

diese Einstellung näher zu ergründen, so stößt man auf den Druck der pluralistisch

bestimmten gnoseologischen Konkupiszenz, die eine positive und ausdrückliche

Glaubensentscheidung für die Aussage des Ersten Vatikanischen Konzils praktisch

ausschließt. Das kann aber in der gegenwärtigen Situation nicht als Glaubensabfall

gewertet werden. Wer das so sieht, dem wäre zu sagen: Eine absolute weltanschauliche

Grundentscheidung hinsichtlich der päpstlichen Lehrautorität kann bis

zu einem gewissen Grad auf sich beruhen bleiben. Die Schwierigkeiten und Probleme

sollte man sich ruhig eingestehen, aber auch daraus sollte man nicht wieder

ein absolutes System machen wollen. Vielmehr sollte man eine gewisse Unmöglichkeit,

die Erkenntnis zu erarbeiten, aushalten. Wer dem zustimmt, scheint mir

heute legitim Christ zu sein und bleiben zu können.“ 11

Grundsätzliche Überlegungen widmet Rahner der Frage nach dem Verhältnis der

Einzelnen, nicht individualistisch, sondern durch bei aller Pluralität als Volk verstanden.

zum amtlich-kirchlichen Lehramt 12 . Im Hinblick auf unsere Fragestellungen

eröffnet er seine Sicht mit der These:

„Zunächst einmal existiert Offenbarung konkret nur als gehörte und geglaubte Offenbarung.

Nun aber ist (und zwar ohne daß man darum in den Irrtum des Modernismus

verfallen muss) der ursprüngliche Adressat und Träger dieser geglaubten

Offenbarung der Mensch überhaupt, insofern er wegen des allgemeinen Heilswillens

Gottes und der Heilsnotwendigkeit des eigentlichen Offenbarungsglaubens

durch die immer und überall angebotene Selbstmitteilung Gottes in Gnade schon

immer Adressat von göttlicher Offenbarung ist. Dem gegenüber sind die Offenbarungsträger

im engeren Sinn die ‚legati divini’ (Abgesandten Gottes), die Propheten

zwar die authentischen, objektivierenden und verbalisierenden Interpreten dieser

durch die Gnade Gottes immer und überall sich ereignenden Selbstoffenbarung

Gottes, nicht aber ihre ursprünglichsten alleinigen Empfänger, die etwas mitteilen

würden, was ohne diese Mitteilung schlechterdings nicht gegeben wäre. Die

Menschheit als ganze unter dem übernatürlichen Heilswillen Gottes ist der ursprüngliche

Adressat der göttlichen Offenbarung, so sehr diese ihre Geschichte

11 Ebd., S. 27f. (SW 22/1a, S. 426f.).

12 Vgl. Karl RAHNER: Zum Verhältnis von Theologie und Volksreligion. In: DERS.: Schriften

zur Theologie. Bd. 16. Zürich : Benziger, 1984, S. 185-195 (Erstveröffentlichung 1979);

jetzt in: DERS.: Sämtliche Werke. Bd. 28: Christentum in Gesellschaft. Schriften zur Pastoral,

zur Jugend und zur christlichen Weltgestaltung. Bearbeitet von Andreas R. BAT-

LOGG u. Walter SCHMOLLY. Freiburg i.Br. : Herder, 2010, S. 91-97 („Einleitende Bemerkungen

zum Verhältnis von Theologie und Volksreligion“).

19


hat und haben muss, in der sie sich in der Offenbarungsgeschichte auslegen muss

und darin irreversibel wird.“ 13

Rahner fragt in diesem Zusammenhang nach der Beziehung dieses ursprünglichen

Empfängers der Offenbarung und der Theologie. Als Synonym für den ursprünglichen

Empfänger der Offenbarung steht für Rahner hier der Begriff „Volksreligion“:

„Der Vorzug, der der Volksreligion gegenüber der Theologie zuerkannt werden

darf, besteht […] darin, daß diese Volksreligion immer wieder aufs neue und unreflex

von der ursprünglichen Offenbarung inspiriert und getragen ist und nicht durch

den Raster einer systematischen und darum verengenden Theologie hindurchgegangen

ist, vielmehr noch unbefangen mit der letzten Dynamik der Gnade auch

das Menschliche mit all seinen Möglichkeiten annimmt und realisiert und den Mut

hat, in diesem Sinn pagan (heidnisch) zu sein.“ 14

Von da aus kommt Rahner auf das Verhältnis des ursprünglichen Empfängers der

Offenbarung zur Kirche und deren Lehre zu sprechen:

„Aber die Kirche wäre eben doch nicht sie selber, würde sie nicht gebildet und getragen

von Menschen, die von der gnadenhaften Selbstmitteilung Gottes (als Offenbarung

und nicht nur als Heil) betroffen sind. Und alle Lehre der Kirche ist letztlich

Auslegung und Objektivierung dieser innersten Begnadigung der Menschen

dieser Kirche, ob nun diese Auslegung primär als Lehre und Verkündigung oder

sekundär als Theologie zu verstehen ist. Verkündigung und Theologie appellieren

immer notwendig an diese ursprünglichste Offenbarung, die in der Selbstmitteilung

Gottes an die Glieder der Kirche geschieht.“ 15

Eine Bestätigung dieser These, die die institutionelle Kirche und ihr Lehramt auf

den sekundären (wenn auch unentbehrlichen) Platz verweist, sieht Rahner in den

Ausführungen des Zweiten Vatikanischen Konzils in „Lumen gentium“ zum Sensus

fidei (oder identisch zum sensus fidelium, wie Rahner auch sagt), die hier von ihm

in Artikel 12 vollinhaltlich zitiert werden 16 .

Von fundamentaler Bedeutung für das heutige Thema ist eine Abhandlung, der

Rahner den Titel gegeben hat: „Offizielle Glaubenslehre der Kirche und faktische

Gläubigkeit des Volkes“ 17 . Er setzt ein mit einer Analyse der Sachlage, „daß bezüglich

des materialen Glaubensinhaltes eine erhebliche Differenz besteht zwischen

dem, was kirchenamtlich ausdrücklich als Inhalt dieses Glaubens gelehrt

wird, und dem, was davon im Glaubensbewusstsein des Durchschnitts der Kirchenchristen

gewusst und festgehalten wird.“ 18 Man kann „sich auch nicht mit der

13 Ebd., S. 190f. (SW 28, S. 94f.).

14 Ebd. S. 191f. (SW 28, S. 95).

15 Ebd. S. 192 (SW 28, S. 95f.).

16 Vgl. ebd. S. 193 (SW 28, S. 96).

17 Karl RAHNER: Offizielle Lehre der Kirche und faktische Gläubigkeit des Volkes. In:

DERS.: Schriften zur Theologie. Bd. 16. Zürich : Benziger, 1984, 217-230; jetzt in:

DERS.: Sämtliche Werke. Bd. 30: Anstöße systematischer Theologie. Beiträge zur Fundamentaltheologie

und Dogmatik. Bearbeitet von Karsten KREUTZER u. Albert RAFFELT.

Freiburg i.Br. : Herder, 2009, S. 561-570. – Erstveröffentlichung: K. RAHNER – Heinrich

FRIES (Hrsg.): Theologie in Freiheit und Verantwortung. München : Kösel, 1981, S. 15-

29.

18 RAHNER: Offizielle Lehre der Kirche und faktische Gläubigkeit des Volkes, S. 217 (SW

30, S. 561).

20


Auskunft behelfen, dieser faktische Glaube schließe trotz seiner Dürftigkeit die absolute

Glaubenszustimmung dazu ein, dass man wenigstens implizit alles glaube,

was die Kirche zu glauben vorstelle. Denn im faktischen Glaubensbewusstsein

wird nicht nur bei vielen Christen diese oder jene Glaubenswahrheit nicht mit einer

absoluten Glaubenszustimmung 19 bejaht, sondern nicht selten gerade auch die absolute

Autorität des kirchlichen Lehramtes (auch bei endgültigen Entscheidungen)

nicht wirklich mit einer absoluten Glaubenszustimmung bejaht, so dass auch der

Rekurs auf die fides implicita [den „einschlußweisen Glauben“, H. V.] der durchschnittlichen

Gläubigen nicht so einfach möglich ist, wie man diesen Rekurs sich

gewöhnlich zu denken pflegt.“ 20 Der Gegenstand der absoluten Glaubenszustimmung,

„die trotz allem gegeben sein mag, (ist) gerade nicht die Lehrautorität der

Kirche“ 21 .

Rahner verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass es diese Differenz zwischen

dem kirchenamtlichen Glaubensinhalt schon immer gegeben hat, angefangen

bei dem Pluralismus der Theologien im Neuen Testament. Er nennt dafür weitere

Beispiele aus der Kirchengeschichte 22 . Aber die Glaubenssituation heute ist

doch anders als in früheren Zeiten:

„Der fragmentarische und unvollkommene Glaube ist heute in den meisten Köpfen

koexistent mit abertausend Bewußtseinsinhalten, von denen viele – wenigstens so,

wie sie faktisch aufgefaßt werden – logisch im Widerspruch zu den Glaubensinhalten

stehen, gleichgültig, ob dies reflex bewußt ist oder nicht. Von da her hat die

materiale Unvollkommenheit des kirchlichen Glaubens eine ganz andere Eigenart

als früher, und die schon erwähnte Bedrohtheit auch der formalen Glaubensprinzipien,

der formalen Lehrautorität des kirchlichen Lehramtes ist von da her gegeben.

Der heutige Glaube ist nicht nur wie früher durch schlichte Unwissenheit fragmentarisch,

sondern koexistent mit positiv Widersprüchlichem in einer Art meist unreflektierter

Schizoidie. Selbst unter der Voraussetzung, daß im Bewußtsein der einzelnen

heute keine objektiven Widersprüche unter den einzelnen Bewußtseinsinhalten

und somit Glaubenssätzen gegeben sind, ist doch jedenfalls nicht nur eine

ungeheure Komplexität dieser Bewußtseinsinhalte gegeben, sondern sie sind auf

jeden Fall nicht positiv mit einander versöhnt; eine solche positive allseitige Versöhntheit

aller Bewußtseinsdaten mit den Glaubensinhalten ist heute für den einzelnen

praktisch gar nicht möglich, auch wenn glaubensmäßig eine solche grundsätzliche

Versöhnbarkeit selber noch einmal zu den Glaubenssätzen gehört. Von

da her aber hat die Differenz zwischen dem amtskirchlich allseitigen Glauben und

dem faktischen Glaubensbewußtsein einen sehr wesentlich anderen Charakter als

früher.“ 23

Folgerungen zunächst für die Institutionen der Kirche:

19 Ich habe das kaum mehr verständliche Wort „Glaubensassens“ der früheren Schultheologie

ersetzt durch den Begriff „Glaubenszustimmung“, den Rahner selber ebenfalls in

diesem Beitrag verwendet.

20 RAHNER: Offizielle Lehre der Kirche und faktische Gläubigkeit des Volkes, S. 217 (SW

30, S. 561).

21 Ebd. S. 218 (SW 30, S. 561).

22 Vgl. ebd. (SW 30, S. 562).

23 Ebd. S. 219f. (SW 30, S. 562f.).

21


„Das erste, was bezüglich dieser Tatsache wohl festzustellen ist, ist der Umstand,

daß diese Tatsache noch nicht genügend von der Amtskirche und ihrer Theologie

zur Kenntnis genommen und theologisch noch nicht genau genug reflektiert wird.

Natürlich wird, wie schon gesagt, diese Tatsache nicht geleugnet, und sie ist auch

in der Theologie da und dort Gegenstand einer theologischen (aber nicht umfassenden)

Reflexion. Aber trotz dieses etwas an den Rand des Bewußtseins gedrängten

Wissens um diese Tatsache redet man doch im Amtsjargon von ‚den

Christen’ oder ‚den Katholiken’, wo immer solche Leute nicht ausdrücklich aus einer

christlichen Kirche oder der katholischen Kirche in bürgerlicher Amtlichkeit

ausgetreten sind oder anderswie ausdrücklich ihren gänzlichen Dissens vom Christentum

kundgetan haben.“ 24

Rahner führt dafür Beispiele an, „die Katholiken“ protestieren in ethischen Fragen,

das „Zentralkomitee“ spricht im Namen „der deutschen Katholiken“, Statistiken, die

den Anteil „der Katholiken“ auf soundsoviel Prozent schätzen. „Bei all diesem in

gewisser Hinsicht harmlosen Sprachgebrauch wird nicht auf die innere Glaubensverfassung

der Menschen reflektiert“ 25 , man könnte heute ergänzen, wenn von Religionen

der Menschheit die Rede ist, dass auch in unserer Zeit behauptet wird, es

gebe auf der Welt 1,x Milliarden Katholiken.

Bei amtskirchlichen Maßnahmen im Zusammenhang mit theologischen Auseinandersetzungen

wird nicht darauf reflektiert, wie viel Prozent der Katholiken der kirchenamtlichen

Erklärung zustimmen, wie viel Prozent die Maßnahme eher verurteilen

26 .

Eine Schlussfolgerung Rahners auch hinsichtlich des amtskirchlichen Sprachstils,

die bis heute zutrifft:

„Lehramtliche Verlautbarungen setzen im allgemeinen schlicht voraus, daß ihre

Adressaten hinsichtlich der formalen Autorität des Lehramtes leine Zweifel haben,

und unterlassen es darum weitgehend, bei diesen ‚Katholiken’ sich um ein Verständnis

für die Entscheidung von der Sache selbst her zu bemühen […]. Von dieser

Mentalität her, die immer stillschweigend die theologische Wohlunterrichtetheit

der’ Katholiken voraussetzt und mehr oder weniger darauf verzichtet, Nichtkatholiken

und die vielen in Wirklichkeit sehr schlecht unterrichteten Katholiken wirklich

anzureden, erklärt es sich, daß große kirchliche Verlautbarungen von Rom wenigstens

in ihren eigentlich theologischen Teilen ganz unbefangen eine binnentheologische

Redeweise verwenden, beim Leser Voraussetzungen machen, die in Wirklichkeit

gar nicht gegeben sind, auf eigentlich fundamentaltheologische Themen

verzichten, die Schrift immer noch im alten Stil der Zitation von dicta probantia

(wörtlichen Beweisen) verwenden usw. – Kurz und gut, die Amtskirche und ihr

Lehramt setzen mehr oder weniger stillschweigend voraus, daß – dort, wo sie sich

auf die Katholiken beziehen – es sich doch um eine relativ homogene Masse von

Menschen handelt, in deren ‚Weltanschauung’ eigentlich nur der christliche Glaube

und dieser in einer (nicht?) sehr differenzierten Weise samt einem mehr oder we-

24 Ebd. S. 220 (SW 30, S. 563).

25 Ebd.

26 Vgl. ebd.

22


niger absoluten Respekt vor der Autorität des kirchlichen Lehramtes gegeben

ist.“ 27

Rahner fügt an, er meine, damit „die außerordentlich große Differenz zwischen

dem lehramtlichen Glauben und dem faktischen Glaubensbewußtsein der Masse

der katholischen Christen“, und dass sie in „Theorie und Praxis kaum wirklich zur

Kenntnis genommen“ 28 wird, ausreichend bewiesen wäre.

Im Weitergang der Überlegungen fügt er jedoch hinzu, theologisch müsse man

diese Differenz nicht nur negativ bewerten. Hier läge auch die Gefahr nahe, der

Versuchung zu verfallen, den heilschaffenden Glauben mit theologischer Bildung

zu identifizieren. Rahner führt hier eine Warnung an, die nach über 30 Jahren

nichts von ihrer Aktualität verloren hat, nämlich die, „daß auch in den heutigen Katechismen,

so modern sie sich auch geben, immer noch zu viel steht und dabei

das Eigentliche und Letzte, was unbedingt gesagt werden muß, nicht immer lebendig

und echt ‚nachvollziehbar’ vorgetragen wird. Ferner ist doch der faktisch in

Kopf und Herz gegebene Glaube der Kirche und nicht eigentlich die kirchenamtliche

Lehre unmittelbar und in sich selber der Glaube, der die Kirche konstituiert.“ 29

Natürlich, sagt Rahner des weiteren, bezieht sich der oft fragmentarische und undifferenzierte

Glaube der einzelnen Katholiken auf das Glaubensbewusstsein der

Gesamtkirche, „in dem das große und erleuchtete Ganze des christlichen Glaubens

geglaubt und gelebt wird, in dem also auch der Glaube der Heiligen und der

Glaube der Glaubensheroen und der Mystiker als wesentliches Moment dieses

Gesamt-Glaubensbewußtseins der Kirche gegeben ist. Aber man kann die Kirche

nicht einfach nur aus ihren Heiligen bestehen lassen; der Glaube der durchschnittlichen

Christen ist nun einmal nicht bloß die jämmerliche Skizze des amtlichen

Glaubens, sondern ist selber schon, weil ja heilschaffend und getragen von der

Selbstmitteilung Gottes selbst, wirklich auch der Glaube. Den Gottes Gnade hervorbringen

und in der Kirche lebendig haben wollte.“ 30

Theologisch von Rahner anders gesagt: „Das depositum fidei (die substantiellen

Glaubensinhalte in ihrer Ganzheit) ist zunächst und ursprünglich nicht eine Summe

menschlich formulierter Sätze, sondern Gottes Geist, der sich unwiderruflich der

Menschheit mitteilt bei den konkreten Menschen den heilschaffenden Glauben

wirkt“ 31 und gerade so auch die Gemeinschaft bewirkt.

Bei aller Bejahung der Existenz und Kompetenz der Theologen ist zu beachten,

dass sie in der Kirche eine Sondergruppe bilden, die sich nur apologetisch und explikativ

(verteidigend und erklärend) mit den Sätzen des kirchlichen Lehramt zu

beschäftigen haben, wie Päpste des letzten Jahrhunderts meinten. Mehrere Glaubensinhalte

wurden vom Volk Gottes reflektiert und formuliert, ehe sie amtliche

Lehre der Kirche wurden (z. B. Trinität, Siebenzahl der Sakramente, Transsubstantiation

in der Eucharistie). Die Theologen sind Glieder des Volkes Gottes. Weil die

vom Lehramt angenommene Lehre der Theologen (der sensus fidei) dem faktischen

Glauben der Kirche angehört, darum partizipiert sie an der Unfehlbarkeit der

27 Ebd. S. 221 (SW 30, S. 563 f.).

28 Ebd.

29 Ebd. S. 222 (SW 30, S. 565).

30 Ebd. S. 222f. (SW 30, S. 565).

31 Ebd. S. 223 (SW 30, S. 565).

23


glaubenden Kirche und hat so nicht nur einen faktischen, sondern auch einen normativen

Einfluss auf den kirchenamtlichen Glauben 32 .

Rahner beschäftigt sich im Folgenden mit einem ungemein wichtigen Faktum. Mit

der großen Mehrzahl seiner theologischen Kollegen besteht er darauf, dass es in

der katholischen Theologie keinen Widerruf einer eigentlich dogmatisch definierten

Lehre geben kann, wohl aber eine faktisch weit verbreitete Nichtrezeption 33 . Rahner

möchte das zunächst im Rahmen einer fälligen, vom Geist Gottes geführten

Akzentverschiebung in der Glaubenslehre und Verkündigung sehen. Dafür ein Beispiel:

„Wenn z. B. die Kirche noch heute durchschnittlich den Eindruck macht, die Verkünderin

moralischer Alternativen zu sein, unter denen der Mensch zu seinem Heil

oder Unheil auswählt, wenn dieser Eindruck faktisch primär ist und alle Verkündigung

der erlösenden Tat Gottes dagegen doch nur als sekundär empfunden wird,

gleichzeitig aber faktisch die reale Heilsangst der Menschen gegenüber früheren

Zeiten doch stark abgenommen hat und der Mensch sich nicht so sehr vor Gott

schuldig empfindet, sondern eher verlangt, Gott müsse sich wegen seiner von ihm

bewirkten schrecklichen Welt verantworten, könnten dann nicht solche Beobachtungen

zu sehr bedeutsamen Akzentverschiebungen in der amtlichen Verkündigung

führen, ohne daß die Kirche ein bisher verkündigtes Dogma leugnen müßte?“

34

Rahner ist der Überzeugung, dass solche Beobachtung möglicher Entwicklungen

in der Kirche eine Bedeutung für ökumenische Bestrebungen hat:

„Wenn sich der faktische Glaube kirchlich gesinnter evangelischer Christen und

der praktizierender Katholiken (abgesehen von ihrem kirchlichen und liturgischen

Tun) heute faktisch kaum unterscheiden, dann muß man doch dieser simplen Tatsache

in den ökumenischen Bestrebungen das Gewicht einräumen, das sie verdient.

Gewiß würde bei einer Einigung der katholischen Kirche mit den reformatorischen

Kirchen die katholische Kirche jene Dogmen nicht zurücknehmen, die ihr

von der anderen Seite bestritten werden. Aber muß sie notwendig darauf bestehen,

daß diese Dogmen in den nun unierten (vereinigten) Kirchen auch ausdrücklich

und absolut verbindlichen von Amts wegen gelehrt werden? Das ist doch wirklich

eine echte Frage, wenn man sieht, wie die katholische Kirche über die Nichtakzeptation

nicht weniger Dogmen bei ihren eigenen Mitgliedern stillschweigend

hinweggeht. Das ist eine Frage, wenn man sieht. Daß das ‚filioque’ [und vom Sohne,

H. V.] nicht überall ausdrücklich im Glaubensbekenntnis genannt werden muß,

wenn man daran zweifeln kann, daß der Ausgang des Geistes ‚vom Sohn’ und der

‚durch den Sohn’ wirklich genau dasselbe bedeuten. Das ist eine Frage, wenn man

von der Verschiedenheit der materialen Vermittlungen des einen heilschaffenden

Glaubens in den Phasen der Heilsgeschichte Notiz nimmt.

Die geistesgeschichtliche Situation ist heute nun einmal anders als früher. Früher

dachte man mit einfacherem Entweder-Oder und in Sätzen, für die eine absolute

Zustimmung zumindest präsumiert wurde. Heute präsumiert man eher, daß ein

schlichtes Entweder-Oder von vornherein falsch sei und bejaht Sätze normalerwei-

32 Vgl. ebd. S. 225f. (SW 30, S. 566f.).

33 Ebd. S. 227.

34 Ebd. S. 227f. (SW 30, S. 568f.).

24


se bedingt bis zum immer auch denkbaren Beweis des Gegenteils. Die heutige

Mentalität darf durchaus nicht verabsolutiert werden, da dies ja nochmals gegen ihr

eigenes Wesen wäre. Aber kann man bei einer doch relativ auch berechtigten heutigen

Mentalität fragen, ob man heute die Differenzen unter den christlichen Konfessionen

im selben Stil weiterführen müsse, in dem sie unter einer anderen Mentalität

einst formuliert wurden und formuliert werden mußten.“ 35

Zum Beispiel könnten unter Einkalkulierung der heutigen Mentalität die Differenzen

hinsichtlich des Ersten Vatikanums bereinigt werden. Rahner spricht in diesem Zusammenhang

etwas zu optimistisch von der „Eigenständigkeit der großen Regionalkirchen

in der katholischen Kirche“ 36 als Hinweis auf die mögliche Eigenständigkeit

einmal mit Rom vereinter Kirchen der Reformation.

Eine letzte Überlegung Rahners: Jeder wirklich christliche und heilschaffende

Glaube muss ein Moment einer absoluten Zustimmung in sich haben. Aber diese

Zustimmung hat auch ein „aposteriorisches“ Moment der Vermittlung in sich. Diese

Vermittlung ist aber im Lauf der Heilsgeschichte unübersehbar variabel geworden.

Dieses Moment ist, wie die empirischen Tatsachen zeigen, nicht immer und überall

die „unfehlbare“ Autorität des kirchlichen Lehramtes. Glaubende konnten und können

ganz andere inhaltliche Vermittlungen zu einer absoluten Zustimmung zur rettenden

Selbstmitteilung Gottes haben, zum Beispiel das Christus-Ereignis oder eine

unbedingte Hoffnung usw.:

„Darum müßte die kirchliche Verkündigung sich fragen, welches konkret in unserer

heutigen Zeit das wirksamste und nächstliegende Moment einer solchen Vermittlung

sein könnte. In der Verkündigung dürfte heute nicht wahllos alles gepredigt

werden, was zur ganzen Fülle des Glaubens der Amtskirche gehört. Es müßten

Akzente gesetzt werden. Und diese Akzente müßten dort liegen, wo der faktische

Glaube oder eine wirklich reale Glaubensmöglichkeit der Menschen von heute

liegt. Auch von da her hätte der faktische Glaube der Menschen eine (richtig verstandene)

‚normative’ Bedeutung für den amtlichen Glauben der Kirche und dessen

Verkündigung. Dieser faktische Glaube muß gewiß nicht das Ende der Verkündigung

sein, aber er müßte ihren Ausgangspunkt bilden. Das ist zwar eine Binsenwahrheit,

aber eine sehr wichtige, die wirklich gar nicht beachtet wird.“ 37

Erlauben Sie mir bitte zum Schluss ein kurzes Resümee zu versuchen, verbunden

mit einem Blick auf Entwicklungen in den letzten 30 Jahren, seit Karl Rahner seine

Gedanken zu Papier brachte. Im Hinblick auf die Lehrautorität der Glaubenden

zeichnen sich zwei Stufen ab: Die erste besteht aus der Verweigerung. Das ist

nicht ein bloßer folgenloser Protest. Ein Beispiel, noch von Rahner selbst erlebt

und mehrfach zitiert, ist das päpstliche Rundschreiben „Humanae vitae“ von 1968

zur Empfängnisregelung. Sie wurde erlassen, weil man dem Papst einflösste: Sein

Vorgänger habe vor 30 Jahren das menschliche Eingreifen in Naturabläufe verboten,

und der Papst setze seine Autorität aufs Spiel, wenn er anderes lehre als sein

Vorgänger. Die römische Autorität hat immer wieder versucht, die Bischöfe auf jenes

Rundschreiben zu verpflichten. Es gibt mehrere Regionalkirchen, die sich dem

Ansinnen widersetzen.

35 Ebd. S. 228f. (SW 30, S. 568f.).

36 Ebd. S. 229 (SW 30, S. 570).

37 Ebd. S. 230 (SW 30, S. 570).

25


Die zweite Stufe ist eine Verweigerung, der ein eigener neuer Vorschlag folgt. Ein

Beispiel ist die Säuglingstaufe. In weiten Kreisen unserer Kirche wird das Behaupten

einer Erbsünde abgelehnt, aus Ehrfurcht vor dem Gottesbild und als Respekt

vor dem menschlichen Gewissen. Darum wird die Redeweise von dem erbsündigen

Säugling, der ohne Taufe für immer und ewig verloren und dem Teufel ausgeliefert

sei, aufgegeben, der Ritus wird als Aufnahme in die Kirche verstanden. Auch

die Rede von der Hölle wird revidiert. Unser Gott unterhält keine jenseitigen Konzentrationslager,

hat ein renommierter Theologe gesagt; kluge Menschen weisen

darauf hin, dass die Hölle im Diesseits existiert, die Hölle von Auschwitz und von

Stalingrad, die Hölle einer Ehe, in der sich Menschen quälen. Die Beispiele könnten

vermehrt werden. Die Lehrautorität der Glaubenden gibt es.

Weitere Literatur:

Dietrich WIEDERKEHR (Hrsg.): Der Glaubenssinn des Gottesvolkes – Konkurrent oder Partner des

Lehramts? Freiburg i.Br. : Herder, 1994 (Quaestiones disputatae. 151). – (Standardwerk).

Herbert VORGRIMLER: Vom „sensus fidei“ zum „consensus fidelium“, in: DERS.: Wegsuche. Bd. 2.

Altenberge : Oros, 1998, S. 85-98.

26


Dank und Hinweise

Andreas R. Batlogg SJ

Herbert Vorgrimler seien jetzt einige Augenblicke des Verschnaufens gegönnt.

Bevor wir noch etwas Zeit haben für Fragen und in eine kurze Diskussion

einsteigen, darf ich noch einige kurze Hinweise geben.

1. Jede Rahner Lecture seit 2009 ist als pdf-Dokument auf dem Freiburger

Dokumentenserver der Uni Freiburg veröffentlicht worden und downloadbar,

auch die letzte Lecture von Günther Wassilowsky ist dort seit August 2012

einsehbar 1 . Auf der Homepage des Karl-Rahner-Archivs finden Sie die entsprechenden

Pfade 2 . Die diesjährige Lecture wird, weil der Text bereits vorliegt,

innerhalb der nächsten Wochen publiziert werden.

2. Band 21 der „Sämtlichen Werke“ Karl Rahners, der Konzilsband, den

Günther Wassilowsky bearbeitet hat, ist leider noch nicht erschienen. Aber

das Material ist beim Verlag, es wird ein Doppelband werden – voraussichtlich

kann er jetzt im Sommer, spätestens im September 2013 erscheinen.

Seit 16. April 2013 ist dafür Band 7 „Der betende Christ. Geistliche Schriften

und Studien zur Praxis des Glaubens“ erhältlich, der Klassiker wie „Worte

ins Schweigen“ oder „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ enthält,

zusammen mit 32 anderen Texten 3 .

3. Im Namen der Hochschule für Philosophie, und Ihres Präsidenten, Professor

Johannes Wallacher, unserem Gastgeber, mache ich noch auf einen

Termin im Herbst aufmerksam: Am 7. Oktober 2013 wird die neu eingerichtete

ökumenische Forschungsstelle im Rang eines Instituts feierlich eröffnet

werden – in einem Festakt mit Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und

Bischof Stephan Ackermann. Die Leitung des Instituts soll Professor Gunter

Wenz 2015 übernehmen. Es gibt Überlegungen, eine „Pannenberg Lecture“

zu inaugurieren. Gespräche darüber laufen – soviel kann und soll ich im

Namen von Herrn Wallacher hier sagen. Möglicherweise wird dann die Rahner

Lecture im Zweijahrestakt abgehalten; das ist eine Option. Aber Sie

können damit rechnen, daß Sie 2014 wieder mit einer Rahner Lecture beglückt

werden.

Herr Wallacher mußte sich für heute abend entschuldigen. Er ist aber durch

den Vizepräsidenten der Hochschule, P. Harald Schöndorf SJ, würdig vertreten,

der auch Mitglied im Kuratorium der Karl-Rahner-Stiftung München

1 Vgl. .

2 Vgl. .

3 Vgl. Karl RAHNER: Sämtliche Werke. Bd. 7: Der betende Christ. Geistliche Schriften und Studien

zur Praxis des Glaubens. Bearbeitet von Andreas R. BATLOGG. Freiburg i.Br. : Herder, 2013, 532

S.

27


ist. Deren Vorstandsvorsitzender, Dr. Klemens Martin, ist heute ebenfalls

anwesend.

Am Ende dieses Abends steht der Dank: dem Referenten natürlich zu allererst,

Herbert Vorgrimler, daß er diese Reise auf sich genommen hat, es ist ja

kein Katzensprung von Münster; Sr. Marianne Candels für die Begleitung;

Herrn Marthaler, unserem Hausmeister, der Hochschule, P. Carlos Ignacio

Man-Ging SJ, der als Fotograf eingesprungen ist, da einige Funktionsträger

der Hochschule heute verhindert sind – Ihnen für Ihr Kommen und Ihr Interesse

an Karl Rahner und an Herbert Vorgrimler. Morgen gibt es den Workshop,

bei dem zwei prägnante Texte aus Band 30 der „Sämtlichen Werke“

angeschaut, gelesen und interpretiert werden.

Ihnen allen noch einen schönen Abend, kommen Sie gut nach Hause – und

auf Wiedersehen im Jahr 2014!

***

Beim Workshop, der wie jedes Jahr etwas mehr als 20 Interessierte zusammenführte,

wurde kurz über den Stand der Edition „Sämtliche Werke“ Karl Rahners informiert.

Von den beiden von Herbert Vorgrimler und Andreas R. Batlogg ausgesuchten

Texten 4 kam aus Zeitgründen nur einer zur Behandlung (Lektüre, Rückfragen,

Debatte): „Zur Situation des Glaubens“.

Am Ende des Workshops teilte Professor Vorgrimler in bewegenden Worten mit,

daß die Rahner Lecture 2013 sein letzter öffentlicher Auftritt in Sachen Karl Rahner

gewesen sei. – Auch das sei nicht verschwiegen: Der Referent verzichtete für sich

und seine Begleitung auf die Reise- bzw. Flugkosten, wofür ihm seitens der Karl-

Rahner-Stiftung, die die Rahner Lectures finanziert, noch einmal herzlich gedankt

sei.

4 Den Teilnehmern lagen zwei Texte vor, beide SW 30 entnommen: „Zur Situation des Glaubens“

von 1980 (SW 30, S. 236-253) und „Kirche und Atheismus“, ebenfalls von 1980 (SW 30, S. 254-

264).

28


30

ISSN 1868-839X

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