DI Josef KITZBERGER, Büro Dr. Lengyel ZT GmbH - OGL

grabenlos.at

DI Josef KITZBERGER, Büro Dr. Lengyel ZT GmbH - OGL

Maßnahmen der Stadtgemeinde Leoben

zur

Erhaltung der Kanalinfrastruktur

Josef Kitzberger

Büro Dr. Lengyel ZT GmbH

Wien - Villach - Saalfelden

Alfred Krenn

Stadtgemeinde Leoben

Referat für Umwelt und Tiefbau

1. Einleitung – die Leobener Kanalisation

Das Kanalnetz der Stadtgemeinde Leoben ist entsprechend der Stadtentwicklung historisch

gewachsen und weist in der Innenstadt Kanalstränge mit einem Alter von mehr als 100 Jahren auf.

Bis in die 1960-er Jahre führten diese Stränge auf kurzem Wege direkt in die Mur, bzw. im Stadtteil

Donawitz in den Vordernberger Bach. Mit dem generellen Projekt für den Ausbau der ersten

mechanischen Kläranlage wurde 1963 ein Konzept für die Errichtung von Hauptsammlern auf beiden

Seiten der Mur und entlang des Vordernberger Baches entwickelt. Mit dieser Trassenführung konnte

man alle bestehenden Kanalstränge erfassen und zur neuen Kläranlage, KG. Mühltal, ableiten.

Auf Grund der kurzen Sammler Richtung Mur wurden die ersten Stränge im Mischsystem errichtet.

Bei der Erweiterung der Kanalisation in den sechziger und siebziger Jahren wurde dieses Konzept

vorerst beibehalten und vor der Einmündung der einzelnen Gebietssammler in den Hauptsammler

bei der Mur ein Regenüberlaufbauwerk errichtet.

Bei tiefer liegenden Erweiterungsgebieten, in welchen für die Ableitung der Abwässer Pumpwerke

erforderlich waren, erfolgte die Aufschließung im Trennsystem oder mittels Schmutzwassersystem

und Entsorgung der Niederschlagswässer auf kurzem Wege in die Vorfluter.

Das derzeitige Kanalnetz der Stadtgemeinde Leoben weist eine Länge von rd. 120 km mit rd. 4.500

Schächten auf, womit ein Anschlussgrad von 99 % erreicht wird. Die Mischwassersammler besitzen

eine Länge von rd. 91 km und die Schmutz- und Regenwasserkanäle haben inklusive der

Druckleitungen eine Länge von jeweils rd. 15 km.

Eine Besonderheit der Kanalisation Leoben ist - auf Grund der Hauptsammleranordnung entlang der

Vorfluter- die hohe Anzahl von Regenentlastungsbauwerken mit 35 Stück. Zusätzlich verfügt die

Kanalisation über 18 Pumpwerke.

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 1


2. Leitungsinformationssystem - Kanalkataster

Die unzureichende Kenntnis über die genaue Lage und über den Bauzustand der öffentlichen

Kanalisation Leoben waren die Hauptbeweggründe für die Stadtgemeinde Leoben einen

Kanalkataster, implantiert in das allgemeine Leitungsinformationssystem der Stadtgemeinde Leoben,

zu erstellen. Parallel zum Aufbau der Kanaldatenbank erfolgten Überlegungen zur weiteren

Sanierungsplanung sowie zur Erreichung des Soll-Zustandes für einen ordnungsgemäßen

Kanalbetrieb.

Aus dem Wasserrechtsgesetz §50 WRG ergibt sich bezüglich der Erhaltungspflicht folgende

Forderung:

........Die Wasserberechtigten haben ihre Wasserbenutzungsanlagen einschließlich der dazugehörigen

Kanäle sowie sonstigen Vorrichtungen in dem der Bewilligung entsprechenden Zustand und, wenn

dieser nicht erweislich ist, derart zu erhalten und zu bedienen, dass keine Verletzung öffentlicher

Interessen oder fremder Rechte stattfindet.

Entsprechend dem Umweltförderungsgesetz UFG 1993 und den derzeit gültigen

Förderungsrichtlinien 1999, i.d.g.F., hat jeder Förderungsnehmer für die Inanspruchnahme von

Förderungsmitteln für die Sanierung von bestehenden Kanälen folgende Voraussetzungen zu

erfüllen:

Bestätigung des Förderungsnehmers, dass der Baubeginn der zu sanierenden Stränge vor

dem 1.4.1973 erfolgte

Wirtschaftlichkeitsnachweis (entsprechender Kostenvergleich), dass die „günstigste“

Variante umgesetzt wird

Schadensbeurteilung und Einteilung in Schadensklassen laut ÖWAV Regelblatt 21 (bauliche

und hydraulische Zustandsbewertung)

Lageplan der zu sanierenden Stränge mit farbiger Unterscheidung nach Schadensklassen

Verpflichtung zur Führung eines Kanalwartungsbuches laut ÖWAV Regelblatt 21 bei

Antragstellung

Zusätzlich ergeben sich weitere Synergien und Vorteile einer systematischen Sanierungsplanung mit

Erstellung eines Kanalkatasters (vergleiche ÖWAV-Regelblatt 40):

o einheitlicher und aktueller Datenbestand für alle Nutzer,

o zentral organisierte Datenhaltung und -sicherung,

o Datenkonsistenz zwischen grafischer Darstellung, Stammdaten und Sachdaten,

o Evidenthaltung von Betriebs- und Zustandsdaten,

o Einsparung von Kosten durch einheitlichen und aktuellen Datenbestand bei Planung, Bau und

Instandhaltung,

o Einsparung durch effizienteres Arbeiten mit aktueller Leitungsdokumentation für Planung,

Netzführung und wirtschaftliche Prozesse,

o wirtschaftlicher und zielgerichteter Mitteleinsatz bei Wartung und Sanierung,

o Grundlagen für Netzerweiterung und Netzstilllegung,

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 2


o Verbesserung der Mitarbeitermotivation durch das Arbeiten mit modernen Tools und einem

aktuellen Datenbestand,

o verbessertes Image des Betreibers in der Öffentlichkeit durch sichere und rasche

Kundeninformation mit aktuellen Daten.

Vor Einführung eines Leitungsinformationssystems (LIS) müssen die Anforderungen genau definiert

werden. Unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden personellen und finanziellen

Ressourcen sind die Grundlagen der Vorgangsweise zur Erstellung eines LIS in einem Pflichtenheft

festzulegen. Entsprechend dem empfohlenen Mindestinhalt eines Pflichtenheftes gemäß ÖWAV-

Regelblatt 40 (siehe unten) ist aufgrund der Beschreibung des Soll-Zustandes eines geplanten LIS, der

Anwendungsaufgaben sowie in Abstimmung mit der Software und dem verwaltbaren Datenvolumen

der Dateninhalt (Attribute) genau festzulegen.

Pflichtenheft (vergleiche ÖWAV-Regelblatt 40, Kap. 2.1)

• Beschreibung des Ist-Zustandes, wie und von wem Leitungsinformationen derzeit erfasst,

verwendet, bzw. genutzt werden (analoge und digitale Daten für die Übernahme bzw.

Übergabe).

• Beschreibung des Soll-Zustandes, d. h. Definieren der Zielvorstellungen, wie und von wem

Leitungsinformationen zukünftig erfasst, verwendet und genutzt werden sollen (Vergabe von

Benutzerrechten).

• Datenstromanalyse/Datenflussdiagramm, in welcher der Datenfluss von der Erfassung über

die nachfolgende Aktualisierung bis zur Nutzung sowie deren Art und Transportmöglichkeiten

(standardisierte digitale Schnittstellen, manuelle Erfassung, Scannen etc.) möglichst

umfassend analysiert und dargestellt werden.

• Anforderungen an die Software.

• Festlegen der Dateninhalte und der gewünschten Datenqualität der einzelnen Objekte (oder

Einbauten).

• Abschätzung des Datenvolumens (Art, Menge, Typ) für die Bestimmung der Hardware- und

Speicheranforderungen, auch in Hinblick auf die Datensicherung.

• Beschreibung der gewünschten Anwendungsaufgaben des LIS für die unterschiedlichen

Benutzergruppen für Grafik und Daten.

• Grobkonzept der thematischen Abgrenzung.

• Auflistung der zu unterstützenden Schnittstellen für den Datenimport und -export.

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 3


3. Grundsätze zur Sanierungsplanung

Für die Entwicklung mittel- und langfristiger Sanierungsstrategien bedarf es einer gezielten Form der

Planung. Hinterfragt man den Begriff "Sanierungsplanung", so stellt man fest, dass hierfür keine

eindeutigen Grundlagen vorliegen.

Die Anforderungen an (Neu-)Planung, Entwurf, Bau, Betrieb und Unterhaltung von

Entwässerungsanlagen sind in der ÖNORM EN 752, sowie in einer Vielzahl technischer

Literaturvorlagen, geregelt.

In der ÖNORM EN 752, Kap. 6 „Integrales Kanalmanagement", sind die Grundsätze für die Planung

von Sanierungsmaßnahmen angeführt und wie folgt definiert:

„Integrales Kanalmanagement ist der Prozess der Erreichung eines Verständnisses vorhandener oder

vorgesehener Entwässerungssysteme sowie der Nutzung dieser Information zur Entwicklung von

Strategien, um sicherzustellen, dass die hydraulische, umweltrelevante, bauliche und betriebliche

Leistungsfähigkeit den festgelegten Leistungsanforderungen entspricht, unter Berücksichtigung der

zukünftigen Bedingungen und wirtschaftlichen Effizienz.“

Das integrale Kanalmanagement beinhaltet somit 4 Arbeitsschritte:

o Untersuchung aller Leistungsaspekte des Entwässerungssystems

o Beurteilung der Leistungen durch Vergleich mit den Leistungsanforderungen

o Entwicklung eines Planes der durchzuführenden Maßnahmen

o Umsetzung des Planes

Eine weitere Definition von "Sanierungsplanung" von Frau C. Gruschwitz, Universität Leipzig:

"Sanierungsplanung ist ein Prozess, der nach einer Zustandserfassung und -bewertung

Handlungsalternativen für die Gegenwart und für die Zukunft zur Behebung von Mängeln und

Schäden an Entwässerungssystemen konzipieren soll, mit dem Ziel eine Optimalvariante bezüglich

technischer Anforderungen und wirtschaftlicher Gesichtspunkte zu finden (Carolin Gruschwitz, 1999)"

kann als Grundlage für die erforderlichen Arbeitsschritte gesehen werden.

Unter diesem Gesichtspunkt können folgende Anforderungen an ein Planungsmodell gestellt

werden:

Erfassung der Bestandsdaten

Aufbau eines Kanalkatasters

Bauliche Zustandserfassung und Zustandsbewertung

Einbeziehung des hydraulischen Zustandes und der umweltrelevanten Aspekte

Festlegung von Sanierungslösungen

Ermittlung der Kosten für Reparatur, Renovierung und Erneuerung einschließlich der

Reinvestitionskosten.

Vergleich der Alternativen durch Wirtschaftlichkeitsberechnung.

Festlegung eines Sanierungsplanes mit Schätzung der Investitionen für den mittel- und

langfristigen Finanzbedarf.

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 4


4. Sanierungsplanung am Beispiel Leoben

ERFASSUNG DER BESTANDSDATEN

Bei der Datenerfassung ist Qualität vor Quantität zu stellen. Wegen des hohen Aufwandes bei der

Erstellung einer Kanaldatenbank sind die notwendigen Grunddaten möglichst lückenlos festzustellen.

Für den Arbeitsablauf ist es unerlässlich, dass bei allen Teilschritten der Kanalbetreiber mit

einbezogen wird. Bei der Vergabe der Leistungen für die Datenerfassung sollte ebenfalls daran

gedacht werden, wer die erhobenen Daten weiter verwaltet, denn die Datenorganisation und -

verwaltung erfordert insgesamt eine stringente Arbeitsorganisation.

Der vorhandene Datenbestand ist genau zu analysieren und die unterschiedlichen Quellen

entsprechend zu vermerken, da es nicht möglich ist, für das gesamte Kanalnetz Daten gleicher

Qualität zu erhalten. Die in das Ordnungssystem gebetteten Stammdaten können aus folgenden

Bestandsgrundlagen entnommen werden:

Kanalbestandsunterlagen und -plänen

Kartenwerken der Vermessungsämter

Neuaufnahme mittels terrestrischer Vermessung bzw. Photogrammetrie

Entwässerungskonzepte und bereits vorhandene Kanalüberprüfungskonzepte

bereits durchgeführten optischen Kanalinspektionen

Für die Durchführung bzw. Herbeiführung eines optimalen Kanalbetriebes sind die wesentlichsten

Sachdaten für den verantwortlichen Betreiber eines Kanalnetzes die Zustandsdaten. Als

Ausgangsdaten für die Zustandserfassung können die im Rahmen der betrieblich erforderlichen

Wartung gewonnenen Erkenntnisse, angesehen werden.

Betriebsdaten können aus Wartungsprotokollen oder aus Arbeitsberichten gewonnen werden und

sollten mit dem Indirekteinleitkataster verknüpft werden, um Schäden, welche auf Grund der

Abwasserzusammensetzung entstanden sind, zu erkennen und den Verursacher feststellen zu

können.

Bei der Erstellung eines EDV-geführten Kanalkatasters hat sich bewährt, die Schachtpunkte mittels

Vermessung bereits im Weltkoordinatensystem und mit Absoluthöhen aufzunehmen, dadurch

können die Daten in digitaler Form in die Kanaldatenbank eingearbeitet werden. In diesem

Zusammenhang ist es sinnvoll, gemeinsam mit weiteren Einbautenträgern (Gas, Wasser, Fernwärme,

Post, EVU, ....) und im Hinblick auf die Erstellung eines gemeinsamen geografischen

Informationssystemes (GIS) eine Naturbestandsaufnahme durchführen zu lassen. Hier erfolgt eine

vollständige Aufnahme der Straßenzüge mit den Häuserfronten, sämtlichen Einbauten und sonstigen

Anlagen, wie Straßenbeleuchtung und Grünanlagen.

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 5


AUFBAU DES ORDNUNGSSYSTEMES DURCH NUMMERIERUNG DER SCHÄCHTE

UND HALTUNGEN

Für die Gliederung eines Kanalkatasters wird das Kanalsystem in Objekte zerlegt und diese erhalten

durch ein Ordnungssystem einen eindeutigen Identifikationsschlüssel.

Anhand der Grunddaten, wie Ortsbezeichnungen, Straßennamen, Haltungsnummern,

Schachtnummern, usw., wird ein Ordnungssystem festgelegt. Bei der Erhebung von Sachdaten ist

immer auf die bereits festgestellten Grunddaten Bezug zu nehmen, sodass eine eindeutige

Zuordnung der Sachdaten möglich ist.

Auf die nunmehr vorliegenden Vermessungspläne mit den Schachtpunkten und den

Bestandsunterlagen kann durch Vergabe neuer Schacht- und Haltungsbezeichnungen ein

Ordnungssystem, welches die Topologie des Kanalnetzes widerspiegelt, aufgebaut werden. Die

Bezeichnung der Haltung kann vorzugsweise durch die Schachtnummer des oben liegenden

Schachtes erfolgen.

Durch das Heranziehen unterschiedlicher Bezugsquellen für den Aufbau des Ordnungssystems, kann

es zu Fehlern kommen, daher ist eine umfangreiche Plausibilitätsprüfung notwendig.

Hinsichtlich des Inhaltes einer Datenbank wird auf das ÖWAV-Regelblatt 40, 2010, verwiesen.

KANALREINIGUNG UND OPTISCHE INSPEKTION VON HALTUNGEN UND

SCHÄCHTEN

Der nächste Arbeitsschritt ist die Zustandserhebung der Kanalisation beginnend mit der optischen

Inspektion der Haltungen mittels Kanalfernsehuntersuchung. Besonderes Augenmerk sollte bei der

Kamerabefahrung darauf gelegt werde, dass die Erfassung und Interpretation der Schadensstellen

von einem/r einschlägig ausgebildeten Fachmann/frau erfolgt. Dazu wird auf die vom ÖWAV

organisierten Inspektionskurse verwiesen.

Die Erhebung der Schachtdaten erfolgt durch eine Begehung sämtlicher Schächte und die ermittelten

Grunddaten und Zustandsdaten werden in ein Datenerfassungsblatt eingetragen. Zur Beschreibung

der Bauwerke, der festgestellten Materialien und Werkstoffe, sowie für die Beschreibung der

festgestellten Mängel können die Bezeichnungen entsprechend der „Arbeitshilfen Abwasser“ und

der ÖNORM EN 13508 verwendet werden.

Die Kanalreinigungs- und Inspektionsarbeiten sind entsprechend zu koordinieren, zu überwachen

und fachlich zu begleiten, wobei auf die Grundsätze der ÖWAV-Regelblätter 34 und 40 verwiesen

wird.

Die bauliche Zustandsklassifizierung und –bewertung der Haltungen und Schächte erfolgt EDVunterstützt

nach den „Arbeitsbeihilfen Abwasser“ (ISYBAU-Konzept).

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 6


Die Zustandsklassifizierung und –bewertung erfolgt in zwei Schritten:

1. Zustandsklassifizierung: Ist die Einordnung von Schäden/Zuständen in Einzelschadensklassen zur

Ermittlung des maßgebenden Schadens einer Haltung bzw. eines Schachtes, wobei die optische

Inspektion als Grundlage herangezogen wird. Erhaltene Zustandsbeschreibungen werden in Form

von Schadenskürzeln interpretiert (Tabellenzuordnung) und einer Schadensklasse zugeordnet

2. Zustandsbewertung: Die Ergebnisse der Zustandsklassifizierung werden in Hinblick auf mögliche

Auswirkungen auf die Umwelt und der gesamten Schadenssituation logisch und mathematisch

verknüpft.

Die Resultate bilden die Haltungsklassen, welche den Schadensklassen von 1 bis 5 des ÖWAV-

Regelblattes 21 „Kanalkataster“ (1998) gleichzusetzen sind.

Schadensklasse

Beurteilungskriterium Funktionsfähigkeit Handlungsbedarf

1

Der Kanal befindet sich in einem

guten Zustand. Es sind keine oder nur

unbedeutende Mängel erkennbar.

Der Kanal ist voll

funktionsfähig

kein Handlungsbedarf

2

Es sind Abnützungserscheinungen

bzw. geringfügige Mängel erkennbar

Die Funktionsfähigkeit ist

gegeben

Langfristiger

Handlungsbedarf

3

Der Kanal befindet sich in einem

schlechten Zustand. Schäden sind

erkennbar. Die Standsicherheit ist

jedoch gegeben.

Der Kanal ist

eingeschränkt

funktionsfähig

mittelfristiger

Handlungsbedarf

4

Der Kanal befindet sich in einem sehr

schlechten Zustand. Die Tragfähigkeit

ist gerade noch gegeben.

Der Kanal ist nur mehr

bedingt funktionsfähig

kurzfristiger

Handlungsbedarf

Wiederherstellung

(zumindest punktuell)

erforderlich

5

Der Kanal bzw. Teile des Kanals

(singuläre Schäden) sind

einsturzgefährdet

Gefahr in Verzug.

Funktionsfähigkeit ist

praktisch nicht mehr

gegeben

Sofortige Maßnahmen

erforderlich

Tabelle 1: Schadensklassen, ÖWAV-Regelblatt 21, Tab. 2

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 7


Die erste Zustandsklassifizierung und –bewertung der ab 1995 überprüften Kanalisationsanlagen der

Stadtgemeinde Leoben ergibt folgendes:

Diagramm 1: Kanalisation Leoben, Ergebnis der Zustandsklassifizierung für Haltungen 1995

Ziel der Zustandsbewertung ist, einen Gesamtüberblick über den Zustand des Kanalnetzes zu

gewinnen. Der daraus resultierende Prioritätenkatalog ersetzt aber keine Sanierungsplanung und

auch nicht die Aufstellung eines Bauprogrammes.

HYDRAULISCHE ZUSTANDSBEWERTUNG

Als weitere Gruppe zur Zustandsklassifizierung und -bewertung nach den Arbeitsbeihilfen Abwasser

wurden Richtlinien für die Bewertung der hydraulischen Leistungsfähigkeit von Abwasserkanälen

ausgearbeitet. Grundlage dafür sind hydraulische Berechnungen mit einem Niederschlag-Abfluß-

Modell oder dem Zeitbeiwertverfahren je nach Komplexität des Kanalnetzes.

Die hydraulische Leistungsfähigkeit eines Kanalnetzes oder einzelner Haltungen wird anhand der

Versagenshäufigkeit beschrieben. Es wird zwischen der Überstauhäufigkeit, bei welcher der das

Kanalnetz eingestaut ist, jedoch noch kein Schaden verursacht wird, und der Überflutung, welche bei

Wasseraustritt aus dem System mit einem signifikanten Schadenspotential vorliegt, unterschieden.

Die Abschätzung der hydraulischen Leistungsfähigkeit kann nach dem Zeitbeiwertverfahren mit

Modellregen oder mit Hilfe der Langzeitsimulation erfolgen. Bewährt hat sich die Abschätzung durch

Auswertung der Simulationsberechnungen mit dem Niederschlag-Abfluß-Modell HYSTEM-EXTRAN

unter Ansatz von Modellregenbelastungen, wie sie im Beispiel Leoben angewandt wird.

Entsprechend dem hydraulischen Verhalten der einzelnen Haltungen unter Betrachtung der

Wasserspiegelhöhen, erfolgt die Auswertung der hydraulischen Zustandsbewertung in 5

Zustandsklassen (vgl. Tabelle 1).

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 8


Die Auswertung der hydrodynamischen Simulation des Kanalnetzes Leoben hat gezeigt, dass

vereinzelt hydraulische Überlastungen mit Einstau und auch mit Überstau vorliegen.

Bei der Planung einer geeigneten Sanierungslösung sind daher, neben dem baulichen und

betrieblichen Zustand, auch hydraulische Belange zu berücksichtigen. Wenn schadhafte Kanäle

mittelfristig hydraulisch auf Grund von zusätzlichen Aufschließungsmaßnahmen zu erweitern sind,

kommt meist nur ein Neubau, die Errichtung von Entlastungskanälen oder Abkoppelungsmaßnahmen

von Niederschlagswasser in Frage.

PRIORITÄTENKATALOG MIT SANIERUNGSKONZEPT

Haltungen, die bei der baulichen Zustandsbewertung in die Klasse 5 fallen, haben in der Regel einen

sofortigen Handlungsbedarf zur Folge, wobei sich der Handlungsbedarf grundsätzlich nur auf die

Behebung von Einzelschäden bezieht. Werden ganze Haltungen als dringend sanierungsbedürftig

bewertet, so ist anhand der dokumentierten Schadenskürzel und vorliegender Videoaufzeichnungen

nicht nur das Sanierungsverfahren festzulegen, sondern es müssen auch die hydraulischen

Verhältnisse berücksichtigt werden.

Für die ganzheitliche Betrachtung wurden, anschließend an die Haltungsbewertung, alle Haltungen

strangweise zusammengefasst und eine Klassifizierung des Stranges (Prioritätenklasse)

vorgenommen. Für die Kanalisation Leoben wurde folgende Art der Klassifizierung festgelegt:

Priorität 1:

Priorität 2:

Priorität 3:

Diese Prioritätenklasse weist die höchste Dringlichkeit auf. Diese Haltungen sind sehr

schwer beschädigt. (Zustandsklasse 5), welche umgehend zu sanieren sind, oder aus

der hydraulischen Zustandsbewertung einen kurzfristigen bis sofortigen

Handlungsbedarf erfordern.

Sind Haltungen mit schweren Schäden der Zustandsklasse 3 und 4 und welche aus

hydraulischer Sicht einen mittelfristigen Handlungsbedarf ergeben.

In dieser Klasse sind die Haltungen enthalten welche im Zuge der Schadensbewertung

in die Zustandsklassen 1, 2 und teilweise 3 (mittlere Schäden) eingereiht wurden und

aus hydraulischer Sicht keinen bzw. nur einen langfristigen Handlungsbedarf

aufweisen.

Nicht nur für die Einteilung in die entsprechenden Prioritätenklassen ist es unumgänglich die

Aufzeichnungen der optischen Inspektion ingenieurmäßig zu bearbeiten, sondern auch für eine

Kostenschätzung und für die abschließende Festlegung des Sanierungsverfahrens.

Auf die oben angeführte „Strangweise Betrachtung“ erfolgte eine grobe Einteilung der erforderlichen

Maßnahmen zur Wiederherstellung oder Verbesserung des vorhandenen Zustandes in

• örtlich begrenzte Schäden (punktuelle Sanierung) und

• in Renovierungs- oder Erneuerungs-Maßnahmen für gesamte Haltungsabschnitte

(Streckensanierung).

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 9


Diese grobe Unterteilung der Sanierungsmaßnahme bildet eine solide Grundlage für eine

Kostenschätzung zur Aufstellung eines vorläufigen Finanzierungsplanes. Dazu wurden mittlere

Einheitssätze für die punktuelle Sanierung und für die Streckensanierung aus abgerechneten

Sanierungsarbeiten errechnet.

Das Ergebnis in Leoben: rd. 1900 Einzelschäden mit punktuellen Sanierungsmaßnahmen und rd. 16

km Kanalabschnitte mit einer erforderlichen Streckensanierungen; zusätzlich rd. 700

Sanierungsstellen an Schachtbauwerken. Damit ergab sich für den ersten Sanierungs-Bauabschnitt

ein Kostenaufwand von rd. € 4,4 Mio.

SANIERUNGSPLANUNG

Der Prioritätenkatalog ist Grundlage für die Wiederherstellung eines ordnungsgemäßen

Kanalbetriebes. Für die zeitliche Abfolge des Bauprogrammes stellt dieser jedoch nur eine

Orientierungshilfe.

Neben der Erneuerung von schadhaften Kanalabschnitten in offener Bauweise werden bei der

Sanierungsplanung zur Ortskanalisation Leoben folgende aufgrabungsfreie Sanierungsmethoden

untersucht und entsprechend den zu sanierenden Schadensbildern und nach wirtschaftlichen

Aspekten ausgewählt:

Abbildung 1: grabenlose Erneuerungsverfahren (vergleiche ÖWAV-Regelblatt 28, 2007)

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 10


Abbildung 2: grabenlose Renovierungsverfahren (vergleiche ÖWAV-Regelblatt 28, 2007)

Abbildung 1: grabenlose Reparaturverfahren (vergleiche ÖWAV-Regelblatt 28, 2007)

Bei der Aufstellung eines Zeitplanes sind weiters das Gefährdungspotenzial und zukünftige

Bauprogramme sowie die Finanzierbarkeit zu berücksichtigen; dazu sind für jedes Planungsgebiet

insbesondere zu betrachten:

• Einteilung in Bauabschnitte

• Koordinierung mit Straßenbaumaßnahmen und anderen Tiefbaumaßnahmen

• Koordinierung mit anderen Erschließungsvorhaben

• Kanalerneuerungen wegen hydraulischer Überlastung

• Akute Fremdwasserprobleme

• Störung der Öffentlichkeit.

• zukünftige Betriebs- und Unterhaltskosten

• Gesamtkosten

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 11


Im Hinblick auf die Entscheidung ob die Sanierungen in offener oder in geschlossener Bauweise

erfolgen soll, sind folgende Punkte zu beachten:

wirtschaftliche Beurteilung durch Kosten-/Nutzenanalyse

keine oder nur kleine Baugrube

Länge der Bauzeit

Reduzierung der Verkehrsbeeinträchtigung

andere Versorgungs- und Entsorgungsleitungen

Bewuchs oder Oberflächengestaltung

Vermeidung von Grundwasserabsenkung

Bei der Auswahl der Sanierungsverfahren für die Ortskanalisation Leoben war neben dem Ausmaß

des zu sanierenden Schadens in erster Linie die Forderung der Förderstelle des Bundes maßgebend,

dass entsprechend einem Wirtschaftlichkeitsnachweis die „günstigste“ Variante umzusetzen ist.

Bei der zeitlichen Abfolge wurde insbesondere Rücksicht auf die Neugestaltung des Hauptplatzes,

sowie auf weitere Umgestaltungen und Erneuerungen von Straßenflächen und auf Baumaßnahmen

anderer Einbauten (z.B. Fernwärmeausbau) genommen.

Die Sanierungsplanung der Kanalstränge mit der Prioritätenklasse 1 hat bei der Ortskanalisation

Leoben folgende Sanierungsmaßnahmen ergeben, welche im Rahmen der Bauabschnitte 11 und 13

(2000 –2006) umgesetzt wurden:

• Offene Bauweise (DN200-DN400) ca. 2.700 m

• Kurzrohrrelining (DN300 und Profilkanäle) ca. 1.200 m

• Schlauchlining (DN150-DN500 und kleinere Profilkanäle) ca. 6.900 m

• Punktuelle Aufgrabungen (z.B. bei Scherbenbruch) ca. 60 Stück

• Punktuelle, händische Sanierungen in begehbaren Kanälen ca. 120 Stück

• Robotersanierungen ca. 650 Stück

• Abschnittsweise Auskleidung (partieller Inliner) ca. 140 Stück

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 12


WIEDERHOLUNG DES PLANUNGSABLAUFES NACH RUND 10 JAHREN

Nach der Sanierung jener Strangabschnitte mit hoher Priorität wurden nach 10 Jahren alle 1995 nicht

befahrenen Kanalabschnitte und jene Strangabschnitte mit niedriger Priorität (insbesondere die

Bauzustandsklassen 2 und 3 der Kamerabefahrung 1995) neuerlich inspiziert und ausgewertet.

Insgesamt wurden 37 km Kanalanlagen überprüft.

Diagramm 2: Kanalisation Leoben, Ergebnis der Zustandsklassifizierung für Haltungen 2005

Die entsprechende Auswertung und Sanierungsplanung für die neuerlich festgestellten Mängel hat

ergeben, dass in einem neuerlichen Bauabschnitt Investitionen von rd. € 2.4 Mio. erforderlich sind.

Auch bei dieser Sanierungsplanung hat sich gezeigt, dass rd. 80 % der Kanalabschnitte mittels

grabenloser Verfahren repariert, renoviert oder erneuert werden können.

Die Zielsetzung ist, dass bis zur Fertigstellung des laufenden Sanierungsbauabschnittes alle

Kanalhaltungen die Zustandsklassen 1 und 2 aufweisen.

5. Zusammenfassung

Die Zustandserhebung 1995 der Kanalisation Leoben hat gezeigt, dass eine Vielzahl von Kanälen den

bestehenden Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien nicht mehr entsprechen und daher ein

entsprechender Sanierungsbedarf besteht.

Mit der Erstellung des Kanalkatasters Leoben wurde unter Beachtung der hydraulischen,

umweltrelevanten und baulichen Gegebenheiten ein wirtschaftliches und funktionierendes

Kanalinstandhaltungskonzept erstellt. Das Projekt ist auch ein Beispiel dafür, wie durch eine „saubere

Grundlagenermittlung“ innovative Lösungen innerhalb eines großen Sanierungsprojektes umgesetzt

werden können.

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 13


Unter Einbeziehung der Rahmenplanungen einer Gemeinde und unter Berücksichtigung von

wirtschaftlichen Maßnahmen stellt eine ganzheitliche Sanierungsplanung die einzig sinnvolle

Alternative zur Sanierung aus Anlassfall dar.

6. Literatur

Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen und Bundesministerium der

Verteidigung, Deutschland (2001 und 2006) Arbeitshilfen Abwasser - Planung, Bau

und Betrieb von abwassertechnischen Anlagen in Liegenschaften des Bundes,

Hannover

Ertl T. und Kitzberger J. . (1999) Zustandsbewertung von Kanalisationen - internationaler

Überblick Wiener Mitteilungen Band 154, S. 151-186

Gruschwitz Carolin (1999) Sanierungsplanung von Abwassernetzen "ganzheitliche

Betrachtung der Vorgehensweise, Diplomarbeit Universität Leipzig

Kitzberger J. (1999) Vorgangsweise bei der Erstellung eines Kanalkatasters Wiener

Mitteilungen Band 154, S. 5-32

ÖNORM EN 752 (2008) Entwässerungssysteme außerhalb von Gebäuden

ÖWAV-Arbeitsbehelf 34 (2007) Leitfaden für die Ausschreibung der Hochdruckreinigung

von Kanaelen, Wien

ÖWAV-Regelblatt 28 (2007) Unterirdische Kanalsanierung, Wien

ÖWAV-Regelblatt 34 (2003) Hochdruckreinigung von Kanälen, Wien

ÖWAV-Regelblatt 40 (2010) Kanalkataster, Wien

ÖGL Homepage www.grabenlos.at: „Techniken und Regelwerk“

Dipl-Ing. Josef Kitzberger

BÜRO DR. LENGYEL ZT GMBH

Rennweg 46-50/1/2

1030 Wien

Tel.: 01/ 79 82 033 -0

e-mail: J.Kitzberger@BDL.at

Ing. Alfred Krenn

Stadtgemeinde Leoben

Referat für Umwelt und Tiefbau

Erzherzog Johann Straße 2

8700 Leoben

Tel: +43 (0)3842 4062 -0

Alfred.Krenn@Leoben.at

Schladming, 15. und 16. Oktober 2013 14

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