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Horst Haun

Der Geschichtsbeschluß der SED 1955

Programmdokument für die »volle Durchsetzung

des Marxismus-Leninismus« in der

DDR-Geschichtswissenschaft


Berichte und Studien

Herausgegeben vom Hannah-Arendt-Institut

für Totalitarismusforschung e.V.

an der TU Dresden

Nr. 7


Horst Haun

Der

Geschichtsbeschluß

der SED 1955

Programmdokument

für die »volle Durchsetzung des

Marxismus-Leninismus« in der

DDR-Geschichtswissenschaft

Dresden 1996


Titelbild:

Tillichbau der Technischen Universität Dresden, Sitz des Hannah-Arendt-

Instituts für Totalitarismusforschung

Herausgegeben vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.

an der TU Dresden

Mommsenstraße 13, 01062 Dresden

Tel. (0351) 463 2802, Fax (0351) 463 6079

Redaktion: Walter Heidenreich

Abdruck und sonstige publizistische Nutzung – auch auszugsweise – nur mit

Quellenangabe gestattet. Belegexemplare erwünscht.

ISBN 3-931648-06-0


Am 5. Juli 1955 verabschiedete das Politbüro des ZK der SED einen

umfangreichen Beschlußtext mit dem schlichten Titel »Die Verbesserung

der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der Deutschen

Demokratischen Republik«. Dieses Dokument, das als »Geschichtsbeschluß«

der SED in die Historiographiegeschichte der DDR einging,

nimmt in der an »richtungweisenden« Parteibeschlüssen gewiß nicht

armen Geschichte der DDR zweifellos eine exponierte Stellung ein. Es

hat singuläre Bedeutung, denn keine weitere Wissenschaft, auch keine

der anderen »Gesellschaftswissenschaften« ist jemals mit solch einem

»Grundsatz«-Beschluß bedacht worden. Auf über 30 Druckseiten 1

beschäftigt sich die »Partei- und Staatsführung« mit einer einzigen Wissenschaftsdisziplin

und schreibt, z.T. bis ins inhaltliche Detail gehend

und versehen mit exakten Terminstellungen und Personalentscheidungen

dezidiert vor, wie die geschichtswissenschaftliche Forschung, die historische

Lehre und »Propaganda« und auch das Archivwesen künftig in ihren

Grundzügen zu gestalten, vor allem aber zu verbessern sind.

Für die Erarbeitung dieser Studie sind mehrere Gründe maßgebend.

Erstens: Wenn auch Zielsetzung und Aufgabenstellungen des Geschichtsbeschlusses

eng begrenzt waren und sehr speziell anmuten, so steht dieses

Dokument dennoch exemplarisch für die totalitäre Herrschaft der

SED insgesamt. Die Führung der Staatspartei setzte wesentlich darauf,

mittels verordneter »Beschlüsse« zu regieren, alle Bereiche der Gesellschaft

zu erfassen und im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideologie

und Weltanschauung sozialistisch umzugestalten. Die Funktionäre im

Leitungsapparat glaubten so auch, mit immer neuen – z.T. präzisierten

– Vorgaben und Vorschriften, mit zentralen Plänen und anderen »koordinierten

Maßnahmen« die Probleme im Lande lösen zu können. Somit

versteht sich diese Forschungsarbeit als ein Beitrag zur Aufdeckung und

Kennzeichnung der Machtmechanismen der SED-Diktatur.

1 Vgl. Dokumente der SED. Bd. V S. 337-368. Hier wird nicht ausgewiesen, daß

diese Publikation eine Kürzung des vom SED-Politbüro beschlossenen Dokuments

(Protokoll Nr. 31/55 der Sitzung des Politbüros am 5. Juli 1955. In:

SAPMO-BArch, DY 30 J IV/2/2/428 und IV A 2/9.04/134) darstellt. Insgesamt

wurden 18 z.T. größere Passagen aus verschiedenen Abschnitten des

Beschlußtextes herausgenommen. Weitere Veröffentlichungen der »Hauptteile«

des Beschlusses in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 3(1955) S. 505-

527; Geschichte in der Schule 8(1955) Beilage in Heft 11. Beiträge, die der

Erläuterung des Beschlusses dienten, in: Einheit 10(1955) S. 882-892; Zeitschrift

für Geschichtswissenschaft 3(1955) S. 675-684 und S. 904-907;

Geschichte in der Schule 8(1955) S. 641-652; Zeitschrift für Geschichtswissenschaft

4(1956) S. 132-141.

5


Zweitens ist es reizvoll, auf die Sonderstellung des Politbüro-Beschlusses,

seine Einmaligkeit in der deutschen Wissenschaftsgeschichte hinzuweisen.

Es gehört zu den wohl sehr seltenen Ausnahmen, daß sich eine

Staatsführung so gründlich, so intensiv und langdauernd mit einer einzigen

Wissenschaftsdisziplin befaßt, diese – per Ukas – entschieden zu

beeinflussen, politisch und ideologisch auszurichten gedacht und dies

auch weitgehend erreicht hat. Mehr oder minder »erfolgreich« gelang es,

wenn auch mit erheblichem Fristverzug, die Programmatik des

Geschichtsbeschlusses in ihren Grundzügen zu verwirklichen. Um wichtige,

besonders herausgehobene und auch immer wieder eingeforderte

Postulate durchzusetzen, war indes ein Zeitraum von nahezu anderthalb

Jahrzehnten erforderlich. So erschienen die Abschlußbände des »Lehrbuchs

der deutschen Geschichte«, das – laut Beschluß – »spätestens« am

1. Dezember 1956 druckfertig vorliegen sollte, 2 erst im Jahre 1969. Es

waren dies die in »sozialistische(r) Gemeinschaftsarbeit« 3 entstandenen

»Beiträge« 11 und 12 (Zeitabschnitt 1933 bis 1945), mit denen nunmehr

die »wichtigste und vordringlichste Forschungsaufgabe der marxistischen

Historiker« 4 eingelöst wurde. Gleichfalls konnte erst 1969 der

von der SED-Führung seit 1955 heftig kritisierte Zustand fehlender zentraler

Planung und Kontrolle der geschichtswissenschaftlichen Arbeit

beendet werden: In Verwirklichung eines Politbüro-Beschlusses vom

22. Oktober 1968 konstituierte sich Mitte des Jahres der am Institut für

Marxismus-Leninismus beim ZK der SED angesiedelte »Rat für

Geschichtswissenschaft«. Das so lange erstrebte Leitungs- und Kontrollorgan

der DDR-Historiographie war installiert.

Drittens soll diese Studie frühere Bewertungen des Geschichtsbeschlusses

präzisieren und korrigieren. Gerade die Sicht auf dieses Führungsdokument

der SED und seine historiographiegeschichtliche Einordnung

offenbart Grenzen und Fehler wie auch Schwächen der

Forschungen vor 1990 über die DDR-Geschichtswissenschaft. Dies gilt

in besonderem Maße für die Darstellungen durch Historiker der DDR.

Basierend auf einer Forschungskonzeption, die von der Ideologie der

SED bestimmt, auf Legitimation und Herrschaftssicherung ausgerichtet

war, werteten die Historiographiehistoriker der DDR den Geschichtsbeschluß

als ein bedeutsames Dokument der SED, das die Grundlinien für

2 Diese Festlegung findet sich in einem der 18 Textteile, die nicht publiziert wurden.

Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 J IV 2/2/428, Bl. 29; vgl. auch Anm. 18.

3 Deutschland von 1939 bis 1945 S. 11.

4 Dokumente der SED. Bd. V S. 355.

6


das Vorankommen der DDR-Geschichtswissenschaft vorzeichnete und

den Beginn einer neuen Etappe in ihrer Entwicklung markierte. 5

Arbeiten »westlicher« Provenienz lassen hingegen eine erstaunliche

Unterbewertung des Beschlusses bzw. völlige Abstinenz erkennen. Das

Dokument wird oftmals lediglich im Zusammenhang mit der Forderung

erwähnt, die Gründung einer DDR-eigenen Historikergesellschaft vorzubereiten,

oder es werden referierend Kritikpunkte der SED-Führung an

den Historikern und der DDR-Geschichtswissenschaft benannt. 6

Das nachfolgend zu analysierende Strategiepapier des SED-Politbüros

ist Teil eines größeren, von der Volkswagen-Stiftung geförderten Forschungsvorhabens

des Autors. In diesem Projekt »DDR-Historie und

Staatspartei« wird die Funktion der Geschichtswissenschaft im Herrschaftsgefüge

der SED-Diktatur des Zeitraums Mitte der fünfziger bis

Mitte der sechziger Jahre untersucht. Die vorliegende Arbeit über den

Geschichtsbeschluß von 1955 bewegt sich zwar im zeitlichen Vorfeld dieses

Projekts; die Problematik des Parteidokuments ist jedoch übergreifend.

Sein weitreichendes Programm – gleichsam der »rote Faden« für

das Vorgehen der Funktionäre im ZK-Apparat – kann als konstitutiv für

die Entwicklung der DDR-Geschichtswissenschaft im Untersuchungszeitraum

angesehen werden. So bildet die kritische Sichtung dieses Beschlusses

den Ausgangspunkt für die genannte Forschungsarbeit und dient

zugleich als ein konzeptioneller und inhaltlicher Leitfaden des Projekts.

Dieser Aufgabenstellung folgend beschränkt sich die Analyse auf ausgewählte

Schwerpunkte; das Dokument in Gänze zu referieren, würde

zudem den gesetzten Rahmen überschreiten. Kriterium der Auswahl ist

nicht vorrangig die wissenschaftsimmanente Seite des Geschichtsbeschlusses,

sondern seine generelle, politische Zielsetzung. Im Vorder-

5 Auf einer solchen Sichtweise beruhten auch die Urteile, die der Autor dieser

Studie über den Geschichtsbeschluß fällte; beispielsweise 1984 bei der Darstellung

der langwierigen Gründungsphase der DDR-Historikergesellschaft. Vgl.

Haun: Zur Geschichte der Historiker-Gesellschaft der DDR. Heute nimmt er

gegenüber seinen, bis 1989 entstandenen historiographiegeschichtlichen Untersuchungen

eine sehr kritische Haltung ein – insbesondere zum konzeptionellen

Herangehen und mehr noch zu den »parteilichen« Wertungen, zur politischen

und ideologischen Gebundenheit dieser Forschungen.

6 Vgl. Timm: Das Fach Geschichte S. 67; vgl. Lades: Von Trier bis Wien S. 7f.;

vgl. Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945 S. 192. Am prägnantesten

ist es wohl Conze gelungen, die »Aufgabenstellung der um die Behauptung

der DDR besorgten Partei an die Historiker« sowie relevante, in genau

diese Richtung zielende Forderungen des Beschlusses kenntlich zu machen; vgl.

Conze: Die deutsche Geschichtswissenschaft S. 8.

7


grund stehen die wissenschaftsstrategischen und ideologischen Aufgaben,

die die SED-Führung den Historikern stellte.

Unberücksichtigt oder nur angedeutet bleiben u.a. Forderungen zu

konkreten Forschungsprojekten (so zum »Lehrbuch der Geschichte des

deutschen Volkes« – wie es hier noch hieß) und Festlegungen über Konferenzen

sowie Terminstellungen. Desgleichen ausgespart werden Vorgaben

zum Geschichtsstudium wie auch zur Archivarbeit, zur »Geschichtspropaganda«

und zum populärwissenschaftlichen Wirken der Historiker.

Es ist nicht Anliegen dieser Arbeit, die langdauernde, komplizierte

»Umsetzungs«-Phase der Vorgaben und Forderungen des Geschichtsbeschlusses

darzustellen. Den insgesamt widerspruchsvollen Prozeß

allmählicher Realisierung der Parteivorstellungen zur Entwicklung der

Geschichtswissenschaft einzubeziehen, würde einer kurzgefaßten Geschichte

der DDR-Historiographie von 1955 bis Ende der sechziger

Jahre nahe kommen. Gleichwohl ist es angezeigt, an einigen markanten

Beispielen zu verdeutlichen, wie es gelang, die Beschlußpostulate durchzusetzen.

Dies wird z.B. an den jahrelang vergeblichen Bemühungen der

verantwortlichen SED-Funktionäre demonstriert, eine parteiverläßliche

Zentrale für die Leitung und Planung, vor allem aber Kontrolle der DDR-

Geschichtswissenschaft zu schaffen.

Die Entstehungsgeschichte des Beschlusses

Die Problematik dieses Beschlusses wird bereits an der beachtlichen

Dauer seiner Erarbeitungsphase sichtbar. Im Zeitraum von über einem

Jahr entstanden vier Entwurfsfassungen. 7 Die beiden ersten Entwürfe

Ȇber die Kaderentwicklung in der Geschichtswissenschaft, die Aufgaben

der Institute und Archive« 8 – erarbeitet nach dem IV. Parteitag der

SED (30. März bis 6. April 1954) und vor dem Juni desselben Jahres –

waren vorrangig als »Kader«-Entwicklungsprogramme gedacht. Die ZK-

Abteilung Wissenschaft und Propaganda, die für die Ausarbeitung des

Beschlusses verantwortlich zeichnete, maß der »Ausbildung hochqualifizierter,

fest mit der Partei und Regierung der Republik verbundener

Kader von Historikern« eine besondere Bedeutung »im gegenwärtigen

Kampf« bei. Gefordert wurde, Geschichtswissenschaftler auszubilden,

7 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/90.

8 Ebd. Bl. 46-99. Diese wie auch die anderen Entwurfsfassungen sind nicht

datiert.

8


»die vom Haß gegen Imperialismus und Militarismus erfüllt, der Arbeiterklasse

und unserem Arbeiter- und Bauernstaat treu ergeben sind und

über ein tiefes marxistisches Wissen und ausgezeichnete Fachkenntnisse

verfügen«. 9

Diese – an einen künftigen DDR-Historiker gestellten – Anforderungen,

deren Reihenfolge allein schon aufschlußreich ist, korrespondieren

mit der vom Beschlußentwurf gestellten Aufgabe an die »fortschrittliche

deutsche Geschichtswissenschaft«. Sie sollte gegen die »Verfälschungen«

der deutschen Geschichte durch die »imperialistischen Kräfte in Westdeutschland

und rechte sozialdemokratische Führer« den schärfsten

Kampf führen und sie »zerschlagen« sowie die historische Wahrheit über

die Vergangenheit des deutschen Volkes auf der Basis der marxistischleninistischen

Theorie aufdecken. Dergestalt findet sich im Entwurf eine

Art definitorische Bestimmung dieser, »unter den Bedingungen der

Arbeiter- und Bauernmacht« entstandenen, von der SED geführten

»neuen deutschen Geschichtswissenschaft«, die »dem Volke dient, gegen

den Imperialismus und für den Frieden, Demokratie und nationale Einheit

kämpft und mit allen reaktionären imperialistischen Verfälschungen

und Entstellungen der deutschen Geschichte bricht.«

Bereits die ersten Entwurfsfassungen lassen Ursachen für die intensive

Beschäftigung der SED-Führung mit der Historie und den Historikern erkennen.

Im Abschnitt über die »gegenwärtige Lage« der DDR-Geschichtswissenschaft

werden neben Erfolgen zugleich eine »Reihe ernster

Mängel« 10 benannt. Außer der Kritik an der unmittelbaren Arbeit

der Historiker und der historischen Institutionen 11 stellt das Dokument

Hindernisse für das Vorankommen der »neuen deutschen Geschichtswissenschaft«

fest. So moniert die ZK-Abteilung, daß das Archivwesen »bis

heute weitgehend in der Hand bürgerlicher Fachleute« liege und somit

von der Partei »nicht genügend kontrolliert werden« könne. In ähnlicher

Weise kritisiert sie die fehlende zentrale Zusammenfassung der geschichtswissenschaftlichen

Forschungsarbeit, vor allem, weil sie glaubt,

dies würde eine »engere Heranziehung der loyalen bürgerlichen Fachleute

zur Lösung der von der Partei gestellten Aufgaben« behindern. 12

Diese und weitere Kritikpunkte waren Ausdruck jener Probleme, die

sich beim Kampf um die Durchsetzung des Marxismus-Leninismus in der

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Die Darstellung dieser »Mängel«-Kritik wird in die Analyse der Endfassung des

Beschlusses einbezogen.

12 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/90.

9


DDR-Geschichtswissenschaft auftaten. In den Einschätzungen der SED-

Führung wird das »ernste Zurückbleiben« der Geschichtswissenschaft

hinter den Anforderungen, insbesondere bei der sozialistischen Bewußtseinsbildung

konstatiert. Die immer wieder beschworene »Blüte der fortschrittlichen

deutschen Geschichtswissenschaft« blieb aus. Bemängelt

wurde vor allem, daß wichtige, den Historikern seit 1950 gestellte Aufgaben

bisher nur zögernd in Angriff genommen wurden oder unerfüllt blieben.

Auf ihrem III. Parteitag (20. bis 24. Juli 1950) hatte sich die SED-Führung

– gemessen an anderen Bereichen – in ungewöhnlicher Breite mit

der Geschichtswissenschaft, mit dem Geschichtsunterricht und der

»Geschichtspropaganda« befaßt. 13 Sie ließ sich davon leiten, daß die

»herrschende Arbeiterklasse« zur wissenschaftlichen Leitung der Gesellschaft

dringend der »Lehren der Geschichte« bedarf. Dieser Parteitag,

der gleichsam die strategische Grundlinie für die Konstituierung der

DDR-Geschichtswissenschaft vorgab, wurde von der Historiographiegeschichtsschreibung

der DDR als zäsursetzend für die Einleitung des Prozesses

der »bewußten und zielstrebigen Durchsetzung des Marxismus-

Leninismus in der Geschichtswissenschaft« 14 eingeordnet. Ausgehend

von dieser »Grundorientierung für eine Neugestaltung der Geschichtswissenschaft

im Sinne und auf der Grundlage des historischen Materialismus«

15 faßte die 7. Tagung des ZK der SED im Oktober 1951 konkrete

Beschlüsse zur Historiographie-Entwicklung. Ihre Festlegungen waren

Bestandteil der nunmehr proklamierten »ideologischen Offensive«, die

darauf zielte, den Marxismus-Leninismus zur herrschenden Ideologie in

der DDR zu machen. Die von dieser Tagung verabschiedete »Entschließung«

über »die wichtigsten ideologischen Aufgaben der Partei« sprach

die Historiker als einzige Wissenschaftler direkt an und stellte ihnen in

einem speziellen Abschnitt (»Fragen der Geschichte«) detailliert Aufgaben,

die in der Art eines Forderungskatalogs fixiert wurden. Kernstück

war die »wissenschaftliche Ausarbeitung der Geschichte Deutschlands

und der deutschen Arbeiterbewegung«. 16 Vorrang hatte die von einem

»qualifizierten Autorenkollektiv« zu erarbeitende marxistisch-leninistische

Gesamtdarstellung der deutschen Geschichte in Form eines mehrbändigen

Lehrbuchs, das spätestens im Jahre 1953 erscheinen sollte 17 –

13 Vgl. Protokoll der Verhandlungen des III. Parteitages der SED.

14 Zur Geschichte der marxistischen Geschichtswissenschaft. Lehrmaterial S. 558.

15 Ebd.

16 Dokumente der SED. Bd. III S. 581.

17 Vgl. ebd. S. 582.

10


eine kurzsichtige, völlig überzogene und unrealistische Terminsetzung,

die in der Folgezeit nicht nur den verantwortlichen Historikern »zu schaffen«

machte. 18 Neben dieser »wichtigste(n) Aufgabe der theoretischen

Kader der Partei, die auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaften tätig

sind«, 19 stellte die ZK-Tagung weitere Aufgaben vornehmlich wissenschaftsorganisatorischen

Charakters, die auf die Institutionalisierung der

DDR-Geschichtswissenschaft setzten, u.a. Neugründungen von marxistisch-leninistischen

Instituten für deutsche Geschichte an den Universitäten

in Berlin und Leipzig sowie an der Deutschen Akademie der Wissenschaften

zu Berlin (DAW); die Errichtung eines zentralen sozialistischen

Geschichtsmuseums.

Als eine der Hauptfragen dieses Konzepts zur Konstituierung der

DDR-Geschichtswissenschaft erwies sich die komplizierte »Kader«situation.

Im wesentlichen lassen sich drei Gruppierungen von Historikern

unterscheiden.

Die »bürgerlichen« Geschichtswissenschaftler, die zunächst eine zahlenstarke

Gruppe darstellten, blieben ihren bisherigen Forschungsthemen

weitgehend verbunden. Sie hatten »wichtige Positionen« an den

Akademien und Universitäten, wie auch in Archiven und Museen inne

und waren nur schwer oder gar nicht zu ersetzen. Ungeachtet der Teilung

Deutschlands, die viele von ihnen als einen zeitweiligen, bald überwindbaren

Zustand ansahen, wußten sie sich weiterhin der »bürgerlichen«

deutschen Historiographie zugehörig. Tief verwurzelten, lang

fortwirkenden Wissenschaftstraditionen verpflichtet, war es für die Mehrzahl

von ihnen selbstverständlich, dem 1948/1949 im Westen Deutschlands

neugegründeten Verband der Historiker Deutschlands (VHD) beizutreten.

20 Von dieser Mitgliedschaft versprachen sie sich, die

Wissenschaftskontakte zu den Fachkollegen in Westdeutschland aufrecht-

18 Dieser Termin mußte von der zuständigen ZK-Abteilung mehrmals präzisiert

und schließlich de facto zurückgenommen werden. In einer unveröffentlichten

Passage des Geschichtsbeschlusses wird als neuer Termin für die Drucklegung

des Lehrbuchs der 1. Dezember 1956 festgelegt sowie »erwartet, daß nunmehr

keine weiteren Terminverzögerungen mehr zugelassen werden« (SAPMO-

BArch, DY 30 J IV 2/2/428, Bl. 29f.). Die ersten drei der 12 Bände des »Lehrbuchs«

erschienen 1959 (Zeitabschnitte 1648 bis 1815 und 1849 bis 1871), die

letzten »Beiträge« (1933 bis 1945) lagen erst 1969 vor. Durch den Zusammenbruch

und Untergang der DDR und ihrer »marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft«

blieb dieses »Lehrbuch der deutschen Geschichte (Beiträge)«

die einzige größere, von der DDR-Historiographie komplett vorgelegte

Gesamtdarstellung der deutschen Geschichte von der »Entstehung der Urgesellschaft«

bis 1945.

19 Die wichtigsten ideologischen Aufgaben S. 581.

11


erhalten sowie am Leben der internationalen Historiographie teilnehmen

zu können. Da die herrschenden Kommunisten davon ausgehen

mußten, daß es nur in Ausnahmen gelingen würde, diese Historiker zu

Marxisten-Leninisten zu machen, bestand die Taktik ihnen gegenüber

darin, sich nach Möglichkeit ihrer Loyalität zu versichern. Dabei spielten

»bündnis«strategische Überlegungen eine nicht geringe Rolle: kooperations-

und kompromißbereite, gewissermaßen neutralisierte, »bürgerliche«

Gelehrte sollten – gemäß der These von der »fruchtbaren und

gedeihlichen« Zusammenarbeit zwischen marxistischen und nichtmarxistischen

Wissenschaftlern – als eine Art Vorzeigehistoriker vereinnahmt

werden.

Dieser Gruppierung stand die zunächst sehr kleine »Schar marxistischer

Historiker« gegenüber. Ein Teil von ihnen hatte schon vor 1933

promoviert. Einige – wie Alfred Meusel – waren im Exil Marxisten

geworden und in die KPD eingetreten. Nach der schmerzvollen Zeit des

Nationalsozialismus und den oft bitteren Jahren als Exulanten sahen sie

im Osten Deutschlands die besten Chancen für einen wirklichen »Neuanfang«.

Mit großer Kraftanstrengung und mit viel Elan gingen sie –

zumeist tief überzeugte Kommunisten – daran, die »neue, bessere Gesellschaft«

mitgestalten zu helfen, und sie glaubten, so auch eine »neue, fortschrittliche

Geschichtswissenschaft« formen zu können.

Ein Kerngedanke des Konzepts, den Marxismus-Leninismus in der

Geschichtswissenschaft durchzusetzen, bestand darin, die »Genossen

Historiker« mit wichtigen Führungsaufgaben in historischen Einrichtungen

zu betrauen – dies auch, um ihren Minoritätsnachteil möglichst

schnell auszugleichen. Zwei Methoden wurden bevorzugt. Mit dem Verfahren,

Leitungsfunktionen in bestehenden Institutionen durch marxistische

Historiker zu besetzen – eine Brückenkopftaktik – sollten Breschen

in die vorhandene »bürgerliche« Struktur geschlagen und »Vorposten«

für weitere Vorstöße besetzt werden. Die andere, zunächst wirksamere

Methode bestand darin, historische Einrichtungen neu zu schaffen, in

denen Marxisten von vornherein dominierten. Auf dieser Einsatz-Methodik

beruhen wohl auch Terminus und These von den »führenden Genossen

Historikern«. Diese, nicht nur semantisch, sondern auch inhaltlich

durchaus treffende, DDR-typische Formel begleitete fortan den Entwicklungsweg

der Geschichtswissenschaft des »deutschen Arbeiter- und Bau-

20 Das Verzeichnis der Mitglieder des VHD weist nach dem Stand vom 1. März

1957 von insgesamt 474 Mitgliedern 51 Historiker und Archivare aus der DDR

als Verbandsmitglieder aus. Vgl. Beiheft zu Geschichte in Wissenschaft und

Unterricht 1957 S. 107-116.

12


ernstaates«. In einer von der ZK-Abteilung Wissenschaften erarbeiteten

Analyse des Ausbildungsstandes der Geschichtsstudenten an den Universitäten

der DDR findet sich eine Kennzeichnung definitorischen Charakters:

»Die führenden Genossen Historiker gehören in ihrer Mehrheit der

älteren Generation an … und sind im Kampf der Partei gewachsen. Sie

haben als Funktionäre der Partei im antifaschistischen Kampf, in der

Emigration und beim demokratischen und sozialistischen Aufbau bedeutende

Leistungen vollbracht. Sie haben bedeutenden Anteil an der Durchsetzung

des Marxismus-Leninismus in der Geschichtswissenschaft und

haben selbst in den letzten Jahren wichtige Forschungsergebnisse vorgelegt.

Ihre Tätigkeit hat das Ansehen der DDR im nationalen und internationalen

Maßstab gestärkt.« 21

Ein solch harmonisches und homogenes Kollektiv von »führenden

Historikern« existierte indes nur in den Vor- und Darstellungen der SED-

Funktionäre. Es gab einerseits zwischen ihnen selbst Differenzen, die

sich zuweilen bis zu tief ins Persönliche gehenden Konflikten steigerten.

Andererseits rissen im Prozeß der Konstituierung der DDR-Geschichtswissenschaft

zugleich Spannungen auf zwischen diesen »Führungskadern«

und den Leitungsgremien der SED. Da sie dringend gebraucht

wurden, bemühten sich die Funktionäre, mit ihnen generell umsichtig

und pfleglich umzugehen. Wenn erforderlich, galt es jedoch, die »führenden

Historiker« differenzierend, notfalls auch disziplinierend zu behandeln.

Sie ließen sich nicht so leicht und nicht so ohne weiteres kommandieren

und dirigieren – hatten sie doch oftmals (besonders in den

verschiedenen Zentren des Exils) zu den Kampfgenossen von Mitgliedern

der jetzigen »Partei- und Staatsführung« gehört. Probleme erwuchsen

daraus, daß sie vor allem »Wissenschaft machen« (Jürgen Kuczynski)

und sich nicht vorrangig zu Propagandisten und Agitatoren der Parteipolitik

degradieren lassen wollten. 22 Auf die relative Eigenständigkeit der

Wissenschaft setzend, drängten einige von ihnen vehement auf die, wie

sie glaubten, in gewissen Grenzen mögliche Unabhängigkeit ihrer Forschungsarbeit.

Sie befürchteten, zunächst vielleicht nur ahnungsvoll, daß

durch die von den Apparaten der SED forcierte Politisierung und ideologische

Überfrachtung der historischen Wissenschaft und Lehre grundlegende

Prinzipien wissenschaftlicher Rationalität und Normen wissen-

21 SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/91, Bl. 102.

22 Vgl. Diskussion auf der internen »Beratung des Genossen Hager mit Genossen

Historikern am 12. Januar 1956« (SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/133).

13


schaftlichen Verhaltens verletzt oder eingeschränkt, wenn nicht gar

völlig »auf der Strecke« bleiben würden.

Angesichts der komplizierten Personalfrage setzte die zuständige ZK-

Abteilung zunehmend auf eine dritte Historikergruppe, die sogenannten

marxistischen Nachwuchskräfte, und sie schenkte der Heranbildung und

Förderung von »entwicklungsfähigen Kadern« besondere Aufmerksamkeit.

Beim Kampf um den »vollen Sieg des Marxismus-Leninismus« in

der DDR-Geschichtswissenschaft sollte eine neue Generation von »sozialistischen

Historikern« mehr und mehr die Schlüsselrolle spielen. Stellten

in der Anfangsphase vor allem Absolventen der Vorstudienanstalten

und der Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten den Hauptteil des marxistischen

Historikernachwuchses, so ging die Ausbildung in wachsendem

Maße auf die historischen Institute der Universitäten über. Im Verlaufe

der zweiten Hochschulreform 1951 war es gelungen, ein einheitliches, in

den Grundzügen »historisch-materialistisches« Studienprogramm für die

universitäre Historikerausbildung durchzusetzen. Dem Ziel, forciert marxistische

Historiker auszubilden, diente auch die mit der Hochschulreform

verbundene Einrichtung von wissenschaftlichen Aspiranturen. Die

Betreuung der Aspiranten wurde zu einem Großteil den »führenden

Genossen Historikern« übertragen.

Der Exkurs in die Personalsituation in der DDR-Geschichtswissenschaft

am Beginn der fünfziger Jahre soll erklären helfen, warum an der

Wiege des Geschichtsbeschlusses vorrangig Überlegungen zur Lösung

der »Kader«problematik standen. Wie dargestellt, waren somit die

ersten Entwürfe eine Kombination aus einem Entwicklungsprogramm für

den Historikernachwuchs und einer ersten größeren »Mängel«benennung.

Die von der ZK-Abteilung ausgearbeiteten Fassungen mündeten

in ein umfassendes Strategiepapier, das als Orientierungsrahmen und

Marschroute gedacht war für den »endgültigen Sieg über die bürgerliche

Geschichtsschreibung« und die Etablierung einer »marxistisch-leninistischen«

Geschichtswissenschaft als allein herrschende Historiographie in

der DDR. Diesem komplexen Programm wurde die zunächst so vordergründig

behandelte »Kaderfrage« nunmehr zugeordnet. 23

Am 14. Januar 1955 wurde der vierte Entwurf in einer von Kurt Hager

unterzeichneten »Vorlage« dem Politbüro des ZK der SED zur Beschlußfassung

übergeben. 24 Das Politbüro entschied jedoch auf seiner Sitzung

23 Es ist dies der Abschnitt »Maßnahmen zur Verbesserung der Ausbildung

geschichtswissenschaftlicher Kader« (Dokumente der SED. Bd.V S. 360-364).

24 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/91, Bl.1.

14


am 18. Januar, den Text noch einmal von »führenden Genossen« begutachten

zu lassen, und es ernannte eine Kommission zur Überarbeitung

des Beschlußentwurfs. Die Tätigkeit dieses Gremiums ist lediglich durch

zwei – recht unterschiedliche – Gutachten dokumentiert. Äußerungen

anderer Kommissionsmitglieder sind nicht überliefert. Am 23. Mai 1955

übermittelte Fred Oelßner, Mitglied des Politbüros des ZK der SED,

seine Bemerkungen zum Entwurf. Er betonte, daß die Geschichtswissenschaft

vor allem die Entstehung und Entwicklung der Klassen und ihres

»Kampfes gegeneinander« herausarbeiten müsse. 25 Gewichtiger dagegen

sind die fünfzehnseitigen kritischen Bemerkungen Alfred Meusels

vom 26. April. Auf diese, z.T. sehr polemisch gehaltenen »Einwände«, 26

soll weiter unten eingegangen werden. Erwähnenswert ist die erstaunlich

gleiche, wohl zufällige, hohe Reputation beider Gutachter: sie waren

1953 – als erste »Marxisten-Leninisten« – zu Ordentlichen Mitgliedern

der DAW gewählt worden.

Das Politbüro befaßte sich am 5. Juli 1955 auf seiner von Walter

Ulbricht geleiteten Sitzung erneut mit der Vorlage des Geschichtsbeschlusses.

27 Zu ihrer Beratung – Punkt vier der Tagesordnung – wurden

der Sekretär des ZK, Kurt Hager, 28 sowie die Hauptverantwortlichen der

Abteilung Wissenschaft und Propaganda für den Beschluß, Ernst Diehl

und Rolf Dlubek, hinzugezogen. Als einziger Historiker außerhalb des

Parteiapparates 29 war noch der Direktor des Museums für Deutsche

Geschichte und Vorsitzender der Sektion Geschichte an der DAW eingeladen

worden. Alfred Meusel, der eine große Zahl von Leitungsfunktionen

in der DDR-Geschichtswissenschaft bekleidete, 30 kann als der zu

25 Vgl. ebd. IV 2/9.04/90, Bl. 218f.

26 Vgl. Einwände des Gen. Prof. Meusel zum Geschichtsbeschluß und Schreiben

an Ernst Diehl vom 29. 4. 1955. Ebd. Bl. 198-217.

27 Vgl. ebd. J IV 2/2/428. Das Sitzungsprotokoll vermerkt – außer Ulbricht – als

anwesende Mitglieder des Politbüros Oelßner, Ebert und Stoph sowie die Kandidaten

Leuschner, Neumann, Warnke und Mückenberger.

28 Hager hatte diese Funktion (zuständig für den Bereich Wissenschaften) seit

April 1955 (23. Tagung des ZK der SED) inne. Auf dem V. SED-Parteitag (10.–

16. Juli 1958) wurde er zum Kandidaten des Politbüros gewählt.

29 In ihrer Beschlußvorlage vom 14. Januar 1955 an das Politbüro hatte die ZK-

Abteilung Wissenschaft und Propaganda darum gebeten, außer Meusel auch

noch den Staatssekretär für das Hochschulwesen, Gerhard Harig, sowie den

Leiter des Staatlichen Archivwesens, Otto Meier, und die Historiker Jürgen

Kuczynski und Leo Stern hinzuzuziehen (SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/

91, Bl. 1).

30 Vgl. Haun: Alfred Meusel.

15


dieser Zeit führende unter den »führenden Historikern« bezeichnet werden.

Das Sitzungsprotokoll weist aus, daß das Politbüro nunmehr

zustimmte. Festgelegt wurde, den Geschichtsbeschluß »auf seine Hauptpunkte

gekürzt als Dokument des Zentralkomitees zu veröffentlichen«.

31 Es mutet grotesk an, daß auch entschieden wurde, über diesen

Beschluß in den Instituten und Fakultäten den »wissenschaftliche(n) Meinungsstreit

zu entfachen«. Bestimmungen dieser, wie anderer Art erwiesen

sich jedoch als Illusion oder waren Demagogie. 32 Ein wirklich wissenschaftlicher

Disput über ein bindendes Dokument des SED-Politbüros,

über das es nur eine Meinung zu geben hatte, konnte nicht einmal zum

Glimmen gebracht, geschweige denn »entfacht« werden – auch nicht mittels

Beschluß.

Ein letzter Beratungspunkt galt der schwierigen »Frage der Besetzung

der Funktion des geschäftsführenden Direktors« 33 des als besonders

dringlich angesehenen, aber noch immer nicht gegründeten Geschichtsinstituts

an der DAW. Vorgesehen war der bekannte Wirtschaftshistoriker

Jürgen Kuczynski. Über diese »Kader«idee müssen unter den Politbüromitgliedern

jedoch Meinungsverschiedenheiten bestanden haben, denn

sie wurde als einzige der Personalvorschläge des Beschlußentwurfs gestrichen,

und das Sitzungsprotokoll vermerkt ausdrücklich, diese Frage offen

zu lassen.

Die »Erfolge«- und »Mängel«-Bilanz des Beschlusses

Die nun folgende Analyse der Hauptteile des Geschichtsbeschlusses soll

sich – entsprechend der Thematik dieser Arbeit – auf ausgewählte

Schwerpunkte konzentrieren.

31 SAPMO-BArch, DY 30 J IV 2/2/428, Bl. 1.

32 Der SED-Führung war – dank detaillierter und kontinuierlicher Berichterstattung

durch die Parteileitungen der wissenschaftlichen Institutionen – durchaus

bekannt, was große Teile der Intellektuellen u.a. auch von solch einem »Meinungsstreit«

hielten. In einer von der ZK-Abteilung Wissenschaften 1957 erarbeiteten

Zusammenstellung von »Argumente(n), die unter der wissenschaftlichen

Intelligenz zur Zeit stark diskutiert werden« findet sich folgende Aussage:

»In der DDR gibt es keine Möglichkeit zu einem wirklich wissenschaftlichen

Meinungsstreit, da jede Meinung, die von der Parteilinie abweicht, sofort in

schärfster Form zurückgewiesen wird« (SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/427,

Bl. 216).

33 Ebd. J IV 2/2/428, Bl. 4.

16


Das Parteidokument beginnt mit einer Standortbestimmung der DDR-

Historiographie. Dieser Lagebericht, der aus der Sicht parteipolitischer

und ideologischer Zielsetzungen vorgenommen wurde, reduziert sich in

vereinfachender Weise auf eine Erfolge-Mängel-Bilanz. Maßstab und

Beurteilungskriterium ist das Vorhaben, in der DDR eine parteiergebene

Historie mit ausschließlich marxistisch-leninistischer Ausrichtung zu konstituieren,

die unverbindlich als »neue deutsche Geschichtswissenschaft«

umschrieben wurde. Von daher werden nur wenig wirklich wissenschaftsimmanente

Merkmale in den lobenden bzw. kritischen Blick genommen.

So besteht der Abschnitt über das bisher »Errungene« aus einer Aufzählung

der an der Elle der Parteibeschlüsse von 1950 und 1951 gemessenen

Erfolge, »gewisse(n) Fortschritte(n)« sowie von beginnenden Veränderungen.

34

An erster Stelle des »Erfolge«-Katalogs rangiert die Aussage, daß sich

die marxistisch-leninistische Theorie immer mehr als »feste Grundlage

dieser neuen deutschen Geschichtswissenschaft« erweisen und daß

dabei der Erfahrungsschatz der sowjetischen Historiographie genutzt

würde. Gleichfalls mit Lob bedacht wird die Überwindung der »Misere«-

Auffassung in den Geschichtsdarstellungen und die Hinwendung der

Historiker zu den »großen nationalen Traditionen«. 35 Besondere Aufmerksamkeit

findet der »gewichtige Beitrag« der Geschichtswissenschaft

zur Erforschung, Darstellung und Popularisierung des Lebenswerkes des

»größten Sohnes des deutschen Volkes, Karl Marx«. Mit Einschränkung

indes konstatiert der Beschluß nur erste Erfolge bei der Erforschung der

Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung sowie der deutschen

Geschichte im 20. Jahrhundert. Hervorgehoben wird indes die Tatsache,

daß sich nunmehr »junge, der Arbeiterklasse ergebene geschichtswissenschaftliche

Kader« entwickeln würden, daß sich seit 1950 die Zahl der an

den Universitäten ausgebildeten Geschichtsstudenten vervierfacht und

die Zahl der »Aspiranten« sich seit 1952 verdoppelt habe. 36

Komplettiert wird die »Erfolge«-Liste schließlich durch eine Reihe weiterer

Zeugnisse für das angestrebte »Wachstum der fortschrittlichen

Geschichtswissenschaft«: die Gründung des Museums für Deutsche

Geschichte und seine erste marxistisch-leninistische Gesamtdarstellung

der Geschichte des deutschen Volkes, die beginnende Arbeit des »Autorenkollektivs«

für das Lehrbuch der deutschen Geschichte, die Schaffung

34 Vgl. Dokumente der SED. Bd. V S. 338.

35 Ebd.

36 Vgl. ebd. S. 339.

17


von Instituten für deutsche Geschichte an den Universitäten Berlin, Halle

und Leipzig sowie die »wertvolle wissenschaftliche« Wirksamkeit der

1953 gegründeten Zeitschrift für Geschichtswissenschaft.

Genauer und umfangreicher werden die »Mängel in der Geschichtswissenschaft«

37 dargestellt. Die »Mängel«-Liste wird – anders noch als in

den ersten Entwürfen des Politbüro-Beschlusses – mit einer Polemik

gegen die »ungenügende Verbindung der geschichtswissenschaftlichen

Arbeit mit dem Leben und dem gegenwärtigen Kampf unseres Volkes« 38

eingeleitet. Hinter dieser – zunächst wenig sagenden, jedoch vielseitig

einsetzbaren – Formulierung verbarg sich im Grunde nichts anderes als

die Kritik an zu geringer Parteiverbundenheit, an der mangelnden Bereitschaft,

die Beschlüsse der SED durchsetzen zu helfen. In verschiedenen

Varianten angeboten, 39 fungierte diese zur Formel erstarrte Sentenz in

der Folgezeit als einer der Hauptvorwürfe, um alle eigenständigen Ideen

und von der Parteilinie abweichenden Gedanken verwerfen, vor allem

aber, um kritische Historiker möglichst »zurückgewinnen« oder disziplinieren

zu können. Diese Konstruktion wurde in der Kampagne von

1957/58 gegen den angeblichen Revisionismus in der DDR-Geschichtswissenschaft,

so während der inszenierten »Auseinandersetzungen« mit

den Historikern Jürgen Kuczynski, Günter Mühlpfort und Joachim Streisand

als »Argument« bevorzugt. 40

Ein anderer Kritikpunkt bezog sich auf die, als »Tendenz des Subjektivismus«

bezeichnete, »Schwäche« der Historiker, dem Wirken der

»objektiven gesellschaftlichen Gesetze« und der »Rolle der Volksmassen

als Schöpfer der Geschichte« 41 nur geringe Aufmerksamkeit zu schenken,

also ungenügend zum immer wieder geforderten »Aufdecken« der

Triebkräfte und Gesetzmäßigkeiten der Geschichte beizutragen.

37 Ebd. S. 342-346.

38 Ebd. S. 342.

39 In parteiinternen Materialien indes wird dieser »Praxis«-Begriff nicht so

abstrakt auf das »Leben« und den »Kampf des Volkes« bezogen, sondern unmittelbar

mit dem »politischen Kampf« der SED verknüpft. So werden die Historiker

in einer von der ZK-Abteilung 1962 erarbeiteten »Einschätzung der Entwicklung

der Geschichtswissenschaft der DDR seit 1955« an erster Stelle dafür

kritisiert, daß sie ihre Arbeit »nach wie vor … ungenügend mit der Praxis des

politischen Kampfes der Partei« verbinden würden (SAPMO-BArch, DY 30 IV

2/9.04/91, Bl. 142).

40 Vgl. S. 46. Diese Problematik wird vom Autor im Rahmen eines von der Volkswagen-Stiftung

geförderten Forschungsprojektes über die Funktion der DDR-

Geschichtswissenschaft im Herrschaftsgefüge der SED-Diktatur (1958 bis

1966) ausführlich dargestellt.

41 Dokumente der SED. Bd. V S. 342.

18


Neben diesen Angeboten aus dem Dogmen-Arsenal des Marxismus-

Leninismus enthielt das »Mängel«-Kapitel durchaus Ansätze für Verbesserungen

der geschichtswissenschaftlichen Forschung und Lehre. Die

konsequente Durchsetzung einer Reihe von Hinweisen und Einwänden

bot dafür Chancen. Dies betrifft beispielsweise die Kritik an der »vulgäre(n),

oberflächliche(n) Behandlung historischer Ereignisse« sowie an

Tendenzen zur Faktologie. Gleichermaßen bemängelt wurde die nicht

selten geübte Praxis, gründliche Untersuchungen durch die »Wiederholung

von Zitaten der Klassiker des wissenschaftlichen Sozialismus« zu

ersetzen. 42

Der Beschluß beanstandet aber auch »Mängel«, deren Benennung

nicht viel mehr als Makulatur war. So werden die Geschichtswissenschaftler

mit dem Vorwurf konfrontiert, »das reichhaltige, in den Archiven

unserer Republik vorhandene Quellenmaterial« bisher ungenügend

ausgenutzt zu haben. 43 In der Tat legte die Mehrzahl der »marxistischleninistischen«

Historiker der DDR in den fünfziger Jahren in nur

bescheidenem Maße Forschungsarbeiten vor, die auf eigener Quellenauswertung

fußten. Dies belegen auch die – stets als Vorbild für Zeitgeschichtshistorie

gepriesenen – Arbeiten führender Funktionäre der SED,

die sich in Wort und Schrift traditionell als Parteipropagandisten betätigten.

In diesen, oft recht umfänglichen »Geschichtswerken« stützten sich

die – zumeist aus dem Kreis der »Partei- und Staatsführung« stammenden

– Autoren (u.a. Alexander Abusch, Otto Grotewohl, Kurt Hager,

Albert Norden, Fred Oelßner, Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht) kaum

auf historische Quellen, sondern verarbeiteten hauptsächlich eigene

»Klassenkampf«-Erfahrungen.

Besondere Wertschätzung erfuhr Ulbrichts Buch »Zur Geschichte der

neuesten Zeit«, das zeitgleich mit dem Geschichtsbeschluß erschien. 44

Diese Schrift, in deren Hauptteilen der Zeitraum von Mai 1945 bis April

1946 dargestellt wird, sollte bei den Werktätigen »das Vertrauen in die

Gerechtigkeit unserer Sache stärken und sie zu neuen großen Leistungen

begeistern« – wie Ulbricht in sein Vorwort schrieb. 45 Auffällig sind

die konsequent betriebene »Parteilichkeit« des kommunistischen Spitzenfunktionärs,

die extreme Einseitigkeit und Subjektivität der Darstellung

wie auch die Schärfe der Polemik – wobei selbst vor offensichtlichen

42 Vgl. ebd. S. 343.

43 Vgl. ebd. S. 344.

44 Vgl. besonders Bartel: Literaturbericht S. 432 und Engelberg: Über Partei und

Geschichtswissenschaft S. 658f.

45 Vgl. Ulbricht: Zur Geschichte der neuesten Zeit S. 6.

19


Geschichtsfälschungen nicht Halt gemacht wurde. 46 Heftigen Angriffen

waren vor allem die Westzonen Deutschlands ausgesetzt. Ulbricht

behauptete, daß diese sich »unter dem Besatzungsregime der Imperialisten«

zu einer Art »Naturschutzgebiet für Kriegsverbrecher und Volksfeinde«

entwickelt hätten, zu einer »Zone der Dschungelmoral …, in der

die ehrliche Arbeit der Werktätigen wenig galt«. 47 Die Zeitgeschichtsschreibung

der DDR distanzierte sich zu keiner Zeit von den Arbeiten

dieses »Historikers« im Drittberuf, wie sich Ulbricht später selbst

bezeichnete. 48 Die Mehrzahl der DDR-Zeitgeschichtler hingegen war

wohl vielmehr stolz auf ihren gewichtigen »Kollegen«; führende Historiker

hoben Ulbrichts Schriften stets als »Musterbeispiele einer allseitigen

wissenschaftlichen Analyse« 49 hervor und empfahlen sie als konzeptionelle

Leitidee und »Maßstäbe setzende Demonstration der dialektischen

Einheit von Politik und Wissenschaft«. 50

46 Bemerkenswert ist eine schonungslos-kritische Besprechung dieser Arbeit, die

der Abteilungsleiter für Zeitgeschichte am Museum für Deutsche Geschichte

wohl 1956 vornahm. In seinen undatierten, 33 Seiten umfassenden internen

»Bemerkungen«, die erst nach Öffnung des Zentralen Parteiarchivs der SED

zugänglich wurden (vgl. SAPMO-BArch DY 30 IV2/9.04/148, Bl. 96-128),

stellt Fritz Köhler fest, daß Ulbrichts Buch den Anspruch, »zur wissenschaftlichen

Literatur zu zählen« nicht erfüllen würde, denn dann hätte es auch »nach

wissenschaftlichen Methoden« erarbeitet werden müssen. Köhler registriert

zahlreiche Ungenauigkeiten und Fehler in der Darstellung, reklamiert einseitiges

und selektives Herangehen sowie oberflächliche und schwarz-weißmalende

Wertungen, er rügt unzulässige Verallgemeinerungen und offensichtliche

Fehlurteile. Seine Kritik gipfelt im Nachweis, daß der Autor sich sogar des

Mittels bewußter Fälschung bedient habe, um seine vorgefaßte Meinung zu

»belegen«: Am Beispiel der Manipulation eines Dokuments des amerikanischen

Generalstabes zeigt Köhler, wie Ulbricht sein Zitat – z.T. unausgewiesen –

kürzt und so sinnentstellend »übersetzt« (ebd. Bl. 118-121), daß er schließlich

behaupten kann, diese »gefahrdrohend(e)« Geheim-Direktive würde es »dem

amerikanischen Kommando direkt« verbieten, »dem deutschen Volk beim Wiederaufbau

zu helfen« – dergestalt erscheint allein die Sowjetarmee als wahrer

»Befreier und Helfer des deutschen Volkes«. Ulbricht: Zur Geschichte der neuesten

Zeit S. 94.

47 Ebd. S. 100.

48 1963 bekannte Ulbricht auf der 2. ZK-Tagung der SED (10.–12. April), daß die

Geschichtswissenschaft »schon lange« sein dritter Beruf sei. Ulbricht: Vergangenheit

und Zukunft S. 7; vgl. dazu Engelberg: Über Partei und Geschichtswissenschaft

S. 667; vgl. Hortzschansky/Roßmann: Zur Rolle Walter Ulbrichts

S. 483.

49 Bartel: Literaturbericht S. 431.

50 Heitzer: Forschungen zur Geschichte der DDR S. 611.

20


So sehr also die im Beschluß beanstandete »Unterschätzung der kritischen

Auswertung des gesamten Quellenmaterials, besonders der Archivalien«

51 berechtigt war, so sehr stieß die Überwindung dieses Zustandes

aber auf Barrieren, die ein Großteil der Historiker kaum zu übersteigen

vermochte. Das betraf insonderheit jenes brisante Material, das sich in

den Bezirksarchiven und mehr noch im Zentralen Parteiarchiv der SED

befand. Die Gepflogenheit der Staatspartei, den Zugang zu »ihren«

Akten – wenn überhaupt – nur auf Zuteilung zu ermöglichen, gehörte zu

den wohl ärgsten der vielfältigen Dauerprobleme der forschenden Historiker

der DDR.

Eine weitere Forderung – hier erstmals in einem größeren Dokument

geäußert – war fortan für längere Zeit in kritischen Einschätzungen des

Standes der DDR-Geschichtswissenschaft zu finden. Mit der Klage über

das »Fehlen einer zentralen Koordinierung und Planung der geschichtswissenschaftlichen

Arbeit, besonders der Forschungsarbeit« 52 gewann

eine der Lieblingsideen der SED-Führung an Gestalt, um ein besseres

»Vorankommen« der Geschichtswissenschaft zu erreichen. Getreu dem

alles durchdringenden Prinzip des »demokratischen Zentralismus«

wurde die Organisation zentraler Leitung und Planung und damit vor

allem der Kontrolle als unverzichtbar angesehen, um die »sozialistische

Geschichtswissenschaft« in der DDR zu etablieren.

Zuerst war dem von Marxisten beherrschten Museum für Deutsche

Geschichte auch die Funktion eines leitenden und wissenschaftsorganisatorischen

Zentrums zugedacht – eine Zielstellung, die sich als nicht realisierbar

erwies. 53 Ebenso scheiterten Bemühungen, diese Aufgabe der seit

April 1953 erscheinenden Zeitschrift für Geschichtswissenschaft zuzuweisen.

Der Geschichtsbeschluß beklagte, daß die Zeitschrift »nur ungenügend

eine lenkende und leitende Funktion« 54 ausübe. Auch das von

51 Ebd. S. 343.

52 Ebd. S. 345. In solchen – für die Öffentlichkeit bestimmten – Darstellungen

bleibt der gewichtige Gesichtspunkt der Kontrolle möglichst ausgespart, parteiinterne

Materialien verweisen hingegen mit Nachdruck auf dieses Problem. So

heißt es 1962 in einem Redemanuskript des Leiters der ZK-Abteilung Wissenschaften,

Hannes Hörnig, zur Erläuterung der »Kritik des 16. Plenums des ZK

an der Arbeit der Historiker«: »Wenn die Geschichtswissenschaft in der DDR

ihren Aufgaben gerecht werden will, so muß die Planung, Koordinierung und

Kontrolle der Forschungsarbeit auf eine neue Stufe gehoben werden« (SAPMO-

BArch, DY 30 IV A2/9.04/134).

53 Vgl. Neuhäußer-Wespy: Geschichte der Historiographie der DDR S. 19f.;

Pfundt: Die Gründung des Museums für Deutsche Geschichte S. 94-109.

54 Dokumente der SED. Bd. V S. 345.

21


Alfred Meusel geleitete Autorenkollektiv für das Lehrbuch der deutschen

Geschichte, das einzige überinstitutionelle Historikergremium dieser

Jahre, erwies sich gleichermaßen als dafür ungeeignet. So sah die verantwortliche

ZK-Abteilung nunmehr in der von ihr jetzt favorisierten Historiker-Gesellschaft,

die – so der Beschluß – »alle auf dem Gebiet der

Geschichtswissenschaft Tätigen zusammenfaßt«, 55 einen neuen Hoffnungsträger.

Aber dieses Ziel war, wie auch Versuche, über die Wissenschafts-Akademie

(zunächst über das Geschichtsinstitut und seit 1964

über die von Ernst Engelberg geleitete Sektion Geschichte 56 ) aus mehr

oder minder gleichen Gründen nicht oder nur ansatzweise zu erreichen.

Die Ursache für dieses fortwährende Scheitern ist hauptsächlich darin

zu suchen, daß den genannten Gremien von vornherein jedwede Möglichkeit

einer wirklichen und wirksamen Kontrolle genommen war. Unter

den Bedingungen totalitärer Herrschaft blieb der – beispielsweise 1964

von Engelberg bei der Charakterisierung der Sektion Geschichte der

DAW als »entscheidungsbefugte Versammlung von Sachverständigen«

erhobene – Anspruch, »daß die Wissenschaft von den Wissenschaftlern

selbst verantwortlich geplant, geleitet und kontrolliert werden« 57 könne,

lediglich ein schöner Wunschtraum.

Erst am Ende der sechziger Jahre gelang es, dieses noch immer offene

Problem auf SED-Art zu lösen. Mit der Bildung des Rates für Geschichtswissenschaft

am 20. Juni 1969 wurde nunmehr die Zielstellung erreicht,

eine »funktionierende« Leitungs- und Kontrollzentrale für die gesamte

Geschichtswissenschaftsdisziplin einzurichten sowie eine längerfristige

Forschungsplanung durchzusetzen: die letzte der bisher noch ausstehenden

zentralen Forderungen des Beschlusses von 1955 war erfüllt, die

Konstituierung der Partei- und Staatshistorie abgeschlossen. Von jetzt an

wurden – im Fünfjahresabstand – vom Rat für Geschichtswissenschaft

verantwortete Forschungspläne für die DDR-Historiographie aufgestellt,

die dem SED-Politbüro vorgelegt werden mußten. 58 Unter unverhältnismäßig

großem Aufwand wurde die Einhaltung und Realisierung dieser

»Perspektivpläne der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft

der DDR« kontrolliert. Dies war, neben der politisch-ideologischen »Orientierungs«-,

vor allem aber Disziplinierungsfunktion, 59 die wichtigste

55 Ebd.

56 Vgl. Engelberg: Der umfassende Aufbau des Sozialismus; vgl. Schmidt: Die Sektion

Geschichte der Akademie der Wissenschaften S. 456-465.

57 Engelberg: Der umfassende Aufbau des Sozialismus S. 14.

58 Vgl. Neuhäußer-Wespy: Geschichte der Historiographie der DDR S. 139-141.

22


Aufgabe, die der Rat bis zu seiner eiligen Selbstauflösung am 5. Dezember

1989 ausübte.

Die Kritik des Geschichtsbeschlusses an einer Reihe weiterer »ernster

Mängel« zielte wesentlich darauf, die »Schlagkraft« 60 der DDR-Historiographie

zu erhöhen, um sie zu einer »scharfen Waffe« der Partei zu

machen. Beanstandet wurde die Qualität der Ausbildung »junger wissenschaftlicher

Kader«, 61 vor allem aber der fehlende »Meinungsstreit«

unter den Historikern. Der letztgenannte Punkt avancierte von nun an –

stereotyp wiederholt – zu einem der Dauervorwürfe an der Arbeit der

Geschichtswissenschaftler. Nimmt man allein nur den Wortlaut des

Beschlusses: Meinungsstreit als »Mittel zur Aufdeckung und Überwindung

der Fehler und Mängel und als Triebkraft der wissenschaftlichen

Entwicklung«, 62 so schien ein Grundsatz allen wissenschaftlichen Wirkens

angesprochen zu sein.

Nur wenige Monate später jedoch, als nach dem XX. Parteitag der

KPdSU Hoffnungen aufkeimten, gegen dogmatische Verkrustungen und

orthodoxe Auswüchse angehen zu können, sollte sich zeigen, wie ernst es

der SED-Führung mit ihrem Beschlußtext vom Juli 1955 tatsächlich war.

Die ohnehin nur wenigen Versuche von führenden »marxistisch-leninistischen«

Historikern, so von Jürgen Kuczynski, eigene Diskussionsthemen

vorzutragen und produktiv-kritischen Meinungsstreit anzuregen, wurden

als »revisionistische« Abweichungen von der Staatsideologie zurückgewiesen

und vehement bekämpft. Auch die in der Folgezeit erhobenen

Forderungen nach echtem, wissenschaftlichem Disput, nach offen und

freimütig ausgetragenen Auseinandersetzungen – vor allem über brisante

Fragen der Partei- und Zeitgeschichte – erwiesen sich als schöne

Proklamation. Die wahren Absichten, die mit der These vom »Meinungsstreit«

im SED-Geschichtsbeschluß verbunden waren, verrät ein 1957

von der ZK-Abteilung Wissenschaften erarbeitetes Dokument zur Auswertung

der 30. Tagung. Den Ansichten »sehr viele(r)« Historiker entgegentretend,

werden hier die Vorstellungen der SED-Führung vom

»Wesen des … Meinungsstreits« 63 präsentiert. Unmißverständlich heißt

59 Vgl. die Polemik des »Zeitzeugen« und Mitglied dieses Rates Gerhard Lozek,

der – selbst Reglementierungen durch die Leitung des Rates ausgesetzt – 1993

Versuchen entgegentrat, den Rat für Geschichtswissenschaft nachträglich in ein

»Selbstverwaltungsorgan« der DDR-Historiker zu verwandeln. Lozek: Zum

Artikel von W. Schmidt; vgl. auch Neuhäußer-Wespy S. 134.

60 Erstes Material einer Einschätzung der Entwicklung der Geschichtswissenschaft

der DDR seit 1955 (SAPMO-BArch, DY 30 IV2/9.04/91, Bl. 146).

61 Dokumente der SED. Bd. V S. 344.

62 Ebd.

23


es: »Verbreitet ist die Auffassung, daß der Meinungsstreit nur ein Mittel

zur Klärung theoretischer Fragen sei. Demgegenüber ist nicht klar, daß

er die Methode zur Bekämpfung der bürgerlichen Ideologie und zur

Durchsetzung des Marxismus-Leninismus ist«. 64

Der »Mängel«-Abschnitt war es wohl hauptsächlich, der Alfred

Meusel veranlaßte, sich in seiner Stellungnahme zum Beschlußentwurf

dagegen zu wenden, die DDR-Historiographie würde »einer Blüte entgegengehen«.

65 Ironisch-kritisch verwarf er diese Formulierung zunächst

einmal »aus sprachlichen Gründen«, machte dann aber inhaltliche Erwägungen

geltend, denn von einer Blüte sei im Beschluß nur wenig zu merken.

Die Polemik Meusels bewirkte, zumindest in diesem Falle, daß die

»Blüte«-Passage die Endfassung des Beschlusses nicht erreichte.

Die Benennung von Mängeln und Schwächen, die bereits in den ersten

Entwürfen des Geschichtsbeschlusses einen beachtlichen Platz einnahm,

war wesentlich ein Reflex der komplizierten Situation in der Historiographie

der DDR. Besonders dieser Teil des Dokuments ist ein signifikanter

Ausdruck jener Widerstände und Schwierigkeiten, die sich bei der Realisierung

der Vorgaben des SED-Politbüros auftaten. Immer wieder

mußte – auch in den folgenden Jahren – darauf gedrungen werden, daß

die Historiker endlich den Forderungen des Beschlusses nachkommen.

Vorrangig diesem Ziel widmete sich der nicht veröffentlichte Schlußabsatz

des Politbüro-Dokuments. 66 In ihm wurde bestimmt, eine »Kommission

für Geschichte« zu bilden, die die ZK-Abteilung Wissenschaft

und Propaganda bei der Durchsetzung und Kontrolle ihres Beschlusses

sowie bei der »Klärung prinzipieller geschichtswissenschaftlicher Fragen«

unterstützen sollte. Namentlich mitbeschlossen wurden die 14 Kommissionsmitglieder

des auserwählten Gremiums von »Genossen Historikern«

in Leitungsfunktionen. 67 Am 12. Januar 1956 beginnend fanden

im Jahresabstand drei Tagungen dieser Kommission im Zentralkomitee

statt, zu denen außer weiteren »führenden« Historikern auch Archivare

sowie SED-Sekretäre geschichtswissenschaftlicher Institutionen hinzugezogen

wurden. Erst nach Freigabe der Akten aus den Archiven der SED

63 Abt. Wissenschaften. Zur Auswertung der Beschlüsse der 30. ZK-Tagung an

den Universitäten und Hochschulen (SAPMO-BArch, DY 30 IV2/9.04/438,

Bl. 33).

64 Ebd.

65 Ebd. IV2/9.04/90, Bl. 202.

66 Ebd. J IV2/2/428, Bl. 50.

67 Ebd. Die Namensnennung erfolgt in der im Beschluß vorgenommenen Reihenfolge:

Meusel, Stern, Kuczynski, Obermann, Schreiner, Schilfert, Mühlpfordt,

Engelberg, Otto, Hoffmann, Welskopf-Henrich, Knittel, Nimtz und Klein.

24


gelangten diese Beratungen ins Blickfeld historiographiegeschichtlicher

Forschungen. 68 Von Interesse für unser Thema ist insbesondere die gut

dokumentierte »Beratung des Genossen Hager mit Genossen Historikern«

vom Januar 1956. 69 Einberufen mit dem hochgesteckten Ziel, die

»ideologischen Mängel in unserer Geschichtswissenschaft aufzudecken

und zu überwinden«, ging es der zuständigen ZK-Abteilung vorrangig

darum, »ihre« Historiker, die den Forderungen des Geschichtsbeschlusses

noch sehr reserviert und zögerlich gegenüberstanden, zur aktiven

»Umsetzung« seiner Aufgabenstellungen zu bewegen. Ganz anders

jedoch als erwartet offenbarte die Diskussion, die zeitweise den Charakter

einer Redeschlacht mit Hager annahm, eine Kontrastellung zur Wissenschaftsabteilung

des ZK. Wie nie zuvor und auch danach nicht wieder

sahen sich die Funktionäre einer nahezu geschlossenen Front offenkontrovers

diskutierender Wissenschaftler gegenüber. Freimütig artikulierten

sie ihren Unmut über das ständige Hineindirigieren, über wachsende

Behinderungen, immer neue Vorschriften und Vorbehalte. Jürgen

Kuczynski brachte die allgemeine Verstimmung auf den Punkt, als er

betonte, »viel zu sehr Wissenschaftler und nicht Agitator« zu sein.

Auch nachdem die SED-Führung 1958 ihren »Sieg« über die angeblichen

Revisionisten verkünden konnte, als es – auf der Basis dieser künstlichen

»Ruhestellung« – gelungen war, die offen-kritischen und oppositionellen

Tendenzen in der Geschichtswissenschaft weitgehend zu

überwinden, sahen sich die Funktionäre im Apparat des ZK dennoch

immer wieder genötigt, »grundsätzliche ideologische Vorbehalte gegenüber

den Konzeptionen der Partei« 70 zu bemängeln. Trotz beginnender

Erfolge bei der politisch-ideologischen Ausrichtung und »Begradigung«

größerer Teile der Historikerschaft findet sich – bis hinein in die sechziger

Jahre – in nahezu allen Dokumenten, in denen sich die SED-Führung

mit dem »Stand« der DDR-Geschichtswissenschaft beschäftigte,

das Eingeständnis, daß »der Beitrag der Historiker zur schöpferischen

Begründung der Politik der Partei noch sehr gering ist«, wie es z.B. 1962

eine »Einschätzung der Entwicklung der Geschichtswissenschaft der

DDR seit 1955« beanstandet. Des weiteren wird eingeräumt: »Es ist

noch nicht zum Axiom geworden, daß sich die Geschichtswissenschaft in

der gesamten Arbeit jederzeit von den politischen Erfordernissen leiten

lassen und daher von den Beschlüssen der Partei ausgehen muß«. 71

68 Vgl. Neuhäußer-Wespy: Geschichte der Historiographie der DDR S. 42-60.

69 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 IV2/9.04/133, Bl. 1-171.

70 Erstes Material einer Einschätzung der Entwicklung der Geschichtswissenschaft

der DDR seit 1955 (ebd. IV2/9.04/91, Bl. 143).

25


Das Dilemma dieses unentwegt bemängelten Nichtvorankommens und

des »Zurückbleibens«, das in besonderer Weise die Konstituierungsetappe

der DDR-Historiographie prägt, kann als ein Beleg auch dafür gewertet

werden, daß sich die angestrebte »neue, fortschrittliche Geschichtswissenschaft«

nicht vorrangig durch Beschlüsse, gleichsam

konzipiert auf dem Reißbrett, herstellen läßt. Da dies aber dennoch unter

Einsatz aller gebotenen Mittel der Macht geschah, haftete der DDR-

Historiographie – unbeschadet beachtlicher und beachteter Forschungsleistungen

– immer auch etwas von einem Kunstprodukt an. Sie mußte

durch stets neue Vorgaben und Beschlüsse und auch massive Eingriffe,

wenn erforderlich komplettiert durch Druck und Repressionen, in ihrer

so geschaffenen Gestalt lebensfähig gehalten werden.

Abschließend ist festzumachen, daß die einseitige Konzentration auf

ideologische und organisatorische »Schwächen« die Sicht auf jene entscheidenden

Hemmnisse und Barrieren verstellte, die das immer wieder

postulierte »Vorankommen« der DDR-Geschichtswissenschaft beeinträchtigten

bzw. ganz verhinderten. Wissenschaftsimmanente Ursachen

für die registrierten »Mängel«, genuine Gebrechen der »marxistisch-leninistischen«

Historiographie waren von vornherein nicht im Blick der kritischen

Gutachter aus dem SED-Zentralkomitee oder sie blieben bewußt

ungenannt.

Wenig später nur sollte jedoch, gleichfalls von »marxistisch-leninistischen

Positionen« aus, eine Mängel-Kritik von anderer Denkart – aus

dem »Inneren« der Wissenschaft kommend – geübt werden. In ihrer Diskussionsrede

auf dem XX. Parteitag der KPdSU (14. bis 25. Februar

1956) stieß die »führende Sowjethistorikerin«, Anna M. Pankratowa, zu

wirklichen Wurzeln des Zurückbleibens der »Gesellschaftswissenschaften«

vor. Dabei rüttelte sie allerdings an den Fundamenten der sowjetischen

Geschichtswissenschaft. Der XX. Parteitag hatte in der wohl einflußreichsten

Historikerin der Sowjetunion 72 »das Feuer einer großen

Hoffnung entfacht«. 73 In bisher nicht gekannter Deutlichkeit richtete sie

ihre – auf spürbare Veränderungen zielende – Kritik zuallererst an die

71 Ebd. Bl. 142; vgl. Anm. 39.

72 A.M. Pankratowa, Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften der

UdSSR, hatte – ähnlich wie Meusel in der DDR – nahezu alle Spitzenämter in

der sowjetischen Geschichtswissenschaft inne; 1952 wurde sie ins ZK der

KPdSU gewählt, und sie war Deputierte und Präsidiumsmitglied des Obersten

Sowjets. Seit 1955 gehörte sie dem Büro des Comite International des Sciences

Historiques an; vgl. Erdmann: Die Ökumene der Historiker S. 324f. und 334.

73 Pankratowa: Unsere ruhmvolle Geschichte. Vgl. dazu Erdmann: Die Ökumene

der Historiker: S. 331f.

26


Adresse der sogenannten Parteigeschichtsschreibung. Pankratowa stellte

fest, daß besonders auf diesem Gebiet der Historiographie »kaum ernsthafte

wissenschaftliche Arbeit« geleistet wird, daß »gewisse Historiker«

die geschichtlichen Ereignisse frisieren und simplifizieren sowie einseitig

und infolgedessen unrichtig behandeln würden. »Sie stellen den Weg,

den die Partei zurückgelegt hat, als einen einzigen Triumphzug dar, bei

dem es keinerlei Schwierigkeiten gab.« Gleichermaßen geißelte sie die

»subjektivistische Erklärung« von Mißerfolgen bzw. Erfolgen, die vor

allem mit Aktionen des »Klassenfeindes« bzw. mit der Begabung einzelner

Führer begründet wurden. Schonungslos bemängelte sie die Qualität

der an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der

KPdSU entstandenen Dissertationen. Sie konstatierte, daß an dieser Ausbildungsstätte

für die »theoretischen Kader« der Staatspartei – trotz

eines Beschlusses zur Verbesserung ihrer Arbeit – bisher kein

»Umschwung« erfolgt sei. Ähnlich kritisch bewertete sie die Lage an den

»gesellschaftswissenschaftlichen« Instituten der Akademie der Wissenschaften,

in denen die elementarsten Voraussetzungen für eine wissenschaftliche

Arbeit fehlen würden. Darauf verweisend, daß sich die Wissenschaft

im freien Meinungsaustausch, durch Diskussionen

weiterentwickelt, plädierte sie dafür, gegen »Elemente der Rückversicherung

und der wissenschaftlichen Ängstlichkeit« anzugehen. Insbesondere

artikulierte sie ihre Unzufriedenheit mit der Arbeit des Akademie-

Geschichtsinstituts, das »über 300 Mitarbeiter umfaßt, aber nur rund

zehn Monographien im Jahr herausgibt«. Auf die internationalen Beziehungen

der sowjetischen Geschichtswissenschaft eingehend, forderte sie

Zusammenarbeit mit den »fortschrittlichen Historikern der kapitalistischen

Länder« – auch wenn sie keine Marxisten sind.

Anzumerken ist, daß die hier referierten Passagen dieser – auszugsweise

im »Neuen Deutschland« veröffentlichten – Parteitagsrede von der

DDR-Geschichtswissenschaft bis 1989 mit weitgehendem Schweigen

quittiert wurden. Das ist um so bemerkenswerter, als Pankratowa treffsicher

genau jene Probleme angesprochen hatte, vor denen auch die Historiker

der DDR standen. Für ihren Mut und ihre Offenheit zahlte die

sowjetische Historikerin indes einen hohen Preis. Von Krankheit gezeichnet,

war sie den Angriffen der sich wieder formierenden Dogmatiker in

der KPdSU nicht mehr gewachsen. Im Mai 1957 bereitete sie ihrem

Leben ein Ende. 74

27


Die ideologischen Aufgaben des Beschlusses

Im weitaus umfangreichsten Teil des Geschichtsbeschlusses werden die

»ideologischen Hauptaufgaben« der DDR-Historiographie gekennzeichnet.

75 Dieser Abschnitt, der detailliert inhaltliche wie auch geschichtstheoretische

und methodische Vorgaben enthält, kann als das Kern-Kapitel

des Führungsdokuments der SED angesehen werden. In ihm sind

gleichsam die Grundlinien des Beschlusses fixiert. Die Leitidee des Dokuments,

das im Prozeß der Politisierung und Ideologisierung der DDR-

Geschichtswissenschaft eine wichtige Zäsur setzte, läßt sich auf zwei –

eng miteinander verbundene – Aufgaben verkürzen. Zum einen galt es,

die Historiker als geschichtstheoretische »Kader der Partei« 76 zu treu

ergebenen Ideologen zu formen, zum anderen sollte die historische Forschung

und Lehre auf die politisch-ideologischen Zielsetzungen der SED

ausgerichtet und ihnen in wesentlichen Punkten untergeordnet werden.

Dieses Verständnis vom eigentlichen Sinn des Beschlusses offenbaren

alle unmittelbar vorgenommenen Interpretationen des Dokuments wie

auch spätere, zumeist parteiinterne Kritiken an der mangelnden Durchsetzung

seiner Forderungen. Im Mittelpunkt steht das – aus der Funktion

der Historiographie bei der »ideologisch-politischen Erziehung« erwachsende

– Postulat, »noch stärker und besser als bisher die Erkenntnisse

der Geschichtswissenschaft zu scharfen Waffen … zu machen«. 77 In ähnlicher

Weise sieht die ZK-Abteilung Wissenschaften in ihrer oben

genannten »Einschätzung« der DDR-Geschichtswissenschaft den Zweck

des Beschlusses vor allem in seiner »Orientierung auf die ideologisch-wissenschaftlichen

Hauptfragen der Forschung«. 78 Kriterium dieser Analyse

ist so auch die Frage nach dem Beitrag, den die Geschichtswissenschaft

seit 1955 »zur Begründung der Grundlinie der Politik der Partei … geleistet

hat«.

Wie der Geschichtsbeschluß in Gänze, so belegen insbesondere die

Prämissen des »Ideologie«-Kapitels das Interesse der SED-Führung an

der Historie. Die bereits 1951 auf der Ideologie-Tagung des ZK der SED

74 Der offizielle Nachruf der DDR-Geschichtswissenschaft machte glauben, sie sei

»nach schwerer Krankheit« verstorben; vgl. Stern: Zum Gedenken S. 861. Wie

Kuczynski schreibt, bestätigte sich später jedoch die bereits damals von ihm

geäußerte Vermutung, sie hätte Selbstmord verübt. Kuczynski: Ein linientreuer

Dissident S. 106.

75 Vgl. Dokumente der SED. Bd. V S. 346-354.

76 Die wichtigsten ideologischen Aufgaben S. 581.

77 Diehl/Dlubek: Die Historiker S. 882.

78 SAPMO-BArch, DY 30 IV2/9.04/91, Bl. 122.

28


artikulierte Auffassung, daß nunmehr die Arbeit der Historiker »größte

Bedeutung« erlangen würde, 79 bestätigte zehn Jahre später eine interne

»Analyse des Standes der Ausbildung der Studenten und des wissenschaftlichen

Nachwuchses im Fach Geschichte an den Universitäten der

DDR«. Mit dem Verweis auf die »Bedeutung des Bewußtseins unserer

Menschen für die Lösung der komplizierten Probleme des sozialistischen

Aufbaus« und die daraus erwachsende Verantwortung der Historiker

und Geschichtslehrer wurde festgestellt, daß die Geschichtswissenschaft

»von allen wissenschaftlichen Disziplinen die breiteste und

unmittelbarste Möglichkeit der Einwirkung auf die Menschen« 80 besitze.

Diese zwar zugespitzte, jedoch bemerkenswerte Formulierung verdeutlicht

die besondere Stellung, die dieser Wissenschaft im Ideologiekonzept

der SED zugedacht war. Hinsichtlich des Mißbrauchs für außerwissenschaftliche,

parteipolitische Ziele wurde die Historie gegenüber anderen

Wissenschaften unverkennbar bevorzugt; sie erfreute sich allerdings auch

eines besonderen »Betreuungs«grades durch die Apparate der Staatspartei.

Die herausgehobene Stellung der Geschichtswissenschaft erklärt sich

nicht allein nur daraus, daß führende Funktionäre der SED sich traditionell

als Propagandisten der Partei und der kommunistischen Bewegung

verstanden und diese Aufgabe auch nach Übernahme von Leitungsfunktionen

in der DDR fortsetzten und sich als Parteihistoriker betätigten.

Die Wertschätzung der Historie erwuchs mehr noch aus den Maximen

des Marxismus-Leninismus, insbesondere aus seinem Weltanschauungscharakter.

Die Verklärungen des historischen Materialismus, die Fixierung

vor allem auf die geschichtlichen »Klassenkampf«-Erfahrungen können

in einem gewissen Sinne als rückwärtsgewandtes Pendant zu den

kommunistischen Zukunftsvisionen betrachtet werden. Verständlicherweise

zeigten die Ideologen der SED nur geringes Interesse an einer allseitigen,

umfassenden und noch weniger an einer kritischen Analyse der

realsozialistischen Gegenwart. Sie richteten den Blick viel lieber in die

Vergangenheit und glaubten, durch die Propagierung der »geschichtlichen

Kämpfe«, neue Schöpferkräfte für den Aufbau des Sozialismus zu

wecken.

Der nachfolgend zu analysierende Ideologie-Abschnitt des Geschichtsbeschlusses

veranschaulicht nicht nur das Gewicht, das der Historie beigemessen

wurde; in ihm wird auch die Ambivalenz dieser Wissenschaft

79 Vgl. Die wichtigsten ideologischen Aufgaben S. 582.

80 SAPMO-BArch, DY 30 IV2/9.04/91, Bl. 91.

29


erkennbar. So sehr sich die Führung der SED auf die »Lehren der Geschichte«

berief und deren Beweis- und Überzeugungskraft für die sozialistische

Bewußtseinsausrichtung zu nutzen suchte, so sehr beargwöhnte

sie die geschichtliche Tatsachenfülle und fürchtete die Unwiderlegbarkeit

der Fakten. Die SED-Funktionäre begegneten den Fachhistorikern,

besonders im akademischen Bereich, stets auch mit Mißtrauen, und sie

achteten auf die Wahrung der gezogenen Grenzen und kontrollierten die

Einhaltung der verordneten Tabus. Hier besonders wurzelt jenes, die gesamte

Geschichte der DDR-Geschichtswissenschaft prägende Spannungsverhältnis

zwischen fortwährenden außerwissenschaftlichen Vorgaben

und Eingriffen sowie den – zumeist wenig erfolgreichen –

Bemühungen von einzelnen Historikern, diese Ideologie-Ansprüche zurückzudrängen,

einzuschränken oder zu umgehen.

Ausgangspunkt und immer wiederkehrendes Bezugsfeld des gesamten

Kapitels ist der Historische Materialismus, der expressis verbis als einzig

wissenschaftliche Theorie und Methode zur Erkenntnis der gesellschaftlichen

Entwicklung verstanden wird. 81 Das Diktat, ihn zur Grundlage der

DDR-Geschichtswissenschaft zu machen und seine Prämissen »schöpferisch«

auf die Erforschung und Darstellung insbesondere der deutschen

Geschichte anzuwenden, wird als entscheidender Beitrag für das anvisierte

neue, wissenschaftliche Geschichtsbild angesehen. Gemeinsam mit

den Philosophen sollten die Historiker Grundprobleme des Historischen

Materialismus in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen, so den »Klassenkampf

als Entwicklungsgesetz der Geschichte der Ausbeutergesellschaft,

die Wechselbeziehungen zwischen Basis und Überbau, die Rolle der

Volksmassen und der Persönlichkeit in der Geschichte«. 82 Diese bedeutungsschweren

Hinweise zur »Hebung des theoretischen Niveaus der

Geschichtswissenschaft« wurden durch das Gebot komplettiert, die

Erkenntnisse der bürgerlichen Geschichtsforschung kritisch auszuwerten,

vor allem aber die »reaktionären bürgerlichen Geschichtsfälschungen«

zu bekämpfen.

Die so von vornherein gegebene methodische Enge und Einseitigkeit

wird besonders in den Vorgaben über den »Hauptinhalt der Geschichte

unseres Volkes« 83 sichtbar. Dieser reduziert sich auf zwei Schwerpunkte.

Neben dem »Kampf der werktätigen Massen gegen die herrschenden

Ausbeuterklassen« erlangen die revolutionären Traditionen der deut-

81 Vgl. Dokumente der SED. Bd. V S. 346.

82 Ebd.

83 Ebd. S. 347.

30


schen Arbeiterbewegung, vornehmlich die KPD-Geschichte »erstrangige«

Bedeutung. Von daher wird gefordert, die Anstrengungen zur Aufarbeitung

der sozialen und nationalen Freiheitskämpfe zu verstärken. Im Blick

sind hierbei der Bauernkrieg von 1524/25, die Befreiungskriege gegen

Napoleon, die 1848er und die Novemberrevolution 1918/19 sowie der

»Kampf der deutschen Arbeiterklasse gegen Imperialismus, Faschismus

und Krieg«. Ergänzt wird diese Auslese von »Höhepunkten der revolutionären

Traditionen unseres Volkes« 84 durch weitere, gewissermaßen

zweitrangige, »Freiheitskämpfe«, die von den Erhebungen der Germanen

»gegen die römischen Sklavenhalter« bis zum »Kampf der Werktätigen

für die demokratische Einheit Deutschlands« im 19. Jahrhundert reichten.

Diese Leitlinien werden an Umfang und Detailreichtum noch von den

Ausführungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, insbesondere zur

Parteientwicklung, übertroffen. Der KPD sollte die Hauptaufmerksamkeit

gelten. Die Hinweise dazu gerieten fast zu einer thesenhaften, kurzgefaßten

Parteigeschichte – wobei jedoch die heiklen Fragen konsequent

ausgeklammert blieben. Betont wurde der »heroische(n), opferreiche(n),

illegale(n) Kampf gegen die faschistische Diktatur, mit dem die KPD »die

Ehre der deutschen Nation« 85 gerettet hätte.

Mit den inhaltlichen Festlegungen des Politbüro-Beschlusses wurden

jene Eckpunkte gesetzt, die fortan die geschichtswissenschaftliche Arbeit

(in besonderem Maße den Geschichtsunterricht) prägen sollten. Diese

kritische Analyse versteht sich somit als ein Beitrag, um die parteipolitisch

und ideologisch ausgerichteten Schwerpunktsetzungen, das selektive

Herangehen, die Einseitigkeiten und Deformationen des Geschichtsbildes

in der DDR zu erklären.

In ähnlich verengender Betrachtungsweise wurden vornehmlich theoretische

und methodische »Hauptprobleme« gekennzeichnet, die im Mittelpunkt

sowohl der Forschung, als auch der Lehrtätigkeit und populärwissenschaftlichen

Arbeit der Historiker stehen sollten. 86 Wohlklingende

Formulierungen können indes nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch

diese Vorgaben von den Zielstellungen der SED bestimmt wurden. Dies

klingt verschiedentlich offen an. So werden die Forschungen zur Lage

und zu den Kämpfen der »werktätigen Bauernmassen« im 19. und

20. Jahrhundert in Beziehung zur Bündnispolitik der SED gesetzt, und es

84 Ebd.

85 Ebd. S. 349.

86 Vgl. ebd. S. 354 und 349f.

31


wird festgestellt, daß die Historiker mit solchen Untersuchungen zur

Festigung der politischen Grundlage der DDR-Staatsmacht sowie zum

»Zusammenschluß der Arbeiter und Bauern« im Kampf gegen Imperialismus

und Militarismus in Westdeutschland beitragen können. 87

Großer Wert wurde Untersuchungen über »das Wirken der ökonomischen

Gesetzmäßigkeiten« in den einzelnen Perioden der deutschen

Geschichte beigemessen. 88 In Auseinandersetzung mit »bürgerlichen«

Darstellungen sollten – gemeinsam mit den Wirtschaftswissenschaftlern –

die ökonomischen Grundlagen der »Klassenkämpfe der Werktätigen«

dargestellt und die deutsche Geschichte als ein gesetzmäßiger Prozeß

gezeigt werden. Die dafür entwickelte Handlungsanleitung orientierte

sich in den Hauptpunkten am »Gesetz der unbedingten Übereinstimmung

der Produktionsverhältnisse mit dem Charakter der Produktivkräfte«,

das – formuliert in Stalins letzter Schrift »ökonomische Probleme

des Sozialismus in der UdSSR« – von der SED-Führung als »fundamental«

gefeiert und zur Arbeitsrichtlinie auch der Historiker erhoben

wurde. 89 In noch unausgereifter Form kündet sich die spätere »Gesetzes«-

und Systembegriffseuphorie an; erkennbar werden bereits hier jene

Determinismen, die – erheblich ausgebaut und »wissenschaftlich« verfeinert

– bald inflationär wuchernd nahezu alle Bereiche der »marxistischleninistischen

Geschichtswissenschaft« der DDR durchdrangen und ihr

Züge historisch-politischer Teleologie verliehen.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt diente dem Ziel, die »antinationale(n)

volksfeindliche(n) Politik der herrschenden Klassen … in der

Geschichte Deutschlands« zu entlarven. Mit dem Verweis auf die bevorzugt

propagierte »Gefahr«, die der Imperialismus und Militarismus in

Westdeutschland für das deutsche Volk darstelle, 90 wurde diese Aufgabe

als Beitrag der Historiker zur großangelegten Kampagne der SED gesehen,

um die »Werktätigen« zum Haß gegen jene gesellschaftlichen Kräfte

zu erziehen, die »heute in Westdeutschland erneut versuchen, das deutsche

Volk in die schwerste Katastrophe seiner Geschichte zu stürzen«. 91

Auf ähnlich aktuelle Ziele waren die Schwerpunkte ausgelegt, die die

sogenannte Zeitgeschichte zu erfüllen hatte. Diese konzentrierten sich

vordergründig darauf, die »historische Bedeutung« der im Osten

87 Vgl. ebd. S. 349.

88 Vgl. ebd.

89 Vgl. Stalin: Ökonomische Probleme. Vgl. dazu Haun: Erste Theorie-Diskussionen.

90 Vgl. Dokumente der SED. Bd. V S. 351.

91 Ebd. S. 352.

32


Deutschlands vollzogenen »revolutionären Umwälzung« zu kennzeichnen.

In schwarzweißmalender Manier wurde gefordert, einerseits die

Verwandlung Westdeutschlands in einen »Vasallenstaat der USA« anzuprangern,

andererseits die »Freundschaftspolitik« der Sowjetunion, der

Volksdemokratien und »aller Friedenskräfte« gegenüber der Schaffung

der Grundlagen des Sozialismus in der DDR zu würdigen. 92

Die Abschlußpassagen des Ideologie-Kapitels zielten darauf, die Forschungen

zur deutschen Geschichte international einzubetten. Es war

dies die Forderung, die Wechselwirkungen zwischen der Geschichte des

deutschen Volkes und der anderer Völker zu beachten, insbesondere die

»Freundschaftstraditionen« zwischen dem deutschen Volk und den Völkern

der Volksdemokratien. Dezidiert wurde verlangt, nicht länger mehr

das Gebiet der allgemeinen Geschichte zu vernachlässigen. Chauvinistische

Tendenzen der Vergangenheit, vor allem feindliche Bestrebungen

gegen die östlichen Nachbarstaaten Deutschlands sollten überwunden

werden.

So notwendig diese Zielvorgaben waren, so sehr wurden sie jedoch

durch einseitig parteipolitisch-ideologische Interpretation, durch inhaltliche

Vorgaben und detaillierte Erläuterungen zurechtgebogen und somit

um ihre Wirkung gebracht. Die Forderung beispielsweise, den Wechselbeziehungen

von National- und Universalgeschichte stärker Rechnung

zu tragen, reduzierte sich auf die Erforschung der Geschichte der

»freundschaftlichen Beziehungen« zwischen dem deutschen Volk und

den Völkern der UdSSR. Die Arbeiten darüber sollten sich von der Darstellung

der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und

Rußland seit dem frühen Mittelalter bis zu den »revolutionären Aktionen

der deutschen Arbeiterklasse für die Festigung der jungen Sowjetmacht«

93 erstrecken.

Die Auseinandersetzungsdoktrin des Beschlusses

Zu den wichtigsten Aufgabenstellungen des Geschichtsbeschlusses

gehörte die Forderung, sich intensiver und breiter als bisher mit den

bürgerlichen Geschichtsauffassungen auseinanderzusetzen. Dieses »Auseinandersetzungs«-Gebot

war Bestandteil der vom Parteidokument

definierten gegenwärtigen »Hauptaufgabe der deutschen Geschichtswis-

92 Vgl. ebd.

93 Ebd. S. 352f.

33


senschaft«. 94 Die »fortschrittlichen« deutschen Historiker sollten in »Auseinandersetzung

mit der reaktionären Verfälschung der deutschen Vergangenheit

ein wissenschaftliches Bild der gesamten Geschichte unseres

Volkes« erarbeiten und vermitteln.

Die Auseinandersetzungsdoktrin erwuchs zuallererst den – mit radikalem

Traditionsbruch verbundenen – Ambitionen der SED-Funktionäre,

auch auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung etwas völlig Neues zu etablieren,

das unvergleichlich besser war, als alle bisherige Historie der

»Klassengesellschaften«. Manifestiert zunächst im Begriff »neue deutsche

Geschichtswissenschaft«, verlangte dieses Konzept nach restloser

und dauerhafter Überwindung des mit dem Makel der Ausbeutung und

Unterdrückung behafteten »Alten«. Von daher erhielt die historiographische

»Auseinandersetzung« mit dem Überkommenen einen zentralen

Stellenwert. Geprägt und bestimmt von einem alles überlagernden, rigiden

Antikapitalismus, wurde diese Polemik vornehmlich als »Kampf

gegen die bürgerliche Geschichtsschreibung« aller Schattierungen verstanden.

Wie ein roter Faden durchzieht die Auseinandersetzungsdoktrin

nahezu den gesamten Beschlußtext. Das Dokument enthält indes zwei

spezielle Abschnitte, die der Charakterisierung der westdeutschen Historiographie

sowie der »Auseinandersetzung« mit ihr galten. 95 Darüber

hinaus finden sich unter den nicht zur Veröffentlichung freigegebenen

Teilen detaillierte Hinweise zur Verhaltenstaktik gegenüber den Historikern

der Bundesrepublik. Dies ist der umfangreichste Abschnitt von den

insgesamt 18 unveröffentlichten Passagen des Beschlusses. 96

Die SED-Führung faßte hier ihre Vorstellungen von der »Auseinandersetzung«

mit dem »bürgerlichen« Gegner zusammen, richtete diesen

»Kampf« prononciert auf die westdeutsche Historiographie und gab den

DDR-Historikern die entsprechende Handlungsanleitung auf lange

Sicht. Auch nach 1955 läßt sich eine solch konzentrierte Darstellung der

historiographischen »Auseinandersetzung« nicht wieder nachweisen –

sowohl was den Umfang als auch die Einseitigkeit, Undifferenziertheit

und Militanz der Polemik anlangt. Nachfolgend sollen Leitlinien und

inhaltliche Schwerpunkte der im Beschluß entwickelten Auseinandersetzungsdoktrin

gekennzeichnet werden.

94 Ebd. S. 337.

95 Vgl. ebd. S. 339-342 und 366f.

96 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 J IV 2/2/428, Bl. 47f.

34


Ausgangspunkt der Bemühungen war das Gebot des Kampfes ausschließlich

wider den »äußeren« Gegner – ein indiskutables Prinzip, das

aus dem Verständnis der SED-Führung von Polemik erwuchs. Entsprechend

dem nahezu alles überlagernden »Klassenkampf«-Schema richtete

sich diese Doktrin in der Hauptsache darauf, das antikapitalistische

Feindbild zu schaffen. Der Popanz vom »Klassenfeind« diente nicht nur

dazu, um von eigenen Fehlern abzulenken, sondern auch, um den von

der westlichen Welt ausgehenden Einflüssen entgegenzuwirken. Dies verdeutlichte

beispielsweise die 25. ZK-Tagung der SED vom Oktober

1955, auf der mit großer Offenheit im »Einfluß der bürgerlich-kapitalistischen

Ideologie auf die Werktätigen« das »stärkste Hindernis« für weitere

Erfolge gesehen und folgerichtig erklärt wurde, daß die »ideologische

Überzeugung der Menschen« eine Grundbedingung dafür sei, um

den Sozialismus zu errichten. 97

Hauptsächlich dieser These waren die einseitige Auslegung und ideologische

Ausrichtung der Polemik geschuldet. Die so verstandene »Auseinandersetzung«

klammerte den Disput über eigene Probleme oder gar

über Fehler und Versäumnisse fast gänzlich aus. Im Geschichtsbeschluß

bleiben dergestalt Forderungen nach innerwissenschaftlichen Debatten

außen vor; an keiner Stelle wird auf die Erörterung inhaltlicher bzw.

theoretisch-methodischer Fragen gedrungen. Es finden sich lediglich

einige kritische Bemerkungen zur Unterschätzung von »wissenschaftlichen

Diskussionen« über Themen, die den Historikern von der SED-Führung

vorgegeben worden waren – so u.a. über die Thesen »35 Jahre

KPD« und über die veröffentlichten Dispositionen des geplanten Hochschullehrbuchs

der deutschen Geschichte, insbesondere jedoch über die

»grundlegende Frage … der Periodisierung der Geschichte des deutschen

Volkes«. 98

Die »Auseinandersetzungs«-Bemühungen der Historiker hatten sich

auf die »bürgerlichen Geschichtsauffassungen« im allgemeinen und auf

die westdeutsche Historiographie im besonderen zu richten. Analog zur

These vom »Wiedererstehen des deutschen Imperialismus« in der Bundesrepublik

wurde unterstellt, daß auch in der Geschichtsschreibung

»antinationale, volks- und friedensfeindliche Auffassungen und Kräfte

herrschend geworden« 99 wären, daß es das »charakteristische Kennzei-

97 Vgl. Die neue Lage und die Politik der SED S. 502f.

98 Dokumente der SED. Bd. V S. 343f. Diese – wie auch andere Schwerpunkte

(z.B. »die Rolle der Volksmassen«) – wurden vom Politbüro regelrecht zu Diskussionsthemen

der Historiker ernannt, über die der »Meinungsstreit« zu entbrennen

hatte (SAPMO-BArch, DY 30 J IV 2/2/428, Bl. 3f.).

35


chen« der westdeutschen Historiographie sei, fortschrittliche Ideen zu

unterdrücken sowie antihumanistische militaristische und faschistische

Tendenzen und Strömungen zu fördern. Tonangebend wären »einflußreiche

reaktionäre Kräfte«, die durch ihre »verlogenen Theorien« 100 die

Geschichtsschreibung erneut zu einem Instrument der ideologischen

Kriegsvorbereitungen des deutschen Imperialismus und Militarismus

machen würden. Mit dieser Wertungsmethodik sollten die Historiker das

von der SED-Propaganda kolportierte Negativ-Bild der westdeutschen

Bundesrepublik als »gefährlichste Brutstätte« der »reaktionären imperialistischen

Ideologien« 101 mitformen und »begründen« helfen.

Die Verfasser des Geschichtsbeschlusses mischten einen weiteren Mißton

in ihre Konstruktion vom »Charakter« der westdeutschen Historiographie.

Sie warfen ihr eine sogenannte Amerikanisierung vor und verstanden

darunter das »Einströmen der reaktionären Ideologien der

Geschichtsfälscher des amerikanischen Imperialismus« 102 sowie die

Unterwerfung der geschichtswissenschaftlichen Institutionen unter amerikanischen

Einfluß.

Neben der »bestimmenden« Historikergruppierung mit ihren vorwiegend

»pseudowissenschaftlichen Auffassungen« kennzeichnete das SED-

Dokument eine zweite Richtung in der westdeutschen Historiographie.

Es war dies die Gruppe der sogenannten patriotischen Kräfte, jener

Historiker, die den Frieden lieben und die »der Wissenschaft ergeben« 103

wären.

Gemäß dieser willkürlichen, nur auf Hell-Dunkel setzenden Sicht der

Geschichtswissenschaft insgesamt, wurden die westdeutschen Historiker

auch im einzelnen bewertet und beurteilt. Die der Hauptgruppe zugerechneten

»reaktionären« Geschichtswissenschaftler erhielten die dunkelsten

Farben. Der Beschluß zielte dabei auf die Diskriminierung dieser

Historiker als Wissenschaftler. So wurde behauptet, sie würden »die großen

revolutionären und nationalen Traditionen unseres Volkes« 104 verschweigen

oder entstellen, um den Kampf für Frieden, Einheit und

Demokratie zu lähmen. Weiterhin befindet das Dokument, diese Historiker

verbreiteten die volksfeindliche Politik der herrschenden Klassen in

der deutschen Geschichte sowie »solche bankrotten faschistischen Ideo-

99 Dokumente der SED. Bd. V S. 340.

100 Ebd.

101 Die neue Lage und die Politik der SED S. 501.

102 Dokumente der SED. Bd. V S. 340.

103 Ebd. S. 340 und 366.

104 Ebd. S. 340.

36


logien wie die Lüge vom Lebensraum, die Rassenlüge und anderes«, 105

um die Werktätigen der Politik der imperialistischen und militaristischen

Kräfte gefügig zu machen.

Als »gefährlichste(r) Bestandteil in der Tätigkeit der westdeutschen

reaktionären Geschichtsschreibung« 106 erfuhren die Ostforscher besondere

Aufmerksamkeit. Die Kritik an der Osteuropa-Historiographie der

Bundesrepublik bezog sich auf die angeblichen Verfälschungen der

Geschichte der Sowjetunion und der Volksdemokratien sowie der historischen

Beziehungen Deutschlands zu diesen Ländern. Die Ostforschung

wurde der »chauvinistischen Verhetzung« und der Vorbereitung auf

einen neuen »imperialistischen Raubkrieg« 107 beschuldigt. Diese Urteile

trugen wesentlich dazu bei, von nun an faktisch das Verdikt über die

westdeutschen Osteuropahistoriker zu verhängen. Eine wissenschaftliche

Kooperation mit ihnen, ja selbst die normale Gleichsetzung als Fachkollegen

der Osteuropaforscher der DDR war somit unmöglich gemacht

worden. Die rigorose »Auseinandersetzung« mit der Ostforschung der

Bundesrepublik wurde zur unbedingten Pflicht. Wie das Schicksal des

Hallenser Frühneuzeithistorikers Günter Mühlpfordt und anderer Wissenschaftler

der DDR zeigt, erwiesen sich ehrlich gemeinte Bemühungen,

dennoch eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit bundesdeutschen

Fachkollegen aufrechtzuerhalten oder gar neue Verbindungen zu Osteuropahistorikern

herzustellen, als verhängnisvoll. 108

Ausschließlich kritisch-ablehnend wurden auch die geschichtstheoretischen

Positionen der »reaktionären westdeutschen Historiker« bewertet.

Der Beschluß unterstellte ihnen, »wissenschaftsfeindliche, agnostizistische

Geschichtsauffassungen« 109 zu verbreiten und begründete dies

damit, daß diese Historiker das Wirken objektiver Gesetze und die

bestimmende Rolle der Volksmassen in der Geschichte bestreiten würden.

Die Einseitigkeit und Undifferenziertheit der Beurteilung der westdeutschen

Geschichtswissenschaft läßt sich nicht allein aus den »Zwängen«

des Kalten Krieges ableiten; auch nicht aus der Dominanz »konservativer«,

»antikommunistischer« Historiker, als deren Symbol Gerhard Ritter

105 Ebd.

106 Ebd. S. 341.

107 Ebd.

108 Vgl. Fischer: Forschung und Lehre zur Geschichte Osteuropas S. 321f.; vgl.

Haun: Aus einem Leben für die Wissenschaft; vgl. Neuhäußer-Wespy:

Geschichte der Historiographie der DDR S. 58-60.

109 Dokumente der SED. Bd. V S. 341.

37


fungierte. Die extreme Schärfe der Polemik, deren Ziel es letztlich war,

die Mehrzahl dieser Historiker zu Apologeten der »Kriegspolitik« der

Bundesregierung und zu ideologischen Wegbereitern einer angeblich

faschistischen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland abzustempeln,

erklärt sich in der Hauptsache aus der weltanschaulichen Konzeption

und politischen Praxis der SED. Der Marxismus-Leninismus,

der sich stets als eine Kampfideologie verstand, war wesentlich auf die

Machtsicherung und den Herrschaftsausbau der Staatspartei gerichtet.

Von daher bestand eine wichtige Aufgabe der DDR-Geschichtswissenschaft

im Dienst der sozialistischen Bewußtseinsformung und -ausrichtung

darin, den benötigten »Klassengegner« mitproduzieren und ausgestalten

zu helfen. Dieser Hauptfeind diente auch dazu, innere Gegner

bekämpfen zu können. Dies galt für die offenen Opponenten gegen das

SED-Regime und das kommunistische Gesellschaftssystem, mehr noch

aber für unbequeme Kritiker aus den eigenen Reihen. Letztere konnten

so beschuldigt werden, mit ihrer Haltung lediglich dem »Klassenfeind« zu

nutzen. Gleichermaßen glaubten die Funktionäre, diese Kritiker mit dem

Popanz vom Klassengegner problemloser »zurückgewinnen« zu können.

Gemessen an den umfangreichen Passagen über die als »reaktionär«

eingestuften Historiker, fällt die Charakterisierung der »patriotischen

Kräfte« karg aus. Lediglich an einer Stelle des Beschlusses wird zugestanden,

daß zahlreiche westdeutsche Historiker, die »den Frieden lieben«,

eine exakte Forschungsarbeit leisten und die Geschichtswissenschaft

durch wertvolle Einzelergebnisse bereichern würden. 110

Analog dieser ideologisch motivierten Sicht auf eine vorgeblich zweigeteilte

westdeutsche Geschichtswissenschaft wurde ein entsprechendes

Verhaltenskonzept zu den Historikern der Bundesrepublik entwickelt. Es

lief faktisch auf eine »Auseinandersetzungs«- und auf eine »Gewinnungs«-Taktik

hinaus. Evident wird diese, gleichsam zweigerichtete, Verhaltensstrategie

im Kapitel »Die Entfaltung des Kampfes gegen die reaktionäre

westdeutsche Geschichtsschreibung und die Festigung der

Verbindung zu den patriotischen Historikern in Westdeutschland.« 111 In

den zur Veröffentlichung freigegebenen Teilen dieses Beschluß-Abschnittes

werden vorrangig jene Aufgaben erläutert, die darauf gerichtet waren,

die »pseudowissenschaftlichen Auffassungen« wie auch den angeblichen

Einfluß der »imperialistischen Geschichtsfälschungen« auf »beträchtliche

Teile der westdeutschen Bevölkerung« zu »zerschlagen«. 112 Diese gefor-

110 Vgl. ebd. S. 340.

111 Ebd. S. 366f.

38


derte »Zerschlagung« sollte auf breiter Front der historiographischen

Arbeit erfolgen; nicht nur in Qualifizierungsschriften und anderen Forschungsarbeiten,

sondern auch in wissenschaftlichen und geschichtspropagandistischen

Publikationen sowie in speziellen, allein dieser Aufgabe

vorbehaltenen Sammelwerken. In der Politbüro-Vorlage des vollständigen

Beschlußtextes wird die ZK-Abteilung Wissenschaft und Propaganda

aufgefordert, dafür zu sorgen, einen Teil dieser polemischen

Beiträge in der »fortschrittlichen Presse Westdeutschlands« zu publizieren.

113

Dieser Vorstoß macht ansatzweise bereits jene »Gewinnungs«taktik

sichtbar, die ihre extreme Ausprägung in den Teilen des Beschlusses

erfuhr, die sich mit dem Verhalten zu den »friedliebenden« und der »Wissenschaft

ergebenen« Historikern der Bundesrepublik beschäftigen. Die

Vorstellungen darüber kulminierten in dem Ziel, den »Kampfwillen der

patriotischen Kräfte in der westdeutschen Geschichtsschreibung gegen

die imperialistische Unterdrückung zu wecken«. 114

In der Hoffnung, diese – auf einer eklatanten Fehleinschätzung beruhenden

– Aufgaben erfüllen zu können, wurde, entsprechend der generellen

Linie des »nationalen Kampfes« der SED, darauf orientiert, daß

die »fortschrittlichen« Historiker der DDR »stärker nach Westdeutschland

wirken«. 115 Der Beschluß legte dafür einen umfangreichen Katalog

von Maßnahmen vor, der gleichfalls nicht veröffentlicht wurde. Vorgesehen

war die Teilnahme von DDR-Historikern an wissenschaftlichen

Tagungen in der Bundesrepublik mit »gut vorbereiteten« Beiträgen, der

Besuch von Studentendelegationen an westdeutschen Universitäten und

der Versand marxistischer geschichtswissenschaftlicher Literatur. Festgelegt

wurde, Historiker, Archivare und Geschichtsstudenten aus der Bundesrepublik

zu Diskussionen an die geschichtswissenschaftlichen Institute

der DDR und zur Teilnahme an Konferenzen einzuladen sowie

wissenschaftliche Beiträge »fortschrittlicher« westdeutscher Historiker in

Fachzeitschriften der DDR zu publizieren. Desgleichen sollten Wissenschaftler

der Bundesrepublik an gemeinsamen Forschungsarbeiten teilhaben

(insbesondere am geplanten Geschichtsinstitut der DAW), und es

sollte geschichtswissenschaftliche Literatur ausgetauscht werden.

112 Ebd.

113 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 J IV 2/2/428, Bl. 47.

114 Dokumente der SED. Bd. V S. 366f.

115 SAPMO-BArch, DY 30 J IV 2/2/428, Bl. 48.

39


Kritik am Beschluß 1955/56

Die »Auseinandersetzungs«-Abschnitte waren die einzigen Teile des Geschichtsbeschlusses,

die von Historikern der DDR noch vor der Veröffentlichung

des Dokuments bzw. kurze Zeit danach einer prüfend-polemischen

Sicht unterzogen wurden. Dies blieb jedoch die einzig

nachweisbare größere Kritik am Parteidokument. Generell ablehnende

Äußerungen zum »Grundsatz«-Papier der SED-Führung finden sich

nicht; es wurde mit der üblichen allgemeinen Zustimmung und wohl

mehr noch mit Gleichgültigkeit bedacht.

Um so bemerkenswerter ist die rigorose Kritik, die Alfred Meusel an

einer Reihe von Formulierungen des Beschlußentwurfs übte. Der Direktor

des Museums für Deutsche Geschichte war vom SED-Politbüro zum

Mitglied der Kommission für die Überarbeitung des Textes ernannt worden.

In dieser Funktion übermittelte Meusel am 29. April 1955 seine

oben genannten »Einwände« zur vierten Fassung des Beschlusses zusammen

mit einem erläuternden Begleitschreiben an Ernst Diehl, 116 der zu

den verantwortlichen Mitarbeitern im ZK-Apparat für die Vorbereitung

des Parteidokuments gehörte.

Meusel kritisierte vornehmlich die Art und Weise, wie das Gros der

westdeutschen Historiker dargestellt und beurteilt wurde. Er wünschte

sich mehr Zurückhaltung in der »Terminologie, mit der man die reaktionären

und imperialistischen Historiker bekämpft.« 117 Die entsprechen-

116 Vgl. Einwände des Gen. Prof. Meusel zum Geschichtsbeschluß und Schreiben

an Ernst Diehl vom 29. 4. 1955 (SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/91, Bl. 198-

217). Beide Dokumente befinden sich nicht im Nachlaß Meusel des Archivs der

Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Aus diesen, wie auch

aus einer Reihe anderer, nunmehr zugänglicher Akten – vor allem aus dem

Bestand der Abteilung Wissenschaft und Propaganda (ab 1957 Abteilung Wissenschaften)

des ZK der SED – wird ersichtlich, daß Meusels Haltung gegenüber

den Funktionären im ZK-Apparat wie auch zur Wissenschaftspolitik der

SED-Führung wesentlich differenzierter bewertet, daß seine oftmals distanzierte

und nicht allein nur zustimmende Position deutlich gemacht werden muß.

Dies mußte 1988 bei der Erarbeitung der Kurzbiographie über Meusel durch

den Autor dieser Studie völlig unberücksichtigt bleiben. Gleichwohl sind die

notwendigen Ergänzungen und Korrekturen dieses nicht problematisierten,

allzu einseitigen Portraits nicht allein nur der damaligen Aktenlage geschuldet.

Der Autor pflichtet dem Rezensenten von 1992 bei, daß manche der in den

»Wegbereitern der DDR-Geschichtswissenschaft« Gewürdigten für eine politisch

einseitige Ausrichtung der Historiographie beansprucht werden, »der sie

selbst schwerlich zugestimmt hätten«, was – mit Einschränkungen – sogar auf

Meusel zutreffen würde; vgl. Fischer: Buchbesprechung S. 793; vgl. auch Schuller:

Historiographie in der DDR S. 778f.

40


den Aussagen des Beschlusses, vor allem jedoch die oben referierten

Abschnitte hielt er »ungeeignet« für eine Publikation, da ihr Abdruck in

der vorliegenden Form »katastrophale Folgen für das noch gar nicht

recht in Gang gekommene Ost-West-Gespräch der Historiker« hätte. 118

Er forderte, den Entwurfstext »unter diesem Gesichtspunkt« noch einmal

zu überprüfen. Zu heftiger Polemik veranlaßt sah Meusel sich durch

die undifferenzierte, einseitig-naive Verunglimpfung des überwiegenden

Teils der westdeutschen Historikerschaft, besonders durch die offensichtlich

unglaubwürdige Einschätzung dieser Wissenschaftler unisono als

Geschichtsfälscher. Zornig setzte er dem Entwurfstext entgegen: »Der

Professor in Westdeutschland (wie in allen bürgerlichen Staaten) betrachtet

sich nicht als einen Mann, der um bestimmter politischer Zwecke und

Ziele willen fälscht, verheimlicht und entstellt, sondern als einen Gelehrten,

der sich um die wissenschaftliche Erkenntnis der Wahrheit

bemüht.« 119 Hier war wohl jene Schmerzgrenze erreicht, die den Gelehrten

bürgerlicher Provenienz offenen Widerspruch anmelden ließ.

Für »untragbar« hielt er in diesem Zusammenhang eine weitere Passage

des Beschlußtextes, in der »Westdeutschland« und das »kapitalistische

Ausland« in einem Atemzuge genannt wurden. Meusel machte dagegen

deutlich, daß die Bundesrepublik »jener Teil unseres Vaterlandes

(ist), mit dem wir uns auf friedlichem Wege vereinigen wollen, was auf

das kapitalistische Ausland bekanntlich nicht zutrifft«. 120

Von Gewicht für diese Haltung war zweifellos das ehrliche Engagement

eines Patrioten für die »friedliche Wiedervereinigung Deutschlands«.

Meusel zählte den »Kampf um die deutsche Einheit« zu »unseren

wichtigsten Aufgaben«. 121 1952 hatte er dieses Ziel als das »thema probandum

der deutschen Geschichtsforschung und -lehre« bezeichnet. 122

Der »demokratische Patriotismus«, wie er es – mit Bezug auf Ernst

Bloch – nannte, 123 veranlaßte ihn, Mitinitiator der Deutschen Begegnung

zu werden, die seit 1954 Wissenschaftler und Künstler der Bundesrepublik

und der DDR mit dem Ziel vereinte, durch »Verständigung der Deut-

117 Einwände des Gen. Prof. Meusel zum Geschichtsbeschluß und Schreiben an

Ernst Diehl vom 29. 4. 1955 (SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/91, Bl. 200).

118 Vgl. ebd. Bl. 199.

119 Ebd. Bl. 203.

120 Ebd. Bl. 214.

121 Ebd. Bl. 204

122 Vgl. Meusel: Die wissenschaftliche Auffassung S. 405.

123 Vgl. ebd.; vgl. auch Meusel: Deutsche Geschichte und demokratischer Patriotismus

S. 3; vgl. Meusel, Alfred: Rede vor der Volkskammer am 29. Mai 1956

(ABBAW NL Meusel 190).

41


schen untereinander« 124 zur Friedenssicherung beizutragen sowie die

Herstellung der Einheit Deutschlands zu befördern.

Meusels Eintreten für die Lösung dieser »Schicksalsfragen des deutschen

Volkes« 125 richtete sich auf drei eng aufeinander bezogene Wirkungsfelder.

Seinem Streben nach politischer Entspannung erwuchs

erstens der Appell, den Kalten Krieg zwischen beiden deutschen Regierungen

zu beenden, um einen »Bruderkrieg«, »Deutsche gegen Deutsche«,

zu verhindern. Zweitens plädierte er dafür, die »Beziehungen zwischen

den Deutschen in Ost und den Deutschen in West« zu

vervielfältigen und zu intensivieren. 126 Unbeirrbar rief er immer wieder

zu Verständigung und zur Zusammenarbeit auf, um die Gefahr eines weiteren

Sich-Auseinanderlebens zu bannen. In Erkenntnis, daß die Deutschen

das Werk der Wiedervereinigung »in erster Linie« selbst vollbringen

müssen, setzte er drittens auf eine »patriotische Volksbewegung für

Frieden und Einheit« und trat für offizielle Verhandlungen zwischen Vertretern

beider deutscher Staaten ein. 127

Gemessen an diesen, als das zuerst Machbare angesehenen, Aufgaben

muten Meusels Vorstellungen vom künftigen geeinten Deutschland vage

und unbestimmt an. 1957 konkretisierte er seinen 1955er Entwurf von

einem »friedliebenden, demokratischen Nationalstaat« 128 und sah nun

das kommende Deutschland als einen »Staat der Demokratie, des Friedens,

des Wohlstands und der Kultur …, in dem das Volk durch das Volk

für das Volk herrscht.« 129 Hier bereits wird das Illusionäre seiner Wiedervereinigungsbestrebungen

sichtbar. Mehr noch offenbarten diese Illusionen

jedoch jene Antworten, die Meusel auf die »harte Tatsache« 130

des Jahres 1955 gab, auf die Einbindung der deutschen Staaten in die

gegensätzlichen Staatensysteme, in die feindlich sich gegenüber stehenden

Militärbündnisse. Während die Führung der SED ihre Konsequen-

124 Meusel: Deutsche Begegnung 1955 S. 160.

125 Meusel: Deutsche Begegnung 1957 S. 1267.

126 Vgl. Meusel: Deutsche Begegnung 1955 S. 161.

127 Vgl. Meusel, Alfred: Vor und nach der Wiedervereinigung Deutschlands.

Schreiben vom 11.1.1955 an die Berliner Zeitung (ABBAW NL Meusel 34/7);

vgl. Meusel: Deutsche Begegnung 1957 S. 1267; vgl. Meusel, Alfred: Ansprache

in der Präsidiumstagung der »Deutschen Begegnung« in Wiesbaden am

27.4.1958 (ABBAW NL Meusel 31).

128 Meusel: Deutsche Begegnung 1955 S. 162.

129 Meusel, Alfred: Die deutsche Frage heute und morgen. Referat auf der »Deutschen

Begegnung« in Dortmund 29. bis 30. Juni 1957 (ABBAW NL Meusel

189).

130 Meusel: Deutsche Begegnung 1955 S. 160.

42


zen aus dieser »neuen Lage« zog und nunmehr unmißverständlich die

DDR – »der rechtmäßige deutsche Staat« – als »eine durch nichts aus der

Welt zu schaffende Tatsache« bezeichnete, als einen entscheidenden Beitrag

zur Stärkung der Kräfte des Sozialismus in ganz Deutschland und

»grundlegende Voraussetzung« für die Schaffung der Einheit Deutschlands

hinstellte, 131 setzte Meusel unverzagt seine Hoffnungen darauf,

auch diese »neue(n) große(n) Hindernisse« überwinden, den »schwierig«

gewordenen Weg dennoch gehen zu können. 132 Meusels Sorge galt dabei

vor allem der Gefahr einer »Vernichtung der deutschen Nation«. 133

Diese Vorstellungen, die bis 1960, dem Todesjahr Meusels, nachweisbar

sind, kulminierten in der Idee, über den Austritt der beiden Staaten aus

den Bündnissen, den »Abzug sämtlicher Besatzungstruppen« und über

die »Politik der Annäherung und Verständigung« schließlich den

Abschluß einer »deutschen Konföderation« zu erreichen. 134

Außer der Überlegung, das Ost-West-Gespräch der deutschen Historiker

nicht zu gefährden, suchte Meusel seine Kritik an den »Auseinandersetzungs«-Abschnitten

des Geschichtsbeschlusses mit weiteren Argumenten

zu begründen. Zunächst – man könnte es das psychologische

Argument nennen – verwies er darauf, daß »jemand, der in einer Ideologie

befangen ist«, 135 nicht durch Vorwürfe zu kurieren sei, die ihn nicht

überzeugen, die er vielmehr für Herablassungen und Beleidigungen hält

und entsprechend reagiert. Des weiteren brachte er ein wohl mehr taktisches

Argument vor. Auf die »wertvolle Hilfe«, die die bürgerlichen

Historiker in der DDR leisten, und auf die Zusammenarbeit mit ihnen

verweisend, äußerte er die Befürchtung, daß diese Wissenschaftler jene

an die westdeutschen Historiker adressierten Vorwürfe auf sich beziehen

könnten – selbst dann, wenn wir sie »ausdrücklich von diesen vernichtenden

Urteilen ausnehmen«. 136

Bei weitgehender Zustimmung zur Grundtendenz des Geschichtsbeschlusses

war Alfred Meusel also nicht bereit, auf seine »westdeutschen

131 Vgl. Die neue Lage und die Politik der SED S. 463 und S. 466.

132 Vgl. Meusel, Alfred: Ansprache in der Präsidiumstagung der »Deutschen Begegnung«

in Wiesbaden am 27.4.1958 (ABBAW, NL Meusel 31); vgl. Meusel:

Deutsche Begegnung 1957 S. 1270.

133 Meusel: Deutsche Begegnung 1957 S. 1270.

134 Vgl. ebd. S.1267 und 1270; vgl. Meusel, Alfred: Ansprache in der Präsidiumstagung

der »Deutschen Begegnung« in Wiesbaden am 27.4.1958 (ABBAW, NL

Meusel 31)

135 Einwände des Gen. Prof. Meusel zum Geschichtsbeschluß und Schreiben an

Ernst Diehl vom 29. 4. 1955 (SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/91, Bl. 203).

136 Ebd. Bl. 205.

43


Berufskollegen« – wie er sie nennt – immer nur mit dem Zweihandschwert

loszuschlagen, sie als Wissenschaftler zu diskreditieren und

somit ihre Berufsehre in Frage zu stellen.

Meusels Kritik blieb jedoch nahezu unberücksichtigt. Entsprochen

wurde lediglich dem Hinweis, den Vorschlag zu streichen, Artikel von

DDR-Historikern »zur Zerschlagung der imperialistischen Geschichtsfälschung«

auch in der »fortschrittlichen Presse« der Bundesrepublik zu veröffentlichen.

Meusel hatte diese Idee mit der Bemerkung attackiert, daß

keine Zeitung in Westdeutschland den »selbstmörderischen Mut« 137

besitzen würde, einen Artikel zu publizieren, in dem ein Universitätsprofessor

als Geschichtsfälscher bezeichnet wird. Sollte dies dennoch geschehen,

so argumentierte er weiter, würde ein solcher Beitrag kaum Widerhall

finden, denn er gehe von Voraussetzungen aus und bediene sich

einer Terminologie, die dem westdeutschen Leser unverständlich sind.

Die von Meusel so eindringlich als unzumutbar zurückgewiesenen

und als dringend der Überarbeitung empfohlenen Abschnitte über die

Historiker der Bundesrepublik und die westdeutsche Historiographie

gelangten ohne jede Korrektur in die Endfassung des Politbüro-Beschlusses.

Eine weitreichende, den Weg der DDR-Geschichtswissenschaft

fortan außerordentlich belastende Entscheidung war gefallen.

Kritisch-distanzierende Stimmen zur Charakterisierung der westdeutschen

Geschichtswissenschaft und der deutsch-deutschen Historikerbeziehungen

gab es auch noch nach der Veröffentlichung des Beschlusses.

Zu nennen sind zwei redaktionelle Artikel der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft

vom Herbst 1955 und von Anfang 1956.

Der These von der »reaktionären Grundtendenz der westdeutschen

Geschichtswissenschaft« 138 wird hier zwar zugestimmt, anders akzentuiert

jedoch darauf aufmerksam gemacht, daß es in der Geschichtsschreibung

der Bundesrepublik »nicht wenige Historiker« gäbe, die keineswegs

der »herrschenden reaktionären und revanchistischen Richtung«

zuzuordnen seien. Somit wäre die Basis für eine beiderseitig fruchtbare

Zusammenarbeit gegeben. Mit Bezug auf den Internationalen Historikerkongreß

von 1955 in Rom und die dort freimütig geführten Diskussionen

werden ein Disput und wissenschaftliche Kooperation auch dann für

möglich und nützlich gehalten, wenn »die Partner auf verschiedenen

ideologischen Grundpositionen stehen«. 139 Gegenüber dem Dokument

137 Ebd. Bl. 216.

138 Die Partei der Arbeiterkasse und die Geschichtswissenschaft S. 682.

139 Ebd. S. 683.

44


der SED erklingen hier moderate Töne in deutlich anderer Diktion. So

werden Überlegungen zur Zusammenarbeit der »deutschen Historiker

in Ost und West« vorgetragen, die die engen vordergründig auf »Auseinandersetzung«

gerichteten – Vorstellungen des Geschichtsbeschlusses

aufzubrechen suchen. Dies wird besonders deutlich, wenn dieser Artikel

»begünstigende«, die deutschen Historiker miteinander verbindende Faktoren

hervorhebt: das »gemeinsame Vaterland« und die gleiche Sprache

wie auch das »leidenschaftliche Bemühen für die Wiedervereinigung«. 140

In einem weiteren redaktionellen Aufsatz dieser Zeitschrift wurde im

Unterschied zum Geschichtsbeschluß darauf verwiesen, daß »in Westdeutschland

viele Historiker wertvolle wissenschaftliche Arbeit leisten«

141 Von dieser Feststellung ausgehend, wünschen sich die Verfasser

142 eine stärker und sorgfältiger differenzierende Betrachtung der

Historiographie der Bundesrepublik. Die Beschäftigung mit ihr dürfe sich

nicht allein nur auf Polemik beschränken. Selbstkritisch wird vermerkt,

daß die Zeitschrift bisher ein allzu einseitiges Bild von der westdeutschen

Geschichtswissenschaft entworfen habe. Sie solle sich zu einem

»lebendigen Diskussionsorgan« entwickeln und nicht nur den Vertretern

des Marximus-Leninismus offenstehen, sondern »allen deutschen Historikern«,

die sich für die friedliche Wiedervereinigung auf demokratischer

Grundlage einsetzen. 143

Die Versuche, die Wissenschaftsbeziehungen zwischen den Historikern

in Deutschland zu normalisieren, zielten letztlich darauf, die extremen

Auswüchse der Auseinandersetzungsdoktrin der SED zu überwinden.

1956, als im Gefolge des XX. Parteitages der KPdSU – für eine

kurze Zeit – Hoffnungen auf Liberalisierung und durchgreifende Entdogmatisierung

aufkamen, erreichten diese Bestrebungen ihren Höhepunkt,

zugleich aber auch ihren Abschluß. Vor allem das nachwirkende Erlebnis

des Ulmer Historikertages im September 1956, an dem eine große

DDR-Delegation teilnahm, 144 bewirkte, daß nunmehr Bemühungen

140 Ebd.

141 Vor neuen Aufgaben S. 10.

142 Über den Entwurf dieses Artikels, den Fritz Klein erarbeitet hatte, fand am

16. Dezember 1955 eine Beratung des Redaktionskollegiums der Zeitschrift

für Geschichtswissenschaft statt. Im Ergebnis der kontrovers geführten Diskussion

setzte sich die von Meusel vorgetragene Auffassung durch, daß in der Zeitschrift

alle Beiträge von Historikern willkommen sind, die für die »demokratische

Einheit« Deutschlands eintreten – auch solche, die auf »idealistischen

Positionen« stehen. Mitteilung von Klein; vgl. Klein: Dokumente aus den

Anfangsjahren der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft S. 43.

143 Vgl. Vor neuen Aufgaben S. 10f.

45


unüberhörbar wurden, dem dogmatischen Konzept vordergründigen

»Kampfes« gegen die westdeutsche Historiographie das fundamentale

Prinzip fruchtbaren Meinungsstreits und gedeihlicher Kooperation entgegenzusetzen.

Diese Vorstöße, die nicht nur Alfred Meusel wagte, sondern die auch

von anderen »führenden« Historikern, so von Fritz Klein, Jürgen Kuczynski,

Günter Mühlpfordt und Joachim Streisand, riskiert wurden, blieben

jedoch erfolglos. In den Jahren 1957 und 1958 gingen die Führungsorgane

der SED rigoros gegen alle kritischen und oppositionellen Bestrebungen

von Intellektuellen vor. In einer großangelegten Kampagne gegen

den »modernen Revisionismus« wurden auch in der Geschichtswissenschaft

angeblich »revisionistische«, »objektivistische« und »liberalistische

Tendenzen« sowie »Erscheinungen der ideologischen Koexistenz« und

des »Zurückweichens« bekämpft und schließlich »zerschlagen« – wie es

in der Sprache der Parteifunktionäre hieß. Mit dem im Frühjahr 1958

verkündeten »Sieg des Marxismus-Leninismus« in der Geschichtswissenschaft

und mit der Gründung einer DDR-eigenen Historikergesellschaft

setzten sich auch die Vorstellungen der Staatspartei darüber durch, wie

sich die Beziehungen zu den Historikern der Bundesrepublik künftig zu

gestalten haben.

Die oktroyierte Auseinandersetzungsdoktrin schadete der Diskussions-

»kultur« in der Geschichtswissenschaft der DDR. Polemik der Historiker

hatte sich erstrangig und hauptsächlich gegen die »imperialistischen Klassenfeinde«

und ihre Ideologen zu richten. Der wirkliche innerwissenschaftliche

Disput, der – wie es Alexander von Humboldt formuliert hatte

– zur »Entschleierung der Wahrheit« beiträgt und der »ohne Divergenz

der Meinungen nicht denkbar« ist, wurde diesem Gebot unter- und nachgeordnet.

Von einem Großteil der Geschichtswissenschaftler weitgehend

angenommen und allmählich »verinnerlicht«, wurde es nahezu selbstverständlich,

diese Art von »Auseinandersetzung« zu betreiben; sie gehörte

gewissermaßen zum Handwerkszeug der Mehrzahl der forschenden und

lehrenden Historiker in der DDR.

Die vorrangig ideologisch ausgerichtete Strategie der »Auseinandersetzung«

trug ebenso zur Introvertiertheit und Selbstisolierung wie zur mangelnden

Souveränität und Weltoffenheit der Historiographie bei. Ein

besonders folgenreiches Resultat dieser Doktrin war das Mitwirken

144 Vgl. SAPMO-BArch, DY 30 IV 2/9.04/151, Bl. 113-134; vgl. dazu Haun: Die

Entstehung und Gründung S. 47-50; vgl. Schulze: Deutsche Geschichtswissenschaft

nach 1945 S. 194-196; vgl. Worschech: Der Weg der deutschen

Geschichtswissenschaft S. 86-109.

46


eines Großteils der Historiker an Produktion und Ausgestaltung des

gewünschten »Freund-Feind-Bildes in der Klassenauseinandersetzung«.

Dies betrifft u.a. die vielstrapazierte Generalthese vom »Unrechtsstaat«

Bundesrepublik und »Hauptkriegsherd in Europa«. In geschichtswissenschaftlichen

Publikationen finden sich nahezu alle Varianten der Ausmalung

dieses Bildes, sie reichen von simplen und rüden Verunglimpfungen

über subtilere Methoden der Diskriminierung bis zu demagogischen

Teil- und Desinformationen. 145 Das Bild vom »westdeutsch-imperialistischen

Klassengegner«, dessen Konturen sich mehr und mehr zu einem

festgefügten Bau formten, hinterließ bei nicht wenigen Bürgern der DDR

tief prägende Spuren, denen man wohl noch längere Zeit begegnen wird.

Die künstliche Abschottung und somit eingeschränkte Forschungskooperation

hatte gleichermaßen Anteil an der teilweisen Enge und Einseitigkeit

wie an der zu geringen Dynamik und Beweglichkeit des geschichtswissenschaftlichen

Lebens in der DDR. Ein polemisch-defensiver Geist

gelangte in die Historie, und es dauerte Jahrzehnte, bis – erst in den spätsiebziger

Jahren beginnend – wieder in größerem Umfange deutsch-deutsche

Historikergespräche und -begegnungen stattfanden.

145 Illustrieren sollen dies Auszüge aus einer Analyse von Artikeln, die Historiker in

den 60er Jahren in der Fachzeitschrift für Geschichts- und Staatsbürgerkundelehrer

veröffentlichten. Als wichtigem Multiplikator kam diesem »Fachorgan«

eine spezifische Funktion bei der ideologischen Ausrichtung von Pädagogen

der »gesellschaftswissenschaftlichen« Fächer zu. In einem extrem polemischen

Artikel über den »Nazi und Antisemit Hölzle« wird undifferenziert festgestellt,

daß sich die westdeutschen Historiker als »getreue Schildknappen der aggressiven

Kreise des Finanzkapitals bei der Vorbereitung neuer blutiger Verwicklungen«

erweisen würden. Und weiter wird behauptet, Hölzle befände sich mit

seiner »antinationalen, neofaschistischen Hetze« nicht nur in völliger Übereinstimmung

mit der Bonner Außenpolitik, sondern auch mit den »führenden Vertretern

der imperialistischen Historikerfraktion«. Gutsche: Erwin Hölzle als Exponent

der offenen Verbreitung faschistischer Tendenzen. Militärhistoriker

kolportieren in einem Aufsatz die Legende vom »Kriegskurs« als Leitbild für die

Beurteilung der Bundesrepublik Deutschland. Dieses rigide Feindbild, das in

den Arbeiten auch anderer Historiker mitgeformt wurde, gipfelt hier – sich wissenschaftlich

gebend – in der These von der angeblich »umfassenden Vorbereitung

des ganzen Staates auf einen Krieg«. Charisius/Zeimer: Das Bonner Regime

auf Kriegskurs. Erwähnung verdienen zwei umfangreiche Aufsätze von

1969, in denen das Bestreben erkennbar wird, eine »wirksame Auseinandersetzung

mit den Geschichtsfälschungen des Klassengegners« stärker als Arbeitsprinzip

der Geschichtslehrer durchzusetzen. Grundsätzlich wird auch hier von

einer »allgemeine(n) Rechtsentwicklung der westdeutschen Historiographie«

ausgegangen und der »dominierenden Geschichtsschreibung … Annäherung an

neonazistische Positionen« unterstellt; vgl. Lozek: Probleme einer politisch

wirksamen Auseinandersetzung.

47


Zusammenfassung

Sucht man den SED-Geschichtsbeschluß von 1955 zu werten und historiographiegeschichtlich

einzuordnen, so lassen sich im wesentlichen drei

Aspekte benennen.

Erstens: Gedacht als eine zeitlich weitreichende Konzeption, als strategischer

Orientierungsrahmen und Arbeitsrichtlinie zielte er auf die

Umwandlung aller Bereiche der DDR-Historiographie in eine marxistisch-leninistische

»Gesellschaftswissenschaft«. Dies wurde von der

SED-Führung und den ihr »verbundenen« marxistisch-leninistischen

Historikern stets als die entscheidende Aufgabe des Beschlusses angesehen

und so auch dargestellt. 1966 z.B. bewertete das unter dem Vorsitz

von Walter Ulbricht stehende »Autorenkollektiv« der achtbändigen

»Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung« diesen »erste(n) Beschluß

einer revolutionären deutschen Arbeiterpartei über Fragen der

Geschichtswissenschaft« euphorisch als den Beginn des »Vormarsch(es)

der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft auf breiterer

Front«. 146 Zuallererst bedeutete das, den Historischen Materialismus als

theoretische Grundlage und einzig gültige Forschungsmethode in der

gesamten Disziplin durchzusetzen. Eng verbunden mit dieser Aufgabe

war das Bestreben, die noch immer beachtlichen Wirkungsmöglichkeiten

der »bürgerlichen« Historiker und Archivare zurückzudrängen und

ihren – z.T. wieder wachsenden – Einfluß, vor allem in den universitären

Einrichtungen, zu brechen. Das Dokument des SED-Politbüros war

ein Glied einer ganzen Kette von Beschlüssen und »Maßnahmen«, die

hauptsächlich darauf zielten, einen »Umschwung« in der ideologischen

Arbeit einzuleiten. Das vehement geforderte »Vorankommen« dieses

Prozesses war wesentlich eine Reaktion der Staatspartei auf die wachsenden

Probleme bei der Herausbildung und Festigung des »sozialistischen

Bewußtseins«.

Zweitens ist der Beschluß ein Dokument der rigorosen Durchsetzung

des Führungsanspruchs der SED gegenüber der Geschichtswissenschaft.

Seine Aufgabenstellungen besaßen so etwas wie Gesetzeskraft. Das

Fatale daran war, daß dies lediglich in nur einer Richtung galt. So wurde

in globalen Einschätzungen und kritischen Wertungen des Entwicklungs-

146 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Bd. 7 S. 309f. Bereits 1960 hatten

»führende Historiker« der DDR dieses Dokument des SED-Politbüros ähnlich

gewertet und festgestellt, daß mit dem Geschichtsbeschluß »in der DDR der

Vormarsch der marxistischen Geschichtsforschung auf breiterer Front« begonnen

hätte; vgl. Engelberg/Rudolph: Zur Geschichtswissenschaft der DDR S. 18.

48


standes der DDR-Geschichtswissenschaft durch die zuständige ZK-Abteilung

bis in die sechziger Jahre hinein stets der Maßstab des Dokuments

von 1955 angelegt. 147 Maßregelungen von Historikern und »parteiliche«

Auseinandersetzungen erfolgten oft in direktem Bezug auf den

Geschichtsbeschluß. Von »unten« her, von den Wissenschaftlern selbst,

konnten die Beschlußfestlegungen jedoch nicht eingeklagt werden. So

scheiterten die nur wenigen Versuche, den vom SED-Dokument verkündeten

»wissenschaftlichen Meinungsstreit« nach eigenem Ermessen zu

praktizieren. Einen anschaulichen Beleg dafür bot z.B. das immer wieder

vergebliche Engagement Jürgen Kuczynskis, unter den Historikern

der DDR produktiven Meinungsstreit anzuregen.

Drittens ist der Beschluß ein frühes, aussagestarkes Zeugnis des insgesamt

widersprüchlichen Charakters der DDR-Geschichtswissenschaft.

Einige seiner konkreten Forderungen, die sich auf Forschung und Lehre

(insbesondere die Historikerausbildung) bezogen oder der weiteren Institutionalisierung

der Geschichtswissenschaft dienten, sind durchaus als

wissenschaftsfördernd anzusehen. Sie gaben Impulse und befruchteten

das geschichtswissenschaftliche Leben. Von einer Reihe dieser Vorschläge

wären – bei ungehinderter Realisierung – positive Wirkungen auf

die DDR-Historiographie ausgegangen. Die einseitige, parteipolitisch

und ideologisch motivierte Interpretation und »Umsetzung« der

Beschlußpostulate hatte jedoch objektiv wissenschaftshemmende, partiell

sogar wissenschaftsfeindliche Auswirkungen. Oft wurden universelle

Grundsätze und elementare Normen des wissenschaftlichen Arbeitens

und Verhaltens verletzt oder mißachtet. Die Spannweite von Einschränkungen

und Behinderungen der Freiheit der Wissenschaft reichte vom

Festlegen der Forschungsschwerpunkte und Tabu-Themen über Zwänge

zum Ignorieren bzw. zur unkritischen Behandlung brisanter Fragen, insbesondere

der Partei- und »Zeitgeschichte«, bis zu tiefen Eingriffen in die

Quellen- und Archivarbeit.

Der Beschluß vom 5. Juli 1955 war eine wichtige Station auf dem

langwierigen Enwicklungswege der DDR-Staatshistorie; er half in nicht

geringem Maße mit, einer von der SED abhängigen und ihr bis zuletzt

treu ergebenen Geschichtswissenschaft den Weg zu bereiten.

147 Vgl. Erstes Material einer Einschätzung der Entwicklung der Geschichtswissenschaft

der DDR.

49


Archivalien

Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Nachlaß Meusel (ABBAW NL Meusel) 31; 34/7; 65; 70 ; 189 und 190.

Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im

Bundesarchiv, Zentrales Parteiarchiv der SED (SAPMO-BArch, DY 30):

Akten aus dem »Internen Parteiarchiv«:

J IV 2/2/428

Akten der »Abteilung Wissenschaft und Propaganda« bzw. »Wissenschaften«:

IV A2/9.04/134, IV 2/9.04/90, IV 2/9.04/91, IV 2/9.04/133, IV 2/

9.04/151, IV 2/9.04/427, IV 2/9.04/438

Findbuch. Wissenschaften. Bd. 1, Einleitung.

Zitierte Beiträge und Monographien

Bartel, Walter: Literaturbericht zur Geschichte Deutschlands nach

1945. In: Historische Forschungen in der DDR. Analysen und Berichte

(Sonderband der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft). Ost-Berlin

1960, S. 426-457.

Bericht über die 23. Versammlung deutscher Historiker in Ulm.

13. bis 16. September 1956. Beiheft zur Zeitschrift Geschichte in Wissenschaft

und Unterricht. Stuttgart 1957, S. 107-116.

Charisius, Albrecht/Zeimer, Siegfried: Das Bonner Regime auf Kriegskurs.

In: Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde 10(1968) S. 137-

140 und S. 149-152.

Conze, Werner: Die deutsche Geschichtswissenschaft seit 1945.

Bedingungen und Ergebnisse. In: Historische Zeitschrift

Band 225(1977) S. 1-28.

Deutschland von 1939 bis 1945. Hg. von einem Autorenkollektiv

(Lehrbuch der deutschen Geschichte [Beiträge] 12). Ost-Berlin 1969.

Diehl, Ernst/Dlubek, Rolf: Die Historiker der Deutschen Demokratischen

Republik vor neuen großen Aufgaben. In: Einheit 10(1955)

S. 882-892.

Engelberg, Ernst: Über Partei und Geschichtswissenschaft. Zum

70. Geburtstag von Walter Ulbricht. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft

11(1963) S. 649-667.

50


– Der umfassende Aufbau des Sozialismus und die Aufgaben der

Historiker. Ost-Berlin 1964.

Engelberg, Ernst/Rudolph, Rolf: Zur Geschichtswissenschaft der

DDR. In: Historische Forschungen in der DDR. Analysen und Berichte.

(Sonderband der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft). Ost-Berlin

1960, S. 7-21.

Erdmann, Karl Dietrich: Die Ökumene der Historiker. Geschichte der

Internationalen Historikerkongresse und des Comite International des

Sciences Historiques. Göttingen 1987.

Fischer, Alexander: Buchbesprechung »Wegbereiter der DDR-

Geschichtswissenschaft«. In: Historische Zeitschrift Band 255(1992)

S. 792f.

– Forschung und Lehre zur Geschichte Osteuropas in der sowjetischen

Besatzungszone bzw. der Deutschen Demokratischen Republik

(1945-1990). In: Oberländer, Erwin (Hg.): Geschichte Osteuropas. Zur

Entwicklung einer historischen Disziplin in Deutschland, Österreich und

der Schweiz. 1945-1990. Stuttgart 1992, S. 304-341.

Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Bd. 7. Von 1949 bis

1955. Ost-Berlin 1966.

Günther, Rigobert: Der Beschluß des ZK der SED »Die Verbesserung

der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der DDR« und

das Studium der alten Geschichte. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft

3(1955) S. 904-907.

Gutsche, Willibald: Erwin Hölzle als Exponent der offenen Verbreitung

faschistischer Tendenzen in der westdeutschen Historiographie zum

ersten imperialistischen Weltkrieg. In: Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde

6(1964) S. 1-9.

Haun, Horst: Die Entstehung und Gründung der Deutschen Historiker-Gesellschaft.

Probleme der Kooperation und Auseinandersetzung

mit der bürgerlichen Geschichtswissenschaft in der zweiten Hälfte der

fünfziger Jahre. Diss. B. Ost-Berlin 1984.

– Zur Geschichte der Historiker-Gesellschaft der DDR. Teil 1: Der

Gründungsprozeß (1952-1958). In: Wissenschaftliche Mitteilungen.

Historiker-Gesellschaft der DDR 1985/III S. 9-44.

– Alfred Meusel. 1896 bis 1960. In: Wegbereiter der DDR-Geschichtswissenschaft.

Biographien. Ost-Berlin 1989, S. 149-168.

51


– Erste Theorie-Diskussionen in der Geschichtswissenschaft der

DDR. Die Debatte von 1952/53 um Charakter und Wirkungsweise

»gesellschaftlicher Gesetze«. In: hochschule ost. politisch-akademisches

journal aus ostdeutschland 3(1994) heft: märz/april S. 74-84.

– Aus einem Leben für die Wissenschaft. Günter Mühlpfordt – ein

Historikerschicksal in der DDR. In: Frühe Neuzeit in Europa. Festschrift

für Günter Mühlpfordt zum 75. Geburtstag. Hg. von Erich Donnert. Weimar/Köln/Wien

1996 (im Druck).

Heitzer, Heinz: Forschungen zur Geschichte der DDR. In: Historische

Forschungen in der DDR. Analysen und Berichte (Sonderband der Zeitschrift

für Geschichtswissenschaft). Ost-Berlin 1970, S. 609-633.

Hortzschansky, Günter/Roßmann, Gerhard: Zur Rolle Walter

Ulbrichts bei der Ausarbeitung eines wissenschaftlichen Geschichtsbildes.

In: Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde 10(1968) S. 481-

493.

Klein, Fritz: Dokumente aus den Anfangsjahren der Zeitschrift für

Geschichtswissenschaft (1953-1957). In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft

42(1994) S. 39-55.

Königer, Heinz: Der Beschluß des ZK der SED »Die Verbesserung der

Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der DDR« und die

geschichtswissenschaftliche Ausbildung an den Universitäten. In: Zeitschrift

für Geschichtswissenschaft 4(1956) S. 132-141.

Kuczynski, Jürgen: »Ein linientreuer Dissident«. Memoiren 1945-

1989. Berlin/Weimar 1992.

Lades, Hans: Von Trier bis Wien. Beobachtungen zur Historiographie

in Mitteldeutschland (Erweiterte Fassung des am 2. Juni 1965 im Friedrich-Meinecke-Institut

der Freien Universität Berlin gehaltenen Vortrags).

Ungedrucktes Manuskript.

Lozek, Gerhard: Probleme einer politisch wirksamen Auseinandersetzung

mit der westdeutschen Geschichtsschreibung (I) und (II). In:

Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde 11(1969) S. 136-140 und

149-153; 225-235.

– Zum Artikel von W. Schmidt »Geschichte zwischen Professionalität

und Politik«. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 41(1993) S. 622f.

Meusel, Alfred: Die wissenschaftliche Auffassung der deutschen

Geschichte. Wissenschaftliche Annalen. Zur Verbreitung neuer Forschungsergebnisse.

Hg.: Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin.

Ost-Berlin 1952.

52


– Deutsche Geschichte und demokratischer Patriotismus (Vorträge

zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse 66). Ost-Berlin 1954.

– Deutsche Begegnung 1955 in Bad Homburg. In: Zeitschrift für

Geschichtswissenschaft 4(1956) S. 160f.

– Deutsche Begegnung 1957 in Dortmund. In: Zeitschrift für

Geschichtswissenschaft 5(1957) S. 1266-1270.

Die neue Lage und die Politik der SED. Beschluß des Zentralkomitees

vom 27. Oktober 1955 (25. Tagung). In: Dokumente der SED. Bd. V.

Ost-Berlin 1956, S. 445-511.

Neuhäußer-Wespy, Ulrich: Geschichte der Historiographie der DDR.

Die Etablierung der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft

und die Rolle des zentralen Parteiapparates der SED in den fünfziger

und sechziger Jahren. (o.O.) 1994 (unveröffentlichtes Manuskript),

S. 139-141. Diese Untersuchung erscheint – in überarbeiteter Form – im

Herbst 1996 bei Bouvier (Bonn) unter dem Titel »Die SED und die

Historie. Die Etablierung der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft

der DDR in den fünfziger und sechziger Jahren«.

Die Partei der Arbeiterklasse und die Geschichtswissenschaft. Anläßlich

des Beschlusses des ZK der SED »Die Verbesserung der Forschung

und Lehre in der Geschichtswissenschaft der DDR«. In: Zeitschrift für

Geschichtswissenschaft 3(1955) S. 675-684.

Pfundt, Karen: Die Gründung des Museums für Deutsche Geschichte.

In: Sabrow, Martin/Walther, Peter Th. (Hg.): Historische Forschung und

sozialistische Diktatur. Beiträge zur Geschichtswissenschaft der DDR

(Beiträge zur Universalgeschichte und vergleichenden Gesellschaftsforschung

13). Leipzig 1995, S. 94-109.

Protokoll der Verhandlungen des III. Parteitages der SED. 20. bis

24. Juli 1950 in der Werner-Seelenbinder-Halle zu Berlin. 2 Bände. Ost-

Berlin 1951.

Rat für die Geschichtswissenschaft der DDR gebildet. In: Zeitschrift

für Geschichtswissenschaft 17(1969) S. 1249f.

Schmidt, Walter: Die Sektion Geschichte der Akademie der Wissenschaften

als zentrales Leitungsorgan der DDR-Geschichtswissenschaft

(1964-1969). In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität

Leipzig. Gesellschaftswissenschaftliche Reihe 37(1988) S. 456-465.

Schuller, Wolfgang: Historiographie in der DDR. Rezensionen. In:

Deutschland Archiv 23(1990) S. 778f.

53


Schulze, Winfried: Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945. München

1989.

Stalin, J.W.: Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR

(Kleine Bücherei des Marxismus-Leninismus). Ost-Berlin 1952.

Stern, Leo: Zum Gedenken an A.M. Pankratowa. In: Zeitschrift für

Geschichtswissenschaft 5(1957) S. 860f.

Timm, Albrecht: Das Fach Geschichte in Forschung und Lehre in der

Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands seit 1945. Hg.: Bundesministerium

für Gesamtdeutsche Fragen. 4., ergänzte Auflage Bonn/West-

Berlin 1965.

Ulbricht, Walter: Zur Geschichte der neuesten Zeit. Die Niederlage

Hitlerdeutschlands und die Schaffung der antifaschistisch-demokratischen

Ordnung. Band I, 1. Halbband. Ost-Berlin 1955.

– Vergangenheit und Zukunft der deutschen Arbeiterbewegung. Referat

auf der 2. Tagung des ZK der SED, 10. bis 12. April 1963. Ost-Berlin

1963.

»Unsere ruhmvolle Geschichte – wichtige Quelle des Studiums. Aus

der Rede der Genossin M.A. Pankratowa (Diskussion zum Rechenschaftsbericht

des ZK der KPdSU an den XX. Parteitag).« In: ND vom

24. 2. 1956.

Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft

der Deutschen Demokratischen Republik. In: Zeitschrift für

Geschichtswissenschaft 3(1955) S. 507-527.

Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft

der Deutschen Demokratischen Republik. Beschluß des Politbüros

vom 5. Juli 1955. In: Dokumente der SED. Bd. V. Ost-Berlin 1956,

S. 337-368.

Vor neuen Aufgaben. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft

4(1956) S. 7-11.

Wettstädt, Günter: Welche Bedeutung hat der Beschluß über die

Geschichtswissenschaft für den Geschichtsunterricht? In: Geschichte in

der Schule 8(1955) S. 641-652.

Die wichtigsten ideologischen Aufgaben der Partei. Entschließung des

Zentralkomitees vom 20. Oktober 1951 (7. Tagung). In: Dokumente

der SED. Bd. III. Ost-Berlin 1952, S. 570-588.

54


Worschech, Franz: Der Weg der deutschen Geschichtswissenschaft in

die institutionelle Spaltung (1949-1965). Inaugural-Diss. (Philosophische

Fakultät I der Universität Erlangen-Nürnberg) o.J. (1990).

Zur Geschichte der marxistischen Geschichtswissenschaft. Lehrmaterial.

Autorenkollektiv unter Leitung von Werner Berthold. Hg. im Auftrage

des Wissenschaftlichen Beirates für Geschichtswissenschaft beim

Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen. Bd. 2 (o.O.) 1986.

55


Zum Autor:

Horst Haun, Dr. phil. sc., geb. 1940, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im

Projekt »DDR-Historie und Staatspartei«; gefördert durch die Volkswagen-Stiftung

im Rahmen des Schwerpunktes »Diktaturen im Europa des

20. Jahrhunderts«.

Veröffentlichungen u.a.: Erste Theorie-Diskussionen in der Geschichtswissenschaft

der DDR. Die Debatte von 1952/53 um Charakter und

Wirkungsweise »gesellschaftlicher Gesetze«. In: hochschule ost. politisch-akademisches

journal aus ostdeutschland 3(1994) heft: märz/april

S. 74-84. Aus einem Leben für die Wissenschaft. Günter Mühlpfordt –

ein Historikerschicksal in der DDR. In: Frühe Neuzeit in Europa. Festschrift

für Günter Mühlpfordt zum 75. Geburtstag. Hg. von Erich Donnert.

Weimar/Köln/Wien 1996 (im Druck).

56


Weitere Hefte dieser Reihe:

Nr. 1

Nr. 2

Nr. 3

Nr. 4

Nr. 5

Nr. 6

Gerhard Barkleit, Heinz Hartlepp:

Zur Geschichte der Luftfahrtindustrie in der DDR 1952 – 1961

ISBN 3-931648-00-1

Michael Richter:

Die Revolution in Deutschland 1989/90.

Anmerkungen zum Charakter der »Wende«

ISBN 3-931648-01-X

Jörg Osterloh:

Sowjetische Kriegsgefangene 1941 – 1945 im Spiegel nationaler

und internationaler Untersuchungen. Forschungsüberblick und

Bibliographie

ISBN 3-931648-02-8

Klaus-Dieter Müller, Jörg Osterloh:

Die Andere DDR.

Eine studentische Widerstandsgruppe und ihr Schicksal im Spiegel

persönlicher Erinnerungen und sowjetischer NKWD-Dokumente

ISBN 3-931648-03-6

Gerhard Barkleit:

Die Rolle des MfS beim Aufbau der Luftfahrtindustrie der DDR

ISBN 3-931648-04-4

Christoph Boyer:

»Die Kader entscheiden alles … «

Kaderpolitik und Kaderentwicklung in der zentralen Staatsverwaltung

der SBZ und der frühen DDR (1945 – 1952)

ISBN 3-931648-05-2

Die Hefte können zum Preis von 5,40 DM incl. Mwst. zzgl. Versandkosten

bezogen werden über:

Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V.

01062 Dresden

Tel.: (0351) 463 32802, Fax: (0351) 463 36079

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Reihe »Vorträge aus dem Hannah-Arendt-Institut«

Heft 1 Ansprachen zur Eröffnung am 17. Juni 1993

ISBN 3-929048-60-4

Heft 2 Manfred Hagen:

‘Wir sind doch nicht geschlagen?!’ Erste Reaktionen

der SED-Führung auf die Volkserhebung 1953

ISBN 3-929048-61-2

Heft 3 Hans Joachim Meyer:

Gedanken zur Situation der Geisteswissenschaften

ISBN 3-929048-62-0

Heft 4 Götz Bergander:

Kalkül und Routine. Dresdens Rolle in der britischamerikanischen

Luftkriegsplanung

ISBN 3-929048-64-7

Heft 5 Norbert Kapferer:

Der Totalitarismusbegriff auf dem Prüfstand

ISBN 3-929048-65-5

Heft 6 Friedrich Pohlmann:

Ideologie, Herrschaftsorganisation und Terror

im Nationalsozialismus

ISBN 3-929048-66-3

Heft 7 Uwe Grüning:

»Vom Leben des Geistes« – Ein Essay

(anläßlich des 20. Todestages von Hannah Arendt)

ISBN 3-929048-67-1

Die Hefte können zum Preis von 4,80 DM incl. Mwst. zzgl. Versandkosten

bezogen werden über:

Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V.

01062 Dresden

Tel.: (0351) 463 32802, Fax: (0351) 463 36079

58


Stefan Creuzberger

Die sowjetische Besatzungsmacht

und das politische System der SBZ

(Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für

Totalitarismus-Forschung, Band 3)

1996. Etwa 228 Seiten. Geb. Etwa DM 48,–/sFr 48,–/öS 351,–

ISBN 3-412-04596-9

Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD)

stand – so wird heute zunehmend deutlich – nach Kriegsende an

der Wiege des politischen Neuanfangs in der sowjetischen Besatzungszone.

Die Studie versucht, anhand erst jüngst zugänglich

gewordener Moskauer Dokumente die direkte Einflußnahme der

SMAD und ihrer Organe auf die Herausbildung des politischen

Systems der SBZ für die Zeit von 1946 bis ins Vorfeld der

DDR-Gründung 1948/49 herauszuarbeiten. Sie konzentriert sich

dabei auf Bereiche, zu denen anhand des sowjetischen Quellenmaterials

fundierte Aussagen möglich sind, so die Oktoberwahlen

1946, die nachfolgenden Regierungsbildungen, Verfassungsberatungen

und landespolitisch bedeutsamen Gesetzesinitiativen. Das

Fazit des Autors lautet: Die Leitlinien für das politische System

der SBZ wurden von den Sowjets entwickelt und durchgesetzt. Die

politischen Handlungsspielräume der deutschen Akteure waren

von Anfang an keine eigenen Leistungen, sondern allein von der

SMAD gebilligte Freiräume, die jeweils sowjetischem Kalkül

entsprachen.

Stefan Creuzberger studierte Osteuropäische, Mittelalterliche und

Neuere Geschichte in Frankfurt am Main, Tübingen und Bonn und

arbeitet als wissenschaftlicher Redakteur bei der Zeitschrift

»Osteuropa« in Aachen.

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Theodor-Heuss-Str. 76, D- 51149 Köln

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Michael Richter

Die Staatssicherheit

im letzten Jahr der DDR

(Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für

Totalitarismus-Forschung, Band 4)

1996. Etwa 336 Seiten. Geb. Etwa DM 49,–/sFr 49,–/öS 358,–

ISBN 3-412-04496-2

Eine zentrale Leistung der Revolution in den Jahren 1989/90

bestand in der Zerschlagung des Ministeriums für Staatssicherheit,

dem wichtigsten Unterdrückungsapparat der SED-Diktatur.

Vor allem unter der Regierung Modrow wurden den revolutionären

Kräften dabei ständig Hindernisse in den Weg gelegt. In dieser

Zeit versuchte die SED, die »Stasi« in gewandelter Form zu erhalten.

Die Bevölkerung erzwang dagegen die vollständige Auflösung

auch der Nachfolgeeinrichtungen. Dieser Band beschreibt die

erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Bürgerkomitees, Runden

Tischen und Regierungsvertretern ebenso wie diejenigen um

die IM-Tätigkeit der Abgeordneten der letzten DDR-Volkskammer

und die Aktenberge der »Stasi«. Wer glaubt, das Thema

»Staatssicherheit« habe sich erledigt, wird durch die Lektüre dieser

Darstellung eines Besseren belehrt.

Michael Richter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-

Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden.

Er veröffentlichte zusammen mit Martin Rißmann im Böhlau Verlag

als Band 2 der Reihe den Band »Die Ost-CDU. Entstehung

und Entwicklung«.

258 S. Gb. DM 48,– /sFr 48,–/öS 351,– ISBN 3-412-07895-6

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