Materialien 9 - Film

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der die Bewegungskoordination noch kaum ausgebildet war und das eigene Ich ncoh nicht als

von der Außenwelt getrennt gesehen wird, also kein Unterschied zwischen Subjekt und

Objekt gemacht wird. Dieser Zustand wird als angenehm empfunden (hier der Vergleich

Traum und Säugling an der Mutterbrust)

Ein Kleinkind kann in diesem Kontext auch nicht zwischen subjektiven Vorstellungen,

Halluzinationen und realen Wahrnehmungen unterscheiden d. h. es kann keine

Realitätsprüfung vornehmen. Ein Kleinkind vor dem Spracherwerb nimmt vor allem visuell

wahr. Und auf diese frühe Wahrnehmungsstufe werden nun nach Freud Erwachsene im Traum

geführt.

Der erwachsene Kinobesucher – so Baudry – erlebt ähnliches beim Kinobesuch.

Konkret z.B. in der Wahrnehmung der Bilder wie im Traum, also als unbeeinflussbares

Ablaufen auf einem Bildschirm - und in ihrer relativen Bewegungslosigkeit: im Kino durch

die vorgegebene Anordnung des kinematographischen Apparates aus Leinwand, Publikum

und Projektor, die Abtrennung von der Außenwelt, das beengte Sitzen im Sessel und die

Vorgabe der Blickrichtung nach Vorne.

- weitere Analogien Traum- Film: die Zuschauenden lassen sich freiwillig auf die

Bedingungen des Sehens ein, dieses wird – wie im Traum – nicht notwendigerweise in

real/fiktiv unterschieden.

- damit hängt wiederum zusammen, dass das Publikum zurückversetzt wird aus einem

rational-differenzierenden 'erwachsenen' Denken (Sekundärprozess) in den frühkindlichen

'primärprozessähnlichen' vorwiegend aus visuellen Reizen geprägten Zustand, wodurch das

Subjekt dann Lust empfindet.

Als letzter Punkt kann genannt werden, dass das eigene Ich-Bewusstsein zurückgedrängt wird,

dass die Grenzen zum Umgebenden zerfließen und man Teil eines Ganzen wird. Dadurch

wird eine starke Identifizierung mit den Bildern möglich, das Subjekt kann in die Bilder

eintauchen, das Gesehene wirkt realer als real. In der Kritik wird dies dann der

Immersionseffekt genannt, der einen Rückschritt in der Psyche eines vernunftbegabten

Wesens darstellt – die Ich-Regression.

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