Das war Gießen 2013 - Gießener Allgemeine

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Das war Gießen 2013 - Gießener Allgemeine

CAMPUS

ger – vorausgesetzt, ich würde in Siegen so

pünktlich ankommen, dass die nicht gerade

großzügige Sieben- Minuten-Frist zum Umsteigen

reicht.

Ruhig ist es im Bus. Während neben der Sauerlandlinie

Dillenburg und Haiger im Nebel

vorbeiziehen, hört man nur das Rauschen der

anderen Autos, die sich an diesem Morgen

ebenfalls in Richtung Nordrhein-Westfalen

bewegen. Busfahrer Schäfer grüßt mit lässigen

Handbewegungen seine Kollegen, die

uns auf der Gegenfahrbahn passieren. Nur

kurz telefoniert einer der Mitfahrer, die meisten

haben die Augen schon kurz vor Wetzlar

geschlossen und dösen lautlos ihrem Ziel entgegen.

Der Bus bietet keinen Luxus wie

Steckdosen oder WLAN, die in anderen Bussen

vorhanden sind (Letzteres zum Beispiel in

jenem, der auf der Rückfahrt eingesetzt werden

wird), doch bequeme Sitze, in denen

man sich noch ein gutes Stück zurücklehnen

kann, sind in ausreichender Zahl vorhanden.

Die Haltestelle in Siegen ist nahe des Bahnhofs

gelegen. Eine Frau steigt zu. Nach drei

Minuten in der Haltebucht geht die Reise

weiter und kurze Zeit darauf erklimmt der

Bus die Berge des Sauerlandes. In den Tälern

hängt noch der Dunst, oben strahlt die Sonne

aus einem wolkenlosen Himmel. Von den

drei Grad, die das Busthermometer anzeigt,

ist im Bus nichts zu spüren, es ist angenehm

warm. Busfahrer Schäfer ärgert sich über

»Elefantenrennen« zwischen Lkw-Fahrern

und grummelt auf dem Fahrersitz.

Zweieinhalb Stunden nach der Abfahrt in

Gießen erreichen wir Dortmund, wo der Bus

in die Gegenrichtung ebenfalls gerade eintrifft.

Zwei Fahrgäste rauslassen, zurück auf

die Straßen der Dortmunder Nordstadt. Für

die letzten Kilometer steigt niemand mehr zu,

sechs Fahrgäste und ein Busfahrer. Die Dame

aus dem Navigationsgerät säuselt davon, dass

Schäfer dem Straßenverlauf folgen soll, während

er am Kamener Kreuz von der A2 auf

die A1 wechselt. Der Flixbus von Dortmund

nach Berlin, der uns kurz zuvor überholt, und

der grüne meinfernbus.de auf der Gegenfahrbahn,

den Schäfer noch vor Hamm grüßt,

zeigen, dass Fernbusse schon zum normalen

Autobahnbild gehören – und geben dem

Fahrgast eine Vorstellung davon, dass da ein

riesiger Markt sein muss, der jahrzehntelang

nicht bedient werden durfte.

Von Gießen aus fährt deinbus.de, einer der

Pioniere auf dem Markt, mittlerweile nach

Münster, Dortmund, Köln und Aachen. Siegen

und Marburg dürfen zum Schutz des

Nahverkehrs nicht direkt angefahren werden.

Die Preise starten bei 9 Euro. Maximal zahlt

man z. B. 24 Euro bis Aachen oder Münster.

Wer im Internet bucht, profitiert von den

günstigereren Online-Preisen. Ein Schmankerl:

Zu Silvester gibt es ein Special von

Gießen nach Amsterdam.

»Große Sitzabstände, Toiletten, Getränkeund

Snackangebot, WLAN und Klimaanlage

gehören mittlerweile zum festen Repertoire

unserer Fernbusse. Außerdem haben wir

immer eine kleine ›On-Board-Bibliothek‹

dabei«, sagt Pressesprecherin Jessica Masik.

Für das Unternehmen gab es zwei Gründe in

Gießen zwei Linien zu eröffnen. Die vielen

Studenten und: »Die Bahnanbindung in Richtung

NRW ist suboptimal. Mit unserem Angebot

konnten wir in der Hinsicht Abhilfe schaffen.

Und das Angebot wird mit erfreulicher

Resonanz angenommen, wir sind zufrieden

mit der Auslastung den Linien und freuen uns

über das Feedback von Gießener Studenten.

Einer schrieb mal: ›Ihr seid der Lichtblick für

meine Fernbeziehung‹«, erzählt Masik.

Mit einem lachenden und einem weinenden

Auge betrachtet das Unternehmen die Haltestellensituation.

»Die Haltestelle bietet bei

ungemütlicher Witterung keine Möglichkeit

zum Unterstellen, zudem ist sie schlecht an

den Nahverkehr angebunden. Charme versprüht

sie auch nicht, so wie sie die An- und

Abreisenden und Touristen begrüßt. Die Nähe

zur Autobahn ist aber ein großer Pluspunkt.

Dennoch würden wir uns wünschen,

dass die Haltestelle an der Automeile keine

Dauerlösung bleibt«, sagt Masik.

Deinbus.de ist auf dem heiß umkämpften

Markt im ersten Jahr stark gewachsen und hat

die Zahl der angebundenen Städte mehr als

verdreifacht. Derzeit wird geprüft, ob weitere

Ziele ab Gießen möglich sind.

Münster liegt an diesem Donnerstagmittag im

Nebel. Es ist auch ein grauer Dezembermittag,

an dem Schäfer seinen Bus überpünktlich

um 12.07 Uhr auf den Busbahnhof am

Hauptbahnhof steuert. Eine bequeme, preisgünstige

Reise geht zu Ende. Die Bahn weiß,

warum sie so erbittert gegen die Öffnung des

Wenig Charme

und wohl keine

Dauerlösung

Fernbusmarktes gekämpft hat, denn bequemer,

günstiger und schneller wäre ich mit

dem Zug nicht angekommen. Das sieht auch

Ole so, der einen Tag später auf dem Weg zu

seiner Freundin nach Marburg ist: »Seitdem

es die Verbindung gibt, sparen wir beide uns

die Bahnfahrten«, meint der 23-jährige Medizinstudent,

der mit seinem Semesterticket

zwar kostenfrei bis an die Grenze Nordrhein-

Westfalens fahren kann, aber danach zahlen

muss. Mit seinen 1,94 Metern ist er allerdings

froh, dass die Busse nur selten wirklich voll

SCHON GEWUSST

Ein Jahr nach der Liberalisierung des Fernbusmarktes

können Reisende ein sprunghaft

gestiegenes Angebot nutzen. Das zeigt eine

Studie des Berliner Iges-Instituts. Fahrgäste

können demnach aktuell aus 5100 innerdeutschen

Fahrten pro Woche wählen – vor

einem Jahr waren es 1540 Fahrten. Derzeit

gibt es knapp 40 Betreiber am Markt. Die

Zahl der Fernbuslinien, die Städte verbinden,

sei um 123 Prozent gestiegen.

sind: »Wenn man zwei Sitze in einer Reihe

für sich allein hat, ist Beinfreiheit kein Problem«,

sagt er und grinst. Am Freitagnachmittag

kann es aber doch einmal eng werden:

Zwischen Dortmund und Gießen sind alle

Reihen besetzt, Studenten, die übers Wochenende

weg wollen, nutzen den Bus ebenso

wie Kinder, deren Eltern nicht an einem

Ort wohnen. Dass der Bus zwischen Dortmund

und Siegen nicht hält, nutzt eine alleinerziehende

Mutter. Der Papa holt die Kids

dann ab.

Mit einer Viertelstunde Verspätung rollt der

Bus auf den Platz am Gießener Stadtrand. Für

mich ist die Fahrt hier beendet. Für die Fernbusunternehmen

hat die Reise wohl gerade

erst begonnen.

Martin Vogel

Foto: Vogel

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