Das Wasser hinter dem Deich –Risikomanagement ... - Hochwasser

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Das Wasser hinter dem Deich –Risikomanagement ... - Hochwasser

Das Wasser hinter dem Deich –Risikomanagement statt Hochwasserschutz

E. Pasche, Professor und Leiter des Instituts für Wasserbau an der Technischen Universität Hamburg-Harburg

Erik Pasche studierte Bauingenieurwesen und promovierte 1981 an der RWTH Aachen auf dem Gebiet des Naturnahen

Wasserbaus. Nach einem 1-jährigen Postdoktoranden Stipendium an der University California Davis, USA

arbeitete er seit 1986 als Fachbereichsleiter für Hydroinformatik und seit 1993 als Prokurist bei der Firma Björnsen

Beratende Ingenieure GmbH, Koblenz. 1998 erhielt er den Ruf an die TU Hamburg-Harburg (TUHH) als ordentlicher

Professor für Wasserbau. In 2008 initiierte er die Gründung des Zentrums für Klimafolgenforschung (KLIFF)

als Aninstitut der TUHH, das er seitdem geschäftsführend leitet. Er ist zur Zeit mit seinem Wissenschaftlerteam an

zahlreichen internationalen und nationalen Forschungsvorhaben der EU zur Thematik Klimawandel und Folgen für

den Küstenschutz, städtischen Hochwasserschutz und Gewässerschutz beteiligt.

Problemstellung

Aufgrund künftiger klimatischer, demographischer und

wirtschaftlicher Entwicklungen wird sich das Restrisiko

eines möglichen Versagens von Hochwasserschutzanlagen

in der Zukunft erhöhen. Nur mit großen Unsicherheiten

kann diese Entwicklung prognostiziert werden.

Daher wird im Hochwasserrisikomanagement ein

Paradigmenwechsel notwendig, der das Deichhinterland

nicht mehr als „risikofrei“ betrachtet. Die städtische

Entwicklung muss die mögliche Überflutung der

Bereiche hinter den Deichen in Betracht ziehen und

Bebauung sowie Infrastruktur daran anpassen. Dabei

geht es weniger um Schadensfreiheit als vielmehr um

Schadensbegrenzung, so dass sich im Falle einer

Katastrophe des Deichversagens die Gesellschaft

sehr schnell wieder erholen kann. Diese Eigenschaft

wird auch als Hochwasser-Resilienz bezeichnet.

Nicht gegen, sondern mit Hochwasser

leben

Eine derartige Schutzstrategie greift in alle Ebenen der

Gesellschaft ein. Sie muss aufklären und das richtige

Bewusstsein bei Bürgern, Entscheidungsträgern und

Fachleuten entwickeln, so dass sie einerseits das

Hochwasserrisiko richtig einschätzen, aber auch die

Bereitschaft zum Handeln und zur Verhaltensänderung

entwickeln. Die Stadtplanung hat mit Ihren Planungsinstrumenten

die Möglichkeit, vorausschauend

in die städtische Entwicklung einzugreifen und den

Ordnungsrahmen für eine hochwasserangepasste

Bebauung und Infrastruktur zusetzen. Diese ist dann

gemeinsam von Ver- und Entsorgern, Straßenbau,

Wasserbau und Bauaufsicht unter Einschluss von

Eigentümern und betroffenen Bürgern in technische

Lösungen umzusetzen. Trotz dieser Vorsorge ist weiterhin

der Katastrophenschutz gefordert, um im Katastrophenfall

die Folgen für Mensch und Wertgüter

auf ein Mindestmaß zu begrenzen und schließlich

müssen Staat und Versicherungswirtschaft ein System

der finanziellen Absicherung der am Ende noch

verbleibenden Schäden bereitstellen. Aber sie sollten

auch durch finanzielle Anreize dazu beitragen, dass

Bürger, Verwaltung und Entscheidungsträger den

Transfer zu einer hochwasserresilienten Stadtstruktur

vollziehen.

Gesellschaftliche Konsequenzen

Zur Zeit liegt die Planung maßgeblich in der Hand von

Experten und Fachbehörden der Wasserwirtschaft und

des Wasserbaus. Deren Planung wird weiteren Fachbehörden

sowie den betroffenen Körperschaften öffentlichen

Rechts, Eigentümern und Bürgern erst in

der Planfeststellung zur Erörterung und Stellungnahme

vorgelegt. Hochwasserrisikomanagement muss

aber alle Schichten der Gesellschaft zusammenführen

und von Anfang an alle Akteure in die Planung und

den Entscheidungsprozess einschließen. Das aber

bedingt eine Änderung der kommunalen und regionalen

Entscheidungsstrukturen von repräsentativer zu

partizipativer (direkter) Demokratie.

Notwendige Handlungsfelder

Die Handlungsfelder des Hochwasserrisikomanagements

setzen sich zusammen aus Bewusstseinsbildung

(Awareness Raising), Hochwasser meiden

(Avoidance), Schäden mindern (Alliviation) und Helfen

(Assistance). Alle vier Komponenten greifen nach dem

Prinzip einer Sicherheitskette ineinander und verlangen

folgende Handlungsschwerpunkte:

Bewusstseinsbildung und partizipatives Planen:

Risikobewusstsein, welches nicht nur die Gefahr und

das Risiko versteht, sondern auch erkennt, dass und

wie gehandelt werden muss, bedarf eines aktiven

Lernprozesses. Nach sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen

vollzieht sich dieser in vier Schritten: (1)

Erfahrung, (2) Beobachtung/Reflektion, (3) Abstraktion/Konzeptbildung,

(4) Testen. Eine geeignete Organisationsstruktur

für diesen Lernprozess bilden Lernund

Aktionsallianzen (LAA), die gleichzeitig auch zu

einem partizipativen Planungs- und Entscheidungsprozess

genutzt werden sollten. Lernen beginnt mit

Erfahrung. Daher sollten in der ersten Lernphase die

Konsequenzen eines Versagens von Hochwasserschutzanlagen

möglichst realistisch, aber auch emoti-

Beitrag Bauzeitung 1


onal vermittelt werden. Gute Erfahrung wurde an der

TUHH mit einem Hochwassererlebnisraum gewonnen.

In einem Kubus von 2x2x2 m³ wird die Flutung eines

nachgebauten Wohnzimmers zu einem realen Erlebnis.

Im zweiten Schritt wird über Erfahrungen und

Informationen reflektiert. Besonders Bürger und Planer

müssen lernen, dass eine Deichüberflutung möglich ist

und daher unangepasstes Verhalten hinter Hochwasserdeichen

ein hohes Risikopotential darstellen. Der

Bürger muss seine eigene Rolle und Verantwortung

erkennen. In der dritten Phase werden in den LAAs

Strategien für eine Risikominderung hinter den Deichen

vermittelt und in der vierten Phase konkret eine

Sicherheitskette der Hochwasserresilienz für das Risikogebiet,

in dem sie leben, entwickelt und als Hochwasserrisikomanagementplan

gemäß EU Hochwasserrahmenrichtlinie

zur Rechtsverbindlichkeit geführt.

Hochwasser meiden :

Dieses Handlungsfeld liegt schwerpunktmäßig bei der

Stadtplanung. Sie muss durch stadt- und raumplanerische

Regelung die Vulnerabilität innerhalb des gesamten

Deichhinterlandes auf ein Minimum begrenzen.

Aber sie kann auch auf die Intensität der Überflutung

einwirken, indem sie im Deichhinterland Überflutungsbarrieren

als stadtplanerisches Element in die Bauleitplanung

aufnimmt. Grundsätzlich eignen sich hierzu

Straßendämme, Mauern und Gebäude. Sie müssen

allerdings so ausgebildet sein, dass sie im Katastrophenfall

leicht durch Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes

zu einer Schutzlinie bzw. Flutkammer geschlossen

werden kann. Die Raum- und Stadtplanung

kann über Ihre Instrumente der Regional-, Flächennutzungs-

und Bebauungsplanung hierauf einwirken

und die entsprechenden Flutkammern als überflutungsgefährdetes

Gebiet gemäß des Gesetzes zur

Verbesserung des vorbeugenden Hochwasserschutzes

1 ausweisen. Bauliche und infrastrukturelle Entwicklung

in diesen Flutkammern können dann durch

Restriktionen und Planungsvorgaben so gelenkt werden,

dass innerhalb der Flutkammern flutungsresistente

multifunktionale Stadtgebiete entstehen. In diesem

Zuge sollten auch hochliegende Infrastrukturen und

mehrstöckige Gebäude als mögliche „Fluchtburgen“

ausgelegt werden, so dass sie zur vertikalen Evakuierung

im Überflutungsfall genutzt werden können.

Bestimmte Nutzungsformen, die auch durch bauliche

Anpassung nicht ausreichend geschützt werden können,

sollten generell in den Flutkammern ausgeschlossen

werden, wie z.B. Krankenhäuser, wichtige

überregionale Verkehrswege, tiefliegende U-

Bahnzugänge und Gefahrgutanlagen. Dass eine derartige

Stadtentwicklung prinzipiell möglich ist, zeigt

das Beispiel der HafenCity Hamburg, die als multifunktionaler

Raum sogar noch vor der Hochwasser-

1 Bundesgesetzblatt Jahrgang 2005 Teil I Nr. 26, ausgegeben

zu Bonn am 9. Mai 2005)

schutzanlage im stark überflutungsgefährdeten Gebiet

entwickelt wurde.

Schäden mindern

Aufgrund der Unsicherheiten in der Einschätzung

künftiger Extremhochwasser infolge Klimawandel liegt

die Priorität nicht auf einer Deicherhöhung, sondern

Deichverstärkung. Derzeitige Hochwasserschutzanlagen

sind nicht für die Überflutung ausgelegt. Die

überwiegend mit einer Grasnarbe abgedeckten Deiche

werden im Überflutungsfall relativ schnell infolge rückschreitender

Erosion brechen. Das gilt sowohl für Küsten-

wie Flussdeiche, was die zahlreichen Deichbrüche

bei den Jahrhundert-Sturmfluten der Nordsee von

1962 und 1976 und jüngste Jahrhunderthochwasser

an den Flüssen Oder, Elbe und Neiße belegen.

Daher bedarf es an erster Stelle einer Standsicherheitsverbesserung

der vorhanden Deiche. Sie müssen

so ausgelegt werden, dass sie auch im Überströmungsfall

nicht brechen.

Weiterhin werden Anpassungen der Bebauung und

Infrastruktur innerhalb der Flutkammern notwendig.

Diese hängen von deren Lage innerhalb des Kammersystems

ab. Je näher die Bebauung an der ersten

Deichlinie steht, desto höher muss die Sicherung und

Abschirmung sein. In den Kammern unmittelbar hinter

der ersten Deichlinie werden hohe Strömungsgeschwindigkeiten

und Wellenangriff extreme Einwirkungen

verursachen, so dass Infrastruktur und Bebauung

eine hohe Resistenz gegenüber hydrodynamischen

Einwirkungen aufweisen müssen. Dies kann mit amphibischen

Siedlungsstrukturen wie z.B. schwimmfähigen

Häusern und Häusern auf Pfählen und Warften,

erreicht werden.

Als Folge des Schutzes durch Deiche wurden die entlang

den Gewässern typischen Landschaftsstrukturen

wie Auen und Marschen mit ihren vielen Wasserflächen,

Gräben und Kanälen trockengelegt und die häufig

auf Warften errichteten Siedlungen wichen einer

unangepassten Standardarchitektur. Dadurch haben

diese Landschaften viel an Ihrem Charme und landschaftlicher

Identität verloren. Amphibische Siedlungsstrukturen

eröffnen dem Risikoanpassungsprozess

auch die Chance, wieder mehr landschaftliche Identität

den ehemaligen Überflutungsräumen zurückzugeben,

indem eine wasserbezogene Stadt- und Landschaftsstruktur

entwickelt und dem angestrebten Lifestyle

des Lebens und Wohnens auf dem Wasser eine

dem Klimawandel geschuldete zweckbezogene Komponente

gegeben wird. Derartige Stadtstrukturen lassen

sich in Neubaugebieten relativ leicht umsetzen. Im

Bestand eröffnen sich bei Restrukturierungsmaßnahmen

ebenfalls Möglichkeiten für ein mehr Wasser

bezogenes Bauen. In Hamburg versucht man im Zuge

der Internationalen Bauausstellung IBA auf der Elbinsel

Wilhelmsburg in der sogenannten neuen Mitte von

Wilhelmsburg neue Wasserflächen zu schaffen und an

das noch vorhandene Kanalnetz anzuschließen, sodass

künftig wieder Sportboote bis ins Zentrum der

Beitrag Bauzeitung 2


Insel gelangen können. Bei der Neubaumaßnahme

Haulander Weg in Hamburg wird der ursprüngliche,

durch Entwässerungsgräben (Wettern) geprägte

waschbrettartige Charakter der Landschaft wieder

hergestellt und eine Bebauung auf Stelzen errichtet,

die nicht nur Regenwasser bedingte hohe Wasserstände

in den Wettern, sondern auch eine vollständige

Überflutung infolge Deichbruch bis zu einem Meter

Einstauhöhe abpuffern kann.

Aber auch konventionelle Gebäude können wirksam

gegen Hochwasser geschützt werden. Dabei bieten

sich grundsätzlich zwei Möglichkeiten an, das Abwehren

(Dry-proofing) durch Abdichten des Baukörpers

und Verschließen aller Öffnungen gegenüber drückendem

Wasser oder durch Nachgeben (Dry-

Proofing), indem Innenausbau und Baukörper wasserresistent

ausgeführt und somit eine Flutung des Gebäudes

ohne weitreichenden Schaden bleibt. Diese

Technik praktiziert man In der Stadt Dordrecht/Niederlande

schon seit vielen Jahren mit Erfolg.

Helfen

Trotz der weitreichenden Vorsorgemaßnahmen im

Zuge der Bauleitplanung bedarf es im Katastrophenfall

der aktiven Hilfe vor Ort. So muss die Betriebsbereitschaft

des Flutkammersystems hergestellt und die

beweglichen Teile des Dry- und Wet-Proofing am Gebäude

angebracht werden, was nicht nur mehr Einsatzkräfte

des Katastrophenschutzes, sondern auch

den Aufbau von zentralen Materiallagern mit modernen

mobilen Wandsystemen, Pumpen, Notstromaggregaten

und Stegen erforderlich macht. Weiterhin

werden in den Leitstellen leistungsstarke Hochwasservorhersagedienste

und Simulationssoftware zur

Online-Simulationen aktueller Hochwassersituationen

und von Evakuierungsprozessen benötigt, was bisher

in der Praxis kaum umgesetzt ist.

Schlussfolgerungen

Die Entwicklung hochwasserrresiienter Stadtstrukturen

ist nicht nur Aufgabe des Wasserbaus und der Wasserwirtschaft,

sondern in besonderem Maße eine gesamtgesellschaftliche

Aufgabe. Es geht weniger um

die Umsetzung konkreter technischer Maßnahmen, als

um den Aufbau von Fähigkeiten der Gesellschaft. Sie

erfordern mehr partizipative Demokratie in den Planungs-

und Entscheidungsprozessen, sodass die

durch den Klimawandel entstehenden Unzulänglichkeiten

bisheriger Hochwasserschutzpraktiken in allen

Ebenen der Gesellschaft und Verwaltung erkannt und

der Risikozunahme mit Flexibilität und Anpassung

begegnet wird.

Dieser gesellschaftliche Anpassungsprozess sollte

unmittelbar beginnen, denn der Transfer zu mehr

Hochwasserresilienz ist ein langfristiger Prozess des

Lernens und der strukturellen Anpassung unserer

Städte aber auch unserer Planungs- und Verwaltungsinstitutionen.

Beitrag Bauzeitung 3

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