Probekapitel Marion Marxen / Michael Seiterle / Alex Sonnentag ...

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Probekapitel Marion Marxen / Michael Seiterle / Alex Sonnentag ...

Probekapitel

Marion Marxen / Michael Seiterle / Alex Sonnentag: Einstein im Gully

Michael Seiterle

Mord unter Büchern (gekürzter Auszug)

Die Leiche lag seltsam verrenkt auf dem grauen Teppichboden des Antiquariats. Über

ihr Dutzende von Taschenbüchern. Der Drehbuchständer lag gebrochen über den Beinen

des Toten. Die Rollen, die an Schreibtischstühle erinnerten, standen still. Der Pullover,

der ein fremdartiges Muster aus weinroten Streifen erkennen ließ, war von halb getrocknetem

Blut und Konsalik-Taschenbüchern verunstaltet, aber noch gut erkennbar.

Einige Fetzen Simmel schienen sich willentlich unter die Kniekehlen verkrochen zu

haben. Irgendeine Erstausgabe von Zola prangte auf dem Herz in rot. Albrecht Goes

Brandopfer bedeckte den Schritt. Die Leiche hatte sich an das stabilere Regal, in dem

sich laut gelbem, selbstgemachtem Schild „Alte Bücher“ befinden sollten, gelehnt.

Darüber – von der kalten Kugelglühbirne widerwillig bestrahlt – eine Frankenkarte aus

der Zeit, als man auf so etwas noch Wert legte und daneben ein fast ebenso altes Plakat

mit „Unser Aschaffenburg“ in schwarz-weiß.

Schon wieder eine verdammte Leiche. Es war, als ob sie mich verfolgten. Ich hatte gehofft,

dass es nach meiner Versetzung nach Aschaffenburg etwas ruhiger zugehen

würde, aber ich war ja auch selbst schuld.

Der Gerichtsmediziner ließ auf sich warten, aber glücklicherweise hatte ich ja einmal

ein Austauschsemester am gerichtsmedizinischen Institut absolviert und konnte mir

meinen eigenen Reim machen. Totenstarre, Totenflecken und die gefühlte Körpertemperatur

ließen mich den Zeitpunkt des Mordes auf die zwei Stunden zwischen 20

und 22 Uhr am Vorabend eingrenzen.

Die Leiche wies keine besonderen Verletzungen auf. Die Augen waren wirr-verdreht,

die Arme ein wenig zu lang, und von der zweifelhaften literarischen Auswahl einmal

abgesehen, ein recht stattlicher, intakter Mann, der nur eben das Pech hatte, tot zu sein.

Keine Verletzungen, ein komischer Blick, verrenkte Gliedmaßen – das konnte nur

zweierlei bedeuten: Tod durch Ersticken oder Gift.

Ich weiß, eine dumme Angewohnheit eines Polizisten bei der Mordkommission, aber

ich musste mich erst einmal übergeben. Ich schwankte durch die schwere Metalltür aus

dem großen Antiquariatsraum, wich den Plakatblicken eines auf Man in Black

machenden Norbert Meidhof und der grinsenden Atomkraft-Nein-Danke-Sonne aus und

torkelte an einer kahlen Wand vorbei, die mit etwas wie einem postmodernen

Zoostillleben mit halbstarkem Sprayer-Schriftzug bemalt war (zumindest in meinen

Augenwinkeln konnte ich eine Art Rüssel wahrnehmen). Für derartige Spezies war

wohl auch der Lichtschalter für die Toilette angebracht worden, denn das blasse, weinrote

Viereck hatte gut und gerne eine Seitenlänge von 15 cm, aber in diesem Moment


war ich dankbar. Das Klo empfing mich ganz in weiß – abgesehen von dem Handtuchspender

mit den grünen Papierhandtüchern und dem laminierten ausführlichen Hinweis

(Tenor: bitte nicht daneben pissen, denn wir müssen es wieder aufwischen) und den

braun-roten Bodenfliesen, denen ich nun leider einen etwas bunteren avantgardistischen

Sprenkel-Touch verpassen musste.

Zurück bei der Leiche ging es mir besser. Warum war ich nur in diesen gottverdammten

Landstrich geraten? Es hätte Oberfranken sein dürfen. Kein großartiger Klimawechsel,

tolle Felslandschaften und billiges Bier. Von mir aus auch die Oberpfalz. Zur Not auch

der tiefe, dunkle, sehr tiefe und sehr dunkle Bayerische Wald, der mir trotz plötzlicher

neu entdeckter rothomoerotischer Toleranz immer noch in jeder Hinsicht tiefschwarz

erschien. Meinetwegen auch der Bayerische Wald.

„Aschaffenburg“, peitschte die Stimme meines tomatengesichtigen Vorgesetzten und ich

konnte seinen zuckenden Lippen in dem kalt-disziplinierten Gesicht ansehen, dass er

mich a) am liebsten geköpft oder zumindest fristlos entlassen hätte, was er aber nicht

konnte, weil ich als Beamter im gehobenen Dienst unkündbar war, weshalb er b) es genoss

wie ein sadofaschistischer Gefängnisaufseher, dass er mich in die schlimmste, unzivilisierteste

und verkommenste Provinz des ganzen Freistaats versetzen konnte. Nach

Aschaffenburg. Allein der Gedanke, dort arbeiten zu müssen, ließ meine wohlerzogene,

umfassend gebildete und aus gutem Hause stammende Münchner Stadtseele erzittern.

Tiefste Provinz. Aschaffenburg. War das wirklich noch Bayern? Na, wenigstens nicht

Hessen, auch wenn man in Aschaffenburg alle Einwohner für Handkäsfresser halten

konnte, wenn sie Gude morsche und Ei gude wie sagten, sich selbst als Aschebescher

bezeichneten oder sonstige verwaschene Kommentare von sich gaben, die alle klangen

wie Heinz Schenk nach dem dritten Bembel.

„Herr Seibert. Was ist los mit Ihnen? Sie waren doch auf der besten Polizeischule

Bayerns. Da schickt man sie zum Kommissariat in das schickste Münchner Stadtviertel,

wo sonst nur Katzen von den Bäumen geholt und Ehebruchfälle unter die Perserteppiche

gekehrt werden müssen, und dann das. Drei Mordfälle in sechs Wochen. Alle

ungeklärt. Der Kunstmaler vergiftet, der Bankierssohn mit einem malträtierten Gesicht,

das seine eigene Mutter nicht mehr erkennen würde und der Ministerialrat ersoffen in

der Wellness-Therme. Sie haben nicht die geringste Spur. Ich muss Sie versetzen! Und

glauben Sie mir, ich würde noch etwas ganz anderes mit Ihnen und Ihrer widerlichen

Kartoffel machen, wenn Sie nicht so einflussreiche Verwandte hätten.“

Die Tomate wurde vor Freude noch ein wenig roter, knallte mir eine Dienstanweisung

mit den genauen Eckdaten meiner zukünftigen Stelle hin und kugelte aus dem Büro.

Man konnte doch nichts für sein Aussehen. Nun, vielleicht für den Umfang des Körpers,

aber sonst. Abstehend oder anliegend, kleine Kuller oder quellende Glubschige, Stubs

oder eben – zugegeben – Hinkelstein anmutende Knolle wie bei mir. In dieser Hinsicht

waren wir Spielball der Natur, die sich wohl damit für unsere Wissenschaftshörigkeit

und das allmähliche Beherrschen und Auslöschen der Naturkräfte rächen wollte. So

kommt es, dass geniale Ermittler wie ich eben ein recht überdurchschnittlich

dimensioniertes Riechorgan haben und darunter leiden müssen. (Und sagen Sie jetzt


nicht „Spürnase“ – diese Sprüche musste ich mir vom ersten Tag an auf der Polizeischule

in Schwabing anhören und ich habe sie gehasst; und sagen Sie jetzt bitte nicht:

„Er hatte eben die Nase voll davon“!). Und trotz aller Etikette und Manieren habe ich

die Erfahrung gemacht, dass man desto schlimmer, subtiler und verletzender gehänselt

wird, je höher die gesellschaftliche Schicht ist, in der man sich bewegt. (Und durch

mein Elternhaus musste ich eben immer zwischen diesen Künstlern, Bankiers und

Mandatsträgern herumlächeln und Interesse heucheln, während ich mich innerlich

wieder und wieder übergab.) Der Pöbel zeigt mit dem Finger auf dich, macht einen

derben direkten Spruch, lacht drei Mal laut und dann ist das Thema erledigt. Im Gegensatz

zur Haute Volée ist sich diese Volksgruppe nämlich sehr wohl bewusst, dass auch

sie Fehler hat. Der Generalstab, der Adel und die Reichen lästern anders. Sie tuscheln.

Wispern mit gerümpfter kleiner Nase. Erzählen von anderen, die gehört haben, dass ein

Dritter sich über dieses kleine – nun sagen wir – Läunchen der Natur ausgelassen habe.

Sie wenden sich ab, wechseln die Straßenseite, lächeln dich an und geben hinter ihrem

Rücken irgendeinem Grafiker einen Auftrag für eine verunstaltende Karikatur, die dann

über Twitter und auf Parties hinter vorgehaltenen Händen kursiert und zum geheimnisvollen

Schmunzeln ermuntert. Sie sitzen fett in ihren VIP-Lounges, erzählen flüsternd

die Story von Pinocchio und machen dazu unanständige Gesten. Wie habe ich es gehasst.

Wie habe ich gelitten!

Sechs Wochen nach diesem Gespräch mit meinem Chef roch mein erwähntes, etwas zu

groß geratenes Organ den Geruch der Herstallstraße oder Herrschelgass, wie sie hier

sagen, ohne auch nur einen Schluck zuvor getrunken zu haben. Ich schlenderte durch

die Fußgängerzone und mir schien es, als ob ganz Aschaffenburg an einem Samstagvormittag

nichts anderes zu tun hatte, als durch eben diese leicht abfallende gepflasterte

Straße zu schlendern und alle fünf Minuten, ein erfreutes Ei gude wie, Servus oder

sonstiges durch die Luft zu schleudern, nur um dann minutenlang Dinge zu erzählen,

die man schon fünf Mal an diesem Vormittag erzählt hat. Es schien, als sei es der

samstägliche Selbstzweck des Aschaffenburgers, durch die Herstallstraße zu laufen,

nichts einzukaufen, dumm zu babbeln und vor allem gesehen zu werden.

Die Straße bot ein Bild des üblichen jammervollen Ketteneinheitsbreis deutscher Fußgängerzonen:

Billigbäcker, Goldankäufer, Modefranchiseläden mit cooler Musik,

Fastfoodfranchiseläden mit gekühltem Fisch, kreischend bunte Handyläden, denen

Nordsee und coole Musik viel zu uncool waren, da es für alles und jedes ein besseres

App gibt, als die Wirklichkeit es sich je leisten könnte. Wenigstens gab es noch den

Quoteneinbeinigen, der so schlecht Mundharmonika blies, dass er wohl auf die

musikalische Mitleidstour machte und eine Eisdiele, die aber leider auch schon

Schlumpf-Eis, Raffaelo-Becher und Hello-Kitty-Servietten im Programm hatte.

Plötzlich wurde ich von einem großen Hakennasigen angerempelt. Der Mann hatte

schwarzes Haar, das ihm lustlos auf die Schultern fiel und einen stechenden Blick, der

aussah, als hätten sich zwei depressive Oliven in seine Augen verirrt. Unter seiner

Achsel litten einige Taschenbücher und sehnten sich nach dem Tod. Er warf sich herum,

stach mich mit seinen Oliven scharf an und setzte gerade zu einer Tirade über Höflichkeit,

Umgangsformen und Rücksichtnahme an, als sein Blick auf meine Nase fiel und er


plötzlich in prustendes Gelächter ausbrach, sich mit der einen Hand den Bauch hielt, mit

der anderen auf mein Gesicht zeigte und dann johlend seines Weges ging. Ein wirklich

wunderbarer Start in mein neues Leben in Aschaffenburg. Entsprechend niedergeschlagen

trottete ich weiter, bog ziellos links ab in die Riesengasse und landete am

Boden zerstört im Café Krem.

Der Lautsprecher säuselte exotische atonale Melodien. Es hörte sich an, als würde

jemand bei jeder Silbe die Stimmbänder der Sängerin noch etwas anzupfen und zum

Schwingen bringen. Nur die Bildschirme mit Herz-Schmerz-Videos und hoffnungslos

überzeichneten und überschminkten Protagonisten fehlten zur Authentizität. Der Wirt ist

nicht überschminkt. Als er mir den Kaffee serviert, erinnert er eher an einen verbeamteten

Ex-Hells-Angel-Mann, der gerade die Erleuchtung gefunden hat. Der Vollbart

näherte sich der imaginären Brustwarzenlinie, die Brille eine metallene

Reminiszenz an die Zeiten, als Optiker nur Handwerker und keine Diplomdesigner sein

mussten. Die langen Haare ein akkurat geflochtener Zopf, die Krücke als Zeichen der

Zeit. Der – wie ich erfuhr – obligatorische Kuchen. Ich nahm ein Stück und eine Frau

servierte ihn mir mit ostasiatischem, undurchdringbarem Lächeln und einem Hauch an

Verbeugung – ein kleiner Trost, der mich etwas aufheiterte. Wie dieses Paar war alles

hier im Café Krem west-östlich, nur ohne Diwan. Zusammengewürfelt, herrlich bizarrexotisch,

erfrischend unschubladig: Da baumelte ein grell-bunter Lampion auf gleicher

Höhe mit kriechenden Langusten-Imitaten. Der Messias hing neben einem Reprint-

Druck des Schwedenkönigs Gustav Adolf vor Aschaffenburg und einem Aushang zum

Maishähnchen in Bio-Qualität. Barbusige Frauen räkelten sich auf Tigern oder Löwen.

Ein kleiner rot-leuchtender Altar beschützte Räucherstäbchen neben der Stereoanlage

und an der Angebotswand hingen Bilder von vietnamesischen Spezialitäten, Werbung

für Eisbock-Bier und ein Bild von einem Wasserfall, den keiner kennt. Plötzlich wurde

die Tür aufgestoßen und Olivenauge stapfte wortlos herein – die Taschenbücher immer

noch im Klammergriff seiner Ausdünstungen. Er nickte dem Wirt kurz und dekadenbekannt

zu und verschwand dann über die steile Treppe im Keller. Der Wirt lächelte,

thronte in seinem Eck zwischen Kaffeevollautomat, Hochprozentigem und der mit

Kuchen, asiatischen Keramikkriegern und einem Blumengesteck völlig zugestellten

Theke und strahlte Weisheit aus oder Gleichgültigkeit – was in letzter Konsequenz wohl

auf das Gleiche hinausläuft. Wer hätte denn ahnen können, dass ich hier im Keller

dieses Cafés – im Buchantiquariat – ein paar Tage später meine erste Aschaffenburger

Leiche zu begutachten hätte?

Die lag nun vor mir. Olivenauge. Es war Samstag morgen. Zu früh, selbst für einen

normalen Magen. Der erste Zug hatte mich von meiner Single-Wohnung in Obernau

zum Hauptbahnhof gebracht, auf dem ich vor lauter Müdigkeit die fünf polnischen

Putzfrauen fast über den Haufen gerannt hätte – so aber auf mein gemurmeltes, schlaftrunkenes

Tschuldigung nur lebensfrohes, heimaterwartendes Geschnatter geerntet hatte.

Der Bindfaden-Regen, der mich auf dem Weg vom Hauptbahnhof gänzlich davon

überzeugt hatte, dass dieser Tag nicht in die Top-Ten meiner besten Lebenstage einziehen

würde, trommelte nun höhnisch an die Scheiben des Café Krem. Zeus grollte,

aber keiner hörte ihm zu. Ich war bemüht, meinen Magen im Griff zu behalten. Blitz-


lichter gewitterten in meinem Kopf und trafen empfindliche Synapsen, Kriminaltechniker

zückten Plastiktütchen wie Statussymbole, andere spielten Nummernboy mit

Beweisstücken. Auf dem großen, rechteckigen, giftig grünen und dem daran geschobenen

runden, braunen Tisch hatten sie ihre Koffer und Instrumente aufgebaut, ihre

Pröbchen, Beutelchen und Röhrchen aufgestellt, wie Soldaten in Kampfformation.

Dazwischen versteckten sich wie Anarchisten aus besseren Zeiten ein paar Faust-Bierdeckel

und Flyer einer Dichtergruppe namens Main-Reim, die hier wohl kürzlich gelesen

hatte. Das gute Dutzend schwarzlackierter Billigstühle, die schon bessere Tage erlebt

hatten, ächzte unter unausgeschlafenen Beamtenärschen. Drumherum überall

Bücher. Liebevoll gesammelt und geordnet: „Gesundheit“, „wertvolle Bücher“,

„Religion“, „Klassiker“, „Reiseführer“. Eine tragende Steinsäule war mit alten Anzeigen

aus Zeitungen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bestückt: Ich erfuhr, dass man

auch während des Krieges „schlafpatente Möbel“ erwerben konnte, wusste, wo ich das

Reichsadressbuch von 1915 hätte bestellen können und was ich zur nächsten Haustrinkkur

benötigt hätte. Taschenbüchertitel grinsten mich aus ihren herrlichen Drehständern

an. Mein Kopf drehte sich. Der Schatten mit den scharfen Krallen. Der große

Spurt. Es geschah im Nachbarhaus. Tommi, Tina, Jan und ich. Sollte ich die alle lesen?

Lag der Schlüssel zu dem Mord in den Büchern? Ich flüchtete in Zeugenbefragungen

und Ermittlungsarbeit.

Sie liefen ins Nichts. Ein einziges Desaster im warmen Dauerregen des Augusts. Der

Wirt hatte nichts beobachtet. Der Mann war Stammgast. Kam jeden Tag. Verbrachte

Stunden mit den Büchern. Ansonsten hatte der Wirt am Abend wie immer alles zugesperrt

und erst am nächsten Morgen die Leiche entdeckt.

Der Streife der freundlichen Uffbasser war in dieser Nacht nichts Außergewöhnliches

aufgefallen – es sei eine ganz normale ruhige Freitagnacht gewesen. Die üblichen vom

Leben und der Nacht Enttäuschten oder Berauschten, die sich vorm benachbarten Gully

tummelten und mal ein wenig lauter wurden, aber sonst nichts. Kein Schrei. Keine

Fremden. Keine dunklen Gestalten. Kein Kampf oder Ähnliches.

Ich hörte mich in der Nachbarschaft des Mannes um. Der Mann sei Einzelgänger gewesen.

Habe ständig Bücher mit sich herumgetragen. Er komme aus Korsika oder

Kalabrien oder von irgendeiner dieser Inseln. Er handelte mit Kosmetika, die er ausschließlich

auf Hausparties in der Österreicher Kolonie vertickte. Arabische Pasten,

Rosenwässerchen aus dem Süden, Crèmes aus Fernost. Er war bei den Frauen ebenso

beliebt (ein Charmeur, endlich einer, der uns versteht, und die tollen Produkte, die er

immer dabei hat), wie er den Zorn der Männer auf sich zog (dieser dahergelaufene

Franzack, der unseren Frauen die Köpfe verdreht, und sauteuer ist das Zeug, wehe,

wenn ich dich mit dem erwische). Toll. Damit hatten auf einen Schlag 50% der Bevölkerung

in der Österreicher Kolonie ein Motiv: alle Männer.

Am Nachmittag machte ich mich auf den Weg in die Österreicher Kolonie. Ich fragte

mich durch. Klingelte an Türen. Behaarte Brüste in Feinripp gepackt. Hausfrauen in

Schürzen mit Bratenflecken. Verstörte, liebesverkummerte, verkaterte Mitzwanzigerin

mit wirrem Blick und verwirrtem Haar in Jogginghose und Sweatshirt. Hörte mich in


schäbigen, mit Urin-Alkoholdämpfen vernebelten Kneipen um, befragte das Personal

des Café Viktor. Ehrliche Polizeiarbeit eben.

Ich hatte hier in der Provinz mit einer schweigenden, verbohrten Wand gerechnet, aber

es erwartete mich ein Meer an geschwätzigen Anschwärzern: Der Bauer X sei am

Freitag Abend gar nicht zum Stammtisch gekommen, obwohl das nicht seine Art sei und

er sich sonst die Hefeweizen literweise in die Kehle gieße. Händler Y sei ganz spät,

zerzaust und mit wirrem Blick aufgetaucht, um sich erst einmal drei Schnäpse in Folge

zu genehmigen. Und bei Z war schon seit Jahren nur noch tote Hose im Ehebett und es

wusste jeder, dass Zs Frau dies als recht starke Einschränkung ihres Lebens empfand

und keine Gelegenheit ausließ, um entsprechend Abhilfe zu schaffen.

Auf dem Rückweg entging ich nur knapp dem Tod. Als ich die Kolbornstraße überquerte,

bog gerade ein schwarzer Honda mit quietschenden Reifen ein. Der dunkelhaarige

Fahrer sah nicht aus, als wüsste er, wo er hin wollte und hatte gerade erst zwei

jungen Frauen im roten Einser-BMW die Vorfahrt genommen. Er hätte mich in seiner

Verlorenheit fast übersehen. Irgendwie wie ein gealterter finnischer Skispringer, dachte

ich mir, auch wenn ich nicht wusste, warum.

Am nächsten Tag vernahm ich X, Y und Z, um den Schein zu wahren. Ich nahm sie hart

ran, protzte ein wenig vor den Dorfpolizisten mit meinen Münchner Verhörmethoden

und musste sie dann aber wieder laufen lassen. Mir fehlte wieder einmal jede Spur.

Am Abend kritzelte ich meinen ersten Bericht. Es würde nicht lange dauern, bis entsprechende

Kommentare oder weitere durch meinen Chef angeregte Versetzungen aus

München mich erreichen würden. Da fiel mein Blick auf das Main-Echo, das auf dem

Schreibtisch lag...

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