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Kapitel 1<br />
Der Winter hielt die Stadt Chur mit eiskalter Hand umklammert und der<br />
weggepflügte Schnee türmte sich auf beiden Seiten der Straße, als sich Karl Spescha in<br />
seinen Wagen setzte. Noch ahnte er nicht, was ihn gleich erwarten sollte. Er war das,<br />
was man gemeinhin als Sonderling bezeichnete. Andere Leute zeigten wenig bis gar<br />
kein Interesse an ihm und Frauen schon gar nicht. Sein pockennarbiges Gesicht sah aus<br />
wie eine Mondlandschaft unter dem Teleobjektiv. Die gedrungene Gestalt war so<br />
unscheinbar, dass man schon zweimal hinsehen musste, um ihn überhaupt zu bemerken.<br />
Bereits in der Schule bekundete er große Mühe, dem Stoff zu folgen und eine<br />
Berufsausbildung blieb ihm aus dem gleichen Grund versagt. Sein Kopf war jedenfalls<br />
halb leer, und auch wenn man es positiv benannte und ihn als halb voll bezeichnete, war<br />
dies immer noch zu wenig, um damit Eindruck zu schinden. Noch bis zum Alter von<br />
neun Jahren pinkelte er des Nachts in sein Bett und auch tagsüber scherte er sich nicht<br />
ums Wasserlösen, was seine Mutter dazu veranlasste, ihn weiterhin mit Windeln<br />
auszustatten. Das Gespött in der Schule war denn auch vorprogrammiert und es kostete<br />
ihn eine Heidenmühe, den ewigen Sticheleien und Kränkungen aus dem Weg zu gehen.<br />
Er war von magerer Statur und wirkte auf die Leute kränklich, obwohl er sich bester<br />
Gesundheit erfreute.<br />
Das Einzige, was er wirklich beherrschte, war der Umgang mit Geld, was aber eher<br />
auf einem unbändigen Sparwillen beruhte, den er von seinem Vater mitbekam. Diese<br />
Fähigkeit hatte er allerdings auch bitter nötig, denn was ihm seine Eltern hinterließen,<br />
war eine ganze Menge. Von seiner Mutter lernte Karl einfache Gerichte zu kochen, was<br />
er auch häufig tat, denn der Gang ins nächste Restaurant kostete Geld.<br />
Zeitlebens hatte er mit seinen Eltern zusammengelebt und nun war er allein und<br />
fühlte sich einsam. Seine Triebhaftigkeit glich der eines Kaninchens und so blieb ihm<br />
nichts anderes übrig, als zwischendurch ein Bordell aufzusuchen, um sich Erleichterung<br />
zu verschaffen, doch eigentlich bereute er es meist kurz darauf, denn Karl war auch<br />
ziemlich geizig. Die Kleidung, die er trug, war denn ebenso schon über zwanzig Jahre alt<br />
und mit den Schuhen verhielt es sich kaum besser. Bei jedem Paar waren die Sohlen mit<br />
Sicherheit bereits mehrmals erneuert worden, und wenn es mehr von solchen Leuten<br />
gäbe, wäre das Schusterhandwerk mit Sicherheit nicht ausgestorben.<br />
Doch nun wollte er wieder einmal nach seinem Haus sehen, welches er vor zwei<br />
Monaten vermietet hatte, nachdem es ein halbes Jahr lang leer gestanden hatte. Nicht,<br />
dass etwa sein Geldbeutel oder sein Bankkonto darunter leiden würden, wenn es<br />
unbewohnt wäre, aber Karl wusste, dass ein leer stehendes Gebäude mit der Zeit<br />
Schaden nahm und auch sein angeborener Geiz ließ diese Sichtweise nicht zu. Aus dem<br />
gleichen Grund zog er es vor, in einer kleinen Wohnung in der Stadt zu leben, wo er nur<br />
siebenhundert Franken Miete zahlte.<br />
1
Er startete den Motor und fuhr langsam im zweiten Gang an, um ein Durchdrehen<br />
der Räder zu vermeiden. Karl dachte an seinen Vater, der vor fünf Jahren das Zeitliche<br />
gesegnet und ihm, neben einem fetten Bankkonto, einzig dieses Haus und den alten<br />
Wagen hinterlassen hatte. Zwar bewohnte das Anwesen in den letzten Jahren immer mal<br />
wieder jemand, jedoch nie für sonderlich lange. Meist zogen die Mieter des hohen<br />
Preises wegen wieder aus, denn Karl verlangte dreitausend Franken, auch für Chur ein<br />
stolzer Preis.<br />
Es war etwa drei Wochen vor Weihnachten, als das Telefon klingelte.<br />
»Ja, Spescha«, meldete sich Karl.<br />
»Gorani, Sie haben Haus zu vermieten. Kann ich mir mal ansehen?«<br />
»Sicher, wann passt es Ihnen?«<br />
»Jederzeit.«<br />
»Wollen wir uns gleich beim Haus treffen in einer Stunde?«<br />
»Abgemacht, also bis dann.«<br />
Karl wusste nicht so recht, was er davon halten sollte. Der Mann sprach gebrochen<br />
Deutsch und er hatte so seine Mühe mit Ausländern, die sich hier so schamlos<br />
breitmachten, so als wäre die Schweiz das Paradies. Schon sein Vater war immer gegen<br />
diese Schmarotzer gewesen und auch Karl erbte diese Sichtweise – so wie alles Übrige.<br />
Aber seine Geldgier gewann Oberhand, er ließ das alles vorerst auf sich beruhen und<br />
machte sich auf den Weg.<br />
Der Mann stand bereits dort, als Karl eintraf, gelehnt an einen schwarzen Mercedes.<br />
Aus seinem Mund ragte eine dicke Zigarre, die er von einem Mundwinkel zum anderen<br />
schob. Er trug elegante Kleidung und seine Schuhe glänzten mit der Krawattennadel um<br />
die Wette.<br />
»Sind Sie Herr Gorani?«, fragte Karl.<br />
»Ja, der bin ich – und Sie Herr Spescha sind?«<br />
»Ja, genau. Wofür brauchen Sie denn das Haus?«<br />
»Ich haben Familie, zwei Kinder, und ich mich gerne in Chur möchte niederlassen.«<br />
Aha, Familie, dachte Karl. Klingt schon einmal nicht schlecht. »Und woher kommen<br />
Sie, wenn ich fragen darf?«<br />
»Aus Italien«, log Gorani, aber mit diesem Namen ging er auch als Italiener durch –<br />
und ja, gelogen war das auch nur halb. Seine wahre Herkunft wollte er auf gar keinen<br />
Fall preisgeben. Er ließ sich von Karl das Haus zeigen und man wurde schnell<br />
handelseinig. Als ihm dann Gorani die ersten drei Monatsmieten bar auf die Hand legte,<br />
waren Karls Zweifel endgültig beseitigt.<br />
So kam ihm dieser südländisch aussehende Herr gerade recht, der das Haus für fünf<br />
Jahre mieten wollte und auch gleich drei Monate im Voraus bezahlte. Auch die genannte<br />
Familie und die zwei angeblichen Kinder trugen dazu bei, Karls Bedenken zu zerstreuen.<br />
Bis heute hatte er die Sache sich selbst überlassen, und so war es an der Zeit, einmal<br />
nachzusehen, ob die Mieter sich auch wohlfühlten, denn das war Karl ihnen schuldig,<br />
2
das glaubte er jedenfalls.<br />
Wieder begann es leicht zu schneien und er umklammerte krampfhaft das Lenkrad<br />
seines über dreißigjährigen BMW, um ein Schleudern zu vermeiden. Der Wagen bildete<br />
denn ebenso ein Erbstück von seinem Vater, so wie alles Übrige, was er seinen Besitz<br />
nennen konnte. Nur noch etwa dreihundert Meter vom Haus entfernt kam ihm ein<br />
schwarzer Mercedes entgegen. Doch Karl dachte sich nichts weiter dabei und bemühte<br />
sich, seinen Wagen in der Spur zu halten. Mit Mühe absolvierte er damals die<br />
Fahrschule, denn Karl erwies sich nicht als der Geschickteste und dazu auch noch als<br />
farbenblind. Viele Male wollte er bei Rot losfahren, denn Rot war für ihn einfach Grün<br />
und damit basta. Schließlich brachte man ihm bei, bei Grün anzuhalten und bei Rot<br />
loszufahren und damit fuhr er eigentlich ganz gut, bis heute jedenfalls.<br />
Vor dem Haus lag ein kleiner Parkplatz, auf den er nun einschwenkte, Schnee<br />
geräumt hatte offensichtlich niemand und der liebe Karl kam bedrohlich ins Rutschen.<br />
Nirgendwo brannte Licht und er dachte schon, vergeblich hier raus gefahren zu sein. Er<br />
würgte den Motor ab, oder besser gesagt tat dieser das von selbst, und stieg aus. Er<br />
hielt die Hand vors Gesicht, um sich vor dem Schneefall zu schützen und eilte zum Haus.<br />
Kein Laut war zu hören, es war totenstill. Karl klingelte. Nichts. Das gibt's doch nicht.<br />
Bei diesem Wetter niemand zu Hause? Er läutete nochmals, aber nichts regte sich. Dann<br />
begab er sich an die eine Seite des Hauses und versuchte durch ein Fenster einen Blick<br />
zu erhaschen. Komisch, dachte er. Der Raum, den er vor sich sah, war leer. Nicht ein<br />
einziges Möbelstück stand darin. Er ging zum nächsten Fenster und wieder präsentierte<br />
sich ihm dasselbe Bild. Das ist doch nicht möglich, dachte Karl. Die Leute wohnen doch<br />
schon zwei Monate lang hier. Er ging auf die andere Seite des Hauses, spähte wieder<br />
durch ein Fenster und sah erneut nur einen leeren Raum. Sind die etwa noch gar nicht<br />
eingezogen? Nein, sagte sich Karl, irgendetwas stimmt hier nicht. Er ging zur Haustür<br />
zurück und drückte vorsichtig die Türklinke hinunter. Es war offen. Langsam schubste<br />
er die Türe nach innen und schritt hinein. Es war sonst nicht seine Art, andere<br />
Wohnungen zu betreten, doch diesmal war die Neugier zu groß. Ist ja schließlich mein<br />
Haus, dachte Karl.<br />
Der Eingangsbereich präsentierte sich etwa gleich wie die Zimmer, die er schon<br />
durchs Fenster gesehen hatte. Gähnende Leere, einfach nur Leere. Es sah aus, als ob<br />
hier überhaupt nie jemand gewohnt hätte. Karl erkundete weiter ein Zimmer nach dem<br />
anderen, aber überall bot sich das gleiche Bild. Er wollte sich schon umdrehen, als ihm<br />
etwas <strong>Grünes</strong> am Boden auffiel. Es sah aus wie eine Spur, die in ein Zimmer führte, in<br />
dem er noch nicht gewesen war. Er folgte den grünen Flecken, drückte die Türe auf und<br />
erschrak zu Tode.<br />
Monsch kehrte heute ungewöhnlich früh vom Polizeikommando nach Hause zurück.<br />
Nach der Jagd auf den Serienmörder vom vergangenen Sommer war es seltsam ruhig<br />
bei der <strong>Krimi</strong>nalpolizei, deren Leiter er war. Überhaupt hatte sein ganzes Leben eine<br />
3
Hundertachtzig-Grad-Wende vollzogen. Nachdem Eva mit ihrer Tochter aus der<br />
gemeinsamen Wohnung ausgezogen war, löste er diese kurzerhand auf und suchte sich<br />
mit Corina eine neue Bleibe, die sie an der Tittwiesenstraße auch fanden. Mit<br />
Unterstützung ihres Vaters hat auch Eva mit ihrer gemeinsamen Tochter Anouk eine<br />
Unterkunft gefunden und Monsch durfte die Kleine, während der Trennungszeit, doch<br />
immerhin einmal pro Woche sehen. Anouk weilte sehr gern bei ihrem Vater und auch mit<br />
Corina verstand sie sich bestens. Nach fünf hässlichen Wochen bei ihren Großeltern war<br />
sie ohnehin nicht mehr gut auf ihre Mutter zu sprechen. Am liebsten wäre sie gleich<br />
ganz bei ihrem Vater geblieben, aber es ging nun mal nicht nach ihr und so fügte sich<br />
die Zehnjährige in ihr Schicksal.<br />
Doch noch etwas anderes stand im Raum und das bereitete Monsch Freude und<br />
Sorge zugleich: Corina war schwanger und die Prophezeiung der Wahrsagerin, die einen<br />
kleinen Jungen vorhersagte, schien aufzugehen. Im Gegensatz zu seinen gemischten<br />
Gefühlen freute sich Corina riesig auf ihren Nachwuchs und so auch Anouk, die es gar<br />
nicht erwarten konnte, Bruder oder Schwester zu begrüßen.<br />
Sehr zum Ärger von Eva wollte Anouk das Weihnachtsfest unbedingt bei ihrem Vater<br />
verbringen und sie setzte sich diesbezüglich auch durch. Das mit der Schwangerschaft<br />
musste bereits im August letzten Jahres passiert sein, denn Corina war jetzt, Anfang<br />
Februar, bereits im siebten Monat. Monsch wusste zwar noch nicht, wie das<br />
funktionieren sollte, er als Alleinverdiener, wo ihn doch die Alimente zu erdrücken<br />
drohten. Allerdings konnte er sich gut vorstellen, Anouk zu sich zu nehmen und so von<br />
Alimenten und Unterhaltszahlungen befreit zu sein. Aber da war eben noch Eva, die<br />
überhaupt nicht so dachte und sich wegen ihrer Eifersucht auf Corina zu keinem Dialog<br />
bereit erklärte, und ob ein Richter auf die Wünsche eines zehnjährigen Mädchens<br />
einging, stand auf einem anderen Blatt. Doch Monsch würde genau dafür kämpfen, und<br />
zwar nicht nur, um sich selbst vor einem finanziellen Fiasko zu bewahren, sondern weil<br />
er seine kleine Tochter abgöttisch liebte.<br />
Aufgrund ihrer Schwangerschaft versetzte man Corina kurzerhand in den<br />
Innendienst der Polizei, was ihr gar nicht behagte. »Ich bin doch nicht krank«, sagte sie<br />
immer wieder, doch niemand hörte auf sie. Auch bei ihrem Karatetraining musste sie<br />
zurückstecken, und da Corina nicht im Traum daran dachte, nach der Niederkunft aus<br />
dem Polizeidienst auszuscheiden, rückte auch Monsch’ Wunsch, seine Tochter zu sich zu<br />
nehmen, in weite Ferne. Es schien, als hätte der Alltag sie beide völlig eingeholt, doch so<br />
schnell wollten sie nicht klein beigeben.<br />
Corina weilte bereits zu Hause, als Monsch eintraf.<br />
»Du hast ein Einschreiben bekommen«, sagte sie kleinlaut.<br />
»Von wem?«<br />
»Keine Ahnung, sieht aber irgendwie amtlich aus.«<br />
Monsch nahm den Brief und öffnete ihn. »Er kommt von meinem Anwalt. Die<br />
4
Gerichtsverhandlung ist auf den 20. Februar angesetzt.«<br />
»Dann bleibt uns noch etwas Zeit, um uns wegen Anouk etwas einfallen zu lassen«,<br />
sagte Corina.<br />
»Und woran denkst du?«<br />
»Ich könnte mir durchaus vorstellen, mir eine Auszeit von einem Jahr zu nehmen<br />
und deshalb könnten wir dem Gericht verkaufen, dass Anouk bei uns besser aufgehoben<br />
ist. Warum soll denn ein Kind immer bei der Mutter leben, du hast doch als Vater die<br />
gleichen Rechte und überdies könnten wir Anouk eine komplette Familie bieten. Ich<br />
habe mit dem Polizeikommandanten gesprochen und er meint, dass ich ohne Probleme<br />
ab sofort ein Jahr über pausieren könnte, um danach wieder voll einzusteigen.«<br />
»Das würdest du tun?«<br />
»Klar, es ist nur zu unser aller Besten. Anouk ist gerne hier, ich mag sie und<br />
finanziell würde es uns auch besser gehen. Wenn ich dann nach einem Jahr meinen<br />
Dienst wieder aufnehme, wird niemand mehr danach fragen.«<br />
»Da kennst du aber Eva schlecht. So wie ich sie einschätze, wird sie sofort ein neues<br />
Gerichtsverfahren beantragen.«<br />
»Aber damit wird sie nicht durchkommen, weil Anouk eigentlich bei uns bleiben<br />
will.«<br />
»Vielleicht hast du recht, und wann willst du aufhören zu arbeiten?«<br />
»Hab’ ich dir gesagt, ich kann mich jederzeit freistellen lassen.«<br />
»Und wenn das Gericht Anouk trotzdem Eva zuspricht?«<br />
»Dann beginne ich einfach wieder zu arbeiten.«<br />
»Und das Kind?«<br />
»Geben wir zu einer Tagesmutter. Er lässt mich ohnehin nicht gern ziehen, also ist<br />
der Chef sicher froh, wenn ich früher als geplant zurückkehre.«<br />
Das Telefon klingelte und Monsch ging an den Apparat.<br />
»Ja, Monsch ...«<br />
»Ich komme.«<br />
»Was ist?«<br />
»Ich muss los.«<br />
Karl blieb vor Schreck wie angewurzelt stehen. Der ganze Raum war<br />
grünverschmiert und in der Mitte lagen drei Männerleichen. Im ersten Moment wusste<br />
er nicht, was er tun sollte. Er schloss vorsichtig die Türe und dachte nach. Die Polizei,<br />
ich muss die Polizei rufen. Er schaute sich im Haus um, ob er irgendwo ein Telefon<br />
finden konnte, denn ein Handy besaß er nicht, aber er konnte keines entdecken. Die<br />
Nachbarn kamen ihm in den Sinn. Er rannte hinaus und wäre beinah hingefallen. Der<br />
Schneefall hatte zugenommen und er eilte zum Nachbarhaus.<br />
Eine Frau öffnete. »Ach, Sie sind's Herr Spescha. Was kann ich für Sie tun?«<br />
»Dürfte ich mal schnell telefonieren, Frau Erni?«<br />
5
»Selbstverständlich, kommen Sie doch herein.«<br />
Karl betrat das Haus, das Telefon befand sich im Wohnzimmer. Er wählte.<br />
»Kantonspolizei Graubünden.«<br />
»Hier ist Karl Spescha. Sie müssen schnell kommen, es ist ein Mord geschehen, oder<br />
wenn ich ehrlich bin: gleich drei.«<br />
»Was drei? Wo sind Sie überhaupt?«<br />
»Ich bin bei einer Nachbarin am Telefonieren.«<br />
»Dass Sie telefonieren, ist mir klar, aber wo sind Sie?«<br />
»In der Kirchgasse.«<br />
»Und hat diese Kirchgasse auch eine Nummer?«<br />
»Fünfundfünfzig.«<br />
»Und jetzt noch mal ganz genau, was ist eigentlich passiert?«<br />
»Drei tote Männer liegen im Haus. Es ist mein Haus, ich habe es vermietet.«<br />
»Rühren Sie nichts an, wir kommen.«<br />
»Ich dachte, das Haus steht leer?«, sagte Frau Erni.<br />
»Nein, ich habe es vor zwei Monaten vermietet.«<br />
»Aber da war nie jemand da. Doch jetzt, wo Sie es sagen: Ich habe ein paar Mal<br />
einen Mann mit zwei Frauen gesehen, die aussahen wie Flittchen.«<br />
»Das müssen Sie der Polizei erzählen.«<br />
»Sind da wirklich Tote in dem Haus?«, fragte Frau Erni.<br />
»Ja, gleich drei.«<br />
»Das ist ja schrecklich – und das in unmittelbarer Nachbarschaft, furchtbar.«<br />
Als Karl das Haus verließ, traf auch die Polizei ein. Er eilte zu seinem Anwesen.<br />
»Haben Sie uns angerufen?«, fragte ein Polizist.<br />
»Ja, das war ich.«<br />
»Haben Sie das Haus betreten?«<br />
»Ja, ich war nur ganz kurz drinnen.«<br />
»Bleiben Sie bitte hier und halten Sie sich zu unserer Verfügung. Die Ermittler<br />
werden Fragen an Sie haben.«<br />
Zwanzig Minuten wartete Karl nun schon vor dem Haus, als endlich Monsch eintraf.<br />
Doch der beachtete ihn gar nicht und verschwand sofort im Haus.<br />
»Was ist denn das für eine Schweinerei?«, fragte Monsch Sabine Müller, die Leiterin<br />
der Spurensicherung. Sie stand zugleich die Gerichtsmedizin vor und so konnte sie<br />
bereits zu Beginn einer Ermittlung für gewöhnlich schon recht gut Auskunft geben.<br />
»Sie sind regelrecht kastriert worden«, sagte Sabine. »Allen dreien wurden jeweils<br />
Penis und Eier abgeschnitten. Man hat sie an Händen und Füßen gefesselt und einfach<br />
verbluten lassen. Aber die Tat ist noch gar nicht lange her. Der Mann da draußen,<br />
Spescha heißt er, glaub’ ich, hat sie gefunden. Soviel ich weiß, ist er der Besitzer des<br />
6
Hauses. Wäre der etwas früher hier gewesen, hätte er den Täter noch überraschen<br />
können.«<br />
»Weiß man schon, wer die Toten sind?«<br />
»Nein, außer, dass sie alle Männer über sechzig sind. Aber das hier solltest du dir<br />
ansehen.« Sabine zeigte auf die Stirn einer Leiche – und dort stand geschrieben: Für<br />
unser Muter.<br />
»Das ist bei allen zu erkennen«, sagte Sabine.<br />
»Könnte auf einen Racheakt hindeuten. Aber da sind auch zwei Fehler drin: Müsste<br />
es nicht heißen ‚unsere Mutter‘ und Mutter mit zwei t?«<br />
»Du hast recht, vielleicht Ausländer?«<br />
»Das ist denkbar, oder jemand, der orthografieschwach ist, etwa ein<br />
Legastheniker?«<br />
»Mal sehen, womöglich geben die Fingerabdrücke etwas her?«<br />
»Und wo ist dieser Spescha jetzt?«<br />
»Er wartet draußen und friert sich den Hintern ab«, sagte Sabine.<br />
Monsch ging nach draußen. »Sind Sie Herr Spescha?«<br />
»Ja, der bin ich.« Karl war buchstäblich durchgefroren und Monsch sagte zu ihm:<br />
»Kommen Sie doch bitte herein.«<br />
Spescha folgte Monsch und sie gingen in einen Raum, wo sie ungestört reden<br />
konnten.<br />
»Also, jetzt mal ganz der Reihe nach. Was ist passiert?«<br />
»Ich bin so gegen fünfzehn Uhr hier heraufgefahren und habe mich gewundert, dass<br />
niemand zu Hause war. Dann bin ich ums Haus herum gegangen und habe zum Fenster<br />
hineingesehen. Ich wurde stutzig, da keine Möbel erspähen konnte, bin zurück zum<br />
Eingang und habe die Klinke hinuntergedrückt. Zu meiner Verwunderung stand die Türe<br />
offen und so bin ich halt hineingegangen. Dann habe ich die grünen Spuren und die<br />
Leichen entdeckt.«<br />
»Was für grüne Spuren denn?«<br />
»Ja, die am Boden eben.«<br />
»Sie meinen rote Spuren?«<br />
»Ach ja, wissen Sie, ich bin farbenblind.«<br />
»Und was hatten Sie überhaupt hier zu suchen?«, fragte Monsch.<br />
»Na hören Sie mal, mir gehört das Haus.«<br />
»Aber Sie wohnen nicht darin?«<br />
»Nein, ich habe es erst kürzlich vermietet.«<br />
»Und an wen haben Sie es vermietet?«<br />
»An einen Herrn, Gorani heißt er. Er wollte mit seiner Familie einziehen und hat<br />
auch gleich für drei Monate im Voraus bezahlt.«<br />
»Und warum weilten Sie dann hier oben?«<br />
7
»Weil ich seit zwei Monaten nichts mehr von den neuen Bewohnern gehört habe und<br />
mal nachsehen wollte, wie es meinen Mietern so geht.«<br />
»Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?«<br />
»Nur als ich heraufgefahren bin, ist mir ein schwarzer Mercedes begegnet. Ach ja,<br />
die Nachbarin, von deren Haus aus ich telefoniert habe, weiß vielleicht etwas.«<br />
»Und wie heißt diese Nachbarin?«<br />
»Das ist Frau Erni. Sie wohnt gleich im nächsten Haus.«<br />
»Können Sie den Mann beschreiben – Gorani war sein Name, oder?«<br />
»Ja, er war ziemlich groß, südländischer Typ, schwarze Haare, schlank, sah<br />
ausnehmend gut aus, etwa vierzig Jahre alt. Glauben Sie, er hat etwas damit zu tun?«<br />
»Das wissen wir noch nicht, aber wir werden es herausfinden. Halten Sie sich zu<br />
unserer Verfügung. Wahrscheinlich müssen Sie bei der Herstellung eines Phantombildes<br />
behilflich sein. Am besten, Sie melden sich in einer Stunde auf dem Polizeikommando.<br />
Und noch was, den Mietvertrag brauchen wir.«<br />
Monsch ließ Spescha stehen und machte sich auf zum Nachbarhaus.<br />
»Kommen Sie herein«, sagte Frau Erni, »Sie sind sicher von der Polizei?«<br />
»Ja genau, Monsch ist mein Name. Ich hätte ein paar Fragen an Sie.«<br />
»Ich habe nur gesehen, wie ein paar Mal ein Mann hier oben war, mit zwei Frauen,<br />
die etwas komisch aussahen.«<br />
»Was meinen Sie mit ‚komisch‘?«<br />
»Ja, eben komisch, wie Huren so aussehen.«<br />
»Können Sie den Herrn und die Damen beschreiben?«<br />
»Das wird schwierig, dafür waren sie zu weit weg, ich konnte sie nicht genau<br />
erkennen.«<br />
»Aber dass sie wie Huren aussahen, das haben Sie gesehen?«<br />
»Ja, das sieht man schließlich von Weitem.«<br />
»Sie sagten, diese Leute wären ein paar Mal hier oben gewesen. Wie oft denn nun<br />
genau?«<br />
»Zweimal, ums genau zu sagen.«<br />
»Und Sie haben nur immer diese Leute erblickt?«<br />
»Ja, nur diese drei.«<br />
Monsch verabschiedete sich von Frau Erni, setzte sich in seinen Wagen und fuhr<br />
zum Polizeikommando zurück. Ihm war, als stünde er vor der Wiederholung der<br />
schrecklichen Ereignisse des letzten Sommers, nur dass diesmal die Leichen gleich auf<br />
einmal auftraten und seiner Meinung nach wahrscheinlich kein Serienmörder am Werk<br />
war.<br />
Pünktlich nach genau einer Stunde traf Karl Spescha ein und wurde sofort zum<br />
Zeichner geschickt, der mit seiner Hilfe ein Phantombild anfertigte. Eine weitere Stunde<br />
später läutete Monsch’ Telefon, es war Sabine.<br />
8
»Wir konnten anhand der Fingerabdrücke, die alle in unserer Kartei waren, die<br />
Identität der Toten feststellen. Es handelt sich um Reto Bruhin, Walter Enzler und Roger<br />
Andreoli. Andreoli ist übrigens der Chef der Fremdenpolizei und die anderen beiden<br />
waren ebenfalls bei dieser Behörde tätig, sind aber mittlerweile pensioniert. Vielleicht<br />
kannst du etwas anfangen damit?«<br />
»Danke, aber wir müssen erst die Angehörigen verständigen. Hast du sonst noch<br />
Informationen?«<br />
»Nein, erst nach der Obduktion.«<br />
Monsch beschloss, zuerst die Frau des noch amtierenden Chefs der Fremdenpolizei<br />
aufzusuchen und fuhr zur Bergstraße. Erhard und Niklaus, seine zwei Kollegen, schickte<br />
er zu den anderen Witwen.<br />
Eine zierliche Dame von knapp sechzig Jahren öffnete ihm die Türe.<br />
»Sind Sie Frau Andreoli?«<br />
»Ja, was gibt’s?«<br />
»Mein Name ist Monsch, Kantonspolizei. Ich muss Ihnen leider eine schreckliche<br />
Mitteilung machen: Ihr Mann wurde tot aufgefunden.«<br />
Die Frau schien nicht im Geringsten überrascht zu sein und bat Monsch einzutreten.<br />
»Nehmen Sie bitte Platz. Hat ihn eine seiner Huren umgebracht?«<br />
»Sie wirken sehr gefasst«, sagte Monsch.<br />
»Wissen Sie - Wir sind seit bald vierzig Jahren verheiratet und schon genauso lange<br />
ist mein Mann, oder soll ich besser sagen war mein Mann, ein Weiberheld. Eigentlich<br />
hat er somit nur verdient, was ihm schon lange zusteht. Ich bin ganz froh, dass ich ihn<br />
los bin.«<br />
»Auf der Stirn Ihres Mannes stand Für unsere Mutter geschrieben. Wissen Sie, was<br />
das bedeuten könnte?«<br />
»Keine Ahnung. Vielleicht hat er im Lauf der Jahre mal eine geschwängert, soll ja<br />
durchaus vorkommen, und jetzt rächen sich die Nachkommen.«<br />
Von dieser Warte aus hatte es Monsch noch gar nicht betrachtet und er fand das<br />
einen sehr interessanten Anhaltspunkt.<br />
»Erzählen Sie mir etwas über Ihren Mann.«<br />
»Sie meinen abgesehen davon, dass er ein Hurenbock war?«<br />
»Ja, so in etwa.«<br />
»Also, gearbeitet hat er viel und er hat immer gut für uns gesorgt, das muss man<br />
ihm lassen. Das ist auch der Grund, warum ich das die ganzen Jahre über ausgehalten<br />
habe und bei ihm geblieben bin.«<br />
»Kennen Sie die Frauen, mit denen er Verhältnisse pflegte?«<br />
»Einige ja, andere nicht.«<br />
»Können Sie uns eine Liste erstellen, von denen, die Ihnen bekannt sind?«<br />
»Und wie weit zurück soll die gehen?«<br />
9
»So weit wie möglich»Die Liste wird aber sicher sehr lang werden.«<br />
Monsch dachte nach. Irgendetwas an dieser Frau machte ihn stutzig. Hat sie<br />
vielleicht etwas mit den Morden zu tun? Doch er verwarf den Gedanken gleich wieder,<br />
denn ehrlich gesagt, wenn er sie so ansah, mit ihren kaum einssechzig, konnte er sich<br />
nicht vorstellen, dass sie es mit drei gestandenen Mannsbildern aufnehmen konnte, oder<br />
konnte sie etwa auf Helfer zurückgreifen? Er verabschiedete sich von ihr und bat sie, die<br />
Unterlagen an das Polizeikommando zu senden. Immer wieder tauchte die<br />
Personenbeschreibung von Spescha vor seinem geistigen Auge auf. Südländischer Typ<br />
und sehr groß, elegant gekleidet, Frauenbegleitung. Er ließ es für den Moment auf sich<br />
beruhen und machte sich auf den Weg nach Hause.<br />
»Bist du das?«, fragte Corina.<br />
»Ja ich bin’s«, sagte Monsch.<br />
»Was war denn los?«<br />
»Drei Morde.«<br />
»Was!, und ausgerechnet jetzt bin ich nicht im Außendienst. Erzähl.«<br />
»Drei Männerleichen, alle über sechzig und mit abgeschnittenen Penissen und<br />
Eiern.«<br />
»Das hört sich ja fast so brutal an wie im letzten Sommer. Hast du schon<br />
Anhaltspunkte?«<br />
»Nein, noch nichts Vernünftiges. Wir kennen nur den Mieter dieses Hauses<br />
namentlich und auf der Stirn der Männer stand Für unsere Mutter geschrieben. Ach ja,<br />
alle drei waren bei der Fremdenpolizei beschäftigt, einer davon ist sogar heute noch<br />
Chef dort. Seine Frau hat behauptet, er sein ein Weiberheld und es geschehe ihm ganz<br />
recht.«<br />
»Bei der Fremdenpolizei sagst du?«<br />
»Ja, alle drei, zwei sind mittlerweile pensioniert.«<br />
»Vielleicht gibt es ja noch andere Gemeinsamkeiten.«<br />
»Und welche könnten das sein?«<br />
»Das weiß ich im Moment auch noch nicht. Habt ihr die Computer der Männer<br />
überprüft? Die geben manchmal ganz schön was her.«<br />
»Nein, das habe ich völlig vergessen, aber ich werde mich morgen gleich darum<br />
kümmern. Ich selbst habe nur die eine Witwe aufgesucht. Die anderen haben Erhard<br />
und Niklaus benachrichtigt.«<br />
»Du kannst mir die Computer morgen bringen. Ich würde gerne die Festplatten<br />
durchforsten«, sagte Corina. »Dann kann ich wenigstens etwas für dich tun.«<br />
10