Das Fassadenproblem der franzosischen Fruh- und Hochgotik

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Das Fassadenproblem der franzosischen Fruh- und Hochgotik

Das Fassadenproblem

der franzôsischen

Früh- und Hochgotik

Inaugural - Dissertation

zur Erlangung der Doktorwùrde

der hohen philosophischen Fakultât

der Kaiser Wilhelms- Universitât zu Straf3burg

vorgelegt von

Hans Kunze.

r- -

Leipzig

Druck von Oscar Brandstetter

1912

Document

il il il il il M 1111 il Ili 11111111

0000005776702


Von der philosophischen Fakultât genehmigt am 24. Juli 1909.

Die Abhandlung erscheint in bedeutend erweiterter Gestalt und

mit zahireichen Textabbildungen und Tafein unter dem Titel ,,Das

Fassadenproblem der Gotik bis zum StraBburger Münster" in den

von Johannes Ficker herausgegebenen ,,Studien über Christiiche

Denkmâler" Leipzig, Dieterich'scher Verlag (Th. Weicher). Auf diese

Ausgabe beziehen sich die Hinweise auf Abbildungen und auf d i e

Seitenzahlen, die über 75 hinausgehen.


Abkirzungen.

V. BEZOLD = G. V. BazoLo, Die Entstehung und Ausbildung der gotischen

Baukunat in Frankreich. (Zeitschrift fbr Bauwesen, 1891; auch in Separatabdruck

ersehieneu.)

Bail. arch. du comité Bulletin archéologique du comité des travaux historiques

et scientifiques. Paris.

Bull. mon. = Bulletin monumental. Paris et Caen.

Cathédrales de Franco A. DE BAUDOT & A. PEBRAULT-DÂBOT, Les cathédrales

de France. Paris (ohne Jahreszahl: ungefhr zwischen 1905 und 1910 erschienen).

Congrès areh. = Congrès archéologique de France. Paris et Caen.

I). & y. B. = (I. DERIO und G. y. BEZOF.D, Die kirchiiche Baukunst des

Abendlandes. Stuttgart 1884-1901.

G.IIEABAu» -= JULES GAILHAI3AUD, L'architecture du V au XV1I siècle

et les arts qui on dépendent. 4 Bhnde Tafein mit erkl.rendcm Tait in 40.

(Zuweilen sind die Foliotafeln, um nicht gebrochen su werden, in einem besonderen

5. Bande in 1 0 vereinigt.) Paris 1858.

Mx HASAK, Die romanisehe und die gotisehe Baukunst, Der

Ktrchenbau. (.Handbuch der Arehitektur II, 4, a. %, Stuttgart 1902.

KIEU --= TILOIAS H. Knw, The study-book of inediaeval architecture and

art. London 1868.

Mon. hist. = A. DE BAUDOT et A. PEREAULT-DAnOT, Archives de la commission

(les monuments historiques. Paris c'a. 1900. ('Cher die Groflfolioausgabe

siehe S. 17, Anm. 1.)

VILLARD DE HoNNEcou1T = J. B. A. LASSOS et A. DAECEL, Album de

V. DE H. Paris 1858.

V.-a.-D. = M. VIOLLET-LE-DUC, Dictionnaire raisonné de l'architecture française

du XIs au Xvi. siècle. Paris 1858-1868.


Bemerkung.

Zur bequeinen Bezeichnung der einzelnen Punkte in komplizierten Grundrissen

legen wir dnrch die Figur ein Netz von Koordinaten, indem wir von der

Vierung ans nack allen vier Richtungen ziihien, wie es beistehende Figur veranschaulicht.

fl2 fl1 fl S 81 82

E11

e2

E1

e1

le

N111 N11 N1 Vicrung SI S1,


L

J w1

=

w1v

-- - ,.-. w4

flj n 8

Die Koordinaten, die sich in den Vierungspfeilern schneiden, erhalten keinen

Index, weil in Ubereinstimmung mit dem allgemeinen Sprachgebrauch das erste

Pfeilerpaar 1m Langhausc, Chore und Querhause au.f die Koordinate mit dem Index 1

fallen soU. Aile Puukte fassen wir ais Kreuzung zweier Koordinaten auf. Die

Joche betrachten wir ais Streifeji zwischen zwei Koordinaten und zahien sie

ehenfails von der Vierung aus mit den eutsprechenden groden Bnchstaben, und

zwar so, daB w1, also z. B. das Pfeilerpaar nw1 und 8W1, auf dus Joch TV1 folgt.


- VII -

Ein Setenschiffsjoch wird ais Deeknngsfl.che zwcier Streifen aufgefaBt und dciiicntsprehend

bezeichnet, also z. B. das nird1ichste Joch des westlichen Seitenschiffes

im Querhausc ais N j1W1, des zum Langhausmittelschiffsjoch W 7 gehrige

nrd1iche Seiteuchiffsjoch ais N1 TVj , Wenn nur vom Langhause oder

Chore die Rede ist, genUgt zur Bezeichnung eines ganzen Joches die romisehe Ziffer.

Di Turmstrebepfeiler bezeichnen wir nach folgendem Schema (vgl. S. 8):

m m n


4

A. 1 . -

I . .

• .


Die Lisung der Probleme, die die Anpassung der Fassade au

(las Langbaus einer gotischen Kirche stelit, nehmen die gotischen

Batimeister erst in Angriif, ais der neue Stil allen anderen Tdilen

des Gebiudes seinen Stempel aufgedriickt hat. Ebenso hat sicli

die Kunstgeschichte mit. den Fassaden sptr nur wenig be1iftigt.

Beides ist ganz natiirlich. Denu die deren Lsung die

Umwandlung des romanischen Baustils zrnn gotisclien herbeifiihren,

stelit nicht der Fassadenbau, sic stelit viemehr der die kompliziertesten

Gewiilbeformen erfordernde Chorumgaug mit Kapellenkranz

und das mit ekiaBig widerlagert.en KreuzgewMben zu

iiberspannende Hochschiff des basilikalen Aufbaus.') Diese beiden

Aufgaben erzeugen den gotischen Stil 2) und ihre vo1kommene

1) Die Ûberwilbung trapezftirmiger iirid dreieekiger Grundrisse (letztcre

hesonders in den Chiiren von Notre-Dame in Châlons, Paris und Bourges in frilhgotiseher

und dom Ohor der Kathedrale von Le Mans in hochgotischer Zeit) orzog

zu groller Freiheit in der GrundriBhiiung. Sehr bald hatte man an dieen

komplizierten Gowl1ben eine derartige Feiide, daB man sie ohne Notwendigkeit

aueh auf audere Riume Ubertrug. Vgi. ais ein sehr friihes Beispiel das

Gew1be eincs Kapitolsanies im Skizzenbuche des VxanÀuu DE HONECOURT,

Taf, XL (librigens cin Gewiilbe, das ans der Znsainmenstellung von Dreiecken,

wie sie sich bei den genaunten Chorumgngen von sclbst ergabeu, gebildet ist,

das aber nich4 mit den spteren - Sterngewdlben zu tun bat). Die


-2-

Lisung bringt ihu zur Reife, aile anderen Neubildungen sind gewissermal3en

mir Nebenprodukte. ,,Das ÀuBere ist in der gotischen

Phantasie das sekullddre Eeiini; es erreicht weder die logische

Konsequenz noch die stimmungsvolie Einheit des Innenbaus."')

Eine deutsche romanisehe Basilika im gebundeneri System bietet

fir den Fassadenentwurf keine Schwierigkeiten. Die GrundriBgestaltung

ist sehr einfach: die Tiirme haben ein Quadrat von der

Gr&e eines Seitenschiffsjoches zur Basis, der Mittelbau ein halbes

Mittelschiffsquadrat. Das gebundeiie Sytm behe.rr9ht also auch den

Fassadengrundriss Dci 1 itw urf de Aufi iss hI3t dem Baumeister

grol3e Freiheit. Vieifach nirnmt die Siockwerkeinteilung der unteren

Turmgeschosse keinerlei Riic1icht auf die des Mittelbaues, ja hiufig

wird eme besonders gunstige -. Wir ung dadurch er, ie1t, dafl die

Tiirme bis zur Mitte1sehiifshhe iiberhaupt nicht hedert und nur

das Mittelsttick der Fassade und die oberen Turmgeschosse mit

Fenster&fnungen und Dekorationen versehen sind. Die massigen,

festungsturrnartigen Unterbaute der Tdme kontrastieren in diesem

Falie sowohi mit dciii oft y ch'Vfisch dekorierten Mittelbau

ais auch mit den selir leicht behandeiten freien Turrngeschossen:

ein echt ron?aniehs Motiv. Durcli denGrundriB wie durch den

Auhifl ist sehhef3lich cmi aut3eist gunsige Verteilung der Massn

beit, die den SiIiJ zweitiirmigen Fassade zu voiler Ge1ti

bringt. Deun da die TtÏie nur haib so breit sind wie der Mittelbau,

doniiniert dieser eMc'hiéden, die TUrme sind nur seine TrC-'

banten. Ans demselbenGrunde braucht der Mittelbau nicht liber

die MitteischiffshLihe lii iisgef(ihrt zu werden; denn die Tiirme lassen

sich auf so schmaler Basis auch bei miif3iger Hhenentwick1nng

geniigend-ch1ank bilden, so daB sic nicht durcli ib'miil1e Hbhe

ans der Proportion fallen. Eine doppeltiirmige Fassade des romanischen

Stils ist also cia sehr kiares architektonisches Gebilde,

sic stelit nichts weiter dar, ais den von zwei rIliij.mefl flankierteri

Querschnitt des Mittelschiffs, d. h. des Hauptraumes der Basilika.

Die franzisischen Fassaden der vorgotischen Zeit sind selten so

gut proportioniert. Die schinste mir (allerdings nur nach Abbildungen)

bekannte Fassade ist die der Kathedrale von Angers.

portance que 1e8 architectes gothiques attachaient aux voûtes, élément générateur

de leur style tout entier, ainsi que l'ont très bien compris ceux qui

ont pénétré l'esprit de ce style, et surtout Viollet-le-Duc et Quicherat." C. ENLÂRT,

L'art gothique et la Renaissance eu Chypre, t. I S. 278. Vgl. L. Dawsoze, La

cathédrale de Reims imul1. mou. 190, S. 24f.

1) D. & y. B. II S.163.


-3—

Sie schlieft ein einschiffiges Langhaus ab. Deshaib kann das Verhltnis

des Mitteistiickes zu den Turmen ganz beliebig grh1t

werden. Die Fassaden basilikaler Anlagen haben aile zu dicke

Tiirme, ihre Basis it )reiter ais ein Seitenschifï. Das Mittelstiick

wird daller fast è rr cCkt. Dagegen sind oft auch die unteren

Turmgeschosse von Ôffnungen durcbbrochen, die sich in derselben

Stockwerkzahl wie die des Mitteistiickes bauen. Auch zeigen

sich hier ud da schon ieichte Eckverstrebungen. Aber iin wesentlichen

bsehe' doch die unteren Turmgeschosse ans g1attet Mauern

mit geriiigen Durchbrechungen.

Das ailes muf sich in der gotischen Zeit ândern. Es ist

nicht môglich, vor ein Langhaus mit eiiiern zur Sch gesteliten

Strebewerk Tiirme zu setzen, deren untere 11dM te ans wenig durchbrocherien

Mauern besteht; ilire Ecken miissen vielmehr ebenfails

mit kritftig ausladenden Verstrebungeu 'eise1ien werden. Nachdem

man aber diesen Eckstrebepfeilern die Aufgabe zigeesen hat,

rfurmgeschosse zu er-

die vorher die massigen \Vdnde der unteren

f iillen hatteri, nmlich das Langhaus an seinem Eiide zu verstreben

und die Obergeschosse der Tiirme zu tragen, bat es keinen Sinn

mehr, die groBen Mauerflichen stehen zu lassen, ikiâi da jetzt die

Fassade nicht mehr durch den Kontrast zwischen ungegIiederte'

Tiirmen und reichgegliedertem Mittelba9, / sonderu durch die vier

weitausladenden Strebepfeiler ihr Gepritge erhalt. Der Bequemlichkeit

halber bezeiclinen wir die das Mittelsttick der Fassade einrahmenden

Strebepfeiler stets mit m, die âufleren an der Stirnseite

der Fassade liegeriden mit n, die nach dem Schitfe zugekehrten

entsprechend mit u und y, und die, die an den einander abgekehrten

Seiten der Tiirme liegen, mit o (s. S. VII). Eine Durchbrechung

der Turmwdnde zieht aber weitere Konsequenzen: die Ôffnungen

miissen zu dem Aufbau des Langhauses und des Fassadenmittelstiickes

in Bifng gesetzt werden. Es ergeben sich also neue

Probleme f dr die Grundrll3- und Aufrif3gestaltung. Die Aufgabe

wird noch dadurch erschwert, dag der ganze Westbau in den

Innenraum der Kirche einbezogen wird. Infolge dessn muB die

eine Ecke der Tiirme auf einen Freipfeiler zu stehen kommen, und

der Aufbau des Mitteistiickes mufi mit dem Stm des banghanses

in Eiig gebraclit werden. Die Â1n der Turin-

4

wiinde erfa'ei't eine Versre.ung der Tiirme nicht nur an der

Fassadenseite und den einaner abgekehrten Seiten, son(Iern auch

nacli dem Langhause zu und an den einander zugekehrteii Seiten.

Gegeneinander kann man die Tiirme sehr leicht durch starke

1.


4

Gurtbigen mit Übermauerun crep yerspannen, so daB sich hier ihr

Seitenschub aufhebt. dagegen stbBt man bei ihrer Widerlagerung

nach dem Larighuse zu auf gani ci heb1fhe Schwierigkeiten Die

Hochschiffsgew1be Uben nattirlich einen geriugeren Schub aus ais

die in ensp'recheiider Hihe liegenden, mit den Freigeschossen der

Tiirme belasteten Turmgesehosse, und die an den Seitenschiffswinden

liegenden Turmecken erhalten im zweiten Geschot3 liberhaipt

keinen Gegenschub. An dem einen Punkte befinden sich

als 'o die chiid1ic.hen, einander entgegenwirkenden Krf te nicht im

Gleichgewicht, sie heben sich daher nicht auf, und der einen muB

durch eine Verstrebung, die hier wegen des Gegensehubes der Hochschiffswand

et.was schwitcher ais an deii anderen Ecken sein kann,

entgegengewirkt werden, am ande.rn Pullkte ist eine ebenso starke

Verstrebung wie an den vI1ig freiliegenden Turmecken eîôi1erlich.

Diese 'ireift in die Seitenschiffswand ein und verdeckt ein

Seitenschiffsfenster ganz oder teilweise, jene kann iîberhaupt nicht

bis zum Erdboden heruntergefiihrt, soidern mufi durci die erste

Langhausarkade abgefangen werden. 1m Hochschiff verdeckt sie

ebenfails ein Fenster. Die Freipfeiler der Tlirme miissen wegen

ihrer starkeren Belastung dicker gebildet werden ais die chiffspfeiler.

Pas entspricht nicht dem Ideal; deun dieses veiIangt ja,

daB die durch den Westbau gebildete Travee im Innern lediglich

ais ein Scbiffsjoch erscheint. Das System miiBte also ohiie jede

Unterbrechung bis an die Fassadenwand fortgefiihrt werden. Die

dickeren Turmpfeiler bilden daher eine sehr stark in die Augen

springende Unterbiechtrng des Systems, die so lange noch ertrglich

bieibt, ais man im Mittelschiff sechsteilige Gewlilbe und einen

Wechsel von stiirkeren und schwacheren Stiitzen auwendet. Die

stiirkeren Schiffspfeiler siiid zwar immer noch bedeutend schwLcher

ais die Turmpfeiler, aber die diir1 den Stiitzenwechsel erzeugte

Gruppierung der Schiffsjoche errdtèrt die Bildung eines anders

gearteten abschiieflenden Joches, un1a1 da dieses aueh mir die

halbe Breite eines Schiffsdoppeljoches hat und also deshalb schon

zu den Ubrigen Jochen in einem gewissen Kontraste steht. Sobald

aber das einfache rechteckige Kreuzgewlilbe im Hochschiff zur Anw'eMung

gelangt und die unter sich vl1ig gleichen Stiitzen eine

forUaufende Reihe bilden. verursacht das letzte, dickere Pfeilerpaar

eine empfindliche Dissonanz.

Zu diesen rein technischen Schwierigkeiten in der GrundriBgestaitung

der Ti.irme gesellen sich Schwierigkeiten der Aufrit3-

komposition. Die Gotik iibernimmt vom Romanismus das Rad-


-5---

fenster, die sog. Rose, ais Hauptfenster der Fassae. Wtihrend aber

im i'omanischen Stil die Rose fur die Innenwirkung kaum in Betracht

kommt, da sie zur Beleuchtung der über der gesehiossenen Vorhalle

liegeiiden Empore dient, beherrscht die gotische Rose auch

im Inneru die von obeu bis unten ait durchgeftihrte Fassadenwarid.

Soll full die Fassade in ihrem Aufbau mit dem System des

Langliauses in Eii1fl'ig gebracht werden, so inacht die Rose

Schwierigkeit. ihr Durchmesser ist durch die Langhausbreite bestimmt,

und durcli ihre Gri13e wird. wiederum die Hhe des Roserigeschosses

festgelegt; dasheiBt: dessen Hihe ist nicht abhitngig von der

vertikalen Aûsdéhhuig eines BauÏ"i'i'è'des des Langhauses, sondern

von semer horizontalen. Je breite.r das Mittelschiff des Langhanses

ist, desto grtil3er ist die Rose un desto hiher ist das Rosengeschol3;

vermindert sich mit z 1ïreidèrr Vertikalismus der Gotik

die Breite des Langliauses 1m Verliaitnis zu semer H]ie, so verliert

auch das Rosengesehoil an (ewiclifJ Jede neue, anders proportionierte.

gotische Basilika stelit also f tir die Komposition der

Fassadensto1ke neue Probleme.

Die zweite Schwierigkeit der AufriBgestaltung bietet die Proportionierung

der Massen. Durch die weit ausladenden Strebepfeiler,

(besonders die Pfeiler o) wird die Masse der Tiirme betriic1itlich

vermehrt, so dafl ihnen gegeniiber das Mittelstiiek an Gewicht zu

verlieren droht. Es giit also, ehi Mittel zu finden, das das btioIt

Gleichgewicht wieder herzustellen ermigiicht.

Die Fassadeii der fruïhgotischen Kirchen.

Betrachten wir nuii die historisclie Entwicklung der gotischen

Fassaden. Beim ,,ersteri Monument der Gotik", der Abteikirche

von St. Denis, sind die neten Probleme teils noch gar nicht

kannt., teils werden sie ùgen. Die Turmh1le tffnet sich beÇts

nacli dem Schiff der Kirche, die Fassade e'r'1t ihr diirch

die vier mtichtigenStretepfeiler, die Mauermassen zwischen den

Streben sind stark Das ist das Neue. Das Problem des

Anschlusses dieses Turmbaues au das Langhaus wird dagegeii noch

uûigaien. Das frtihgotische Langhaus besteht ans vier Doppel- y

jochen von je einem Mittelschiffsquadrat mit sechsteiligem Kreuzgewblbe

und zwei Seitenschiffsquadraten. 1) Das westlichste Doppeljoch

schliel3t aber niclit unmittelbar an die Tiirme an, sonderu an cm

durchgehendes Joch von der halben Breite eines Doppeljochs. Dieses

1) Siehe die Rekonstru1tion des Gruadrisses bei D. & y. B. TaL 146.


-6-

vom TJmbau des 13. Jahrhunderts verschonte Joch bat lediglich

konstruktive Bedeut 'ung. Es erfUflt an der Ostseite der Turmhalle

dieselbe Aufgabe, die den Strebepfeilern an den freistehenderi Seiten

der Tiirme obliegt Da die Basis der rilûrme breiter ist ais ein

Seitenschiff, so f allen die Verstrebungen y neben die Seitenschiffsrnaueri

irnd verdecken diese in dem erste Joeh. Durci die Einftifig

dieses Halbjochs wird das Eiiis1çjden der Purmverstrebungen

in das westlichste Doppeljoch ven 'ieden, das eigentliche,

erst hinter diesem Strebejoch" beginnende System des ,

Langhauses

bleibt also frei von jeder ljnregelmiiBigkeit. Alrdins ist auf

diese Weise das Problem nic.ht gc1st, sonderu umgangen worden

(s. Fig. 1).

Wie sich der AufriB der Fasac1e minSystem des Langhauses

verhalten bat, liil3t sich olme gellaue Aufnahmen der Kircht, nicht

feststellen. 1) Einen Fehier jedoch bat der Meister uic.ht vhieden.

Da die Tiirme breiter sind ais die Seitenschiffe, und ihre Masse

durch die Strebepfeiler o erheblich vermehrt wird, erhalten sic ein

zu groBes Ûbergwfht über das Mittelstiick.

,,Die ersten, die sich St. Denis schuhnL13ig anschlossen, waren

die Kathedralen von Senlis und Noyon".') Das FassadeTiproblem

lsen beide iii durchaus versehiedener Weise. In Seuils bat die

Basis der Tiirme die Grif3e eines Seitenschiffsquadrates. Die Verstrebungen

r werden durch Wndeltreppei gebiidet, die das erstç

Seitenschiffsjoch verdecken. Bei jz sind keine Verstrebungen

lianden; dafiir ist aber die çrste Schiffsarkade bedeutend strker

gebaut ais aile aiideren. 3) Die Tiirme sind sehr sch1hk, und das

Mittelstiick dominiert enEs1jïeden, Fur die Portalanlage sind

aber diese Proportioneii hichst ungiinstig. Wenn aile drei Portale

den gauzen llaqm zwischen den Strebepfeilern einnehmen soilen -

und das ver1gt das gotische Prinzip -, so wird das Mittelportal

nicht nur viel breiter, sondern auch entspec1ied 1iiher ais die

Seitenportale. 1m Aufbau der Tiirme eiitsptchen die beiden ersten

Geschosse den Seitenschiffen und den Ernporeii, das dritte, von je

zwei Blendarkaden gebildete, dem Obergaden. Das Mittelstiick

nimmt keine Riicksicht auf das System des Langhauses; es besteht

ans dem grof3en Portai und einem Spitzbogenfenster. llhiler dem

dritten GeschoB des Mittelstiicks (gleich dem vierten der Tiirme)

1) Die âsthetische Wiirdigung der Fassaile siehe bei D. & y. B. I S. 636.

2) D. & v. B. II S. 58. Aufnahinen von Senlis in Mon. hist. I, Taf. 32-34

und Kin III 69-74.

3) AIso eine âhnliclle Liisung wie in St Denis.


- I

lag das Dach des frtihgotischen, in spttestgotiseher Zeit umgebauten

und erhhten Hochschiffes. Dieses Gesehol) bildet ein horizontales

Bad, dits die drei Telle der Fassade oben noch einmal

zusamrnensphuieft, ehe sich die seibsUindigen Turmgeschosse eutckiiY

In Noyon haben die Tiirme wieder wie in St. Denis fast die

Breite des Mittelsehiffes, wolil den Portaleii zuliebe. Zwischen den

Strebepfeilern i und den Seitenschiffswndell bleibt noch Raum fur

Wendeltreppen. In den Obergaden einsc1ineiende Verstrebungen (u)

fehien gnzlich. Infolge der beinahe gleichen Breite haben die

drei Portale auch die gleiche Hhe'), und zwai sind sic hther ais

die Seiteschifie. 1m Aufril3 ist also ein Anch1iii3 der an

die Ab1eii nicht môglich. Das Innere der Tiirme iffnet sich bis

zur JIhe des Hochschiffsgesimses nach dem Mitteistiick und bildet

mit diesem gewisserma0en ein westliches Querhaus 2), in das das

MitteIschiff, die Seitenschiffe und die Emporen des Larighauses

münden,'ein auBerordentiich gliickiicher G edanke, der leider nicht

wieder aufgenommen wurde. Die untere Hi%lfte des Auf risses dieses

,,Querhauses" nimmt das Portalgeschol3 cm, die obere eine Reille

von drei Fenstern. 3) Es ergeben sich also durchgehend Horizontallinien,

wie sie in St. Denis und Senlis nicht vor ande' n sind. tber

deii beiden Hauptgeschossen zieht sich, wie in Senlis, eine den

Hochschiffsgiebel verdeckende Blendgalerie hin. Diese Galerie,

wohl eine 1',-inbi1iung des entsprechenden Gescliosses der Fassade

von Senlis, hat e.ine sehr wichtige Roue zu spielen. Per Meister

der Fassady ou Noyon hatte wohl das oben an der Fassade von

St. Denis gerte Mi13erhiiitnis der Masse der Tiirme zur Masse

des Mitteistuckes empfun(ien Mit der Breite wachs naturlich auch

die Hôlie der Tbrme. Sie erhiiltn aiso in doppelter Beziehung das

TJbergewicht über das Mittelsttick, so daB dieses gewisserinaBen

nur noch die Brücke zwischen den beiden Ttirmen bildet und jede

seibstiindige oder gar dominierende Bedeutting verliert. Diesen

1) Das mittiere Portai ist von einem Bo-en iiberw51bt, der noch fast cinen

Halbkreis bildet, die beiden scitiiehen zeigen eine stiirkere Znspitzimg. In

St. Denis haben aile drei Portale noch den reinen Rundbogen .bei verschiedener

Breito und Robe der Portale. In Noyon maeht es die Àdwndnng eines Spitzbogens

mglich, die gleiche Scheitelhthe trotz versehiedener Breito und gleieher

Kimpferhiho zu erreichen.

2) G. UNGEWITTER, Lehrbuch der gotischen Konstruktionen Leipzig 1859

bis 1864, S.564.

8) Das mittlere wurde spter umgestaltet, auch die Vorhalle ist nachtrg-

Jich angefiigt worden.


-8---

Eindruck vermehrt die stark betonte Gliederung durcli die Strebepfeiler.

Denn das Auge sieht nebeneinander drei deutlich voneinauder

ge&ennte Teile in ihrer ganzen vertikalen Aiisd1nmg:

den iinken Turm von der Basis bis zum Heim, das Mittelsttick von

der Basis bis zuni Giebel, den rechten Turrn von der Basis bis

zum Heim. Die Fassade zerf1lt also in drei voneinander unabliitngige

Teile, da infolge der Kleinlieit des Mittelstiicks 1on , einer

Untei'ordi'iuiig 'zweier G-lieder unter ein drittes iiichts zu iiiiist.

Diesen Fehier vermied der Meistei' von Noyon dadurch, daB er den

Mittelschiffsgiebei durci ein drittes (-'yeschot3 in Gestalt einer Blendgalerie

verdeckte und so die Masse des Mittelstticks nui die Hhe

dieses Gesehosses verinehrte.. Denn ein Mittelschiffs gi e bel erscheint

dem Auge mir ais die Kriiiiuug, das dwch. die Galerie gebildete

Rechteek rechnet man aber uiiwillkiirlicli zwn Krper des

Mittelstiicks. Die Galerie zieht sich zwar auch um die r1i1.me

herum, wird aber von den trebepfeilern in iTeile zernite&

Die durchgehenden H oiizontallinien haben berup ha eine se wachere

Bildung ais die séhkréciiten Teilungslinien, die Strebepfeiler.

Wir kommen nun zu eineru Bau mit giinzlich andern Baumproportionen,

ais sie die (Irei bisher besprochenen Kirclie.n liaben,

zur Kathedrale von Sens.') Sens lie-t, siidistiich von Paris in der

Hochchampagne, unwei der Grenze dieser Landschaft gegen Bargund.

\Tieileieht erhr 4 die Nachharschaft der burgundischen

Baateu die breiten Raumproportionen, vielleicht ergaben sie sicli

ledigiich ails der Wiederbenutznng alter Fundamente. 2) Das Mitteischiif

hat eine Achsenweite von 15m und eine Hbhe von 25 in.

Leider steht von der Fassade des 12. JaIu'h. mir noci der

n$rd1iclie Turm. Der siidiiche sttirzte mi Jahre 1267 eiii und

wurde saint dem Mittelstiick der Fassade und der SUdwestecke des

Schiffes in hochgotischeiFormen wieder aufgefUhrt. Unsere Keuntnis

der Baudaten ist -1iienhat. l5ie Kathedraie wurde miter dem

Trzbischof HENni U SANGLIER (1122 bis 1143) begonnen und wurde

mit Ausnahrne der Fassade 1168 vollendet. 1m AiischluB au den

Neubau des Slldturmes erhielt das IJochschiff hihere Fenster, ui

die von der Hochwand zum Gelhecheit'et ansteigenden i!eit

der sechsteiligen Gewôlbe wiirden durch neue mit \s1'flMn

1) Zur Baugcschichte der Kathedrale von Sens vgl. CHARLES PoaÉi-, Sens

und Les architectes et la construction de la cathédrale de Sens auf S. 209 if. und

559 if. im Congrès ar&h. 1907. Tinsere Fig. .5 nach dem Grundrifi von LEF:VRE-

PoN'r&nIs hinter S. 210 mi Congrès arch. 1907.

2) P0aÉE S. 562.


Scheitel ersetzt. Das in der Achse des Seitenschiffes liegende Portai

wurde ebenfails erst im 13. Jahrh. durchgebiochen.1) Pen Aufril3

der alteil Fassade i8t uns noch die Stockserk11iii

des Nordturmes ahuen. Über dem Portai foigt eine Blendgaierie,

dann ein Gesims, das sich urspring1ic1i in gleicher Hihe liber

dem Hauptportal fortsetzte. Dieses Gesims liegt in der Hthe

des FuBbdens des Triforiums. Den Raum des Triforiums und

Oberi ninimt an der Fassade cia FenstergeschoB ein. Die

offene Z' iaierie, die am Langhause vor der Erneuerung der

Fenster und der dazugehirigen Gew1bekappen die HShendifferenz

zwischen der Hochschiffswarid und dem G ewOlbescheitel ausglich,

setzt sich am Nordturm iii Forai einer kleinen Blendgalerie

fort und lief wohl ursprUnglich auch liber das MittelstUck der Fassade

weiter. Hier am Mittelstiick entspracfi den Seitenschiff en das

Portai, dem Obergaden saint Triforium ein Fenster. Aberiè sali'

dieses Fenster aus? War es cia schlankes Spitzbogenfenster

zwischen zwei Blenden wie an den TUrmen? Wohi kauni. Die

dieimalige Aieiidung desselben Motivs hutte gar zu i 'tfig geii'kt.

Oder ein breiteres Spitzbogenfenster, wie an dem Neuban

des 13. Jahrhunderts? Es Mtte dann seine Parallelen in Senlis

und Noyon gehabt. Aber an diesen beiden Fassaden ist das Feld

schlanker, wubred in Sens im 13. Jahrhundert dm Gesims liber

dem Portai tiefer g1egt werden muBte, damit ein Fenster von

einigermaf3en éxtruichen Verhuiitnissen Platz erhieit. Die annuhernd

quadratische Form des Feldes liber dem Portai iegt es

nahe, eine Rose ais Hauptfenster der Fassade anzunehmen. Vielleicht

war die Blendgalerie liber dem Fenstergeschol3 der Tiirme

beim flbergang zum Mittelstiick der Fassade etwasaufwiirts

kripft, wie an der Westfassade der Kathedraie von Laon. Dama

wure die Rose von einem reinen Quadrat ùinia1init gewesen. Don

gieichen Fassadenaufrif3, ein den Seitenschiffen entsprcchendes Untei'-

geschoB, dariber eine Rose, finden wir an der Kirche St. Yved in

Braisne wieder, deren Quersclinitt etwas schlanker ais der der

Kathedrale in Sens ist. Da die drei Fassaden in Braisne turmios

sind steilten sie kein besonderes. Problem.

À

Der GrundriB der Tirme paB ich, im Inneru den Seitenseluflen

ni der Breite genau an AiiBen spi ingen die Turme ubci

die Fiùclit der Seitenschiffswande nicht bèthûicli or. Am

Nordturin hat daher die nOrdiiche, am Siidturm hatte die siidii(-he

1) POEE S. 223.


- 10 -

Wand 1) eine Stitrke von 5 1/.m. Trotzdem hat man es f lir ntig

gehalten, sie in derselben Stitrke ais Strebepfeiier soweit nach Osten

fortzusetzen, daB das 1 erste Seitenschiffsjoch verdeckt wird. An

den dem Mittelschiff zugIehrten Ecken rûh 'eh die Tiirme auf Freipfeilern.

lJiese haben zwar ebenfails eine bedeutende Stitrke, sind

aber im Vergleich zu den dicken Turmwitnden und fur die Last

der oberen, mir durci kleine Ôffnungen , er1eihterten Turmgeschosse,

immer noch zu schwach. Der Eiisturz âes Siidturmes hat daf tir

den Iewe'is ge1iefert.2)

Wann entstand nun der Entwurf zu dieser Fassade? In Angriif

genommen worden ist sie erst am Ende des 12. Jahrhunderts.3)

Dagegen ist der Chor der Kathedrale sicher vor 1143 begonnen

worden. Aber um diese Zeit kann der AufriB noch nicht in allen

Teilen so augese1ien haben, wie der zur Aufiihiûng geÏangte Bau.

Die offenen Strebebtgen waren damais noch unbekannt. 4) Vielmehr

machen es die im VerhLitnis zuni Gesanitquerschnitt bedeutende

llhe der Seitenschiffe und die gring Hbhe der Hochschiffsgewtilbe-

.ipferwahrs(heinlich, daB der erste Etwurf nur mit einer

Widerlagerùng der Hochschiffsgewiilbe dureli Ubermauerung der

Seitenschiffsgurte gerechiiet hat. Anderseits legt die Beobachtung,

1) Bei der Wiederherstellung im 13. Jahrh. sparte man eine Nische aus.

2) )ber die Zeit der Erbanung der Fassade berichtet der gegen des Ende

des 13. Jahrli. schreibende Chronist GF.OFvROY DE CounoN nichts. Er erziihlt

aber vom Erzbischof SEvIN (Ende des 10. Jahrh.) Tabulam argenteam et auream

ante altare S. Stephani construxit, de qua postea ante majorem ecclesiam facta

est turris mire et famose altitudinis." PORÉE (S. 546 f.) will unter diesem

Turme den eingestilrzten Sildturm verstanden wissen, der im il. Jahrh. der Kirche

des 10. Jahrhunderts angefligt wordeu sei. L'ignorance où paraît être le chroniqueur

à ce sujet nous la ferait plutôt attribuer à une époque assez éloignée de

celle où il écrivait, c'est-à-dire au XIe siscle. Quoiqu'il en soit, la hauteur

excessive de cette tour fut la cause de sa ruine. Dicser SchiulI ist etwas gewagt.

Denu f Urs erste ist es zweifeuiaft, ob hier Uberhaupt von eincm Turnie

der heute noch stehenden Kathedrale die Rode ist. Auch von einem spiiteren

Einsturz dieses Tannes wird nic.hts gesagt. Zweitens fragt es sich, ob man

miter turris wirklich nur einen Turrn verstehen muf3 oder uicht vielmehi die

ganze Fassade. Drittens braucht der am Ende des 13. Jahunderts schxeibende

Chronist nichts von den Baudaten einer Fassade des 12. Jahrhunderts zu wissen;

die Grundsein1egung, von dey er weuigstens berichtet, miter welchem Erzbischof

sic stattgefunden bat, und die Weihc der dom Kultus dienenden Toile der Kirche

waren wiehtigerc Ereignisse ais der Beginu oder die Vollendung der Fassade.

Er erwiihnt ja auch den ,,Turm von wunderbarer Hôhe" nur, mn einen MaBstab

fur den Wert des Antependiums zu geben, ans dessen Erkis or erbaut worden ist.

3) PoaÉz S. 564.

4) D. & y . B. 1 S. 428 if.


- 11 -

daB eine soiche unter den Seitenschiffsdichern liegende Verstrebung

noch die (;ew]bekampfer erreiclien wiirde, deii SchluB nahe, daB

der Qtierschnitt des muera in seinea jetzigen Abmessungen scion

durci den ersten Entwurf festgelegt. war. Nur die offenen Strebebôgen

wren dana ein spterer Zuskit Daraus foigt mit gro3er

Wahrscheiniichkeit, daB der Entwurf der Fassade wenigstens in

den Hauptiinien dem ersten Gesamtplan angeh4rt, daB die Fassade

also gleickzeitig oder friher ais die von St. Denis entworfen

wordea ist.

Die erste gotische Kirche, bei deren Bau das Problem, die

Fassade. sowohi im Grundril3 wie im AufriB dem Langhause genau

aiizupassen, wirklich geliist worden ist., ist die Koilegiatkirche von

Mantes.') Pie unteren Turmgeschosse haben genan die Dimensionen

eines Seitenschiffsjoches und fiihren also die Seitenschiffe bis zur

Fassade fort. Die Schiffsfenster nehmen in Mantes noch nicht den

ganzen Raum zwischen zwei Strebepfeilern ein. Daher verdeckt

die Verstrebung r auf der Nordseite das Seitenschiffsfenster nicht;

au der Sidseite liegt eine Wendeltreppe vor dem Fenster. Bei u

sind keine Strebepfeiler vohanden. Die Freipfeiler der Tiirme sind

zwar im Vergleich zu den Schiffspfeilern immer noch sehr stark.

Da aber das aus vier Boppeijochen bestehende Langhaus Stiïtzenwechsel

und sechsteilige Kreuzgewibe hat, ren sie den Rhythmus

des Systems nicht; denu das oblonge Jochder Turmhalie charakterisiert

sich schon durch seine GrundriBesiItung ais ein besonderes,

zu den unter sicli gleichartigen Abteiiungen des Langhauses

kontrastierendes Giied. 2) Auch der Aufbaru der Fassade

entspricht dem des Langliauses und zwar im Mitteischiff wie in

den TUrmen. Bas UntergeschoB liat die Hhe der Seitenschiffe,

das zweite GeschoB liegt in Emporenhôhe, das Rosengeschof3 eutspricht

dem Obergaden. Pas System besitzt kein Triforium. Der

Raum zwischen Empore und Obergaden wird iiur durch einen

Blendbogen gegliedert, der die drei Arkaden eines Emporenjoches

zusammenfaBt und das luinter der Wand liegende transversale

TonnengewL1be andeutet. Bern Meister war also f iir die Abgreii-'

zung des zweiten und dritten Fassadengeschosses ein ziemlich weiter

Spielraum gelassen. Er zieht deshaib auch den grôl3ereu Teil

dieses Raumes im Aufril3 der Fassade zum zweiten Geschol3, um

diesem nicht den Charakter eines Zwischengliedes, sondern eines

1) Mou. hist. I Taf. 16. Xna III 89-91.

2) Vgl. S. 4.


- 12

se1bststndigen, den beiden andern gleichwertigen Geschosses zu

geben.

Wir haben gesehen, daB in Senlis die Beschnkung der Tuniibasis

auf die Breite eines Seitenschiffes einen recht fiih1bren

Grôl3enunterscliied der drei Portale bedingte. Die Folge wai der

Verz!cbt. auf jede reïite, durchgeheiide Teilungslinie. Die

Tiirme sc1iÏosen sich in ihrein Aufhau den Abseiten an. Iii Noyon

batte ii'rng'ek€1t die Anjssung der Seitenportale an das Mittelportai

den , Verzicht auf den Ansehhill der Tiirme an den Aufbau

der Abse.tei ziir Folge gehabt. Der Meister von Mantes verbindet

die Vorziige beider Fassaden, indem er sich eines aul3erordentlich

klihuien Mittels liient. Die Strebepfeiler m siiid im GrundriB

etwas vrschiebbar, da sic dicker sind ais die Mittelschiffswaiid,

deren Schub sic abzuinén haben. Sie werden aiso soweit \vie

miiglich aus der Achse der Schiffspfeiler gschobeit und einander

genilhert, d. h. die Tiirme werdeii aiif Kosteii des Mitteistiickes

verbreitert. Fur den Aufbau bringt diese Versdiiebung dei Strebepfeiler

groBe Vorteille. lin breiteres Mittelpoital hiltte eiue

grtiBere Hôhe erlialten miissen; die FuBlinie des zweiten Fassadengesehosses

wilre also hôher ais der EmporenfuBboden zu liégèn

gekominen. Andererseits wilren schmilere Seitenportale iiiedriger

geworden, die kahie Mauerf1che liber ihnen wiire also gewachsen,

zumal bei grôBerer Hiihe des ersten Geschosses, wie sic

ein grôBeres Mittelportal beding .l liatte. Derselbe lJleistand lutte

sich im dritten GeschoB wiederholt. Bei grôf3erem AI) tand der

Strebepfeiler hutte der Durchmesser der Rose und mit ihrn die

vei'tikale Aiisdehnung des dritten Gesehosses zugenommen. Die

Ko teh der VergriiBerung hutte wiederuiii das zweite zu tragen;

denn das Hdherlegen des dritteii Gesehosses witre mit Schwierigkeiten

verbunden, da der Scheitel der Rose nicht über den Hochschiffsgewôlben

liegen sou. Den lJnterschied zwischen einem FassadenanfriB

ohue Vrschiebung der Strebepfeiler m und einem mit

Verschiebung derselben macheii die Figuren 2 n und 2b anscliaulieh.

Durch die Verschiebung der Strebepfeiler m gelirigt es also deiii

Meister, die drei Portale zueinander in ein aimessenes Grôfienverhilltnis

zu setzen und zugleich die Hôhe des ersten und dritten

Geschosses soweit zu verringérn, daB fur cm der Empore des Langhauses

entsprechendes GeschoB Raum bleibt.')

1) Fig. 6 a zeigt in schematiseher Foim don Aufrili der Fassade von Mantes,

wie er sich bei normaler Lage der Strebepfeiler ni ergeben h.tte. Fig. 6b stellt

die Folgen der \Terschiebung der Strebepfeiler dar. Zum Vergleich sind in 6c


- 13 -

Pas vierte Gescho(3 kommt f tir uns nicht in Betracht; es ge-

Iiiirt einer sptteren Bauperiode und einem anderei Meister an.

Pas System der Koilegiatkirehe voii Mantes war vorbildlich gewesen

fir die Notre-Dame in Paris'), das vierte FassadengesclioB

ist eine N.ahmung desselben Bauteis der Panser Kathedrale,

und zwar eine sinn1os Naobalimung. Die ganze

Fassade ersheint durch dieses Gesc.ho13 gleichsam mit Gewait in

die Hhe grrt. In Paris ist dieses Bauied wie in Noyon absolut

notwendig, hier wirf t es die ganze Fassade ans der Proportion

2)

,,Die Fassade von Notre-]Mie zu Paris, begonnen um 1218,

wird in Frankreich hrkiinmlicherweise ais ,Kinigin der gotisehen

Fassaden' gepriesen. Wir kiinnen, sobald das Wort gotiscli betoit

wird, diesem Ifl nicht zsfiien. Pas moderne Gefiihi

erkennt in ihr Eigenschaften wieder, zu deren Schitt.zung es durch

die Antike und Renaissance erzogen ist - Ruhe der Massenwirkung

irnd Ebinii3 der planimetrischen Verhitltnisse - Eigenschaften,

die ais Erzeugnis des gotisclien Formensystems so wenig

gelten ki3nnen, daf3 sie durch dessen konsequente Fortentwicklung

vielmehr ausgeschlossen wurden. So ist denn, die Wahrheit zu

sagen, die Fassade der Notre-Dame in der ailgemeinen Intention

viel weniger gotisch. ais es jene von St. Deuis schon gewesen war.

ie verleilit derwageiichten Lgerung des \ufbaues einen Iach-

1ruck, der es gauz begreifiich macht, daB rfahrungsgmitB ebendasselbe

moderne Gefiihrdie Nichtvollendung der rfiïrme, obgieich

ihre Kriinung durch sehr hoch und schlank zu denkende Helme

zweifellos zum Plane gehrt bat, ûifan( ,.rweise garnicht ais

.sthetischeii Mae1 eipfiuidet." )

Die Fassade von Notre-Dame bedeutet also, entwicklungsgeschichtlich

betraclitet, einen RUickschnitt. Da sie aber, fur sich

betrachtet, ein Werk allerersten Ranges ist, mflssen wir uns die

Frage voniegen: wie ist dieser Riickfall zu erki.ren? Whrend

und 8 d die Fassaden von Noyon irnd Paris skizziert. Die Proportionen des Mittelschiffes,

das ja die Hdhe und Breite des Fassadeninitteistiiekes bestimmt, sind

in alleu drei Kirchen anniihernd gleich, in Noyon ist das Mittelsehiif etwas

niedriger.

1) D. & y . B. II S. 66.

2) DaB die beiden oberen Gesehosse friihestens erst im S. Jahrzehnt des

13. Jahrhunderts zur Ausfdhrung gekommen sind, beweist auUer der Gestaltnng

des 4. Gesehosses das Mallwerk der Rose. Es âhnelt dem der westliehen Rose

in Laon, die ebenfails erst dieser Zeit angeliOrt.

S) D. & y . B 11 97f.


- 14 -

das Langhaus eine Weiterbiidung - desselben Bauteiles in Mantes

ist, geht die Fassade auf das Vorbild von Noyon zurilck. Das

ftinfschifflge Langhaus zwingt dazu. Es verlangt bedeutend

dickere Turme ais die Kirche in Mantes, weil ein Turin zwei

Seitenschif[e zu verdecken hat. Den Grundrif3 der Tiirme bildet

daher ein Quadrat, dessen Seite der Breite zweier Seitenschiffe

gleichkommt. Die Strebepfeiler y dienen zugeicli dem ersten

Seitensehiffsjoch ais Auflenwand. Die Turmfreipfeiler sind sehr

dick. Trotzdem ist ihr Achsenabstand vom ersten Schiffspfeiier

derseibe wie in allen Mrigen Schiffsjochen. Infolgedessen hat die

erste Arkade eiue geringere lichte Weite ais die anderen, und die

Empore des ersten Joches hat nur zwei Offiiungen an Stelie der

drei in den anderen Jochen.') Die Strebepfeiler laden so wenig

ans, daB sie weder in der Empore noch fin Obergaden eine Offnung

verdecken 2). Die Strebepfeiler m liegeii normaier Weise in

der Achse der Schiffspfeiler. Die westliciie H1fte des Mittelsttckes

wird von einer Empore eiienommen, die sich in halber

Htihe der Schiffsemporen auf einem flachen Bogen von einen1 Turm

zum anderen hiniïberspannt und die Verbindung zwischen den

zweiten Geschossen der Tiirme herstellt. 1m ersten Joche der

Schiffsemporen f ihren flache Treppen zum zweiten PurmgesclioB

Iiinauf 3). Der Gedanke des Meisters von Noyon, ein westliches

Querhaus anzulegen, ist also nicht wieder aufgenommen worden.

Da die Portale den gauzen Raum zwischen den Strebepfeilern

einuehmen, silld sie so grol3, daB sie über den Fuf3boden der Empore

hinausragen. Andererseits ist der Rosendurchmesser und damit

die vertikale Au t3 des iosengeschosses so ro13, daB

dieses Geschol3 unter den Scheitel der Emporen hinabreicht Eme

Korrektur durch die Veisciiicbun( y der Strebepfeiler m wie in

Mantes war nattirlich nicht mig1ich; deun eine Verkleinerung des

Mittelstiicks mufite in Paris gerade vermieden werden, weil

die Tiirme noch dicker und die Seitenportaie grôl3er ais das Mitte.1-

portai geworden waren. Das mittiere GeschoB von Mantes schiuiipt

aiso zu eiuem Zwischengeschofl zusammen. Von diesem Horizontalgliede

abgesehen, ist die Stockwerkeinteilungungefhr dieseibe

wie in Noyon'). Damit dem Bèschauer die Nichtlibereinstimmung

1) Lssus et VIouET-LE-Duc, Monographie de Notre-Dame de Paris, Taf. 48

und 49, 19 und 20, 56 und 57.

2) L&ssus et VIohI,ET-LE.Duc Taf. 50 und 51, 52 und 53, 54.

3) LASSUS et VIOLL.wr-u-Duc Taf. 54, 56 und 57.

') Wie schon in Anrn. 1 auf S. 12 erwàhnt, sind die Mittelsehiffsproportionen

in Paris dieselben wie in Noyon und Mantes.


- 15 -

des Fassadenaufbaues mit dem System des Schiffes nicht zum Bewul3tsein

kommt, haben die Nord- und Siidseite der Turme keine

Gliederung durch Horizontale erhalten. Ihre Mitte nimmt cia

dicker Treppenturm ei.n. Den Giebel des Hochsehiffdaches verdeckt

eine auch uni die Tiirme herumiaufende offene Galerie, die dieselbe

Aufgabe wie die Blendgalerie in Noyon zu erfUllen hat. Aber sie

erfiliit ihre Aufgabe volikommener. In Noyon wird sie durci die

Strebepfeiler in drei Teile zerschuitten. In Paris lauft sic um die

Strebepfeiler herum und fafit so noch einmal, bevor sich die Tirme

villig freimaclien, die drei nebeneinander stehenden Teile der

Fassade zusammen. Weiter unten hat schon dem Zwischengeschot3,

der sogenannten Knigsgaierie, dieselbe Aafgabe obgelegen.') Sic

ist ebenfails um die Strebepfeiler herumgekriipft). Dieser ,,Horizontalismus"

der Panser Fassade hat also den Zweck, delL Besciiauer

zu zwingen, die Tiirme und das Mittelschiff nicht nebeneinander,

jedes Glied f tir sich, in semer gauzen Hôhenentwicklung,

ins Auge zu fassen, son dern die beiden Gescliosse sarnt den beiden

Galerien in ihrem Aufbau ilbereinander zu betrachteii. Die Folge

davon ist, daB man nicht den ganzen Kiiper der Tiirme mit der

Masse des Mittelschiffs vergleicht, sondera daB man ailes unter der

obersten Galerie Liegride ais eine einheitliche Masse auffal3t, die

nun nattirlich das eishidene tbergewicht über die Thrme er-

1) Über dem nirdlichen, etwas kicineren Seitenportaie erhebt eich ein Wimperg.

Nattiriich wolite der Meister 1 der dieses Portai ausgefihrt bat, anchuber

den beiden anderen Portalen cinen Wimperg anbringen. Eine derartige Uberhiihung

des Mittelportales, auch wenn es etwas kleiner zu denken ware ais das

zux Ansfuhrung e!ante, lutte fur die Kl$nigsgalerie keinen Platz gelassen. Es

sind also zwei Entwürfe zu unterscheiden. Auf welche Vorbilder sie zuruckzufuhren

sind, werden wir sputor (S. 90 und S. 98) sehen. Vor diesen beiden

Entwiirfen bestand das erste Fassadenprojekt, das dem Gesamtpian der Kathedraie

ans dem Jahre 1160 angehi5rt bat. Es wird noch mehr ais die ausgefiihrte

Fassade der Fassade der Kathedraie von Noyon hhnlich gewesen sein. Die im

12. Jahrhundert gearbeiteten SkuIpturen des slldiichen Seitenportala, der Porte

Sainte-Anne, und die von YIoET-LE-Duc gefundenen Bruclistucke beweisen, daB

mail cine Fassade nach diesem ProjekLe begunnen hat. (Vgi. W. VouE, Die Au-

Mage des monumentalen Stiles im Mitt&alter, Strafiburg 1894, S. 153 if.)

2) Da ein soiches Horizontalband in Noyon an der eutspreehenden Stelle

fehit und die Strebepfeiler ohne Unterbrechung bis zum Hochschiifsgesims aufsteigen,

miissen sie auch die groLle Blendgalerie durehschneiden. Denu çs ijissen

entweder die Vertikalen oder die Horizontalen betont werden. Eine pl6tzliche,

unten nicht vorbereitete Durchschneidung der Vertikaien in der Hiihe des llochschiifsdaches,

wie sie in Mantes (infolge des Abweichens vom urspriinglichen

Entwurfe) eintritt, wirkt gschmak1os.


- 16 -

langt, da man diese ais Tùrme erst von dem Punkte an betraclitet,

an dem sie sdbstindig werden').

So erklltrt sich also die auf den ersten Blick merkwiirdig

erscheinende Tatsache, daB die Gotik, die im Innen- und ABenbau

der Schiffe die vertikaien Glieder auf s strkste etônt, 'an

einigen Fassaden die 1-Iorizontalen so krftig hervorhebt, wie es

seibst der romanische Stil nie getan batte. Aber es sind eben

doch nur einige Fassaden, die die V ii1a'ang dazu gegeben

haben, von dem Horizontalismus der gotisehen Fassaden Frankreichs"

zu sprechen. tïberblickt man die Gesamtheit der auf

unsere Zeit gekommenen frtih- und hochgotischen Fassaden in

Frankreich, so ergibt sich, daB ein en'tschiedener Vertikalismus

wie in der Ranmgestaltung so auch in der Fassadenkomposition

das Ideal der franz5sisc1ien Gotiker ist, ein Ideal, das man schon

in St. Denis erstrebt bat. Die Hochgotik wird, zumal in einigen

viel zu wenig bekaunten oder nicht geniigend, gewiirdigten Quersçhifîsfassaden,

Beispiele f ir einen ausgesprochenen Vertikalismus

lifer'n. A1lrdiugs wre es einem Knst1er der klassischen Zeit

unrng1ich gewesen, eine Fassade wie die des Kiiner Domes zu

ent'veifeii, nur aus Libe zum gotischen Prinzip. Die franz$sischen

Gotiker verzfciiïen vielmehr ohne Bedenken auf den Vertikalismus

in der Fassade, sobald die Tiirme so dick wurden, daB

sic das MitteistUck zu eidrUckeu diohen. Man kann also folgendes

Gesetz aufstellen: Die gotisehen F'assaden in Frarikreich zeigen

einen entschiedenen Vertikalismus, wenn die. Tiirme eine so kie.ine

Basis und dementsprechend eine so geringe H6he haben, daB

sic sich dem Mittelstiick unterordnen, daB sie es aiso nur flankieren.

Die franzisischen G'otiker tragen aber kein Bedenken,

einen je nach Beâarf mehr oder minder stark betonten Horizontalismus

im Aufbau der Fassaden anzuwenden, sobal4 ohne diesen

Horizontalismus die Tiirme das MittelstUck èrdriiken wiirden.

1m ersten Falle ist die Fassade nichts weiter ais der mit architektonischern

Detail ausgestattete und an seinen Ecken mit ieichten

Tiirmen gekrtnte Querschnitt der hinter ihr liegenden Schiif e, also

eine wirkiiche Fassacle zu dem dazu ge1irigen Bau; im zweiten

1) Die von VI0LI.IT-LE-Duc in seinen Entretiens sur l'architecture (Atlas

Taf. 14) versuchte Rekonstruktion der Tnrmbekriinungen ist hcht unwahrscheinlich.

Durci das zwischen die quadratischen Tiirme und die Helmo cmgeschaltete

Oktogon erh,altcn die Tiirme eine derartige Hohe, daB sie die feinen

Proportionen der Fassade wieder vcrnichteu. Siehe D. & y. B. II S. 106 Aani.

und HASAa S. 196. Bci HÂSAX aucli eine Abbildung der Rekonstruktion von

VIoLIr-LE-Duc.


- 17 -

Falle ist sie ein mehr oder weniger selbst.iidiges, mit dem Aufbau

der Schiffe in keinem oder doch nur lockerem Zusammenhange

stehendes SchaustUck.

Seinen Hhepnnkt erreicht der friihgotische Fassadenbau in

Laon. Die Kathedrale von Laon') hat aul3er der turmiosen

Fassade des platt gesehiossenen Chores drei fast gleichmiLBig behandelte

doppeltiirmige Fassaden an den beiden Enden des Querschiffes

und dem westlichen Ende des Langhauses. Da die Ostseite

des Querhauses und die ersten Joche des Chores den ititesten

Teil der Kathedrale bilden - der urspriingiich mit einem Haibrund

und Umgang schliel3ende Chor wurde nach 1200 verliingert -,

sind auch die Querhausfassaden titer ais die Westfassade. Diese

steht kiinstlerisch bei weitem am hichsten. Ihr Meister hat sich

die beim Ban der Querschiffsfassaden gesammelten Erfahrungen zu

Nutze gemacht und manclierlei Verbesserungen vorgenommen.

Aile drei Fassaden éMii3en sich in ihrem Aufbau dem der

Schiffe an. Das RosengeschoB nimmt den Raum von Obergaden

und Triforium ein, das mitUere GeschoB entspricht der Empore -

an der Westfassade wird es allerdings zum Teil von den Portaibedachungen

iiberschnitten; das PortalgeschoB hat genan die

Hi1ie der Seitenscitiffe. Die Querschiffsfassaden geben aiso durch

ihre Stockwerkeinteilung ein getreues BiId des Aufbaues der

Schiffe; in der iliihe des Hochschiffsdaches krnt eine Galerie die

Fassaden. Uiikehi nimmt der Àuiiil3 der Schiif e auf die

Fassaden Ricksicht, und zwar bei der Konstruktion der HoehschiffsgewLilbe.

Seit der Einfiihrung der Kreuzrippen, des Spitzbogens

und des iiul3eren Strebewerkes hatte man keinen Grund

mehr, die Gewi1be mit Stich zu konstruieren. Demi die Rippen

stien infolge der Aivehdung spitzbogiger Itappen aueh ohne

' Sticli sEeÏ genug auf, und es empfahl sich, den gesamten Gewolbeschub

auf die Verstrebungen zu konzentrieren, um die schwachen

Sciiildmauern womiiglich gitnzlich zu entiasten. Die Gotik konstruierte

darum ,auch sehr bald ausschliefluieh GewLibe mit wagerechtem

SclieiteL Um so auffiliger ist es, dali die Hochschiffs-

1) Mon. hist. I Taf. 47-49. KING III 33-42. Die genauesten Aufnahmen

in der Grodfolio-Ansgabe der Mon. hist. von 1855-72, im 1. Baud ,,Architecture

antique et religieuse". Diese Ausgabe hat keine Seiteuzahien. Per zn

den einzelnelL Denkiniilern gehi3rigc Text ist ,jedesmal fUr sich paginiert. Flir

die Kathedrale von Laon hat ihn BOESWILuW&LD, der seit 1853 die WiederhersteUungsarbeiten

an dieser Kirche goleitet hat, geschrieben. Wir zitieren ihn

im folgenden mit: BoEswuwALD.

Kuoze, Dao Faadenprob1em.

2


- 18 -

gewtilbe der Kathedrale von Laon eine Ausnahme machen. Die

in der Richtung der Liingsaclise des Lang- und Querhauses laufenden

Kappenscheitel bilden zwar fast vL11ig waerchte Linien,

aber von den Schildwinden steigen die Kappen ziemlich sieil zum

Schluf3stein der seclisteiligen Kreuzgew1be hinauf. Dementsprechend

liegt der Scheitel der Gurtbgen 1iiher ais der der SchiIdbigen.

Der Urund hierfur kann meines Erhtens nur der sein, daf3 die

GewilbescIieite1 des Hochschiffs die Hôhe des Rosenscheitels erreichen

sollen. Ein hiherer Obergaden hittte zwar zu demselben

Ziel gefiïhrt, aber er hittte vielleicht die Proportionen des Systems

gestirt. Der starke Stich der Gew1be dagegen bot ein beuemes

Mittel, den Hhenunterschied auszugleichen, sodafi dem Meister

freier Spielraum f lir die Gestaltung des Schiffsystems und der

Fassade blieb.

Diese Konstruktion dei' HochscIiiffsgewi1be legt den Schluf3

nahe, daB die Kathedrale von Laon in der Gestalt, in der wir sie

noch heute sehen, mit Ausnahme des langen, piattgeschiossenen

Chores und der .Mibauten des 14. Jahrhunderts ein Werk aus

einem Gu13 ist, trotz einer Bauzeit von 75 Jahren. Denn da

scion der Meister der noch vorhandenen Joche des alteil Chores

die beschriebene Gewilheform aiigewandt hat, so wird er auch die

Fassaden im wesentlichen so geplant haben, wie sie spitter ansgefuhrt

worden sind. Wir haben hier das erste Beispiel dafiir, daB

der Fassadenaufrifl den Querschnitt des Mittelschiffs beeinfiuBt.

Wir werden sehen, daB die Kathedrale von Laon in diesem

Punkte vorbildlich wurde fur die beiden folgenden hochgotischen

Kathedralen, die von Chartres und Reims, wie sie auch die erste

war, die ein dreischifflges Querbaus mit doppeltiirmigen Fasden

erhielt, dereii vier rrjjrflle mit dem Vierungsturrn eine sehr wirkungsvoile

Gruppe bilden. Diese der franziisischen Baukunst frernde, vom

niederrheinischen Romanismus ilbernommene Turmgruppierung blieb

niclit ohne EinfluI3 auf die Gest.altung der Fassaden. Sie nitigte

zu einer verschiedenen Behandiung der Querhaus- ami Langhausfassaden,

wenn man eine Eintnigkeit, wie sie eine dreimalige

Ausfiihrnng desseiben Fassadenentwurfs mit sich gebracht hittte,

vermeiden wolite. Die kiînstierische Wirkung der Westfassade

und der Querscliiffsfassadeii ' unterliegt a tdei ganz verschiedenen

Bedinungen. Die Westfassade hat den Abschlut3 des Langhauses

zu bilden und ist, von Westen ans betrachtet, ein Stiick fUr sich.

Es kommt aiso bei ihr vor allem auf da.s Verliitltnis der Turme

zum Mittelstiick an. Ganz anders liegt die Sache bei den Quer-


- 19 -

schifl'sfassaden'). Ihre Tiirme bilden mit dem Zentralt.urm eine

Gruppe, sic nitissen also auch zu ihm iii Beziehung gesetzt werden.

Leider besteht bei keiner der gotischen Kathedralen der Vierungsturm

noch in semer urspriïnglichen Gestalt. Deslialb konnen wir

uns kein ansehauliches Bild von der Turmgruppe machen. Ebenso

wissen wir nicht mehr, wie sich der ciste Meister von Laon das

Gri5f3enverhltnis der Westtiirme zu den Querschiffsttirmen gedaclit

hat. Der kleinere Maf3stab der West- (und Siid-)Fassadentiirme

kann n&m1ich, wie wir sehen werden, auch in technisehen Bedenken

seinen Grund haben. Au!erdem liatte es der Meister der

Westtiirme mit einem Gebitude von ganz anderer Lngenausdehnung

zu tun, ais der erste Meister, der nur einen kurzen Chor aufgefihrt

hatte. Ware dieser Chor erhalten gebiieben, so Iitte der

Vierungsturrn mit seinen vier Tr'abantén beinahe deii AbschluB des

gauzen Geb.udes im Osten gebildet. Ein dem riei Vierungsturm

die Wage haitendes Gegengewicht in Gestalt mglichst grot3er

Westtiirme wire aso am Ende des Langliauses sehr wohl môglich,

wenu auch nicht erfM&iIih ewesen 2). Nach der Erbauung des

neuen Langchores hatte sicli aber die Sachiage gendert. Jetzt

bildete der Vierungsturm fast genau clic Mitte des auflergewi5hnlich

langen Gebudes. Die Mitte war also besonders zu ItdnU und

das West.ende dem Ostende miiglichst entsprechend zu gestalten.

Daher waren die Westtiirme schoii nus âsthetischen Rucksichtcn -

von den technischen ganz abgesehen - in kicinerem Mal3stabe

auszufiihren ais die Querschiffstiirme. Einen entsprechenden Ab-

1) Man ergiinze sich an der nrd1ichen Querschiffsfassade den fehienden

Ostturm und die Turmhelme. Das Mittelstilck verliert (lann mehr an Gewicht,

ais es eine gute Proportionierung er)aubt.

2) Die Turmgruppierung von Laon wurde in Frankreich an den Kathedralen

von Chartres und Reims wiederlioit. Von dem Groenverhaltnis der einzeinen

Tllrme au diesen beiden Banten wird spater die Rede sein. In Deutschland

folgten die Meister von Magdeburg und Limburg a. d. L. dem Beispiel von

Laon. In Magdeburg kain der erste Meister, der zweifellos cinen Vierungsturm und

doppeltiirmige Qnerschiffsfassaden beabsiehtigte. uicht bis zur Fuiidamentierung

der Westtilrxne. Erst der Meister 1 der die Seitenschiffe breiter atisgefUhrt bat,

ais sie ursprUnglieh geplant waren, begann mit dem Bau des Nordturmes der

Westfassade. Wir kônnen uns also kein Bild mehr von dem GrÔBenverh1tnis

der Ostiichen Turmgruppe zu den Westtïrrnen des ersten Entwurfes machen.

In Limburg dirninieren die WesttUrme entschiedcn, wenfl sie auch von dem

steileri (Ubrigens erst 1774 an die Stelle eines stumpferen gesetzten) Hel me des

Vierungsturmes iiberragt werden. Allerdings war (lem gotisehen Meister keine

Freiheit mehr gelassen. Er war gezwungcn scilicil Ban einem bis auf den Chor

schon bestehenden romaniachen Erdgescho anfzu pfropfen.

2*


- 20

scliluB im Osten vermifit man librigens sehr. Sein Fehien macht

sich besonders deshaib so unangenehm bemerkbar, weil die Lage

der Kathedrale einen Gesamtiiberblick liber die utirdiiche Ligsseite

gestattet').

Die Querschiffsfassaden gehuiren dem letzten Viertel des 12. Jahrhunderts

an. Die Anlage dreier Portale bot Schwierigkeiten. Die

Seitenportale h.tten zwar in den ersten Turmgeschosseu gut Platz

gehabt, aber das Mittelportal w.re entweder zu groB geworden

oder Mtte den Baum zwischen den Strebepfeilern nicht ausgefliult.

Per Meister verzichtete daher auf die tibliche Portalanlage irnd

versah die unteren Turmgeschosse mit Fenstern und das Mittelschiif

mit zwei Portalen. Die Ttirme sind bedeutend breiter ais

die Seitenschiffe. Die Verstrebungen y verdecken das erste Seitenschiffsjoch.

Die Turmpfeiler sind zwar dicker ais ein Schiffspfeiler,

aber doch fur die schweren TUrme viei zu schwach. Wie man

noch heute sehen kann, sind sie nach dem Schiffe zu ausgewichen

und haben das erste Querschiffsjoch zusamrnengedriickt, so daB die

Schiffspfeiler und Triforiumsiiu1chen schief stehen. Schon am Ende

des 13. Jahrhunderts war man gezwungen die unteren Turmgeschosse

auf allen Seiten zu sciilieBen und sogar im ersten Joch die Empore

und das Triforium mit Mauerwerk auszuftillen, um ein Widerager

fUr die Tiirme zu schaffen.') Die SUdfassade ist der Nordfassade

sehr ilhnlich gewesen. Nur die Ttirme sied, vielieicht schon

1) Auch fur die Tnnenwirknng bedeutet die Verliingerung des Chores und

sein glatter AbschluB keinen Gowinn (w. BEZOLD, S. 172).

2) Es trat hier also sehon ungefiLhr cia Jahrhundert nach der Vollendung

des Bancs dieselbe Katastrophe ein wie in Straburg vor einigen Jahren. Wir

geben daher die Ausflihrungen BOESWILLWALDS (S. 5) wieder: En effet il n'est pas

douteux que peu d'années après la construction des clochers ouest du transept,

la surcharge, produite par la surélévation des deux étages, provoqua des ruptures

et des écrasements dans les maçonneries et, en particulier, dans les piliers trop

faiblement établis au XIIe siècle, et formant la base de ces surélévations. Vers

la fin du XIlI e siècle, lesdésordres survenus dans ces constructions étaient

arrivés au point que, pour prévenir une ruine immédiate, on dut à la hte

maçonner les baies du triforium entièrement déversé de la première travée du

transept, celles de la grande galerie, et boucher les baies des deux clochers. O

reprit ensuite à neuf, jusqu'à la hauteur des grandes voûtes, les piliers d'angle

du transept, complètement ruinés. • lin Quersehiif stehen die Triforiensulchen

nocli humer sehief. Das zut Verstrcbung der Querschiffst Orme in die Arkaden des

Triforiums und der Empore eingefugte Mauerwerk war in Jahre 1908 noch nieh

beseitigt. DaI3 man im Mittelalter Pfeiler, wie hier in Laon ira Qnerhaus anszuwechseln

imstande war, zeigen z. B. die im 14. Jahrhundert ausgeweehselten

Pfeiler der westlichen Joehe des stidiichen Seitenschiffes ira Langchor der Notre-

Dame-Kirche zu Paris. Vgl. VIoILET-Lx-Duc, Diet. V S. 832 if.


- 21 -

in der richtigen Erkenntnis, daB sie fur die schwachen Freipfeiler

zu schwer wiirden, bei gleicher Hôhe von der Basis an schlanker

gebildet. Trotzdern traten dieselben Ilngliicksfiille ein wie an der

Nordfassade. Sie zogen auch die grol3e Rose in Mitleidenschaft,

so daB sie uni 1300 durch ein bis fast zu deii Portalen herabreichendes

Spitzbogenfenster ersetzt werden muBte.') Per Meister,

der nach 1200 die Freigeschosse der Tiirme ausgefiîhrt hat, scheint

schon die M.n gel der Konstruktion erkannt za haben und hat

wohl deshalb nur die rfiirne an der Westseite des Querschift'es

vollsti%ndig ausgebaut. 2) Eine zu starke Belastung der unteren 0eschosse

der ôstlichen Tirme wâre noch gefhrlicher gewesen; denu

sic sind bis zur }Ihe des Hochschiffsgesimses auf drei Seiten durchbrochen,

da an ihrer Ostseite polygonale Nebenchire liegen.

Beim Ban der Westfassade war man vorsiclitiger. Die Freipfeiler

der Turme wurden strker gebildet. Sie erhielten genau

denselben Querschnitt wie die Vierungspfeiler. 3) Die 'Pi'>ime haben

denselben Grundriil wie die Siidtirrne, sind aber immer noch breiter

ais ein Seitenschiff. Die Strebepfeiler r verdecken das erstc Seiten-

1) An der Nordfassade let ein iihnliches Fenster in Angriif genommen

worden. Man kam aber zum Gliick nur dazu, (lie westliche Laibung auszufuhren.

Die in den Anfhngen stecken gebliebene Arbeit bietet ein interessantes Beispiel

fur die Art und Weise, in der man soicho Umbauten vornahm. Siehe die Abbildung

in den Mon. hist.

2) En même temps que l'on procédait à l'agrandissement du choeur, on

élevait la façade principale avec ses deux clochers couronnées de flèches en

pierre, et l'on poursuivait l'achèvement des quatre clochers du transept, arrêtés,

vers la fin du XII 6 siècle, a la hauteur de la corniche de la nef. Cette dernière

opération fut d'abord menée de front pour les quatre clochers; mais arrivé a

la base des deux derniers étages, soit que les fonds vinssent à manquer, soit

plutôt dans la crainte de provoquer des accidents (crainte fondée du reéle), en

élevant à la fois sur les piles d'angle des transepts la surcharge considérable des

deux derniers étages de clochers, on prit le parti de n'achever qu'un clocher â

la fois. Celui nord-ouest fut terminé le premier, et l'on retrouve dans cette

oeuvre des dispositions identiques à celles des clochers de la façade principale.

L'achèvement du clocher sud-ouest est postérieur de plusieurs années. Son avantdernier

étage, modifié en plan, est lourd, et l'ensemble n'a plus les proportions

du clocher nord'ouest. Lew clochers est ne furent pas continués. (BoEswIu.-

WALD, S. 4 f.'>.

Die Baniberger Westtttrme sch1ieen sich am engsten an den Sidwestturm

des Querschiffes in Laon an. Das bekamite Turmmodell im nird1iehen Seitenehiffe

zu Bamberg gibt in semer obereii Halfte diesen Turrn, in semer unteren

die anderen Ttirme von Laon wieder. Siehe Orro Avriouu, Der Dom zu Bamberg,

Mfinchen 1898, Taf. 5 und 33.

) Nur in der Grofo1io-Ausgabe der Mon. hist. in genligender GrBe dargestelit.


22

schiffsjoch. Der Aufbau der Fassade schlieSt sich, wie schon bemerkt,

im Innern dem System der Schiffe genan an, die Empore

wird wie an den Querschiffsenden auch an der Westwand herumgefïihrt.

1m ÂuBeren freilicli sind die Geschosse nicht so scharf

voneinander geschieden wie an den Querschiffsfassaden. Die Diicher

der Portalvorhallen, besonders am groflen Mittelportal, schneiden

in das zweite GeschoB ein und verdecken teilweise die Emporenfenster,

so da g das zweite Geschol3 fUr die Aut3enwirkung nicht

ais ein den beiden andern gleichwertiges in Betracht kommt. Per

Meister der Westfassade wolite offenbar nicht, wie sein Vorgnger,

auf die monumentale Anlage dreier Portale verzichten. Aber sofort

steilten sich die an der Nord- und SUdfassade gliicklich vermiedenen

Schwierigkeiten ein. Es gait, die drei Portale zueinander

in das richtige GrtBenverhiUtnis zu setzeii, obgleich ihre Breite

durch die Stellung der vier Strebepfeiler festgelegt war. Da die

Tiirme zie.mlich schlank sind, war das Breitenverhuiitnis der drei

Vertikaiabschnjtte der Fassade fiÎr die Portalanlage nicht ginstig.

AuBerdem wire ein Mittelportai, das den gauzen Raum zwischen

den Strebepfeilern voli ausgenutzt Mtte, so hoch geworden, daB es

untei' der Empore keinen Platz gehabt hLtte. Der Meister der

Fassade von Mantes war dieser Schwierigkeiten durch eine geringe

Verschiebung der Strebepfeiler m Herr geworden. Freilich hatte

er dadurch die Tiirme in ihrer ganzen Hihe auf Kosten des Mittelsttickes

verbreitert. Das aber muBte in Laon gerade vermieden

werden, um die ohnedies schon schweren TUrme, die ja im wesentlichen

den Querschiffstiirmen entsprechend gestaltet werden mu3teii,

nicht noch schwerer werden zu lassen und um den Durchmesser

der Rose nicht zu verringern, da eine kleinere, die Oberkante des

Emporengeschosses tangierende Rose den Gewt1bescheite1 nicht erreicht

lutte. Per Querschnitt des Hochscliiffes war ja, wie schon

(lie Untersuchung der Querschiffsfa.ssaden ergab, auf eine Rose von

der Grt3e der Querhausrosen berechnet. Per Meister de y Westfassade

nahm daher zu einem nocli kiihneren Mittel, ais es in

Mantes angewandt worden war. seine Zihlicht. Er verscbob nicht,

wie es dort geschehen war, die ganzen Strcbepfeiler ni ans dei'

Achse der Hoehschiffswunde, sondern nur ihr unteres Ende bis zur

Kimpferhihe der Portallaibungen. Um demi oberen Teil der Strebepfeiler

eine Basis zu geben, errichtete er vor den drei Portalen

Vorhalien und ilberwtilbte sie mit sdhweren Tonnengew1ben. Diese

\roI.hallen erfùllen einen doppelten Zweck: einmal dienen die dem

Mittelportal zugekehrten Gewô1beiiicken den Strebepfeilern ni ais


- 23 -

Aufiager, sodann verdecken sie, da sie sehr weit aus der Fassadenfluiche

heraustreten, f tir das Auge des Beschauers den Ilick der

Strebepfeiler rn in çler Vertikalen. Heute wirken die Vorhallen,

besonders inr Scliritgansicht, nieht sehr gi1istig.') Ilire gi.tteii,

ùhgegfiêdèrten" und sich weit in die Tief e erstreckenden Witnde

und Tonnengewdibe machen einen tunnelartigen Eindrack. EJrspriinglich

waren die TF ungswnde von kleinen Doppelarkaden

durchbrochen, und infolgedessen waren die Vorliailen fast so leicht

und elegant wie die von Chartres gewesen. Am Ende des 13. Jahrhunderts

trat aber an dei' Westfassade dieselbe Katastrophe wie

an den Querschiffsfassaden cm. Die Freipfeiler der Tiirme, obwohl

strker ais die der schwereren Querschiffstllrrne, und die Verstrebungen

p erwiesen sieh ais zu schwach, und die Ttirme begannen

die erste Àrkade des Langhauses zusarnmenzupressen. Die

Tiirsfiuî'ze und Bogeufeldei der Seitenportale barsteii tinter dem

Druck der mit den Strebepfeilern m belasteten rronnenge\\.i1be.2)

1) Dabei ist die Fassade leider nur in der im a1gemeinen ja recht gbnstig

wirkenden Schrgansicht., von der rue Châtelaine ans, vollstitndig zu iibersehen.

Siehe Tafel.

2) Par suite de l'emploi de matériaux de médiocre qualité, du peu d'expérience

que l'on avait de la résistance des diverses natures de pierres, et de la

hdte avec laquelle les constructions avaient été élevées, les linteaux des baies

transversales des trois porches, qui, sur une portée de plus de 2 mètres, n'avaient

que 23 centimètres de hauteur, s'étaient vers la fin du XlI e, siècle, rompus sous

la charge des berceaux des porches qu'ils soutenaient et sous la pression produite

par le tassement des maçonneries des clochers, dont les contreforts s'appuyaient,

du côté de la façade, en porte à faux sur l'extrémité de ces couvertes

(à fizux in kunstruktiveui Sinne; ans den oben angefiîhrten âsthotischen GrUnden

lieB sich aber dieses technisehe Waguis nicht vermeiden). La rupture de ces

linteaux provoqua un écartement dans les maçonneries des berceaux et les passages

ménagés à la hauteur des galeries à travers les contreforts. Ceux-ci,

n'étant plus reliés par la base, se déchirèrent à leur tour sous les poussées

de la grande voûte et des arcs-doubleaux des clochers, lesquels se déformèrent et

et menacèrent ruine.

Ces tassements avaient réagi sur l'ensemble de la façade et provoqué la

brisure des tympans des porches. Afin d'arrêter ce mouvement on se pressa de

fermer les baies transversales arec de la maçonnerie en pierre de taille et de

soutenir les tympans des porches au moyen d'arcs surbaissés, à claveaux sculptés,

On pensa ainsi avoir assuré la stabilité de l'édifice .......

Dans les travaux de consolidation et de conservation faits à la façade

principale à la fin du £1116 ou au commencement du XlVd siècle, on n'avait

pas pris les précautions voulues, pour rétablir l'équilibre entre les diverses parties

de cette façade. On avait malheureusement négligé de relier les maçonneries des

bouche,nents des baies avec les assises des montants des ouvertures. Il résulta

de là un in nuee,ncnt de dii 'uatint j n'n ihle mais continu qui. Se pvU es rivant


A

24 -

Man sah sich daher gezwirngen, die Durchbrechungen der Vorhallenwiinde

zuzumauern.') Ber Meister der Westfassade war also

dans ces constructions pendant plusieurs siècles, détacha, malgré des réparations

partielles, les clochersde la façade centrale, et produisit les déversements et des

dégradations telles qu'a la fin du dernier siècle il n'existait plus que l'une des

flèches de la façade, laquelle dut être déposée à son tour au commencement du

siècle présent. (Das Fehien der Turmhelme gereicht allerdings hier wie in Paris

der Fassade mir aiim Vorteil. Die htchste Ancrkennung verdient es, dad sicli

BOESWILLWALD trotz der ihm zur Verfiigung stehenden reichen Mittel die Beschriinkung

auferlegt bat, die Turmhelme, fur deren Konstrukt ion er einen Auhait

in einer Skizze des VLL.&RD na HONreECOURT. Taf. XVIII, gehabt hhtte, nicht

wieder aufzubaneii.) En 1853, les clochers se trouvaient détachés de plus

de vingt centimètres de la façade centrale; la maçonnerie de leurs contreforts

était déchirée de ta base au faite; la grande rose s'était affaissée de quatrevingt

centimètres, les piliers intérieurs étaient broyés, les arcs et voûtes déformés,

les escaliers rompus sur toute la hauteur de l'édifice, les contreforts extrêmes

affaissés sur un sol sans fondations. La situation du monument était telle

qu'une ruine totale était imminente." BOESW1LLWALD, S. 5 f.

1) Leider bat BOSBWILLWALD, der die Kathedrale in sonst so mustcrghltiger

Weise restauriert bat, diese Offnungen nicht wiederhcrgestcllt. Und das wiire

doch wohl mit Hilfe von eisernen Tragern mg1ich gewesen. Wie bedeutend

sonst allein die technische Leistung der Wiederherstellung lot, zeigt folgender

Bericlit: «Grâce à la sollicitude du gouvernement, la restauration de ce montsment,

poursuivie depuis 1853, a permis de relever la cathédrale de Laon de ses

ruines, et de rendre à la façade, non-seulement son ancienne physionomie, mais

encore une durée de plusieurs siècles.

La situation de la cathédrale de Laon est aujourd'hui, 1872 (Boswii-

WÀLI) bat die Arbeiten noch bis 1897 geleitet), la suivante:

La façade principale, ses trois porches avec leur statuaire et leur sculpture

(sauf le tympan du fond), et les deux clochers sont entièrement rétablis.

A l'intérieur on a reconstruit les gros piliers qui portent les clochers depuis

le sous-sol jusqu'à hauteur du dessus de la galerie, restauré le surplus des

piliers, rétabli les arcs et murs de ces clochers, et étrésilloné ceux-ci au moyen

d'un grand arc surbaissé formant la limite de la tribune des orgues.

On a remplacé ensuite les colonnes broyées et déversées des premaière.s travées

de la nef, repris les faisceaux de piliers dégradés, et refait à neuf les

voûtes des bas-côtés de la galerie et des quatre premières travées de la grande

nef. Les autres voûtes ont été réparées et nettoyées, le dallage de ces travées

refait à neuf.

A l'extérieur, les fenêtres en pierre usée des galeries et de la nef ont éte

remises en état; les arcs-boutants, mal établis, déversés, et trop faibles pour résister

à la poussée de la voûte, ont été remplacés par des arcs-boutants plus

forts, dont les têtes sont disposées aux points réels de la poussée. Cette opération

permit de supprimer les énormes tirants en fer qui, depuis six cents ans,

traversaient la nef.

On pose en ce moment les derniers arcs-boutants de La nef, travail qui

sera suivi du rétablissement de la chat-pente et de la couverture. BoEswa.L-

WALD, S. û t.


- 23 -

ebenso wie seine Vorgiinger ein schleehter Ingenieur, sein technisches

Knnen stand nicht im Einklang mit seinem kiinstierisehen

Woflen. Kitnstleriseh aber sprach er das Schlul3wort f tir die Fassadengestaltung

der friihgotischen Epoche. ,,Der Vergleich mit

der Panser Fassade wird das besondere Wesen der von Laon am

schnellsten verstndlic1i machen. In Paris liegen die Mauerffltchen

in nahezu derselben senkrechten Ebene, und ans dieser treten die

Strebepfeiler mit mitl3igem Relief hervor. In Laon hingegen ist

der Rïicksprung von GeschoB zu Geschol3 sehr bedeutend (vgl. das

Profil auf Tafel 416 in D. & y. B.)" Er wird zum gr2ten Teil

bedingt durc die tiefen Portalvorhallen. Deren Giebel und Pinakel

II mn maleriseb freier Weise in clas erste Fenstergeschof3

ein und stempein es dadurch zu einem blol3en Mezzaniiigeschofl;

"alles hiichst origineil gedacht und hichst wirkungsvoll in den

kriiftigen Gegensdtzen von Licht und Schatten, von Einzelheiten

Wir haben in dieser und den vorhergehenden Anmerkungcn BO1SWILLWÂLD

ans drei Griinden so ausfiihrlich zu Worte kommen lassen. Einmal, weil BoRs-

ILLWALD hier, soweit es sich darum handelte, den Tiirmcn wieder cine feste

Basis zu geben, einc âhnlicbe Aufgabe zu isen hatte, wie sic jetzt das Stra&-

burger MUnster stelit. Sodanu, uni cinen Begriff zu geben von der Notwendigkeit

der griindiichen IRestaurierung der Kathedralc und der vorbildiichen Art, in

der die Arbeiten durchgefOhrt worden sind. Freilicli aile, die sich nur an der

Romantik altersgraucn Gesteins begeistenu kiinnen, werden sich angesichts der

vielen nenon Steune entsetzen. Aber es handelte sich nicht danum, eine Ruine

zu restaurieren, sondorn ein noch heute deni urspriunglichen Zweck dienendes

Gebaude von viIligem Untergauge zu bewahrcn. Pas wurde erreicht durch eine

technische Leistung crsten Ranges. Trotz des groBen lJmfanges dieser Arbeit

ist sic doch keinc ,,Restaurierung" mm ilbien Sinne des Wort.cs, sondera nur eine

reconsolidation, wie die Franzosen zuwoilen f un restauration sagen. Drittens

liefern die AusfOhruingen BOESWILLWALDS einen wichtigen Beitrag zu der Frage:

Wic stand es mit der Statik der Bauwerke mm Nittetalter? Konnte man z. B.

die Lest eines Turmes theoretisch berechnen, und wuBte man, wie viel ein

Pfeiler von bestimintem Querschnitt und ans bcstimmtem Stein zu tragen vermochte?

Die Gcschichte der Kathedrale von Laon, der Einsturz des Sudturmes

der Kathedrale von Sens, die Katastropho des Chores der Kathedralc

von Beauvais geben ni. E. cine deutiichere Antwort ais die von HA5ÂK

(S. 220) herangezogenen Quellcn, die so lange ohue Wert bleiben, bis es wenigstens

gelïngt, aie verstiindlich zu iibersetzen. Was ist miter onus und pondus

der Gewilbc zu verstehen? HAsx itbersetzt (S. 221) ,,Gewicht" und Last".

fat etwa Druck nnd Schub genieint? DaB ein Gewblbe Druck und Schub nustibte,

wulito man naturiich; danuin gab maui ihm ja Pfeiler und Widonlager.

Aber den gtinstigsten Angniffspunkt fUr dits Widerlager enmittelte min erst nach

l.ngorcr Praxis. Zur Zeit, ais min die Kathedralo von Laon entwarf, war er

noeh nieht bekannt. Vgl. dcii vorletzten Abschnitt der oben zitierten AnsfUhru

ogen BOESWJLLWALPS.


- 26 -

und Masse. Es folgen im Hauptgeschofl, wieder in breite, durch

tber\vÔ1bung des Raumes zwischen den Strebepfeilern entstehende

Nisehen eingeschlossen, die grof3en Lichtffnungen. Die Rose

wirkt nocli beherrschender, noch zentralisierender ais in Paris, und

indem sie sich mit ihrem Scheitel über die Seitenfenster hinaus

erhebt, motiviert sic die Brechung der SchluBgalerie in eine hôhere,

mittiere und zwei niedere seitiiche Stufen, womit dasselbe, mir ungleich

volikommener, erreicht ist, was dem Meister der Fassade

von St. Denis orgeschwebt hatte: rechtzeitige Vorbereitung auf

das Freiwerden der TUrme, leicht pyramidales Ansteigen der Gruppe

gegen die Mitte, hind entend au.f den steigenden Rhythmus im

Querschnitt der hinter ihr liegenden Schiffsriiume." Au der nôrdlichen

Querschiffsfassade liegen aile drei Abschnitte dieser Galerie

über deni Rosenseheitel, sic ist aiso ais ungebroehene Horizontale

durchgetUhrt. Eine Brechung erscliien hier iibe deii wagerechten

Gliedern unmotiviert; an der Westfassade wiede'hoIt die Galerie

das Auf und Ab der Vorhallengiebel. Die Ferister des dritten

Turmgeschosses der Nordfassade reichen nur bis zur Hôhe des

Hochschiffsgesimses, so dag zwischen ilinen und der Galerie eine

leere Fhiche bleibt. An der Siidfassade vermied man dieses kahie

Mauerstuck dadurch, dafi man die Galerie nur auf das Mittelstiick

setzte und die seibstâridigen Tiirmgeschosse schon in der Hôhe des

Hochschiffsgesimses beginnen ]iel3. TJm trotzdem mit den SUdtUrmen

bis zur Hôhe der Nordtiirme hinaufzukornmeu, inuBte man

ihren Aufbau auders gestalten und schob deshalb unter iir letztes

HauptgeschoB ein ZwischengesclioB. Per Meister der Westfassade

fand die volikomnienste Lôsung. Er liefi zur Ausgleichung der

Hôhendiffereuz zwisclien Rosenscliejtel und Turmfensterschejtel die

horizontale Galerie auf- und absteigen und erzielte damit die bereits

geschulderten Wirkuiigen. Zugleich gewann er dadurch einen guten

Anschlul3 der TÎirme an das Hochschiff. Da die Galerie an den

Tiirmen tiefer liegt ais am Mittelsttick, ist der Hôhenunterschied

zwischen dem Hochschiff und dem dritten Turmgeschol3 nur unbedeutend,

und dieser geringe }{ôhenunterschjed erzeugt hier cine

gewisse Lebendigkeit, eretont das Aufwrtsstreben der Tiirme.

Bas Hochschiffsgesinis kiettèrt also gewissermaflen auf zwei Stufen

zuni Rosenschejtel empor: vom Hochschiff zum dritten TurrngeschoB,

von hier zur groBen Rose. Auf diese Weise wird ein vorztiglicher

Anschluf3 der Tiirme und der ganzen Fassade an das Langhaus

- trotz einer Differenz von ca. 2 1 z m zwischen dem Hoclisehiifsgesimse

und dem Rosenscheitel - und eine starke rliytliiiiische


- 27

Bewegung erzielt. ,,Mag die PariserFassade in der Schinheit der

geometrischen Proportion en iibr1egen sein, die von Laon ist organischer;

sie ist auch, durch die sU&rkere Brechung der Massen,

spezifiseher gotisch. Von der wohltemperierten Eleganz der kiassischen

Gotik weif3 sie aber noch nichts; der sie erdachte, war,

wenn man wil, ein iioch mit einem Restchen von Barbarentum

behaftetes Genie, aber ein Genie ganz und gar, voil Urspriinglichkeit

und freudiger Kilinheit, sicher ein besserer Interpret der vita

activa ais der vita contemplativa".')

Wir sind am Ende der fiihgotischen Zeit angelangt. in ihrer

Asfthrung gehren die Fassaden von Senlis, Paris, Mantes und die

Westfassade von Laon schon in die Zeit der Hochgotik. Fassen wir kurz

zusammen, was die bedeiitendsten Meister der Frïihzeit zurFirderung

des Problems geleistet haben. In Mantes war der best.e ÀnscliluB der

Tiirme an das Langhaus lin GrundriB erreiclit worden. Die Turuibasis

bat die Gri13e eines Seitenschiffsjoches. 2;ur Verbesserung der Proportionen

hatte sich der Yeister der Ne lii;tupug der Strebepfeiler rn

bedient. In Laon a13t' sich der AufriB der Fassaden am voilkommensten

dem Aufbau der Schiffe an, ja, schon der erste Meister

der Kathedrale hatte beim Entwurf des Mittelschiffsquerschnittes

im Quer- und Langhause auf den AnschluB der Fassaden Riicksicht

genommen. Per Meister der Westfassade erfand in den Vorhaflen

ein Mittel, das das Griil3eriverhitltnis der drei Portale zueinander

unabMngig von den Proportionen der Horizontal- und

Vertikalabschnitte der Fassade zu gestalten erm5g1icht. Die Panser

Westfassade bot mit ihren beiden stark betonten Galerien ein Beispiel,

wie man auch bei dem ungiinstigsten Gr13enverhdtnis der

Turme zum MittelstUck durcli Tberhiihung des Mittelstiicks und

durci Zusammenfassen der drei senkrechten Fassadenabschnitte

mittels honizontaler Biinder das Gleichgewicht wiederherstellen

konnte. Nicht erreicht hatte man, ohne die iii das erste Seitenschiffsjoch

einschneidenden Verstrebungen y und ohne VersuLrkung

der Turmfreipfeiler auszukommen. Der Hochgotik blieb also vor

allem ein technisches Problem zu bisen.

Die Fassaden der hocligotischen Kirchen.

Die Hochgotik beginnt mit dem Neubau der Kathedrale von

Chartres im Jahre 1194. Die Begriffe Frtih- und Hochgotik wer-

') D. & y . B. U S. 99.


- 28 -

den allerdings meist ganz willkiirlich gebraucht. Deutsche Ardutekten

und Kunsthistoriker nennen Bauten des 14. Jahrhunderts

hochgotisch und aile friiheren in Frankreich und Deutschland fruhgotisch,

seibst der Choi' des Ki1ner Domes wird zuweilen zur Fruhgotik

gerechnet. Demgegeniiber hat DEUI0 nachgewiesen, daB die

Zeit, die die Franzosen ais die ,,Epoche der grof3en Kathedraieii"

bezeichnen, die Zcit der efe, die kiassisehe Epoche ist.') Da,

was man hitufig Hochgotik nennt, biidet in Wahrheit schon die

erste Phase der Sptgotik, den ,,doktrinaren Stil".') Von den voilst.ndig

zur Ausfiihrung gelangten ,,groIen Kathedralen" zeigt die

von Amiens ohne Zweifei den gotischen Stil in semer Reife. Sie

ist du Monument, ,,dans lequel cet art a manifesté la plénitude de

son système et de ses ressources, où il s'est le plus rapproché de son

idéal, où les dernières solutions décisives ont été trouvées, celui, où

finit le progrès et après lequel commence l'exagération et la décadence."")

Steht nun die Kathedrale von Chartres der von Amiens

oder der von Laon nher? Betrachtet man du Detail, so wird

man sagen miissen: der von Laon. Stelit man aber das rein Architektonische

in den Vordergrund, so ist nicht zu bestreiten, dal3 mit

der Kathedrale von Chartres etwas Neues beginut, dal der Fortschritt

von Laon bis Chartres viel grtBer ist ais von Chartres

liber Reims bis Amiens.

,,Auf die Erfahrungen zweier unerhôrt regsamer Menscheitalter

fuBend, war man jetzt des neuen Konstruktionssystems vôilig

Meister; zu jeder Rauingestaltung, so wie der Geist sie forderte,

fiihite man sicli Mhig; ebenso war die Formensprache, durcit

manche Metamorpiiosen hindurch, mit dem neuen Inhait endlich in

flbereinstimmung gebracht, ein fiuissiges ausdrucksvolies, nunmehr

liberail auch von den Laien verstandenes Idiom. M lle hutte da

du Verlangen ausbleiben knnen, mit dem ais grenzeiilos eiupfuiidenen

Konnen frei sich auszunirken Durch rnchts geh€mmt, du

ganz Grol3e und gleichmuiMig Volikommene zu erstreheii? Mit

uliniichen Empfindungen geht wohl der Meister von Chartres ans

Werk. Er unterzieht gewissermatlen ailes bishr Erreichte einer

scharf en Kritik und wirft mit volistem Bwut3tsein fur die

Tragweite semer Neuerungen ailes, was nur noch aus Tradition

1) D. & y. B. II S. 106f. und 125f.

2) D. & V. B. II S. 179 f.

8) GaonoEs DURÂND, Monographie de l'église Notre-Daine cathédrale d'Amiens.

Amiens und Paris 1901, I. Teitband, S. IL

4) D. & y . B. II S. 106 f.


- 29

mitgeschleppt worden ist und dem Stande der Entwicklung, besonders

auf konstruktivem Gebiete, niât rnehr entspricht, rUcksichtslos

beiseite, er bildet mit grof3em Geschick die errtwieklungsfithigen

Elemente ans der vorangehenden Epoclie weiter

und nimmt die Verbesserung alles dessen, was an den frUheren

Bauten die tsthetîsche Kritik herusfordert, mit gliickiicher Hand

in Angrif. Die Emporen wurden, da sic ans konstruktiven Granden

nicht mehr erforderlich sind'), ausgeschaltet und die sechsteiligen

GewÈilbe, die dem vom Roinanismus ererbten gebundenen

System" zuliebe') beibehalten worden waren, werden aufgegeben.

In Chartres ist das neue System im Prinzip fertig, es erleidet

eine wesentliche Ânderung erst mit der Durchbrechung der Auflenmauer

des Triforiums." 3) Der Au[3enbau, der bisher zu kurz

gekommen war, erfiihrt in allen Teilen eine erhebliche Fiirde-

1) Die Emporen hatten in gotiseher Zeit nui einen konstruktiven Zweek.

Sie wurden sofort aufgegeben, ais der ituBere Strebeapparat so weit ausgebildet

war, daB er die Funktion der Emporen iibernehmen konute. Hâtten sic eincr

grol3eu Zahi von Mensehen Platz gewithren sollen, so hiLtte man z. B. in Reims

niclit auf sic verzichtet, trotz des Vorbiides von Chartres. Denn gerade die

Krdiiungskathedraie der frauz1sischen Kdnige inuBte doch cine groBe Mensehenmenge

aufnehmeu kiinnen. Allerdings gab es schon vor Chartres gotische Kirchen

ohnc Emporen, wie die Kathedrale von Sens und St. Yved in Braisne.

Aber diese Kirehen zeigen cin anderes Ranmgefubl. In Nordfrankreich dagegen

lautete bei gro&n Bauten das Problem: Wie lassen sich Steingew$Ibe mit

Hoehrâumigkeit verbinden?" (D. & r. B. II S. 498.)

2) Sie hatten nur noch einen Sinn in Verbindung mit Stittzenwechsel

[St. Denis (?), Senlis, Noyon, Mantes]; hier wiederhoit der Rhythmus der Decke

den Rhythmus der Sttitzen. Eine ununterbrochene Folge von Rundpfeilern muBte

sehr haId zur einfachen Travec mit oblongem KrenzgewlIbe fiiliren; die Beibehaitung

der seehsteiligen Gew1be (Laon, Paris, Bourges) ist cine Inkonsequenz,

(lie nui aus der Ocwiihnung au dicse Gewd1beform zu erkliiren ist.

) V. BEZOLD, S. 188. Pas Verdienst, die Bedeutung des Meisters der Kathedraie

von Chartres zuerst erkannt vu haben, gebuhrt dem Architekten F1uNz

MEnTENS. Vgl. seine Aufsâtze Paris baugeschichtlieh im Mittelalter" im 8. und

12. Jahrgange der von LuiwIG FRsTEa herausgegebenen Ailgeineinen Bauzeitung

(Wien 1843 und 1847), besonders S. 76f. im 12. Jahrgang. Leider sorgte der

Chauvinismus hUben wie drilben dafur, daB MERTENS mit seinen Forschungen

wduig Anerkennung fand In Frankreich sali man es nicht gern, daô ein Deutscher

zu so wiehtigen Ergebnissen in der Erfoîsà1"àuÏ der franz1sischen Kunst

gekommen war, und in Deutschland batte man an dem Nachweis, daB dia ,,aitdeutsche"

Kunst in Frankreichenanten ist, keine Frende. Nachdem MJRTENB

1897 verbittert und im Elend gesturbeii war, bat ncuerdings die KUnigliche

Akademie des Bauwesens in Berlin HASAK mit der Herausgabe der ,,Zeittafeln

der DenkmJer mittelalteriicher Bnukunst von FRANZ MEBTENS" beanftragt. Sic

sind 1910 in Berlin ersehienen.


- 30 -

rung. So wird das Strebesystem, in frtihgot.ischer Zeit eine rohe

Hilfskonstruktion, hier zu einer Kunstform'); der Chor mit Umgang

und Kapellenkranz, desseil Wirkung die Frthgoti1 im, Unterschiede

vom romaiischen Stil Westfrankreichs IJg1Yh? f tir die

Innenansicht fruchtbar gemacht hat, ist in der Auf3enansicht der

schnste aller gotischen Chre 2). Die Liisùn" des Fassaden- und

Turmproblems ist im Grundrifi und Aufrif3 die konsequenteste, die

sich iiberhaupt denken HLI3t, und bleibt f tir die nâchsten hochgotischen

Bauten maf3gebend, wenn sie auch von keinem in der

Konsequenz erreiclit wird 3). Die unteren Turmgeschosse bilden je

em Seitenschiffsjoch, das sich durch nichts von den anderen miterscheidet

4). Die Puriufreipfeiler sind nicht strker ais, die tibrigen

Schiffspfeiler, so daB das System von je.der Dissonauz freibleibt.

Selbst die Strebepfeiier o sind nicht sUi.rker und laden nicht

weiter ans ais die Strebepfeiler des Langhauses, ja, deren

auflergewihu1iche Stiirke erklart sich daraus, daB der Meister

auch im Aut3eubau eine absolute Gleichheit aller Strebepfeiler erstrebte.

Dies hatte weiter zur Folge, dafi die Seitenschiffe des

Lang- und Querhauses im Gegensatze zu denen des Chores nui

einfache, schmale Fenster erhalten konnten 6). Die Turmverstrebungen

a fehien gtnz1ich, sodaB kein Hochscbiffsfenster verdeckt wird.

Die Strebepfeiler r sind nur in Hoclisciiiffshihe vorhanden und

laden (ebenso wie die Strebepfeiler m, n und o im 2. Gescho3) so wenig

aus, daB sie nieht liber die Seitenschiffsfenster zu stehen koinmen

Da keiner der Ttirme zur Ausftihrung gelangt ist, knnen wir uns

keine Vorstellurig von der Last der oberen rrurmgeschosse inachen.

Es ist aiso nicht mig1ich, die Mehrbelastung der Turmfreipfeiler

1) D. & 'r. B. 11 S. 145 f.

2) D. & 'r. B. II S. 119f.

3) Auch in der Fassadcngestaltung crwcist sich also die Kathedrale von

Chartres ais die ,,hochgotische Mutterkathedrnie" (D. & 'r. B. II S. 124).

') Monographie de la cathédrale de Chartres, publiée par les soins du

ministre de l'instruction publique, Paris 1867 (bearbeitet von DIDRON, LASSOS et

Duvsi.), Taf, 1 (die ersten Tafein sind faisch paginiert).

) Der funfschiffige Chor verlangt freilich ein leichteres Strebesystem.

Denn die Strebepfeiler, die auf den Freipfeiicrn zwischen dem iiueren und

inneren Seitensehifi stehen, diirfen nicht zu sehwer sein. Ein so kolossales Strebesystem,

wie das des Lang- und Querhauses wtirde auch in der Verdoppeiung

hiifflich wirken, zumal da die ueren Strebepfeiler sich uicht bis zu dcrselben

Hbhe wie an einer dreischiffigen Anlage entwickeln knnen. Ans demaelben

Grunde geniigt freilieh cine geringere Sr.rke; denn die inneren Strebepfeiler

finden ein Wideriager in den auderen Strebebgen, und diese wirkeu am anderen

Ende auf eineu kiirzeren Uebelarm ais die Strebebbgen am Lang- und Querhanse.


- 31

im Vergleich zu den anderen Schiffspfeilern und die Strke

des Seitenschubes, den die TUrme im Hochschiff auf den

ersten Gurtbogen und die Schildbôgen des zweiten Joches ansilben,

zu berechnen. Wir wisseii auch niât, ob die Berechnungen

des Meisters von Chartres richtig waren oder ob die Ausfthrung

seines Entwurfes àlinliche Ung1flcksflle wie in Laon zur Folge

gehabt hiitte. Jedenfalis miissen wir annehmen, dafi er das 0ewicht

der Tlirme auf das tuf3erste Minimum beschriinkt Mt,te. Wir

werden nicht fehigehen, wenn wir sie uns den Querschifïstiirmen

der Reimser Kathedrale âhnlich denken. Diese existieren zwar

auch nicht mehr - sie sind im Jahre 1481 einer Feuersbrunst

zum Opfer gefallen -, aber die am westlichen Turm der Sudquerschiffsfassade

noch vorhandenell Anstze lassen erkennen, daB es

sich um eine auBerordentlieh leichte Konstruktion, wie man sic

heute in Eisen oder Stahi ausfiihren wiirde, gehandeit hat. Soweit

die technische Seite des Fassaderi- und Turmproblems.

Über den urspriinglich geplanten Aufbau der Fassaden etwas

sagen zu wolien, erscheint auf den ersten Blick unmig1ich. Demi

keine der drei Fassaden existiert so, wie sic der erste Meister geplant

hat. Die Querschiffsfassaden sind spitter umgebaut worden,

die Vvrestfassade ist tberhaupt nicht zur Ausfiihriing gekomm en;

man hat sich schliel3lich damit begnhigt, die alten Westtiirme, so

gut es ging, in den Neubau hineinzuziehen und das Mittelstiick um

die groBe Rose zu erhôhen'). Trotzdem ist es mii glich, den AufkD

1) Die drei westlichen Joche des Langhauses hben eine geringere Breite

ais die librigen, ein Zeichen, da man sich erst im letzten Augenblick zur Beibehaltung

der alten Westfassade entsehloli. Der Aehsenabstand ist nicht in

jedem der drei Joche der gleiche, sondern er nimmt von Ost nach West ab, wohl

mit Riicksicht auf die Rosen der Hochschiffsfenster. Waren diese in den drei

westlichen Jochen gleich, 80 wiirde die Tangente, die man beim Bctrachten der

Iiochschiffswand un'willkiirlich von Fuilpunkt zu Fupuukt der einzelnen Rosen

zieht, einen p15tzIiehen Knick nach oben machen, whrend sie se - bei ailmithuieher

Verringerung des Achsenabstandes und des Rosendiirehmessers - in

eiue leicht gekrlmmte, nach den aufstrebenden Ilirmen ansteigende Kurve ilber.

geht. DaB der erste Meister der hochgotischen Kathedrale mit dem Abbrnch

der alten Tiirine rechnete, ist liber jeden Zweifel erbaben. Er batte sieh, wie

wir sehen wcrden, die volikominenste Lbsnng des Fassadenproblems fUr die Westseite

aufgespart. Es ist anch v51iig undenkbar, daB ein Meister, der wie or

auf die vollendete Harmonie aller Teile seines gewaltigen Werkes ansging, sich

mit einer Fassade batte begnùgen sollen, die weder im AufriB noch im GrandriB

zu den Abmessungen des in alleu Binzelheiten fein berechneten Neubaus

paBt und, Air sich betrachtet, présente un défaut d'harmonie ' (LEvB-PoN-

TALIS). Man hitte sich sicher entschlossen, die miichtigen, noeh nicht ein Jahrhundert

alten Tllrine abzubrechen, wie man es spitter in Reims getan hat, wenn


32

ril3 der drei Fassaden zti rekonstruieren. Da der Meister die

Tiirme im Grandril3 und Aufrif den Schiffen genau angepaf3t hat,

so Iiegt die Annahme nahe, daB nach seinem Entwurfe auch der

Aufbau der Fassadenmittelstilcke dem der Mitte1schile genau eutspreclien

soute. Besonders f tir die Inneawirkiing war in ein harmonischer

Aisch1u13 der Fassadeuwand an das System der Schiffe

von grH3ter Bedeutung. Wir mtissen uns also das Triforium an

alleu drei Fassaden herumgefiihrt denken. Dann entsprichen die

maii nicht dureh Geidmangel - die Obergeschosse der sechs neuen Tiirme und

der Vierungstnrm wnrden tiherhaupt nicht in Angriif genommen - und durch

den Wunsch, das Gebaude m{iglichst bald vi11ig unter Dach au bringen, zur

Beibehaltung der alten Fassade geniltigt geweseit w.re. Zur Geschichtc der

Westfassade vgl. E. LEFÊVRE-POcFALIS, Les façades successives de la cathédrale de

Chartres au Me et an XII e siècle, im Congrès arch. 1900, 437e session, S. 256-307

und Les fondations des façades de la cathédrale de Chartres im Bull. mon.

1901, t. LXV, S. 263-283. Nach deni Brande von 1134, jedenfalls vor 1160, so

fiilirt LBFÊVEE-P0NTALIS ans, waren die drei Portale sarnt den Fenstern uber

ihuen vollendet. Aber sie standen iistlieh der Ostwand der Titrme und biideten

die Fassado einer Vorhalle mit dariiber liegender Empore. Das Bitn der

Fuudamentmauer gab den A à,'-die Fassade abzubrechen und aie in der Flucht

der Westwand der TUrme wieder aufzubauen, wobei es nieht ohne cinige Gowaitsainleiten

und die Erneucrung der bcschltdigten StOcke abging. LaFÈVRE-

PONTALIS fiihrt S. 291-302 verschiedene Griinde dafdr an, dai3 diese Versetzung

der, Fassde ioch vor 1194 vorgenommen sein muB. Dabei hat er einen nicht

uiiw'khfgeii tibersehc. Über den beiden seitiichen Fenstern haben sich nâmlieh

die Reste des Eiisttmgsbogens erhalten, der fruher den Giebel der Fassade

trug. Sein Scheitel hat der grotien Roc Platz niachen mussen. Batte man die

Fassade crst zu der Zeit vsètzt, ais schon der Querschnitt der neuen Kathedraie

und dcmentsprechend die Erh5hung der aiten Fassade um ein Rosenfeuster

festgelegt war, so hdtte man nicht einen Entlastungsbogen wieder zu banen

begonnen, von dem man wuBte, daB man ihn nieht wrde schiieBen kdnnen. Ja,

man hutte das ganze zweite GeschoB nicht in semer urspriinglicheii HOhe wieder

aufgebaut. Denn fur die Rose blicb kaum nocli Piatz. Ihr Scheitel liegt bedeutenti

hUher ais der der Hochschiffsgewdlbe, Vom Chorliaupte ans ist aie

gerade noch vollstndig zu sehen, beini B]ick ans der datiichen Chorkapelle

treten schonÛberschncidungen durch die Gurtbogen des Hochsehiffs ein. Das

hutte sicli bequem vermei1en lassen, w.enn man, beim Wiederaufbaucn der Fassade

im zwciten Gcschol3 einige Qùerscliichten weggeiassen hutte. Daim wUrde

auch der Knick in der Mittelachse, der dadurch entsteht, daB die Achse der

nenen Kathedrale mit der der aiten nicht genau zusammonfitllt, nicht sa in die

Augen springen, well dann nicht das AbschluBgesims des zweiten Geschosses augleich

den Scheitelpunkt des mittieren Fensters und den FuBpunkt der ans der

Achse gesehobenen Rose tangieren wiixde. Nimmt man also mit LErÈvna-P0N-

TALIB cine Versetznng der Portale samt don Fenstern ver 1194 an, so werden

dainit die youDEmo (D. & y. B. II S. 96) gegen die Versetzung der Portale erhobenen

Eitiwinde hinrallig. - 1507-1512 haute JEAN DE BaaucE don nOrdlichen

Turm ans.


- 33 -

Portalgesehosse den Seitenschiffen, das iiiittlere Glied wire an den

Fassaden und in den Hochschiffen dasselbe, den Hochschiffsfenstern

entspriichen die Fassadenrosen, oder vieimehr umgekehrt, den

Fassadenrosen die Hochschiffsfenster. Denn diese sind so gestaltet,

daf3 sicli das Motiv der Fassadenrose im Langhaus, Querhaus und

Langehor fortsetzt. Die urspriinglicheii Fassadenrosen im Querschiif

haben wir uns den Querschiffsrosen von Laon âlinlich zu

deuken, sodaB sic also besser ais die jetzt vorhandenen zu den

Fensterrosen der Hochschiffe passen wiirden 1). Pas Radfenster

der Fassade war ein Erbsttick, das die Gotik vont Rom anismus

ibernommeii hatte und das sic wegen semer grol3artigen Wirkung

niclit aufgeben wolite. Das groBe Radfenster gibt viel melir ais

ein Spitzbogenfenster dent Mitte1stick in der Fassade eine domi -

nierende Steilung. Die konsequente Weiterentwicklung des gotisehen

Stiles dr&ngte aber zu einer gieichftrmigen Gestaltung der Fenster

im Hochscliiff und iii den Fassadeuwiinden, sic forderte also auch

f lir das Hauptfeiister der Fassade den Spitzbogen. Trotzdeni belijeit

der Meister von Chartres die Fassadenrose bei; denn das Hhen -

und Breitenverhaitnis des Raumes zwischen Triforium irnd Hochschiffsgewiilbe

war fur ein Spitzbogenfenster nicht giinstig. Es

blieh aiso nichts anderes iibrig, ais die Hochschiffsfenster den

Fassadenfenstern anzupassen. Daher wurde in jede Schildwand

des Hochschiffes eine Rose eingesetzt und der Raum, der zwisehen

ilirem FuBpunkt und der Triforiumsoberkante blieb, durch zwej

Spitzbogenfenster ausgefdllt.. Die Schildbiigen erhielteii die Form

von stark gestelzten Rundbogen, wie sic z. B. noch gegen Ende

des 12. .Jahrhunderts im Hochschiff der Kathedrale von Noyon und

im Chore der Abteikirche von Montier-en-Der (Haute-Marne) über

Zwiiiingsfenstern angewandt worden waren.

Der hier ausgesprochenen Hypothese aber die urspring1jche

Gestalt der Fassadenmittelstucke scheint es zu widersprechen,

daB die Querschiffsfassadenrosen - die ursprLinglichen haben wir

uns an derselben Stelle und mit demselben Radius zu denkeii wie

die jetzigen, ihre Bogenlaibungen haben sich noch erhalten -

nicht bis zur Oberkante des Triforiums hinabreichen. Rekonstru-

1)

Die Rose der Westfassade zeigt noeh eiiien Zusammenhang mit den

Querschiffsrosen von Laon. Sie besteht ans eincm rornanischen Rade, du ein

Kranz von zwiilf kicinen ibsen umgibt. VILLÂRD DE HONKECOCflT hat sic mit

einigen Veriinderungen im Siiine einer stârkeren Durclibrochung, also im Sinne

einer stilistischen Weiterbildung, in einer Skizze wiedergegeben (Taf. XXIX;

vgl. Taf. LXXI).

K u u z e. Daa Faeadenprob!em. f (g,

I

(tU 4)

\Ô Q-

/


- 34

ieren wir uns aber die nicht zur Ausfiihrung gelangte Westfassade,

so ergibt sich folgendes: Da das Mittelschiff des Langhauses

ca. 22/3 m breiter ist ais das des Querhauses (Achsenabstand ca. 16/ 3 m

und 13 m), so wiLchst auch der Rosendurchmesser um 2 / m.

Die Hhenlage der stidiichen und der nirdlichen Rose differiert

inerkwiirdigerweise um 2/3 M. Je nachdem wir die Scheiteihôhe

der siidiichen oder nrd1ichen Rose ais ma0gebend annehmen, f âllt

der FuBpunkt der westlichen etwas tinter oder über die Oberkante

der Soh1bankschrge der Hochschiffsfenster, jedenfails aber noch

aber die Oberkante des Triforiums, d. h. also: an der Westfassade

wiirde sich der Aufbau des Mitteistiickes dem

System des Schiffes genau anpassen'). Über den Grund,

weshalb diese gitnstigste Ltsung fur die Westfassade aufgespart

bleiben soute, ktinnen wir itur Vermutungen aufstellen. Es ist ja

hiichst auffitflig, da6 das Querhaus, das wie das Langhaus dreischiffig

gestaltet ist, in alleu drei Schiffen bedeutend schniJer ist,

zumal da hierdurch fur deti Vierungsturm, der zweifeiios gepiant

war, ein rechteckiger Grundrifi bedingt wird. lier Grand kann

ein zwiefacher gewesen sein. Da sich die drei Fassaden 1m GrandriB

wie im Aufril3 den Schiffen genau anpassen soilten, so hitten

sich bei gleichen Lang- und Querhausmaflen drei gleiche

Fassaden und sechs gleiche Tiirme ergeben. In Laon war es

mg1ich gewesen, die G]eichfôrmigkeit der drei Fassaden durch

Varilerung des Turmgrundrisses zu umgehen; in Chartres war

durci die Seitenschiffsbreite die Gril3e des Grundril3quadrates der

Tiirme festgelegt. Mati muBte also dessen GrôBe verndern, und

das konnte nur dadurch geschehen, daf3 man den Seitenschiffen

des Lan ghauses eine andere Breite ais denen des Querliauses gab.

Der Meister von Chartres wolite seine Kathedrale, die âhnlich wie

die von Laon durch ibre Lage die ganze Stadt beherrscht, aul3er

mit einem michtigen Vierungsturm mit acht Tiirmen schmiicken.

Er hatte offenbar in Laon die Herstellung des 'Gleichgewichtes

durch ein Turmpaar am Ostende des langen Chores vermifit.

Trotz der verhaltnismABig geringen Lange des Chores in Chartres

ordnete er liber dem ëstlichen Joche der âuBeren Seitenschiffe des

flinfschiffigen Langchores ein Paar Tiirme an. Es latte, sich aiso

bei einer Ausfiihrung des urspriïnglichen Planes fogende Turm-

1) Genan; denn ein Spielraum von 2/3 m bat bei einem Dnrchmeser von

en. 13 in nichts zu bedeuten. Er konnte durch den Winkel und die Tiefe der

Rosenlaibung, fur deren Gestaltung ebenfails keine aI1u engen (3renzen gezogen

waren, unschid1ich gemacht werden.


-- -

gruppierung ergeben: zwei grof3e Tiirme an der Westfassade (allerdings

mit schmLlerer ]3asis ais die jetzigen), in der Mitte die

Gruppe der vier schlankeren Querhaustiirme und des Vierungsturmes,

am Ubergange zur Chorrundung wiederum zwei Tiirme von

etwas kleineren 3laf3en ais die der Querhausfassaden.

Einen anderen Grund f tir den Unterschied in den Breitenmaf3en

des Lang- und Querhauses kann man in den versehiedenen

perspektivischen Bedingungen sehen, denen die Iirnenansicht der

West- und der Querschiffsfassaden unterliegt. Walirend die lochschiffsfenster

auf den Arkaden des Triforiums, also auf semer

Innenwand aufsitzen, sitzen die Fassadenrosen auf der AuBenwand

des Triforiums, da dieses an der Fassade nicht nach aulien vorspringen

kann. Die Abdeckung des Triforiums springt also nach

innen vor und schneidet f lir das Auge des untenstehenden Beschauers

eiu Sttick des Obergadens weg, und zwar an den Querschiffsfassaden

mehr ais an der Westfassade, da der Beschauer un

Querhause hchstens bis zur gegentiberliegenden Fassade zurucktreten

kann, wtihrend die Wirkung der Westfassade fur den Biick

vom Cliore ans berechnet ist. An den Querhausfassaden der nach 1231

erneuerten Abteikirche von St. Denis und den um 1257 umgebauten

Querhausfassaden von Notre-Dame in Paris ist die Perspektive bei

der Anordnung der Rosen nicht beriicksichtigt worden. Die Oberkante

der AuBenwand des Triforiums biidet hier die Tangente der

Rose, sodaB leider f tir die Innenansicht ein Sttick der sonst so

schin komponierten Rose abgeschnitten wird. Da3 dies schon von

den Zeitgenossen ais ein Ûbelstand einpfunden wurde, wird uns

der erste 1iitwurf zur StraBburger Miinsterfassade zeigen. Bei

der B et^aéhtùng der Kathedraie von Reims werden wir auf die

Griinde fur die verschiedene Gestaltung des Lang- und Querhauses

zurtickkommen.

Wenn der Meister von Chartres, wie es uns wahrscheinlich

ist, scion beim Entwurfe des Grundrisses der Kathedrale auf

die Fassadengestaltung Riicksicht geilommen bat, so ist es f tir dcii

Aufrif3 von vonnherein vie! wahrscheiniicher. Schon der erste

Meister von Laon batte es ja getan. Dehio bat in seinen ,,Untersuchungen

liber das gleichseitige Dreieck ais Norm gotiseher Bauproportionen"

nachgewiesen, daf3 die Hauptpunkte des Querschnittes

der hochgotischen Kathedralen durch ehi System von gleicliseitigen

Dreiecken festgelegt sind. In Chartres betragt die Hbhe der

Mitte1schiffskmpfer 2F, die dci' Seitenschiffskampfer 2F'. (W lichte

Weite des Mittelschiffs, w ihre Hàlfte; die daraus gebildeten Drei-

3*


- 36 -

ecke D und d; deren Perpendickel P und p, die analogen Hiifskonstruktionen

der Seitenschiffe W', D', P', usw. Dehio, S. 11.)

Dagegen: ,,Der innerhalb des Gew5lbes liegende Abschnitt steht

weder zu P no-ch zu p in einem rationellen Verli<nis." Der

Grund dtirfte darin zu suchen sein, da g der Meister mit dem

Hochschiffsgew r lbesclieite1 nicht liber den Scheitel der Fassadenrose

liinausgehen wolite. Aul3erdern inuBte ein stark ,,unterspitzer"

Spitzbogen 1) fur die Hochschiffsgurte schon ans dem Grunde gewahlt

werden, damit die an die Fassadenwnde anschlieBenden

Gewilbe liber der Rose einen haibrunden Schildbogen ohue allzu

starke Steizung erhalten konnten.

Fur die Portalanlage waren die Proportionen der Fassaden

hchst ungiinstig. Ein Mittelporta, das den ganzen Raum zwischen

den mittieren Strebepfeilern m ausgefUllt Mtte, hutte in gar

keineni Verhiltnis zu den Seitenportalen gestanden und hutte unter

dem Triforium keinen Platz gehabt. Es blieben dalier auf beideit

Seiten des Mittelportales schmale Mauerflchen stehen. Spter

haif man sich wie in Laon: es wurde eine dreifache 'Vorhalle vor den

Portalen angeordnet, freiich nicht in derselben, technisch bedenklichen

Weise. Vielmehr kamen die Trennungswunde der drei Vorhallen

genau vor die Strebepfeiler m zu stehen, und die Breite der Mittelhalle

wurde durch die Einschaltung von zwei schmalen Zwischenarkaden

reduziert, die den dahinter liegenden Mauerfliuchen entsprechen

2). Diese Vorhallen sind das einzige Bauglied, das eine

durchgehende Horizontale bildet; aul3er ihnen wirkt nichts dem

entschiedenen Vertikalismus der Fassaden, der durch die

ausgefuihrten Tiirme nattirlich noch viel strker betont worden

wre, entgegen. Die kleine Galerie liber der Rose verinehrt nur

das Gewicht des Mitteistiickes, sie urnklarnmert aber nicht die

Tiirme und ihre Strebepfeiler 3). Die Tiirme sind nichts weiter

1) ,,Zur Unterscheidung der Arten des Spitzbogens schiagen wir folgende

Bezeichnung vor: ,normal', wenn dei Bogen ein gleichscitiges Dreieck umschreibt,

,unterspitz', wenn or niedriger ah ein soiches ist, ,tibcrspitz', wenn or hoher ist."

(D. & y. B. ii S. 81 Anm.)

2) E. LEPÈVR-PONTÂLIS lBt aie gegen 1240 begonnen sein. Vg1. Les architectes

et la construction des cathédrale, de Chartres in den Mémoires de la

société nationale des antiquaires de France, 1905, t. LXIV S. 112; auch in Separatabdruck

erachienen. Wir werden allerdings etwas weiter hinaufgehen inUssen, da

der Stil der Skulpturen in den Vorhalleu nicht erlaubt, sic zeitlich allzuweit von

den Skulptureu in den Portallaibungen abznriicken. Die Portale aber sind bald

nach 1210 begonnen wordeu. Vgl. S. 40, Anm. 2.

3) Siehe Fig. 8.


- 37 -

ais die Bekrinung des âuBersten Seitenschiffsjoches. Sie ordnen

sicli der Stirnwand des Mit.telschiffes unbedingt unter.

Gegen die hier vorgetragene Theorie liber die vom ersten

Meister geplante Westfassade und ihr GrifienverhUtnis zu den

Querhausfassaden kinnte man dreierlei einwenden. Erstens, die

Kathedrale sei 1m Westen begonnen worden und der erste Meister

habe von Anfang an damit gerechnet, die alte Fassade heizubehalten.

Zweitens, die geringeren Breitenmafle des Querliauses seien ans der

Wiederbenutzung der aiten Substruktionen zu erklren, und drittens,

die Seitenschiffsjoche des Langhauses seien nicht quadratiscb,

sondern in der Querachse gestreckt, die Tiirme htten daher am

Westende des Langhauses nicht wie am Querhause eine quadratische,

sondern eine recliteckige Basis erhaiten. Den ersten Einwand

miifite man wirklich erhehen, wenn LEFÈVRE-PONTALIS') mit

der Annahme Recht hitte, dafi das Strebewerk des Chores eirien

jiingeren Stil zeige ais das des Langhauses. Die auf den Pfeilern

des doppelten Chorumgaiiges stehenden Zwischenstrebepfeiler mit

ihrem kreuzfrmigen Grundrifi scheinen in der Tat fur ein sptes

Datum zu sprechen. Sie kehren in dieser Gestalt erst am Chore

der Kathedrale von Troyes wieder. Aber sic waren schon an

einem friiheren Bau vorhanden, und zwar an Notre-Dame zu Paris.

Die grofien Strebebiigen, die jetzt den Schub der HochschiffsgewMbe

der Panser Kathedrale unmittelban auf die tuBeren Strebepfeiler

ilbertragen, gehiren erst dem mi 13. Jahrhundert ausgeftihrten Unibau

des Hochschiffes und der Emporen an. Sie sind an die Steile

von je zwei kleiiieren Strebebiigen getreten, die auf einem Zwischenstrebepfeiler

riihten, und dieser batte bereits einen kreuzfirmigen

GrundriB, wie die Rekonstruktion von VI0LLET-LE-Duc') zeigt. An

der Hichtigkeit dieser Rekonstruktion ist nicht zu zweifeln; demi

die Strebepfeiler knnen gai keinen anderen Grundrifi gehabt haben,

weil sic auf einer kreuzfôrrnigem Basis stehen, die durch die von

den groflen Eniporenfenstern übriggelassenen Reste der Schildwand

und die tuflere und innere Wandvorlage gebiidet wird. 3) Infoige

dieser Gestalt der Zwischenstrebepfeiler kinnen auch die urspriinglichen

Strebebgen schon in Paris niclit breiter gewesen sein ais

am Chore in Chartres. Das Strebewerk gibt also keinen Anhaitspunkt

fur die I)atierung des Ohores. - Mehr Berechtigung scheint

1) Les architectes et la construction des cathédrales de Chartres S. 102 der

Mémoires de la société . . . 1905.

2) Dict, II S. 289.

3) Monographie de Notre-Dame de Paris, 'Paf. 43, 50 und 51.


- 38 -

der zweite Einwancl zu haben, daB sich die geringere Breite des

Querhauses ans der Wiederbenutzung der alten Substruktionen erkire.')

Zweifellos haben diese Substruktionen, die im Querhause

schmliler sind, den AnlaB dazu gegeben, dat) Mittelschiff des ueuen

Querhauses ebenfails sehmiiler auzuiegen. Aber sie waren nur der

willkommene Anlaf3, nicht mehr. Wir miifiten sonst annehmen,

dafi auf den Entwurf der nitchsten groBen Kathedrale, der Reimser,

zufliig auch ein frliuierer Bau mit schmlerem Querhausmittelschiff

eingewirkt habe, whrend sich zeigen wird, das dort dasselbe Fassadenprobiem

wie in Chartres zu lôsen war, und dat) deshaib das

Mittelschiff des Querhauses schmaler ais das des Langhauses angelegt

wurde. AuBerdem wlirden die alten Substruktionen nur die

geringere Breite des Mittelsehiffes, niclit aber der Seitenschiffe des

Querhauses erklaren. Denu bei den Seitensc1iiffswnden kam die

Beibehaltung der alten Fundameiite kaum in Betracht; das kostspieiigste

war hier die Fuiidarnentierung der Strebepfeiler, die in

jedem Fail neii auszufiihren war. Und ans der geringeren Breite

des Querhausmitteischiffes folgt keineswegs mit Notwendigkeit auch

eine geringere Breite der Seiterischiffe, wie ans ebenf ails die Reimser

Kathedrale zeigen wird. Ja, wir miissen im Gegenteil die Frage

aufwerfen: Waram silld die Seitensehiffe im Querhause nicht breiter

ais im Langhause? Dann hutte sich docli eine breitere Basis fur

die Querhaustiirme und damit ein tbergewicht der uni Vierung

gelagerten Turmgruppe liber die Westtïirme wie in Laon ergeben.

Eine Antwort auf diese Frage erhaiten wir bei der Wideriegung

des dritten Einwandes, dafl die neuen Westttirme wegen der oblongea

Gestalt der Seitenschiffsjoche des Langhauses keine quadratische

Basis erhaiten hhtten. Die Querhaustiirme haben eine quadratisclie

Basis, wuhrend die Seitensehiffsjoche des Langhauses

oblong sind. Warum? Nach dent Plane des ersten Meisters soilten

die Querhausfassaden sicher nur e.in Mittelschiffsportal erhalt.en, wie

au den vorhergehendeu und folgenden groBen Kirchen mit dreischiffigem

Querhause, den Kathedralen von Laon, Amiens und

Beauvais und den Abteikirchen St. Denis bei Paris und St. Nicaise

in Reims. An der Reimser Kathedrale hatte sogar der erste Meister

tiberhaupt kein Querhausportal vorgesehen. Den EntschluB, das

Querhaus von Chartres auf jeder Seite mit drei Portalen auszustatten,

faBte man erst, ais man den Plan einer neuen Westfassade

batte fallen lassen. Nehmeri wir also an, daB die Quer-

1) Monographie de la cathédrale de Chartres, Taf. 3.


- 39

haustiirme ursprUnglich auch nach der Fassadenseite lin Erdgeschol3

ein Fenster erhalten soilten, se wiirden die Strebepfeiler n und m

genau so weit wie die Strebepfeiler o ausladeu. Ais man sicli daun

zur Anlage der Seitenportaie entsch1o, konnte man ihre Laibungen

nicht mehr in der Mauer unterbringen, sondern inuf3te sie zwiseheu

die Strebepfeiler in n veriegen. An der vôn uns angenom

menen Westfassade aber httten die Strebepfeiler rn und n ebenso

weit ausladen kônnen wie die Strebepfeiler o, und die Portailaibungen

htten trotzdem Platz gehabt. Denn die westlichsteii

Seitenschiffsjoche hatten ja im Westen eine strkere Wand erhaltell

miissen ais 1m Norden und Siiden, wenn die Basis quadratisch

werden soilte. Wir werden aise umgekehrt f oigern kônnen: Weil

die westlichsten Seitenschifi'sjoche des Langhauses den Portailaibungen

Piatz lassai muBten, mul3ten sie und darnit aile tibrigen

Joche in der Nord-Siid-Richtung gestreckt werden; das ôstlichste

Joch des J4anghauses bestimrnt aber die Breite der Querhausseitenschiffe.

und darum mufiten diese schmitler ais die Seitenschiffe des

Langhauses und die Querhaustiirme schiauker ais die Westtiirme

werden. Die Achsenweite der drei Joche der Querliausarme nimmt

ailmiihiicli nach den Fassaden ah, und die Querhaustiirme stehen

daher ebenfails auf einer quadratischen Basis. Waren die Seitenschiffsportaie

1m ursprtinglichen Plane vorgesehen gewesen, so htte

niclits nher geiegen, ais die Jochweite in noch staikerem Grade

abnehmen zu lassen, damit auch die Portailaibuiigen nocii muerhaib

der âuflersten Joche 1itten Platz fiuden kônnen, um so rnehr,

ais auch fur die mittieren Joche der Querhausarme cille geringere

Achsenweite erwiinscht gewesen ware, weil dadurch die âul3eren

Seitenschiffe des Chores schmiiier geworden wàren und infolgedessen

besser an den Kapelienkranz angeschiosseri htten.') Die

Richtigkeit unserer Beobachtungen wird am besten auf die Weise

zu prufen sein, daB wir UIIS ilberiegen, wie der G-esanitentwurf der

Kathedrale ausgesehen haben wiïrde, wenn das Querliaus wie in

L) Da der GrundriS des Chorhauptes durch die alte Krypta gegeben war,

mullte der Meister die Wiinde der Seitenschiffe des Laiigchores iiach Qresten

divergieren lassen, um einen AusehluB des Langchores an das Chorhaupt und

das Querhaus uberhaupt mg1ich zu machen. (Vgi. ais Gegenbeispiel das Querhaus

der Kathedrale von Amiens, S. 95) Diese 1 -nrege1mtBigkeit ist nur au

den Aufnahmen von LÂssus, GAILHABAUD und KING zu erkeunen. Der GrundriB

in den Cathédrales de France und bei V. L. D., Dict. H, S. 312, lBt die Seitenwnde

des Lang'hures parallel laufen. Infolgedessen aind die mittieren Querhausjoche

zu s,hnial. KING gibt das sudliehste loch des Querhauses zu breit

wieder.


- 40 -

Laon dickeie Ttirme erhalten hatte ais das Langhaus. Die Seitenschiffe

hi%tten in diesem Falle im Querhause breiter ais im Langhause

angelegt werden mtissen. Es htten sicli also im Langhause

in der Ost -West -Riehtung gestreckte Seitenschifl'sjoche ergeben,

und diese Streckung wre gerade am westlichsten Joche durch

die Portallaibungen noch gesteigert worden, so daB die Westtiirme

eine stark oblonge Basis erhalten Idtten. Ans dieser Beobachtung

folgt, daB der Meister von Chartres auf das tYbergewicht der um die

Vierung gela gerten Tu]mgruppe verzichten muBte. Gleichsam um

diesen nicht zu vermeidenden Fehier zu korrigiereii, bot er den

Westti.irmen ein Gegengewicht in Gestalt der beiden Ttirme am

Beginn des Chorhauptes. Die Turmpaare in) Westen und Osten

soilten die Turnigruppe an der Vierung in die Mitte iiehmen und

ilir das tbergewicht, das sie durch die Verringerung des Volumens

der Querhaustiirme zu verlieren drohte, durch die Betonung der

zentralen Stelluiig wiedergeben. Ans diesem Grande sollte die

Kathedrale von Chartres auBer dem Vierungsturm acht Tiirnie erhaiten,

wil.hrend aile anderu vie1tirmigen Kirchen der G-otik nur

auf sechs FassadentUrme angelegt sind.

Es bleibt uns schlieuilich noch iibrig, unsere Hypothese mit

den Daten der Baugeschichte in Einklang zu bringen. 1194 brannte

die karolingische Kathedrale bis auf die Westfassade ab. Sptestens

1224 war der Neubau vollendet; denn GUILLAUME Li BRETON

sagt in semer zwischen 1218 und 1224 gedichteten Philippide, daB

die voi1stndig gewUibte Kirche gegen Feuersgefahr gesichert sei.2)

Ein im Jahre 1214 oder 1215 gestorbener Kmmerer setzte eine

Summe fUr einen Pfeiler aus;') also war um diese Zeit der Ban

an einem Ende noch niclit über die Fundamente hinaus gediehen.

KUnig Philipp August spendete 1210 zweihundert Livres und spter

fUr das Nordportal einen jhr1ichen Beitrag. 2) Das sind aile uns

1) Les architectes et la construction des cathédrales de Chartres S. 103f.

der Mémoires de la société . . . 1905. In drei Jahrzchnten ist also der ganse

riesige Bau, mit Ausnahme der Portalvorhailen voilendet worden. Die Schnelligkeit

dieser Banfilhrung ist lin Mittelalter nirgends auch nur anniihernd

erre iclit worden.

2) BULTEAU schreibt in semer Monographie de la cathédrale de Chartres,

. Aut 1887, Bd. i S. 119 von Philipp August: En 1210, lillustrc vainqueur de

Bouvines, vint à Chartres, passa avec une humble dévotion SOUS l#3 sainte Chdsse

(devote et humiliter transitum faciens) et offrit deux cents livres (30000 francs)

pour la construction de l'église'; ainsi s'exprime une pièce officielle du temps.

(Anm. 1: Cartulaire de Notre-Daine de Chartres, tome 11, pag. 59.) Cc prince

généreux fit d'autres dons dans la suite et fournit, chaque année, la somme né-


- 41 -

bekannten 1)aten. Fur die Frage, ob der Ban im Westen oder

Osten begonnen worden sei, sind wir daher lediglich auf das, was

uns das Geb.ude selbst sagt, angewiesen. Die Strebesysteme des

Chores und der Schiffe verhalten sieh, wie 'rfr gesehen habert, in

dieser Frage neutral. Die Versehiedenheit zwischen beiden ist tatsiichlich

nur durch die Annahme zu erk1ren, daB der Meister die

Strebepfeiler an den Schiffen mit Riicksicht auf die rfulmstrebe

pfeiler stLrker bildete ais am Cliore.') 1)agegen beweist das Triforium

unwiderleglich, daB die Kathedrale das Werk zweier Meister

ist. Es ist im Chore und Querhause fflnf-, im Lallghause vierteilig.

2) Aber welche Form ist die 1tere? lst etwa das Langhaus

das Werk des ersteii, das Querhaus und der Chor das Werk

des zweiten Meisteis? Das ist rnmiig1ic1i; deuil keinesfalls kann

die Kat.hedrale mit dem Langhause begormen worden sein. Man

hui.tte sonst die Strecke zwischen der alten \Vestfassade und der

Vierung in sieberi gleiche Teile geteilt und hatte nieht mit drei

schmiileren, nicht einmal unter sich gleichen Jochen begonnen

(vgl. S. 31 Anm. 1). Oder bat etwa der erste Meister (las Querhaus

mit einem fiinfteiligen Triforium erbaut, der zweite das Laiighans

mit eiiiem vierteiligen, und vielieicht ein dritter Meister den

Chor wieder mit eiuem fiinfteiligen? Das ist rnehr ais unwahrscheinlich;

daher bleibt nur die Reihenfolge Chor, Querhaus, Langhans.

Zn demselben Ergebnis gelangen wir, weiin wir die Entwicklung

des Triforiums betrachten. In der frtiligotischen Zeit

war das r1.jforjt1m in den einzelnen Schiilen verschieden behandeit

worden. In St. Denis (?), Senlis und Mantes hatte man auf ein

Zwischenglied zwischen Empore und Obergaden verzichtet, in Paris

cessaire pour le travail annuel (lu porche septentrional; ,il favorisa toujours

cette sainte église de Chartres', dit le Nécroloye, ,il l'entoura d'un amour privilégié

dons il ne cessa de lui donner des marques singulières'. (Aiun. 2: Cartulaire

de Notre-Dame de Chartres, tome III, pag. 13$.) Beim Tode Phulipp

Angusts (1223) muC also schon mehreic Jahre an dem nirdlichen Portai gobant

worden sein.

1) VgJ. S. 30 Anm. 5.

2) Der Horizontalschnitt auf Taf. 2 der Monographie gibt das Triforium in

allen Teilen des Baus richtig wieder. (Das Joch ist1ieh der Vierung bat zwar

aueh ein vierteiliges Triforium, aber die lichte Jocliweite ist hier wegen der

grolleren Starke der Vierungspfeiler geringer ais im librigen Langchor). Der

Lmtngsschnitt dagegen sohematisiert und gibt im Chore nach Analogie des Langhauses

ein vierteiliges Triforium an. Danach ist das von D. & y. B. II S.] 31,

am Anfang des kleingedruckten Abschnittes, liber Chartres Ausgefithrte zu

korrigieren.


waren Radfenster vor deni Dachraum der - mpore angeordnet worden.

1m dreitei1igii Aufbau der Kathedrale von Sens bat das Triforium

fast den Charakter einer Empore. 1m Sfldtransept der Kathedrale

von Soissons, in Laon und Noyon hatte man es ais ein von den

drei anderen G-escliossen vI1ig unabhngiges Horizontalband behandeit.

Die Schule der Champagne, St. Remi in Reims, Notre-

Dame in ('hâlons, Orbais, hatte das Triforium mit den Hochschiffsfeiistern

zusammengezogen und aiso ein Mittelding zwischen dem

dreiteiligen Aufbau (Seitenschiffe, Empore, Hochschiff) und dem vierteiigen

(Seitenscliiffe, Empore, Triforium, Hochschiff) gesehaffen.

1m hochgotischen dreiteiiigen System erhielt uatargemJ das Triforium

cinen stitrkeren Accent ais im vierteiligen frUligotisehen.

,.Es war zur Herstelinng des Dreikianges, zur Vermittliing zwischen

ErdgeschoB und ObergeschoB formai notwendig. In der Gliederung

seines Aufrisses bat es einerseits die G-liederung der Fenster vorzubereiten,

andererseits darf es ein gewisses eigeries Existenzrecht

nicht aufgeben. Die feine Empfindung fUr diese IJoppeinatur ist

ein Kennzeichen der klassischen Schule."') Am stàrksten wurde

die Selbstiindigkeit des Triforiums und der Dreikiang des Aufbaus

in den drei ersten hochgotischen Kathedralen betont. in Chartres,

Soissons und Reims. Pas Triforium bildet hier ein horizontales

Band, das ans aneinandergereihteii, nicht zu Gruppeti zusamniengefafiten

Arkaden besteht, und uiiter den Seitenschiffsfenstern befindet

sich keine den Dreikiang beeintrachtigende Blendarkatur.2)

Auf der zweiten Stufe, in den Kathedralen von Amiens irnd ChOElons,

wurden die Arkaden des Triforiums gruppiert rnid so zu den Hochseliiffsfenstern

in Beziehung gesetzt. SchIie11ich trat beim Umbau

von St. Denis ait die Stelle des dreiteiligen Aufbaues ein zweiinal-

1) D. & y. B. 11 S. 131.

2) Diese Arkatur fehit auch in den Seitenschiffen der Katiiedrale von Metz

Aber W. SCHMITZ. Dombauineister und Konservator der historisehen Denkin.1er

in Lothringeri, traut offenbar sich mehr Geschniack zu ais dein ersten Meister

der Kathedrale und ,,beiebV' daher jctzt die Wand dureh kleine Nisehen. tberhaupt

muG es sich das ehrwilrclige Gebude seit dem ,Meister Tornow" vgl.

S. 10) gefallen lassen, i1a man mit ihm eizien galiz unveraiitwortlichen Mutwillen

treibt. Su hat z. B. der Chor an dem "eugotisclien Hochaltar noeh nicht

genug ,,Schmuck", er muil noch dureh Uhorschranken ,,versehOnert" werdeu, damit

man ja nieht mehr den herriichen Blick vom Umgang ins Langhaus geniel3en

kaun. (Ich konrite im Oktober 1911 noch den alten Zustand mit der ,,Verbesserung"

vergleicheu: Zur Rechten hinter dem Hochaltar mul3te ich mieh mit einertt

Bliek durcit ein KUfiggitter begniigen, zur Linken bot sieh meinen Augen nocli

die glI1ze Sehiinheit des Lanhanses dar, ungetrUbt (Iurch Resta nratorenabeiwitz.)


- 43 -

zweiteiliger: in den Seitenseliiffen die Fenster und unter ilinen eine

Blendarkatur. im Hoclischiff die Oberfenster und ein mit ihnen zusamniengezogelieS

Triforium mit vergiaster Riickwand. In Reims

ktïndigt sich schou der tJbergang von der ersten zur zweiten Stufe

durcli die etwas stii.rkere Bildung des rnittleren Siiulchens des vierteiligen

Triforiums an. Gehen wir also die Stufenleiter der Entwicklung

rtckvirts, so ergibt sich folgender Weg: St. Denis,

Chlons, Amiens, Reims, Soissons, Chartres. In Reims ist das Triforium

vierteilig mit stitrkerer Mittelsitule. in Soissons und ira

Langhause von Chartres vierteilig ohne Betonung dei' mittieren

S.ule, 1m Chor und Querhause von Chartres ist es fnfteilig und

kontrastieit also aufs stiirkste mit den zweiteiigen Hochschiffsfenstern.

1) Pas f tiiifteilige Triforium wird daher auf den ersten

Meister zurLckgehen, und wir werden deshalb den Chor und das

Querhaus ais sein Werk betrachten miissen. Danii aber ergibt sich

folgende Baugeschichte: der erste Meister bat dcii Chor und das

Querliaus mit Ausnahme der Fassaden erbaut und die vier istlichen

Joche des Langhauses, dei-en Achsenweite nocli keine Rffcksicht

auf den AnschluB an die alte Fassade nimrnt, miiidestens

fundamentiert, viefleicht sogar bis zu den Seitenschiffsgewilheii ausgefiihrt.

Per zweite bat auf diese Seitenschiffsjoche das vierteilige

Triforium und das Hoclisehiif gesetzt und die drei westlichen Langhausjoche

von G-rund ans erbaut; demi die p1itz1iche Abnahme der

Jochweite zeigt, daf3 man erst VOil hier ab die Beibehaltung der

alten Fassade ins Auge gefal3t hat. Diese drei Joche kinnen erst

nach 1214 oder 1215 in Angriif genommen worden sein, da um diese

Zeit der erwhnte Kmmerer seine Stiftung fur einen Pfeiler maehte.

Ungefhr uni Zeit oder etwas friiher, vielleicht sciion wahrend

oder vor der AusfiÎhrung des Hoclischiffes in den vier tstlichen

Jochen wird der zweite Meister die Querhausportale begonnen

haben. Ihre â1testen Skulpturen weiseii auf die Zeit von

1210 bis 1220, und zu ihrem Ban bat Philipp August erst nach

1210 eineii jiihr1ichen Beit.rag ausgesetzt. Sptestens 1224 war

die Kathedrale so, wie wir sic jetzt sehen, luit Ausnahme der beiden

1) Ein fUnf-, im Turmjoch siebenteiliges Triforium bat auch das Langhaus

der Nikolauskirche in Blois. das auch sonst aufflillig mit der Kathedrale von

Chartres ilbereinstimmt. Vg!. Mon. hist. III. Taf. 24 und 25. In Reixus ist das

Triforium im westlichsten Joche des Chores und ira bstlichsteu des Langhauses

aucli f Unfteilig. Es ist hier aber dureli die grere Breite dieser Joche motiviert.

Penn in den noeh breiteren Turmjoehen - im Querhause und an der Westfassade

- ist es sogar aechsteilig und bat eine sttLrkere MittelsiLuie.


41 -

oberen Geschosse des Nordturmes, der Vorhalien und der GlasgemiUde,

vollendet.

Die Beliandiung der Kathedrale VOil Soissons, die der von Chartres

zeitlich folgt., verschieben wir auf eineii spitteren Abschnitt,

und gehen zum n gchsten Bau mit drei zweiti!rmigen Fassaden Über,

zur Kathedrale von Reluis. Ihr Aufrif3 und Grundrit3 geben dieselben

Fragen auf, die wir in Chartres zu llsen hatten. Jedoch

empfiehlt es sich hier, zuerst (lie aligerneine Baugeschiclite') und

dann das Fassadenproblem zu behandein.

Die Kathedrale dci' karolingischen Erzbischfe EBBO und

HINKM wurde gegen Ende des 10. Jahrhunderts unter Erzbischof

ADALBERO um zwei Joche verlaiigert; im Jahre 1152 fi!gte Erzbisehof

SÂMSON noch drei Joche und zwei Fassadentiirme an. Über

die Lage dieser Kathedrale sind wir auf Vermutungen angewiesen.

Weil auf der Portalschwelle ihrer Vorgitngerin, an der Steile, die

von der r fravee V (s. Fig. 9)2) der gotischen Kathedrale eingenon-imen

wird, Bischof NICASLUS den Mitrtyrertod durch die Vandaie1l erlitten

haben s01, 3) nirnint DENAISON an,) daf3 Enno die Westfassade seines

Neubaus an derselben, durcli das Martyrium geheiIigten Steile errichtet

und den Chor nach Osten vorgesehoben hat. Jedenf ails

miissen ADALBERO und SAMSON fir ihre Erweiterungsbauten mmdestens

demi Baum, den ungefithr die Joche VI—ViEl des heutigen

Bancs einnehmen. zur Verfiigung gehabt haben. Denn 1880 fand

man an demi Fundamenten ([es Nordturmes dci' jetzigen Westfassade

5) die Substruktionen der ha1bkreisfrmigen Apsis einer Ka-

1) Wir legen unseen Ausfuhrungen folgende Untersuchungen von Louis

DiÀisON, Archivar in Reims, zugrunde: Les architectes de la cathédrale de

Remis. Bu!!. arch. du comité 1894 p.3-40. - .Nouveaux renseignements sur

les architectes de la cathédrale de Reims. Bu!!. areh. du comité 1898 p. 40-48. -

Communication de M. Demaison sur l'histoire de la construction de la cathédrale

de Reims. Bali. arch, du comité 1901 p. LIX—LXI. - La cathédrale carolingienne

de Reims et ses transformations au XIJe siècle. Bu]!. arch. du comité 1007 p. 41-57.

- 1m Bali. mon. 1902 t. LXVI p. 3-59: La cathédrale de Reims. Son histoire, les

dates de sa construction. - Eine wichtige Ergitnzung lieferte ANTHYMS SAINT-

PAUL: La cathédrale de R.eim,s anXIIIe siècle. Bull. mon. 1906 t. LXX p. 28-328.

2) Wir ziihien stets von der Vierung ans. VgI. S. VI.

3) Bull. arch. du comité 1907 p- 46.

4) Bu!], arch. du comité 1907 p. 56.

5) Bei der Untersuchung der Fundamente beging man die Unvorsichtigkeit,

sic withrend des Winters bios liegen za lassen. Das eingedrungene Wasser gefror

und sprengte das Mauerwerk. Die Folge war, dae die Fassaile chien breiten

Rie erhielt, der von der Kdnigsgalerie bis zum westlichsten Langhausjoch reichte.

S. Bull. mon. 1881 t. XLVII p. 601.


- 45 -

pelle, die auf Grund der stilkritischen Untersuchung des MusaikfuBbdens

und eines Kapiteils iii die Zeit kurz vor 1200 zu setzen

ist') und darum erst nach der Ver1ngerung der Kathedrale erbaut

worden sein kann. Die Tiirme SAMSONS, der ein Freund des Abtes

SUGEi und ein Zeuge der Grundsteinlegung und der Weihe der

Abteikirche von St. Denis war, werden wir uns groB und prclttig

zu denken haben, vielleicht denen âbiilieli, die im Lauf e des

12. Jahrliunderts in Chartres der karolingischen Kathedrale angefiigt

wurden, 2) Aber trotz dieses neuen Schmuckes wurde die

Reimser Kathedrale allnuihlich von ihren Schwesterbauten in

Thérouaune, 3) Arras,) Soissons, Laon, Senlis und Noyon, den SuTfraganbistUmern

des Erzbisturns Reims,) iiberflugelt. Da zersttirte

sic im Jahre 1210 eine Feuersbrunst, und schon im folgenden

Jahre wurde der Grundsteiii zu einem Neubau gelegt. ANTHYME

SAINT-PAUL mchte annehrnen,daf3 der Erzbischof ALBÊRIC DE HUMBEBT

mit eigener Hand das Feuer angelegt habe, um mit einem Schlage

alle Schwierigkeiten ans dent Wege zu rumen, die sich sonst eineni

') On y a reconnu les ruines de la chapelle St. .Nicolas de l'Hôtel-Dieu,

bâtie vers 1200 environ, peu d'années avant le commencement des travaux de

reconstruction de la cathédrale. (DEMAIsON, Bull. arch. du oomité 1907 p. 57.)

1m Bull. mou. 1902 t. LXVI p. 52 liatte DEMAISON die Kapelle auf 1170-80

datiert.

2) Man truc ais'; ein Jahrzehnt - viel!eicht anch erst drei bis vier Jahrzehiite

(vgl. 8.71) - spitter kein Bedenken eineu Neubau zu entwerfen, dessen

Ausftihrung uur rn5glich war nach dent Àbbrneh nicht nur der ein halbes Jahrhuitilert

alten Tllrme, sondern auch einer soebeit erst vollendeten Kapelle. Ebensowenig

aber wie mais es in Reims tat, wird der erste Meister der gotisehen

Kathedrale in Chartres dainit gerechnet haben, die Wettiirrne des 12. Jahrh.

beizubehalten.

3) 1m Jahre 1553, wiihrenil tics Krieges mit Heinrich II., machte Karl V.

die Stadt Thérouanne saint der Kathedrale dem Erdbudeii gleich. Die Skulpturen

des Hanptportals wurden sp.ter nach St. Orner geschafft (C. ENLART,

Manuel dArchéologie, t. I, p. 80, n. 1), naclidem hier 1559 unter Philipp II. bei

der kirchuiehen Neucinteilung der spanisoheis Niederlande eiu Bistum errichtet

worden war. (1566 wurde ans dem auf franzsischem Boden gelegenen Gebiet

des ehemaligen Bistums Thérouanne das Bistum Boulogne geschaffen.)

4) 1m •labre 1797 abgetragen (C. ENLAIST, Manuel t. I p. 485 u. 3), A. DE

BAUDOT behauptet in don Cathédrales de France, p. 22. das Bistum Ai-ras sei

erst wiihren(1 der Revolution errichtet wordce. Es hat in Wahrheit seit dem

frllhen Mittelalter ijestanden und ist anch niclit zeitweise aufgehoben gewesen.

Vgl. Gallia christiana, t. III, p. 319-453.

5) Die Ubrigen Suffragaubistiimer folgten mit Nenbantesi: Amiens 1220,

Beauvais 1225, Châlons-sur-Marne en. 1230. In Cambrai beguligtc man sich 1227

mit einem neuen Chor (dm gauze Gebude wiihrend der Revolutiou abgebrochen),

ebenso, doch erst ein voll(,s Jahrhnndert spiiter, in Tournai.


- 46 -

mit den Bauten semer Suffragaribischôfe wetteifernden Neuhau entgegengestelit

htten.') Wir lassen diese Hypothese auf sic beruhen

und halten uns an die tberlieferung. Am 6. Mai 1211 legte

ALBÉRIC DE HUMBERT den Grundstein zur neuen Kathedrale, und

am 7. Setember 1241, wiihrend einer Sedisvakanz des erzbischiflichen

Stuhies, nahm das Domkapitel vom neuen Chore feierlich

Besitz. ,,Hoc anno, in vigilia Nativitatis Beate Marie Virginis, intravit

capitulum Renense chorum suunz novum," so berichtet die

im 13. Jahrhundert geschriebene Chronik der Abtei St. Nicaise in

Reims, 2) und eirie Bestâtigung dieser Nachriclit geben die Glasgemalde

des Hohen Chores. Auf der rechten Wilfte des ôstiichsten

Fensters befindet sicli unter einem Crucifixus (las Bild des Erzbischofs

IIs.uui DE BRAISNE - ANuIcus nennt ihn die Beischrift -,

auf der anderen H.lfte, iinter einem Bilde der Heiligen Jungfrau

ais der Patronin des Erzstifts, ist die Reimser Kirche durcli eine

gotisclie Fassade angedeutet. Die Fenster zur Rechten und zur

Linken enthalten die Bilder der Bisciiiife der Kirchenprovinz Reims

samt ihren Kathedralen. Der Sinn dieser Bilderreilie ist kiar:

HENnI DE BEAISNE, der seit 1227 auf (lem erzbischoflichen Stuhie

saf3, hatte gehofît, unter Assistenz semer Suffragane die Weihe des

Chores voliziehen zu kônnen, und die Glasgemiilde soliten den feierlichen

Akt der Nachwelt iiberliefern. Da ereilte am 6. Juli 1240

der Tod den Erzbischof, und das Domkapitel mufite ohne ihn in

den neuen Chor einziehen.

Diese beiden Daten, 1211 und 1241, sind die einzigen, die den

Beginii irnd die Vollendang eines bestimmten Bauteiles festiegen.

Die Datierung aller anderen Teile der Kathedrale w.i'e allein durch

die Stilkritik môglich, wenn nicht DEMAISON durch seine archivalischen

Forsehungen über die Meister der Kathedraie âufierst wertvoiles

Material fur eine Geschic.hte dieser Bauteile geliefert Mtte.

Wir geben die Ergebnisse dieser Forschungen in Kiirze wieder.

Um 1300 war in den Mosaikfuflboden des Mittelschiffs, im dritten

und vierten Joche st1ich der Westfassade, ein Labyrinth cmgelassen

worden, dessen Verschlingungen (lie BuBfertigen, unter

Gebeten auf den Knien rutschend, zu folgen hatten. AIs sich aber

im 18. Jahrhundert MuiBiggiinger die Ait damit vertrieben, zu Fuf

das Labyrinth zu durchwandern, beschloB das Domkapitel, diesem

die Andacht der Domherrn stôrenden Unfug durci Beseitigung des

1) BulI. mou. 1906 t. LXX p. 291-297.

2) Monuinenta Germaiiiae. Scriptores t. XIII p. 857.


47 -

Labyrinths ein Ende zu machen. Glick1icherweise besitzen wir

eine Zeichnung ans dom 16. Jahrhundert, die die Anlage des Labyrinths

und die in semer Mitte und an seinen Ecken dargesteliten

Figuren wiedergibt. Den Text, der unter diesen Figuren stand,

bat der Kiinstier leider nicht iïberliefert. Aber ein Kanoniker aus

der ersteii HâJf te des 17. Jahrhunderts, COCQtA1JLT, bat ihn, so weit

er damais nocli zu entziffern war, aufgezeichiiet, und die 1778 noch

lesbaren Bruchstcke wurden 1779 in den ,,Affiches rémoises" piibliziert.

Dadurch haben wir die Miiglichkeit, die Aufzeichnungen des

Kanonikers ans dem 17. Jahrhundert zu kont.rollieren. 1m folgenden

sind beide Ûber1iefrungen 1) nebeneinandergestellt.

Co c qua u 1 t:

Autant y en a aux quatre coingts

d'iceluy dédale, ne sont représentations

et escriture: premier en celuy qui est

près de la chaiere du prédicateur en

la dicte église, qui est en entrant à

main gauche, est l'image d'un maistre

Jehan Le Loup qui fut maistre des

ouvrages d'iceUe église l'espace de seize

ans et commencea les portaux d'icefle.

En l'autre, du mesme costé, est

l'image d'un Gaucher de Reims qui

fut mai8tre des ouvrages l'espace de

huict ans, qui ouvra aux vossures et

portaulx.

En l'autre, qui est d'autre co8té,

sis à vis et opposite de ceste cy, est

l'image d'un Bernard de Soisson

qui fit cincq voûtes et outra à Vo,

maistre de ses ouvrages l'espace de

trente-cinq ans.

En la dernière, qui est à l'opposite

de la dicte chai.ere du prédicateur, est

l'image d'un Jehan d'Orbais, maistre

des dits ouvrages, qui enconlmencea la

coiffe de l'église.

Affiches rémoises:

(S1e gehen von ciner andero Ecke des Labyrinths

ans und bringcn die Meleter in andrvr

Iteihenfolge ais Cocquault. 111cr sind die Insehritten

der bessern t)bericbt1iChkeit halber in

der Ordnung von Cocquault aufgcfflhrt. Diu eLngekiammerten

Worte sind naeh CocuauIt erganzt.)

Autour de ta quatrième à main

gauche par haut: . . . . (Jean Loups)

qui fut maître de l'èglise de céans seize

ans et encŒmmença . . . . (le portail).

Autour de la seconde à main gauche:

(Gaucher de Reims) qui fut

maître de l'église de céans sept [offenbar

VII statt VIII gelesenj ans et ouvra

a vosures . . . dor . . . [wohl faiscli gclesener

Rest von portaulx].

On lit autour de la première figue,

à main droite en entrant: Cette image

est en remembrance de maître Bernard

de Soissons qui fut maître de

l'église de céans .....t cinq voutes.

Autour de la troisième à main droite

par haut: . . . . Cette image est en remembrance

de maître Jean d'Orbais

qui fut maitre de l'église de céans

Nur von drei Meistern ist uns also die Dauer ibrer Ttigkeit

iber1iefert, von keinem ein absolutes Datum, und liber ihre Reihenfolge

ist auch nichts gesagt. Aber ,,Jean d'Orbais encommencea la

coiffe de l'église", so heil3t es, und da unter coiffe das Chorhaupt

zu verstehen und die Kirche mit dem Chore begonnen worden ist,

1) Bull. aTCh. du comité 1894, p. 15-20.


- 48 -

so ist er der erste Meister der Kathedrale, der den Plan fUr den

ganzen Bau entworfen hat. 1) Besttigt wird diese TYber1ieferïmg

durch die Tatsache, dat) der (Jhor der Klosterkirche von Orbais

abhangig von St. Remi ist und in einigen Punkten den Chor der

Kathedrale von Reims beeinflul3t hat (s. S. 71). Der letzte der vier

Meister ist BERNARD DE SolssoNs. Er arbeitete am O", cl. h. an

der grot3en Rose der Westfassade, irnd ftihrte f iinf voûtes, d. h.

Traveen ans (S. 1, Anrn. 2). 1m Jahre 1287 lebte er noch; DEMASON

bat seinen Namen in ciller Steuerlist.e der Pfarrei von St. Denis

gefundeu. 2) Von den heiden tibrigbleibenden ist JR&1 LE Loup

der Mtere, demi er begann die Portale", wUlirend von GAUCHER

DE REIMS nur berichtet wird, daB er an ilinen arbeitete. Es ergibt

sich also die hier schematisch dargesteilte Reihenfolge:

L

JEAN LE Loue 'RBAIS

J

GAUCHER DE REIMS BERNARD DE SoIssoNs

f J

Die Verteilung der Figuren auf die vier Ecken des Labyrinths

folgte dem liturgischen Branche. am Chorende und auf der Epistelseite

zu beginnen. Die Inschrift unter der Figur in der Mitte des

Labyrinths hat schon COCQUAULT nicht mehr lesen k3nnen. Hat

1) 1642 fand COCQTJAULT an der Sildseite des (hores, zwischen zwei Strebepfeilern,

ein (3rabmal mit der Aufsehrift: Ycy gist maistre Adams qui fut mai.stre

de l'œure. COCQUAULT war der Ansicht, (laB dieser Meister an dom von JEAN

D'ORBAIS begonnenen Chore weitergebaut habe. Aber dann rniiLlte or im Labyrinth

seinen Platz zwischen JEAN D'ORBAIS und JEAN LE Loup crhalten haben.

Soute or aber mir 80 kurze Zeit tittig gewesen sein, daIl man ibm uielit den

andern Meistern gleichstellen woflte, so witre es unbegreiflich, wanum man ihu

au su hervorragender Stalle bestattet bat. DEXAISON 1lst die Schwierigkeit durch

die Annahme, CocQtrAuLT habe ADANS stat.t JEHANS gelesen, ,,Le jambage du J,

joint au reste d'un E capital, a pu fort bien être pris pour un A; et la boucle

d'un H majuscule gothique se confond plus aisément encore avec la panse d'un D."

Bull. arch. du comité 1898 p. 46. COCQUAErLT hatte dam (las Grab des JEAN

D'ORBAXS gefunden.

2) .,Maistres Bernars de Nostre-Damme." (Cahier de L'assise de la taiUe

1287, paroisse Saint Denis, Archives communales de Reim8, Sacre des roi8, liasse 1

n. 2.) Meister BEBNRAIuD batte 5 sous zu dcii Krlinurigsfeierlichkeiten PnTLTPPS

DES SOHÔNEN zn zahien. Bull. arch. du comité 1898 . 47.


49

die Figur einen fitnften Architekten dargestelit, etwa ROBERT

DE COUCY, der lange Zeit ais der Meister der Kathedrale gegolten

li at? Man hat es behauptet, aber dann hlLtte ein Meister den

Ehrenplatz erhalten, der 1311 gestorben ist') und nur ein Werk

vollendet hat, dessen Plan in allen Einzelheiten lin-st feststand

und auch scion in alleu wesentlichen Teilen ausgefiihrt war. 1m

Labyrinth der Kathedrale von Amiens war neben den drei ersten

Architekten der Grunder der Kathedrale, Bischof EVRARD DE FolIrLnoy

abgebildet. 2) Also wird die Mittelfigur des Reimser Labyrinths den

Erzbischof AiÉRIc DE HUMBERT dargestellt haben. Die Zeichnung

des Labyrinths aus dem 16. Jahrhundert litl3t auch noch den Umril3

einer Figur erkennen, die anders ais die Figuren in den vier

Ecken gekleidet war. Es sind deutlich lange weite Gewiinder, wohl

die Kieider eines Geistiichen, zu sehen.

Die Reihenfolge der Meister ist also bestimmt, doch ist leider

die Dauer der Tiitigkeit des ersten Meisters nicht liberliefert. Aber

wir wissen wenigstens, dal3 BERNARD DE SoissoNs 1287 noch lebte

trnd 1311 sciion seit einiger Zeit tot war, da in diesem Jahre schon

ROBERT DE COUCY starb. Trotzdem bleibt uns fur die Fixierung

des Datums seines Todes ein immer noch ziemlich weiter Spielraum.

Wir mUssen damit rechnen, daB ihm ROBERT DE Coucv oder

ein anderer Meister, von dem uns nichts ilberliefert ist, scion 1288

gefoigt sein kann; andererseits ist es aber auch migIich, daB er

erst wenige Jahre vor 1311 gestorben ist, denn wir haben keine

Nachricht, daB ROBERT DE Coucy lange Zeit Meister gewesen sel

oder wichtige Teile des Banes ausgefiihrt habe. Sein Rulim ist

sehr jungen Datums und erklitrt sicii allein daraus, daB man seit

dem 18. Jahrhundert die Inschriften des Labyrinths kaum noch

lesen konnt.e, whrend sein Grabstein bis zur Revolution im Kreuzgange

der Abtei St. Denis vor aller Augen stand. Nachdem der

Grabstein verschwunden war, wuchs sogar sein Rulim; denu man

verga2 sein Todesdatum und liel3 un bald zum ersten Meister der

Kathedrale aufriicken.

1) 1m Kreuzgange der whrend der Revolution abgebrochenen Abtei St. Denis

befand sich sein Grabstein mit der Aufschrift: cy git Robert de Coucy, maistre

de Nostre Dame et de Saint Nicaise, qui tnspassa l'an MCCCXI. (ROBERT

I)e COUCY war also wie BERNARD I)E SoJSSONS bei St,. Denis eingepfarrt.)

2) Bull. areh. du comité 1894 p. 23; 1886 p.366-72. Abb. deâ Labyrinths

der Kathedrale von Amiens bei DURÂND, Monographie, Textband I, Fig. 127 und 130.

Die mittelste Steiuplatte mit don 4 Figuren befindet sich un Museum von Amiens.

Vgl. DUR.&ND I S. 23, 460 und 465.

K i n e. Das Fsadenprobem


50 -

DEMAISON sucht den Spielraum fur Meister BERNARDS Todesdatum

durch die Datierung des Labyrinths zu verringern.') Er

glaubt es ungefkhr um 1290 ansetzen zu diirfen, da das Labyrinth

in Amiens, wie die inschrift sagt, ans dem Jahre 1288 stainmt.

Dadurcli wre dreierlei gewonnen. Das Jahr 1290 wre der terminus

ante quem erstens f lir BERNA1DS Tod und zweitens f tr die

Vollendung der westlichsteii Langhausjoche, da das Labyrintli, das

den FuBboden der Joche VII und VIII bildete, nur nach deren

EinwLSlbung angelegt worden sein kann. Drittens stiinde fest, daB

die ftnf von BERNARD gebauten, 1m Text des Labyrinths nicht

nher bezeichneten Joche die fluif westliehsten wren. Aber es

ist nicht einzusehen, warum das Reimser Labyrinth nicht ebensogut

ein paar Jahrzehnte jUnger sein kônnte, ja ein Vergleich mit

dem von Amiens niacht dies sogar hchst. wahrscheiiilicli. 2) Es

kommt hinzu, daB die Joche VI—x nicht von BERNARD erbaut

worden sein knnen. Denn zwischen den Jochen VI und Vil zeigt

sich eine von oben bis unten durchgehende Naht, die das Langhaus

in zwei technisch und stilistisch verschiedene Teile scheidet 3) Da

also die fiinf Joche Il—VI zusammengehren und da von keinem

dei' drei ersten Meister bericht.et wird, daL er einen Teil des Langhanses

gebaut habe, so muissen wir in diesen fiinf Jochen das Werk

BERNARDS sehen, es sei demi, daf3 der Gegenbeweis zu f iihren wire.

DEMAISON versucht, wie gesagt, diesen Beweis f Urs erste durch die

Datierung des Labyriiiths zu liefern und glaubt die stiistischen

und technisehen Versehiedenheiten im Joch VI und in den Jochen VII

bis X durch dcii Zuzug neuer Steinmetzen erklaren zu kônnen.

Aber zugegeben, der Meister Mtte hier seinen Leuten sowohi in

der Wahl des dekorativen Details ais auch in der Ausfiihrung des

Verbandes der Dienste mit der Wand freie Hand gelassen, so ware

docli eine Teilung in die beiden Bauabschnitte Joch VI und Joch VII

bis X mehr ais unwahrscheiniich. Man bat wohi bei grof3en Kirchen

das Langhaus in zwei oder drei Abschnitten erbaut, aber niemals

Joch fUr Joch vom FuBboden bis zum Gewolbe ausgefi.ihrt. Das

wre zu schwierig und zu kostspielig geworden, weil an der freiliegenden

Seite eines jeden neuen Joches provisorische Verstrebungen

1i.tten angebracht werden mùssen; und der Gewunn hittte in keinem

Verhaltnis zu don Schwierigkeiten gestanden, da der jedesmal gewonnene

Raum fur den Gottesdienst kaum in Betracht kommen

1) Bull. arcli. du comité 1894 p. 23.

2) Â-rii.r S.&INT-PAtI, Bull. mon. 1906, t. LXX p. 321.

8) ANTHYM SADIT-PAUL, Bull. mon. 1906, t. LXX p. 318.


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- 51

konnte. Aber DEMAISON glaubt noch einen anderen Beweis fur die

Ausfuihrnng der ftinf westlichen Joche durch BEItNAED gefunden zu

haben. Eine Urkunde ans dem Jalire 1299 soU dartun, daB man

um diese Zeit schon die Freigeschosse der Tiirme begonnen habe,

und dal3 man aiso mit den Jochen VII—x bereits fertig gewesen

sei. DaB die in arabisehen (1) Ziffern an dem Turmgescho13 neben

der Rose und an der Kinigsgaierie angebrachten ,,Daten" wertlos

sind, weist DEMAISON tiberzeugend nach. 1) Ob aber ans der Urkunde

von 1299 der SchluÏ3 zu ziehen ist, daB in diesem Jahre

die Tiirme begonnen worden sind, ist mehr ais fraglich. In jener

Urkunde 2) erlaubt der Erzbischof auf dem Hofe seines Palastes;

d. h. im Siiden der Kathedrale, einen Werkplatz abzustecken a

cono rilerii turris anterioris ecclesie Remensis usque ad cnum pz"

(eine jetzt zugemauerte-lerii ostii quod respic-U rotellam S. Kichasii

Morte in der Siidwand des Joches V, vor der ein Denkmal des

Nikasius lag), ut ibidem exe'rceantur et fiant opera et alia o'pportun4

fabri ce ecclesie memorate".

DEMAIs0N ist der Ansicht, daB auf diesem Werkpiatze di

Steine f tir den stidiichen Turm der Westfassade hergerichtet werden

soilten. Aber brauchte man denn f tir die Tiirme einen neuen Werkplatz?

Wir miissen doch annehmen, 4a13 vor der Fassade schon

einer angeiegt worden war, ais man die Portale begann, und daB

er auch vom Meister BERNARD bei der Ausfiihrung der Rose benutzt

worden war. Dieser Werkplatz hittte auch die girnstigste Lage

fur die Arbeiten an der Tiirmen gehabt. Nun wiLre es ja deiikbar,

dal3 man mit Rhcksicht auf eine lange Bauzeit der Tiirme den

Platz vor den Hauptportalen lutte freimachen woilen. Die Werkstttcke

.fiir die Tlirme hutten sicli freilich audh ntirdlich und sudlich

der westlichsten Joche herstellen lassen. Doch wozu hier einen

neuen_Werkpiatz abstecken? Gerade hier miii3te ja schon Meister

BERNARD einen angelegt haben, wenn er wirklich die Joche Vi—X

erbaut hti.tte. Wir miissen deshalb mit ANTIIYIuI: SAINT-PAUL annelunen,

daB der Werkplatz fur die Joche VI—X angelegt worden

ist, und daB diese von ROBERT DE Couc y erbaut worden siiid.

Derseibe Meister wird die groï3e Rose vollendet 3) und die

Turmgeschosse neben ihr begonnen haben. In stetiger, weiin auch

') Bull. mon. 1902, t. LXVI p. 27-30 et 36.

2) DEMAIs0N, Bull. mon. 1902, t. LXVI p. 30. ANTHYM SAflT-PAUL, Bull,

mon. 1906, t. LXX p. 322.

8) ,,Bernard de Soissons . . . . ouvra d Z'o" hies es im Labyrinth. Er hat

also die Rose nicht vollstitndig ausgeflihrt.

4*


- 52 -

langsamer Bauftihrung weiden die Kiinigsgalerie, die Balustrade

des Hochschiffs und die Freigeschosse der r Ujirme augefiihrt worden

sein.') Die He)me sind nie vollendet worden; in der zweiten H1fte

des 14. Jahrhunderts werden die Arbeiten zum Abschlu3 gelangt

sein .2) Wir wenden uns jetzt einer anderen Qattung von Urkunden

zu, deren Wert f tir die Baugeschichte merkwiirdigerweise 1ngst

nicht geniigend gewtirdigt ist, den Skizzen des VILLARD DE I-TONNE-

1) Die Balustrade ist, wie die au den Westtitrmen erhaltenen Anstze

zeigen (GAILnAu1 I), baid nach 1300 in den Formen der Knigsgalerie ausgefiihrt

worden. Bei dem Brande der Ditcher im Jahro 1481 ging sie zugrunde.

Zwischen 1506 und 1515 wurde sic in beinahe denselben Formeii erneuert; nur

ibre, vielleiclit damais eret hinzugefllgten Fialen zeigen den Stil der spteSten

Gotik. (Photographie TROMPETTE. Reims, Place du Parvis 28. Catalogue des

photographies de la cathédrale, Nr. 182.) In den siebziger Jahrcn des 19. Jahrhunderts

ist sic durci ein gauz abseheuliches, von MILLET begonnenes und von

Rup icu-Ror volleudetes Machwcrk ersetzt worden, das sich 1en Stil der

Schiffe besser anpassen 3ollte. I)as batte freilich die alte Balustrade niclit getan.

Dafiir batte sic aber auf die Formeusprache der obercu Turrngeschosse vorbereitet

und so 'm Verein mit der Kdnigsgalerie die cia Jahrhundert auseinanderliegenden

Bauteile vom Querhause bis zu den WesttUrmen zusammeugefat. Die

Neuschtpfung tut weder das chie noch das audere. Ein Meister des 13. .Jalirhunderta

wiirde an ihr nicht den Stil semer Zeit wiedererkennen, sondern wahrscheinlich

beim Anblick dieser neuen ,,Bekrminung" des majestiltischeu Baus davonaufen.

Vgl. ANTIIYME SAur-PÀuL, Le cas de la cathédrale de Reims, Bull- mon.

1881, t. XLVII, p. 689-699: Timeo Danaos et dona ferentes. ,,C'est chacune de

nos cathédrales qui, empruntant le sens du vers de Virgile, pourrait s'écrier

aujeurdhui: je crains l'Etat, surtout quand il me comble de ses dons.'

2) Das Maf3werk in dem Wimperg ilber dem gro&n Fenster des obersteu

Geschosses des Nordturmes, ciii mit zwei Fischblasen gefuilter Kreis, siheint fUr

cine sehr spte Zeit zu sprechen. Aber wir finden es in Amiens an dem Strebepfeiler

wieder, der um 1375 zur Verstitrkung des Nordoststrebepfeilers des nUrdlichen

Turmeà der Kathedrale errichtet wurde. S. DURAND, Monographie Taf. III

und Textband I S. 482f. Zeitlich weiter zurUck fuhrt uns das Mawerk an der

entsprechenden Stelle des Stidtuzines. Ans den beiden unteren Spitzen des Wimperges

wachsen zwei fisehblasenahnuiche Gebilde hervor, deren Kdpfe aber dem

Scheitel des Fensters zusammenstol3en. Dasseibe Motiv ist schon angewandt

wordcn am Siidturm des Straliburger MUnsters, und zwar ail der Balustrade der

Westseite des z'weiten Geschosses, und in dem Wimperg uber deiii westlichen

Doppelfenster des Turines der Marienkirche in Reutiingen (Monographie Tuf. 5).

In StraUburg ist die Voflendung des zweiten Turmgeschosses tiicht gcnau zu

datieren; des dritte wurde an beiden Turinen 1365 abgeschiosseu. In Reutlungen

war man 1343 mit dem Turme fertig (Monographie S. 18), also wird die Maswerkform

in Straburg etwas friiher und in Reins wiederum noch friiher ais in

8traburg anzusetzen sein. Per Reimser Siidtnrm wird dalier im zweiten, der

Nordturm ira Viertel des 14. Jahrhunderts ausgefiilirt worden sein.


- 53

couirr (Taf. XIX und LIX—LXIIT). Es sind Skizzen, keine genauen

Aufnahmen. Daher gilt es zunichst, an den kontrollierbaren

Stiicken den (rad ihrer Genauigkeit zu erniittein. Die Skizzen

der Chorkapellen sind, abgesehen von der Zeichnrnig des Innenund

Aul3ensockels, genau; die jetzt vorhandene Krnung durch eine

Balustrade wird ursprtinglich nicht beabsichtigt gewesen sein. Die

Horizontalschnitte durch Pfeiler, Fensterpfosten irnd -laibungen sind

ebenfalis genau. Besonders interessant ist der Schnitt durci einen

kantonierten Rundpfeiler. Er 1J3t den Verband der Dienste mit

dem Kern bei Vermeidung sichtbarer Sto!3fugen erkennen. Dieser

Verband ist im Chor und Querschiff angewandt worden (s. Fig. 9.')

Dagegen zeigt die Skizze vom System des Langhauses sehr bedeutende

Abweichuugen. Der Sockel der Seitenschiffswand und die

Pfeilersockel sind in demselben Sinne verndert wie die Sockel der

Ohorkapellen. Die Seitenschiffswand ist unterhalb der Fenster durch

eine Blendarkatur gegliedert. Gibt hier VILLARD DE HONNECOURT

den ersten Entwurf wieder? Keinesf ails. Denn scion das Querhaus

und der Langehor haben keine Arkatur unter den Seitenschiffsfenstern,

nur die Chorkapellen sind damit geschniiickt. 2) Den

mitteisten Pfosten des vierteiligen Triforiums, der in Wirklichkeit

nur ganz wenig sti'ker ist ais die beiden anderen, zeichnet VILLARD

bedeutend stârker. Wie sind diese Abweichungen zu erklâren?

\\rjr haben zu der Skizze der Fassadenrose von Chartres bemerkt

(S. 33, Aiim. 1), daB VILLARD trotz semer ausdriicklichen Beischrift

ista est fenestra in templo Sce Marie Garnoti hier Vernderungefl

im Sinne der Weiterentwieklung des Stiles vorgenommen bat. Passelbe

wird er bei der Wiedergabe des Reimser Langhaussystems

getan liaben. Deun wie wir oben (S. 42) gesehen haben, wurde

allmiihlich der dreiteilige Aufbau durci einen zweimalzweiteiligell

1) Derselbe Verband war sehon bei den Pfeilern der Katiiedrale von Chartres

angewandt worden. VILLARD DE HONNECOURT hat ihn auf demselben Blatte (XXIX)

dargcstellt, das clic Skizze der Rose von Chartres enthitit, alicrdings ohne anzugeben,

woher er sein Beispiel fUr den ,.Vcrband mit nusichtbaren Stofugen'

bat. LÂssus und DARCEL glaubten (S. 126) in dieser Skizze den Querschnitt eines

Tteimser Pfeilers sehen Yu mUssen. Aber der Soekel beweist, daB es sich, worauf

schon die Zusammensteilung mit der Rose hindeutet, um einen Pfeiler von

Chartres handeit. Vgl. XÏNO HI Taf. 57 (= VIu..ARD XXIX) mit Xio UI Taf. 81

(= Vruuw LXII).

2) Die Kapellen sind offenbar ais kieine, in sieli abgeschlossene Raume gedacht.

Man darf daher aus ihrer Konstruktion keiiie Sehilisse net den Ubrigen

Bau zichen. In Noyon besteht librigens dasselbe Verhiiltnis zwischen Chorkape)ien

und Langchor.


- 5

abgelt3st. Zur Zeit, ais VILLARD sein Skizzenbuch aniegte, batte

sicli dieser Umschwung bereits volizogen. - Es bleibt noch die

Skizze des Chorstrebewerkes iibrig. Hier sirici die Abweichungen

nui bedeutendsten, und es lige daber nahe, sie ebenso zu erkliren,

wie in der Skizze des Langhaussystems. Aber es lâfit sich beweisen,

dat3 VILLARD hier den urspriingiichen Plan bewahrt bat.

Der tuBere Strebepfeiler nimiich, dessen Schlanklieit allerdings

wohl uibertrieben sein diirfte, ist genau so gegliedert wie die Pinakel

neben dem Ostgiebel und neben dem mittieren Wimperg der Westfa.ssade

der Kathedrale von Laon, und diese Pinakel gehren Banteilen

an, die in die Zeit zwischen 1210 und spttestens 1230 failen.

Wir sind ferner in der Lage, die Genauigkeit der Skizze des Chorstrebewerks

durch die Skizzen des Larighausjoches und der Chorkapellen

zu kontrollieren. Nach der Skizze des Langhausjoches

soliten in den Zwickeln zwischen deii Hochschiffsfenstern des Langhauses

über dem Angriffspunkte der oberen Strebebigen Engel angebracht

werden, die mit iliren ausgebreiteten Fitigein die Zwickel

gefiilit Mtten. Dieseben Engel stehen jetzt - und damit stimmt

die Skizze von VILLARD iiberein - in den Zwickeln zwisehen den

Fenstern der Ohorkapeflen unter einern Baldachin. Über dem oberen

Strebebogen des Chores gibt VILLARD ebenf ails einen Baldachin an,

Jetzt sjtzen aber in den Zwickeln des Hoclichores und -schiffes

Atlanten, die das Dacligesims tragen. UrsprUnglich also soute

deren Platz iiberall von Engein eingenommen werden; denn unter

den von VILLARD am Hochchor gezeichneten Baidachin konnte

natitrlich kein Atlas gesetzt werden. Ais dann aber, wie wir

selien werden, JEAN LE Loup das Motiv der mit Freifiguren geschmiickten

Pinakel von den Fassaden auch auf das Strebewerk

iibertrug, steilte er die Engel in die Pinakel und setzte an den

ilinen von JEAN D'OnBÂIs zugewiesenen Platz Atlanten, um die

Wiederhoiung desseiben Motivs zu vermeiden. 1) Wir werden also

umgekehrt den Schiufi ziehen diirfen, daB JEAN n'ORnAIs, der die

Zwickei durcli Engelfigtu'en f tillen wolite, das Strebewerk ohne

figiiriichen Schmuck gepiant hat. Daraus folgt weiter, dal3 die

Skizze des Chorstrebewerks tats.chIich sein Projekt wiedergibt.

Demi die Skizzen des Langhausjoches und des Chorstrebewerks ergitnzen

sich aufs vollkommenste. Angenommen, VILLARD 1i.tte auf

der Langhausskizze willkiirlich Atianten durci Engel, wie et , sie

I)

Es kam hinzu, dag die VOfl JEAN LE Loup hher angeordneten Strebebi;geu

fUr die Engelsfignren keinen ausreichenden Platz lieBen. Vg1. S. 62.


- 55 -

an den Chorkapellen sali. ersetzt, so htte er docli kaum daran

gedacht, bei der Skizzierung des Chorstrebewerks einen Baldachin

f ir die Engelsfigur einzuzeichnen, wenn nicht wirklich der Originalbaurifi

hier einen Baldachin angegeben hatte. DaB VILLARD das

eine Mal nur den Engel und das aiidere Mal nur den Baldachin

zeichnet, ist leicht zu erkliren. Am Langhausjoch lM3t er den

Baldachin weg, weil er das Gesims nicht mehr mitzeichuet, an dem

der Baldachin angebracht werden soUte; dagegen war die Engelsfigur

mit den ausgebreiteten Fiilgehi sehr wichtig, weil es darauf

ankam, ihre gliickiiche Einpassung in die Zwickel zu zeigen. Auf

der Skizze des Chorstrebewerks ist das Gesims und infoigedessen

auch der Baldachin mitgezeichnet, die Profilansicht des Engels aber

ais unwichtig weggelassen worden.

Doch nun zu dem Ban selbst. Es empliehit sich hier einmal

vom Aufbau statt vom G-rundrifl auszugehen. Ohor und Querschiff

bilden den im Jahre 1241 geweihten Teil der Kathedrale. Man begann

mit dem Ban des Querhauses. Die Hehne der Pinakel vor

den Strebepfeilern der Tiirme sind, wie auf der Skizze des Chorstrebewerkes

von VILLARD, noch nicht geschlitzt. Das tinter ihuen

in H3he des Triforiums liegende StUck des Strebepfeilers ist ungegliedert.

1m Erdgeschofl mLgen Chor und Querschiff gleichzeitig

in Angriif genommen worden sein, dann fiffirte man zuerst das

Querhaus saint dem zweiten Gescho6 der Tiirme in die llhe. Diese

Teile sind das Werk des JEAN D'ORBAIS. JEANLE Loup baute

den Hochchor mit einem neuentworfenen Strebewerk. Wie wir oben

geselien haben, hat der Erzbischof HENRI DE BRAXSNE (1227-40)

in den Glasgemilden des Hohen Chores den Weiheakt der Nachwelt

iiberliefern wolien. Er wird kaum unmittelbar nach semer

Thronbesteigung, sondern erst, ais der Ban sich der Vollendung

naherte, den Befehi zur Anfertigung dieser Fenster gegeben haben.

Also erlauben uns auch die G-lasgemiilde den Ilohen Chor in das

ietzte Jahrzehnt vor 1240, vieileicht sogar in die Jalire 1235-40

zu setzen. Die Strebepfeiler miissen vor der EinwIbung errichtet

worden sein, und zwar vom Dachgesims der Kapeilen an nach dem

neuen Entwurf. Da dieser dem zweiten Meister zuzuschreiben ist,

werden wir den Meisterwechsei sptestens in die Zeit uni

verlegen miissen. Andererseits kinnen wir, wie sicli spi%ter (S. 90)

zeigen wird, auch niclit liber 1231 hinaufgehen. Halten wir aiso

einmal am Jahre 1235 fest, so ergibt sich folgende Chronologie:

JEAN D'ORBAIS . . . (ca. 24 Jahre) 1211-235

JEAN LE Loup . . (16 ,, ) 1235-1251


56 -

GAUCHER DE REIMs . ( 8 Jahre) 1251-1259

BERNARD DE S0ISSONS . (35 ,, ) 1259_12941)

Warum aber ffihrte JEAN LE Loup das Strebewerk des Ohores

nicht nach dem ursprîingliehen Entwurf aus, der ja eine konstruktiv

viel richtigere LLsung vorschrieb? Nach diesem Entwurf soilten

die aul3eren Strebebgen die inneren Strebepfeiier an den Anfailspunkten

der inneren Strebebôgen stiitzen, w.hrend sie jetzt bedeutend

hher angreifen und nach au8en den Schub auf einen

1ngeren Hebelarm iibertragen. 2) Aber es kam dem zweiten Meister

gerade darauf an, diesen Hebelarm, d. h. den Auf3eren Strebepfeiler,

zu verlitngern, nicht ans konstruktiven, sondern aus âsthetischen

Griinden. Er wolite die âul3eren Chorstrebepfeiler in ihren Hiihenmal3en

mit den librigen Strebepfeilerii in tJbereinstimmung bringen.

Pas Gesims, das an der Querhausfassade du RosengeschoB von

dem Triforium trennt, wurde um das ganze Chorstrebewerk herumgefiihrt,

und die Pinakel erhielten dieselben Mafle wie an den Querhansfassaden.

Es ist wohl kaum zu bezweifeln, daIs JEAN LE Loup

dieses Gesims und auch die Pinakel in derselben Hhe auch uni

die iibrigen Teile des Baues herumfiiiiren wolite. Verfolgen wir

also du Gesims weiter bis zur Westfassade. Es liegt dort heute

tiefer ais an den Querhausfassaden, nm1ich genan in der Hihe der

Oberkante des Triforiums. Um die Wichtigkeit dieser Hihendifferenz

zu erkennen, miissen wir uns die verschiedene ffiihenlage

der Grenzlinie zwischen Triforium und Hochwerk im Inneren und

Àufieren der einzelnen Bauteile kiarmaChen. Es sind folgende

Hôhenlagen, von unten nach oben gezih1t, zu unterscheiden:

Hôhenlage I: Deckplatte des Triforiums (innen ais Gesims)

a) aut3en und innen unter den Hockschiffsfenstern im Langhans,

Chor und Querhaus,

1) ANTHYME SAINT-PAUL indchte, allerdings ohne sich an biiiden, auf Grund

dey S. 51 erwhnten Urkunde 1298 aIs Todesjahr BENNARDS annehmen. Bull.

mon. 1906, t. LXX p. 300. Aber jene lrkunde gibt, vorausgcsetzt, dab ihre Deutung

durch SAINT-PAUL unbedingt richtig ist, nur einen terminus ante quem und

erlaubt uns daher weiter hinaufzugehen.

2) Da die inneren und àuileren Bigen den inneren Stebepfeiler an verschiedenen

Punktcn treffen, mute dieser massiv ausgefuhrt werden, damit er

eincr Durchbiegung Widerstand Icisten kaun. Nach dem ersteu Plane soute er

unter und über dan gemeinsamen Angriffspunkten der inneren und iLulleren Bigen

durchbrochen werden. Die Annahme von Ltsus und DARCEL (Album S. 217),

dali die iiineren Strebepfeiler in ihrer heutigen (lestait erst nacli dem Brande

von 1481 ausgefbhrt worden seien, entbehrt der Begriindung.


5

b) aul3en iiiid innen an der Westfassade und an allen Seiten

der Westtiirme, s. Fig. 13.

Hilien1age II: Hochschiffsfensterbank abziiglich der Schriige

a) auf3en an den Querhausfassaden und -tiirmen und am

Chorstrebewerk, s. Fig. 13,

b) innen an der Fassadenwand des Q,uerhauses (das Gesims

über dem Triforium ist beim t)bergarig von dei' Hochschiffswand

zur Fassadenwand von der Hiilienlage I in die

Wihenlage II 1iinaufgekripft), s. Fig. 14.

Hôhenlage III: Gesims unter den Pinakein der Langhausstrebepfeiler

(der Funktion nach dem Gesims Ha an Chor und

Querhaus entsprechend), s. Fig. 15.

Denken wir uns tinter der Rose der Westfassade an der Auflenseite

das Gesims von der H1ie I in die Hôlie il verlegt, so wûrde

es den Fu[3punkt der Rose genau tangieren. Ans dieser Beobachtung

sind zwei Folgerungen zu zieheti, eine fir die Meisterfrage

und eine f tr den Gesaintentwiirf des JEAN D'ORBAIS. Erstens ist

es nim1ich kiar, dal3 der Meister, der sich die Mihe gemaeht hat,

das Gesims lia selbst unter ungiinstigen konstruktiven Bedingungen

um das Chorstrebewerk 1ierumzufihren, es nicht an der Westfassade

tiefer gelegt haben kann; deun hier htte es ohne Schwierigkeit

unter der Rose Platz gefunden und hatte die Einfiigung des

kahien und unorgaiiisch wirkenden Mauerstreifens Uberilissig gemacht.

An einer Kopie der Reimser Westfassade, an St. Jean des

Vignes iii Soissons (s. Fig. 20) tangiert auch tatschuicIi das entsprechende

G-esirns die Rose. Also ist es erst GAUCnER DE REIMS

oder BERNARD gewesen, der an der Westfassade das Gesims Il in

die Lage I herabgedriickt hat, offenbar in der Absicht, das Turingeschof3

neberi der Rose schlanker bilden zu kinnen. Ans demselben

Grunde wurde spter dieses Geschof3 etwas liber die H1ie

des Hochschiffsgesirnses hinaufgeftihrt. Vergleichen wir mit dieser

Beobachtung tien Text des Labyi'inths. ,,Jean Le Loup . . commencea

les portaux,' DEMAIS0N will unter diesen Portalen die

beiden an dci' nird1ichen Querliausfassade verstanden wissen. Dagegen

bemerkt ANTHYME SAINT-PAUL mit Redit, daB man uni. 1300

von den Portalen nur im Sùrne der Portale par excellence, der

Westportale, sprechen konnte. Diese waren es, die JEAN LE Loup

begann. Gaucher de Reims . . . ouvra aux voss'ures et portaux',

d. h. der dritte Meister vollendete die Portalgewande und arbeitete

scion an den Bogenlaibungen, die mit dem Ausdruck vossures ge-


- 5 -

meint sein miissen. Das Fassadentriforiuni ist darum auch nach

der Uberlieferung des Labyrint.hs mindestens schoii ein Werk des

dritten Meisters.

Die zweite, wichtigere Folgerung betrifft den ersten Gesamtentwurf

fui' die Kathedrale. Es ist nattirlich kein Zufali, da g da.s

Gesims in Wihe 11 gerade so Iiegt, dafi es die Rose der Westfassade

tangiereil wiirde.. JEAN D'ORBÂIS hatte hier dieselbe Absicht

wie nach unserer }Iypothese der erste Meister der Kathedrale

voit er wolite die drei Fassaden verschieden ausfiihren

und die ideaiste Liisung f iir den westlichen Abschluf3 vorbehalten.

1m Tnnern wurde auc.h spiLter nocli die Westrose nach dent urspriinglichen

Entwurfe ausgefiihrt. Der Ansehlul3 der Fassadenwand

ist der denkbar volikommenste. Das Gesims liber dent Triforium

(Hiihe T) ist in derselben Hiilie uni Westwand herumgefiihrt,

darUber folgt eût Mauerstreifen, der dem senkrechten Stlick

der F'ensterbank entspricht,') und die Stelle der Fensterbanksclirige

nimmt die Roserilaibung ein. Nur die Durchbrechung der unteren

Zwickel lag nicht im urspriinglichem Plane, wie ein Vergleich mit

den Querschiffsrosen zeigt. Der Aufbau der Fassade in Reims ist

also genau derselbe wie in Chartres: das erste GeschoE entspricht

den Seitenschiffen, daim folgt das Triforium, den Sehlut3 biidet die

Rose, oder vielinehr, da ihr Scheitelpunkt infolge der schlankei'en

Quei'schnittsproportionen den Gew5lbesclieite1 nicht erreichen wtirde,

ein Spitzbogenfenster, in dits eine Rose eingesetzt ist, deren iDurchmesser

gleich der Breite des Spitzbogenfensters ist und deren wagerechte

Achse in der Kitmpferht3he des Spitzbogens liegt. Die Rose

sitzt hier also ais Maf3werk in einem Spitzbogenfenster. Durch

diese Umwandlung des Fassadenfensters in einen Spitzbogen mit

Maflwerkfiillung koiinte JEAN D'ORBAIS den Aufrif3 der Fassaden

dent der Schiffe iioch volikommener anpassen ais der Meister

voit In Chartres waren die Fenster des gesamten Obergadens

mit Ausnahine. der Chorrundung dadurch den Fassadenrosen

angepa3t worden, dafi sie ais ans Zwillingsfenstern und Rosen bestehende

Gruppenfenster gebildet worden waren. An der Chorrundung

muBte man aber wegen der geringen Breite der Schildwande

auf diese Fensterbildung verziehten, da die Zwillingsfenster

zu schlank und die Rosen zu klein geworden w gren. Dieses M13-

1 ) Dieser fehit in Chartres im Hochschiff und wiirde also auch an der Fassade

gefehit haben. Auf unserer Rekonstruktion (Fig. 7) tangiert daher die

Rose unniittelbar das Gesims über dem Triforium.


- 59 -

verhltnis wi&re beim Vergleich der Chorfenster mit den iibrigen

Fenstern iioch mehr in die Augeil gesprungen. Aul3erdem htte

sich beim ZusammenstoB der Cliorrundung mit dciii Langchor derselbe

Ûbelstand ergeben, den man spter, ais man gezwungen war

am Weststande des Langliauses die Achsenabstiinde zu verringern,

nur durch chien a11miIi1ichen tïbergang zu immer schm1eren Joehen

abzuschwchen gewu6t hat (vgi. S. 31, Anni. 1). Dem Reimser

Meister aber ermôglichte das Ma1werk in allen Fenstern mit Sechspssen

von annihernd derseiben Gri13e auszukomrnen. 1) In die

1) Da13 die Behandiung der Rose ais )Ial3werk eines Spitzbogenfensters

mm ersten Male an demselben Ban vorkommt, dessen Chorkapel]en des friiheste

MaBwerk aufweisen, gibt mu denken. Wir milasen uns zwei Tatsachen vor Augen

haiten. Einmai, sobald dus MaBwerk erfunden worden war, war ein gotiseher

Ban ohne dieses ueue Element kaum noeh deiikbar. Es ist, ais hutte man etwas

lange Gesuchtes eudlich gefunden. Audererseits miissen wir uns, wenn wir rtickschanend

die Entwicklung des gotisehen Baustiles (iberbiieken, wuridern, daô dus

Mal3werk nicht schon friiher erfunden worden ist. Die Zwilliugs- und Drillingsfenster

mit Okulus im Zwickei der Sehild-, Blend- oder EntIastnngsbigen, eiue

Fenstergruppierung, die wiUireud der ganzen fruhgotischen Zeit beliebt war,

drngten ja flirmlich zur Mawerkbi1dung. Wie kam es also, daâ gerade JEAN

D'OEBAIs, der sont keine Neigung zur Massenverringerung und zur Anwendung

leichter Fornien zeigt, des Maliwerk erfinden mullte? Es kaun kein Zweifel bestehen,

dafi gerade er sich noch mit der iiberlieferteii Fensterforrn begnllgt

h.tte - im Erdgeschoe der Fassadenrnittelstiicke tut er es aueh - wenn er

nicht an einer Stelle seines Bancs mur Ertindung einer neuen Feusterform gezwuugen

gewesen wtre. Diese Stelle war dus oberste Fenster der Fassade. Der

Okuliis eines Zwillings- oder die mittiere Offnung eines Drill in gsfensters chieheii

sich infoige ihrer geringen Breite in den die Fensterruppe zusammenschuie1enden

Spitzbogen fast bis mu dessen Scheitelpunkt hinein, so da g die Reste des

Zwickeis, die zwischen dem Okulus und dem Zwillingsfenster tibrig bleiben, kaum

noch ais Fiitche empfunden werden. Der Zwickel über den Fassadenrosen ist

aber so gros, dag er unmdgiich ais Wandflche liber dem Rundfeiister steheu

bieiben konnte. Die Wand wurde daher bis auf den letzten Rest beseitigt und

dnrch Glas crsetzt. Dieses zuerst beini Entwurfe der Fassaden gefundene Prinzip

tibertrug JEAN n'ORNAIs anS die anderen Fenster. Damit tut er den entacheidenden

Sehritt: er verdritngte die Fenstergruppe durch des Einheitsfenster. Deun

der weseutiiche Unterschied zwischen beiden besteht darin, daB bei der Fenstergruppe

die weun aneh nocli so kleinen Zwickel, die sieh zwischen den Spitzbigen

und Kreisen ergebesi, geschlossen bleiben, wiihrend sic beim Einheitsfenster

durchbrocheu sind. In Laon und Chartres bestehen die Rosen ans Stempiatten,

ans deneii wieder kicine Kreise ausgesiigt sind, ein im Priiizip an die

Antike erinneruder FensterversehiuL Liiste man aber die Flitche liber der Rose

auf, so mul3te man aucli die klcinste Fihche innerhalb derselben aufidsen, soust

hutte der durchsichtige Zwiekei bu Gegensatz mu der teilweise undurchsichtigen

Steiiiplatte ais Loch gewirkt. FUr (lie Fassadenrosen griif daher der Meister auf

des roinanische Radfeuster zuruck. Die ,.P.sse" der librigen Fenster erweisen


- -

schmalen Fenster des Chorhauptes setzte er einen Sechspal3, der

die gesamte Breite der Fenster einnimmt, in die iibrigen, breitereri

Fenster einen weiter in das Bogenfeld hineingeschobenen Sechspaf3.

J1N D'ORBAIS erweist sich also in der Lsung des Fassadeii -

problems ais einen Schiiler des Meisters von Chartres. Obwohl er

aus der Champagne starnmte, und obwohl er die Lokaltradition

(s. S. 82) niclit verleugnen kann, sind seine Konstruktionen so robust

wie in Chartres. Eine LTntersuchung des Strebewerkes macht seine

AbMngigkeit von Chartres noch deutiicher. Vergieichen wir den

Querschnitt des Chores und des Langhauses, so MUt sofort auf,

da!3 die obere Hitlfte (les Strebepfeilers am (Jhor anders ais am

Langhaiise auf der unteren Hàifte aufsitzt (s. Fig. 14). Am Chor

liegt die nach innen gekehrte Seite des iu13eren Strebepfeilers in

einer Ebene mit der Wandvorlage im Innern des Chorumganges.

am Langhause mit der Innenf1.che der Seitenschiffswand. Die

Konstruktion am Chor ist dieselbe wie in Chartres, ja es ist, eutwickhingsgeschichtiich

betraclitet, nocli dieselbe Konstruktion wie

an den Kirchen mit vierteiligem Aufbau. Dort ergibt es sich von

seibst, daB die Wandvor]age der Empore auf die des Erdgeschosses

zit stehen kommt. Nach Ausschaltung der Gew5ibe und der Schildwnde

der Empore behieit die obere HJfte des Strebepfeilers denselben

Piatz, den vorher Strebepfeiler und Wandvorlage der Empore

zusammen eingenommen hatten. Es ist se1bstverstnd1ic1i, daB

die beiden ersten Reimser Meister auch f ir das Langhaus die alte

Konstruktionsart gewihlt htten. Schieben wir daher einmal die

obere Hitlfte der Langhausstrebepfeiler bis in die Fluchtlinie der

Wandvorlagen in den Seitenschiffen! Daim wllrden sich die Strebebgen

verkieinern, und der Anfalispunkt der irnteren wirde am

sich aber ais Abkmm1inge der Rosen von Chartres. In den Chorkapellen und

an der Rundung des Hochehores ist sogar die Anordnnng der Fenstergruppen

von Chartres beibehalten: Zwillingsfenster und ehi die ganze Breite der Schildwand

einuehrnender Sechspa, darliher aber kein rundor Schildbogen, soudern cm

spitzer, der Zwiekel zwischen Sechspaâ und Schildbogen geliffuet. Die Folge

war, daâ auch die Zwickcl innerhalb des Sechspasses und zwisehen ibm und den

beiden kleinen Spitzbtgen geiiffnet werden mnUten, so daâ nur noch Trennungsstbe

iibrig blieben. Diesem ,,MaBwerk" entspricht unteji das ans eineni ilittelund

zwei Wandpfosten gebildete ,,Stabwerk', dessen Stelle noeh in Chartres ein

schichtenweise aufgeinauerter Pfosten, also ein schmales Stiick 'SVand, eingenommen

batte. In den breiteren Fenstern der Sebiffe tritt eine Verschiebung

des Verhiiltnisses von Stab- und MaBwerk ein. Da ein die ganzc Fensterbreite

einnehmender SecbspaB den beiden spitzbogigeii Ôffnungen unter ibm zu wenig

Platz gelassen hutte, erhielt er ungefuhr die Gr8e, die man cinem Okulus über

einem Zwillingsfenster gegeben hutte.


- 61 -

Strebepfeiler hinaufrticken. Der Strebebogen, der, vielleicht noch

von JEAN LE Loup, von Joch I nach dem Strebepfeiier y der westlichen

Querhaustirme hiniibergespannt ist, hat seinen Fufpunkt in

Hhe II. Er ist stark gestelzt. Bei den folgenden Strebeb5gen ware

die Steizung nicht notwendig gewesen, weii der Abstand der folgenden

Strebepfeiler von der Hochschiffswand etwas grBer geworden

ware. Der rpijrlflstrebepfejler y steht nitrniich schon zur Hiilfte auf

4cm Seitenscliiffsgurtbogen. 1) Also auch voit aus kommen wir

zu der Erkenntnis, daB JEAN LE Lou p das Gesims in Hihe II uni

den (ranzen Ban in derselben Ebene htte herumfihren kônnen.

Dann hatte auch die Einteilung des eigentlichen Strebepfeilers mit

dent Pinakel tibereingestimmt, wiihrend BERNARD den

grLU3eren Strebebogen weiter herunterfûhren (iioch tinter Hihe I)

und den Pinakel so weit Iiochziehen mul3te, dafi er noch den Rucken

des oberen Strebebogens deckt. So ergab sicli fur den Fuflpunkt

des Pinakels die Wihe HI. Die Strebebôgen des JEAN LE Loue

waren etwas steil geworden, und das mag der Grand gewesen sein,

weshalb BERNARD die Strebepfeiler vont. Hochschiff abriickte. Er

erhielt dadurcli f tir den Bogen eine konstruktiv giinstigere und

.st1ietisch gefllligere Kurve. Fur das Strebesystem des ersten

Meisters hitte sich ebenf ails eine giinstigere Kurve ergeben. Denn

die Langhausskizze des VILLARD lflt erkennen, dafi JEAN n'ORBÂIS

die Angriftspurikte der Strebebôgen am Hochschiff tiefer legen wollte.

Es ist freilich nicht mtgIich, auf Grand einer Skizze die Angriifspunkte

genau zu fixiereii. DaI3 sie aber tiefei ais lieute liegen

soliten, beweist unwiderieglich die Existeuz der lingel in den

Fensterzwickeln. Das mir Ausfiihrung gelangte Strebesystem idf3t

fur Engel, die so grol3 sind, daB sie dcii Zwickel einigermaflen

f ililen - und das soilten sie hier so gut wie an den Chorkapeileii -

keinen Platz. Die Engel sind nur dann mgIicb, wenn der IRUcken

des oberen Strebebogens nicht liber den Fuf3punkt der Archivolte,

die den Fensterbogen einrahmt, hinausgeht. Ziehen wir nun wieder

die Skizze des Chorstrebewerks, die uns schon einmal zut- Kontrolle

der Langhausskizze gedient liat, zum Vergieich lieran, so scheint

hier zwar auf den ersten Blick der obere Strebebogen so hoch

wie der ausgefiihrte anzugreifen. Bei genanerer Betrachtung er-

2) Desbalb mutdn in Reims aile Seitenschiffsgurtbigen uugewihniich breit

ausgefiihrt werden; ,,sehon in Chartres war cine geringere Stiirke fUr zu1ssig

gehalten, ebenso in Amiens usw." (D. & y. B. II S. 133 Aiim. 1). Der Grund ist

darin zu suchen, daG in keiner anderen Kirche die Gurtbiigen in irgendeinem

Joche der Seitenschiffe durch Strebepfeiler belastet werdeu.


- 62

gibt sich aber, daB VILLÂ1D die ganze Fensterlaibung, soweit sie

serikrecht ist, zu hocli gezogen hat. Zwischen den Fensterkapitellen

und dem Gesims bleibt kein Platz ftr einen Fensterbogen. Ein

soicher Fehier konnte bei einer Skizzierung des Querschnitts leicht

vorkommen, whrend er bei einer Skizze en face ausgeschlossen ist.

1m Verht1tnis zur Fensterlaibung greift der obere Strebebogen nach

der Cborskizze die Wand an derselben Stelle an wie nach der

Langhausskizze; das Kapiteli des Sii.ulcliens der ituBeren Wandvorlage

unter dem oberen Strebebogen sitzt etwas unter dem

Kmpferpunkte des Fensters, der RUcken des Bogens Uber diesem

Punkte etwa am Fu13 der Rahmenarchivolte. Per untere Strebebogen

greift am Karnpfer der Gewilbe an. Das hei8t aber nichts

anderes ais, dali nach dem ersten Plan die beiden Strebebgen genau

an denselben Stellen angreifen soliten wie die entsprechenden

in Chartres. Per dritte Strebebogen, der in Chartres am Gesims

angreift, ist in Reims weggelassen. In Chartres liegt die lJeckplatte

des Gewilbekapite1ls und des Kapiteils der Wandsihile unter den

unteren Strebebogen genau in gieicher Hohe, und der Rlcken des

oberen Bogens trifft den FuBpunkt der Fensterarchivolte. Lassen

wir also den unteren Strebebogen in dei' Kiirnpferhhe des G-ewôlbes

angreifen, so wiirde er, wenn die Kurve eine %hn1iche

Krimniung erhielte wie in Chartres, den in die ursprlinglich geplante

Stellung geschobenen Strebepfeiler in Hhe II treffen. Auch

die Rekonstruktion des urspriinglichen Strebewerks fiilirt also zu

dem Schlul3, daB JEAN DORBAIS das Gesims unter der Rose um

den ganzen AuBenbau mit Ausnahme des fUnfscliiffigen Choies,

dessen Strebewerk ja auch in Chartres von dem der Schiffe abweicht,

in Hôhe II herumfilliren wolite. Auch JEAN LE Loup hielt

diese Hhe des Gesimses fest, riickte aber die Angriffspunkte beider

Strebebgen hôher. Es ist mtiglich, daB ilin dazu lediglich der

SVunsch veranlaBt hat. die Pinakel an den Strebepfeilern der Fassade

auf das Strebesystem des ganzen Geb.udes zu Ubertragen.

Aber auch in koristiuktiven Bedenken kann der Grurid zu suchen

sein. Die Stelle eines Bogens, die voi' allem der Widerlagerung

bedarf, ist nicht der Kiimpfer, sondern der Punkt, der in der Hôhe

des ersten Drittels des Bogensehenkels liegt. Zur Zeit des JEAN

LE Loup war das den gotisehen Meistern bekannt, vie ein ais

Palimpsest erhaltener RiB beweist, von dem spitter (S. 85) noch

ausf'tihrlich die Rede sein wird.

Tnsere These, daB JEAN D'ORBAIs das Strebewerk von Chartres

kopieren wolite, erMit schliei3lich eine weitere StUtze durch cine


63 -

steinerne TTrkunde, die uns ein Bildhauer hinterlassen bat. Es ist

das Muttergottesbild im Tympanon des kleinen Portais an der

nrd1ichen Querhausfassade (s. Fig. 10). Die Jungfrau site hier

unter einem kleeblattfrmigen Baldachin, der dem Querschnitt einer

gotisehen Basilika assimiliert ist.. Fur uns ist das wichtigste am

Bilde das Strebewerk. Es besteht aus den beiden groBen, durch

radial gesteilte Arkaden verbundeiieu Strebebcigeri der Kathedrale

von Chartres. Daraus folgt erstens, daB in Reims die Kathedrale

von Chartres genau bekanut gewesen ist, und zweitens, daB jenes

Relief nicht schon um 1180 ,1) sondern erst nach 1194 entstanden

sein kann. Der Stil der Figur erlaubt uns sogar, bis in die Zeit

nach 1211 herunterzugehen und in ihr ein Werk zu sehen, das fUr

die neue Kathedrale ausgeftihrt worden ist. Dann aber ist die

- 1) 1m 46. Jahrgange der Gazette des Beaux-Arts, 1904, S. 177-199. bat

Lomsx PILLION einen Aufsatz liber ,,Das rom anisehe Portai der Kathedrale von

Reims" veriiffeutlieht, in dem sie nachweist, daI3 die rundbogigc Archivolte und

die beiden skulpierten Pfeiler die Reste chies Wandgrabes ans der alten Kathedraie

sind, wie es in âhnlicher Gestalt mit noch erlialtener Tumba in der Kathedraie

von Rouen zu sehen jet. Die beiden Engel liber der Archivolte fiiliten (lie

Zwickei des ehemals rechteckigen Wandfeldcs und ein noch ebenfalls erhaltenes

Gesims schloil es oben ab. Die Gesimsstbcke, die den Kampfer der rundbogigeu

Archivolte mit dem der spitzbogigen verbinden, und die Kapitelle dieser spitzbogigen

Archivolte sind bei der Versetznng der Fragmente nachgearbeitet worden.

Aber wie steht es mit dam Madoniienbi1de Louisz PJwON nimmf eS auch ter

das Grabmal in Anspruch und weist auf ein jetzt verschwundenes, in einer Zeichnung

tiberliefertes Grabmal in Saint-Père in Chartres hiii, in dessen Bogenfeld

eine Madonna - iibrigens ohne Baldachin - sitzt. Aber dieses Grabmal ist

liber 100 Jahre jiinger. An dem im 12. Jahrhundert crrichteten Grabmal in

Rouen fehit die Madonna, ebenso noch an dem Wandgralie des Bisehofs Gérard

de Conchy, das bald nach 1257 in der Kathedrale von Amiens im westlichsten

Joch des nrd1iehen Chorumganges errichtet wnrde. (S. die Abbildung bei

C. GURLITT; Die Baukuust Frankreichs, Taf. 104 und bei E. Duan, Monographie,

Textband II, S. 531. Ver Beweis, daLl sie in Reims zum Grabmal gehi5rt

htte, knnte also nur dnrch die Stilkritik geflihrt werdcu. LoulsE PILLION

glanbt ihn gefùhrt zu haben; meines Erachtens mit Unrecht. Dali die Eiigel in

den Zwickeln, die Figuren in den Archivolten und die Geistiichen an den Pfeilern

stiiistich und kompositioneil zusammengehôreu, ist zweifellos. Die Madonna

jedoch zeigt einen entwiekelteren Stil auch ais die von L. P. auf S. 195 ahgebildeten

Figuren. Entsclieidend ist aber, was man bisher vollstndig libersehen

bat, dal3 am Baidachin das Strebewerk von Chartres nachgebiidet iet. F

bliebe freilieli noch zu erwilgen, oh ein i%hnliches Strebewerk nicht schon an

cinein friiheren, untergegangcnen Ban angewandt worden sein kiinnte. Aber

das ist mehr ais uawahrscheinlich, da cia se ,,nnvergieichlich wuchtiges" Strebewerk

nur an einem 80 groen und kraftvollen Bau wie der Kathedrale von

Chartres denkbar ist. Also bleibt auf jeden Fali das Jahr 1194 der âuBerste

terminus post qm.


04 -

Frage aufzuwerfen: was soll die Sancta Maria Remensis in deni

Modeil der Kathedrale von Chartres? Um diese Zeit mul3ten ja

die Pline und das Modeli fur die Reimser Kathedrale ausgefiïhrt

und den Bildhauern bekannt gewesen sein. Warum setzte man das

Muttergottesbild nicht in eine kleine Reimser Kathedrale? Es

bleibt mir der Sch]uI iîbrig: dieses Relief schiieSt sich an das

Proekt des JEAN D 1ORBAIS flir die Kathedrale von Reims an. Aber

spricht nicht die Skizze von VILLArn, die das Strebewerk des

(hores wiedergibt, dagegen? Keineswegs. Demi fr den (2hor kaiin

JEAN D'OaBAIs ans dem Grunde die Verbindung der Strebebgen

durch radial gesteilte Arkaden iiabeii unterlassen wolien, weii sic

entweder nur fur die inneren oder nur f lir die àufleren Strebebôgen

môgiich gewesen wre. Die Arkadensituichen zwischen den tuBeren

Strebebgen kbnnen nicht nach demseiben Mittelpunkte zusammen -

laufen wie die SuIclien zwischen den aul3eren Strebebgen, da die

Strebebgen nicht konzentrisch sind und der inuere Strebepfeiler

die Reihe der Arkadensu1chen ais Sekante rob durchschnejden

wUrde. Ans diesem Grunde hatte auch der Meister von Chartres

nur den oberen der beiden inneren (1iortrebebôgen durch chien

iuf3eren Strebebogen aufgefaiigen. Wolite man aber beide innere

Bôgen bis zum âufleren Strebepfeiler fortfflhren, so durite man

weder die innereii noch die iiuf3eren Bgen durch eine radial gestelite

Arkatur verbjnden. - Nachdem wir auch durch die Tintersuchung

des Strebewerks dcii Anteil der einzeinen Meister am. Bau

bestimmt und die Abhngigkeit des JEAN D'ORBAIS vom Meister

der Kathedrale von Chartres bewiesen haben, gehen wir dazu liber,

die urspriinglich geplanten Fasaden und Tiirme und ihre Einwirkung

auf den Grund- und Aufril3 des ersten Gesanitentwurfs zu betrachten.

Das Querhaus der Reimser Kathedraje hat breitere Seitenschiffe

ais das Langhaus. Die Foige ist cille kleine Unregelmiilligkeit

mi Langhause, nmlich die grôflere Breite des ist1ichen Joches.

Flir die grtere Breite der Querhausseitenschjffe kann kaum cm

anderer Grund bestimmend gewesen sein ais die Absicht, dcii Querhaustiirinen

eine breitere Basis zu geben. Das Iegt den Gedanken

nahe, dal3 die Westtflrme nach dem ersten Plane ein Seitenschiffsjocli

des Langhauses ais Basis erhalten soilten: denn wenn schoii

ursprtungiicli die WesttUrme so weit liber die Seitenschiffswiinde

htten ausladen sollen, wie es jetzt der Fa11 ist, so h.tte sich ja

cime Variation im Aufrit3 der drei Fassaden von selbst ergeben,

auch wenn das istlichste Larighausjoch dieselbe Achseu- oder wenigstens

Arkadeiiweite erhalten hatt,e wie die tibrigen Langhausjoche


- 65 -

Verfolgen wir diesen Gedauken weiter und werfen wir zunchst

einen Blick auf den Querschnitt des Langhauses! Da drii.ngt sich

uns sofort die Frage auf: erlaubt dieser Querschnitt die Anlage

dreîer Portale, die in einem angemessenen Gri13enverhiltnis zu

einander stehen? Wir hatten bel der Untersuchung der Fassaden

der frihgotischen Kirchen gesehen, dafi die Proportionen eluer Fassade

mit schlanken Tirnien fur eine dreiteilige Portalanlage ungiinstig

sind (Seuils, Mantes). In Senlis hatte mati deshalb ein

gro6es Mittelportal und zwei kleine Nebenttiren angelegt. Die

Folge war der Verzicht auf plastisehen Schmuck der kleinen Portale

und auf einen Anschlut3 des Fassadenauf risses an das Langhans

gewesen. Ein soicher Verzicht war in Reims unmiglich. Die

Querhausfassaden passen sich dem Aufbau der Schiffe an, und der

Querschnitt des Hochschiffes im Langhause ist, wie wir S. 58 gesehen

haben, ebenfails auf die Weiterfthrung des Triforiums und

die Einfiigung eines Rosenfensters von dem Durchmesser des jetzigen

in den oberen Teil des Mitte]schiffes angelegt. In Mantes haif mati

sich, ungeMhr am dieselbe Zeit, ais in Reims die Kathedrale begonnen

wurde, durci Verschiebung der Strebepfeiler m. Auch diese

Lisung war in Reims unmg1ich; denn die Folge ware eine Verkleinerung

des Rosendurchmessers gewesen, und damit wre eine

volikommene Anpassung des Rosengescliosses an das T-Iochschiff unmôglich

geworden. Es mul3ten also drei ungefahr gleich hohe, mit

Figuren geschmckte Portale zwischen den durcit die Hoehschiffsund

Seitenscliiffsw%nde festgelegten Strebepfeilern untergebracht und

mit ihnen der Raum bis zum Fut3gesirns des Triforiums gefiillt

werden. In Chartres war der Querschnitt der Seitenschiffe fur die

Nebenportale gEnstig gewesen (s. Fig. 7), im Mittelstiick ware

rechts ami links vom Hauptportal ein Stiick Mauer stehen geblieben,

das man wohl aucli an der Westfassade durcli B1endbgen gegliedert

hutte, wie es an den Querhausfassaden geschehen ist. In

Reims dagegen wiirde sich umgekehrt das Hauptportal gut in das

MittelstUck eingefUgt haben, wuhrend die Anpassung der Nebenportale

an dcii Querschnitt der Seitenschiffe Schwierigkeiten gemacht

hatte. Es gait also hier elle vilhig neue Lôsung zu finden,

und d as war nur durch Variierung des Laibungswinkels am Hauptportai

und an den Seitenportalen miglich, wie sic in âhulicher

Weise auch an der jetzigen Fassade darchgefiihrt worden ist. Das

Mittelportal Mtte den normalen Laibungswinkel von 450 erhalten

kiinnen, wuhrend fur die Seitenportale ein bedeutend steilerer, am

besten von 900 , hittte gewuhit werden misseii.

onze, Dag Fau&dnprobIem. 5


66

Diese Erwgungen batte ich angestelit, ais ici auf die beiden

Portale an der n5rd1ichen Querhausfassade aufmerksam wurde.

Denn das ôstliche hat tatsiichlich einen Laibungswinkel von 900,

whrend das ins Mittelsehiif fiihrende den normaien Laibungswinkei

von 450 bat. DaB diese Portale erst spiter an die Querhausfassade

angefilgt worden sind, ist auf den ersten Blick kiar. Ich hatte sie

deshalb zuerst, im Einkiang mit der frUheren Forschung, ais eine

im erstell Plane nicht vorgesehene und darum fur den Gesamtentwurf

bedeutungslose Zutat angesehen. Aber wenn wir genauer

zusehen, so bemerken wir, daB hier zwei fertige, fur einen ganz

anderen Grundrifi bestimmte Portale versetzt worden sud. Die

Strebepfeiler e und e1 muflten an ibrer Stirnseite um ca. 1 m, der

Strebepfeiler w an der dem Portai zugekehrten Seite um ca. 81 4 in

abgestemmt werden, damit die beiden Portale tiberhaupt an die

Querhausfassade angefiugt werden konnten. flatte es sich nur darum

gehandeit, eunzehne, urspriunglich fUr die Westfassade bestimmt gewesene

Figuren zu verwerten, so htte nichts gehindert, die MaI3e

fUr die Portale so zu withien, daB sic sich ohue Schwierigkeit der

Querhausfassade hitten anpassen lassen. Folglich waren nicht nur

die Gewndestatuen, sondenn auch, ganz oder wenigstens zum griifiten

Teile, die Laibungen und die die Portaibreite bestimmenden Tympana

ausgefUhrt. Die Laibungen beider Portale waren fUr eue

geringere Tiefe und das Mittelportal fUr ein breiteres Schiif berechnet.

Man wird aiso zu der Frage gedr.ngt: Sind die beiden

Portale etwa ais das Bnuchstuck einer Westfassade anzusehen, die

sich, wie es unsere Theorie veriangt, der Breite der Langhausschiffe

angepaBt hutte? In Fig. 11 haben wir die beiden Portale an das

Westende des Langhauses versetzt. Das Mittelportal hat hier

zwischen den Strebepfeiienn Platz und das Seitenportal fugt sich

der lichten Weite des Seitenschiffes genau cm, so daB im Innern

zu beiden Seiten gerade noch Platz fur die GewUibedienste bleibt,

w.hrend im ëstlichen. Querhausseitenschiffe das Portai von dcii Dienstbiundein

durcli schmaie Mauerstreifen getrennt ist, deren Summe

der Differenz zwischen dcii Seitenschiffen des Langhauses und den

breiteren des Querliauses gleicht. Die Ausladung der Strebepfeiler

rn und n und also auch der Strebepfeiler o ist genau gleich der

Ausiadung aller Strebepfei]er des Langliauses und Chores. Das

heifit: Der Turmgrundrifl wUrde in allen Einzelheiten, in

der lichten Weite wie in der Stitrke der Strebepfeiler,

so gestaltet sein, wie wir es a priori schon fur die Westfassade

der Kathedrale von Chartres angenommen liaben,


- 67 -

Wenn unsere Rekonstruktion richtig ist, so muB sicli das auch

durch die Ikonographie beweisen lassen. Da f tir das Querhaus im

ersten Plane keine Portale vorgesehen waren, mufite die Westfassade

das volisttindige ikonographische Programm einer Kathedrale des

13. Jahrhunderts bieten, Die Figuren des ausgefiihrten Seitenportais

stelien das Jtingste Gericht dar; am Mitteiportai haben die

Lokaiheiligen Platz gefunden, das dritte Portai hittte ein Marienportai

werden miissen. Es ist tatsichlich, wenn auch nicht voliendet,

so doch begonnen worden. Am rechten Gewânde des sudlichen

Portais der heutigen Westfassade stehen namlich sechs

Figuren, die ulter sind ais aile iibrigen und die maii deshalb scion

im Jahre 1851 ais Bruchstiicke einer aiten Westfassade in Anspruch

genommen hat. Es sind Propheten, vie sic zu einem Marienportai

gehren, den sechs Apostein des Gerichtsportais eiitsprechend.

Aber hutte es riicht aller Regel widersprochen, den Ma.rienzyklus

und das Jtingste Gericht an den Seitenportaleii darzusteilen? An

der Fassade in Amiens nimmt das Gerichtsportal die Mitte, das

Marienportal die redite und das Portai mit den Lokaiheiligen die

linke Seite eh. Und in Reims htitten Sixtus, Nikasius und Reniigius

den Ehrenplatz erhalten sollen? Das wiire allerdings hchst

auffallend. Aber es wiire niciit die einzige Ausnahme, die die

Reimser Kathedraie in der Ikonographie machte. In den G-lasgemiliden

des Hochschiffes sind die franztsischen Knige samt den

Erzbischfen, die die KrLnung volizogen haben, dargestelit.. Die

Kinigsgaierie enthiUt über der Rose die Taufe Chiodwigs, und man

wird daher den Schlut3 ziehen miissen, daB wir in den tibrigen

Figuren seine Nachfolger und nicht wie in der Panser Ktinigsreihe

die Vorfahren Christi zu selien haben. Notre-Dame de Reims est

ta cathédrale nationale; les autres sont catholiques, c'est-à-dire universelles,

elle seule est française.') Sie ist die Krnungskathedraie

und durci ihr Hauptportal zog der Kinig zur Krtnung cm. Er

htte also beim Einzuge zu semer Rechten am Gewtinde den Erzbischof

Remigius und unmittelbar liber sich, auf der rechten Huifte

des untersten Tympanonstreifens, die Taufe Chiodwigs gehabt. Am

linken Oewgnde ist der heiiige Nikasius mit semer Schwester

Eutropia, auf der iinken Hilfte des unteren Tympanonstreifens das

Martyrium beider dargestelit. Auch das rechtfertigten die besonderen

VerhJtnisse: Biscliof Nikasius war saint semer Schwester

auf der Schwelle des Hauptportals der ersten Kathedraie nieder-

1) E. MALE, L'art religieux du XIII' siècle en France. Paris 1902, p. 434.

51.


-

gehauen worden. Noch die heutige Westfassade zeigt, wie ungern

man die Heiligen vom Hauptportal verdrngt und wie man sie dafur

gewissermaflen entschtidigt hat. Die Kônigsgaierie entha!t, wie

scion bemerkt, statt der jiidischen die franzsischen Kinige, und

an der Innenseite des Portalpfeilers steht die Statue des Nikasius.

Eine Schwierigkeit f tir unsere Hypothese knnte man in einigen

Unstiminigkeiten am Gewi%nde der alten Portale sehen. Die Portale

in Amiens sind in der Anlage einheitlich, die heutigen \Vestportale

in Reims ebenfalis. Die Figuren an beiden GewiLndeii des Heiigeiiportais

und die drei Apostel am rechten Gewiunde des Gerichtsportais

stehen dagegen auf Postamenten, die sich auf einer gemeinsamen

Sockelbank erheben, wiilirend die drei Apostel am linkeu

Gewinde des Gerichtsportals und die fur das Marienportal bestimmten

Propheten von kieinen, ausgekragten Figuren getragen

werden. Die Hifte der Gewhndestatuen, nLin1ic1i die sechs am

Heiigenportal und die drei iinken am Gerichtsportal haben Nimbeii,

die anderen nicht. Das Mittelportal ist a!so einheitlieh (F'iguren

auf Postamenten und mit Nimben), das Marienportal wre ebenfails

einheitiicli geworden Figuren oline Postamente und ohne Nimben),

das Gerichtsportal zeigt ein Schwanken (die drei Apostel ohne

Nimben stehen auf Postamenten, die drei mit Nimben auf kleinen

Kragfiguren, d. h. die Gruppe, die sich in der einen Beziehung dem

Mittelportal anschlief3t, folgt in der anderen dem Marienportai). Das

Marienportal, von dem nur die Gewàndestatuen zur Ausfiihrung gekommen

sind, ist natiirlich das jiingste, und das Heiligenportal ist

infoigedessen das alteste. Es zeigt sich aiso kein planloses Durcheinander,

soilderil eine Entwickiung vont Heiligen- zum Marientportal.

Schliefilich ist noch die Frage aufzuwerfen, ob der Stil der

Figuren erlaubt, sie zeitlich vor die Figuren der Westfassade zu

setzen. Denu, wenn unsere Ilypothese richtig sein sou, miissen

die Portale vor dem Entwurf f tir die neue Westfassade voilendet

gewesen sein. Widerspricht dieser Datierung nicht der Stil dci'

Christusfigur anti Pfeiler des Gerichtsportals? In der Tat, diese

Figur ist jtinger oder zum mindesten nicht Luter ais z. B. die Heimsuchungsgruppe

an der Westfassade. Aber es wLure cia hôchst

merkwtirdiger Zafali, wenn zur Zeit des Wechseis in der Bauleitung

zwei Portale der alten Westfassade genau bis auf die letzte Figur

und die letzte Quader fertig gewesen wiiren. Ist der Meisterwechsel

aber in dem Augenblick eingetreten, ais sich das Gericlitsportai

der Voilendung nLuherte und das Marienportai eben erst in


Angriff genomnien war, so konnte JEAN LE Loue den sechs Prophetenstatuen

einen Platz in seinem neuen Fassadenentwurf anweisen,

whrend er die schon in gril3eren und wichtigeren Teilen

ausgefïihrten beiden anderen Portale vorlâufig liegen lasseii mul3te.

Denn die dringendste Aufgabe, die semer harrte, war die Voliendung

des Chores, trnd erst ais nach ihrer Ltsung im Jahre 1241

Steinmetzen in gentigender Zahi frei geworden waren, kounten die

Portale an ihren heutigen Platz versetzt werden, da diese Arbeit

ziemlich zeitraubende Eingriffe in das konstruktive Gerippe der

nôrdiicheil Querhausfassade ntig maclite. Vorher miiften nattirlicli

die fehienden Stiicke nachgearbeitet werden. Die stiikritische

Untersuchung dieser Stiicke kaun deshalb nur feststellen, wie lange

nach 1241 die Versetzung der Portale vorgenommen worden ist.

Bis zur eiidgiiltigen Aufsteilung der alten Portale batte sich der

Stil an der neuen Westfassade, die gerade so wie jene zunachst

mehr Bildhaiier- ais Steinrnetzenarbeit erforderte und daher sogieich,

scion vor dei Vollendung des Chores, in Angriif genommen werden

konnte, weiter entwickeit, und darum kaun man, ohne Schaden fur

unsere Hypothese, einige Figuren der Westfassade zwischen die

iiltere Hauptmasse und den jiXngeren Rest der Skuipturen an den

Qnerhausport.alen zeitlich einreihen, ja, die Annahme eines Wechsels

des Fassadenprojektes und einer vorilUifigen ZurUckstellung der

beiden alten Portale gibt allein eine einleuchteiide Erkliirung fur

die Tatsache, daf einzelne Telle des Gerichtsportals junger sind

ais die iitesteii F'iguren in dem neuen Zykius der heutigen Westfassade.

\Vir kehren jetzt zum Gesamtentwurf des JEAN D'ORBAIS zurilek.

In Chartres batte man auf das tJbergewicht der Querhaustiirme

verzichten miissen, •weil die Seitenschiffsjoche des Larighauses wegen

der Laibung der Westportale in der Nord-Siid-Richtung gestreckt

werden rnu&en (vgi. S. 39). Die Portallaibungen der ersen Reimser

Fassade waren aber nicht in die Wand des westlichen Joches,

sondera zwischen die Strebepfeiler gefalien. Deshalb rnul3ten die

Seitenschiffsjoche quadratisch angelegt werden; denn sonst htten

die Westtiirme eine oblonge, iii der Ost-West-Richtung gestreekte

Basis ei'halten. Wire nul die Jochweite bis zur Vierung durchgefiihrt

worden, so wmire durch das iistlichste Langhausjoch f iir das

Querhaus dieselbe Seitenschiffsbreite und darnit dieseibe Turmbasis

festgelegt worden. Da aber gerade das vermieden werden soute,

wie die Kathedraieii von Laon und Chartres zeigen, so war beim

istiichsten Langhausjoch eine kleine TJnrege1rn.13igkeit nicht zu w -


TU -

gehen; es mu6te schmLIer oder breiter werden. Eine Verringerung

des Achsenabstandes witre aus einem doppelten Grunde unzweckmiiBig

gewesen, erstens, weil daim die Querhaustirme kleiner ais

die Westtûrme geworden wâren, und zweitens, weil die lichte Weite,

die schon bei gleichem Achsenabstande wegen der grM3eren Strke

der Vierungspfeiler geringer ist ais in den tbrigen Jochen, allzu

kiein geworden ware. Es blieb also nur eine Verbreiterung der Querhausseitenseliiffe

ubrig. 1m Chore gelang es iîbrigens dem Meister,

aus der Not eine Tugend zu inachen, indem er den Achsenabstand

der drej Joche ailmiihijeli von West nacli Ost abnehmen und schlieBlich

die Halfte eines regeimtl3igen Zehuecks mit noch etwas geringerer

Achsenweite folgen lieB. Dadurch wurde zugleich ein guter

Anschiufl des halben Zehnecks an den Langchor erreicht, Denn

die Gewiilbekappen eines reguliiren 6/ 10-Chores mlissen mit dem eew1be

des istlichen Joches zusammengezogen werden, weil sonst ihr

SchiuBstein auf den ôstliclisten Giirt fallen und ibn in wagerechter

Richtung durchdriicken wiirde. Hat min das ëstlichste Joch dieselbe

Breite wie die anderen .Toche, wie z. B. in Soissons und Troyes,

so bilden die Diagonairippen seines mit dem Chorbaupte zusammengezogeneii

Gew61bes mit dem Gurtboden einen grf3eren Winkel ais

die Rippen der librigen Gew&be. Durch die Reduktion der Joclibreite

ist min erreicht worden, daB das halbe Krenzgev1be auch

mir ein Joch von etwas mehr ais lialber Breite zu decken hat, und

daB infolgedessen die Rippen mit deni Gurt anniihernd denselben

Winkel bilden wie im benachbarten Joch. Hand in Hand mit der

Abnahme der Jochbreite geht die Abnahme der Pfeilerstarke. Sie

scheint also iediglich âsthetisch begriindet zu sein, in Wahrheit

sirid die stitrkeren Pfeiler konstruktiv notwendig. Denn die Pfeller

n 1 (w, e, e1 ) und s (w, e, e1) tragen die Querhaustdrine. Den Pfeilern

n 1 e1 und s e1 zuliebe haben aber auch die Pfeiler n e 1 und s e1 den

gleichen Durchmesser erhalten. Es ergibt sich also folgeude Reihe:

Vierurigspfeiler n e und se (Pfeilerstarke 1); Joch E1, Pfeilerreihe e1

(Pfeilerstarke lI = Querhausturmpfeiler); Joch E11 in dci' Breite

eines Langhausjoches, Pfeilerreihe e2 (Pfeilerstiirke III = Langhauspfeiler);

Joch E111 ungefahr in der Breite einer Arkade des Chorhauptes,

Pfeilerreihe e3 (Pfeilerstarke 1V == Apsispfeiler). Die Verstarkung

der Pfeiler im Querhause (n 1 w und n 1 e, s w und s e)

war âsthetisch deshaib m6g1icii, weil die Querhausarme auf zwei

Joche beschrankt sind. Infolgedessen stehen die Turmpfeiler im

Querhause nicht mit schiaukeren Pfeilern in einer Reihe. Es ist

also die Rficksicht auf die verschiedenen Pfeilerstarken gewesen,


71 -

die den Meister JEAN D'OnBAIs gezwnngen hat, den Chor und du

Querhaus kurzer anzulegen ais in alleu anderen Kathedralen. Denn

die Einfigung eines einzigen Joches httte aile feinen Berechnungen

über den Hanfen geworfen. AuBerdem brachte die Reduktion des

Querhauses noch einen anderen Vorteil mit sich: die Strebepfeiler

m, n und o konnten an den Querhaustiirmen stitrker gebildet weiden,

da an der Ost- und Westseite des Querliauses sonst; keine Strebepfeiler

angebracht zu werden brauchten, die zum Vergleich mit den

Turmstreben herausforderten, und die Verstrebungen y, die nicht

bis zum Erdboden herunterreichen, erhalten durch die Strebebigen

über w 1 und e1 einen Gegenschub. Auch die unschne Durchkreuzung

der Strebewerke des Lang- und Querhauses bei n 1 w17 s w1, 81e1

und n 1 e1 fâlit weg.

Die stark zentralisierende Tendenz der Ostpartie wird durch

das langgestreckte Schiif abgesc1iwtcht., und es dringt sicli daher

die Frage auf, ob das Schiif nach dem Plan des ersten Meisters in

dieser L.nge beabsichtigt war. Das Langhaus der gleichzeitigen

Bauteii, der Kathedralen von Chartres und Amiens und der Abteikirche

von St. Nicaise in Reims ist bedeutend kiirze.r; es zaiiit in

den beiden zuletzt geuannten Kirchen sieben Joche. Bedenken wir

ferner, daB an der Stelle des Nordturmes der heutigen Westfassade

eine um 1200 erbaute Kapelle stand (vgl. S. 44 f.), so liegt die Vermutung

nahe, daB man ursprflnglich nicht mit dem Abbruch dieses

erst vor kurzem voliendeten Baues gerechnet bat. Wenn schon

JEAN D'ORBAIS die Kathedrale in ihrer heutigen Ausdehnung geplant

hutte, bitte er den Chor weiter nach Osten vorsehieben

knnen, wie es spiiter in eineni i.1iniichen FaI]e in Amiens geschehen

ist. Nun bat man schon seit langer Zeit versucht, die

Frage durch die bei w6 bemerkbare Naht zu Ibsen'). Dabei ist aber

libersehen worden, daB diese Naht nur im Hocnschiff die Joche VI

und VII trennt. In den Seitenschiffen befindet aie sich um ein

Joch weiter westlich, a]so bei w7. Bis hierher bat das Wandsockeiprofil

eine Hohlkehle, in den Jochen VIII—x nicht. An den

Pfeilerbasen im Mitteisohiif k3nnen wir die Hohlkehle nui bis W6

vez'folgen. Also hat bei w7 die erste Westfassade gestanden. Die

Portale passen ja, wie wir gesehen haben, genau in den Querschnitt

des Langhauses. Das Heiligenportal wird bereits vollstandig aufgeftïhi't

gewesen sein, von den beiden Seiteuportaien werden die

Laibungen gestanden haben 2).

1) VgI. z. B. die schon bei D. &. y. B. II, S. 155, widerlegte H.\pothce.

) Vom Gerichtsportal waren au&rdem Teile des Tympanons und der Archi-


Aber bat demi iiberhaupt JEAN D'OREAIs sehoii das Langhaus

begonnen? Der Text des Labyrinths bericlitet nichts davon, und

darum stelit es auch ANTHYME SAINT-PAUL in Abrede.') Trotzdem

niiissen wir auf Grund der stilkritischen Untersuchung den

Schiufi ziehen, daB JEAN D'ORBÂIS die Kathedrale in ihrem ganzen

Umfange, vom Chore bis zur Fassade, in Angriff genommen und sich

erst spitter auf die HochfUhrung des Querliauses und Chores beschrii.nkt

bat. Die Kapitelle der Pfeiler und Wandpfeiler stehen im Langhausse

bis w8 auf derselben Stiistufe wie im Chore. Noch wiclitiger sind

die Basen. Sic bestehen im ganzen Erdgeschof3 - einschliel3lich

der Querhausportaie! - an den Pfeilern bis w5, am Sockel der Seitenschiffswitnde

bis w7 ans Wulst, Kehie und 'Wulst, ebenso im Triforium

bis W,, abgesehen von der westlichsten freistehenden und

der mit den Pfeilern w 1 verbundenen StuIe. An den Basen der

Ma[3werksu1chen in den Fenstern des Querhauses und Hochehores

fehlt dagegen die Kehie; also bat sich noch unter JEAN D'ORBAIs

der Wechsel in der Basenform volizogen. Daraus folgt weiter, dafi

JEAN D'ORRAIS die Seitenschiffe des Langhauses vor dem Hochschiff

des Querhauses ausgeftihrt bat.

Nacli seinem Projekte soliten die Strebepfeiier w5 und w7 und

die Pfeiler w5 die Westtiirme tragen. Alierdings ist DEMAISON der

Ansicht, die Pfeiler seien zu schwach fur die Last der Turme').

Das ist jedoch ein Irrtum; denn die Westttirrne wiren icichter geworden

ais die Quer1iaustÎirme, da sic sich ja liber einer schmieren

Basis erheben soliten. Deshalb darf man, wenn man die Tragfiihigkeit

der Pfeiler vergleichen will, niclit die Pfeiler w6 nit den

ubrigen Langhauspfeilern vergieichen - denn diese konnten ja ans

sthetischen G-rlinden ein Plus an Stiirke erhalten haben -, sondern

man muB fragen: Hitte das Gewicht der TUrme in demselben

VerMituis gestanden, vie die Tragfhigkeit der Turmpfeiler, aiso

der Pfeiler im Langhause einer- und im Querhause andererseits?

Die Tragfhigkeit der Pfeiler ist bei gleicher Hôhe und gleichem

Material dem Quadrate ihrer Durchmesser direkt proportionai. Das

Gewicht dey Tiirme ist uns, da sic ja nicht ausgefiihrt worden

sînd, nicht genau bekannt. Aber wir werden nicht fehigehen, wenn

-

voiten voilendet. Aber sie knnen nur im Atelier gelegen haben, da der Pfeiler

mit der Christusstatue erst unmittelbar vor der Veretzung des Portais an die

Querhausfassade ausgefdhrt worden ist (vgl. S. 68 f.).

1) Bull. mon. 1906, LXX, S. 311.

2) Be. mon. 1902, LXVI, S. 351.


vir ajinelimen, daB die Westtlirme nicht nur schlanker, sondern

auch. wie in Laon, niedriger ais die Querliausttirme werden soliten,

und zwar ungefiLhr uni vie], daB die Hihen in demselben VerhiLltnis

gestanden hktten, wie die Seiten der Basis. i)ann wflrden

sich die Gewichte der Tiirme zueinander verhaken wie die Kuben

der Basisseiten. Bezeiclinen wir die Pfeilerdurchmesser mit a und fi,

die Seiten der Turmbasen mit a und b, so ergibt sich die Gleiclmng:

2 : fi2 = a3 : b3 . Leider eriaubt der Ma(3stab der mir zur

Verffigung stehenden Aufnahmen nicht, den Durchmesser der Pfeiler

mit geiiligender Sicherheit zu messen. Aber ungefhr ergibt die

Messung sowohi fur c, 2 : fll ais auch fr a-1 -b 3 das Verhiltnis 3:4.

Wenn also die Pfeiier im Querhause fur die Querhaustirme stark

genug sind, so htten aucli die Pfeiler w6 die von JEAN DORBAIS

geplanten Westtiirme zu tragen vermocht. Die Berechnung der

Tragfahigkeit der Pfeiler best.tigt dalier im Verein mit der stilkritischen

Untersuchung des Langhauses die Richtigkeit unserer

scion fur die Kathedrale von Chartres über dus VerMitnis der

Fassaden und Tiirme zum Gesamtaufril3 und -gruiidri8 aufgestellten

Hypothese auch in dem Punkte, daB die Pfeiier der Ttirme im

Innern ais soiclie gar nicht bemerkt werderi soilten.

Per Auflenbau hutte eine streng zeritral komponierte Gruppe

ergeben: in der Mitte der den ganzen Ban beherrschende Vierungstiirm,

an den Fassaden der sehr kurz gehaltenen Querhausarme

vier groile Tiirme, die mit dem Vierungsturm eine Gruppe gebildet

hitten, am Ende des Langhauses zwei kleinere, der ôstlicheu Gruppe

untergeordnete Fassadentiiime. Die Durchbrechung der streng zentraleii

Komposition der Ostpartie durch einen Bingeren Westarm

war ans praktischen Griinden unvermeidlich. Aber dus Langhaus

durfte doch eine gewisse Lunge nicht iiberschreiten, wenn das Prinzip

der Subordination aller Fassadentiirme unter den Vierungsturrn

nicht aufgegeben werden soute. Deshalb zog der zweite Meister, ais

er sich zur Verlungerung des Langhauses uni. drei Joche entsclilossen

hatte, ans dieser Ànderung des Grutidrisses die Konsequenzen fur den

Aufrif3: aristatt die tibrigen Tirme dem Vierungsturin unterzuordnen,

schuf er der ustiichen Turmgruppe ein Gegengewicht in Gestalt von

zwei groBen Westtih'men. Damit war das Prinzip der Subordination

durci das Prinzip der Koordination abgeldst. Jetzt waren auch sturkere

r1urmpfejler notwendig; daher erliielten die Pfeiler w9 die Sturke und

die Gestalt der Vierungspfeiler. Das Joch Wjx wurde ais ,,Strebejoch"

wie in St. Denis (S. 6) ausgebildet, indem die Riickwand des

Triforiums dicker und das Ma6werk der Hochschiffsfenster starker

j


ausgefOEhrt und den Pfeilern w8 1) die Stàrke der Querhauspfeiler

gegeben wurde. Die Vergrôf3erung der Turmbasis zog fur den Aufriil

der Fassade eine weitere Konsequenz nach sich; denn sie batte

dieseiben Schwierigke.iten heraufbeschworen wie in Noyon und Paris

(S. 7 f. und 14 if.). Deshalb wurde liber dein Rosengeschofl ein breites

horizontales Band angeordnet: die Kinigsga1erie. Das MitteistUck

vom Scheitel des Hauptportales bis zum Rosenscheitei behielt im

Entwurf des JEAN LE Loup dieseibe Gestalt wie bei JEAN D'ORBAIS,

erst BERNARD DE SOISSONS riickte das Gesims liber dem Triforium

tiefer und das Gesims liber der Rose hi5her, um den Turrnfenstern

neben der Rose eine grôflere Hhe zu geben (vgi. S. 57). Er wird

es auch gewesen sein, der an Stelle eines breiten zwei schmaie

Fenster gesetzt hat.

Ais Grund f iir die Verlangerung des Langhauses hat niaii angegeben,

daI3 sich die Kathedrale f tir die Krônungsfeierlichkeiten

ais zu kiein erwiesen habe. 2u Aber diese Erkiarung geht von der

Annahme ans, dag die heutige Westfassade ursprunglich bei w6

nach der Voliendung der Joche W1—W 1 errichtet und urigefahr

um 1300 an ihre heutige Stelie versetzt worden sei. Mir haben

aber gesehen, daB der Planweclisel mit dem Meisteiweclisel zusammenhing

und dag er zu der Zeit eintrat, ais vom Langhause

nus die Seitenschiffe und von der ersten Fassade nur zwei Portais

- und zwar bei w 7, nicht bei w6 - vollendet waren, aiso zu einer

Zeit, ais von der Benutzung des Langhauses noch nicht die Rede

sein konnte. Wir werdeii aiso eine andere ErkHiruiig suciien mtissen.

Erinnern wir uns (vgi. S. 45, Aam. 5), daB baid, nachdern der Grundstein

zur Reimser Kathedrale gelegt worden war, zwei Suffragane

des Erzbischofs, der Bischof von Arnicas im Jahre 1220 und der

Bischof von Beauvais im Jahre 1225, den Neubau ihrer Kathedraie

in grdiisrem Mafistabe begannen ais ihr Metropoiit, so begreifen

wir, daB um 1235 der iieue Meister dem neuen Bauherrn,

der seit 1227 auf dem erzbischf1ichen Stuhie safi, cia iieues Projekt

unterbreiten kounte, das in der Grôfle mit deni Unternehuien

der beiden Suffraganbischiife zu wetteifern und durch die Euttaitung

eines ungeheuren Reichtums an Skuipturen ailes bisher ge.

leistete in den Schatten zu steilen vermochte. Es war ein ghicklicher

Zufail, daB JEAN I)'OnBAIs sein Werk erst soweit ausgeftihrt

1) Bei GAILIIABAUD falsch, bei RING und in den ,,Cathédrales de France'

richtig dargestdllt.

2) D. & y . B. II S. 155.


73

hatte, daf3 eine Umarbeitung seines Entwurfes durcli JEAN LE Lot

noch mg1ich war. Es ergaben sicli keinerlei Unstimmigkeiten,

sonderu die Komposition, wie wir sie heute nocli vor uns sehen,

erscheint wie ans einem Gu13. Nur die beiden Westportale des

JEAN D'ORBAIS, mit denen sein Nachfolger nichts anfangen konute,

und die Skizzen, in denen VILLARD DE HONNECOURT uns den

Entwurf des ersten Meisters fur das Langhaus und dem Hochchor

Uberliefert bat, geben uns den Anstot3, nach dem urspriinglichen

Gesamtprojekte zu forschen. Dieses bat JEAN LE Loup mit

derselben Genialitat umgebildet, mit der MIcHELANGELO den Plan

BRAMANTES fur St. Peter in Rom zu Ende gefi.ihrt hat.

j

1/10 \ w

%


Lebensiauf.

Am 8. November 1882 bin ich, HANs CARL KUNZE, in Magdeburg

gehoreîi. Von Ostern 1889 an besuchte ich drei Jahre lang

die Biirgerschuic in Magdeburg-Neustadt. Osterin 1892 trat ich in

das stdtische Kônig Wilheims-Gymnasium in Magdeburg ein. Von

Ostern 1901 bis Ostern 1902 studierte ich in Halle, im Sommersemester

1902 in Marburg, bis zum Herbst 1904 wieder in Halle

evaugelische Theologie. lch hôrte Vorlesungen bei den I-lerre.n Professoren

und Dozenten ÀÀLI,, CLnrnIx, CONRAD, GERUARD FIcEEIt,

GOLDSCHMIDT, HATIPT t, HERING, HERRMAIÇN, HOIJLMANN, ,JtLICHER,

KiHLEB, EMIr KAUTZSCII f . KRAETiSCJIMAR f, KIRCIIUOYF j-, Looi's,

LiTGERT, MInET, HEISCULE f, ROBERT, ROTUSTEIN. SCUWARZ, So1j MER-

LAI), STAMMLER, STEUERNAGEL, UPIILES, VAIHINOER. WARNECK f.

1m 1)ezember 1905 besta.nd ich das Examen pro licentia concionandi.

1m Januar 1906 bezog ich die Universitiit zu Straflburg i. E..

uni christiiche Archo1ogie und Kunstgeschichte zu studieren. Meine

Lehrer waren hier die Hei'ren Professoren und Dozenten DEIII0,

.TOJ{ANNES FICKER, HARTMANN, MI0HAELIS f1 POLACZEK, SP1EGEL-

13ER& WINTEII. Theologisehe Voriesungen hrte ich noch bei Herrn

Lic. Dr. SCHWEITZER. Am 24. Juif 1909 bestand ich das philosophische

Doktorexamen. Vom 1. Oktoher 1909 bis zum 30. Semptember 1010

genhigte ich meiner mi1itrischen Dienstpfiicht im Badischeii Fufiartillenieregiment

Nr. 14 in Stral3burg i. E. Seitdem bin icli mit der

Erweiterung meiner Doktorarbeit und mit einigen kleineren baugeschiclitlichen

Untersuchungen besch&ftigt.

Allen meinen verehrten Lehrern bin ich zu grol3em Danke verpfiichtet,

ebenso Herrn Prof essor Dr. WILHFLM VOUE in Freiburg i. B.

fur das iebhafte Interesse, das er nieiner Arbeit entgegengebracht

hat, und f ir seine vielfach bewiesene Hilfsbereitsc.haft.

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