Vom “Sturm und Drang” zur Romantik 11 - Heinrich Detering

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Vom “Sturm und Drang” zur Romantik 11 - Heinrich Detering

Vorlesung Sommersemester 2013:

Vom „Sturm und Drang“ bis zur Romantik

11. Weimarer Klassik?

Iphigenie – Tasso –

Freundschaft mit Schiller.


Iphigenie in gender-Perspektive:

explizite Reflexionen auf

„Männlichkeit“ und

„Weiblichkeit“

• Iphigenie als buchstäbliches

Schlacht-Opfer ihres Vaters

• Iphigenie als Opfer, dann als

Werkzeug („Sklavin“) ihres

Königs

• Iphigenie als ‚Werkzeug‘ ihres

Bruders


„Seine Frauen sind gut. Es ist

aber auch das einzige Gefäß, was

uns Neueren [d.h. Modernen,

nicht mehr Antiken] noch

geblieben ist, um unsere Idealität

hineinzugießen. Mit den

Männern ist nichts zu tun.“

(zu Eckermann, 5. Juli 1827 über

Lord Byrons Frauengestalten)

Iphigenie:

„Olympier … Rettet mich /

Und rettet euer Bild in meiner

Seele!“

‚Alle Menschen werden

Schwestern.‘


Ausgangssituation I: ‚weibliches‘ Selbstbild Iphigenies

1. Aufzug, 1. Auftritt:

Der Frauen Zustand ist beklagenswert.

Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann

Und in der Fremde weiß er sich zu helfen.

Ihn freuet der Besitz, ihn krönt der Sieg,

Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet.

Wie eng gebunden ist des Weibes Glück!

Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen

Ist Pflicht und Trost, wie elend wenn sie gar

Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt.

So hält mich Thoas hier, ein edler Mann,

In ernsten heilgen Sklavenbanden fest. (23-39)


1. Aufzug, 2. Auftritt:

Frei atmen macht das Leben nicht allein.

Welch Leben ist´s, das, an der heilgen Stäte

Gleich einem Schatten um sein eigen Grab

Ich nur vertrauern muß, und nenn ich das

Ein fröhlich selbstbewußtes Leben ...

Ein unnütz Leben ist ein früher Tod;

Dies Frauenschicksal ist vor allen meins. (106-116)


Ausgangssituation II: ‚Weiblichkeits‘- Bilder des Thoas und des Orest

Thoas (zu Iphigenie, 1. Aufzug, 3. Auftritt):

So kehr zurück! tu was dein Herz dich heißt!

Und höre nicht die Stimme guten Rats

Und der Vernunft. Sei ganz ein Weib und gib

Dich hin dem Triebe der dich zügellos

Ergreift und da und dorthin reißt. (463-467)

Orest und Pylades (2. Aufzug, 1. Auftritt)

Orest: Ein Weib wird uns nicht retten wenn er [Thoas] zürnt.

Pylades: Wohl uns daß es ein Weib ist! denn ein Mann,

Der beste selbst, gewöhnet seinen Geist

An Grausamkeit und macht sich auch zuletzt

Aus dem was er verabscheut ein Gesetz,

Wird aus Gewohnheit hart und fast unkenntlich.

Allein ein Weib bleibt stets auf einem Sinn,

Den sie gefaßt. Du rechnest sicherer

Auf sie im Guten wie im Bösen. – (785-794)


Transformation I: ‚Weibliche‘ Selbstbehauptung gegen Thoas

Iphigenie / Thoas (1. Aufzug, 4. Auftritt):

Thoas: ... Daß ich mit einem Weibe handeln ging.

Iphigenie: Schilt nicht o König unser arm Geschlecht,

Nicht herrlich wie die euern aber nicht

Unedel sind die Waffen eines Weibes.

Glaub es, darin bin ich dir vorzuziehn

Daß ich dein Glück mehr als du selber kenne. (480-485)

Iphigenie [ironisch]:

O trüg ich doch ein männlich Herz in mir

Das, wenn es einen kühnen Vorsatz hegt,

Vor jeder andern Stimme sich verschließt. (1677-1679)


Transformation II: ‚Weibliche‘ Opposition gegen Thoas

Iphigenie [zu Thoas]:

Wenn dir das Herz zum grausamen Entschluß

Verhärtet ist; so solltest du nicht kommen!

Ein König der Unmenschliches verlangt,

Findt Diener gnug, die gegen Gnad und Lohn

Den halben Fluch der Tat begierig fassen ...

Von Jugend auf hab ich gelernt gehorchen,

Erst meinen Eltern und dann einer Gottheit,

Und folgsam fühlt ich immer meine Seele

Am schönsten frei; allein dem harten Worte,

Dem rauhen Ausspruch eines Manns mich

Zu fügen lernt ich weder dort noch hier.


Thoas: Ein alt Gesetz, nicht ich, gebietet dir! ...

Gehorche deinem Dienste nicht dem Herrn!

Iphigenie: Laß ab! beschönige nicht die Gewalt

Die sich der Schwachheit eines Weibes freut!

Ich bin so frei geboren als ein Mann.

Stünd‘ Agamemmnons Sohn [: Orest] dir gegenüber

Und du verlangtest was dir nicht gebührt:

So hat auch er ein Schwert und einen Arm

Die Rechte seines Busens zu verteidgen.

Ich habe nichts als Worte und es ziemt

Dem edlen Mann der Frauen Wort zu achten.

(1810-14, 1825-31, 1855-64)


Endzustand: ‚Weibliche‘ Domination des Thoas

Iphigenie [zu Thoas]:

Hat denn zur unerhörten Tat der Mann

Allein das Recht? Drückt den Unmögliches

Nur er an die gewaltge Heldenbrust?

Was nennt man groß? was hebt die Seele schaudernd

Dem immer wiederholenden Erzähler?

Als was mit unwahrscheinlichstem Erfolg

Der Mutigste begann ...

Ist uns nichts übrig? muß ein zartes Weib

Sich ihres angebornen Rechts entäußern,

Wild gegen Wilde sein, wie Amazonen

Das Recht des Schwerts euch rauben und mit Blute

Den Unterdrückten rächen? (1892-98, 1908-12)


Iphigenie [zu Thoas]:

... o König! Laßt die Hand

Vom Schwerte! Denkt an mich und mein Geschick.

Der rasche Kampf verewigt einen Mann:

Er falle gleich, so preiset ihn das Lied.

Allein die Tränen die unendlichen

Der überbliebnen, der verlaßnen Frau

Zählt keine Nachwelt und der Dichter schweigt

Von tausend durchgeweinten Tag und Nächten

... (2065-72)

Orest:

Gewalt und List, der Männer höchster Ruhm,

Wird durch die Wahrheit dieser hohen Seele

Beschämt ...


„Iphigenie“: Schwesterlichkeit

Pylades [zu Orest]:

... Apoll

Gab uns das Wort: im Heiligtum der Schwester

Sei Trost und Hülf und Rückkehr dir bereitet. (610-12)

Iphigenie [zu Orest]:

O laß den reinen Hauch der Liebe dir

Die Glut des Busens leise wehend kühlen.

...

O wenn vergoßnen Mutterblutes Stimme

Zur Höll hinab mit dumpfen Tönen ruft:

Soll nicht der reinen Schwester Segenswort

Hülfreiche Götter vom Olympus rufen?

Orest:

Es ruft! es ruft! So willst du mein Verderben?

Verbirgt in dir sich eine Rachegöttin? (1157f., 1164-69)


Iphigenie [zu Orest]:

... sie ist hier

Die längst verlorne Schwester. ...

Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer,

Und findest in der Priesterin die Schwester!

Orest:

... Der Brudermord ist hergebrachte Sitte

Des alten Stammes (1217f., 1221f., 1229f.)

Iphigenie [zu Thoas, über Orest und Pylades]:

Apoll schickt sie von Delphi diesem Ufer

Mit göttlichen Befehlen zu, das Bild

Dianens wegzurauben und zu ihm

Die Schwester hinzubringen und dafür

Verspricht er dem von Furien Verfolgten,

Des Mutterblutes Schuldigen, Befreiung. (1928-33)


Schwesterlichkeits-Merkmale:

• feminin (versus ‚Männlichkeit‘, wie oben)

• familiär (im Sinne der ‚Menschheitsfamilie‘, versus Tantalidenfluch)

• religiös (Analogie zur „Schwester“ Diana, versus ‚männliche‘

Opfertradition)

• sexuell entsagend (versus Rolle der Sexualpartnerin)

Die ‚moderne‘ Iphigenie als…

Ich („Ich bin es selbst, bin I-phi-ge-ni-e“, 430)

Schwester

Heilige („Wir legten‘s von Apollens Schwester aus

Und er gedachte dich! [...] Du Heilige“, 2116-19)

→ „Heiligkeit“ als „reine Menschlichkeit“, als pragmatisch-konkrete

Repräsentation „des Göttlichen“ („Edel sei der Mensch, hilfreich und

gut…“)


„Iphigenie“

zwischen Psychologie und Religion:

antike und christliche Modelle

• archaischer Kultus (konnotiert: männlich)

• geläuterter Kultus (konnotiert: feminin,

schwesterlich)

• verinnerlichte, subjektivierte,

Frömmigkeit (konnotiert: menschlich)

Darin biblisch-christliche Implikationen:

• Abschaffung des Menschenopfers

(Abraham – Isaak)

• Stellvertretung: des Menschen vor der

Gottheit – der Gottheit vor den Menschen

• Menschwerdung als Humanisierung der

Gottheit (Humanismus auf christl. Grund)

• Macht der Ohnmacht


Fortsetzung und

Selbstkritik des Iphigenie-

Klassizismus:

Goethes Torquato Tasso

(1790)


Torquato Tasso

Sorrent 1544 – Rom 1595

• ‚Wunderkind‘ seit Ende der

1550er Jahre

• seit 1565 Hofdichter und

-historiker der Familie

d‘Este

• Rinaldo (Epos) 1560

• Aminta (Schäferspiel) 1573

• La Gerusalemme Liberata

(Epos) 1559-1575

• am Hof von Ferrara

• 1576 Ausbruch der seelischen

Erkrankung (Schizophrenie?)

• 1577 mit Herzog Alfonso II

zur Erholung auf dem

Lustschloss Belriguardo


Leonora d‘Este

Torquato Tasso


„Torquato Tasso“ (1790), „drame selon les règles“:

Einheit des Ortes

Lustschloss Belriguardo

Garten vor dem Schloss (1. Aufzug)

Saal im Schloss (2. Aufzug)

Saal im Schloss (3. Aufzug)

Tassos Zimmer (4. Aufzug)

Garten (vor dem Schloss 5. Aufzug)

Einheit der Zeit

Die Darstellungszeit ist annähernd deckungsgleich

mit der dargestellten Zeit.


Einheit der (äußeren) Handlung

1. Akt:

Tasso spricht mit den Damen, Alfons und Antonio, wird bekränzt.

2. Akt:

Tasso streitet sich mit Antonio und wird zur Strafe auf sein Zimmer

geschickt.

3. Akt:

Tasso ist auf seinem Zimmer, die anderen reden über ihn.

4. Akt:

Tasso ist auf seinem Zimmer und klagt.

5. Akt:

Tasso kommt wieder ins Freie, umarmt die Prinzessin, wird

zurückgewiesen und von Antonio bei der Hand gefasst.


Zur ‚inneren‘ Handlung: Wellen- und Schiffahrtsmetaphorik

Leonore Sanvitale (1. Akt):

Es bildet ein Talent sich in der Stille,

Sich ein Charakter in dem Strom der Welt. (304f.)

Tasso (2. Akt):

Doch ach! je mehr ich horchte, mehr und mehr

Versank ich vor mir selbst, ich fürchtete

Wie Echo an den Felsen zu verschwinden,

Ein Widerhall, ein Nichts mich zu verlieren.

[...]

Prinzessin: Begnüge dich aus einem kleinen Staate,

Der dich beschützt, dem wilden Lauf der Welt,

Wie von dem Ufer, ruhig zuzusehn. (797-800; 808-810,

vgl. Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer)


Tasso (2. Akt, über Antonio):

So unterscheiden sich die Erdengötter

Vor andern Menschen [...] Vieles lassen sie,

Wenn wir gewaltsam Wog auf Woge sehn,

Wie leichte Wellen unbemerkt vorüber

Vor ihren Füßen rauschen, hören nicht

Den Sturm, der uns umsaust und niederwirft (1071f., 1074-78)

Tasso (zu Antonio):

Und auf des Lebens leicht bewegter Woge

Bleibt dir ein stetes Herz. So seh ich dich. (1255f.)

Antonio (2. Akt, zu Tasso):

Du gehst mit vollen Segeln! Scheint es doch,

Du bist gewohnt zu siegen, überall (1298f.)


Tasso (5. Akt, Schluss):

Zerbrochen ist das Steuer und es kracht

Das Schiff an allen Seiten. Berstend reißt

Der Boden unter meinen Füßen auf!

Ich fasse dich mit beiden Armen an!

So klammert sich der Schiffer endlich noch

Am Felsen fest, an dem er scheitern sollte. (3448-3453)


Schiller an Goethe, 23. August 1794:

… Über so manches, worüber ich mit mir selbst nicht recht einig werden

konnte, hat die Anschauung Ihres Geistes (denn so muß ich den Totaleindruck

Ihrer Ideen auf mich nennen) ein unerwartetes Licht in mir

angesteckt. Mir fehlte das Object, der Körper, zu mehreren speculativischen

Ideen, und Sie brachten mich auf die Spur davon. Ihr beobachtender

Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht, setzt Sie nie in Gefahr, auf

den Abweg zu gerathen, in den sowohl die Speculation als die willkürliche

und bloß sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt. In

Ihrer richtigen Intuition liegt alles und weit vollständiger, was die Analysis

mühsam sucht, und nur weil es als ein Ganzes in Ihnen liegt, ist Ihnen Ihr

eigener Reichthum verborgen; denn leider wissen wir nur das, was wir

scheiden. Geister Ihrer Art wissen daher selten, wie weit sie gedrungen

sind, und wie wenig Ursache sie haben, von der Philosophie zu borgen, die

nur von ihnen lernen kann. … Sie suchen das Nothwendige der Natur …

Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das Einzelne Licht zu

bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen sie den

Erklärungsgrund für das Individuum auf.


Von der einfachen Organisation steigen Sie, Schritt vor Schritt, zu der

mehr verwickelten hinauf, um endlich die verwickeltste von allen, den

Menschen, genetisch aus den Materialien des ganzen Naturgebäudes zu

erbauen. Dadurch, daß Sie ihn der Natur gleichsam nacherschaffen,

suchen Sie in seine verborgene Technik einzudringen. Eine große und

wahrhaft heldenmäßige Idee, die zur Genüge zeigt, wie sehr Ihr Geist das

reiche Ganze seiner Vorstellungen in einer schönen Einheit

zusammenhält. … So ungefähr beurtheile ich den Gang Ihres Geistes,

und ob ich Recht habe, werden Sie selbst am besten wissen. Was Sie aber

schwerlich wissen können (weil das Genie sich immer selbst das größte

Geheimniß ist), ist die schöne Übereinstimmung Ihres philosophischen

Instinctes mit den reinsten Resultaten der speculirenden Vernunft. …

Aber ich bemerke, daß ich anstatt eines Briefes eine Abhandlung zu

schreiben im Begriff bin – verzeihen Sie es dem lebhaften Interesse,

womit dieser Gegenstand mich erfüllt hat; und sollten Sie Ihr Bild in

diesem Spiegel nicht erkennen, so bitte ich sehr, fliehen Sie ihn darum

nicht. …und ich verharre hochachtungsvoll

Ihr / gehorsamster Diener / Fr. Schiller.


Goethe an Schiller, 27. August 1794:

Zu meinem Geburtstage, der mir diese Woche erscheint, hätte mir kein

angenehmer Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie mit

freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz ziehen und mich

durch Ihre Theilnahme zu einem emsigern und lebhafteren Gebrauch

meiner Kräfte aufmuntern. Reiner Genuß und wahrer Nutzen kann nur

wechselseitig seyn, und ich freue mich, Ihnen gelegentlich zu entwickeln:

was mir Ihre Unterhaltung gewährt hat, wie ich von jenen

Tagen an auch eine Epoche rechne, und wie zufrieden ich bin, ohne

sonderliche Aufmunterung, auf meinem Wege fortgegangen zu seyn, da

es nun scheint als wenn wir, nach einem so unvermutheten Begegnen,

mit einander fortwandern müßten. Ich habe den redlichen und so seltenen

Ernst der in allem erscheint was Sie geschrieben und gethan haben,

immer zu schätzen gewußt, und ich darf nunmehr Anspruch machen,

durch Sie selbst mit dem Gange Ihres Geistes, besonders in den letzten

Jahren, bekannt zu werden. Haben wir uns wechselseitig die Punkte klar

gemacht, wohin wir gegenwärtig gelangt sind, so werden wir desto

ununterbrochner gemeinschaftlich arbeiten können.


Alles was an und in mir ist werde ich mit Freuden mittheilen. Denn da

ich sehr lebhaft fühle, daß mein Unternehmen das Maß der menschlichen

Kräfte und ihre irdische Dauer weit übersteigt, so möchte ich manches

bei Ihnen deponiren und dadurch nicht allein erhalten, sondern auch

beleben.

Wie groß der Vortheil Ihrer Theilnehmung für mich seyn wird, werden

Sie bald selbst sehen, wenn Sie, bei näherer Bekanntschaft, eine Art

Dunkelheit und Zaudern bei mir entdecken werden, über die ich nicht

Herr werden kann, wenn ich mich ihrer gleich deutlich bewußt bin. Doch

dergleichen Phänomene finden sich mehr in unsrer Natur, von der wir

uns denn doch gerne regieren lassen, wenn sie nur nicht gar zu

tyrannisch ist.

Ich hoffe bald einige Zeit bei Ihnen zuzubringen, und dann wollen wir

manches durchsprechen. …

Leben Sie recht wohl und gedenken mein in Ihrem Kreise.

Goethe.

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