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Gerd Riese

Das Licht am frühen Morgen


Das Auge liest mit – schöne Bücher für kluge Leser

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DER WEG IST IMMER GLEICH WEIT

1. Auflage 2007

© by Grupello Verlag

Schwerinstr. 55 · 40476 Düsseldorf

Tel.: 0211-491 25 58 · Fax: 0211-498 01 83

Druck: Müller-Satz, Grevenbroich

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-89978-070-3


Quo vadis?

Du kannst weitergehen

Du kannst zurückkehren

Du kannst bleiben

Der Weg

ist immer

gleich weit

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Es ist

Es ist

das Wort, das Kind, das Weiß

und das Träumen.

Es ist

das Erinnerte, das Lied, das Schwarz

und das Suchen.

Es ist

das Vergessene, das Lächeln, das Papier

und das Wort.

Gang

Entlang dieser Straße

gehst du über dir

hängt der Mond

Schmale Sichel

fast liegend jetzt

im Herbst

Eine Wiege

messerscharf fiele

sie endlich

Es ist.

Es ist nicht.

Es ist nicht nichts.

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Das erste Mal

Die Sonne läßt feine Schattenrisse

durch das Balkongitter fallen

Gegen die weißen Eisenstäbe

von seinen Fäusten fest umspannt

preßt das Kind sein Gesicht

Sehnsüchtig sein Blick auf

die Zypressen den nahen Strand das Meer

Seine Augen verfolgen die großen Kinder

die auf der Straße laut fremde Worte schreiend

mit roten Gesichtern dem Ball nachjagen

Im Hintergrund ahnt man die Wohnung

angenehm schattig und kühl

Dort ruht die Mutter von der Hitze erschöpft

auf ihrem Bett

um ein wenig schlafen

Es ist allein das Kind

die Gitterstäbe ein sicherer Schutz

Für sein Gefühl

weiß es noch keine Worte

Im Februarschnee

Auch in jenen Tagen als

er noch ein Kind war nichts

wußte und alles

ahnte aber jetzt

jetzt dieser Schnee

so verdammt kindisch nur

Kindheit dumm alles

deckt er zu

macht weich was

hart war und Kontur

läßt Bittres süß

und Wut samtkalt

dieser Schnee ist so wortlos

wie’s Damals ein weißer Fluch

nur flüchtig rührt er ans Herz

läßt vergessen

was Erinnerung erkämpfte dämpft

alles Laute jeden Schrei

und rüttle einer

am dürren Stamm

dieses Baumes seine Zweige

schütten den Schnee

übers Haupt als sei’s

nur weiße Asche

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Das Licht am frühen Morgen

der aufsteigende Dunst

Die kleine Weide draußen

im Garten am Teich

Reif auf ihren herabhängenden Zweigen

Bald wird sie die ersten Blätter treiben

Dieser helle Schimmer

über den Spitzen der Gräser

Das Rot der ersten Zwergtulpen

die noch geschlossenen Köpfe

der Narzissen

Darüber das Blau des Himmels

Frisch aufgeworfene Erde

das Werk des Maulwurfs

während der Nacht

Eine Amsel fliegt auf

Alles wird neu

Staunen:

Frühling

Daydream Believer

Tage am See

Leichter flirrender Dunst

Schilfgräser sanft geneigt

Nichts wird

vermißt

Leises Plätschern

Vom See her

ein Weidenkörbchen

Ägypten ist fern

Nur noch wenige Gesetze

die gelten

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In der letzten Septembersonne

Zwischen den Stühlen

von Vergangenheit und Zukunft

sitze ich gerade

jetzt am besten.

Geschichte nicht mehr

nur im Nacken,

Geschichte vorne

im Gesicht.

Unbegraben

zwischen Falten

lugt mitunter

die Seele hervor.

Heiter und lächelnd

wie eine Schwalbe

in der letzten Septembersonne.

Herbst

Die Himmel flammen rot,

die Erde wie von Tinte überströmt,

auf dem Gartentisch ein gelber Apfel

und ein Buch, aufgeschlagen,

mit flatternden Blättern.

Nimm mich an die Hand,

wie ein Kind, führ mich ins Haus,

erzähl mir von früher,

welches Geschlecht sie hatten,

damals, die Sterne

Früher Herbst

Noch hängt der eine rote Apfel

still am Baum, über flache Wiesen

schweben lichte Nebel, ein letzter Glanz

fängt sich in Spinnenweben, verheißet Kunst

Der Sommer ist gegangen, doch

mancher Tagtraum blieb, über allem

ruht die Zuversicht, jenseits der Dinge

Es gibt mehr als alles

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Erinnerung ein Zeichen nur

Friedrich Hölderlins Mnemosyne zugesellt

Ein Zeichen sind wir,

ohne Deutung, schmerzlos,

haben unsere Sprache fast

verloren in der Fremde.

Die Himmel streiten, gewaltig

gehen über uns die Monde.

So redet auch das Meer und Ströme

müssen ihren Pfad sich suchen.

Einer aber ist. Zweifellos.

Der alles ändern kann.

Täglich. Kaum

bedarf er der Gesetze.

Das Blatt, es tönt,

Eichen neigen ihre Kronen

vor des Firnisbaumes Blüte.

Nicht alles, ihr Himmel, vermögt ihr.

Heimat (1)

Der Geruch der Ruhr am frühen Morgen.

Mein Fahrrad, mein Sattel, der Tritt.

Eine Blumenwiese im Mai.

Das Foto meines alten Vaters auf dem Eßtisch.

Einschlafen, an die Geliebte geschmiegt,

ihre Brüste in meinen Händen.

Mein Stift, meine Geschichten, die Tagebücher.

Der Blick aus dem Zugfenster

über der Hohenzollernbrücke vor Köln.

Ein paar langsame Schlucke Rotwein.

Der Fußweg vom Marburger Schloß herunter.

Die Farben des Herbstes.

Die Stimme John Lennons, Imagine.

Der Spiegel, meine Falten.

Reiner, weißer Schnee.

Die Kirchtreppe in Kettwig.

Vielleicht 50 von 1.000 Büchern.

Die Augen des Mongoloiden, sein offener Mund.

Die Lieder der Vögel draußen im Garten.

Der alte Freund. Tagträumen.

Bequeme Schuhe. Sehnsucht. Liebe.

Die Sterblichen, sie schreiten

nahe an den Abgrund,

es wendet sich das Echo, kehret um

auf ihre Seite.

Erinnerung, ein Zeichen nur,

die Saite singt. Lang ist

die Zeit, es ereignet sich aber

das Wahre. Und es ward.

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Heimat (2)

Friesisches Gebet

Das Land grün flach immer verläßlich

Einfach und gleichbleibend

Gelangweilte Blicke fangen sich

in einzelnen Bäumen um zu bestehen

sind sie geneigt dem ewigen Winde

Darüber die Kuppel! Nichts

bleibt hier wie es

gerade eben noch schien

Bewegung ist alles du Wind

König der tausend Augenblicke

Ständig alles anders hoch über Immergleichem

Die Himmel wie irre über friesischer Erde

Zweite Heimat wohl erste wohl letzte

Am Horizont

Geh weiter weiter

bis zum Horizont wo

Himmel

und

Erde

sich berühren

fängt die

Welt

ja erst an

Heimat (3)

Im Tintenpalast

lebt es sich trefflich

von Zeit zu Zeit

Zu erblicken

in seinen blauen Spiegeln

unverzerrt

eine königliche Gestalt

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Eines Nachts

Eines Nachts verließ

ich mein Haus

streute Blumen

auf meinen Weg

die Strahlen vom Mond

Gräten vom Fisch

das Salz einiger Tränen

Tropfen vom roten Wein

Unter raschelndem Birkenlaub

lachte ich leise in mich hinein

Ich würde ihn

finden den Weg

am kommenden Tage

Hieronymus verläßt sein Haus

Wem die Stunde schlägt

der fängt keine Fische mehr

In Tibet ist die Luft dünn

Der Wind bläst scharf von den Bergen

Die Kuh glotzt auf das Eis und verdaut

Es schmerzt das Kreischen der Vögel

Gebt dem Affen Zucker notiert Hieronymus

Auf dem Rückweg achtet er sorgsam

nicht in die Bauten der Füchse zu treten

Die Tür des Hauses steht noch weit geöffnet

Traumlos tief wird sein Schlaf sein

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Schlendernden Schrittes

Das Tauchen der letzten Rose in die Wasser der Erinnerung,

unter Maulbeerbäumen dem Osten entgegensehen,

leichten Sinnes kieloben den Fluß überqueren,

quakende Frösche trotzen den Brunnen der Städte.

Der Weg führt nur über den Kamm,

geblendet die Aussicht vom Röten der Sonne,

tags träumen von Pfaden alter Karawanen,

im Hafen der Dunst langen Wartens.

Der Anfang der Bücher auf ihren letzten Seiten,

bäuchlings auf der Erde der Klang der Musik,

geschlossenen Auges der Duft ziehender Wolken,

die Welt ist jung noch und ohne Vergessen.

Auf der Zunge der Geschmack überlieferter Wunder,

Narben besiegen die Läufe der Zeit,

schwer wiegen die Brüste der Musen,

hell funkelnd der Wein in der Frühe des Abends.

Blau

Du blauer Baum,

Du Traum im Traum,

Du blaues Blatt, verweht im blauen Wind,

Wer hat Dich gern, Du traurig fernes Kind?

Blau ist weit ist himmelsweit,

Erde, Staub, ein blaues Kleid,

Blau sein ist Vergessenheit,

Blau ist die Erinnerungszeit.

Blaue Rose, blauer Trost,

Blaues Glück wird frei verlost,

Blaue Freundschaft, blaue Worte,

Blaue Sprache ohne Orte.

Blau ist dunkle Helligkeit,

Blau ist helle Dunkelheit.

Blau ist blau nur blau, ein Traum

Von einem traumesblauen Baum.

Die Fragen der Jungen die Antworten der Alten,

lang schwirrend die Flügel der Echos,

die rechte Suche scheint schon der Fund,

in den Tälern schwelen die Feuer.

Das Rätsel allein kennt alle Geheimnisse,

auf der Haut perlt der Tau erster Blüten

blau schimmert der Stein der Unwissenden,

weich die Lippen säugender Mütter.

Die Sehnsucht reicht sich die Hände,

Efeu erklimmt die bröckelnden Häuser,

leise seufzt die Liebe in ihrem Beginn,

die Last wie eine Feder bei schlenderndem Schritt.

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Lesebiographie oder

Der Geschichtenhörer

Guten Tag mein Name ist Grimm

Andersen Scheherazade Lindgren May

Blyton Kästner Cooper Twain Defoe

Verne Uris Borchert Remarque Salinger

Frisch Lessing Lennon Lenz Goethe

Gestatten Dürrenmatt Böll Hesse

Handke Kafka Neruda Brecht Gorki

Apitz Bredel Kisch Schneider Schulz

Sartre Beauvoir Camus Godard Wenders

Enzensberger Biermann Fromm Fried

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NUR SEIN, ALLEIN, GELASSEN

Hallo ich heiße Theobaldy Wondratschek

Maiwald Kunze Kirsch Ausländer Domin

Nin Miller Dijan Gent Joyce

Flaubert Gustafsson Schimmang

Mann Zweig Mann Rinser Rilke

Darf ich mich vorstellen Simenon

Highsmith Härtling Hamsun Heaney

Roth Potok Padrone Proust

Schneider Schlink Chatwin Szymborska

Zagajewski Nadolny Nooteboom Auster

Guten Tag mein Name ist

Ich bin eine Geschichte

Aus tausendundtausend

Geschichten und einer

Guten Tag Mein Name Ich bin

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Libellentod

Nun klingen sie wieder

die verheißenen Namen

alltäglicher Dinge

Ein Tisch ein Stuhl

leere Blätter

Wasserringe untertauchender Frösche

Stille unter alten Weiden

Libellentod

Den Stift beiseite legen

nur nicht reden jetzt

Und sei es noch so stumm

Jedes Wort

macht mich unkenntlich

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Sommertriptychon

Sommermorgen

Auf dem Steg liegen

bäuchlings nackt

verschränkte Arme

stützen das Kinn

ein sanfter Wind

streicht über’s Wasser

Augen folgen

leicht zitternden Bewegungen

weißer Wolken

Schon früh am Morgen

ist der Himmel in den See gefallen

Ein Einzelnes

Viele hatten es gewußt.

Manche hatten es geahnt.

Einige hätten es sagen können.

Andere hatten geträumt davon.

Es war so leicht,

daß es schwer

war in Worte zu fassen.

Das sanft torkelnde Schweben

eines einzelnen Blattes

schon am Ende des Sommers.

Sommermittag

Sommermittag

Schläfrige Lider

Ein plötzlicher Wind

fährt unbekümmert

durch das Schilf

Vom Ufer scheint

eine Fähre herüberzugleiten

Im Lichterflirren

Sommerabend

Über weiten Elb-Auen

kreisen kaum Krähen

aber die Störche und

ganz hoch

ein geschweifter Milan

Nur die Frösche

in den Schilfen versteckt

könnten hier um

ihr Leben fürchten

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Die Milch der Wölfin

Eine Ode

Vom Stazione Termine nicht den Bus Nr. 64 genommen,

nicht vorbei an der Piazza Navona, dem Campo dei Fiori,

Trastevere, nicht nach San Pietro, Vaticano, il Papa.

Eingestiegen in diesen Bus, dessen Nummer, noch ehe

ich Platz genommen, schon wieder vergaß. Hinaus

in die Vorstädte! Dort hinten auf der Rückbank

küssen sich zwei, eine schöne Mutter legt den Arm

um ihr Kind, und da, dieser alte Mann, wie sorgfältig

ist er gekleidet in dieses unvergleichlich

italienische Blau. Azzurro! Sehr schnell

weiß ich nicht mehr, wo ich bin, diese Viertel

tragen keine Namen für mich, irgendwann und noch

und noch steige ich um, wahllos, andere Straßen,

Torbögen, Häuser, Plätze, Kirchen, Bars, Passanten draußen

vor den schaukelnden Fenstern dieser Busse, kein Ziel

haben sie für mich – außer daß ich nach Stunden

des Fahrens und Fahrens, oh Stadt, ewiges Rom,

mich zurücklehne in diese billigen Sitze, die Augen

schließe und – Allein! Allein im Glück! – kaum noch

zu atmen wage. Irgendwann kehre ich zurück, finde

mich wieder am Stazione Termine, wissend,

die Wölfin hat mich gesäugt, weiß und süß

ihre Milch, der Klang ihres leisen Geheuls.

Gedicht auf ein Segel zu schreiben

Du,

nordischer

milchweißer, bleidunkler,

wolkenzerfaserter, jähblauer

aufgerissener Himmel, herrliche Heimat

der Winde, weit, weit über Dich hin zieht

eine Schar Kraniche, fort und fort, ewig fort,

Wind, nichts bleibt vor Dir, wie es eben noch schien,

Bewegung ist alles, Dir, Wind, König der 1000 Augenblicke.

Doch wir – bleiben. Die Bö am Ende. Stille fast. Heiligster

Klang. Noch tiefer gräbt fern auf jenem Hügel der Baum

sich in die Erde, schützt seine Wurzeln vor dem blauen

Licht des Abends. Kein Kranich kehrt zurück allein. Wir

aber werden sein. Miteinander. Ein jeder für sich.

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Nachspann

Ihr letztes weiches Grinsen hinter dem Vorhang

der Fotokabine. Mit schmerzenden Lippen zurück

ins Warenhaus. Die Beine der Katzen auf meinem Bauch

und eine weiße Verwunderung. Draußen Helligkeit

und der Entschluß heute endlich die Wohnung

aufzuräumen. Jeden Tag kann man kein Gedicht schreiben

oder sonst was. Was darf es sonst noch sein?

fragt die Bäckersfrau, die wie immer

gar nicht so aussieht, noch Brot im Haus oder Kaffee?

Wieder einmal verneine ich, zwei Mohnbrötchen

reichen mir wirklich. Sherry führen sie hier nicht.

Heute ist Markttag. Frischer Fisch.

Und keine Geschichte ohne Komposition. Zum Frühstück

der Roman von gestern. Ein Mann, dessen Frau

ermordet worden ist, benimmt sich nicht immer

ganz logisch, sagte der Mann in Zivil langsam.

Im Tagebuch häufen sich die Zitate.

Wie alle Menschen, die gewohnt sind,

ihre Mahlzeiten alleine zu sich zu nehmen, ißt er

sehr rasch. Lügen haben lange Beine

und viel Zeit. Heute eine Ordnung finden.

Die Katzen haben ihr Futter.

Morgenhäute

Die Fensterläden klappern

in ihren Angeln es

ist windstill

Dem Tag mißtrauen

den Lichtern über der Stadt

Die Arme unter dem Kopf verschränkt

auf dem Bett liegen

zugedeckt ein kräftiger Pfleger

rolle es auf den Bahnsteig

daß er zusähe

dem Treiben der abfahrenden Züge

den Abschieden derer

die ankommen

Unter dem Trenchcoat noch einmal verborgen

ein weißer Körper. Das Ende vom Anfang

ist immer noch nicht der Anfang vom Ende.

Mit der letzten Tasse Kaffee entschieden sein.

Ganz gleich wofür, sagt Sartre. Alle drei Zeilen

eine neue Zigarette. Geschichte

ist aus Geschichten gemacht. Jeder

ist sein eigener Führer.

Die Katzen sitzen am Fenster. Das Wetter

scheint zu sonnig für eine Kinodämmerung.

Aber Musik und der Nachspann:

ENDE, THE END, FIN.

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Das Vergnügen des Reisenden im Dezember

Lesen im Zug. Aufblicken,

stummen Selbstgesprächen

Fremder lauschen. Menschen

sehen, ohne reden zu müssen.

Bequem sitzend unterwegs

sein. Gleichgültig werden

gegenüber Abschied und Ankunft.

Kein Advent, kein Warten.

Nur sein, allein, gelassen.

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LIEBSTE, WANN KOMMST DU?

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