Broschüre anschauen und herunterladen - Tourismus Marketing ...

sachsentourismus

Broschüre anschauen und herunterladen - Tourismus Marketing ...

Mutterland der Reformation.

Auf den Spuren eines Weltereignisses.


Mutterland

der

Reformation

Als Martin Luther am 10. November 1483 geboren wurde, stand Sachsen auf

dem Höhepunkt seiner Macht. Kurfürst Ernst und sein Bruder Albrecht regierten

seit 1464 gemeinsam das mächtigste Land im Zentrum des Deutschen

Reiches. Seit 1471 erbauten sie in Meißen als neue Residenz das erste Schloss

Deutschlands, heute Albrechtsburg genannt - ein sichtbares Zeichen ihrer Macht

und ihres Reichtums. Doch schon zwei Jahre nach Luthers Geburt begingen

Ernst und Albrecht den größten Fehler in der sächsischen Geschichte: sie teilten

das Land auf und die Herrscherfamilie Wettin zerfiel in zwei Linien, die Ernestiner

und die Albertiner. Nun gab es zwei Länder namens Sachsen, das Kurfürstentum

und das Herzogtum, und es waren die Söhne Ernsts und Albrechts, die

im Leben von Martin Luther und für den Verlauf der Reformation die wichtigsten,

wenn auch unterschiedliche Rollen spielen sollten.

Die 95 Thesen Martin Luthers, versandt an Albrecht von Brandenburg, den

mächtigsten Kleriker im Deutschen Reich – und möglicherweise auch am

31. Oktober 1517 an das Hauptportal der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen

– veränderten die Welt. Luther wollte die Kirche nur reformieren, doch

spätestens nach der Leipziger Disputation von 1519 wurde eine Spaltung unvermeidlich.

Die Reformation war aber nicht nur ein Ereignis, das von Sachsen aus

in die ganze Welt wirkte, sondern auch ein langer Prozess, der erst nach vielen

Jahrzehnten und nach zähem Ringen seinen Abschluss fand. Das Sachsen von

einst ist heute nach vielen geschichtlichen Verwerfungen in die Bundesländer

Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt aufgeteilt. Auch Brandenburg, Bayern

und selbst die Tschechische Republik haben Teile davon geerbt. Es lohnt sich,

auf den Spuren des Reformators, seiner Unterstützer und seiner Gegenspieler

zu wandeln - und diese sind mehr als reichlich vorhanden. Schon Ende des

16. Jahrhunderts wurde Sachsen der Ehrentitel „Mutter der Reformation“ verliehen,

ein Vermächtnis, zu dem sich auch das heutige Bundesland bekennt.

Lernen Sie dieses reiche Erbe kennen!

Meißner Burgberg mit Albrechtsburg und Dom


INHALT

IN DEN

FUSSSPUREN DES

REFORMATORS

Kindheit und Jugend . 9

Von Eisleben bis Eisenach

Studium und Ordensleben . 9

Luther als Augustinermönch

Unüberbrückbare Gegensätze . 10

Die Leipziger Disputation

Mutter der Reformation . 14

Luthers Wittenberger Jahre

Amme der Reformation . 14

Die Residenzstadt Torgau

Auf neuen Wegen .16

Aufenthalte in Grimma

Im Vertrauen auf Gott . 17

Der Aschermittwochsbrief aus Borna

Kampf den religiösen Schwärmern . 17

Die Zwickauer Propheten

Ältestes Sozialpapier der Welt . 19

Die Leisniger Kastenordnung

DIE FRAU

AN LUTHERS

SEITE

FÖRDERER

DES

GLAUBENS

Die schützende Hand . 29

Kurfürst Friedrich der Weise

Beständigkeit und GroSSmut . 30

Die letzten ernestinischen Kurfürsten

Der ungewollte Erbe . 31

Heinrich der Fromme führt die Reformation ein

Ungeklärte Widersprüche . 35

Moritz von Sachsen und der Übergang der Kurwürde

Protestantische Führungsmacht . 36

Kurfürst August und seine Reformen

DIE

KATHOLISCHE

SEITE

Personifizierter Missstand . 41

Johann Tetzel und der Ablasshandel

Kämpfer für die Einheit . 43

Herzog Georg der Bärtige und Luther

Vom Bistum zum Bistum . 44

Das Bistum Dresden-Meißen

Klösterliches Leben . 44

Katholische Klöster in Sachsen

AUSWIRKUNGEN DER

REFORMATION AUF

ARCHITEKTUR,

KUNST UND MUSIK

Der erste protestantische Kirchenneubau . 51

Die Torgauer Schlosskirche

Manifest des Glaubens . 51

Die Dresdner Schlosskapelle

Protestantismus in Vollendung . 52

Die Dresdner Frauenkirche

Weltberühmte Sammlungen . 56

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Maler der Reformation . 56

Meisterwerke der Cranach-Werkstatt

Die Bibel als Bilderbuch . 59

Biblische Bildzyklen in Sachsen

Urkantor und Hofkapellmeister . 61

Von Johann Walter zur Sächsischen Staatskapelle Dresden

Vater der deutschen Musik . 65

Heinrich Schütz in Dresden

Gipfelpunkt der lutherischen

Kirchenmusik . 65

Johann Sebastian Bach in Leipzig

Himmlische Stimmen . 66

Thomanerchor, Kreuzchor und Dresdner Kapellknaben

Wechselvolle Geschichte . 76

Das Städtische Museum Zittau

Tetzels arme Brüder . 77

Stadtmuseum und St. Heinrichskirche Pirna

Sagenhafte Kulisse . 78

Kloster- und Burgruine Oybin

GLAUBENS-

FLÜCHTLINGE UND

GLAUBENSBOTEN

Neue Töne . 83

Musikinstrumentenbau im Vogtland

Ungeliebte Brüder . 87

Reformierte in Sachsen

Der erste Missionar . 87

Bartholomäus Ziegenbalg und Pulsnitz

Zu den Sternen . 88

Die Herrnhuter Brüdergemeine

WEGE

ZUM

GLAUBEN

Spuren der Reformation . 93

Der Lutherweg in Sachsen

Unklare Herkunft . 23

Verlorene Spuren

Die Klosterjahre . 23

Gelübde und Nonnenflucht

Verrat am Volk . 46

Der Übertritt des Hofes zum Katholizismus

ZEUGEN

DES

UMBRUCHS

Heilige StraSSe . 94

Die Via Sacra im Dreiländereck

Auf alten HandelsstraSSen . 95

Die sächsischen Jakobswege

Vom Flüchtling zur Lutherin . 24

Eheschließung mit dem Reformator

Das neue Reich . 25

Ein Gut in der alten Heimat

AuSSergewöhnliche Kunst . 71

Schloßbergmuseum und Schloßkirche Chemnitz

Von reicher Herkunft . 72

Klosterpark Altzella

Karte . 102

Kontaktinformationen . 104

Von Gut zu Besser . 72

Flucht und Tod . 25

Das Ende in Torgau

Kloster Buch


6

7


In den Fußspuren des Reformators

IN DEN

FUSSSPUREN DES

REFORMATORS

Jedes Jahr am 31. Oktober wird in Sachsen, aber auch anderswo in Deutschland und auf der ganzen Welt,

der Reformationstag gefeiert, der an den Thesenanschlag Martin Luthers im Jahr 1517 erinnert.

Kurfürst Johann Georg II. von Sachsen hatte 1667 angeordnet, diesen Gedenktag zu begehen. In den

evangelischen Gottesdiensten steht aber nicht der Thesenanschlag im Mittelpunkt, sondern Luthers Lehre von

der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben. Diese Erkenntnis war Auslöser und Kernpunkt der

Reformation. Und es war ein langer und oft steiniger Weg, der den Reformator auf diesen Weg führte:

Kindheit und Jugend

Martin Luthers Leben begann am 10. November

1483 dort, wo es auch später seinen Abschluss

fand: in Eisleben. Sein Geburtshaus ist bereits

seit 1693 eine Erinnerungsstätte und damit eines

der ältesten Museen im deutschsprachigen Raum.

Einen Tag nach seiner Geburt wurde Luther in

der St. Petri-Pauli-Kirche getauft, die seit 2012

als „Zentrum Taufe“ für Tauferinnerungsgottesdienste,

Glaubensseminare und Themenwochen

genutzt wird. Nachdem er einen Streit unter

den Mansfelder Grafen geschlichtet hatte, starb

der Reformator in der Nacht vom 17. zum 18.

Februar 1564 im Alter von 62 Jahren in einem

Haus oberhalb des Eisleber Marktes, das seit 1862

eine Gedenkstätte ist. Luther war in Mansfeld

aufgewachsen, wo er die Stadtschule besuchte.

Später wurde er ein Jahr lang an der Magdeburger

Domschule unterrichtet, bevor er auf die Pfarrschule

zu St. Georgen in Eisenach wechselte, um

seine Lateinkenntnisse zu verbessern. Im dortigen

Lutherhaus, das seit 1956 Gedenkstätte ist, soll

er bei der Familie Cotta gewohnt haben. Zwanzig

Jahre später kehrte er nach dem Reichstag in

Worms als „Junker Jörg“ zurück. Auf der Wartburg

fand er die Zeit, das Neue Testament ins

Deutsche zu übersetzen. Die sächsische Sprache,

die „Meißnische Kanzleisprache“, wurde dadurch

zur Schrift- und Hochsprache aller Deutschen.

Studium und Ordensleben

Im Frühjahr 1501 begann Martin Luther in Erfurt

das Studium der „Sieben Freien Künste“.

068

Seite davor: Schloss Hartenfels in Torgau

von links: Martin Luther | Auf der Wartburg | Lutherbibel | Lutherhaus in Eisenach

9


In den Fußspuren des Reformators

Er wohnte in der Georgenburse, von der ein Gebäude

erhalten blieb, das heute Bildungs- und Begegnungsstätte

sowie Pilgerherberge ist. Bei einem

schweren Gewitter am 2. Juli 1505 geriet Luther

in der Nähe des heutigen Erfurter Stadtteils Stotternheim

in Todesangst. Wenige Tage später trat

er in das Kloster der Augustiner-Eremiten ein,

das nun eine Tagungs-, Begegnungs- und Beherbergungsstätte

der Evangelischen Kirche ist. 1507

wurde Luther in Erfurt zum Priester geweiht. Ein

Jahr später ging er nach Wittenberg, um dort an

der Universität zu studieren, die Kurfürst Friedrich

der Weise, der älteste Sohn des Kurfürsten

Ernst von Sachsen und spätere Förderer Luthers,

1502 gegründet hatte, da die Leipziger Universität

nach der Leipziger Teilung nun im Gebiet

seines Cousins, des Albertiners Georg, genannt

der Bärtige, lag. Er lebte im kurz zuvor erbauten

Augustinerkloster und erwarb zwei akademische

Titel. Nach einem weiteren Aufenthalt in Erfurt

und seiner Rom-Reise, einem Schlüsselerlebnis

auf dem Weg zur Reformation, kehrte er nach

Wittenberg zurück, wo er 1512 zum Doktor der

Theologie promovierte. 1514 wurde Luther zum

Provinzialvikar seines Ordens ernannt. In dieser

Funktion besuchte Luther 1516 das Kloster St.

Erasmus in Dresden, an dessen Stelle heute der

Jägerhof steht, das Museum für Sächsische Volkskunst.

Im Juli 1518 kam er erneut nach Dresden

und predigte in der Schlosskapelle. Der Siegelring

des Reformators und ein Deckelbecher, den

ihm sein Freund Justus Jonas geschenkt hatte,

befinden sich heute im Grünen Gewölbe. Ganz

allmählich begann Luther ein eigenes Bibelverständnis

zu entwickeln. Seine Schlussfolgerung,

dass der Mensch allein durch Gottes Gnade das

Heil erlangt, führte letztendlich zum Thesenanschlag

am Hauptportal der Wittenberger Schlosskirche,

der als Beginn der Reformation gilt und

an den die heutige Thesentür erinnert.

Unüberbrückbare Gegensätze

Sieben Mal besuchte Martin Luther nachweislich

Leipzig, aber sein Aufenthalt im Juni 1519 hatte

weitreichende Wirkung. Unter Brechung seines

Schweigegebotes, das ihm nach seinem Verhör

beim Reichstag in Augsburg auferlegt worden

war, nahm Luther an der Leipziger Disputation

auf der Pleißenburg teil. An deren Stelle steht

heute das Neue Rathaus, dessen Turm noch auf

das historische Gebäude zurückgeht. Im Disput

mit Johannes Eck formulierte Luther die Unterschiede

seiner Anschauung zur Lehrmeinung

der Katholischen Kirche, was zum endgültigen

Bruch führte. Ein Jahr später erließ der Papst

die Bannbulle. Herzog Georg der Bärtige, der

zuvor Reformen offen gegenüber gestanden hatte,

wandte sich nun ebenfalls gegen Luther und

ließ reformatorische Bestrebungen im Herzogtum

Sachsen unterdrücken. Erst 1539 konnte

Luther auf die Pleißenburg zurückkehren, um

zur Einführung der Reformation in Leipzig in

der Schlosskapelle zu predigen. Einen Tag später

predigte er mit großem Zulauf in der Thomaskirche,

woran eine Gedenktafel und das Lutherfenster

erinnern. Im Thüringer Hof, dem ältesten

Restaurant Leipzigs, war Martin Luther oft

zu Gast. Noch heute kann man dort auf seinen

Spuren wandeln. Der Gründer des weltberühmten

„Auerbachs Keller“, Heinrich Stromer von

Auerbach, war ein Freund Martin Luthers, was

in der Gaststube „Lutherzimmer“ seinen Nachklang

findet. Im Stadtgeschichtlichen Museum

im Alten Rathaus werden der Lutherbecher, ein

Geschenk des schwedischen Königs an Luther,

und der Ring seiner Frau Katharina, in den das

Hochzeitsdatum eingraviert ist, ausgestellt. Luthers

letzter Besuch in Leipzig war ein Jahr vor

seinem Tod anlässlich der Weihe der Paulinerkirche

zur ersten evangelischen Universitätskirche

in Deutschland. Die Paulinerkirche überstand

alle Kriegswirren, wurde aber 1968 auf Geheiß

der DDR-Führung gesprengt. Ab 2007 entstand

an ihrer Stelle das Paulinum, das der Universität

als Kirche und Aula dient und die Formen des

Vorgängerbaus in moderner Weise wieder aufnimmt.

Auch die kommunistische Herrschaft

nach dem Zweiten Weltkrieg konnte den Geist

der Reformation nicht auslöschen. Aus den

Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche

entstanden die Montagsdemonstrationen, die

das DDR-Regime zu Fall brachten und zur deutschen

Wiedervereinigung führten.

10

Lutherzelle im Augustinerkloster zu Erfurt

von oben: Lutherfenster in der Leipziger Thomaskirche |

Lutherzimmer im Auerbachs Keller | Lutherbecher im Alten Rathaus Leipzig

11


12

13


In den Fußspuren des Reformators

Mutter der Reformation

Nachdem Kurfürst Friedrich der Weise ab 1489

ein neues Residenzschloss errichtet und 1502

die Universität gegründet hatte, erlebte Wittenberg

einen wirtschaftlichen und intellektuellen

Aufschwung. Luthers Thesen fanden in

diesem modernen, dem Humanismus offenen

Umfeld großen Anklang. Seinen Lehrstuhl der

Theologie an der Universität hatte Luther bis

zu seinem Lebensende inne. Einer seiner Kollegen

war ab 1518 Philipp Melanchthon, der ein

wichtiger Mitstreiter Luthers werden sollte und

dessen Wohnhaus heute ein Museum ist. Am

10. Dezember 1520 verbrannte Martin Luther

vor dem nicht erhaltenen Wittenberger Elstertor

die Bannbulle des Papstes, deren Androhungsurkunde

im Sächsischen Hauptstaatsarchiv in

Dresden bewahrt wird, und wurde daraufhin exkommuniziert.

Während seines Aufenthaltes auf

der Wartburg trieben andere Reformatoren im

Rahmen der Wittenberger Bewegung Reformen

voran. Im Februar 1522 geriet die Situation aber

außer Kontrolle, so dass Luther gegen den Willen

des Kurfürsten nach Wittenberg zurückkehrte.

In der Stadtkirche hielt er acht Predigten an

acht Tagen, wonach die Reformation in Wittenberg

wieder einen geordneten Gang nahm. Zwei

Jahre später sagte sich Luther vom Mönchsleben

los. Am 13. Juni 1525 heiratete er die ehemalige

Nonne Katharina von Bora. Das Paar wohnte im

inzwischen aufgehobenen „Schwarzen Kloster“

der Augustiner, in dem Luther schon als Mönch

gewohnt hatte. Als „Lutherhaus“ dient das Gebäude

seit 1883 als Museum.

Amme der Reformation

Die Nähe zu Wittenberg begünstigte in Torgau

das Aufkeimen reformatorischen Gedankenguts.

Bereits 1519 wurde in der Nikolaikirche die erste

Taufe in deutscher Sprache durchgeführt. Ein Jahr

später fand die erste evangelische Predigt statt.

Das Gotteshaus wurde einige Jahre später säkularisiert

und befindet sich heute im Innenhof des

Torgauer Rathauses. Die Bevölkerung bekannte

sich 1522 zur Reformation und im selben Jahr

predigte Luther in der Stadt. Er besuchte Torgau

mehr als vierzig Mal. Nach dem Tod Friedrich

des Weisen im Mai 1525, der bereits Schloss Hartenfels

als Residenz ausgebaut hatte, machten seine

Nachfolger Torgau zum politischen Zentrum.

Im Februar 1526 wurde der Torgauer Bund, ein

Zusammenschluss von der Reformation zugeneigten

Landesherren, ratifiziert. In Vorbereitung

des Augsburger Reichstags erarbeitete Luther mit

seinen Mitstreitern in der noch heute erhaltenen

Alten Superintendentur die Torgauer Artikel, ein

theologisches Gutachten, das als Artikel 22 bis 28

in das Augsburger Bekenntnis einfloß. Im Oktober

1544 weiht Luther die Torgauer Schlosskirche

ein, den ersten protestantischen Kirchenneubau.

14

Seite davor: Nikolaikirche Leipzig mit Palmsäulen

von links: Lutherdenkmal in Wittenberg | Torgauer Markt mit Rathaus | Schloss Hartenfels

15


In den Fußspuren des Reformators

Rietschel, der auch das bekannte Lutherdenkmal

in Worms erschuf. Im Jahr 1523 flohen aus

dem nahe bei Grimma gelegenen Zisterzienserinnenkloster

Marienthron mit Unterstützung von

Luther zwölf Nonnen, darunter seine spätere

Frau Katharina von Bora.

Im Vertrauen auf Gott

Nach der Schlacht bei Mühlberg im Jahr 1547

ging die sächsische Kurwürde an die Albertiner

über. Torgau fiel mit Wittenberg und anderen bis

dahin ernestinischen Gebieten an das albertinische

Sachsen. Da die „Amme der Reformation“

danach schnell an Bedeutung verlor, erhielten

sich 500 Bauten aus der Zeit der Renaissance

bis heute, darunter alle wichtigen Stätten der

Reformation. Noch einmal machte sich Torgau

um die Reformation verdient, als dort 1576 das

Torgische Buch entstand, eines der Vorstufen der

Konkordienformel von 1577, der letzten symbolischen

Schrift der lutherischen Kirche.

Auf neuen Wegen

Als Geächteter musste Martin Luther nach 1521

das Gebiet Herzog Georgs meiden und konnte

auf Reisen in den Süden nicht mehr den kurzen

Weg über Leipzig wählen. Sein Weg führte ihn

nun sehr oft nach Grimma, das jeweils eine Tagesreise

von den kurfürstlichen Städten Torgau

und Altenburg entfernt lag. Schon 1516 war er in

seiner Funktion als Provinzialvikar des Augustinerordens

erstmals in Grimma gewesen und hatte

die Stadt danach mehrmals besucht. Unterkunft

fand er im Schloss, wo Albrecht der Beherzte, der

Stammvater der Albertiner, geboren worden war,

oder im Kloster St. Augustin. Er predigte oft in

der Klosterkirche, die heute für kulturelle Veranstaltungen

genutzt wird. Die Bevölkerung Grimmas

war dem neuen Glauben sehr aufgeschlossen,

so dass sich die Reformation sehr schnell durchsetzte.

Nachdem Luther auf der Wartburg das

Neue Testament übersetzt hatte, wurde es nicht

nur in Wittenberg, sondern auch in Grimma gedruckt.

Das Lutherdenkmal in der Stadt stammt

von dem berühmten sächsischen Bildhauer Ernst

Aufgrund der Verwerfungen in Wittenberg verließ

Martin Luther Anfang März 1522 die Wartburg.

Er kündigte seine Rückkehr nach Wittenberg

in seinem berühmten Aschermittwochsbrief

an, den er in Borna verfasste, wo er übernachtete.

Nicht der Protektion des Kurfürsten vertraue er,

sondern einem höheren Schutz. Borna war die

erste Stadt im ernestinischen Sachsen gewesen, in

der evangelisch gepredigt wurde. Luther besuchte

die Stadt mehrfach und predigte oft in St. Marien,

deren Altar von dem „Bildhauerdichter“ Hans

Witten stammt, der auch in Chemnitz, Freiberg,

Annaberg und Ehrenfriedersdorf seine Spuren

hinterließ. Gegenüber der Stadtkirche steht seit

dem Reformationstag 2007 die Emmauskirche

aus dem Ort Heuersdorf, der dem Braunkohleabbau

weichen musste. Sie ist eine der ältesten

Kirchen in Sachsen und wurde innerhalb von

neun Tagen auf spektakuläre Weise zu ihrem neuen

Standort gebracht. Ungewöhnlich ist auch das

Denkmal Martin Luthers als Junker Jörg, das seit

2011 auf dem Kirchplatz steht.

Kampf den religiösen Schwärmern

Schon vor der Eskalation in Wittenberg war es

in Zwickau, der größten Stadt des Kurfürstentums

Sachsen, zu religiösen Unruhen gekommen.

Luther predigte daher Ende April bis Anfang

Mai 1522 zwei Mal in der heute nicht mehr erhaltenen

Barfüßerkirche, vom Rathaus aus und

in der Kapelle von Schloss Osterstein, das heute

als Altenheim dient, aber Besuchern offen steht.

Der Reformator entkam bei seinem Besuch auch

einem Mordanschlag. Dabei hatte alles so gut für

die Sache der Reformation in Zwickau begonnen,

als schon 1518 Predigten im reformatorischen

Geist stattfanden. Im Mai 1520 empfahl Luther

16

Klosterkirche St. Augustin in Grimma

von oben: Rathaus in Grimma | Lutherdenkmal in Borna

Stadtkirche St. Marien und Emmauskirche in Borna

17


In den Fusspuren des Reformators

In den Fußspuren des Reformators

Thomas Müntzer als Aushilfspfarrer. Müntzer,

der zunächst im Dom St. Marien und dann in

der Katharinenkirche wirkte, geriet jedoch unter

den Einfluss der radikalen Gruppe um Nikolaus

Storch – von Luther despektierlich als „Zwickauer

Propheten“ bezeichnet – und radikalisierte seine

reformatorischen Auffassungen, wodurch er in

scharfen Gegensatz zu Luther geriet. Der „für die

Wahrheit in der Welt“ kämpfende Müntzer verließ

1521 die Stadt und wurde zur Leitfigur des

Bauernaufstandes, der mit seiner Hinrichtung

nach der Schlacht bei Frankenhausen endete,

an die das monumentale Bauernkriegspanorama

erinnert. Storch und seine Anhänger wurden aus

Zwickau vertrieben und gingen nach Wittenberg.

Luther wurde mit der „Perle in den kurfürstlichen

Landen“ nicht mehr froh und sprach mehrfach

dem Rat der Stadt die Kompetenz ab, in Kirchenangelegenheiten

autoritär zu handeln. Statuen

von Luther und Melanchthon befinden sich an

der Außenseite der Marienkirche. Die sogenannten

Priesterhäuser im Domhof gehören zu den ältesten

Wohnbauten in Sachsen und beherbergen

das Stadtgeschichtliche Museum, in dem auch

Zeugnisse der Reformationszeit zu sehen sind.

Ältestes Sozialpapier der Welt

Bereits zwei Jahre nach Luthers Thesenanschlag

richtete man sich in der Leisniger Stadtkirche St.

Matthäi nach den Lehren der Reformation. Die

Bürger in der von der Burg Mildenstein dominierten

Stadt wollten sich nicht länger vom nahegelegenen

Kloster Buch Vorschriften machen

lassen. Die Kirchgemeinde bat Luther mehrfach

um Beistand in wichtigen Fragen, weshalb der

Reformator sich im September 1522 und im August

1523 jeweils eine Woche in Leisnig aufhielt.

Luther verfasste für die Leisniger mehrere Schriften,

die für den Fortgang der Reformation bis

zum heutigen Tag eine grundsätzliche Bedeutung

haben. Er sprach den Kirchgemeinden die freie

Pfarrerwahl zu, wenn sie durch eine geordnete

Berufung begründet wird und erklärte, dass kein

Gottesdienst ohne Gebet und Schriftauslegung in

deutscher Sprache bleiben soll. Für die wichtigste

Schrift schrieb er nur das Vorwort, wenn es auch

mit vier Seiten fast so lang ausfiel wie der eigentliche

Inhalt: die von der Kirchgemeinde selbst

verfasste „Ordnung eines gemeinen Kastens“,

in dem die Einnahmen der Kirche, der Mess-

Stiftungen, Bruderschaften und Almosen vereinigt

werden sollten, um Pfarrer, Küster und Lehrer

sowie Arme, Kranke und Waisen zu versorgen,

günstige Darlehen für Bedürftige bereit zu stellen

und Gebäude wie Pfarrhaus, Schule und Hospital

zu unterhalten, wurde beispielgebend für die

gesamte lutherische Welt. Das Original dieses

Dokuments befindet sich noch heute im Besitz

der Kirchgemeinde. Eine Kopie hängt im Eingang

der Stadtkirche, die auch mit den Portraits

aller Superintendenten seit 1619 beeindruckt.

18 11

von links: Katharinenkirche in Zwickau | Luthers Vorwort zur

Leisniger Kastenordnung | Leisnig mit Stadtkirche St.Matthäi und Burg Mildenstein

Folgeseite: Thomaskirche in Leipzig

19


20

21


Die Frau an Luthers Seite

Die Frau

An Luthers

Seite

Es ist viel darüber gestritten worden, ob die Frauen Gewinner oder Verlierer der Reformation waren.

Obwohl er von Frauen im öffentlichen Leben nichts hielt und sie nur als Hausfrauen und Mütter sah,

setzte sich Martin Luther doch für die Bildung aller Menschen ein, ob Mann oder Frau. Seine These vom

Priestertum aller Getauften wurde von den Frauen als Ermutigung empfunden, selbst die Botschaft des

Glaubens zu entdecken. Luthers Frau Katharina fügte sich zwar in Luthers Frauenbild ein, nötigte ihm

aber allergrößten Respekt ab und brauchte sich nicht hinter dem großen Mann zu verstecken:

Unklare Herkunft

Über den Geburtsort von Katharina von Bora

darf weiter gestritten werden. Klare Mehrheitsmeinung

ist, dass sie im Gut Lippendorf südlich

von Leipzig zur Welt kam. In historischen

Romanen wird auch gerne der Ort Hirschfeld bei

Nossen angegeben. Auch das Geburtsdatum ist

nicht gesichert. Es wird aber der 29. Januar 1499

angenommen. Katharinas Vater gehörte zum

Landadel, war aber offenbar so verarmt, dass er

durch seine Kinderschar in immer größere finanzielle

Nöte geriet. Ihre Mutter starb vermutlich

vor 1505, da ihr Vater in diesem Jahr eine zweite

Ehe einging. Lippendorf wurde im Zweiten

Weltkrieg bei Bomberangriffen stark zerstört und

dann Ende der sechziger Jahre dem Braunkohletagebau

geopfert. Der Ortsname wurde auf das

frühere Dorf Medewitzsch übertragen.

Die Klosterjahre

Was heute in Brehna als Autobahnkirche allen

Reisenden offen steht, war zu Katharina von Boras

Zeiten Teil eines Augustinerinnenklosters. Katharinas

Vater gab seine Tochter offenbar im Alter von

fünf Jahren zu Erziehungszwecken in die Hände

der Nonnen. 1509 wurde sie im Kloster Marienthron

in Nimbschen bei Grimma aufgenommen,

das den Zisterzienserinnen gehörte. Sie erhielt

eine gute Ausbildung und legte sechs Jahre später

– zum frühestmöglichen Zeitpunkt – ihr Gelübde

ab. Dem reformatorischen Gedankengut konnte

0622

von links: „Katharina von Bora“ in Torgau | Stadt- und Klosterkirche Brehna |

Veranstaltung in der Klosterruine Nimbschen

23


Die Frau an Luthers Seite

ren. Katharina war nun die Lutherin, die von

ihm respektvoll „Herr Käthe“ genannt wurde.

Das neue Reich

sich auch das Kloster nicht entziehen. Im Frühjahr

1523 flohen zwölf Nonnen im Planwagen

des Torgauer Ratsmannes Leonhard Koppe,

von denen neun über Torgau nach Wittenberg

gelangten, darunter auch Katharina.

1536 starb die letzte Äbtissin. Das Kloster wurde

aufgelöst und als Wirtschaftsbetrieb weitergeführt.

Neben der malerischen Klosterruine

befindet sich heute das Hotel Kloster Nimbschen

in den ehemaligen Stallungen und Speichern.

Zur Erinnerung an das Kloster und seine

berühmte Bewohnerin wurde eine Kapelle errichtet,

die sich an den gotischen Stil anlehnt.

Eine kleine Ausstellung über das Kloster befindet

sich im Kreismuseum Grimma, das sich in

einer ehemaligen Mädchenschule im historischen

Stadtkern befindet.

Vom Flüchtling zur Lutherin

Von ihrer Stiefmutter und ihren verarmten

Brüdern hatte Katharina von Bora keine Hilfe

zu erwarten. In Wittenberg fand sie zwar

Aufnahme, aber zunächst keinen Ehemann,

obwohl Luther zwei Mal selbst für sie vermittelte.

Er verdächtigte die junge Frau, „stolz

und hoffärtig“ zu sein und hatte ein Auge

auf Ave von Schönfeld geworfen, die ebenfalls

aus dem Kloster Nimbschen geflüchtet

war. So kam es sehr überraschend, dass er

sich am 13. Juni 1525 im Schwarzen Kloster

mit Katharina von Bora trauen ließ. Ihr Ehering,

ein Geschenk des dänischen Königs,

befindet sich heute im Stadtgeschichtlichen

Museum Leipzig. Die Hochzeitsfeier fand

zwei Wochen später statt. An sie erinnert

noch heute das Fest „Luthers Hochzeit“.

Luthers Heirat fand nur wenig Beifall in einer

Zeit, in der die Fürsten mit Luthers Billigung

die Bauernaufstände niederschlugen. Katharina

Luther wurde als „schamlose entsprungene

Nonne“ geschmäht. Doch sie entpuppte sich

schnell als ungewöhnlich tüchtige Hausfrau

und Wirtschafterin, die selbst ihren Kritikern

Respekt abnötigte. Das Paar hatte sich im

Schwarzen Kloster niedergelassen, dem heutigen

„Lutherhaus“, das Kurfürst Johann der

Beständige, der seinem Bruder Friedrich dem

Weisen nachfolgte, den Luthers zur Verfügung

gestellt hatte. Dort wurden sechs Kinder gebo-

Für seine geschäftstüchtige Frau erwarb Luther

1540 das Gut Zöllsdorf in der Nähe von Borna,

wo sie nun oft mehrere Wochen verbrachte.

Zu ihrem „Gütlein“ in der alten Heimat

gelangte sie in zwei Tagesreisen mit dem Pferdefuhrwerk.

In ihrem neuen Reich produzierte

sie ansehnliche Mengen an Nahrungsmitteln

für ihren großen Haushalt in Wittenberg und

die vielen Gäste der Luthers. Zöllsdorf und das

Gut fielen dem Braunkohletagebau zum Opfer.

Aus dem Wohnzimmer des Gutes haben sich zwei

Medaillons mit den Portraits seiner berühmten

Besitzer erhalten, die nun in der Kirche

Kieritzsch zu sehen sind. Eine Gedenktafel,

die aus den Trümmern gerettet werden konnte,

hängt in der Katharina-Luther-Kapelle in

Lippendorf, dem ehemaligen Medewitzsch.

Das Zöllsdorfer Lutherdenkmal mit den Bildnissen

des Paars steht nun im Zentrum von

Neukieritzsch.

Flucht und Tod

Als Martin Luther 1546 starb, wurde sein Testament

zunächst nicht anerkannt. Die Einsetzung

von Katharina als Alleinerbin widersprach

dem Sachsenspiegel, dem gültigen Rechtsbuch.

Erst ein Machtwort des sächsischen Kurfürsten

Johann Friedrich der Großmütige verhalf ihr zu

ihrem Erbe. Sie floh aus Wittenberg vor dem

Schmalkaldischen Krieg, kam danach aber wieder

wirtschaftlich auf die Füße. Wegen der Pest

und Missernten floh sie im Herbst 1552 erneut.

Vor den Toren der Stadt Torgau hatte sie einen

Unfall, bei dem sie sich den Beckenknochen

brach. Drei Wochen später starb sie in einem

Wohnhaus in der Torgauer Innenstadt. In ihrem

Sterbehaus befindet sich heute das Museum

„Katharina-Luther-Stube“, das mit zeitgenössischen

Grafiken und Gegenständen der Alltagskultur

an die Lutherin erinnert. Begraben ist sie

in der Torgauer Marienkirche, in der auch ihr

Epitaph zu sehen ist.

24

Ruine des Klosters Marienthron in Nimbschen

von oben: Zöllsdorfer Lutherdenkmal in Neukieritzsch | Katharina-Luther-Stube

in Torgau | Epitaph der Katharina Luther | Folgeseite: Marienkirche in Torgau

25


26

27


Förderer des neuen Glaubens

FördereR

des Neuen

Glaubens

Als der Wettiner Heinrich von Eilenburg 1089 Markgraf von Meißen wurde, konnte niemand ahnen,

dass die Herrschaft seiner Familie über Sachsen 829 Jahre dauern sollte. Ein einzigartiges Zeugnis

dieser Erfolgsgeschichte ist der Fürstenzug, der sich an der Rückwand des Stallhofs des Dresdner Schlosses

befindet. Ursprünglich 1872-76 in Sgraffitomalerei gestaltet, wurde er 1907 wegen Verwitterung

auf Meissener Porzellankacheln übertragen. Außer dem letzten König sind auf dem größten Porzellanbild

der Welt in realistischer Weise alle Markgrafen, Kurfürsten und Könige aus dem Haus Wettin dargestellt,

darunter auch diejenigen, deren Namen untrennbar mit der Reformation verbunden sind:

Die schützende Hand

Eigentlich war er ein Musterkatholik, doch ohne

ihn hätte es die Reformation vielleicht gar nicht

gegeben. Friedrich der Weise regierte das Kurfürstentum

Sachsen von 1486 bis 1525. Geboren

auf Schloss Hartenfels in Torgau, machte er Wittenberg

zu seiner Hauptresidenz und ließ ein neues

Schloss anstelle der alten Burg errichten, von

dem heute nur der Nordostflügel, die Schlosskirche,

erhalten ist, an deren Tür Martin Luther

seine Thesen schlug. Den theologischen Überlegungen

Luthers stand Friedrich zurückhaltend

gegenüber und er empfing den Reformator niemals

persönlich. Er schützte ihn aber aus politischen

Gründen, weil er die Macht des Kaisers und das

immer geldgieriger werdende Papsttum schwächen

wollte. Vom päpstlichen Nuntius Girolamo

Aleandro, einem erbitterten Gegner Luthers,

musste Friedrich der Weise sich aufgrund seines

großen Leibesumfangs als „fettes Murmeltier“

bezeichnen lassen. Der Kurfürst war stets um

Ausgleich bemüht und versuchte, kriegerische

Auseinandersetzungen zu vermeiden, was ihm

seinen Beinamen einbrachte. Erst auf dem Sterbebett

empfing er das Abendmahl in beiderlei

Gestalt, als spätes Bekenntnis zur Reformation.

Noch zu seinen Lebzeiten begann der Ausbau

von Schloss Hartenfels, dass dann Hauptresidenz

seiner Nachfolger wurde. Ein Standbild Friedrich

des Weisen befindet sich in der von ihm

begründeten Bergstadt Buchholz im Erzgebirge,

die später mit dem albertinischen Annaberg vereinigt

wurde.

0628

von links: Fürstenzug in Dresden | Büste Friedrichs des Weisen am

Schloss Hartenfels in Torgau | Wappen des Kurfürstentums Sachsen am Schloss Hartenfels | Denkmal

Friedrichs des Weisen in Annaberg-Buchholz

29


Förderer des neuen Glaubens

ging an seinen Vetter Herzog Moritz von Sachsen

über, ebenso der Kurkreis um Wittenberg und

weitere ernestinische Gebiete. Auch Torgau gehörte

nun zum Gebiet der Albertiner und verlor

an Bedeutung, so dass nun Dresden bald im Zentrum

reformatorischer Politik stand.

Der ungewollte Erbe

Beständigkeit und Großmut

Nach dem Tod Friedrichs wurde sein Bruder

Johann Kurfürst, der bereits seit dem Tod ihres

Vaters Ernst Mitregent gewesen war. Johann

stand der Reformation positiv gegenüber und

pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zu den

Reformatoren, was ihm seinen Beinamen „der

Beständige“ einbrachte. Unter ihm wurde Torgau

zum politischen Zentrum der Reformation. 1526

wurde der Torgauer Bund gegründet, eine Interessenvereinigung

protestantischer Landesherrn.

Sein ältester Sohn Johann Friedrich, genannt „der

Großmütige“, folgte ihm 1532 nach. Er vollendete

den Ausbau von Schloss Hartenfels. So entstand

1533-36 die „unglaubliche Treppe“, der

Große Wendelstein, der Architekten noch heute

Rätsel aufgibt. Wie eine Spindel schwingt er sich

ohne Stütze über zwei Stockwerke nach oben.

Am oberen Portal befindet sich die erste plastische

Darstellung Luthers in einem Medaillon. 1544

wurde die Schlosskirche als weltweit erster protestantischer

Kirchenneubau eingeweiht. Johann

Friedrich war ein großer Förderer der Reformation,

erwies sich aber als eigensinnig und politisch

wenig talentiert. Mit seiner kaiserfeindlichen

Haltung löste er den Schmalkaldischen Krieg mit

aus, der 1547 mit der Schlacht bei Mühlberg und

seiner Gefangennahme endete. Die Kurwürde

Die „Väterliche Ordnung“, die der erste Albertiner,

Herzog Albrecht von Sachsen 1499 erlassen

hatte, sollte sich als segensreich erweisen. Sie

schloss künftige Teilungen des Herrschaftsgebiets

aus, so dass das albertinische Sachsen im Gegensatz

zu den ernestinischen Landen niemals

zerfiel. Heinrich, Sohn Albrechts und Bruder

des Herzogs Georg der Bärtige, verzichtete im

„Brüderlichen Vertrag“ von 1505 auf die Thronfolge

zugunsten von Georgs Sohn Johann und erhielt

dafür die Ämter Freiberg und Wolkenstein.

Er lebte auf Schloss Freudenstein in Freiberg,

wo heute die schönste Mineraliensammlung der

Welt zu finden ist. Die von ihm aufgrund von

reichen Silbererzfunden gegründete Bergstadt

Marienberg ließ er auf planmäßigem Grundriss

errichten. In seinen Herrschaftsgebieten machte

Heinrich, später genannt „der Fromme“,

eine eigenständige Politik. Während seine Frau

Katharina schon nachweislich seit 1525 eine

Anhängerin Luthers war, näherte sich Heinrich

den Lehren des Reformators nur schrittweise an.

Bei einem Aufenthalt in Torgau im Jahr 1531

hörte das Herrscherpaar Luther erstmals predigen.

Fünf Jahre später trat ein evangelischer Prediger

sein Amt in Freiberg an und 1537 wurde

das Abendmahl im Freiberger Dom erstmals in

beiderlei Gestalt gereicht. Auf der berühmten

Tulpenkanzel, einem Meisterwerk des Bildhauers

Hans Witten, starb ein Jahr später der erste

Superintendent Nikolaus Hausmann, ein enger

Freund Luthers, bei seiner Antrittsrede. Heinrich

und sein Sohn Moritz waren da bereits Mitglieder

im Schmalkaldischen Bund geworden. Nach dem

Tod Georg des Bärtigen, der nach dem Ableben

seiner Söhne mit allen Mitteln versucht hatte, seinen

Bruder als Nachfolger zu verhindern, verließ

Heinrich den katholischen Trauergottesdienst im

Meißner Dom, um sich von seinem Hofprediger

30

Schloss Hartenfels mit Großem Wendelstein

von oben: Rathaus in Marienberg | Porträt Heinrichs des Frommen von Lucas Cranach d.Ä. aus der

Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden Folgeseite: Terra Mineralia im Schloss Freudenstein in Freiberg

31


32

33


Förderer des neuen Glaubens

in der Albrechtsburg eine evangelische Trauerund

Trostpredigt halten zu lassen. Danach führte

er im Herzogtum Sachsen die Reformation ein,

was offiziell mit einem festlichen Abendmahlgottesdienst

in der Dresdner Kreuzkirche am

6. Juli 1539 vollzogen wurde. Dadurch entstand

auch die heutige Evangelisch-Lutherische Landeskirche

Sachsens. Nach zweieinhalb Jahren

Regentschaft starb Heinrich und wurde als erster

Wettiner im Freiberger Dom bestattet.

Ungeklärte Widersprüche

Herzog Moritz von Sachsen gehört zu den widersprüchlichsten

Persönlichkeiten der Politik im

16. Jahrhundert. Für die Einen war er der „Judas

von Meißen“, der die Sache der Protestanten

im Schmalkaldischen Krieg verriet, für die

Anderen war er der „Erretter des evangelischen

Glaubens“, der den Kaiser zum Passauer Vertrag

zwang, der wiederum zum Augsburger Religionsfrieden

führte. Moritz wurde in Freiberg auf

Schloss Freudenstein geboren. Seine Amme war

Elisabeth von Hessen - Frau des kränklichen Erbprinzen

Johann Sohn Georgs des Bärtigen - die

später in ihrem Witwensitz, den Ämtern Rochlitz

und Kriebstein, zum Ärger ihres Schwiegervaters

die Reformation einführen ließ. Herzog Georg

übernahm selbst die Erziehung von Moritz, der

von den großen Fähigkeiten seines Onkels sehr

profitierte. Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige,

bei dem er sich später aufhielt, verachtete

er jedoch. So waren es nicht nur Machtbestrebungen,

die Moritz, der 1541 seinem Vater Heinrich

dem Frommen als Herzog nachgefolgt war, auf

die Seiten des katholischen Kaisers trieben, um

nach der Schlacht bei Mühlberg seinem ungeliebten

ernestinischen Verwandten die Kurwürde

abzunehmen. Unter seiner Herrschaft bildete

sich nun ein sächsischer Flächenstaat aus, der

bis zu den napoleonischen Kriegen bestehen

sollte und in halber Größe noch heute Bestand

hat. Das Dresdner Schloss wurde unter Moritz

prächtig im Renaissancestil ausgebaut. Darin

befinden sich heute einige der weltberühmten

Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Auch die neue evangelische Schlosskapelle

34

links: Tulpenkanzel im Freiberger Dom von oben: Porträt des Kurfürsten Moritz von Sachsen

aus der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden | Dresdner Residenzschloss | Moritzmonument an der

Brühlschen Terrasse in Dresden

35


Förderer des neuen Glaubens

wurde gebaut. Moritz ließ in Dresden die alte

Stadtmauer abtragen und durch ein modernes

Festungssystem ersetzen. Als einziges der neuen

Stadttore hat sich das Ziegeltor bis heute erhalten,

das im Museum Festung Dresden unter

der Brühlschen Terrasse besichtigt werden kann.

Auch Leipzig ließ Moritz befestigen, wovon noch

die Moritzbastei zeugt. Sein Jagdhaus nahe Dresden,

das von einer Wehrmauer mit vier Türmen

umgeben war, wurde später zu einem prächtigen

Schloss umgebaut und nach ihm benannt. Auch

um die Bildung machte sich Moritz verdient.

Er gründete die Fürstenschulen in Meißen, Pforta

und Grimma und stellte die Leipziger Universität

auf eine „neue Fundation“. Nach dem Übergang

der Kurwürde an Moritz kam auch noch die

Universität Wittenberg unter die Kontrolle des

Dresdner Hofes. Ein Misserfolg waren die auf

Wunsch von Moritz erarbeiteten Leipziger Artikel,

die zu einer tiefen Spaltung der Lutheraner führten.

Mysteriös bleibt der Tod des Kurfürsten im

Alter von nur 32 Jahren nach der Schlacht bei

Sievershausen, wo er an einer scheinbar harmlosen

Schussverletzung starb. Sein Harnisch mit

dem Einschussloch befindet sich heute im Freiberger

Dom, wo er seine letzte Ruhe fand. Das

gewaltige, dreistöckige Moritzmonument mit

der lebensgroßen, knienden Figur des Kurfürsten

nimmt die Mitte der kurfürstlichen Begräbniskapelle

ein, die das bedeutendste Werk des Manierismus

nördlich der Alpen ist. Ein weiteres Denkmal

ist das Dresdner Moritzmonument, das erste

historische Denkmal in Sachsen, das sein Bruder

und Nachfolger August errichten ließ. Das Original

befindet sich im Museum Festung Dresden,

während eine Kopie an der Außenmauer der

Jungfernbastei angebracht wurde.

Protestantische Führungsmacht

Wie sein Bruder Moritz wurde August von Sachsen

auf Schloss Freudenstein geboren. 1548 heiratete

er in Torgau Anna von Dänemark. Das

Paar sollte als „Vater August“ und „Mutter Anna“

in die sächsische Geschichte eingehen. Als Kurfürst

führte August sein hochverschuldetes Land

in den Jahren von 1553 bis 1586 zu neuer wirtschaftlicher

Blüte. Er förderte den Bergbau, das

- noch heute betriebene - Klöppeln im Erzgebirge

und das Forst- und Jagdwesen. Sein Herrschaftsgebiet

konnte er erweitern, endlich auch um die

Stiftsgebiete der Bistümer Meissen, Merseburg

und Naumburg/Zeitz. Ein prächtiges Beispiel für

die umfangreichen Bautätigkeiten des Kurfürsten

ist das Jagdschloss Augustusburg, die „Krone des

Erzgebirges“, in dem heute unter anderem das

größte Motorradmuseum Europas untergebracht

ist. 1560 gründete August die Kunstkammer,

aus der die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

hervorgingen, deren Museen sich heute im

Wesentlichen im Dresdner Schloss, im Dresdner

Zwinger und im Albertinum befinden. Das Museum

für Sächsische Volkskunst ist im Jägerhof,

den August an Stelle des Augustinerklosters erbauen

ließ, welches auch Martin Luther in seiner

Ordenszeit besucht hatte. Der Augsburger

Religionsfrieden stiftete Frieden zwischen den

Konfessionen und machte den jeweiligen Landesherrn

für die Religion seiner Untertanen verantwortlich.

Unter dem Einfluss seiner Frau wandte

sich Kurfürst August später vom Melanchthon-

Anhänger zum orthodoxen Lutheraner. Ab 1574

ging er mit aller Härte gegen Calvinisten vor.

Die auf seine Veranlassung hin erarbeitete Konkordienformel

trug zwar zur Einigung der verschiedenen

lutherischen Strömungen bei, machte

aber eine Annäherung an die Reformierten unmöglich.

Das Konkordienbuch von 1580, das

wie die Konkordienformel in Dresden gedruckt

wurde, fasste alle sogenannten symbolischen

Schriften der lutherischen Kirche in einem Werk

zusammen. Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen

Landeskirche Sachsens und anderer evangelischen

Kirchen werden noch heute im Rahmen ihrer

Ordination auf das Konkordienbuch verpflichtet.

Unter Kurfürst August wurde Sachsen der Ehrentitel

„Mutter der Reformation“ verliehen.

36

von links: „Vater August und Mutter Anna“ | Festung Dresden | Eingangsportal des Schlosses Augustusburg

Augustusburg mit Schloss Folgeseite: Schloss Moritzburg

37


38

39


Die katholische Seite

Die

Katholische

Seite

Ein Gitter in der Mitte des Bautzner Doms markiert die Grenze zwischen der katholischen und der

evangelischen Hälfte des Gotteshauses. Viel trennender war aber die Mauer, die einst an dieser Stelle

stand. Und über den beiden nebeneinander liegenden Eingängen zu den Kirchenhälften hängt seit

1979 ein Abendmahlsbild, das die Sehnsucht vieler Christen nach Einheit zum Ausdruck bringt.

Die Gegensätze aus der Reformationszeit sind zweifellos nicht völlig überwunden. Und dennoch spielt

der Katholizismus im Mutterland der Reformation schon lange wieder und mancherorts auch immer

noch eine wichtige Rolle:

Personifizierter Missstand

„Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus

dem Fegfeuer springt!“ Mit solchen und ähnlichen

marktschreierischen Sprüchen versprach

der Dominikanermönch Johann Tetzel zu Zeiten

Luthers Befreiung von allen Sünden. Noch im

15. Jahrhundert war der Ablasshandel streng geregelt

gewesen. Nur bestimmte Sünden konnten

durch Geld erlassen werden und dies nur bei tätiger

Reue. Aber nun brauchte die Kirche Geld: Der

Papst beanspruchte die Hälfte von Tetzels Erlösen

für den Bau des Petersdomes und Tetzels Auftraggeber

Albrecht von Brandenburg war hochverschuldet,

da er entgegen aller Vorschriften gleichzeitig

Bischof von Magdeburg, Administrator von

Halberstadt und Kurfürst und Bischof von Mainz

war, was sich der Papst durch Gebühren vergüten

ließ. Tetzel war um 1465 in Pirna geboren

worden. Sein Geburtshaus, das heutige „Tetzelhaus“,

ist eines der wertvollsten Gebäude in der

historischen Innenstadt und kann im Rahmen

von Spezialführungen besichtigt werden. 1489

trat Tetzel nach abgeschlossenem Studium in das

Dominikanerkloster St. Pauli in Leipzig ein. In

der Görlitzer Peterskirche und der Annaberger

Annenkirche stehen sogenannte Tetzelkästen, in

denen angeblich die Erlöse aus dem Ablasshandel

gesammelt wurden. Tatsächlich wurde Tetzel in

beiden Städten 1508 nachgewiesen. An der Elbe

in der Nähe von Pirna befindet sich die Tetzelsäule

an einer Stelle, wo der Mönch gepredigt

haben soll. Als Luther 1514 nicht nur Theologieprofessor,

sondern auch Prediger in Wittenberg

40

von links: Augustusplatz Leipzig mit Paulinum | Tetzelhaus in Pirna |

Tetzelkasten in der Görlitzer Peterskirche | Trenngitter im Dom St. Petri zu Bautzen

41


Die katholische Seite

wurde, musste er feststellen, dass viele Menschen

nicht zu ihm zur Beichte kamen, sondern lieber

Ablassbriefe kauften. Den Ablasshandel kritisierte

Luther scharf und machte ihn auch zum Inhalt

seiner 95 Thesen. Tetzel starb 1519 in Leipzig an

der Pest und wird in der Klosterkirche der Dominikaner,

der Paulinerkirche, begraben, an deren

Stelle heute das Paulinum steht. Noch kurz vor

seinem Tode hatte er von Luther einen Trostbrief

erhalten: „Er soll sich unbekümmert lassen, denn

die Sache sei von seinetwegen nicht angefangen,

sondern das Kind habe einen anderen Vater.“

Kämpfer für die Einheit

Eigentlich sollte er eine geistliche Laufbahn einschlagen.

Aber Georg, genannt der Bärtige, Sohn

Albrechts des Beherzten, des Begründers der

albertinischen Linie der Wettiner, wurde schon

früh in die Regierungsgeschäfte eingebunden. Im

Jahr 1500 folgte er seinem verstorbenen Vater als

Herzog von Sachsen nach und regierte das Land

39 Jahre lang von Dresden aus. Tief im Glauben

verwurzelt, verfolgte er die negativen Erscheinungen

des kirchlichen Lebens und versuchte die

Kirche zu reformieren. Letztendlich bekämpfte

er aber nur die Symptome und scheiterte am

Widerstand des Klerus. Luthers Thesen stand er

zunächst offen gegenüber. Nach der von ihm angeordneten

Leipziger Disputation auf der Pleißenburg

wurde er zum erbitterten Gegner Luthers.

Obwohl er sich weiterhin Reformen wünschte,

wollte er unbedingt die Einheit und Autorität der

Kirche erhalten und ketzerischem Gedankengut

keine Chance geben. Damit verschlechterte sich

auch das Verhältnis zum Kurfürstentum Sachsen,

wo Friedrich der Weise Luther gewähren ließ.

Herzog Georg verfolgte die Anhänger der Reformation

in seinem Territorium und ließ antireformatorische

Schriften verbreiten, musste aber auch

mit ansehen, wie in späteren Jahren sein Bruder

Heinrich der Fromme und seine Schwiegertochter

Elisabeth von Hessen in ihren Territorien die

Reformation einführten. Mit einem Testament

versuchte er zu verhindern, dass sein Bruder

ihm nachfolgte, was ihm allerdings nicht gelang.

Georg fand als letzter Wettiner seine Ruhestätte

42

links: Schlossplatz mit Georgentor in Dresden von oben: Meißen mit Burgberg | Chor des Meißner Doms

43


Die katholische Seite

im Dom zu Meißen, wo er in der Georgskapelle

beigesetzt wurde. Ein überlebensgroßes Reiterstandbild

des Herzogs findet sich am Georgentor

des Dresdner Schlosses.

Vom Bistum zum Bistum

Nachdem Herzog Heinrich der Fromme 1539

die Reformation im albertinischen Sachsen eingeführt

hatte, war auch das Schicksal des katholischen

Bischofs von Meißen scheinbar besiegelt.

Doch er zog sich auf seine Territorien zurück,

die im Gebiet um Stolpen, Wurzen und Mügeln

lagen. Erst 1581 gab der letzte Bischof unter dem

Druck des Kurfürsten auf. Am Schloss in Wurzen,

das heute ein Hotel ist, erinnert das Bischofswappen

an die Zeit, in der die Meißner Bischöfe

in diesem spätgotischen Bauwerk residierten.

Bereits 1567 hatte der Papst die Gebiete des

Bistums Meißen in den Lausitzen, die damals zum

habsburgischen Reich gehörten, als Apostolische

Präfektur Meißen mit Sitz in Bautzen verselbstständigt.

Reformatorische Gedanken fassten aber auch

dort schnell Fuß, insbesondere auch bei der sorbischen

Minderheit. Der Diözesanadministrator

Johann Leisentritt betrieb eine kluge Politik des

Ausgleichs, so dass es auch für den Bautzner

Dom zu einer ungewöhnlichen Lösung kam. In

der ältesten Simultankirche Deutschlands nutzen

Katholiken und Protestanten jeweils eine Kirchenhälfte.

1921 wurde die Apostolische Präfektur

wieder zum Bistum Meißen erhoben. Davon

zeugt noch die Domschatzkammer im ehemaligen

Bischofssitz in Bautzen. Eine Umbenennung

in „Bistum Dresden-Meißen“ erfolgte 1979 und

ein Jahr später verlegte der Bischof seinen Sitz

nach Dresden, wo er heute im wiedererrichteten

Kanzleihaus des Dresdner Schlosses residiert.

Klösterliches Leben

In der Oberlausitz haben zwei Klöster der Zisterzienserinnen

alle Wirren der Zeit überlebt. Das

Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau

wurde im Jahr 1248 gegründet. Die mit einer barocken

Fassade versehene Klosterkirche wird von

dem für die Zisterzienser typischen Dachreiter

gekrönt. Bis ins 19. Jahrhundert war die Äbtissin

Herrin über rund sechzig Dörfer und zwei Städte,

Wittichenau und Bernstadt auf dem Eigen.

In diesen Gebieten blieb die sorbische Kultur

und Sprache besonders lebendig. Die Bräuche

der Sorben zu Ostern locken viele Besucher an.

Die Osterreiter ziehen festlich geschmückt von

Dorf zu Dorf, vorbei an den typischen Wegekreuzen,

um die Auferstehung Christi zu verkünden.

Sehenswert sind auch die Wallfahrtskirche

in Rosenthal, wo ein Marienbildnis verehrt wird

und der Friedhof von Ralbitz. Das Kloster St.

Marienthal in Ostritz besteht sogar schon seit

1234. In den Klosteranlagen ist auch ein internationales

Begegnungszentrum untergebracht,

in dem Übernachtungen möglich sind. An der

Zwickauer Mulde belebten 1993 die Benediktiner

aus Ettal das Kloster Wechselburg wieder,

ein ehemaliges Augustiner-Chorherrenstift und

somit einst zum Orden Luthers gehörend. Die

noch erhaltene Stiftskirche ist eine spätromanische

Basilika. Ihr Lettner gehört zu den herausragenden

Zeugnissen deutscher Kunst des

13. Jahrhunderts.

44

von oben: Domschatzkammer in Bautzen | Stallhof des Dresdner Schlosses mit Kanzleihaus |

Betsäule in der katholischen Oberlausitz | Nonne im Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau

Stiftskirche Wechselburg mit Lettner

45


Die katholische Seite

Verrat am Volk

Heimlich ließ sich der sächsische Kurfürst von

seinem Onkel im katholischen Glauben unterrichten.

Ebenso heimlich trat Friedrich August

I, genannt „August der Starke“, am 1. Juni 1697

in der Hofkapelle zu Baden bei Wien zum Katholizismus

über. Öffentlich machte er seinen

Glaubenswechsel vor polnischen Gesandten im

schlesischen Deutsch-Piekar, denn er wollte unbedingt

König von Polen werden, was ihm unter

großem Aufwand auch gelang. Mit seinem Übertritt

verlor Sachsen die Führungsrolle unter den

evangelischen Reichsständen. Obwohl August

seinen Untertanen offiziell versicherte, dass seine

Handlung keinerlei Konsequenzen für sie habe,

entfremdete sich damit das wettinische Herrscherhaus

doch von seinem Volk. Ein sichtbares

Indiz dafür ist die ambivalente Darstellung

Augusts des Starken auf dem Dresdner Fürstenzug

– sein Pferd zertrampelt mit einem Huf die

Lutherrose. Durch den nunmehr katholischen

Kurfürsten und polnischen König kamen viele

Katholiken an den Hof. Katholische Gottesdienste

wurden unter August aber nur in der umgestalteten

Hofkapelle abgehalten. Erst sein Sohn ließ

von 1739-51 die katholische Hofkirche erbauen,

in der dann auch die katholischen Wettiner bestattet

wurden. Seit 1980 ist sie die Kathedrale

des Bistums Dresden-Meißen. Im überraschend

schlichten Inneren fallen die große Silbermann-

Orgel, die reich verzierte Kanzel und die moderne

Pietà aus Meissener Porzellan auf. Ungewöhnlich

ist der Prozessionsumgang. Friedrich

August II. wollte das Volk nicht mit katholischen

Riten in der Öffentlichkeit provozieren. Ironie

der Geschichte: Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs

blieben auch die katholischen Herrscher

aus dem Hause Wettin nominell Oberhaupt der

Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen

und „Hüter des Protestantismus“.

46

von links: Kloster St. Marienstern | Dresdner Kathedrale und Semperoper |

Silbermann-Orgel in der Dresdner Kathedrale | Folgeseite: Kloster St. Marienthal in Ostritz

47


48

49


Auswirkungen der Reformation auf Architektur, Kunst und Musik

AUSWIRKUNGEN DER

REFORMATION AUF

ARCHITEKTUR, KUNST

UND MUSIK

Luther und kein Ende - In der Gründerzeit, als die Einwohnerzahl in den Städten rasant zunahm,

erhielten viele neugebaute Kirchen in Sachsen und anderswo in Deutschland den Namen des Reformators.

Auch viele neue Lutherdenkmäler entstanden, darunter das vor der Dresdner Frauenkirche, welches im

Krieg vom Sockel fiel und wieder aufgerichtet wurde. Zum 400. Geburtstag Martin Luthers wurde 1883

das erste gemeinsame Gesangbuch für alle Regionen Sachsens herausgegeben. Der Einfluss auf Architektur,

Kunst und Musik, der von der Reformation ausging, wurde so noch einmal ganz deutlich gemacht.

Er lebt bis heute fort:

Der erste protestantische

Kirchenneubau

„Es soll dies Haus dahin gerichtet sein, dass nichts

Anderes darin geschehe, denn dass unser lieber Herr

selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort, und

wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.“

Mit diesen Worten weihte Martin Luther

am 5. Oktober 1544 die weltweit erste neugebaute

evangelische Kirche im Torgauer Schloss Hartenfels

ein. Obwohl sie sich in den räumlichen Ablauf des

Schlosses einpassen musste, wurde in diesem Bauwerk

erstmals das geistliche Programm der Reformation

in Architektur und Kunst umgesetzt. Ganz

nach dem Wunsch Luthers gibt sich das Gotteshaus

schlicht. Im Zentrum steht die Kanzel zur Verkündigung

des Wortes, deren Bildmotive von Lucas

Cranach stammen, der auch für die Farbgestaltung

des gesamten Innenraums zuständig war. Obwohl

Schloss Hartenfels schon wenige Jahre nach der

Einweihung der Kirche an Bedeutung verlor, ist es

doch das besterhaltene Schloss der Frührenaissance

in Deutschland. Die Schlosskirche zeigt sich heute

fast unverändert und wurde zum Vorbild für viele

andere protestantischen Gotteshäuser.

Manifest des Glaubens

„Das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit“, der Wahlspruch

der protestantischen Wettiner, steht in

abgekürzter lateinischer Form auf der Tür des

Goldenen oder Schönen Tores, einem Meisterwerk

der deutschen Renaissance. Das gesamte

Bildprogramm des Portals ist ein Manifest des

protestantischen Glaubens, das seinesgleichen

50

von links: Kirche im Schloss Hartenfels in Torgau |

Detail des Eingangsportals der Schlosskirche | Schlosshof | Detail der Tür des Goldenen Tores

51


Auswirkungen der Reformation auf Architektur, Kunst und Musik

sucht. Moritz von Sachsen hatte nach dem Erwerb

der Kurwürde in seinem Residenzschloss

in Dresden eine neue Schlosskapelle nach dem

Vorbild der Torgauer Schlosskirche errichten lassen,

deren Eingang würdig und repräsentativ gestaltet

werden sollte. August der Starke wandelte

die Schlosskapelle in ein katholisches Gotteshaus

um. Nach dem Bau der Hofkirche wurde sie zu

Wohnräumen umgebaut. Das Portal wurde in die

Sophienkirche eingebaut, die in den sechziger

Jahren auf Wunsch von DDR-Staatschef Walter

Ulbricht gesprengt wurde. An sie erinnert heute

die Gedenkstätte „Busmannkapelle“. Danach

landete das Schöne Tor am Neumarkt, wo es

reichlich verloren neben dem Johannäum stand.

Nun ist es an seinen ursprünglichen Platz zurückgekehrt.

Im Rahmen des Wiederaufbaus des

Dresdner Schlosses wird auch die Schlosskapelle

in ihrer Kubatur wieder hergestellt. Eine besondere

Herausforderung war die Rekonstruktion

des berühmten Schlingrippengewölbes. Künftig

soll die Schlosskapelle wieder als Veranstaltungsort

genutzt werden, denn schon früher war sie für

musikalische Aufführungen berühmt.

Protestantismus in Vollendung

Das Standbild Martin Luthers lag zerbrochen im

Staub. Die dahinter stehende Frauenkirche am

Neumarkt war nur noch eine Ruine, nachdem

zwei Tage nach der Bombardierung Dresdens

ihre berühmte Kuppel, die „Steinerne Glocke“,

durch starke Hitzeeinwirkung herabgestürzt war.

So erscheint es wie ein Wunder, dass das barocke

Meisterwerk am 30. Oktober 2005 nach zwölf

Jahren originalgetreuen Wiederaufbaus mit Hilfe

von Spenden aus aller Welt wieder eingeweiht

werden konnte. In den Jahren der DDR hatten

die Dresdner die Kirchenruine zum Mahnmal

für den Frieden gemacht und dadurch vor dem

Abriss bewahrt. Heute prägt die Frauenkirche

wieder die berühmte Silhouette der Dresdner

Altstadt, wie schon zu Zeiten August des Starken.

Als Folge seines Übertritts zum katholischen

Glauben ließen die Bürger von Dresden durch

George Bähr, der zuvor zwar ähnliche, aber viel

kleinere Kirchen erbaut hatte, eine neue evangelische

Kirche errichten. Der Baumeister stand vor

52

von oben: Detail des Altars der Dresdner Frauenkirche | Konzert in der Frauenkirche | Lutherdenkmal vor

der Frauenkirche rechts: Dresdner Neumarkt mit Frauenkirche | Folgeseite: Innenraum der Frauenkirche

53


54

55


Auswirkungen der Reformation auf Architektur, Kunst und Musik

der gewaltigen Herausforderung, 5.000 Plätze auf

sehr begrenztem Raum zu schaffen. Es entstand

eine gewagte Konstruktion, die zugleich die Vollendung

des Kirchenbaus nach Luthers Idealen

darstellt. Die Gemeinde ist um das Wort versammelt,

während der Altar in den Hintergrund tritt.

Seit der Wiedereröffnung ist die Frauenkirche zu

einem lebendigen Ort der Begegnung geworden.

Mit ihr ist auch der Dresdner Neumarkt in alter

Pracht wiederauferstanden.

Weltberühmte Sammlungen

Als Kurfürst August im Jahr 1560 die Kunstkammer

einrichtete, legte er damit den Grundstein

für weltberühmte Sammlungen. Heute zählen die

Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu den

bedeutendsten Museumsverbünden überhaupt.

Die einzelnen Museen sind in wertvollen Gebäuden

untergebracht wie dem Dresdner Zwinger,

einem Meisterwerk der barocken Architektur,

dem Albertinum, einem ehemaligen Zeughaus,

oder dem Jägerhof, dass an der Stelle des Augustinerklosters

steht, welches Luther einst besuchte.

Im Dresdner Residenzschloss wird man nach

Vollendung des Wiederaufbaus eine Zeitreise

durch die Renaissance und den Barock machen

können. Die Staatlichen Kunstsammlungen verfügen

über den größten Fundus von Stücken

aus der Reformationszeit. So befinden sich der

Siegelring, die Hauswehr und der Mundbecher

Martin Luthers im Grünen Gewölbe, der legendären

Schatzkammer der sächsischen Kurfürsten.

Die Rüstkammer besitzt Prunkwaffen mit reformatorischen

Motiven und Rüstungen sächsischer

Herrscher. Und die Gemäldegalerie Alte Meister

beherbergt eine große Sammlung bedeutender

Gemälde aus dem 16. Jahrhundert. In den Archiven

anderer Dresdner Einrichtungen finden

sich ebenfalls wertvolle Stücke: In der architektonisch

interessanten Sächsischen Landes- und

Universitätsbibliothek lagern Handschriften und

Drucke Luthers und seiner Mitstreiter. Und im

Sächsischen Hauptstaatsarchiv wird das Original

der Bannandrohungsbulle des Papstes gegen den

Reformator aufbewahrt.

Maler der Reformation

Als Kurfürst Friedrich der Weise den Maler Lucas

Cranach d.Ä. als Hofmaler nach Wittenberg berief,

entstand eine äußerst produktive Künstlerwerkstatt,

die vermutlich mehr als 5.000 Werke

schuf. Obwohl Cranach aus seiner Sympathie

für Luther und die Reformation kein Geheimnis

machte und für seine Portraits der sächsischen

Kurfürsten und der Reformatoren berühmt

wurde, arbeitete er auch immer für katholische

Auftraggeber wie Herzog Georg den Bärtigen

oder Albrecht von Brandenburg. Luthers Bibelübersetzung

erschien 1522 mit den Illustrationen

Cranachs. Seine Werkstatt trat er an seinen

ähnlich berühmten Sohn Lucas Cranach d.J. ab,

der sie erfolgreich fortführte. Noch heute trifft

56

von links: Luthers Siegelring im Grünen Gewölbe in Dresden | Dresdner Zwinger |

Altar in der Kirche des Schlosses Augustusburg mit Bild von Lucas Cranach d.J. |

Cranach-Gemälde in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden

57


Auswirkungen der Reformation auf Architektur, Kunst und Musik

man in Wittenberg auf das Leben und Wirken

der Cranachs, so im Cranachhaus und in den

Cranachhöfen, im Lutherhaus und in der Stadtkirche.

Die weltweit größte Sammlung von Gemälden

aus der Cranach-Werkstatt befindet sich

im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen

Dresden. Auch das Museum für Bildende Künste

in Leipzig verfügt über eine stattliche Kollektion.

Besonders bedeutend ist der Altar in der Schneeberger

Wolfgangskirche, der erste monumentale

Reformationsaltar überhaupt, dessen Tafeln als

Katechismuspredigt zu verstehen sind. Vorreformatorisch

sind hingegen der Altar in der Zwickauer

Katharinenkirche und das Gemälde „Die vierzehn

Nothelfer“ in der Torgauer Marienkirche.

Im Meißner Dom finden sich Cranach-Werke am

Laienaltar und in der Georgskapelle. Das Altarbild

in der Kirche von Schloss Augustusburg zeigt

die Familie des Kurfürsten August und ihr evangelisches

Glaubensverständnis. Es hat seinen Platz

niemals verlassen, so wie das Werk der Cranachs

auch noch heute allgegenwärtig ist.

Die Bibel als Bilderbuch

58

Mit der Reformation entstand auch der Anspruch,

allen Menschen Bildung zuteilwerden

zu lassen. Wohl auch aus diesem Grund stoppte

Martin Luther in seinem Einflussbereich den

Bildersturm, denn für ihn und andere gemäßigte

Reformatoren hatten biblische Darstellungen

einen hohen didaktischen Wert in einer Zeit,

in der die meisten Menschen nicht lesen und

schreiben konnten. So blieb auch die mit Formenreichtum

und künstlerischer Vollkommenheit

beeindruckende Ausstattung der Annenkirche

in Annaberg erhalten, die 1525 vollendet

worden war. Der Künstler Franz Maidburg hatte

für die Emporenbrüstungen 100 Reliefs geschaffen,

jeweils zehn Darstellungen der Lebensalter

von Mann und Frau sowie 80 Illustrationen von

biblischen Geschichten. Von Hans Witten stammen

der Taufstein und die wahrhaft „Schöne

Tür“, die einst im Franziskanerkloster eingebaut

war. Eine weitere spätgotische Hallenkirche, die

Pirnaer Marienkirche, war noch im Bau, als die

Reformation im albertinischen Sachsen einlinks:

Bildnis Luthers von Lucas Cranach d.J. im Meißner Dom | Bilderdecke in der Stadtkirche Penig |

Taufstein und Emporenbrüstung der Annenkirche in Annaberg-Buchholz

59


Auswirkungen der Reformation auf Architektur, Kunst und Musik

geführt wurde. In die Felder des Netzgewölbes

wurde daher die sogenannte „Pirnaer Bilderbibel“

gemalt. Sie stellt die umfangreichste und eindrucksvollste

Gewölbemalerei aus der Reformationszeit

dar. Neben Szenen aus dem Alten und

Neuen Testament sind auch die vier Evangelisten

dargestellt, von denen Lukas die Gesichtszüge Luthers

und Markus die Gesichtszüge Melanchthons

trägt. Ein Meisterwerk der Hochrenaissance ist

das sogenannte Biblische Haus in Görlitz, eines

der ca. 3.500 geschützten Gebäude in der Innenstadt,

dem größten Flächendenkmal in Deutschland.

An der Außenfassade befinden sich auf zwei

Ebenen jeweils fünf Darstellungen aus dem Alten

und Neuen Testament. Beeindruckend ist auch

die barocke Bilderdecke in der Stadtkirche „Unser

Lieben Frauen auf dem Berge“ in Penig. Sie besteht

aus siebzig großflächigen Bildtafeln, die jeweils zur

Hälfte Geschichten aus dem Alten und Neuen

Testament illustrieren. Einzigartig in Deutschland

sind die Zittauer Fastentücher, mit denen früher in

der Fastenzeit der Altar zugehängt wurde. Je eines

stammt aus der katholischen und evangelischen

Zeit. Das Große Zittauer Fastentuch zeigt neunzig

Bilder aus der Bibel. Nach wundersamer Rettung

in den Nachkriegstagen wird es heute in der größten

Museumsvitrine der Welt in einer ehemaligen

Kirche in Zittau gezeigt, in der es am angestammten

Platz vor dem Altar hängt.

Urkantor und Hofkapellmeister

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der geistlichen

Anliegen der Reformation kam der Musik

zu. Luther, aufgrund seiner vielen Lieddichtungen

als „Wittenberger Nachtigall“ bezeichnet,

erklärte die Musik zur „Gabe und Geschenk

Gottes, die den Teufel vertreibt und Menschen

fröhlich macht“. Einen Verbündeten fand der

Reformator in Johann Walter, der ab 1520 als

Sänger an der Hofkapelle Friedrich des Weisen

wirkte und nach deren Auflösung Kantor in

Torgau wurde. Er arbeitete an der „Deutschen

Messe“ und anderen Liedern Luthers mit

und gab das erste evangelische Chorgesangsbuch

heraus, das „Geistliche Gesangbüchlein“.

1548 gründete der „Urkantor der Evangelischen

Kirche“ im Auftrag von Kurfürst Moritz in Dresden

die Chursächsische Hofkapelle, die er bis 1554

leitete. Das seit dieser Zeit ununterbrochen spielende

Orchester, heute Sächsische Staatskapelle

Dresden genannt, hat immer zu den führenden

Klangkörpern gehört und wurde von vielen berühmten

Kapellmeistern geleitet, unter ihnen

Heinrich Schütz, Carl Maria von Weber und

60

von links: Großes Zittauer Fastentuch | Theaterplatz mit Semperoper in Dresden |

Innenraum der Semperoper | Folgeseite: Blick von der Semperoper auf den Theaterplatz

61


62

63


Auswirkungen der Reformation auf Architektur, Kunst und Musik

Richard Wagner. Spielstätte des Orchesters in

Dresden ist heute die Semperoper, eines der

schönsten Opernhäuser der Welt.

Vater der deutschen Musik

Dreißig Jahre lang tobte der Krieg, mit dem sich

die Spannungen zwischen Katholiken, Lutheranern

und Calvinisten in der ersten Hälfte des

17. Jahrhunderts entluden. Fast ein Drittel der

deutschen Bevölkerung kam ums Leben. In diesen

Zeiten einer „nahezu qualvollen Existenz“

hob Heinrich Schütz das Niveau der deutschen

Musik in bis dahin unbekannte Höhen und

wurde zum ersten deutschen Komponisten von

Weltrang. Unter konsequenter und meisterhafter

Verwendung der deutschen Sprache schuf er

eine neue Qualität in der protestantischen Kirchenmusik.

Seine Musik war von melancholischer,

schwermütiger Schönheit und wurde von

ihm innovativ in Szene gesetzt. Fast vierzig Jahre

wirkte er in Dresden und wohnte in der heutigen

Heinrich-Schütz-Residenz am Neumarkt, an dessen

Eckerker sich der berühmte Kinderfries befindet.

Heinrich Schütz leitete die Chursächsische

Hofkapelle, die heutige Sächsische Staatskapelle

Dresden. Viele seiner Musikstücke führte er in

der Schlosskapelle auf. Hochgeehrt starb Schütz

im hohen Alter von 87 Jahren und wurde in der

Frauenkirche begraben, wo ein in den Boden eingelassenes

Gedenkband an ihn erinnert, ebenso

eine Stele in der Nähe des Zwingerteichs. In seinem

Geburtsort Bad Köstritz und in Weißenfels,

wo er seine frühen Jahre und seinen Lebensabend

verbrachte, befindet sich jeweils eine Gedenkstätte.

In diesen Städten und in Dresden findet jährlich

das Heinrich Schütz Musikfest statt.

Gipfelpunkt der

lutherischen Kirchenmusik

Als Virtuose, Organist und Orgelinspektor war er

zu Lebzeiten hoch geschätzt, aber seine Kompositionen

waren nur Kennern bekannt und gerieten

bald in Vergessenheit: Erst Mitte des 19. Jahrhunderts

fand Johann Sebastian Bach die Anerkennung,

die er schon lange verdient hatte. Die

letzten 27 Jahre seines Lebens verbrachte der

geniale Musiker in Leipzig, wo er Lehrer an der

64

links: Heinrich-Schütz-Residenz von oben: Bachdenkmal vor der Thomaskirche in

Leipzig | Bach Museum Leipzig | Bach-Grab im Chor der Thomaskirche

65


Auswirkungen der Reformation auf Architektur, Kunst und Musik

Thomasschule und Kantor an der Thomaskirche

war. Dort leitete er auch den heute weltberühmten

Thomanerchor. In Leipzig schrieb Bach viele

seiner bekanntesten Werke, erfüllt vom Geist der

Reformation. Im Haus seines Freundes Georg

Heinrich Bose, gleich gegenüber der Thomaskirche

gelegen, befindet sich heute das Bach-Archiv

mit dem Bach-Museum. Es gehört zu den vielen

Stationen auf der Leipziger Notenspur, auf der die

überaus reichhaltige Musikgeschichte der Stadt

nachgezeichnet ist. Darunter befinden sich auch

die ehemalige Wohnung von Felix Mendelssohn-

Bartholdy, der Bach zur Renaissance verhalf, die

Nikolaikirche, an der Bach die Johannespassion

und das Weihnachtsoratorium uraufführte und

das Museum für Musikinstrumente mit Meisterwerken

aus der Bach-Zeit. Begraben ist Bach in

der Thomaskirche. Sein mutmaßliches Geburtshaus

in Eisenach ist heute unter dem Namen

„Bachhaus Eisenach“ ein Museum. Zu Ehren des

für viele größten Komponisten aller Zeiten findet

jedes Jahr im Juni das Bachfest Leipzig statt.

Himmlische Stimmen

Als die Leipziger Disputation in der Thomaskirche

eröffnet wurde, sang der Thomanerchor eine

zwölfstimmige Motette seines Kantors Georg

Rhau. Zu diesem Zeitpunkt war der Klangkörper

schon 300 Jahre alt. Die Knaben besuchten damals

eine Klosterschule, da die Thomaskirche Teil

eines Augustinerklosters war. Für ihre Ausbildung

mussten sie den liturgischen Gesang verrichten.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, obwohl

der Thomanerchor mittlerweile weltberühmt ist.

So kann man die Knaben auch heute noch jeden

Freitag und Samstag in den Motetten und jeden

Sonntag im Gottesdienst hören, wenn der Chor

nicht auf Tournee ist. Oft erklingen Werke des

ehemaligen Thomaskantors Johann Sebastian

Bach, der wie berichtet wird, nicht immer mit

seinen Sängern zufrieden war. Ganz ähnliche

Pflichten haben die Knaben des Dresdner Kreuzchores,

der in der Kreuzkirche beheimatet ist und

fast so alt und berühmt ist wie der Thomanerchor.

Neben den Werken Bachs pflegt der Chor auch

das Werk von Heinrich Schütz. Dieser hatte die

Hofkapellknaben geleitet, die unter Kurfürst

Moritz von Johann Walter gemeinsam mit der

Chursächsischen Hofkapelle gegründet worden

waren. Mit dem Kirchenübertritt Augusts des

Starken wurde auch der Knabenchor katholisch

und musiziert noch heute als Dresdner Kapellknaben

in der Dresdner Kathedrale, der ehemaligen

Hofkirche.

66

von links: Konzert des Dresdner Kreuzchores in der Kreuzkirche | Dresdner Kreuzchor | Sänger des

Thomanerchores vor der Thomaskirche in Leipzig | Folgeseite: Bachfest in Leipzig

67


68

69


Zeugen des Umbruchs

Zeugen

des

Umbruchs

Ohne die Reformation gäbe es nur wenige „Berufe“ – denn vorher konnte man nur in geistliche Stände

„berufen“ werden. Da das Heil eines protestantischen Christen nur von Gottes Gnade abhing und

nicht mehr von seinen Taten, konnte er nun aber im ganz normalen Leben christliche Verantwortung

übernehmen. Auch alle weltlichen Tätigkeiten wurden so zu „Berufen“, denn auch zu ihnen konnte man

sich nun von Gott berufen fühlen. Da es keinen Grund mehr gab, um des Seelenheils Willen in

einen Orden einzutreten, lösten sich die Klöster schnell auf. Vielerorts überstand nur die Klosterkirche

die Zeiten. Aber manchmal blieb mehr oder – auch nicht immer zum Nachteil - weniger:

Außergewöhnliche Kunst

„Ora et labora – bete und arbeite“ ist die kurz

gefasste Ordensregel der Benediktiner, für die

Kaiser Lothar III. auf einem Berg bei Chemnitz

ein Kloster anlegen ließ. Im Laufe seines vierhundertjährigen

Bestehens wurde das Kloster

mehrfach umgebaut. Kurfürst Moritz wollte das

Gebäude nach der Reformation in seinen Sommersitz

umwandeln. Es entstand jedoch stattdessen

ein Jagdschloss, in das auch die Gebietsverwaltung

einzog. Zahlreiche architektonische

Details des ehemaligen Klosters sind bis heute

erhalten, so der Kreuzgang im Ostflügel. Zusammen

mit dem König-Albert-Museum, der

Villa Esche und dem Museum Gunzenhauser

gehört das Gebäude als „Schloßbergmuseum“

heute zu den Kunstsammlungen Chemnitz.

Das Museum widmet sich hauptsächlich der

Chemnitzer Stadtgeschichte. Die Ausstellung

„Gotische Skulptur in Sachsen“, in der auch das

berühmte Chemnitzer Heilige Grab zu sehen ist,

zeigt jedoch wertvolle Kunstwerke aus Kirchen

in ganz Sachsen. Mit außergewöhnlicher Kunst

wartet auch die Schlosskirche, die ehemalige

Klosterkirche, auf. Das nun im Innern der Kirche

eingebaute ehemalige Nordportal von Hans

Witten und Franz Maidburg stellt Menschheit

und Dreifaltigkeit dar, die durch Maria mit dem

Jesuskind verbunden sind. Einzigartig ist die

Geißelsäule, ebenfalls von Hans Witten, die der

Künstler aus einem Eichenstamm fertigte.

70

von links: Kloster Buch | Ehemaliger Kreuzgang im Schlossbergmuseum in Chemnitz |

Geißelsäule in der Schlosskirche | Schlossbergmuseum und Schlosskirche

71


Zeugen des Umbruchs

Von reicher Herkunft

Er trug seinen Namen zu Recht: Markgraf Otto

der Reiche von Meißen war durch die Silbererzfunde

im heutigen Freiberg zu großem Wohlstand

gekommen und damit war die Grundlage für die

gute wirtschaftliche Entwicklung Sachsens bis hin

ins 20. Jahrhundert gelegt. Otto erhielt 1162 vom

deutschen Kaiser Barbarossa die Erlaubnis, ein

Kloster zu gründen, das auch zur Grablege seiner

Familie werden sollte. Mit dem Einzug von

Zisterziensermönchen begann 1175 die Geschichte

des Klosters Marienzell, das heute als „Altzella“

bekannt ist. Bis zu 250 Mönche lebten in dem

Kloster, das 1540 nach der Reformation aufgelöst

wurde. Der sächsische Hof übernahm den

Besitz, die bedeutende Bibliothek wurde an die

Universität Leipzig übergeben und die Klostergebäude

zur Gewinnung von Baumaterial genutzt.

Erst 1676 nahm sich Kurfürst Johann

Georg II. den Resten der Klosteranlage an und ließ

eine neue Begräbniskapelle zum würdigen Gedenken

an seine Vorfahren errichten, die aber erst 1804

im klassizistischen Stil vollendet werden konnte.

In dieser Zeit entstand ein romantischer Landschaftspark,

der die noch bestehenden Gebäude

und Ruinen mit einbezog und die Künstler des 19.

Jahrhunderts inspirierte. Im komplett erhaltenen

Konversenhaus gibt es Ausstellungen zum Orden

und zur Baukunst der Zisterzienser sowie zur

Buchherstellung im Kloster. Auch eine Herberge

steht Besuchern zur Verfügung. Ein Sinnbild für

die Geschichte des Klosters ist das Klosterportal –

es ist durch Auffüllung eineinhalb Meter tief in der

Erde verschwunden und beeindruckt doch immer

noch durch seine Mächtigkeit.

Von Gut zu Besser

Nicht länger wollte man sich vom Kloster

St. Marien in Buch in geistlichen Dingen führen

lassen – die Bürger von Leisnig richteten

sich lieber nach den Lehren Luthers und nahmen

die Dinge in die eigenen Hände, wie die

Leisniger Kastenordnung zeigt. Für das nahe

der Stadt gelegene Zisterzienserkloster bedeutete

das ein schnelles Ende. Als Abt Antonius

Dietz 1525 starb, verhinderte der sächsische

72

von oben: Ruinen der Klosterkirche im Klosterpark Altzella | Mausoleum der Wettiner im

Klosterpark Altzella | Fackelführung | Konversenhaus | Klosterportal | rechts: Ruine im Klosterpark Altzella

Folgeseite: Gutskirche des Klosters Buch

73


74

75


Zeugen des Umbruchs

Kurfürst die Wahl eines Nachfolgers und hob

das Kloster auf. 1192 waren die Mönche auf

das Klostergelände gezogen. Das Kloster entwickelte

sich prächtig und betrieb erfolgreich

Landwirtschaft und Weinanbau. Nach seiner

Aufhebung wurde das Gelände noch bis 1992

als Gut bewirtschaftet. Heute gehört es einem

Förderverein, der Stück für Stück das ehemalige

Klosterleben wieder sichtbar macht. Viele

Klostergebäude sind noch erhalten und werden

saniert. Die Gutskirche wurde 1678 aus Bauteilen

der Klosterkirche errichtet. Als einziges Gebäude

der Klausur hat sich das Kapitelhaus erhalten.

Darin befindet sich auch ein Necessarium, eine

mittelalterliche Toilettenanlage, wie sie in Europa

nur selten erhalten ist. Das noch vorhandene

Ensemble aus Krankensaal und Kapelle in der

Infirmerie ist ebenfalls eine Rarität. Im Abthaus

stammen noch eine Kassettendecke und der

Dachstuhl aus der Zeit der Erbauung. Die ehemalige

Schmiede konnte ebenfalls denkmalgerecht

saniert werden.

Wechselvolle Geschichte

Zwanzig Jahre lang wurde das Prager Erzbistum im

15. Jahrhundert vom Zittauer Franziskanerkloster

aus verwaltet, weil die Hussitenkriege in Böhmen

wüteten. Hundert Jahre späten waren es die Protestanten,

die nach der Schlacht am Weißen Berg nach

Zittau flohen und im dann aufgehobenen Kloster

einen Gottesdienstraum erhielten. Die Franziskaner

waren 1244 nach Zittau gekommen und hatten

1268 mit dem Klosterbau begonnen. 1543 wurde

das Kloster an den Rat der Stadt übergeben. Die

Klosterkirche wird seit 1598 von der evangelischlutherischen

Kirchgemeinde genutzt, die restlichen

Gebäude gehören heute dem Städtischen Museum

Zittau. Ihr heutiger Zustand spiegelt die wechselvolle

Geschichte des ehemaligen Klosters wieder. Im

Ostflügel hat sich noch viel aus der Zeit der Franziskaner

erhalten, so auch Teile des Kreuzgangs. In den

alten Mönchszellen im Obergeschoss wurden 2008

einzigartige Wandmalereien aus dem 15. Jahrhundert

entdeckt, die einen Jungbrunnen darstellen, zu

dem Menschen aus allen Ständen streben. Am Ende

des Ostflügels ist in einem separaten Raum das Kleine

Zittauer Fastentuch aufgehängt, das aus protestantischer

Zeit stammt und die Kreuzigung Christi

zeigt. Es ist das einzige seiner Art in Deutschland

und eines von weltweit sechs. Wo einst die Mönche

beigesetzt wurden, entstand im 17. und 18.

Jahrhundert ein einzigartiger Begräbnisplatz. Mit

seinen geschlossenen Grufthausreihen ist der Klosterhof

ein beeindruckendes Beispiel für bürgerlichprotestantische

Bestattungskultur. Im Heffterbau

mit seinem prächtigen Spätrenaissancegiebel befindet

sich im Barocksaal die Zittauer Wunderkammer,

Zeugnis einer bürgerlichen Sammlungsgeschichte,

die bereits 1564 begann.

Tetzels arme Brüder

Im Jahr 1542 war das Pirnaer Dominikanerkloster,

das 1307 erstmals urkundlich erwähnt

worden war, an seinem Tiefpunkt angekommen

– eine Aufstellung wies es als das ärmste der verbliebenen

sächsischen Klöster aus und nur noch

vier Mönche waren am Jahresende übrig. Mit

ihrem wenig vorbildlichen Lebenswandel waren

die Dominikaner schon im Jahrhundert vor der

Reformation in Tetzels Heimatstadt unangenehm

aufgefallen. Schon zwei Jahre vor dem Tod Georg

des Bärtigen bemühte sich der Stadtrat insgeheim

in Wittenberg um einen reformatorisch gesinnten

Pfarrer. Nachdem das Kloster 1548 aufgegeben

worden war, wurden die Gebäude trotz

eines Verbotes des Kurfürsten Moritz an Pirnaer

Bürger veräußert. Die Klosterkirche, als selten

anzutreffende zweischiffige Hallenkirche ausgeführt,

bietet heute bis auf den abgetragenen Chor

noch das gleiche Bild wie im 15. Jahrhundert.

Nach langer Nutzung für profane Zwecke ist sie

wieder ein Gotteshaus, das von der katholischen

76

Darstellung des Jungbrunnens in den ehemaligen Mönchszellen im Städtischen

Museum Zittau | Kleines Zittauer Fastentuch | Barocksaal

Ehemaliges Zittauer Kloster mit Heffterbau

77


Zeugen des Umbruchs

Kirche genutzt wird. Im sehenswerten einstigen

Kapitelsaal befindet sich heute das Stadtmuseum.

Die ehemalige Marienkapelle wurde dafür zum

Eingangs- und Verwaltungsgebäude umgestaltet.

Sagenhafte Kulisse

Wie ein riesiger Bienenkorb ragt der aus einem

Sandsteinmonolyth bestehende Berg Oybin aus

einem Talkessel des Zittauer Gebirges hervor.

Fährt man mit der Schmalspurbahn von Zittau

aus nach Oybin - eine von vier solcher Strecken

in Sachsen, die noch täglich mit Dampf befahren

werden - so erreicht man direkt neben diesem

Felsmassiv die Endstation. Ein idealer Ort für

eine Burg, dachte sich wohl Kaiser Karl IV., der

dort ab 1364 das Kaiserhaus als seinen Ruhesitz

errichten ließ. 1369 stiftete er noch ein Kloster

für die Cölestiner, das im Zuge von Reformation

und Gegenreformation in der ersten Hälfte

des 16. Jahrhunderts wieder aufgelöst wurde.

Durch Vernachlässigung und Naturgewalten

wurden Kloster und Burg im weiteren Verlauf der

Geschichte stark zerstört. Nachdem der Hofmaler

Johann Alexander Thiele die von der Natur

überwucherten Gemäuer wiederentdeckt hatte,

folgten ihm Maler der Romantik wie Caspar

David Friedrich, Carl Gustav Carus und Adrian

Zingg, die an der Kunsthochschule in Dresden

wirkten. Heute ist die Anlage wieder für Besucher

erschlossen und bietet schöne Aussichten auf

Deutschlands kleinstes Mittelgebirge sowie einen

Einblick in die Geschichte von Kloster und Burg.

Die auch als Ruine noch eindrucksvolle Klosterkirche

wird heute als Kulisse für Konzerte und

Theateraufführungen genutzt. Auch Reste des

Kaiserhauses haben sich erhalten. Mit der Geschichte

vom Jungfernsprung hatten die Brüder

Grimm in ihren „Deutschen Sagen“ den Berg

Oybin bereits unsterblich gemacht.

78

von links: Ehemalige Klosterkirche in Pirna | Blick in die Klosterkirche | Ruine des Kaiserhauses

auf dem Berg Oybin | Blick vom Berg Oybin Folgeseite: Klosterpark Altzella

79


80

81


Glaubensflüchtlinge und Glaubensboten

GLAUBENSFLÜCHTLINGE

UND

GLAUBENSBOTEN

„Cuius region, eius religio“ war die Formel des Augsburger Religionsfriedens von 1555, nach der es

dem Landesherrn überlassen wurde, die Konfession seiner Untertanen festzulegen. Das war ein Sieg für

die Protestanten und die Fürsten, die um größtmögliche Unabhängigkeit vom Kaiser bemüht waren.

Es führte aber auch zu Verfolgungen Andersgläubiger, die oft dahin flüchten mussten, wo sie auch nicht

willkommen waren. Erst nach dem Westfälischen Frieden stabilisierte sich die Lage. Der evangelische

Glaube konnte nun hinaus in die Welt getragen werden. Doch es war noch ein weiter Weg zur religiösen

Toleranz und zur Ökumene:

Neue Töne

„Die Bibel ist ganz wahr und hinreichend zur

Seligkeit des Menschengeschlechts“, stellte schon

der tschechische Theologe Jan Hus fest, der – als

Ketzer verurteilt – 1415 in Konstanz auf dem

Scheiterhaufen verbrannt wurde. Wie später

Luther beklagte er den Ablasshandel und die Sittenlosigkeit

der Kirche. Nach seinem Tod kam es

in Böhmen und Mähren zu langanhaltenden religiösen

Unruhen, die auch benachbarte Regionen

erfassten. Nach der Schlacht am Weißen Berg,

die mit der Niederlage der Protestanten endete,

wurden diese gnadenlos verfolgt und vertrieben.

Die meisten von ihnen fanden Aufnahme in

Sachsen, wo sie dem Land neue Impulse gaben.

Glaubensflüchtlinge aus Graslitz begründeten

nach 1654 in Markneukirchen und Klingenthal

den Musikinstrumentenbau im sächsischen

Vogtland, der bis zum Zweiten Weltkrieg sogar

Weltmarktführer war. Noch heute werden in diesen

und benachbarten Orten Musikinstrumente

aus Meisterhand hergestellt. Das Musikinstrumentenmuseum

Markneukirchen hat mehr als

dreitausend Ausstellungsstücke, darunter viele

Streich-, Zupf- und Blasinstrumente aus der

Region. Diese werden auch gerne einmal vorgeführt,

so auch die größte Geige und die größte

Tuba der Welt. Musiker, Musikvereine und Musikbegeisterte

können im Rahmen der „Erlebniswelt

Musikinstrumentenbau“ hinter die Kulissen

des traditionellen Handwerks im sächsischen

„Musikwinkel“ schauen. Schon Martin Luther

wusste die Musik zu schätzen: „Sie ist die beste

Labsal für einen betrübten Menschen.“

82

von links: Musikinstrumentenmuseum Markneukirchen | Tasteninstrumente im Musikinstrumentenmuseum |

Harmonikabau in Klingenthal | Geigenbauer Folgeseite: Herstellung von Blechblasinstrumenten

83


84

85


Glaubensflüchtlinge und Glaubensboten

Ungeliebte Brüder

Weit mehr als hundert Jahre waren sie im lutherischen

Sachsen nicht willkommen – der Staat

duldete keine Andersgläubigen, selbst wenn sie

Protestanten waren und hatte Calvinisten schon

früh verfolgt. Erst mit dem Königlich-Sächsischen

Mandat von 1811 wurden die Reformierten den

Lutheranern und Katholiken gleichgestellt. Es

waren die Hugenotten, die nach dem Edikt von

Fontainebleau ab 1685 aus Frankreich flüchteten.

Einige von ihnen gelangten auch nach Sachsen, wo

sie 1689 in Dresden und 1700 in Leipzig eigene

Gemeinden gründeten. 1894 wurde eine Kirche

in Dresden errichtet, die im Krieg beschädigt, aber

als Notkirche wieder hergestellt wurde. Da sie dem

Aufbau einer sozialistischen Stadt im Wege stand,

musste ihre Gemeinde sie aufgeben und in das

ehemalige Hofgärtnerhaus an der Brühlschen Terrasse

ausweichen. Im Gemeindegebäude kann man

heute sogar übernachten. Seit 1899 hat die Leipziger

Gemeinde ein Gotteshaus am Ring um die

Innenstadt samt angeschlossenem Predigerhaus.

In Sachsens größter Stadt sorgten drei Reformierte

für Furore: Anton Philipp Reclam, der einer Hugenottenfamilie

aus Savoyen entstammte, gründete

1828 in der damaligen Hauptstadt des deutschen

Druck- und Verlagswesens den Reclam-Verlag.

Die gelben Reclam-Hefte haben Generationen

von Menschen durch die Literatur begleitet. Die

ehemaligen Druckerei- und Verwaltungsgebäude

in der Inselstraße im Graphischen Viertel präsentieren

sich noch heute in schönster Gründerzeitarchitektur.

Das Grab Reclams befindet sich auf dem

Alten Johannisfriedhof. Ebenso wichtig für Leipzig

war Felix Mendelssohn. Der Enkel des großen

jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn wurde

evangelisch-reformiert getauft und erhielt mit

„Bartholdy“ einen zweiten, „christlichen“ Nachnamen.

Das einstige musikalische Wunderkind kam

1835 nach Leipzig. Dort prägte Mendelssohn den

Dirigenten heutigen Typs, führte das Leipziger Gewandhausorchester

zu Weltruhm und gründete das

erste deutsche Konservatorium. Der Wiederentdecker

Bachs schrieb bedeutende Werke der Kirchenmusik,

so die Oratorien „Paulus“ und „Elias“.

Mendelssohns Wohn- und Sterbehaus blieb der

Nachwelt erhalten und ist heute die einzige authentische

Gedenkstätte für den Musiker und Teil

der Leipziger Notenspur. Das von den Nationalsozialisten

entfernte und eingeschmolzene Denkmal

wurde originalgetreu nachgebildet und steht heute

vor der Thomaskirche, in der auch ein Fenster an

ihn erinnert. Jean George Riquet gründete 1745

ein Kolonialwarengeschäft, das später zu einem

bedeutenden Handelsunternehmen und Schokoladenproduzenten

wurde. Im 1888 errichten

Riquethaus, das reich mit asiatischen Ornamenten

dekoriert ist, befindet sich heute ein Kaffeehaus.

Der erste Missionar

86

Es war ein sehr ungewöhnlicher Schritt, den

Bartholomäus Ziegenbalg unternahm, um erfolgreich

missionieren zu können: Kaum in der dänivon

links: Mendelssohn-Haus in Leipzig | Mendelssohn-Porträt aus dem Stadtgeschichtlichen

Museum Leipzig | Gewandhaus zu Leipzig | Mendelssohn-Denkmal im Foyer des Gewandhauses

87


Glaubensflüchtlinge und Glaubensboten

schen Kolonie Tranquebar im heutigen indischen

Bundesstaat Tamil Nadu angekommen, begann

er die Sprache der dort einheimischen Tamilen zu

lernen. Als erster übersetzte er das Neue Testament

und große Teile des Alten Testaments ins Tamilische.

Auf ihn gehen auch noch andere Grundsätze

der evangelischen Missionsarbeit, wie die Alphabetisierung

der Bevölkerung und die Ausbildung einheimischer

Prediger und Missionare, zurück. Schon

1707, nur ein Jahr nach seiner Ankunft, gründete er

die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche, die

noch heute Bestand hat und ihren Gründer hoch

verehrt. Ziegenbalg starb nur 36 Jahre nach seiner

Geburt an den Strapazen, die mit seiner Arbeit und

dem Klima in Südindien verbunden waren. Sein

Geburtshaus in Pulsnitz ist noch erhalten. In der

Nicolaikirche ist ihm eine Seitenkapelle gewidmet

und das Stadtmuseum zeigt eine Dauerausstellung

über den Missionar, der neben dem Bildhauer Ernst

Rietschel größter Sohn der Pfefferkuchenstadt ist.

Zu den Sternen

Nikolaus Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und

Pottendorf war von 1721 bis 1732 Hof- und

Justizrat in Diensten Augusts des Starken. Dieser

war zwar zum Katholizismus konvertiert, zeigte sich

aber in religiösen Dingen tolerant. Auf seinem Gut

Berthelsdorf in der nun sächsischen Oberlausitz

nahm Zinzendorf Exulanten aus Böhmen und

Mähren auf, die vor der gewaltsamen Gegenreformation

aus ihrer Heimat geflüchtet waren. Mit

ihnen gründete er die Herrnhuter Brüdergemeine,

auch als Evangelische Brüder-Unität bekannt. Die

Glaubensflüchtlinge stellten ihre Gemeinschaft

unter die „Obhut des Herrn“ und nannten die

neue Siedlung, die sie auf den Ländereien Zinzendorfs

gründeten, Herrnhut. Seit 1731 werden

jährlich die Herrnhuter Losungen gezogen, kurze

Bibelworte für jeden Tag des Jahres. Im selben Jahr

brachte Zinzendorf einen westindischen Sklaven

nach Herrnhut, was die Missionsarbeit der Herrnhuter

auslöste, die zu den erfolgreichsten protestantischen

Missionaren wurden. Davon zeugt das

Völkerkundemuseum Herrnhut, in dem die ethnografischen

Sammlungen der Missionare gezeigt

werden. Sehenswert sind auch der Kirchensaal der

Brüdergemeine und der Gottesacker, beide von

ergreifender Schlichtheit. Die Kinder der Missionare

wurden in Internaten untergebracht, wo ein

Produkt entstand, für das die Herrnhuter heute

wohl am bekanntesten sind: die Herrnhuter Sterne.

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts werden die

beleuchteten Weihnachtssterne mit den prägnanten

Zacken manufakturmäßig hergestellt. In der

Schauwerkstatt der Herrnhuter Sterne GmbH

erfährt man alles über die Geschichte und Fertigung

dieses „Sterns von Bethlehem“, der in der Weihnachtszeit

Haushalte und Kirchen in aller Welt

schmückt – und nicht nur protestantische. Das ist

ganz im Sinne der Herrnhuter Brüdergemeine, die

sich, obwohl sie sich auch zur Augsburger Konfession

bekennt, als überkonfessionell-christliche Glaubensbewegung

sieht.

88

von links: Ziegenbalg-Kapelle der Nicolaikirche in Pulsnitz |

Zinzendorf-Denkmal in Herrnhut | Kirchensaal der Herrnhuter Brüdergemeine | Schauwerkstatt der

Herrnhuter Sterne GmbH | Folgeseite: Heimatmuseum der Stadt Herrnhut

89


90

91


Wege zum Glauben

Wege

zum

Glauben

„Narrenwerk“ seien Pilgerreisen und Wallfahrten – auf seiner eigenen Reise nach Rom beginnt bei

Martin Luther die Überzeugung, dass der Christ allein durch den Glauben zu Gott kommt und nicht

durch das „Geläuff“ und andere fromme Werke. Die ersten Christen hatten nicht gepilgert, denn

schon im Alten Testament steht geschrieben, dass Gott nicht nur im Tempel wohnt. Später aber gingen

viele Gläubige auf beschwerliche Reisen, um Buße zu tun und das Seelenheil zu erlangen.

Diese Pilger waren auch die ersten Touristen. Beim modernen Pilgern steht aber etwas anderes im

Vordergrund - nicht das Ziel, sondern der Weg zu sich selbst, zu Anderen und zu Gott:

Spuren der Reformation

„Erlaufene Reformationsgeschichte“ kann man

auf den Lutherwegen erleben. Als Teil des Mitteldeutschen

Lutherwegs führt der Lutherweg in

Sachsen zu Wirkungsorten Luthers und anderer

Reformatoren, macht aber auch den Werdegang

und die Auswirkungen der Reformation erkennbar.

Auf dem Weg liegen Torgau, die „Amme der

Reformation“, Leipzig, „Stadt der Disputation“,

Borna und Zwickau. Aber auch weniger bekannte

Orte spielen eine wichtige Rolle: Eilenburg besuchte

der Reformator sieben Mal. Er predigte im

Schloss, das nur noch in Resten erhalten ist, und

in der Marienkirche. Luther erwog sogar 1545,

nach Eilenburg umzuziehen. Im Dreißigjährigen

Krieg dichtete Martin Rinckart, der in der

Nikolaikirche begraben liegt, zur Jahrhundertfeier

der Augsburger Konfession das Kirchenlied

„Nun danket alle Gott“. Nach seinem Tod in

der Schlacht bei Lützen wurde der schwedische

König Gustav Adolf im Gasthof „Zum Roten

Hirsch“ aufgebahrt, der heute zum Stadtmuseum

gehört. Martin Luther ist auch in der barocken

Bilderdecke der Kirche von Löbnitz präsent. Aus

diesem Ort stammte das „unschuldig zum Nonnendasein

verführte Weibsbild“ Ave von Schönfeld,

mit der sich der Reformator wohl gerne

verheiratet hätte. Auf Schloss Rochlitz wirkte die

verwitwete Schwiegertochter von Herzog Georg

dem Bärtigem, Elisabeth von Hessen. Sie ließ

lutherische Lehren zu, ohne die Altgläubigen zum

Glaubenswechsel zu zwingen. Das Schloss gehört

als wichtiges Baudenkmal heute zu den Staatlichen

Schlössern, Burgen und Gärten Sachsen.

Es wurde vor kurzem aufwendig saniert und steht

Besuchern als Museum offen.

92

von links: Sorbin an einer Betsäule | Mirakelmann in der Kirche St. Nicolai in Döbeln |

Darstellung Luthers auf der Bilderdecke der Kirche in Löbnitz | Markierung des Lutherweges

93


Wege zum Glauben

Heilige Straße

Oft wechselte die „Äberlausitz“, wie die Einheimischen

ihre Region in ihrer Mundart nennen,

den Besitzer. Keiner dieser Herrscher regierte

jemals selbst vor Ort. So konnte die Oberlausitz

viel Eigenständigkeit bewahren. Das ermöglichte

auch ein friedliches Nebeneinander von Deutschen

und Sorben sowie von verschiedenen Religionen.

Auf deren Spuren wandelt man auf der

Via Sacra, einer touristischen Route im Dreiländereck

Deutschland, Polen und Tschechien. Sie

führt zu einzigartigen sakralen Bauwerken und

Kunstschätzen und wird von sechzehn Stationen

markiert. Der lange Kampf der Protestanten

um Glaubensfreiheit in Schlesien ist in den

Friedens- und Gnadenkirchen manifestiert, von

denen je eine, in Jauer und in Hirschberg, auf

der Strecke liegt. Auf deutscher Seite gehören

die fast 800 Jahre alten Zisterzienserinnenklöster

in Panschwitz-Kuckau und Ostritz ebenso dazu

wie Herrnhut und die Zittauer Fastentücher.

2.632 Sitzplätze hat die größte evangelische

Dorfkirche Deutschlands in Cunewalde. Die

ehemalige Klosterkirche St. Annen in Kamenz

wird nicht nur für Gottesdienste genutzt, sondern

dient auch als Sakralmuseum, in dem fünf

gotische Flügelaltäre und Figuren zu sehen sind.

In Görlitz hat die Synagoge wie durch ein Wunder

die Zeit der Nationalsozialisten überstanden.

Deutschlands vielleicht schönste Stadt hat aber

auch noch ein einzigartiges Zeugnis mittelalterlicher

Frömmigkeit zu bieten: Das Heilige Grab

ist eine mehr als 500 Jahre alte Nachbildung der

wichtigsten Teile der Grabeskirche in Jerusalem.

Da diese später verändert wurde, ist die Görlitzer

„Kopie“ heute originalgetreuer als das Original.

Von der Peterskirche führt die Görlitzer Via

Dolorosa bis zum Heiligen Grab, wie das Jerusalemer

Vorbild in tausend Schritten. Im östlich

der Neisse gelegenen Stadtteil, heute zu Polen gehörend

und Zgorzelec genannt, befindet sich ein

Museum im ehemaligen Wohnhaus des Mystikers

und Theosophen Jakob Böhme, der als erster

Philosoph in deutscher Sprache schrieb und dem

offiziellen Luthertum kritisch gegenüber stand.

Auf alten Handelsstraßen

„Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt

Jakob oder ein toter Hund daliegt“, spottete

Martin Luther über den Pilgerweg nach Santiago

di Compostela. Und doch hat in den letzten Jahren

die Zahl der Pilger, die der Jakobsmuschel

folgen, sprunghaft zugenommen. Es ist ein ganzes

Netz von Jakobswegen entstanden, auf denen

Menschen aller Konfessionen pilgern. Auch in

Sachsen gibt es mehrere Jakobswege, die auf historische

Handelswege zurückgehen. Der Sächsische

Jakobsweg folgt der alten Frankenstraße, die

von Bautzen über Dresden nach Zwickau und

weiter nach Hof führt und für die deutsche Ostbesiedlung

und den Transport der Erze aus dem

Erzgebirge wichtig war. Eine der bekanntesten

alten Fernhandelsstraßen war die Via Imperii,

die von Rom bis zur Ostsee führte. Der südliche

Abschnitt des heutigen Jakobsweges führt

von Wittenberg über Leipzig und Borna nach

Zwickau und auf einer alternativen Route weiter

nach Hof. Die älteste und längste Landverbindung

zwischen Ost- und Westeuropa ist als

Via Regia bekannt, auch wenn dieser Begriff für

verschiedene Handelsstraßen verwendet wurde.

In Sachsen reicht sie von Görlitz bis Leipzig, wo

sie die Via Imperii kreuzt, was Leipzig früher zum

wichtigsten Handelsplatz in Europa machte und

auch zur Gründung der ältesten Messe der Welt

führte. Weiter verläuft dieser Jakobsweg nach Erfurt

und Eisenach und bleibt damit fest auf den

Spuren Martin Luthers und der Reformation.

94

von oben: Auf der Via Sacra | Synagoge in Görlitz | Heiliges Grab in Görlitz

„Alte Wasserkunst“ in Bautzen | Folgeseite: Untermarkt in Görlitz

95


96

97


Warum wir feiern

Warum

Wir

Feiern

Auszug aus dem Wort der Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Wir feiern die Freude am Wort Gottes und die

Freude am Glauben. Beides spielte in Martin

Luthers Leben und in seiner Verkündigung die

zentrale Rolle. Wir wollen nicht Martin Luther

selbst in den Mittelpunkt rücken, vielmehr steht

sein Name als Symbol für diese neu ins Bewusstsein

getretene Verbindung zu Gott. Botschaften

erscheinen oft abstrakt, aber sie werden lebendig

und anschaulich durch Menschen, die sie mit

Leben erfüllen. Wir feiern die Freude darüber,

dass vor 500 Jahren ein neuer Blick auf das Wort

Gottes möglich wurde. Wir feiern einen Aufbruch

des Glaubens, der uns mit Dankbarkeit

erfüllt. Wir feiern nicht eine Spaltung der Kirche.

Die Tatsache, dass die Erneuerung des Glaubens

zu getrennten Wegen führte, gehört zu den ungewollten

Folgen des Geschehens. An die Reformation

zu erinnern bedeutet daher auch, sich mit

den Schattenseiten und den aus heutiger Sicht

kritisch zu beurteilenden Entwicklungen zu befassen.

Sie sollen uns Ansporn sein, danach zu

suchen, wie die Verständigung unter den Christen

und die Einheit der Kirche befördert werden

kann. Darum soll das Reformationsjubiläum zukunftsoffen,

weltoffen und ökumenisch vorbereitet

und gefeiert werden.

98

von links: Festgottesdienst in der Annenkirche in Annaberg-Buchholz | Konzert in der

Nikolaikirche in Freiberg | Wehrkirche im winterlichen Erzgebirge | Gottesdienst in

der St. Wolfgangs-Kirche in Schneeberg Folgeseite: Blick auf Meißen vom Proschwitzer Weinberg

99


100

101


Kopenhagen

Dresden Budapest 666 km

London

Amsterdam

Brüssel

Paris

Rostock

Hamburg

Hannover

Berlin

Potsdam

Warschau

Köln

Weimar Dresden Breslau

Frankfurt a.M.

Prag

Krakau

Nürnberg

Stuttgart

München

Wien Bratislava

Bern

Budapest

Budapest

Ohre

Elbe

Brandenburg

DEUTSCHLAND

POLEN

Beeskow

430 km

Magdeburg

Oder

Guben

Sachsen-Anhalt

Bode

Wittenberg

Lübben

Niedersachsen

Quedlinburg

Saale

Dessau

Mulde

Mühlberg

Cottbus

Sorau

Schwarze Elster

Eisleben

Halle

Mansfeld

Brehna

Löbnitz

Torgau

Spree

Neiße

Hessen

Werra

Thüringen

Eisenach

Gotha

Stotternheim

Weimar

Gera

Erfurt

Unstrut

Saale

Leipzig

Lippendorf Neukieritzsch

Weißenfels

Mügeln

Rochlitz

Altenburg

Wechselburg

Bad Köstritz

Gera

Penig

Pleiße

Zwickau

Eilenburg

Borna

Wurzen

Grimma

Leisnig

Freiberger Mulde

Zschopau

Nossen

Freiberg

Chemnitz

Augustusburg

Ehrenfriedersdorf

Elbe

Kriebstein Hirschfeld

Meißen

Dresden

Ralbitz-Rosenthal

Kamenz

Pulsnitz

Pirna

Stolpen

Panschwitz-

Kuckau

Cunewalde

Wittichenau

Bautzen

Herrnhut

Bernstadt

Ostritz

Oybin

Zittau

Görlitz

Hirschberg

Coburg

Hof

Schneeberg

Zwickauer Mulde

Markneukirchen

Klingenthal

Graslitz

Annaberg-

Buchholz

Kurfürstentum Sachsen

Ernestiner

Herzogtum Sachsen

Albertiner

Gemeinsamer Besitz

Ernestiner / Albertiner

Lutherweg

Sachsen

Jakobswege

Sachsen

Via Sacra

Sachsen

Bayern

Freistaat Sachsen

heute

Sachsen 1517 und heute

TSCHECHIEN


Kontakt

Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen

Bautzner Str. 45-47

01099 Dresden

Deutschland

Telefon: 0351 49170-0

Fax: 0351 4969306

E-Mail: info@sachsen-tour.de

Internet: www.sachsen-tourismus.de

Impressum

Herausgeber:

TMGS

Tourismus Marketing Gesellschaft

Sachsen mbH

Bautzner Str. 45 – 47

01099 Dresden

Tel.: 0351 491700

Fax: 0351 4969306

E-Mail: info@sachsen-tour.de

Internet: www.sachsen-tourismus.de

Layout:

büro quer | www.buero-quer.de

Druck:

Industriedruck Dresden GmbH

Bitte beachten Sie:

Alle Informationen wurden mit größtmöglicher Sorgfalt

recherchiert. Allerdings übernimmt der Herausgeber keine Haftung

für die bereitgestellten Informationen.

Redaktionsschluss:

Juli 2013

Bildnachweis:

Andreas Schmidt | Auerbachs Keller Leipzig | Augustusburg/Scharfenstein/Lichtenwalde

Schlossbetriebe gGmbH | B. Gaus | Bernd Blume | Dirk Brzoska | DWT/Foto Rulff |

Ev. Augustinerkloster zu Erfurt | Ev. Innenstadtgemeinde Görlitz / Volker Bachschneider |

Foto Lohse | Gert Mothes | Kirchgemeinde Leisnig / Gans | Gemeinde Neukieritzsch |

Gerhard Weber | Jana Straßberger | Jens-Michael Bierke | Katja Fouad Vollmer | Kreuzchor Dresden |

Lutherhaus Eisenach / Foto Nestler | Martin Geisler | Rainer Weisflog | René Pech |

Sabine Wenzel | Schlösserland Sachsen | Schlossbergmuseum Chemnitz |

Städtische Museen Zittau / Jürgen Matschie | Stadt Annaberg-Buchholz / Matthias Förster |

Stadtgeschichtliches Museum Leipzig | Staatliche Kunstsammlungen Dresden / Hans-Peter Klut

und Jörg Schöner | Sylvio Dittrich | Tourismusverband Sächsisches Burgen- und Heideland /

Wolfgang Siesing | TU Chemnitz | Wartburg Stiftung Eisenach | Wolfgang Gärtner | Wolfgang Sens

Erstellt mit Mitteln des Freistaates Sachsen im Auftrag des

Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst

Sachsen bietet für Menschen mit Behinderungen und Mobilitätseinschränkungen

eine Vielzahl von barrierefreien touristischen

Angeboten, von denen viele in der kostenfreien Broschüre:

„SACHSEN BARRIEREFREI“ enthalten sind – oder auf:

www.sachsen-barrierefrei.de

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine