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Grab von Peter Sax in Koldenbüttel - Husum-Stadtgeschichte

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HARRY KUNZ<br />

<strong>Grab</strong> <strong>von</strong> <strong>Peter</strong> <strong>Sax</strong><br />

<strong>in</strong> Koldenbüttel<br />

Mit freundlicher Erlaubnis aus: „Er<strong>in</strong>nerungsorte <strong>in</strong> Nordfriesland“,<br />

Nordfriisk Instituut, 25821 Bräist/Bredstedt, 2009, ISBN 978-3-88007-355-5<br />

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<strong>Grab</strong> <strong>von</strong> <strong>Peter</strong> <strong>Sax</strong><br />

<strong>in</strong> Koldenbüttel<br />

„Petrus <strong>Sax</strong> expectat hic resurrectionem.“<br />

(<strong>Peter</strong> <strong>Sax</strong> erwartet hier se<strong>in</strong>e<br />

Auferstehung.) (Inschrift)<br />

Auf dem Friedhof <strong>in</strong> Koldenbüttel liegt<br />

die <strong>Grab</strong>platte des Bauern, Chronisten<br />

und Ratmanns <strong>Peter</strong> <strong>Sax</strong>. Er wurde<br />

am 6. September 1597 <strong>in</strong> Evensbüll<br />

auf Alt-Nordstrand geboren und starb<br />

am 23. April 1662 <strong>in</strong> Koldenbüttel.<br />

Fachleuten gilt er als „wichtigster Gewährsmann<br />

für die ältere Eiderstedter<br />

Geschichte“.<br />

<strong>Sax</strong> besuchte die Gelehrtenschule <strong>in</strong><br />

<strong>Husum</strong> und das Kathar<strong>in</strong>eum <strong>in</strong> Lübeck.<br />

Anschließend begann er e<strong>in</strong> Jurastudium<br />

<strong>in</strong> Jena, wurde aber etwa 1621<br />

<strong>von</strong> se<strong>in</strong>em Vater nach Hause gerufen,<br />

um e<strong>in</strong>en Hof im Drandersumkoog bei<br />

Koldenbüttel <strong>in</strong> Eiderstedt zu übernehmen.<br />

Den später „Staatshof“ genannten<br />

Betrieb hatte se<strong>in</strong>e Mutter mit <strong>in</strong><br />

die Ehe gebracht.<br />

<strong>Sax</strong> wirkte <strong>in</strong> vielen Ehrenämtern, so als<br />

Kirchenältester, Koogsvorsteher und<br />

Deichediger. In dieser Funktion hatte<br />

er bei Sturmfluten e<strong>in</strong>en bestimmten<br />

Abschnitt des Deiches zu überwachen.<br />

1633, 1648 und 1657 wurde er jeweils<br />

für drei Jahre zum Kirchenbaumeister<br />

se<strong>in</strong>er Geme<strong>in</strong>de Koldenbüttel gewählt,<br />

um 1630 wurde er <strong>in</strong> den Kreis<br />

der zwölf Eiderstedter Ratmänner aufgenommen.<br />

Sie unterstützten u. a. den<br />

Staller, den höchsten Beamten der Landesherrschaft,<br />

bei Gerichtsverhandlungen,<br />

entschieden bei Konkursen und<br />

Erbteilungen und nahmen an Verhören<br />

<strong>in</strong> Krim<strong>in</strong>alfällen teil. Erfahrungen im<br />

Rechnungswesen gehörten ebenso zu<br />

den Voraussetzungen wie die Kenntnis<br />

des Eiderstedter Landrechts. Nur<br />

wenige Jahre später wurde <strong>Sax</strong> Erster<br />

Ratmann und besetzte damit e<strong>in</strong>e der<br />

angesehensten Stellungen <strong>in</strong> der Eiderstedter<br />

Selbstverwaltung.<br />

<strong>Sax</strong> bildet e<strong>in</strong> herausragendes Beispiel<br />

<strong>in</strong> e<strong>in</strong>er großen Reihe früher nordfriesischer<br />

Geschichtsschreiber. Ihren<br />

Ursprung hatte die Chronistik nicht<br />

zufällig im östlichen Eiderstedt. Hier<br />

lebten wohlhabende und selbstbewusste<br />

Bauern, die sich e<strong>in</strong> Bildungsniveau<br />

leisten konnten, wie es sonst bis weit<br />

<strong>in</strong>s 18. Jahrhundert h<strong>in</strong>e<strong>in</strong> nur <strong>in</strong> den<br />

Reichs- und Hansestädten üblich war.<br />

Sie bildeten das sozial- und kulturgeschichtliche<br />

Umfeld, das es lohnenswert<br />

machte, Chroniken zu verfassen.<br />

Unter den frühen Chronisten s<strong>in</strong>d neben<br />

<strong>Peter</strong> <strong>Sax</strong> vor allem die Pastoren<br />

Johannes Petreus (um 1540–1603),<br />

Matthias Boetius (1580/85–1625),<br />

Anton Heimreich (1626–1685) und<br />

Petrus Petrejus (1695–1742) sowie der<br />

Bauer Iven Knutzen (1531/32–1612)<br />

und der Mediz<strong>in</strong>er und Historiograf<br />

Caspar Danckwerth (um 1607–1672)<br />

zu nennen.<br />

In Koldenbüttel sammelte <strong>Sax</strong> alle<br />

mündlichen und schriftlichen Nachrichten,<br />

die er über se<strong>in</strong>e Heimat und<br />

ihre Vergangenheit bekommen konnte.<br />

In den Mittelpunkt rückte die Landschaft<br />

Eiderstedt, weil er hierzu über<br />

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die reichhaltigste Überlieferung und<br />

die größte Erfahrung verfügte. In eigenen<br />

Handschriften fasste er das Vorgefundene<br />

zu e<strong>in</strong>er Geschichte Nordfrieslands<br />

und <strong>in</strong>sbesondere Eiderstedts<br />

zusammen und übertrug sie <strong>in</strong>s Hochdeutsche.<br />

1634 erlebte er e<strong>in</strong>e Jahrhundertflut,<br />

die u. a. Alt-Nordstrand<br />

zerstörte und Tausende Menschenleben<br />

kostete. Dies verstärkte womöglich<br />

se<strong>in</strong>e Motivation, Verlorenes und<br />

Bedrohtes zu dokumentieren. So entstanden<br />

ab 1636 se<strong>in</strong>e großen Werke<br />

wie etwa „E<strong>in</strong> newe Beschreibung, der<br />

sembtlichen, im gantzen Nordfrießlande,<br />

am Cimbrischen Meere, gelegenen<br />

Landen, Insulen, und Ougen“. Se<strong>in</strong>e<br />

Ergebnisse, die auch als „geistige Wiederbedeichung“<br />

Nordfrieslands gelten,<br />

gelangten zwar nicht zum Druck, dienten<br />

aber dennoch durch alle Jahrhunderte<br />

als wertvolles Quellenmaterial.<br />

1983–88 wurden sie unter dem Titel<br />

„Werke zur Geschichte Nordfrieslands<br />

und Dithmarschens“ <strong>von</strong> dem Niebüller<br />

Regionalforscher Albert Panten <strong>in</strong><br />

Zusammenarbeit mit dem Nordfriisk<br />

Instituut im Verlag Lührs & Dircks<br />

vollständig herausgegeben.<br />

Zu den skurrilen Eigenheiten des <strong>Peter</strong><br />

<strong>Sax</strong> gehörte se<strong>in</strong>e Vorliebe für Verstecke.<br />

E<strong>in</strong>e 1650 verfasste kle<strong>in</strong>e Autobiografie<br />

verwahrte er h<strong>in</strong>ter e<strong>in</strong>er<br />

Tafelwand <strong>in</strong> dem <strong>von</strong> ihm errichteten<br />

Haubarg. E<strong>in</strong> späterer Besitzer des<br />

Staatshofs fand die Lebensbeschreibung<br />

und schickte sie <strong>in</strong> die Königliche<br />

Bibliothek nach Kopenhagen, wo sie<br />

aber als verschollen gilt. Se<strong>in</strong>en 1654<br />

<strong>Grab</strong>platte mit Inschrift<br />

(Foto: Thomas Steensen)<br />

verfassten Stammbaum versteckte er<br />

<strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Pfosten <strong>in</strong> der Kirche, wo er<br />

1766 durch Zimmerleute gefunden<br />

wurde. Als 1751 se<strong>in</strong> <strong>Grab</strong> geöffnet<br />

werden sollte, fand man unter dem<br />

<strong>Grab</strong>ste<strong>in</strong> e<strong>in</strong>e Bleiplatte, <strong>in</strong> die er eigenhändig<br />

e<strong>in</strong>e late<strong>in</strong>ische Inschrift<br />

„An den Ausgräber“ e<strong>in</strong>geprägt hatte.<br />

Der damalige Pastor übersetzte frei:<br />

„Verwegener, zeuch die Hand zurück<br />

<strong>von</strong> diesem <strong>Grab</strong>e, / Weil’s ewig billig<br />

ist, dass ich Ruhe habe, / Wenn mir<br />

der Tod sie gönnt; drum fordre ich,<br />

dass du / Stets me<strong>in</strong>e Asche ehrst und<br />

deckst sie wieder zu!“ Der Kirchenvorstand<br />

beschloss 1815/16, das <strong>Grab</strong> für<br />

alle Zeiten unberührt zu lassen.<br />

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