Aufrufe
vor 4 Jahren

liebe sie alle - Hessischer Rundfunk

liebe sie alle - Hessischer Rundfunk

4 05 | SEPTEMBER/OKTOBER

4 05 | SEPTEMBER/OKTOBER | 2006 titel GEWINNZONE Foto: hr/Anne Meuer Weltstar für Hessen: Paavo Järvi ist der neue Chefdirigent des hr-Sinfonieorchsters Der ganz andere Maestro Taktstöcke – Instrumente oder Zeichen der Macht? Auf alle Fälle praktisch, sagt Paavo Järvi. Tyrannei am Pult ist nicht seine Sache. Der neue Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters über das Stäbchen, das dem Orchester den Takt anzeigt, aber von manchen Dirigenten auch zum Grillen verwendet wird. Taktstöcke waren so kurz und unauffällig, dass man sie kaum bemerkte. Carlos Kleiber dagegen war ein Magier am Taktstock, der Stab hatte regelrecht ein Eigenleben. Taktstöcke kosten zwischen 1,99 Euro bei Ebay – „wenig gebraucht“ – und 70 Euro. Wo liegt Ihre Preisklasse? Als ich einmal in Pittsburgh dirigierte, zeigte mir eine Orchestermusikerin eine Kollektion von Taktstöcken, die ihr Mann selbst herstellt. Seitdem bestelle ich dort, einer kostet rund fünfzig Dollar, ist eben Handarbeit, sehr professionell ausgeführt. Ist der Taktstock das Erkennungszeichen eines Dirigenten? Paavo Järvi: Er ist ein Symbol, ja. Ein Geiger braucht eine Geige, ein Trompeter muss eine Trompete in der Hand haben, aber der Dirigent? Gerade als junger Student, wenn man noch nie vor einem richtigen Orchester gestanden hat, ist der Taktstock ein Symbol der Hoffnung, eines Anfangs. Ansonsten kann man auch ohne ihn sehr gut dirigieren. Verwenden Sie immer den selben Stab? Oder den hölzernen für Beethoven, den aus Plastik für Modernes? Ich selbst habe da keine feste Regel, aber ich bevorzuge einen Griff aus Kork wegen der Griffigkeit. Der Stab selbst sollte aus Holz sein, weil er weniger nachschwingt. Außerdem darf er nicht zu lang sein und muss zur Proportion der Hand passen. Aber das sind persönliche Vorlieben. Nehmen Sie Karajan: Seine Dirigent Paavo Järvi: kein Despot am Pult, sondern Teamchef Bevor Sie Dirigent wurden, waren Sie Schlagzeuger. Das Holz in der Hand waren Sie demnach schon gewohnt. Sie bräuchten einen Taktstock also gar nicht? Ich verwende einen aus ganz praktischen Gründen. Wenn ich zum Beispiel eine Oper wie Wagners „Götterdämmerung“ dirigiere, in der die Sänger weit entfernt auf der Bühne stehen, wäre ich ohne Taktstock schon nach dem ersten Akt am Ende meiner körperlichen Kräfte und könnte die Arme nicht mehr hochhalten. Der Stab vergrößert den Radius der Arme, auch kleine Bewegungen werden sichtbar. Und noch etwas: Der Stab ist weiß und ist in der Dunkelheit des Orchestergrabens einfach besser zu sehen. Zur Person: Paavo Järvi (43) stammt aus einer Musikerfamilie in Estland. Er studierte Schlagzeug und Dirigieren in Tallinn, ging 1980 in die USA und studierte dort weiter, unter anderem bei Leonard Bernstein. 2001 berief ihn das Cincinnati Symphony Orchestra als Chefdirigenten. 2004 wurde Järvi mit einem Grammy – dem „Oscar“ im Musikbereich – ausgezeichnet. Mit der Saison 2006/07 wird Järvi Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters. Er gehört heute zu den weltweit gefragtesten Dirigenten und ist bei den bedeutendsten Orchestern zu Gast. Fotos: hr/Eberhard Krieger

05 | SEPTEMBER/OKTOBER | 2006 5 Nein, das ist etwas völlig anderes. Der Drumstick erzeugt unmittelbar ein Geräusch, der Taktstock sollte das besser nicht. Rockmusiker zerschmettern eine Gitarre auf der Bühne. Sie waren eine Zeit lang Mitglied einer Rockband. Wie verhält es sich mit dem Zerbrechen von Taktstöcken? Ich zerbreche sie oft, aber nicht aus rituellen Gründen. Es passiert einfach. Erst neulich wieder, bei einer vierten Sinfonie von Brahms, ist es mir erst wieder passiert. Ich dirigierte sie ohne Taktstock zu Ende. Manche Dirigenten sind ja abergläubisch, was zerbrochene Taktstöcke betrifft. Ich bin das nicht. Gerne erinnere ich mich an ein Konzert in Stockholm, bei dem mir der Taktstock aus der Hand gerutscht und bis weit in die Cello-Sektion hinein geflogen ist. Eine Cellistin ganz hinten hob ihn auf und schaute mich fragend an. Ich gab ihr ein Zeichen, ihn mir zuzuwerfen. Sie holte aus, das Ding flog durch die Luft, und ich fing es auf, alles während ich dirigierte. In einer Probe hätte so etwas nie geklappt, im Konzert aber herrschte eine derartige Anspannung, da erschien es ganz natürlich, dass ich den Stab fangen musste. Dem Publikum blieb der Mund offen stehen, klar. Der Dirigent Bernard Haitink sammelt seine zerbrochenen Stäbe und verwendet sie als Grillspieße, sagt er. Ich sollte noch etwas lernen, von den Alten Meistern, über das Grillen. Aber einmal musste ihm ein Arzt auch vier Zentimeter Taktstock aus der Hand operieren. Ja, es gibt viele Verletzungen mit Taktstöcken. Ashkenazy, Slatkin, man hört von solchen Unfällen immer wieder. Ist mir zum Glück noch nicht passiert. Ich hörte von einem Dirigenten, der sich ins Auge gestochen hat und trotzdem weiter dirigierte. Der amerikanische Dirigent Fritz Rainer soll ihn sogar wie einen Speer nach einem Musiker geworfen haben ... Es gibt so viele Fritz-Rainer-Geschichten, die können nicht alle wahr sein! Ich denke, da sind viele Legenden dabei. Wahr oder nicht – ein Taktstock kann auch eine Waffe sein, oder? Zumindest auch ein Symbol für Macht? Früher mag man den Stock sicher als Machtinstrument angesehen haben. Heute aber hätte ein Dirigent, der so denken würde, keine Chance mehr. Die Gesellschaft hat sich verändert und mit ihr das Orchester. Meine Generation von Dirigenten versucht bewusst alles zu vermeiden, was an Machtausübung oder gar Machtmissbrauch erinnern könnte. Der Dirigent als Despot, das ist vorbei. Und wie sieht es mit der positiven Macht, der Autorität aus? Autorität kommt jedenfalls nicht aus dem Taktstock. Echte Autorität resultiert aus musikalischer Kompetenz und persönlicher Integrität. Ist Autorität genetisch bedingt? Das würde erklären, warum die Familie Järvi so viele Dirigenten hervorgebracht hat. Schwer zu sagen. Ich kann nur sagen, wer diese Autorität hat und wer nicht, das sieht man sofort. Lernen kann man das nicht. Das kann regelrecht tragisch sein, denn ich habe so viele Menschen kennen gelernt, die interessante musikalische Gedanken hatten, aber nie das Zeug zum Dirigenten haben werden. Da ist das Leben wirklich nicht fair. [Interview: Stefan Schickhaus] ■ • Antrittskonzerte von Chefdirigent Paavo Järvi mit dem hr-Sinfonieorchester, mit Solisten und Chor: Jean Sibelius, „Kullervo“, Do, 12., und Fr, 13. Okt., 20 Uhr, Alte Oper Frankfurt, Karten (12,50 bis 44 Euro) beim hr-Ticketcenter, Tel. 069/155 2000. Konzerteinführung in der Alten Oper, jeweils vor den Konzerten, 19 Uhr. Live im Radio, hr2, Fr, 13. Okt., 20.05 Uhr • Die Konzertbroschüre für die Saison 2006/07 ist gratis unter Tel. 069/155 20 65 erhältlich • Internet: hr-sinfonieorchester.de Foto: hr Das hr-Sinfonieorchester im Abo Egal, ob Sie den Sinfonie-Starter mit drei Konzerten (ab 46,50 Euro) wählen, das Sinfonie-Abo, das Klassik-Abo mit sechs, neun oder zwölf Konzerten, das Abo für Jugendliche oder das Abo Barock+ mit drei Konzerten – es gibt viele Gründe für ein Abonnement. Sie sparen bis zu 48 Prozent im Vergleich zum Kauf von Einzelkarten. Die Karten sind übertragbar. Sie haben Ihren festen Platz im Konzertsaal. Die Fahrt zum Konzert und zurück mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist im Bereich des RMV frei. Und: Abonnenten können unter konzert-info@hr-online.de exklusiv den E-Mail- Service bestellen, der vor jedem Konzert über die Interpreten und das gespielte Programm informiert. Abo-Service: Tel: 069/155-4111 (Mo bis Fr, 9 bis 17 Uhr), E-Mail: abo@hr-ticketcenter.de, Post: hr-Ticketcenter (Abo-Service), 60222 Frankfurt VIP-GEFLÜSTER mit Holger Weinert Die Russen kommen Das hatten wir uns anders vorgestellt, damals. Unsere Abwehrraketen standen fest gen Osten gerichtet. Unsere Lauscher peilten hinter den Eisernen Vorhang und fast bis nach Moskau. Denn die Angst ging um: Die Russen kommen. Nun sind sie da. Und Russlands Millionäre haben alles erobert: die feine Goethestraße in Frankfurt, das alte Grand Hotel mitten in der Stadt, die Luxusherberge am Taunushang. Und, das Schlimmste: unsere schönsten Urlaubsziele! Räkeln sich mit Rolex und Schampus am Pool. Und führen uns vor Augen, welche einfache Orientierung siebzig Jahre Kommunis- „Ich bin ein Fan“ Abonnenten des hr-Sinfonieorchesters erzählen Christian Münch, 26 Jahre Konzertabende sind für mich Abende für Herz und Hirn. Ich bin ein begeisterter Fan des hr-Sinfonieorchesters. Seit zehn Jahren besuche ich die Jugendkonzerte. Angefangen hat es über die Schule. Inzwischen nehme ich die Mitglieder des Jugend-Musik-Ensembles mit, das ich nebenher leite. Dass Paavo Järvi kommt, finde ich toll. Er hat ein anderes Repertoire. Käthe Grützner, Frankfurt, 85 Jahre Ich bin seit 53 Jahren Abonnentin und habe mir vorgenommen, das bis zu meinem Lebensende zu bleiben. Ich gehe immer allein ins Konzert. In der Pause bleibe ich sitzen und studiere das Programmheft. Die meisten Musiker, die zu Beginn meiner Abozeit gespielt haben, sind inzwischen pensioniert. Auf Paavo Järvi freue ich mich. Die Konzerte mit ihm, die ich schon gehört haben, haben mir sehr gut gefallen. Jürgen und Rosemarie Bohl, 64 und 65 Jahre Ein Abo ist natürlich auch eine gewisse Verpflichtung. Zum Glück! Denn die Konzertabende in der Alten Oper gehören für uns zu den schönsten Erinnerungen. Meine Frau und ich schauen vorher nie, was gespielt wird, uns gefällt die Abwechslung. Durch Eliahu Inbal bin ich ein großer Liebhaber der Musik von Gustav Mahler geworden. Im Laufe der Jahre habe ich Komponisten kennengelernt, die ich alleine nie gehört hätte. mus übrig ließen: die schiere Gier nach Luxus. „Die hatten vorher ja auch nichts“, beschrieb es neulich eine Bad Homburger Lady, einen Kir Royal in Händen. Und die Urlaubseindrücke einer berühmten Frankfurter Schauspielerin klangen nach großem Bühnenpathos und fast nach Regressansprüchen: „Was für Leute da am Pool lümmelten, uuuhhh!“ Klar, die Brillis, die Goldkettchen, die Tonnen von Kaviar und Champagner kübelweise. Das vornehme Hotel auf Malle, eine Russenfalle! Ja, Protz. Der ist hierzulande etwas verpönt. Wer will schon als neureich dastehen, was jetzt diverse Russen so zwangsläufig sind? Gut, bei uns gibt es erstens auch Neureiche. Und es wird, zweitens, auch schon mal so geprotzt, dass einem die Augen weh tun. Der Jäger und Sammler neigt dazu. Nur eines können wir fast alle besser: ihn verstecken – den neureichen Russen in uns allen. ■ Holger Weinert moderiert im hr-fernsehen die Vipshow, So, 18.30 Uhr, und das Hessenjournal, Mo bis Fr, 21.45 Uhr Fotos: privat

die „Ilias“zum Mitreden - Hessischer Rundfunk
„Ein Rockstar macht, was er will“ - Hessischer Rundfunk
prinzessin und Zicke - Hessischer Rundfunk
Die Zeitung des - Hessischer Rundfunk
Grimm 2013 - Hessischer Rundfunk
Unser Neuer Freund - Hessischer Rundfunk
Ihr Kulturradio für Hessen! - Hessischer Rundfunk
HESSE MIT HERZ - Hessischer Rundfunk
Ihr Kulturradio für Hessen! - Hessischer Rundfunk
Kulturleben - Hessischer Rundfunk
Adieu, Mr. Euro! - Hessischer Rundfunk
50 Jahre „Hessenschau“ - Hessischer Rundfunk
gRatis - Hessischer Rundfunk
Untitled - Hessischer Rundfunk
Absolut respektlos - Hessischer Rundfunk
Helden des Alltags - Hessischer Rundfunk
Weihnachten - Hessischer Rundfunk
Titel 9/10 (Page 1) - Hessischer Rundfunk
Broschüre November/Dezember 2013 - Hessischer Rundfunk
Broschüre Mai / Juni 2013 - Hessischer Rundfunk
„hr3-fan elf“ „Soundtrack meines Lebens“ - Hessischer Rundfunk
Von punk zum dax - Hessischer Rundfunk
Roland Koch und Andrea Ypsilanti - Hessischer Rundfunk
Sie will's wissen - Hessischer Rundfunk
Feste, Feiern, Rituale - Hessischer Rundfunk
Der perfekte Sommertag - Hessischer Rundfunk
Broschüre Januar / Februar 2014 - Hessischer Rundfunk
Der hr2-Kulturkalender 2013 - Hessischer Rundfunk
Hörspiel Feature Klangkunst - Hessischer Rundfunk