Grünes Blut Krimi

ariane78

Kapitel 1

Der Winter hielt die Stadt Chur mit eiskalter Hand umklammert und der

weggepflügte Schnee türmte sich auf beiden Seiten der Straße, als sich Karl Spescha in

seinen Wagen setzte. Noch ahnte er nicht, was ihn gleich erwarten sollte. Er war das,

was man gemeinhin als Sonderling bezeichnete. Andere Leute zeigten wenig bis gar

kein Interesse an ihm und Frauen schon gar nicht. Sein pockennarbiges Gesicht sah aus

wie eine Mondlandschaft unter dem Teleobjektiv. Die gedrungene Gestalt war so

unscheinbar, dass man schon zweimal hinsehen musste, um ihn überhaupt zu bemerken.

Bereits in der Schule bekundete er große Mühe, dem Stoff zu folgen und eine

Berufsausbildung blieb ihm aus dem gleichen Grund versagt. Sein Kopf war jedenfalls

halb leer, und auch wenn man es positiv benannte und ihn als halb voll bezeichnete, war

dies immer noch zu wenig, um damit Eindruck zu schinden. Noch bis zum Alter von

neun Jahren pinkelte er des Nachts in sein Bett und auch tagsüber scherte er sich nicht

ums Wasserlösen, was seine Mutter dazu veranlasste, ihn weiterhin mit Windeln

auszustatten. Das Gespött in der Schule war denn auch vorprogrammiert und es kostete

ihn eine Heidenmühe, den ewigen Sticheleien und Kränkungen aus dem Weg zu gehen.

Er war von magerer Statur und wirkte auf die Leute kränklich, obwohl er sich bester

Gesundheit erfreute.

Das Einzige, was er wirklich beherrschte, war der Umgang mit Geld, was aber eher

auf einem unbändigen Sparwillen beruhte, den er von seinem Vater mitbekam. Diese

Fähigkeit hatte er allerdings auch bitter nötig, denn was ihm seine Eltern hinterließen,

war eine ganze Menge. Von seiner Mutter lernte Karl einfache Gerichte zu kochen, was

er auch häufig tat, denn der Gang ins nächste Restaurant kostete Geld.

Zeitlebens hatte er mit seinen Eltern zusammengelebt und nun war er allein und

fühlte sich einsam. Seine Triebhaftigkeit glich der eines Kaninchens und so blieb ihm

nichts anderes übrig, als zwischendurch ein Bordell aufzusuchen, um sich Erleichterung

zu verschaffen, doch eigentlich bereute er es meist kurz darauf, denn Karl war auch

ziemlich geizig. Die Kleidung, die er trug, war denn ebenso schon über zwanzig Jahre alt

und mit den Schuhen verhielt es sich kaum besser. Bei jedem Paar waren die Sohlen mit

Sicherheit bereits mehrmals erneuert worden, und wenn es mehr von solchen Leuten

gäbe, wäre das Schusterhandwerk mit Sicherheit nicht ausgestorben.

Doch nun wollte er wieder einmal nach seinem Haus sehen, welches er vor zwei

Monaten vermietet hatte, nachdem es ein halbes Jahr lang leer gestanden hatte. Nicht,

dass etwa sein Geldbeutel oder sein Bankkonto darunter leiden würden, wenn es

unbewohnt wäre, aber Karl wusste, dass ein leer stehendes Gebäude mit der Zeit

Schaden nahm und auch sein angeborener Geiz ließ diese Sichtweise nicht zu. Aus dem

gleichen Grund zog er es vor, in einer kleinen Wohnung in der Stadt zu leben, wo er nur

siebenhundert Franken Miete zahlte.

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Er startete den Motor und fuhr langsam im zweiten Gang an, um ein Durchdrehen

der Räder zu vermeiden. Karl dachte an seinen Vater, der vor fünf Jahren das Zeitliche

gesegnet und ihm, neben einem fetten Bankkonto, einzig dieses Haus und den alten

Wagen hinterlassen hatte. Zwar bewohnte das Anwesen in den letzten Jahren immer mal

wieder jemand, jedoch nie für sonderlich lange. Meist zogen die Mieter des hohen

Preises wegen wieder aus, denn Karl verlangte dreitausend Franken, auch für Chur ein

stolzer Preis.

Es war etwa drei Wochen vor Weihnachten, als das Telefon klingelte.

»Ja, Spescha«, meldete sich Karl.

»Gorani, Sie haben Haus zu vermieten. Kann ich mir mal ansehen?«

»Sicher, wann passt es Ihnen?«

»Jederzeit.«

»Wollen wir uns gleich beim Haus treffen in einer Stunde?«

»Abgemacht, also bis dann.«

Karl wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Der Mann sprach gebrochen

Deutsch und er hatte so seine Mühe mit Ausländern, die sich hier so schamlos

breitmachten, so als wäre die Schweiz das Paradies. Schon sein Vater war immer gegen

diese Schmarotzer gewesen und auch Karl erbte diese Sichtweise – so wie alles Übrige.

Aber seine Geldgier gewann Oberhand, er ließ das alles vorerst auf sich beruhen und

machte sich auf den Weg.

Der Mann stand bereits dort, als Karl eintraf, gelehnt an einen schwarzen Mercedes.

Aus seinem Mund ragte eine dicke Zigarre, die er von einem Mundwinkel zum anderen

schob. Er trug elegante Kleidung und seine Schuhe glänzten mit der Krawattennadel um

die Wette.

»Sind Sie Herr Gorani?«, fragte Karl.

»Ja, der bin ich – und Sie Herr Spescha sind?«

»Ja, genau. Wofür brauchen Sie denn das Haus?«

»Ich haben Familie, zwei Kinder, und ich mich gerne in Chur möchte niederlassen.«

Aha, Familie, dachte Karl. Klingt schon einmal nicht schlecht. »Und woher kommen

Sie, wenn ich fragen darf?«

»Aus Italien«, log Gorani, aber mit diesem Namen ging er auch als Italiener durch –

und ja, gelogen war das auch nur halb. Seine wahre Herkunft wollte er auf gar keinen

Fall preisgeben. Er ließ sich von Karl das Haus zeigen und man wurde schnell

handelseinig. Als ihm dann Gorani die ersten drei Monatsmieten bar auf die Hand legte,

waren Karls Zweifel endgültig beseitigt.

So kam ihm dieser südländisch aussehende Herr gerade recht, der das Haus für fünf

Jahre mieten wollte und auch gleich drei Monate im Voraus bezahlte. Auch die genannte

Familie und die zwei angeblichen Kinder trugen dazu bei, Karls Bedenken zu zerstreuen.

Bis heute hatte er die Sache sich selbst überlassen, und so war es an der Zeit, einmal

nachzusehen, ob die Mieter sich auch wohlfühlten, denn das war Karl ihnen schuldig,

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das glaubte er jedenfalls.

Wieder begann es leicht zu schneien und er umklammerte krampfhaft das Lenkrad

seines über dreißigjährigen BMW, um ein Schleudern zu vermeiden. Der Wagen bildete

denn ebenso ein Erbstück von seinem Vater, so wie alles Übrige, was er seinen Besitz

nennen konnte. Nur noch etwa dreihundert Meter vom Haus entfernt kam ihm ein

schwarzer Mercedes entgegen. Doch Karl dachte sich nichts weiter dabei und bemühte

sich, seinen Wagen in der Spur zu halten. Mit Mühe absolvierte er damals die

Fahrschule, denn Karl erwies sich nicht als der Geschickteste und dazu auch noch als

farbenblind. Viele Male wollte er bei Rot losfahren, denn Rot war für ihn einfach Grün

und damit basta. Schließlich brachte man ihm bei, bei Grün anzuhalten und bei Rot

loszufahren und damit fuhr er eigentlich ganz gut, bis heute jedenfalls.

Vor dem Haus lag ein kleiner Parkplatz, auf den er nun einschwenkte, Schnee

geräumt hatte offensichtlich niemand und der liebe Karl kam bedrohlich ins Rutschen.

Nirgendwo brannte Licht und er dachte schon, vergeblich hier raus gefahren zu sein. Er

würgte den Motor ab, oder besser gesagt tat dieser das von selbst, und stieg aus. Er

hielt die Hand vors Gesicht, um sich vor dem Schneefall zu schützen und eilte zum Haus.

Kein Laut war zu hören, es war totenstill. Karl klingelte. Nichts. Das gibt's doch nicht.

Bei diesem Wetter niemand zu Hause? Er läutete nochmals, aber nichts regte sich. Dann

begab er sich an die eine Seite des Hauses und versuchte durch ein Fenster einen Blick

zu erhaschen. Komisch, dachte er. Der Raum, den er vor sich sah, war leer. Nicht ein

einziges Möbelstück stand darin. Er ging zum nächsten Fenster und wieder präsentierte

sich ihm dasselbe Bild. Das ist doch nicht möglich, dachte Karl. Die Leute wohnen doch

schon zwei Monate lang hier. Er ging auf die andere Seite des Hauses, spähte wieder

durch ein Fenster und sah erneut nur einen leeren Raum. Sind die etwa noch gar nicht

eingezogen? Nein, sagte sich Karl, irgendetwas stimmt hier nicht. Er ging zur Haustür

zurück und drückte vorsichtig die Türklinke hinunter. Es war offen. Langsam schubste

er die Türe nach innen und schritt hinein. Es war sonst nicht seine Art, andere

Wohnungen zu betreten, doch diesmal war die Neugier zu groß. Ist ja schließlich mein

Haus, dachte Karl.

Der Eingangsbereich präsentierte sich etwa gleich wie die Zimmer, die er schon

durchs Fenster gesehen hatte. Gähnende Leere, einfach nur Leere. Es sah aus, als ob

hier überhaupt nie jemand gewohnt hätte. Karl erkundete weiter ein Zimmer nach dem

anderen, aber überall bot sich das gleiche Bild. Er wollte sich schon umdrehen, als ihm

etwas Grünes am Boden auffiel. Es sah aus wie eine Spur, die in ein Zimmer führte, in

dem er noch nicht gewesen war. Er folgte den grünen Flecken, drückte die Türe auf und

erschrak zu Tode.

Monsch kehrte heute ungewöhnlich früh vom Polizeikommando nach Hause zurück.

Nach der Jagd auf den Serienmörder vom vergangenen Sommer war es seltsam ruhig

bei der Kriminalpolizei, deren Leiter er war. Überhaupt hatte sein ganzes Leben eine

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Hundertachtzig-Grad-Wende vollzogen. Nachdem Eva mit ihrer Tochter aus der

gemeinsamen Wohnung ausgezogen war, löste er diese kurzerhand auf und suchte sich

mit Corina eine neue Bleibe, die sie an der Tittwiesenstraße auch fanden. Mit

Unterstützung ihres Vaters hat auch Eva mit ihrer gemeinsamen Tochter Anouk eine

Unterkunft gefunden und Monsch durfte die Kleine, während der Trennungszeit, doch

immerhin einmal pro Woche sehen. Anouk weilte sehr gern bei ihrem Vater und auch mit

Corina verstand sie sich bestens. Nach fünf hässlichen Wochen bei ihren Großeltern war

sie ohnehin nicht mehr gut auf ihre Mutter zu sprechen. Am liebsten wäre sie gleich

ganz bei ihrem Vater geblieben, aber es ging nun mal nicht nach ihr und so fügte sich

die Zehnjährige in ihr Schicksal.

Doch noch etwas anderes stand im Raum und das bereitete Monsch Freude und

Sorge zugleich: Corina war schwanger und die Prophezeiung der Wahrsagerin, die einen

kleinen Jungen vorhersagte, schien aufzugehen. Im Gegensatz zu seinen gemischten

Gefühlen freute sich Corina riesig auf ihren Nachwuchs und so auch Anouk, die es gar

nicht erwarten konnte, Bruder oder Schwester zu begrüßen.

Sehr zum Ärger von Eva wollte Anouk das Weihnachtsfest unbedingt bei ihrem Vater

verbringen und sie setzte sich diesbezüglich auch durch. Das mit der Schwangerschaft

musste bereits im August letzten Jahres passiert sein, denn Corina war jetzt, Anfang

Februar, bereits im siebten Monat. Monsch wusste zwar noch nicht, wie das

funktionieren sollte, er als Alleinverdiener, wo ihn doch die Alimente zu erdrücken

drohten. Allerdings konnte er sich gut vorstellen, Anouk zu sich zu nehmen und so von

Alimenten und Unterhaltszahlungen befreit zu sein. Aber da war eben noch Eva, die

überhaupt nicht so dachte und sich wegen ihrer Eifersucht auf Corina zu keinem Dialog

bereit erklärte, und ob ein Richter auf die Wünsche eines zehnjährigen Mädchens

einging, stand auf einem anderen Blatt. Doch Monsch würde genau dafür kämpfen, und

zwar nicht nur, um sich selbst vor einem finanziellen Fiasko zu bewahren, sondern weil

er seine kleine Tochter abgöttisch liebte.

Aufgrund ihrer Schwangerschaft versetzte man Corina kurzerhand in den

Innendienst der Polizei, was ihr gar nicht behagte. »Ich bin doch nicht krank«, sagte sie

immer wieder, doch niemand hörte auf sie. Auch bei ihrem Karatetraining musste sie

zurückstecken, und da Corina nicht im Traum daran dachte, nach der Niederkunft aus

dem Polizeidienst auszuscheiden, rückte auch Monsch’ Wunsch, seine Tochter zu sich zu

nehmen, in weite Ferne. Es schien, als hätte der Alltag sie beide völlig eingeholt, doch so

schnell wollten sie nicht klein beigeben.

Corina weilte bereits zu Hause, als Monsch eintraf.

»Du hast ein Einschreiben bekommen«, sagte sie kleinlaut.

»Von wem?«

»Keine Ahnung, sieht aber irgendwie amtlich aus.«

Monsch nahm den Brief und öffnete ihn. »Er kommt von meinem Anwalt. Die

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Gerichtsverhandlung ist auf den 20. Februar angesetzt.«

»Dann bleibt uns noch etwas Zeit, um uns wegen Anouk etwas einfallen zu lassen«,

sagte Corina.

»Und woran denkst du?«

»Ich könnte mir durchaus vorstellen, mir eine Auszeit von einem Jahr zu nehmen

und deshalb könnten wir dem Gericht verkaufen, dass Anouk bei uns besser aufgehoben

ist. Warum soll denn ein Kind immer bei der Mutter leben, du hast doch als Vater die

gleichen Rechte und überdies könnten wir Anouk eine komplette Familie bieten. Ich

habe mit dem Polizeikommandanten gesprochen und er meint, dass ich ohne Probleme

ab sofort ein Jahr über pausieren könnte, um danach wieder voll einzusteigen.«

»Das würdest du tun?«

»Klar, es ist nur zu unser aller Besten. Anouk ist gerne hier, ich mag sie und

finanziell würde es uns auch besser gehen. Wenn ich dann nach einem Jahr meinen

Dienst wieder aufnehme, wird niemand mehr danach fragen.«

»Da kennst du aber Eva schlecht. So wie ich sie einschätze, wird sie sofort ein neues

Gerichtsverfahren beantragen.«

»Aber damit wird sie nicht durchkommen, weil Anouk eigentlich bei uns bleiben

will.«

»Vielleicht hast du recht, und wann willst du aufhören zu arbeiten?«

»Hab’ ich dir gesagt, ich kann mich jederzeit freistellen lassen.«

»Und wenn das Gericht Anouk trotzdem Eva zuspricht?«

»Dann beginne ich einfach wieder zu arbeiten.«

»Und das Kind?«

»Geben wir zu einer Tagesmutter. Er lässt mich ohnehin nicht gern ziehen, also ist

der Chef sicher froh, wenn ich früher als geplant zurückkehre.«

Das Telefon klingelte und Monsch ging an den Apparat.

»Ja, Monsch ...«

»Ich komme.«

»Was ist?«

»Ich muss los.«

Karl blieb vor Schreck wie angewurzelt stehen. Der ganze Raum war

grünverschmiert und in der Mitte lagen drei Männerleichen. Im ersten Moment wusste

er nicht, was er tun sollte. Er schloss vorsichtig die Türe und dachte nach. Die Polizei,

ich muss die Polizei rufen. Er schaute sich im Haus um, ob er irgendwo ein Telefon

finden konnte, denn ein Handy besaß er nicht, aber er konnte keines entdecken. Die

Nachbarn kamen ihm in den Sinn. Er rannte hinaus und wäre beinah hingefallen. Der

Schneefall hatte zugenommen und er eilte zum Nachbarhaus.

Eine Frau öffnete. »Ach, Sie sind's Herr Spescha. Was kann ich für Sie tun?«

»Dürfte ich mal schnell telefonieren, Frau Erni?«

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»Selbstverständlich, kommen Sie doch herein.«

Karl betrat das Haus, das Telefon befand sich im Wohnzimmer. Er wählte.

»Kantonspolizei Graubünden.«

»Hier ist Karl Spescha. Sie müssen schnell kommen, es ist ein Mord geschehen, oder

wenn ich ehrlich bin: gleich drei.«

»Was drei? Wo sind Sie überhaupt?«

»Ich bin bei einer Nachbarin am Telefonieren.«

»Dass Sie telefonieren, ist mir klar, aber wo sind Sie?«

»In der Kirchgasse.«

»Und hat diese Kirchgasse auch eine Nummer?«

»Fünfundfünfzig.«

»Und jetzt noch mal ganz genau, was ist eigentlich passiert?«

»Drei tote Männer liegen im Haus. Es ist mein Haus, ich habe es vermietet.«

»Rühren Sie nichts an, wir kommen.«

»Ich dachte, das Haus steht leer?«, sagte Frau Erni.

»Nein, ich habe es vor zwei Monaten vermietet.«

»Aber da war nie jemand da. Doch jetzt, wo Sie es sagen: Ich habe ein paar Mal

einen Mann mit zwei Frauen gesehen, die aussahen wie Flittchen.«

»Das müssen Sie der Polizei erzählen.«

»Sind da wirklich Tote in dem Haus?«, fragte Frau Erni.

»Ja, gleich drei.«

»Das ist ja schrecklich – und das in unmittelbarer Nachbarschaft, furchtbar.«

Als Karl das Haus verließ, traf auch die Polizei ein. Er eilte zu seinem Anwesen.

»Haben Sie uns angerufen?«, fragte ein Polizist.

»Ja, das war ich.«

»Haben Sie das Haus betreten?«

»Ja, ich war nur ganz kurz drinnen.«

»Bleiben Sie bitte hier und halten Sie sich zu unserer Verfügung. Die Ermittler

werden Fragen an Sie haben.«

Zwanzig Minuten wartete Karl nun schon vor dem Haus, als endlich Monsch eintraf.

Doch der beachtete ihn gar nicht und verschwand sofort im Haus.

»Was ist denn das für eine Schweinerei?«, fragte Monsch Sabine Müller, die Leiterin

der Spurensicherung. Sie stand zugleich die Gerichtsmedizin vor und so konnte sie

bereits zu Beginn einer Ermittlung für gewöhnlich schon recht gut Auskunft geben.

»Sie sind regelrecht kastriert worden«, sagte Sabine. »Allen dreien wurden jeweils

Penis und Eier abgeschnitten. Man hat sie an Händen und Füßen gefesselt und einfach

verbluten lassen. Aber die Tat ist noch gar nicht lange her. Der Mann da draußen,

Spescha heißt er, glaub’ ich, hat sie gefunden. Soviel ich weiß, ist er der Besitzer des

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Hauses. Wäre der etwas früher hier gewesen, hätte er den Täter noch überraschen

können.«

»Weiß man schon, wer die Toten sind?«

»Nein, außer, dass sie alle Männer über sechzig sind. Aber das hier solltest du dir

ansehen.« Sabine zeigte auf die Stirn einer Leiche – und dort stand geschrieben: Für

unser Muter.

»Das ist bei allen zu erkennen«, sagte Sabine.

»Könnte auf einen Racheakt hindeuten. Aber da sind auch zwei Fehler drin: Müsste

es nicht heißen ‚unsere Mutter‘ und Mutter mit zwei t?«

»Du hast recht, vielleicht Ausländer?«

»Das ist denkbar, oder jemand, der orthografieschwach ist, etwa ein

Legastheniker?«

»Mal sehen, womöglich geben die Fingerabdrücke etwas her?«

»Und wo ist dieser Spescha jetzt?«

»Er wartet draußen und friert sich den Hintern ab«, sagte Sabine.

Monsch ging nach draußen. »Sind Sie Herr Spescha?«

»Ja, der bin ich.« Karl war buchstäblich durchgefroren und Monsch sagte zu ihm:

»Kommen Sie doch bitte herein.«

Spescha folgte Monsch und sie gingen in einen Raum, wo sie ungestört reden

konnten.

»Also, jetzt mal ganz der Reihe nach. Was ist passiert?«

»Ich bin so gegen fünfzehn Uhr hier heraufgefahren und habe mich gewundert, dass

niemand zu Hause war. Dann bin ich ums Haus herum gegangen und habe zum Fenster

hineingesehen. Ich wurde stutzig, da keine Möbel erspähen konnte, bin zurück zum

Eingang und habe die Klinke hinuntergedrückt. Zu meiner Verwunderung stand die Türe

offen und so bin ich halt hineingegangen. Dann habe ich die grünen Spuren und die

Leichen entdeckt.«

»Was für grüne Spuren denn?«

»Ja, die am Boden eben.«

»Sie meinen rote Spuren?«

»Ach ja, wissen Sie, ich bin farbenblind.«

»Und was hatten Sie überhaupt hier zu suchen?«, fragte Monsch.

»Na hören Sie mal, mir gehört das Haus.«

»Aber Sie wohnen nicht darin?«

»Nein, ich habe es erst kürzlich vermietet.«

»Und an wen haben Sie es vermietet?«

»An einen Herrn, Gorani heißt er. Er wollte mit seiner Familie einziehen und hat

auch gleich für drei Monate im Voraus bezahlt.«

»Und warum weilten Sie dann hier oben?«

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»Weil ich seit zwei Monaten nichts mehr von den neuen Bewohnern gehört habe und

mal nachsehen wollte, wie es meinen Mietern so geht.«

»Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?«

»Nur als ich heraufgefahren bin, ist mir ein schwarzer Mercedes begegnet. Ach ja,

die Nachbarin, von deren Haus aus ich telefoniert habe, weiß vielleicht etwas.«

»Und wie heißt diese Nachbarin?«

»Das ist Frau Erni. Sie wohnt gleich im nächsten Haus.«

»Können Sie den Mann beschreiben – Gorani war sein Name, oder?«

»Ja, er war ziemlich groß, südländischer Typ, schwarze Haare, schlank, sah

ausnehmend gut aus, etwa vierzig Jahre alt. Glauben Sie, er hat etwas damit zu tun?«

»Das wissen wir noch nicht, aber wir werden es herausfinden. Halten Sie sich zu

unserer Verfügung. Wahrscheinlich müssen Sie bei der Herstellung eines Phantombildes

behilflich sein. Am besten, Sie melden sich in einer Stunde auf dem Polizeikommando.

Und noch was, den Mietvertrag brauchen wir.«

Monsch ließ Spescha stehen und machte sich auf zum Nachbarhaus.

»Kommen Sie herein«, sagte Frau Erni, »Sie sind sicher von der Polizei?«

»Ja genau, Monsch ist mein Name. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.«

»Ich habe nur gesehen, wie ein paar Mal ein Mann hier oben war, mit zwei Frauen,

die etwas komisch aussahen.«

»Was meinen Sie mit ‚komisch‘?«

»Ja, eben komisch, wie Huren so aussehen.«

»Können Sie den Herrn und die Damen beschreiben?«

»Das wird schwierig, dafür waren sie zu weit weg, ich konnte sie nicht genau

erkennen.«

»Aber dass sie wie Huren aussahen, das haben Sie gesehen?«

»Ja, das sieht man schließlich von Weitem.«

»Sie sagten, diese Leute wären ein paar Mal hier oben gewesen. Wie oft denn nun

genau?«

»Zweimal, ums genau zu sagen.«

»Und Sie haben nur immer diese Leute erblickt?«

»Ja, nur diese drei.«

Monsch verabschiedete sich von Frau Erni, setzte sich in seinen Wagen und fuhr

zum Polizeikommando zurück. Ihm war, als stünde er vor der Wiederholung der

schrecklichen Ereignisse des letzten Sommers, nur dass diesmal die Leichen gleich auf

einmal auftraten und seiner Meinung nach wahrscheinlich kein Serienmörder am Werk

war.

Pünktlich nach genau einer Stunde traf Karl Spescha ein und wurde sofort zum

Zeichner geschickt, der mit seiner Hilfe ein Phantombild anfertigte. Eine weitere Stunde

später läutete Monsch’ Telefon, es war Sabine.

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»Wir konnten anhand der Fingerabdrücke, die alle in unserer Kartei waren, die

Identität der Toten feststellen. Es handelt sich um Reto Bruhin, Walter Enzler und Roger

Andreoli. Andreoli ist übrigens der Chef der Fremdenpolizei und die anderen beiden

waren ebenfalls bei dieser Behörde tätig, sind aber mittlerweile pensioniert. Vielleicht

kannst du etwas anfangen damit?«

»Danke, aber wir müssen erst die Angehörigen verständigen. Hast du sonst noch

Informationen?«

»Nein, erst nach der Obduktion.«

Monsch beschloss, zuerst die Frau des noch amtierenden Chefs der Fremdenpolizei

aufzusuchen und fuhr zur Bergstraße. Erhard und Niklaus, seine zwei Kollegen, schickte

er zu den anderen Witwen.

Eine zierliche Dame von knapp sechzig Jahren öffnete ihm die Türe.

»Sind Sie Frau Andreoli?«

»Ja, was gibt’s?«

»Mein Name ist Monsch, Kantonspolizei. Ich muss Ihnen leider eine schreckliche

Mitteilung machen: Ihr Mann wurde tot aufgefunden.«

Die Frau schien nicht im Geringsten überrascht zu sein und bat Monsch einzutreten.

»Nehmen Sie bitte Platz. Hat ihn eine seiner Huren umgebracht?«

»Sie wirken sehr gefasst«, sagte Monsch.

»Wissen Sie - Wir sind seit bald vierzig Jahren verheiratet und schon genauso lange

ist mein Mann, oder soll ich besser sagen war mein Mann, ein Weiberheld. Eigentlich

hat er somit nur verdient, was ihm schon lange zusteht. Ich bin ganz froh, dass ich ihn

los bin.«

»Auf der Stirn Ihres Mannes stand Für unsere Mutter geschrieben. Wissen Sie, was

das bedeuten könnte?«

»Keine Ahnung. Vielleicht hat er im Lauf der Jahre mal eine geschwängert, soll ja

durchaus vorkommen, und jetzt rächen sich die Nachkommen.«

Von dieser Warte aus hatte es Monsch noch gar nicht betrachtet und er fand das

einen sehr interessanten Anhaltspunkt.

»Erzählen Sie mir etwas über Ihren Mann.«

»Sie meinen abgesehen davon, dass er ein Hurenbock war?«

»Ja, so in etwa.«

»Also, gearbeitet hat er viel und er hat immer gut für uns gesorgt, das muss man

ihm lassen. Das ist auch der Grund, warum ich das die ganzen Jahre über ausgehalten

habe und bei ihm geblieben bin.«

»Kennen Sie die Frauen, mit denen er Verhältnisse pflegte?«

»Einige ja, andere nicht.«

»Können Sie uns eine Liste erstellen, von denen, die Ihnen bekannt sind?«

»Und wie weit zurück soll die gehen?«

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»So weit wie möglich»Die Liste wird aber sicher sehr lang werden.«

Monsch dachte nach. Irgendetwas an dieser Frau machte ihn stutzig. Hat sie

vielleicht etwas mit den Morden zu tun? Doch er verwarf den Gedanken gleich wieder,

denn ehrlich gesagt, wenn er sie so ansah, mit ihren kaum einssechzig, konnte er sich

nicht vorstellen, dass sie es mit drei gestandenen Mannsbildern aufnehmen konnte, oder

konnte sie etwa auf Helfer zurückgreifen? Er verabschiedete sich von ihr und bat sie, die

Unterlagen an das Polizeikommando zu senden. Immer wieder tauchte die

Personenbeschreibung von Spescha vor seinem geistigen Auge auf. Südländischer Typ

und sehr groß, elegant gekleidet, Frauenbegleitung. Er ließ es für den Moment auf sich

beruhen und machte sich auf den Weg nach Hause.

»Bist du das?«, fragte Corina.

»Ja ich bin’s«, sagte Monsch.

»Was war denn los?«

»Drei Morde.«

»Was!, und ausgerechnet jetzt bin ich nicht im Außendienst. Erzähl.«

»Drei Männerleichen, alle über sechzig und mit abgeschnittenen Penissen und

Eiern.«

»Das hört sich ja fast so brutal an wie im letzten Sommer. Hast du schon

Anhaltspunkte?«

»Nein, noch nichts Vernünftiges. Wir kennen nur den Mieter dieses Hauses

namentlich und auf der Stirn der Männer stand Für unsere Mutter geschrieben. Ach ja,

alle drei waren bei der Fremdenpolizei beschäftigt, einer davon ist sogar heute noch

Chef dort. Seine Frau hat behauptet, er sein ein Weiberheld und es geschehe ihm ganz

recht.«

»Bei der Fremdenpolizei sagst du?«

»Ja, alle drei, zwei sind mittlerweile pensioniert.«

»Vielleicht gibt es ja noch andere Gemeinsamkeiten.«

»Und welche könnten das sein?«

»Das weiß ich im Moment auch noch nicht. Habt ihr die Computer der Männer

überprüft? Die geben manchmal ganz schön was her.«

»Nein, das habe ich völlig vergessen, aber ich werde mich morgen gleich darum

kümmern. Ich selbst habe nur die eine Witwe aufgesucht. Die anderen haben Erhard

und Niklaus benachrichtigt.«

»Du kannst mir die Computer morgen bringen. Ich würde gerne die Festplatten

durchforsten«, sagte Corina. »Dann kann ich wenigstens etwas für dich tun.«

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