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Hugo Ernst Käufer

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Ausgewählte Essays, Reden und

Rezensionen aus fünfzig Jahren

Mit einer Bibliographie

von Klaus Scheibe

Grupello Verlag


DAS AUGE LIEST MIT – schöne Bücher für kluge Leser

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Hier finden Sie Leseproben zu allen unseren Büchern, Veranstaltungshinweise

und Besprechungen. e-mail: grupello@grupello.de

Autor und Verlag danken folgenden Institutionen für die Förderung:

Landschaftsverband Westfalen-Lippe

Abteilung Kulturpflege

Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW

Stiftung der Sparkasse Bochum

zur Förderung von Kultur und Wissenschaft

INHALT

Ein Wort zuvor 9

Und mittendrin die Kinder ...

Zu Heinrich Böll: »Haus ohne Hüter« (1954) 11

»Romeo und Julia« 1954

Zu Hans Bender: »Eine Sache wie die Liebe« (1954) 15

Novalis – Vorbote Europas (1955) 18

»Sandalen am Krater lassen wie Empedokles ...«

Zum Tode von Gottfried Benn (1956) 26

Georg Weerth – der erste Dichter

der deutschen Arbeiterbewegung (1956) 30

Rückbesinnung auf den Menschen

Zu Alfred Andersch: »Sansibar oder Der letzte Grund«

und »Piazza San Gaetano« (1957) 32

Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Käufer, Hugo Ernst: Lesezeichen / Hugo Ernst Käufer –

Ausgewählte Essays, Reden und Rezensionen aus fünzig Jahren

Mit einer Bibliographie von Klaus Scheibe

Düsseldorf : Grupello Verlag – 1. Aufl. 2001

ISBN 3-933749-70-0

1. Auflage 2001

© by Grupello Verlag

Schwerinstr. 55 · 40476 Düsseldorf

Tel.: 0211–498 10 10 · Fax: 0211–498 01 83

Druck: Müller, Grevenbroich

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 3-933749-70-0

Das erzählende Werk Heinrich Bölls 1949-1963

Ein erster Überblick (1963) 35

Paul Schallücks neuer Roman

»Don Quichotte in Köln« (1967) 61

Deutsche Lyrik vom Expressionismus bis heute

Ein Versuch mit Beispielen (1967) 63

Kunst, Literatur und Technik in unserer Gesellschaft

(Vortrag, gehalten im Juli 1970

in der Akademie für Politische Bildung Tutzing) 88

Die neuen Wirklichkeiten

Schreiben und Beschreiben heute

(Kurzreferat für die Podiumsdiskussion der Jahresversammlung

des Verbandes Deutscher Schriftsteller

in NRW am 10.10.1970 in Wuppertal) 104


Plädoyer für ein verkanntes Genie oder

Eine nicht nur fiktive Rede (2001) 270

Paul Karalus: Filmemacher, Erzähler und Poet –

wider das Vergessen

Versuch eines Porträts (2001) 276

Quellen und Anmerkungen 291

Bibliographie Hugo Ernst Käufer (Stand 2001) 295

Bearbeitet von Klaus Scheibe

Vorbemerkungen 297

Inhaltsverzeichnis 298

Biographie Hugo Ernst Käufer 387

Personenregister 389

Dank 397

EIN WORT ZUVOR

Neben seinem belletristischen und herausgeberischen Werk (Gedichte,

Kurzprosa, Aphorismen, Anthologien u. a.) hat Hugo Ernst Käufer seit

1950 in bekannten literaturwissenschaftlichen Publikationen, in Verlagen,

Zeitschriften und Zeitungen kontinuierlich Essays, Aufsätze,

Rezensionen und Interpretationen veröffentlicht sowie Reden und

Vorträge gehalten. Im Verlauf von fünf Jahrzehnten ist so etwas wie

eine subjektiv geprägte Chronik der Literatur und Kunst nach dem

Zweiten Weltkrieg entstanden.

Essays, Rezensionen und Vorträge beschreiben und interpretieren

das Werk deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, zum Beispiel

Alfred Andersch, Gottfried Benn, Heinrich Böll, Hilde Domin, Max

von der Grün, Norbert Johannimloh, Irmgard Keun, Karl Krolow, Paul

Schallück und Anna Seghers. Zu den vorgestellten bildenden Künstlern

zählt HAP Grieshaber. Ausführliche Darstellungen gehen auf

Einzelfragen in Literatur, Kunst und Gesellschaft ein, als Beispiele

sind zu nennen: »Kunst, Literatur und Technik in unserer Gesellschaft«,

»Braucht unsere Gesellschaft noch die Literatur?«, »Literatur

der Arbeitswelt«, »Die neuen Wirklichkeiten – Schreiben und Beschreiben

heute«, »Deutsche Lyrik vom Expressionismus bis heute«.

Viele der in diesem Band versammelten Texte sind zudem vor dem

Hintergrund persönlicher Begegnungen Hugo Ernst Käufers, u. a. mit

Friedhelm Baukloh, Heinrich Böll, Hilde Domin, HAP Grieshaber,

Norbert Johannimloh, Paul Karalus, Irmgard Keun, Karl Krolow und

Paul Schallück zu sehen.

Aus mehr als vierhundert essayistischen Beiträgen, die der Autor in

den letzten fünfzig Jahren geschrieben hat, wurden knapp vierzig als

charakteristische Beispiele für seine Einlassungen mit Literatur, Kunst

und Gesellschaft in jüngster Vergangenheit und Gegenwart ausgewählt,

chronologisch geordnet als zeitlich durchgehendes Lesebuch.

Obwohl bei der Zusammenstellung darauf geachtet wurde, längere

inhaltliche Überschneidungen zu vermeiden, korrespondieren dennoch

einige Texte miteinander. Das ist etwa bei den Essays zu Gottfried

Benn und Heinrich Böll der Fall; Einzelinterpretationen aus dem

Anfang der fünfziger Jahre wurden bei späteren größeren Übersichten

berücksichtigt. Abgesehen von kleineren stilistischen Änderungen und

9


geringfügigen Kürzungen blieben die Originalfassungen der Beiträge

als Dokumente ihrer Zeit weitgehend erhalten; das gilt vor allem für

die Reden.

Nicht aufgenommen in diese Auswahl wurden die bibliothekspolitischen

und bibliothekstheoretischen Schriften; sie bleiben einer späteren

eigenen Herausgabe vorbehalten. In der Bibliographie sind sie allerdings

verzeichnet. Die in der Stadtbücherei Gelsenkirchen, der

langjährigen Wirkungsstätte Hugo Ernst Käufers (1966-1987), von

Klaus Scheibe bearbeitete Bibliographie dokumentiert das Gesamtwerk

als Autor, Herausgeber und Bibliothekar. Neben Handschriften,

Manuskripten und Briefen wurden die hier verzeichneten Veröffentlichungen

2000 vom Heinrich-Heine-Institut der Stadt Düsseldorf als

Arbeitsarchiv übernommen.

Wohl nicht zuletzt aufgrund seiner bibliothekarischen Herkunft hat

es Hugo Ernst Käufer weitgehend vermieden, als Beckmesser in seinen

Urteilen zu agieren. Begleitende Förderung, die durchaus auch

kritisch eingestellt sein konnte, vor allem der jungen literarischen

Talente, stand im Vordergrund seiner Arbeit. Arrogante Selbstdarstellung

bei der Beurteilung literarischer Produkte war und ist nicht

seine Sache.

Das Buch erscheint zum 75. Geburtstag Hugo Ernst Käufers am 13.

Februar 2002.

SK

UND MITTENDRIN DIE KINDER ...

ZU HEINRICH BÖLL: »HAUS OHNE HÜTER« (1954)

Der 1917 in Köln geborene Heinrich Böll, der wohl begabteste Autor

der »Gruppe 47«, legt uns mit seinem neuen Roman ein weiteres

Zeugnis seines Talentes vor. Beim Erscheinen seines Buches »Und

sagte kein einziges Wort« im vergangenen Jahr urteilte man, daß er

mit diesem Werk sprachlich wohl die Spitze seines Könnens erreicht

habe. Doch dem Rezensenten fällt es schwer, nicht enthusiastisch über

das vorliegende Buch zu sprechen: Es ist subtiler in der Diktion; Klischees,

die dem oben erwähnten Buch noch nachgesagt werden

konnten, sind überwunden, und die Sprache ist meisterlich gestaltet.

Mir ist seit William Goyens Buch »Haus aus Hauch« kein Werk begegnet,

daß von dieser Gekonntheit gewesen wäre. Es drängt sich der

Vergleich auf: Wenn wir uns heute über die gesellschaftliche Situation

Frankreichs zu Anfang des 19. Jahrhunderts orientieren wollen und zu

den Büchern Balzacs greifen, so werden spätere Generationen nicht

zuletzt Bölls neuen Roman in die Hand nehmen, um sich mit dem

Nachkriegsdeutschland, der Zeit nach 1945, zu beschäftigen. Auch

wenn wir die Sätze von Graham Greene auf diesen Roman anwenden

können: »Sehen Sie, es gibt nichts Schlimmeres für einen Autor, als

wenn er seine Bücher schreibt, um Menschen zu bekehren«, so bleibt

doch festzustellen, daß Böll kraft seiner Sprache die morschen Stellen

unserer gesellschaftlichen Institutionen abfühlt, sie einreißt und so den

wirklichen Grund unserer Gewissensentscheidungen freilegt. Kurzum:

Es handelt sich um einen soziologischen Roman, der ein scheinbar alltägliches

Thema, das Problem der »Onkel-Ehen«, auf die dichterische

Ebene transponiert.

Zwei elfjährige empfindsame Knaben, die in einer Stadt der Rheingegend

aufwachsen, sind in den Mittelpunkt der Handlung gestellt.

Da ist zunächst die Welt Martin Bachs, die sich nicht nur dadurch von

der seines Freundes Heinrich Brielach unterscheidet, daß im Hause

Martins das Geld reichlich vorhanden und der Eisschrank gut gefüllt

ist; es ist auch der Unterschied zwischen Onkel Albert und Leo. Onkel

Albert war der Freund seines Vaters, Raimund Bach, der 1942 in Kalinowka

von einem Spähtrupp-Unternehmen nicht zurückgekehrt ist.

11


Anlaß zu diesem sinnlosen Unternehmen war der Befehl eines jungen

Leutnants, der feststellen wollte, »ob der Befehl eines Offiziers ausgeführt

werden muß oder nicht«. Raimund Bach nahm Albert das Versprechen

ab, sich um seinen Sohn zu kümmern. Albert wächst langsam

in die Rolle eines unentbehrlichen Freundes hinein und ist so wie

anderer Jungen Väter sind. Martins Mutter Nella ist durch den Tod

ihres Mannes derart erschüttert, daß sie das Gefühl hat »zu

schwimmen«. Sie läßt sich absacken in der Meinung, daß alles mehr

oder weniger sinnlos geworden ist. Sie lehnt es ab, von Albert geheiratet

zu werden und flieht in eine Scheinwirklichkeit. Doch sie ist

bereit, die Geliebte Alberts zu werden, denn »als Geliebte werde ich

dir treuer sein, als ich es als Frau sein könnte ... wozu dieser tödliche

Ernst mit der Ehe ... vier Millionen von diesen feierlichen Verträgen

werden durch einen Krieg zunichte gemacht«. Sie macht in »Snobismus«,

trifft sich mit jungen Leuten, die albern sagen: »Es ist himmlisch,

ins Zentrum des geistigen Lebens einzudringen«, fährt zu kulturellen

Tagungen, wo »Schwätzer«, die während der Nazizeit über

»Unser Führer in der modernen Lyrik« referierten, heute zum Thema

»Das Verhältnis des geistig Schaffenden zu Kirche und Staat in einem

technisierten Zeitalter« Stellung nehmen. In diesem Kreis der »Trichinenbeschauer

der Kultur« trifft Nella Gäseler den Mörder ihres Mannes,

aber bei seinem Anblick stellt sie resignierend fest: »Ein Profil,

das sich für einen Werbefilm eignet. So sieht das Schicksal aus, so wie

du: nicht düster, nicht grauenvoll, sondern langweilig.« Ausgerechnet

er hält Referate wie: »Was haben wir von der Lyrik der Gegenwart zu

erwarten?« Dazu zitiert er Gedichte Raimund Bachs, die dieser vor

dem Krieg geschrieben hatte. Schon »die Nazis konnten wunderbare

Reklame mit seinen Gedichten machen, weil sie so ganz anders waren

wie der penetrante Dreck, der aus ihren Firmen kam; sie konnten

damit hausieren gehen und beweisen, daß sie nicht einseitig seien ...«

Positive Kritik ist berechtigt, sie muß sein. Böll selbst hat einmal

gesagt: »Das Auge des Schriftstellers sollte menschlich und unbestechlich

sein.« Mit diesen Nuancen der »Menschlichkeit« sind auch die

anderen Personen gestaltet, die in Martins Welt eine Rolle spielen: Da

ist die ältliche Bolda, die Kinoprogramme und Gesangbücher sammelt,

Freundin der Großmutter seit der Jungmädchenzeit, als beide

noch arm in einem kleinem Dorf der Eifel wohnten. Da ist Glum: kahlköpfig,

zahnlos, mit seinem guten, eckigen Gesicht, der im KZ gesessen

hat. Doch die farbigste und profilierteste Figur des Romans überhaupt

ist die Großmutter Martins. Sie, die alle vier Wochen den »Rappel«

bekommt und ihr Spiel »Blut im Urin« spielt, die schweres und

12

reichliches Essen, fette Suppen, bräunliches, dickflüssiges Zeug, dessen

Geruch in Martin Ekel verursacht, liebt und versucht, ihn zum

»Fleischfresser« zu machen, ist derart meisterhaft gezeichnet, daß man

Vergleichbares in der jüngeren deutschen Literatur vergebens sucht.

In dieser Welt der labilen Stimmungen und scheinbaren materiellen

Sicherheit wächst Martin auf, verstanden und gestützt eigentlich nur

von Onkel Albert, der es ablehnt, der Geliebte Nellas zu werden, denn

»für die Kinder bin ich irgend so etwas wie die letzte Stütze, es würde

für sie ein Schlag sein, den sie nie überwinden, wenn auch ich aus der

Onkel-Kategorie, in der ich jetzt bin, in die andere überwechselte«.

Heinrich Brielach lebt in einer materiell gefährdeten Welt. Er wurde

von der Stunde seiner Geburt an nicht geschont, trieb sich mit fünfeinhalb

Jahren auf dem Schwarzmarkt umher, trug später die Lasten des

spärlichen Haushalts und erlebte die verschiedenen »Onkel-Kategorien«,

mit denen sich seine Mutter einließ. Nach dem Tode ihres Mannes

blieben Frau Brielach nur »zerschlagene Knochen, ein bleiernes

Hirn und die abendliche Wollust, die ihr lästig war«. Sie hat kein

Geld, sich Zahnersatz zu kaufen, bricht schließlich das Verhältnis mit

»Onkel« Leo, der ein »Schwein« ist und mit Heinrichs Mutter ein Kind

hat, und wechselt hinüber zum Bäcker, bei dem sie arbeitet, der als

fünfter »Onkel« der Onkelreihe erscheint und ihr materielle Sicherheit

verspricht. Auf die Frage Martins: »Warum heiraten unsere Mütter

nicht wieder?« antwortet Heinrich: »Wegen der Rente, Mensch. Wenn

meine Mutter heiratet, bekommt sie keine Rente mehr.« Während des

Umzuges zum Bäcker wird die ergreifende Armut der Familie offenbar.

Der Satiriker Böll kommt zum Vorschein, wenn er eine ehemalige

Tür, auf deren Schild »Finanzminister, Zimmer 542« steht, als Martins

Bett erscheinen läßt. Der Umzug ist angefüllt mit Verzweiflung, so daß

Heinrich traurig feststellt: »der einzige, der jetzt hätte helfen können,

wäre der Vater gewesen ...« Im Hause stehen die Leute umher, weiden

sich an der Verlorenheit Brielachs, und einer der Bewohner sagt:

»Von einer Sünde in die andere.« Doch Böll schließt die Szene mit

einem versöhnlich stimmenden Akzent. Onkel Albert erscheint, begreift

die Not der Frau und Heinrichs Verlassenheit, so daß die Frau,

als sie schon beim Bäcker wohnt (diese Gestalt reizt förmlich zu einer

eigenständigen psychologischen Betrachtung) noch von der Tröstung

lebt, die sie dem Blick Alberts entnehmen konnte.

Die Besprechung kann aber nicht abgeschlossen werden, ohne die

ausgezeichnete psychologische Charakterisierungskunst zu würdigen,

die Böll immer dann anwendet, wenn die beiden Jungen in erster

aufkeimender Ahnung mit den Problemen des Geschlechtlichen zu-

13


sammentreffen. So die Begegnung mit einigen Schulkameraden, die

im Gebüsch »Unschamhaftes« getan haben, und so der Zusammenprall

mit einem »dunklen« Wort, das Brielachs Mutter zum Bäcker

gesagt hat. Dem Rezensenten trat die Charakterisierung des kleinen

Hugh in Llewllyns Roman »So grün war mein Tal« wieder ins Bewußtsein.

Aber dieser Vergleich kann nur annähernd gebraucht werden.

Die Zeichnungen Bölls sind dichter in der Atmosphäre und angefüllt

mit den Tiefen, die ein wirkliches Kunstwerk ausmachen. Böll ist

aufrichtig als Katholik und durchdrungen von der Wahrheitsliebe

eines Bernanos und Greene. Er bekämpft die Fassade, die leeren Worte

und den Rummel der vorgetäuschten Frömmigkeit. Wir sollten mehr

Autoren wie Böll haben; er wird seinen Weg gehen.

NACH MITTERNACHT IN FINSTERER ZEIT

ANNÄHERUNGEN AN IRMGARD KEUN (1993)

1

Gehört von Irmgard Keun habe ich zum erstenmal im Februar 1954,

als ich für einige Wochen im noch vom Krieg gezeichneten Haus von

Heinrich Böll in der Schillerstraße in Köln-Bayenthal wohnte, am

Beginn des Studiums, auf der Suche nach einer Unterkunft in der

zerbombten Stadt. Da war von einem intensiven, bis heute unveröffentlichten

Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und »der Keun«, wie

sie genannt wurde, die Rede. Briefe, die der hochbetagte Vater Bölls,

Viktor, von Schreibtisch zu Schreibtisch beförderte.

Persönlich begegnet bin ich Irmgard Keun im Spätherbst 1956 im

Speisewagen eines D-Zuges auf der Rückfahrt von einem Studienaufenthalt

in Berlin nach Köln. Da saßen zwei Damen gegenüber, lebhaft

diskutierend, Zigaretten rauchend, mehrere leere Weinflaschen standen

auf dem schmalen Tisch. Aus den Gesprächsfetzen, die zu mir

und einigen Studienkollegen herüberdrangen, wurde mir nach und

nach bewußt, daß es sich bei einer der Damen nur um Irmgard Keun

handeln konnte. Als ich sie ansprach und ihren Namen nannte, war

sie überrascht.

»Woher kennen Sie mich?«, fragte sie, »ich bin doch gar nicht mehr

bekannt«.

»Ich habe Ihren Namen im Haus Heinrich Bölls gehört, Heinrich

Böll hat mir Ihr Buch ›Nach Mitternacht‹ zum Lesen gegeben, das Sie

während Ihrer Emigration veröffentlicht haben.«

»Das war 1937, im Querido-Verlag in Amsterdam, einige

Exemplare konnte ich retten, als ich 1940 nach der Emigration unerkannt

in Köln und anderen Orten untertauchte, eins davon habe ich

Hein Böll nach der verdammten Nazizeit geschenkt.«

Als wir in Köln ankamen, war der schmale Tisch im Speisewagen

mit leeren Weinflaschen überfüllt. Das war auch unseren Schritten

anzumerken, als wir den Bahnhof verließen und auf den Taxistand

zugingen.

195


»Ich fahre nur mit dem Justav«, sagte sie, »der weiß wo ich wohne,

mit dem trinke ich noch ein paar Kölsch«.

In der Zeit danach bin ich Irmgard Keun noch ein paarmal begegnet,

die Kontakte wurden unterbrochen, als ich Köln nach dem Studium

Anfang 1957 verließ. In Erinnerung geblieben ist mir eine lebhaft

gestikulierende Frau: ihre fragenden Augen, das Gesicht wie eine

Landschaft, voller Erinnerungen, voller Erfahrungen aus schlimmer

Zeit, die Jahre des Exils von 1935 bis 1940 hatten ihre wunden Spuren

hinterlassen.

Der Roman »Nach Mitternacht« wurde 1961 im Fackelträger-Verlag,

Hannover, neu aufgelegt. Vorher waren erschienen »Bilder und

Gedichte aus der Emigration«, 1947, der Roman »Ferdinand, der Mann

mit dem freundlichen Herzen«, 1950, und ein Band mit Erzählungen

»Wenn wir alle gut wären«, 1957.

Nach diesen Veröffentlichungen wurde es still um Irmgard Keun.

Sie zog von Köln nach Bonn, zunehmend einsamer, in der Nähe ihrer

Wohnung eine Kneipe, in der sie oft anzutreffen war. Alkohol, Tabletten,

Depressionen. Anfang der 30er Jahre war sie, etwas mehr als

zwanzig Jahre jung, in der Literaturszene Deutschlands bekannt, befreundet

mit Hermann Kesten, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und

Joseph Roth, mit dem sie später einige Jahre im Exil zusammenlebte.

Ihre Bücher wurden erfolgreich verfilmt, der PEN nahm sie 1932 als

Mitglied auf. Über den 1932 erschienenen satirischen Liebes- und

Gesellschaftsroman »Das kunstseidene Mädchen« urteilte Kurt Tucholsky:

»Das ist eine handgenähte Sache. Seit den ›Lausbubengeschichten‹

von Ludwig Thoma haben wir so was nicht gehabt.« Ein

Buch, die Zeit um 1931 kritisch beschreibend: Arbeitslosigkeit, Judenhaß,

Nationalismus. Zwei Jahre später von den Nazis verboten und

verbrannt, ebenso wie der erste Roman »Gilgi – eine von uns«, 1931

erschienen. »Asphaltliteratur«, wie die Nazis sagten. Die Bücher erschienen

auf den »Schwarzen Listen«, die Autorin wurde von der

Geheimen Staatspolizei verhaftet, verhört, gefoltert, wieder freigelassen,

1935 in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

2

Bei den Recherchen zu dem Band »Sie schreiben zwischen Goch und

Bonn«, 1975 erschienen, wollte ich erfahren, was aus Irmgard Keun

geworden war. Ja, lebte sie überhaupt noch? In der Literaturszene der

damaligen Zeit war sie nicht präsent. Ihre wenigen Nachkriegsbücher

196

suchte man in den Regalen der Buchhandlungen und Bibliotheken

vergeblich. Nachfragen unter Schriftstellerkolleginnen und -kollegen

blieben ohne Antwort, auch der Kontakt zu Heinrich Böll, mit dem sie

in der ersten Nachkriegszeit freundschaftlich verbunden war, bestand

nicht mehr. Allein das Bonner Einwohnermeldeamt konnte ihre

Adresse vermitteln: Breitestraße 115. Ja, sie lebte noch, und sie schickte

mir den Fragebogen zur Erstellung ihrer biographischen und bibliographischen

Daten zurück. Etwas später erhielt ich einige Briefe von

ihr, die ihre verzweifelte Situation dokumentierten. Am 30. Juni 1975

schrieb sie:

Lieber Hugo Ernst Käufer, Sie sind rührend. Soviel Dankeschön!

Ich hatte Ihnen auch einen Brief geschrieben und der wurde

dann immer länger und länger und länger und dann kam er mir so

dusselig und tränentriefig vor, dass ich ihn wütend in eine Schublade

knautschte – möglichst unauffindbar für mich selbst. Ich kann

schlecht schreiben, weil ich eine Brille brauche. Ich wünschte, der

PEN könnte mir mal etwas mehr schicken. Ich wollt’s nicht sagen.

Sie haben eh schon so viel getan. Von Herzen danke. Und nächstens

mehr – ich schwör’s.

Nochmals Dank und einen Riesenkarton voll taufrischer guter

Wünsche.

Ihre

Irmgard Keun

Am 3. Juni 1976 schrieb sie:

Lieber Hugo Ernst Käufer –

so Gott will, erreicht Sie dieser Brief wenigstens – eigentlich ist er

mehr ein misstönender Schrei als ein Brief – fällt mir verdammt

schwer, ihn auszustossen.

Ich bin in Not – habe keinen Pfennig mehr und erst in ca. 10

Tagen was zu erwarten. Können Sie mir durch PEN sofort telegrafisch

irgendetwas schicken. Nicht böse sein. Bitte! ...

Hätte doch der PEN nicht so schnell das Zahlen eingestellt. Ich

wollte Ihnen schon lange schreiben, aber erst eine gute Arbeit fertig

haben. Bei einem bestimmten Grad von Dreckiggehen kann ich

weder gut noch schlecht schreiben.

Und wiedersehen möchte ich Sie auch gern, sobald es geht. ...

Ja, ich weiss, das sind alles Zumutungen und ich hätte Ihnen

früher schreiben sollen – und, und, und.

197


3

Ich schreibe Ihnen einen ausführlichen Brief, sobald ich von

Ihnen gehört habe.

Gute Grüsse, fröhliche Pfingsten für Sie.

Ihre

Irmgard Keun

Irmgard Keun – ein deutsches Schicksal. Erst in den späten 70er Jahren

erinnerten sich die Feuilletonisten wieder an sie. Einige Bücher

erlebten Neuauflagen. Zu ihrem 70. Geburtstag am 6. Februar 1980

schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung: »Immerhin hat sie mit

ihren hinreißend ehrlichen und persönlichen Schilderungen dazu

beigetragen, ein differenziertes Bild der dreißiger Jahre zu vermitteln.

Auch aus diesem Grund: Scheinwerfer an, Glanz auf Irmgard Keun!«

In diesem Scheinwerferlicht hat sie nicht mehr lange gestanden. Sie

starb 72jährig Anfang Mai 1982 in ihrer Wahlheimat Köln, ein Jahr

zuvor eine letzte, späte Anerkennung: 1981 erhielt sie den Marieluise-

Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt. Über ihre Arbeit sagte sie: »Gesellschaftlicher

Standort: vorwiegend dagegen.«

In Köln trägt ein Platz den Namen von Heinrich Böll, eine Straße

erinnert an Paul Schallück, das ehrt die Stadt – sie sollte auch Irmgard

Keun nicht vergessen.

Eine ebenso nüchterne wie engagierte Protokollarin der NS-Verbrechen,

als Wegweiserin einer Prosa der neuen Sachlichkeit, deren

Hauptwerk »Nach Mitternacht« zum bleibenden Bestand der deutschen

Exilliteratur gehört.

4

In diesem Roman wird mit höchst einfachen sprachlichen Mitteln die

politische Turbulenz der 30er Jahre in Deutschland gestaltet: Verrat und

Verfolgung, der raffiniert gemanagte Auftrieb der Volksmassen, der

Redeschwulst der NS-Parteigrößen und die Unterdrückung der freien

Meinung. Schauplätze sind Frankfurt und Köln. »Im Klingelpütz in

Köln haben sie Kommunisten hingerichtet, sie haben geschrien, ich

habe es gehört ... Es schrie, daß die Luft zitterte vor Schmerz.«

Im Mittelpunkt der Ereignisse steht die 19jährige Sanna Moder, die

ihre nazistisch angehauchte Tante Adelheid in Köln verläßt und zu

198

ihrem Stiefbruder Algin nach Frankfurt zieht. In Köln zurückgeblieben

ist Sannas Freund Franz, den sie bald heiraten möchte. Aber er gerät

in die Fangarme der Gestapo, »jeder hat jeden zu bewachen, jeder hat

Macht über jeden. Jeder kann jeden einsperren lassen«.

In Frankfurt lernt Sanna Schriftsteller und jüdische Ärzte kennen,

die nicht mehr schreiben und praktizieren dürfen, »die Lawine ist

gekommen und hat alles begraben«. Eines Abends trifft Franz auf

der Flucht vor seinen Häschern in Frankfurt ein. Sanna versteckt ihn

im Keller. »Nach Mitternacht« brechen beide zu ihrem dornenreichen

Weg ins Exil auf, fortan heimatlos, zwei Verirrte in der

Fremde.

5

Sanna Moder erzählt am Schluß des Buches:

Was soll ich einpacken? Man wird alles brauchen, man wird nichts

kaufen können. Wovon werden wir leben? Das alte blaue Kleid

kann ich hierlassen. Das Muttergottesbild nehme ich mit. Werden

wir ein Zimmer haben, wo ich es aufhängen kann? »Die Dächer, die

du siehst, sind nicht für dich gebaut ...« Ich habe Angst, ich habe

Angst. Vor meinem Fenster der Magnolienbaum fängt an zu blühen,

es ist so schön hier im Frühling. Mein Bett ist weich und

warm. Hier könnt ich liegen und schlafen, heute nacht, morgen

nacht, jede Nacht. Meine Hände zittern, meine Knie sind lahm vor

Müdigkeit. Mir ist übel, ich muß mich übergeben. Ich bin krank, ich

habe Fieber, ich kann nicht fliehen. Klingelt es? Vielleicht kommen

sie schon, um Franz zu verhaften. ...

Wir fahren durch die Nacht, alle Lichter fahren schwebend mit.

Mein Kopf liegt in Franz’ Schoße. Ich muß mich schwächer zeigen

als ich bin, damit er sich stark fühlen und mich lieben kann. Ich bin

müde, Franz. Seine Hand liegt auf meinem Gesicht und macht mich

glücklich. Ich habe ihn im Kohlenkeller eingeschlossen. Und als ich

ihn herausholte, war er nicht gestorben. Vielleicht hatte er Haß

gehabt und Wut, vielleicht war er voll dumpfer trauriger Gleichgültigkeit.

Daß er nicht starb, ist Liebe genug für mich.

Ist die Grenze ein Strich, was ist sie? Ich verstehe es nicht. Ein

Zug hört auf zu fahren, das ist die Grenze.

Männer kommen, machen Koffer auf, suchen und wühlen –

Grenze heißt Angst haben.

199


Der Zug fährt wieder, mein Hundertmarkschein fährt, Franz

fährt, alles fährt mit, nur die Angst fährt nicht mehr mit. Das war

die Grenze.

Und so liege ich in dem dunkelblauen rasenden Bett der Nacht.

Franz, alles wird gut, ich bin glücklich, wir sind gerettet, wir werden

leben.

»Die Dächer, die du siehst, sind nicht für dich gebaut. Das Brot,

das du riechst, ist nicht für dich gebacken. Und die Sprache, die du

hörst, wird nicht für dich gesprochen.« Franz’ Arme halten mich

fest, sein Atem ist ein Strom von Liebe. Der Zug fährt nicht auf

Schienen, er schwimmt über ein Meer von Glück.

Die Bank ist furchtbar hart und unbequem, aber du bist bei mir.

Und jetzt wollen wir schlafen. Wenn wir aufwachen, brauchen wir

Kraft. Noch scheinen Sterne hinter wolkigen Nebeln. Morgen laß

etwas Sonne sein, lieber Gott.

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