Toleranz nach evangelischem Verständnis

presseekbo

Synodale Texte, Vorträge und geistliche Worte von Bischof Markus Dröge.

TOLERANZ NACH EVANGELISCHEM VERSTÄNDNIS

Toleranz nach

evangelischem

Verständnis

www.ekbo.de

FRÜHJAHRSSYNODE 2013

Synodale Texte, Vorträge,

Geistliche Worte

Frühjahrssynode 2013

EVANGELISCHE KIRCHE

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz


Impressum

Herausgeber

Der Presse- und Öffentlichkeitsbeauftragte

der Evangelischen Kirche

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Pfr. Dr. Volker Jastrzembski

Georgenkirchstraße 69 / 70

10249 Berlin

Tel 030 · 2 43 44-287

Fax 030 · 2 43 44-289

presse@ekbo.de

1. Auflage 2013

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Helmut Raak

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h.raak@ekbo.de

Gestaltung

NORDSONNE IDENTITY, Berlin

Druck

Buch- und Offsetdruckerei

H. Heenemann GmbH & Co. KG


10. Tagung der Dritten Landessynode

der Evangelischen Kirche

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

19. – 20. April 2013

Vorwort 2

Synodale Texte 4

»Toleranz nach evangelischem Verständnis« – Thesen 5

»Leben mit dem bleibend Anderen – Toleranz in

evangelischer Perspektive« – Grundsatztext 7

Vorträge 34

»Wort des Bischofs« – Bischof Dr. Markus Dröge 35

»Reformation und Toleranz« – Professor Dr. Hans Michael Heinig 52

Geistliche Worte 72

»Predigt im Synodengottesdienst« – Professor Dr. Rolf Schieder 73

»Morgenandacht während der Synodaltagung« –

Landessynodale Solange Wydmusch 80

EVANGELISCHE KIRCHE

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz


Vorwort

»Nein, der Gott der Bibel ist kein toleranter Gott.« So lautet die These, die Professor

Rolf Schieder in seiner Predigt im Eröffnungsgottesdienst der Frühjahrssynode

2013 verkündigt hat. Damit wurden die Landessynodalen gleich zu Beginn davor

gewarnt, es sich mit dem Thema »Toleranz« theologisch zu leicht zu machen.

Nicht minder skeptisch die Landessynodale Solange Wydmusch, gebürtige Französin,

Christin reformierter Tradition. In ihrer Morgenandacht am zweiten Synodentag

heißt es: »Toleranz ist ein seltsames Wort für mich, ein Wort mit einem

bitteren Beigeschmack.«

Die Broschüre dokumentiert schließlich die beiden synodalen Geistlichen Worte: die

Predigt von Prof. Rolf Schieder und die Morgenandacht von Solange Wydmusch.

Das vorliegende Heft will mit seinen Texten einen inhaltlichen Beitrag zum

Themen jahr 2013 »Reformation und Toleranz« leisten. Den Leserinnen und Lesern

wünsche ich Anregungen für das eigene Nachdenken und Diskutieren über

ein Thema, das, so Hans Michael Heinig, »für alle Religionen, auch für das protestantische

Christentum, ein Dauerthema (bleibt)«.

Das Ergebnis der synodalen Beschlussfassung liegt Ihnen nun in den zwei ersten

Texten dieser Broschüre vor. Die Thesen »Toleranz nach evangelischem Verständnis«

fassen knapp die inhaltlichen Aussagen des Grundsatztextes zusammen.

Der Grundsatztext selbst trägt den Titel »Leben mit dem bleibend Anderen – Toleranz

in evangelischer Perspektive«. Er entfaltet zunächst historische Aspekte und

rechtliche Rahmenbedingungen, um dann eine kleine biblisch-reformatorische

Theologie der Toleranz zu wagen. Aus ihr werden Konsequenzen gezogen, die in

drei Bewährungsfeldern beispielhaft veranschaulicht werden. Eine Zusammenfassung

in zwölf Punkten schließt den Grundsatztext ab. Ich danke sehr herzlich

den Mitgliedern der Arbeitsgruppe, deren Namen auf Seite 33 genannt sind. Sie

haben im Auftrag der Kirchenleitung den Grundsatztext für die Synode erarbeitet.

Im Mai 2013

Bischof Dr. Markus Dröge

Im zweiten Teil bietet die Broschüre zunächst mein »Wort des Bischofs«. Ich benenne

darin einige aktuelle Spannungsfelder, in denen heute evangelischen Christinnen

und Christen im Bereich unserer Landeskirche eine Haltung der Toleranz

abgefordert wird. Es folgt der Hauptvortrag von Professor Hans Michael Heinig

unter dem Titel »Reformation und Toleranz«. Mit einer kritischen Grundhaltung

gegenüber dem »Verlautbarungsprotestantismus« nähert er sich einfühlsam

dem Grundsatztext, indem er ihn in sozialphilosophische und rechtliche Zusammenhänge

einordnet. Bei der Lektüre seines Vortrages werden die Leserinnen

und Leser entdecken, dass es (trotz der Warnung der Synodenpredigt!) möglich

ist, mit Martin Luther von der »Toleranz Gottes« zu sprechen – allerdings in einer

besonderen Weise.

2 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORWORT

3


Sydonale

Texte

»Toleranz nach evangelischem Verständnis«

Thesen

Die Suche nach Gemeinsamkeiten gewinnt angesichts der Pluralisierung der

Lebenswelten in unserer Gesellschaft eine immer größere Bedeutung. Deutschland

ist ein Zuwanderungsland. Menschen verschiedenster kultureller und religiöser

Prägung leben dauerhaft in dem Gebiet unserer Landeskirche zusammen.

In Berlin gibt es nach Schätzungen des Senats mehr als 300 Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften.

Vor diesem Hintergrund entwickelt das Papier

»Leben mit dem bleibend Anderen – Toleranz in evangelischer Perspektive« im

Themenjahr »Reformation und Toleranz« eine inhaltliche Orientierung für einen

christlich verantworteten Toleranzbegriff.

Kontext

1. Religiöse Toleranz wurde durch die schrittweise Trennung von Kirche und

Staat nach den Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts und die Aufklärung

des 18. Jahrhunderts möglich. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung

aller Religionen und Weltanschauungen wurde allerdings erst mit der

Weimarer Reichsverfassung 1919 deutschlandweit garantiert. Das bis heute

geltende Religionsrecht hat sich bewährt: Es vollzieht die Trennung von Staat

und Kirche und eröffnet den Religionsgemeinschaften im Rahmen der Verfassung

gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten.

2. Auf der Basis der von der Verfassung gewährten Freiheitsrechte sind alle gesellschaftlichen

Akteure aufgefordert, ein tolerantes Gemeinwesen zu gestalten.

Christinnen und Christen als Bürgerinnen und Bürger sowie die Evangelische

Kirche als Institution wirken an der Gestaltung der Gesellschaft mit und

bringen ihr Verständnis von Toleranz in den gesellschaftlichen Diskurs ein.

3. Toleranz ist weder als ein laissez-faire noch als Gleichgültigkeit zu verstehen.

Sie ist von einem echten Interesse an Menschen geprägt, die ihre Kultur und

ihre Lebensweise dauerhaft beibehalten wollen. Es geht bei der Einübung

von Toleranz darum, mit dem daraus resultierenden Spannungsverhältnis

umzugehen. Toleranz muss sich im Zusammenleben bewähren.

4 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

5


»Leben mit dem bleibend Anderen –

Toleranz in evangelischer Perspektive«

Grundsatztext

Theologische Grundlegung

4. Christinnen und Christen leben von der »unergründlichen Toleranz und Weisheit

Gottes« (Martin Luther): Gott schenkt dem Menschen als Geschöpf das

Leben und gewährt ihm trotz seines Sünderseins Gnade. Doch führte diese

reformatorische Erkenntnis in ihrer Zeit noch nicht zu einem toleranten Denken

gegenüber Andersgläubigen.

5. Christinnen und Christen in der Nachfolge Jesu lassen sich von der Liebe als

Kriterium für Glaubenswahrheit leiten. Ein solcher Wahrheitsanspruch ist

nicht intolerant. Das persönliche, notwendigerweise unvollkommene Glaubenszeugnis

muss von der Wahrheit Gottes unterschieden werden, die der

Mensch nie in ihrer ganzen Klarheit und Fülle erkennen kann.

6. Christinnen und Christen vertrauen auf den Gemeinschaft stiftenden Geist

Gottes. Sie können einseitige Schritte der Toleranz wagen und bauen auf ein

freundschaftliches Miteinander in wechselseitiger Toleranz.

7. Christliche Toleranz ist die konsequente Antwort auf die Toleranz, die Gott

dem Menschen gewährt.

In zunehmend plural geprägten Lebenswelten wird die Suche nach Orientierung

in Lebens- und Glaubensfragen schwieriger, weil es so viele Angebote dafür gibt.

Der Freude an der Vielfalt der Auswahlmöglichkeiten steht daher auch immer

wieder die Sehnsucht nach verlässlichen Gemeinsamkeiten gegenüber. Menschen

fragen sich: Wo stehen wir? Sollen andere werden so wie wir? Oder wie

kommen wir auf immer engerem Raum zu einem guten Miteinander? In all dem

schwingt die Frage nach Toleranz mit, nach ihren Gründen, Möglichkeiten und

Grenzen. Der vorliegende Text richtet sich an Pfarrerinnen und Pfarrer, Lehrerinnen

und Lehrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und alle, die in den Gemeinden,

Einrichtungen und Ämtern unserer Kirche Interesse haben, sich mit einem christlich

verantworteten Toleranzbegriff auseinanderzusetzen. Er will im Themen jahr

»Reformation und Toleranz« der Reformationsdekade eine inhaltliche Orientierung

zu einem christlich verantworteten Toleranzbegriff bieten und zugleich

zum Einüben echter Toleranz ermutigen.

Praxisfelder

8. Bei der Diskussion über Integration dürfen Glaubensfragen nicht ausgeklammert

werden. Sie gehören zur menschlichen Identität. Die verschiedenen

Glaubensüberzeugungen müssen in einer offenen Gesellschaft öffentlich zu

Wort kommen und gelebt werden können. Ein von Toleranz und Respekt geprägter

Dialog geht dabei über die Feststellung von religiösen Gemeinsamkeiten

hinaus. Er gibt den bleibenden Unterschieden Raum und zielt auf ein

immer wieder neu zu gestaltendes Zusammenleben der Religionen und Weltanschauungen.

9. Die Evangelische Kirche tritt fundamentalistischen und menschenverachtenden

Ideologien entgegen. Christliche Toleranz ist intolerant gegenüber Intoleranz.

10. Toleranz und Mission sind keine Gegensätze. Die Weitergabe des Evangeliums

durch das christliche Zeugnis ist wesensmäßig geprägt von Respekt und

schließt Manipulation und Vereinnahmung aus.

6 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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1. Vorklärungen

a) Verwendungsweisen

Das Wort »Toleranz« findet sich in verschiedensten sprachlichen Zusammenhängen.

So kennt man im technischen Bereich »Toleranzwerte«. Sie informieren

über hinzunehmende Abweichungen von der geforderten Maßgenauigkeit bei

Werkstücken oder der Messgenauigkeit von Instrumenten. Kein Gerät könnte

verwendet werden, wenn nicht gewisse Abweichungen geduldet würden.

Anderer seits würden es zu hohe Abweichungen gebrauchsunfähig machen. Es

geht also bei Toleranzwerten jeweils um einen Bereich, der vom Normalmaß abweicht,

und der zugestanden wird, um Funktionen überhaupt zu ermöglichen,

der aber nicht über einen bestimmten Grenzwert hinausgeht, der seinerseits die

Funktion in Frage stellt.

Im zwischenmenschlichen Bereich heißt Toleranz zunächst, etwas dauerhaft

auszuhalten, das von dem abweicht, was man selbst für richtig hält. Der Bereich

der Toleranz ist dabei begrenzt einerseits durch vorbehaltlose Übereinstimmung

mit dem Anderen, andererseits durch das, was wir unerträglich finden. Welche

Haltung diesem Bereich angemessen ist, darüber gehen die Meinungen aber

offenbar auseinander: vom »Nicht-Beachten« reichen hier die alltagssprachlichen

Verwendungen über das »Erdulden« bis hin zum »Respektieren« oder gar

»Wertschätzen« eines Anderen. Bei einer solchen Vieldeutigkeit steht der Begriff

der Toleranz in Gefahr, undeutlich und verwaschen zu werden und bei seinem

Gebrauch Missverständnisse zu begünstigen.

b) Begriffliche Abgrenzungen

Zwischenmenschliche Toleranz ist weder zu verwechseln mit Gleichgültigkeit

oder Indifferenz: Es geht bei ihr nicht um ein unbeteiligtes Gewährenlassen, ein

laissez-faire. Noch ist Toleranz so etwas wie das vollumfängliche Übereinstimmen

mit einem Anderen: Was von ganzem Herzen bejaht wird, muss nicht toleriert

werden. Ganz allgemein ist das Wort »Toleranz« daher zunächst als das

dauer hafte Aushalten eines abgelehnten Abweichenden zu verstehen: Es geht

darum, mit einem Spannungsverhältnis dauerhaft zu leben, das entsteht, wenn

etwas im eigenen Lebenszusammenhang Platz zu greifen versucht, das nicht

willkommen ist, das irritiert, stört, belastet oder schmerzt. Toleranz steht so für

eine bewusst verantwortete Haltung und ein daraus folgendes Verhalten anderen

Personen und ihren Einstellungen gegenüber.

Christinnen und Christen sehen sich aufgrund ihres Glaubens besonderen Fragen

nach ihrem Toleranzverständnis ausgesetzt: Wie ist das Verhältnis zu Angehörigen

anderen Glaubens zu gestalten? Und kann ein Mensch, der doch mit seinem

Gottesglauben einen universalen Wahrheitsanspruch erhebt, überhaupt tolerant

sein?

8 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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2. Verständnisebenen

Drei Verständnisebenen lassen sich unterscheiden, für die jeweils eigene Typen

von Toleranz charakteristisch sind: 1

a) Auf institutioneller Ebene – pragmatische Toleranz

Pragmatische Toleranz »verzichtet darauf, den eigenen Werte- und Wahrheitsanspruch

durchzusetzen, um eines anderen, momentan höher eingestuften Gutes

willen«. 2 So kann die gemeinsame Bemühung unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften

um das Gemeinwohl innerhalb der Gesellschaft eine Basis für

gute Zusammenarbeit trotz fundamentaler Unterschiede in Glaubensfragen bilden.

Nicht selten ist solch ein Verzicht auf Durchsetzung aber auch Folge eines

Verlustes: Die schrittweise vollzogene Trennung von Staat und Kirche seit den

Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts etwa, gedanklich begründet und

weitergeführt durch die Aufklärung im 18. Jahrhundert, bedeutete für die politische

Macht »Verlust der kirchlichen Salbung« und für die kirchliche Institution

den »Verlust der Sanktionsgewalt der weltlichen Macht«. 3 So sahen sich politische

Machtrepräsentanten mit Kritik konfrontiert, ohne sich auf eine Position

unangreifbaren, weil gottgewollten obrigkeitlichen Handelns zurückziehen zu

können. Die Kirchen büßten dafür ihrerseits das Vermögen ein, Zwangsmaßnahmen

gegen Andersgläubige durchführen zu können: Man musste sich mit

Glaubensgegnern arrangieren, ihr Existenzrecht anerkennen und entdeckte dadurch

schließlich auch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.

b) Auf kultureller Ebene – konsensorientierte Toleranz

Die in jahrhundertelangen Auseinandersetzungen mühsam errungene »Anerkennung

des Existenzrechts des Gegners« 4 sucht über Sachzwänge und gemeinsam

zu erstrebende Güter hinaus ihre Rechtfertigung durch die Aufdeckung gemeinsamer

Grundwerte. So lässt sich im religiösen Bereich das Projekt Weltethos

(Hans Küng) verstehen: Die erkannten gemeinsamen ethischen Grundüberzeugungen

der Welt- und Universalreligionen sind so bedeutend, dass darüber die

dogmatischen Unterschiede in den Hintergrund des Interesses treten und so

auch nicht nur ausgehalten werden müssen. Eine Kultur des Aushaltens weicht

hier einer Kultur des Respekts voreinander.

c) Auf religiöser und theologischer Ebene – Möglichkeiten

dialogischer und »konviventer« Toleranz

Respekt vor dem Anderen und damit auch vor seiner Glaubensüberzeugung ist die

Voraussetzung für eine Haltung, die den Anderen nicht nur als Partner bei der Verfolgung

gemeinsamer Ziele versteht, sondern auch als Gegenüber für »Austausch,

Erweiterung und Bereicherung des eigenen Denkens und Fühlens«. 5 Anders gesagt:

Wer den Anderen anders sein lassen kann, der kann sich an seinem Anderssein

auch freuen und es als Anregung und Bereicherung empfinden. Um dieser

faszinierenden Dialogerfahrung willen scheint der Verzicht auf Polemik, Apologetik

oder Mission gerechtfertigt. Da hier direkt religiöse Innenperspektiven aufeinandertreffen,

also sogenannte Teilnehmer- und nicht Beobachterperspektiven,

wird die Bezeugung des eigenen Glaubens zum selbstverständlichen

Bestandteil des Gesprächs.

Interesse für und Freude am Anderen – daraus kann ein echtes Zusammenleben,

daraus kann »Konvivenz« entstehen. Solches Zusammenleben wird, sofern der

jeweilige Glaube aus den Begegnungen nicht bewusst ausgeklammert wird, immer

wieder auch als ein »encounter of commitments« 6 stattfinden, als Begegnung

engagierter Überzeugungen also.

Damit stellt sich jedoch auch die Frage nach der jeweils aus der Binnenperspektive

zu leistenden, inhaltlichen Rechtfertigung und der Gestaltung des bleibenden

Nebeneinanders von Menschen verschiedener Wahrheitsgewissheiten –

eine Frage, die über das Streben nach Klarheit und guter Nachbarschaft letztlich

hinausführt. Wie geht beides zusammen: das bleibende Nebeneinander von

Menschen verschiedener Wahrheitsgewissheiten und ihr wirkliches Miteinander?

Deutsche Geschichte und Rechtsgeschichte zeigen, welch langer Weg dafür

bisher zurückzulegen war.

10 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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3. Historische Bezüge

Es war ein überaus mühevoller Prozess, Toleranz als weit verbreitete Grundhaltung

und positiven Wert zu etablieren. Er ist keineswegs abgeschlossen und

wird es wohl auch nie sein. Erst unter dem Eindruck der Verheerungen der konfessionellen

Bürgerkriege des 16. und frühen 17. Jahrhunderts, der Verwüstung

Mitteleuropas und des Todes eines Drittels seiner Gesamtbevölkerung setzte

sich das Toleranzdenken als eine politische Leitidee hierzulande allmählich

durch. Um dem millionenfachen Sterben ein Ende zu bereiten, wurde die religiöse

Wahrheitsfrage im politischen Raum suspendiert, damit die evangelische

und die katholische Religionspartei einen modus vivendi finden konnten. Freilich

wurde eine solche begrenzte wechselseitige Toleranz zunächst nur auf der

Ebene des Reiches praktiziert. In den einzelnen Fürstentümern hingegen blieb

es bei dem Grundsatz, dass der Landesherr die Religion seiner Untertanen bestimmte

(cuius regio eius religio). In der evangelischen Kirche setzte sich in der

Folge dann das landesherrliche Kirchenregiment durch.

In der Folge zeigte sich immer wieder, wie bedroht eine Toleranz ist, die wesentlich

mit ihrer staatspolitischen Nützlichkeit begründet wird. Im Verhältnis der

Bürger zum Staat kann Toleranz staatsbürgerliche Gleichheit und grundrechtliche

Freiheit nicht ersetzen. Doch bis sich diese Grundpfeiler westlichen Verfassungsdenkens

auch in Deutschland durchsetzten, sollte einige Zeit vergehen.

Erst mit der Weimarer Reichsverfassung 1919 wurde deutschlandweit die bürgerliche

und staatsbürgerliche Gleichberechtigung aller Religionen und Weltanschauungen

garantiert und damit der Wechsel von institutionell-pragmatischer

Toleranz hin zu dem vollzogen, was man in der modernen politischen Philosophie

mit »wechselseitige Anerkennung als Freie und Gleiche« bezeichnet.

Mit dem allmählichen Auseinandertreten von Politik und Religion und der damit

verbundenen Säkularisierung der Staatsraison sowie der durch Gebietseroberungen

bewirkten konfessionellen Mischung der Bevölkerung war dann im 18. Jahrhundert

der Boden für eine aktive staatliche Toleranzpolitik bereitet. Diese fand

gerade auf dem Territorium der heutigen Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische

Oberlausitz ihren Niederschlag. Prominenter Ausdruck einer

solchen Politik ist bis heute der Ausspruch Friedrichs II., jeder möge nach seiner

Façon selig werden. Zu ergänzen wäre allerdings: solange er nur dem preußischen

Staat folgsam diente und nutzte. Die preußische Toleranzpolitik setzte

sich nicht alleine wegen der Strahlkraft des aufklärerischen Gedankenguts durch,

sondern war auch politischer Zweckrationalität geschuldet.

12 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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4. Rechtliche Rahmenbedingungen

Toleranz, verstanden als die bloße Duldung Andersgläubiger, stellt im Lichte dieser

rechtsgeschichtlichen Erfahrungen also eine überwundene Vorstufe zur Religionsfreiheit

und zum Verbot religiöser Diskriminierungen dar. Toleranz meint –

rechtshistorisch – gerade weniger als das Maß an Freiheit und Gleichheit, das

ausgehend vom Postulat der Würde eines jeden Menschen das Grundgesetz garantiert.

Nach unserer heutigen Verfassung bestimmt nicht Toleranz, sondern

die in der gleichen religiös-weltanschaulichen Freiheit aller Bürger wurzelnde

Neutralität das Verhältnis des Staates zu den Religionen. Der Staat ist mit den

Worten des Bundesverfassungsgerichts »Heimstatt aller Bürger«. Nicht Duldung

und Privilegierung, sondern die freiheitliche Gleichberechtigung bildet deshalb

das Leitmotiv unseres Religionsverfassungsrechts.

Weil religiöse Freiheit nicht nur Abwesenheit von staatlichem Zwang, sondern

auch eine positive Freiheit zum religiösen Handeln umfasst, zielt das Neutralitätsverständnis

des Grundgesetzes freilich nicht auf die Ausgrenzung der Religionen

und Weltanschauungen aus dem öffentlichen Raum. Die Mütter und Väter des

Grundgesetzes wollten sich vielmehr von drei Erfahrungen absetzen: (1.) vom

Staatskirchensystem des 18. und 19. Jahrhunderts mit seiner Verbindung von

Thron und Altar, in dem die christliche Religion für politische Zwecke vereinnahmt

wurde; (2.) vom säkularistischen, den Laizismus begründenden Kampf gegen die

Religion, wie er in Frankreich im 19. Jahrhundert geführt wurde; schließlich (3.)

von der staatlich verordneten Weltanschauung, sei sie rassistisch-nationalsozialistischer,

sei sie marxistisch-leninistischer Provenienz. Gerade damit der Staat

selbst nicht(noch einmal) religiös oder weltanschaulich wird, ist er dem Grundgesetz

gemäß offen für die Religionen und Weltanschauungen seiner Bürger.

Im heutigen Verfassungsdenken wird vom Staat also weit mehr gefordert als

Toleranz. Gleichwohl geht Toleranz den Staat etwas an. Denn für das Zusammenleben

der Bürger ist Toleranz eine unverzichtbare Voraussetzung friedlicher

Koexistenz. Toleranz ist heute nicht Staatspflicht, sondern Bürgertugend. Der

Staat muss die religiöse Freiheit seiner Bürger achten und darf sich nicht mit

einer bestimmten Religion identifizieren. Der einzelne Bürger hingegen nutzt

diese Freiheit gerade auch, indem er sich in religiösen Fragen eindeutig positioniert.

Er darf eine bestimmte Religion oder Weltanschauung haben, sein Leben

nach den Lehren dieser Religion oder Weltanschauung ausrichten und andere

Religionen oder Weltanschauungen entschieden ablehnen.

Aus dieser Freiheit erwächst in modernen Gesellschaften eine vielstimmige Pluralität,

die erfahrungsgemäß nicht frei von Konflikten ist. Das kann man in einer

Großstadt wie Berlin besonders anschaulich erleben. Die Senatsverwaltung

schätzt, dass mehr als 300 Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in

der Stadt existieren. Die Bürgerinnen und Bürger kommen aus aller Herren Länder.

Unterschiedliche kulturelle Erwartungen an das Miteinander erzeugen latente

Spannungen, die sich zu manifesten Konflikten verdichten können. In der jüngeren

Vergangenheit engagiert, zuweilen auch verbissen geführte Debatten um

den Bau von Moscheen oder das Recht der Eltern, ihren Kindern die Religion der

Väter und Mütter durch Unterricht und Ritualen mitzugeben, zeugen von diesem

Konfliktpotential.

Der Staat alleine kann das friedliche und produktive Zusammenleben zwischen

Menschen nicht garantieren. Es ist immer auch auf vor- und außerrechtliche Instrumente

des sozialen Konfliktmanagements angewiesen.

14 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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5. Theologische Referenzen

Toleranz, verstanden als Tugend der Bürgerinnen und Bürger, kommt mittelbar

eine entscheidende Bedeutung für die effektive Verwirklichung des Grundrechts

der Religionsfreiheit zu: Eine weit verbreitete Haltung der Toleranz ist die beste

Konfliktprävention. Und je intoleranter eine Gesellschaft ist, umso wichtiger ist

der effektive Schutz der Religionsfreiheit, umso prekärer wird aber auch die

Durchsetzung dieses Anspruchs in der Gesellschaft, weil sie »toleranzverbrauchend«

wirkt.

Vor diesem Hintergrund postulieren Landesverfassungen und Schulgesetze die

Befähigung zur Toleranz zu einem wesentlichen Ziel staatlicher Bildungsbemühungen.

Das Bundesverfassungsgericht spricht in diesem Zusammenhang gar

von einem »grundgesetzlichen Gebot der Toleranz« – aber eben gerade nicht als

Ausdruck eines staatlichen Toleranzzwanges, dem der Einzelne unterworfen ist,

sondern als ein verfassungsrechtlich anerkanntes soziales Gut, als Teil eines

bürgerschaftlichen Ethos, das es staatlicherseits zu fördern und zu schützen gilt.

Ein solches bürgerschaftliches Ethos versteht sich nicht von selbst. Es kann unterschiedlich

verwurzelt sein. Christliches Toleranzverständnis speist sich vor

allem aus biblisch-theologischen Quellen und deren immer neuer Reflexion.

a) Bewahrte Geschöpflichkeit

Der Ursprung von Toleranz lässt sich für Glaubende im biblischen Zeugnis vom

Schöpfungshandeln und vom Erhaltungswillen Gottes seinen Geschöpfen gegenüber

erkennen: Die gesamte Schöpfung zeugt von dem Willen Gottes, etwas neben

sich bestehen zu lassen, das anders ist als er selbst. Wenn der erste Schöpfungsbericht

(Gen 1) davon spricht, dass das Geschaffene »gut« oder sogar »sehr gut« war,

dann ist das ein grundsätzliches »Ja« Gottes zu dem, was anders ist als er selbst,

und ein liebevolles »Ja« zum Miteinander mit seiner vielgestaltigen Schöpfung.

Wenn der Mensch in der Geschichte vom Sündenfall (Gen 3) aus diesem Miteinander

eigenmächtig ein bloßes Nebeneinander zu machen sucht, dann wird dieses

»Ja« Gottes auf die Probe gestellt. Der Abschluss der Sintflutgeschichte in Gen 8

lässt sich so als Gottes Entschluss zur Toleranz den Menschen gegenüber verstehen

trotz deren Aufkündigung der ihnen gewährten Gottesfreundschaft. Gottes

Toleranz prägt seither sein Handeln an der Welt insgesamt: Ich will hinfort nicht

mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen … Der Grund für diesen Vorsatz

Gottes liegt in der Feststellung, dass das Böse auch durch ein Strafgericht

nicht ausgelöscht werden kann: … denn das Dichten und Trachten des menschlichen

Herzens ist böse von Jugend auf. (V.21) Gott verzichtet auf eine Vernichtung

der Schöpfung, und der Segen dieser Erhaltung der Lebensrhythmen kommt

allen Menschen zugute. Noah wurde gerettet – aber auch er gehört zur gefallenen

Schöpfung.

Im reformatorischen Denken ist diese Einsicht festgehalten: So spricht Martin

Luther von der »unergründlichen Toleranz und Weisheit Gottes« in dem existenzerhaltenden,

gleichsam pragmatischen Sinne von Gen 8: Gott erträgt das geringere

Übel (menschlicher Sünde), damit nicht durch das größere Übel (der vernichtenden

Vergeltung für die Sünde) alles zerstört wird. 7 Bevor wir über unsere

eigene Toleranz nachdenken können, sind wir selbst schon Tolerierte.

16 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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Luther hatte jedoch den Menschen nicht nur innerweltlich, sondern vor dem

Horizont der Ewigkeit im Blick. Angesichts einer drohenden endgültigen, göttlichen

Strafe trieb ihn daher zunächst der Wille zur Selbst-Optimierung und die

Erschöpfung am nie genügenden eigenen Tun in immer neue Verzweiflung an

sich selbst. Die Frage Luthers nach dem gnädigen Gott fand ihre Antwort in der

Erkenntnis der umsonst rechtfertigenden Gnade Gottes in Christus. Diese Erkenntnis

lässt sich verstehen als verblüffende Einsicht in die Toleranz Gottes. Sie

unterscheidet die Person vom Werk des sündigen Menschen um Christi willen

und lässt den Menschen im Geist Gottes aus dieser befreiten Perspektive heraus

leben. Die Frage danach, wie der Mensch es mit sich selbst aushalten, sich

selbst tolerieren kann, diese Frage findet in der Glaubensgewissheit, von Gott

angenommen zu sein, ihre befreiende Antwort.

Diese Erkenntnis hatte jedoch, wie wir im Rückblick erkennen müssen, im Denken

der Reformatoren enge Grenzen. Die in der geschenkten Glaubensgewissheit

sich ausdrückende Wahrheitsgewissheit erhob nämlich ihrerseits scharfe

Geltungsansprüche gegenüber Andersgläubigen: Die – zeitgenössische Tendenzen

weiterführenden – Polemik der Reformatoren gegen Andersgläubige, gegen

Juden und Muslime, oder auch die Gewaltanwendung gegenüber Wiedertäufern

und sogenannten Antitrinitariern lässt sich aus heutiger Sicht nur als verhängnisvolle

Intoleranz beurteilen. Als Eiferer für »die reine Lehre« verkannten die

Reformatoren offenbar die fundamentale Bedeutung, die die aus der Selbstbezüglichkeit

befreiende Erkenntnis des Erlösungshandelns Gottes in Jesus Christus

ihrerseits für das zwischenmenschliche Handeln haben kann und soll, und

zwar auch und gerade, wenn es um ›letzte Fragen‹ geht.

b) Nächsten- und Feindesliebe

Die Einsicht in den von keinem verdienten, aber von Gott allen gewährten

menschlichen Lebensraum hat Konsequenzen für die menschliche Lebensgestaltung:

Die Bibel artikuliert sie im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Darin

entspricht die Dankbarkeit Gott gegenüber der Einsicht in die Gleichwertigkeit

des Anderen: Nicht nur wir selbst sind von Gott Tolerierte, sondern jeder

Mensch. Und wenn Gott den Anderen toleriert, wie sollten wir dies nicht tun?

Die Annahme durch Gott eröffnet dem Menschen den weiten Horizont angstfreien,

liebevollen Handelns seinen Mitmenschen gegenüber nach dem Vorbild

Christi. Dazu gehört das wohlwollende Aushalten des Anderen, gerade auch angesichts

von Konflikten, wie es zum Beispiel das Gleichnis vom Schalksknecht

(Mt 18,21–35) eindringlich vor Augen führt. Dem Geschenk der eigenen Annahme

durch Gott soll ein Leben in der Annahme des Anderen entsprechen.

Für den Umgang mit Gegnern nimmt Jesus Christus das Vorbild göttlicher Toleranz

in der Bergpredigt in Anspruch im Gebot der Feindesliebe: »Denn er [Gott]

lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte

und Ungerechte.« (Mt 5,45) Hier wird für eine souveräne Liebe geworben, die

derjenigen Gottes entspricht. Jesus Christus hat sie beispielhaft vorgelebt. Diesem

aus dem Zuspruch des Evangeliums folgenden Anspruch wurden die Reformatoren

seinerzeit nicht gerecht. Das muss uns bleibende Mahnung und Auftrag

für unser eigenes Glaubenshandeln sein.

18 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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c) Christusnachfolge und Wahrheitserkenntnis

In Christus wird auch deutlich, wie eine zur Toleranz fähige Souveränität allererst

aus dem Leiden und seiner Überwindung möglich wird: Christi Leiden ist

Vorbild für das, was Christen und Christinnen in seiner Nachfolge, auf dem Weg

der Heiligung »in seinen Fußstapfen« auszuhalten haben (1. Petr 2,20 ff). Solches

Aushalten umfasst im biblischen Zeugnis drei Dimensionen: auszuhalten im

Sinne von Erleiden, standzuhalten und also gewissermaßen das Eigene zu verteidigen,

und schließlich das hoffnungsvolle Harren auf Gott, vor allem als Erwartung

der Wiederkunft Christi. Diese Hoffnungsdimension bildet biblisch den

Grund der Geduld, die wiederum Bewährung und schließlich Glaubenshoffnung

wirkt (Röm 5,4). Solche Hoffnung stellt schwierige Lebenserfahrungen in das

»Trotzdem« des Lichtes Gottes.

Toleranz in der Nachfolge Christi blickt so nicht gleichsam unbeteiligt-gleichmütig

von oben herab, sondern verletzlich und aus der Perspektive des Angefochtenen

her. Sie ist dennoch von Zuversicht geprägt, weil sie ihren tiefsten Grund

in der durch Christus eröffneten Glaubenshoffnung hat. In seinem Geist vermag

sie die ›angreifenden‹ Widerwärtigkeiten einer Welt zu ertragen, die diese Hoffnung

nicht teilt. Es ist eine Toleranz aus der Kraft Gottes um der Zukunft willen,

die mit ihrer Orientierung auf Christus Zeugnis ablegt von der Wirklichkeit des

Dreieinigen Gottes.

Glaubensgewissheit jedoch ist eine Form der Wahrheitsgewissheit. Sie erhebt

den Anspruch, das ganze Leben des Gläubigen, sein Denken und Handeln zu

durchdringen. Wie aber vertragen sich Wahrheitsanspruch und Toleranz? Wie

kann ich etwas tolerieren, das ich nicht für wahr halte, ohne damit meinen Wahrheitsanspruch

aufzugeben? Religiöse Überzeugungen werden aus diesem Grund

oft für notwendig intolerant gehalten. Exklusive Wahrheitsansprüche scheinen

unausweichlich Intoleranz gegenüber anderen Wahrheitsansprüchen zu fordern.

Freilich lassen sich religiöse Gottes-, Welt- und Menschenbilder vergleichen,

dies jedoch bewusst aus der jeweils eigenen Perspektive heraus und ohne dabei

Entscheidungen mit allgemeinem Anspruch zu treffen: Das Bewusstsein der eigenen,

menschlichen Partikularität verhindert dabei einen universalen Geltungsanspruch.

Diese Erkenntnis gilt es festzuhalten: Die im Zeugnis sich kundgebende

eigene Wahrheitsgewissheit lässt sich nicht in Eins setzen mit der

Wahrheit, die sie bezeugt. 8 Jede Glaubensbezeugung muss daher Bescheidenheit

walten lassen und gewinnt so auch immer die Freiheit, Selbstkritik zu üben.

Dennoch hat das – notwendig partikulare – Zeugnis mit einer Wahrheit zu tun,

die einen universalen Geltungsradius beansprucht. So gehört es zum Fundament

christlichen Selbstverständnisses, dass Jesus Christus nicht lediglich als

ein Beispiel, sondern als einzigartiger Vermittler göttlicher Zuwendung für alle

Menschen bezeugt wird. Die Rede von Schöpfungsmittlerschaft, Kreuz und Auferstehung

erhält nur so ihren vollen Sinn. Diese Überzeugung wird von Andersgläubigen

zwar nicht geteilt: Muslime etwa betrachten Muhammad als Wiederhersteller

der auch von Jesus verkündigten Offenbarungswahrheit und können

daher Jesus nur als Propheten würdigen. Das heißt aber nicht, dass das Christuszeugnis

so lange relativiert werden könnte, bis es mit den Auffassungen Andersgläubiger

übereinstimmt. Das würde den Horizont der eigenen Glaubensüberzeugung

verengen und den Wahrheitsanspruch auflösen. Toleranz wäre so,

zugespitzt formuliert, nur um den Preis eingeschränkter Glaubenslehre möglich.

Doch: Wird das Wesentliche des Glaubens überhaupt in der jeweiligen Glaubenslehre

erfasst? Das christliche Glaubensverständnis etwa erklärt ja die Beziehung

des Menschen zu Gott zum Wesen des christlichen Glaubens, nicht irgendwelche

lehrmäßigen Gehalte. 9 Entscheidend sind demnach das Vertrauen auf

Gott und die Liebe zum Mitmenschen. Schon Paulus formuliert zugespitzt: Alle

Erkenntnis wäre nichts ohne die Liebe (1. Kor 13). Sie ist das Kriterium der

Wahrheit. Es gibt für den christlichen Glauben kein »Was« ohne das »Wie« des

Glaubens. Wahrheit im christlichen Sinne ist nicht Richtigkeit des Bekannten.

20 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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Wahrheit im christlichen Sinne ist aber auch nicht nur der Akt des Vertrauens,

obwohl es grundlegend für den Glauben bleibt. Gottesbeziehung und Glaubenswissen

brauchen einander: Glaubenswissen ohne Glaubensbeziehung bleibt leer,

Glaubensbeziehung ohne Glaubenswissen blind. Der als Gottesbeziehung sich

vollziehende Glaube sucht das Verstehen, und im Licht des von dieser Beziehung

Verstandenen und Ausgesagten, der Lehre also, lässt sich diese Beziehung prüfen.

Der wahre Glaube sucht Wahrheitserkenntnis, und die erkannte Wahrheit

wird zur Prüfinstanz für die Glaubensbeziehung. Gottesverständnis und Selbstverständnis

ergänzen einander; die Erkenntnis der Wahrheit über mich selbst

fließt aus der Wahrheit der Erkenntnis über Gott und wirkt auf diese zurück,

kurz: Die Identität des gläubigen Menschen bildet sich immer neu an der Gottesbeziehung,

ohne damit je zu einem Endpunkt zu gelangen.

Schlussfolgerungen, die sich aus diesem Verständnis von Wahrheit ziehen lassen,

sind mit Toleranz anderen Glaubensüberzeugungen gegenüber nicht nur

verträglich, sie enthalten sie geradezu:

(1) Die innige Zusammengehörigkeit von Gottes- und Selbstverständnis bedeutet,

dass der Glaube zur Identität des Menschen gehört. Niemand kann daher

sinnvoll sagen: »Ich respektiere dich als Mensch, aber nicht deinen Glauben.«

Wer das Gebot der Nächstenliebe ernst nimmt, muss den Mitmenschen

auch in dem von ihm gelebten Glauben achten.

(2) Gerade weil aber Glaube nicht nur eine Beziehung ist, wird auch Auseinandersetzung

– in respektvoller Nächstenliebe – zu Fragen von Glaubenswissen

und -praxis möglich und nötig. Tolerant zu sein, heißt nicht, einem Verbot

zur Prüfung anderer Glaubensüberzeugungen zu unterliegen. Die

Glaubenslehre von einem »fliegenden Spaghettimonster« 10 etwa verdient

nicht schon darum unbedingte Achtung, weil jemand behauptet, ihr zu folgen.

Und auch die Glaubenspraxis muss sich immer wieder kritische Betrachtung

gefallen lassen. In unserer Zeit ist das beispielsweise in Bezug auf

Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit geschehen. Gerade in solchen

Auseinandersetzungen jedoch zeigt sich, wie wichtig der Respekt vor der

untrennbar mit dem Glauben verbundenen Identität des Menschen ist.

(3) Die Achtung vor dem Anderen mit seinem Glauben, die Möglichkeit, sich über

unterschiedliche Wahrheitsansprüche respektvoll auseinanderzusetzen und

die selbstrelativierende Unterscheidung zwischen bezeugter (universaler)

Wahrheit und (partikularem) Wahrheitszeugnis: Sie alle weisen Christen und

Christinnen in die Praxis der Toleranz Menschen anderen Glaubens gegenüber

ein. Wird solche Toleranz gelebt, ist sie Ausdruck der Einsicht in die unauslotbare

Fülle und Tiefe des Geheimnisses Christi, dessen Wahrheit sich

bewähren will im Leben aller, die sich ihm anvertrauen. In ihrer Kraft werden

Menschen befähigt zu einer Toleranz, die gewissermaßen in Vorleistung

geht, zu einseitiger Toleranz. Besonders in Erfahrungen von Bedrängnis und

Ablehnung ist eine so gelebte Toleranz wichtig.

d) Gemeinschaftsgestaltung

Zu einem wirklich gedeihlichen Zusammenleben genügt jedoch einseitige Toleranz

nicht. Auch hier ist das Leben Christi ein Vorbild für die, die ihm nachfolgen:

Jesus Christus erträgt seine Mitmenschen, das »ungläubige Geschlecht« (Mk 9,19

u. ö.). Dies ist auch nötig im Umgang miteinander innerhalb der christlichen

Gemeinde: Es gilt, einander in Liebe zu ertragen (Eph 4,2). »Einander«: Nicht die

Toleranz Eines einem Anderen gegenüber wird hier beschrieben, so dass man

etwa von einem Subjekt und einem Objekt der Toleranz sprechen könnte. Christliche

Toleranz beschreibt keine bloße Subjekt-Objekt-Beziehung. Sie verwirklicht

sich vollgültig erst im Horizont einer Subjekt-Subjekt-Beziehung, das heißt angesichts

eines unverrechenbaren, lebendigen Gegenübers und in Wechselseitigkeit

mit ihm. Eine solche wechselseitige Toleranz wird möglich innerhalb eines gemeinsamen

Bezugsrahmens, wie ihn christliche Gemeinschaft verkörpert. Sie

soll geprägt sein von Liebe. Was damit gemeint ist, führt 1. Kor 13 aus. Ihr Ziel ist

das Lob Gottes: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu

Gottes Lob (Röm 15,7). Menschen loben Gott, wenn sie sich untereinander so

verhalten, wie Gott sich in Christus zu ihnen verhält: wenn ihre Beziehung untereinander

– trotz der Schmerzen, die sie einander zufügen – von wechselseitigem

Respekt und Wohlwollen geprägt ist, und von dem Willen, den Anderen im Lichte

Gottes zu sehen. Das führt zu einem Zusammenleben, das geprägt ist von der

Freude aneinander, und das die Bereicherung durch das Anderssein des jeweils

Anderen entdecken lässt.

22 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

SYNODALE TEXTE

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6. Präzisierungen und Folgerungen

e) Zusammenfassung

Geleitet durch das biblische Zeugnis und in kritischer Aufnahme reformatorischer

Einsichten und Entscheidungen, lassen sich Grundzüge einer Toleranz in

evangelischer Perspektive festhalten:

(1) Indem Menschen Gott als Schöpfer und bewahrende Kraft ihres Lebens ernst

nehmen, erkennen sie, dass sie als Geschöpfe ihre Existenz der lebenserhaltenden

Toleranz Gottes verdanken einschließlich der Möglichkeit, ihr Leben

immer neu als aus den Verhaftungen ihrer Verfehlungen Befreite führen zu

können (s. o. a). Das hat die Aufforderung zu zwischenmenschlicher Toleranz

als eigentlich selbstverständliche Folge: Wenn Gott uns Menschen toleriert,

um wieviel mehr sind wir Menschen untereinander gehalten, uns zu tolerieren.

Wie schwer jedoch das eigentlich Selbstverständliche sich im menschlichen

Leben durchsetzen kann, dafür ist die verfehlte Toleranz reformatorischen

Lehrens und Handelns ein warnendes Beispiel (s. o. b).

(2) Indem Menschen Gott als Befreier und erleuchtende Kraft ihres Lebens ernst

nehmen, erkennen sie, dass Toleranz in existenziellen Herausforderungen

aus der Kraft der Glaubenshoffnung einseitig möglich wird, die in Christi

Leben, Sterben und Auferstehen ihren Grund und ihr Vorbild findet als ein

Aushalten, Standhalten und Harren auf Gott. Die Wahrheitsgewissheit des

Glaubens schließt Toleranz ein, weil sie den Anderen als unverfügbares

Gegenüber auch in seinem Glauben achtet. Erst solche Achtung macht auch

eine faire Auseinandersetzung über Wahrheitsansprüche möglich. Auch solche

Aus einandersetzung jedoch befördert Toleranz, indem sie in der Begegnung

immer neu zu unterscheiden lehrt zwischen dem eigenen, partikularen

Wahrheitszeugnis und der bezeugten, universalen Wahrheit.

(3) Indem Menschen Gott als Erneuerer und verbindende Kraft ihres Lebens

ernst nehmen, erkennen sie, dass gemeinsames Leben auf wechselseitige

Toleranz angewiesen ist, die sich in Konflikten bewährt und den Anderen in

seinem Anderssein dankbar als Bereicherung des eigenen Lebens wahrnehmen

lässt.

a) Risiko der Toleranz

Einsichten reformatorischer Theologie können zum besseren Verständnis religiöser

Toleranz beitragen: Die Gewissheit des Glaubens, bei Gott durch Christus

trotz Verfehlung der eigenen Bestimmung liebenswert und angenommen zu sein,

diese Glaubensgewissheit ist eine angefochtene Glaubensgewissheit. Angefochtene

Glaubensgewissheit kann gestärkt werden durch ein Glaubenswissen, das

über die Anfechtung hinweghilft. Luther selbst illustrierte dies am Beispiel der

Taufe: »Wenn die Taufe vom Glauben abhinge, so wäre ich heute getauft und

morgen nicht.« 11 Daher war ihm das Wissen um Gottes Gemeinschaftszusage in

der Taufe so wichtig. Dieses Glaubenswissen stärkt die Glaubensgewissheit, und

die wiedergewonnene Gewissheit ihrerseits kann neue Impulse für das Glaubenswissen

geben.

Im Andersgläubigen begegnet nun dem Glaubenden eine Glaubensgewissheit,

die sich auf Glaubenswissen beruft, das mit dem eigenen Glaubenswissen nie

gänzlich vereinbar ist. 12 Da die Glaubensgewissheit selbst immer wieder auch Anfechtung

erfährt und Glaubenswissen auf Glaubensgewissheit einwirkt, so kann

es geschehen, dass toleriertes Glaubenswissen die eigene Glaubensgewissheit

in Frage stellt. Darin besteht das Risiko, das aktive Toleranz mit sich bringt, und

zwar heute verstärkt, durch eine immer größere informative, kommunikative

und räumliche Dichte, in der unterschiedliche Glaubensgemeinschaften nebeneinander

existieren. Toleranz erfordert den Mut, dieses Risiko anzunehmen.

b) Wechselseitige und einseitige Toleranz

(Phänomenologie der Toleranz)

Im gesellschaftlichen Diskurs geht man gern davon aus, dass der Sinn von Toleranz

in der Förderung des Gemeinwohls liegt (pragmatische Toleranz). Zur Toleranz

wird ermahnt, um Wohlfahrt oder Frieden zu gewinnen oder zu erhalten,

auch um antidemokratischen Strömungen erfolgreicher begegnen zu können.

Dies alles setzt jedoch einen gewissen Grundkonsens zwischen den betreffenden

Gruppen voraus. Es setzt voraus, sich jeweils mit dem Anderen als Teil einer

Gemeinschaft oder eines gemeinsamen Projektes zu verstehen und dies dem

Anderen auch kommunizieren zu können. Wo dies geschieht, kann wechselseitige

Toleranz wachsen, so wie sie innerhalb christlicher Gemeinschaft wachsen

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soll. Weil sie auf gegenseitigem Vertrauen beruht, das nicht beliebig erzeugt

werden kann, wird wechselseitige Toleranz daher immer auch als Geschenk erlebt.

bleibenden Fremdheit des Anderen wird in der Beziehung auf ihn weder Ablehnung

noch Vereinnahmung gerecht; nur Respekt trägt ihm angemessen Rechnung.

Deshalb ist Respekt die Grundgestalt der Toleranz.

Gerade solche Wechselseitigkeit kann aber in vielen Fällen nicht vorausgesetzt

werden. Ein dafür geeigneter Bezugsraum muss erst aufgebaut werden. Und dafür

ist nicht nur ein Anfang zu machen; es gilt auch, auf dem Weg zu bleiben und

Enttäuschungen zu verkraften.

So wird im Streben nach wechselseitiger Toleranz auch einseitige Toleranz immer

wieder nötig werden. Der Gewinnung einseitiger Toleranz muss daher besondere

Aufmerksamkeit gelten.

c) Der Fremde und der Andere (Hermeneutik der Toleranz)

Die Begegnung mit dem Fremden ist etwas anderes als die Begegnung mit dem

Anderen. Wo mir jemand als Anderer begegnet, habe ich ihn schon als »jemanden

wie mich« identifiziert und ihn damit in eine Beziehung und einen Abstand

zu mir gebracht. Der Fremde dagegen ist der, dessen Abstand ich noch nicht einschätzen,

den ich (zunächst noch) nicht in Beziehung zu mir setzen kann. Er

weckt daher mitunter Neugier, wird aber oft auch als Bedrohung erlebt, die Abwehr-

oder Fluchtverhalten auslöst. 13 Der Andere wird auch immer ein Stück

fremd und unverrechenbar bleiben; Menschen bleiben einander ein Rätsel. Dies

zu akzeptieren und den Fremden als Fremden verstehen 14 zu lernen, ist daher

ein Grunderfordernis, um Toleranz erlangen zu können. Dabei gilt es, mögliche

Fehlformen des Verstehens zu vermeiden: Man kann Fremdheit negieren (»Alle

Menschen sind gleich.«), dabei wird die Wahrnehmung von Fremdheit verweigert.

Fremdheit lässt sich stilisieren (»Der oder das Fremde ist so faszinierend

exotisch.«). Hier wird der Fremde lediglich zum Übertragungsobjekt eigener

Wünsche und Weltsichten. Fremdheit kann schließlich auch instrumentalisiert

werden (»Der Fremde ergänzt und bereichert mich.«). Dabei wird der Fremde selektiv

auf Nützlichkeit hin wahrgenommen. In all diesen Fehlformen bleibt verkannt,

dass Menschen erst dann ernstgenommen sind, wenn ihnen bleibende

Fremdheit zugestanden wird. Diesem Sachverhalt einer bei allem Verstehen

d) Toleranz als Übergangsphänomen

Respektvolle und daher aktive Toleranz beschreibt weder eine Position noch einen

Status, sondern ein dynamisches Beziehungsgeschehen. Wenn das Ziel einseitiger

(duldender) Toleranz eine wechselseitige (einander annehmende) Toleranz

ist, so geht es letztlich um den Übergang zu einer anderen Haltung: zu

respektvollem Miteinander, nicht Nebeneinander, im besten Fall zu gelebter

Freundschaft. Toleranz erweist sich so als ein Übergangsphänomen, das in Entsprechung

zum Doppelgebot der Liebe beschrieben werden kann als eine aus

erfahrener Gottesfreundschaft erwachsende Menschenfreundschaft.

Toleranz wird damit aber nicht überflüssig, sondern innerhalb von Freundschaft

neu nötig, da der Andere auch dabei nicht zum berechenbaren Freundschaftsobjekt

wird, sondern als Subjekt sich immer wieder ändert, immer neu auch

fremd wird. Immer wieder wird also der erreichte Bezugsrahmen durchbrochen,

immer wieder gilt es, einen neuen Binnenraum zu suchen. Zum Beispiel muss innerhalb

kirchlicher Gemeinschaft immer wieder neu um die Entwicklung der

ökumenischen Beziehungen gerungen werden, man denke nur an die Beziehungen

zwischen Protestanten und Orthodoxen im ÖRK.

Eine Toleranz, die auf ein immer neu zu bewährendes und zu gestaltendes Zusammenleben

zielt, lässt sich als konvivente Toleranz bezeichnen. Sie bleibt

eine immerwährende Aufgabe.

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7. Bewährungsfelder

Plurale Gesellschaften leben davon, dass die Unaufhebbarkeit von Differenzen

zwischen Weltanschauungen und religiösen Überzeugungen anerkannt wird. Die

Mitglieder solcher Gesellschaften sind herausgefordert, für ein friedliches Zusammenleben

in respektvoller Toleranz widerstreitende Überzeugungen anzuerkennen,

Überzeugungen also, die sich nicht neutralisieren oder in einer gemeinsam

eingenommenen Perspektive aufheben lassen. Dass dies nicht selbstverständlich

ist, zeigen kompromisslose und gewaltbereite religiöse Fundamentalismen. Ein

bewusstes Engagement für Toleranz ist daher nötig. Für evangelische Christinnen

und Christen sind dafür die aus dem biblischen Zeugnis gewonnenen Einsichten

handlungsleitend. Das reformatorische Ringen um die Wahrheit dieses Zeugnisses

hilft dabei zur Klärung der eigenen Position und zeigt, wo der Kampf um die Wahrheit

Gefahr läuft, die gesuchte Wahrheit zu verfehlen, weil er lieblos und intolerant

wird.

Ein wichtiges Bewährungsfeld für recht verstandene Toleranz finden wir in der

Praxis von Mission und interreligiösem Dialog. Doch auch die Frage nach den

Grenzen der Toleranz gilt es zu bedenken.

a) Grenzen der Toleranz

Toleranz hat Grenzen. Sie werden sichtbar, wenn Menschen ihre von Gott verliehene

Freiheit missbrauchen und intolerant werden. Intoleranz ist eine Brutstätte

von Unfrieden und Gewalt. Die Diskriminierung, Unterdrückung und Bekämpfung

anderer Menschen und Menschengruppen ist unverträglich mit

Toleranz. Der demokratische Rechtsstaat setzt darum der Verbreitung von Intoleranz

aller Art durch seine Gesetzgebung Grenzen. Toleranz kann es gegenüber

menschenfeindlichen Ideologien nicht geben. Mit dem Bekenntnis zum christlichen

Glauben sind Rassismus und Antisemitismus unvereinbar. Doch gesetzlich

erzwungene Toleranz ist noch nicht die, die in der eigenen Glaubensüberzeugung

gründet. Entscheidend ist darum, wie in der Gesellschaft ein Geist der Toleranz

lebendig sein kann und wie die unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen

aus ihrem je eigenen Verständnis von Mensch und Welt Toleranz als

Handlungsorientierung praktizieren. Die Evangelische Kirche setzt sich für eine

Kultur der Achtsamkeit ein und ist zusammen mit anderen christlichen Kirchen

darum bemüht, einen Beitrag zum Abbau von Feindbildern und Vorurteilen und

für ein respektvolles Zusammenleben zu leisten.

b) Toleranz und Mission

Toleranz und Mission sind keine Gegensätze. Das Evangelium richtet sich als rettende

Kraft Gottes an alle Menschen (Röm 1,16). Das Evangelium zu empfangen

und zu bewahren, heißt, es mit anderen zu teilen. Darin besteht die Sendung der

Kirche, ihre Apostolizität, die ihr wichtigstes Kennzeichen darstellt. Christinnen

und Christen müssen auskunftsfähig über ihren eigenen Glauben sein. Dabei

geht es einerseits um die Dialektik zwischen Auskunftsfähigkeit und Respekt,

andererseits um die Dialektik zwischen Gottes Handeln und Menschenwerk.

Mission ist zuallererst das Werk des Dreieinigen Gottes, an dem wir teilhaben

dürfen. Zu unterscheiden ist zwischen der allein von Gott durch den Heiligen

Geist gewirkten Bekehrung der Herzen und Sinne und dem dazugehörenden

Zeugnis und Dienst. Christinnen und Christen sind es, die bekennen, bezeugen

und dienen, aber sie überlassen es dem Wirken des Dreieinigen Gottes, was aus

dem christlichen Zeugnis entsteht. Diese Unterscheidung ist wichtig und zugleich

entlastend. Ein missionarisches Zeugnis im Geist der Toleranz ist unverträglich

mit Zwang und Ungeduld. Botschafter der Versöhnung sind Christen,

wenn sie Gottes Liebe bezeugen, anderen Glaubens- und Lebensweisen respektvoll

neben sich Raum geben, zugleich jedoch in Freiheit darstellen, was Gottes

Wahrheit für sie selbst bedeutet. Die Kommunikation des Evangeliums im Geist

der Toleranz schließt eine vereinnahmende und manipulative Mission aus.

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8. Zusammenfassung

c) Toleranz und interreligiöser Dialog

Der interreligiöse Dialog gewinnt seine Kraft und seine Wirksamkeit dadurch,

dass er mit Achtung und in Anerkennung der Würde des Anderen geführt wird.

Die Dialogpartner vertreten dabei ihre jeweiligen Perspektiven, nehmen ihre Verschiedenheit

wahr und halten Gemeinsames fest. Eine unklare und unsichere

Identität, die darauf verzichtet, das eigene Profil auszusprechen, ist nicht hilfreich.

Differenzen zwischen christlichem Glauben und anderen Weltanschauungen dürfen

weder heruntergespielt werden noch das Ende der Kommunikation bedeuten.

Selbstrelativierung stellt keine überzeugende Strategie dar, Differenzen

auszuhalten und Toleranz einzuüben. Eine erkennbare christliche Identität ist

nicht Störung, sondern Voraussetzung für eine weiterführende Begegnung mit

Vertretern anderer Religionen und Weltanschauungen. Der Dreieinige Gott, wie

er sich in der Geschichte des jüdischen Volkes und in Jesus Christus offenbart

hat, wird von christlicher Seite ins Gespräch gebracht. Als Heiliger Geist zieht

Gott unsere Herzen und Sinne zu sich und in Jesus Christus hat er sein Wesen in

Vollkommenheit offenbart. Sein Wesen ist die Liebe. Das ist das entscheidende

Kriterium für unser eigenes religiöses Dasein. Mit diesem Kriterium suchen

Christen die Wahrheit. In Liebe streiten sie aber auch um die Wahrheit, und dies

auch im interreligiösen Gespräch. Hieran werden sie gemessen, hierum geht es.

Der interreligiöse Dialog verlangt geradezu die Schärfung des eigenen Profils

und die Auskunftsfähigkeit darüber. Das Zeugnis, gerade auch einer protestantischen

und sogar spezifisch deutschen Ausprägung des Glaubens und geprägt

durch eine wechselhafte Geschichte, solches Zeugnis wird von unseren Partnern

im Gespräch erwartet.

1. Toleranz üben heißt zunächst, etwas dauerhaft auszuhalten, das von dem

abweicht, was man selbst für richtig hält. Toleranz ist nötig, um Zusammenleben

zu ermöglichen, versteht sich aber nicht von selbst und will gestaltet

sein. (s. 1.)

2. Toleranz in religiösen Bezügen zielt auf bewusstes Zusammenleben im Geist

respektvollen Dialogs. Der Andere wird nicht in erster Linie um eines gemeinsamen

Zwecks willen (pragmatische Toleranz) oder auf Grund eines

Wert-Konsenses (konsensorientierte Toleranz) toleriert, sondern als Mitmensch

und als Gegenüber in Begegnungen engagierter Überzeugungen.

(s. 2.)

3. Die politische Geschichte Mitteleuropas zeigt Entwicklung und Grenzen

staatspolitischer Toleranz. Der Ausbau pragmatischer Toleranz seit Ende des

30-jährigen Krieges hatte Kräftegleichgewicht nach außen und unangefochtene

Herrschaftsverhältnisse nach innen zur Voraussetzung. Solche Toleranz

blieb daher immer gefährdet. (s. 3.)

4. Rechtliche Absicherung von Toleranz bleibt grundlegend auf den Willen der

Einzelnen zur Toleranz angewiesen. Eine Rechtsordnung kann diesen Willen

nicht ersetzen, ihn jedoch auf vielfältige Weise schützen und fördern. (s. 4.)

5. Christliche Toleranz gründet im Dank an Gott für seine Toleranz in Schöpfung

und Bewahrung der Schöpfung. Der Schöpfungsglaube bezeugt Gottes Wille

zu einem Gegenüber und dessen Bewahrung trotz Verfehlung im Leben des

Menschen. Das hat den Willen zur Toleranz dem Mitmenschen gegenüber zur

eigentlich selbstverständlichen Folge. (s. 5.a)

6. Ein Leben in christlicher Toleranz richtet sich auf am Beispiel und aus an der

Wahrheit Jesu Christi. Sein Leben, Leiden und Auferstehen werden zur Kraftquelle

für eine Toleranz, die auch inmitten von Schwierigkeiten und Anfeindungen

lebendig bleibt. Die in Jesus Christus sich verkörpernde Wahrheit leitet

an zu Wahrheitszeugnis und -streit in Liebe und Achtung. (s. 5.b u. c)

7. Christliche Toleranz kommt im Binnenraum verlässlicher Gemeinschaft als

wechselseitige Toleranz zu ihrer vollen Entfaltung. Wo wechselseitige Annahme

trotz Unterschieden möglich ist, da ist das Zusammenleben getragen

von der Freude am Anderen und an der Bereicherung des eigenen Lebens

durch ihn (dialogische Toleranz). (s. 5.d)

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8. Leben in Anderen zugewandter Toleranz riskiert eigene Verunsicherung; solche

Toleranz braucht zudem den Mut, in Vorleistung zu gehen. Wer Andere

verstehen lernt, riskiert einen neuen Blick auf die eigenen Glaubenswahrheiten.

Zudem kann wechselseitige Toleranz nicht immer vorausgesetzt werden,

und das Wagnis einseitiger Toleranz ist gefordert. (s. 6.a u. b)

9. Der tolerierte Andere bleibt immer ein Stück fremd; Verstehensbemühung

wird daher immer neu zur Aufgabe. Ziel ist ein aufmerksames Miteinander,

das als achtsames Zusammenleben (konvivente Toleranz) bis zu Freundschaft

führen kann. (s. 6.c u. d)

10. Das eigene Bekenntnis zur Toleranz muss Engagement für Toleranz auch bei

Anderen zur Folge haben. Der Missachtung von Menschenrechten gegenüber

ist Intoleranz am Platz: Toleranz findet dort ihre Grenze, wo es gilt,

Menschen vor Übergriffen zu schützen. (7.a)

11. Christliche Mission ist der Toleranz verpflichtet. Als Zeugnis von Gottes Liebe

in Jesus Christus und Einladung zur Gemeinschaft mit ihm überlässt sie die

freie Antwort darauf seinem Handeln im Menschen und respektiert sie. (s. 7.b)

12. Interreligiöser Dialog wird erst möglich durch klares eigenes Profil und lebt in

gegenseitigem Respekt. Die Herausforderung interreligiösen Dialogs besteht

nicht im Finden größtmöglichen Konsenses, sondern in der Profilierung des

eigenen Glaubens bei respektvoller Toleranz dem Anderen mit seinem Glaubensprofil

gegenüber. (s. 7.c)

1 In Anlehnung an Paul Ricoeur, Toleranz, Intoleranz und das Nicht-Tolerierbare, in Rainer

Forst (Hg.), Toleranz. Philosophische Grundlagen und gesellschaftliche Praxis einer

umstrittenen Tugend, Frankfurt / M. / New York, 2000, 26–44, und Eckehart Stöve,

Art. Toleranz I, TRE 33, Berlin / New York 2002, 646–663.

2 E. Stöve, aaO., 647.

3 P. Ricoeur, aaO., 30.

4 AaO., 35.; s. w. u. 3. Historische Bezüge.

5 E. Stöve, aaO., 647.

6 So die Definition des ÖRK für interreligiösen Dialog.

7 Vgl. Disp. de iustificatione, StA 5, 149, These 14. Die darauffolgende These 15 erläutert

das Gemeinte anhand eines Beispiels: »Sicut uomica, claudatio, aut alius morbus in

corpore insanabilis toleratur, neceßitate uitae corporalis fouendae.« (So wie eine Eiterbeule,

das Hinken oder eine andere unheilbare Krankheit im Körper ertragen wird aus der

Notwendigkeit heraus, das Leben zu bewahren.)

8 Für das innerchristliche Gespräch ist diese Einsicht sogar konstitutiv: Wir haben nicht

nur ein, sondern vier unterschiedliche Evangelien, die die eine Wahrheit in Jesus Christus

unterschiedlich bezeugen.

9 Hierfür steht vor allem, im Anschluss an Martin Buber, der christliche Theologe Emil Brunner

mit seiner programmatischen Schrift »Wahrheit als Begegnung« (3. Aufl. 1984).

10 Diese 2005 in den USA als Protest gegen die Aufnahme kreationistischer Lehren in

den Schulunterricht gegründete Religionsparodie hat auch in Deutschland Anhänger.

11 WA 26,165,17.

12 S. o. unter 5.c) Nur wer für sich eine Position über der eigenen Glaubensüberzeugung

einnimmt, ist vor solcher Anfechtung gefeit. Eine solche Position stellt jedoch ihrerseits

entweder eine nichtgläubige oder eine neue Glaubensposition dar. In beiden Fällen ist

die eigene Glaubensüberzeugung verlassen.

13 Eine immer wieder erlebbare, elementare Form der Begegnung mit Fremdem ist das

Schreckerlebnis. Ein sinnlicher Reiz (ein Knall etwa) wird als bedrohlich wahrgenommen

und setzt Abwehr- oder Fluchtreflexe in Gang. Kann der Reiz eingeordnet werden, ist

der Schreck vorüber. Gelingt dies nicht und hält der Reiz an (oder verändert sich gar),

geht der Schreck in Schrecken oder Grauen über.

14 So der gleichnamige Titel eines Buches von Theo Sundermeier (Göttingen 1996), das eine

Hermeneutik des Fremden entfaltet, an die sich die folgende Argumentation anlehnt.

An dem Papier haben mitgewirkt:

Prof. Dr. Christina von Braun

Pfarrer Dr. Andreas Goetze

Prof. Dr. Hans Michael Heinig

Pfarrer Dr. Reinhard Hempelmann

Kirchenrat Roland Herpich

Superintendentin Viola Kennert

Pröpstin Friederike von Kirchbach (Vorsitz)

Pfarrer Dr. Bernd Krebs

Pfarrer Peter Martins

Prof. Dr. Rolf Schieder

Oberkonsistorialrat Dr. Christoph Vogel

Pfarrer Dr. Eckhard Zemmrich (Geschäftsführung)

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SYNODALE TEXTE

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Vorträge

»Wort des Bischofs«

Bischof Dr. Dr. h. c. Markus Dröge

1. Glaubensgewissheit und Toleranz gehören zusammen

»Als evangelische Christinnen und Christen nehmen wir den Pluralismus in unserer

Gesellschaft als Chance und Herausforderung an. Dabei wollen wir unseren Glauben

offen bekennen, leben und für ihn werben. Glaubensgewissheit und Toleranz gehören

für uns zusammen.«

So lautet die erste der zehn Thesen, die die Synode der Evangelischen Kirche in

Deutschland im Jahr 2005 in Berlin zum damaligen Schwerpunktthema »Tolerant

aus Glauben« formuliert hat. Es ist eine steile These. Glaubensgewissheit und

Toleranz gehören zusammen! Wer glaubt der Evangelischen Kirche diese These?

Unterwegs zum Reformationsjubiläum 2017 können wir im diesjährigen Themenjahr

»Reformation und Toleranz« zeigen, glaubwürdig machen und konkret bezeugen,

wie wir Glaubensgewissheit und Toleranz zusammenbringen, mehr

noch: Wie unser Verständnis von Toleranz in unserem evangelischen Glauben

begründet ist. So nämlich lautete die zweite These der EKD:

»Unsere Toleranz ist in der Toleranz des dreieinigen Gottes begründet.«

Diese Aussage bedeutet: Wir müssen nicht, wenn wir fest im Glauben stehen,

zusätzlich überlegen, wie wir denn trotzdem gegenüber anderen Glaubens- und

Wahrheitsansprüchen tolerant sein können. Nein: Toleranz ist in unserem Glaubensverständnis

angelegt. Die landläufige Meinung in unserer Gesellschaft ist

inzwischen in weiten Teilen allerdings eine andere: Eine feste Glaubensüberzeugung

und Toleranz seien prinzipiell nur schwer zu vereinen. Und auf den ersten

Blick erscheint diese Auffassung ja auch logisch: Wer felsenfest von der Wahrheit

seines Glaubens überzeugt ist, der muss doch Probleme mit der Toleranz

bekommen. Wie kann er, wie kann sie, glaubwürdig anderen eine andere Überzeugung

zugestehen? Ist die Toleranz bei gläubigen Menschen nicht eher taktisch

begründet, weil man heute, in einer pluralistischen Gesellschaft ja nicht

mehr anders kann, als sich tolerant zu geben?

Was wir als evangelische Kirche wollen, wenn wir uns intensiv mit dem Thema

»Toleranz« auseinandersetzen, das hat Bischof Frank Otfried July im November

vergangenen Jahres in seinem Bischofsbericht vor der Württembergischen Landessynode

so beschrieben:

34 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

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»Wir üben … nicht deshalb Toleranz, weil das nun im Moment opportun oder politisch

klug wäre, quasi als Zugeständnis an plurale Verhältnisse. Wir sind tolerant, weil wir

Gottes Zusage und Rechtfertigung als Raum der Freiheit empfangen haben und deshalb

dialogisch mit anderen zusammen leben können und wollen.« (Bischofsbericht

2012, 26. November 2012, Seite 10)

Es reicht aber nicht, nur zu behaupten: »Wir sind tolerant!« Angesichts mancher

äußerst intoleranter Ereignisse in der Geschichte der Kirche, von den Kreuzzügen

über die Inquisition, vom Antijudaismus bis hin zur Unversöhnlichkeit der

reformatorischen Richtungen untereinander und bis hin zu den Konfessionskriegen

in Folge der Reformation, – angesichts dieser Geschichte, verstummen

manche von uns im Gespräch mit kritischen Meinungen sehr schnell. Es fällt

dann schwer, darzulegen, dass die eigene Glaubensgewissheit im Kern tolerant

ist. Denn wir sind es als Christinnen und Christen noch nicht gewohnt, unseren

Glauben anderen gegenüber zu erläutern. Sprachfähigkeit in Glaubensdingen –

wir wissen, dass wir uns darin noch weiter üben müssen.

»Reformation und Toleranz« – damit wir sprachfähig werden, ist es deshalb notwendig,

die biblischen und reformatorischen Quellen unseres Glaubens wieder

freizulegen, um selbst darin gewiss zu werden, dass Glaubensgewissheit und

Toleranz untrennbar miteinander verbunden sind. Wir dürfen uns nicht einfach

den Vorurteilen beugen und, so hat es der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann

im aktuellen Heft der zeitzeichen ausgedrückt, »wegen der (sogenannten) ›Intoleranz‹

der Reformatoren in Sack und Asche … gehen«. Eine nüchterne Urteilsbildung

ist angebracht (vgl. zeitzeichen 4/2012, Seite 26).

Die Kirchenleitung hat deshalb im vergangenen Sommer eine Arbeitsgruppe berufen,

die den Auftrag bekommen hat, einen Grundsatztext zu verfassen, der das

evangelische Verständnis von Toleranz darlegt. Dieser Text liegt Ihnen in der Drucksache

04 vor, mit zusammenfassenden Thesen und weiteren Thesen, die von unserer

Öffentlichkeitsarbeit unter dem Titel »Toleranz nach evangelischem Verständnis«

für die öffentliche Kommunikation formuliert worden sind. Mit dem Vortrag

von Prof. Hans Michael Heinig und mit der Einbringung der Drucksache 04 durch

die Pröpstin werden wir uns auf dieser Synode weiter mit dem Thema befassen.

Wir beschäftigen uns also nicht deshalb mit dem Thema Toleranz, weil es zurzeit

opportun ist, sondern weil das Thema wesentlich zu unserem Glaubensverständnis

dazu gehört. Aber dennoch wollen wir auch bewusst einen eigenen Beitrag in

die gesellschaftliche Situation und ihre Diskussionen hineingeben. Und wir tun dies

in einer spannenden Zeit. Denn wie Religionen miteinander auskommen können

und sollen, das ist in unserer Gesellschaft noch nicht ausdiskutiert. Wird sich unsere

Gesellschaft in Richtung Laizismus entwickeln, weil sich die Überzeugung

breit macht: Es dient dem Frieden am besten, wenn die Religion zur Privatsache

erklärt wird und aus den öffentlichen Diskussionen fern gehalten wird? Oder werden

wir unser partnerschaftlich förderndes Verhältnis zwischen Staat und Religionsgemeinschaften

aufrechterhalten können, auch wenn sich die religiöse Landschaft

weiter ausdifferenziert? Wir haben noch keinen gesellschaftlichen Konsens

in dieser Frage. Noch werden die unterschiedlichen Auffassungen profiliert und in

die Diskussion eingebracht. Die Debatte um das Beschneidungsurteil im vergangenen

Sommer oder die immer wieder aufkommenden kritischen Anfragen zur Kirchensteuer

zeigen, dass die Diskussionslage durchaus kritische Töne kennt, die mit

dem Ziel eingebracht werden, unser Verständnis von Kirche in der Gesellschaft in

Frage zu stellen. Umso wichtiger ist es, dass wir als Evangelische Kirche eine klare

Position vertreten und uns mit dieser Position in die Diskussionen einbringen.

Auch die Orientierungspunkte, die wir auf der letzten Synode verabschiedet haben,

und die inzwischen unter dem Titel »Welche Kirche morgen?« veröffentlicht worden

sind und in einem Konsultationsprozess in unserer Kirche diskutiert werden, sollen

diesem Ziel dienen: Uns zu vergewissern, dass wir weiterhin eine Kirche bleiben

wollen und werden, die sich offen und öffentlich in die gesellschaftlichen Diskussionen

hineingibt und die gesellschaftlichen Herausforderungen zu ihren eigenen

Herausforderungen macht, soweit wir dazu die Möglichkeiten und Kräfte haben.

Erfreulich ist, dass in diesem Themenjahr unter dem Titel »Unterschied. Reformation

und Toleranz« von unseren Gemeinden, Kirchenkreisen und von der Landeskirche

weit über 120 Veranstaltungen mit einem breiten Themenspektrum

angeboten werden (vgl. www.ekbo.de/toleranz). Auch das ein Zeichen dafür,

dass wir uns mit dem Thema »Toleranz« einbringen wollen.

36 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

37


2. Die Toleranz des dreieinigen Gottes

3. Die Leuenberger Konkordie und das

evangelische Zeugnis für Europa

Inhaltlich werden wir uns heute, wie gesagt, noch ausführlicher mit dem Thema

Toleranz beschäftigen. Ich möchte lediglich kurz auf die theologische Begründung

des Grundsatztextes eingehen, um im Folgenden dann, am praktischen Leben

unserer Kirche orientiert, beispielhaft an einigen Bereichen deutlich zu machen,

wo und wie das Thema Toleranz für uns als EKBO aktuell von Bedeutung ist.

Der Grundsatztext beschreibt die theologische Grundlegung des evangelischen

Verständnisses von Toleranz im Blick auf den dreieinigen Gott so:

Die von uns bezeugte und gelebte Toleranz ist unsere Antwort auf Gottes Toleranz.

Gott selbst lässt etwas anderes als sich selbst zu: die Schöpfung mit dem

Geschöpf Mensch. Und sogar als dieser Mensch sich aktiv von Gott abwendet,

vernichtet Gott ihn nicht, sondern schützt den Sünder.

Gottes Sohn, Jesus Christus, hat diese Toleranz Gottes anschaulich gelebt. Er hat

die Liebe zum Kriterium für die Wahrheit gemacht. Das ist bis heute revolutionär und

wird durchaus noch nicht von jedem gläubigen Menschen vertreten und gelebt.

Im Vertrauen auf den Heiligen Geist, der unterschiedliche Perspektiven im gemeinschaftlichen

Leben zulässt, können wir Toleranz wagen, so der Grundsatztext.

Der Text verweist schließlich darauf, dass der Glaube eine grundsätzlich demütige

Haltung fordert, wenn es darum geht, die eigenen Wahrheitsansprüche ins

Gespräch zu bringen: Wir, als Menschen, die von Gott in unserer Unvollkommenheit

toleriert werden, müssen unterscheiden zwischen dem, was wir erkannt

haben, und dem was Gottes ewige Wahrheit ist. Diese Einstellung bewahrt uns

davor, unser eigenes Verständnis der Wahrheit absolut zu setzen.

Wie sind wir in der EKBO zurzeit gefordert, eine aktive Toleranz zu leben und zu

zeigen?

Als unierte Kirche lutherischer Prägung haben wir ein tolerantes Grundverständnis

für das Zusammenleben der unterschiedlichen evangelischen konfessionellen

Prägungen: reformiert, lutherisch und uniert. Das war bis vor wenigen Jahrzehnten

durchaus nicht so selbstverständlich, wie es uns heute erscheint.

In der Grundordnung unserer Kirche heißt es, dass wir eine lutherisch geprägte

Kirche sind. Unser besonderer Charakter aber besteht »in der Gemeinschaft

kirchlichen Lebens mit den zu ihr gehörenden reformierten und unierten Gemeinden«

(Grundordnung, Grundartikel I, 6). Dieser konfessionell-tolerante

Geist, der in unserer Kirche seit der Zeit der Altpreußischen Union lebendig ist,

hat vor 40 Jahren in der Leuenberger Konkordie eine neue Ausdrucksform gefunden.

Der Text der Leuenberger Konkordie findet sich in unserem Gesangbuch unter

der Nummer 811, im Anschluss an die Bekenntnisse unserer Kirche. Auch das

macht deutlich, welchen Stellenwert die Leuenberger Konkordie hat. In diesem

Text, der im Jahr 1973 in der Schweizer Tagungsstätte Leuenberg formuliert

wurde, wird ein gemeinsames Verständnis des Evangeliums bei Lutheranern, Reformierten

und bei den aus ihnen entstandenen unierten Kirchen sowie den Waldensern

und den Böhmischen Brüdern festgestellt. Damit wurde die uneingeschränkte

Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zwischen diesen Kirchen

ermöglicht. Die Lehrstreitigkeiten des 16. und 17. Jahrhunderts waren damit

überwunden. Aber nicht in einer Weise, dass die konfessionellen Unterschiede

eingeebnet worden wären. Nein, es bleibt dabei, dass es reformiert, lutherisch

oder uniert geprägte Gemeinden geben kann und soll. Ein tiefes, gemeinsames

Grundverständnis in den wesentlichen Glaubensüberzeugungen ermöglicht aber

eine versöhnte Verschiedenheit. Diese Art von Einheit ist Zeugnis evangelischer

Toleranz! Inzwischen haben sich 105 evangelische Kirchen aus praktisch allen

Ländern Europas der Leuenberger Kirchengemeinschaft angeschlossen, die sich

seit 2003 den Namen »Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa«, kurz

GEKE, gegeben hat.

38 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

39


Am 17. März 2013 haben wir in einem festlichen Gottesdienst und mit einem

Festvortrag im Dom gemeinsam mit Vertretern der GEKE den 40. Jahrestag der

Leuenberger Konkordie gefeiert. Im Festvortrag, gehalten von Frank-Walter

Steinmeier, selbst reformierter Christ und Mitglied einer unserer Berliner reformierten

Gemeinden, hat in seinem Vortrag die »versöhnte Verschiedenheit« als

eine evangelische Wegweisung für Europa dargelegt. Er hat dabei Bezug genommen

auf das kritische Wort der GEKE zur Lage Europas mit dem Titel: »Frei für

die Zukunft – Verantwortung für Europa«. Dieses Wort ist im September 2012 in

Florenz verabschiedet worden. Generalsuperintendentin Ulriche Trautwein und

der Direktor des Berliner Missionswerkes Roland Herpich waren als Delegierte

unserer Kirche mit dabei.

Die Stellungnahme der GEKE fordert in der europäischen Krise Mut zur Wahrheit

und macht dies konkret: Wahr ist, dass in der europäischen Krise die Stärkeren

mehr leisten müssen als die Schwächeren. Höhere Steuern für höhere Vermögen

und einmalige Abgaben dürfen deshalb nicht tabu sein. Dies alles aber bedarf

einer effektiven Steuerverwaltung, die für Gerechtigkeit sorgt. Wahr ist,

dass umfassende Sparprogramme notwendig sind. Aber nicht ohne die systematische

Einbeziehung der sozialen Folgen in politische Entscheidungen. Dazu hat

sich die Europäische Gemeinschaft selbst in ihrer »Sozialklausel« (Artikel 9 des

Vertrages über die Arbeitsweise der EU) verpflichtet. Dies aber wird in der politischen

Praxis noch nicht beachtet. Wahr ist, dass die Schuldenkrise in hohem

Maße eine Folge der Finanzmarktkrise ist. Deshalb muss die Regulierung der

Finanzmärkte und der Banken eine entscheidende Rolle spielen. Wahr ist, dass

nicht mit einem »Ruck« zu rechnen ist, der die Probleme löst, sondern dass

Europa einen langen Weg vor sich hat, um »in der fortdauernden Krise neue Gestaltungsspielräume

für eine gerechtere, solidarische und friedliche Gesellschaft

zu gewinnen«, so die GEKE-Erklärung.

Europamüdigkeit oder ein Rückfall in nationalistisches Denken sollte es unter

evangelischen Christen also nicht geben. Wir haben als evangelische Christen

eine Mission für Europa! Wir sind gerufen, das evangelische Toleranzverständnis

»Einheit in Vielfalt« als Motivationskraft in den europäischen Einigungsprozess

einzubringen und uns wegen der derzeitigen Krise nicht innerlich von der europäischen

Vision zu verabschieden, sondern die Schwierigkeiten als Herausforderung

anzunehmen, die bewältigt werden können.

Auf dieser Synode wollen wir den toleranten Geist von Leuenberg in eine andere

Richtung weiterdenken: in die Gemeinschaft der Landeskirchen innerhalb der

EKD hinein. Auch in der EKD sind wir eine »versöhnte Verschiedenheit« – und gerade

darin sind wir Kirche, eine Kirche, die die Toleranz Gottes bezeugen kann.

Der Antrag der Kirchenleitung, den wir in der Drucksache 15 vorliegen haben mit

dem Titel »Anregung zu einer Änderung der Grundordnung der EKD«, schlägt

zwei kleine Änderungen in der Grundordnung der EKD vor, die die inzwischen im

Geist von Leuenberg in der EKD längst gelebte Kirchengemeinschaft als Kirche

stärker zum Ausdruck bringt.

40 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

41


4. Intolerant gegen Intoleranz

Soll in unserer Grundordnung eine Formulierung aufgenommen werden, die

verhindert, dass Personen, die eine menschenfeindliche Ideologie aktiv unterstützen,

in unserer Kirche Verantwortung übernehmen können? Etwa in einem

Gemeindekirchenrat?

Wie Sie wissen, findet zurzeit in unserer Kirche darüber ein Konsultationsprozess

statt. Dass es mit einer Gesetzesänderung nicht getan ist, das haben wir schon

auf der letzten Landessynode betont. Die aktive Auseinandersetzung mit Menschen,

die menschenfeindliche Haltungen an den Tag legen, ist wichtiger als

eine Grundordnungsänderung. Aber es gilt auch das Umgekehrte: Eine Grundordnungsänderung

kann das Bewusstsein dafür schärfen, dass diese aktive Auseinandersetzung

auch tatsächlich geschehen muss. Der aktuelle Konsultationsprozess

und die Diskussionen in unserer Kirche, aber auch darüber hinaus, zum

Beispiel in der Zeitschrift zeitzeichen, zeigen, dass durch die geplante Gesetzesänderungen

das Problembewusstsein bereits geweckt worden ist.

Besonders dankbar bin ich unserer Evangelischen Akademie, dass sie mit der

Tagung »Kirche und Menschenfeindlichkeit – Erfahrungen mit dem Rechtsextremismus

und die Änderung der Grundordnung« am 13. April 2013 das Thema aufgegriffen

hat. Auf dieser Tagung wurde nach dem Sachstand rechtsextremer

Aktivitäten in Berlin und Brandenburg gefragt. Die Tagung hat Menschen aus Kirchengemeinden

zu Wort kommen lassen und hat adäquate Umgangsformen mit

(Neo)Nazis und menschenfeindlichen Einstellungen diskutiert.

Ich gebe Ihnen einige Schlaglichter von dieser Tagung weiter:

· Leopoldplatz Berlin: Mitten in der überfüllten U-Bahn klingelt es. Der Smartphone-Besitzer,

ein vielleicht 18 jähriger junger Mann, geht ran und meldet

sich mit »Heil Hitler«. Zwei junge Frauen, die erst vor kurzem die deutsche

Staatsbürgerschaft angenommen haben, hören sofort auf, sich auf Türkisch

zu unterhalten.

· Szenenwechsel. Als ein Pfarrer unserer Kirche im vergangenen Winter morgens

zu seinem Auto kommt, sieht er auf der Motorhaube ein in den Schnee geritztes

Hakenkreuz. Er holt seinen Handfeger aus dem Kofferraum und wischt das

Geschmiere weg. An diesem Tag aber fallen ihm die Autokennzeichen mit der

18 oder mit anderen Zahlencodes der Rechtsextremen besonders auf.

· Berlin-Rudow. Es gibt Debatten darüber, ob ein Asylbewerberheim in der

Nachbarschaft entstehen könnte. Die Frage bewegt die Gemüter und es wird

diskutiert, in der CDU und in den anderen Kreisverbänden, aber auch in der

Kirchengemeinde. Es gibt ehrliche Ängste und Sorgen. Es gibt aber auch

dumpfe Töne. Irgendwie müssten die vorhandenen Fragen offen gestellt werden

dürfen. Wird es dann mehr Kriminalität geben? Wer kommt da zu uns?

Und wie viele? Bin ich eigentlich ein Menschenfeind, wenn ich gegen ein

Asylbewerberheim in der eigenen Nachbarschaft bin?

· Oder schauen wir ins Internet: »Altermedia« ist ein internationales neonazistisches

Internetportal. Der deutsche Ableger, eine als Blog konzipierte Internetplattform,

ist auch bekannt als »Altermedia – Störtebeker Netz«. Verfassungsschützer

klassifizieren diese Plattform als ein bundesweit bedeutendes

rechtsextremistisches Internet-Nachrichtenportal. Im März 2011 wurde Axel

Möller als redaktionell verantwortlicher Betreiber der Seite zu einer Geldstrafe

von 3.000 Euro verurteilt, seine Berufung gegen dieses Urteil zog er im

Mai 2011 zurück. Im August des Jahres 2011 wurde die in den USA registrierte

Domain der Webseite abgeschaltet. Für den deutschen Webauftritt

wurde eine neue Domain registriert. Im Oktober 2011 wurden Möller und ein

weiterer »Schriftleiter« der Plattform, Robert Rupprecht, zu Haftstrafen von

30 und 27 Monaten verurteilt. Zu den Anklagepunkten zählten unter anderem

Volksverhetzung, das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger

Organisationen und Aufrufe zu Straftaten. Bis zum Antritt der Haftstrafe war

Robert Rupprecht arbeitslos und bezog Leistungen nach dem SGB II. Daneben

war er in einer Küche einer diakonischen Einrichtung beschäftigt.

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VORTRÄGE

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· In der wunderschönen Schorfheide treffen sich seit einiger Zeit rechtsextreme

Gruppen auf einem privaten Gelände in Finowfurt. Dort finden Konzerte

statt – von Polizei und den Sicherheitsorganen genau beobachtet. Die Veranstalter

sind darauf bedacht, die gesetzlichen Grenzen provokativ zu testen,

ohne der Polizei einen Anlass zu geben, einzugreifen.

Was sagen diese Beispiele über die aktuelle Situation? Zwar steckt die NPD offensichtlich

in einer Krise. Es droht ihr nicht nur der Verbotsantrag, sondern es

ist auch eine Tatsache, dass sie offensichtlich an Bedeutung verliert. Gleichwohl

ist die Gefahr der von Rechtsextremen ausgehenden Menschenfeindlichkeit

nicht gebannt. Die Bedrohung unserer freien Gesellschaft ist sogar überaus real.

Das Neonazi-Netzwerk Berlin dominiert die Szene in der Hauptstadt. Und in

Brandenburg hat sich wie anderswo die Partei »Die Rechte« gegründet.

Aus unserer Geschichte wissen wir, dass es keinen Automatismus dafür gibt,

dass unsere Gesellschaft demokratisch und rechtsstaatlich bleibt. Wir stehen

vielmehr gemeinsam mit anderen dafür in der Verantwortung, dass dies so

bleibt.

Erfreulich ist, dass es im Bereich unserer Kirche gelungen ist in letzter Zeit drei Stellen

zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus zu schaffen:

die Stelle »Diadem« (»Diakonie für demokratische Praxis«, ein Projekt des Diakonischen

Werkes in Brandenburg); die Studienleiterstelle zur Förderung demokratischer

Strukturen im ländlichen Raum an der Evangelischen Akademie, besetzt mit

Heinz Joachim Lohmann. Und geplant ist die Besetzung einer weiteren Studienleiterstelle

der Akademie zur Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus.

Was können wir tun, um unseren Beitrag für den Erhalt einer toleranten Gesellschaft

zu leisten, wenn wir spüren, menschenfeindliches Denken macht sich in

unserer Umgebung breit?

Laden Sie in Ihre Gemeinden Fachleute des Verfassungsschutzes oder der Polizei

ein. Arbeiten Sie mit dem Landrat, mit dem Bürgermeister und allen demokratischen

Kräften zusammen. Bitten Sie Wissenschaftler um Rat. Suchen Sie

Partner, bilden Sie Netzwerke und lassen Sie sich beraten. Widerstand gegen

Gewalt und Menschenfeindlichkeit gelingt dort besonders gut, wo Netzwerke

geknüpft wurden.

Toleranz meint nicht die gleichgültige Hinnahme des anderen, sondern einen Respekt

vor der Würde des anderen, der aus der eigenen Überzeugung wächst.

Dazu aber gehört auch die aktive Verteidigung der Menschenwürde. Die Toleranz,

um die es geht, ist eine überzeugte und aktive Toleranz. Diese Toleranz ist

in der Tat eine unentbehrliche Tugend für die Demokratie.

Immer noch sehr hilfreich ist die Broschüre der EKBO »Hinsehen, wahrnehmen,

handeln« – ein wichtiger Ratgeber für die Gemeinden. Und weiterhin ist unser

wichtigstes Netzwerk im Kampf gegen Rechtsextremismus das Brandenburger

»Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit«,

in dem Generalsuperintendentin Asmus den Vorsitz hat.

44 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

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5. Toleranz gegenüber Einwanderern und Flüchtlingen

Das Toleranzpapier der Drucksache 04 trägt den Titel: »Leben mit dem bleibend

Anderen«. Schon mit diesem Titel wird darauf aufmerksam gemacht, dass wir

uns darauf einstellen müssen, eine Gesellschaft zu sein und zu bleiben, in der

dauerhaft Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion zusammenleben. Wir

sind – was viele immer noch nicht recht wahrgenommen haben – ein Einwanderungsland.

12 Prozent der Menschen, die unter uns wohnen, sind nicht in

Deutschland geboren. Das ist fast genau der gleiche Anteil an Zuwanderern wie

in dem klassischen Einwanderungsland USA. Wer diese Tatsache ernst nimmt,

muss sich für eine gute Integration von Zuwanderern und Flüchtlingen in unsere

Gesellschaft einsetzen.

In besonderer Weise haben wir uns als Kirche seit langer Zeit für Flüchtlinge und

Migranten eingesetzt. Am 15. Juni 2013 werden wir mit einem ökumenischen

Gottesdienst ein Jubiläum begehen: 30 Jahre Asyl in der Kirche. Hier in Berlin waren

Kirchengemeinden Vorreiter in der Betreuung von Flüchtlingen, denen auch

für eine begrenzte Zeit Asyl gewährt wird, wenn es darum geht, verfahrensrechtliche

Fragen zu klären, um eine ungerechtfertigte Abschiebung zu vermeiden.

Es ist ein großes Geschenk, dass diese Unterstützung bei uns in den letzten

30 Jahren in einer guten Zusammenarbeit zwischen Gemeinden und den zuständigen

Behörden realisiert werden konnte. Denn letztlich geht es allen am Verfahren

Beteiligten darum, Menschenwürde und Menschenrechte zu bewahren. Alle

Asylverfahren in unserer Kirche haben zu einer Lösung geführt. Nicht ein einziges

Mal ist es zu einer staatsanwaltlichen Ermittlung gekommen. Es geht letztlich

um ein beratendes Handeln. Im Gespräch mit Betroffenen und den zuständigen

Behörden wird nach Lösungen gesucht. Es geht also beim Kirchenasyl nicht

darum, zum Gesetzesbruch aufzurufen, wie manchmal fälschlicherweise kolportiert

wird. Klar ist, dass eine Gemeinde die hohe Verantwortung einer Asylgewährung

nur mit einer fachlichen Begleitung auf sich nehmen kann. Dafür steht

die landeskirchliche Beratung zur Verfügung.

Auf der letzten Tagung unserer Landessynode haben wir einen Beschluss zur

Aufnahme syrischer Flüchtlinge gefasst. Wir haben begrüßt, dass die Bundesregierung

Mittel für die Versorgung der Flüchtlinge in den Lagern der syrischen

Nachbarländer zur Verfügung gestellt hat, haben aber darüber hinaus gefordert,

dass Syrer, die in unserem Land leben, Verwandte nachholen dürfen, um sie in

Sicherheit zu bringen. Inzwischen haben die Innenminister einer Aufnahme von

5.000 syrischen Flüchtlingen zugestimmt. Das ist ein wichtiges Zeichen, wenn

auch ein bescheidener Beitrag. Wirft man einen Blick auf die Flüchtlingszahlen,

die in unserer Beschlussbegründung vom November 2012 stehen, dann wird

deutlich, wie dramatisch sich die Situation inzwischen entwickelt hat. Gab es im

November noch 112.000 syrische Flüchtlinge in der Türkei, so sind es inzwischen

200.000. Bis Ende dieses Jahres rechnet die UNO-Flüchtlingshilfe (UNHCR) mit

bis zu einer Million. Waren es im Libanon im November noch 84.000, so hat dieses

kleine Land, das selbst nur knapp mehr Einwohner hat als Berlin, inzwischen

eine halbe Million syrische Flüchtlinge zu versorgen und hält dennoch die Grenzen

für Flüchtlinge weiter offen. Das Land Jordanien, mit seinen 6,5 Millionen

Einwohnern, beherbergt 475.000 Flüchtlinge. Die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützt

die Flüchtlinge in der Türkei, im Irak, im Libanon und in Jordanien – in

und außerhalb der Flüchtlingslager.

Am Sonntag Reminiscere, dem zweiten Sonntag der Passionszeit, wurde in der

voll gesetzten St. Marienkirche am Alexanderplatz der Situation der syrischen

Christen gedacht. Vorbereitet vom Berliner Missionswerk, haben wir einen sehr

eindrucksvollen ökumenischen Gottesdienst mit Geschwistern des Ökumenischen

Rates Berlin Brandenburg gefeiert. Zu Gast war Erzbischof Hanna Julius

Aydin von der syrisch-orthodoxen Kirche und Christen der syrischen Gemeinden

in Berlin, die uns von der bedrängten Situation der Christen in Syrien erzählt haben.

Sie geraten zunehmend zwischen die Fronten. Sie sind mehr noch als andere

Syrer angreifbar, weil sie als Minderheit nicht in geschlossenen Gebieten,

sondern unter anderen Volksgruppen leben.

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VORTRÄGE

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6. Zerreißprobe in der Lausitz

Ich schlage der Synode vor, folgende flüchtlingspolitischen Forderungen an die

politisch Verantwortlichen zu richten:

1. Wir danken den Innenministern dafür, dass sie der Aufnahme von 5.000 syrischen

Flüchtlingen zugestimmt haben. Wir bitten darum, dass die Politiker

sich noch weitergehend für eine Erleichterung des Nachzugs syrischer

Flüchtlinge zu ihren Angehörigen in Deutschland einsetzen.

2. Wir bitten die politisch Verantwortlichen darum, sich für ein reguläres Aufenthaltsrechts

für bisher nur geduldete, aber gut integrierte Flüchtlinge einzusetzen.

Die Gesetzesinitiative des Landes Hamburg für ein stichtagsunabhängiges

Bleiberecht wird vom Land Brandenburg unterstützt. Wir bitten die Länder

Berlin und Sachsen, diese Gesetzesinitiative ebenfalls zu unterstützen.

3. Die Flüchtlingszahlen steigen wieder an. In den vergangenen Jahrzehnten

wurden die Flüchtlinge bei uns davon abgehalten, Sprachkurse zu besuchen,

eine Berufsausbildung zu machen oder eine Arbeit aufzunehmen. Dieser

Ausschluss von Integrationsangeboten führt zu schwerwiegenden persönlichen

Belastungen der Flüchtlinge und zu sozialen Folgekosten für die Allgemeinheit.

Deshalb fordern wir, dass Flüchtlinge frühzeitig Zugang zu Sprachund

Integrationskursen erhalten. Eine vorausschauende Wohnungspolitik

muss auch Kapazitäten für die Unterbringung von Flüchtlingen in Wohnungen

schaffen, damit Flüchtlinge so bald wie möglich aus den Aufnahmelagern

in eine normale Wohn- und Lebenssituation kommen.

Die Spannungen unterschiedlicher Positionierungen auszuhalten, die es in unserer

Kirche zum Thema »Zukunft des Braunkohleabbaus in der Lausitz« gibt, wird

von den Betroffenen als eine belastende Zerreißprobe erlebt. Hier gilt es in besonderer

Weise auf die Kraft des Heiligen Geistes zu vertrauen, der, wie wir glauben,

befähigt, unterschiedliche Positionierungen zuzulassen ohne sich zu einer

Herabwürdigung des Andersdenkenden verführen zu lassen.

Nachdem unsere Landessynode vor einem Jahr, am 21. April 2012, in der Linie

unseres Grundsatzbeschlusses »Einstieg in den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung

in der Lausitz« vom 16. Mai 2009 beschlossen hatte, dem Aktionsbündnis

die »klima-allianz« beizutreten, wurde diese Positionierung zum Teil als

ein Verlassen unsrer Moderatorenfunktion gewertet. Die »klima-allianz«, zu der

auch andere Landeskirchen und die Diakonie Katastrophenhilfe gehören, vertritt

die politische Position, Planverfahren für neue Tagebaue müssten jetzt gestoppt

werden. Befürworter eines fortgesetzten Braunkohleabbaus in der Lausitz und

speziell Mitarbeitende des dort ansässigen Energieunternehmens glaubten, wir

hätten uns politisch nun so positioniert, dass wir nicht mehr das Gespräch mit

allen Seiten führen wollten. Dankenswerter Weise hat Generalsuperintendent

Martin Herche sich seither der Aufgabe gewidmet, die Kommunikation aufrecht

zu erhalten. Gespräche mit Betriebsratsmitgliedern des Energiekonzerns gehören

ebenso dazu, wie der enge Kontakt zu den von einem weiteren Braunkohleabbau

betroffenen Gemeinden.

Als Beispiel für die Zerreißprobe, die Gemeinden in der Lausitz erleben, möchte

ich das Kirchspiel Schleife erwähnen, westlich von Weißwasser im Kirchenkreis

Niederschlesische Oberlausitz im sorbischen Kulturraum gelegen. Das Kirchspiel

liegt im Bereich des Tagebaus Nochten. Vom bestehenden Braunkohlegesetz

sind etwa 260 Bürger im Abbaugebiet I betroffen. Wenn das beantragte Abbaugebiet

II genehmigt wird, dann werden weitere 1.300 bis 1.500 Menschen im

Kirchspiel betroffen sein. Der Gemeindekirchenrat hat eine moderate politische

Position eingenommen. Er hat sich gegen die Inanspruchnahme des Abbaugebietes

II ausgesprochen, aber parallel dazu vorgetragen, was notwendig ist,

wenn das Abbaugebiet II doch realisiert wird. Andere Positionen sprechen sich

strikt gegen die weitere Erschließung im Abbaugebiet II aus.

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VORTRÄGE

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7. »Darum nehmt einander an, wie Christus

euch angenommen hat zu Gottes Lob«

Es ist zu befürchten, dass die Zerreißprobe die Gemeinden spaltet. Der Gemeindekirchenrat

in Schleife sieht die Situation so: »Wir spüren …, dass die Auseinandersetzungen

um die Zukunft in einem erbitterten Meinungsstreit münden,

dass nicht mehr offen miteinander geredet wird, viele auch nicht mehr zuhören

und die Beteiligten ihre Energien in fruchtlosem Streit verbrauchen.« Die Gemeinde

will dies aber nicht einfach schicksalhaft hinnehmen. Jeden Dienstag findet

ein Abendgebet für die Gemeinden statt. Bruder Herche hat sich bereit erklärt,

eine Gesprächsplattform in der Kirche einzurichten. Es soll wieder miteinander,

statt übereinander geredet werden. Die Entscheidung über das neue Braunkohlegesetz

hat sich mehrfach herausgezögert und die Menschen brauchen dringend

eine verlässliche und rechtssichere Entscheidung. Alles, was die Entscheidung

nur herauszögert, erhöht die Spannung und verstärkt die Zerreißprobe.

Ich möchte heute von hier aus die Gemeinden im Braunkohleabbaugebiet der

Lausitz ermutigen, in der spannungsvollen Situation, in der sie sich befinden,

weiterhin alles zu tun, um nahe bei den Menschen zu sein, auch wenn diese

Menschen sehr unterschiedliche Positionen vertreten. Jeder soll und darf sich

für seine Überzeugung einsetzen und diese auch profilieren und öffentlich zum

Ausdruck bringen. Dabei aber soll keiner vergessen, dass wir ein Zeugnis der Toleranz

zu leben haben, das tief im Kern unseres Glaubens verankert ist. In der

Kraft des Geistes können wir einander achten, auch wenn wir sachlich in der Diskussion

und im politischen Engagement gegeneinanderstehen.

Als Paulus dieses Wort in Römer 15, 7 geschrieben hat, hatte er die zerstrittene

Situation der römischen Gemeinde vor Augen. Mit diesem Satz beschreibt er

kurz und prägnant, dass Glaubensgewissheit und Toleranz untrennbar zusammengehören:

»Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes

Lob.« Wer durch Christus geliebt, angenommen und befreit ist, der muss

auch bereit sein, anderen einen Freiraum zu schenken. Und wo dies geschieht,

da loben wir mit unserem Verhalten Gott, da geben wir ihm die Ehre. Glaube und

Toleranz, das sind also letztlich zwei Seiten derselben Medaille.

Christinnen und Christen leben von der »unergründlichen Toleranz und Weisheit

Gottes«, so hat es Martin Luther formuliert. Ich bin überzeugt davon, dass die

untrennbare Verbindung von Glaubensgewissheit und Toleranz genau das Zeugnis

ist, zu dem wir in der gegenwärtigen religiösen und gesellschaftlichen Situation

herausgefordert sind.

Lassen Sie uns gemeinsam eine glaubensgewisse Kirche sein, der es gelingt die

unvermeidbaren Spannungen untereinander auszuhalten und die deshalb in der

Lage ist, für die Welt ein glaubwürdiges Zeugnis zu leben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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VORTRÄGE

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»Reformation und Toleranz«

Professor Dr. Hans Michael Heinig

Verehrter Herr Präses, hohe Synode, liebe Brüder und Schwestern!

I.

Mir kommt die Ehre zu, heute vor Ihnen einen Vortrag zum Thema »Reformation

und Toleranz« halten zu dürfen und damit zugleich in den »theologischen Grundsatztext

›Leben mit dem bleibend Anderen – Toleranz in evangelischer Perspektive‹«

zur synodalen Beratung einzuführen. Synodale Kirchenleitung ist für

jeman den, der die Wissenschaft vom evangelischen Kirchenrecht pflegt, ein

»Brot-und-Butter-Thema«. Umso mehr freue ich mich, heute nicht nur über Synoden,

sondern erstmals vor einer Synode sprechen zu dürfen.

Fährt man dann den kurzen Weg hinunter nach Eisenach ins Bach-Haus, kann

man sich gleich wieder durch die eigene Geschichte irritieren lassen. Zu Beginn

der Ausstellung gibt es einen Bereich, der sich Bach und Luther widmet. Auf

schicken iPods kann man den Bachschen Vertonungen Lutherscher Texte lauschen.

So stieß ich auf eine wunderschöne Aufnahme des Bach Collegium Japan

unter der Leitung von Masaaki Suzuki. Doch Luthers Zeilen, die da vertont wurden,

stehen für heutige Ohren in einem fast schon verstörenden Gegensatz zur

grandiosen Musik Bachs: »Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort, Und steur’ des

Papsts und Türken Mord, Die Jesum Christum, deinen Sohn, Stürzen wollen von

seinem Thron.«

II.

Erlauben Sie mir bitte, mit einem persönlichen Zugang zum Thema zu beginnen.

Vor einigen Monaten besuchte ich mit meiner Familie die Wartburg und das Bach-

Haus in Eisenach. Die Wartburg – ein Ort, wo Glanz und Elend, die ganze Ambivalenz

der deutschen Geschichte greifbar sind. Sängerkrieg und Junker Jörg.

Elisabeth von Thüringen und Goethe. Bibelübersetzung und Burschenschaftler.

Besonders beeindruckt war mein fünfjähriger Sohn von dem Verließ im Südturm

der Wartburg. Ich selbst war eher bedrückt, als ich die Gedenktafel für Fritz Erbe

las, einen Landwirt und Anhänger der Täuferbewegung: Acht Jahre lang, 1540

bis zu seinem Tod, war er wegen seiner religiösen Überzeugung im zehn Meter

tiefen »Angstloch« in Finsternis und Kälte eingekerkert. Auch nach dem Initial

der Wittenberger Reformation 1517 kam der Vorwurf der religiösen Irrlehre noch

lange einem Todesurteil gleich. Fritz Erbe verreckte langsam und qualvoll auf der

doch so symbolträchtigen Wartburg. Seine Geschichte ist inzwischen Teil des

Gesamtensembles »Wartburg«. Sie relativiert Lutherkitsch und Wagnerpomp.

Sie zeigt zugleich aber, dass Protestanten mit Sinn für die eigenen Traditionen

das Thema »Reformation und Toleranz« nicht allzu affirmativ angehen sollten.

Hier, wie an vielen anderen Stellen in den furiosen Texten und Reden des Reformators,

bestätigt sich, was Heinz Schilling in seiner 2012 erschienenen Luther-

Biographie schreibt: »Luther war Toleranz im modernen Sinne fremd«. 1 Das

galt erst recht für diejenigen, die sich im politischen Handeln auf ihn beriefen.

Diarmaid MacCulloch verfolgt in seiner glänzend geschriebenen und gemeineuropäisch

angelegten Reformationsgeschichte 2 die Blutspur, die sich in der

Folge der religiösen Erneuerungsbewegungen durch Europa zieht, so skrupulös,

dass ich das Buch irgendwann schaudernd aus der Hand legte und eine mehrtägige

Verschnaufpause brauchte.

Umso dringlicher stellt sich natürlich die Frage, ob und wie sich Christinnen und

Christen ein Ethos der Toleranz zu eigen machen können – und zwar nicht nur

kraft äußerer Notwendigkeit, sondern kraft innerer Einsicht. In dieser Kernfrage

findet das EKD-Themenjahr »Reformation und Toleranz« seinen Sinn und seine

Rechtfertigung.

52 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

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Soweit ich sehe, bringen alle Beiträge zu diesem Themenjahr die Redlichkeit auf,

die Schattenseiten der Reformation auszuleuchten. Landesbischof Ralf Meister

betonte in einer Predigt gleich zu Beginn des Reigens an Veranstaltungen die

grundlegende Einsicht, dass »die Toleranzgeschichte der christlichen Religion …

mit einem Schuldeingeständnis beginnen (muss). … An den Kirchen kann man lernen,

welche verheerenden Auswirkungen eine massive Intoleranz haben kann.« 3

Das gilt bis ins 20. Jahrhundert hinein, wie die vielen eindrücklichen Beiträge der

hiesigen Landeskirche zum Berliner Themenjahr »Zerstörte Vielfalt« zeigen.

III.

Zur Vorbereitung dieses Einführungsvortrags habe ich kreuz und quer zum

Thema Toleranz gelesen. Viele sozialphilosophische Werke, manche theologische

Texte. Eher zufällig stieß ich so darauf, dass die EKD-Synode sich bereits

2005 intensiv dem Toleranz-Thema gewidmet hat. Produkt der synodalen Beratung

war die Kundgebung »Tolerant aus Glauben«. Diese Kundgebung bleibt im

laufenden Themenjahr auffällig unauffällig. Sie spielt keine Rolle. Im Themenheft

»Schatten der Reformation – Der lange Weg zur Toleranz« sind die von der EKD-

Synode verabschiedeten Thesen dokumentiert. Doch kein einziger Beitrag

nimmt auf diese Thesen Bezug. Gleiches gilt für Eröffnungsvorträge und Predigten

zum Themenjahr. 5 Das stimmt nachdenklich, wenn es heute darum geht,

einen Grundlagentext zum Thema Toleranz synodal zu beraten.

Das Schicksal der EKD-Kundgebung mahnt zunächst, mit solchen Texten nicht zu

große Erwartungen zu verbinden. Doch manche Rezeptionsprobleme sind auch

hausgemacht. Synodale Kundgebungen sind eine sehr eigene Literaturgattung.

Vom Anspruch her zielen sie auf öffentliche Rezeption, tatsächlich dienen sie

jedoch häufig vor allem der Selbstverständigung innerhalb kirchlicher Leitungsorgane.

So sind sie dann auch verfasst. Die Toleranz-Thesen der EKD sind dafür

ein (un)schönes Beispiel. Ein Großteil der Aussagen zur Sache ist anstößig unanstößig.

Zugleich ist der Text aber, wie so viele Synodalverlautbarungen, eigentümlich

verquer verfasst, in der Privatsprache einer mit sich selbst beschäftigten

kirchlichen Funktionselite. Welcher normale Christenmensch soll sich diese

Mischung aus konfliktverschleiernden Chiffren und nichtssagenden Gemeinplätzen

als Lektüre zumuten? Umstandslos wechselt der Gedankengang vom salbungsvollen

Geraune ins allzu konkrete politische Postulat. Solche Form von

Verlautbarungsprotestanismus ist weder geistlich erbaulich noch intellektuell

stimulierend. Je länger ich über diesen Text nachsann und mich fragte, was ich

nun meinerseits zur Toleranz zu sagen habe, umso mehr ging es mir wie Lord

Chandos in dem von Hugo von Hoffmannsthal verfassten Brief: »die abstrakten

Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches

Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.« 6

IV.

Um mich aus der (selbstverschuldeten) Sprachlosigkeit zu befreien, las ich mehrere

Texte von Jürgen Habermas wieder. Theorien helfen mir als Wissenschaftler,

mich auszudrücken, meine Weltsicht zu schärfen und über implizites Hintergrundwissen

für Detailfragen zu verfügen. Seit geraumer Zeit macht Habermas

mit Einwürfen zur nachmetaphysischen Begründung demokratischer Ordnung

und der Rolle der Religion in der Öffentlichkeit von sich Reden. Er kommt in diesem

Zusammenhang auch auf die Frage der Toleranz zu sprechen. Seine Ausführungen

sind für unseren Kontext interessant, da sie uns erklären, warum sich die

Religionen am Toleranzthema immer wieder abarbeiten, ja abarbeiten müssen.

Toleranz markiert nach Habermas die Spannung zwischen religiöser Selbstbehauptung

in der Moderne und gesellschaftlich erwarteten Anpassungsleistungen

der Religionsgemeinschaften an die Bedingungen einer säkularen politischen

Ordnung der Freien und Gleichen. Das ist eine kluge Beobachtung, die ich

Ihnen kurz etwas näher erläutern will.

54 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

55


Habermas betont in seinen Schriften, dass sich die liberaldemokratische Ordnung

westlicher Staaten nichtreligiösen, nachmetaphysischen Begründungen

verdankt. Das spezifische Zusammenwirken von individueller Selbstbestimmung

und kollektiver Selbstregierung, von Menschenrechten und Demokratie, wurde

zunächst vernunftrechtlich durchbuchstabiert. Vernünftigkeit bedingt Verallgemeinerbarkeit.

Einer besonderen religiösen Begründung bedarf der demokratische

Verfassungsstaat demnach nicht.

Zugleich hat dieser Praeceptor Germaniae der Spätmoderne schon sehr früh darauf

hingewiesen, dass ein solches Modell nachmetaphysischer, allgemeinverbindlicher

politischer Ordnung auf »entgegenkommende Lebensformen 7 « angewiesen

ist. Solche entgegenkommenden Lebensformen gründen im partikularen

Ethos, etwa des Christentums. In kirchlichen Kreisen ist die Überzeugung weit

verbreitet, der freiheitliche Verfassungsstaat sei geradezu angewiesen auf eine

Einbettung in eine vom christlichen Ethos getragene Gesellschaft. Zur Illustrierung

dieser Überzeugung wird häufig Ernst-Wolfgang Böckenförde zitiert: »Der

freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht

garantieren kann.« 8 Doch die These, die Demokratie lebe vom Christentum, steht

empirisch, genealogisch und legitimationstheoretisch auf schwachen Füssen.

Böckenförde hat inzwischen selbst angesichts der forciert religiös-weltanschaulichen

Pluralität unserer Gesellschaft angemahnt, die Integrationskraft der Religion

nicht zu überschätzen. 9

Damit hat er sich der Position von Jürgen Habermas angenähert, der eine interessante

Mittelstellung einnimmt: Er verteidigt den säkularen Selbststand einer

liberaldemokratischen Herrschaftsordnung und plädiert zugleich dafür, Religion

in der Öffentlichkeit zu verorten. Habermas sieht die öffentliche Funktion der Religion

auf zwei Ebenen. Zum einen bildet Religion ein »dichtere[s] Geflecht kultureller

Wertorientierung« 10 aus, als die freiheitliche Demokratie selbst mit ihren

formalen Prozeduren zu vermitteln vermag. Das religiöse Ethos kann Menschen

auf besondere Weise motivieren, über sich selbst hinauszudenken, sich als Autoren

des für alle geltenden Rechts aktiv einzubringen und in diesem Sinne gute

Demokraten zu sein. Zum anderen sieht Habermas in der Religion und ihren

Theologumena (etwa Schuld und Erlösung, Rechtfertigung und Gnade, Person

und Werk, Schöpfung und Geschöpflichkeit) nicht ausgeschöpfte Potentiale für

politische Verständigungsprozesse innerhalb der säkularen Verfassungsordnung.

Freilich kann Religion diese öffentliche Funktion angesichts des factum

brutum religiöser Vielfalt, der Pluralität menschlicher Vorstellungen vom gelingenden

Leben, laut Habermas nur einnehmen, wenn sie sich auf die Bedingungen

der Moderne einstellt. Den Gläubigen wird eine dreifache Reflexionsleistung

abverlangt: Ich zitiere aus der Friedenspreisrede 2001: »Das religiöse Bewusstsein

muss erstens die kognitiv dissonante Begegnung mit anderen Konfessionen

und anderen Religionen verarbeiten. Es muss sich zweitens auf die Autorität von

Wissenschaften einstellen … . Schließlich muss es sich auf die Prämissen des

Verfassungsstaates einlassen, die sich aus einer profanen Moral begründen.« 11

Die Religion muss sich mit anderen Worten so aufstellen, dass sie den Anhängern

ermöglicht, trotz partikularer religiöser Identität (als Protestant, Muslima,

Jude, Atheistin), anderen Bürgerinnen und Bürgern im politischen Raum als

gleichberechtigt zu begegnen und die sich daraus ergebenen Begrenzungen, die

partielle Suspendierung der religiösen Wahrheitsfrage, zu verinnerlichen.

56 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

57


Das ist, wie wir aus historischer Erfahrung wissen, ein überaus anspruchsvoller

Prozess. Das Toleranzdenken spielt in ihm eine ganz entscheidende Rolle, freilich

heute nicht mehr als verfassungsrechtliches Gebot, sondern als bürgerliche

Tugend. In der Genealogie freiheitlich-demokratischer Herrschaftsformen ist

Toleranz, verstanden als bloße Duldung Andersdenkender, wie sie sich im konfessionellen

Zeitalter ausbildete, nicht mehr als ein Durchgangsstadium hin zur

wechselseitigen Anerkennung als Freie und Gleiche. Erst auf der Grundlage solcher

Gegenseitigkeit konnte sich Religionsfreiheit in einem umfassenden Sinne

verwirklichen. Toleranz stellt so gesehen eine Vor- und Schrumpfstufe menschenrechtlicher

Religionsfreiheit dar.

Doch auf der Ebene des individuellen Verhaltens, der persönlichen Haltung,

bleibt Toleranz auch unter Bedingungen wechselseitiger Anerkennung als Freie

und Gleiche von bleibender Aktualität. Denn für die Gläubigen ist die mit der säkularen

Rechtsordnung verbundene Einschränkung der praktischen Wirksamkeit

ihrer Glaubenswahrheiten immer auch eine Zumutung. Diese Zumutung wird

deutlich gemildert, wenn sich die Religionen »die normativen Grundlagen des

liberalen Staates … unter eigenen Prämissen aneignen«, wie Habermas schreibt.

»Die erforderliche Rollendifferenzierung zwischen Gemeindemitglied und Gesellschaftsbürger

muss aus der Sicht der Religion selbst überzeugend begründet

werden, wenn nicht Loyalitätskonflikte weiter schwelen sollen«, so Habermas. 12

Eine solche Aneignung kann aber wohl nur auf der Grundlage einer genuin theologischen

Begründung toleranten Verhaltens gelingen. Genau deshalb bleibt

»Toleranz« für alle Religionen, auch für das protestantische Christentum, ein

Dauerthema. Toleranz ist der Modus, in dem die Vielfalt der Vorstellungen richtigen

Lebens innerreligiös verarbeitet wird. Toleranz ist der Modus, der erlaubt,

zugleich Gläubiger und Aktivbürger zu sein, ohne schizophren zu werden. Wenn

eine solche religiöse Einstiftung einer Haltung der Toleranz überzeugend gelingt,

wirkt sie, eingeflochten in die religiösen Heilslehren, dann aber auch besonders

nachhaltig. Toleranz ist als Topos der kirchlichen Selbstverständigung deshalb,

je nachdem, wie man schaut, immer beides: opportun und Glaubensanliegen.

Nur am Rande notiert sei, dass die moderne politische Ordnung laut Habermas

nicht nur Gläubigen, sondern auch Ungläubigen Toleranzzumutungen auferlegt.

Diese Einsicht sollte man unter den religionssoziologischen Bedingungen in Berlin

und Brandenburg zuweilen in Erinnerung rufen: Die religiös-weltanschauliche

Neutralisierung staatlicher Gewalt verbietet es auch, ein säkularistisch-szientistisches

Weltbild für allgemein verbindlich zu erklären. Nichtgläubigen verlangt

Habermas deshalb ab, im politischen Raum religiöse Überzeugungen nicht für

schlechthin irrational zu erklären, sondern die religiöse Sprache in der öffentlichen

Diskussion zuzulassen und sich sogar an deren Übersetzung in allgemeine,

d. h. kraft Vernunft erschließbare Gehalte zu beteiligen. Mir scheint, dass, gemessen

an diesen Anforderungen, der organisierte Humanismus und Atheismus

noch Lernerfahrungen vor sich hat, die die evangelische und katholische Kirche

wesentlich in den 1960er Jahren vollzogen haben und die der organisierte Islam

in Deutschland gegenwärtig durchlebt.

Doch reden wir nicht über andere, sondern über uns. Ich hatte die Frage aufgeworfen,

warum Toleranz ein großes Thema für die evangelische Kirche ist. Die

Antwort der Sozialphilosophie in der Beobachtung von außen darauf lautet: weil

im Ringen um ein angemessenes Toleranzverständnis und um eine konsistente

säkulare wie religiöse Begründung von Toleranz die Grundfragen des gerechten,

des friedlichen und selbstbestimmten Zusammenlebens unter den Bedingungen

moderner Gesellschaften verhandelt werden. Zwangsläufig schwingen große Fragen

mit: Wie verstehen wir Säkularisierung? Wie legitimiert sich politische Herrschaft?

Welche Rolle kann und darf Religion in der Öffentlichkeit spielen? Haben

moderne Gesellschaften einen kulturellen Homogenitätsbedarf? Welchen? Wie

können Menschenrechte universell gelten, ohne totalitär zu wirken? Wie kommen

die Allgemeinheit des demokratisch legitimierten Gesetzes und der Diskriminierungsschutz

religiöser und anderer kultureller Minderheiten zueinander?

58 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

59


V.

Auch das Ihnen heute vorgelegte Grundlagenpapier arbeitet sich an diesen großen

Fragen ab. Es soll leisten, was nach Habermas von den Religionen in modernen

Gesellschaften gefordert wird: den Eigensinn religiöser Sprache zur Geltung

bringen und sich zugleich kritisch-reflexiv zur eigenen (vormodernen) Tradition

verhalten. Der Protestantismus hat darin mannigfache Erfahrung. Gerade von

Berlin gingen wirkmächtige Impulse dazu aus. In diese Tradition will sich das vorliegende

Grundlagenpapier einreihen.

Ansprache. Man kann sicherlich auch anders über Toleranz nachdenken, in

anderem religiösem Ton, mit anderen theoretischen Rahmungen, mit mehr Beispielen

aus der Praxis, man kann deutlichere politische Forderungen aufstellen,

Toleranzregime und Toleranzkulturen international vergleichen oder die Intoleranz

gegenüber Christinnen und Christen in anderen Ländern beklagen. Doch

kirchliche Texte werden nicht besser, wenn sie zu viel wollen. Das Papier hat, so

wie es ist, sein gutes Recht. Es soll eine vertiefte Auseinandersetzung initiieren

und nicht ersetzen. Es soll das Gespräch eröffnen, nicht beenden.

Sein Schwerpunkt gilt der religiös-theologischen Auseinandersetzung. Diese

Akzentsetzung entspricht dem ausgewiesenen Adressatenkreis des Papiers:

Angesprochen werden sollen Pfarrerinnen und Pfarrer, Lehrerinnen und Lehrer,

sonstige Mitarbeitende, Gemeindeleitende und alle, die in den Gemeinden, Einrichtungen

und Ämtern unserer Kirche sonst Interesse haben. Der Grundlagentext

ist, mit anderen Worten, für das kirchlich in hohem Maße gebundene Milieu

geschrieben, für die Kerngemeinde und kirchlichen Funktionsträger. An ihrem

Erfahrungs- und Erwartungshorizont hat sich entsprechend der Text zu orientieren.

Das prägt die Sprache des Grundlagentextes: Von diesem Adressatenkreis

darf man ein solides Grundwissen im theologischen Traditionsbestand des deutschen

Protestantismus erwarten. Der vorgelegte Grundlagentext setzt solches

Wissen voraus und knüpft daran an. Gleichsam als Kontrapunkt mündet er in

zwölf leicht eingängige, zusammenfassende Thesen.

Zugleich vermeidet der Text allzu kunstvolle Turnübungen auf dem Hochreck der

akademischen Theologie. In der theologischen Grundanlage ist der Text konventionell

gehalten, kundig in den gängigen Diskursen über Toleranz, aber ohne intellektuellen

Zierrat, ohne religionsphilosophischen Schnörkel, ohne den neuesten

Schick aus dem Theoriedesignstudio. Gerade die theologischen Passagen

wirken so, als ob sie vor allem für die frommeren Gemüter in den Gemeinden geschrieben

wurden, vielleicht auch in der Annahme, dass liberale Kulturprotestanten

und passagere Gelegenheitschristen von der Anschlussfähigkeit toleranten

Denkens an die theologischen Grundeinsichten des Christentums nicht

überzeugt werden müssen. Ich halte diese Grundanlage des Papiers für eine

Stärke: dem klar benannten Adressatenkreis entspricht die adressatengemäße

VI.

Nahezu jede Untersuchung, jede Verlautbarung zur Toleranz beginnt mit Begriffsklärungen.

Im weiteren Verlauf wird der dabei definierte Sprachgebrauch

dann häufig nicht streng durchgehalten, sondern im Begriffshof gespielt, gedribbelt

und geschnickst. Das Phänomen begegnet uns auch in dem vorliegenden

Grundlagentext.

Toleranz ist ein schillernder, vieldeutiger Begriff. Der Sozialphilosoph Rainer Forst

streicht in seinen zahlreichen Publikationen zum Thema heraus, dass sich Toleranz

durch drei zusammenwirkende Aspekte auszeichnet. 13 Die Haltung der Toleranz

ist eine besondere Mischung aus Ablehnung, Akzeptanz und Zurückweisung.

Von Toleranz spricht man sinnvoll nur, wenn Menschen bestimmte Werte, Haltungen

und Überzeugungen ablehnen. Wer sie teilt oder wem sie gleichgültig sind,

toleriert nicht. Toleranz zeichnet sich sodann dadurch aus, dass die Ablehnung

eingehegt wird durch eine gewisse Akzeptanz. Der Dissens wird hingenommen,

ertragen. Die Gründe für diese Hinnahme können vielfältig sein. Schließlich kennt

Toleranz Grenzen. Ab einem bestimmten Punkt treten die Gründe für Akzeptanz

hinter denen für Ablehnung zurück. Toleranz ist also durch zwei Grenzen bestimmt:

durch ein »schon Ablehnen« und ein »noch Akzeptieren«.

60 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

61


Die zahlreichen Gründe für Toleranz bildet Forst in vier Modellen ab:

· Historisch entwickelte sich Toleranz als Duldung einer religiösen Minderheit.

Die Mehrheit erlaubte der Minderheit in begrenzter Weise religiöse Praktiken

(etwa Hausandachten, aber keine Gotteshäuser mit Glocken und Prozessionen).

Diese Erlaubnis-Konzeption wurde von Mirabeau einst vor der französischen

Nationalversammlung scharf als tyrannisch kritisiert, weil hier das

Dulden ins politische Belieben des Machthabers gestellt ist. 14

· Dieser »Erlaubnis-Konzeption« steht eine »Koexistenz-Konzeption« der Toleranz

zur Seite. Auch sie lässt sich historisch veranschaulichen: In Deutschland

hat sich nach der konfessionellen Spaltung auf Reichsebene bekanntlich,

anders als in den meisten anderen Gegenden Europas, keine Religionspartei

durchgesetzt. Es gab keine Mehrheit und Minderheit, sondern zwei gleichstarke

Religionsparteien. Toleranz stellte sich hier als ein Modus vivendi gerade

aus dem Gleichgewicht der Kräfte heraus ein.

· Doch Toleranz muss nicht notwendig als lästiges Übel hingenommen werden,

sondern kann auch Ausdruck einer Gerechtigkeitskonzeption sein. Eine

starke Variante einer solchen »Respekt-Konzeption« ist die wechselseitige

Anerkennung als »moralisch und politisch gleichberechtigte Personen«. 15

· Schließlich kann diese reziproke Anerkennung noch über die Respektierung

hinaus zur Wertschätzung gesteigert werden. Ob man dann freilich noch

sinnvoll von Toleranz sprechen kann, erscheint fraglich, weil die Ablehnungskomponente

nur noch sehr schwach ausgeprägt ist.

Vor dem Hintergrund dieser eingängigen Typologie ist es nun interessant zu verfolgen,

welche Toleranzkonzeption laut dem Grundlagenpapier in evangelischer

Perspektive verantwortbar ist. Zwei Punkte fallen ins Auge: Der in der Sozialphilosophie

stets betonte Gesichtspunkt der Wechselseitigkeit tritt zurück. Das

Christentum kennt starke Narrationen, die es nahe legen, durch eigenes tolerantes

Verhalten gleichsam in Vorleistung zu gehen. Zugleich laufen theologischkirchliche

Toleranzpostulate zuweilen Gefahr, einer allzu forcierten Wertschätzungskonzeption

das Wort zu reden und Toleranz zu einer Art immanenter

Allversöhnungslehre zu übersteigern. Auch das vorliegende Grundlagenpapier

ist nicht gänzlich frei davon, wenn es ein Modell »konviventer Toleranz« stark

macht. Auf beide Punkte will ich im Folgenden etwas näher eingehen.

VII.

Sollen evangelische Christenmenschen tolerant sein? Warum können sie tolerant

sein? Wie sollen sie tolerant sein? Dazu trifft das Papier sehr grundlegende

Aussagen und entfaltet eine Fülle an Begründungsfiguren: schöpfungstheologische,

christologische, rechtfertigungstheologische.

Ein wichtiger Begründungsstrang argumentiert mit der Analogie zu Gottes Toleranz.

Schon Luther sprach von der Toleranz Gottes. Das Grundlagenpapier nimmt

den Gedanken auf: »Die gesamte Schöpfung zeugt von dem Willen Gottes, etwas

neben sich bestehen zu lassen.« Die Toleranz Gottes bewährt sich auch nach

dem Sündenfall. Wie ein roter Faden zieht sich durch das Alte Testament das

Grundmotiv, dass die Menschen in ihrer törichten und selbstsüchtigen Art Gottes

Duldsamkeit immer wieder auf die Probe stellen und Gott seinem Volk in der gefallenen

Schöpfung die Treue hält. Daraus resultiert einer der eindrücklichen Spitzensätze

des Papiers: »Bevor wir über unsere eigene Toleranz nachdenken können,

sind wir selbst schon Tolerierte.« Das Analogieargument wird dann nochmals

im Zusammenhang mit dem Argument der Nächstenliebe entfaltet: »Nicht nur

wir selbst sind von Gott Tolerierte, sondern jeder Mensch. Und wenn Gott den

Anderen toleriert, wie sollten wir dies nicht tun?« Aus Gottesliebe folgt Nächstenliebe,

aus Nächstenliebe Achtsamkeit, aus Achtsamkeit Toleranz.

62 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

63


Die Wittenberger Reformatoren haben Gottes Toleranz im Lichte der Rechtfertigung

des Sünders allein aus Gnade gedeutet. Die Rechtfertigungslehre führt zur

Unterscheidung von Person und Werk, eine Unterscheidung, die die Freiheit gibt,

sich selbst und den Nächsten zu ertragen. Zugleich bezeugten die Reformatoren

die befreiende Kraft des Glaubens. Glaube aber, so wissen wir seit Baruch

de Spinoza und John Locke, lässt sich nicht durch Gewalt und Unterdrückung

erzwingen. Sola fide, sola gratia werden so gesehen zu starken Grundmotiven

eines protestantisch imprägnierten Toleranzverständnisses. Das wussten eigentlich

auch schon die Zeitgenossen der Reformation, indem sie bekannten, die

geistliche Leitung der Kirche erfolge alleine durch das Wort, ohne Zwang (sine vi

sed verbo). Doch diese Grundeinsicht aus der Confessio Augustana war in der

Reformationsgeschichte nicht immer handlungsleitend.

VIII.

Der Begriff Toleranz lässt sich zurückführen auf das lateinische Wort tolerare, zu

übersetzen mit erdulden, aushalten, ertragen. Damit wird ein semantisches Feld

eröffnet, das dem Christentum wohlvertraut ist. Das Grundlagenpapier spricht

von erleiden, standhalten, hoffnungsvoll harren als christlichen Tugenden in der

Nachfolge Jesu. Leid zu ertragen und sich in der Hoffnung auf das kommende

Reich Gottes doch nicht mit ihm abzufinden, gehört zu den zentralen Motiven

des Christentums. Toleranz, tolerare, ist so gesehen eine urchristliche Haltung.

Freilich liegt der Einwand nahe, dass gerade die christliche Heilshoffnung, gewendet

als Glaubenswahrheit, doch eine fortlaufende Quelle der Intoleranz

bildet. Wird im »solus Christus« nicht der exklusive Anspruch des Christentums

in seiner evangelischen Spielart deutlich?

Damit ist das schwierige Verhältnis von Wahrheitsanspruch und Toleranz angesprochen.

Auf den Einwand, gerade die monotheistischen Religionen seien tendenziell

intolerant, antwortet das Grundlagenpapier auf zweierlei Weise. Zum einen

erinnert es daran, dass das Liebesgebot integraler Teil der Glaubenswahrheit

ist. Modus des Glaubens und Gehalt des Glaubens bedingen sich. Wer den

Nächsten liebt, kann nicht intolerant ihm gegenüber sein. Zum anderen gehört

zum christlichen Traditionsbestand die Einsicht in die Fehlbarkeit und Bedingtheit

menschlicher Erkenntnis. Gottes Wahrheit ist größer als unser Vermögen,

sie zu fassen, zu begreifen, zu versprachlichen. Gott zeigt sich uns in Jesus

Christus und bleibt doch ein »Geheimnis in der Welt«. 16 Benedikt XVI. hat mit seiner

Regensburger Rede 2006 nolens volens eine intensive Diskussion über das

Verhältnis von Glaube und Vernunft ausgelöst. 17 Der Papst emeritus hängt bekanntlich

einem platonischen Vernunftideal an. Aus protestantischer Perspektive

ist ihm entgegenzuhalten, dass auch ein moderner, durch die Aufklärung geprägter

Vernunftbegriff mit dem Glauben in ein sinnvolles Verhältnis gesetzt

werden kann und muss. 18 Die individuelle Aneignung des Glaubens ist immer

auch ein Bildungsprozess, ein reflexiver Prozess der Klärung des Selbst-, Weltund

Gottesverhältnisses. Zugleich aber bildet der Glauben vernünftigerweise einen

Anlass zur Reflexion der Grenzen der Vernunft. Dieses eigentümliche Verhältnis

von Glaubenswahrheit und Vernunftwahrheit nötigt den evangelischen

Christenmenschen zu epistemischer Bescheidenheit. Das hat Konsequenzen für

den Umgang mit denjenigen, die sich auf die gleiche universelle, durch Leben,

Tod und Auferstehung Jesu Christi bezeugte Wahrheit berufen.

Dabei zeigt das Grundlagenpapier aber auch auf, dass Toleranz gerade nicht Relativismus

bedeutet. Die Positionalität des Glaubens und die Duldsamkeit mit

den Mitmenschen sind aus evangelischer Perspektive kein Widerspruch, sondern

bedingen sich wechselseitig. Toleranz meint in evangelischer Perspektive

nicht, die Unterschiede zwischen den Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen

zu ignorieren oder verleugnen. Doch sie prägt den Umgang mit der

Differenz.

64 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

65


IX.

Versteht man Toleranz als Haltung, als Tugend, als Ethos, wird sie in der Begegnung

mit anderen Menschen praktisch. Das Grundlagenpapier spürt der Dynamik

des Zwischenmenschlichen nach und fragt nach der Art der Toleranz, die

Christinnen und Christen an den Tag legen sollten. Die Überlegungen basieren

auf zwei Einsichten.

Erstens: Moderne politische Theorien zur Toleranz betonen die wechselseitige

Bedingtheit der Toleranz. Toleranz bedeutet in modernen Gesellschaften, wie

gesehen, nicht einseitige Duldung, sondern wechselseitige Anerkennung als Person

mit Anspruch auf Achtung und Respekt des individuellen Lebensentwurfs.

Doch damit Gegenseitigkeit entstehen kann, muss jemand zuweilen den ersten

und vielleicht auch noch den zweiten und dritten Schritt machen. Aus den im

Grundlagenpapier entfalteten theologischen Einsichten zur Toleranz folgt für

Christinnen und Christen die Selbstverpflichtung, den Menschen als Gegenüber

unbedingt zu achten. Toleranz in evangelischer Perspektive ist auf Gegenseitigkeit

angelegt, setzt diese jedoch nicht voraus.

Zweitens: Wir hatten gesehen, dass Toleranz qua Definition Ablehnung beinhaltet.

Ablehnung des Anderen aber ist heutzutage aus christlicher Sicht tendenziell

anstößig. An dem Problem setzt das im Grundlagenpapier entfaltete Modell

der konviventen Toleranz an. Konvivenz leitet sich von convivere, zusammenleben,

ab. Der Begriff ist im interreligiösen und interkulturellen Dialog fest etabliert

und meint dort so etwas wie gute Nachbarschaft, ein Miteinanderauskommen

im Geiste wechselseitiger Hilfe, des wechselseitigen Lernens und der

einladenden Gastfreundschaft. In diesem Sinne formuliert der Grundlagentext,

solle das Fremde am Anderen als »Anregung und Bereicherung« erlebt werden.

Zugleich warnt der Text aber auch vor einer Instrumentalisierung des Fremden,

vor unreflektiertem Exotismus.

X.

Konvivente Toleranz wird als Übergangsphänomen beschrieben. Toleranz solle

im Miteinander münden, nicht im Nebeneinander, in der Freundschaft, nicht

bloß im Erdulden, heißt es in den Ausführungen des Grundsatzpapiers. Das ist

ein anspruchsvolles Programm. Vielleicht liegt es an meiner déformation professionnelle

als Staatsrechtslehrer, dass ich an dieser Stelle hellhörig werde. Die

Überlegung scheint mir fast anstößig, anstößig wie Kernbotschaften des christlichen

Glaubens eben sind. Die größte Zumutung des Christentums für die bürgerliche

Existenz unserer Tage ist vielleicht das Gebot der Feindesliebe. Reicht

nicht als Ausdruck der Feindesliebe, wenn wir uns nach außen hin zügeln und

Verachtung und Antipathie dem anderen nicht offen zeigen? Müssen wir uns

wirklich bemühen, unsere Gegner uns zum Freund zu machen? Schon im unmittelbaren

menschlichen Nahbereich übersteigt das schnell das menschliche Vermögen.

Erst recht gilt das für größere soziale Kontexte.

Deshalb muss sich die These, eine Toleranz der Wertschätzung oder des Respekts

sei moralisch »wertvoller« als eine Toleranz der Duldung oder der Koexistenz,

auf ihre Praxistauglichkeit hin befragen lassen. Anders formuliert: Läuft die

konvivente Toleranz nicht auf eine »Übermoralisierung« hinaus? Ich will dieser

Frage nachgehen, indem ich das andere Extrem betrachte: Ist Toleranz überhaupt

ein moralisches Problem? Der Sozialphilosoph Bernard Williams hat in einem

lesenswerten Essay die These vertreten, dass sich Toleranz überzeugender

politisch als moralisch begründen lasse. 19 Toleranz gründe nicht in starken Annahmen

zur Autonomie der Person, sondern in der pragmatischen Einsicht, dass

liberale Ordnungen größere Akzeptanz finden. Auf die moralischen Motive zur

Toleranz soll es also gar nicht ankommen. Nun sprechen in der Tat für den Bereich

der politischen Theorie gute Gründe dafür, sie so zu konzipieren, dass sie

mit möglichst wenigen moralischen Prämissen auskommt. Deshalb ist mir der

Versuch, Toleranz als politische und nicht als moralische Frage zu behandeln,

grundsätzlich sympathisch. Doch bin ich skeptisch, ob man ohne eine zumindest

schwache moralische Konzeption von personaler Autonomie auskommt, um

eine freiheitliche politische Kultur zu begründen. Toleranz ist demnach nicht nur

eine politische, sondern immer auch eine moralische bzw. ethische Frage.

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Das gilt erst recht aus theologischer Perspektive. Die christliche Theologie fragt

nach Gehalt und Verhältnis von Menschenbild und Gottesbild. Sie evoziert dabei

fast zwangsläufig starke moralische Vorstellungen. Doch die dabei formulierten

Erwartungen und Forderungen an jeden Einzelnen können auch zur Last werden.

Je anspruchsvoller die Toleranzkonzeption, desto eher fühlt sich der Mensch damit

überfordert. Zwei Relativierungen könnten da helfen: Zum einen ist immer

wieder an die grundlegende Einsicht zu erinnern, dass nicht die tugendhafte Lebensführung

zur Gnade Gottes führt, sondern der Glaube zum guten Werk befreit.

Das entlastende Moment der Rechtfertigungslehre gilt auch für eine evangelische

Toleranzpraxis. Zum anderen rechnet der Protestantismus auch im

institutionellen Denken mit der menschlichen Unzulänglichkeit. Beispielhaft

steht dafür die Lehre von den zwei Regimenten. Die politische Verfasstheit einer

Gesellschaft, ihre Rechtsordnung und die Instrumente ihrer Durchsetzung gewinnen

aus der Reflexion der Weltlichkeit der Welt einen eigenen theologischen

Wert. Im Lichte solcher Differenzierungsfiguren in der evangelischen Ethik lassen

sich dann auch noch einmal unterschiedliche Toleranzkonzepte einordnen.

Die Nobilitierung einer konviventen Toleranz (wie im Grundlagenpapier) führt

nicht dazu, Toleranzformen, die mit weniger Empathie verbunden sind, abzuwerten

oder gering zu schätzen. Sie können in der politischen Praxis eine auch theologisch

zu würdigende Funktion erfüllen, wenn sie zum friedlichen Miteinander

und manchmal auch nur Nebeneinander beitragen.

XI.

Wer von Toleranz spricht, muss auch auf ihre Grenzen zu sprechen kommen. Zuweilen

liest man: Die Grenze der Toleranz ist die Intoleranz. Das ist nicht falsch,

aber doch unscharf, sofern damit gemeint ist: Meine Toleranz findet ihre Grenze

in Deiner Intoleranz. Denn dann erinnert sie an den Kantischen Rechtsbegriff

(Recht als Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des Einen mit der

Willkür des Anderen nach einem allgemeinen Gesetze der Freiheit zusammen

vereinigt werden kann). Freiheitsrechte beruhen auf der Idee der Gegenseitigkeit.

Die eigene Freiheit findet in der Freiheit des Anderen ihre Grenze. Doch Toleranz

bildet sich nicht einfach in den Freiheitsrechten ab. Die Grundrechte schützen

selbst Intoleranz in den Grenzen des geltenden Rechts. Umgekehrt kann die Duldsamkeit

mit dem Nächsten sehr viel weitergehen, als das Recht verlangt.

Zugleich ist Recht eine knappe soziale Ressource. Der Staat kann das friedliche

Zusammenleben zwischen den Menschen nicht alleine garantieren. Er ist immer

auch auf vor- und außerrechtliche Instrumente des Konfliktmanagements angewiesen.

Eine weitverbreitete Haltung der Toleranz ist probate Konfliktprävention.

Deshalb ist Toleranz ein wesentliches schulisches Bildungsziel.

Die Grenzen der Toleranz sind also andere als die Grenzen der Freiheit und sie

sind anders zu bestimmen. In Thomas Manns Roman »Der Zauberberg« doziert

der aufgeklärte Humanist Settembrini gegenüber Hans Castorp: »Dem Problem

der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur. Prägen Sie sich immerhin

ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.« 20 Toleranz

wird zum Verbrechen, wenn sie dem Bösen gilt. Der Satz entspricht wohl

unser aller Intuition. Wer wollte widersprechen? Doch was ist das Böse für

Settembrini? Die Metaphysik. So plädiert er dafür, Gott aus dem Denken zu streichen,

und Luther erklärt er en passent zum »Asiaten«. Toleranz wird zum Verbrechen,

wenn sie dem Bösen gilt? Der Satz verdient wohl unsere Zustimmung.

Doch zugleich ist Toleranz gerade da gefordert, wo wir darüber streiten, was das

Böse ist. Das Böse ist im Alltag nicht immer (vielleicht gar selten) evident. Wie

sind dann aber die Grenzen der Toleranz zu fassen? Das Grundlagenpapier formuliert

mit Bedacht und präzise: »Intoleranz ist eine Brutstätte von Unfrieden

und Gewalt. … Toleranz kann es gegenüber menschenfeindlichen Ideologien nicht

geben.« Eine tolerante Gesellschaftsordnung muss sich also gegen »Angriffe der

Intoleranz« 21 verteidigen. Aber die Instrumente dafür sind vielgestaltig. Die vielbemühte

Formel »keine Toleranz für Intoleranz« ist zu plakativ, um den moralischen

Ansprüchen einer toleranten Gesellschaft hinreichend gerecht zu werden.

Davon zeugen die Überlegungen zur einseitigen Toleranz im Grundlagenpapier.

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VORTRÄGE

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XII.

Ich komme zum Schluss. In modernen Gesellschaften gehört der Umgang mit

Fremdheit zur Grunderfahrung. Selbst im Vertrautwerden bleibt Fremdheit. Daraus

resultieren beständige Toleranzanforderungen, die unseren Alltag prägen.

Einige Beispiele aus eigenem Erleben: Die hierarchische Leitungskultur in der katholischen

Kita meines Sohnes befremdet mich anhaltend – und doch schrecke

ich aus Respekt vor dem Profil der Einrichtung davor zurück, eine Reformation

en miniature anzuzetteln. Die Auseinandersetzung mit Vertretern des kämpferischen

Laizismus, die meine Profession so mit sich bringt, erlebe ich als überaus

mühsam – und doch versuche ich mich immer wieder in deren Beweggründe hineinzuversetzen

und das Gespräch nicht abreißen zu lassen. Wiewohl ich als

Christ selbst keine orthodoxe Frömmigkeitspraxis an den Tag lege, engagiere ich

mich sehr bewusst für das (orthodoxe) Rabbinerseminar zu Berlin und damit für

eine Einrichtung, in der angehende Rabbiner Positionen lernen, die eigenen

Überzeugungen, z. B. zur Notwendigkeit einer historisch informierten Hermeneutik

heiliger Texte, widersprechen.

Das vorliegende Grundlagenpapier will dazu anregen, sich im Horizont des eigenen

Glaubens mit solchen Fremdheitserfahrungen auseinanderzusetzen. Es schafft

Vergewisserung und Orientierung, etwa in den gerade geschilderten Situationen.

Auch die Ausführungen im Grundlagenpapier zur christlichen Gemeinschaftsgestaltung

– »es gilt, einander in Liebe zu ertragen« – wecken bei mir lebhafte

Erinnerungen. Der bleibend Andere, das ist auch der und die in der Kirchenbank

neben mir. Toleranz untereinander in der Kirche – das wäre noch einmal einen

eigenen Vortrag wert. Das Themenspektrum reichte vom kirchlichen Arbeitsrecht

bis zur kirchlichen Gremienkultur.

Die Runde, die an dem heute einzubringenden Text mitgearbeitet hat, wäre hingegen

kein geeigneter Gegenstand zur Beschreibung von innerkirchlichen Toleranzdefiziten.

Für die beglückende praktische Erfahrung »konviventer Toleranz«

zeichnen Pröpstin Friederike von Kirchbach und Herr Dr. Zemmrich aus dem Konsistorium

maßgeblich verantwortlich. In der Vorbereitung des Grundlagenpapiers

»Leben mit dem bleibend Anderen – Toleranz in evangelischer Perspektive«

stimmten Inhalt und Form trefflich zusammen. Gleiches wünsche ich Ihnen,

hohe Synode, für Ihre nun anstehenden Beratungen zum Toleranzthema. Ich

danke für Ihre Aufmerksamkeit.

1 Heinz Schilling, Luther, 2012, S. 627.

2 Diarmaid MacCulloch, Die Reformation: 1490-1700, 2008.

3 Ralf Meister, Im Geiste der Toleranz, in: epd-Dokumentation 7/2013, S. 10.

4 Kirchenamt der EKD, Schatten der Reformation. Der lange Weg zur Toleranz, 2012, S. 45.

5 Ausnahme von dieser Regel bei Michael Weinrich, Reformation und Toleranz,

in: epd-Dokumentation 7/2013, S. 16 (21).

6 Hugo von Hofmannsthal, Erzählungen, Erfundene Gespräche und Briefe, Reisen, 1979, S. 465.

7 Jürgen Habermas, Treffen Hegels Einwände gegen Kant auf die Diskursethik zu?, in: ders.,

Erläuterungen zur Diskursethik, 1991, S. 25.

8 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in:

ders., Recht, Staat, Freiheit, 1991, S. 92 (112).

9 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Der säkularisierte Staat, 2006.

10 Jürgen Habermas, Vorpolitische Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates?, in: ders.,

Zwischen Naturalismus und Religion, 2005, S. 111.

11 Jürgen Habermas, Glauben und Wissen, 2001, S. 14.

12 Jürgen Habermas, Religiöse Toleranz als Schrittmacher kultureller Rechte, in: ders.,

Zwischen Naturalismus und Religion, 2005, S. 258 (268 f.).

13 Etwa Rainer Forst, Toleranz im Konflikt, 2003; ders., Toleranz, Gerechtigkeit und Vernunft, in:

ders. (Hg.), Toleranz, 2000, S. 119 ff.; ders., Der Begriff der Toleranz, in: Notger Slenczka

(Hg.), Beiheft 2009/2010 zur BThZ, 2010, S. 63 ff.

14 Honoré-Gabriel Marquis de Mirabeau vom 22. August 1789 in der Nationalversammlung;

Moniteur Nr. 45 vom 21.– 23. August, S. 185 (186).

15 Rainer Forst, Art. Toleranz, in: Handbuch der politischen Philosophie und Sozialphilosophie,

2008, S. 1343 (1344).

16 Eberhard Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt, 1977.

17 Benedikt XVI., Glaube und Vernunft, 2006.

18 Wolfgang Huber, Im Geist der Freiheit, 2007, S. 73 ff.

19 Bernard Williams, Toleranz – eine politische oder moralische Frage?, in: Rainer Forst (Hg.),

Toleranz, 2000, S. 103 ff.

20 Thomas Mann, Der Zauberberg. Große kommentierte Frankfurter Ausgabe Bd. 5.1., 2002,

S. 778.

21 Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, S. 333: »Wenn wir nicht bereit

sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen,

dann werden die Toleranten vernichtet und die Toleranz mit ihnen.«

70 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

VORTRÄGE

71


Geistliche

»Predigt im Synodengottesdienst«

Professor Dr. Rolf Schieder

Worte

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da

kommt. Amen.

Der Predigttext findet sich im Evangelium nach Matthäus im 22. Kapitel:

Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten

sie sich. Und einer von ihnen, ein Schriftgelehrter, versuchte ihn und

fragte: Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? Jesus antwortete ihm: »Du

sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzem

Gemüt.« Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich:

»Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.« In diesen beiden Geboten hängt

das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt. 22, 34–40)

Liebe Gemeinde,

nicht ich habe mir diesen Text ausgesucht – der Ältestenrat der Synode hat mir

vielmehr nahegelegt ihn im Blick auf das Synodenthema »Reformation und Toleranz«

auszulegen. Arglos habe ich dem Vorschlag zugestimmt, um bei genauerer

Betrachtung festzustellen, dass in diesem Text – und in seinem Kontext – von allem

Möglichem die Rede ist, nicht aber von Toleranz. Man hätte ja schon bei der

Formulierung »das Maul stopfen« stutzig werden müssen. Das klingt nicht gerade

nach einer politisch korrekten Debattenkultur. Ganz schlimm wird es dann

aber ein paar Verse später: Jesus beschimpft dort die Pharisäer abwechselnd als

»Heuchler!«, »blinde Führer!« »Raubgierige!«, »Gesetzesverächter!«, »Nattern

und Schlangenbrut!«, »Prophetenmörder!«. Der Jesus des Matthäusevangeliums

war alles Mögliche, aber tolerant war er nicht.

Was hat sich der Ältestenrat also dabei gedacht, mir ausgerechnet diesen Text

aufzugeben? Wenn er doch wenigstens eine der Parallelstellen im Markus- oder

gar im Lukasevangelium ausgewählt hätte. Dort ist das »höchste Gebot« sehr

viel milder gerahmt. Markus stellt uns einen Jesus und einen Schriftgelehrten

vor, die die Technik der positiven Verstärkung vorbildlich beherrschen. Nachdem

Jesus die Frage nach dem höchsten Gebot korrekt beantwortet hat, sagt der

Schriftgelehrte: »Schön hast Du das gesagt, Meister, und Du hast Recht.« Und

dann wiederholt der Schriftgelehrte das Doppelgebot der Liebe noch einmal mit

seinen eigenen Worten. Und weil auch er das so schön gesagt hatte, lobt nun

72 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

GEISTLICHE WORTE

73


auch Jesus den Schriftgelehrten: »Du bist nicht fern vom Reich Gottes!« Gerade

zur Einführung von Friedhelm Kraft als Leiter der Abteilung V wäre das ein pädagogisch

wertvoller, Toleranz sozusagen im Vollzug zeigender Text gewesen.

Auch im Lukasevangelium wird das Doppelgebot der Liebe viel anregender gerahmt.

Bei Lukas ist es nämlich der Auftakt zum Gleichnis vom Barmherzigen Samariter

– mit der spannenden Übergangsfrage: Wer ist denn überhaupt mein

Nächster? Jesu kehrt bekanntlich die Fragestellung genial um: Wem willst Du

denn ein Nächster werden? Lauter schöne Predigttexte! Ich aber stehe vor Ihnen

und muss – wenn ich dem Schriftwort treu sein will – eine Predigt über den

fundamentalen Unterschied zwischen Toleranz und Liebe halten! Nun hat es

schon immer zu den hervorstechenden Merkmalen evangelischer Predigt gehört,

dem Zeitgeist mutig entgegenzutreten und mit Kulturkritik nicht zu sparen.

So gehe ich frisch ans Werk, ganz nach dem Motto: »Heute hat sie der Herr in

meine Hand gegeben« …

Im Mittelpunkt des Textes steht die Liebe in seiner dreifachen Gestalt als Gottesliebe,

als Nächstenliebe und als Selbstliebe. Sind Liebe und Toleranz denn nicht

verwandt? Ich behaupte: Liebe hat mit Toleranz ungefähr so viel zu tun, wie ein

Fisch mit einem Fahrrad. Denn Liebe will Nähe, Toleranz aber ist eine Haltung gegenüber

Fremden. Jeder, der schon einmal eifersüchtig war, weiß, dass sich

Liebe nicht auf Toleranz reimt. Aber auch Jesu Frage im Gleichnis vom Barmherzigen

Samariter »Wem willst Du ein Nächster werden?« weist auf den Sachverhalt

hin, dass es einen Nächsten für mich nur gibt, wenn ich bereit bin, für ihn

Verantwortung zu übernehmen. Nächstenliebe ist keine milde Freundlichkeit gegenüber

Jedermann. Vielmehr gilt: wen ich zu meinem Nächsten erwähle, für

den will ich auch da sein. Der Barmherzige Samariter, der sich zum Nächsten des

Überfallenen macht, kann das übrigens auch nicht täglich tun. Wer professionell

Samariter werden will, muss Diakoniemanagement oder Pflegewissenschaft studieren

und schnell einsehen, dass Nächstenliebe nicht institutionalisierbar ist.

Mit dem Begriff Liebe beschreiben wir ein Nahverhältnis. Toleranz hingegen ist

eine Tugend, die man Fremden gegenüber an den Tag legt. Insofern ist der Begriff

der Toleranz ein durch und durch politischer Begriff. Menschen, die in einem

politischen Gemeinwesen zusammenleben, zeichnen sich dadurch aus, dass sie

einander fremd sind. Eine polis, eine Stadt, ein Staat ist eine Gemeinschaft von

Fremden. Angela Merkel und Peer Steinbrück müssen sich nicht lieben. Es reicht

vollkommen aus, dass sie sich tolerieren. Gleiches gilt für die Parteien im Bundestag.

Und auch am Arbeitsplatz – nicht einmal im Konsistorium – kann ein Liebesgebot

erlassen werden. Es reicht vollkommen aus, dass wir uns gegenseitig

ertragen – und uns ansonsten an die Verfahrensregeln halten, die Institutionen

für Konfliktfälle bereithalten.

Aber auch im Blick auf die Liebe Gottes ist der Toleranzbegriff irreführend. Der

Gott, an den Christen glauben, ist kein toleranter Gott. Er ist ein liebender, aber

als solcher ein »eifriger Gott«. Nun mag man Gottes Liebe – wenn man sich in einer

besonders romantischen Stimmung befindet – »wie Gras und Ufer«, und »wie

Wind und Weite« empfinden. Die Fülle biblischer Bilder für die Liebe Gottes wird

damit freilich nicht ausgeschöpft! Bei Hosea etwa sagt der Herr: »Mit Stricken

der Liebe habe ich sie gezogen« (11,4). Angesichts der Untreue seines Volkes

spricht Gott zwar: »Meinem glühenden Zorn werde ich nicht freien Lauf lassen.«

(11,9) – aber das heißt ja gerade, dass er aus Liebe zornig ist. Gott liebt Gerechtigkeit

und Recht und hasst das Unrecht. Wen der Herr liebt, den züchtigt er. Er

liebt sein Volk und ist ihm treu – angesichts der Untreue seines geliebten Volkes

muss er aber seinen Zorn immer wieder zügeln – zuweilen mussten Abraham

und Mose ihm helfen, sich im Zaum zu halten.

Das spricht aber nicht gegen Gott, sondern gerade für ihn! Wenn ich »Toleranz«

höre, dann fällt mir zuerst »Herablassung« ein. Die absolutistischen Herrscher der

frühen Aufklärung duldeten zwar religiöse und kulturelle Vielfalt. Duldung aber

hieß eben: kein Recht. Toleranz ist aber auch im persönlichen Umgang miteinander

nicht notwendig eine Tugend. Toleranz kann vollkommenes Desinteresse signalisieren.

Man gibt sich tolerant, weil man selbst schlicht nicht betroffen ist. Die

Toleranz derer, die hoch und trocken sitzen, macht mir den Begriff nicht gerade

sympathischer. Toleranz ist mir zu wenig und zu billig. Zu wenig, weil sie doch nur

auf Duldung und nicht auf Anerkennung hinausläuft; und zu billig, weil zur Toleranz

gerne diejenigen auffordern, die mit dem zu Tolerierenden gar nicht konfrontiert

sind. Es handelt sich meist um eine eigenkostenlose Toleranz.

74 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

GEISTLICHE WORTE

75


Sollen wir uns also wirklich einen toleranten Gott wünschen? Das Glaubensbekenntnis

umschreiben? »Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen und

Toleranten«? Wollen wir wirklich einen Gott, dem es – angewidert von der kleinlichen

Streitigkeiten und Bosheiten der Menschen – letztlich ganz egal ist, ob

Recht und Gerechtigkeit herrschen oder Bosheit und Gewalt. Ein Gott, der so

fern ist, dass er herablassend und aus sicherer Distanz die Menschen sich selbst

überlässt?

Nein, der Gott der Bibel ist kein toleranter Gott. Der Gott, wie wir ihn aus der Heiligen

Schrift kennen, ist ein liebender Gott. Aber diese Liebe ist radikal, revolutionär

und erschreckend bedingungslos. Sie verwahrt sich gegen jeden Kompromiss.

Gottes unerbittliche Liebe lässt die Mächtigen scheitern und erhebt die

Niedrigen, sättigt die Hungrigen und schickt die Reichen weg. Gottes Liebe ist

revolutionär. Als die Römer einen unschuldigen Gerechten kreuzigten, gefiel es

Gott, die Weltordnung auf den Kopf zu stellen. Die Pointe der Botschaft von der

Auferstehung Jesu besteht darin, dass Gottes Liebe zu den Menschen sich von

Unrecht und Gewalt nicht hindern lässt. Es ist übrigens faszinierend zu beobachten,

dass das revolutionäre Potential des Auferstehungsglaubens heute selbst

von Menschen, die keine Christen sind, erkannt wird. So schreibt Jakob Augstein

auf spiegel online zu Ostern eine Kolumne, in der es heißt: »Man muss kein

Christ sein, um die Bedeutung der Auferstehung schätzen zu lernen. Die Auferstehung

ist der Sieg des utopischen Denkens! … Die Tatsachenmenschen haben

abgewirtschaftet. Kapitalismus und Neoliberalismus halten keine Hoffnung bereit.

Die Aufgabe der Politik wäre es, ihnen mit der Kraft der Utopie zu begegnen.

Ostern, das Fest der Auferstehung, erinnert an diese Kraft.«

Gottes Liebe ist grenzenlos – und gerade deshalb erschreckend. Es ist zwar richtig,

dass Gott uns die Freiheit lässt, ihn zu lieben – oder es bleiben zu lassen.

Und er wird sich, was die menschliche Fähigkeit zur Gottesliebe betrifft, keinen

großen Illusionen mehr hingeben. Aber woran Gott doch unter allen Umständen

festhält – kompromisslos, unerbittlich, bis in alle Ewigkeit – das ist seine Forderung

an die Menschen, sich von ihm lieben lassen. Er ist gnadenlos gnädig und

erbarmungslos sich erbarmend, nicht nicht liebend könnend. Dieser Liebe Gottes

entkommt niemand. Wir können uns dazu nur unterschiedlich verhalten.

Das vorläufige Fazit lautet also: Weder für die Gottesliebe noch für die Nächstenliebe

trägt der Toleranzbegriff etwas aus. Bliebe noch die Selbstliebe! Besitzt

der Toleranzbegriff vielleicht für ein theologisch angemessenes Verständnis der

Selbstliebe bemerkenswerte Erschließungskraft? Ich will dem dritten und letzten

Teil meiner Ansprache so überschreiben: »Toleranz mir selbst gegenüber –

oder: wie halte ich es eigentlich mit mir selbst aus?« Debatten über Toleranz

sollten nicht mit der Frage beginnen, wie wir Toleranz gegenüber anderen üben

können. Sie sollten mit der Frage beginnen, für wie tolerabel wir uns selbst eigentlich

halten. Wie erträglich und wie zuträglich sind wir? Jedem von uns fallen

auf Anhieb Mitmenschen ein, die wir für »schwer erträglich« halten und deren

Gesellschaft wir gerne meiden. Seltener stellen wir uns Frage, wie schwer erträglich

wir selbst eigentlich sind. Dabei bekennen wir in jedem Gottesdienst,

dass wir Sünder sind. Die Spannung zwischen dem, wie wir gerne sein möchten

und dem, wie wir in Wirklichkeit sind, ist nicht leicht auszuhalten. Was also tun

mit unseren Unzulänglichkeiten? Viele verdrängen sie. Martin Luther hat darunter

gelitten: »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?« Das war keine Angst vor

einen fernen Jüngsten Gericht. Es ging um die täglich immer wieder neu erlittene

Frage: »Wie halte ich es mit mir selbst aus?« Unaufhörliches Beichten und

Selbstverletzungen hatten sich als Irrwege erwiesen.

Wir hören immer wieder, Luthers Frage »Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?«

werde heute nicht mehr gestellt. Das ist möglicherweise eine Fehleinschätzung

der religiösen Lage unserer Gegenwart. Ist diese Frage heute nicht genauso virulent

ist wie im Spätmittelalter – sofern man Gott nicht als einen fernen Richter

denkt, sondern Gott – gut lutherisch – als das, woran der Mensch sein Herz

hängt? Es scheint mir kein Zufall zu sein, dass der Soziologe Ulrich Beck 2007 ein

Buch mit dem Titel »Der eigene Gott« veröffentlicht hat. Gott könne nicht mehr

als der Gott eines Kollektivs gedacht werden, sehr wohl aber als jene Instanz,

der gegenüber sich das Individuum letztlich verantwortlich und verpflichtet fühlt.

Der »eigene Gott« tritt einem als Ich-Ideal entgegen, als das Traummodel, dem

der Teenager nacheifert, der Fußballstar, dem man gleichen möchte, der Retter

der Umwelt, der Helfer der Armen, der Arzt der Kranken, der gerechte Richter.

Jeder Mensch kennt auch heute die Instanz sehr wohl, die ihn mit der Differenz

zwischen Sein und Sollen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit konfrontiert. Die

76 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

GEISTLICHE WORTE

77


Spannung, die aus dieser Offenbarung, resultiert, will ausgehalten sein. Und die

Frage drängt sich auf, wie dieser eigene Gott gnädig zu stimmen ist.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und nehme aus vielen empirischen Untersuchungen

zur Kenntnis, dass heute die Schere zwischen Wunsch und Wirklichkeit

besonders weit auseinander gegangen ist – mithin die Frage nach der

Gnade mithin besonders drängend geworden ist. In den neoliberalen 80ern

klang die Idee, sich immer wieder neu zu erfinden, sich zu einem Kunstwerk zu

gestalten, das eigene Leben als ein unabgeschlossenes Projekt zu genießen,

noch befreiend. Heute ist Ernüchterung eingetreten: Selbstoptimierungsdruck

und Projektzwänge halten immer weniger Menschen aus. Scheitern ist ein peinliches

Tabu. Prekäre Lebensverhältnisse sind auf dem Vormarsch.

Selbst die eigenen Kinder werden zum Projekt – mit fatalen Nebenwirkungen.

Ich bin gerade Großvater geworden und die Eltern meiner Enkeltochter berichteten

besorgt von der Atmosphäre in den Arztpraxen. Nicht die Eltern sind rechtfertigungspflichtig,

die ihr Kind bei einer problematischen Diagnose nicht behalten

wollen, sehr wohl aber diejenigen, die sich für ihr Kind entscheiden, auch

wenn es möglicherweise nicht perfekt ist. Dem Perfektionierungsdruck ist nicht

leicht zu widerstehen. Damit nimmt aber auch die Brisanz der Frage: »Wie halte

ich meine eigenen Unzulänglichkeiten aus?« zu.

Luther hat die Frage, wie wir uns tolerieren können, wegweisend gelöst. Er erkannt

einerseits, dass ihm alle Wege, sich selbst zu tolerieren, versperrt waren.

Er konnte sich sein Leben nicht mehr schön reden – und auch nicht schön trinken.

Nach seinen eigenen Maßstäben war er unerträglich. Er erkannte aber andererseits

auch, dass Gott ihn in diesem Zustand nicht verharren ließ. Der gerechte

Gott sah ihn mit den Augen der Liebe an. Als von Gott geliebter Sünder

fand er sich – ohne eigenes Zutun, allein aufgrund der Liebe Gottes – als gerechtfertigt

vor. Das war Luthers grundlegende Einsicht: Wir können uns vor uns

selbst nicht rechtfertigen. Aber es wird uns leicht und froh ums Herz, wenn wir

Gott erlauben, uns zu lieben. Das ist nicht so leicht wie es klingt. Die Lust am

negativen Selbstverhältnis ist tief verankert. Wenn wir uns aber von Gottes

Liebe ergreifen lassen, dann gewinnen wir ein neues Selbstverhältnis – ein

Selbstverhältnis, das weder selbstbetrügerisch noch selbstzerstörerisch ist. Die

Liebe Gottes, die in uns Schwachen dann mächtig wird, drängt nach Veränderung,

nach Transformation. Mit dem Status quo haben sich Christen nie zufrieden

gegeben – auch an dieser Stelle unterscheidet sich die weltverändernde

Liebe Gottes von neuzeitlichen Toleranzforderungen. Martin Luther King rief am

23. August 1963 auf den Stufen des Lincoln Memorial in Washington, D. C.: »Nein,

nein, wir sind nicht zufrieden und wir werden nicht zufrieden sein, bis Gerechtigkeit

herabströmt wie Wasser und Rechtschaffenheit wie ein mächtiger Strom.«

Das war keine Toleranzerklärung. Christen sind unterwegs – in Erwartung des

kommenden Reiches Gottes.

Vor ein paar Wochen nahm ich an einer Städtebaukonferenz teil. Ein junger Städteplaner

hielt einen faszinierenden Vortrag über die Zukunft unserer Städte. Anschließend

bat ich ihn um seine Karte. Auf der war zu lesen: »raumtaktik. office

from a better future«. Nicht »office for a better future«, sondern »office from a

better future«. Ich war zutiefst beeindruckt und fragte mich, warum das eigentlich

unseren kirchlichen Werbestrategen nicht eingefallen ist: »Kirche – Ständige

Vertretung einer besseren Zukunft«. »Office from a better future« – besser kann

man den Zusammenhang von Reich Gottes und Kirche nicht zum Ausdruck bringen.

Wir sind Stellvertreter der besseren Zukunft des Reiches Gottes. Das muss

unser Selbstbewusstsein prägen. Von Träumen, Bäumen und Blumen und Ufern

und Gräsern sollten wir uns nicht einlullen lassen. Ich mache ausdrücklich auf

das textliche Achtergewicht des nächsten Liedes aufmerksam. Die Liebe Gottes

ist kein Schlafmittel, sie weckt im Gegenteil auf. In diesem Sinne wünsche ich

Ihnen, lieber Friedhelm Kraft, ein aufgewecktes Konsistorium und eine wache

Religionslehrerschaft. Und der Synode nicht nur Toleranz im Umgang, sondern

auch den Mut zum Nachdenken darüber, welche Konsequenzen wir den aus der

unbedingten Forderung Gottes, uns von ihm lieben zu lassen, ziehen wollen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als unsere Vernunft, bewahre unsere

Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

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GEISTLICHE WORTE

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»Morgenandacht während der Synodaltagung«

Landessynodale Solange Wydmusch

OrlouezDieutoute le monde,

Chantez le lot de sonrenom;

Chantez si haut, quetouteredonde

De la louange de sonNom.

(Psalm 66, Genfer Psalter, 1562)

Jauchzet Gott, alle Lande!

Lobsinget zur Ehre seines Namens;

rühmet ihn herrlich!

(Psalm 66, Reformierter Psalter, 1793)

Der Ältestenrat meinte, ich hätte etwas zu sagen zur Toleranz auf Grund meiner

Biographie und Konfession. Er hat mir die freie Wahl für die Bibelstelle gelassen.

Es war nicht einfach.

Toleranz ist ein seltsames Wort für mich, ein Wort mit einem bitteren Beigeschmack.

Wenn ich einen Text auf Französisch schreibe, vermeide ich das Wort

»tolérance«.

Weil es auf Französisch ein Allerweltswort ist … In der Schule sagt fast jeder

Lehrer: Je ne tolère aucun retard (Ich dulde keine Verspätung). Es gibt sogar Kosmetik

für peau intolérante, auf Deutsch empfindliche Haut.

Weil es für eine Reformierte keine positiven Geschichtserinnerungen auslöst.

Das Edikt von Nantes bedeutete das Ende der Verfolgung, aber die Reformierten

wurden einfach wie in Ghettos isoliert. Den kleinen reformierten Rest konnte

das katholische Königreich Frankreich gerade so dulden … Die Reicheren, die unternehmungsfreudigeren

Reformierten, waren sowieso schon, wenn es möglich

war, ins Ausland geflohen. Da wurden sie mit sehr viel Toleranz, aber eigentlich

aus wirtschaftlichen Gründen sehr gut aufgenommen. Nach dem Tod von Henri IV.,

nahmen die Verfolgungen und die Dragonaden in Frankreich sehr schnell zu. 80

Jahre später gab es das Revokationsedikt von Fontainebleau. Zwei Wochen später,

am 29. Oktober 1685, folgte darauf das Edikt von Potsdam. Das löste das

»Grand Refuge« aus. Ein Glücksfall für Preußen und sehr schwere Zeiten in Frankreich.

Erst mit der Französischen Revolution und der Deklaration der Menschen-

rechte (1789) und nachhaltig erst nach 1905 mit der Einführung der Laizität wurden

die Protestanten nicht mehr als Bürger zweiter Klasse angeschaut. Die

Protestanten waren so froh, dass sie dem Staat die meisten protestantischen

Schulen und Institutionen geschenkt haben.

Ein langer Weg zur Toleranz. Deswegen spreche ich lieber von Akzeptanz, von

Begegnung, von einem »face à face fraternel«, von einem brüderlichen von Angesicht

zu Angesicht als von Toleranz.

Wir lesen im Galaterbrief Kapitel 3, Verse 26–29

Ihr alle seid also Söhne und Töchter Gottes, weil ihr an Jesus Christus glaubt und mit

ihm verbunden seid. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt ein

neues Gewand angezogen – Christus selbst.

Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven

und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus

Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.

Wenn ihr aber zu Christus gehört, seid ihr auch Nachkommen Abrahams und seid damit

– entsprechend der Zusage, ›die Gott ihm gegeben hat‹ – Abrahams ›rechtmäßige‹ Erben.

Im Glauben sind wir zusammen ein neuer Mensch geworden. Da steht nicht »wir

werden«, sondern »wir sind geworden«.

Keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und

freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Das ist nun das Kennzeichen aller

Christen.

Diese Epistel berichtet von einer internen Krise. Die Galater waren externen Einflüssen

unterworfen und mussten Entscheidungen treffen. Paulus verstand sofort

die Tragweite des Konfliktes: Es war nicht nur eine Krise, sondern hier stand

die zentrale Botschaft, das Evangelium, auf der Kippe.

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GEISTLICHE WORTE

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Die Galater standen vor zwei Gefahren:

· Eine Rückkehr in das Judentum unter dem Einfluss der judaisierenden Christen

· Ein falsches Verständnis von Freiheit, das zur moralischen Grenzenlosigkeit

führte.

Die Antwort des Apostels Paulus lädt die Gemeinde ein, Grenzen abzubauen. Er

lädt sie ein, auf feste Muster zu verzichten. Er schenkt Ihnen die Gewissheit,

dass der neue Mensch in Ihnen selbst vorhanden ist.

Paulus ist selbst ein Mann, der Grenzen überschritten hat. Er lässt sich schlecht

einer Tradition zuordnen.

Er kommt aus einer strenggläubigen jüdischen Diaspora-Familie. Von seinem Vater

erbt Paulus das römische Bürgerrecht, das nur eine Minderheit der jüdischen

Reichsbewohner besaß. Seine Lehre enthält in wichtigen Teilen Aspekte der

griechischen Philosophie und des persischen Dualismus. Und dazu kommt noch

seine Bekehrung zum Christentum. Eine komplexe Identität also, würden wir

heute sagen, eine richtige Patchwork-Identität.

Paulus kannte bestimmt die Fragen, die sich heute viele Expatriierte, Menschen

die außerhalb ihres Vaterlandes leben, stellen: Zu welchem Land gehöre ich nun

wirklich?

Nach 15 Jahren in Deutschland stelle ich mir auch oft die Frage. Den größten Teil

meines Berufslebens habe ich in Berlin-Brandenburg verbracht. Meine Kindheit

und Studienzeit in Frankreich. Was prägt mich nun mehr? Zu welcher kirchlichen

Tradition soll ich mich zählen? Zu der der Reformierten in Frankreich, wo ich engagiert

war, oder zu der Französischen Kirche zu Berlin und der EKBO, zu denen

ich nun seit 12 Jahren gehöre?

»Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven

und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Wenn ihr aber zu Christus gehört, seid

ihr auch Nachkommen Abrahams und seid damit – entsprechend der Zusage, ›die Gott

ihm gegeben hat‹ – Abrahams ›rechtmäßige‹ Erben.«

Seine Antwort ist eschatologisch. Die Ethikerin Elena Lassida schreibt, dass Expattriierte

irgendwann mit dem einen Land die Vergangenheit teilen und mit

dem anderen die Zukunft. Als Ausländer werden sie in beiden Ländern betrachtet.

Sie nennt dieses Stadium: »statut d’ étrangeté«, einen Fremdsein-Status, ein

Fremdsein-Bürgertum.

Ist uns Christen dieses Fremdsein-Bürgertum bewusst? Sind wir, neuen Menschen,

von unseren Traditionen und Sozialisationswegen befreit?

Jean Calvin sprach immer wieder von dem wahren Land. Dieses wahre Land ist

das Gottesreich unter uns. Jean Calvin ist überzeugt, dass der Mensch, trotz der

Unwägbarkeit seines irdischen Lebens, in der Lage ist, die Pracht des kommenden

Reiches zu erkennen. Wie bei Hyldrich Zwingli und Dietrich Bonhoeffer sind

die letzten Dinge Ort der Heiligung und der Hoffnung.

Wir sind eingeladen, die Welt zu ändern. Christ sein ist dann eine Ethik und nicht

allein Mystik, so der französische Theologe Gabriel Vahanian (l’Utopie chrétienne,

Dieu anonyme).

Wir sind also eingeladen, die Differenzen zu überwinden. Nur so werden wir zum

wahren Menschen. Nur so kommen wir zu unserer Identität. Diese neue Identität

hilft uns, unsere Grenzen zu überschreiten. Wir sind als neue Menschen nicht

mehr Deutsche oder Franzosen, Juden oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen,

Männer oder Frauen, sondern Bürger des Reiches Gottes.

Auf die Identitätsfrage der Galater antwortet Paulus sehr scharfsinnig und wendet

den Blick der Galater nicht in die Vergangenheit, die trennen könnte, sondern

in die gemeinsame Zukunft, die verbindet.

82 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

GEISTLICHE WORTE

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Gott ist nicht nur Gott für uns, sondern für alle, für die Vielen, für Juden und Griechen,

für Juda und Israel, in Ägypten und in Babylon, in aller Welt. Gott ist allmächtig

und kennt keine Grenzen. So wird jedes fremde Land unsere geistliche

Heimat, wie auch jede Heimat als fremdes Land gesehen werden kann.

Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen

Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau.

Stehen dann nicht unsere religiösen Identitäten, unsere Glaubensbekenntnisse

im Wege? Können wir diese Grenzen überschreiten, ohne unsere jetzige Identität

zu verlieren?

Ja. Wenn wir uns als die Menschen definieren, die auf dem Weg sind, die die Realität

des Reiches Gottes leben wollen. Wenn wir uns benehmen wie Menschen,

die den Glauben suchen, die zweifeln, den Glauben in Frage stellen, die mit Anderen

im Gespräch sind. Menschen, die den Glauben als Gabe sehen und nicht

als Besitz.

Der Fluss bleibt seiner Quelle treu, indem er zum Meer strebt, schrieb Jean Jaures,

der französische Denker und Politiker. Ja, wir müssen keine Angst haben, im

Fluss unseren Glauben oder unsere konfessionelle Identität zu verlieren. Die Begegnungen,

die Diskussionen, die Konfrontationen beleben uns und helfen uns

auf dem Weg des Glaubens, wenn wir bereit sind, uns zu »enthüllen« und uns

von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. So entsteht kein Über-/Unterordnungsverhältnis.

Emmanuel Levinas widmete sich ein Leben lang diesem Thema. Er entwickelte

eine Philosophie der Begegnung, die uns helfen kann. Wir agieren meistens mit

Vorurteilen. Diese – teils unbewusste – Reduktion auf den ersten Eindruck mag

in lebenspraktischer Hinsicht durchaus Vorteile haben. Im zwischenmenschlichen

Bereich führt sie zu einer Abstumpfung und Verarmung unserer Beziehungen.

Denn der Andere kann in keiner Weise vollständig erkannt und »gewusst«

werden – er ist und bleibt ein unergründliches Geheimnis. Wir müssen also Abschied

nehmen vom immer schon Gewussten und die Gleichheitszeichen durch

Fragezeichen ersetzen. Erst so wird echte Begegnung möglich.

»Nach dem Bilde Gottes sein heißt nicht, Ikone Gottes zu sein, sondern sich in

seiner Spur befinden. […] Er zeigt sich nur in seiner Spur, wie in Kapitel 33 des

Exodus. Zu ihm hingehen heißt nicht, dieser Spur, die kein Zeichen ist, folgen,

sondern auf die Anderen zugehen, die sich in der Spur halten.« (Emmanuel

Lévinas, Die Spur des Anderen (1963), S. 235f.)

Solche Begegnungen werden dann zur Offenbarung des Christ, lumière des

Nations, Christus, das Licht aller Völker.

Ende 2010 lief der Kinofilm »Von Menschen und Göttern«. Er beschreibt das

Schicksal der Trappisten aus Tibhirine in Algerien, die Opfer des Terrorismus

wurden. Nachdem ich diesen Film gesehen hatte, habe ich mich mit den Schriften

von Christian de Chergé, der Prior des Klosters war, beschäftigt.

Er beschreibt den religiösen Dialog und zieht eine Parallele zur Jakobsleiter

(L’invincible espérance). Der eine Balken ist unser Glauben, der andere der Glauben

der Person, der wir begegnen. In diesem Fall ist es der Islam.

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GEISTLICHE WORTE

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Die Balken müssen von einander getrennt bleiben, man braucht sowohl eine gewisse

Distanz als auch Streben, Verbindungen. Diese Streben sind: Begegnungen,

gemeinsames Gebet. Der Geist Gottes, der hoch und runter läuft, führt uns

auf die höchsten Streben: die Streben der Hoffnung, die auch den Glauben verbinden.

Christian de Chergé schrieb: »Wir wollen bleiben als Türhüter einer hartnäckigen

Hoffnung, mit dem Gefühl, das ein Bündnis uns an dieses Volk bindet,

das eingeschlossen ist in unser Stabilitätsgelübde.«

In seinem letzten Text, der Osterpredigt, ein paar Stunden bevor die Mönche von

den Terroristen entführt wurden, spricht er von der Oster-Hoffnung, die uns das

leere Grab deutlich macht.

Diese Hoffnung teilen die Mönche mit den moslemischen Dorfeinwohnern. Er

zitiert in seiner Predigt den Dorfeinwohner Moussa: »wir, [das Dorf], wie auch

ihr, [die Mönche], können damit nur fertig werden durch die Hoffnung. Wenn Ihr

geht, dann fehlt uns allen eure Hoffnung und wir werden auch unsere Hoffnung

verlieren.«

Die Hoffnung teilen, das Reich Gottes teilen mit unseren Mitmenschen, baut die

Grenzen ab. Wir können uns dann, wie Maria mit Elisabeth, gemeinsam erfreuen

an dem Glauben und Gott preisen. Dann können wir nach Galiläa gehen und Gott

in den Anderen sehen.

Lasst uns gemeinsam Gott bekennen mit dem Lied 184.

Wir beten :

Gott Vater,

Wir danken Dir, dass du, der gute Hirte, uns immer wieder zusammenführst

und unsere Gemeinschaft bewahrst.

Du bist der Gott, der uns sein Reich schon hier und jetzt offenbart,

wenn wir uns mit Verständnis und Offenheit begegnen.

Du bist der Gott der gesamten Menschheit, der Gott der Vielfalt,

und der Ewigkeit.

Ermutige uns und schenke uns Kraft, an deinem Reich zu arbeiten

und Differenzen abzubauen.

Lehre uns von Angesicht zu Angesicht, einander zu begegnen und

gemeinsam Verantwortung zu tragen.

Sei bei uns in unseren Treffen. Unterstütze uns, wenn wir müde sind

und das Gefühl haben, es bringt nichts, wir kommen nicht weiter,

und denken unser Glaube ist zu schwach.

Ermutige uns, aufzustehen und Akteure des Dialogs zu werden,

damit die Kirche insbesondere die EKBO im Reformprozess

unser aller offenes Zuhause ist.

Schenke uns Ausdauer und Kraft, wir können dein Reich nicht alleine

verwirklichen, aber wir wollen unser Stückwerk leisten.

Amen

Gemeinsam beten wir mit den Worten, die Jesus Christus uns gelehrt hat:

Unser Vater im Himmel …

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

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GEISTLICHE WORTE

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Impressum

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die

Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Zum Schluss wollen wir das Lied aus Taizé singen:

Jubilate omnis Terra, servite Domino in laetitia

Herausgeber

Der Presse- und Öffentlichkeitsbeauftragte

der Evangelischen Kirche

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Pfr. Dr. Volker Jastrzembski

Georgenkirchstraße 69 / 70

10249 Berlin

Tel 030 · 2 43 44-287

Fax 030 · 2 43 44-289

presse@ekbo.de

1. Auflage 2013

Bestellung

Absendestelle im Evangelischen Zentrum

Helmut Raak

Tel 030 · 2 43 44-414

h.raak@ekbo.de

Gestaltung

NORDSONNE IDENTITY, Berlin

Druck

Buch- und Offsetdruckerei

H. Heenemann GmbH & Co. KG

88 FRÜHJAHRSSYNODE 2013

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