Full paper - Institut für Automatisierungs- und Softwaretechnik ...

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Einsatz mobiler Endgeräte zur Konfiguration und

Steuerung von automatisierten Geräten

Dipl.-Ing. A. Friedrich, Universität Stuttgart;

Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. P. Göhner, Universität Stuttgart

Kurzfassung

Die Automatisierungstechnik ist ständig im Wandel. Die Komplexität von

Automatisierungssystemen wird größer, neue Anforderungen an Mobilität, Aktualität,

Sicherheit etc. kommen laufend dazu. Um diese Anforderungen bewältigen zu können, ist

der Einsatz neuer Methoden, Verfahren und Technologien unumgänglich.

In der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) existieren bereits eine Vielzahl

von Lösungen und Verfahren, die auf die Automatisierungstechnik portiert werden können.

Dieser Beitrag geht insbesondere auf den Einsatz mobiler Endgeräte, wie Smartphones und

Tablets, als universelle Bediengeräte in der Automatisierungstechnik ein.

Das Ziel ist es, die Anforderungen an die Automatisierungstechnik mit den Potenzialen

existierender mobiler Endgeräte zu vereinen. Dabei wird zuerst auf die technischen

Möglichkeiten der Endgeräte eingegangen, was besonders die Hardwarefunktionalitäten

betrifft. Anschließend werden diese Möglichkeiten auf aktuelle Problemstellungen transferiert

und entsprechende Lösungsansätze vorgestellt. Ein selbst entwickeltes Diagnose-Verfahren,

welches von einem Smartphone aus einen Diagnosevorgang eines Haushaltsgeräts

ausführt, wird dabei ausführlicher vorgestellt.

Abstract

Automation technology is constantly changing. The complexity of automation systems is

increasing, new demands for mobility, actuality, security, etc. are continually being added. To

manage these demands, the use of new methods, processes and technologies is essential.

In “information and communication technology” there already exist a variety of solutions and

procedures that can be employed in the automation technology. This article focuses on the

use of mobile devices like smart phones and tablet PCs, as universal control device in

automation technology.


The goal is to combine the requirements of automation technology with the potentials of

existing mobile devices. The article first describes the technical capabilities of the mobile

devices, specifically regarding their hardware functionalities. Afterwards, the investigated

capabilities will be evaluated against the existing issues in the field of automation technology.

For better understanding, a self-developed diagnostic method, which runs on a mobile device

and can diagnose a home appliance, is presented here as a detailed example.

1. Einleitung und Motivation

Die fortschreitende Dezentralisierung von automatisierten Systemen, der Bedarf an

ortsunabhängiger Einflussnahme auf Prozessabläufe sowie flexible Steuerungs- und

Kontrollmechanismen sind aktuelle Herausforderungen in der Automatisierungstechnik. Die

Mobilität nimmt in der Automatisierungstechnik einen immer höheren Stellenwert ein, was

sowohl den Produkt- als auch den Anlagenautomatisierungsbereich betrifft. Der Einsatz

mobiler Endgeräte vereinfacht Abläufe und bietet zusätzliche Vorteile. So können

beispielsweise durch den Einsatz mobiler Endgeräte Informationen von jedem Ort aus

abgerufen werden und durch die bidirektionale Kommunikationsmöglichkeit innerhalb

weniger Sekunden auf Ereignisse reagiert werden. Aus dem Bereich der Informations- und

Kommunikationstechnologie (IKT) gibt es eine Vielzahl an Lösungsansätzen, die die oben

genannten Anforderungen abdecken und auf die Automatisierungstechnik übertragen

werden können. Das Smartphone ist ein Vorzeigebeispiel: Im Jahr 2011 waren bereits 43%

der in Deutschland verkauften Mobiltelefone Smartphones [1]. Wieso soll ein teurer

Entwicklungsprozess für mobile Endgeräte in der Automatisierungstechnik gestartet werden,

wenn Geräte mit passender Hardware bereits auf dem Massenmarkt zu günstigen Preisen

verfügbar sind? Beispielsweise musste eine Firma, die Produkte zur Überwachung von

Gebäuden und Produktionsanlagen vertreibt, bisher immer sowohl die Kamera als auch ein

entsprechendes Bediengerät verkaufen, das aus einem Bildschirm und ein paar Tasten zur

Steuerung bestand. Deutlich einfacher und günstiger ist die Lösung, dass statt der

Herstellung eines kompletten Bediengeräts nur eine Software für ein Smartphone entwickelt

wird, die die Anzeigefunktionalität des Kamerabilds sowie berührungsempfindliche

Bedienelemente zur Steuerung der Kamera besitzt. Die Hardware aktueller Smartphones,

wie auch der aktueller Tablets, erfüllt nahezu sämtliche funktionale Anforderungen an

moderne Bediengeräte zur Konfiguration und Steuerung automatisierter Systeme von Haus

aus. Auf diese technischen Möglichkeiten geht der folgende Abschnitt genauer ein.


2. Bestandsaufnahme: Aktuelle mobile Endgeräte

Aktuelle Smartphones sind nicht mehr mit Mobiltelefonen von vor 5 Jahren zu vergleichen.

Während zu dieser Zeit das Mobiltelefon noch fast ausschließlich zum Telefonieren und ggf.

zum Versenden von Kurznachrichten verwendet wurde, entwickelt sich das moderne

Mobiltelefon immer mehr zum Alleskönner, bei dem das Telefonieren nur noch eine

Nebenrolle einnimmt. Die Prozessoren heutiger Smartphones haben oft 4 Prozessorkerne

mit Taktgeschwindigkeiten von teilweise über 1GHz integriert, wie diese bisher allein in

großen Computersystemen vorkamen. Damit können aufwendige Rechenprozesse direkt auf

dem Mobiltelefon durchgeführt werden. Selbst wenn der Rechenbedarf die lokalen

Kapazitäten übersteigt, wie bei komplizierten Spracherkennungsalgorithmen oder

Videorenderings, existiert ein Lösungsansatz: Solche Prozesse werden über das 2009 vom

National Institute of Standards and Technology definierte „Cloud Computing“-Prinzip an

verteilte Server ausgelagert und dort abgearbeitet. Durch die ständige Verfügbarkeit des

Internets auf Smartphones lassen sich Tätigkeiten einfach und schnell auslagern und

externe Ressourcen gemeinsam nutzen.

Sobald die Größe des Displays von Smartphones nicht mehr ausreicht, sind Tablets (siehe

Abbildung 1) eine sinnvolle Alternative: Diese besitzen zu den o.g. Mobiltelefonen nahezu

identische Betriebssysteme und können dieselben Vorteile aufweisen: Sie sind durch ihr sehr

niedriges Gewicht handlich, besitzen ein großes Display mit Touch-Bedienfunktionalität, eine

leistungsfähige Hardware und können flexibel durch mobile Anwendungen, sog. „Apps“,

ergänzt werden.

Sowohl Smartphones als auch Tablets bringen eine ausreichende Anzahl an

Kommunikationsschnittstellen mit sich: Nahezu alle verfügbaren Modelle besitzen neben den

Funkschnittstellen zum Netzbetreiber auch WLAN-, Bluetooth- und USB-Schnittstellen zum

Datenaustausch. Immer stärker verbreitet sind Smartphones mit NFC-Chip. „NFC“ steht für

„Near Field Communication“ und ist ein Standard zum kontaktlosen Datenaustausch über

kurze Entfernungen im Bereich von weniger als 10cm. Dadurch können Objekte leicht

identifiziert werden und kurze Datenblöcke, wie einzelne Sensorwerte oder die

Transaktionsdaten eines Bezahlvorgangs, ausgetauscht werden. Dieser Aspekt ist

besonders interessant für die Automatisierungstechnik, da hier komplizierte

Identifizierungsvorgänge bzw. manuelle Tätigkeiten zur Verbindungsherstellung automatisiert

werden können.


Bild 1: Smartphone und Tablet [Quelle: Samsung]

Mobile Endgeräte aus der Informations- und Kommunikationstechnologie bieten eine

umfangreiche, flexible und kostengünstige Plattform für Bediengeräte in der

Automatisierungstechnik. Wie diese eingesetzt werden können, ist im folgenden Abschnitt

beschrieben.

3. Herausforderung: Wie können Abläufe in der Automatisierungstechnik durch den

Einsatz mobiler Geräte verbessert bzw. optimiert werden?

Automatisierungssysteme werden immer komplexer. Die Zunahme der Komplexität geht

daher häufig zu Lasten der Bedienung. In [2] wird empfohlen, Interaktionstechniken aus dem

Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie zu transferieren, um die

Bedienungskomplexität zu reduzieren. In einem Verbund von Automatisierungsanlagen sind

meist mehrere Hersteller mit proprietären Benutzungsschnittstellen bzw. Bediengeräten im

Einsatz. Dies macht es für das Bedienpersonal umso schwieriger, sämtliche Systeme

zuverlässig bedienen zu können. Eine Lösungsmöglichkeit zielt in die Richtung, nur noch ein

Bediengerät für sämtliche Systeme zu verwenden: Ein kurzes Abscannen eines DataMatrix-

Codes (ähnlich dem Barcode aufgebauter optisch einlesbarer Code mit erhöhter

Datenkapazität) oder ein kurzes Berühren eines NFC-Tags mit dem Bediengerät identifiziert

das Automatisierungsgerät und zeigt die passende Benutzungsoberfläche auf dem mobilen

Bediengerät eines Smartphones oder Tablets an. Dieses Bediengerät ist einer Person

zugeordnet und wird von dieser stets bei sich getragen. Dadurch können auch persönliche

Daten hinterlegt werden, wie spezielle Anzeigeoptionen oder individuelle Assistenzsysteme.

Diese unterstützenden Funktionen vereinfachen die Bedienkomplexität erheblich und


eduzieren dadurch auch die Quote der Bedienfehler. Smartphones oder Tablets bieten die

Hardwaregrundlage für solche Bediengeräte.

Mobilität nimmt in der heutigen Gesellschaft eine immer größer werdende Rolle ein. In [3]

wird ein Szenario präsentiert, in dem eine „Mobility-App“ dafür sorgt, dass sich Menschen

sicher und schnell durch Städte bewegen können. Sämtliche Verkehrsflüsse auf den Straßen

sowie die Verspätungen von öffentlichen Verkehrsmitteln werden erfasst und zentral

verwaltet. Dadurch kann mit einem Smartphone der zeitlich kürzeste Weg vom aktuellen Ort

zum gewünschten Ort berechnet werden. Aber auch im industriellen Umfeld steigt die

Bedeutung der Mobilität: Unerwünschte Zustände in Automatisierungsanlagen sollen

beispielsweise nicht nur lokal in Form von optischen oder akustischen Warnmeldung

erkennbar sein, sondern direkt an das entsprechende Bedienpersonal übermittelt werden,

unabhängig an welchem Ort sich dieses gerade befindet. Über den Versand von

Kurzmitteilungen oder E-Mails ist dies bisher auch technisch möglich. Doch in diesem Fall ist

es nicht möglich, sofort in den Prozess einzugreifen. Ein Szenario, das Ereignisse den

gewünschten Personen mobil und zeitnah zur Verfügung stellt, könnte folgendermaßen

aussehen: Eine entsprechende Anwendung auf einem Smartphone geht auf, zeigt die

entsprechende Warnmeldung mit Live-Kamera-Bild an. Darunter sind vier Schaltflächen zur

Interaktion mit der Automatisierungsanlage dargestellt, über die das weitere Vorgehen der

Anlage rückgemeldet werden kann.

Auch ohne Warnmeldung oder spezielle Ereignisse können durch den Einsatz mobiler

Endgeräte jederzeit Daten einzelner Systeme abgerufen werden, unabhängig davon, ob man

sich gerade in der Nähe des Systems aufhält oder gar in einer anderen Stadt.

Bedienpersonal muss so also nicht mehr zwingend rund um die Uhr vor Ort sein.

In der Automatisierungstechnik spielt auch die Aktualität bzw. die zeitnahe Übermittlung von

Informationen eine wichtige Rolle. Durch die permanente Netzwerkanbindung haben

Automatisierungssysteme heute die Möglichkeit, jederzeit mit anderen Netzwerkknoten zu

kommunizieren und Daten auszutauschen. Dabei können tagesaktuelle Daten vom

Hersteller abgerufen werden, wie auch für den aktuellen Anwendungsfall benötigte

Prozessparameter. Selbst wenn das Automatisierungssystem keine Verbindung ins Internet

hat, wie dies z.B. heute bei einfachen Haushaltsgeräten noch der Fall ist, können mobile

Endgeräte diese Funktion übernehmen: Das Smartphone baut eine Verbindung zum Internet

auf und leitet die Verbindung ins Netz an das Haushaltsgerät über eine Schnittstelle wie

Bluetooth, NFC oder USB weiter. Während es aktuell sehr aufwendig ist, die Software eines


Haushaltsgeräts zu aktualisieren, bieten sich mit dem Smartphone neue Möglichkeiten: Die

aktuelle vom Hersteller bereitgestellte Firmware für eine Kaffeemaschine, verbessert im

Energieverbrauch und in der Effizienz, ist für 2,99 € im Online-Shop erhältlich. Die Software

wird auf das Smartphone heruntergeladen und kann dann direkt auf den Kaffeeautomat

übertragen werden. Die Kommunikationswege dafür sind schematisch in Abbildung 2

skizziert. Während bisher der Anwender ausschließlich direkt mit dem

Automatisierungssystem kommuniziert hat, erfolgt nun auch ein gewisser Anteil über das

mobile Endgerät.

Bild 2: Erweiterung von Automatisierungssystemen um mobile Endgeräte

Drei der wichtigsten aktuellen Herausforderungen der Automatisierungstechnik kann man

zusammenfassend mit den Begriffen „Mobilität“, „Unterstützung“ und „Aktualität“

beschreiben. Diese drei Punkte decken sich zu großen Anteilen mit den Potenzialen

aktueller im Handel erhältlicher mobiler Endgeräte (siehe Abbildung 3). Der Beitrag

beschreibt aufgrund der Länge nur einen Bruchteil der Möglichkeiten, die durch den Einsatz

von IKT-Verfahren und -Technologien entstehen.


Daten & Parameter

überall abrufbar

Assistenzsysteme

Zeitnahe

Einflussnahme

auf den

Prozessablauf

Mobilität

Unterstützung

Funktionen, die

das Bedienpersonal

unterstützen

Mobile

Benachrichtigung

zu jeder Zeit mit

Interaktionsmöglichkeit

Aktualität

Erhalt

zeitaktueller

Informationen

Verknüpfung mit

tagesaktuellen

Informationen

aus der Cloud

Bequemes Update

verschiedener

Systembestandteile

Bild 3: Potenziale mobiler Endgeräte in der Automatisierungstechnik

Ein Szenario soll in diesem Beitrag jedoch ausführlicher beschrieben werden: Besonders

spannend sind neue Diagnose-Verfahren, die auf den Einsatz mobiler Endgeräte aufbauen.

Viele Haushaltsgeräte werden heute entsorgt, obwohl eine Reparatur relativ einfach möglich

wäre. Wer sein Haushaltsgerät nicht auf den Schrottplatz bringt, sondern eine Reparatur

durchführen lassen möchte, muss viel Zeit und Kosten investieren. Zuerst müssen die

Hersteller-Unterlagen gefunden werden, um eine Kontaktmöglichkeit zur Kundenservice-

Abteilung herauszufinden. Dann werden Minuten in der Warteschlange des Callcenters

verbracht, bis man einem freundlichen Servicemitarbeiter sein Problem schildern kann. Der

schickt einen lokalen Techniker ins Haus, um sich die Waschmaschine anzusehen. Wenn er

das Problem lokalisiert hat, fehlt möglicherweise ein Ersatzteil, welches erst bestellt werden

muss. Der Techniker ordert das passende Ersatzteil bei einem Zwischenhändler. Eine

Woche später kommt der nächste Techniker, der das Ersatzteil dann einbaut und die

Waschmaschine wieder zum Laufen bringt. Dieser Prozess hat wahrscheinlich 4 Wochen

gedauert und Kosten sowohl für den Hersteller als auch besonders für den Kunden

verursacht.


Bild 4: Smartphone-Diagnose einer Waschmaschine

Ein am Institut für Automatisierungs- und Softwaretechnik der Universität Stuttgart aktuell

entwickeltes Diagnosekonzept soll den Ablauf vereinfachen und die Kosten für den

Diagnoseprozess stark reduzieren. Dazu werden die oben beschriebenen Technologien

genutzt. Die Waschmaschine ist mit einem NFC-Tag an der Gehäuseaußenseite versehen,

wie dies in Abbildung 4 dargestellt ist. Sobald ein Mobiltelefon in die Nähe des Tags bewegt

wird, registriert das Mobiltelefon den Tag und öffnet automatisch den Online-Shop, in dem

man sich die mobile Diagnose-Anwendung für diese Waschmaschine kaufen kann.

Zusätzlich sind im NFC-Tag Informationen zum verwendeten Modell und

Versionsinformationen hinterlegt, sowie Details zur Verbindungsherstellung. Dadurch kann

das Smartphone direkt eine Verbindung mit der Waschmaschine aufbauen und den

Fehlerspeicher auslesen. Weitere Informationen zur Waschmaschine werden direkt über das

Internet auf das Mobiltelefon übertragen. Die Diagnose-Anwendung hat nun Zugriff auf

sämtliche Sensoren und Aktoren des Haushaltsgeräts. Der Benutzer hat mehrere

Möglichkeiten zur Auswahl, die übersichtlich auf dem Display des Smartphones angezeigt

werden:

1. Ein oder mehrere evtl. bereits vom Haushaltsgerät ermittelte Probleme werden

angezeigt und können zur weiteren Bearbeitung ausgewählt werden.

2. Ist das Problem noch nicht aufgeführt, kann der Benutzer eine Fehlfunktion aus einer

endgerätespezifischen Liste wählen (tagesaktuell, da diese direkt über das Internet

geladen wird).


3. Alternativ kann der Benutzer einen Selbst-Check vom Mobiltelefon aus in Gang

setzen, falls bisher noch keine Fehlerauswirkung sichtbar ist, beispielsweise zur

Vorsorge. Ein mögliches irreguläres Verhalten kann auf diese Weise unter

Umständen erkannt werden.

Wird ein existierendes Problem erkannt, werden je nach Fehlerklasse verschiedene

Lösungsmöglichkeiten angeboten:

1. Versuch zur selbstständigen Problembehebung durch die Diagnosesoftware. Die

Software versucht hierbei durch sinnvollen Einsatz der Aktoren das Problem selbst zu

lösen. Das kann beispielsweise ein Spülvorgang oder wechselseitiges Rotieren eines

Motors sein.

2. Detaillierte Hinweise zur Behebung des Problems durch den Benutzer. Diese

Möglichkeit wird dann angeboten, wenn Eingriffe des Benutzers nötig sind: So kann

es beispielsweise nötig sein, dass der Benutzer eine Klappe öffnet, ein Bauteil

entnimmt und dieses manuell reinigt. Die Schritte zum Aus- und Einbau werden

detailliert beschrieben.

3. Möglichkeit zum direkten Kauf eines Ersatzteils und eigenständigen Einbau durch

den Benutzer: Sollte ein Bauteildefekt aufgetreten sein, kann die Software direkt ein

entsprechendes Ersatzteil bestellen. Der Nutzer bekommt dieses mit einer

detaillierten Einbauanleitung zugesandt und kann so die Fehlfunktion selbst

beseitigen.

4. Detaillierte Meldung an einen Service-Techniker inkl. Fehlerbeschreibung: Ist das

Problem für einen Laien nur schwer zu beheben bzw. möchte der Benutzer nicht

selbst den Reparaturvorgang durchführen, werden alle nötigen Informationen an

einen lokalen Techniker übermittelt. Dieser kann gleich mit evtl. benötigten

Ersatzteilen vorbeikommen und das Problem zeitnah lösen.

5. Aussage über Unwirtschaftlichkeit einer Reparatur: Wird ein Defekt eines teuren

Bauteils festgestellt oder gar der Austausch mehrerer großer Komponenten

notwendig sein, kann eine Meldung über die Unwirtschaftlichkeit einer Reparatur

ausgeben werden. Diese muss gut mit Fakten begründet sein, um sie dem Kunden

glaubwürdig zu vermitteln.


4. Bewertung der Ergebnisse

Durch den Einsatz mobiler Endgeräte in der Automatisierungstechnik bieten sich viele neue

Möglichkeiten, die Prozesse vereinfachen, verschlanken und beschleunigen. Dem

Bedienpersonal bzw. Benutzer werden verschiedene Assistenzsysteme an die Hand

gegeben, als auch eine mobile, adaptive Benutzungsschnittstelle.

Demgegenüber treten neue Gefahren und Problemfelder auf. Die gewonnene Mobilität kann

nur dadurch erreicht werden, dass immer mehr drahtgebundene Schnittstellen zu drahtlosen

Schnittstellen umgerüstet werden. Durch die Funkübertragung wird es Angreifern deutlich

einfacher gemacht, entsprechende Daten abzugreifen, zu manipulieren bzw. eigene Daten

einzuschleusen. So haben Forscher bereits in [5] gezeigt, dass mithilfe eines Smartphones

in sicherheitskritische Module eines Kraftfahrzeugs eingegriffen werden kann. So kann der

Motor ausgeschaltet werden, die Bremse betätigt oder losgelassen werden – zunehmende

Funkstandards wie WLAN und Bluetooth bergen zusätzliches Angriffspotenzial.

Das Thema Security muss also in die Entwicklung mobiler Endgeräte über die gesamte

Zeitdauer mit einbezogen werden – der dafür nötige Arbeitsaufwand darf nicht unterschätzt

werden. Der Einsatz von Verschlüsselungstechnologien sowie zusätzlichen

Identifikationsmerkmalen, die sicherstellen, dass die Nachricht vom richtigen Absender

kommt, ist hier unumgänglich. Ein Beispiel ist hier der für die Industrie von Siemens

angepasste IWLAN-Standard [6]. Neben zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen wurden hier

auch die Aspekte Zuverlässigkeit und Robustheit im Vergleich zum konventionellen WLAN-

Standard erweitert. Innerhalb von Gebäuden oder dicht bebauten Geländen können solche

internen Funkstandards genutzt werden. Sobald die mobilen Endgeräte jedoch auch

außerhalb des Hauses bzw. außerhalb des Firmengeländes funktionieren sollen, muss auf

die Netze der Netzbetreiber umgeschaltet werden. Dieser zusätzliche Mobilitätsgewinn muss

mit erhöhten Sicherheitsmechanismen erkauft werden, doch erhält man als Gegenleistung

eine nahezu weltweite Mobilität. Das sollte der Aufwand wert sein.

5. Zusammenfassung und Ausblick

Trotz der Gefahren, die die mobile Technik mit sich bringt, sollte man sich der Technik nicht

verschließen. Wenn die möglichen Angriffspunkte und Schwachstellen von Beginn an in die

Überlegungen mit einbezogen werden, sind diese auch größtenteils in den Griff zu

bekommen. Der Preis ist eine flexible, mobile und zeitaktuelle Form der Mensch-Maschine-

Schnittstelle. In einer alternden Gesellschaft, in der das Gleichgewicht zwischen Jung und Alt

immer mehr divergiert, wird die neue Technik viele Impulse setzen. Mobilitätsassistenten, die


eine Person sicher von A nach B bringen oder ein Kreislaufkontrollsystem, welches

Unregelmäßigkeiten oder einen Sturz im Haus detektiert und sofort entsprechende

Maßnahmen einleitet – das sind Automatisierungssysteme von morgen. Mobile Endgeräte

werden in dieser Hinsicht unser Leben verändern – im privaten als auch im beruflichen

Umfeld. Durch standardisierte Hardwarekomponenten im Bereich der Mensch-Maschine-

Schnittstelle wird der Fokus immer mehr auf der Software liegen.

In den kommenden Jahren werden die mobilen Netze weltweit ausgebaut. Dadurch sind

Übertragungen noch störungsfreier und mit deutlich höheren Bitraten möglich. Spätestens

dann haben Funknetze die Möglichkeiten heutiger drahtgebundener Netze erreicht.

Verbesserungen in Spracherkennung und Sprachsynthese ermöglichen eine immer besser

funktionierende multimodale Interaktion zwischen Benutzer und Automatisierungssystem. Mit

einem ausgereiften Sicherheitskonzept entsteht ein Paket, welches Ingenieuren und

Entwicklern bisher ungeahnte Möglichkeiten in der Automatisierungstechnik bietet.

Mobile Endgeräte ermöglichen es uns, von überall auf unsere Daten zuzugreifen und

Abläufe verändern zu können. Irgendwann stellt sich die Frage, ob wir das auch wirklich

immer wollen. In diesem Fall müssen wir unser Smartphone dann auch einmal ausschalten.

[1] BITKOM, http://www.bitkom.org/de/presse/8477_70921.aspx, abgerufen am

12.02.2012

[2] Gerrit Meixner, “Mobile Interaktionstechniken in der Fabrik der Zukunft”, atp edition

12/2011, S. 48

[3] Hans Schürmann, “Flexibel durch die Großstadt”, Pictures of the Future 2011, S. 22-24

[4] Evelyn Runge, “Smarte Lösungen”, Pictures of the Future 2011, S. 25-27

[5] Helmut Martin-Jung, “Vollbremsung per Handy”, Süddeutsche Zeitung vom

24.10.2011, S. 38

[6] Broschüre „Industrial Wireless Communication“, Siemens AG, September 2009

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