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Man riecht den

Man riecht den Kohlenmeiler von Weitem, es «bränntelet» Wer mit Markus Wicki zu tun hat, wird angeschwärzt: Sein Händedruck hinterlässt einen staub schwarzen Eindruck. Und macht klar, wie facettenreich und farbig Schwarz sein kann: Der Köhlerhaufen selber steht da wie ein kohlpechrabenschwarzer Mohrenkopf, qualmt und dampft gewittergrau, und wer ihm zu nahe kommt, mottet noch tagelang wie ein ausgebranntes Chalet. Rund um den Kohlenmeiler schimmern bären dreckschwarze Wasserpfützen, Pechgeruch ätzt die Nase. Aus Wickis russgepudertem Gesicht sticht das Augenweiss hervor wie die letzten Schneeflecken auf den Zinken des nahen Pilatus. Markus Wicki, 45 Jahre alt, ist Bauer, Entlebucher und einer der letzten Köhler der Schweiz. Er und ein Dutzend seiner Nachbarn stellen Aufbau. Dreistöckig werden die einen Meter langen Holzspälten zu einer Art Iglu aufgeschichtet. nach alter Väter Sitte Grill-Holzkohle her. Köhlerverband Romoos nennen sie sich. Sie sind die Köhler vom Napf. DA, WO DRACHEN HAUSEN Das Napfgebiet ist der Wilde Westen Luzerns. Die Landschaft ist schroff und sanft zugleich. Hat schmei cheln de Hügel, aber auch tief ein gekerbte Täler mit Weilern zuhinterst in den «Chrächen». Im Napf gibts die zünftigsten Gewitter, den pfiffigsten Fichten- Likör und die hinterlistigsten Hunde. Köhler Wicki lebt mit seiner Frau Priska und den drei Töchtern in der Gemeinde Romoos, Siedlung Bramboden, Weiler Drachslis. Ein Abenteuer, die Familie zu finden, denn Romoos ist so gross wie der Kanton Basel-Stadt. Hat man all die Strässchen abge fahren, vorbei an auffallend vielen Geburtstagsschildern («20 Johr – Vöu Glöck»), und bleibt in einer Lichtung stehen und denkt, es geht nicht mehr weiter – gehts weiter, stotzig, steinig, bis zuhinterst ins Tal (man riechts von Weitem, es «bränntelet»), wo am Fusse eines Felsens der Hof der Wickis steht. Drachslis heisst die Adresse. Woher der Flurname stammt, weiss Wicki nicht, aber so einsam und verwunschen wie der Ort ausschaut, hat hier vor Urzeiten bestimmt ein Drache gehaust. EIN IGLU AUS HOLZ UND LÖSCHI Fünf Kohlenmeiler im Jahr lässt Wicki schwelen, den ersten im März, den letzten im Oktober. Die Schwerstarbeit beginnt im Winter. Ganz allein schlägt und schleppt Wicki die Bäume aus den Wäldern und sägt «s Houz» in ein Meter lange Spälten zurecht. Dann wird aufgebaut, zwei Wochen lang: viel Buche, auch Esche, Ahorn, Erle. Aber nur wenig Tanne, denn diese, erklärt Wicki, gebe minderwertige Holzkohle, solche, die funkt und sternt im Grill, «und das mag man beim Brötle nicht». Er schichtet die Spälten igluförmig und mehrstöckig auf, rund um eine Art Kamin herum, «Füllihus» genannt, wo er später glühende Kohle hineinschüttet. Die Holzhalbkugel, sieben Meter im Durchmesser, wird mit Tannenreisig verkleidet und mit Löschi verkleistert, einer klebrigen, griessartigen Mischung aus Kohlestückchen und Wasser. Der Meiler ist jetzt luftdicht verschlossen, ohne die Löschi würde das Holz verbrennen, lodern statt glimmen, Asche statt Kohle. Zuoberst auf dem Meiler stehend, leert Wicki jetzt glühende Kohle ins Fülliloch – das Köhlern beginnt. Tanz auf dem Vulkan. Wicki steht auf dem Kohlenmeiler und stampft die Löschischicht, damit keine Hohlräume entstehen. VIEL WALD – VIEL KOHLE Jahrhundertelang machten die Menschen im Entlebuch Kohle. Abnehmer waren Schmiede aller Art, denn wer Eisen, Gold oder Kupfer heiss bearbeiten will, braucht so hohe Markus Wicki belegt den Holzhaufen mit Tannenreisig, sein Vater Hermann (links) hilft mit. Hinten schwelt ein Meiler vor sich hin. 118 119

«Köhlern ist ein hartes und sehr dreckiges Handwerk» Zwei Wochen lang raucht der Köhlerhaufen vor sich hin: Wo es zu wenig glimmt, sticht man Luftlöcher in die Löschischicht. Wo es brennen will, müssen die Löcher verschlossen werden. Temperaturen, wie sie nur mit Kohle erzielt werden. Im Napf steht viel Wald, doch das Gebiet ist so unwegsam und unerschlossen, dass geschlagenes Holz früher nicht wegtransportiert werden konnte, sondern an Ort und Stelle verarbeitet wurde – zu Holzkohle. Über 200 alte Köhlerplätze sind in der Region bekannt. RUSSVERSCHMIERT NACH BERN Der Köhler, der schwarze Mann, der im Wald lebende Sonderling, war stets auch eine Gestalt, welche die Fantasie anregte, Märchenerzähler inspirierte und Räubergeschichten nährte. Doch selbst Könige erkannten, wie wichtig Köhler waren, dank deren Kohle man Waffen schmieden konnte. Und so waren in deutschen Landen die Köhler früher die einzigen Berufsleute, die beim Besuch des Königs ihr Gesicht nicht waschen mussten. «Eine gute Idee», meint Wicki, «vielleicht sollte ich auch mal russverschmiert nach Bern gehen und bei den Bundesräten auf den Tisch klopfen!» Es folgt eine Ausführung über einen Bundesrat mit Doppelnamen, der für Geld und Zukunft der Bauern zuständig ist. Denn eigentlich ist Wicki Bauer, er betreibt eine Kälbermast, erzielt mit dem Köhlern aber über die Hälfte seines Einkommens. Dabei sah es mal schlecht aus für das alte Handwerk: Als die Industrie (die Napf- Köhler belieferten von Moos Stahl in Emmenbrücke) ihre Hochöfen immer mehr mit Öl, Gas und Strom heiz te, brach die Holzkohle-Pro duktion im Entlebuch ein. Die Köhler sahen für ihre Zukunft schwarz. heutiger CEO der Firma, verkauft jährlich 17 000 Sechs-Kilo-Säcke Napfkohle (à Fr. 12.90). «Wir könnten gar die doppelte Menge verkaufen», sagt er. «Sie ist ein reines Naturprodukt, ausschliesslich im Meiler produziert»; ausländische Holzkohlen seien oftmals Retortenprodukte. «Romooser Grill-Holzkohle» steht auf jedem der braunen Papiersäcke, darunter der Stempel «Echt Entlebuch». TAG UND NACHT AM STAMPFEN Mittlerweile schwelt Wickis Kohleberg seit vierzehn Tagen. Die Kunst ist, den Meiler gleichmässig kohlen zu lassen. Glut, Feuchte, Temperatur und Durchzug müssen stimmen. Wo es zu wenig glimmt, sticht Wicki Luftlöcher in den Löschimantel, wo es abfackeln will, verschliesst er die Löcher wieder. Und alle paar Stunden steigt er auf den Kohlehaufen und stampft die Löschi, damit keine Hohlräume entstehen. Rund um die Uhr wird der Meiler umsorgt, darum nächtigt Wicki in einem Bauwagen neben dem Haufen. Alle zwei Stunden lässt er sich vom Wecker wachrasseln und schaut zum Rechten. Nach zwei Wochen ist der Meiler durchgekohlt, wird mit Folie bedeckt, kühlt vier Wochen aus. Dann wird das «schwarze Gold» herausgeschaufelt. Pro Jahr produziert Wicki zwanzig Tonnen Holzkohle. Gern würde er mehr machen, doch ohne Hilfe sei das nicht zu schaffen. «Und wer will heute noch Köhlern?» DIE ZUKUNFT Drei Töchter hat Wicki, Stefanie, 19, Tanja, 11, und Ilona, 9. Künftige Köhlerinnen? Die Mädchen haben andere Pläne. Köhlern sei ein hartes Handwerk, «und ein dreckiges», betont Wicki, schnäuzt Russ und rubbelt sich die harz verklebten Unterarme. «Jänu, isch haut eso», er sei wohl der Letzte hier auf dem Drachslis-Hof, der «Houzchole» brenne, meint er und pustet sich Kohlestaub aus dem Schnauz. Immerhin lasse ihn das Köhlern jung aussehen, «mein Schnauz wäre eigentlich grau», frotzelt er, «glänzt aber dank der Arbeit rabenschwarz». Er grinst, jetzt verkohlt er uns! Dem sagt man dann wohl schwarzer Humor. C Alle zwei Stunden, auch nachts, kontrolliert Wicki seinen Köhlerhaufen. In einem alten Bauwagen gleich neben dem Meiler hat er sich eine Schlafstatt eingerichtet. DER RETTER OTTO INEICHEN Dann kam Otto Ineichen. 1986 wars, als der mittlerweile verstorbene Unternehmer (Otto’s) und Nationalrat den Köhlern vorschlug, statt Industrie- künftig Grill-Holzkohle zu machen. Von da an gings wieder aufwärts. Ineichens Sohn Mark, Wie ein riesiger, «bränntelnder» Mohrenkopf. Markus Wicki besprengt die Löschischicht des Meilers mit Wasser. 120 121

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