Materialien 9 - Film

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Materialien 9 - Film

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Aussparungen und Andeutungen arbeitet, statt mit vollständigen und eindeutigen

Erzählabläufen. Dies hat folgende Effekte: „der Ankündigung einer Handlung folgt ihr

Ergebnis unmittelbar, und lange Entwicklungen sollen in der winzigen Spanne zwischen zwei

verbalen Einheiten stattgefunden haben. So verschwindet ein großer Teil der Realität und des

feindlichen Widerstands in den Taschen des Kommentars, gibt dem Publikum ein Gefühl der

Mühelosigkeit des Erreichten und verstärkt den Eindruck eines unwiderstehlichen deutschen

Blitzkriegs. In Wirklichkeit ist der Blitz durch ein künstliches Vakuum gezuckt."

Statt verstandesmäßig nachvollziehbare Handlungen zu konstruieren, sollen - so Kracauer -

vor allem Emotionen beim Publikum geweckt werden. So dient die Landkarte im

Nazikriegsfilm nicht nur der geographischen Information, sondern auch einer Symbolik der

Überlegenheit. Pfeile markieren die Invasionsbewegung und demonstrieren Stärke und

Tempo; die dynamische Vogelperspektive der Kamera über Landkarten „bearbeitet die

motorischen Nerven und bestärkt im Zuschauer die Überlegung von der dynamischen Macht

der Nazis. Bewegung in und über einem Gebiet bedeuten dessen völlige Kontrolle.“

Kracauer nennt weitere visuelle Mittel wie die wertende Darstellung von Physiognomien, die

Eingliederung, also Dekontextualisierung und Neukontextualisierung von feindlichem

Filmmaterial sowie die Etablierung von Leitmotiven, wie das idealtypische Soldatengesicht in

Großaufnahme. Ebenfalls visuelles Mittel ist die Loslösung der Bilder von ihrer Tonspur, von

ihrer Kommentierung, die zu einem Eigenleben der Bilder führt, das besonders den bewusst

fehlenden Informationscharakter verdecken soll. So finden Schlachten im Nirgendwo statt,

„wo die Deutschen über Raum und Zeit gebieten. Die genauen Zusammenhänge sind

verschwommen und nicht rekonstruierbar, durch die Bilder suggeriert wird jedoch: die

Deutschen gewinnen."

Dazu trägt als nonverbales und asemantisches Medium auch die Musik bei, die die gezeigten

Bilder akzentuieren kann und emotional-suggestiv in eine Richtung lenkt, d.h. „sie verändert

die Bedeutung synchronisierter Einheiten“, sie interpretiert Zusammenhänge neu.

Wie Kracauer durch diese Vorgehensweise herausgefunden hat, bewirkt die aufwändige statt

einfache Schnitttechnik, die Leitmotivik, die Erzählform der Ellipse, die übergeordnete

dominante Kameraperspektive und der nicht nur untermalende, sondern interpretierende

Einsatz von Musik eine unterschwellige, nicht offensichtliche Filmwirkung der Überlegenheit,

der Schnelle und der körperlichen wie emotionalen Stärke.

Die Studie 'Von Caligari zu Hitler' geht dann jedoch noch weit über die Analyse der

filmischen Mittel hinaus. Die Kontinuität bestimmter filmischer Stereotype wird von Kracauer

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