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10

cooltour

#111

Rolys Silberscheiben des Monats

Dãm-Funk: Toeachizown

(stones throw)

Leute wie Egyptian Lover, Arabian

Prince, Cybotron, D-Train läuteten

damals eine neue Epoche ein und

bastelten mit Synthies und Breaks einen

Groove, der weltweit die Grundlage

für wilde Bewegungen auf PVC

lieferte. Vor allem die Jahre 1981 bis 1984 würde ich bis heute

als meine musikalisch prägendsten bezeichnen - mit weissen

Handschuhen bin ich zur Grundschule gegangen. Während

der vergangenen Jahre arbeitete Dãm-Funk aus Los Angeles

mit Hingabe an der Wiederbelebung einer stark von Boogie,

Modern Soul und Electro Funk geprägten Musik, wie sie in den

frühen 80er Jahren populär war. Zuletzt liess er als Remixer von

Animal Collective, Beans/Anti Pop Consortium und Hyperdub

sein Können aufblitzen. Auf seinem offiziellen Debüt-Werk

„Toeachizown“ verbindet der „Ambassador of Boogie Funk“

nun seine Vorliebe für Vintage Synthesizer und alte Drum-

Computer mit der musikalischen Tradition der Westküste. So

erzeugt er einen erstklassigen Funk-Vibe mit hohem Soul-Faktor.

Zwischendurch hat man des öfteren Prince in seiner kreativen

Früh-Phase auf Werken wie „Dirty Mind“ oder vor allem

„1999“ im Kopf. Absolute Highlights sind für mich „One Less

Day” (feat. G-Shaft), „Brookside Park”, „The Sky Is Ours”, „(My

Funk Goes) On & On“, „Searchin’ 4 Funk’s Future” und „Fantasy”.

Hier wurde musikalische Erinnerungskultur gesignt und

das ist heute wichtiger denn je. Neu ist hier absolut nichts. Das

sind die frühen Achtziger. Und nichts liebe ich mehr. Gänsehaut

pur!

www.myspace.com/damfunk

www.stonesthrow.com

Fleur Earth:

Es entstehen Wesen

(melting pot music)

Wenn es um Soul und Charisma in

Verbindung mit Spoken Poetry und

revolutionäres Gedankengut geht,

fallen mir spontan immer Ursula

Rucker und Erykah Badu ein. Die

Kölner Künstlerin Fleur Earth hat

sich wohl von diesen beiden inspirieren lassen und lädt nun

nach ihren beiden grossartigen Alben „Skurreal“ und „Soul des

Cabots“ (mit Liveband) erneut dazu ein, ihrem geschmeidigen

Neo-Soul mit metaphorischer Alltagslyrik zu lauschen. Ihren

kölschen Jungs und Kollegen Twit One, Hulk Hodn, The Ins

und Kevin Eleven haben smoothe, oft melancholische Soundlandschaften

gebastelt, die sich am klassischen MPC-Sampling-Sound

von Pete Rock, Madlib und J Dilla orientierten.

Dazu zaubert die Deutsch-Kongolesin auf ihrem Album „Es

entstehen Wesen“ mit lyrischem Tiefgang 18 emotional intensive

Songs, ohne sich in Gefühlsduseligkeiten und Plattitüden

zu verlieren. Der Hoffnung spendende Opener „Am Boden“

beschreibt einen Zustand, den wohl jeder kennt. Auch groovige

Balladen wie „Ufo“, „Glasschloss“, „Spiegelbild“, „Jede

Nacht“, „Nichts mehr“, „Monster“, „We Stay“, „Wind“ und das

Instrumental „Solitaire“ sind wie geschaffen für einen nasskalten

Herbstabend mit Kerzenlicht und einem Glas Rockerschorle.

Neben „Changes“ mit US-Rapper Frank Nitt und „La Ics“

mit Retrogott aus dem Huss&Hodn-Lager gefallen mir auch

Roland Grieshammer

das klavier- und beatbetonte „Get Get“ und das Intermezzo

„It’s Over“ in Gedenken an den kleinen Jacko. Im Gegensatz zu

so manch chartkompatiblem R&B-Quatsch ist das hier wirklich

gross, kommt aus dem Herzen und hat Charme.

www.myspace.com/fleurearthundforsch

www.mpmsite.com

Phantogram: Eyelid Movies

(bbe records)

Die Platte ist zwar schon eine Weile

draussen, aber da es hier weder

Sommer noch Winter gibt, kann ich

von dieser traumhaften Herbstmusik

nicht genug bekommen. Auch

wenn Josh Carter und Sarah Barthel

aus der idyllischen Kleinstadt

Saratoga Springs im Staate New York kommen, drängen sich

Querverweise nach Bristol auf, wo sich Anfang der Neunziger

ein schleppender HipHop-Sound mit melancholischen Vibes

firmierte, der unter dem Namen Trip-Hop nicht nur mich in

seinen Bann zog. Wie die gelben Blüten eines Strauches auf

dem Cover bereits andeuten, beleuchtet das amerikanische

Duo Phantogram mit seinem Debut-Album „Eyelid Movies“

die Nacht. In einer ländlichen gelegenen Scheune, in der sich

ihr Studio befindet, experimentieren die beiden mit Samplern,

Tapes, Platten, Synthies, Drums, perkussiven und Seiten-Instrumenten

und kreieren wunderschöne, treibende, aber auch

verträumte Popsongs. Die Gitarre steht im Zentrum und erinnert

mich in ihren organischen Schwingungen teilweise sehr an

The Cure. Gleich der Opener „Mouthful Of Diamonds“ bringt

meine Augen zum Funkeln. Die urbane Mischung aus TripHop,

Shoegaze-Elementen und hochklassigen Singer/Songwriter-Qualitäten

fordert dazu auf, die Augenlider zu senken

und dennoch mit dem Kopf zu nicken. Das sehnsüchtige Werk

endet mit einem bedächtigen Klavier und „10.000 Claps“. Die

ganze Stimmung hat etwas von Filmmusik und wer etwas mit

Massive Attack, Masha Qrella und Feist anfangen kann, sollte

sich unbedingt von einem der Alben des Jahres einlullen lassen.

Bezaubernd!

www.myspace.com/phantogram

www.bbemusic.com

Birdy Nam Nam:

Manual For Successful Rioting

(columbia / sony)

Hinter dem Vogelnamen „Birdy

Nam Nam“ verstecken sich die gefährlichen

elektronischen Störenfriede

Crazy B, Little Mike, DJ Need und DJ

Pone – der Name der Crew entstammt

einer Szene aus dem Streifen „The

Party“ mit Peter Sellers. Wie Kid Koala und Q-Bert vorher, begreift

das französische Quartett den 1210er als Instrument an

sich und spielt auch live zusammen wie eine Band mit vier

Turntables mit Effektgeräten. Jeder DJ ist ein Element, ob ein

Bass ohne Welle, ein Synthesizer ohne Schütteln, ein staubiger

Funkbeat oder eine bizarre Percussion Line und verbindet seinen

Teil mit dem der anderen drei DJs, um etwas Neues zu

kreieren. Nachdem das Quartett im Jahre 2005 schon auf ihrer

selbstbetitelten CD / DVD hinter den Plattenspielern und Korg-

Pads mit Ska, Rock, Electro und HipHop überzeugen konnte,

wurde nun endlich ihr Album „Manual For Successful Rioting”

(produziert von Yuksek) auch hierzulande veröffentlicht. Ihr

Handbuch ist ein hübscher Bastard aus HipHop der alten Schule

und kontemporärer, sehr französisch geprägter Tanzmusik.

Nach dem 80s-infizierten Electro-Knaller „Red Dawn Rising“

verneigen sie sich in „Trans Boulogne Express“ vor Kraftwerk

und Daft Punk. Es folgen Expeditionen in Krautrock, Freejazz,

Downbeat, Booty-Bass und neben offensichtlichen Club-Bangern

mit störrischen Punk-Referenzen gibt es mit „Space Cadet

Apology“ und „Homosexuality“ auch sphärischen Ambientpop.

Mein Favorit heisst „Shut Up“ (feat. Newcleus) und lässt

durchaus Parallelen zum 84er Klassiker „Jam On It“ zu. Groovy!

www.myspace.com/birdynamnam

www.sonymusic.fr

Dietmar Wischmeyer:

Die bekloppte Republik /

Willi Deutschmann und

der fättäh Brokkänn

(frühstyxradio)

Ein echter Urknaller der Comedy

präsentiert neues Material. Seit 20

Jahren begeistert der Autor, Kolumnist und Satiriker Dietmar

Wischmeyer sein Publikum wortgewaltig mit der Vielfalt seiner

legendären Figuren und Stimmen. Konsequent und sprachlich

virtuos hält er Deutschland seine politisch unkorrektesten Eigenarten

vor Augen wie es sonst nur ein Oliver Kalkofe vermag.

Seit Ende der 80er Jahre füttert er Deutschlands Humorwirtschaft

und etablierte sich als einer der Gründer des Frühstyxradios,

mit 30 Tonträgern, 13 Büchern und 2 Theaterstücken

als Wortgigant. Zur Tour beschert der Meister dem Land zwei

großartige CD-Veröffentlichungen. Nirgends auf der Welt ist es

so absurd wie in der „bekloppten Republik“. Ein Schritt vor

die Haustür ist wie die Expedition in ein fremdes Land, hinter

jeder Ecke lauert das Abenteuer. Hier werden wirklich alle

vermeintlich negativen Eigenschaften Deutschlands und der

Deutschen in 30 neuen Logbuch-Texten geballt als Konzentrat

des Schreckens serviert. Wischmeyers Kultfiguren wie Willi

Deutschmann, der kleine Tierfreund, Arschkrampen und Günther

der Treckerfahrer setzen dem ganzen die Krone auf. Auf

dem satirischen Reichstonträger „Willi Deutschmann und der

fättäh Brokkänn“ werden Vorurteile und Hetztiraden abgefeiert.

Hat man diese Sammlung in sich aufgesogen, dann hält frau

es auch wieder eine zeitlang mit dem Kuschelwaschlappen an

ihrer Seite aus. Wischmeyers meist eher unterschwelliger Witz

kommt wie ein Vorschlaghammer in einem Porzellanladen -

sarkastisch und überspitzt misantrophisch wie ich es mag.

www.wischmeyer.de

www.fairmedia.de

next time >>>

Auch im neuen Jahr empfiehlt euch Roly

tolle Musik und interessante Hörbucher

sowie eindrucksvolle DVDs.

Im Januar könnt ihr euch mit an Sicherheit

grenzender Wahrscheinlichkeit auf

den Film einer Grevenbroicher Kult-Figur

freuen, die unter Schnappatmung und

Rücken leidet. Ausserdem gibt es ein

HipHop-Highlight für alle Breakdance-

Fans ...

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