Nutzungsanalysen im Blick auf fachliche und interdisziplinäre ...

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Nutzungsanalysen im Blick auf fachliche und interdisziplinäre ...

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Nutzungsanalysen im Blick auf fachliche und interdisziplinäre Webportale – Ergebnisse

und Konsequenzen.

(erscheint in: BIT-Online Heft 1, 2004)

A. Nutzungsanalysen und ihre Ergebnisse

Es ist eine Binsenweisheit: Der Aufbau ebenso wie der laufende Betrieb ambitionierter

Webportalen ist aufwändig und kostenintensiv. Um so nötiger sind regelmäßige

Nutzungsanalysen, die sowohl prospektiv den Bedarf neuer Angebote ausloten als auch

retrospektiv die inhaltliche und gestalterische Adäquatheit bestehender Strukturen evaluieren.

Dies gilt nicht zuletzt im geistes- und sozialwissenschaftlichen Kontext, der sich mit den

digitalen Informationsangeboten zum Teil nach wie vor schwerer tut.

Die Befragungen

Unter Federführung des Informationszentrums (IZ) Bildung des Deutschen Instituts für

Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) wurden deshalb in den Jahren 2000 bis

Anfang 2004 mit verschiedenen Kooperationspartnern vier entsprechende

Nutzungsuntersuchungen realisiert:

• Durch das BMBF gefördert, ermittelte IMAC Information & Management Consulting im

Rahmen des Projektes infoconnex 1 deutschlandweit mögliche Entwicklungspotentiale

eines Volltext-Dienstes 2 . Befragt wurden rund 1.300 Personen: Wissenschaftler/innen,

Studierende sowie Praktiker/innen der Arbeitsfelder Pädagogik, Sozialwissenschaften und

Psychologie, dazu Journalist/innen, (Bildungs-) Politiker/innen und

Informationsspezialist/innen. Um dabei zunächst herauszubekommen, wie viele der

Zielpersonen bislang wie intensiv Webdienste in Anspruch nehmen, wurde die Frage

„Wie häufig rufen Sie Fachinformationen aus dem Internet ab?“ gestellt. 56% der

Antwortenden gaben hier „täglich“ an, 34% „wöchentlich“ und 8% „monatlich“.

• Ebenfalls im Jahr 2002 erfolgte eine EU-weit abgestimmte Focusgruppen-Befragung von

Erziehungswissenschaftler/innen rsp. Bildungsforscher/innen im Rahmen des EU-

Projektes Perine 3 .

• In den Jahren 2001 bis 2003 fanden periodisch Logfile-Analysen des Deutschen

Bildungsservers 4 statt.

1 www.infoconnex.de

2 Detailergebnisse unter http://www.dipf.de/projekte/IMAC_summary_dipf.pdf

3 www.perine.org

4 www.bildungsserver.de


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• Im Januar 2004 wurde eine knapp einjährige umfangreiche Evaluierungsstudie -

einschließlich einer schriftlichen Befragung der Nicht-Nutzer - des Deutschen

Bildungsservers abgeschlossen, wie auch die Logfile-Auswertungen realisiert in

Kooperation mit der Humboldt-Universität Berlin.

Diese vier Untersuchungen bedienten sich durchaus heterogener Methoden und hatten

durchaus unterschiedliche Ziele im Auge – ihre Ergebnisse aber sind erstaunlich homogen

hinsichtlich der drei zentralen Interessen-Foci:

1. Wie suchen Nutzer/innen nach Informationen?

2. Welcher Instrumente bedienen sie sich dabei?

3. Welche Art von Informationen suchen sie eigentlich genau?

Wie suchen Nutzer/innen nach Informationen?

Betrachtet man bei der Frage nach dem „wie“ der Recherche die wesentlichen Ergebnisse der

durchgeführten Logfile-Analysen, so zeigen sich schnell sehr deutliche Vorgehensmuster: Die

überwiegende Mehrheit der Nutzer/innen

• suchte mit nur einem bis höchstens zwei Suchbegriffen,

• sah sich maximal zwei Seiten der Ergebnisanzeige an, sehr oft auch nur eine,

• begann sehr schnell eine neue Suche, ohne die erste Rechercheanfrage für eine

Verfeinerung oder Spezifizierung zu nutzen,

• verwendete weder Boole‘sche Logik noch Trunkierungen (richtig),

• verstand die Ergebnispräsentation im Ranking oft nicht (richtig).

Dies illustrieren einige durchaus generalisierbare Beispiele:

Das Problem der Boole’schen Operatoren oder: Die vergebliche Suche nach dem Maikäfer

Der Nutzer rsp. die Nutzerin suchte nach der „Entwicklung des Maikäfers“. Diese Phrasen-

Anfrage führte offensichtlich nicht zum gewünschten Erfolg, so dass die Recherchestrategie

verändert wurde in „Entwicklung UND des UND Maikäfers“; nach einem erneuten Versuch

mit „Entwicklung des Maikäfers“ modifizierte der Nutzer die Suche zunächst in „Die

Entwicklung des Maikäfers“, dann - als Variante mit Unterstrichen – in

„Die_Entwicklung_des_Maikäfers“ und abschließend sozusagen alles umfassend als letzter

verzweifelter Versuch in „Die UND Entwicklung UND des UND Maikäfers“.

Die Konsequenzen, die Informationsanbieter aus dieser und den vielen sehr ähnlich

ablaufenden Recherchen ziehen müssen, sind sicher vielfältig – an dieser Stelle hätte aber

vielleicht schon ein kurzes direkt über den Eingabezeile stehendes Beispiel Unterstützung


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geboten. Längere, gesondert anzuklickende Hilfetexte dagegen, so zeigen die Logfile-

Auswertungen ebenfalls, werden selten gelesen.

Der tragische Fall: Tippfehler

Sehr oft treten Recherchebeispiele in den Logfiles zutage, in denen Tippfehler die

Trefferausgabe verhindern. So suchte ein Nutzer rsp. eine Nutzerin nach dem Begriff „Test“ –

und wurde vmtl. mit Ergebnissen überschüttet. Daraufhin änderte er die Suche entsprechend

seines Erkenntnisinteresses in „Leseverständnis“ – besser gesagt: Er wollte sie entsprechend

ändern, schrieb aber tatsächlich „Leseerständnis“ in die Suchzeile, dann „Keseverstandenis“.

Es folgte „Leseerstandnis“, schließlich tatsächlich „Leseverständnis“ und die Präzisierung in

„Leseverständnis Test“.

Gesucht wurde vielleicht nach IGLU, der Internationalen Grundschul-Leseuntersuchung.

Hieran zeigt sich zweierlei: Die Einbindung eines Thesaurus‘ bzw. in diesem Fall eines

fachlich einschlägigen Abkürzungsverzeichnisses hätte hier ggf. hilfreich gewirkt – aber vor

allem die Realisierung einer interaktiven fehlertoleranten Suchmöglichkeit, die rückfragt im

Sinne eines „Meinten Sie vielleicht ...?“.

Das Bemühen um die Ganzheit: Phrasensuche

Immer wieder, dies zeigte ja bereits das Beispiel der Maikäfer-Recherche, suchen

Nutzer/innen mit Hilfe von Phrasen – so etwa nach dem „Pferd indem die Griechen nach

Troja eindrungen“. Hier sind – neben der in diesem Fall zusätzlich erforderlichen

Schreibfehlertoleranz des Systems – Recherchemodule nötig, die sich der natürlichsprachigen

Sucheingabe des Nutzers gegenüber intelligent verhalten – sicherlich ein Bereich, in den noch

viel Entwicklungsarbeit zu investieren ist.

Die ewige Wiederkehr des Gleichen: Mehrfacheingaben

Ein häufig diagnostizierbares Phänomen in den Logfiles ist schließlich – und damit sei die

Beispielliste hier beendet - die identische Mehrfacheingabe von Suchanfragen, ohne dass

technische Probleme erkennbar sind. So suchte ein Nutzer rsp. eine Nutzerin nach dem

Begriff „Taliban“ – insgesamt 19 mal, wobei 17 Recherchen völlig identisch „Taliban“

lauteten. Zwischendurch erfolgten zwei Schreibvariationen: „Talib“ und „taliban“. Beide

Variationen sind interessant: Im ersten Fall „Talib“ läßt sich vermuten, dass der Nutzer von

einer automatischen Rechts-Trunkierung ausging – eine Beobachtung, die man hinsichtlich

potentieller Rechts-Trunkierungen immer wieder, hinsichtlich erwarteter Links-


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Trunkierungen manchmal macht. Im zweiten Fall „taliban“ – falls dies kein reiner Tippfehler

war - erwartete der Nutzer vermutlich die Systemtoleranz hinsichtlich einer Groß- und

Kleinschreibung. Diese Systemtoleranz-Erwartung ist sicher völlig berechtigt; im ersten Fall

der Trunkierungshoffnung dagegen muss man differenzieren zwischen einer einfachen und

einer für Kenner erweiterten Suchmöglichkeit, deren letztere eher keine die Nutzer/innen

bevormundenden Automatismen einbauen sollte.

Was insgesamt immer wieder gewünscht wird, ist eine Möglichkeit der direkten Interaktion:

„Wo hin wenn man was sucht?“ ist ein in der Suchzeile manifestierter nicht untypischer

Ausdruck der eigenen Recherche-Hilflosigkeit – zum Glück sehr selten sind

Frustrationsäußerungen wie „fuck u“.

Welcher Instrumente bedienen sich Nutzer/innen bei ihrer Suche nach Informationen?

Betrachtet man die Instrumentarien, derer sich Informationsbedürftige bedienen, so stellt sich

zunächst die Frage nach dem „warum“ einer Nutzung. Die Antworten hierauf zeigen einen

deutlichen Trend: An erster Stelle der Gründe einer Instrumentenauswahl genannt wurde im

Rahmen der Untersuchungen zum Deutschen Bildungsserver das Kriterium „Inhalt“ mit – faßt

man die Antworten „sehr wichtig“ und „wichtig“ zusammen – nahezu 100%. Dieses wenig

überraschende Ergebnis wird unterfüttert durch die Nennung der „Aktualität“ mit über 90%.

Doch auch das Kriterium „Nutzerführung“ rangiert in diesem Bewertungsspektrum – sieht

man sich die oben beschriebenen Probleme der Recherchen an, ist das wenig erstaunlich. Dies

zu berücksichtigen, ist um so wichtiger, als es im Falle der retrospektiven

Leistungsbeurteilung eines Webdienstes hinsichtlich der Top-Kriterien „Inhalt“ und

„Aktualität“ fraglich sein kann, was Nutzer/innen hier tatsächlich beurteilen: Sind die Inhalte,

die sie suchen, tatsächlich nicht vorhanden – oder haben sie sie nicht gefunden, ist also

eigentlich die Nutzerführung nicht befriedigend?

Die „sehr wichtigen“ und „wichtigen“ Nennungen „Ladezeiten“ sowie „Layout und Design“

folgen mit gut 80% bzw. gut 70%.


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Abb. 1

Warum bedienen sich Nutzer/innen bestimmter Instrumente bei ihrer

Suche nach Information?

Ladezeiten

Aktualität

Nutzerführung

Inhalt

sehr wichtig

wichtig

unentschieden

unwichtig

völlig unwichtig

Layout & Design

0% 20% 40% 60% 80% 100%

Quelle: Dt. Bildungsserver

Diese Antworten berücksichtigend, sind die Ergebnisse der Frage nach den genutzten

Instrumenten selbst um so interessanter: In allen hier herangezogenen Analysen berichteten

die Nutzer/innen, dass sie im Web primär mit Suchmaschinen arbeiten und vielfach nicht auf

die ausgewiesenen Fachdatenbanken und –portale zurückgreifen. Dieses Ergebnis zieht sich

über die meisten befragten Nutzergruppen hinweg - eine Ausnahme bilden

naheliegenderweise lediglich die Informationsspezialist/innen. Allerdings lauteten die

Begründungsstrukturen unterschiedlich: Während die Praktiker/innen wie Lehrer/innen,

niedergelassene Psycholog/innen etc. betonten, Fachdatenbanken seien inhaltlich zu

umfangreich, zu wissenschaftlich und zu kompliziert in der Nutzung, gaben die befragten

Wissenschaftler/innen gerade das Fehlen relevanter Inhalte in den Fachangeboten als

Begründung für ihr Ausweichen auf Suchmaschinen an.

Analysiert man die Antworten der letztgenannten Gruppe näher, so zeigen sich etwa bei der

EU-Fokusgruppenbefragung von Bildungsforscher/innen ambivalente Aussagen hinsichtlich

des Bedarfs und der tatsächlichen Nutzung von Fachangeboten: Von 160 innerhalb der

deutschen Fokusgruppe interviewten Personen nutzen 150 regelmäßig Suchmaschinen und


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immerhin noch 115 eigene Linklisten - lediglich 72 der 160 Befragten jedoch greifen auch auf

Fachdatenbanken und –portale zurück.

Abb. 2

Gleichzeitig aber sind vier Fünftel dieser 160 Wissenschaftler/innen davon überzeugt, dass

bessere bzw. besser fachlich aufbereitete Informationsstrukturen ihnen bei ihrer

Informationssuche erheblich helfen könnten: Der Bedarf an einem entsprechenden Portal zum

eigenen Forschungsbereich wird übereinstimmend als sehr hoch eingeschätzt.

Um solche Aussagen besonders auch im Blick auf die nicht-elektronischen Angebote zu

korrelieren, wurde im Rahmen der Volltext-Dienst-Studie die Frage gestellt, wie häufig

verschiedene Instrumente zur Beschaffung von Fachinformationen genutzt werden; die

Maximalzahl der Nutzungshäufigkeit lag dabei bei 3. Mit einer Nennung von 2,8 rangierten

hier innerhalb der gegebenen Antworten die Fachzeitschriften und Fachbücher an der Spitze,

jedoch sehr dicht gefolgt von den Suchmaschinen (2,7). Mit 2,4 lagen etwas niedriger die

Antworten „Bibliothekssystem“ und „Hinweise von Kollegen, Experten“ gleich auf; erst bei


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2,1 dagegen erscheinen die Fachdatenbanken. Weit abgeschlagen sind übrigens nach wie vor

am Ende der Rangskala mit 1,8 die elektronischen Zeitschriften.

Abb. 3

Welche Informationen suchen Nutzer/innen?

Die Begründung für solch’ intensive Nutzung von Suchmaschinen lag – neben der stets

betonten Einfachheit der Bedienung – wie beschrieben für die wissenschaftliche Klientel bei

den inhaltlichen Desideraten der Fachdatenbanken und –portale. Um diese Aussage näher zu

beleuchten, wurde im Rahmen der Volltext-Dienste-Studie die Frage nach der Relevanz

verschiedener Informationstypen gestellt. Bei einem Maximalwert von 5 als „sehr wichtig“

lagen hier an der Spitze aller Antworten mit einem Wert von 4,3 die „Volltexte“, dicht gefolgt

von der Kategorie „Abstracts“ mit 4,1; leicht abgeschlagen tauchen bei 3,7 die

„Literaturhinweise“ auf.

Neben diesen eindeutig literaturbezogenen Informationsbedürfnissen wurden mit dem Wert

3,4 Informationswünsche hinsichtlich „Adressen“ und - mit 3,3 - hinsichtlich „aktueller


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Projektinformationen“ artikuliert; bei dem Wert 3,1 schließlich manifestierte sich die Suche

nach einerseits „Methoden, Umfragen“ und andererseits nach „Ankündigungen, Terminen“.

Abb. 4

Inhaltliche Desiderate vor allem konventioneller Fachdatenbanken sind aus Nutzersicht damit

besonders einerseits im Bereich der Volltext- und Abstract-Versorgung und andererseits im

Bereich der sog. Fakteninformationen zu sehen. Diesen im Rahmen der Volltext-Dienst-

Analyse erhobenen Ergebnisse korrespondieren die Aussagen der EU-Fokusgruppen. Die

Frage nach der eigenen informationellen Bedürfnislage beantworteten 144 der 160 Befragten

in Deutschland mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit vor allem von Informationen über

forschungsrelevante Institutionen, 136 suchten häufig Hinweise auf Wissenschaftler/innen

und 110 benötigten sehr oft Angaben zu Konferenzen und Tagungen. Auch die

Literaturinformation wurde genannt, lag jedoch mit 120 Zählern hier keineswegs an der

Spitze.


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Abb. 5

Richtet man dieselbe Frage an Praktiker/innen wie Lehrer/innen, niedergelassene

Psycholog/innen etc., zeigt sich das Bild noch eindeutiger – von diesen Nutzergruppen wurde

noch weniger Literaturinformation im engeren Sinne gewünscht; statt dessen erhofften sich

die Nutzer/innen komprimierte und anwendungsorientierte praxisrelevante ‚Rundum-

Information‘ zu bestimmten, dem jeweiligen Berufsalltag entstammenden Themenstellungen.

Wie sollten diese Informationen aufbereitet sein? - Erfolgsfaktoren

Die Frage der gewünschten inhaltlichen Informationsbereiche wird von Nutzerseite dabei

konsequent mit Bedingungen verknüpft, die ein entsprechendes Angebot ebenfalls erfüllen

müsse, um als relevant und ausreichend wahrgenommen zu werden: Notwendig sei

ein One-Stop-Shop-Zugriff auf alle Informationen von einem einzelnen Zugang aus,

eine entsprechende Vernetzung der Informationen untereinander und vor allem mit den

Volltexten sowie

eine Vernetzung mit weiteren Dienstleistungen wie etwa Dokumentlieferangeboten.

Dieser One-Stop-Shop sollte fachliche oder noch besser thematische Einstieg bieten,


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die Informationen sollten interdisziplinär sein und

vor allem die Wissenschaftler/innen fordern die Internationalität der Informationen.

Zugleich muß das Angebot bestimmte generelle Erfolgsfaktoren erfüllen:

es muss seriös und glaubwürdig sein,

aktuell und vollständig,

übersichtlich und einfach in der Bedienung und

individuell spezifizierbar über entsprechende Profildienste etc.

Legt man dieses Kriterienportfolio auf die Zuschreibungen, die die aktuellen Angebote von

Bibliotheken und Fachinformationseinrichtungen erfahren, so zeigt sich ganz eindeutig die

Verortung von Seriosität und Glaubwürdigkeit bei den entsprechenden Portalstrukturen -

deutlich schwächer dagegen ist das Ergebnis im Blick auf Aktualität und Vollständigkeit:

Während man Fachdatenbanken und -portalen Vollständigkeit durchaus zubilligt, spricht man

ihnen Aktualität vielfach ab. Vollends negativ werden die Bewertungen im Blick auf die

Nutzerführung: Übersichtlichkeit und Einfachheit in der Bedienung verorten Nutzer/innen bei

den Suchmaschinen, nicht aber bei fachlichen Angeboten von Bibliotheken und

Informationseinrichtungen. Im Blick auf die geforderten Individualisierungsdienste dagegen

sind die Nutzermeinungen noch variabel – hier wäre also noch ein Image-Claim zu besetzen

durch die Fachangebote.

Nicht unerheblich im Reigen der Erfolgsfaktoren schließlich ist der Aspekt der Kosten eines

Dienstes. Auf die Frage „Wann würden Sie einen Volltextdienst nutzen?“ antworteten

innerhalb der entsprechenden Studie 48% mit dem Hinweis „wenn die Dienste kostenlos

sind“, 47% machten ihre Nutzung von dem schwierig zu fixierenden Faktor abhängig, dass

„das Preis-Leistungs-Verhältnis stimme“. Die Gegenfrage „Was sind die Gründe für die

Nicht-Nutzung eines Volltextdienstes“ wurde korrespondierend beantwortet: 53,8% nannten

als primären Grund einer Nicht-Nutzung die zu hohen Kosten. Doch auch hier schlägt der

Blick auf die Suchmaschinen durch: Knapp ein Fünftel der Befragten betonte, bereits alles auf

anderem – ggf. kostenfreien – Wege im Internet zu bekommen.


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Abb. 6

Stellt man die Gretchenfrage nach der tatsächlichen Zahlungsbereitschaft, so bleibt ein Drittel

der Befragten hart: 33,5% der Antwortenden innerhalb der Volltext-Dienst-Studie erklärten,

der Dienst dürfe nichts kosten. Bis höchstens drei Euro pro Aufsatz würden 50% der

Befragten bezahlen, drei bis fünf Euro immerhin noch 14,5%. Darüber hinaus aber wird das

Portemonnaie verschlossen gehalten: Ganze 2% gaben an, mehr als fünf Euro zahlen zu

wollen rsp. zu können.


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Abb. 7

Besinnt man sich an dieser Stelle auf die bereits zitierte Aussage von 47% der Antwortenden,

das Preis-Leistungs-Verhältnis müsse stimmen, damit man überhaupt zu zahlen bereit sei, so

ist interessant zu berücksichtigen, dass das sich abzeichnende Zahlungsfenster zwischen drei

und fünf Euro vermutlich ebenso genannt worden wäre, hätte man die Frage noch zu DM-

Zeiten gestellt. Drei und fünf sind nach Erkenntnissen der Marktforschung eher

psychologische denn primär materielle Größen, was eine Aussage hinsichtlich des geforderten

stimmigen Preis-Leistungs-Verhältnisses nicht einfacher macht.

Auch im Falle der Kosten gibt es Erfolgsfaktoren, von denen Nutzer/innen ihre Arbeit mit

einem entsprechenden Dienst abhängig machen: Zahlungsbereitschaft existiert primär, wenn

ansonsten schwierig zu beschaffenden Informationen offeriert werden und wenn das gesamte

Angebot im Sinne des genannten One-Stop-Shops Mehrwertdienste bietet.

15% der Antwortenden gaben dabei an, einen entsprechenden Dienst per monatlicher oder

jährlicher Pauschale abrechnen zu wollen, 52% dagegen bevorzugten die Nutzungs-exakte


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Abrechnung, vergütet per monatlicher Rechnungsstellung; die restlichen 33% erklärten auch

bei dieser Frage, den Dienst im Falle seiner Kostenpflichtigkeit nicht nutzen zu wollen.

B. Mögliche Konsequenzen für die Praxis: fachportal-paedagogik.de, infoconnex und

vascoda

Aufsetzend auf diesen Untersuchungsergebnissen stellt sich für Fachdatenbanken und

portale, für Bibliotheken und Fachinformationsanbieter die Frage nach den zu ziehenden

Konsequenzen im Blick auf die eigenen Informationsangebote: Volltexte, Abstracts und

Fakteninformationen, integrierte Informationsdienstleistungen und

Individualisierungsmöglichkeiten, thematische Einstiege und Mehrwertkomponenten,

kostenpflichtige externe Angebote und ihre relativ preiswerte Nutzung und last but not least

inhaltliche Recherchequalität und möglichst einfache Bedienbarkeit sind unter einen Hut zu

bringen. Hier kann es unter Umständen zum Teil nur Näherungswerte geben, begrenzen doch

bestimmte Forderungen andere Wunsch-Bereiche – gleichwohl existieren Versuche der

Umsetzung, von denen einer im Folgenden kurz beschrieben werden soll: das fachportalpaedagogik.de,

ein Teil der interdisziplinären Projektstrukturen infoconnex und vascoda 5 . Das

im Aufbau befindliche fachportal-paedagogik.de wird als One-Stop-Shop im Sinne der

Forderungen der Nutzer/innen nach hoher inhaltlicher Dichte und Vernetzung arbeiten, es legt

Wert auf Qualität, auf Aktualität und relative Vollständigkeit, es bemüht sich um

Übersichtlichkeit und um leichte Handhabung und es will Themenfokussierungen und

Eingrenzungsmöglichkeiten der Suche ebenso bieten wie Interdisziplinarität und

Internationalität.

fachportal-paedagogik.de und infoconnex

Was heißt das im Einzelnen? Das fachportal-paedagogik.de ordnet sich ein in das

Dienstleistungsangebot von infoconnex, einem Recherche-Mehrwertdienst, der entwickelt und

getragen wird von den drei großen Fachinformationseinrichtungen der Pädagogik, der

Sozialwissenschaften und der Psychologie 6 sowie den drei korrespondierenden DFG-

5 www.vascoda.de

6 Informationszentrum Bildung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische

Forschung, Frankfurt am Main http://www.dipf.de; Informationszentrum

Sozialwissenschaften, Bonn http://www.gesis.org/IZ/; Zentrum für Psychologische

Information und Dokumentation, Trier http://www.zpid.de/


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Sondersammelgebietsbibliotheken 7 . Die Institutionen werden hierbei über eine gemeinsame

Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Deutsche

Forschungsgemeinschaft unterstützt; die inhaltliche Beratung erfolgt durch die jeweiligen

Wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Auf diesen Kooperations- und Finanzierungsstrukturen fußend entsteht ein komplexer

Service, der möglichst viele zu einer Fragestellung relevanten Informationen – und zwar

deutschsprachige ebenso wie internationale - integriert als One-Stop-Shop bereitstellt. Den

Ausgangspunkt dabei bildet die Recherche des Nutzers rsp. der Nutzerin in den zentralen

Fachdatenbanken mit ihren qualitativ sehr hochwertigen Metadaten auf Einzeldokument-

Ebene inklusive der differenzierten Verschlagwortung und des Abstracts – und zwar bezogen

auf konventionelle ebenso wie auf graue Literatur, auf Printpublikationen ebenso wie auf

elektronische Dokumente, auf Literaturinformationen ebenso wie auf Fakteninformationen.

Bereits hier kann sich der Nutzer entscheiden: Will er nur den fachlichen Einstieg und nur in

den Metadaten etwa der Pädagogik suchen oder interessiert ihn auch der Blick in die

Interdisziplinarität, will er also auch sehen, was beispielsweise die Psychologie zu seiner

Fragestellung zu bieten hat. Solche Interdisziplinarität auf Datenbankebene zu realisieren ist

nicht trivial, können doch die Termini nicht einfach in die jeweils andere Fachsprache

übernommen werden – hier ist eine aufwändige Heterogenitätsbehandlung der zugrunde

liegenden nationalen und in Kürze auch der internationalen Thesauri notwendig. Im

Hintergrund von Fachdatenbank-Kooperationen müssen also interdisziplinäre und

sprachübergreifende Begriffsabgleichungen und Begriffsrelationierungen stattfinden, müssen

Cross-Konkordanzen etc. aufgebaut werden – bislang immer noch ein sehr personalintensives

Geschäft, dass nach wie vor nicht adäquat über Automatisierungen geleistet werden kann. Das

Ergebnis für die Suche der Nutzer/in aber lohnt den Aufwand: Anders als in allen anderen

lediglich die Oberflächen der Datenbanken verschaltenden Metasuchstrukturen ermöglicht

infoconnex eine tatsächlich interdisziplinäre Qualitäts-Suche – ein Alleinstellungsmerkmal

des Dienstes, von dem aus Nutzersicht aber zu wünschen ist, dass er bald

Korrespondenzstrukturen an die Seite gestellt bekommt.

7 Pädagogik Universitätsbibliothek Erlangen-Nürnberg http://www.ub.uni-erlangen.de/;

Sozialwissenschaften Universitätsbibliothek Köln http://www.ub.uni-koeln.de/; Psychologie

Universitätsbibliothek Saarbrücken http://www.sulb.uni-saarland.de/


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Abb. 8

Von dem Rechercheergebnis im fachportal-paedagogik.de bzw. von infoconnex aus gelangt

der Nutzer unmittelbar auf die natürlich zeit-, aber eben auch völlig orts-, d.h. etwa campusungebunden

elektronisch verfügbaren Volltexte.

Was sich in der Theorie so einfach anhört, hat in der Praxis allerdings eine Schwachstelle

über eine gewisse Verhaltenheit der Verlage, ihre Produkte tatsächlich online anzubieten. Die

Sorge vor der tatsächlich oder vermeintlich ungeklärten technischen und rechtlichen Situation,

vor allem aber die Sorge vor dem Verlust der Print-Abonnements läßt viele Verlage hier

vorsichtig handeln. Hinzu kommt, dass man es in den Geisteswissenschaften, in der

Pädagogik und den Sozialwissenschaften in Deutschland wenig mit großen multinational

agierenden Playern zu tun hat: Es überwiegen die kleinen und mittelgroßen Verlage, denen

vielfach noch die Erfahrung mit dem Online-Gang ihrer Produkte fehlt und die die Kosten

eines entsprechenden Erfahrungssammelns scheuen. Infoconnex bietet ihnen in der

Projektaufbauphase deshalb Hilfestellungen an bei der Digitalisierung der Fachzeitschriften.

Gleichwohl werden aus Nutzersicht vmtl. Lücken hinsichtlich der Volltextversorgung bleiben,


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die über eine unmittelbare Verzahnung mit subito für die Print-Ausgaben der von den

Nutzer/innen gewünschten Ressourcen kompensiert werden.

Damit wird die gesamte Struktur sehr umfangreich, was ganz klar eine Konsequenz nach sich

zieht: Informationsselektion, Individualisierungsdienste und Filtersysteme sind unabdingbar.

Wie sieht nun die angesprochene finanzielle Seite für Nutzer/innen aus? Die gesamte

Dienstleistung wird Interessierten im Pay-Per-View-Verfahren offeriert – Nutzer/innen aus

dem In- und Ausland zahlen (per Kreditkarte oder Rechnung) pro angeklicktem Artikel. Der

Preis ist dabei gestuft: Ein Nutzer aus dem Lehr- und Forschungskontext etwa einer Schule

oder einer Universität zahlt weniger als ein sogenannter kommerzieller Nutzer. Auf diese

grundsätzliche Differenzierung lassen sich alle bisher beteiligten Verlage gleichermaßen ein.

Heterogener zeigen sich ihre damit konkret verbundenen Preisvorstellungen: Die zitierte

Schmerzgrenze von drei bis fünf Euro pro Artikel wird von den meisten kleinen Verlagen

eingehalten, die größeren internationalen allerdings liegen mit ihrem Preisvorstellungen oft

deutlich darüber – hier werden auch zwölf Euro und mehr verlangt. Dies ist im Vergleich mit

den Preisspitzen anderer fachlicher Disziplinen immer noch mäßig - man muss aber abwarten,

ob die Nutzerklientel – beispielsweise eine Studentin oder ein Lehrer, der Unterrichtsmaterial

sucht - diese Preisstrukturen in Ausnahmefällen entgegen der Ergebnisse der

Nutzerbefragungen noch für akzeptabel hält. Verfügt der Nutzer - beispielsweise über seine

Hochschulbibliothek - allerdings bereits über die Volltext-Lizenz der Zeitschrift, deren

Artikel er online lesen will, wird er via Systemcheck mithilfe der Elektronischen

Zeitschriftenbibliothek unmittelbar auf den gewünschten Text durchgeschaltet, rechnet selbst

also keine Kosten ab; Pay-Per-View dient damit stets als Kompensationsstruktur, liegen keine

anderen Lizenzen vor.

Korrespondierend erfolgt die Abrechnung der kostenpflichtigen Fachdatenbanken als

Einstiege in das Gesamtsystem: In der Regel liegen lokale oder regionale Nutzungslizenzen

vor; andernfalls kann der Nutzer entweder eine Lizenz - von einem Tag bis zu einem Jahr, für

eine oder entsprechend der infoconnex-Struktur für mehrere Datenbanken - erwerben oder er

beschränkt sich auf die Suche in den kostenfrei recherchierbaren rein bibliographischen

Metadaten ohne Verschlagwortung und Abstract – er kauft dann den Volltext allerdings unter

Umständen als ‚Katze im Sack’.

Diese gesamte Finanzstruktur wird dem Nutzer als integrierter Service angeboten – er erhält

eine Gesamtrechnung über alle Dienstleistungen des fachportal-paedagogik.de und zugleich

ggf. über alle drei Fachangebote von infoconnex hinweg.


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fachportal-paedagogik.de und vascoda

Das fachportal-paedagogik.de und infoconnex als in sich bereits interdisziplinär angelegtes

Wissenschaftsportal sind zugleich Teil des deutlich größeren Portals für wissenschaftliche

Information in Deutschland vascoda 8 , in dem vielfältige Web-Projekt- und Web-

Portalaktivitäten gebündelt angeboten werden: die Informationsverbünde ebenso wie die

Virtuellen Fachbibliotheken, die Elektronische Zeitschriftenbibliothek ebenso wie künftig die

Zeitschriftendatenbank, die Verbundsysteme ebenso wie Webis. Damit sind die Geistes- und

Sozialwissenschaften integriert in eine noch komplexere Interdisziplinarität – bei

gleichzeitiger fachlicher und individualisierter Nutzungsmöglichkeit.

Abb. 9

Diese gesamte Struktur entspricht den beschrieben Forderungen der Nutzer/innen: Sie

wünschten sich einen One-Stop-Shop mit einem Single-Point-of-Entry, aber einer

8 http://www.vascoda.de


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Vielfältigkeit der dahinter angebotenen Informationen und Informationsarten, sie wünschten

sich die Aufhebung der Fächergrenzen, aber zugleich klare Individualisierungsmöglichkeiten

bei der Nutzung, und last but not least forderten sie das Angebot attraktiver

Bezahlkonditionen. Um all’ dies bemühen sich in einem eng verschränkten System das

fachportal-paedagogik.de, infoconnex und vascoda.

Dr. Beate Tröger

Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung

Schloßstr. 29

60486 Frankfurt am Main

Tel. 069 / 24 708 327

Fax 069 / 24 708 328

troeger@dipf.de

www.dipf.de

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