Im Namen der Kirche

ariane78

Vorwort und Anmerkung des Autors

Es ist mir nicht leicht gefallen, dieses Manuskript einer breiten

Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass ich es trotzdem tue,

ist meinen Schriftstellerkollegen zu verdanken, die es, wie ich

auch, für nötig erachten, dass ein Thema, welches jahrelang die

Presse beherrschte, nicht in Vergessenheit gerät. Doch der

Roman behandelt nicht nur Missbrauch, sondern stellt auch

wahre Liebe in einen krassen Gegensatz dazu.

Bei den Recherchen zu diesem Roman habe ich am eigenen Leib

erfahren, wie schwer die Arbeit eines Investigativ-Journalisten

ist. Ein solcher Journalist spielt denn auch eine Hauptrolle im

vorliegenden Werk. Der Leser wird nicht nur Zeuge der Suche

nach den Schuldigen, sondern auch der Aufarbeitung, wie man

dies hätte erwarten können. Dabei stand ich nicht vor dem

Problem, Missbrauchsopfer zu finden, sondern sie zum Reden zu

bringen. Allerdings musste ich jedem Einzelnen das

Versprechen geben, nie seine Identität preiszugeben, was auch

verständlich war, da nicht einmal die engsten

Familienangehörigen Kenntnis von den schrecklichen

Ereignissen besitzen.

Der seelische Zustand der in diesem Roman geschilderten

Missbrauchsopfer ist denn auch nicht vergleichbar mit dem

Zustand der von mir befragten Personen, doch ich hielt es für

angebracht, den Roman mit einem Happy End abzuschließen,

um der Angelegenheit wenigstens etwas die Dramatik zu

nehmen.

Die in diesem Roman geschilderten Missbrauchsfälle sind

tatsächlich geschehen. Personen und Orte sowie ein großer Teil

der Handlung sind jedoch frei erfunden. Leser könnten

Rückschlüsse auf Personen und Orte ziehen, deshalb sei hier

angemerkt, dass weder Personen noch Orte irgendwelche

Rückschlüsse oder gar die Identifizierung der tatsächlichen

Gegebenheiten zulassen. Jedwelche Verbindung mit lebenden

oder bereits verstorbenen Personen ist ausgeschlossen und

etwaige Namensgleichheit ist nicht beabsichtigt.

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Prolog

Nachdenklich legte ich den Telefonhörer zurück auf die

Gabel. Mir war als würden alle Presseberichte der letzten

Monate zeitgleich auf mich einstürzen. Presseberichte in denen

die katholische Kirche, auf ihre Hinrichtung wartend, an die

Wand gestellt wurde. Ich schaute auf und erblickte meine drei

Klee', mein ganzer Stolz.

Es sind keine Reproduktionen, nein sie sind echt, seit über

siebzig Jahren im Besitz unserer Familie, und so vor fünf Jahren

an mich übergegangen, zum Leidwesen meines Vaters, der sich

übergangen fühlte, und deswegen bis heute noch keinen Fuß in

meine Wohnung gesetzt hat. Meine Mutter hatte damals meinen

Großvater davon überzeugt, dass diese drei Kostbarkeiten bei

mir bestens aufgehoben wären und so kam es, dass sie nach

einer Nacht- und Nebelaktion plötzlich in meinem kleinen

Arbeitszimmer hingen. Man fragte mich nur, wo ich mich denn

am Meisten aufhalten würde, und sie bekamen sodann einen

wunderschönen Platz direkt gegenüber meinem Schreibtisch,

wo sie vor Sonne und Licht geschützt an der Wand hingen.

Jeden Tag, wenn ich sie mir betrachtete, erregten sie aufs Neue

meinen heimlichen Stolz.

Ansonsten verlief das Leben nicht immer ganz einfach in

Zürich und vor allem nicht im Kreis 4. Ich fragte mich zuweilen,

ob es ratsam war, solche Kostbarkeiten an einem Ort

aufzubewahren, wo es von Dieben und Junkies nur so wimmelte.

Dauernd herrschte Lärm im Haus und vor der Türe standen

die Nutten herum und warteten auf ihre Freier. So war an

manchen Tagen bis in die Morgenstunden ganz schön was los.

Da ich als Freischaffender viel zuhause arbeitete, ging das

bisweilen wirklich an die Substanz, aber die Wohnung konnte

ich bezahlen und sie entsprach meinem Geschmack.

Doch am heutigen Tag es war Mittwoch, der 14.Mai 2008

erreichte mich besagter Telefonanruf, der mir nicht aus dem

Kopf wollte, und von dem ich nicht wusste, in welche Schublade

ich ihn stecken sollte. Der Stimme nach eine alte Frau, die mich

freundlich fragte, ob ich ihr helfen könnte, ihren Enkel zu

2


suchen, der seit sechzehn Jahren spurlos verschwunden sei. Die

Polizei wäre dafür weit besser geeignet, gab ich ihr zu

bedenken, aber die scheinbar betagte Dame ließ sich nicht

beirren. Sie benötige einen Journalisten, da diese einiges

genauer recherchierten, als die Polizei, und überhaupt bekäme

man von denen nur die Antwort, dies sei schon zu lange her.

Nein, sie wollte, dass ich sie am Donnerstag besuche, um mir

Näheres mitzuteilen.

Wie sie gerade auf mich käme, fragte ich sie.

Doch sie antwortete nur, dass ich empfohlen worden sei, von

wem spiele keine Rolle.

Ich solle möglichst um neun Uhr morgen Vormittag

vorbeischauen, für die Einzelheiten, meinte sie.

Nach meinem Journalistikstudium, welches von meinem

Vater stets als unnütz belächelt wurde und mich in eine

Außenseiterrolle manövrierte, da bei ihm nur Unternehmer

etwas zählten und es außer Betriebswirtschaft kein Fach gab,

das sich auch nur annähernd zu studieren lohnte, wollte ich

mich dem Enthüllungsjournalismus zuwenden. Dabei war ich

ihm so ähnlich, dass mich jedes Mal das Gefühl überkam, gegen

mein eigenes Spiegelbild anzurennen. Ich habe dann bei der

Neuen Zürcher Zeitung ein zweijähriges Volontariat absolviert,

welches mir zwar Einblick in die Tagespresse gewährte, sonst

aber in Bezug auf journalistische Recherchen nicht gerade viel

Spielraum bot.

Aus seinen drei Jungs wollte mein Vater Vollblutunternehmer

züchten, nur um die Familiendynastie weiterzuführen. Dank

einem Fond, der noch mein Großvater für mich eingerichtet

hatte, war ich finanziell so weit unabhängig, dass ich es mir

leisten konnte, mich für verschiedene Zeitungen und

Zeitschriften, als freier Mitarbeiter zu verdingen.

Dies war am Anfang kein leichtes Unterfangen, sodass ich

den Fond oft bis zur Schmerzgrenze ausreizte, um mir einen

halbwegs anständigen Lebensunterhalt zu verschaffen. Doch

heute zehn Jahre später war ich so weit, dass ich von meiner

journalistischen Tätigkeit gut leben konnte.

3


Den Durchbruch, der zur Anerkennung meiner Fähigkeiten

führte, schaffte ich mit einer umfassenden Recherche, welche in

der Festnahme eines lang gesuchten Rauschgiftrings endete.

Wäre sicher Sache der Polizei gewesen, aber diese Idioten

brachten es fertig, die Angelegenheit gründlich zu vermasseln.

Jedenfalls konnte ich mich nach der Geschichte, die mir auch

einige Drohungen einbrachte, am Anfang vor Aufträgen kaum

noch retten.

Und nun dies.

Ich wusste nicht, was sich die alte Dame vorstellte.

Mal sehen, was das Internet hergibt. Wann sagte sie war

das? September 1992?

Etwas Vorabrecherche kann vielleicht nicht schaden. Ich

werde auch gleich fündig.

Doch Moment mal.

Aus der Psychiatrie ist der abgehauen. Das hat sie mir

verschwiegen. Stellt sich die Frage, ob sie mir bewusst etwas

verschwieg. Und allein floh er auch nicht. Ein siebzehnjähriges

Mädchen muss mit ihm zusammen das Weite gesucht haben. Die

Polizei hatte überhaupt keine Anhaltspunkte.

Nein, Dominik, das musst du dir aus dem Kopf schlagen. Ich

werde es der altehrwürdigen Dame gleich morgen mitteilen. Die

kann mich mal, schließlich besitze ich genug andere Aufträge.

Pünktlich um neun stand ich dann doch in Luzern vor dem

Haus. Die schwammen im Geld, wenn ich mir das Anwesen so

betrachtete. Am Hungertuch nagten sie bestimmt nicht. Der

neue Motor in meinem alten MG A hatte für dieses Mal

durchgehalten und ich parkte den Wagen in der Einfahrt.

Irgendetwas sagte mir, dass ich beobachtet werde, oder

täuschte ich mich? Nein, im letzten Moment sah ich, wie der

Vorhang des Seitenfensters neben dem Eingang zurückschlug.

Das Haus stammte etwa aus den zwanziger Jahren des

vorigen Jahrhunderts, war aber sehr gut erhalten und von einer

riesigen Grünfläche eingerahmt. Sogar mein alter Herr würde

wahrscheinlich neidvoll aufblicken, wenn er an meiner Stelle

stünde. Der Gärtner verschlang wahrscheinlich Unsummen und

die Rosen unterlagen bestimmt der Pflege der guten alten Frau.

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Langsam stieg ich aus meiner Karre, ein Geschenk von

meinem Großvater und näherte mich dem Anwesen. Anstelle

einer Glocke befand sich rechts eine Zugvorrichtung, wie in

früheren Zeiten, als elektrisch noch ein Fremdwort war. An der

Front des Hauses wucherten irgendwelchen Rankpflanzen,

sodass man nicht einmal den Verputz sah. Offensichtlich stand

ich unter Dauerbeobachtung, denn als ich nach der Klingel

greifen wollte, ging auch schon die Türe auf.

Eine etwa achtzig Jahre alte, aber gut erhaltene Dame mit

streng zurückgekämmten Haaren streckte mir ihre zitternde

Hand entgegen. Nur ihre geknickte Haltung machte ihr wahres

Alter augenscheinlich, doch sie erschien mir gleich sympathisch.

»Sie müssen Dominik Ehrmann sein. Schönes Auto, da fühlt

man sich um Jahrzehnte zurückversetzt.«

»Ich hab ihn auch bereits acht Jahre, und als ich ihn

geschenkt bekam, war er schon zweiundvierzig.«

»Aber kommen Sie bitte herein. Darf ich Ihnen Ihre Jacke

abnehmen? Ihre Mappe werden Sie wahrscheinlich brauchen?«

»Hören Sie mal, gute Frau. Ich glaube Sie verschwenden nur

Ihre Zeit mit diesem Projekt. Ich kann Ihnen bestimmt nicht

helfen.«

»Jetzt kommen Sie doch erst mal rein und setzen Sie sich,

damit ich Ihnen alles von Anfang an erzählen kann. Darf ich

Ihnen einen Kaffee anbieten?«

»Gern, mit Milch, und ohne Zucker«, ließ ich mich

überreden.«

Während die Alte in der Küche verschwand schaute ich mich

um. Das Wohnzimmer war dem Haus entsprechend ziemlich

geräumig und mit den verschiedensten Antiquitäten, aus

unterschiedlichen Epochen vollgestopft. Ein sicher echter

Renoir bildete das Prunkstück des Raumes, bemerkte ich mit

dem sachverständigen Blick eines Kenners. Die Fenster müssen

nachträglich eingesetzt worden sein, da sie in ihrer Größe nicht

den zwanziger Jahren entsprachen. Die Sitzgelegenheiten waren

alt und nicht gerade bequem, aber ich hatte nicht vor, den

ganzen Tag hier zu verbringen. Auf einem Beistelltischchen

stand eine chinesische Vase, wahrscheinlich aus der Ming

Dynastie.

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»Andreas erfreute sich auch an alten Autos. Schon als

Zehnjähriger begann er Modelle zu sammeln«, erklärte Frau

Winter, als sie mit dem Kaffee zurückkam.

»Nehmen Sie doch bitte Platz, wo immer sich möchten.« Ich

setzte mich auf einen Stuhl von irgendeinem französischen

Louis und ließ mir das Gebräu einschenken.

»Nun erzählen Sie, was Sie genau von mir wollen?«

»Wie ich bereits am Telefon erklärte, handelt es sich um das

Verschwinden unseres Enkels Andreas vor nunmehr sechzehn

Jahren. Er war damals achtzehn, also 1974 geboren, und zwar

am 31.Juli. Sie sollten sich das Datum aufschreiben, könnte

wichtig sein.«

»Moment mal Frau Winter, ich habe Ihnen noch gar nicht

zugesagt, dass ich den Auftrag übernehme.«

»Dann müssen wir uns wahrscheinlich erst über die

Bezahlung einig werden, ich möchte ungern alles zweimal

erzählen.«

»Es geht mir weniger um Geld, sondern um die praktische

Umsetzbarkeit Ihres Anliegens.«

»Sehen Sie, Herr Ehrmann: Die Polizei hat vor sechzehn

Jahren, als die Spuren noch frisch waren nichts aber auch gar

nichts Greifbares zutage gefördert. Wir hätten schon damals

jemand anderen einschalten sollen, ließen uns jedoch von

zuständigen Beamten aufschwatzen, dass alles Weitere sinnlos

sei, wenn sie nichts fänden. Erst als wir diesen Januar von den

sexuellen Übergriffen im Kloster Gabrielsberg erfuhren, und

dass ein Onkel von Andreas in diese Sache verwickelt ist,

beschlossen wir der Angelegenheit noch einmal nachzugehen.«

»Sie meinen also, Andreas sei möglicherweise ein Opfer?«

»Wir vermuten es stark, da sein Onkel ihn nach dem Tod

seiner Eltern dorthin gebracht hat.«

»Aber er war zuletzt in einer psychiatrischen Klinik, wissen

Sie warum? Und was hat sein Onkel mit der ganzen

Angelegenheit zu tun?«

»Das haben Sie also schon herausgefunden«, strahlte die

Alte. »Man hat uns 1990 gesagt er leide an paranoider

Schizophrenie.«

»Und wer hat diese Diagnose gestellt?«

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»Der Chefarzt der Klinik St. Martin in Stans.«

»Erzählen Sie von Anfang an. Alles was Sie wissen und

lassen Sie nichts aus.« Langsam aber sicher begann mich das

Thema zu interessieren.

»Wir wollten ihn natürlich sofort besuchen, doch man

verwehrte uns den Zutritt, da er sehr gewalttätig sei. Und das

ging dann volle zwei Jahre so. Wir haben immer wieder Anlauf

genommen, doch stets dieselbe Antwort erhalten.«

So saß ich geschlagene sechs Stunden bei Frau Winter,

welche nur durch das Mittagessen unterbrochen wurden. Es

schien recht ungewöhnlich, dass die alten Leute in einem

Zeitraum von zwei Jahren nie zu ihrem Enkel vorgelassen

wurden. Gegen Mittag stieß auch ihr Mann zu uns, ein fast

weißhaariger etwa Fünfundachtzigjähriger, doch ein relativ gut

erhaltenes Exemplar von einem Hünen von Mann.

Um sechzehn Uhr setzte ich mich in meinen MG und fuhr mit

gemischten Gefühlen Richtung Zürich.

In Sihlbrugg legte ich im Mövenpick eine Kaffeepause ein.

Ich musste mir über Einiges klar werden, denn außer einem vor

fünfzehn Jahren in Hanau abgestempelten Brief ohne Absender,

in dem Andreas seinen Großeltern mitteilt, dass es ihm gut geht,

befand sich nichts aber auch gar nichts nur halbwegs

Brauchbares in meiner Hand. Die Bezahlung fühlte sich mit

vierhundert Franken Tagessatz plus Spesen mehr als gut an,

daran konnte es nicht scheitern. Trotzdem hatte ich mir einen

Tag Bedenkzeit ausbedungen und die Winters mit meiner

Entscheidung auf Morgen vertröstet. Ich versprach ihnen, mir

die Sache gründlich zu Herzen zu nehmen.

Und nun saß ich da, bei einem Kaffee und war hin- und

hergerissen. Einerseits interessierte mich das Thema, da

sexuelle Gewalt in der Kirche ja gerade sehr aktuell zu sein

schien, aber dem standen die äußerst dürftigen Angaben

gegenüber.

Bei meiner Befragung brachte ich noch in Erfahrung, dass

Andreas einen Jugendfreund besaß. Frau Winter meinte, es

könnte eine Möglichkeit sein, dass dieser Freund mit Namen

Markus Bucher wisse, wo Andreas sich aufhält.

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Natürlich schoss mir sofort die Frage durch den Kopf, warum

sie diesen Kameraden nicht schon selbst danach gefragt hätten.

Das sei versucht worden, aber weder über seine Eltern noch

sonst irgendwie, sind sie an seine Adresse gekommen und das

mutete doch sehr komisch an. Und da wäre auch dieser Pater

Benjamin der Onkel von Andreas, der irgendwohin versetzt

wurde, wie das bei der katholischen Kirche in solchen

Missbrauchsfällen gang und gäbe zu sein schien. Lauter

Fragezeichen, aber vielleicht ein Anfang …?

Was mich am Meisten interessierte, war die Thematik,

welche für eine Story genügend Zündstoff zu liefern versprach

und so beschloss ich nach dem letzten Schluck Kaffee, den

Auftrag anzunehmen. Ich glaubte mittlerweile auch, dass ich mit

meiner journalistischen Spürnase intakte Chancen hatte, ihn zu

finden.

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Luzern 1974 – 1986

Das Eheglück von Walter und Gisela Winter schien perfekt,

als Andreas am 31.Juli 1974 das Licht der Welt erblickte. Der

Junge war kein normales Kind und bereits mit zwei Jahren den

anderen gleichaltrigen weit voraus. Früh nahm ihn sein Vater,

der seinen Lebensunterhalt als Vizedirektor bei der damaligen

Bankgesellschaft in Luzern verdiente, zum Fischen und

Freizeitaktivitäten mit.

Schon im Alter von vier Jahren rechnete Andreas besser, als

ein Schüler der vierten Klasse und konnte Lesen und Schreiben,

obwohl ihn seine Eltern keineswegs dazu antrieben. Trotzdem

wurde Andreas erst mit sechs eingeschult, aber auf Anraten

seines Lehrers sofort in die zweite Klasse versetzt, welche er als

Klassenbester abschloss.

Trotz seiner Intelligenz fiel es Andreas nicht schwer,

Freundschaften zu schließen. Schon früh wurden der ein Jahr

ältere Markus Bucher und Andreas dicke Freunde, die

unzertrennlich ihre Freizeit verbrachten. Die Winters lebten in

einem Einfamilienhaus in der Oberseeburg in Luzern, die

Buchers zwei Häuser weiter. Der sehnliche Wunsch von Andreas

nach einem Hund wurde ihm im Alter von fünf Jahren erfüllt und

sein Labrador Alec und er waren von da an unzertrennlich. Im

Park am See beim Verkehrshaus vergnügten sich die beiden

Jungs mit dem Hund fast täglich. Auch Bubenstreiche gehörten

zur Tagesordnung.

Ein besonderes Spiel bestand darin, Alec immer dann ins

Wasser zu schicken, wenn eine adrett angezogene Dame

daherkam, um ihn dann im richtigen Moment zurückzupfeifen,

schütteln zu lassen und abzuhauen. Das ging so lange, bis die

Rechnungen der Chemischreinigung so hoch wurden, dass Vater

Winter der Kragen platzte.

Schon früh kam immer öfters der Bruder von Andreas

Mutter, der dreißigjährige Pater Benjamin zu Besuch, der in

einem Kloster als Lehrer arbeitete und an dem kleinen Jungen

einigen Gefallen fand. Benjamin war nicht besonders groß und

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trug trotz seiner erst dreißig Jahre bereits einen kleinen

Bauchansatz.

Als Andreas acht Jahre alt war, überredete Benjamin seine

Mutter, ihm Andreas für einen Tag zu überlassen, damit er ihm

das Kloster zeigen könne.

»Du willst ihn aber nicht gleich zum Papst machen«, lächelte

die Mutter.

So bestiegen Benjamin und Andreas an einem Maimorgen im

Jahr 1982 im Bahnhof Luzern den Zug und fuhren nach

Gabrielsberg.

Benjamin war sehr freundlich mit Andreas. Er kaufte ihm am

Bahnsteig ein Eis und wurde nicht müde, die vielen Fragen, mit

denen der kleine Andreas ihn löcherte, zu beantworten. Andreas

trug kurze Hosen, dachte sich aber nichts weiter dabei, als

Benjamin ihm immer wieder die Hand auf seinen Oberschenkel

legte. Die ganze Fahrt über ließ Benjamin keinen Augenblick

Erklärungsnotstand aufkommen.

In Gabrielsberg angekommen wanderten sie vom Bahnhof

zum Kloster.

»Das ist ja riesig«, meinte Andreas.

»Es wohnen auch sehr viele Leute drin und muss Platz bieten

für eine Menge Schüler. Vielleicht gehst du später einmal hier

zur Schule, wer weiß? Du kannst bei uns das Gymnasium

besuchen.«

Andreas zeigte sich beeindruckt von den großen Räumen.

Nachdem er ihm die Klassenzimmer gezeigt hatte, fragte er ihn,

ob er sehen wolle, wo er wohne und führte ihn in einen

Seitentrakt direkt in sein Zimmer.

»Nicht gerade komfortabel«, meinte Andreas.

»Das ist auch nicht nötig, schließlich ist das ein Kloster und

kein 5-Sterne Hotel.«

»Warum bist du eigentlich Priester geworden?«

»Das ist eine lange Geschichte. Aber ich glaube vor allem,

weil es Vater und Mutter so wollten. Früher war es so, dass man

gern irgendeinen Heiligen in der Familie vorzeigte.«

»Dann darfst du nie eine Frau besitzen?«

»Nein, das habe ich geschworen. Hat eigentlich schon

jemand dein Zipfelchen gesegnet?«

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»Was gesegnet?«

»Ja, dein Zipfelchen, das was du zwischen den Beinen trägst

und mit dem du Pipi machst.«

»Muss man denn das?«

»Ja, aber man darf niemandem davon erzählen, sonst wird

der liebe Herrgott sehr böse.«

»Und wer kann einem das Zipfelchen segnen?«

»Jeder Priester kann das. Wenn du willst, mach ich das bei

dir, ich bin schließlich auch Priester. Lass deine Hose herunter

und leg dich aufs Bett.«

Andreas tat wie ihm geheißen.

»Die Unterhose natürlich auch«, sagte Benjamin und schaute

Andreas mit lüsternen Augen an.

Benjamin nahm den kleinen Penis von Andreas in seine

rechte Hand und fing an, ihn zu streicheln. Seine linke Hand

führte er in seine Hose.

»Muss das denn sein?«, fragte Andreas.

»Ja, das dauert jetzt ein Weilchen, dann wird meine göttliche

Milch auf dein Zipfelchen fließen.«

Nach einer Weile nahm Benjamin seinen Penis aus der Hose

und …

»Au, das ist ja eklig, was ist das?«

»Das ist die göttliche Milch. Die reib ich dir jetzt ein und

damit ist dein Zipfelchen gesegnet. Aber so einen Segen muss

man ständig wiederholen, das verhält sich wie mit der heiligen

Beichte. Nur so bleibt man rein vor Gott.

Da hast du ein Taschentuch, damit kannst du dich abwischen

und vergiss ja nicht: Zu keiner Menschenseele ein Wort, sonst

kommt Gottes Strafe über dich, und das möchtest du doch

nicht?«

Sie verließen das Kloster, Andreas bekam im Dorf noch eine

Cola, dann fuhren mit dem nächsten Zug wieder Richtung

Luzern.

»Und meiner Mama darf ich auch nichts sagen«?, fragte

Andreas sichtlich verstört.

»Ich hab dir gesagt keinem Menschen, besonders deiner

Mutter nicht.«

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In dieser Nacht wurde Andreas das erste Mal von

Albträumen geplagt. Immer wieder sah er im Traum den großen

Penis von Benjamin und die heilige Milch, welche schließlich

herauskam. Mit jeder Wiederholung des Traums wurde der

Penis größer, sodass Andreas das Gefühl hatte, von einem

Gartenschlauch abgespritzt zu werden und aus dem

Gartenschlauch wurde ein Feuerwehrschlauch.

Jede Nacht in der folgenden Woche wiederholte sich der

Traum, sodass Andreas sich keinen anderen Rat mehr wusste,

als sich seinem Freund Markus anzuvertrauen.

Die beiden saßen auf einem Stein am Ufer des

Vierwaldstätter Sees und starrten auf das in der Abendsonne

glitzernde Wasser.

»Wurde dein Zipfelchen auch schon gesegnet?«

»Mein was wurde gesegnet?«

»Jetzt komm, du weißt schon dein Zipfelchen.«

»Wovon sprichst du überhaupt?«

»Ich darf dir eigentlich gar nichts erzählen, sonst erwartet

mich die Strafe Gottes, Pater Benjamin hat’s gesagt.«

»Und bitte was sollst du nicht erzählen?«

»Eben das mit dem Segnen. Keinem Menschen darf ich das

sagen.«

»Dann erzähl's doch dem Stein da hinten.«

»Gute Idee, warum bin ich nicht selbst darauf gekommen?«

Andreas erzählte dem Stein alles haarklein, was er erlebt

hatte in Benjamins Zimmer.

»Und das soll ich dir glauben?«

»Ich lüge nicht«, entgegnete Andreas böse.

»Schon gut, schon gut, ich glaub's dir ja. Und du meinst

wirklich da ist was dran?«

»Warum sollte Pater Benjamin mich anlügen, schließlich ist

er ein heiliger Mann.«

»Da hast du auch wieder Recht. Hat’s weh getan?«

»Das nicht, es war nur etwas unangenehm, besonders als er

mein Zipfelchen in die Hand nahm.«

»Und er hat wirklich gesagt man müsse das wiederholen, wie

die Beichte.«

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»Ja, und du wirst es ganz bestimmt niemandem erzählen,

schwörst du es bei der Jungfrau Maria?«

»Ich schwöre es.«

In den nächsten Jahren wurde diese Behandlung Andreas

noch einige Male zuteil. Mit der Zeit musste er den großen Penis

von Benjamin selbst in die Hand nehmen und so lange daran

reiben, bis die ›göttliche Milch‹ …

Als Andreas zehn war, fragte ihn sein Vater in den

Sommerferien, ob er ihn nach Frankfurt begleiten möchte.

Andreas war hellbegeistert von der Idee seines Vaters.

Er staunte Bauklötze, als er die vielen Flugzeuge am

Flughafen Zürich-Kloten sah.

Sein Vater erklärte ihm die verschiedenen Maschinen und

fragte ihn, ob er denn keine Angst vor dem Fliegen habe.

Andreas verneinte und sagte nur, dass Fliegen etwas wäre, was

er schon immer gern wollte.

Der Flug verlief sehr unruhig, doch endlich landeten sie nach

einer knappen Stunde glücklich in Frankfurt.

Sie suchten sich ein Taxi und ließen sich durch den

Feierabendverkehr zum Hotel Hilton chauffieren.

Der Vater von Andreas hatte am nächsten Morgen einige

Termine wahrzunehmen, sagte aber, dass er am Nachmittag frei

wäre, und sie die Stadt unsicher machen könnten. Er nannte

ihm die Nummer vom Zimmerservice, um das Frühstück zu

bestellen.

»Warte hier auf mich und rühre dich nicht von der Stelle, du

könntest verloren gehen in dieser großen Stadt.«

Andreas tat wie ihm geheißen. Er bestellte das Frühstück,

welches ihm nach etwa fünfzehn Minuten serviert wurde, und

aß gierig vier Croissants.

Doch dann begann er sich zu langweilen und beschloss

entgegen der Weisung seines Vaters das Hotel zu inspizieren. Er

fuhr mit dem Lift bis ins Erdgeschoss und trat, sich zweimal

umsehend, in die große Hotelhalle mit den dicken weißen

Säulen, die ihm schon am Vorabend aufgefallen waren.

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Plötzlich tippte ihn jemand auf die Schulter und Andreas

zuckte zusammen.

»Kann ich dir helfen junger Mann«, fragte eine freundliche

weibliche Stimme. Er drehte sich um und blickte direkt ins

Gesicht einer wunderschönen Frau.

»Ich möchte mir nur das Hotel ansehen«, antwortete

Andreas, dessen Kopf eine hochrote Farbe angenommen hatte.

»Bist wohl aus der Schweiz, mein Kleiner. Soll ich dir das

Hotel zeigen, ich habe im Moment Pause und ohnehin nichts

Besseres zu tun.«

»Das wäre sehr lieb von Ihnen, arbeiten Sie hier?«

»Ja, an der Rezeption. Was willst du zuerst sehen, das

Schwimmbad?«

»Au toll, hier gibt es sogar ein Schwimmbad?«

»Ein sehr Großes dazu.«

Sie nahm ihn bei der Hand. »Ich heiße Rosi und wer bist

du?«

»Andreas, Andreas Winter.«

»Freut mich Herr Andreas Winter.«

»Und wie heißen Sie mit Nachnamen?«, fragte Andreas

während sie die Lobby durchschritten.

»Elmenhorst.«

»Wie bitte?«

»Elmenhorst, das ist ein deutsches Geschlecht, gibt’s

wahrscheinlich nicht in der Schweiz. Aber du darfst ruhig Rosi

zu mir sagen.«

Rosi führte Andreas erst durch die Bar, dann ins

Schwimmbad und schließlich in den Ball-Raum.

Andreas kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, sodass er

mit offenem Mund neben Rosi herging. Nach der Führung bot

ihm Rosi am Empfang einen Stuhl an und organisierte ein Glas

Limonade.

Andreas kam sich vor wie der Hoteldirektor persönlich, als

plötzlich sein Vater die Lobby betrat und auf die Rezeption

zusteuerte.

»Was machst denn du hier? Habe ich dir nicht gesagt, du

sollst auf deinem Zimmer bleiben?«

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»Aber Herr Winter«, sagte Rosi. »Wir haben uns prächtig

unterhalten und ich habe Ihrem Sohn das Hotel gezeigt. Er hat

überhaupt nichts angestellt, Sie haben einen wundervollen

Jungen.«

Herrn Winter blieb nichts weiter übrig, als sich bei Rosi zu

bedanken. Auf dem Weg zum Zimmer bekam Andreas aber noch

einmal so richtige Schelte.

Sie schlenderten Richtung Henninger Turm zum Mittagessen

und sein Vater zeigte Andreas am Nachmittag die Stadt.

»Wir müssen uns beeilen Andreas. Um halb acht geht unser

Flieger, und unser Gepäck steht noch im Hotel.«

Andreas verabschiedete sich von Rosi und sie sagte ihm:

»Wenn du wieder einmal nach Frankfurt reist, kommst du mich

besuchen.«

»Klar doch«, sagte Andreas.

Gegen halb neun landeten sie auf dem Flughafen Zürich-

Kloten und fuhren auf dem schnellsten Weg nach Luzern, wo sie

gegen zehn Uhr abends eintrafen und von Alec stürmisch

begrüßt wurden.

Eine Woche später besuchte Andreas wieder die Schule.

Am Freitag 8.Oktober 1986, Vater und Mutter Winter waren

nach Zürich gereist, kam die Schreckensnachricht. Die Eltern

von Andreas waren beide tot. Ein Tanklaster ist von einer

Rampe auf die unten liegende Fahrbahn gestürzt und hat das

Auto der Winters unter sich begraben. Sie hatten beide nicht

den Hauch einer Chance.

Andreas litt Höllenqualen am Verlust seiner Eltern und

wurde vorübergehend bei seinen Großeltern einquartiert.

Aber er hatte die Rechnung ohne Pater Benjamin gemacht,

der seine Großeltern so lange beschwatzte, bis diese schließlich

einwilligten, ihn in die Internatsschule des Klosters

Gabrielsberg zu geben. Alles Wehren nützte Andreas nichts

mehr. Kaum waren seine Eltern unter der Erde, wurde er von

Benjamin am Schlafittchen gepackt und nach Gabrielsberg

verfrachtet, wo er in die erste Klasse des Gymnasiums eintrat.

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Zürich Mai 2008

Dominik ging die Suche sehr methodisch an. Aufgrund der

möglichen Brisanz des Themas begann er, die Zeitungen nach

den Missbrauchsfällen im Kloster Gabrielsberg zu durchforsten.

Er fand dokumentiert nur den Fall Benjamin Kramer, der jedoch

nach der Entdeckung, wie vom Erdboden verschluckt zu sein

schien.

Nach Rücksprache mit der alten Frau Winter handelte es

sich bei diesem Benjamin tatsächlich um den Onkel von

Andreas.

Eine telefonische Anfrage beim Kloster ergab ebenfalls

keinen Aufschluss über den derzeitigen Aufenthaltsort von Pater

Benjamin. Dominik überlegte, griff zum Telefon und ließ sich mit

der Einwohnerkontrolle von Gabrielsberg verbinden. Dort

erhielt er bestätigt, dass auch Mitglieder der

Klostergemeinschaft bei der Gemeinde registriert sein müssen.

Er beschloss persönlich vorbeizuschauen und dachte in der

Hoffnung, keiner würde einen Ausweis verlangen, sich als Neffe

von Kramer auszugeben. Am Morgen des 16. Mai setzte er sich

in seinen Oldtimer und fuhr über Luzern nach Gabrielsberg.

Ohne lang zu suchen, fand er die Gemeindeverwaltung. Dominik

entschied vorerst nicht zu erwähnen, dass es sich um ein

Mitglied des Klosters handelt, sondern vorzugeben, es ginge um

einen normalen, stinklangweiligen Einwohner.

Eine hübsche junge Brünette mit kerzengeraden,

schulterlangen Haaren, die wahrscheinlich noch in der

Ausbildung war, stand von ihrem Schreibtisch auf und öffnete

die Schalterflügel.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie in ihrem sehr

speziellen Obwaldnerdialekt und lächelte Dominik freundlich zu.

»Ich wollte meinen Onkel besuchen und stellte fest, dass er

nicht mehr in Gabrielsberg wohnt, wo er vor fünf Jahren noch

wohnte.«

»Wie heißt denn ihr Onkel?«

»Benjamin Kramer.«

Sie drehte sich abrupt um, ging an ihren Arbeitsplatz und

tippte etwas in ihren Computer.

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Er dachte schon, wahrscheinlich Glück gehabt, als sie an den

Schalter zurückkam, um ihm mitzuteilen, dass sie über den

Aufenthaltsort von Herrn Kramer keine Auskunft erteilen dürfe.

Gleichzeitig schob sie ihm mehr als diskret einen

zusammengefalteten Zettel zu, den er schnell in seiner Tasche

verschwinden ließ.

»Tut mir Leid, man sieht sich« und schon schlossen sich die

Schalterflügel.

Er verließ das Gemeindehaus und schielte draußen

verstohlen auf die Notiz.

Treffen sie mich um 12.15 Uhr im Café Twiny.

Um die Zeit zu vertreiben, fuhr er wahllos eine Stunde durch

Gabrielsberg und setzte sich um 11.30 Uhr ins Café.

Pünktlich um 12.15 tippte ihm die Dame vom Schalter auf die

Schulter, grüßte und nahm ihm gegenüber Platz.

»Ich heiße Vreni, und Sie sind kein Neffe, und er ist auch

nicht Ihr Onkel, stimmt‘s?«

»Wenn Sie so wollen, ja. Wird das etwa ein Verhör?«

»Was sind Sie denn nun?«

»Ich bin freischaffender Journalist und habe von einer

Privatperson den Auftrag jemanden zu finden und dieser Kramer

könnte mir vielleicht weiterhelfen.«

Sie räusperte sich, blickte ihm in die Augen und bedachte ihn

mit einem mehr als abgeklärten Blick.

»Da ich ihn nicht in unserem System gefunden habe, wurde

ich sofort stutzig, weil mich vor etwa zwei Wochen eine Dame

angerufen hat und mir dieselbe Frage stellte. Durch Zufall habe

ich nach diesem Telefonat herausgefunden, dass es Leute gibt,

die einfach aus dem Computer entfernt, und in einer geheimen

Datei aufbewahrt werden. Da ich unbedingt wissen wollte, was

das für Menschen sind, habe ich begonnen herumzuspionieren

und die Kartei in einem Schrank des Gemeindepräsidenten

gefunden. Das Einzige, was ich entdeckte, waren drei Namen,

die alle im Umfeld des Klosters angesiedelt sind. Sie müssen mir

Ihr Ehrenwort geben, dass Sie die Quelle dieser Information

niemals preisgeben werden, was auch geschieht.«

»Ich verfahre gewöhnlich so mit meinen Informanten.«

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»Also Ihr Herr Kramer ist weggezogen, und zwar an den

Starnberger See in einen Ort mit dem Namen Bernried. Was er

dort macht, ist mir nicht bekannt.«

»Und die anderen zwei?«

»Die habe ich mir leider nicht gemerkt, nur dass einer von

ihnen nach Österreich gezogen ist. Aber was ich nicht verstehe,

ist, warum versteckt man drei Paters vor der Öffentlichkeit?«,

fragte Vreni.

»Denken Sie mal scharf nach. Haben Sie vor etwa vier

Monaten von den sexuellen Übergriffen gehört?«

»Ja schon, aber was hat das mit den Dreien zu tun? Au

Scheiße, manchmal könnte ich mir an den Kopf schlagen. Einer

von denen ist damals durch die Presse geschleift worden und

damit nichts Schlimmeres passiert, hat man die zwei anderen

auch verschwinden lassen.«

»Genau.«

»Und was wollen Sie jetzt weiter unternehmen?«

»Diesem Kramer einen Besuch abstatten, persönlich

natürlich.«

»Das tönt spannend, Sie besitzen nun ganz schön Munition,

am liebsten würde ich mitkommen.«

»Es war schon anständig genug, dass Sie das Risiko auf sich

genommen haben, mir in dieser Situation zu helfen. Das rechne

ich Ihnen hoch an. Haben Sie Hunger? Ich möchte Sie gerne

zum Mittagessen einladen.«

»Fräulein können wir etwas zu Essen bestellen?«

Sie bestellten den Lunch und Vreni fing an, ihn auszufragen

über seinen Beruf. Sie schien sich wirklich für die Tätigkeit

eines Journalisten zu interessieren.

Um halb zwei verabschiedete er sich von ihr und versprach

ihr, von Bernried eine Karte zu schicken.

Gegen vier war er wieder zurück in Zürich. Er setzte sich

sofort hinter seinen Computer und fand auf der

Gemeindewebseite, was ihn keineswegs erstaunte, den Namen

B. Kramer unter Pfarrer von Bernried.

Er fand es schon ziemlich erstaunlich, dass das Kloster dazu

in der Lage war, einfach Personen aus dem Computer der

Einwohnerkontrolle verschwinden zu lassen. Die Kirche sah

18


offensichtlich ihre Aufgabe nur darin, ihre Angehörigen zu

schützen, ungeachtet, was diese getan hatten.

Am Montag wollte er sich gleich auf den Weg machen.

Diesem Pfaffen würde er mal tüchtig einheizen. Er konnte sich

nicht vorstellen, dass jemand in dieser Gemeinde über sein ach

so gütiges Vorleben Bescheid wusste.

Aber warum eigentlich erst am Montag? Diese Spezies

arbeitet doch vor allem am Wochenende.

Dominik setzte sich in seinen Wagen und fuhr los. In St.

Margrethen an der Schweizer Grenze wurde er rechts ran

gewunken. »Ich habe aber nichts zu verzollen«, schnaubte

Dominik.

»Ich wollte mir nur Ihr schönes Auto genauer ansehen«,

erwiderte der Zöllner. »Tippe auf späte Fünfziger, hab ich

Recht.«

»1958, ums exakt zu sagen.«

»Und immer noch der gleiche Motor?«

»Nein, den Motor habe ich vor einem Jahr gegen einen neuen

ausgetauscht. Auch das Kühlersystem ist neu, da es im Sommer

im Stau öfters gekocht hat.«

»Und das ist jetzt behoben?«

»Ja, keine Probleme mehr.«

»Muss einiges kosten, so einen Wagen zu unterhalten.«

»Ja, aber dafür leiste ich mir sonst nichts und den Unterhalt

verdiene ich mir mit Schmuggeln«, grinste Dominik.

»Also dann, ich wünsche Ihnen eine gute Fahrt.«

Dominik beschloss, über Memmingen Richtung München zu

fahren und in Landsberg nach Bernried abzubiegen. Er war

froh, dass er sein Dach öffnen konnte, denn für die Jahreszeit

herrschte eine beträchtliche Hitze.

Im Ort angekommen, bestand Dominiks Strategie daraus,

sich erst mal im Dorf etwas umzuhören. So setzte er sich ins

Gasthaus Engel an den Stammtisch.

»Na kommens aus der Schwäz«, fragte ihn sein Sitznachbar,

mit dem er ein belangloses Gespräch angefangen hatte.

»Ja, warum hört man das?«

»Un wia, Sie reden fast wie unser neuer Pforrherr.«

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»Warum, ist der auch aus der Schweiz«, fragte Dominik mit

schiefem Grinsen im Gesicht.

»Ja, der is vor etwa drei Monat hia akoa, nachdem unsa alter

Pforrherr s'Zeitliche gsegnet hot.«

»Ah, der ist erst drei Monate hier? Und wie macht er sich

so?«

»Warum wollens das denn wissen?«

»Man wird sich doch noch über seine Landleute erkundigen

dürfen.«

»Ja, er is holt koana von uns. Aber es geht scho. Ma munkalt

er sä strofversetzt woarda, so wie dieser Pfarrer Braun aus dem

Fernsea, der auch immer an einen anderen Ort hi vasetzt wiard.

Der Dicke, wenn's wissen, wen i moan.«

Wenn der wüsste, wie Recht er hat.

Nach einer Stunde verließ Dominik das Gasthaus und

steuerte direkt auf das Pfarrhaus zu.

Nach zweimaligem Läuten öffnete sich langsam die Tür und

eine sicher drei Zentner schwere mittelalterliche Frau mit den

Händen in den Hüften baute sich vor ihm auf.

»Was wollen Sie?«

»Den Pfarrer sprechen.«

»Da kann jeder kommen. Um was geht’s?«

»Das möchte ich Hochwürden selber sagen.«

»Ich darf Sie aber nicht zu ihm lassen, wenn Sie mir nicht

erklären, worum es sich handelt und jetzt verschwinden Sie.«

»So, jetzt mal halblang gute Frau. Ich arbeite für eine

Schweizer Versicherung. Es geht um eine alte Angelegenheit

von damals in der Schweiz und darüber muss ich mit

Hochwürden sprechen.«

»Na dann, kommen's halt herein und setzen sie sich da

nieda. Ich rufe ihn.«

Er hatte sich Benjamin ganz anders vorgestellt, als die

Gestalt, die da gerade auf ihn zusteuerte. Er war klein und dick.

Alles in allem eine unscheinbare Gestalt, an die man sich

schlecht erinnert, wenn man sie nicht ein paar Mal zu Gesicht

bekommen hat.

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»Von einer Versicherung kommen Sie? Besitzen Sie eine

Karte?«

»Ja, ich bin von der Versicherung, die Ihnen versichert, dass

Sie hier nicht mehr lange Pfarrer sind, wenn Sie nicht den Mund

aufmachen.«

»Was fällt Ihnen ein, verlassen Sie sofort mein Haus.«

»Das wird nicht mehr lange das Ihre sein, wenn ich es jetzt

verlasse. Dann werden Sie sich vor lauter Schlagzeilen nicht

mehr retten können, und der liebe Gott wird Ihnen auch nicht

helfen. Die Leute hier werden nicht sehr davon erbaut sein, von

einem ›Kindlificker‹ betreut zu werden.«

»Nicht so laut kommen Sie in mein Büro.«

Dominik nahm vor dem Schreibtisch Platz.

»Was wollen Sie von mir?«

»Steile Karriere muss schon sagen. Erst Kinderschänder in

der Schweiz, dann Pfarrer in Deutschland. Die Kirche hat

wieder Mal das verdammt zynische Gefühl, sie könne mit einem

kleinen Ortswechsel alles vergessen machen.«

»Hören Sie, ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe, aber ich

habe geschworen, es kommt nie wieder so weit.«

»Ach so, geschworen haben Sie? Sie haben doch auch

geschworen, Gott zu dienen? Und dann vergreifen Sie sich in

seinem und im Namen der Kirche an kleinen Jungs? Sie erzählen

mir jetzt sofort alles, was ich wissen will, sonst fällt Ihre Predigt

morgen aus, weil das ganze Dorf davon Kenntnis hat, was für ein

Saukerl Sie in Wirklichkeit sind. Die Zeitungen werden es dann

am Montagmorgen auf der Titelseite verkünden. Oder soll ich

noch dazu schreiben, dass Sie sich gebessert haben und heute

Köchinnen und Nonnen vögeln?«

»Sind Sie sich bewusst, dass Sie eben dabei sind, mein

ganzes Leben zu ruinieren?«

»Der einzige der hier Leben ruiniert sind Sie selbst, und

zwar nicht nur Ihr eigenes, sondern die Zukunft vieler kleiner

Jungs, die Ihnen anvertraut waren. Haben Sie eigentlich eine

leise Ahnung davon, welchen seelischen Schaden Sie Ihren

Schutzbefohlenen zugefügt haben?«

»Was wollen Sie?«

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»Ich will alles wissen über Ihr Leben, und zwar von dem Tag

an, an dem diese Schweinereien begannen.«

Benjamin, der bis jetzt zum Fenster hinausgestarrt hatte,

setzte sich hinter seinen Schreibtisch und schaute Dominik

lange an.

»Das kann ich nicht.«

»Und ob Sie das können.« Dominik wollte schon aufstehen.

»Halt, warten Sie. Wenn ich Ihnen alles erzähle, schreiben

Sie dann nichts über mich?«

»Sagen wir’s mal so. Es könnte Ihre Situation verbessern.«

Dann begann er zu erzählen und Dominik drückte unbesehen

die Aufnahmetaste seines Diktafons in der Jackentasche.

»Und wo leben Ihre zwei Mitstreiter heute, und wie heißen

sie?«

Er erzählte Dominik alles haarklein. Nur eines verschwieg er,

nämlich, dass es einen Vierten im Bunde gab. Dominik war

davon überzeugt, dass ihm Benjamin nur die halbe Wahrheit

erzählt hatte, doch es wurde ihm von dem, was er hörte schon

speiübel. Auf die Frage, wo Andreas heute sei, wusste Benjamin

keine Antwort. Es war nicht zu fassen, wozu diese heiligen

Männer fähig waren.

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