zum Märchen (PDF) - Heyne fliegt

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zum Märchen (PDF) - Heyne fliegt

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Melanie Mirold

Dornröschen reloaded

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein erfolgreicher Modeschöpfer und

seine Frau, welche sich, ach so sehr, ein Kindlein wünschten, doch keines

bekommen konnten.

Eines Tages, kam es deshalb, dass die Frau Modemacherin die

Entscheidung traf, sich künstlich befruchten zu lassen. Herr Modemacher

unterstützte dieses Vorhaben, doch bestand er darauf, ein kleines Mädchen haben

zu wollen.

So kam es also, dass die Frau Modemacherin endlich, endlich schwanger

wurde und ihrem Manne nach siebeneinhalb Monaten, dem Kaiserschnitt und

Brutkasten sei dank (denn welche Frau opfert schon gerne ihre Figur), ein

wunderhübsches kleines Mädchen gebar.

Der Modeschöpfer freute sich so sehr darüber, dass er ein rauschendes

Fest feierte, zu welchem er viele, viele wichtige Leute einlud: andere

Modemacher, Stylisten, Geschäftspartner, Fotografen und Schönheitschirurgen.

Außerdem lud er zwölf von seinen dreizehn liebsten Models ein.

Die letzte wollte er nicht auf dem Feste sehen, da er vor Jahren eine Affäre

mit ihr gehabt hatte und ihr viel Geld geboten hatte, damit diese das aus jener

Verbindung entstandene Kinde abtreiben ließ.

Das Fest war nun im vollen Gange und jeder der Gäste machte dem süßen

kleinen Mädchen wundervolle Geschenke: Strampelanzüge von Gucci, goldene

Schühchen von Versage, Schnuller von Dior; ein Fotograf versprach, sie ihr

Leben lang umsonst zu fotografieren, ein Schönheitschirurg, sie kostenlos zu

operieren und ein Model, ihr schönstes Kleide.

Doch um Punkt Mitternacht, stand auf einmal das übergangene Mannequin

in der Tür.

Aufgebracht rief sie: „Modemacher! Du hast mir vorgegaukelt mich zu

lieben, damit du mich manipulieren konntest, jahrelang versprachst du mir, deine

Frau für mich zu verlassen, damit ich dir zu Diensten war, sogar unser

gemeinsames Kind ließ ich, noch bevor es sich überhaupt entwickeln konnte, dem


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kalten Grabe übergeben. Du gabst mir schmutziges Geld dafür, welches ich nie

anrührte. Ich stürzte ab, wurde depressiv, wurde zornig, wurde abhängig von

Narkotika und dennoch versuchte ich, dich nicht zu hassen, im Gegenteil, ich

liebte dich immer noch von ganzem Herzen. Doch heute hast, indem du mich

nicht einludest, zu deiner Tochter Geburt, zeigtest du mir endgültig wie gering du

mich tatsächlich schätzt! Ich sage dir nun, behandelst du deine Tochter, so

gefühllos, wie du auch mich behandelt hast, so wird ihr kein langes Leben

beschieden sein.“

Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, hob sie eine kleine Pistole an

ihren Kopf und erschoss sich vor den Augen aller Leute.

So entsetzlich diese Szene gewesen war, es dauerte dennoch nicht lange

bis man es vergessen hatte, denn in jener Welt, war ein Modell nur ein

austauschbares Gut, dem niemand glauben schenkte.

Der Modemacher und seine Frau, verschwendeten ebenfalls keinen

Gedanken mehr an jene Warnung, welche man ihr gab.

Die Jahre vergingen und alle konzentrierten sich darauf, aus dem kleinen

Kinde das perfekte Modell zu machen. Der Vater wollte sie gestalten, so wie er

seine Mode schöpfte, was ihm auch tatsächlich glückte. Es glückte ihm sogar so

gut, dass sein junges Töchterchen bereits mit sechzehn Jahren das begehrteste

Model der Modewelt geworden war. Dank des Schönheitschirurgen war sie so

anpassungsfähig und variabel wie niemand sonst.

Für jede Saison bekam sie ein neues Aussehen. Frühling, Sommer, Herbst

und Winter, das Töchterchen als das perfekte Aushängeschild. Sie hatte zehn

direkte Bedienstete, welche sich den ganzen Tag abwechselnd nur um ihr

perfektes Aussehen kümmerten und dafür sorgten, dass sie für jede Stunde des

Tages das perfekte Outfit trug.

Täglich bekam sie Tausende von Briefen von Fans und Verehrern. Jeder

liebte sie, alle Frauen wollten sein wie sie, alle Männer wollten sie haben. Doch

für letzteres hatte ihr Vater eine Bedingung gestellt: Nur ein jener, der ihr

beruflich weiterhelfen konnte, durfte sie haben. So war ihre Unschuld an den

gefürchtetsten Kritiker aller Zeiten gegangen, damit jener ihr am Anfang ihrer

Karriere eine gute Kritik schrieb.


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Das Kindlein selbst hatte kaum einen Tag erlebt an, welchem sie Kindlein

hätte sein dürfen.

Schönheitswettbewerb folgte Schönheitswettbewerb, Ballettstunden nur

neuen Ballettstunden, es gab einen Personaltrainer von klein an, Klavierstunden,

Geigenunterricht und immer und immer wieder Stunden zur Einübung gehobener,

für eine junge Frau angemessener Konversation (was so viel bedeutete, wie dem

Manne recht zu geben, den älteren Frauen ebenso wenig zu widersprechen und

ansonsten alles und nichts zu sagen). Persönlichkeit war hinderlich, so viel war

gewiss.

Auch ein Ernährungsberater war von der Stunde der Geburt zur Stelle,

wobei Ernährung nicht ganz das passende Wort war, denn essen durfte sie kaum

etwas. Stattdessen trank sie jeden Tag mehrere Liter Kaffee oder schnupfte ein

paar Lines Koks. Sie bewahrte den Stoff in einem goldenen Füllfederhalter auf,

welchen sie von ihrem Vater zum Beginn ihrer Karriere geschenkt bekommen

hatte.

Wie es sich für eine brave Tochter gehörte, hielt sie still, beklagte sich nie,

tat alles, was man ihr auftrug, und lächelte den lieben langen Tag, zumindest

solange es angebracht war. Im großen und ganzen waren das auch ihre

Freizeitbeschäftigungen, für anderes war schließlich keine Zeit mehr, war völlig

unnötig, gänzlich nebensächlich.

Sie hielt ihr Leben tatsächlich für völlig normal - und wer hätte ihr auch

das Gegenteil aufzeigen sollen? Jeder, der sich in ihrer Nähe aufhielt, war nur auf

ihre Äußerlichkeiten bedacht, Freunde hatte sie keine. Ihre Eltern hatten schon

immer den schädlichen Einfluss gefürchtet, welchen Freunde auf das Gemüt eines

jungen Mädchens haben könnten. Auch von der Liebe hatte ihr niemals etwas

erzählt. Wer gibt schon etwas auf die Liebe?, das war das Motto ihrer Eltern,

welche nur geheiratet hatten, weil sie optisch so gut zueinander passten.

Eines Tages jedoch geschah etwas gänzlich Unvorhergesehnes. Denn das

Mädchen verliebte sich. Wochenlang glaubte sie fälschlicherweise krank zu sein.

Ihre Bediensteten machten sich große Sorgen um sie, fürchteten um ihren Job.

Man gab ihr Medizin, versuchte sie mit belanglosen Plaudereien aufzuheitern,

doch jedes Mal, wenn sie auf ihren neuen Stylisten traf, pochte ihr Herz als wollte


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es zerspringen. Eines Tages, als sie durch Zufall einmal allein mit ihrem Stylisten

war, fasste sie sich ein Herz und beichtete ihm, was sie empfand.

Der Stylist lächelte gütig, strich ihr über die Wange und sagte ihr, dass es

Liebe sei, welche sie empfände, ob sie denn noch nie zuvor ein solches Gefühl

verspürt hätte. Sie verneinte erstaunt. Einen kurzen Moment kam sie ins Grübeln,

dann fragte sie ihn, ob er für sie ebenso empfände. Er lachte sanft und sagte ihr,

dass sie für ihn nicht mehr als ein Püppchen sei, welches er schminken sollte, er

fände sie weder interessant, noch anziehend, noch hübsch. Er machte eine ernste

Pause bevor er ihr schlussendlich erklärte, dass er sie, nach den unzähligen OPs,

für ein entstelltes Monster hielt und froh sie froh sein könne, wenn ihr regulärer

Stylist endlich wieder aus der Rehabilitation zurück wäre, damit er niemals wieder

ihr Angesicht ertragen müsse.

Da zerbrach etwas in dem armen, unwissenden Mädchen. Sie konnte es

anfangs kaum einordnen, es fühlte sich wie Sterben an.

Ihr Appetit erlosch daraufhin gänzlich, was von ihrem Ernährungsberater

mit Freuden aufgenommen wurde. Nur ihr erloschenes Lächeln gab Grund zur

Sorge.

Zum Glück wusste ihr Vater Abhilfe. Heroin, das war der Rat, den er

seiner Tochter gab. Ein Spezialist wurde herbei zitiert und angestellt, um es ihr

täglich an einer möglichst unauffällig verdeckten Stelle zu spritzen. Es zeigte die

gewünschte Wirkung. Das Mädchen funktionierte fast wieder so perfekt wie je

zuvor.

Allerdings war dies den Eltern eine Warnung gewesen. Zwar wussten sie

nicht, wodurch jene Veränderung an ihrer Tochter ausgelöst worden war, denn sie

hatten sie nie gefragt, doch stand für sie fest, dass man sie noch mehr

kontrollieren musste.

Leider, leider verebbte die Wirkung des Heroins aber immer schneller, so

dass das Mädchen eine immer höhere Dosis brauchte. Jedoch war es nicht so, dass

dies ihre Eltern bekümmerte. Nein, sie hatten genug Geld und vertrauten dem

selbst ernannten Spezialisten.


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So zogen weitere Jahre ins Land. Das Mädchen stand kurz vor ihrem

neunzehnten Geburtstag. Unglücklicher denn je, da ihr Herz sich niemals von

jenem lange zurückliegenden Schlag erholt hatte, doch unbemerkt von allen.

Ihre Eltern hatten inzwischen beschlossen, nun doch nicht nur ihren

Geburtstag zu feiern, sondern sie glaubten, dass es an der Zeit wäre, sie einem in

der ganzen Welt bekannten, überaus reichen Schönheitschirurgen zur Frau zu

geben, einem Manne, welcher es kaum erwarten konnte, sich an ihr auszutoben.

Dieses doppelte Fest nun sollte noch strahlender und schillernder werden,

als jenes am Tage ihrer Geburt.

Alle Vorbereitungen waren tadellos vonstatten gegangen, so dass dem

Feste nichts mehr entgegenstand.

Natürlich war eigens für das Mädchen ein spektakuläres Hochzeitskleid

geschneidert worden, mit echten Diamanten, edlen Smaragden, seltenen Saphiren

und eingewebten Weißgoldfäden. Sie war die schönste Braut, die man sich nur

hätte vorstellen können. Einzig ihr Lächeln war alles andere als perfekt. Und das

war das schlimmste Unglück, welches ihre Eltern sich hatten vorstellen können.

Und weil das Fest so überaus gesellschaftswichtig war, überlegten sie fieberhaft,

was zu tun sei. Man verfiel schlussendlich, wie so oft darauf, dem Spezialisten

aufzutragen, ihr eine größere Menge an Heroin zu verabreichen. Jener aber warnte

die Eltern vor dem Risiko, das sie damit eingehen würden, doch niemand hörte

auf ihn.

So kam es, wie es kommen musste. Die Dosis war zu groß und alle

Rettungsversuche scheiterten. Als der Notarzt sie schließlich für tot erklärte,

blickten alle ein letztes Mal auf das Mädchen hinab und erschraken fürchterlich.

Denn niemals hatten sie ein traurigeres Mädchen erblickt.

Ende

Christoph Marzi


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Dinge, die im Kino passieren, wenn das Licht verlöscht

Er hätte es wissen müssen.

Manchmal geschehen Dinge, die man sich nicht erklären kann. Manchmal

dreht sich die Welt ein Stück zu weit. Larry Pearce war elf, als er erfuhr, wie

sich das anfühlt. Mr. Bachman, der Besitzer des Overlook Theater, des

einzigen kleinen Kinos von Little Falls, war mitten in der

Sonntagnachmittagsvorstellung von Fliegende Untertassen greifen an (mit

Hugh Marlowe aus Der Tag, an dem die Erde stillstand) in den Vorführraum

gekommen, das alles natürlich, nachdem er den Film angehalten hatte, und

ausgerechnet, um den Zuschauern die Neuigkeit mitzuteilen, dass die

Sowjetunion vom Weltraumbahnhof Baikonur einen Satelliten mit dem

gruseligen Namen Sputnik in die Erdumlaufbahn geschossen hatte, und damit

Präsident Dwight D. Eisenhower und den Amerikanern zuvor gekommen

war. Eine betrübte Stimmung breitete sich im Kino aus, keiner der

Anwesenden nahm die Neuigkeit leichten Herzens auf, und erst recht keiner

der Jungs. Und als Larry später allein mit seinem Fahrrad nach Hause fuhr, da

befand er sich, zu allem Übel, plötzlich in einem Wald, den er noch niemals an

dieser Stelle zuvor gesehen hatte.

Irgendwoher kam sofort der Gedanke: ich hätte es wissen müssen. Was?

Er hatte keine Ahnung. Nichts stimmte mehr, alles war falsch. Die blöden

Russen waren im Weltraum und er war im Wald.

Trotzdem, er musste ruhig bleiben. Wie die Helden in den Filmen. Also

sah er sich erst einmal um.

Da, wo normalerweise der schmale Kendusquatt Creek entlang rann, wo

wilde Brombeerbüsche wucherten und Ahornbäume wuchsen – und man

normalerweise einige der alten Schienenstränge tief im Gras verborgen

erkennen kann, Ausläufer der Mill`n the Hill Railway, wie die Einheimischen

die ehemalige Bahnzufahrt zur Kendusquott Mill oben am Haffner`s Hill


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nannten, ‐ dort jedenfalls, direkt vor Larry, an jener seltsamen vertrauten

Stelle, die er schon tausendmal zuvor mit seinen Kumpels passiert hatte –

genau dort befand sich nun ein dichter Wald. Ein Wald, der vorher nicht da

gewesen war.

Larry stutzte. Er hatte sein Fahrrad den schmalen Weg entlang gelenkt,

geblinzelt, und ... woosh! ... schon war er im Wald angekommen.

Larry ließ sein Fahrrad zu Boden fallen. Er hatte keine Ahnung, was

genau hier geschehen war. Irgendwie erinnerte ihn das an die Comics, die er

so mochte. An Tales from the Crypt und Weird Fiction und The Haunt of Fear,

die er stapelweise zu Hause unter dem Bett hortete.

Doch dies hier war anders, verdammt noch mal, so richtig anders. Dies

war kein EC Comic. Das hier war die Wirklichkeit, und er war mittendrin.

Okay, okay, die Russen haben den Sputnik ins All geschossen, dachte er und

irgendwie fragte er sich, ob das etwas mit dem Wald zu tun haben konnte.

Wie in den Comics. Oder bei Jack Arnold.

Nein, nein, nein, unmöglich.

Er schaute sich um. Spähte tief in die Schatten hinein. Da waren hohe

Bäume mit kranken Ästen, dürr wie die knochigen Arme der Großmutter, die

drüben in Cester Town im Seniorenheim Harmony State lebte; sie reckten

sich den Wolken entgegen, als wollten sie sie vom Himmel hinab in den

wilden Wald ziehen. Es war warm, ein schöner Herbsttag. Insekten summten

in der Luft.

Und was tat Larry? Er dachte an den Sputnik und an seine Gromutter.

Scheiße, er hasste seine Großmutter. Immerzu sah sie ihn streng an, wenn er

sie besuchen musste, und sagte dann sagte sie Dinge wie: „Lügner verenden

an ihren eigenen Lügen.“ oder „Jeder bekommt das, was er verdient.“

Warum, zur Hölle, dachte er gerade jetzt daran?


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Bevor er sich die Frage beantworten konnte, durchfuhr ihn ein Schock.

Jetzt erkannte er, was hier los war. Nicht, dass es einen Sinn ergeben würde,

aber er sah es, klar und deutlich.

Alles hier war gezeichnet.

Larry stöhnte leise auf. Hoch oben im Geäst glühten die Augen einer Eule.

Seltsame Geräusche surrten in der Luft.

Verdammt, verdammt, verdammt.

Die Welt war – verdammt noch mal, das hier war wirklich kein Scheiß –

doch tatsächlich gezeichnet und die Luft trug seltsame Geräusche zu ihm.

Musik war es, ein ganzes Orchester, leise und dennoch laut, verbunden mit

den Geräuschen des Waldes. Es hörte sich an, als sei er noch im Kino. Nur

drei Noten, schramm, schramm, schramm, die wie unruhige Geigengeister in

der einbrechenden Nacht schwebten.

Und alles um ihn herum war Grün und Goldgelb. Herbstland.

Oktoberland.

Lügner verenden an ihren eigenen Lügen.

Oh, halt doch die Klappe, dachte er wütend. Aber die Wut war eigentlich

Angst, und die Angst sehr lebendig.

Lebendig wie die Dinge, die irgendwo im Gebüsch hausten und die er

nicht sehen konnte.

Ihm schauderte. Er dachte an die Geschichte, mit der er seiner kleinen

Schwester so gerne Angst gemacht hatte. Madeleine, keine sechs Jahre alt, die

Filme mit Tieren mochte. Vor allem Bambi. Sie hatte sogar das Buch zuhause,

von einem Typ namens Felix Salten. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde,


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mit Kritzeleien von Madeleine Pearce, na bestens! Er hatte ihr erzählt, was

wirklich in diesen Filmen geschieht. Dann, wenn es im Kino dunkel wird und

die Zuschauer den Raum verlassen haben.

Diese verwöhnte kleine Kuh, Daddys Liebling und Mums Augenstern.

Früher war alles viel einfacher gewesen.

Doch zum Glück hatte sich Larry etwas einfallen lassen. Etwas

Gruseliges, das im Dunkeln lauerte. Er erzählte ihr davon, während es

draußen dunkel und im Schlafzimmer seiner kleinen Schwester

rabenschwarz wurde und er sich grinsend eine Taschenlampe unters Kinn

hielt und Fratzen schnitt und mit verstellter Stimme wisperte.

Solange, bis Maddy zu weinen begann. Ja, wenn er ihr das alles erzählte,

ausschweifend und boshaft wie die Comics, die sich unter seinem Bett

stapelten, dann heulte sie wie ein Baby, wimmernd und laut schluchzend,

doch niemand hörte ihr zu, dem süßen Augenstern, dem kleinen Liebling,

denn Larry erzählte ihr die Geschichte nur dann, wenn Mummy und Daddy

schon fort waren, ja, wenn sie bei Freunden drüben in Rivers Rock waren

oder im Dinah`s Diner in der Edwin Street, wo auch Dr. Dodd der Zahnarzt

seine Praxis hatte. Larry hasste es, den Babysitter zu spielen.

Und jetzt?

Maddy war Zuhause. Daddy war da, Mum war da. Vielleicht roch es sogar

nach Pfannkuchen. Maddy war nicht im Wald. Sie hatte sich nicht verirrt.

Nicht wie ihr Bruder.

Lügner verenden an ihren eigenen Lügen.

Larry zuckte zusammen. Denn nun sah er die Tiere, die er eben noch nur

gehört hatte. Sie verloren ihre Scheu. Keines von ihnen war mehr als ein

schimmerndes Augenpaar in der Nacht. Da waren Zähne, das spürte er. Und

Klauen. Fell, das die Blätter rascheln ließ. Geräusche, die Tiere machten.


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Tiere, die hungrig waren. Die wussten, dass er sich hier verirrt hatte. Hier im

Wald, über dem irgendwo der Sputnik der Russen schwebte.

Alles roch nach Farbe, ganz frisch. Und Larry dachte an seine kleine

Schwester, die jetzt vor dem Fernseher hockte und sich Zeichentrickfilme

anschaute. Auf nach Toon Town.

Nein, daran wollte er jetzt nicht denken.

Lügner verenden an ihren eigenen Lügen.

Ein Satz nur, scharf wie ein Messer. Und Larry hatte Angst.

Plötzlich wusste er, dass etwas Schreckliches passieren würde. Er hatte

keine Ahnung, wie er hierher gekommen war. Er dachte an den Film, den er

als Kind gesehen hatte. An den König des Waldes, der in den Flammen

gestorben war. An das, was er seiner kleinen Schwester erzählt hatte. An das,

was im Kino passierte, wenn es dunkel wurde und die Zuschauer gegangen

waren.

Lügner verenden an ihren eigenen Lügen.

Das Gebüsch vor ihm teilte sich leise. Etwas großes verbarg sich dahinter, er

hatte es die ganze Zeit über geahnt. Alles um ihn herum wurde mit einem Mal laut

und schrill. Bilder flammten auf, im fahlen Licht des Mondes. Bäume und Gräser

und Licht und Nebel und Schnee und Regen und Flüssen und alles gleichzeitig

wie ein Herz, das klopft, klopft, klopft, weil niemand es hier schreien hört.

Er dachte an das Lied. Liebe ist mehr als nur ein Wort. Oh, dieses

dämliche Lied, dessen Text er immer verdreht hatte, bis seine kleine

Schwester sich schluchzend unter die Bettdecke verkrochen hatte. Liebe ist

mehr als nur ein Wort. Er konnte es jetzt hören, hier im Wald. Schwesterchen

klein, man bringt dich fort. Wie hatte er gelacht. Tief in den Wald an einen

finsteren Ort. Und Maddy hatte geheult, oh, wie sie geheult hatte.


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Und jetzt? Larry zitterte am ganzen Leib. Jetzt war er an der Reihe.

Etwas trat aus den Schatten, groß, mächtig. Wie Äste, die zum Leben

erweckt worden waren.

Larry schrie.

Denn das Wesen, das dort erschien, war aus den tiefsten Schlünden

seiner Kindheit emporgestiegen. Sein Fell war räudig und Schaum troff ihm

vom Maul. Es war die Kreatur, mit der er Maddy Angst gemacht hatte.

Schwesterchen klein, man bringt dich fort. Wieder und wieder und immer nur

wieder. Tief in den Wald an einen finsteren Ort. Das Wesen, das er benutzt

hatte, um die Dunkelheit in die Seele seiner kleinen Schwester zu zaubern.

Dem süßen Augenstern, dem kleinen Liebling.

Er weinte jetzt. So, wie die Kleine immer geheult hatte. Er wich nach

hinten aus und stolperte über eine gezeichnete Wurzel. Der Sturz tat weh

und der Schmerz weckte ihn auf. Er zwinkerte und hoffte zu erwachen, aber

dies war kein Traum und auch kein Film. Dies war die Wirklichkeit, die raue,

grausame Wirklichkeit, so wie sie aussah, wenn alle Lichter im Kino

ausgingen und die Zuschauer den Saal verlassen hatten.

Verdammt, er wurde verrückt. Larry kreischte, wimmerte. Das war Bambi,

wie es niemand zuvor je erblickt hatte. Er machte sich vor Schreck in die Hose

und saß nur gelähmt auf dem Waldboden. Er spürte das Laub und die kleinen Äste

zwischen seinen Fingern. Alles war warm und lebendig.

Lügner verenden an ihren eigenen Lügen. Die mahnende Stimme seiner

uralten Großmutter knarrte i Unterholz. Tief in den Wald an einen finsteren

Ort.


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Das Tier, das Ding – mein Gott, Bambi! – es kam näher. Es kam näher und

es sah grausam aus. Es war alles, wovor er sich jemals gefürchtet hatte. Alles,

was die kleine Maddy hatte schreien lassen.

Lügner verenden ...

Bitte, bitte, bitte, flehte es innerlich in ihm, aber nur undeutliche Laute

kamen ihm über die Lippen.

Tief in den Wald an einem finsteren Ort.

Bambi hatte auf ihn gewartet, die ganze Zeit über ...

... wie die Lügen, an denen man verendet ...

Langsam, leise, begannen hoch über Larry Pearce die Blätter zu fallen.

Und als er den Hirsch mit den blutunterlaufenen Augen und den eitrigen

Hufen auf sich zustürmen sah, verließ ihn sein Verstand wie der Sommer das

Herbstland. Lügner, dachte er, verenden an ihren eigenen Lügen. Der heiße

Atem des Tieres schlug ihm ins Gesicht. Er roch das feuchte Fell und hörte

das Grollen tief aus der Bosheit seiner eigenen kleinen Seele aufsteigen – und

die Musik, die laut donnernd wurde wie das Getöse in den alten

Hollywoodstreifen, legte sich wie ein Tuch aus Nacht über all das, was im

Kino passiert, wenn das Licht verloschen ist und die Zuschauer den Saal

verlassen haben.

Ende (22. November 2010)

PS. Die Geschichte, die Sie gerade gelesen haben, habe ich geschrieben,

weil einer meiner Schüler mich mit der Vorgabe „Schreiben Sie doch etwas

über ein tollwütiges Bambi“ dazu aufgefordert hatte, mich ebenfalls an den

Kurzgeschichten zu beteiligen, die zum Thema „Moderne Märchen“ verfasst

werden sollten (ich glaubte schon immer, dass auch EC‐Comics und


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Gruselfilme eine Art Märchen darstellten). Ich hoffe jedenfalls, die Story ist

gelungen. Sie zu schreiben hat mir viel Spaß bereitet, sie im Seminar

vorzulesen ebenfalls (und einige der Sätze, die Lacher hervorgerufen haben –

„Bambi, mein Gott, es ist wirklich Bambi!“ ‐, sind nun entfernt worden).

Geblieben sind viele Anspielungen ... und ein wirklich böses Bambi!

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