Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer Situation

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Leitlinien kirchlichen Handelns

in missionarischer Situation

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EVANGELISCHE KIRCHE

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz


Leitlinien kirchlichen Handelns

in missionarischer Situation

EVANGELISCHE KIRCHE

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz


Inhalt

Vorwort 4

Zwölf Leitsätze 6

Worum es geht 8

1. Mission als Gespräch 10

2. Die Auskunftsfähigkeit fördern 13

3. Im Glauben leben, im Leben glauben 16

4. Gottesdienste lebensnah gestalten 19

5. Glaubenswissen weitergeben 21

6. Den Menschen beistehen 24

7. Besonderes planen, Grenzen überschreiten 26

8. Ökumenisch zusammenwirken 28

9. Die Öffentlichkeit ansprechen 30

10. Der Kirche offene Strukturen geben 33

11. Kirchliche Berufe missionarisch profilieren 35

12. In der Gesellschaft wachsam präsent sein 37

Wie es weitergeht – Die Vision des nächsten Schrittes 39

Anhang

Fonds Missionarischer Aufbruch 40

Erfahrungen und Perspektiven zum Thema Mission 43

Adressen 51

Impressum 52

3


Vorwort

Seit ihren Anfängen ist die Kirche zu den Menschen gesandt. Sie ist von

ihrem Wesen her missionarisch, sie hat die Aufgabe, das Evangelium unter

die Leute zu bringen. Jesus Christus selbst hat der Kirche diesen Auftrag

gegeben (Mt 28, 18-20). Mission ist immer eine auf Außenorientierung

angelegte Grenzüberschreitung. Das Evangelium wird in andere

kulturelle und religiöse Zusammenhänge getragen und stellt sich neuen

Herausforderungen.

Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat

in dem Perspektivprogramm »Salz der Erde« (Berlin 2007) eine Vision

entwickelt, wie die Landeskirche im Jahr 2020 aussehen soll. Zu den zentralen

Aufgaben gehört es, in der religiös-weltanschaulichen Vielfalt einer

modernen Gesellschaft wahrnehmbar zu bleiben und neu sichtbar

zu werden. Diese neue Sichtbarkeit bedarf neben geistlicher Profilierung,

Schwerpunktsetzung in der Arbeit und Beweglichkeit in den Strukturen

auch einer verstärkten Außenorientierung. Denn »Gott will, dass allen

Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen«

(1. Tim 2,4), auch die Fernen gehören zur Kirche Jesu Christi.

Wir müssen lernen, neu auf Menschen zuzugehen und diese für den

christlichen Glauben zu werben. Dafür gibt es kein Patentrezept, zumal

uns in unserer Landeskirche Menschen in recht unterschiedlichen Zusammenhängen

begegnen. Im Westen Berlins stellt sich die missionarische

Herausforderung anders als im ländlichen Raum Brandenburgs, in

der Uckermark anders als in der schlesischen Oberlausitz. Es gilt, das

Profil des Christlichen zu schärfen. Dabei wollen wir einladend sein, das

Gespräch mit den Kirchenfernen suchen und neue missionarische Ideen

entwickeln.

Die »Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer Situation« wurden

von der Landessynode im Herbst 2000 beschlossen. Sie fanden

große Beachtung und haben nichts an Aktualität eingebüßt. Im Perspektivprogramm

»Salz der Erde« haben wir immer wieder auf diese Leitlinien

Bezug genommen und die Notwendigkeit unterstrichen, missionarische

Kompetenzen weiter zu entwickeln.

Die Überarbeitung wurde notwendig, um die Umsetzungsvorschläge der

neuen Situation nach der Veröffentlichung des Reformpapiers anzupassen.

Deshalb haben wir den Text aktualisiert. Ferner wurde die Ausschreibung

des Fonds »Missionarischer Aufbruch« sowie ein Text aufgenommen,

der die Herausforderungen der missionarischen Arbeit in

unserer Landeskirche beschreibt.

Als Christinnen und Christen stehen wir vor einer gewaltigen Herausforderung.

Wir müssen völlig neue Wege suchen, die Kirchenfernen zu

erreichen. Dafür bitten wir um den Segen des dreieinigen Gottes.

Berlin, 1. Advent 2008

Pröpstin Friederike v. Kirchbach

4 5


Zwölf Leitsätze

zum kirchlichen Handeln in missionarischer Situation

1. Wir sagen Ja zu unserer Mission. Sie folgt aus dem Gespräch mit dem

rettenden Gott und vollzieht sich im Gespräch untereinander. Wir achten

die Überzeugung anderer und laden selber ein zur Begegnung mit Gott.

7. Wir überschreiten die Grenzen des Gewohnten und Vertrauten und wagen

es, Menschen in Umgebungen aufzusuchen, die uns fremd sind.

Dazu nutzen wir neue Wege.

2. Wir üben ein Leben lang zu begreifen und zu sagen, was wir glauben. Als

Christinnen und Christen wollen wir mit ganzer Person, mit Liebe und

Geistesgegenwart darüber Auskunft geben können, was uns trägt.

8. Wir suchen die Gemeinsamkeit mit anderen Kirchen und bauen auf das,

was uns verbindet. Wir lernen von der weltweiten Ökumene, wie missionarisches

Handeln wirksam werden kann.

3. Wir bringen Glauben und Leben miteinander ins Gespräch – in Kirche und

Gemeindehaus ebenso wie in Familie und Freundschaft, Schule und Beruf.

Unser Glaube bewährt sich im Ernstfall des Lebens.

4. Wir feiern Gottesdienste so, dass Fremde sich nicht fremd fühlen, Bedrückte

sich begleitet wissen, Neugierige Antworten finden und Fröhliche

mitfeiern können.

9. Wir verstehen uns als eine Kirche, die in die Öffentlichkeit wirkt. Sie ist

nicht nur für ihre Mitglieder, sondern auch für das Gemeinwesen da und

pflegt ein verlässliches, einladendes Erscheinungsbild. Sie ist erkennbar

Kirche innerhalb und außerhalb der eigenen Räume.

10. Wir gestalten unsere Kirche transparent und zugänglich und bieten möglichst

vielen Menschen Heimat und Gelegenheit zur Beteiligung.

5. Wir geben weiter, was wir erfahren haben, weil es auch kommenden

Generationen zum Leben helfen wird. In der Familie, im gemeindlichen

Leben mit Kindern, in Schule und Erwachsenenbildung pflegen wir das

Glaubenswissen.

6. Wir stehen an der Seite derer, die uns brauchen. In Seelsorge und Diakonie

gehen wir auf diese Menschen ein und geben dadurch der Liebe Gottes

Ausdruck.

11. Wir machen den missionarischen Auftrag zum Entwicklungsziel und

stärken in Aus-, Fort- und Weiterbildung unsere Sensibilität für die Menschen

und unsere Auskunftsfähigkeit über den Glauben.

12. Wir nehmen teil am öffentlichen Gespräch der Gesellschaft, suchen

Positionen in ethischen Fragen, beziehen Stellung und treten im Namen

Jesu Christi für diejenigen ein, denen Unrecht geschieht.

6 7


Worum es geht

»Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch …«

(Joh 20, 21f.)

»Wir können es nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört

haben«, heißt es in der Apostelgeschichte. Christliche Existenz ist

immer auch missionarische Existenz. Sendung – Mission ist ein Herzstück

des kirchlichen Lebens.

Die Einsicht wächst, dass die evangelischen Kirchen in Deutschland neu

zur Mission herausgefordert sind. Dabei geht es nicht nur um einzelne

Aktivitäten. Die Frage lautet heute vor allem: Wie werden wir in der

Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz eine

missionarische Kirche? Darauf wollen diese Leitlinien eine Antwort versuchen.

Sie setzen an bei den missionarischen Möglichkeiten im Gemeindealltag

und wollen nicht den Pflichtenkatalog vergrößern.

»Das Ziel besteht darin, ein Umdenken einzuleiten und eine klare Orientierung an

der missionarischen Aufgabe anzuregen. Es geht um die inhaltliche Präzisierung des

Missionsauftrags der Kirche und um die Suche nach dafür geeigneten Handlungsformen.

Gemeindeglieder sollen dazu ermutigt werden, den Glauben als Beziehungsgeschehen

zu verstehen und deshalb auch ihren eigenen Glauben in den alltäglichen

Beziehungen, in denen sie leben, erkennbar zu machen.« (Wolfgang Huber).

Wir wenden uns mit diesen Leitlinien an diejenigen, die in unserer Kirche

Verantwortung tragen – als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als Älteste,

als Leitungsgremien.

Die Vielfalt der Beispiele macht deutlich, dass hier nicht Reglementierungen,

sondern Anregungen gemeint sind, die in jeder Hinsicht erweiterungs-

und ergänzungsfähig sind.

• In unserer Landeskirche beraten und begleiten die »Missionarischen

Dienste« Gemeinden und Kirchenkreise, wenn es um Ideen, Projekte

und Konzepte geht, wie wir als Kirche ansprechend und einladend sein

können. Sie organisieren dazu auch Veranstaltungen. Kontakt: Zentrum

am Hauptbahnhof, Lehrter Str. 68 in 10557 Berlin. (www.ekbo.de unter

Mission/Missionarische Dienste; www.berliner-stadtmission.de)

• Die Landeskirche hat einen »Fonds Missionarischer Aufbruch« aufgelegt,

mit dessen Hilfe neue missionarische Initiativen und neue Strukturen im

Gemeindeaufbau unterstützt werden sollen. (Vgl. Seite XXX)

• Mit dem Perspektivprogramm »Salz der Erde« haben wir uns das anspruchsvolle

Ziel gesetzt, die Zahl der Kirchenmitglieder trotz des zu erwartenden

Bevölkerungsrückgangs stabil zu halten. Das würde die Neugewinnung

von 250.000 bis 300.000 Kirchenmitgliedern bedeuten.

• Bundesweit setzt die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD)

im Rahmen der EKD missionarische Impulse. Die AMD initiiert missionarische

Projekte, unterstützt das evangelistische Engagement und bietet

Instrumente für Gemeindeaufbau und bibelbezogenes Arbeiten. Sie entwickelt

Material für die Gemeindepraxis und gibt eine Reihe von Publikationen

heraus, welche helfen, die missionarische Kompetenz von Ehrenund

Hauptamtlichen zu erweitern. (www.a-m-d.de)

?

Vorangestellt sind zwölf Leitsätze. Ihnen entsprechend werden im Folgenden

zwölf Leitlinien entfaltet und in der Rubrik »Warum ist das nötig?«

begründet. Beispiele ergänzen die zwölf Abschnitte in der Rubrik: »Wie

könnte das aussehen?« Ein biblisches Motto drückt jeweils die Verankerung

unseres Vorhabens in der Ur-Kunde unseres Glaubens aus.

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1. Mission als Gespräch

»Aus Gott reden wir von Gott«

(2 Kor 2,17).

Mission heißt: sich von Gott senden lassen, um an Gottes Initiative zur

Versöhnung der Welt teilzunehmen (2 Kor 5,19). Mission hat das Ziel,

Menschen für den Glauben an Jesus Christus zu gewinnen. Wir wollen

eine Gestalt christlicher Mission entwickeln, deren Kern das Gespräch

ist: Aus dem Gespräch mit Gott wächst das Gespräch untereinander.

Wechselseitige Achtung ist die Grundlage des Gesprächs. Der Respekt

vor den Überzeugungen der anderen verbindet sich mit der Suche nach

verbindender und verbindlicher Wahrheit. Als Christen bringen wir in

dieses Gespräch die Gewissheit ein, dass Gottes Gnade in Christus unser

entscheidender Halt ist im Leben – und auch im Sterben. Diese Gewissheit

wollen wir weitergeben.

Dieses Verständnis von Mission grenzt sich ab von dem Missverständnis,

bei »Mission« gehe es um Agitation, Vereinnahmung und Überrumpelung.

Dieses Verständnis von Mission meint allerdings auch nicht, Mission sei

ausschließlich eine Sache des Wortes. Das Erscheinungsbild von Gemeinden

wie von einzelnen Christenmenschen und das, was sie für andere

tun, haben Einfluss auf die Frage, ob die Kirche missionarisch ist

oder nicht.

Warum ist das nötig?

Nach biblischem Verständnis gehören Senden und Verkündigen zusammen.

Mission, Sendung geschieht um der Evangelisation, der Verkündigung

des Evangeliums willen. Die evangelische Kirche hat diese Aufgabe

in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt; darin ist sie an ihrem Herrn

schuldig geworden. Heute kann sie vor der missionarischen Aufgabe

nicht mehr länger die Augen verschließen.

Mission ist kein eigenmächtiges Handeln; denn Christinnen und Christen

verfügen nicht über die Wahrheit. Sie werden vielmehr immer wieder

neu durch den Heiligen Geist gerufen, die Wahrheit zu bezeugen, die sie

trägt und aus der sie leben. Dabei können die Kirchen in Deutschland

und Europa vom Gespräch mit den Kirchen in der Welt lernen, die selber

aus der europäischen Mission hervorgegangen sind.

Wie könnte das aussehen?

• Das Thema »Mission« wird ausdrücklich Gegenstand von Beratungen in

Gemeindekirchenräten, Mitarbeiterkreisen, Kreissynoden und Pfarrkonventen.

Ziel ist die Verständigung über eigene missionarische Schwerpunkte

und Vorhaben.

• Christinnen und Christen befragen ihr eigenes Leben, wo sie im Alltag

Zeugnis vom Evangelium ablegen können. Dabei geht es nicht um vordergründige

Mitgliederwerbung, wohl aber um Auskunft darüber, wie

der Glaube das eigene Leben trägt. Gerade dem Beliebigkeitsatheismus

unserer Zeit kann mit einem persönlichen, einfachen und ehrlichen Bekenntnis

begegnet werden.

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2. Die Auskunftsfähigkeit fördern

• Im Perspektivprogramm »Salz der Erde« befasst sich Handlungsfeld 3,

»Mitgliederpflege und Mitgliedergewinnung« mit dem Thema Mission. Es

werden Stärken und Schwächen der Landeskirche benannt und Beispiele

gelungener Praxis beschrieben.

»Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig

macht alle, die daran glauben …« (Paulus in Römer 1,16)

»Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft

fordert über die Hoffnung, die in euch ist.« (1 Petr 3,15)

Literaturhinweise zur Weiterarbeit:

• Härle, Wilfried: Wachsen gegen den Trend. Analysen von Gemeinden,

mit denen es aufwärts geht, Leipzig 2008

• Laepple, Ulrich / Roschke, Volker: Die so genannten Konfessionslosen

und die Mission der Kirche, Neukirchen-Vluyn 2007

• Gott in der Stadt. Perspektiven evangelischer Kirche in der Stadt, EKD-

Texte 93, Hannover 2007

• Wandeln und gestalten. Missionarische Chancen und Aufgaben der evangelischen

Kirche im ländlichen Raum, EKD-Texte 87, Hannover 2007

• Bärend, Hartmut: Kirche mit Zukunft. Impulse für eine missionarische

Volkskirche, Gießen 2006

• Das Evangelium unter die Leute bringen. Zum missionarischen Dienst

der Kirche in unserem Land, EKD-Texte 68, Hannover 2001

• Kirchenamt der EKD (Hg.): Ermutigung zur Mission, Informationen, Anre-

gungen, Beispiele. Ein Lesebuch zum Schwerpunkt der EKD-Synode,

Hannover 1999.

Die wichtigste Form missionarischen Handelns ist die Präsenz und das

Glaubenszeugnis von Christen in ihren alltäglichen Lebensbezügen. Christen

stehen in lebendiger Beziehung zu dem, was sie glauben und was sie

trägt. Sie setzen sich damit auch immer wieder auseinander. Gerade in

einer säkularen Welt werden sie herausgefordert, ihren Glauben zur Sprache

zubringen und anderen darüber Auskunft zugeben. Diese Auskunft

erfolgt nicht nur durch Worte, sondern auch durch das gelebte Leben.

Nicht alle Christen sehen sich zur Rechenschaft über ihren Glauben in

gleicher Weise imstande. Darum wollen wir die Auskunftsfähigkeit unserer

Gemeindeglieder fördern. Wir wollen uns wechselseitig dazu ermutigen,

uns ohne Aufdringlichkeit in unserem jeweiligen Umfeld als Christen

erkennbar zu machen. Zur Auskunftsfähigkeit gehört auch, dass wir sagen

können, warum die Kirche als »Gemeinschaft der Heiligen« wichtig

ist. Der Vorstellung vom »Glauben ohne Kirche« wollen wir entgegentreten.

Denn der Glaube braucht die Gemeinschaft, er lebt vom Gespräch. Er

ist auf den Austausch mit anderen angewiesen, sonst verarmt er.

Hilfreich sind auch die Veröffentlichungen des »Instituts zur Erforschung

von Evangelisation und Gemeindeentwicklung« in Greifswald.

(www.theologie.uni-greifswald.de/institute/ieeg.html)

12 13


Warum ist das nötig?

Nach evangelischer Überzeugung sind alle Getauften »Botschafter an

Christi Statt« (2 Kor 5,20). Mit ihrem ganzen Leben vertreten sie Jesus

Christus in der Welt. Deshalb ist Mission nicht die Aufgabe einzelner

Spezialisten.

Christen sind auskunftsfähig – einmal vor sich selbst, zugleich aber auch

anderen gegenüber. Sie können Antwort geben auf die beiden Kernfragen:

Was glaubt ihr Christen eigentlich? Und warum gehört ihr – noch

oder wieder – dazu? Zu der Bildung, die den eigenen Glauben zu verstehen

und mitzuteilen hilft, gehört eine Praxis, die geistliches Leben und

Frömmigkeit einübt. Die Lerngemeinschaft ist auch eine gottesdienstliche

Gemeinschaft. Jeder Gottesdienst aber schließt mit Segnung und

Sendung; damit beginnt die Mission im Alltag unseres Lebens.

• Kirchenkreise machen es sich zur Aufgabe, Ehrenamtliche für verschie-

dene Dienste zu qualifizieren und in ihrer Praxis zu begleiten. Dabei spielen

Glaubensfragen eine wesentliche Rolle. Zum Ehrenamt siehe auch:

Leitlinien für den Dienst, die Begleitung und die Fortbildung von Ehrenamtlichen

in der EKBO, Berlin 2007.

• Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Gemeinde kommen auf einer

Rüstzeit mit dem Gemeindekirchenrat darüber ins Gespräch, was ihnen

persönlich der Glauben bedeutet. Sie werden sprachfähig im Glauben,

sind hör- und gesprächsbereit und können auf der Höhe der Zeit über ihren

Glauben Auskunft geben.

• Christliche Medien, vom Gemeindebrief bis hin zum christlichen Rundfunksender,

bitten Prominente, über ihren Glauben zu sprechen.

Wie könnte das aussehen?

• In einer Gemeinde werden gezielt Freunde und Bekannte durch Gemeindeglieder

zu einem Glaubenskurs eingeladen. Zum Beispiel »Christ werden

– Christ bleiben« oder »Stufen des Lebens«

www.glaubenskurse.de

• Solche Kurse sind Teil einer Bildungsoffensive unserer Landeskirche. Damit

setzt die Landeskirche einen klaren Schwerpunkt in ihrem Profil.

• Für das Jubiläumsjahr einer Gemeinde wird ein Taschenbuch mit persönlichen

Glaubenszeugnissen von Christen aus der Region herausgegeben.

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3. Im Glauben leben – im Leben glauben

»Als Lydia aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt,

dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da.«

(Apg 16,15)

»Ich ermahne euch nun … durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt

als ein Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlfällig ist. Das sei euer vernünftiger

Gottesdienst.« (Röm 12,1)

Alles, was im Gemeindealltag geschieht, kann ein missionarischer Impuls

für die Gesellschaft werden, in der wir leben. Das setzt voraus, dass Gemeindeveranstaltungen

nicht selbstgenügsam, sondern einladend als

Räume mit offenen Türen und mit dem Blick nach draußen gestaltet werden.

In allen Gemeindeveranstaltungen sollte deshalb Platz für Menschen

sein, die auf der Suche sind oder kritische Fragen haben. Sie werden spüren,

dass mit ihnen gerechnet wird und dass sie willkommen sind. Rituale,

die den Tages- und Jahreslauf erkennbar prägen, sind ebenso wichtig wie

Veranstaltungen, die das Leben einer Gemeinde mit dem der Kommune

verbinden. Es ist ein gutes Zeichen, dass kirchliche Angebote zu Stadtoder

Dorffesten an Bedeutung und Resonanz gewinnen.

Erfahrungen in Familie, Schule und Beruf sind Bewährungsfelder des

Glaubens. Veranstaltungen in der Gemeinde bieten die Chance, solche

Erfahrungen einzubringen und miteinander auszutauschen. Über solche

Erfahrungen verfügen Kinder und Jugendliche ebenso wie Erwachsene.

Eine wichtige Form der Verknüpfung von Gemeinde und Lebenssituation

ist der Besuchsdienst. Viele Menschen warten darauf, dass die Gemeinde

zu ihnen kommt. Wo immer es gelingt, sie auf ihrem Lebensweg

zu begleiten, ist ein entscheidender Schritt getan.

Warum ist das nötig?

Der dauerhafte Erfolg missionarischer Aktivitäten wird davon abhängen,

ob sie ihre Basis in den alltäglichen Lebensvollzügen von Gemeinden und

im Lebensalltag von Christinnen und Christen haben. Was als ansprechender

Impuls in besonderen missionarischen Unternehmungen begegnet,

muss im Alltag der Gemeinde und im Alltag der Welt verankert

sein. Wo sich Christinnen und Christen in einer plural gewordenen Umwelt

zu erkennen geben, bleibt das nicht ohne Wirkung.

Wie könnte das aussehen?

• Im Perspektivprogramm »Salz der Erde« befasst sich das erste Handlungsfeld,

»Gottesdienst, Verkündigung, Spiritualität, Seelsorge« ausführlich

mit diesem Thema. Hier wird zum Beispiel empfohlen, dass

Gottesdienste und Amtshandlungen verstärkt auf besondere Lebenssituationen

bezogen werden. Konkret werden »Gottesdienstmodelle zum

Lebensweg« vorgeschlagen. Ferner wird die Bedeutung »anlassbezogener

Gottesdienste« unterstrichen; also bei Jubiläen, Festen, außergewöhnlichen

Ereignissen, aber auch bei Jahrestagen von Unglücken oder

Katastrophen.

• Bei der Vorbereitung von Predigten wird besonders darauf geachtet,

dass diese Impulse für den Umgang mit den Herausforderungen der bevorstehenden

Woche enthalten.

• In Andachten und Gottesdiensten werden Formen geistlichen Lebens

miteinander eingeübt, in denen das Gesangbuch als Gebetbuch für den

Alltag entdeckt wird.

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4. Gottesdienste lebensnah gestalten

• In einer Gemeinde wird über die missionarische Dimension des täg lichen

Gemeindeprogramms diskutiert; Arbeitsfelder mit deutlich missionarischem

Profil (etwa die Kirchenmusik) und Bereiche, in denen ein solches

Profil fehlt, werden ausfindig gemacht. Gemeinsam wird überlegt, welche

Konsequenzen zu ziehen sind.

• Zugezogene Christen und Nichtchristen werden von einem eigens dazu

gebildeten Kreis besucht und begrüßt. Ein Willkommensbrief erleichtert

die Begegnung und lädt zu den kirchlichen Veranstaltungen ein.

• Siehe auch die Projekte zum Förderpreis »Fantasie des Glaubens« (2004)

unter www.a-m-d.de/foerderpreis.

»Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in

Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen,

ihr seid von Sinnen? … Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit

meinem Verstand, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.«

(1 Kor 14,23.19)

Der sonntägliche Gottesdienst und die Gottesdienste zu besonderen Anlässen

wie Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung sind wichtige

missionarische Gelegenheiten. Es lohnt sich, sie unter diesem Aspekt

sorgfältig vorzubereiten und einfühlsam zu gestalten.

Das »Evangelische Gottesdienstbuch« bietet den Gemeinden eine gute

Gelegenheit, am einladenden Charakter ihrer Gottesdienste zu arbeiten.

Vor allem bei den Gottesdiensten zu besonderen Anlässen nehmen Menschen

teil, die der Kirche fern stehen und wenig über den christlichen

Glauben wissen. Wenn sie erleben, dass sie durch den Gottesdienst in

ihrer persönlichen Lebenssituation, in Hoch-Zeiten wie in Krisen angesprochen

werden, wird das nicht ohne Wirkung auf sie und ihre Umgebung

bleiben.

Warum ist das nötig?

Jesus Christus spricht Menschen in konkreten Lebenssituationen an.

Deshalb ist es für missionarisch angelegte Arbeit wichtig, die Lebenssituation

der Menschen wahrzunehmen. Wichtige lebensgeschichtliche

Einschnitte (Geburt, Schulbeginn, Übergang ins Jugendalter, Schulentlassung,

Eheschließung, runde Geburtstage und Jubiläen, Tod), Feste

im Kirchenjahr und Ereignisse in der Kommune sind Anlässe, um Menschen

anzusprechen. Die Möglichkeit der Teilnahme an lebensbegleitenden

gottesdienstlichen Angeboten ist für viele Menschen ein wichtiger

Grund für die Mitgliedschaft in der Kirche. Eine missionarisch bewusste

Kirche wird solche Anlässe stärker und intensiver aufgreifen.

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5. Glaubenswissen weitergeben

Wie könnte das aussehen?

• Der Schwerpunkt der gemeindlichen Arbeit wird auf die Gottesdienstge-

staltung gelegt. So entwickelt eine Gemeinde ihre Planungen bewusst

um das Gebot der Feiertagsheiligung und bietet ein breiteres Spektrum

von Gottesdiensten an, zu denen beispielsweise auch Gospelgottesdienste,

Taizé-Andachten, Focus-Gottesdienste, Thomasmessen und natürlich

Familiengottesdienste gehören. Ferner sind Gottesdienste im

Rahmen öffentlicher oder kultureller Ereignisse wünschenswert. (Stadtund

Dorffest, Gedenktage, Jahrestage usw.)

• Bei besonderen Anlässen werden Gastpredigerinnen oder Gastprediger

um eine Themenpredigt gebeten.

• Eine Gemeinde entwickelt den Gemeindeaufbau von den Amtshandlungen

aus: Von der Tauferinnerung im Gottesdienst oder Besuchen zu den

ersten Jahrestagen der Taufe spannt sich der Bogen bis zur Feier der

Konfirmationsjubiläen.

• Verschiedene Kirchengemeinden einer Region gestalten neben den traditionellen

Gottesdiensten gemeinsam ein »zweites Programm«, das die

gewohnten Formen ergänzt und sich an neue Zielgruppen wendet.

• Die Ankommenden werden vor dem Gottesdienst besonders willkommen

geheißen. Dabei wird bewusst auf die Balance zwischen Nähe und

Distanz geachtet. Möglichkeiten für soziale Kontakte (»Kirchencafé«)

werden ausgebaut und weiter entwickelt. Für diese Aufgabe müssen

Gemeindeglieder vorbereitet und geschult werden.

• Jeder Gottesdienst hat auch die im Blick, die nicht gekommen sind. So

wird er bewusst offen und öffentlich gestaltet, was der Gefahr einer Milieuverengung

entgegen wirkt.

»Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?«

(Röm 10,14)

»Und was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das befiehl treuen Menschen an,

die tüchtig sind, auch andere zu lehren.« (2 Tim 2,2)

Die Weitergabe des Evangeliums an die nächste Generation ist seit jeher

eine zentrale kirchliche Aufgabe. In der säkularen Welt heute wird es zunehmend

wichtig, auch Erwachsene, die nichts oder wenig vom Glauben

wissen, in die Welt des Glaubens einzuführen.

Die Vermittlung von Glaubenswissen beginnt in der Familie, bei Eltern

und Taufpaten. Oft spielen Großeltern eine besondere Rolle gerade auch

auf diesem Gebiet. Die Gemeinden nehmen sich dieser Aufgabe an: in

Kindertageseinrichtungen, in Christenlehre und Kindergottesdienst, in

Familiengottesdiensten wie in der Kinder- und Jugendarbeit. Besondere

Aufmerksamkeit verdient das konfirmierende Handeln in zeitgemäßer

und einladender Form. Elternarbeit im Zusammenhang mit Kindergarten,

Christenlehre und Konfirmandenunterricht ist eine gute Möglichkeit,

auch die Erwachsenen in den Prozess der Weitergabe des Glaubenswissens

einzubeziehen.

Eine wichtige Aufgabe haben in diesem Zusammenhang die eigenen

kirchlichen Bildungseinrichtungen (evangelische Schulen, Akademien

etc.). Die Mitwirkung im öffentlichen Bildungswesen (Religionsunterricht)

muss weiter ausgebaut werden. Gottesdienste aus Anlass von Einschulung

und Schulentlassung oder besondere Schulgottesdienste zum

Reformationsfest, zum Buß- und Bettag oder in der Adventszeit geben

die Möglichkeit, die Verbindungen zwischen Schule und Gemeinde zu

verstärken.

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Warum ist das nötig?

Der Prozess der Säkularisierung ist weit vorangeschritten. Früher selbstverständliche

Grundkenntnisse über die Bibel oder die großen kirchlichen

Feste sind immer weniger vorhanden. Die Familien stehen der

Aufgabe der religiösen Erziehung oft hilflos gegenüber, wenn sie diese

Aufgabe denn überhaupt wahrnehmen. Zugleich stellen wir fest, dass

viele Menschen Interesse haben, mehr über den christlichen Glauben zu

erfahren.

• Ehrenamtliche Kirchenführer werden geschult, damit sie besser auf

Glaubensfragen antworten können oder diese von sich aus ansprechen.

(Zum Ehrenamt siehe Leitlinien für den Dienst, die Begleitung und die

Fortbildung von Ehrenamtlichen in der EKBO, Berlin 2007)

• In evangelischen Kindergärten und Schulen werden mit den Eltern Veranstaltungen

entlang des Kirchenjahres geplant.

• Gemeinden einer Region oder eines Kirchenkreises bieten Glaubenskurse

an.

Wie könnte das aussehen?

• An den Eingängen zu Kirchen, die auch für Touristen und andere Gäste

geöffnet sind, liegen Informationsblätter aus, die Anmerkungen über

das Kirchengebäude mit Erläuterungen verbinden, die zugleich elementare

Kenntnisse des Glaubens vermitteln.

• Eine Kirchengemeinde mit einer historisch interessanten Kirche erarbeitet

ein Informationsblatt, das die Kirche und die verschiedenen Gegenstände,

die sich in ihr finden, für Kinder erklärt.

• Kirchliche Konzerte werden mit einem geistlichen Wort eröffnet, das

sich auf die Musik und ihre Texte bezieht.

• Kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen sich um Angebote

im Rahmen des Programms der örtlichen Volkshochschule.

• Schulklassen werden zu einer Kirchenbesichtigung mit sachkundiger

Führung eingeladen. Darüber hinaus sollten die Schulen als »Bildungspartner

der Kirche« wahrgenommen werden.

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6. Den Menschen beistehen

»Ihr seid das Salz der Erde … Ihr seid das Licht der Welt … So lasst euer Licht leuchten

vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel

preisen.« (Mt 5, 13-16)

Aus dem Glauben wächst die Liebe, die Zuwendung zu den Menschen

und ihren Nöten. Formen dieser Zuwendung sind Seelsorge und Diakonie.

Sie gehören sowohl in die alltägliche Lebenspraxis von Christinnen

und Christen als auch zu den Grundaufgaben jeder Kirchengemeinde.

Die Menschen sollen erleben, dass die Kirche für sie da ist und ihre Sorgen

und Probleme wahrnimmt. Wenn Menschen in Krisensituationen

und Konflikten Zuwendung erfahren oder wenn ihnen in körperlichen,

sozialen und politischen Notlagen Hilfe zuteil wird, können sie darin zugleich

der Botschaft von der Liebe Gottes begegnen.

Weil die Kirchengemeinden nicht all das allein bewältigen können, was

zu diakonischer und seelsorgerlicher Zuwendung herausfordert, sind in

unserer Kirche diakonische Einrichtungen und professionelle Dienste

entstanden, die sich den Hilfsbedürftigen und Rat Suchenden zuwenden

und zugleich viel zu einem positiven Bild der Kirche in der Öffentlichkeit

beitragen. Es dient der Erfüllung des diakonischen Auftrags, wenn Kirche

und Diakonie gemeindliche und übergemeindliche Aufgaben gemeinsam

wahrnehmen und erkennen, dass sie aufeinander angewiesen

sind und aus der gleichen Quelle leben.

Warum ist das nötig?

Mit ihrem seelsorgerlichen und diakonischen Engagement erreichen

Christinnen und Christen oft Menschen, die sonst keinen Kontakt zur Kirche

haben und die nicht selten zu den Ausgegrenzten und Fremden in

unserem Land gehören. Durch ihr Leben und ihr Tun bezeugen sie auf indirekte,

mittelbare und dennoch ansprechende Weise das Evangelium

von der Liebe Gottes und können so zu Wegweisern auf Christus hin

werden.

Wie könnte das aussehen?

• Eine Kirchengemeinde bietet Gesprächsgruppen für Trauernde an; ein

Kirchenkreis baut eine Beratungsstelle für Trauernde auf.

• In der Arbeit der Pfarrerinnen und Pfarrer wird ein besonderes Augenmerk

auf die verlässliche, religiös qualitätsvolle und einfühlsame Gestaltung

von Amtshandlungen gerichtet. In der Gemeinde findet qualifizierte,

vorausgehende und nachgehende Seelsorge statt.

• Gemeinden bilden Besuchsgruppen, die den Kontakt zu den in Pflege-

heimen wohnenden Menschen halten und mit den Diakoniestationen zusammen

arbeiten.

• Eine Gemeinde lädt Obdachlose ein, eine andere bietet Hausaufgabenhilfe

für Kinder mit Migrationshintergrund an.

• In einer Seniorensportgruppe gibt es zu Beginn einen kurzen, geistlichen

Impuls.

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7. Besonderes planen, Grenzen überschreiten

»Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach

Süden auf die Straße …« (Apg 8,26)

Mission vollzieht sich in der sorgsamen und einladenden Gestaltung des

Normalen in Gottesdienst, Bildung, Seelsorge und Diakonie. Aber daneben

brauchen wir immer wieder auch besondere, missionarisch ausgerichtete

Aktionen. Bei der Planung ist darauf zu achten, wo die Menschen,

an die man sich wendet, angesprochen und abgeholt werden

können. Dazu gehört auch der Mut, Milieu-Grenzen zu überschreiten

und Orte zu suchen, an denen Kirchenferne eher in der Mehrheit sind.

Jede Veranstaltungsform hat ihre eigenen Chancen, aber auch ihre Grenzen.

Damit solche Aktionen nicht wie ein Feuerwerk verpuffen, ist es nötig,

die Vernetzung mit den anderen Gemeindeaktivitäten zu bedenken.

Eine andere Weise, neben der alltäglichen ortsgemeindlichen Arbeit

Menschen anzusprechen und einzuladen, sind die übergemeindlichen

Arbeitsfelder der Spezialseelsorge – zum Beispiel Studierendenarbeit,

Krankenhausseelsorge oder Urlauberseelsorge.

Warum ist das nötig?

Die kirchliche Arbeit leidet oft unter einer Milieuverengung. Kirchliche

Sprache und gemeindliche Veranstaltungsformen erreichen viele Menschen

nicht mehr. Deswegen ist es nötig, das eigene Milieu zu verlassen

und ungewohnte »fremde« Orte aufzusuchen (zum Beispiel Stadt- und

Dorffeste). Die wachsende Bedeutung anlassbezogener Gottesdienste

ist zu bejahen.

Wie könnte das aussehen?

• Eine Gemeinde feiert anlassbezogene Gottesdienste an ungewohnten

Orten – zum Beispiel auf Marktplätzen, an Ausflugsorten, Sportplätzen

oder in Einkaufszentren.

• Das Stadtjubiläum wird für einen besonderen Gottesdienst auf dem

Marktplatz genutzt, ein Hafenfest für einen Zeltgottesdienst usw.

• In der Altstadt wird ein Kreiskirchentag veranstaltet.

• Eine Gemeinde feiert einmal im Jahr einen Gottesdienst in ihrem Kirchenwald.

• Kirchliche Angebote auf dem Weihnachtsmarkt werden organisiert.

• Bei öffentlichen Veranstaltungen ist die Kirche mit einem Stand präsent:

»Haben Sie Ihr Kind schon getauft?«

• Die freikirchlichen und landeskirchlichen Gemeinden einer Stadt kooperieren

bei »ProChrist«.

• Besondere Projekte können Finanzhilfen aus dem »Fonds Missionarischer

Aufbruch« beantragen. (Vgl. Seite XXX) ?

Die heutigen Lebensverhältnisse mit der Trennung von Berufs- und Freizeitwelt

machen es nötig, neue Wege zu suchen und Menschen an den

Orten anzusprechen und zu sammeln, an denen sie stärker verankert

sind als an ihrem Wohnort.

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8. Ökumenisch zusammenwirken

»Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich

glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so

sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.«

(Joh 17,20 f.)

Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit fördern die Überzeugungskraft;

kleinlicher Streit und die Zersplitterung der Kirche sind nicht gerade einladend.

Für die missionarischen Aufgaben ist daher das ökumenische

Miteinander ein ganz wichtiger Faktor. Von Kirchen in anderen Ländern

oder anderen Kirchen in unserem Land können wir lernen. Die auf die

Weltmission bezogene Missionstheologie entdeckt vieles, was auch bei

uns wichtig ist. Ökumenisch getragene Veranstaltungen auf der Ebene

von Gemeinde, Kirchenkreis und Landeskirche können Impulse dafür geben,

dass das ökumenische Zusammenwirken in verstärktem Maß auch

zu einem Bestandteil des Gemeindealltags wird. Denn gerade unter missionarischem

Gesichtspunkt gilt, dass die Botschaft, die den Kirchen gemeinsam

aufgetragen ist, größeres Gewicht hat als das, was die Kirchen

voneinander unterscheidet.

Warum ist das nötig?

Zunehmend unterscheidet die Öffentlichkeit die verschiedenen Kirchen

nicht mehr. Fehler und Skandale werden ebenso wie das, was positiv

Aufsehen erregt, immer auch der jeweils anderen Kirche zugerechnet.

Wohl ist es wichtig, konfessionell Profil zu zeigen (Evangelisch aus gutem

Grund!), aber mit interkonfessionellen Grabenkämpfen lassen sich

missionarisch keine Erfolge erzielen. Die Präsenz in der Öffentlichkeit

wird durch ökumenische Zusammenarbeit deutlicher wahrnehmbar.

Kräfte werden so gebündelt, und es rückt in den Vordergrund, was der

Christenheit gemeinsam anvertraut ist.

Wie könnte das aussehen?

• In ökumenischer Gemeinschaft laden Kirchengemeinden zu einer »Nacht

der offenen Kirchen« ein.

• Bei der Auswahl der Lieder und Gebete für Gottesdienste wird gelegentlich

bewusst auf den Schatz der Ökumene zurückgegriffen. (Vgl. Gesangbuch

»Colours of Grace« der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in

Europa sowie: ÖRK (Hg.): In Gottes Hand. Gemeinsam beten für die Welt.

Gebete aus der weltweiten Ökumene, Frankfurt/Paderborn 2008)

• Es fördert die Qualität der Gottesdienste, wenn Gemeinden ihre Gottesdienstkultur

auf dem Hintergrund ökumenischer Erfahrungen reflektieren.

Ökumenische Begegnungen und Impulse bereichern das gottesdienstliche

Leben.

• Der Weltgebetstag der Frauen verbindet in hervorragender Weise die

Ökumene vor Ort mit der weltweiten Ökumene.

• Kirchliche Jugendgruppen verschiedener Konfessionen laden zu einem

ökumenischen Jugendkreuzweg ein.

• Gemeinden unterschiedlicher Konfession arbeiten zusammen.

• Evangelische, katholische und freikirchliche Gemeinden tun sich zusammen,

um gemeinsam einen Ökumenischen Kreiskirchentag oder ein ökumenisches

Stadtkirchenfest vorzubereiten. (»Kiezfest der Kirchen«)

• Die christlichen Gemeinden einer Region nehmen gemeinsam an der

Aktion »Neu anfangen« teil.

(www.a-m-d.de/angebote/projekte/neuanfangen)

• Gemeinsam informieren die evangelische und die katholische Kirche auf

einer Hochzeitsmesse über die kirchliche Trauung.

• Evangelische und katholische Studierendengemeinden planen gemeinsam

große Veranstaltungen an der Universität.

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9. Die Öffentlichkeit ansprechen

»Paulus redete zu den Juden und den Gottesfürchtigen in der Synagoge und täglich

auf dem Markt zu denen, die sich einfanden.« (Apg 17,17)

»Was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.« (Mt 10,27)

Öffentlichkeits- und Pressearbeit ist das Schaufenster der Kirche. Sie

hilft, eine gute Gemeindearbeit oder eine kompetente seelsorgerliche

Begleitung nach außen zu tragen. Sie wird jedoch keineswegs eine den

Menschen zugewandte, aufsuchende und einladende Arbeit ersetzen

können. Die Öffentlichkeitsarbeit einer Gemeinde beginnt schon im eigenen

Schaukasten oder bei der Gestaltung der Gemeinderäume. Auch die

Frage, wie gut Pfarrerinnen und Pfarrer sowie die Mitarbeitenden der

Gemeinde erreichbar sind, prägt die Außenwahrnehmung.

Öffentlichkeitsarbeit muss geplant werden. Wann findet das nächste

Kirchweihfest statt, wann das Sommerkonzert, das Seniorenfest oder

die nächste Lesung? Planen Sie die Herausgabe von Pressemitteilungen

über Ihre besonderen Veranstaltungen mit ein. Stellen Sie sich einen

Presseverteiler zusammen oder lassen Sie sich von der Pressestelle der

Landeskirche beraten.

Die Öffentlichkeitsarbeit ist aber nicht nur aus Anlass besonderer Veranstaltungen

notwendig; die regelmäßige öffentliche Präsenz ist genauso

wichtig. Das beginnt bei der deutlichen und einladenden Beschriftung

von Gemeinderäumen, Kirchen und Pfarrhäusern oder bei der rechtzeitigen

und klaren Ankündigung von Gottesdiensten und Veranstaltungen.

Dies schließt auch Informationen darüber ein, wann Kirchengebäude geöffnet

sind oder wo man einen Schlüssel erhalten kann. Neben dem Gemeindeblatt,

der Kirchenzeitung, dem Internet sind auch Regionalzeitungen

ein gutes Medium. Viele Zeitungen sind froh über gut aufbereite Informationen

oder dankbar für Texte, die übernommen werden können.

Warum ist das nötig?

Wer Menschen gewinnen will, muss wahrnehmbar sein auch für Außenstehende.

War früher die Präsenz der Kirche allen bekannt, so drohen

die Kirche und ihre Arbeit heute unterzugehen unter den vielen Angeboten,

die die Menschen zu erreichen suchen. Es genügt nicht, zu warten,

dass Menschen kommen. Sie wollen angesprochen werden. Dafür ist Öffentlichkeitsarbeit

ein wichtiger Faktor.

Wie könnte das aussehen?

• In ihrem Perspektivprogramm »Salz der Erde« hat sich die EKBO das Ziel

gesetzt, »wieder öffentlich wahrnehmbar und erfahrbar« zu werden.

Dazu ist es notwendig, die gesamte Öffentlichkeitsarbeit zu modernisieren,

zu professionalisieren und finanziell deutlich zu stärken.

• Journalisten der regionalen Medien (Presse, Rundfunk, Fernsehen) werden

regelmäßig zu Informationsrunden und Hintergrundgesprächen über

Projekte und Themen eingeladen.

• Pfarrerinnen und Pfarrer äußern sich kontinuierlich in den lokalen Medien

mit Andachten oder Beiträgen.

• Gemeindebriefe werden übersichtlich und abwechslungsreich gestaltet.

Der Schaukasten wird zu einem Blickfang, der ein Thema in den Mittelpunkt

stellt.

• Die Kirchenkreise benennen Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit. Pfarrerinnen

und Pfarrer sowie haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende nehmen

entsprechende Fortbildungsangebote wahr.

• Kirchengemeinden sind samstags auf dem Markt mit Informationsständen

und Gesprächsangeboten präsent.

30 31


10. Der Kirche offene Strukturen geben

• Menschen werden gezielt angesprochen, ob sie sich einen Kirchenein-

tritt vorstellen können. (Vgl. »Treten sie ein! Willkommen in der Evangelischen

Kirche«, Berlin o.J. sowie: »Im Glauben leben, im Leben glauben«,

Berlin 2008)

• Die Kirchen werden von einem Kreis Ehrenamtlicher zu bestimmten Zeiten

offen gehalten.

• In Kirchengebäuden werden Kunstausstellungen gezeigt.

• Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen nutzen das Logo und

die Gestaltungsrichtlinien der EKBO. (Vgl. »Gestaltungsrichtlinien zum

Erscheinungsbild der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische

Oberlausitz«, Berlin 2005)

• Die Gemeinden veröffentlichen Veranstaltungen, Gottesdienste sowie

weitere Informationen im Internet und vernetzen sie mit den kreiskirchlichen

und landeskirchlichen Internetangeboten.

• Der »Förderkreis Alte Kirchen« weckt ein neues Interesse an den häufig

denkmalgeschützten Kirchengebäuden und lädt zur Mitarbeit ein.

www.altekirchen.de

»Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter

der mancherlei Gnade Gottes.« (1 Petr 4,10)

»Wir haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist.« (Röm 12,6)

Mission ist für die Kirche nicht nur Handlungs-, sondern auch Strukturprinzip.

Strukturen wie zum Beispiel die der Leitung oder der Finanzverteilung

und die Rechtssysteme sind deshalb darauf hin zu prüfen und

weiterzuentwickeln, ob sie missionarischem Handeln Raum geben. Sie

sollen transparent sein, zur Beteiligung einladen und Vielfalt ermöglichen.

Je verständlicher eine Kirche in ihren Strukturen ist, desto offener

ist sie für die Beteiligung der Menschen. Dabei können wir aus den Erfahrungen

anderer Kirchen lernen. Missionarische Strukturen erlauben,

dass Menschen in der Kirche ihren Ort finden, die noch auf dem Weg

zum Glauben sind, sich aber schon in der Kirche engagieren wollen.

Warum ist das nötig?

Viele Fernstehende, aber auch Engagierte erleben die Strukturen der

Kirche als verwirrend. Strukturen sollen aber den Weg in die Kirche eröffnen,

nicht erschweren. Zur Orientierung können die biblischen Bilder

von der Kirche als Leib Christi oder als Haus der lebendigen Steine dienen.

Mit ihnen ist gesagt: Die vorhandenen Kompetenzen und die Vielgestaltigkeit

der den Menschen anvertrauten Gaben sollen im Leben der

Gemeinde wirksam werden. Übertragen auf die Strukturen bedeutet

dies, dass dem verantwortlichen Mitwirken der Gemeindeglieder Raum

gegeben wird.

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11. Kirchliche Berufe missionarisch profilieren

Wie könnte das aussehen?

• Kirchengemeinden entwickeln für fernstehende Gemeindeglieder oder

außenstehende Nicht-Mitglieder neue Formen der Gemeinschaftsbildung,

die erkennbar auf Zeit angesetzt sind und die Frage der dauerhaften

Bindung offen lassen.

• Unsere Kirche soll zu einer »lesbaren Institution« werden. Dazu müssen

die Angebote auch für Außenstehende einladend, verständlich und erkennbar

gestaltet werden.

• Einmal im Jahr überprüft die Gemeinde ihre Strukturen auf die missionarische

Dimension hin, definiert missionarische Ziele und wertet missionarische

Initiativen des zurückliegenden Jahres aus. An dieser »Missionarischen

Visitation« sollte nach Möglichkeit ein externer Gast beteiligt

werden.

• Eine Gemeinde stellt für ihre missionarische Ausrichtung ein Gemeindeentwicklungsteam

aus zwei Ehrenamtlichen und einem Hauptamtlichen

zusammen. Es erfolgt eine kontinuierliche Beratung und Begleitung des

Prozesses durch einen externen Mitarbeiter.

• In kirchlichen Gremien ist ein Mitglied für die Mission zuständig und auf

diese Aufgabe in besonderer Weise vorbereitet.

• Das Projekt »Dorfkirchensommer« lockt Städter in die umliegenden Dörfer

und macht die Kirchen bekannt.

• Für besondere, missionarisch ausgerichtete Vorhaben werden flexible

Beschäftigungsmöglichkeiten (zum Beispiel spezielle Blockregelungen

bei Teilzeitarbeit) und flexible Fördermöglichkeiten (Berücksichtigung

befristeter Projekte bei der Finanzverteilung) entwickelt.

»Der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles

lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.« (Joh 14,26)

»Du lehrst andere und lehrst dich selber nicht?« (Röm 2,21)

Die beruflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Repräsentanten

der Kirche. Von ihnen wird in besonderer Weise erwartet, dass sie den

Auftrag der Kirche im Blick behalten. Auskunftsfähigkeit und eine fundierte

missionarische Haltung sind daher für sie sehr wichtig. Diese

Fähig keiten sollen in allen Bereichen der Aus-, Fort- und Weiterbildung

für kirchliche Berufe gefördert werden. Missionarische Kompetenz zeigt

sich im Interesse am Anderen, an der Bereitschaft, wahrzunehmen, was

Menschen bewegt. Missionarische Sensibilität kommt darin zum Ausdruck,

dass die Antworten des Glaubens auf die jeweilige Lebenssituation

bezogen werden. Zur missionarischen Kompetenz gehört schließlich

auch die Fähigkeit, Ehrenamtliche für die aktive Mitarbeit bei der

missionarischen Aufgabe zu gewinnen, zu motivieren und geistlich und

fachlich zu begleiten.

Warum ist das nötig?

Zu allen kirchlichen Berufen gehört eine missionarische Überzeugung.

Eine solche Haltung ist jedoch nicht immer selbstverständlich. Kirchliche

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mitunter von Frustration,

Überforderung und Anfechtung betroffen. Die Säkularisierung der Gesellschaft

verunsichert auch sie. Es ist eine wichtige Aufgabe der Fortund

Weiterbildung, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Suche

nach neuer Glaubensgewissheit zu unterstützen.

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12. In der Gesellschaft wachsam präsent sein

Wie könnte das aussehen?

• In der Aus-, Fort- und Weiterbildung für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

der Kirche werden Fragen des persönlichen Glaubens thematisiert.

• Die »Sprachlehre des Glaubens«, also die Stärkung der Auskunftsfähigkeit

in Glaubensfragen, gehört zur Grundausbildung in allen Bereichen

des kirchlichen Dienstes.

• Im Perspektivprogramm »Salz der Erde« wird für die Weiterbildung im

Bereich der Gottesdienstpraxis ein eigenes Curriculum angeregt. Es

sieht vor, dass Pfarrerinnen und Pfarrer alle fünf Jahre an Weiterbildungen

zur Gottesdienstpraxis teilnehmen müssen.

• Gemeindeaufbau und -entwicklung werden in allen kirchlichen Ausbildungsgängen

zum Unterrichtsgegenstand.

• Missionarische Schwerpunkte während der zweiten Ausbildungsphase

geben Vikarinnen und Vikaren Gelegenheit, ihre missionarische Kompetenz

zu verbessern.

• Kirchliche Fortbildungseinrichtungen beraten, wie sie den missionarischen

Ansatz in ihrer Arbeit intensivieren können.

»Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn.« (Jer 29,7)

»Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister

aus.« (Mt 10,7f.)

Untrennbar gehören zusammen: Predigen und Heilen, Verkündigung und

Diakonie – einschließlich der politischen Diakonie. Mission hat also auch

gesellschaftliche Aspekte. Die Kirche bezeugt öffentlich, dass der Glaube

sich auf die Lebensverhältnisse der Menschen bezieht und ein Urteil

über diese Verhältnisse einschließt. Der Glaube an Jesus Christus muss

sich auch in deutlichen ethischen Positionen und der Bereitschaft, für

sie einzutreten, zeigen. Bei diesem Zeugnis, das in den politischen Raum

hineingegeben wird, ist keine Gemeinde allein. Vielmehr ist das Zusammenwirken

der kirchlichen Ebenen (Gemeinde und Kirchenkreis, Landeskirche

und Evangelische Kirche in Deutschland) ebenso wichtig wie die

ökumenische Zusammenarbeit.

Im Austausch, in der Auseinandersetzung und im Zusammenwirken mit

anderen gesellschaftlichen Gruppen beziehen Christen öffentlich Position.

Sie wollen die Menschen dafür gewinnen, den Schwachen, Armen

und Ausgegrenzten beizustehen.

Warum ist das nötig?

Die Würde der Menschen ist Ausdruck des Glaubens an Gott, der alle

Menschen als unverwechselbare Geschöpfe geschaffen hat. Die Zuwendung

Jesu gilt dem menschlichen Leben im Ganzen; auch sein Anspruch,

dass das menschliche Leben im Ganzen Dienst an Gott und Dienst am

Nächsten ist, muss in allen Lebensbereichen deutlich werden. Daran

sind die Lebensverhältnisse der Menschen zu messen.

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Wie es weitergeht –

Die Vision des nächsten Schrittes

Wie könnte das aussehen?

• Arbeitsloseninitiativen und Gemeindekreise arbeiten thematisch zusammen.

• Gemeinden unterstützen Asylsuchende oder Bürgerkriegsflüchtlinge in

ihren Rechten, helfen ihnen bei der freiwilligen Rückkehr oder setzen

sich für ihre Bleiberechte ein.

• Gemeinden stellen Bürgerinitiativen ihre Infrastruktur zur Verfügung und

begleiten diese.

• Gemeinden oder Kirchenkreise organisieren Diskussionen mit politisch

und wirtschaftlich Verantwortlichen über gesellschaftliche Fragen und

bringen den Beitrag der Christen dazu ein.

• Andachten und Gottesdienste zu besonderen Anlässen nehmen aktuelle

Entwicklungen auf und formulieren Gottes Zuspruch in die jeweilige Situation

hinein. Solche besonderen Gottesdienste, wie zum Beispiel Friedensgebete,

werden einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht.

• Gemeinden beteiligen sich an Projekten gegen Gewalt oder Rechtsextremismus.

(Vgl. Hinsehen, Wahrnehmen, Ansprechen. Handreichung für

Gemeinden zum Umgang mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und

Fremdenfeindlichkeit, Berlin 2008)


»Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und

bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung

gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass

uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.« (Apg 16,9f.)

Was Paulus an der Grenze zwischen Asien und Europa als Erscheinung

(in der lateinischen Bibel: visio) widerfuhr, als er vor der Frage nach dem

Fortgang seiner Mission stand, das war eine Vision des nächsten Schrittes.

Eine solche Vision des nächsten Schrittes brauchen alle Gemeinden,

Kirchenkreise, Einrichtungen und Werke unserer Kirche und mit ihnen

unsere Kirche insgesamt. Wir benötigen Klarheit über die Frage: Was

wollen wir als nächstes in Angriff nehmen, um Menschen anzusprechen

und für den christlichen Glauben zu gewinnen?

Diese Leitlinien sollen ermutigen, solche Schritte zu gehen. Denn ein »Weiter

so!« reicht nicht aus – es behindert missionarische Aufbrüche eher, als

dass es sie befördert. Alle kirchlichen Einrichtungen, aber ebenso die einzelnen

Christen stehen vor der Frage nach dem nächsten Schritt.

Dazu ist es gut, genau wahrzunehmen: Was ist bei uns nötig? Wo fordern

uns die Menschen in unserer Umgebung heraus? Was sagt die Bibel? Wo

liegen unsere Möglichkeiten und Gaben?

Wir kommen weiter, wenn wir darüber miteinander reden. Wir brauchen

dazu das Gebet: das Gebet um den Heiligen Geist, der uns Einsicht und

Klarheit schenkt, das Gebet um Kraft und Geduld angesichts vielfältiger

Enttäuschungen und Entmutigungen. Aus dem Gebet als dem Gespräch

mit Gott und aus dem Gespräch miteinander kann Klarheit wachsen über

den nächsten Schritt, den wir gehen. Das muss kein so großer Schritt

sein, wie es der Schritt des Paulus über den Bosporus nach Europa war.

Aber es kann ein Schritt sein, der weiterführt auf dem Weg der Jüngerinnen

und Jünger in alle Welt.

38 39


Anhang

Fonds Missionarischer Aufbruch

Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hat

einen Fonds zur Unterstützung missionarischer Initiativen und neuer

Strukturen im Gemeindeaufbau aufgelegt.

1. Ausstattung des Fonds

Dieser Fonds ist bislang mit circa 1,3 Millionen Euro ausgestattet. Die

Kirchenkreise sind gebeten worden, diesen Fonds zusätzlich zu verstärken.

Einzelne Zusagen liegen bereits vor. Die missionarischen Projekte

sollen aus Zinsen des angelegten Geldes gefördert werden.

2. Antragsverfahren

Anträge sind jeweils bis Ende Februar oder Ende August an das Konsistorium

Abt. 2 / z. H. Pröpstin Friederike von Kirchbach zu stellen. Sie sollen,

auch wenn es sich um Gemeindeprojekte handelt, über den Kirchenkreis

gestellt werden. Bei Initiativen von Werken und Verbänden muss

das dem Kreiskirchenrat entsprechende, leitende Organ das Projekt befürworten.

Zum Antrag gehören:

• eine kurze Beschreibung des geplanten Projekts

• eine reflektierende Erläuterung der missionarischen Situation am jewei-

ligen Ort sowie der Zielgruppe

• Angaben zur Dauer des Projekts

• Kriterien für die Feststellung von Ergebnissen

3. Kriterien

Folgende Kriterien sollen bei der Entscheidung, welche Projekte aus

dem Fonds gefördert werden können, zugrunde gelegt werden:

• Es soll ein neues Projekt sein.

• Das Projekt hat Modellcharakter und ist als Erprobungsprojekt in der Regel

auf ein bis zwei Jahre befristet.

• Das Projekt soll die missionarische Situation reflektieren und eine Ziel-

setzung haben, wie sie in den »Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer

Situation« sowie dem Perspektivprogramm der EKBO »Salz der

Erde« entfaltet sind.

• Das Projekt soll öffnenden Charakter haben, die Zugangsschwelle für Interessierte

niedrig halten, aus der binnenkirchlichen Orientierung herausführen

und zum Glauben einladen.

• Das Projekt soll konkrete Zielgruppen (insbesondere auch Konfessionslose)

in den Blick nehmen. Dazu gehört die Überlegung, in welcher Form

das Evangelium an die entsprechende Zielgruppe vermittelt werden

soll.

• Das Projekt soll die Grenzen traditioneller Gemeindearbeit überschreiten

und Ansätze für einen neuen Aufbruch enthalten.

• Das Projekt kann vorhandene Strukturen parochialer Arbeit durch neue

Ansätze (Teamarbeit, gemeindeübergreifende Projekte, Vernetzung) ergänzen.

• Zur Finanzierung des Projektes werden Eigenmittel (Haushaltsmittel

oder Spenden) eingebracht.

• ein Kosten- und Finanzierungsplan (Eigenmittel der Gemeinde, Zuschüsse

des Kirchenkreises, weitere Fördermittel, Spenden)

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Anhang

Erfahrungen und Perspektiven

zum Thema Mission

4. Entscheidungsverfahren

Die Anträge werden vom Kirchenleitungsausschuss »Missionarische Initiativen«

gesichtet und bewertet. Dabei werden die unter 3. genannten

Kriterien berücksichtigt, auch wenn nicht bei jedem Projekt alle Kriterien

in gleicher Weise erfüllt werden. Er entwickelt daraus eine Empfehlung

zur Förderung an den Verfügungsmittelausschuss. Dieser entscheidet

über die Förderung. Dem Verfügungsmittelausschuss gehören an:

der Bischof als Vorsitzender, der Präsident des Konsistoriums, die Vorsitzenden

des Haushaltsausschusses und des Ordnungsausschusses

der Landessynode sowie ein Mitglied des Ältestenrates der Landessynode.

Die Förderung ist grundsätzlich befristet. In begründeten Fällen

kann eine Förderung um eine weitere Frist verlängert oder mit der Auflage

einer Überprüfung des Projektstandes nach einer bestimmten Zeitphase

verbunden werden.

5. Begleitung und Dokumentation

Die Missionarischen Dienste können zur Beratung bei der Antragstellung

hinzugezogen werden. Bei bewilligter Förderung ist eine zeitnahe Dokumentation

anzufertigen. Gegebenenfalls geschieht die Begleitung des

Projektes durch die Missionarischen Dienste oder den Kirchenleitungsausschuss

»Missionarische Initiativen«.

Am 15.11.2002 hat der Direktor der Berliner Stadtmission, Pfarrer Hans-Georg Filker, vor

der Synode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg den Vortrag »Mission in Berlin

und Brandenburg - Erfahrungen und Perspektiven« gehalten. Wir dokumentieren im Folgenden

Auszüge aus dem Vortrag, in denen Hans-Georg Filker zeigt, dass Mission zum

Kern christlicher Existenz gehört. Zu den besonderen Schwierigkeiten in unserer Landeskirche

zählt jedoch die Erfahrung, dass uns völlig unterschiedliche Milieus begegnen, in

denen die missionarische Kraft Gestalt gewinnen muss.

Unser zentrales Mandat und unsere Kernkompetenz liegen in der Bezeugung

des Evangeliums. Hier muss Kirche ihr Profil zeigen. Gegen Selbstsäkularisierung

und Glaubensverzagtheit ist anzugehen. Die Wiederentdeckung

der Spiritualität im persönlichen wie im gemeindlichen Bereich

gehört genauso dazu, wie die angemessene öffentliche Rede von Gott,

die Rede vom Evangelium von Jesus Christus in der Öffentlichkeit.

Mission ist nicht zu reduzieren auf Veranstaltungsformen wie Evangelisationen,

Bibelwochen etc., sondern geschieht im Vollzug kirchlicher

und gemeindlicher Arbeit »im Normalen«, wie es »Wachsen gegen den

Trend« sagt, genauso, wie durch besondere Aktivitäten. Nur Etikettenschwindel

sollte nicht betrieben werden.

Mission ist ein umstrittener Begriff und wird es bleiben. Das liegt in der

Natur der Sache. Gelegentlich kam der Vorschlag, auf das Wort zu verzichten.

Das würde der Sache jedoch schaden. Denn die Mission der Kirche

hat einen Auftraggeber, und das ist nicht die Kirche, sondern der

Herr der Kirche, Jesus Christus. Dies ist ein kleiner, aber überaus bedeutsamer

Unterschied, der oft von außen, manchmal aber auch innerhalb

der Kirche selbst nicht recht wahrgenommen wird. Wir müssen uns

deutlicher ausdrücken: Die Kirche verfügt nicht über den Missionsauftrag.

Das hat ungeheure Auswirkungen auf uns selbst, auf unser Selbst-

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verständnis, auf die Art der Mission und das Ziel der Mission. Mission

dient nicht der Ausweitung der Macht einer Gruppe, einer Organisation,

einer Kirche. Die Kirche kann sich dem Missionsauftrag nicht entziehen,

sie kann nicht sich selbst für nicht (mehr) zuständig erklären. Mission ist

kein Reservat für besonders evangelikale und pietistische Gruppen, wiewohl

manches aus diesem Bereich zu lernen wäre, auch wenn man es

selbst anders machen würde.

Auftragsverkürzung, Auftragsverfremdung und Auftragsverweigerung

setzen das Kirchesein aufs Spiel. Im 1. Kapitel des Römerbriefs definiert

Paulus die Verkündigung des Evangeliums als Bringe-Schuld. Das Evangelium

ist den Menschen weiterzugeben. Die Reichweite der Mission:

Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker… (Mt. 28,19). Gott will, dass

allen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen... (1.

Tim. 2,4). Die Barmer Theologische Erklärung formuliert in Barmen VI:

Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin,

an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes

durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes

auszurichten an alles Volk. Wir dürfen das uns anvertraute Evangelium

weder für uns behalten noch horten nach dem Motto: »poste restante«

(postlagernd), man könne es ja – wenn man will – bei uns abholen (aber

bitte die Schalterzeiten beachten!).

ten. Nur in welchem Geist und mit welchem Ziel? Es geht doch um das

Evangelium, um das Wichtigste im Leben und im Sterben. Christ zu werden

und Christ zu bleiben ist das Beste, was mir passieren konnte. Ich

habe es mir nicht erarbeitet. Es wurde mir zugeeignet, geschenkt. Wie

sollte ich dieses Geschenk nicht mit anderen teilen? Was für Vorstellungen

von Gott, von Jesus Christus und vom Heiligen Geist sind in unseren

Köpfen und Herzen, wenn wir meinten, das Evangelium anderen nicht

zumuten zu dürfen?

Werfen wir einen nüchternen Blick auf die Lage unserer Kirche. Es stellt

sich weiterhin nicht nur die finanzielle Situation, sondern auch die Mitgliedersituation

durchaus herausfordernd dar. Wir kennen die Zahlen:

circa 33 Prozent Kirchenmitglieder im Westen Berlins, unter zehn Prozent

im Osten der Stadt, im Land Brandenburg etwa 25 Prozent. Die Zahl

der Mitchristen in den evangelischen Freikirchen liegt unter ein Prozent,

der Katholiken bei circa acht Prozent. Hinzu kommt: die Alterspyramide

der Kirchenmitglieder deckt sich nicht mit der Bevölkerung, die Kirche

ist überaltert. Die Zahl der Gottesdienstbesucher an einem Durchschnittssonntag

liegt unter der Zahl der in Kirche und Diakonie hauptamtlich

Beschäftigten. Unsere Kirche trägt schwer am Erbe des letzten

Jahrhunderts. In gewisser Weise ratifizieren wir jetzt die Trennung von

Staat und Kirche.

Das führt in einer missionarischen Kirche zu der manchmal schwer zu

ertragenden Wirklichkeit: weil Gott sich unserer bedient, haftet der Mission

immer etwas von unserem Vermögen, aber auch von unserem Unvermögen

an, von Gelingen und vom Schuldigwerden. Dieser komplexe

Sachverhalt ist manchen Missionaren wie manchen innerkirchlichen Kritikern

von Mission oft zu wenig bewusst. Natürlich muss man über

Stilfragen reden und vielleicht soll man da und dort auch darüber strei-

So begegnet einem nicht selten ein Gefühl der Ohnmacht, der Entmutigung

und der Überlastung bei vielen Mitarbeitenden in der Kirche. Hinzu

kommt ein offensichtlicher Kompetenzentzug aufgrund der so veränderten

Situation. Hat uns die Ausbildung ausreichend vorbereitet? Haben

wir genügend geistliche und missionarische Kompetenz? Diese Anfrage

trifft auch die Gruppen und Kreise, die sich traditionell missionarisch

verstehen. Selbstmitleid und Blockaden bei notwendigen Veränderungen

sind allenthalben vorzufinden.

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Dabei stellt sich auch die missionarische Herausforderung neu. Galt es

unter den volkskirchlichen Verhältnissen der Vergangenheit, die dem

kirchlichen Leben Entfremdeten, aber überwiegend Getauften anzusprechen,

die in der Regel durch die Erfahrung von Kirchlichem Unterricht,

Religionsunterricht und Amtshandlungen die Grundzüge des christlichen

Glaubens kannten, ihn aber unterschiedlich für sich selbst wert

schätzten, so haben wir es neben dieser weiterhin bestehenden Gruppe

heute mit einer zahlenmäßig stark gewachsenen Anzahl von Menschen

zu tun, die keinerlei kirchliche Sozialisation genossen haben, denen der

christliche Glaube von außen und innen fremd ist. Im Ostteil des Landes

von einem vulgären marxistischen Atheismus stärker geprägt als wir

meist wahrhaben wollen, blicken sie auf die Kirche als soziales und vor

allem inhaltliches Auslaufmodell. Davon zu unterscheiden ist die westliche,

bundesrepublikanische Spielart der schleichenden Entkirchlichung.

Scheinbar haben die im Westen weithin noch bestehenden volkskirchlichen

Strukturen die Wahrnehmung der zunehmenden Zahl von Nichtchristen

und eine angemessene Reaktion darauf verhindert.

ment einer Botschaft stehen, die Leben und Sterben, den Einzelnen und

die Völker umfasst und deren Potenzial für die Zukunft überhaupt noch

nicht ausgelotet ist. Wir haben eine Mission.

Mit großer Dankbarkeit sehe ich eine gewisse Zahl an Erwachsenentaufen

und Wiedereintritten. Der bekannte Satz »Wir haben die Menschen

in Scharen verloren und müssen sie als Einzelne wiedergewinnen« kann

sehr unterschiedlich rezipiert werden. Ich möchte ihn als Aufforderung

an die Synode und alle kirchenleitenden Gremien der unterschiedlichen

Ebenen sehen, sich Gedanken zu machen, wie wir eine möglichst große

Zahl von Menschen in unserem Lande ansprechen können. Die Zeit der

»biologischen«, der familiären Regeneration der Gemeinden wird sich

schneller dem Ende zu neigen, als wir heute meinen.

Die missionarischen Herausforderungen der Zukunft möchte ich exemplarisch

an folgenden fünf Bereichen festmachen, die sehr unterschiedlicher

Vorgehensweisen bedürfen:

Ich halte es für geboten, auch in unserer Kirche weiterführende Perspektiven

zu entwickeln um eine größere Zahl von Nichtchristen oder

Nicht-Mehr-Christen anzusprechen, ihnen die Grundlagen des christlichen

Glaubens wieder zu vermitteln und sie einzuladen durch die Taufe

in die Gemeinschaft der Christen. Diese Perspektive ist ein Novum für

eine Landeskirche und meist bislang Freikirchen vorbehalten geblieben,

deren Zuwachs aber oft aus (bereits) getauften (ehemaligen) Landeskirchlern

bestand. Ohne Zweifel halte ich es weiterhin für eine dringliche

Aufgabe, die Zahl der Kirchenaustritte zu verringern. Das wird umso eher

gelingen, wenn wir nach außen nicht selbst den Eindruck eines untergehenden

Bootes vermitteln. Wer mag da einsteigen? Wir haben zu bezeugen,

dass wir als Kirche nicht nur die in der Gesellschaft jüngst häufig

beschworenen Werte vermitteln – das auch! –, sondern auf dem Funda-

1. Das Westberliner (Innenstadt-) Milieu: die Kinder der »68er« bekommen

Kinder, die nicht mehr getauft werden, deren Eltern nicht mehr getauft

worden sind und deren Großeltern aus der Kirche austraten. Die Zahl derer

wächst, die mitten im Westen Berlins keinem Christen mehr in ihrem

persönlichen und familiären Umfeld begegnen. Hier sind drei Generationen

anzusprechen. Zu dieser Gruppe gehört eine große Zahl der Meinungsbildner

in unserer Stadt, in den Medien, Parteien, Schulen, in Wirtschaft

und Verbänden. Wie müsste missionarische Arbeit aussehen, damit

in den nächsten zehn Jahren mindestens 10.000 Menschen die

Chance bekämen, Christen zu werden aus dieser gesellschaftlichen

Gruppe, von denen viele esoterisch interessiert und damit durchaus »religiös

musikalisch« sind?

46 47


2. Die Plattenbaubewohner im Osten Berlins. Nehmen wir als Beispiel Hellersdorf,

den Stadtteil mit dem zweithöchsten durchschnittlichen Haushaltseinkommen

in Berlin, nach Zehlendorf und vor Reinickendorf. Von

den zur Zeit etwa 130.000 Einwohnern gehören circa 3.500 zur evangelischen,

3.000 zur katholischen Gemeinde, die Zahl der Freikirchler ist

marginal, ebenso die anderer Religionen. Hellersdorf ist der Stadtteil Europas

mit der größten Anzahl Jugendlicher. Wie müsste missionarische

Arbeit aussehen, damit in den nächsten zehn Jahren 10.000 Hellersdorfer

die Chance bekämen, Christen zu werden? Wohlgemerkt in einem

Stadtteil, in dem es keine christlichen Traditionen gibt und die Hellersdorfer

Kirchengemeinde am Südrand des Neubauviertels liegt, während

der Nordteil des Stadtviertels gebietsmäßig der Gemeinde Hönow zugeschlagen

ist. Gesetzt den Fall, 10.000 Hellersdorfer kämen zum Glauben,

ohne mit uns den Schatz der evangelischen Traditionen und Frömmigkeit

von Bach, Schütz und Paul Gerhard, von Schleiermacher, Barth und Bonhoeffer

zu teilen, welche Konsequenzen hätte das für die Gestalt der Kirche?

Wäre so ein Wachstum unter den Bedingungen unserer gegenwärtigen

und zukünftigen Kirchenordnung überhaupt möglich? Hätten wir

die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für eine

solche Arbeit? Analogien aus frühchristlicher Zeit betreffs der Auseinandersetzungen

zwischen judenchristlichem und heidenchristlichem Gemeindeprofil

liegen nahe. Es stellt sich die Frage: Wie viele neue Gemeinden

brauchen Hellersdorf, Marzahn, Hohenschönhausen, Potsdam,

Frankfurt/Oder, Cottbus...?

3. Der sog. Speckgürtel: Darunter verstehe ich die Gemeinden am Stadtrand

von Berlin diesseits und jenseits der Stadtgrenze. Die Situation ist

vielerorts gekennzeichnet durch Neubau und Zuzug. Auch hier stoßen

Kulturen aufeinander. Die alteingesessene Gemeinde und die neuen Gemeindeglieder,

die oft westlich volkskirchlich geprägt sind, einige mit

hohem, andere ohne kirchliches Engagement. Hier spielt auch das Phänomen

»Kirchenaustritt per Umzug« eine Rolle. Umbruchsituationen bergen

Möglichkeiten zum Neuanfang im Glauben und auch ohne Kirche.

Wie reagieren wir auf diese Herausforderung?

4. Die Brandenburger Mittelstädte zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie

eine, manchmal mehrere in der Größe finanziell überlebensfähige Gemeinden

haben. Man ist lange miteinander verbunden. Allerdings sind

die Beziehungen zwischen denen in der Kirche und den ’anderen’ weithin

abgesteckt. Wie können die »anderen« 60 – 80 Prozent der Bevölkerung

mit dem Evangelium angesprochen werden, zumal einige aufgrund

der Vergangenheit in den Kirchen als ausgesprochen unwillkommen angesehen

werden oder es, manchmal durchaus mit Recht, so empfinden.

Brauchen wir hier so etwas wie ein zweites Programm?

5. Die dörflichen Landstriche Brandenburgs. Die Situation auf dem Lande

hat die Synode mehrfach beschäftigt. Eine Arbeitsgruppe der Kirchenleitung

hat eine Studie vorgelegt, deren Umsetzung nicht recht zu gelingen

scheint. Städtische, ja selbst kleinstädtische Gemeindeaufbaumodelle

sind hier nicht anwendbar. Brauchen wir ein neues Modell von Kirche,

andere Strukturen, andere pastorale, seelsorgerliche und diakonische

Zugänge, um uns nicht mental, geistlich und von den finanziellen Ressourcen

her zu überfordern?

Wir müssen unseren Blick auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

lenken. Die bestehen nicht zuerst in Strukturreformen. Sie bestehen

letztlich in der Frage, ob das Evangelium, das unserer Kirche anvertraut

ist, auch für den Anteil von Nichtchristen in unserer Region - zwischen

50 und 95 Prozent - relevant ist. Wenn das so wäre, dann stünden

uns weit einschneidendere Reformen bevor, als das Zusammenlegen

48 49


Anhang

Adressen

von Kirchengemeinden, Kirchenkreisen, Synoden usw. aus finanziellen

und organisatorischen Gründen. Der missionarische Auftrag tritt vielmehr

als eine neue Aufgabe hinzu, die weit über die derzeitige Praxis der

meisten Gemeinden, Kirchenkreise und missionarischen Werke hinaus

geht.

Es geht um nichts Geringeres als

• um die Verkündigung des Evangeliums, die Einladung zur Taufe und zur

Mitgliedschaft an die Vielzahl der Nichtchristen;

• um die Formulierung eines Jugend- und Erwachsenenkatechumenats,

das nicht auf familiäre, schulische oder gemeindliche Sozialisation zurückgreifen

kann;

• um neue Gemeinden, in denen die spannende Einwurzelung von neu gewonnenen

Christen aus dem Volk der Postmoderne in ihre eigene geistliche

Kultur und Frömmigkeit geschehen kann unter Aufnahme und

christlicher Wendung ihrer - nicht unserer(!) – Herkunftskultur.


• Das alles muss bei knapper werdenden finanziellen Ressourcen und ab-

zusehenden Schrumpfungen des hauptamtlichen Personalbestandes

geschehen. Die finanziell und organisatorisch bedingten Reformen sind

also nicht überflüssig, sondern notwendig, um Gestaltungsspielräume

für diese Herausforderungen zu erhalten.

Evangelische Kirche

Berlin-Brandenburgschlesische

Oberlausitz

Evangelisches Zentrum

Georgenkirchstr. 69, 10249 Berlin

Info-Telefon 24 344 121

www.ekbo.de

Kircheneintrittsstellen

Für Gespräche über einen Kircheneintritt

können sie sich an die

Kirchengemeinde Ihres Wohnortes

oder auch an eine unserer

vier Berliner Kircheneintrittsstellen

wenden.

www.willkommen-in-der-kirche.de

Berliner Dom

Am Lustgarten

10178 Berlin-Mitte

Telefon 030 · 20 45 11 00

freitags 16:00 Uhr – 19:00 Uhr

Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche

Breitscheidplatz

10789 Berlin-Charlottenburg

Telefon 030 · 20 45 11 01

montags 16:00 Uhr – 19:00 Uhr

Heilig-Kreuz-Kirche

Zossener Str. 65

10961 Berlin-Kreuzberg

Telefon 030 · 20 45 11 02

donnerstags 10:00 Uhr – 13:00 Uhr

St. Marienkirche

Karl-Liebknecht-Str. 8, 10178 Berlin

Telefon 030 · 24 24 46 7

dienstags 16:00 – 18:00

Missionarischen Dienste

Zentrum am Hauptbahnhof

Lehrter Str. 68, 10557 Berlin

Telefon 030 · 33 09 94 402/1

www.berliner-stadtmission.de


50 51


Impressum

Herausgeber

Evangelischen Kirche

Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Pfr. Dr. Volker Jastrzembski

Die »Leitlinien kirchlichen Handelns in missionarischer Situation«

wurden von der Landessynode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg

am 18. November 2000 beschlossen. Erstellt wurden sie von einer Arbeitsgruppe,

der angehörten:

Gestaltung

NORDSONNE IDENTITY, Berlin

Druck

Buch- und Offsetdruckerei

H. HEENEMANN GmbH & Co.KG

Heilgard Asmus, Generalsuperintendentin des Sprengels Cottbus

Astrid Eichler, Pfarrerin

Hans-Georg Filker, Beauftragter für Mission

Hanns-Peter Giering, Pfarrer

Sabine Herbst, damals Mitglied der Landessynode

Joachim Hoffmann, Superintendent i.R.

Dr. Wolfgang Huber, Bischof

Anneliese Kaminski, Mitglied der Kirchenleitung

Hanna Kasparick, Direktorin des Predigerseminars Wittenberg

Jutta Kreibig, damals Mitglied der Landessynode

Dr. Karl-Heinrich Lütcke, Propst i.R.

Dr. Joachim Zehner, Superintendent

Die Neuauflage der Leitlinien haben aktualisiert:

Barbara Deml-Groth, Missionarische Dienste der EKBO

Hans-Georg Filker, Beauftragter für Mission

Dr. Andreas Fincke, theologischer Referent im Konsistorium

Reinhard Menzel, Missionarische Dienste der EKBO

Redaktion

Dr. Andreas Fincke

Bestellung

Marion Sperling Absendestelle

Tel 030 · 243 44 - 414

marion.sperling@ekbo.de

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