Grußwort von Joachim Schulte - Ministerium für Integration, Familie ...

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Grußwort von Joachim Schulte - Ministerium für Integration, Familie ...

Grußwort

Joachim Schulte,

Sprecher von QueerNet

Rheinland-Pfalz e.V.

Sehr geehrte Frau Ministerin Alt,

sehr geehrte Frau Brixius-Stapf,

werte Anwesende,

liebe Freunde,

„Rheinland-Pfalz ist Spitze“ war die Überschrift der Pressemitteilung von QueerNet

Rheinland-Pfalz e.V., dem Zusammenschluss schwul-lesbisch-queerer Initiativen und

Vereine, als im Februar dieses Jahres die Zielvereinbarung zwischen der

Landesregierung und QueerNet RLP unterzeichnet wurde.

Eine solche Zielvereinbarung zwischen einer Landesregierung und dem

Zusammenschluss von NGOs, wie es QueerNet RLP darstellt, hat kein anderes

Bundesland vorzuweisen. Was ist so besonders an dieser Zielvereinbarung?

Die Landesregierung und QueerNet RLP verabreden darin, dass sie sich langfristig

auf den Weg machen wollen, um zwei Dinge zu erreichen: die vollständige rechtliche

Gleichstellung und die gesellschaftliche Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Trans*,

Bi- und Intersexuellen.

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Auf den Weg der rechtlichen Gleichstellung hat sich die Landesregierung mit der

Bundesratsinitiative zur Öffnung der Ehe vom 22.3.2013 (zuletzt wiederholt am

5.7.2013) gemacht und sie hat damit – wie es das Verfahren im Bundesrat vorsieht –

die Berichtspflicht und das heißt, das Heft des Handelns und Drängens in der Hand.

Der Antrag hat im Bundesrat die Mehrheit gefunden, und er fordert den Bundestag

auf, sich nicht vom Bundesverfassungsgericht zum Jagen tragen zu lassen, sondern

ebenfalls die Ehe für Lesben und Schwule zu öffnen, was das Adoptionsrecht

einschließt.

All diese Initiativen sind maßgeblich von Ihnen, Frau Ministerin Alt, ausgegangen und

dafür möchte ich mich als Sprecher von QueerNet RLP im Namen aller Initiativen

und Vereine ganz besonders bedanken.

Es ist gut zu wissen, dass wir in Rheinland-Pfalz auf diesem Hintergrund heute zu

diesem Fachtag zusammengekommen sind. Heute geht es nicht um die rechtliche

Gleichstellung, heute soll es darum gehen, mit Ihnen, verehrte Anwesende, über die

Themen Schule und Ausbildung, Gesundheit und Alter und Geschlechtervielfalt ins

Gespräch zu kommen, damit das Wirklichkeit wird, was wir Akzeptanz von Lesben,

Schwulen, Trans*, Bi- und Intersexuellen nennen.

Akzeptanz – nicht Toleranz ist unser Ziel. Der Unterschied besteht darin, dass ich

mich bei Toleranz nicht interessieren muss für das, was der oder die andere denkt

oder macht, sondern vor allem dafür Sorge trage, dass ich meine Dinge tun kann,

ohne dass ich von anderen an der Ausübung gehindert werde. Das fördert in letzter

Konsequenz Parallelgesellschaften, die niemand von uns haben will.

Akzeptanz hingegen interessiert sich für das Denken und Wollen des anderen, fragt

nach, stößt auf Widersprüche und versucht sie im Dialog zu klären.

Dafür brauchen wir eine Öffentlichkeit, die vorurteilsfrei informiert wird.

Wir haben gestern erlebt, was das in unserer Region heißt:

Der US-amerikanische Supreme Court hat entschieden, dass der Ausschluss von

lesbischen und schwulen Paaren, die heiraten wollen, von der Ehe unzulässig ist.

Ein riesiger Schritt nach vorne.

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Was titelt die Mainzer Allgemeine Zeitung? „Ist die Ehe noch zu retten?“

Dazu ein Bild, das die 3 Buchstaben E H E mit Heftpflaster an eine Pinnwand heftet

und im Inneren ein Interview mit einem ehemaligen Verfassungsrichter, der sich

Sorgen um die Ehe macht.

Information oder Stimmungs- und Meinungsmache? Klarer kann kaum gezeigt

werden, wie notwendig Information und Aufklärung sind.

In diesem Sinne hat das Ministerium Sie heute eingeladen, sich auf den Gebieten

Bildung, Gesundheit, Geschlechtervielfalt sachkundig zu machen, Ihre Fragen zu

stellen, aber auch Ihre Expertise, Ihr Wissen einzubringen.

Bevor es aber losgeht mit den ersten Ausführungen zum Thema Bildung, lassen Sie

mich doch noch einen Moment verweilen bei dem, was wir in letzter Zeit wieder

verstärkt wahrnehmen, wenn es um die öffentliche Diskussion der Themen sexuelle

Identität und Geschlechtervielfalt geht.

Da gibt es Einwände. Kaum jemand sagt heute direkt, dass er oder sie Schwule und

Lesben nicht mag, beim Thema Trans* ist das schon ein bisschen anders (auch hier

in der Regel nicht offen diskriminierend), aber es gibt immer so ein „aber“, das

manchmal ausgesprochen wird, meistens eher mitgehört werden kann.

Ganz schön zeigt das eine Untersuchung vom letzten Jahr, die an Berliner Schulen

in den 9. und 10. Klassen durchgeführt wurde. Demnach finden es 90% der Kinder in

Ordnung, wenn Schwule und Lesben heiraten können; gefragt wie es wäre, wenn der

Banknachbar/die Banknachbarin schwul, lesbisch oder trans* wäre, antworten 60%

damit, dass sie sich unwohl fühlten, neben einer solchen Person zu sitzen.

Und ich glaube, dieses Ergebnis bekommen wir nicht nur bei Jugendlichen.

Was sich hier als Unwohlsein artikuliert, artikuliert sich anderswo z.B. als:

„...aber Kinder brauchen doch Mami und Papi!“

Was Kinder brauchen, ist eine liebevolle und sie fördernde Umgebung – das zeigen

die Untersuchungen, unabhängig vom Geschlecht der Eltern. In dieser Umgebung

können sie zu selbstständigen Persönlichkeiten heranwachsen, die ihre Eltern lieben

(und sich mit ihnen auseinandersetzen), wie das alle Kinder auf der Welt mit ihren

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Eltern tun. Kinder in Regenbogenfamilien zeichnen sich darüber hinaus dadurch aus,

dass sie früher als andere sich mit ihrer Umgebung auseinandersetzen, das fördert

ihre Sprachfähigkeit und ihre Persönlichkeitsentwicklung. Die lesbischen Paare, das

schwule Paar mit Kinderwunsch, die ich kenne, sie alle gehen durch einen Prozess

bewusster Entscheidung mit Kindern zusammenzuleben, und mir ist kein Paar

bekannt, das nicht ebenso darauf achtet, dass es in der Umgebung des Kindes auch

einen Mann, eine Frau als Bezugspunkt gibt, an denen das Kind auch die andere

Geschlechterrolle erleben kann. Kein Kind einer Regenbogenfamilie lebt in einer

abgeschlossenen Welt, sie sind hundertfach von männlichen und weiblichen

Geschlechterrollen umgeben – dafür sorgen nicht zuletzt die Medien.

Untersucht man diesen Einwand also, dann bleibt nicht viel übrig von diesem „aber“ -

außer vielleicht das etwas komische Gefühl, dass mir etwas Anderes begegnet, als

ich es gewohnt bin – und da genau beginnt der Akzeptanzprozess.

Ein anderes Beispiel zeigt das ebenso:

Manche von Ihnen werden die Situation von Schwulen, Lesben und Trans* in

Russland mitbekommen haben.

Die Duma, das nationale Parlament, hat ein Gesetz verabschiedet, das das

öffentliche Leben von Schwulen, Lesben und Trans*Personen und das Sprechen in

der Öffentlichkeit über Homosexualität und Geschlechtervielfalt verbietet und

Zuwiderhandeln mit Geldstrafe und Gefängnis belegt. Dieses Gesetz ist in Kraft

getreten, und es gibt bereits die ersten Verhaftungen und gewalttätigen Übergriffe

auf Menschen, die sich ihr selbstverständliches Recht zu leben, wie sie sind und wie

jede und jeder Heterosexuelle es für sich beansprucht, nicht nehmen lassen wollen.

Mindestens zwei Jugendliche haben wegen dieser Verfolgungen Selbstmord

begangen.

Vergleichbare Gesetze sind in der Ukraine in Vorbereitung und auch in anderen

osteuropäischen Ländern. Natürlich reiht sich diese Gesetzgebung in eine ganze

Reihe von Gesetzen ein, die freie Meinungsäußerung unterdrücken sollen, aber es

kommt noch etwas hinzu.

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Das Verbot, seine homosexuelle Identität offen zu leben, wird damit begründet, dass

verhindert werden soll, dass Minderjährige verführt werden.

Damit kommt wieder die Behauptung in die Diskussion, man könne zu seiner

sexuellen Identität verführt werden – die sexuelle Identität sei wählbar und deswegen

hinge es von der Entscheidung der „Betroffenen“ ab, auch eine andere als die

homosexuelle „Wahl“ zu treffen.

Interessant bei dieser scheinbaren Begründung ist, dass sie sich ausschließlich auf

Homosexuelle bezieht. Jemand Heterosexuellen damit zu konfrontieren, er oder sie

seien zur Heterosexualität verführt worden, scheint für die Beteiligten vollkommen

abwegig, weil sie ihre sexuelle Identität als so selbstverständlich zu ihnen gehörig

erleben. Warum gehen wir nicht genauso selbstverständlich davon aus, dass das für

Homosexuelle ebenso zutrifft?

Stattdessen begegnen uns sog. „Homoheiler“, (Pseudo)Psychologen, die Therapien

für „ausstiegswillige“ Homosexuelle anbieten. In den USA gehören sie zum

Selbstverständnis vieler Freikirchen und Evangelikalen dazu, und auch in

Deutschland gibt es Anhänger dieser Bewegung im Umfeld konservativer

evangelikaler Kreise. Der Verein Wüstenstrom ist hier zu nennen, aber auch das

„Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft" (DIJG) von Frau Christl Vonholt.

Diese Vertreter beziehen sich vielfach auf eine Studie aus den USA von Prof.

Spitzer, der allerdings die Ergebnisse seiner Studie als nicht wissenschaftlich fundiert

charakterisiert und deshalb vor einiger Zeit selbst zurückgezogen hat; deswegen und

wegen ihres mangelnden „Erfolges“ hat sich die größte der sog. Ex-Gay-

Bewegungen vor wenigen Monaten aufgelöst.

Ein weiteres „furchtbares Experiment“, das von seinen Protagonisten als gescheitert

erklärt wird – ein Experiment auf Kosten vor allem von jungen Schwulen und Lesben.

Offen bleibt die Frage, wie sexuelle Identität entsteht.

Die Antwort: Wir wissen es nicht. Es gibt auch im Jahr 2013 keine breit angelegte

Langzeitstudie, die die Entstehung der sexuellen Identität untersucht ohne den Fokus

auf die Devianz des Homosexuellen zu legen – was wir ablehnen, weil wir zu häufig

die Erfahrung gemacht haben, Opfer klinischer Versuchsreihen zu sein – wie

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u.a. im KZ Buchenwald und in der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre des letzten

Jahrhunderts hinein, wo stereotaktische Eingriffe in das vermeintliche Sexualzentrum

des Gehirns vorgenommen wurden, mit furchtbaren Folgen für die Opfer bis zum

Tod.

Die einzig gesicherte Aussage ist, dass sich sexuelle Identität in einem so frühen

Stadium menschlicher Entwicklung bildet, dass Verführung, die ja immer den Part

des Verführten mit einbezieht, der die Verführung geschehen lässt, noch gar nicht in

Betracht kommt, weil zu diesem frühen Zeitpunkt das Bewusstsein dafür noch gar

nicht existiert. Alles andere ist Missbrauch, ein Straftatbestand, über den wir in

diesem Zusammenhang nicht reden müssen, der aber auch oft unterschwellig oder

offen in der Diskussion mit genannt wird. Die wenigen Studien, die mit kleinen

Versuchsgruppen gemacht wurden, schwanken zwischen genetischen und sozialen

Faktoren – je nachdem, welche Vertreter welche Forschungsmittel akquirieren

konnten und wohin gerade der wissenschaftliche Mainstream neigt.

Um es klar zu sagen: Man kann zur sexuellen Identität nicht verführt werden – es gibt

Phasen im Leben, in denen Menschen gleichgeschlechtliche Erfahrungen sammeln

(Kinsey spricht in seiner Studie aus den 60er Jahren von bis zu 60 %); allerdings hat

dies nichts mit der sexuellen Identitätsbildung der Betroffenen zu tun – geschweige

denn damit, dass alle, die solche Kontakte hatten, schwul oder lesbisch werden.

Lassen sie es mich zugespitzt formulieren:

Solange es keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Bildung der

sexuellen Identität beim Menschen gibt – unabhängig davon, ob die Person

heterosexuell oder homosexuell ist – solange bleibt jede Äußerung über Verführung

homosexuellenfeindliches Gerede, das Schwule, Lesben, Trans* und Bisexuelle

ausgrenzen und diffamieren will.

Ich möchte zum Schluss Barak Obama aus seiner Berliner Rede vom 20.6.2013

zitieren. Obama, der wie kaum einer seine Heterosexualität selbstbewusst und

öffentlich lebt, sagte in Berlin letzte Woche:

„Wenn wir für unsere homosexuellen Brüder und Schwestern eintreten, und ihre

Liebe und ihre Rechte vor dem Gesetz gleich behandeln, verteidigen wir auch unsere

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eigene Freiheit. Unsere Freiheit wird größer, wenn alle Menschen nach Glück

streben können.“

In diesem Sinne möchte ich Sie also ermutigen, sich auf die Themen dieses

Fachtages einzulassen und Ihre Fragen zu stellen, ihre Vorbehalte, ihr Unwohlsein

auszusprechen und mit den Referenten und Teilnehmenden ins Gespräch zu

kommen.

Vielen Dank!

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