Gustav-Adolfs Gemahlin Maria ?leonora von Brandenburg

europeanalocal.de

Gustav-Adolfs Gemahlin Maria ?leonora von Brandenburg

175

Gustav-Adolfs Gemahlin Maria ?leonora von Brandenburg

(geb. 2 J. November {599, gest. 28. 2Närz U>55)

*£ine biograpbi|d?c

St'i^c

Von

Fritz Arnheiin

Reisepläne

IV

und Fluchtversuche

'Ä^s dürfte wenige 2Nitgliedcr des l)ohcnzollernhauses geben, von denen sich mit größerer Verectm'gung als von

INaria


176

bedauerliche Unerfahrenheit in allen Geldsachen, ihre beispiellose Gutmütigkeit und ihren unglückseligen l)ang zur

Verschwendung auszubeuten wußten. Schon am


177

entrüste mau sich ferner lebhaft

darüber, daß sie mit ihrem Bruder, dem Kurfürsten o3eonvlVübelm von branden

bürg, und mit ihrem Gheim, dem Aurfürften Johann Georg von Saufen, einen fleißigen Briefwechsel unterhielt,

obwohl beide fett längerer Zeit offene Feinde der 'Krone Schweden waren. Humeutlid) aber betrachtete man ihre

vertraulichen Beziehungen zum dänischen l)ofe mit mißtrauischen und unwilligen blicken. Xleim die Rolle, die sie Ende

(655 bei der Wiederaufnahme des Projekts einer Vermählung der jungen schwedischen Königin mit einem Nlitgliede

des dänischen Herrscherhauses gespielt hatte, war den Senatoren, die über einen vorzüglichen Aundscliafterapparal

verfügten, kein Geheimnis geblieben. Nur allzu gut wußte man, daß der dänische Resident peter IDibe sie häusig

heimlich besuchte, ihr Ratschläge erteilte und ihren brieflichen Verkehr mit de» ausländischen Verwandten vermittelte.

Nur allzu leicht erriet man, auf wessen Anstiftung es zurückzuführen war, das; der Dänenföntg Christian IV., der alte

Codfeind Schwedens, im Frühsommer imNamen feines

siebenundzwanzigjährigen Sohnes Friedrich' offiziell bei der

schwedischen Regierung um die l)and der zehnjährigen Königin

Christine anhalten ließ. Mit nur allzu gutem Grunde endlich

befürchtete man. daß der von iliaria Eleonora geplante

IDittterauspug nach Gotenburg, bei dem es sich in Wahrheit

um ein heimliches Stelldichein „an der Grenze" mit verzog

Friedrich Handelle, allerlei „gefährliche effeetc" zeitigen werde.

Sie fei „eine Vasallin und Untertanin des Reiches" und könne

durch unvorsichtige mündliche oder schriftliche Aeußerungen

„leicht ein ITlajeftatsoerbrecJjen begehen", hieß es in der

schon erwähnten Seuatsfi^ung vom '». Februar (637, in der

beschlossen wurde, ihr am nächsten Tage ihre „Pflichten

vorzuhalten" und sie zur Einstellung ihres Reiseprojekts zu

zwingen. „?s ist", versicherte die Königin !Ditive damals

entrüstet ihrem Bruber, „so weit gekommen, daß mau aucb

so grob und unverschämt mir darf öffentlich verbieten, daß

ich mir die flacht nicht soll mehr dürfen nehmen, an (£. £.

zu schreiben, auch gesaget Hat!, man ?. 5. mehr einen an

mir (!) sollen schicken, daß ich mich solt enthalten, mit denjenigen

zu reben; audi nicbt allein das, sondern icb solt auch

mit feineu Ambasadcrjn] noch Fremden heimlicb nicht (!) ;fri«Ötirf), pviitj DOM XidtiCliirtrf Höniij ,^rirforid; III.)

mehr

¦Kiicrenitil' von liiirlti'fd;

dürfen reden, obschon daß fie Befehl von iljre[n; Königein]

ober Herren haben, mit mir zu reden". Sie habe, so fährt sie fort, erwidert, daß sie „eher nicht eine stunde mehr

tu Schweden sitzen" wolle, zumal sie ganz „gewiß wüßt e^", daß ihr Vruder sie nicht „ausstoßen" würde,

Wohl hätten

die Reichsräte hierauf „mit ftpctjfdieu — spöttischen > Worten wieder geantwortet!" und den Aurfürsten „vor meineidig,

falsch und untreu" gescholten. Aber sie fei ihnen die Antwort durchaus nicht schuldig geblieben, sondern habe ihnen

„in die Augen gesaget", ihr 23ruber fei „seit Sr. Agl. JTtaj. Allerglorwürdigster, Höchstberülnnlichster Gedächtuus Tod"

wahrlich von den Schweden „nicht so tractirt" worden, daß er Ursache habe, mit ihnen zu galten, wo sie ihm doch

„sein Cand verderben und pumern [ ponuueru] barju noch entwenden" wollten.'

1 Friedrich, der spätere Dänen kl,'iiia Friedrich III., war damals Er^l'ischl?f von Bremen iuii> galt noch nicht als (Thronerbe, &a

sein älterer Bruder Christian, von dein später noch tvirbcr^olt bic i\e&c fein n»ir&,


erst (6^7 starb. i

„Sv. Riksr, Protokoll", VI, f. tsnf.

u. 530; VII, S. 5f.; „Oxcnst. skrift. och brefvex).", 2. Serif, III, 5. 4(9ff.; X, 5. 57of.; Frvl'l'II,Handlingar etc., T, 5- 56 u. 62—


178

Kein Wunder, daß der alte plan der verwitweten Königin, in ihn- ostpreußische Heimat zurückzukehren, von

nun an mit jedem Tage festere Hinrisse gewann. „Ich kan nicht länget bei dieses»! unbanPbare[n] Menschen sein",

Flaute sie am \\*März |(>." ihrem kurfürstlichen Bruder. Immer größer wurde ihr Verlangen, die Gegenden

wiederzusehen, an die sich ihre fröhlichsten Iugenderinneruugen knüpften, und bald erschöpfte sich ihr ganzes Sinnen

und Trachten in dem einen Wunsche: Fort von hier! Fort aus einem Tande, wo wie sie dein Reichskanzler am

ersten Tage seines Gripsholmer Gesuches erklärte niemand sie „leiden" könne und wo sie sogar von der Regierung

„despectirt" werde, vergebens suchte Grenstierna ihr klarzumachen, wie großes Unrecht sie ihm und seinen

Aollegen mit der Behauptung täte, daß sie ihr „studio Verdruß bereiten" wollten, Vergebens beteuerte er, niemand

von ihnen habe je vergessen, daß „3. Maj. selber die Krone auf dem Raupte getragen, das Zepter in ihren Händen

gehabt" sowie „S. Kyl.l\\a\. in den 2(rnten gehalten" habe, mit»

daß „3. illaj. Tochter nunmehr ihre Königin" sei. vergebens

suchte er endlich ihr das preußische Xeifeprojefl auszureden, tnoem

er nachdrücklich betonte,

daß „gefrönte Häupter nicht so beliebig

reisen dürften, wohin sie wollten, wenn anders sie ihren respeet

in Ehren 511 hallen wünschten". Immer aufs neue versicherte

ilcaria -.


179

,-für die Richtigkeit dieser Annahme spricht auch der Inlfalt eines eigenhändigen Schreibens, bas sie wenige

ELagc später an ihren 23ruber Georg-Wilbelm richtete uno worin sie ihm mitteilte, sie beabsichtige „diesen Anfang des

3unimonat[s], geliebt es Gott, nach preisen (!) zu verreise»", da des Reichskanzlers Herz durch Gottes Gnade „nunmehr

erleicht [ — erleuchtet, und erweicht" worden fei, (o daß er ihr „zugesaget" l?abe, sich ihres Ceibgebingcs anzunch»nen

und für die geplante Keife sowohl die erforderlichen Schiffe als auch die von ihrer „seligen Frau Mutter" einstmals

der Krone Schweden vorgestreckten, aber noch nicht zurückgezahlten Gelder 3» verschaffen. „Gott weiß, daß ich m>

ein[en] großen Stein vom Herzen habe", versicherte sie treuherzig dem Aurfürsten, indem sie die naive Vitte hinzufügte,

er möge sie bei ihrer Ankunft in piUau doch durch „ein paar Räthe" empfangen lassen, damit die Schweden sehen

formten, daß er seine Schwester nicht „verlassen" wolle. Denn im übrigen, so meinte sie, werde jedermann begreifen,

wie groß ihr verlangen fein müsse, wieder in ihrem „Vaterland Weisen (!)" zu leben, nachdem ihre Feinde nc

„mit Cift" von ihrem einzigen Ainde getrennt hätten. Gleichwohl habe sie ihnen „nu alles vergeben" und wolle

„es nimmer an ihnen gedenken", was sie ihr „böses erst Methan''. Gott, so äußerte sie zuversichtlich, werde ihr sicher

auch fürbert?iu gnädiglich beistehen uno ihr „Rat, ßilfje] uno Trost verleihen" und dermaßen der Senatoren „Herz

erleuchten", daß sie ihr künftig w fetn[e] Betrübnis mehr" zufügten.

Mit tiefer Beuvcumg las Georg' Wilhelm diesen Vrief feiner Schwester, der auf dem Umwege über Dänemark

Ende Mai in Aüslrin eintraf. ?r stellte ihr anhcim, ob sie ihre Keife nicht noch „in etwas «lififrriren" wolle, zumal

er selber „wegen der bevorstehenden Fricdcnstraktatcn" vielleicht erst im „nächstkünftigen Herbst" nach Preußen werde

kommen können. Gleichzeitig hielt er es jedoch für nötig, die preußischen Oberrätc von der Absicht Marw'Eleonoras

zu benachrichtigen, da er befürchtete, daß feine Anwort ihr „gar zu spät und langsam zukommen" oder von ihr „nicht

eben so genau eiugefolget werden" würde. ?r befahl ihnen, sie folltcn, nachdem sie von dem Ankunftstermin der

schwedischen 'Königin Witwe Nachricht erhallen, sofort zu ihrem (Empfange zwei Dberräte, den Pogt von Fischhausen

und einige preußische ?bclleute nach pillau „abordnen", sie auf dein Königsbergcr Schlosse „logiren" und „ihr

aufwarten lassen, wie es sich eignen und gebühren" möchte. Auch ersuchte er feine damals im Herzogtum Preußen

residierende Gemahlin Elisabeth Charlotte, feiner Schwester entgegenzufahren und ihr, falls sie mit den erforderlichen

pferben und IDagert nicht versehen wäre, bas Geleite bis nach Königsberg zu geben.

Ver kurfürstliche Erlaß rief in der Hauptstadt Vstvreußens begreiflicherweise nicht geringe Aufregung hervor.

Eilends wurde für den binnen kurzem zu erwartenden hohen schwedischen Gast alles instand gesetzt. Allein Woche

um wache verstrich, ohne daß man in Königsberg etwas von Maria-Eleonora zu hören, geschweige denn zu sehe,,

bekam. Erst nach monatelattgem . vergeblichem Harren erfuhr man Mitte 3uli (637, daß ihr Rciscplau plötzlich in

Stockholm auf unüberwindliche Hindernisse gestoßen war. 1

von dem lebhaften Wunsche beseelt, möglichst bald in Erfahrung zu bringen, ob die Reichsräte ihr wirklich

auf der Reise nach Preußen „forthelfen" oder aber sie nur „mit guten Worten betrügen" und „aufhalten" ivollten,

hatte Maria Eleonora Anfang Mai den Reichskanzler schriftlich gebeten, nach Gripsholm ober nach Sobcrtelgc zu

kommen, damit sie mit ihm in einer wichtigen Sache Rücksprache nehmen könne. Da dem Senat, „der Nachwell

wegen", eine schriftliche Erledigung der Reiseangelegenheit „nicht ratsam" erschien, erhielt (?)renftierna in der Cat die

(Erlaubnis, dem Wunsche der verwitweten Königin 311 entsprechen. Doch erteilte man ihm zugleich eine ausführliche

Instruktion, in der die zahlreichen Gründe, die nach Ansicht der Regierung porläufig der Ausführung des preußischen

Reiseprojektes entgegenstanden, genau aufgezählt waren. Hur der „modus procedendi" würbe feinem eigenen Er

messen anhcimgestelll.

1 V$i. sollende Asien im "Köui^l, preitfj. Ijansarrtfin; ntaria-tEIeonora an


180


181


182

lästig fallen würde. Er brauche nichts „uf sie zu spendiren", sondern sie wolle „sich schon selbsten uf ihre eigene

offen ohne einzige beschwer unterhalten" und „barmit gerne zufrieden sein", wenn er ihr „einPlätzchen oder Aembtchen,

'

da wo\ sie bauen fönte, einräumen oder aber zu Königsberg nur ein Cofam entdien ufm Schlosse wo anweisen lassen"

mürbe. An diese Worte Hüpfte sie einigt? scharfe 23 einerhingen über die Art und weise, in der die Senatoren an

geblich mit der jungen Königin Christine umgingen. Dieselben, äußerte sie voller Entrüstung, sähen es am liebsten,

daß ihre Tochter „sich nimmermehr verheiraten täte" oder mindestens damit bis zur Vollendung ihres vierundzwanzigsten

Lebensjahres wartete, obwohl es doch keineswegs „manierlichen" fei, „daß ein Weibesbild so lange ufgehalten" würde.

Ja, sie wollten Christine sogar „nicht recht cin'ett] Vricf lesen, verstehen, noch viel ipeniger schreiben (6arron sie noch

wenig könnte) lernen lassen", sondern richteten weil mehr ihr Augenmerk darauf, daß sie „über die Tische springen und

sonslen dergleichen mehr vollführen" möchte. Trotz alledem, so beteuerte sie, liebe ihre Tochter sie „genugsam" und

werde sicher, sobald ..Gott sie zum Verstand bringen" sollte, aufs strengste „es zu eifern wissen", daß man ihre

Mutter so schlecht „tractiret und gehalten" und dadurch zum verlassen des schwedischen Reicbes gleichsam gezwungen habe.

3^*fet endlich konnte schrote! zu Worte gelangen. ?r versicherte, daß sein kurfürstlicher Herr tiefes Mitleid

mit feiner Schwester empfinde und sehnlichst die Wiederherstellung des Friedens wünscbe, um mit ihr in Preußen

persönlich sprechen zu tonnen. Die von ihr im taufe des Gespräches geäußerte Absicht, ihre vom Senat schwer ver

dächtigten „Diener deutscher Nation" durch schwedische Untertanen zu ersetzen, erschien ihm wenig ratsam, da „die

Herrn Schweden so gcnaturet" seien,

daß sie, ,.wo man ihnen nur uf ein Handbreit Zulaß gtebet, einen' ganzen

Arm voll 5arpor

nehmen träten und allbereit vorhin schon zuviel Gewalt sich unterstanden oder unterfangen hatten".

Allein Maria-Eleonora meinte, dies sei von feiner Vedeutung, da sie ohnehin „das längste in Schweden gewesen zu

fein" hoffe. So lange bis ihr Vruder nach Preußen käme, könne sie jedenfalls unter feinen Umständen warten,

sondern sie fei fest entschlossen, im künftigen Frühjahr dorthin zuziehen, möge auch der Senat inzwischen in Schweden

mit ihrem £cibgc6iugc nach Belieben „hausieren". Vevor sie den Abgesandten entließ, erteilte sie ihm noch einige

Aufträge. (fr solle, so sagte sie, den Aurfürsten vor den brandenburgischcn Geheimräten von Blumenthal und von pfucl

warnen, die „alle Heimlichkeiten dem Herrn Heicbs=Can-ilor herein schrieben und große conspcratic>n (!) hielten". Vor

allem aber bat sie ihn schluchzend, ihren» Bruder schriftlich wie mündlich ihr „großes Elend" vorzustellen und bei

ihm darauf hinzuwirken, daß er „mit ehistein" ihr ..eine Verschreibung über das Haus Angerburg", die sie zum

Sdjctnc den Reichsräten vorzeigen könne, sowie einen 23rief mit der Aufforderung. ..hinaus in Preußen zu kommen",

übersenden möge. Penn sie selber dürfe ihm diesmal, da es jetzt hier «allzu liederlichen" hergebe, leider kein

„Handbriefchen"

an Georg Wilhelm mitgeben.

Am 2(t. IXlai traf schrote! wieder in Stockholm ein. Seine erste offizielle Visite in der Landeshauptstadt

galt dem

Halbbruder

Gustav-Adolfs, Rcichsadmiral Karl Gyllenhielm, der, wie wir uns von früher her erinnern,

zu den wenigen aufrichtigen Freunden der Königin Witwe zählte. Derselbe beklagte tu herzlichen Worten nicht nur

die schwedisch brandcnburgischen Feindseligteilen, für deren Ausbruch er übrigens den Grafen Adam von Scr»tpar3enberg

verantwortlich »nachte, sondern auch den „betrübten Zustand" feiner Schwägerin, sprach aber gleichzeitig den dringenden

Wunsch aus, daß sie trotzdem „ihr Vornehmen ändern, ihr Anliegen lindern und bei dem Königlichen Fräulein

beständig verharren" werde. hierauf besuchte er die pfaljgräfin Katharina, die sich in ähnlichem Sinne äußerte und,

als er ihr die furchtbare „spolirung" Aurbrandenburgs durch die Schweden schilderte, schüchtern bemerkte: Ceiber

dürfte sie „nichts 6ar$u reden und wäre Stillschweigen das beste Mittel, 6an die Regierung jetzo nach ihrem Gefallen

herrschte". Der Empfang, der ihm seitens des Reichskanzlers zuteil wurde, war recht unfreundlich, da er durch seine

sofortige Reise nach Gripsholm, ohne vorherige Meldung bei der Vormundschaftsregierung, deren trauen geweckt

hatte. Vrensticrna, der ihn sogar des geheimen Einverständnisses mit dem kurz zuvor in Stockholm gesanglich ein*

gelieferten Vrandcnburger Haus Georg von Arnim und der Anstiftung des preußischen Reiseprojektes hochverdächtig

hielt, schrie ihn bei seinem Eintritt sogleich mit den Worten an, wie er sich erbreiften könne, „an 3- Agl. Maj. zu

schreiben und Sie in Ihren Gedanken dermaßen 311 pcrturbiren, daß 3- Maj. jetzo solche pl?antafei in'n Kopf


183


184


185

öen in* unö auslänöifdjen Gegnern öer Hegierung „occasion" jüt PeröÄcfjttgung ju geben. So befcljloj? mau oenn,

litaria-


d.

186

der Regierung wie auch beut Senat „nicht wenig befremdlich", da sie ja „in diesen gefahrvollen und schweren Reiten"

in jener (legend „gar nichts 511 suchen" habe. Für den Fall, daß Maria- Eleonora, als „eine löbliche und weife

Königin", durch diese gründe und durch numblidje „disorrte persuaskm" sich zur Einstellung ihrer Reise betreten

ließe, sollte *ttöin:r darauf hinwirke,!, daß ihr auf dem Heiniwege, beim Kassieren der einzelnen propi^en,

von den betreffenden Landeshauptleuten alle „gebührende JJcbhmg, Ehre und Die» ff cit" bezeigt werde. Sollte

jedoch mit freundschaftlichen ,Demonstrationen oder XVrmabuungcn" gar nichts auszurichten sein, sondern die Königin-

HHtwe auf der Forlsetzling ihrer Reise bis zur dänischen Grenze bestehen ober aber „zu ihrem eigenen despect" bald

hierher, bald dorthin fahren wollen, so habe Körner ihr mitzuteilen, die Senatoren tonnten, an? Rücksicht auf die

junge Königin und auf die Reichbstände, „in dieser beschwerlichen (3cit derartige weitaussehende Pilgerfahrten nicht

gestatten", sondern müßten „wider ihren Wunsch" allen und jedem aufs strengste anbefehlen, ihr weder unentgeltlich

noch für Geld den erforderlichen Vorspann zu liefern und auf solche UX'ise ihrem vorhaben nach Möglichkeit entgegenzuarbeiten,

jin äußersten Notfälle schließlich h. wenn sie unter keiner Bedingung Gotenburg innerhalb der

¦

nächst,.'»! sipei oder drei Tage verlassen und umkehren wallte — sollte er ihr den freien Unterhalt „auf Kosten der

Krone" entziehen und ihr offen erklären, sie möge fortan „aus ihrer eigenen Tasche leben".

Am 20. August verließ IHörnor eilends die Landeshauptstadt. Seine Hoffnung, IHaria ?leouora noch tu

l>öientorp anzutreffen, verwirklicbte lieb nicht, fi\Tn\r war bei der Kunde von ihrer Ankunft der uns schon bekannte Stattbalter

und Caitbesbauptmaun Knut poffe sofort dorthin geeilt und hatte ihr angelegentlich geraten, daselbst so lange zu

verweilen, bis aus Stockholm weitere Hachrichten über das befinden ihrer Tochter angelangt seien. Allein die verwitwete

Königin, die an ein Unwohlsein Christinen 5 nicht recht glaubte, sondern alles für ein geschicktes Manöver der Reichsrate

hielt, erwiderte ihm ärgerlich: „ll\is habe ich damit 511 tun? taßt mich dock in Frieden". Nachdem sie das

Aiwokalionsschreiben der rormunbfcbaftsregicruug, bas erst hier in ihre t)äudc gelangte, mit ei» paar seilen zur

Entschuldigung ihrer ..Abwesenheil für einige Tage" beantwortet hatte, setzte sie die Keife fort und traf am 28. August

in Golenburg ein, wo sie etwa zwei Wochen zu bleiben gebachte.

Am 2. September, fünf Tage nach ihrer Ankunft, hatte Mörncr bei ihr Audienz. In herzergreifenden

kommen, damit

Christine „durch ihre große Se^nfucbt nicht noch mehr in ihrem Zustande geschwächt", sondern infolge der Gegenwart

der Mutter „während ihrer Krankheit erquieft" werde. Seine Hebe machte auf Maria Eleonora einen tiefen Eindruck,

schreckensbleich rief sie aus: „6>olt wolle es den» verzeihen, der mir berichtete, die Arankheit meiner Tochter l?abe

nichts zu bedeuten; sonst wäre ich sofort umgekehrt. Weil er aber sagte, er habe meine Tochter an der (Tafel sitzen

sehen, wünschte ich meine Reise zu vollenden, da ich große fuft halte, den hiesigen CDrt zu besichtigen". Hierauf inachte

sie dein Unwillen, den sie fett lauger Zeit gegen die Senatoren empfand, in scharfen Ausdrücken tust. „Hoffentlich",

so äußerte sie in erregten« Com-, „wird (Holt

sie dafür strafen, daß sie UAtwen und vaterlose Kinder betrüben".

„Ich habe mir ja nichts i?öfes gegen sie zu schulde» kommen lassen. 3^? habe ihren König aufs höchste geliebt

und geehrt und an feiner Seite viel ausgestanden. Gleichwohl muß ich es jetzt dulden,

daß sie mir alles Sdjlimme

zutrauen und mich vielleicht sogar verdächtigen, ich fei in diese Gegend gekommen, um mich in Umtriebe mit den

Untertanen eiuzulasscu. Hub doch können alle kandesliauptleule mit mir bezeugen, daß ich kein Anbringe» anhören

und keine Veschworde entgegennehmen wollte, sondern alles au meine Tochter und an die Regierung verwiesen habe",

vergebens suchte Mcruer sie von der Grundlosigkeit ihrer Verstimmung gegen die Reichsräte zu überzeugen. „tDüßten

sie", rief sie wehklagend aus, „mit mir richtig umzugehen, so wollte ich mich vor ihnen auf die Erde werfen und

untertäniger sein als der Allergeringste. Da ich ihren König geehrt und geliebt habe, und da sie mir nicht nachweisen

können, daß ich etwas dm Rechten meiner Tochter und des Reiches verstreitendes getan, könnten sie mich

doch wirflid) noch als ihre Königin anerkennen und brauchten inich doch nicht so oft zu betrüben, wie sie es tun.

Denn wozu ich tust habe, bas verbieten sie mir; dagegen soll ich tun, was sie wollen". An diese Jlcu^erung knüpfte

sie einige Bemerkungen, die 60511 bestimmt waren, den in Stocfl^olm herrschenden verdacht über das eigentliche Ziel

Sorten beschwor er sie, der IMtte ihrer Tochter 511 willfahren und schleunigst nach Stockholm zu


187

ihrer „Spazierfahrt" zu entkräften. Die Reichsräte, so erklarte sie nachdrücklich, „hegten gegen mich den Argwohn,

ich wolle von ihnen wegziehen". „Nun, ich habe ihnen jetzt bewiesen,

daß ich es keineswegs will und daß sie mir

vor Gott und vor der Weit Unrecht tun". 3 m übrigen freilich nahm sie 2TTörncr gegenüber fein ölatt por den 21lunö,

sondern sagte ihm ganz offen, was sie über die 2Uitglie6cr der I}ormuu6fchaftsrcgicrung backte. 3 C eifriger INörner

hervorhob, daß „die guten Herren" doch bei allen anderen sich „Siebe 11116 Hochachtung" erworben hatten, desto hitziger

entgegnete sie ihm: „Ihr mögt sagen, was Ihr »r»ollt; ich kenne sie doch besser als Ihr und weiß sehr gut, was sie

mir gönnen". Schon überlegte der Abgesandte im stillen, ob er nicht von seiner Instruktion Gebrauch machen und

einen schärferen Ton anschlagen solle. Va richtet? 2narw-, 565 n. 1*0 ff.; VIU, 5. \\n [cd. f. yergb"

(Storfb. IS 1 )«); .,H«ndl. rör. Skandinaviens bist.", XVII, $. 2»«)— 60 ,^lockl^. lft-^2); ..Oxt-nst. skrifl. i»di brefv^xi.", 2. X, 5». (.tj>;

yprtjb,, XXII, 5.201—02. Dazu im 5djn>c&. Hei*sdrAip; Maria - 'Llec'nora an Küfimir, Knugs-rallby \o./ 20. 2Iiiij. lf»3fi,

Ivadftena /\2. Sept. (63P, Ztorrföping 6J\6. u. ?./!.?. Sept. i6^ö; J?crid;t monier?, (Sotenbnrg 2.^. ?lug. / 2. ?cpt. [\*\x*'\ "von meinem

Freunde, Ijftrii

Archivar Dr. 5. Vergiß in Stockholm, abschriftlich mir zur Verfügung gcftellt'.

?»•


188

wie schon früher erwähnt, hatte sie Anfang auf ihre» Wunsch, au der schwedischen Grenze heimlich mit

dein dänischen prüfen Friedrich zusammenzutreffen, infolge des nachdrücklichen Einspruchs derReichsrate verzichten muffen.

Andererseits hallen ficCi diese jedoch gründlich verrechnet, wenn sie glaubten, daß hiermit das Schreckgespenst einer

Zusammenkunft der Königin« Witwe mit einem illitglicoe des danischen Herrscherhauses für immer verschwunden sei.

bereits kurz vor Weihnachten I«i.>? äußerte 2TIavüu?leonora die Absicht, nach Schluß des in Stockholm demnächst

zusammentretenden Reichstages „sogleich nach westergötland hinmiterznzieben", um dort „frische tust" zu schöpfen,

nn& Anfang {u. 7 **, noch wahrend des Reichstages, brachte sie ihren Entschluß tatsächlich zur Ausführung, sah sich

aber schon auf halbem Wege zur Rückkehr midi Gripsholm genötigt, da der Senat ihre 23ilte um freien Vorspann usw.

mit der ironischen 23emerfuug ablehnte,

daß man ihrem Wunsche gern willfahren würde, falls sie sich dazu ent

schließen tonnte,

statt der dänischen Grenze eine andere Gegend, beispielsweise Dalekarlien, als Reiseziel zu wählen.

Gleichwohl uwe es völlig verfebll, wollte mau in der damaligen Handlungsweise der Reichsräte lediglich eine

Politik kleinlicher Nadelstiche erMiefen. "m Wahrheit dürfte nämlich der Inhalt der Vricfe, die Eleonora in

jenen Wochen mit dem Dänenkönige wechselte, keineswegs so unschuldiger Natur gewesen sein, wie die beiden Korrc

spondenlen es gern glauben machen ux>Utcn. Wurde doch Mb darauf von bell schwedischen Vertretern in Hamburg

11116 am dänischen Aönigshofe übereinstimmend gemeldet, Christian IV. habe sich an der Grenze heimlich ein Stell

6icbeiu mit der Königin Witwe geben wollen, sei aber im lohten Augenblicke daran verhindert worden. Als diese

im Frühjahr i>orubergel?eu6 in Stocfbolm weilte, fühlte sich die rormun6fd>aftsregienmg denn auch zu einem energischen

vorgehen verpachtet. Am l/). April ließen die Reichsräte den Nofmarschall von peuh zu sich rufen, beschwerten sich

bei ihm in Hefligen Worten über die ausländischen ,,(.*cirrcsp(Mulonticn" sowie über die „unnötigen Reisen" seiner

Herrin und forderten ihn dringend auf, künftig jede derartige „Spazierfahrt" zu Hinlertreiben, da sie „für 3-

nicht räumlich, bei verwitweten h'öniginnen ungebräuchlich" und außerdem „in jetziger Zeit, wo viel Schnickschnack

erzählt

werde, sehr bedenklich" sei. Einige illonatc später konnten sich die schwedischen 21Tad?tljaber mit der Hoffnung

schmeicheln, daß diese „!>rmahnullg" gefruchtet habe. Alles schien darauf hinzudeuten, daß Iliaria (£leonora mit ihrem

kose ausgesöhnt sei. Noch im 3uti/ gelegentlich eines Vesuches des Reichskanzlers,

ließ sie von etwaigen Reiscplänen

kein Sterbousti'ö'rtdieu verlauten. Kein Wunder, daß im August ihr plötzlicher Aufbruch nach Gotenburg großes

befremden erregte. ~U? C geheimnisvolles verschwinden aus Gripsholm; ihre hartnackige Weigerung in höjentorp, sich

sofort zu ihrer erkrankten Tochter zu begeben; die Entstehung von Baueruunrubeu in westergölland unmittelbar

nach ihrer iliifunft in jenen Gegenden-, ihre unvorsichtige Bemerkung, daß sie mit ihrer kursächsischen Vase

Magdalene Sibylle sowie mit deren Gemahl, dein dänischen Thronfolger (Christian, in Nohus ober Gotenburg

zusannnenzulreften beabsichtige; das im Umlauf befindliche Gerücht, sie habe in Golenburg mit zwei hervorragenden

dänischen Staatsmännern heimlich Beratungen gepflogen; ihre langsame Rückreise; ihre Unterredungen mit (J5vl6eiu

löve in Horrföping: dies alles mußte in Stoiffyolm selbstverständlich den Eindruck hervorrufen, daß es sich bei

der ganzen Reise um ein lange vorher abgekartetes Spiel handelte. Ob die verwitwete "Königin damals wirklich einen

Fluchtversuch geplant ober gar landesverräterische Handlungen begangen hat, läßt sich auf Grund des bisher bekannt

gewordenen Quellenmaterials mit Bestimmtheit weder bejahen noch verneinen. Nur das eine steht unumstößlich fest, daß

sie in dieser t5eit durch ihr unvorsichtiges benehmen den» auf ihr lastenden Verdacht kräftig Vorschub leistete und mithin

die Hauptschuld daran trug, daß binnen kurzem über sie und über ihre Umgebung ein strenges Strafgericht hereinbrach.'

3u den leitenden Kegicruugsfrctfeu war mau nämlich durchaus nicht gewillt, sich derartige „Oilgrilnsrcisen"

stillschweigend gefallen zu lassen. Schon am 25. September wurde von den Reichsräten beschlossen, sowohl MariatEleonora

als auch ihren Hofmarschall, von 4>nh, den mau für einen heimlichen „Anstifter und Förderer" des letzten

Reiseprojektes hielt, zur Verantwortung zu ziehen und alle wichtigeren Vertrauensposten au ihrem Hofe künftig mit

' .,Sv Rik^r Promkoll 1-, VII,5. ,50. Ul, l^''f.. -*r| ff-/ -M"', >'"' u. 5Hüff.; VIII,j.*n; „Hamll. rör. Skaml. hist .", Wir, 5.255;

Vcrgb, XM1, 5. -o.'i. Pajii im!r«tn'fö. Itfidjsarifiip;lUaria i£Icotiora an "Kafinüv, (ßripstiolm ;2.^un. / U^ebr. u. ?./'\7,'bc$. (tuM.


189

„tüchtigen schwedischeil Zftäuueru" zu besetzen, die „von der Krone ilcpcndirtcn". So konnte man denn in Stockholm

unmittelbar nach der Ankunft der Königin-- Witwe bas eigenartige Schauspiel erleben, daß der Senat sich in einen

förmltdicn Gerichtshof verwandelte. 3" der £ormittagsft$ung pom 2. (Dftober wurden ihre „unnützen Reisen", ihre

„Phantasien" vor und nach der öcifetnmg Gustav 2(bolfs, ihre „controversen bezüglich ihres keibgedinges", ihre

sonstigen „praetensionen" und ihre ausländischen „currespondentien" einer 5um Teil recht scharfen Antik unterzogen.

Einhellig Porträten die Reichsräte die Ansicht, daß im Hinblick auf die „Wohlfahrt des Vaterlandes" „derartige actiones

zu eunttaminiren" und „3- 11 wj- Dero Verstöße (fautcr) zu remonstriren" seien. Allein ebenso einmütig äußerte

man andererseits die llcbcrjcugung, daß TUarid Eleonora sich schnell „zu guten consiliis bequemen" werde, falls man

aus ihrer Habe diejenigen „obstacula" entfernen könnte, die sie gegen die Regierung aufhetzten und „Uneinigfeit zu

stiften" suchten. Natürlich waren diese Worte in allererster linie auf pen^ gemünzt. Er, so hieß os von allen Seiten,

fei die eigentliche „Wurzel" des liebeis und in hohem Grade „suspeet", weshalb man ihn sogleicb entlassen oder

verhaften, wenn nicht gar mit dein Tode bestrasen müsse. Die allgemeine Entrüstung steigerte sich noch, nachdem der

Landeshauptmann Knut poffe als offizieller Kronzeuge aufgetreten war und über die Vorgänge zu Höjcntorp berichtet

Halle. Denn feine Aussage lautete für den Hofmarschall sehr belastend, was freilich kaum wundernehmen faun, da

beide, dem Zeugnis der pfa^aräfin Katharina zufolge, schon seit längerer t?yit „nicht recht miteinander" standen.

Das Ergebnis der mehrstündigen Debatte gipfelte in dem Beschlüsse, j>ntz „nachmittags hinaufkommen" zu lassen

und ihn, als einen unter. der „jurisiliction der Krone Schweden" stehenden „Diener I. 31?aj.", wegen feines Verhaltens

„ernstlich" zur Rede

5 U stellen.

?s dürfte wohl verzeihlich erscheinen, daß pentt sich in zie»nlich gedrückter Stimmung befand, als er ein paar

Stunden später vor versammeltem Senate erschien. Kaum hatte er den Sitzungssaal betreten, so mußte er eine lange

Strafpredigt des Reichskanzlers anhören, der ihu nickt nur in strengen Worten daran erinnerte, was mit ihm im

Frühjahr „hier in locn discurrirt" worden fei, sondern vor allem von ihm auch Aufschluß darüber begehrte, wesl^alb

er feine Herrin nicht an ihrem Vorhaben gehindert oder wenigstens rechtzeitig die Regierung davon benachrichtigt ijabc.

Himmelhoch beteuerte peub, er habe mit 6eu Vormündern durchaus nicht „Spott und l)ohn getrieben", sondern fest

geglaubt, daß lediglich eine Reise „propter iccreationem" in ,frage stehe. Allein (Yxenstierna erwiderte ärgerlich, eine

derartige Entschuldigung könnten webet er noch seine Kollegen gelten lassen, da die verwitwete Königin ungewöhnlich

schnell „an allen luftigen Grten vorübergefahren" sei und sich direkt nach Gotenburg begeben l^abe. 3m übrigen aber

fei es doch entschieden höchst merkwürdig, daß sie vor der Ilebernahme des hofmarschallamte? durch pen§ sich niemals

erbreiftet habe, etwas Derartiges zu tun. vergebens versicherte dieser nochmals, er habe „feine widrige consilia int

Schilde geführt", sondern bloß „als Diener j. ZTtaj." gehorsam feine Pflicht erfüllt und wolle sich jetzt gern sein

„Vrod anderwärts suchen", Wutentbrannt schrie ihn der Kanzler au: „Ihr habt dazu geholfen, bas ganze Werk zu

corniinpircn und Ihr sollt dafür verantwortlich fein". Da sank dem armen Hof'Marschall völlig der JITut. Schüchtern

bemerkte er: „Ew. Exzellenz kennt doch idoIj! 3. lUa\. humt-nr". „Das mag schon sein," lautete die unwirsche Antwort;

„aber sie hat Euch und andere, die ihre», humeur nachhelfen". Immer aufs neue beteuerte seiitz, daß er erst unterwegs

von dem wahren Reiseziel etwas erfahren habe. Allein CPrcnftierna unterbrach ihn mit den Worten, er habe bestimmt

darum wissen muffen, da der ganze plan ja schon in Gripsholm „eoneipirt" gewesen sei. Wohl habe es sich früher

bei derartigen Reiseprojetten um „bloße pl^anlafien" gehandelt; diesmal aber sehe man deutlich genug, daß es sich um

„realiteten"

handle. Schuld an allem, so fuhr er erregt fort, trage fein anderer als pen£, der feine Gebieterin

„verführt und gegen die Regierung aufgehetzt" habe, beispielsweise durch die ebenso gehässige wie törichte 23emcrfung,

daß bei anbereu Kationen verwitwete Königinnen besser „aecommodirt" würden, nicht so spärliches Hausgerät und

Mobiliar bekamen und nicht „wie eine Sklavin tractirt" würden, während in wahrheil 21Taria-.(£leonora doch ein

besseres und stattlicheres teibgedinge empfangen hal>e als irgend eine andere Königin. „wären wir",so rief er u. a.

aus, „mit dem Aurfürsten von Vrandcnburg befreundet, so wollten wir ihn bitten. Gesandle hierher zu schicken, die

wir dann wissen lassen wollten, wie 3- lNaj. tractirt wird und wie sich dagegen I. 2Naj. benimmt". Nachdem bas


190

Terror beendet und peufc abgetreten war, äußerle der Reichsfeldherr Ia5ob de la Gardie unter dem 23cifaII der

übrigen Kcid>sratc, feines (Eraditeiis feien „solche enormiteten" am besten dadurch „zu stillen", daß mau den l^ofniarschall

0,11115 einfach auffordere, „er möge sich hinweg packe»".

In llebereinftimmung mit diesen Worten tmtr6c zwei Tage später von den Senatoren einstimmig beschlossen,

der verwitweten Königin noch am selben liad^nittjg „die ganze Angelegenheit cm.'un humanissimc 511 reinonstriren"

11116 die sofortige Ersetzung ihrer ausländischeli ..schädlichen

Diener", namentlich des l)ofmarschalls von penh und des

Kämmerers {Tobias von Kleinau, durch redliche schwedische 2Uii«ner zu verlangen, im Weigerungsfälle aber „511m

äußersten" zu schreiten, i>. h. die ganze Angelegenheit einem Ausschußreichstage zur Beratung vorzulegen, (besagt,

getan! l\c[d) einigen 5tun\*n erschien der Senat in corpore auf dem Schlosse. Die Audienz, die bis 7 Nhr abends

währte, scheint so gut wie ergebnislos verlaufen zu fein, l)eftig platten die Geister aufeinander. „6)lme alle

Umschweife" äußerte der Reichskanzler 511 jnuria-^leonora, daß sie durch ihr Perbalten ihn und feine Aollegen aufs

schwerste gekränkt habe. „£iv.2Uaj.", rief er u, a. aus, „wünscht, das; wir Euch lieben sollen, während 31)r uns doch

Hassel". Allein die A5nigm¦¦ITÜipc wollte weder Me ihr gemachten Vorwürfe als berechtigt anerkennen, noch sich von

ihrer deutschen Umgebung trennen, noch endlich den Vorschlag eines Schiedsgerichtes zwischen ihr und den Reichsräten

gutheißen, sondern erwiderte nichts weiter als: „Es ist geschehn. was nu denn mehr?!"

Die Folge ihrer Halsstarrigkeit war,

daß am nächsten Tage im Senat ernstlich erwogen wurde, ob man nicht nun

mehr rücksichtslos vorgehen (olle. Erst

„ach lauger Beratung entschied mau sich dafür, es noch ein letztes 211al mit der

Ulüoe zu versuchen, und wählte eine aus dem )?cichstanzler, dem Keidismarfdiall und dem Keichsfchüftmeifter bestehende

Deputation, um mit ihr nochmals wegen der Entlassung ihrer „ministri"

zu reden. Als die drei genannten Herren

sich bei ihr einfanden, wartete ihrer eine angenehme Neberraschung. Aus der leidenschaftlichen Rechthaberin von gestern

war auf einmal eine bußfertige Sünderin geworden, die für die t?>ufuuft Vesserung gelobte u»o 511 allem 3a sagte.

IVohl hielt ein «Teil der ixeidisrate ihre Keue nicht für echt, sondern meinte, daß sie geheime Nebenabsichten damit verbinde.

Allein immerhin erreichte sie es durch ihre neue Caflif, daß man nicht mir ihr persönlich gegenüber gelindere

Saiten aufzog, sondern auch zunächst von der Entlassung des i')ofmarschalls von Penii Abstand nahm, obwohl er,

einer Aeußerung (Drenfticrnas zufolge, fein- ,,Mispt.-of erschien, „seltsame und pr.iqutücirli^c consilia bei j.lXla\.

511 betreiben und sie zur Widerwärtigkeit sowie anderen Belästigungen zu di^poniren". Sie habe, so hieß es in der

Senatsfiinmg vom 2(>. Gktober, sich in lekter ,^cil „vollkommen nuttirt" und bezeige sich gegenwärtig „so favorabel",

daß man mit der Entfernung ihres Hofmarschalls ruhig noch ein Pierteljabr warten und inzwischen zusehen

könne,

wohin sie in Wirklichkeit ..inclinire". Natürlich ließ Iliarta Eleonora diese Gnadenfrist keineswegs ungenutzt perftreidien.

illitgrößter Bereitwilligkeit ging sie auf alle Wünsche der !?or>nundschaflsregierung ein, um vor aller Welt

ihre gute „inclination" 511 bekunden. So lief) sie sich bespielsroeise im Hopcinbcr aus Stoetljolm „auf etliche Cage

den ..(.'(H)iissari»us(!)" Anton (anginan schicken, der in (Nripsholm die „in vorigen fahren" durch ihre „Diener

und (eute geführele administratüni" prüfen, „die 23öchcr und Rechnungen durchsehen", sowie alles „311 Dichtigkeit

bringen" sollte, wer vermöchte wobl zu sagen, ob sie die lautere Wahrheil sprach, wenn sie bald darauf dem Reichs^

kanzler erklärte, sie sei tamjmatt 511 großem Danke für den Nachweis verpflichtet, daß sie ihren jetzigen finanziellen

„Ilebelstand" hauptsächlich nachlässiger Verwaltung und „übeler 23e6ieuung" zuzuschreiben l?abe. Das eine aber steht

jedenfalls fest, daß in den letzte» Wochen des Jahres l63fi die Beziehungen zwischen ihr und den: Senat viel von

der frühereu Scharfe verloren hatten.^

Da trat ein unrortiergefer/encs (Ereignis ein, 6as mit einem Schlage 6ic alten Streitpuuftc anc6cr in 6cn

i?or6ergruu6 rücfte un6 6em ftillfdupeigen6en Iüaffenftillftan6 ein (En6e madjte.

1

,,Sv Kiksr ProtyUill", VII, ?. 2Nüff., 3OH— IM, 52h f. 11. .V*5;Vlll, „Hamil. rör. bkanJ. hi-i.-'. V, S. .'.7 (Stocks. \h\H-\

XVII,f.2.17; Hergfj, XXII,S. :o:iff. D^zu im Achmed. 2\cid)5cird?it: matia-Cglconora an Georg Wtlbtlm,


191

Am 23. Dezember \; „Oxcnst. sWnfi. och bretvexl.", 2. Seite, III, S.43«; x.5.',^f.: ryrcII,

HanJHiigar £lconorü ein ©rips()o[m 15..'25. v«;. \6W, an 0)r


192

Das schroffe vorgehen der Senatoren in dieser Angelegenheit bildete gleichsani das Vorspiel zu einer anderen

schweren Kräiifung, die Illaria (Eleonore

kurz darauf über neb ergchen lassen mupte. wie wir wissen, hatte man

schon lauge in Stockholm ihre Vczicbungen 511 Christian IV. mit mißtrauischen 23liefen betrachtet. Aber noch immer

Halle man es liichl strengt, gegen sie einen entscheidenden schlag 511 führen, endlich, wo in NX'steräs ein Ausschußreichstag

jufammeutrat, hielt man d>'ii richtigen Zeitpunkt geFoiuiiKU, ihrem ,,prucf


193

Posse, wegen angeblichen Ungehorsams eine heftige 5zene und drohte ihm feine Entlassung an, da sie „auch ohne ihn

leben könne". So beschwerte» sich die Säuern ihres teibgedinges durch «ine Deputation gerade damals beim Senat

über ungesetzliche Bedrückungen seitens des Hofpersonals und baten un, ortige Beseitigung der von ihnen angeführten

Uebclstände, widrigenfalls bein, „gemeinen 2Hanvtc" der Ausbruch eines Aufruhrs in Saide 511 befürchten sei. So

fanden sich, wie es im offiziellen Ratsprotokoll heißt, in Strengnäs zahlreiche „Gläubiger 3. 2Uuj." ein, die nicht nur

„unter Tränenströmen" versicherten, sie tonnten weder von iKarid = ?teouora noch von j>ntz „Bezahlung oder Vcrtröstung

erlangen", sondern auch mit Einleitung gerichtlicher Schritte drohten, falls sie nicht bald zu ihrem Rechte

kämen. Unter solchen Umständen kann man es den Reichsräten wirklich nicht verdenken, daß sie am \6. Februar in

Strcngnäs den Beschluß faßten, nunmehr mit Nachdruck einzuschreiten und „penft nebst seinem Anhange hals über

Aopf fortzujagen". Am nächsten Tage mußte er im Senat erscheinen, wo ihm in dürren Worten eröffnet wurde,

daß er und seine Helfershelfer unverzüglich „abziehen" oder sich auf den schlimmsten „affront" gefaßt machen müßten,

da die Regierung keineswegs gewillt fei, sich noch langer von ihnen „Ungelegenheiten" bereiten zu lassen. Hierauf

gingen die Vormünder zur Königin-- Witwe, die in der ersten Vestürzung — -¦¦¦

nach kurzem, lebhaftem lDi6erftan6c

sich in der Tal bereit erklärte, einen Teil ihres deutschen Hofstaates zu verabschieden.

Schon nach kurzer ,


194

„die Arbeit l^Ibgetan", so daß SFytte abreisen konnte. Dagegen blieb der Reichsadmiral (ßyllettlnelni auf Wunsch der

übrigen Vormünder noch einige Zeit in (Bripsbolm, um dafür zu forgen, bat* alles wirklich feinen „elTect" erreiche

und daß die deutschen „schädlichen Diener 3- 2Uaj." tatsächlich „auf gefällige und gute manier von 3- *^a J- entfernt"

würben. Eine solche Vorsichtsmaßregel war im übrigen keineswegs überflüssig. Denn noch immer schoben jene ihre

Abreise hinaus, in der stillschweigenden Hoffnung, daß (Christian IV. sich zu ihren (fünften bei der schwedischen

Regierung verwenden werbe. Allein der DcmeuFönig erkannte febr richtig, daß seine Permittelung im vorliegenden

Falle lediglich „odieux" wirken würde, 11116 beschränkte sich daher wohlweislich darauf, JITdria Eleonora, „zur !?er

meidung aller Jalousie-, „unvermerkt" durch IPibe mitteilen 511 lassen, daß er zwar ihren t)ofmarschall gern in seinen

Dienst nehmen und ihr bei besserer (Gelegenheit alle erforderliche und dienliche Unterstützung leihen wolle, „in dieser

beschwerlichen Zeit" aber sie nur ermahnen könne, „sich vernünftiglich 311 moderiren und Geduld zu haben". So

half denn alles nichts. Die Aönigm Ivitwc mußte nachgeben und, wie sie Ende Z]1a\ „aus bekümmertem Gemülc"

an ihren kurfürstlichen Vruder schrieb, „ganz unverschuldet" mehrere ihrer „getreuestcn t)ofdiener" endgültig „ihrer

Pflicht »116 Dienste erlassen".'

Anscheinend befand sie sich bei besten, „hiuncur", als der Reichsadmiral ihre Residenz verließ. Aber das

,compurt;imcnt", das sie ihm gegenüber beobachtete, war nur Verstellung. 3n dem eigenhändigen kmpfehlungs

schreiben, das sie damals ihrcnl Kamiucrjunfer ron i3onow für Georg Wilhelm mitgab, beschwerte sie sich bitter

darüber, daß man mit ihr in Schweden „ein unerhörlichen. tirham'schen und i^Ijarbharifdien l'rotzcs (!) angeschlagen"

t?abc. „3*bin", äußerte sie wörtlich, „so von Gott uno allen llicitfchen iho verlassen,

daß ich vor großer Betrübnis !und

vor Aengslen nicht weiß, wo ich midi lassen soll, un6l daß ich besorgen muh, daß ich darüber zuletzt ganz in

fchwermüti^feit geraten dürfte", „wofernc ich nicht bald Croft von ?. t. bekomme". Die Schilderung, die öouotu

Ende 3 llIi in Vrlel^burg von dein „klaglichen, höchst betrüblichen und über die Maße» sehr elenden Zustand" seiner

früheren Gebieterin entwarf, und der mündliche Bericht von 'Kleinaus, der im September gleichfalls nach (Ostpreußen

kam, machten auf den Kurfürsten einen tiefen Eindruck. lUit licher Betrübnis erfuhr er durch sie, daß seine

Schwester in den letzten fahren von der schwedischen Regierung, und zwar „absonderlich vom Reichs = Droften und

Reichs-- Cantzlcr", ..gar übel und nicht also, wie es Dero hoher Aöniglicher Staub, Rechtens und Billigkeit nach,

erfordert, getr^tirel" worden sei, 11116 daß sie sogar „allerhand Neuerungen, die einer Königinnen in so viele» uiio

undenklichen fahren nimmermehr zugemutet worden", habe „leiden und vertragen müssen". Natürlich wäre es sein

lebhaftester Wunsch gewesen, 511 ihrer „libcriruna und Errettung aus dein jetzigen Ausland" auf irgend eine IPeife

sogleich „nützliche Dienste prarstiren" zu können. Aber wie hatte er dies wohl bei dem damaligen „Ariegsunwesen"

anfangen sollen? Genug: es blieb ihm nicht? anderes übrig, als 2?larid ?leonora auf die Zukunft zu vertrösten und

ihr zu raten, sie möge sich „nur noch in etwas patientiren und gedulden". Doch erklärte er sich gleichzeitig bereit, ihr

jederzeit in feinen Canbcn Schutz und (Obdach 511 gewähren, falls es ihr durch „inicrptisitiun" des Däncnkönigs

gelänge, „mit guter manier, ohne prncjiKlitz und Nachteil ihres Königlichen IPittumbs und mit consens der Reichs

rate" Schweden zu [äffen unb nach Preußen „emhero Zu kommen".-

ifin derartiger „consens" war freilich in Anbetracht der damaligen politischen Vezichungen zwischen Schweben

und Vrandenburg von vornherein völlig ausgeschlossen. Der bekannte «Einfall des (Obersten Hermann von Voth in

tivland (,früljfominer \ft">M) Halle in Schweden nicht nur vorübergehend die größten Besorgnisse hervorgerufen, sondern

auch das alte Zni^traueii gegen die „mrrrspondentien" der verwitweten Kcuigiu von neuem rege gemacht,

3 cber

mann glaubte, daß sie und ihr l.)ofmarschall pen^, ein Schwager Volhs, hei,nlich jenen gefährlichen Anschlag

1 „Sv. Kiksr. Protokoll- 1 , VII,S. 4."i(., >".nf., -teil, l*i(ff.H. »7»; „Oxenst. sknli. och brchcxl.", 2. Serie, III,S. 4* (f. ;X, 5. 1 3 7 H,

*i7ft, i,8) n. »;h3; (£ii*jclfic»ft, a. a. (D. VII, f..,


195

„angestiftet" bätton, mochte sie auch bei ihrer ewigen „Seligfeit" beteuern, daß sie nichts davon gewußt habe und daß

Gott ihre „Unschuld am (Tage kommen lassen" werde.

Um fo weniger waren die schwedischen Machthaber natürlich geneigt, ohne treueres die auf die (Ernennung

eines neuen l)ofmarschalls bezw. aus die Tilgung ihrer Schulden bezüglichen Vorschläge gutzuheißen, die 21Iaria -

(Elconora

schon im 2TIai, während der Anwesenheit Cf5yllenrfielms , schriftlich dem in Zönköping tagenden Senats^

ausschusse übermittelt hatte, deren Behandlung dieser ab«r bis zur nächsten pleuarperfammlung des Reichsrats verschoben

hatte. Als am 22. August in it)cfteräs die Angelegenheil endlich vor fast vollzählig versammelten, Senate zur Sprache

kam, herrschte anfangs im Sitzungssaale eine ziemlich kriegerische Stimmung, die in einer scharfen Philippika des

Reichskanzlers gegen die 'Königin Ivitwc und gegen deren benehmen seit 60111 Tode Gustav Adolfs ihren Ausdruck

fand. Wohl suchte der Reichsadmiral auch diesmal feiner Schwägerin 511 Hilfe 311 kommen, indem er in deren trage

mitteilte,

daß sie auf der Ernennung des jungen Freiherrn Vcnedikt Sfytte zu ihrem Hofmarschall nicht länger

bestehen

wolle, und indem er weiterhin betonte, daß sie keineswegs, wie man ihr nachsage, gegen die Reichsräte „uivkIk:

und Haß" hege, sondern von ihnen nichts weiter begehre, als daß sie, wenn sie mit ihr „etwas zu reden" hätten, nur

„einen oder zwei aus ihrer lUitte" schielen möchten, da sie jedesmal „sich zu Tode erschrecke", wenn sie „so alle auf

einmal heraufkämen". Seine Rede erzielte indessen nicht die erhoffte IPirfung, zumal er mit der unvorsichtigen

Bemerkung schloß, seine Schutzbefohlene habe ihm „bei Gott und bei ihrem Gewissen" geschworen, daß sie ganz

unschuldigerweise einer „corrcspomlcnce" mit den Feinden der Krone Schweden bezichtigt werde. Aergerlich unterbrach

ihn lNrenstierna mit den Worten: „Sie tut es; wer aber mit polen und Dänemark secrete correspondirt, den soll man

für einen Schelm und nicht für ein».n Freund unseres Staates halten".

An dieses unerquief liebe Vorspiel schloß sich eine eingehende «Erörterung der schriftlichen wünsche, die sie in

betreff der Vezahlung ibrer Schulden geäußert hatte. Ihr Autrag, 511 solchem Zwecke einzelne (Hüter ihres (cibgedinges

an Privatpersonen verkaufen zu dürfen, wurde nicht mir für „irraisunabcl", sondern auch für höchst bedenklich erachtet,

da ihr besitz alsdann zweifellos in die Hand ihrer eigenen „Diener" fallen würde, die doch gegen die Regierung

„durchaus nicht lvohl afrectionirt" seien. Aber auch gegen ihren Allernatii'vorschlag, daß der schwedische Staat ihre

(gläubiger „contentiren" und zum Ersatz dafür einen Teil ihres Ceibge6inges empfangen solle, wurden von verschiedenen

Seiten gewichtige Einwände erhoben. Mehrere Reichsräte

pertraten die Ansicht, daß die Krone die „auf so unnütze

weise" gemachten Schulden der verwitweten Königin überhaupt nicht „a^noscireu" und sich damit „yraviren" dürfe.

Andere waren allerdings milder gestimmt und meinten, daß man ihr auf irgend eine Art „unter die Arme greifen"

lind ihr die „Vürde erleichtern" müsse. Sie fei, so sagten sie, „schivach von Natur" und „den affecten gewaltig ergeben"

und könne, wofern sie nicht bald aus ihrer finanziellen „Drangsal" befreit werde, leicht in „widenvärtige Phantasien"

oder, „wie früher so häusig", in schwere Krankheit verfallen. Auch dürfe sie als Zftuttcr der regierenden Königin die

gebührende Achtung und Rücksichtnahme für sich beanspruchen, dessen 311 geschweige«, daß sie sicherlich über den Senat

„andere Gedanken faffen" werde, falls man sie im vorliegenden Falle „n})li^ireu"würde. Da eine sofortige Bejahung

ihrer tf5efamtfdml6en von boexx) Rcichslalcrn (\()8O(XK) Reichsmark) schon wegen der sonstigen, auf der Krone rul^'nden

Geldlasten ganz unmöglich erschien, entschied man sich nach einer mehrstündigen Diskussion, an der auch der mit der

finanziellen tage Maria - Eleonoras vorzüglich »ertraute Kommissar kangman als Sachverständiger teilnahm, für die

Annahme eines rom Reichskanzler eingebrachten Oermiltelungsvorschlages. Derselbe verpflichtete die Königin--

bei dem Vudget für ihren X^offtaat und ihren ITiarftall verschiedene Abstriche vorzunehmen, mit einigen anderen

„unnötigen und überflüssigen expensen" künftig innezuhalten und Gestrikland sowie einen anderen Teil ihres 6eib

gedinges an die Krone abzutreten, wogegen diese sich bereit erklärte, „3- N?aj. creditores" durch ratenweife erfolgende

Abzahlungen im taufe einiger Jahre völlig zu befriedigen und ihr außerdem auf verlangen jederzeit den Aommissar

tangman als Berater zur Perfügung zu stellen.

hierauf erörterte 6er Senat ir/re übrigen „postulata". (Ein3elne wur6en or?nc weiteres bewilligt, an6ere dagegen

— 3. 8. ihre Bitte um


196

Einräumung des Landes Usedom als IDitwensitz - in ablehnendem Sinne eutfchicöen. Zuletzt entspann sich noch eine

erregt*.* Debatte über die, gemäß der Drohung im Februar, inzwischen von ihr perfügte Entlassung ihres Statthalters

Knut poffc. Ihr eigenmächtiges Porgeljen bei dieser Angelegenheit wurde, ivie es im offiziellen Sikungsprotokoll

heißt, von den Rcichsräten „etwas unwillig aufgenommen" und als „cm großer affront" bezeichnet, da sie, nach

schwedischem «besetz, die Gerichtsbarkeit nur „in prima instantia* 1 ausüben und niemand seines Amtes entsetzen dürfe,

wofern er nicht „einer Jlliffctat und tauti: überführt" sei. Uni so notwendiger erschien es ihncn natürlich, ihr für den

erledigten l>ofmarschall' und öwtthallerposlen einen rcgierungsfreuH6Üdien Kandidaten vorzuschlagen. Hhre Wahl siel

etiiftimmig auf den bisherigen Assessor im Siva Hofgericht, 3 par Hitsfon Halt och Dag.

Ende (Dftobev erschien der SeiAsa6miraI (5YÜcnljielm in Gripsholm, um feiner Schwägerin, die bereits

schriftlich von den Senatsbefcrttüffen benachrichtigt worden war, über alles Nähere mündlich „rclation** 311 erstatten

und sie gleichzeitig nach Möglichkeit „zu besserer alücction" gegen die Vormünder, besonders gegen den Reichskanzler,

zu „tlisponiren". ?r fand sie „bei weit besserem humcnr", als er vermutet hatte, und durchaus willig, die ihr

„vermeintlich geschehenen INiderwärtigkeiten und Verdrießlichkeiten" zu vergesse». Sie gab wiederl^oll der Hoffnung

Ausdruck, daß es nunmehr 5iv»ifcben ihr und der Regierung „wieder zu gutem vertrauen und freundschaftlichen! Verkehr

kommen" werde, erklärte sich mit der Antwort des Senats auf ihre Vorschläge in betreff der öchuldenlilgung usw.

„fehr nvhl zufrieden" und äußerte lediglich den N^unsch, daß die Reichsrate die höchst lästigen „Forderungen" ihres

Hauptgläubigers, des Kaufmanns 21Tarfus Stenman, ..gänzlich auf sich nehmen" und sie dadurch „einer großen käst",

deren sie sonst „in vielen fahren nicht ohnig (!) werden" könne, „entheben" »lochten. Die Erfüllung dieser Bitte

glaubte G>'lle»bielm dringend seinen Aollegen empfehlen zu muffen, zumal er die Beobachtung gemacht hatte,

daß seine Schwägerin „auf die tOüroe ihrer königlichen Person mii» auf den guten 2\ui ihres Namens mächtig

jaloux" sei. Gleichzeitig aber wußte er es durchzusetzen, daß diese nach langer paufe ihren Vriefwechsel mit

Are! Grcuslierna wieder aufnahm und ihn sowie die übrigen des Reicl?sral5 ersuchte, sich „zu aeeeptir

und Jlbtragung" der Forderungen Steitmans 311 verstehen, wogegen sie selber sich verpflichten wolle, den Senat

„inskünftig mit dergleichen Anmutungen" nicht mehr zu „molcstircn" und die ihr „verschossene (!) summa fürder^

lidift hinwicdermnb" zu erstatten. Anfangs war man in den schwedischen Rcgierungskreisen wenig geneigt, ihrem

tHesllch zu willfahren. Allein durch das „verbindliche" IPefen, das sie in den nächsten !1?oiiatcn gegen jedermann

auch gegen den Reichskanzler nnd gegen dessen Bruder, -—

den Reichsdrosten zur 5&au trug, wußte sie es

schließlich zu erreichen, daß si»' besseres Gehör fand, als sie Anfang 10+ü ihre Vitle wiederholte. Am 5. April

wurde einstimmig vom Senat beschlossen, den,

Kaufmann Stcnmau 20ODO Kcidistaler auszuzahlen, um „3-Ittaj.

dadurch £m6erung zu verschaffen".

In IDabrbeit freilich war das „comportenumt." IHaria Eleonores den Rcichsraten gegenüber auch diesmal

nichts weiter als wohlberechnete Verstellung und geschickte Schauspielerei. Zu derselben Zeit, wo sie dem nicht unbedenklich

erkrankten Leiter der auswärtigen und inneren Politik Schwedens scheinbar die l)and zur Versöhnung reichte, schrieb

sie wörtlich au ihren £ru6er Georg lVilbelm: ,.Der Reich? Chantzeler ist zwar sehr krank gewesen, aber er hat dennoch

nicht können sterben. Gott will ihm (!) uod> leider länger uns armen Fremdlingen in Schweden und Deitjlauö (!) 311

einer Geißelruthen behalten". 3 denselben Tagen serner, wo sie Gyllenhielm gegenüber jede heimliche Verbindung

mit den Feinden Schwedens entrüstet in Abrede stellte, versprach sie ihrem kurfürstlichen 23ru6er, künftig alles „avisircu"

zu lassen, was sie von ..den Consiliis und Anschlagen" der schwedischen Regierung wider Aurbrandenburg in Erfahrung

bringen würde, empfahl ihm nochmals ihren früheren Kammcrjunfer von Sonow mit der Begründung, daß

er „nicht gut schwedisch" sei. und schickte nach Vslpreußen mehrere wichtige schwedische Dokumente, die durch Bestechung

in den Vesitz des dänischen Residenten XDibe gelangt waren und die sie durch ihren ,,eigen[en] deitzen Kammer

schreiber von Wort zu wort" hatte abschreiben lassen. Zu derselben Zeit endlich, wo der Senat, um „ihren hunieur

und Sinn zu gewinnen und alle Sachen wieder in gute correspondentz zu stellen", sich zur Vefriedigung ihres Hauptgläubigers

Stenman anschickte, war sie. im Verein mit einigen deutschen und dänischen Helfershelfern, insgeheim mit


197

Vorbereitungen zu einet so schlau ersonnenen und so ungewöhnlich romantischen Flucht beschäftigt, daß man, wie der

Reichskanzler Anfang \W\ vor uerfammeltem Reichstage durchaus richtig bemerkte, „ein Gegenstück dazu nimmer

finde» dürfte, auch wenn mau alle Historien bücher durchblättert".'

V

Die t)etmlid?e $ludit nadj Dänemarf (\6^0)

Der plan Maria £leouoras, das schwedische Reich vorübergehend oder auf immer zu

verlassen, reicht, wie

wir uns von früher her

erinnern, in seinen äugen bis in die erste Zeil nach dem Tode GustavAdolfs zurück

und stand mit dem im Frühjahr J635 vom Reichstage zum erstenmal erörterten Projekt einer Trennung Chnslinens

inn ihrer INutter zweifellos in engem Zusammenhange. Allein weder der brandenburgische Kurfürst noch der Danen

konig waren damals gewillt, das vorhaben der Königin-Witwe irgendwie 311 unterftü^en. Dringend riet Georg Wilhelm

im April Jö55 (einer Schwester davon ab, sich aus Schweden zu begeben, da solches „sich in keinerlei weise schicken

und ihr selbst höchste Ungelcgenheit nach sich ziehen" würde, und auch Christian IV. erteilte ihr im Dezember desselben

Wahres auf ihre Anfrage den „wohlgemeinten Rat", nicht nach Preußen „zu ihrem l)errn Vruder zu ziehen", sondern

vorläufig „lieber zu dissimuliren", zumal „die Zeit alles noch remetliren" könne. Vielleicht hätten die freundschaftlichen

Ermahnungen der beiden dürften die gewünschte Wirkung erzielt, Halle nicht der Senat durch sein schroffes vorgehen

gegen die Königin-Witwe unwahre \050 alles von neuem verdorben. reit ihrer Verbannung nach Gripsholm 11116

seit ihrer unfreiwilligen „Separation" »011 ihrer Tochter entwarf sie, wie wir im vorigen Kapitel ausführlich darlegten,

fast ununterbrochen Reise und Fluchlpläne, deren ff., '.'>«'f., 5.5.'^f., S3fi-- *•* U. f»61— 70; VIII,£. hl, >2*»u. -HU ..Oxen*t. sknft. och brcivev].",

2. Serif, III, S. ; X, S. l^u — *.v Bajii im Schwel», iieid^ardjt»: DT.'iflconara an (OTftijtifrna, t^npsbolm 2(. .^. (Oft. 163") n.

l,.,lb..sebr. (6^0. ferner im Königl. preug. Wausardjiii: nT.'?lconora an (S.'irilMin, (Sripsliolm :*>. ©ft.'5. Mop. i.*.vj [eigenh.; praes.

Znsterbui-g 26. )"n. / '..Febr. 16^0^. vgl. auch A. fcidpbim, Pc& Obersten i^otlj Anschlag auf tiol^nd (l»29) usw., f.2^ff.


198

Kunbe, baß es ihren Verwandten und Freunden „so elend in Detfclant ergebe", betrübte sie „ipoII ron fersen''.

besonders lebhaft beklagte sie bas plötzliche hinscheiden Herzog Bernhards von ZDeimar, der, tote fic einmal äußerte,

„noch ein Deij I^erj gc^abet", und der „feineu (!) frcnlbden nadzion Deijlant nicht (!) gern [I?abc] in Mc I)an5e liefern

wollen". „Ivan ich an Oeizland gedenke, so blut[et] mit mein E)er5", schrieb sie einige lvochen später beh'inunert an

ihren kurfürstlichen Vruder. „IDie gerne roolt ich ihnen helfen, aber es hilft alles nid)!, wie gerne ich es jaucht Hut

sähe, Seten ist bas beste Mittel",

3mmet sehnsüchtiger wurde ihr Verlangen, den schwedischen „Tirhanen (!)' zu

1

entfliehen, die nicht nur sie selbst, sondern auch die armen Lente dranßen „indas liebe Peit}lan6" in „Not und Elend"

gestürzt hatten. 2lber wo sollte fie einen Reifer finden? „Ich bekenn', bei solchen (!) Anstand begehr' ich midi nicht

lange pon Gott zu leben", äußerte sie Mitte August 163*) ix'riweiflungsr'oll zu ihrem Schwager Johann Kaflmir. 1

5ot>hicUmalif Don Srautifditpeig, (SViiMhlintic^ prinjen jrielirit^Don Ddncnwtf

KupfnfHd) »o» p. Etofd;e[

Da erstand ihr plötzlich in der perfou des Dänen

königs ein Letter

aus aller pein und Drangsal.

Solange der plan einer l)eiratsverbindung zwischen der

jungen schwedischen Königin Christine und dein dänischen

Prinzen Friedrich bestand, war Christian IV. redlich bemüht

gewesen, fleouova den plan einer Flucht aus Schweden

auszureden,

da er ganz richtig erkannte, daß jede Begünstigung

desselben durch Dänemark unfehlbar das sofortige scheitern

jenes Dermä^Iungsprojeftes zur Folge gehabt hätte. A>5

indessen prinj Friedrich etwa ittitte (639 endgültig auf seine

lieiratsabfid>tcn am fchiPcMfdicn Ixöuigsr^ofe verzichtete 11116

statt dessen als Bewerber lim die l)and der Prinzessin Sophie

Amalie von Braunfdjmeig Lüneburg aufzutreten begann-,

vollzog sich in der schwedischen Politik feines Daters ein

vollsläudiger Nmschwung.

5uni Ceil in der Öffnung, den

gründlich verhaßten im Nachbarreiche einen

bösen streich spielen 511 Fönneu, zum Teil aber auch aus

ehrliche»» Mitgefühl mit der verwitweten Königin, faßte er

im Sommer J639 den Entschluß, feine bisherige Zurück

Haltung aufzugeben und das vorhaben Maria Eleonoras

künftig 511 „favorisireu". 3m August erschien auf ihrem

Keflbenjfdjloffe zu Gripsholm der dänische Resident peter IPibe;

angeblich, um ihr im Namen feines Gebieters „ein schwarzes,

sehr artige- Hündchen mit einem köstlichen I)alsban6 von vielen Weinö&ijen" als Geschenk 511 überreichen, in lvahrheit

aber, um sich mit ihr wegen des bot der Flucht einzuschlagenden tDeges ins Emvernehnien zu setzen und ihr IVrljaltmigsmaßregeln

511 erteilen, damit alles „fein in der Stille und unvermorket zuginge". Zu seinem Erstaunen erfuhr er von

ihr im Caufe des (Gespräches, das; sie 511 solchem Zwecke bereits einige vorbereitende ZTtagregelit getroffen hatte. So

hatte sie - unter dem I^onvanoe , daß sie uugestört „frische ?uft schöpfen" und „spazieren gehen" wolle in einem

ihrer Gartenzimmer zu (Nripsholm eine dir, von der aus eine Treppe direkt in den „Lustgarten" führte, durchbrechen

und unten einen langen, bedeckten (aubengang anlegen lassen, der „ein groß Stücf tDegs in die IDiefe hinaus" und

fast bis an 6as Ufer der Nlalarbucht reidite. So hatte sie ferner, um bei einem etwaigen heimlichen verschwinden

einen möglichst großen Dorsprung 511 gewinnen, feit Ende (638 für sich und ihren Hofstaat allinonallich drei

1 vgl. £rrg(|, XXII,S. (9? 2lttm. £11311 im!5chwcd. Keid?siird)io: ITT. Cleonora an Iah. Kajitnir, Stipa^olm 3./13. 2Ing. (639

[eigent}.] 11. — (6./26. 2I119. (659 [ctgcnb.]- ©0311 in» KSiiigl.preug. liausaiiim 1 :in.-iEU-ouora an (S.'lfilticlm,t^ri^sliolni zu, 0fj, / 5,Hop, (659

[eujeiiti-j- 2

vgl. hierüber Fridericic«, II, f. l',


199

aufeinanderfolgende Fasttage eingeführt, an denen sie sich, nachdem man ihr „auf drei tage" Speise und Trank

hereingebracht hatte, in ihren Gemächern mit einer ihrer Hofdamen einschloß, während draußen vor der »erschlossenen

Türe der hofpredigcr Tanf alle Tage rr23ctftun6 halten" mußte.'

Dhnc gewandte 11116 zuverlässige Helfershelfer war ein «Gelingen der Flucht natürlich von vornherein undenkbar.

Schon im Juli l.5eti Kucfiufttit (Seortj-Wilbclm, l>lit. 2Tyfj8t>ina i.'2. Aug./ 1. rojit. u+o pretifj. l>itu ."j

J );ein i'crid>t, i>i\i. rtorfbclm 2.¦' (2.

Ana. >s4c.kiifiiin ijfvcr Snxrn, S. av .2 ;rtocfb. (?;»'(]); ein eigenbänbiges ritrcibi'iiChristians IV. an Ulfeid,

dat. 2^ofenborg 6. >,,, (640 (aeöi. bei u. .srideril ia, Knny Christian IV. cKcnhämSigc Krevc, IV, S. 548 ff. [Kopenhagen

I.*e2].;; die offiziellen Sfnatsprotofolle rom 3./i.*>. Aug. l^^n u. 4.,;».,

be^. -.. y:>. \a\\ ;.,Sv. Riksridcts Protokoll". Vlll,

5. |7:.ff., >2»


32 u. 440 4.^). Eine kurze, im wesenllichen zntieffendc Schilderung der Flucht finde! »ich bei 5. 25er (a. a. (D. XXII,

-. 2\Z—(8); sie ist von n»ir erheblich erweitert, in einigen kleineren Punkten auch berichtigt worden. In den Einzelheiten pöllig fibeibolt

ist Me Schilderung ron Engelsloft 'a. a. V, VII,5. u—l?); auf ib,n stützt sich Fridericia fa. a. (0. 11, £. 2^;,— )f*\,

dessen a,ti\tvolle

Reficiionen aber noch t^eutc Beachtung verdienen Zu ermähnen ist schließlich G. inalmflr5m5 kleine Abhandlung! „Änkf.droitninß

MarwEkouura och henncs llykilillDaimiark" ,l?elsingborg, I8'(5; it5ymnafialproü.rdiiim), die mein zum crftcumal auf die (6cinah,lin

stau Adolf? gelenkt hat. Mehrere Angaben babe ich auch drn in den späteren Anmerkungen erwähnten ungedruckten Briefen usw.

entnehmen können. meine Datfiettuitg beruht auf einer genauen kritischen rcrgletdiutig der verschiedenen, oft einander widersprechenden

(yuellen. Eine Dcröffeiitlidmtitj des krilischen Apparat5 für jede einzelne Mitteilung habe ich itt&efftii,im iiiitbrct auf den Charakter des

t7ob%eii3onerii-^ab1

iburfjes, vermeiden 3»

fallen geglaubt.


200

in geradezu übel'schwcngliclicn Panfcsworteu. Am liebsten wäre sie freilich, mit 23euutHing der vorzüglichen Schlitten^

bahn, fogleid> auf dorn tüuidwege heimlich nach der danischen Grenze aufgebrochen, juniul schon feit Weihnachten „au

vier oder fünf pfade uiiterwcgeiis" bereitstanden, die Jakob Rase gekauft hatte, um ihr „herauszuhelfen". Infolge^

dessen bot Wibe seine ganze lleberreduugsfuuft auf, u»n il)re Befürchtung zu widerlegen, daß sie „zur Sommerszeil

nicht [0 große Freiheit haben" werde, und wies außerdem nachdrücklich auf die vielen (Gefahren hin. mit denen die

Ausführung ihres winterlichen Fluchtplanes verknüpft sei. Da die 7


201

Diener" war und der gleichfalls ein laute? KlagcUcb über den „hochbetrnbten Ausland" seiner Herrin anstimmte.

Dieselbe werbe, so versicherte er, „Gott erbarm's also eiugefrvrret und bewachet", als ob sie „bas Reich perraten"

wolle, dürfe weber „allein mit ihrer Tochter reben" noch „nach Belieben" „Hof halten" und solle entweder die bei

Lebzeiten Gustav' Adolfs von ihr gemachten Schulden aus ihrer eigenen Tasche bezahlen ober aber auf so harte

Bedingungen eingehen, daß es „Schand' und Sünde" sein würde, „einer Öürgersfrauen solches anzumuten".

Die Hauptaktion der Freunde der "Königin Witwe begann indessen erst, nachdem diese sich Anfang April, wie

bereits erwähnt, endgültig mit der Verlegung des Fluchttermins an! den Sommer einverstanden erklärt halte. 3»n

Auftrage des Hofmarschalls von penh fand sich Alemali gegen Ende IXlax in Gstpreußen ein, um dein Aurfürstcn

den „calamitosen Zustand" !Naria Eleonoras ausführlich zu schildern u»o ihn, zugleich insgeheim mitzuteilen,

dieselbe habe die „beständige, unänderliche resolution gefafset, sich durch eine retirade von dannen 511 begeben und

des harten Jochs sich zu befreien", und setze hierbei ,.vorne»nblich alle Confidentz" auf die „hülflidjeu Fürschläge"

ihres Vruders, bei dem sie, nach glücklicher „retirade", hoffentlich „woll angenommen und geliebet fein" werde.

So innig ,«. Juni \*k {> Eigenh. i pracs. KSniöSberg ö.3u Georg- IDilhelm

an pentj, Königsberg 15./25. lTTai (6^0 [Konjeptj.

§«tnt)olifrn'3o'?rfc»$ 190?- 26


202

warte«, fouocvu ju aus 6cm £au6e ju ge^eu" beabsichtige, „es möchte aud) 6rüDon I.llfeld „das ganze Werk" und gab Vcfehl, daß die beiden Kriegsschiffe „patientia" und

„^Neci-kayersiegelte" Instruktion öffnete. Dieselbe besagte, daß er die „¦Königliche Frau IDitttb aus 3wcaen (!)

nebenft ihrem Comitnt", nach ihrer Ankunft zu Gotland, auf dem Schiffe paticutici bcstermaßen unterbringen und

„trnctiteir, sie nach Deroselben eigenem Belieben nacher Preußen oder wo sie fonfteu hin will, führen" und

bei diesem IPctfe, „wo es etwa» die Notdurft erfordern würde", „sich männlich 11116 tapfer erzeigen" solle.

3"3»Ptfchcn hatte der dänische «Gouverneur auf Gotland, l)olger pou Kofcncranfe, im Perein mit Klciuau,

der auf einer Jacht des Königs schon früher dorthin gekommen war, „allerhand jiracparatiiria" zur Förderung des

Fluclitvlanes gemacht. „Stille und in s^'köping lebenden Verwandten

übermitteln, das genaue Angaben

zu besuche, in Wahrheit

aber, um 2ttaria «kleonora ein Set/reiben Kleinaus zu

über den ganzen Jlucbtplan enthielt. Had> etwa einer Woche traf er wieder in Dctagunga ein, worauf er sich sogleich

cm Bor6 der noch immer im Säffun6 atiFernoett „Schute" begab. Schon am folgenden Tage landete er indessen aber.

uiaU 11116 Vw (ich wiederum von po6«rs(on ein pforö geben, da er, wie er sagte, feinen .,^cepaß" holen nuiffe, den

er versehentlich in ilyFöping habe liegen lassen. Sein wahres Reiseziel war natürlich Gripsholm, lvo er melden konnte,

daß alles für die Flucht bereit sei.

je näher die stunde der erhofften Befreiung heranrückte, desto unruhiger und aufgeregter war ilTaria--(£Ieonora

gen^orden. Pa sie fieb vor allem danach sehnte, vor ihrer „echappiruug" noch einmal ihre (Tochter 311 sehen, begab

sie sich gegen Ende juni nach Spartfjö. Von hier aus zogen beide Königinnen am nach der Landes^

tjauptf(a6t, ipo sie r»on den Behörden und ron der Bürgerfdjuft mit den größten Ehrenbezeigungen empfangen

wurden, während ihre? Aufenthalts in Stocfbolm erschien die verwitwete Königin wie umgewandelt. Sie war „froh

und luftig", zeigte sich gegen jedermann „verbindlich", verwünschte laut ihre früheren deutschen Ratgeber und erweckte

bei allen den Eindruck, daß sie mit der Regierung völlig ausgesöhnt fei. Eines Cages erklärte sie jedoch plötzlich, sie

muffe sofort nach (ßripsbolm eilen, da sie „daheim etwas Wichtiges anzuordnen" habe. Als die junge Königin sie

beschwor, doch noch ein paar Tage zu bleiben, versprach sie ihr, „innerhalb pier

Wochen" wiederzukommen, wie

schwer ihr der Abschied von ihren» einzigen Ktu6e wurde, beweist das eigenhändige schreiben, das sie am 2S.Iuli,


203

dein Tage nach ihrer Wiederankunft in Gripsholni, an ihren pfalzgräflichen Schwager richtete und das die flehentliche

Bitte enthielt, er und die Seinigen Nlöchlen doch die junge 'Königin „sich befohlen fein lassen und fleißig Acht auf sie

haben, wie sie allezeit vordem auch aetl?an u . „Ich habe", so fährt sie fort, ..hohe Nrsach, (Sott

zu danken, der sie (!)

solch ein gut kindliches Herz gegen mir (!) befeueret. Gott erhalt sie dabei bis an mein Ende und laß sie lange mir zu

Trost leben".' Erst acht Jahre später sollte es ihr vergönnt sein, ihr einziges "Kiub wieber in ihre Arme schließen zu dürfen.

Sofort nach ihrer Ankunft in Gripsholm traf Maria ?lconora die. letzten Porbereitungen zur Flucht. Schon

seit längerer Jyit fingen im Zimmer ihres Aammerjunkers von pogrelt „zwei schlichte Sammd-Sättel", die sie für

sich und für Anna Sophie von Vülow heimlich in Nyköping halte anfertigen lassen. Jetzt gab sie Befehl, daß aus

ihrem Marstall zwei

„Gänger" und zwei „Reitpferde" i« den auf der gegenüberliegenden Seite der Mälarbucbt

gelegenen „Tiergarten" zur weide gebracht würden, da es „den Pferden gesund wäre, daß sie im Grase gingen",

Ferner ließ sie unter dem Dorwande, daß sie von niemand gesehen sei» wolle, „wan sie hinunter spatzieren ginge"

den schon erwähnten, Ende von ihr angelegten „taubengang", der von der Gartentreppe ihrcr Gemacher beinahe

bis ans Ufer des Malarsces reichte, „mit Maien dicht umher zumachen und bestecken".

Als ihr am 7»!.. Juli das Wiedereintreffen Jakob Rafes gemeldet worden war, schritt sie zur Ausführung des

Fluchtplanes. Zunächst ließ sie ihren Hofmarschall Ivar liilsfon (Hart och Dag) zu sich rufen und beauftragte ihn, eilends

in ihrer gewöhnlichen Sommerresidenz Strömsholm alles für sie „zurichten zu lassen", da sie in acht ober vierzehn

Tagen daselbst für längere Zeit Aufenthalt zu nehmen beabsichtige. Nachdem sie sich auf solche weise ihren lästigsten

und gefährlichsten Aufpasser vom Halse

geschafft hatte, ließ sic in ihre Gemächer „sechs Stück grob[e Tischlaken"

hinaufbringen, in die sie einen Teilihres Hausrats „heimblich einwirflete" und die ihr "Kammerjunfer Wilhelm von Düier

einige Tage später, zusammen mit feinem eigenen Gepäck, in der „Kiste" des Hoffräulcins von 35ülow auf dem tandwege

glücklich über die schwedisch danische Grenze brachte. Sobald bas Einpacken beendigt war, berief sie ihr gesamtes Hof

personal zu sich und erklärte in dessen Gegenwart ihrem Hofprediger Tank, daß sie vom nächsten Morgen ab wieder

„ihre Bettage halten" »volle, und zwar diesmal sechs statt drei. Denn erstens könne sie in solchem Falle im nächsten

Monat langer bei ihrer Tochter in Stockholm bleiben. Außerdem aber habe sie allen Anlaß, Gott herzlich dafür

zu danken, daß „sie mit der Regierung nun so woll stünde" und daß die Reichsräte sie neuerdings bei allen ihren

Forderungen so sehr irrten". „Machet", rief sie ihrer Dienerschaft 311, „nun alles auf seclis Tage fertig, was ich zu

essen und zu trinken nölhig habe; bau ich werde mich in sechs Tagen nicht sehen lassen". Niemand in ihrcr Umgebung

nahm an diesen Worten Anstoß, da sie es ja „tu den vorigen Beilagen auch eben also gehallen" hatte. Abends wurden

ihr für sechs Tage „Speise und Trank" in ihre Gemächer gebracht, worauf sie sich mit dem Hoffräulein non Vülow einfloß.

Hicbts regte fid? im Sijloffts, als ber [. Huguft anbradj. Da - es war „bie (JMocfe eins in ber ZTadjt"

Öffnete fid> plötjlid? bie pon ben (Rentächern ber "Königin-IPitwe in 6cn Cuftgarten für/reube Tiir. k'eife fchlidien

2TTaria--(Eleonora unb 2lnna-Sopfn'e pon 23iilow bie (Bartentreppe hinunter unb eilten burdj 6eu langen perbeeftett

„taubengang" an bie JHälarbudjt, wo ber "Kammer juufer pou pogrell uub ber ITTaler Spitjmacrjcr in einem „^ifdjer--

boot" ungebulbig itjrcr Sdiuell ergriffe« ftc bie Huber, unb, 6a bas tDaffer an jener Stelle nur „ein paar

Znusfeteufdnif breit" war, (anbete man fdjou nad) wenigen an ber gegeitüherliegenben Seite. X)icr \tanb

3afob Kafe mit 6cm pferbe, bas er für einen Keichstaler bem £a«bpoli$iftc« pebersfon abgemietet t^altc, fowie mit

ben picr im Tiergarten wciben6en pferbon ber Köntgiii-IDitwe feit mehreren Stunben in Sereitfdiaft. Sofort fd)wang

fid? bic ganje


204

und mit „rötlichem Bart" — je zuvor gefeiert 511 haben. Da der ganze Aufzug ihm etwas verdächtig vorkam, begann

er die Gesellschaft scharf zu verhören, worauf „die ältere und längere" der beiden Damen — es war A'laria ?leoitora

— laut zu schluchzen begann. Viese Tränen waren ihre Rettung. Der Maler öpitzmacher erzählte nämlich nunmehr,

j

daß er selber ein Raufmann und die weinende Dame, seine Braut, eine Tochter des Bürgermeisters Joachim Vanck

wardt aus Nykopiug fei, die er mit ihrer Einwilligung heimlich entführt habe, da „ihre beiden (Eltern tut wollen

zulassen, daß sie einander heurathen folien". ,Fiebe Braut", so sagte er „auf schwedisch" 311 ZXlatia^Uonoxa, „meine

nicht; alles wird noch gut werden; beruhige Dich nur". Als der biedere Süinc-polisift Nils pebersfort diese Worte

vernahm, war er tief gerührt. ?r suchte die schluchzende Aönigin Ivitwe, die die Rolle einer entführten Bürgermeisters.

tochter unbewußt ganz vortrefflich spielte, nach Mögliche

IJtütjbtlfcne < Sibylle t>on Sddjfen, ©eniohtin brs pririjfn Cfjrifiidrt uori tl^nnunrf

Kupfer^id; von fjaetwtdi nadj K.duiiittdtibcr

feit 311 trösten

große

unb brachte für die kleine Schar, die „fünf

sw^dische Meilen" selwa 50 Kilometer) ohne Rast

zurückgelegt hatte un& daher nicht nur müde, sondern

auch hungrig und durstig war, „ein Stück Weizenbrot"

sowie „eine Aanne Bier" zur Labung herbei. Nachdem

.-(£leonota und ihre (Gefährten sich gestärkt und

ein wenig ausgeruht hatten, gingen sie in Begleitung

pe&ersfons und anderer Dorfbewohner zum nahen Ufer,

wo ein größeres, mit sechs handfesten dänischen Matrosen

bemanntes Boot unter Befehl Christian Rautenbergs schon

bereit lag. Bei dem hastigen Aufbruch vergaß Fräulein

van Bülow ihr mit einer silbernen scheide versehenes

Messer mitzunehmen, auf dein „ihrName vollkommlich

gestanden" haben soll. Doch wurde dieses corpus delicti

glücklicherweise erst ein paar Tage später gefunden. Die

Pferde, Sättel,

Pistolen

nno „Reigröcke" wurden dagegen

absichtlich in Daggunga zurückgelassen. Hur rief Spitzmacher

bei der Abfahrt den am £an6e versammelten

Dorfbewohnern zu, sie sollten „bismorgen", wo er zurückkommen

werde, 6aspfero seiner „Braut", einen prächtigen

„Halben", „gut füttern" un6 „wohl verwahren".

Nachdem das Boot ein paar Stunden unterwegs

gewesen war,

erreichte es die Stelle im 5äffun6, wo fett

mehreren IPocticii da^ schon erwähnt? dänische Aauffahrtci¦=

schiff zwischen den schären ankerte. Kaum war die Gesellschaft an Bord, so wurden die Anker gelichtet. Anfangs war

freilich die Windrichtung „ganz contrari", so daß die Aönigin-Witwe eine Zeitlang sogar befürchtete, ihr Fluchtversuch

werde noch im letzten Augenblick an dem gorn der Elemente scheitern. Bald erhob sich indessen ein „favorabler" wind,

der die Segel schwellte und das die brausenden Fluten durchschneidende Fahrzeug in schneller Fahrt feinem (?>iele entgegen

¦

führte. Am 5. August früh um vier Nhr gerade als „die Morgenröte aufgefangen" war kam die Insel

in Sidit, und wenige Stunden später landete ZTtaria=(£Ieonora „frisch und gesund" auf dänischen: Boden in

der ehrwürdigen ehemaligen Hansestadt wisby, wo sie von den Behörden und Einwohnern „sehr magnific empfangen"

wurde. Die Geschütze auf der Festung feuerten „unaufhörlich" Salut, von 6eii Türmen der Stadtmauer wurden Fanfaren

geblasen und am trafen stand „die ganze Bürgerschaft in Gewehr", die ihr vom Strande bis zur Festung das Geleit gab.

Pier Tage blieb sie tu wisby, um sich von den körperlichen Anstrengungen und den seelischen Aufregungen

der letzten Zeit zu erholen. Am 6, August begab sie sich, von fünfzig Mitgliedern der „vornehmbsten Bürgerschaft"


205

zu Pferde

„convoiiret", nach dem etwa HO Kilometer entfernten, an der

Weitere Magazine dieses Users