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AOK. Wir tun mehr. „Wenn es um meine ... - Goethe-Universität

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46<br />

Forschung aktuell<br />

von Barbara<br />

Heitzmann,<br />

Marc P. Nogueira<br />

und Klaus<br />

Günther<br />

Man muss nur wollen?<br />

Zur Ambivalenz von Verantwor<strong>tun</strong>g<br />

Nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im Bereich<br />

der G<strong>es</strong>undheits- und Altersvorsorge oder<br />

bei Arbeitslosigkeit wird von Vertretern aus <strong>Wir</strong>tschaft<br />

und Politik in den letzten Jahren verstärkt Eigenverantwor<strong>tun</strong>g<br />

der Bürger gefordert. Eigenverantwor<strong>tun</strong>g<br />

gehört zu den Standards im »H<strong>um</strong>an R<strong>es</strong>ource Management«<br />

und soll die B<strong>es</strong>chäftigten in ihrer ganzen<br />

Persönlichkeit mobilisieren, <strong>um</strong> berufl iche Aufgaben<br />

erfolgreich zu bewältigen. Dabei lässt sich eine merkwürdige<br />

Selbstbezüglichkeit beobachten, denn <strong>es</strong> wird<br />

der Eindruck erweckt, als sei Verantwortlichkeit allein<br />

eine Angelegenheit d<strong>es</strong> Willens und nicht auch eine<br />

Frage von Möglichkeiten. Jede Art von Verantwor<strong>tun</strong>g<br />

realisiert sich jedoch erst innerhalb ein<strong>es</strong> vorgegebenen<br />

Handlungsrahmens, zu dem nicht nur die normativen<br />

Erwar<strong>tun</strong>gen gehören, für deren Erfüllung oder Enttäuschung<br />

jemand verantwortlich gemacht wird, sondern<br />

auch die äußeren und inneren Bedingungen, unter denen<br />

jemand in einer konkreten Situation handelt. D<strong>es</strong>halb<br />

sind bei Forderungen nach Verantwor<strong>tun</strong>g stets<br />

die Voraussetzungen für das erwartete Handeln, wie<br />

personale Fähigkeiten und soziale Bedingungen, mitzubedenken.<br />

Die Übernahme von Verantwor<strong>tun</strong>g kann<br />

von einer Person gerechterweise nur innerhalb ein<strong>es</strong> so<br />

vorgegebenen Handlungsrahmens erwartet werden.<br />

Neue Tendenzen in Sozial- und Kriminalpolitik<br />

Bisher war <strong>es</strong> der Anspruch der Wohlfahrtspolitik,<br />

die soziale Ungleichheit in der G<strong>es</strong>ellschaft materiell<br />

z<strong>um</strong>ind<strong>es</strong>t etwas abzufedern. Die neue Sozialpolitik<br />

zielt nun darauf ab, dass jeder weitgehend selbst für die<br />

Risiken sein<strong>es</strong> Daseins vorsorgen solle. Von Personen,<br />

die aufgrund von Arbeitslosigkeit auf Sozialversicherungsleis<strong>tun</strong>gen<br />

angewi<strong>es</strong>en sind, wird verlangt, sich<br />

bei der Suche nach einem Arbeitsplatz »selbst zu aktivieren«.<br />

Die strukturellen Probleme d<strong>es</strong> Arbeitsmarkt<strong>es</strong><br />

treten dabei in den Hintergrund.<br />

Tendenzen zur Individualisierung der Verantwortlichkeit<br />

lassen sich gegenwärtig auch in der Kriminalpolitik<br />

beobachten. Dort werden Sanktionen und<br />

Maßregeln verschärft und der bisher g<strong>es</strong>ellschaftlich<br />

weit gehend anerkannte Zweck der Reintegration von<br />

Straftätern zunehmend zurückgenommen. Natürlich<br />

zielt das Strafrecht immer darauf, den Einzelnen für<br />

seinen Verstoß gegen rechtliche Verhaltensnormen zur<br />

Verantwor<strong>tun</strong>g zu ziehen. Jedoch drückte sich bisher<br />

in den rechtfertigenden Prinzipien d<strong>es</strong> Strafens eine<br />

gewisse Bereitschaft aus, schwierige Lebenslagen zu<br />

berücksichtigen. Gegenwärtige Änderungen d<strong>es</strong> Strafrechts<br />

laufen nun darauf hinaus, die G<strong>es</strong>ellschaft möglichst<br />

anhaltend vor dem »kriminellen Subjekt« zu<br />

schützen, indem man <strong>es</strong> möglichst lange hinter »Schloss<br />

und Riegel« hält. Beispiele dafür sind etwa die kürzliche<br />

Einführung der nachträglichen Sicherungsverwahrung<br />

(auch für Heranwachsende) und die aktuellen<br />

Forderungen, die Höchststrafe für Jugendliche von<br />

zehn auf 15 Jahre heraufzusetzen. Zu befürchten ist,<br />

dass Kriminalität dabei immer weniger als Ausdruck<br />

sozialer Konfl ikte gedeutet wird.<br />

Studie z<strong>um</strong> Rechtsverständnis<br />

Aufgrund der Veränderungen in der Sozial- und<br />

Kriminalpolitik drängt sich die Frage auf, ob <strong>es</strong> auch im<br />

Alltagsverständnis eine Tendenz gibt, Verant wor<strong>tun</strong>g<br />

und Schuld nur individualisierend zuzuschreiben. Im<br />

Institut für Sozialforschung b<strong>es</strong>chäftigen wir uns mit<br />

der Frage, ob die vielfältigen Verweise auf Eigenverantwor<strong>tun</strong>g<br />

im g<strong>es</strong>ellschaftlichen Leben Laien dazu<br />

mo tivieren, sozial bedingte, schwierige Handlungs<strong>um</strong>stände<br />

nicht als Schuld mindernde Gründe zu berücksichtigen.<br />

Das Forschungsprojekt »Zuschreibung von<br />

Verantwor<strong>tun</strong>g im Rechtsverständnis« untersucht mit<br />

einem methodischen Ansatz aus der qualitativen Sozialforschung,<br />

wie Befragte aus Frankfurt (Main) und<br />

Leipzig Akteuren in drei vorgegebenen Rechtsfällen<br />

Verantwor<strong>tun</strong>g zuschreiben. Die Probanden unterscheiden<br />

sich nicht nur nach ihrer Herkunft aus Ost-<br />

und W<strong>es</strong>tdeutschland, sondern auch im G<strong>es</strong>chlecht<br />

sowie in ihrem beruflichen Status. Aus ihren Arg<strong>um</strong>entationen<br />

können wir z<strong>um</strong> einen die Beurteilungskriterien<br />

herauskristallisieren, mit denen sie die volle<br />

Schuldzurechnung oder eine Schuldminderung begründen.<br />

Z<strong>um</strong> anderen haben wir die Stellungnahmen<br />

auch daraufhin untersucht, wie sich die Befragten idealerweise<br />

eine verantwortliche Person vorstellen.<br />

Forschung Frankfurt 2/2008

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