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01 | März – Mai 2013

Mode wird sauber

Große Erfolge in der Detox-Kampagne

Summ mir das Lied vom Tod

Umweltgifte führen zu massivem Bienensterben

kampfzone Wald

Industrielle Interessen gefährden die letzten Wälder. Während im Amazonas der Kahlschlag

voranschreitet, ist für den indonesischen Regenwald ein Ende der Abholzung in Sicht.


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser!

Viele Jahre beherrschten Kettensägen und Bulldozer den indonesischen

Regenwald. Abgeholzt wurde für Zellstoff für die Papierherstellung und Palmöl,

das als „pflanzliches Fett“ von unserer Lebensmittel- und Kosmetikindustrie

zahllosen Produkten beigemischt wird. Die billigen Rohstoffe haben einen

exorbitant hohen Preis: Zerstörung der Biodiversität, steigende CO 2 -Emissionen,

gefährdete Tiger- und Orang-Utan-Populationen und ruinierte Existenzgrundlagen

für die lokale Bevölkerung.

Dieses traurige Kapitel der Waldzerstörung geht seinem Ende zu: Einer der

größten indonesischen Waldzerstörer hat einen Rodungsstopp verkündet

(Seite 11)! Greenpeace hat für dieses Ziel viele Jahre gekämpft. Endlich den

nötigen Erfolg zu erzielen gibt uns die Kraft, weiter so entschlossen gegen nur

scheinbar übermächtige Gegner vorzugehen. Wie im Amazonas – einem

weiteren Brennpunkt der globalen Waldzerstörung. Unser Autor Martin

Frimmel berichtet ab Seite 8 von den Bedrohungen, die der Wald und jene,

die ihn zu schützen versuchen, ausgesetzt sind.

Während die Waldvernichtung zu den sichtbaren globalen Umweltproblemen

zählt, kommen andere auf vergleichsweise leisen Sohlen daher – ihre Auswirkungen

sind dennoch gigantisch. Seit den 1990er-Jahren wird ein Bienensterben

beobachtet, das mittlerweile riesige Ausmaße angenommen hat. Die

Ursachen und Lösungen sind bekannt, nun muss schleunigst etwas unternommen

werden. Denn wir sind auf Bienen und andere bestäubende Insekten für die

Sicherung unserer Nahrungsmittelproduktion angewiesen (Seite 20). Greenpeace

startet diesen Frühling seine europaweite Bienen-Kampagne. Je mehr

Menschen wie Sie uns dabei unterstützen, desto schneller werden wir erfolgreich

sein – hier, im Amazonas und an allen anderen Schauplätzen der weltweiten

Umweltzerstörung!

Mit herzlichen Grüßen

IMPRESSUM

Birgit Bermann, Chefredakteurin

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber: Greenpeace in Zentral- und Osteuropa, Fernkorn -

gasse 10, 1100 Wien; Tel. 01/545 45 80, www.greenpeace.at Spendenkonto: Erste Bank: 822 212 198 00,

BLZ: 20111, www.greenpeace.at/spenden Redaktion: Birgit Bermann (Chefredaktion), Florian Bolka, Martin

Frimmel, Christine Gebeneter, Jasmin Karer, Julia Kerschbaumsteiner, Marcelline Langer, Lisa Ressl, Gundi Schachl,

Claudia Sprinz, Petra Taylor, Jurrien Westerhof E-Mail: act@greenpeace.at Bildredaktion: Georg Mayer

Artdirektion: Karin Dreher Fotos: Greenpeace, istock.com Lektorat: Johannes Payer

Druck: Niederösterreichisches Pressehaus

erscheint viermal jährlich auf 100-%-Recyclingpapier. Ab einer Jahresspende von € 40 wird Ihnen

gratis zugesandt. Die nächste Ausgabe erscheint im Juni 2013.

Zur besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet. Entsprechende

Bezeichnungen gelten ausdrücklich für beide Geschlechter.

Fotos: Cover: © Daniel Beltrá/GP, Inhalt: © Marizilda Cruppe /GP, © Lance Lee/GP, © Markus Hammer, © GP/Benita Marcussen

08

06

04 In Aktion 06 Saubere Mode liegt im Trend 08 Bis zum

letzten Baum 11 Der Tiger bekommt eine Chance 12 Chips

im Check 14 Zukunft sichern 15 Mythos billige Atomkraft

16 Grüne Steckdosen 18 Im Gespräch mit Prof. Hermann

Knoflacher 19 Kommentar: Fortschritt oder Armutszeugnis?

20 Das Sterben der Bienen 22 Schwarmintelligenz

20 22

Inhalt


ÖSTERREICH: VW „Blue Motion“ –

nur Schein statt Sein

„Die Nummer 1 in Sachen Klimaschutz“ – so stellt sich der VW-Konzern

gerne selbst dar. In Wirklichkeit hinterlässt VW den weltweit

größten CO 2-Fußabdruck in seiner Branche. Im Jänner 2013 nutzten

Österreichs Aktivisten die Wiener Automesse, um gegen die

klimaschädliche Ausführung der neuen VW-Modelle anzukämpfen.

Unter dem Motto „Alle reden vom Klima – VW zerstört es“ wurden

die Messebesucher mit Flugblättern und schwarzen Luftballons

informiert. Das neue Golf-Modell liegt mit 4,9 Litern Verbrauch weit

entfernt vom versprochenen

und längst machbaren

3-Liter-Auto.

VW täuscht mit falschen

Werbeversprechen bewusst

die Öffentlichkeit. Greenpeace

fordert von VW

konkrete Umweltziele für

die Konzernstrategie 2018

und eine sofortige Umsetzung

der „Blue Motion“-

Technologien für alle

VW-Modelle ohne Mehrkosten

für den Kunden.

PAZIFIK: Tunfisch-

Plünderei im großen Stil

Gefährdete Fischpopulationen in den

pazifischen Meeren schrumpfen gewaltig.

Regierungen versagen kläglich

beim Schutz bedrohter Gebiete.

Durch das Wachstum der industriellen

Fischerei und den Einsatz von umweltschädlichen

Fangmethoden sinken die

Tunfischbestände weiter. Im Vorfeld

des Treffens der Regierungen der

WCPFC (Western and Central Pacific

Fisheries Commission) protestierten

Greenpeace-Aktivisten vor der koreanischen

Botschaft. Mit Tunfischkostümen

bekleidet, riefen die Aktivisten

die Länder zum Schutz aussterbender

Tunfischarten auf und forderten Meeresschutzgebiete

für die vier Hochseegebiete

„Pacific Commons“ mit klaren

Fangverboten. Beim Treffen im Dezember

2012 kam dann die folgenschwere

Entscheidung: Big Player

dürfen ihre großangelegten Plündereien

und Überfischungen zulasten der

Meere weiter betreiben. Ein Desaster

für den Pazifik – eine Herausforderung

für Greenpeace, weiter zu kämpfen!

INDONESIEN:

Citarum-Fluss, die

schwarze Brühe

Der Fluss Citarum war eine der

Lebensadern von West-Java in Indonesien,

doch wo früher Menschen

badeten und ihre Kleidung wuschen,

fließt heute die reinste Mülldeponie

flussabwärts. Ein Greenpeace-Report

verdeutlicht die Folgen der jahrelangen

Verschmutzung: In Proben wurden

gesundheitsgefährdende,

schwer abbaubare Chemikalien

gefunden. Häufig sind diese die Ursache

für schwere Krankheiten, unter

denen die lokale Bevölkerung

leidet. Greenpeace-Aktivisten protestierten

dagegen, marschierten vor

dem Perjuangan Rakyat Monument

in Bandung auf und inszenierten

eine öffentlichkeitswirksame Schein-

Wahldebatte. Mit der Aktion wurde

die indonesische Regierung zum

sofortigen Handeln aufgefordert, um

den Citarum und andere Flüsse zu

schützen. „Was und wer vergiftet

meinen Citarum?“, möchte ein Aktivist

stellvertretend für viele wissen.

ARKTIS: Ewiger Kampf ums Eis

Die Eisschmelze in der Arktis schreitet unaufhörlich voran, zusätzlich

gefährden hochriskante Ölbohrungen der Firma Shell in Alaska die

Region. Um dagegen zu protestieren, nahmen Aktivisten aus ganz

Europa Ende Jänner eine Shell-Tankstelle nahe dem Weltwirtschaftsforum

in Davos ein. Angekettet und als Eisbären verkleidet, plat -

zierten sie drei Tonnen Schnee vor der Tankstelle. Darüber prangte

ein Banner mit der Aufschrift „Arktisches Öl – zu riskant“. Im

Frühjahr stehen weitere Höhepunkte unserer Arktis-Kampagne

bevor. Greenpeace startet im April 2013 eine fünftägige Expedition

zum Nordpol, um eine unzerstörbare Zeitkapsel auf dem Meeresgrund

zu versenken. Sie wird viele

Jahrzehnte überdauern und trägt in

sich die Namen von über zweieinhalb

Millionen Menschen, die unsere

Arktis-Petition auf www.savethearctic.

org unterschrieben haben. An dieser

Stelle wird auch die Flagge der

Zukunft platziert, die den Anspruch

der gesamten Menschheit auf eine

intakte Arktis symbolisieren soll.

Fotos: © Georg Mayer/GP, © Yudhi Mahatma/GP, © Pat Roque/GP, © GP/Ex-Press/Flurin Bertschinger

Fotos: © Nick Cobbing/GP, © Pedro Armestre/GP, © Bente Stachowske/GP, © Bente Stachowske/GP

ATOM: Schluss mit

MOX-Transporten

Greenpeace fordert das Ende der

viel zu gefährlichen Transporte von

tödlichen MOX-Brennstäben. Der

Atomfrachter „Atlantic Osprey“

hatte vergangenen Herbst acht

hochgiftige, plutoniumhaltige

Mischoxid-Brennelemente (MOX)

zur Lieferung von Großbritannien

an das Atomkraftwerk Grohnde in

Deutschland an Bord. Mit Schlauchbooten

setzten sich deutsche

Greenpeace-Aktivisten gegen diesen

Transport ein und riefen den

niedersächsischen Ministerpräsidenten

David McAllister auf, den

Einsatz von MOX-Brennelementen

im Atomkraftwerk Grohnde zu

verhindern. Mit „McAllister: Plutonium

stoppen“ prangerten die

Aktivis ten den Politiker an. Greenpeace

kämpft weiter für das sofortige

Verbot von MOX-Transporten.

SPANIEN: „Prestige“

bleibt unvergessen

Im November 2002 kam es zum

verheerenden Ölunglück des

Frachters „Prestige“ an der Nordküste

Spaniens. Das Desaster und

seine Spätfolgen sind in einem

Greenpeace-Report beschrieben:

40.000 Tonnen Öl verseuchten

das Meer, 250.000 Seevögel verendeten

qualvoll, 800 Strände

wurden verschmutzt, und weitere

25.000 Tonnen Öl werden

immer noch im Wrack vermutet.

Zum 10. Jahrestag protestierten

Greenpeace-Aktivisten im

Schlauchboot vor dem veralteten

Öltanker „Searacer“ mit dem

Banner „Eine neue Prestige ist

möglich“. Verantwortlich für die

schreckliche Katastrophe ist die

Ölindustrie, Strafen gab es für sie

jedoch bis heute keine.

Greenpeace fordert ein umweltfreundliches

Energiemodell und

mehr Verantwortung seitens der

spanischen Regierung. Der Appell

ist klar: Lasst uns auf Erdöl verzichten,

denn eine Energierevolution

ist möglich!

WÄLDER: Aktion gegen die

Holzmaschinerie in Deutschland

In Aktion

Die urtümlichen Buchenwälder Deutschlands sind stark in

Bedrängnis. 160 Jahre alte Bäume sind die Hüter des Klimas und

wachen über die Heimat unzähliger Tier- und Pflanzenarten.

Dies schützt sie jedoch nicht vor den Kettensägen der

Waldarbeiter. Deutsche Greenpeace-Aktivisten nehmen das

nicht kampflos hin. Im Waldgebiet Spessart setzten sie sich für

die zum Einschlag bestimmten Bäume ein und stellten sich den

Kettensägen der Waldarbeiter in den Weg. „Stoppt die Säge!

Waldschutz jetzt!“ lautet die klare Ansage der Aktivisten.

4 act

act 5


Saubere Mode

liegt Im Trend

Fast zwei Jahre nach Beginn der Detox-Kampagne kann

eine saubere Bilanz gezogen werden: Viele große Textilkonzerne

wollen in Zukunft giftfrei produzieren. Der Umstieg der gesamten

Modebranche ist nicht mehr weit.

Von Claudia Sprinz

Detox-Reports

Ergebnis der Greenpeace-

Untersuchungen: viel Gift

in Markenkleidung.

Giftige Garne

Untersuchung von Damen-, Herren- und Kindertextilien

von 20 Modemarken (Armani, Benetton,

Blazek, C&A, Calvin Klein, Diesel, Esprit, GAP, H&M,

Jack Jones, Levi’s, Mango, M&S, Metersbonwe, Only,

Tommy Hilfiger, VANCL, Vero Moda, Victoria’s Secret

und Zara) in 29 Ländern. Ergebnis: Alle Modemarken

haben Produkte mit nachweisbaren NPE-Konzentrationen

verkauft, rund zwei Drittel der

untersuchten Textilien enthielten die Chemikalie

NPE (Nonylphenolethoxylate). Sie kann sich im

Abwasser in giftiges, langlebiges und hormonell

wirksames Nonylphenol umwandeln.

Der mexikanischen Kultur gilt Wasser als

heilig, trotzdem sind mehr als 70 Prozent der

Frischwasserreserven des mittelamerikanischen

Landes verschmutzt. Ein großer Verursacher

der miserablen Wasserqualität ist die

Textilindustrie – mit mehr als 500.000 Beschäftigten

die viertgrößte Branche des Landes.

Lavamex und Kaltex sind zwei der größten

Textilfabriken Mexikos und bedeutende

Zulieferer von Konzernen wie beispielsweise

Levi’s. Greenpeace hat bei einer Untersuchung

der Abwässer beider Fabriken eine Vielzahl

problematischer Chemikalien nachgewiesen.

Vom Gesetz kann sich die auf sauberes

Wasser angewiesene Bevölkerung allerdings

keinen Schutz erwarten: Die mexikanische

Textilindustrie ist nicht verpflichtet, die Öffentlichkeit

über die Freisetzung gefährlicher

Chemikalien zu informieren. „Wer Zugang zu

diesen Informationen haben will, muss einen

frustrierenden und komplizierten Behördenweg

über sich ergehen lassen. In der Zwischenzeit

sprudeln die Giftstoffe weiterhin

Tag und Nacht aus den Abwasserrohren in

die Flüsse“, sagt Pierre Terras, Chemieexperte

von Greenpeace in Mexiko. Von „unantastbaren

Unternehmen“ sprechen sogar schon

Abgeordnete im mexikanischen Parlament,

die eine Untersuchung über den San-Juan-

Fluss vorgeschlagen hatten – erfolglos.

Mexiko ist ein typisches Beispiel für ein

Schwellenland mit einer großen Textilindustrie

und sehr viel niedrigeren Umweltstandards

als in Europa. Aber Umweltverschmutzung

kennt keine Grenzen: Die durch industrielle

Abwässer in die Flüsse des globalen Südens

freigesetzten Chemikalien sind langlebig

und verteilen sich über den gesamten Erdball.

Sie können sogar im Blut arktischer Tiere

nachgewiesen werden. Greenpeace hat daher

bereits 2011 die Detox-Kampagne gestartet

(act 03/2011), um auf die Freisetzung gefährlicher

Chemikalien bei der Textilproduktion

aufmerksam zu machen und die Modebranche

zur Umstellung auf umwelt- und menschenverträgliche

Substanzen zu motivieren.

Fotos: © Olga Laris/GP, © Teresa Novotny/GP, © Ivan Castaneira/GP, © George Nikitin/GP

Toxic Thread: Under Wraps (Mexiko)

Im Abwasser von Lavamex fanden sich die

Chemikalien NPE, TMDD, Benzotriazole, Tributylphospat

(TBT) und Trichloranilin. Sie sind für

Wasserorganismen giftig. In den Proben von Kaltex

konnten TMDD, HMMM, Trichlorbenzol (TCB) sowie

die Phthalate DEHP und DiBP nachgewiesen

werden. Diese Substanzen sind giftig, die Phthalate

fortpflanzungsschädigend.

Putting Pollution on Parade (China)

Greenpeace-Mitarbeiter haben in den

Industriegebieten Binhai und Linjiang

Abwasserproben genommen.

Gefunden wurden: chlorierte Aniline (giftig für

Wasserlebewesen und den menschlichen Organismus;

einige Aniline sind krebserregend); Perfluoroktansäure

(PFOA – hochgiftig und langlebig); TMDD;

Nitrobenzol und Chlornitrobenzole (bei Tieren

krebserregend, möglicherweise auch beim

Menschen); N-Alkylaniline (für Wasserorganismen

giftig); bromierte und chlorierte Aniline; bromierte

und chlorierte Benzole.

Webtipp: Alle Reports unter:

www.greenpeace.at/detox

Mexikos Flüsse sind stark verschmutzt,

70 Prozent der Wasserreserven

weisen eine miserable

Qualität auf. Verunreinigt wird das

Wasser vor allem durch Textilfabriken,

die große Konzerne beliefern.

Mexikanische Models (gr. B.) haben

genug und fordern im Namen der

Greenpeace-Kampagne saubere

Kleidung ein. Auch in Wien (kl. B. l.)

wurde vor einer Zara-Filiale gegen

Detox-Kleidung protestiert.

In mehreren Berichten (siehe Kasten) wurde

seitdem nachgewiesen, dass nicht nur bei der

Produktion gefährliche Chemikalien freigesetzt

werden, sondern auch die Textilien

selbst kontaminiert sind – und bei der ersten

Wäsche die heimischen Gewässer verunreinigen.

Die Kampagne entfachte den nötigen

Sturm der Entrüstung: Weltweite Proteste

von zehntausenden Greenpeace-Aktivisten

und Konsumenten zeigten Wirkung. 15 globale

Modekonzerne – von Puma, Nike und

Adidas über H&M, C&A und Marks & Spencer

bis hin zu Zara, Mango, Esprit, Benetton

Levi’s, Uniqlo, Li Ning, Victoria’s Secret und

zu guter Letzt G-Star – werden schrittweise

bis 2020 ihre Produktionskette von gefährlichen

Chemikalien säubern. Ein riesiger Erfolg!

Denn allein hinter dem bei uns eher unbekannten

Label Uniqlo verbirgt sich eine der

zehn erfolgreichsten Modemarken der Welt.

Mit seinem Mutterkonzern Fast Retailing

Group, der sich ebenfalls zur giftfreien Mode

bekannt hat, werden Textilien in über 2.000

Geschäften weltweit sauber.

Greenpeace kämpft für eine Modeindustrie,

die der Verunreinigung der globalen Wasserwege

durch giftige Chemikalien ein Ende

setzt. Immer mehr modebegeisterte Konsumenten

gelangen zur Überzeugung, dass die

Bekleidung, die wir tragen, nicht die Umwelt

zerstören und die Gesundheit der Menschen

in den Herstellerländern gefährden darf!

Greenpeace wird weiterhin hart daran arbeiten,

die gesamte Branche zu „entgiften“ – und

vielleicht gibt es schon diesen Modefrühling

saubere Neuigkeiten vom Laufsteg . n

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is zum

letzten

Paradies in Gefahr: Der Schutz des

Amazonas erfordert Mut und Entschlossenheit

von den Waldschützern. Der

dramatische Greenpeace-Einsatz inklusive

der „Rainbow Warrior“ (kl. B. u.) im

Hafen von São Luis richtet sich gegen die

Holzmafia und die zerstörende

Roheisen-Industrie. Paulo Adario (o.),

Amazonas-Kampagnenleiter von

Greenpeace, erhielt für sein Engagement

schon mehrfach Todesdrohungen und

lebt unter Polizeischutz. Trauriger

Durchschnitt: 35 Amazonas-Schützer

werden jährlich ermordet.

Baum

Holzkohle für die Roheisenproduktion, Ackerland für Sojaplantagen

und Rinderfarmen und riesige Staudämme für die

Energieversorgung: Der Amazonas-Regenwald ist schwer

unter Druck. Jene Menschen, die sich für seinen Schutz

starkmachen, leben gefährlich.

Aus Brasilien berichtet Martin Frimmel

Es geht schnell: In der Morgenröte klettern

die Greenpeace-Aktivisten auf einen

Riesenberg Roheisen, andere besetzen

Kräne. Die Mutigsten entern das Frachtschiff

„Clipper Hope“, das für die Beladung

mit Roheisen bereitsteht, und ketten sich

an die Ankerkette. Gleichzeitig läuft die

„Rainbow Warrior“ vor dem Cargoschiff

auf. All das passiert am 27. Mai 2012, und

all das hat es noch nie gegeben im Hafen

von São Luis, Nordbrasilien. In der prallen

Tropensonne wartet das Greenpeace-

Team auf die Bundespolizei, und die lokale

Politik verhandelt mit Paulo Adario von

der Amazonas-Kampagne.

Die Aktivisten sitzen auf glühenden

Kohlen, Wasser wird knapp. Adario sagt

zur Presse: „Das Amazonas-Gebiet wird in

den Schmelzofen geschüttet, Regierungen

und Industrie schauen zu.“ Dann

kommt doch eine Antwort: Rodrigo

Kaukal Valladares möchte verhandeln.

Er ist Miteigentümer des Roh eisen-Produzenten

Viena – und übrigens wirklich

Wiener Herkunft (der Urgroßvater gab

Adolf Hitler Arbeit; als Kunstmaler pinselte

dieser den Gasthof der Familie Kaukal

an). Auch andere Firmen der Branche

möchten eine Lösung finden für die

illegale Holzkohle, die sie für das Einschmelzen

und die Produktion von Roheisen

verwenden und die oft aus Schutzgebieten

und Indianerreservaten stammt.

„Brasilien hat ein langfristiges Ziel“, sagt

Fotos: 3x © Marizilda Cruppe/GP, © Rodrigo BalÈia/GP

Danicley Aguiar von Greenpeace,

„nämlich den netten Plan, Essen zu

verbilligen, eine Neuordnung der

Waldgebiete für die großen Grundbesitzer,

das neue Waldgesetz mit

Erleichterungen für die Agroindustrie

durchzusetzen und darüber hinaus

auch die Indianerreservate auszubeuten

– alles, um die ganze Welt

mit Nahrung zu versorgen, mit

schweren Folgen für die Umwelt.“

Den Anfang machte die brasilianische

Diktatur in den 1960er-Jahren

mit dem Slogan „Land für Menschen

für Menschen ohne Land“. Da

war der Wald noch zu 90 Prozent intakt.

Aber nicht die Landlosen wurden

das Problem, sondern bald die

reichen Rinderzüchter aus Südbrasilien,

die mit großzügigen staatlichen

Krediten Regierungsland besetzen.

Dann wurden die Holzfäller gerufen,

denn mit Holz kann man gut

Geld machen. Jeder Kubikmeter

kostet zwischen 30 und 100 Dollar,

verarbeitet bis zu 600 Dollar. 40

Prozent des Amazonas-Holzes werden

ausgeführt. Nach Malaysia und

Indonesien ist Brasilien das drittgrößte

Exportland – fast immer

ohne Kontrollen, ohne Steuern oder

mit Korruption. Von daher stammt

ein Teil des Kapitals für die großflächige

Rinderzucht. Sehr modern

sind Wald-Managementpläne geworden:

So offiziell bewilligt, ist illegal

erworbenes Land plötzlich legal.

Die indigene Bevölkerung und die

Kleinbauern werden dann von den

Restgebieten vertrieben oder von

bezahlten Revolverhelden umgebracht.

Abholzung und Gewalt gehen

Hand in Hand: Es ist kein Zufall,

dass in den Gemeinden Brasiliens,

wo am meisten abgeholzt wird, die

Gewaltrate am höchsten ist. Auch

die Umweltschützer leben gefährlich.

Etwa Chico Mendes, der von

Rinderzüchtern umgebracht wurde,

die Klosterschwester Dorothy Stang,

die bis zu ihrem gewaltsamen Tod

gegen Holzfirmen auftrat, und das

Ehepaar José Cláudio und Maria do

Espírito Santo, kleine Landwirte, die

sich Holz-LKW in den Weg stellten.

Sie wurden 2011 erschossen.

Im Durchschnitt werden jedes

Jahr 35 Menschen wegen ihres Engagements

für den Schutz des Amazonas

ermordet. Und die Todesdrohungen

haben sich von 2010 auf

2011 fast verdreifacht, berichtet die

Organisation CPT. Es gibt besonders

tragische Fälle – etwa Nilcilene Lima,

die sich in der Großstadt Manaus

versteckt halten muss. Lima zeigte

die Holzmafia an, und die Antwort

folgte auf dem Fuß: Sie zünden ihr

8 act act 9


Haus und ihre Felder an. „Ich möchte

zurück, um weiter für die Umwelt

zu kämpfen. Ich gehe auch das Risiko

ein zu sterben, wenn ich mir sicher

bin, dass sie mich nicht foltern“,

sagt die Umweltschützerin.

Auch Paulo Adario, Amazonas-

Kampagnenleiter von Greenpeace

und für seine Verdienste um den

Waldschutz von der UNO ausgezeichnet,

hat schwere Zeiten durchgemacht:

Da gab es die telefonische

Drohung: „Paulo verdient zu sterben,

und er wird sterben!“ Er bekommt

Polizeischutz, später eine

Wachmannschaft für das Büro,

Überwachungsanlagen, Kameras.

Wer sich für den Wald einsetzt, legt

sich mit gefährlichen Gegnern an:

mit der Holzmafia und den Rinderzüchtern.

Die Rinderzucht verwüstet

Millionen Hektar Waldgebiet.

Sie weist nur eine schlechte Produktivität

auf, zerstört aber eine

reiche Artenvielfalt und Wasserquellen,

vertreibt indigene Völker

und verändert das weltweite Klima.

80 Prozent der abgeholzten Urwaldflächen

wurden Rinderweiden,

damit ist die Rinderzucht die erste

Klimasünde Brasiliens.

Gefahr durch Soja

Auch die Soja-Monokulturen sind

eine starke Bedrohung für den Regenwald

geworden. Sie zerstören

durch Abholzung und Austrocknung

der Bäche nicht nur den Wald, sondern

vergiften die Bevölkerung

überdies mit Pestiziden. Soja ist aber

auch eine wichtige Devisenquelle.

„Die Monokulturen rechtfertigen

riesige Infrastrukturprojekte, bei denen

es als Kettenreaktion zu gewaltigen

Habitatsverlusten kommt, weit

über das Maß hinaus, das direkt

für Soja vernichtet wird“, so Philip

Fearnside vom Amazonas-Forschungsinstitut.

Die Straßen, Eisenbahnen

und Flussprojekte öffnen

dann neue Waldgebiete für Holzfäller,

Rinderzüchter und Sojafarmer.

Umweltsünde „Belo Monte“

Staudämme erschließen ebenfalls

Waldgebiete für Kleinbauern und

die Agroindustrie. Aktuelles Beispiel

ist das Kraftwerk „Belo Monte“

im Bundesstaat Pará: 516 Quadratkilometer

Waldvernichtung und

eine maximale Leistung von 11.181

MW. Es wäre der drittgrößte Damm

der Erde, und das ist nur der Anfang:

Der Energieplan sieht vor,

noch 30 Dämme im Amazonas zu

Die gnadenlose Abholzung und

die grausamen Machenschaften

der Rinderzüchter zerstören

nicht nur Millionen Hektar

Waldgebiet, sondern vertreiben

auch indigene Völker, bedrohen

die reiche Artenvielfalt und

zerstören Wasserquellen.

Soja-Monokulturen, Staudämme,

Eisenerzlager und hunderte

Kohlemeiler (o.) stellen weitere

Bedrohungen für das gefährdete

Regenwaldgebiet dar.

bauen. Die österreichische Firma

Andritz ist bei „Belo Monte“ dabei.

Hauptfolge des Kraftwerks ist ein

fast totales Abzapfen der Wassermenge

des Hauptstroms Xingu.

„Das ist eine große Gefahr für die

indigenen Völker der Region“, so

der österreichische Bischof Erwin

Kräutler, der vor Ort lebt. „Das

Wasser wird fehlen, und die Bevölkerung

muss umgesiedelt werden.“

Der Bischof und alternative Nobelpreisträger

ist immer aufseiten der

Armen, und das hat seinen Preis:

Bei einem Attentat wurde er schwer

verletzt. Jetzt lebt er wieder unter

Polizeischutz. Der Grund: Morddrohungen

wegen „Belo Monte“.

In Pará ist nicht nur der Mega-

Staudamm umstritten: Der Staat

muss auch gegen Abholzung in der

Region Carajás vorgehen. Als große

Lagerstätten von Eisenerz entdeckt

wurden, explodierte die Gewalt und

die Abholzung, um die Lager auszubeuten.

Mit österreichischer Hilfe

(Plasser & Theurer) wurde eine

Güterbahn gebaut und Roheisen-

Werke errichtet. Die Ersten, die

draufzahlen, sind Nomadenvölker

wie die Awá-Guajá. Holzfäller walzten

Dörfer platt, und ihr Jagdwild

verschwindet, verschreckt von den

Zügen und Frachtkonvois von Erz

und Eisen.

Wie in einem schaurigen alten

Film sieht es aus, wenn in den Werken

Menschen, ja sogar Kinder

Holzscheite in den Ofen schaufeln,

dreckig und ohne Schutz. Hunderte

Kohlemeiler werden in Windeseile

hergestellt – und ganz schnell wieder

verlassen, wenn die Umweltbehörde

vorbeischaut. Die Roheisen-Firmen

verwenden als Brennmaterial Holzkohle,

meistens aus dem Urwald. „Es

ist billiger, für Holzkohle illegal abzuholzen,

als Holzplantagen anzulegen“,

weiß der brasilianische Journalist

Leonardo Sakamoto. José Cláudio

und Maria do Espírito Santo kritisierten

offen die Herstellung von

Holzkohle. Der Umweltschützer sagte

seinen eigenen Tod voraus: „Ich

lebe vom Wald, ich beschütze den

Wald. Deswegen lebe ich immer mit

der Kugel im Kopf.“ Kurze Zeit später

waren er und seine Frau tot.

Auch der Autor dieser Zeilen wurde

schon mit dem Tod bedroht.

Zwei Gewehre wurden auf mich gerichtet,

als ich die Machenschaften

der Ziegeleien anzeigte. Ohne Umweltstudien

zerstören sie große

Waldgebiete, um Lehm abzubauen

und die Hochöfen mit illegal geschlägertem

Urwaldholz zu beheizen.

Ein Bild der Verwüstung bleibt

zurück. Doch die Natur beginnt

sich zu wehren: Die Ziegeleien in

den Flussgebieten leiden am meisten

unter den zunehmenden Hochwasserkatastrophen.

Zaghaftes Umdenken

Doch noch immer denken nur wenige

Unternehmer um. So etwa der

Chef der Montemar-Ziegelei, Sandro

Santos: „Wir möchten ein Modell

entwickeln, das ohne Urwaldholz

auskommt – etwa mit der Açaípalme

und Gas.“ Zertifiziertes Holz von

FSC ist eine andere Alternative und

schlägt zwei Fliegen mit einer

Klappe: In der Nähe von Manaus

wird das Restholz in einem Werk

verbrannt, eine Kleinstadt wird mit

Energie versorgt – und Emissionszertifikate

können auch noch verkauft

werden.

Eine Schlüsselrolle aber wird einem

Greenpeace-Projekt zukommen:

ein totales Abholzungsverbot

im brasilianischen Regenwald bis

2015, durchgesetzt per Volksentscheid.

Dazu braucht es die Unterschriften

von 1,4 Millionen Brasilianerinnen

und Brasilianern. Dann

kann der Schutz des Amazonas Gesetz

werden. Dafür kämpft Greenpeace

vor Ort und weltweit! n

Fotos: © Marizilda Cruppe/GP, 2x © Markus Mauthe/GP

Der Tiger bekommt eine Chance

Während der Sumatra-Tiger hoffentlich

bald aufatmen kann, geht es dem

Drill, einer Primatenart der Familie der

Meerkatzenverwandten, im afrikanischen

Kamerun an den Kragen. Dort werden riesige

Ölpalmenplantagen errichtet. Doch

der Drill ist endemisch und kann nicht so

einfach flüchten, wenn große Agrarunternehmen

mit ihren Bulldozern anrücken.

Zuerst aber die guten Nachrichten aus

dem indonesischen Regenwald. Wir haben

Sie bereits öfter über unsere Kampagne gegen

Sinar Mas, den größten indonesischen

Palmölhersteller, und APP (Asia Pulp & Paper),

eines seiner Tochterunternehmen

und ein Papier- und Zellstofffabrikant, informiert.

Beide Unternehmen waren massiv

in die illegale Urwaldrodung involviert.

Doch bevor es für die letzten Urwaldriesen,

den Sumatra-Tiger, den Orang-Utan und

das Java-Nashorn ganz zu spät ist, hat APP

eingelenkt. Anfang Februar verkündete

APP, in Zukunft auf die Rodung neuer Urwaldflächen

zu verzichten!

Greenpeace hat lange für diesen Schritt

gekämpft. Im Laufe der Jahre haben dank

unserer Kampagne hunderte Unternehmen

weltweit ihre Lieferverträge mit APP

gekündigt – darunter so große Konzerne

wie Mattel, Nestlé, Unilever und Hasbro.

Den ersten Schritt aus der Waldzerstörung

hat GAR (Golden Agri Resources) unternommen,

eine Sinar-Mas-Tochter, die im

Februar 2011 auf unsere Kampagne reagiert

und sich dazu verpflichtet hat, jede

Form von Waldzerstörung aus ihrer weltumspannenden

Betriebstätigkeit zu verbannen.

Nun folgt APP – ein Riesenschritt,

der einen Durchbruch für einen wirklichen

Waldschutz bedeuten kann. Der Leiter der

Greenpeace-Kampagne in Indonesien,

Bustar Maitar, vergleicht das Einlenken

von APP mit einem Süchtigen, der sich in

einer Entzugsklinik einschreibt. Ein großer

Erfolg – doch ob man sauber bleibt, zeigt

sich erst mit der Zeit. Deshalb wird Greenpeace

die Umsetzung der globalen Waldschutzpolitik

von GAR und APP sehr kritisch

verfolgen.

Neuer Brennpunkt Afrika

Doch der Palmölrausch, der die lokale Bevölkerung

und die lokale Tier- und Pflanzenwelt

schwer in Mitleidenschaft zieht,

hat neben Indonesien leider schon weitere

Länder erfasst. Im afrikanischen Kamerun

APP verzichtet auf die Rodung neuer Urwaldflächen.

Greenpeace hat lange für diesen Schritt gekämpft.

Ein Riesenerfolg für

unsere Waldkampagne:

Einer der größten Urwaldzerstörer,

das indonesische

Unternehmen

APP, will in Zukunft auf

Rodungen neuer Waldflächen

verzichten!

Greenpeace wird die

Einhaltung dieser Ankündigung

überprüfen –

und nimmt neue Palmölunternehmen

in

Kamerun ins Visier.

Von Jasmin Karer

will Herakles, ein US-Unternehmen, Ölpalmen

auf 730 Quadratkilometern – eine Fläche,

fast doppelt so groß wie das Bundesland

Wien – anbauen. Unweit der geplanten

Plantage liegen der Korup-Nationalpark

und weitere Naturreservate, in denen

zum Beispiel auch die seltenen und sehr

scheuen Drills leben. Zudem ist der Südwesten

Kameruns, wo Herakles bereits mit

gewinnbringenden Aussichten die ersten

Ölpalmen gepflanzt hat, einer der 25 Biodiversitäts-Hotspots

der Erde. Hier leben

neben den Drills zahlreiche bedrohte Arten

wie Waldelefanten und Nigeria-Schimpansen.

Ihnen droht dasselbe Schicksal

wie dem Sumatra-Tiger, dem Orang-Utan

oder dem Java-Nashorn in Indonesien:

Ihr Lebensraum wird durch massive

Wald rodungen zu klein für ihr Überleben.

Wenn große Unternehmen mit ihren

Maschinen anrücken, zerstören sie aber

nicht nur die Lebensgrundlage der Tiere –

auch die Bevölkerung vor Ort muss weichen

und in neue Gebiete vorrücken. Das

hat neue Konflikte und Zerstörungen zur

Folge. Greenpeace fordert daher Unternehmen

wie Herakles auf, ihre Sucht nach

Palmöl und Profit schnell in den Griff zu

bekommen und ihr umweltzerstörendes

Handeln rasch zu verändern. Was APP zustande

brachte, sollte auch Herakles möglich

sein! n

10 act act 11

Foto: © WWF


Web-Tipp:

Chips im

Check

Chips glatt, geriffelt, lose oder gestapelt? Natur, mit Paprika oder

Käse? Liebhaber von Chips-Produkten haben die

Qual der Wahl – sollten dabei aber die Ökobilanz nicht

außer Acht lassen. Von Gundi Schachl

Die Liste dieser und weiterer getesteten

Chips-Produkte mit umfangreichen Details

gibt es online auf marktcheck.at. Hier sind

auch die E-Nummern und ihre (Neben-)

Wirkungen näher erläutert. Produkte mit

tierischen Zutaten werden auch beim

„Tierschutz“ bewertet, was sich auf die

Reihung der Produkte auswirkt.

www.marktcheck.at/chipscheck

marktcheck.at ist der Online-Einkaufsratgeber

von Greenpeace und elf Partnerorganisationen.

Auf der Plattform finden sich Tipps

und Infos zu nachhaltigem Konsum sowie

Anregungen, selber aktiv zu werden.

Kernstück der Seite ist eine Produkt-Datenbank

mit mehr als 6.000 Lebensmitteln und

Kosmetika, bewertet nach ökologischen,

sozialen und Tierschutz-Kriterien.

Der Online-Einkaufsratgeber von

Greenpeace marktcheck.at hat sich die

Chips-Produkte in den Regalen der Supermärkte

genau angeschaut: Was steckt drin

in den Knabbereien, die eigentlich nur aus

fritierten Kartoffelscheiben bestehen sollten?

Leider auch Palmöl, Geschmacksverstärker

und Gentechnik – bereits beim ersten

Chips-Test 2010 hat marktcheck.at

einige Kritikpunkte bei dem beliebten

Snack gefunden und auf die damit verbundenen

Umweltprobleme aufmerksam gemacht.

Das österreichische Unternehmen

Kelly zeigte sich damals beim Einsatz von

Palmöl gesprächsbereit und sicherte zu,

bei Kelly’s Chips nur mehr Sonnenblumenöl

zu verwenden und auf Geschmacksverstärker

(Glutamat) zu verzichten. Wie

die aktuelle Chips-Untersuchung zeigt,

konnte Kelly sein Versprechen fast erfüllen

und greift nur bei einer Sorte auf Palmöl

in Kleinstmengen zurück.

Doch trotz dieser Vorbildwirkung setzen

immer noch viele Hersteller auf den

Umweltsünder Palmöl – eindeutig deklariert

wird das auf der Verpackung jedoch

so gut wie nie. Enthält die Zutatenliste nur

einen Begriff wie „pflanzliches Fett“ oder

„pflanzliches Öl“, versteckt sich dahinter

höchstwahrscheinlich Palmöl. In den letzten

Jahren hat der Rohstoff weltweit einen

Boom erlebt und findet sich in einer sehr

großen Anzahl an verarbeiteten Lebensmitteln.

Für die industrielle Produktion

sind seine Vorteile äußerst profitabel:

Palmöl ist leicht zu verarbeiten, in großen

Mengen erhältlich und – leider zu – billig.

Bei den Chips ohne spezielle Geschmacksrichtung

hat der Konsument die größte

Chance, palmölfrei zu snacken – immer

mehr Hersteller verwenden für die Produkte

im „Sackerl“ Sonnenblumenöl und

deklarieren dies auch stolz auf der Verpackung.

Fotos: © Georg Mayer/GP, © istockphoto.com

Dass weniger oft mehr ist, zeichnet sich

auch beim Chips-Check ab. Tendenziell

gilt: je exotischer die Geschmacksrichtung,

desto schlechter das Abschneiden.

Bei einigen Produkten findet sich in der

Zutatenliste auch Käse bzw. Molkepulver

in größeren Mengen. Da es sich dabei um

konventionell hergestellte Zutaten handelt,

besteht der Verdacht, dass die Kühe

mit Gentech-Soja gefüttert wurden. Fazit:

Chips-Liebhaber sind gut beraten, bei den

Klassikern nur mit Salz zu bleiben – hier

konnten auch die Eigenmarken der Supermärkte

ein „Gut“ ergattern.

Chips aus der Dose

Weit hinten im aktuellen Chips-Test landeten

die sogenannten Stapelchips à la

Pringles. Sie sind mit den Klassikern aus

geschnittenen Kartoffeln nicht wirklich

vergleichbar, denn sie werden aus einem

Teig aus Kartoffelpüreepulver ausgestanzt

und in Form gestochen. Stapelchips sind

stark verarbeitete Produkte, was sich naturgemäß

auch in der Länge der Zutatenliste

niederschlägt. Hier kritisiert Greenpeace

vor allem den Geschmacksverstärker

E 621, der aus gesundheitlicher Sicht

nicht empfehlenswert ist. Auch wegen der

aufwändigen Verpackung wurden die Stapelchips

abgewertet. Denn der Materialeinsatz

ist beachtlich: beschichteter Karton

für die Rolle, Metall am Boden, oben

eine beschichtete Folie und dann noch ein

Plastikdeckel drauf.

Ebenfalls ein dickes Minus mussten

manche Hersteller für die Transportbilanz

ihrer Chips aus der Dose einstecken. Negativer

Rekordhalter bei diesem Bewertungspunkt

sind Mister-Potato-Stapelchips

bei Penny und die Spar-Eigenmarke:

Beide werden in Malaysia hergestellt. Auf

der Packung der Spar-Potato-Crisps ist sogar

noch extra angegeben: „Hergestellt

aus deutschen Kartoffelflocken“. Aber

auch der Marktführer bei den Stapelchips

schneidet hier schlecht ab: Die Pringles-

Produkte werden aus Belgien in die heimischen

Supermärkte transportiert.

Knabber-Fazit

Ein „Hervorragend“ konnte keines der

Produkte im Check erreichen. Wie schon

bei der ersten Chips-Untersuchung 2010

kritisiert Greenpeace auch diesmal, dass

es kein einziges Bio-Produkt aus Österreich

gibt. Die zwei Bio-Chips im Check

stammen aus der Schweiz und aus den

Niederlanden. Generell schneiden Chips-

Produkte in Dosen und Produkte, die auf

exotische Geschmacksrichtungen setzen,

schlechter ab. Wer sich also bei Chips & Co

nicht zurückhalten kann, ist mit den klassischen

Chips mit Salz und einem vergleichsweise

kleinen „Transportrucksack“

am besten beraten. n

!

hervorragend

gut

kritisch

ungenügend

Produkt

Gekauft bei

Ökologie

Inhaltsstoffe (Zutaten)

Palmöl (Verdacht)

Gentechnik

Transport

Verpackung

Swiss bina Food

Bio Chips

Nature

denn's

Trafo

Bio Kartoffel

Chips Naturel

denn's

! !

nein nein nein nein nein nein nein nein nein

! !

Sunsnacks

Kartoffel Chips

Salz

Hofer

Clever

Chips

Billa

Kelly's

Chips Classic

Zielpunkt

Crusti Croc

Salz Chips

Lidl

Spar

Chips gesalzen

Spar

Kelly's

Chips Paprika

Zielpunkt

funny-frisch

Chipsfrisch

gesalzen

Spar

Lorenz

Naturals Classic

Zielpunkt

Lorenz

Naturals mit

steirischem

Kürbiskernöl

Merkur

Pringles

Original

Spar

Sunsnacks

Stapelchips

Paprika

Hofer

Kettle Chips

Mature Cheddar

& Red Onion

Billa

Kelly's

Chips Sour

Cream

nein ja ja nein nein ja ja ja ja

Spar

Mister Potato

Crisps – Original

flavour

Penny

Spar

Potato Crisps

Original

Spar

Pringles

Xtreme

Cheese & Chilli

Billa

Die Bewertung

der Produkte

erfolgt nach dem

Ampelschema: Die

Bestnote „Grün!“

bedeutet „hervorragend“,

„Grün“ steht

für „gut“, Orange

heißt „kritisch“, und

„Rot“ entspricht

„ungenügend“.

Stand: Jänner 2013

act 13


Zukunft

sichern

Was möchte ich meinen Nächsten

weitergeben? Was will ich über das

eigene Dasein hinaus bewirken?

Das sind elementare Fragen, die

uns alle eines Tages beschäftigen.

Nuklearenergie ist billig

– dieser Glaubenssatz

wird von Atombefürwortern

nach wie vor

strapaziert. Doch was

kostet ein Atomkraftwerk

„schlüsselfertig“,

und wer stemmt die

Kosten tatsächlich?

AKW-Baustellen in

Frankreich, Finnland und

der Slowakei verraten

die teure Realität.

Von Julia Kerschbaumsteiner

Petra Taylor

Immer häufiger kommt es vor, dass Menschen

auf uns zukommen, weil sie erwägen,

Greenpeace in ihrem Testament zu berücksichtigen.

Es ist eine persönliche und sensible

Entscheidung, wer im Nachlass bedacht

wird, und bedarf sorgfältiger Überlegungen.

Gemeinsam mit unserem langjährigen

Rechtsberater Dr. Josef Unterweger, der auch

für tiefgehende juristische Beratung zuständig

ist, haben wir einen Ratgeber verfasst, der

detailliert zu diesem Thema Auskunft gibt.

„Mein letzter Wille“ beantwortet die wichtigsten

rechtlichen Fragen rund um das Thema

Testament und Nachlass.

Wir schicken Ihnen den Ratgeber

gerne kostenlos zu. Unsere zuständige

Mitarbeiterin Petra Taylor beantwortet

Ihre Fragen gerne unter der Telefonnummer

01/545 45 80-85 oder per Mail an

petra.taylor@greenpeace.at.

Die häufigsten Fragen zum Thema

Testament beantwortet Dr. Josef

Unterweger für uns gleich hier:

Der Baum des Weiter -

lebens im Greenpeace-Büro:

Menschen, die Greenpeace

in ihrem Testament

bedacht haben, werden

als Blätter verewigt.

Josef Unterweger

Kann man beim Aufsetzen eines Testamentes

Fehler machen?

Das Testament muss klar und verständlich

sein. Zudem müssen die gesetzlichen Formvorschriften

eingehalten werden. Wichtig ist

auch, dass es auffindbar ist. Deshalb ist es

empfehlenswert, sich beim Aufsetzen des

Testamentes beraten zu lassen und eine Registrierung

des Testamentes zu beauftragen.

Entscheide ich allein, wer erbt?

Jede Person ist über ihr Vermögen allein verfügungsberechtigt.

Wenn aber Kinder, ein

Ehegatte oder ein eingetragener Partner vorhanden

sind, haben diese Personen Anrecht

auf einen Pflichtteil. Den pflichtteilsberechtigten

Personen steht ein Anteil am Erbe zu,

auch wenn sie im Testament nicht erwähnt

werden.

Kann ich meinen Nachlass mehreren Begünstigten

zuwenden?

Letztwillige Zuwendungen können an mehr

als eine Person erfolgen.

Sind Erbschaften von der Steuer befreit?

Ja, Erbschaften sind seit 2008 steuerfrei.

Was ist die häufigste Motivation, eine gemeinnützige

Organisation im Testament zu

berücksichtigen?

Eine letztwillige Verfügung ermöglicht es,

über den Tod hinaus für eine gute Sache

wirksam zu sein. Erblasserinnen und Erblasser

können etwas an die Gesellschaft zurückgeben,

etwas Gutes tun und möchten auf diese

Weise einen Beitrag leisten für eine gute

Sache.

Was sollte ich noch bedenken?

Letztwillige Verfügungen werden nie zu früh

gemacht, aber häufig zu spät! n

Fotos: ©GP/Teresa Novotny, ©Dan Taylor, ©GP/Georg Mayer, © Andreas Varnhorn/GP

Mythos billige Atomkraft

Regierungen und Betreiber können

Atomenergie günstig anpreisen, weil in offiziellen

Kostenschätzungen die versteckten

Kosten kategorisch heruntergespielt

oder ignoriert werden. Diese sind vielfältig:

Brennstoff-Kreislauf, Abfallmanagement,

der Rückbau nuklearer Einrichtungen,

Sicherheit, Infrastruktur, staatliche

Garantien und Haftpflicht sind dabei nur

einige Stichwörter. Die exorbitanten Kosten,

die Atomkraftwerke tatsächlich verursachen,

werden von der Bevölkerung finanziert.

Wie die Katastrophe von Fukushima

verdeutlicht hat, springen Staaten

bei den Folgekosten eines Unglücks ein.

So wurde die verantwortliche Betreiberfirma

Tepco nach dem Super-GAU verstaatlicht

– und rund 9,8 Milliarden Euro aus

Mitteln der öffentlichen Hand flossen in

das marode Unternehmen.

Flamanville, Olkiluoto, Mochovce

Keine Frage, so ein Atomkraftwerk ist teuer.

Auch ein Flug zum Mond kostet richtig

viel Geld. Der Druckwasserreaktor (EPR),

der derzeit im französischen Flamanville

gebaut wird, übersteigt aktuell bereits die

Kosten für sieben Flüge zum Mond und zurück.

Die französische Betreiberfirma EDF

musste kürzlich nicht nur einräumen, dass

sich die Baukosten auf 8,5 Milliarden Euro

verdreifacht haben, sondern auch, dass die

Fertigstellung auf 2016 verschoben werden

muss. Eigentlich sollte die Anlage am

Ärmelkanal schon heute etwas mehr als

zwei Millionen Haushalten Strom liefern.

Für das Geld, das für den EPR ausgegeben

wird, hätten 3.000 Windräder installiert

werden können, die 3,5 Millionen Haushalte

mit sauberem Strom versorgen.

Kostenexplosion

Der Druckwasserreaktor, der momentan

als das Nonplusultra der AKW-Konstruktion

gehandelt wird, treibt aber nicht nur

EDF den Schweiß auf die Stirn. 2.500 Kilometer

weiter nördlich wiederholt sich das

Kostendebakel auf der finnischen AKW-

Baustelle Olkiluoto. Dort wurden die Kosten

ebenfalls auf rund acht Milliarden Euro

nach oben korrigiert. Der AKW-Neubau,

für den vom französisch-deutschen Konsortium

aus Areva und Siemens nicht einmal

mehr ein Eröffnungsdatum genannt

wird, entwickelt sich zum finanziellen Desaster

für die Investoren – zumal der finnische

Auftraggeber das Konsortium bereits

auf 1,8 Milliarden Euro Schadenersatz verklagt

hat. Und auch unser Nachbarland

schlägt sich mit einer sündteuren AKW-

Baustelle herum. Nach Greenpeace-Berechnungen

hat die Bauverzögerung in

Mochovce die slowakische Bevölkerung

schon jetzt 490 Millionen Euro gekostet.

Die Beispiele zeigen, dass der Mythos

der billigen Atomenergie einer realen Betrachtung

nicht standhält. Werden Folgekosten

beim Austritt radioaktiver Strahlung,

Folgekosten der Prozesskette des

Abbaus und der Weiterverarbeitung von

Uran, Kosten als Folge terroristischer Anschläge,

Proliferation von Plutonium und

Folgekosten und -risiken von Endlagern

in die Kalkulationen einberechnet, so

zeigt sich: Atomstrom ist extrem teuer.

Eine Kilowattstunde Atomstrom kostet

dann 16,4 Cent. Zum Vergleich: Eine Kilowattstunde

Ökostrom ist bereits ab 7,17

Cent zu haben – und wird zunehmend billiger.

Um den Ausbau erneuerbarer Energiequellen

in Österreich voranzutreiben,

wird auch Ökostrom aus Windkraft, Biomasse

und Photovoltaik sowie neuen

Wasserkraftanlagen bis zu einer bestimmten

Leistung gefördert.

Die Mehrkosten für Ökostrom sind jedoch

transparent gestaltet und dienen

dem Ausbau von sauberen, nachhaltigen

Technologien, die ohne schmutzige Geheimnisse

auskommen.

Erneuerbare Energiequellen wie Wasser,

Sonne und Wind sind gemeinsam mit der

effizienten Nutzung von Energie der einzig

gangbare Weg, um unseren Energieverbrauch

langfristig sicher, kostengünstig

und sauber zu decken. Regierungen, die

weiterhin auf teure und hochgefährliche

Atomenergie setzen, müssen endlich damit

aufhören, die Interessen von riesigen Energiekonzernen

durchzusetzen, und zu Vertretern

von zukunftsorientierten Gesellschaften

werden. n

14 act act 15


Wahr ist: Die Welt ein wenig verbessern

geht ganz einfach!

Foto: © Simon Lim/GP

schen Kraftwerke sukzessive ersetzen. Mit

den Einnahmen aus den bestehenden

Stromverträgen, also dem Bezahlen der

Stromrechnung, können diese Anbieter in

neue Photovoltaikanlagen, Windrad-Parks

oder Biomasseanlagen investieren – und

künftig noch mehr grünen Strom produzieren.

Damit kommen wir einer Energiewende

immer näher. Mehr Grünstrom und

weniger fossile Energie bedeutet weniger

CO 2 -Emissionen und damit einen geringeren

Temperaturanstieg. Und der muss

dringend gebremst werden, wenn wir so

einmalige Gebiete wie die Arktis für die Zukunft

sichern wollen.

Stromwechseln – ein Kinderspiel!

Nur 1,5 Prozent (!) der Österreicher wechseln

pro Jahr ihren Stromanbieter – das

macht Österreich damit europaweit zu einem

Schlusslicht unter den Stromwechslern.

Der Wechsel zum grünen Strom hat

nochmal mit ein paar Vorurteilen zu

kämpfen, die bei den Stromverbrauchern

für Skepsis sorgen. So heißt es, dass Grünstrom

teurer als der herkömmliche Atomoder

Kohlestrom-Mix wäre. Das ist falsch!

Ein Blick auf den Tarifkalkulator der Energiebehörde

E-Control zeigt, dass Grünstrom

sehr wohl preislich mit anderen

Stromprodukten konkurrieren kann. Ein

weiteres Vorurteil lautet, Grünstrom sei

nicht so „effizient“ wie herkömmlicher

Strom. Das ist ebenfalls falsch! Die Qualität

des Stroms unterscheidet sich nicht.

Behauptet wird auch, dass man für

Ökostrom eigene Stromzähler und Kabel

verlegen müsse: nochmal ganz falsch! Die

bestehende Infrastruktur funktioniert

selbstverständlich auch bei nachhaltig erzeugtem

Strom. Besonders hartnäckig erweist

sich das Gerücht, dass bei einem

Stromwechsel die Gefahr bestehe, dass der

Strom abgestellt würde. Und das ist ganz

falsch. Die Energieversorger sind verpflichtet,

jedem Haushalt eine durchgehende

Stromversorgung zu gewährleisten

– der Wechsel zu einem neuen Energieversorger

geschieht ohne wahrnehmbare Veränderung

für den Verbraucher. Der neue,

ökologische Stromanbieter übernimmt

alle Formalitäten. Wahr ist: Die Welt ein

wenig verbessern geht ganz einfach – online,

direkt beim Stromanbieter und neuerdings

auch im Supermarkt! Hofer bietet

gemeinsam mit der oekostrom AG einen

speziellen Grünstromtarif österreichweit

in seinen Filialen an. Zwar ist die Aktion

aufgrund der immensen Nachfrage schon

ausverkauft, doch es soll bald zu einer

Folgeaktion kommen. Greenpeace unterstützt

diese Aktion, und wir hoffen, dass

weitere Einzelhandelsunternehmen diesem

Beispiel nacheifern, um Stromwechseln

noch einfacher zu gestalten.

Greenpeace-Stromcheck

Der aktuelle Stromcheck von Greenpeace

bietet Wechselwilligen zusätzliche Informationen

über den Strommix bestehender

Produkte, bei dem die besten Anbieter für

nachhaltigen Strom ausgewiesen wurden

(siehe Grafik). AAE Naturstrom und die

oekostrom AG sind unter den österreichischen

Strom liefer anten für private Endverbraucher

nach wie vor das Maß aller Dinge.

Beide weisen einen einwandfreien Strommix

auf, der sich zu 100 Prozent aus erneuerbarer

Energie zusammen setzt und dessen

Ausbau aktiv fördert, sie arbeiten

transparent und lassen ihre Finger vom

Graustrom. So soll Strom sein! n

webtipp: www.greenpeace.at/stromcheck

Grüne Steckdosen

Erneuerbare Energie

(Sonne, Wasser, Wind)

Anbieter von Greenpeace empfohlen

AAE Naturstrom

Erneuerbare Energie

(Sonne, Wasser, Wind)

Fossile Energie

(Kohle, Gas) Atomenergie Stromnachweise

Die Energiewende kann nur geschafft werden, wenn die Endnutzer mehr Sensibilität

für grünen Strom entwickeln. Angebote für günstigen Strom aus erneuerbaren

Quellen gibt es mittlerweile genug – wann greifen die Konsumenten zu?

Ich wette, Sie können mir sagen, woher

die Milch und das Gemüse kommen, das

Sie im Supermarkt oder auf dem Markt

kaufen. Bei manchen von Ihnen hängen

wahrscheinlich auch ökologisch verträglich

produzierte Textilien im Kleiderschrank.

Bei anderen Produkten tappen

die meisten bezüglich der Umweltverträglichkeit

noch im Dunkeln. Ich wette – wieder

–, nur die wenigsten wissen über die

Zusammensetzung des Stroms, den sie

beziehen, Bescheid. Der kommt einfach

aus der Steckdose und hat auf den ersten

Blick keine Farbe, kein Label, keine Ursprungsbezeichnung

– und trotzdem ist

Strom nicht gleich Strom!

Festzustellen, welche Art von Strom Sie

beziehen, ist ganz einfach: Werfen Sie mal

einen Blick auf ihre letzte Stromrechnung.

Diese weist die atomaren, fossilen oder erneuerbaren

Quellen aus, von denen er

stammt.

Auf den Mix kommt es an

Früher waren diese Informationen kaum

zu finden, schon gar nicht auf der Stromrechnung.

Dank des jahrelangen Engagements

von Greenpeace besserte sich die Situation

kontinuierlich. Vor kurzem sind

wir einen wirklich großen Schritt weitergekommen:

Künftig muss jede Kilowattstunde

Strom, die den Verbrauchern verkauft

wird, mit einem Ursprungsnachweis (Zertifikat)

versehen werden. Das ist ein erster,

wichtiger Schritt für mehr Transparenz,

denn bis jetzt hatte Strom „kein Mascherl“.

Von Marcelline Langer

Greenpeace konnte darüber hinaus erreichen,

dass die österreichischen Energieversorgungsunternehmen

(EVU) ab 2015

keinen Atomstrom mehr an ihre Kunden

liefern und das mit Nachweisen garantieren.

Österreich ist hiermit das erste Land,

das nicht nur auf Atomkraftwerke verzichtet,

sondern darüber hinaus den Import

von Atomstrom stoppt. Das ist eine

schlechte Nachricht für die AKW-Betreiber

in unseren Nachbarstaaten – mit Österreich

machen sie kein Geschäft mehr.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von

neuen Stromanbietern, die Strom aus 100

Prozent erneuerbaren Energien (z. B. Sonne

und Biomasse) produzieren und verkaufen.

Die neuen Energiequellen können

die bestehenden CO 2 -intensiven thermi-

oekostrom AG

VKW

BEWAG

Salzburg AG

TIWAG

STEWEAG-STEG

Energie AG

EVN

Wien Energie

KELAG

Verbund Haushalt

Verbund

Industriekunden

Durchschnitt

0 % 20 % 40 % 60 % 80 % 100 %

16 act act 17


Interview

Foto: ©GP/Georg Mayer

Wie sieht unsere Zukunft aus – Mensch

oder Auto oder Mensch und Auto? Das

kommt darauf an. Ich kann da nur mit Paracelsus

sprechen: Alles ist Gift, es kommt

immer auf die Dosis an. Und unsere Autodosis

ist derzeit viel zu hoch.

Wie kommen wir zu einer verträglichen

Verkehrsdosis? Indem man Alternativen

schafft. Und die sieht so aus, dass es weniger

lustig ist, Auto zu fahren, als etwas anderes

zu tun.

Ich habe den Weg zu Ihnen mit der U-

Bahn zurückgelegt. Das war o. k., ja – aber

lustig? Nein. Mit dem Auto wäre es noch weniger

lustig gewesen. Sie hätten keinen

Parkplatz gefunden, und wenn doch, dann

müssten Sie etwas zahlen. Noch lange nicht

das, was es wirklich kostet, aber einen kleinen

Teil davon. Und das führt bei den meisten

Autofahrern schon zu unangenehmen

Gefühlen.

Mobilität kann nicht nur über Gebühren

geregelt werden. Nein, sicher nicht. Die

Gebührenschraube ist eine Symptombehandlung,

es muss über die Struktur geredet

werden. Wenn Sie mit dem Auto

Hermann Knoflacher (geboren 1940 in Villach)

ist emeritierter Professor und ehemaliger Vorstand des Instituts

für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik an der TU Wien.

Er realisierte zahlreiche Gesamtverkehrskonzepte, u. a. in Wien,

Graz und Hamburg. Er ist Mitglied des Club of Rome und des Club

of Vienna und globaler Fußgehervertreter der Vereinten Nationen.

Im April erscheint sein neues Buch: „Zurück zur Mobilität –

Anstöße zum Umdenken“, Ueberreuter Verlag.

hierherfahren wollen und wissen, es gibt

hier keinen Parkplatz, dann werden Sie zu

Hause nicht mit dem Auto wegfahren.

Aber natürlich ist es besser, wenn Sie zu

Hause auch keinen Parkplatz vor der

Haustüre haben.

Welche Strukturen müssen verändert

werden? Die Bauordnung! Wir haben noch

eine alte „Reichsgaragenordnung“ von

Adolf Hitler. Die Präambel schreibt vor,

dass zu jeder Wohnung und zu jedem Gewerbebetrieb

für die bestehende und in

Zukunft zu erwartende Anzahl an Autos

Abstellplätze geschaffen werden müssen.

Die Tiroler Bauordnung schreibt sogar

drei Stellplätze vor – für eine Wohnung!

Welche Strukturen halten Sie für wichtig?

Ich halte das für richtig, was für die

Menschen gesund, sicher ist und für die

Zukunft weniger riskant ist. Ein Autofahrer

kann jemanden überfahren, er erzeugt

Lärm und Abgase und nimmt allen anderen

den Lebensraum weg. Ein unmenschliches

Verhalten. Das Auto hat in einem Umfeld

menschlicher Werte mit Ausnahme

seiner zentralen Funktionen nichts verloren:

für jene, die sich physisch nur eingeschränkt

bewegen können, für Transportaufgaben

und für Noteinsätze. Wenn ein

Politiker sagt: „Vorrang für den öffentlichen

Verkehr“, und das ernst nimmt, bedeutet

das, dass die Wege zu und vom geparkten

Auto länger sein müssen als zur

Haltestelle des öffentlichen Verkehrs.

Sonst lügt er die Menschen bewusst an.

„Unsere

Autodosis

ist viel

zu hoch“

Verkehrswissenschaftler

Prof. Hermann Knoflacher

über Mobilität, das

Autovirus und warum

in der Bauordnung die

Lösung für die Verkehrsprobleme

liegt.

Interview: Birgit Bermann

Tut das die Politik in Österreich? Natürlich!

Die versteht schon lange nicht mehr,

was sie tut. Sie glaubt zum Beispiel an den

Unsinn von Zeiteinsparungen oder an Berechnungen

über wirtschaftlichen Nutzen

durch hohe Geschwindigkeiten. Eine völlige

Absurdität.

Haben Sie keine Angst vor wütenden

Autofahrern? Hätte ich die jemals gehabt,

gäbe es in Wien keine Fußgängerzone, keine

Radwege und in vielen anderen Städten,

wo ich geplant habe, ebenfalls keine Fußgängerzone,

keine verkehrsberuhigten Zonen,

kein Tempo 30.

Was macht die Faszination Auto aus?

Es ist der Körperenergieverbrauch. Der

findet im ältesten Teil unseres Gehirns

statt, dem Hypothalamus. Dort dringt das

Auto ein. Das Auto will eine für das Auto

angenehme Umwelt, und genau das haben

wir in den letzten hundert Jahren gebaut,

eine Welt für Autos und nicht für Menschen.

Wenn die Menschen vom Autovirus

befallen sind, sehen sie die Welt so,

wie es das Auto gerne hätte.

Was passiert, wenn wir uns vom Virus

Auto geheilt haben? Dann beherrschen wir

das Auto, nicht das Auto uns. Ich habe das

empirisch und in der Praxis x-mal nachgewiesen:

Erzeuge ich eine autofreie Umgebung,

dann können die Menschen leichter

auf das Auto verzichten. Ich habe Städte erlebt,

die bis heute leiden, weil sie diese Therapie

nicht anwenden wollen – und im Wesentlichen

ihre Stadt sterben lassen. n

Fortschritt oder

Armutszeugnis?

„Umweltfreundlicher, sozialer, sicherer und effizienter“ – so stellt sich

Verkehrsministerin Doris Bures im neuen Gesamtverkehrsplan die Zukunft

des Verkehrs vor. Wird jetzt alles besser? Von Jurrien Westerhof

Um diese knifflige Frage zu beantworten,

werfen wir zuerst mal einen

Blick auf den vorigen Generalverkehrsplan

von Ministerin Forstinger

(FPÖ). Zentrale Begriffe anno 2002

waren: „Infrastrukturbedürfnisse“,

„Wettbewerbsfähigkeit“ und „Wirtschaftsstandort“

– in Gedanken sieht

man die LKW vorbeidonnern.

Damals wollte man „hochrangige

Straßenverbindungen so rasch wie

Eine vernünftige Verkehrspolitik

sieht definitiv anders aus!

möglich ausbauen“, heuer lesen wir:

„Der Schlüssel liegt im Ausbau des öffentlichen

Verkehrs.“ Beherrschen

jetzt bald radfahrende Mütter mit

Kindern das Straßenbild, und werden

Sattelschlepper verboten?

Nein – denn hinter vielen der jetzigen

Ankündigungen steht nicht sehr

viel Substanz. Der öffentliche Verkehr

hat zwar deutlich an Bedeutung gewonnen,

aber das meiste Geld wird

laut Plan weiter in sündteure und unnötige

Eisenbahntunnels gesteckt. An

den 2002 angekündigten Autobahnprojekten

wird ebenfalls weiter festgehalten

– obwohl der Straßenverkehr

seit 2006 stagniert. Und die von Ministerin

Bures angekündigte Verringerung

des Energieverbrauches und der

CO 2 -Emissionen im Verkehr wird

auch so erreicht werden – weil die Autos

allmählich sparsamer werden.

Grund hierfür ist übrigens, dass sich

Greenpeace vor Jahren intensiv dafür

eingesetzt hat, dass die Autohersteller

verpflichtet werden, das zu tun, was

sie seit langem könnten – nämlich

sparsamere Autos bauen!

Was wirklich gebraucht wird, ist

ein rascher Ausbau der Schnellbahnverbindungen

um die Städte – und

der bleibt für hunderttausende

Pendler weiterhin ein Traum, der

nicht erfüllt werden wird. Die nötigen

Mittel dafür werden nämlich im

Koralm- und Semmeringtunnel vergraben.

Und es kommt noch schlimmer:

Weiteren Bahnstrecken droht

die Stilllegung. Solange der LKW-

Verkehr weiterhin mit günstigem

Diesel und fehlenden Kontrollen gefördert

wird, Güterzüge aber mit hohen

Schienenmauten belastet sind,

wird es nicht gelingen, den Güterverkehr

auf die Bahn zu verlagern.

Sinnlose Projekte

Bei der Verkehrspolitik prallen viele

Interessen und Wünsche aufeinander.

Niederösterreich will z. B. unbedingt

die Nordautobahn weiter bis

zur tschechischen Grenze ausbauen –

auch wenn die bisherige Strecke mangels

Verkehr einer Geisterautobahn

gleicht und die Autobahn an der

Grenze aufhören würde. Dasselbe

Niederösterreich hat vor einigen Jahren

aber viele Regionalbahnschienen

von den ÖBB übernommen – und

zahlreiche Strecken sofort stillgelegt.

Eine vernünftige Verkehrspolitik

sieht definitiv anders aus!

Niederösterreichische Interessen

dürften auch hinter der Entscheidung

stehen, Pendlern in Zukunft

mit zwei Euro pro Kilometer und

Jahr entgegenzukommen. Wer also

50 Kilometer von der Arbeit entfernt

wohnt, bekommt ab 2013 dafür 100

Euro ausgezahlt – auch wenn die

Strecke im Porsche Cayenne zurückgelegt

wird. Im Wahljahr 2013 ein

nettes Zuckerl für die Wähler, umweltpolitisch

ist es das falsche Signal.

150 Millionen Euro kostet das den

Staat. 27 Millionen Euro gibt das

Land Niederösterreich jährlich für die

Finanzierung des regionalen Bahnverkehrs

aus, und immer noch drohen

Strecken gesperrt zu werden.

Positive Ansätze

Positiv im aktuellen Generalverkehrsplan

ist das steuerfreie Jobticket.

Diese „Öffi-Variante“ des steuerbegünstigten

Dienstautos macht es

für Arbeitgeber attraktiver, ihren

Mitarbeitern eine Jahreskarte zum

Beispiel für die Bahn anzubieten.

Und gelingt es wirklich, eine flächendeckende

Versorgung mit öffentlichen

Verkehrsmitteln umzusetzen,

dann wäre das ein großer Sprung vorwärts

– denn man kann nicht ernsthaft

von Autobenutzern verlangen,

auf Bus oder Bahn umzusteigen,

wenn weit und breit kein Bus oder

keine Bahn fährt.

In Vergleich zum Asphaltierprogramm

von 2002 ist der jetzige Verkehrsplan

eine deutliche Verbesserung.

Die entscheidende Frage wird

aber sein, was davon tatsächlich umgesetzt

wird – oder ob die österreichischen

Verkehrspolitik nur am Papier

ein Fortschritt ist und in der Praxis

ein Armutszeugnis abgibt. n

Foto: ©GP/Kurt Prinz

Kommentar

Jurrien

Westerhof

ist Klima- und

Energieexperte

bei Greenpeace

CEE.

18 act act 19


lisierten, nicht nachhaltigen Landwirtschaft.

Immer monotonere

Landschaften, der Einsatz von

Pestiziden, der Verlust von intakten

Ökosystemen, aber auch Parasiten

sind die Hauptgründe dafür.

Der Zusammenhang zwischen Bienensterben

und Pestizideinsatz

wird mittlerweile durch immer

mehr Studien bestätigt.

Besonders gefährlich sind zum

Beispiel Neonikotinoide, eine

Gruppe von Insektiziden, die unter

anderem zur Saatgutbehandlung

eingesetzt wird. Sie haben auf die

Bienen eine nikotinähnliche Wirkung

und beeinflussen das Nervenleitsystem

der Tiere. Die Auswirkungen

reichen von Koordinationsverlust

über Flügellähmung bis hin

zum Tod. Die Gifte können die Immunabwehr

der Bienen schwächen

und sie anfälliger für Krankheiten

und Jahr für Jahr wieder mit Neonikotinoiden

gebeiztes Saatgut

ausgebracht wird. Zwar gibt es einige

Auflagen für die Anwendung

einiger Pestizide, notwendig wäre

aber ein Verbot zumindest der für

die Bienen gefährlichsten Pestizide

und die konsequente Einführung

einer Fruchtfolge auf den Feldern.

Das bedeutet, dass nicht einfach

mehrere Jahre hintereinander die

gleiche Pflanze, wie zum Beispiel

Mais, angebaut werden darf, sondern

verschiedene Pflanzen abgewechselt

werden.

Um auf das eingangs erwähnte

Zitat zurückzukommen: Wenn es

um die Bienen tatsächlich so

schlecht steht – was bedeutet das

für den Menschen? Bienen sind

maßgeblich am landwirtschaftlichen

Ernteerfolg beteiligt. Sie bestäuben

sehr viele Kulturpflanzen,

wir weiterhin am Gebrauch dieser

Pestizide fest, wird auch das massive

Bienensterben weitergehen. Ein

Blick nach China könnte uns dann

wie ein Blick in unsere Zukunft erscheinen.

Dort werden nämlich

bereits jetzt aufgrund des Rückgangs

der Bienenvölker ganze

Plantagen von Menschenhand bestäubt.

Wäre das auch für Österreich

vorstellbar – Obstplantagen-

Bestäuber als neuer Wirtschaftszweig?

Die Zyniker unter uns

könnten sich zumindest über viele

neue Arbeitsplätze freuen.

Greenpeace-Kampagne

Wenn wir in Europa diesem Horrorszenario

entgehen möchten,

führt an einer nachhaltigen Landwirtschaft

kein Weg vorbei. Nur

ökologischer Anbau kann dem

Sterben der Bienen entgegenwir-

Der Rückgang der Bienen gefährdet auch unsere Nahrungsmittelsicherheit.

Halten wir weiter an Pestiziden fest, wird auch ihr Sterben weitergehen.

Massives Bienensterben: Die

industrielle Landwirtschaft trägt

einen großen Teil dazu bei.

Durch den Einsatz von Pestiziden,

wie zum Beispiel Neonikotinoiden,

werden die Bienen

orientierungslos, leiden an

Flügellähmung und sterben.

Ganze Bienenvölker verschwinden,

und die Obst- und

Gemüseernten erleiden enorme

Einbußen.

„Geben wir Bienen

eine Chance!“

Harald Singer ist Imkermeister,

Biologe und Ehrenpräsident des

Österreichischen Erwerbsimkerbundes

und des Europäischen

Berufsimkerbundes. Seit über

einem Jahrzehnt registriert er

schwere Schäden unter den

Bienen.

Welche Bedeutung haben Bienen?

Die Bienen haben eine ökologische und

ökonomische Bedeutung. Ein Drittel der

globalen Lebensmittelproduktion und

zwei Drittel der Nahrungsmittelpflanzen

sind von Bestäuberinsekten abhängig.

Honigbienen und Wildbienen sind ein

Indikator für das gesamte Ökosystem. Sie

zeigen den Grad der Umweltbelastung.

Wie sind Ihre Erfahrungen als Imker

mit dem Bienensterben?

Einerseits gibt es spontanes Sterben von

Sammelbienen und ganzen Bienenvölkern.

Zum anderen schleichende Vergiftungssymptome

wie Bienenverluste, Drohnenverluste

und Königinnenausfälle.

Seit wann gibt es Probleme?

Probleme mit Agrochemikalien gibt es seit

deren Ausbringung. 1995 wurden starke

Bienenverluste durch Spritzmittelschäden

dokumentiert. Seit 1999 nehmen die

Schäden massiv zu, und 1999 wurden bei

abgestorbenen Bienen Pflanzenschutzmittelwirkstoffe

nachgewiesen.

Was sind die Ursachen?

Das Bienensterben hat mehrere Faktoren.

Pflanzenschutzmittel werden zunehmend

dafür verantwortlich gemacht. Dadurch

geschwächte Bienenvölker sind Viren,

Bakterien, Pilzen und Parasiten wie der

Varroamilbe ausgeliefert und sterben dann

häufig an Sekundärinfektionen.

Was bedeuten Bienen für Sie?

Honigbienen sind für mich und meine

Familie der Lebensinhalt. Sie sind faszinierende,

komplexe Organismen. Bienen

haben zum Glück uns Imker als Fürsprecher.

Sie zeigen uns ein Artensterben ungeheuren

Ausmaßes. Wenn wir Menschen

das nicht in den Griff bekommen, wird

eine ökologische und ökonomische Katastrophe

auf uns zukommen. Honigbienen

sind unersetzlich und für das Überleben

notwendig. Geben wir den Bienen und

damit uns selbst eine Chance für die

Zukunft!

Das Sterben

der Bienen

Umweltgifte und eine industrialisierte Landwirtschaft

wirken sich auf Bienenvölker zunehmend

verheerend aus – unter ihnen hat ein Massensterben

begonnen. Lösungen gibt es. Greenpeace fordert in

einer europaweiten Kampagne deren rasche Umsetzung.

Von Christine Gebeneter

Wenn die Bienen aussterben, haben

die Menschen noch vier Jahre zu leben.“

Das Albert Einstein zugeschriebene Zitat

wird in den letzten Jahren oft bemüht,

wenn es um das Thema Bienen geht.

Aber weshalb? Sind unsere Bienen tatsächlich

in so großer Gefahr? Die Antwort

lautet: Ja! Und das, obwohl wir mit

ökologischer Landwirtschaft eigentlich

wirksam gegensteuern könnten.

Die Situation ist dramatisch: Seit Ende

der 1990er-Jahre wird insbesondere in

Nordamerika und Europa ein Massensterben

unter den Bienen beobachtet. Jedes

Jahr beklagen allein in Österreich

Dutzende Imker den Verlust ihrer Bienenvölker.

Die Gründe für das weltweite

Bienensterben sind vielfältig, und die

meisten davon wurzeln in der industria-

und Parasiten, wie etwa die gefürchtete

Varroamilbe, machen. Oder sie

finden gleich überhaupt nicht mehr

nach Hause, denn Neonikotinoide

vernebeln den Orientierungssinn.

Als Folge verschwinden ganze Völker

spurlos. In Italien, Frankreich,

Norwegen, Deutschland und Slowenien

wurden Neo nikotinoide bereits

mit dem Massensterben von

Bienen in Verbindung gebracht und

zumindest teilweise verboten. Auf

EU-Ebene gibt es immerhin erste

kleine Schritte in Richtung Bienenschutz.

Rund um Österreich wird also

schon gehandelt, während bei uns

das Problem des massiven Bienensterbens

immer noch kleingeredet

wie Obstbäume und unzählige Gemüsesorten.

Laut FAO sind rund

zwei Drittel unserer Kulturpflanzen

von bestäubenden Insekten

abhängig.

Lebensnotwendige Bienen

Neben den Bienen fungieren auch

andere Tiere wie Vögel, Schmetterlinge

und Insekten als Bestäuber.

Werden diese Bestäuber durch den

Einsatz von Pestiziden gefährdet,

führt das auf lange Sicht zu einer

geringeren Vielfalt unserer Lebensmittel

und von natürlich vorkommenden

Pflanzen. Übersetzt

bedeutet das: Der Rückgang der

Bienen gefährdet auch unsere

Nahrungsmittelsicherheit. Halten

ken. Vernünftige Fruchtfolgen

können den Einsatz großräumiger

Chemiekeulen ersetzen und damit

auch die Ausbreitung von Schädlingen

eindämmen. Wir dürfen

nicht länger tatenlos zusehen, wie

immer mehr Bienen sterben.

Greenpeace hat Anfang dieses Jahres

eine europaweite Kampagne

zum Schutz der Bienen gestartet

und fordert als ersten Schritt zur

Bienenrettung, die für die wertvollen

Insekten gefährlichsten Pestizide

sofort von unseren Feldern zu

verbannen. Ein Verbot ist zwar nur

ein kleiner Schritt in Richtung

nachhaltige Landwirtschaft. Für

die Biene ist es aber ein Meilenstein.

n

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Schwarmintell igenz

Es gibt Kampagnen,

die gewinnt man mit

einer Unterschriftenpetition.

Für andere

ist ein ganzes Feuerwerk

an Maßnahmen

notwendig. In

jedem Fall brauchen

wir jeden einzelnen

Unterstützer – lassen

Sie sich von uns

mobilisieren!

Von Florian Bolka

Ein Stück Welt retten kann so einfach

sein: Der Nationalpark Cabo

Pulmo an der mexikanischen Westküste

ist ein geschütztes Naturparadies

und UNESCO-Weltkulturerbe.

Ein viel zu schönes Kleinod,

um es hunderttausenden Besuchern

jährlich vorzuenthalten,

dachte sich die Tourismusindustrie.

Es kam, wie es kommen musste:

2011 genehmigt die Regierung ein

Urlaubsresort mit 27.000 Zimmern

direkt neben dem Nationalpark.

Aber es kam auch, wie es kommen

soll: Um Cabo Pulmo zu erhalten,

hat Greenpeace in Mexiko in

nur drei Monaten 222.000 Unterschriften

gesammelt und so dessen

dauerhaften Schutz erreicht.

Was war geschehen? Dass nachhaltiger

Schutz der Meere den Interessen

der Allgemeinheit mehr entspricht

als eine intensive Bewirtschaftung

der Küste, von der nur

wenige profitieren – so viel war

auch vor dem Einlenken der verantwortlichen

Politiker klar. Aber

auch, dass die Interessen der Mehrheit

sehr leicht ignoriert werden

können, wenn sie nicht gebündelt

zum Ausdruck kommen. Eine Unterschrift

unter einer Petition mag

Ihnen nicht viel vorkommen – gemeinsam

mit zehn- oder hunderttausenden

anderen in den Händen

einer Organisation wie Greenpeace

wird sie zum alles entscheidenden

Druckmittel. Oder um es ganz plastisch

auszudrücken: Aus vielen kleinen

Fischen wird ein großer Hai.

Hinter diesem Prozess steckt viel

Aufwand. Ein sehr wichtiger Teil

unserer Arbeit bei Greenpeace

dreht sich um die Mobilisierung

von Ihnen und weltweit Millionen

Menschen. Damit wir die Umwelt

durch gezielte Kampagnen erfolgreich

schützen können, bedarf es

des Engagements von sehr vielen.

Zwar kann nicht jede Unterschrift

zu einem Kampagnensieg führen,

aber es gibt kaum Kampagnensiege

ohne die Unterstützung durch viele

einzelne kleine Fische.

Das Schöne an Unterschriften

ist: Sie funktionieren auch über

Ländergrenzen hinweg. Im Sommer

2012 wurde der Plan Südkoreas

bekannt, wieder in den sogenannten

„wissenschaftlichen“

Walfang einzusteigen. Um das zu

verhindern, legte Greenpeace den

Fokus auf internationalen Druck.

Und tatsächlich – nach Unterschriften

von über 100.000 Menschen

weltweit ließ Südkorea seine Walfang-Pläne

fallen.

Von klassisch zu 2.0

Die digitale Vernetzung hat die Mobilisierung

einfacher und komplizierter

zugleich gemacht – denn

heute sind viele Puzzleteile und ihr

optimales Zusammenspiel notwendig.

Ein Beispiel dafür ist unsere

2011 gestartete „How Big is Yours“-

Kampagne in der Türkei gegen

die Überfischung des Mittelmeers

durch den Fang zu kleiner Fische.

Die Menschen für das Thema Meeresschutz

zu sensibilisieren und sie

dann noch zu einer Aktion zu mobilisieren

hört sich einfach an, bedarf

aber ausgeklügelter Planung. In die

Kampagne wurden Spiel-Mechanismen

implementiert, um mit einem

Augenzwinkern zuerst einmal

Bewusstsein zu schaffen: Wie groß

ist deiner? – gemeint war der Fisch

am Teller, am Markt oder im Supermarktregal.

Im Laufe der Kampagne

war ein Teil der bereits mobilisierten

Menschen bereit, den

Illustration: Karin Dreher

nächsten Schritt zu tun: Kontakt zu

den verantwortlichen Politikern

durch Faxe und Anrufe im türkischen

Umweltministerium aufzunehmen.

Und siehe da, persönliche

Ansprache zahlt sich aus: Das Thema

landete auf der politischen

Agenda. Eine große Anzeige in einer

populären türkischen Zeitung –

finanziert von 1.500 Unterstützern

– war eine weitere Mobilisierungsleistung

und wurde kurz vor der

entscheidenden Sitzung platziert.

Das Ergebnis all dieser Anstrengungen,

zehntausende Menschen zu

unterschiedlichen, aufeinander abgestimmten

Aktionen innerhalb einer

Kampagne zu bewegen: Drei bedrohte

Fischarten erhielten gesetzlichen

Schutz!

Wenn es jetzt um die Rettung einer

ganzen Region geht, sind die

Maßstäbe noch größer und die Herausforderungen

noch gewaltiger:

Für den Schutz der Arktis vor Ausbeutung

durch gierige Rohstoffkonzerne

muss eine ganze Bewegung

geschaffen werden. In weniger

als einem Jahr hat Greenpeace es

erreicht, dass weltweit über zwei

Millionen Menschen unsere Arktis-

Petition unterschrieben haben –

das Fundament unserer Arbeit.

Zehntausende haben durch Gespräche,

Vorträge und in sozialen Netzwerken

die Arktis zum öffentlichen

Thema gemacht, Tausende haben

uns mit kreativen Werken unterstützt

und so andere sensibilisiert

und viele Hunderte sich an unseren

zahlreichen Aktionen beteiligt –

und damit das Thema in die Medien

gebracht. Jetzt gilt es, das Tempo zu

halten und einen langen Atem zu

haben – denn die Gegner der Arktis

sind mächtig. Sie müssen den

Druck all dieser Menschen lange

und deutlich spüren, bis sie ihre gefährlichen

Projekte zur Zerstörung

der Arktis aufgeben.

Greenpeace in Österreich ist Teil

dieser Bewegung, und anders als

unsere Kollegen in den Arktis-Anrainerstaaten

müssen wir einen anderen

Mobilisierungsweg einschlagen.

Uns beschäftigt die Frage: Wie

mobilisiert man breitenwirksam

weit abseits der Arktis für ihren

Schutz? Wie kann man in Österreich

einen Beitrag für die internationale

Kampagne leisten? Indem

man Entschlossenheit und Willen

zeigt und damit wieder international

Menschen inspiriert!

Österreich für die Arktis

Im Februar haben wir unser Mobilisierungsprojekt

„We are Fish“ gestartet,

das unserer Bewegung ein

Gesicht gibt. Neugierig? Wir haben

uns gefragt, wie viele der rund

100.000 österreichischen act-Empfänger

mobilisierbar

sind,

um dieses Projekt

zu realisieren:

Helfen Sie

mit unter www.

greenpeace.at/WeAreFish oder

scannen Sie den QR-Code.

Nicht jede Unterschrift kann zu einem Kampagnensieg führen, aber es gibt kaum

Kampagnensiege ohne die Unterstützung vieler einzelner kleiner Fische.

Ob Unterschriften, Anrufe, Abstimmungen,

finanzielle Unterstützung,

kreative Taten, aktionistischer

Einsatz oder alles zusammen – es

gibt für jeden Möglichkeiten, sich

einzubringen. Wichtig ist, dass wir

es tun – und manchmal auch langfristig

dabeibleiben. Auch wenn Sie

beim Telefonieren, beim E-Mailen,

beim Faxen und/oder beim Unterschreiben

unmittelbar auf sich gestellt

sind – es gibt eine große Zahl

an Menschen, die hinter Ihnen steht

und bereit ist, mithilfe einer Organisation

wie Greenpeace einen großen

Haifisch zu formen! n

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Greenpeace leistet gute Arbeit

als weltweite Lobby gegen

die Ausbeutung unseres

Planeten und ist eine der

ersten Adressen in Sachen

finanzieller Unterstützung.

Peter Miklas

Ich habe mich schon gegen

Atomkraftwerke eingesetzt,

meine Motivation ist die

Erhaltung der Erde für die

Nachkommen!

Gertrud Kaminger

Greenpeace ist hochkompetent

und erreicht eine hohe

Öffentlichkeitswirksamkeit.

Ich unterstütze Greenpeace

schon lange und werde es

auch weiterhin tun.

Nicolette Waechter

30

Jahre

in Österreich

Wir haben nur diesen einen

Planeten, und um diesen

zu schützen, ist eine kleine

Spende das Mindeste, was

man tun kann.

Gunhart Stix

Ich bin dabei und hoffe, dass

Greenpeace noch lange so

engagiert dafür kämpft, dass

wir Menschen nicht den Ast

absägen, auf dem wir alle

gemeinsam sitzen.

Clara Luzia

Das ist der einzige

Planet, den wir haben, und

wir werden vielleicht noch

im Wohlstand leben, aber

was ist mit unseren Kindern

und deren Kindern?

Jacob Vogt

Drei Jahrzehnte erfolgreiche Umweltschutzarbeit in

Österreich verdanken wir vor allem unseren vielen

Unterstützern und Unterstützerinnen! Wir freuen

uns, wenn Sie uns und anderen umweltbewussten

Menschen zu unserem Jubiläum erzählen,

aus welchen Gründen Sie Greenpeace fördern!

Unter www.greenpeace.at/30jahre

Ihr Foto und Zitat hochladen

und mit anderen Greenpeace-

Unterstützern teilen!

DANKE!

Jetzt spenden: Erste Bank, 822 212 198 00, BLZ 20111 oder unter www.greenpeace.at

Jetzt spenden: PSK, KNR. 7.707.100, BLZ 60.000 oder unter www.greenpeace.at

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