Evaluationsbericht Filderstadt - VHW

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Evaluationsbericht Filderstadt - VHW

vhw Städtenetzwerk

Evaluationsbericht Filderstadt

EVALUATIONS-

BERICHT

FILDERSTADT

Erstellt von

Prof. Dr. Gary S. Schaal und Dr. Claudia Ritzi

Institut für Politikwissenschaft, insbes. Politische Theorie

Helmut-Schmidt-Universität Evaluation vhw Städtenetzwerk (Prof. Dr. Hamburg Gary S. Schaal/ Dr. / UniBW

Claudia Ritzi)

April 2013


Evaluationsbericht Filderstadt

Inhaltsverzeichnis

1. Die Evaluation des Beteiligungsverfahrens zum ISEK 2.0: Leitideen und Bewertungsmaßstäbe .................. 4

2. Das Beteiligungsverfahren in Filderstadt ......................................................................................................... 7

3. Kriterien der Evaluation ................................................................................................................................... 9

4. Ergebnisse der Evaluation ............................................................................................................................... 13

4.1 Bewertung der Planungsphase ............................................................................................................ 13

4.2 Bewertung der Dialogphase (Stadtteilekonferenz & Hubschraubergruppe) ...................................... 16

4.3 Bewertung der Resonanz im politisch-administrativen Bereich ..................... .................................. 36

4.4 Eine vergleichende Perspektive .......................................................................................................... 38

5. Fazit ................................................................................................................................................................. 42

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Schalenmodell der Evaluation des vhw-Städtenetzwerkes ................................................... 10

Abbildung 2: Teilnehmer der Stadtteilekonferenz nach Milieu-Gruppen und Migrationshintergrund. ........... 23

Abbildung 3: Ich habe in den Gesprächen viel von anders denkenden Menschen gelernt ............................... 39

Abbildung 4: Einige Teilnehmer haben die Gespräche dominiert ..................................................................... 39

Abbildung 5: Ich fühlte mich in den Gesprächen respektiert ............................................................................ 40

Abbildung 6: In der Veranstaltung wurde nach konstruktiven Lösungen gesucht ............................................ 40

1


Evaluationsbericht Filderstadt

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Schalenmodell und Erfolgsfaktoren der Evaluation im Überblick. ................................................... 11

Tabelle 2: Die häufigere Anwendung von Bürgerbeteiligungsverfahren ist sinnvoll ......................................... 14

Tabelle 3: Erwartete Effekte des Dialogverfahrens bei den politischen Eliten und Verwaltung ....................... 14

Tabelle 4: Wie sollte der Gemeinderat mit den Ergebnissen des Dialogprozesses umgehen? .......................... 15

Tabelle 5: Die häufigere Anwendung von Bürgerbeteiligungsverfahren ist zwingend notwendig. ................... 15

Tabelle 6: Arbeitsbedingungen der Organisationsgruppe .................................................................................. 16

Tabelle 7: Bewertung der Informationsbasis durch die TeilnehmerInnen der Stadtteilekonferenz ................. 19

Tabelle 8: Bewertung der Moderation der Stadtteilekonferenz .......................................................................... 20

Tabelle 9: Bewertung der Deliberation in der Stadtteilekonferenz .................................................................... 21

Tabelle 10: Hat sich durch die Veranstaltung ihre Meinung zur Stadtentwicklung in Filderstadt geändert? ... 21

Tabelle 11: Gründe der Meinungsänderung zur Stadtentwicklung .................................................................... 22

Tabelle 12: Führt die Veranstaltung zu einer besseren Akzeptanz der politisch gesetzten Schwerpunkte? ...... 22

Tabelle 13: Zahl der Teilnahmen an früheren Bürgerbeteiligungsverfahren ..................................................... 24

Tabelle 14: Höchster Bildungsabschluss der TeilnehmerInnen ......................................................................... 24

Tabelle 15: Monatliches Nettoeinkommen der TeilnehmerInnen ...................................................................... 25

Tabelle 16: Beruflicher Status der TeilnehmerInnen ......................................................................................... 26

Tabelle 17: Die PolitikerInnen der Stadt nehmen die Veranstaltung ernst. ...................................................... 26

Tabelle 18: Würden Sie an einer solchen Veranstaltung noch einmal teilnehmen? .......................................... 26

Tabelle 19: Aus welchen Gründen würden Sie noch einmal teilnehmen? ......................................................... 27

Tabelle 20: Soll die Diskussion in einer kleineren Gruppe fortgesetzt werden? ................................................ 27

Tabelle 21: Bewertung der Stadtteilekonferenz in einer Schulnote ................................................................... 27

Tabelle 22: Zahl der Teilnahmen an früheren Bürgerbeteiligungsverfahren ..................................................... 28

Tabelle 23: Einstellungen der Hubschraubergruppe zur Demokratie ................................................................ 28

Tabelle 24: Einschätzung der internal efficacy der TeilnehmerInnen der Hubschraubergruppe ....................... 29

Tabelle 25: Motive der Teilnahme an der Hubschraubergruppe ........................................................................ 30

Tabelle 26: Welchen Teil der Informationsmaterialien haben Sie gelesen? ...................................................... 30

Tabelle 27: Bewertung Informationsmaterial Hubschraubergruppe .................................................................. 31

Tabelle 28: Monatliches Nettoeinkommen der TeilnehmerInnen ...................................................................... 31

Tabelle 29: Sollte die Politik die Ergebnisse der Hubschraubergruppe unverändert umsetzen? ...................... 32

Tabelle 30: Akzeptanz des Verfahrens und seiner Ergebnisse ............................................................................ 32

Tabelle 31: Bewertung der Deliberation in der Hubschraubergruppe ............................................................... 33

Tabelle 32: Einschätzung der Moderation in der Hubschraubergruppe ............................................................ 34

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Tabelle 33: Hat sich durch die Veranstaltung Ihre Meinung zur Stadtentwicklung in Filderstadt geändert? ... 34

Tabelle 34: Würden Sie an einer solchen Veranstaltung noch einmal teilnehmen? .......................................... 34

Tabelle 35: Bewertung der Hubschraubergruppe durch die TeilnehmerInnen in einer Schulnote ................. 34

Tabelle 36: Offene Frage: Was fanden Sie an der Hubschrauberuppe besonders gut? ..................................... 35

Tabelle 37: Bewertung der Anwendungsgebiete des Dialogverfahrens durch die Eliten .................................. 36

Tabelle 38: Einstellungsänderungen in Politik und Verwaltung ........................................................................ 37

Tabelle 39: Hat das Dialogverfahren Ihre politisch-administrative Arbeit erleichtert oder erschwert? ............ 37

Tabelle 40: Zufriedenheit mit dem Ergebnis des Dialogverfahrens (Politik/Verwaltung).................................. 38

Tabelle 41: Überwiegt der Nutzen des Verfahrens die Kosten (Politik/Verwaltung)?......................................... 38

Tabelle 42: Zahl der Teilnahmen an früheren Bürgerbeteiligungsverfahren im Vergleich ............................... 38

Tabelle 43: Die ganze Politik ist so kompliziert, dass jemand wie ich gar nicht versteht, was vorgeht .............. 41

Tabelle 44: Zusammenfassung der Evaluation .................................................................................................... 45

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Evaluationsbericht Filderstadt

1. Die Evaluation des Beteiligungsverfahrens zum ISEK 2.0: Leitideen

und Bewertungsmaßstäbe

Bürgerbeteiligung spielt in Filderstadt schon seit vielen Jahren eine wichtige Rolle,

wenn es darum geht, wegweisende kommunalpolitische Entscheidungen zu treffen. So

hat der Gemeinderat bereits im Jahr 2000 der Neugründung eines Referates für

Bürgerbeteiligung und Stadtentwicklung als Stabsstelle beim Oberbürgermeister/bei

der Oberbürgermeisterin und einer umfangreichen Konzeption zur Bürgerbeteiligung

und Engagementförderung zugestimmt. Die Arbeit mit dem Thema Bürgerbeteiligung

startete im selben Jahr mit einem großen Gemeinderatshearing zum Thema

»Filderstadt auf dem Weg zur Bürgerkommune« sowie mit mehreren

Informationsfahrten zu beispielhaften Gemeinden im Baden-Württemberg. 1

Auch mit Blick auf die Erarbeitung eines Integrierten Stadtentwicklungskonzeptes

(ISEK) für Filderstadt entschieden sich die kommunale Selbstverwaltung und die

Oberbürgermeisterin Gabriele Dönig-Poppensieker dazu, die Bürgerinnen und Bürger

zu einer intensiven Beteiligung einzuladen. Geleitet wurde das Verfahren vom Referat

für Bürgerbeteiligung und Stadtentwicklung, namentlich von Thomas Haigis und Jutta

Grillhiesl-Mauz. Als Mitglied des Städtenetzwerkes ging die Stadt außerdem eine

Kooperation mit dem vhw (Verband für Wohnen und Stadtentwicklung) ein, welche

auf die Durchführung eines deliberativen Dialoges zielte. Aus den Zielsetzungen des

vhw-Städtenetzwerkes können deshalb die Kriterien abgeleitet werden, die im

folgenden Bericht als Grundlage der Verfahrensbewertung dienen.

Das vhw-Städtenetzwerk weist klar formulierte und zugleich normativ anspruchsvolle

Ziele auf: Das übergeordnete, langfristige Ziel besteht in der Ausbildung einer

politischen Beteiligungskultur auf kommunaler Ebene. Die Realisierung dieses Ziels

soll über unterschiedliche, kurz- und mittelfristig zu implementierende Zwischenstufen

erreicht werden. Von besonderer Bedeutung ist hierfür erstens das Ideal der Inklusion,

also die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern aus verschiedenen sozialen Milieus

im Prozess der demokratischen Willens- und Meinungsbildung. Zweitens soll,

vermittelt über inklusivere Partizipationsprozesse, die Legitimation demokratischer

Entscheidungsverfahren und der daraus resultierenden demokratischen Outputs und

Outcomes auf der kommunalen Ebene sowie ihre faktische Akzeptanz durch die

Bürgerinnen und Bürger erhöht werden. Dem steht bislang entgegen, dass formaljuristisch

legitime demokratische Entscheidungsprozeduren nicht mehr automatisch

zur Akzeptanz durch die Bürgerinnen und Bürger führen, da die Transformation von

Legitimation in Akzeptanz brüchig geworden ist.

1

Vgl. hierzu auch den Leitfaden „BürgerInnenbeteiligung in Filderstadt. Handlungsempfehlungen

für die Verwaltung“.

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Das vhw-Städtenetzwerk vertritt die Position, dass dialogorientierte, faire und inklusive

Entscheidungsverfahren einen wichtigen Beitrag zum Erreichen dieser Ziele leisten

können. In der Ausgestaltung solcher Verfahren auf kommunaler Ebene orientiert sich

das Städtenetzwerk dabei an einer im politikwissenschaftlichen Diskurs aktuell

besonders einflussreichen Demokratietheorie: der Theorie der deliberativen Demokratie.

Im Fokus dieser Theorie steht das Ideal einer normativ anspruchsvollen Diskussion

zwischen Bürgerinnen und Bürgern, die sich wechselseitig als Freie und Gleiche

ansehen und in der nur der zwanglose Zwang des besseren Argumentes gelten soll. Die

deliberative Demokratietheorie vertritt dabei erstens die normative Position, dass

Entscheidungsbetroffene auch Entscheidungsberechtigte sein sollen (Identität von

Rechtsautorinnen und -autoren und Rechtsadressatinnen und -adressaten). Aus dieser

Position kann das Ideal der Inklusion abgeleitet werden. Zweitens wird die normative

Hoffnung vertreten, dass politische Entscheidungsprozesse, die sich am Ideal der

Deliberation orientieren, eine höhere Qualität aufweisen, d. h. im Ergebnis „besser“

sind. Drittens geht diese Theorie davon aus, dass die Akzeptanz deliberativer

politischer Entscheidungsprozeduren und deliberativ getroffener Entscheidungen

höher ist als jene von repräsentativen „Standardverfahren“.

Die deliberative Demokratietheorie ist jedoch normativ ausgesprochen anspruchsvoll.

Daher ist evident, dass sie in der Evaluation lediglich als ein regulatives Ideal genutzt

werden kann. Unabhängig davon werden in der politischen Praxis überall auf der Welt

zunehmend häufiger deliberative Entscheidungsverfahren angewendet, häufig mit

ähnlichen Zielsetzungen, wie sie im Städtenetzwerk verfolgt werden. Sehr viel spricht

also dafür, dass die deliberative Demokratietheorie nicht nur ein theoretisch

angemessenes, sondern auch ein praktisch gehaltvolles Konzept ist, das Leitlinien für

die Evaluation moderner Beteiligungsformen vorgibt.

Die hier vorgelegte Evaluation untersucht vor diesem Hintergrund, ob und in welcher

Intensität die Ideale der Inklusion und fairen und sachorientierten Diskussion

(Deliberation) während des Beteiligungsverfahrens zu ISEK 2.0 in Filderstadt erreicht

wurden. Sie bezieht dazu sowohl die Einschätzungen der an den Dialogen beteiligten

Bürgerinnen und Bürger als auch der für die Organisation des Verfahrens

verantwortlichen Gruppe und die Urteile von Vertreterinnen und Vertretern aus Politik

und Verwaltung in die Bewertung mit ein. Darüber hinaus erfolgt eine Bewertung des

Beteiligungsprozesses vor dem Hintergrund theoretischer Ideale auf der Basis einer

nichtteilnehmenden Beobachtung des Prozesses durch den Autor und die Autorin

dieses Berichts, die neben der Zustimmung der aktiv Beteiligten auch eine formale

Bewertung des Filderstädter Beteiligungsverfahrens erlaubt.

Der Bericht gliedert sich dabei wie folgt: Zunächst erfolgt eine knappe Beschreibung

des in Filderstadt angewandten Verfahrens (Abschnitt 2). Darauf aufbauend wird

erörtert, welche konkreten Kriterien und Daten der Evaluierung zugrunde liegen

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(Abschnitt 3). Im vierten Abschnitt werden die Ergebnisse der Evaluierung präsentiert,

die aufzeigen, dass das Verfahren zwar einerseits nicht frei von Mängeln war, dass es

aber dennoch auf hohe Wertschätzung bei den beteiligten Akteurinnen und Akteuren

gestoßen ist. Im fünften Abschnitt wird schließlich ein Fazit gezogen, in welchem

diskutiert wird, ob und inwiefern das Filderstädter Beteiligungsverfahren positive

Impulse für eine Steigerung der Legitimität des ISEK 2.0 in den Augen der

Bürgerinnen und Bürger geben konnte.

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2. Das Beteiligungsverfahren in Filderstadt

Anlass des Beteiligungsverfahrens war der Entschluss des Gemeinderats, das im Herbst

2011 verabschiedete Integrierte Stadtteilkonzept für Filderstadt unter Beteiligung der

Bürgerinnen und Bürger aller fünf Ortsteile zu konkretisieren. Ziel war es also, die

bestehende Planung in eine spezifizierte Version (ISEK 2.0) zu überführen, die die

Entwicklungsperspektiven für die Stadtteile Bernhausen, Bonlanden, Harthausen,

Plattenhardt und Sielmingen genauer beschreiben sollte.

Federführend von Thomas Haigis und Jutta Grillhiesl-Mauz organisiert, fanden am 13.

Dezember 2012 eine vierstündige Stadtteilekonferenz, an der rund 250 Bürgerinnen

und Bürger teilnahmen, sowie ein anschließender Dialogabend, an dem die so

genannte „Hubschraubergruppe“ (also eine Gruppe von 17 Bürgerinnen und Bürgern,

die bereits an der Konferenz teilgenommen hatten) statt, welche die Ergebnisse der

Stadtteilekonferenz bündeln und eine Politikempfehlung aussprechen sollte.

Die Stadtteilekonferenz wurde im Amtsblatt der Stadt Filderstadt angekündigt, daneben

wurden 2000 Personen per Anschreiben (in leicht verständlicher Sprache) zur

Teilnahme eingeladen. Allen Eingeladenen wurden außerdem die Kurzfassung von

ISEK 1.0 sowie die Basisanalyse des vhw zugeschickt. Die Auswahl der Eingeladenen

erfolgte per Los, wobei mit Unterstützung durch den vhw eine Gewichtung nach

Milieuwahrscheinlichkeit und Alter erfolgte. So sollte erreicht werden, dass ein

repräsentativer Querschnitt der Filderstädter Wohnbevölkerung an der

Stadtteilekonferenz teilnimmt.

Die Veranstaltung wurde mit einem eigens angefertigten 20-minütigen Film eröffnet,

welcher die Aufgabenfelder aufzeigte und Vertreterinnen und Vertreter aus Politik,

Verwaltung sowie Expertinnen und Experten zu zentralen Themen der

Stadtentwicklung befragte. Oberbürgermeisterin Gabriele Dönig-Poppensieker

begrüßte die Gäste, anschließend tagten dezentrale, jeweils moderierte Arbeitsgruppen

und erarbeiteten wichtige Inhalte des Stadtentwicklungskonzepts. An diesen

Arbeitsgruppen, an denen jeweils 40–50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beteiligt

waren, konnten auch Lokalpolitikerinnen und -politiker teilnehmen. Die Ergebnisse

der Gruppen wurden schließlich im Plenum, moderiert von Dr. Christine Grüger

(Agentur „südlicht“), vorgestellt und zusammengefasst.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz konnten die Veranstaltung

anschließend nicht nur mit den Evaluationsfragebögen, sondern auch mit Hilfe von vor

Ort aufgehängten Postkarten bewerten.

Die „Hubschraubergruppe“, die mit etwas zeitlicher Distanz die Ergebnisse der

Stadtteilekonferenz bewerten und in eine Stellungnahme für den Gemeinderat

überführen sollte, setzte sich aus 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zusammen.

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Auch hier war es die Zielsetzung, Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Milieus

und Bevölkerungsgruppen zu integrieren. Der technische Bürgermeister der Stadt

Filderstadt, Reinhard Molt, begrüßte zunächst die Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

anschließend gab Dr. Grüger einen Überblick über die Ergebnisse der

Stadtteilekonferenz, welche die Themen „Verkehrsplanung“, „Räume für Jugendliche“,

„Gestaltung der Ortsmitten“, „generationengerechte Gestaltung“ und „Bedarfe und

Wünsche von Migranten“ als zentrale Aspekte von ISEK 2.0 identifiziert hatte.

Anschließend diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in zwei

Arbeitsgruppen über die Themen des Stadtentwicklungskonzepts. Politikerinnen und

Politiker und Mitglieder der Verwaltung waren in den Arbeitsgruppen nicht vertreten,

die kommunalen Expertinnen und Experten waren jedoch vor Ort und konnten

jederzeit von den Arbeitsgruppen befragt werden. Die Moderation der Veranstaltung

sollte milieugerecht erfolgen und wurde von Thomas Perry und seiner Kollegin Frau

Breuer (beide Q – Agentur für Forschung) durchgeführt. Im Plenum wurden die

Ergebnisse der beiden Arbeitsgruppen präsentiert. Bürgermeister Reinhard Molt

kommentierte die Ergebnisse und bettete sie in die mittelfristige Planung der

Kommune ein. Die Veranstaltung begann um 19.00 Uhr und dauerte bis 22.30 Uhr.

Zur Vorbereitung der Konferenz fanden in allen Stadtteilen Stadtspaziergänge statt, in

denen die Planungen vor Ort präsentiert wurden. Es wurde die Möglichkeit geboten,

im Anschluss an die Stadtspaziergänge per Postkarte Anregungen und Bedenken

geltend zu machen. Außerdem führte der vhw eine Telefonbefragung bei rund 15

Menschen mit Migrationshintergrund durch, um spezifische Meinungsbilder dieser

Bevölkerungsgruppe kennenzulernen.

Gegenstand der Evaluation sind ausschließlich die Stadtteilekonferenz sowie der

Dialog der „Hubschraubergruppe“, da nur diese beiden Elemente des

Beteiligungsverfahrens an deliberativen Zielsetzungen orientiert sind. Ergänzend

erfolgt eine Prozessevaluation, welche die Arbeit der Vorbereitungsgruppe sowie die

Einstellungen der Spitzen aus Politik und Verwaltung berücksichtigt.

Die Konferenz und das Treffen der „Hubschraubergruppe“ wurden von einer

Organisationsgruppe vorbereitet, die sich ungefähr paritätisch aus Vertreterinnen und

Vertretern aus Politik, Verwaltung und Bürgerschaft zusammensetzte. An den Treffen

der Organisationsgruppe nahmen jeweils zwischen 15 und 25 Personen teil.

Auf Seiten des vhw begleiteten Dr. Thomas Kuder und Stefanie Gutknecht das

Verfahren.

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3. Kriterien der Evaluation

Für eine umfassende Evaluation deliberativer Beteiligungsprozesse müssen einerseits

die Einstellungen zentraler Akteursgruppen erfasst, andererseits die deliberative

Qualität der durchgeführten Dialoge anhand theoretischer Kriterien bewertet werden

(siehe Abbildung 1: Das Schalenmodell der Evaluation des vhw-Städtenetzwerkes).

Im Zentrum unserer Analyse steht die Evaluation der Qualität der Dialoge. Hier müssen

Merkmale und Veränderungsprozesse untersucht werden, welche die konkreten

Dialoge prägen. Dabei muss man zwischen der inhaltlichen Qualität des Dialoges auf der

einen Seite und den Einstellungsmustern der Dialogteilnehmerinnen und -teilnehmer

(und deren Transformation) auf der anderen Seite unterscheiden.

Im konkreten Fall gilt es hier also zu erheben, wie die Teilnehmerinnen und

Teilnehmer der Stadtteilekonferenz und der „Hubschraubergruppe“ das Verfahren

bewerten. Nicht zuletzt ist der Vergleich ihrer Einschätzungen ein guter Indikator

dafür, welche Teile des Verfahrens vor dem Hintergrund der genannten Zielsetzung als

besonders erfolgreich bezeichnet werden können. Außerdem wird anhand einer

nichtteilnehmenden Beobachtung diskutiert, ob das Verfahren theoriegeleiteten

Ansprüchen genügt. 2

Die Ebenen 1a und 1b (siehe Abbildung I) stehen also im Mittelpunkt der Analyse der

deliberativen Qualität des Verfahrens. Differenziert wird hier zwischen der Evaluation

der Qualität der Deliberation in der Stadtteilekonferenz und in der

„Hubschraubergruppe“. Die relevanten Informationen resultieren einerseits aus

theoriegeleiteten, nichtteilnehmenden Beobachtungen, andererseits wurden sie durch

schriftliche Befragungen erhoben. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der

Konferenz wurden im Anschluss an die Veranstaltung gebeten, einen Fragebogen

auszufüllen und an den vhw zu senden, die „Hubschraubergruppe“ füllte jeweils vor

und nach der Diskussion einen Fragebogen aus.

Ebene 2 adressiert die „Organisationsgruppe“. Hier gilt es, die Einstellungen und

Bewertungen derjenigen zu erheben, die zum politisch-administrativen Bereich zählen.

Diese Ebene ist von besonderer Relevanz, da sie das gesamte weitere Verfahren rahmt

und die Einstellungen der Mitglieder der „Organisationsgruppe“ zu deliberativen

Verfahren wichtige Weichenstellungen für die Durchführung und den Erfolg oder

Misserfolg des weiteren Prozesses darstellen. Zur Datenerfassung erhielten alle

2 Darüber hinaus wäre es wünschenswert gewesen, die Qualität der Dialoge mit Hilfe einer

Sprechaktanalyse zu bewerten. Eine solche Analyse kann aufzeigen, ob die

Kommunikationsprozesse argumentationsorientiert und fair verlaufen sind und ob alle

Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwa gleich häufig zu Wort gekommen sind. Aufgrund

technischer Probleme musste in Filderstadt jedoch auf eine entsprechende Analyse verzichtet

werden.

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Mitglieder der Organisationsgruppe im Anschluss an ihre Arbeit einen entsprechenden

Fragebogen, den sie zuhause ausfüllen und an den vhw schicken sollten.

Die Ebene 3 adressiert die Bewertung des Beteiligungsverfahrens durch so genannte

„Eliten“, also durch politische Repräsentantinnen und Repräsentanten und durch

Mitglieder der Verwaltung. Wünschenswert wäre darüber hinaus eine Erhebung der

Ausstrahlungseffekte auf die breite Öffentlichkeit, also vor allem auf jene Filderstädter,

die nicht an dem Verfahren beteiligt waren. Aus Kostengründen musste jedoch auf eine

solche Untersuchung verzichtet werden. Auch hier erfolgte die Befragung in

schriftlicher Form. Der Bürgermeister, Mitglieder des Gemeinderates sowie Mitglieder

der Verwaltung erhielten entsprechende Fragebögen und sendeten diese im Anschluss

an das Verfahren an den vhw.

Abbildung 1: Das Schalenmodell der Evaluation des vhw-Städtenetzwerkes

Quelle: Eigene Darstellung.

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Die konkrete Bewertung des Beteiligungsverfahrens orientiert sich an zwölf

Erfolgsfaktoren, die sich aus den Zielsetzungen des Städtenetzwerks ableiten lassen.

Diese lassen sich entlang der vier Phasen des Beteiligungsprozesses gliedern: Der

Planungsphase, in der vor allem die Eliten- und Mitglieder der Organisationsgruppe

einflussreich sind, der Dialogphase, während derer die eigentliche Beteiligung erfolgt,

die Umsetzungsphase, während derer die Integration der Ergebnisse in den

repräsentativen Entscheidungsprozess erfolgen soll und der Wirkungsphase, die die

Nachhaltigkeit des Beteiligungsverfahrens bestimmt (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Schalenmodell und Erfolgsfaktoren der Evaluation im Überblick.

Quelle: Eigene Darstellung.

Mit Blick auf die Planungsphase gilt es zunächst zu bewerten, ob die Bereitschaft in

Politik und Verwaltung vorhanden ist, mit den Bürgerinnen und Bürger in Dialog zu

treten (Erfolgsfaktor „Politisches Leadership“). Darüber hinaus wird die Themenwahl

evaluiert, die idealerweise von verschiedenen Akteurinnen und Akteuren aus Politik

und Verwaltung unter Einflussnahme durch die Bevölkerung erfolgt und an deren

Ende ein Thema stehen sollte, das relevant ist und sinnvoll in der gegebenen Zeit von

den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bearbeitet werden kann (Erfolgsfaktor

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„Agenda Setting“). Schließlich gilt es, die Arbeit der Organisationsgruppe zu bewerten:

Hat sie die Zielsetzungen des Verfahrens verfolgt? Standen der Organisationsgruppe

genügend zeitliche, personelle und materielle Ressourcen zur Verfügung?

(Erfolgsfaktor „Organisation“).

Die Bewertung der Dialogphase erfolgt jeweils mit Blick auf die Stadtteilekonferenz und

die Arbeit der Hubschraubergruppe. Hier gilt es zu überprüfen, ob fünf Erfolgsfaktoren

vorliegen: Erstens wird die Qualität der Dialoge bewertet. Fühlten sich die

Teilnehmerinnen und Teilnehmer fair behandelt und als gleichberechtigte Partner im

Dialog? Verliefen die Diskussionen sachlich? Wie wird die Moderation bewertet?

Haben sich die Meinungen der Beteiligten durch die Gespräche verändert

(Erfolgsfaktor „Deliberation“)? Zweitens gilt es zu untersuchen, ob Vertreterinnen und

Vertreter verschiedener Milieus in die Dialoge einbezogen wurden, so dass ein

repräsentatives Bild der Bevölkerung entstand (Erfolgsfaktor „Integration“). Drittens

wird der Erfolgsfaktor „milieuspezifische Kommunikation“ bewertet. Hierfür wurden

die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der beiden Dialoge sowie die Mitglieder der

Organisationsgruppe gefragt, ob die Kommunikationsweisen und -bedürfnisse

verschiedener Milieus während des Verfahrens angemessen berücksichtigt wurden.

Viertens wurde untersucht, ob bei den Beteiligten Transparenz über den

Einflussspielraum der Dialoge besteht und inwiefern es erfolgreiche Bemühungen gab,

Politik und Verwaltung sowie eine breite Öffentlichkeit über die Ergebnisse des

Dialogverfahrens zu informieren (Erfolgsfaktor „Vermittlung“). Und fünftens gilt es zu

überprüfen, ob sich die Einstellungen der beteiligten Bürgerinnen und Bürger durch

ihre Beteiligung verändert haben. Dazu zählt nicht zuletzt auch die Untersuchung der

Akzeptanz zukünftig getroffener politischer Entscheidungen (Erfolgsfaktor

„Akzeptanz“).

Für die Evaluierung der Umsetzungsphase sind neben den Einschätzungen der

Dialogteilnehmerinnen und -teilnehmer auch die Ergebnisse der Befragungen der

Eliten aus Politik und Verwaltung relevant. Hier gilt es zu untersuchen, ob die

Ergebnisse des Beteiligungsprozesses in Politik und Verwaltung berücksichtigt werden

(Erfolgsfaktor „Einbindung in etablierte Entscheidungsstrukturen“) und ob die

beteiligten Bürgerinnen und Bürger rückblickend mit dem Verfahren zufrieden sind

(Erfolgsfaktor „Teilnehmerzufriedenheit ex post“).

Die Wirkungsphase, die zeitlich über das Verfahren hinaus wirkt, kann im Rahmen der

hier vorgelegten Evaluierung nur tentativ beurteilt werden. Dennoch soll anhand der

vorgenommenen Befragungen geprüft werden, ob die Beteiligten des Verfahrens

glauben, dass die Dialoge die Gemeinwohlorientierung politischer Entscheidungen

gestärkt haben (Erfolgsfaktor „Gemeinwohlorientierung“) und ob eine Wiederholung

eines solchen Verfahrens befürwortet wird (Erfolgsfaktor „Nachhaltigkeit“).

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4. Ergebnisse der Evaluation

4.1 Bewertung der Planungsphase

In der Planungsphase existieren aus der Perspektive der Evaluation zwei relevante

Akteursgruppen: Die Eliten aus lokaler Politik und Verwaltung sowie die Mitglieder der

Organisationsgruppe. Die Eliten aus lokaler Politik und Verwaltung setzen mit ihren

kommunizierten Einschätzungen des Dialogverfahrens den Ton und die Atmosphäre,

in denen die Dialogprozesse später stattfinden werden. Die Unterstützung der Eliten ist

eine Erfolgsvoraussetzung des Dialogverfahrens. Die Organisationsgruppe strukturiert

u. a. die Durchführung des Verfahrens, die Ansprache der Bürgerinnen und Bürger

und beeinflusst damit die Öffentlichkeitswirksamkeit des Verfahrens. Die

Einstellungen der Mitglieder der Organisationsgruppe zum Dialogverfahren

beeinflussen daher auch die Ausgestaltung des konkreten Prozesses.

Eliten aus Politik und Verwaltung

Der Dialogprozess des vhw-Städtenetzwerks zielt mittel- bis langfristig auf die

Ausbildung einer inklusiven, politisch aktiven lokalen Zivilgesellschaft und localgovernance-Strukturen.

Ein solcher Prozess bedarf einer doppelten

„entgegenkommenden politischen Kultur“: einerseits der Bereitschaft der lokalen

politischen Eliten und Verwaltungsspitzen, diese Beteiligungsprojekte zu unterstützen,

andererseits einer Bürgerschaft, die bereit ist, sich politisch aktivieren zu lassen.

Ersteres unterstützt Letzteres; in jenem Maße, in dem die Bürgerinnen und Bürger die

Ernsthaftigkeit der Unterstützung seitens der Eliten wahrnehmen, werden sie auch

eher bereit sein, sich aktiv einzubringen. Die Einstellungen der Eliten zu den konkret

implementierten Beteiligungsinstrumenten, aber auch zu den dahinterliegenden Zielen

sind daher ein wichtiger Parameter für einen nachhaltigen Erfolg des Dialogprozesses.

Entsprechend wurde erhoben, welche Einstellungen die Spitzen der lokalen Politik

und der Verwaltung zum Dialogprozess in Filderstadt haben. Die Beteiligung der

Spitzen an der Evaluation war sehr gut; 24 Mitglieder dieser Gruppe füllten ihn aus.

Die Einschätzungen der politischen Eliten und der Verwaltungsspitzen unterscheiden

sich bei der Mehrzahl der gestellten Fragen nur unwesentlich. Daher werden in einem

ersten Durchgang jene Fragen diskutiert, bei denen sich das Antwortverhalten nicht

oder kaum unterscheidet. Im Anschluss erfolgt eine nach politischen Eliten und

Verwaltungsspitzen differenzierte Analyse jener Fragen, bei denen eine deutliche

Differenz zwischen den beiden Gruppen existiert. Fast 90 % der befragten Eliten

stimmen der Aussage zu, dass es sinnvoll ist, Bürgerbeteiligungsverfahren häufiger

anzuwenden, 70 % halten dies sogar für „zwingend notwendig“.

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Evaluationsbericht Filderstadt

Tabelle 2: Die häufigere Anwendung

von Bürgerbeteiligungsverfahren ist

sinnvoll

Trifft nicht zu 0 %

Trifft eher nicht zu 12,5 %

Trifft eher schon zu 50 %

Trifft voll und ganz zu 37,5 %

Dass Dialogverfahren zu einer höheren Wahlbeteiligung führen,

wird jedoch von 75 % der hier Befragten verneint. In diesen

Erwartungen blitzt ein Panorama auf, das von einer aktivierten

Zivilgesellschaft ausgeht, deren Beteiligungsformen sich jedoch

weniger stark als früher auf die klassischen Partizipationsakte

(Wahlen, Abstimmungen) beziehen. Vielmehr wird punktuelle

Partizipation erwartet, d. h., die befragten Eliten aus Politik und Verwaltung gehen

davon aus, dass die Politik zukünftig neue Beteiligungsangebote (z. B. Dialogverfahren)

verstetigten muss, um die Bürgerinnen und Bürger zu aktivieren. Dies spiegelt sich

darin wider, dass ca. 78 % der Befragten eine regelmäßige Wiederholung befürworten.

Dies würde für fast 80 % der Befragten auch zur Erhöhung der Akzeptanz kommunaler

Entscheidungen führen.

Tabelle 3: Erwartete Effekte des Dialogverfahrens bei den politischen Eliten und Verwaltung

Rückgang

von Bürgerprotesten

Steigerung

bürgerschaftlichen

Engagements

Erhöhung der

Akzeptanz

kommunaler

Entscheidungen

Verbesserte

Verständigung

zwischen den

Milieugruppen

Steigerung

der

Demokratiezufriedenheit

Unwahrscheinlich

13,0 % 0 % 0 % 0 % 0 % 4,2 %

Eher

30,4 % 16,7 % 8,3 % 8,3 % 16,7 % 12,5 %

unwahrscheinlich

Weder noch 21,7 % 0 % 29,2 % 12,5 % 20,8 % 4,2 %

Eher

30,4 % 75 % 45,8 % 62,5 % 58,8 % 75,0 %

wahrscheinlich

Wahrschein

-lich

4,3 % 8,3 % 16,7 % 16,7 % 4,2 % 4,2 %

Verbesserte

Einbindung

politikferner

Gruppen in die

Lokalpolitik

Für verbesserungsbedürftig halten die Befragten jedoch den Prozess der Auswahl des

Themas des Dialogprozesses. 70 % plädieren dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger in

Zukunft mehr Einfluss auf die Themenwahl besitzen sollen.

Der vhw verbindet mit den Dialogprozessen nicht nur das prozedurale Ziel, dass die

Inklusion sich erhöht, sondern auch die substantielle Hoffnung, dass die Beteiligung

unterschiedlicher Milieus zu einem verbesserten Verständnis zwischen den

Milieuangehörigen führt. Von allen Zielen des Dialogprozesses wird dieses von den

Befragten am wenigsten geteilt; zwar sind 62 % der Meinung, dass die Verständigung

zwischen den Milieugruppen sich verbessern wird, 16 % halten dies jedoch für

unwahrscheinlich. Da die Inklusion ein zentrales normatives Ziel der Dialogverfahren

darstellt, besteht hier eine Diskrepanz zwischen den Zielen des vhw und den

Erwartungen seitens der politischen Eliten und Verwaltungsspitzen.

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Evaluationsbericht Filderstadt

Die Motivation der Bürgerinnen und Bürger, an Dialogprozessen teilzunehmen, variiert

in Abhängigkeit (so die theoretischen Erwartungen) von der Entscheidungsrelevanz des

Dialogverfahrens. Der Dialogprozess wäre in rechtlicher und normativer Perspektive

jedoch nicht hinreichend demokratisch legitimiert, um unmittelbar verbindliche

politische Entscheidungen herbeizuführen. Dies wirft die Frage auf, wie die Eliten mit

den Ergebnissen des Dialogprozesses umgehen wollen: Verpflichtend können sie aus

rechtlicher Perspektive nicht sein; werden sie jedoch ignoriert, könnte dies zu erhöhter

Politikverdrossenheit bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Dialogprozesses

führen. Zwischen politischen Eliten und Verwaltungsspitzen existiert ein gravierender

Unterschied hinsichtlich der Frage, wie der Gemeinderat mit dem Ergebnis des

Tabelle 4: Wie sollte der Gemeinderat mit den

Ergebnissen des Dialogprozesses umgehen?

Politische

Eliten

Verwaltungs

spitzen

Zur Kenntnis nehmen 58,3 % 9,0 %

und unabhängig

entscheiden

Zur Kenntnis nehmen 41,64 % 81,8 %

und als freiwillig bindend

entscheiden

Als bindend ansehen 0 % 9,0 %

Dialogprozesses umgehen sollte.

Knapp 60 % der politischen Eliten wollen ihn zur

Kenntnis nehmen und unabhängig entscheiden,

40 % ihn zur Kenntnis nehmen und sich freiwillig an

ihn binden. Die Verwaltungsspitzen plädieren zu

über 80 % dafür, dass der Gemeinderat sich freiwillig

an das Ergebnis des Dialogprozesses binden soll. Die

unterschiedlichen Bewertungen erklären sich partiell

aus der unterschiedlichen Zufriedenheit mit dem

Ergebnis des Dialogprozesses (vgl. 4.3). Sie

resultieren jedoch auch aus einer divergierenden Problemwahrnehmung. Die Frage,

welche Dringlichkeit Bürgerbeteiligungsverfahren besitzen, wurde im Rahmen der

Evaluation durch zwei Fragen erhoben: Die erste Frage lautete, ob die „häufigere

Anwendung von Bürgerbeteiligungsverfahren sinnvoll“ sei, die zweite, ob sie „zwingend

notwendig“ ist. Diese Fragen adressieren die Einschätzungen, welchen Beitrag

Dialogverfahren zur Lösung der jeweils diagnostizierten politischen Herausforderungen

leisten können. Hinsichtlich der Frage, ob es sinnvoll ist, unterscheiden sich politische

Tabelle 5: Die häufigere Anwendung von

Bürgerbeteiligungsverfahren ist zwingend notwendig.

Politische

Eliten

Verwaltungs

spitzen

Auf keinen Fall 15,3 % 0 %

Eher nicht 23,0 % 18,1 %

Eher schon 46,1 % 45,4 %

Auf jeden Fall 15,3 % 36,3 %

und administrative Eliten nur marginal.

Unterschiede zeigen sich jedoch bei der Frage, ob sie

notwendig sind. Während 38 % der politischen Eliten

dies verneinen, sind es bei den Spitzen aus der

Verwaltung nur 18 %. Eine Interpretation dieser

Ergebnisse muss die Ziele des Dialogprozesses

berücksichtigen: Legitimation und Inklusion. Beides

sind politische Ziele, die prima facie für die

politischen Eliten mehr Bedeutung besitzen sollten als für die Verwaltungsspitzen.

Auch die langfristigen Ziele des vhw – Ausbau einer local-governance und die

Unterstützung einer zivilgesellschaftlichen Beteiligungskultur – sind eher politische

Ziele. Die positivere Bewertung des Dialogverfahrens durch die Verwaltungsspitzen

15


Evaluationsbericht Filderstadt

legt zwei Schlüsse nahe: Zum einen sollte die Bedeutung der dialogischen

Beteiligungsverfahren für die Verwaltung konzeptionell stärkere Berücksichtigung

finden. Zum anderen wird – insbesondere mit Blick auf die Frage, wie der Gemeinderat

mit dem Ergebnis des Dialogverfahrens umgehen soll – das Selbstverständnis der

politischen Eliten als gewählte, legitime Repräsentantinnen und Repräsentanten der

Bürgerinnen und Bürger thematisch. Die Frage nach der Legitimation von

dialogorientierten Beteiligungsverfahren und der Legitimationskonkurrenz zwischen

etablierten repräsentativen Entscheidungsverfahren und neuen, noch nicht oder nur

schwach rechtlich kodifizierten Dialogverfahren muss in Zukunft grundlegend

adressiert werden.

Organisationsgruppe

Auch der Einfluss der Organisationsgruppe auf den Erfolg des Dialogprozesses darf

nicht unterschätzt werden, insbesondere mit Blick auf das Ziel „Inklusion“, da sie im

Vorfeld des Dialoges eine Vermittlungs- und Verbindungsfunktion in die Milieus

hinein besitzt. Die Fallzahl liegt bei n=5.

Die Mitglieder der Filderstädter Organisationsgruppe gehen in überwältigender

Mehrheit davon aus, dass die Kommune die Bürgerbeteiligung grundsätzlich

Tabelle 6: Arbeitsbedingungen der Organisationsgruppe

Zeit zur

Vorbereitung

Personelle

Unterstützung

Sachliche

Unterstützung

Eher zu viel 0 % 100 % 25 %

Eher zu

wenig

100 % 0 % 75 %

unterstützt (80 %). Sie hatte in sachlicher,

personaler und materieller Perspektive gute

Arbeitsbedingungen.

Ein Mitglied der Organisationsgruppe war

allerdings zugleich Teilnehmer der

„Hubschraubergruppe“. Dies wirft die Frage

auf, wie zufällig der Prozess der Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der

Hubschraubergruppe war. Generell sollte nicht die Möglichkeit bestehen, dass die

Mitglieder der Organisationsgruppe ihre Interessen doppelt in den Dialogprozess

einspeisen können: grundlegend über die Ausgestaltung des Verfahrens in der

Organisationsgruppe, spezifisch durch die Mitarbeit in der Hubschraubergruppe, deren

Aufgabe die Formulierung von Politikempfehlungen ist.

4.2 Bewertung der Dialogphase (Stadtteilekonferenz & Hubschraubergruppe)

Die Phase zwei des vhw-Städtenetzwerkes ist auf zwei Ebenen – in der Systematik des

Schalenmodells die Ebenen 1a und 1b – verortet (vgl. Abbildung 1: Das Schalenmodell

der Evaluation des vhw-Städtenetzwerkes). Sie konkretisiert sich in Filderstadt in Form

der Hubschraubergruppe (Ebene 1a) und der Stadtteilekonferenz (Ebene 1b). Die

Ausdifferenzierung in diese beiden Ebenen ist für den vhw durch theoretische

Überlegungen sowie empirische Daten motiviert. In theoretischer Perspektive folgt die

16


Evaluationsbericht Filderstadt

Differenzierung einer grundlegenden Annahme der deliberativen Demokratietheorie.

Sie geht davon aus, dass die Qualität einer Deliberation systematisch variiert, und zwar

in Abhängigkeit von der Einhaltung spezifischer Standards. Wenn sich die an einem

Diskurs beteiligten Bürgerinnen und Bürger wechselseitig als Gleiche und Freie

akzeptieren und während der Diskussion kein Zwang außer dem „zwanglosen Zwang

des besseren Arguments“ existiert, dann kann man davon ausgehen, dass die

Deliberation auf hohem Niveau geführt wurde und die Ergebnisse einer solchen

Deliberation inhaltlich „gut“ sind. 3 Die Theorie geht davon aus, dass die

Rahmenbedingungen der Deliberation auf ihre Qualität keinen Einfluss ausüben.

Seit ca. zehn Jahren wird empirisch getestet, ob die Hoffnungen der deliberativen

Demokratietheorie sich in der politischen Wirklichkeit als begründet erweisen. Einige

Einsichten der sogenannten „empirischen Deliberationsforschung“ sind sowohl für die

Gestaltung des Dialogverfahrens als auch seiner Evaluation relevant. Bedeutsam ist,

dass die Qualität eines kommunikativen/deliberativen Prozesses u. a. von der Größe,

der Zusammensetzung und den vorgängigen Interessen der Teilnehmerinnen und

Teilnehmer beeinflusst werden. Deliberation gelingt in kleinen Gruppen, die heterogen

sind (oder in denen heterogene Interessen vertreten werden), deren Mitglieder einen

ungefähr gleichen Informationsstand aufweisen und noch keine festen Meinungen

besitzen, am besten. Unterschiede im Kommunikationsverhalten oder in der

rhetorischen Qualifikation müssen durch eine entsprechend sensibel eingreifende

Moderation kompensiert werden.

Aus den skizzierten theoretischen Annahmen und empirischen Erkenntnissen kann

folgendes deduziert werden: Deliberative Gruppen, deren Teilnahme für alle offensteht

(in unserer Terminologie: selbstselektierende Gruppen), zeichnen sich in fast allen

Fällen durch die Verletzung der oben genannten Qualitätsfaktoren der Deliberation

aus: Sie sind in der Regel tendenziell homogen(er) sowohl hinsichtlich der vertretenen

Interessen als auch des soziokulturell-ökonomischen Status. Darüber hinaus

überschreiten sie häufig die für eine sinnvolle Deliberation maximale Zahl an

Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Vor diesem Hintergrund stand zu erwarten, dass die Stadtteilekonferenz die oben

genannten Kriterien nur schlecht erfüllen würde, die für eine erfolgreiche Deliberation

gegeben sein müssen. Daher wurden zwei Gegenmaßnahmen getroffen: Erstens flossen

große Anstrengungen in die Vorbereitung der Stadtteilekonferenz, um die negativen

Effekte einer selbstselektierten Gruppe zu konterkarieren. Der theoretisch wie

empirisch begründeten Erwartung einer relativen Homogenität der Stadtteilekonferenz

3

Habermas spricht von der Erwartung epistemischer Höherwertigkeit bei deliberativen

Verfahren. Umgangssprachlich ist damit gemeint, dass die so getroffenen Entscheidungen

inhaltlich besser sind als solche, die ohne Deliberation getroffen werden.

17


Evaluationsbericht Filderstadt

wurde durch eine milieusensible Einladungspraxis versucht entgegenzuwirken. Die

erwarteten Informationsasymmetrien sollten durch die Bereitstellung von

Informationsmaterialien kompensiert werden. Die der Deliberation abträgliche Größe

der Stadtteilekonferenz wurde schließlich durch ihre temporäre Aufteilung in kleinere

Diskussionsgruppen aufgefangen. Es steht daher zu erwarten, dass die theoretisch gut

begründbaren Defizite einer großen Deliberationsgruppe im Fall der

Stadtteilekonferenz in Filderstadt aufgrund der oben genannten verfahrenstechnischen

Maßnahmen sich deutlich weniger zeigen als in einer reinen selbstselektierenden

Gruppe. Nichtsdestoweniger können nicht alle Faktoren, die den Deliberationserfolg

reduzieren können, kontrolliert werden: Die Einladungspolitik kann fehlschlagen und

die Stadtteilekonferenz relativ homogen zusammengesetzt sein; die Teilnehmerinnen

und Teilnehmer können die Materialien nicht zur Kenntnis genommen haben, so dass

weiterhin Informationsasymmetrien existieren; die Moderation der kleinen

Diskussionsgruppen kann einen besseren oder schlechteren Job leisten, rhetorische

und informationelle Unterschiede zu harmonisieren. Daher wurde eine zweite Gruppe

implementiert, die – folgt man den einschlägigen Studien der empirischen

Deliberationsforschung – die Kriterien (noch) besser erfüllen kann: eine sehr viel

kleinere Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern, die unter Berücksichtigung der

Milieuzugehörigkeit per Zufallsauswahl ausgewählt wurden und die auf Basis der

Ergebnisse der Stadtteilekonferenz konkrete, entscheidungsrelevante

Politikempfehlungen aussprechen soll. Diese „Hubschraubergruppe“ ist einer

möglichst großen Inklusion von unterschiedlichen Milieus verpflichtet. Die

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hubschraubergruppe haben idealerweise auch

an der Stadtteilekonferenz teilgenommen. Aus der Perspektive der Evaluation handelt

es sich bei der Stadtteilekonferenz und der Hubschraubergruppe um ein

Beteiligungsverfahren, dass aus mehreren Teilen besteht. Die Einschätzung der

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Stadtteilekonferenz weicht teilweise davon ab;

sie erkennen in der Hubschraubergruppe ein eigenständiges Beteiligungsverfahren.

Darauf wird später eingegangen.

Die Stadtteilekonferenz und die Hubschraubergruppe verfolgen identische Ziele und

werden anhand identischer Evaluationskriterien bewertet (vgl. Tabelle 1:

Schalenmodell und Erfolgsfaktoren der Evaluation im Überblick.). Der Erfolg des

implementierten Dialogprozesses bemisst sich daher nicht allein anhand der Erfüllung

der Evaluationskriterien auf einer Ebene, sondern darüber hinaus anhand des relativen

Verhältnisses der Evaluationsergebnisse auf den beiden Ebenen 1a und 1b. Hinsichtlich

aller Evaluationskriterien sollten die Ergebnisse der Hubschraubergruppe besser sein

als jene der Stadtteilekonferenz, da Erstere hinsichtlich der Erfüllung der normativ

anspruchsvollen Kriterien einer idealen Kommunikationssituation besser aufgestellt ist

als die Stadtteilekonferenz. Die Evaluation des Dialogprozesses basiert daher erstens

auf den Einstellungen und Bewertungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der

18


Evaluationsbericht Filderstadt

Stadtteilekonferenz, der Transformation der Einstellungen der Teilnehmerinnen und

Teilnehmer der Hubschraubergruppe (Prä-/Posterhebungen) sowie einer Analyse, ob

die Hubschraubergruppe in der Bewertung der deliberativen Qualität systematisch

besser liegt als die Stadtteilekonferenz.

Stadtteilekonferenz

Die Stadtteilekonferenz ist in offener Form durchgeführt worden, d. h. es handelt sich

um eine selbstselektierte Gruppe. Zudem wurde – wie oben bereits skizziert – eine

milieuspezifische Einladungspolitik betrieben. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer

kommen zu ungefähr gleichen Anteilen aus den fünf Stadtteilen. Grundlage der

Analyse sind 80 Fragebögen, die nach der Stadtteilekonferenz ausgefüllt wurden.

Damit ein anspruchsvoller Diskurs stattfinden kann, ist es notwendig, dass die

Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich auf einem Informationsniveau befinden, das es

ihnen erlaubt, als kompetente Gesprächspartner aufzutreten. Vor diesem Hintergrund

ist es sehr positiv zu bewerten, dass mehr als 90 % der Befragten angaben, dass sie

genug Informationen besaßen, um aktiv an der Diskussion partizipieren zu können. Um

zu einem ausgeglichenen Informationsstand zu kommen, wurden während der

Stadtteilekonferenz Informationen präsentiert (u. a. ein 15-minütiger Film). Diese

Informationen wurden als verständlich (56 %), ausgewogen (81 %) und als hinreichend

umfangreiche (76 %) und qualitativ gute (81 %) Grundlage für die Diskussion bewertet.

Tabelle 7: Bewertung der Informationsbasis durch die TeilnehmerInnen der Stadtteilekonferenz

Trifft

überhaupt

nicht zu

Trifft eher

nicht zu

Trifft eher

zu

Trifft voll

und ganz zu

Genug

Informationen, um

aktiv an der

Diskussion

teilnehmen zu

können

Die vorgetragenen

Informationen

waren verständlich

Die vorgetragenen

Informationen

waren zu

umfangreich

Die vorgetragenen

Informationen

waren eine gute

Grundlage für die

anschließend

Diskussion

1,4 % 0 % 19,7 % 0 % 30,4 %

7,0 % 8,5 % 56,3 % 18,3 % 50,7 %

59,2 % 49,3 % 16,9 % 50,7 % 13,0 %

32,4 % 42,3 % 7,0 % 31,0 % 5,8 %

Die vorgetragenen

Informationen

waren einseitig

In einer Deliberation sollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Gleiche

anerkennen und nur der zwanglose Zwang des besseren Argumentes gelten. Vor dem

Hintergrund dieser Ideale geben 82 % der Befragten an, dass ihre Sicht der Dinge in

den Gesprächen eine Rolle gespielt hat. Jedoch dominierten für 55 % der Befragten

einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gespräche, so dass nicht alle

Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich gleichmäßig in die Diskussion einbringen

konnten. Kommunikative Gleichheit in einer großen Gruppe herzustellen, ist Aufgabe

19


Evaluationsbericht Filderstadt

der Moderation. Doch selbst eine gute Moderation kann kommunikatives

Dominanzverhalten nicht immer einhegen.

Tabelle 8: Bewertung der Moderation der Stadtteilekonferenz

Trifft

überhaupt

nicht zu

Trifft eher

nicht zu

Trifft eher

zu

Trifft voll

und ganz zu

Die Moderation

war parteiisch

Die Moderation hat

sich darum

bemüht, dass alle

Meinungen

beachtet werden

Die Moderation hat

so gesprochen,

dass ich es

verstehen konnte

Darüber hinaus gilt es zu fragen, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Qualität

der Moderation auf anderen Aufgabenfeldern bewerten.

Die vorgetragenen

Informationen

waren eine gute

Grundlage für die

anschließend

Diskussion

67,6 % 0 % 0 % 0 % 30,4 %

29,6 % 6,9 % 1,4 % 18,3 % 50,7 %

2,8 % 34,7 % 23,6 % 50,7 % 13,0 %

0 % 58,3 % 75,0 % 31,0 % 5,8 %

Diese Frage wurde von den Befragten insgesamt sehr positiv beantwortet. Die

Moderation war nicht parteiisch (97 %), bemühte sich darum, dass alle Meinungen

beachtet wurden (93 %) und kommunizierte dabei verständlich (98 %).

Die vorgetragenen

Informationen

waren einseitig

Eine zentrale Hoffnung der deliberativen Demokratietheorie besteht darin, dass durch

den zwanglosen Zwang des besseren Argumentes die Teilnehmerinnen und

Teilnehmer ihre inhaltliche Position verändern, und zwar hin zu

gemeinwohlorientierteren Lösungen. Notwendig ist hierfür nicht nur die Bereitschaft

der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich auf die normativ anspruchsvollen

Anforderungen eines Diskurses einzulassen, sondern sind auch weitgestreute

Interessen und inhaltliche Positionen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sind die

inhaltlichen Positionen der deliberierenden Gruppe sehr homogen, tendiert sie dazu,

sich zu radikalisieren. Eine gemeinwohlorientiertere Position resultiert in empirischer

Perspektive aus einer Situation, in der sehr unterschiedliche Positionen diskursiv

aufeinander treffen und versuchen, zu einer gemeinsamen Position zu kommen.

Vor diesem Hintergrund ist es positiv zu bewerten, dass 70 % der Befragten angaben,

viel von andersdenkenden Menschen gelernt zu haben und 84 % nach der

Veranstaltung besser darüber informiert waren, was die anderen

Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer denken. Fast 68 % haben daher nach der

Veranstaltung auch eine klarere Meinung über das diskutierte Thema als zuvor. Die

Qualität der Deliberation kann in der Stadtteilekonferenz nur über die subjektiven

Einschätzungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer rekonstruiert werden. Für alle

dazu erhobenen Items zeigt sich, dass die Qualität der Deliberation aus der subjektiven

Perspektive der Beteiligten gut war; Ausnahme hiervon ist die Einschätzung von mehr

20


Evaluationsbericht Filderstadt

als 55 % der Befragten, dass einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gespräche

dominiert haben.

Tabelle 9: Bewertung der Deliberation in der Stadtteilekonferenz

Trifft

überhaupt

nicht zu

Trifft eher

nicht zu

Trifft eher

zu

Trifft voll

und ganz

zu

In den

Gesprächen

habe ich viel

von anders

denkenden

Menschen

gelernt

Einige

Teilnehmerinnen

und

Teilnehmer

haben die

Gespräche

dominiert

Meine Sicht der

Dinge hat in

den Gesprächen

eine Rolle

gespielt

In der

Veranstaltung

wurde nach

konstruktiven

Lösungen

gesucht

Ich bin nach der

Veranstaltung

besser informiert,

was andere

denken

1,4 % 7,4 % 1,5 % 4,3 % 2,9 % 5,8 %

29,0 % 36,8 % 16,4 % 24,3 % 12,9 % 26,1 %

56,5 % 41,2 % 70,1 % 38,6 % 47,1 % 44,9 %

13,0 % 14,7 % 11,9 % 32,9 % 37,1 % 23,2 %

Ich habe nach

der Veranstaltung

eine klarere

Meinung zu dem

Thema als zuvor

Eine wichtige Erwartung der deliberativen Demokratietheorie – und damit auch des

vhw – bezieht sich auf die Transformation der Meinungen der Teilnehmerinnen und

Teilnehmer. Der deliberative Ansatz ist rein prozedural, er macht keine inhaltlichen,

substantiellen Angaben darüber, wann eine Deliberation zu besseren Ergebnissen

geführt hat. Daher wird die Veränderung der Meinung der Teilnehmerinnen und

Teilnehmer zum Thema, das diskutiert wurde, als Annäherung an den Erfolg einer

Deliberation gewertet. Präferenzänderung oder -transformation verdeutlicht, dass die

Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht auf ihrer Meinung beharrten, sondern bereit

waren, sich von den (besseren) Argumenten der anderen überzeugen zu lassen.

Entsprechend wurde in den Fragebögen für die Stadtteilekonferenz danach gefragt, ob

sich durch die Veranstaltung die Meinung der Befragten zur Stadtentwicklung in

Tabelle 10: Hat sich durch die

Veranstaltung Ihre Meinung zur

Stadtentwicklung in Filderstadt

geändert?

Überhaupt nicht 2,8 %

Eher nicht 37,5 %

Eher schon 50,0 %

Sehr stark 4,2 %

Ich hatte zuvor keine 5,6 %

Meinung

Filderstadt verändert hat.

Eine Änderung der Meinung zur Stadtentwicklung erfolgte bei ca.

54 % der Befragten. Dies ist für eine Veranstaltung dieser Größe

eine beeindruckend hohe Zahl von Teilnehmerinnen und

Teilnehmern, die ihre Position geändert haben. Angesichts der

Tatsache, dass 97,5 % der Befragten angaben, dass sie sich schon

im Vorfeld für das Thema interessierten und demnach mit einer

relativ klaren Meinung in die Veranstaltung hineingekommen sind,

ist die Transformation der Meinung bei mehr als der Hälfte der

Teilnehmerinnen und Teilnehmer umso bemerkenswerter. Unabhängig von der

weiteren Evaluation muss bereits hier betont werden, dass die Stadtteilekonferenz ein

sehr wichtiges Ziel des Dialogprozesses damit erreicht hat.

21


Evaluationsbericht Filderstadt

Relevant sind – über die Tatsache der Meinungsänderung hinaus – die Gründe, die

hierzu geführt haben. Auch die Gründe wurden daher in Form einer geschlossenen

Frage erhoben. Konkret wurde nach der Bedeutung der Sachinformationen, der

Gespräche mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie der Beiträge der

anwesenden Politikerinnen und Politiker und Mitglieder der Verwaltung gefragt.

Tabelle 11: Gründe der Meinungsänderung zur Stadtentwicklung

Trifft

überhaupt

nicht zu

Trifft eher

nicht zu

Trifft eher

zu

Trifft voll

und ganz zu

Sachinformationen

zu Beginn der

Veranstaltung

Gespräche mit

den anderen

Teilnehmer-

Innen

11,1 % 0 % 3,7 %

29,6 % 14,8 % 29,6 %

37,0 % 55,6 % 51,9 %

22,2 % 29,6 % 14,8 %

Das

Antwortverhalten,

insbesondere die Nicht-

Antworten (hier nicht

ausgewiesen), verdeutlicht, dass es

für die Befragten schwer ist, die

Bedeutung einzelner Faktoren für

die Meinungsänderung zu

singularisieren. Daher müssen die

folgenden Zahlen auch vorsichtig

interpretiert werden. Ca. 60 % der

Befragten erklärten, dass die Sachinformationen zu Beginn der Veranstaltung zur

Meinungsänderung geführt haben, ca. 84 % geben als Grund die Gespräche mit

teilnehmenden Bürgerinnen und Bürgern an und ca. 66 % die Beiträge der anwesenden

Politikerinnen und Politiker sowie der Mitglieder der Verwaltung. Ganz im Sinne der

deliberativen Demokratietheorie wurden also die Diskussionen mit den anderen

Teilnehmerinnen und Teilnehmern als relativ

Meinungsänderung angegeben.

Beiträge der

anwesenden

PolitikerInnen und

Verwaltungsspitzen

bedeutsamster Grund für die

Um alternative Motivationen zur Teilnahme jenseits der Deliberation zu überprüfen

haben wir danach gefragt, ob die Veranstaltung die Möglichkeit geboten hat, die

eigenen Interessen gegenüber der Politik deutlich zu machen. 81 % der Befragten

beantworteten diese Frage positiv. Obwohl einzelne Fragen nicht überinterpretiert

werden dürfen, verdichtet sich die Einschätzung, dass die Veranstaltung damit primär

als eine Möglichkeit der Interessenartikulation verstanden wurde und erst sekundär als

deliberatives Forum zur gemeinsamen Suche nach gemeinwohlorientierten Lösungen.

Tabelle 12: Führt die Veranstaltung

zu einer besseren Akzeptanz der

politisch gesetzten Schwerpunkte?

Überhaupt nicht 0 %

Eher nicht 26,1 %

Eher schon 62,3 %

Sehr stark 11,6 %

Dass die deliberative Dimension trotzdem erfüllt wurde, zeigt sich

darin, dass 71 % der Befragten der Veranstaltung attestieren, dass

dort nach konstruktiven Lösungen gesucht wurde. Der Aufbau und

die Durchführung der Veranstaltung haben es den

Teilnehmerinnen und Teilnehmern nahegelegt, einen anderen

Kommunikationsmodus einzunehmen.

22


Evaluationsbericht Filderstadt

Eine zentrale Strategie zur Lösung des skizzierten Legitimationsproblems stellt die

Erhöhung der Inklusion dar. Legt man die normativen Ideale des Dialogverfahrens an, so

kann der Erfolg der Inklusion über die Beteiligung unterschiedlicher Milieus an dem

Verfahren gemessen werden. Die Länge des Fragebogens erlaubte es jedoch nicht, eine

detaillierte Analyse der Milieuzugehörigkeit mit den konkreten Antworten der

Befragten vorzunehmen.

Eine Analyse des vhw verdeutlicht jedoch, dass in der Stadtteilekonferenz

Vertreterinnen und Vertreter aller relevanten Milieus anwesend waren, so dass die

Ergebnisse auch aus einer milieu-orientientierten Perspektive als gut beschrieben

werden können.

Abbildung 2: Teilnehmer der Stadtteilekonferenz nach Milieugruppen und Migrationshintergrund.

Quelle: vhw.

0 5 10 15 20 25 30

Konserva4v-­‐tradi4onelle

27,9

0,7

Liberal-­‐ökolog. (LIB,SÖK)

19,8

Bürgerliche (BÜM/ PRA, ADI/STA)

14,0

8,1

Krea4ve ohne EXP (PER/EPE; PER-­‐M)

8,1

5,2

D-­‐Mil

Sozial schwächere (PRE, HED/ ENT)

13,2

2,9

MH-­‐Mil

Inklusion erschöpft sich jedoch nicht in der Teilnahme aller relevanten Milieus. Die

Idee der Inklusion besitzt auch die Komponente, dass Bürgerinnen und Bürger, die

sich vormals nicht über Lokalpolitik interessiert haben, sich beteiligen. Das vorgängige

Partizipationsverhalten kann nicht allein über die Milieuzugehörigkeit verhandelt

werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich für die weitergehende Bewertung der

Inklusion der Stadtteilekonferenz die Frage, ob die nicht-partizipationsaffinen

23


Evaluationsbericht Filderstadt

Bürgerinnen und Bürger angesprochen wurden und ob diese Gruppe die

Stadtteilekonferenz systematisch anders bewertet als jene Bürgerinnen und Bürger, die

schon häufiger an ähnlichen Veranstaltungen teilgenommen haben. Die letzte Frage

kann relativ schnell beantwortet werden. Differenziert man die Ergebnisse auf die oben

diskutierten Fragen nach der Häufigkeit der vorgängigen Teilnahme (mehrfach, einmal,

nie), so zeigen sich zwar Unterschiede in Antwortverhalten und damit in der

Bewertung, jedoch keine statistisch signifikanten Unterschiede. Eine weitere

Differenzierung, die für die Bewertung relevant sein könnte, ist jene zwischen

männlichen und weiblichen Befragten. Doch auch hier zeigen sich keine

systematischen Unterschiede hinsichtlich der Bewertung der oben diskutierten Fragen.

Tabelle 13: Zahl der Teilnahmen an

früheren Bürgerbeteiligungsverfahren

Mehrfach Einmal Nie

38 % 12 % 50 %

Sehr positiv ist zu bemerken, dass an der Veranstaltung viele

Teilnehmerinnen und Teilnehmer teilgenommen haben, die

noch nie zuvor an ähnlichen Verfahren partizipiert haben.

Darüber hinaus war die Gruppe der Erstteilnehmerinnen und -teilnehmer im Schnitt

rund drei Jahre jünger als die/der „durchschnittliche“ Besucher/-in dieses Forums.

Die Stadtteilekonferenz sprach jene Bürgerinnen und Bürger an, die sich nicht über

die klassischen Kanäle politischer Partizipation in die Politik einbringen. Ca. 73 % der

Befragten sind seltener als einmal pro Monat oder nie in der Lokalpolitik oder in

Bürgerinitiativen aktiv. Teilgenommen haben hingegen diejenigen, die ehrenamtlich in

Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten arbeiten: Mehr als die Hälfte der

Befragten sind mindestens einmal pro Woche ehrenamtlich aktiv, fast Dreiviertel

mindestens einmal pro Monat. Politisch aktiviert wurden also die sozial Aktiven.

Aktiviert wurden hingegen kaum diejenigen, die vorgängig weder sozial oder politisch

aktiv waren. Das Ziel der Inklusion insbesondere derjenigen, die bislang sowohl

politisch als auch sozial partizipatorisch abstinent waren, wurde bei der

Stadtteilekonferenz nicht im erwünschten Maß erreicht.

Tabelle 14: Höchster

Bildungsabschluss der

TeilnehmerInnen

Keinen Abschluss 2,8 %

Hauptschule 5,6 %

Realschule 8,5 %

Abitur 15,5 %

Fachhochschule /

62,0 %

Universität

Aus der politischen Partizipationsforschung wissen wir, dass es vor

allem der gut gebildete Mittelstand ist, der sich politisch beteiligt.

Wie positioniert sich die Stadtteilekonferenz hinsichtlich dieser

Merkmale? Es sind überwältigend deutsche Staatsbürgerinnen und

Staatsbürger, die sich beteiligt haben (über 90 %). Der höchste

Bildungsabschluss ist bei 62 % der Befragten ein Hochschul- oder

Fachhochschulabschluss, bei mehr als 78 % ein

Hochschulabschluss oder Abitur. Diese Verteilung entspricht nicht

einer repräsentativen Verteilung, da die hohen Bildungsabschlüsse überrepräsentiert

sind. Sie bestätigt damit jedoch eine stehende empirische Erkenntnis der

Partizipationsforschung, wonach Bildung eine wichtige Determinante politischer

Partizipation ist. Auch liegt das monatliche Nettoeinkommen der Teilnehmerinnen und

Teilnehmer deutlich höher als der Bundesdurchschnitt. Filderstadt ist jedoch

24


Evaluationsbericht Filderstadt

hinsichtlich dieser Merkmale insgesamt nicht repräsentativ für Deutschland.

Berücksichtigt man diese Tatsache, so reduziert sich der diagnostizierte Bias, ohne sich

jedoch komplett aufzuheben.

Tabelle 15: Monatliches

Nettoeinkommen der

TeilnehmerInnen

(Stadtteilekonferenz)

weniger als 1000 € 3,7 %

1001–2000 € 7,4 %

2001–3000 € 27,8 %

3001–4000 € 31,5 %

4001–5000 € 14,8 %

Mehr als 5000 € 14,8 %

Die Verteilung des Einkommens, die Verteilung der

Bildungsabschlüsse und die Auswertung der Staatsangehörigkeit

legen jedoch einen Schluss nahe: Die Stadtteilekonferenz konnte

das Ziel der Inklusion hinsichtlich dieser Merkmale nicht

erreichen. Es beteiligten sich die „üblichen Verdächtigen“, gut

ausgebildete Bürgerinnen und Bürger mit höherem/hohem

Einkommen.

Aus der Bewertung der Inklusion resultiert ein differenziertes

Fazit: Hinsichtlich der Repräsentation von Milieus war die Stadtteilekonferenz ein

voller Erfolg; alle relevanten Milieus waren vertreten. Die Vertreterinnen und Vertreter

der Milieus sind in überwältigender Mehrheit zuvor politisch nicht oder zumindest

nicht regelmäßig aktiv gewesen. Auch hatten 50 % von ihnen zuvor noch nie an einem

bürgerorientierten Beteiligungsverfahren teilgenommen. In diesem Sinne erfolgte in

der Tat eine politische Aktivierung durch die Stadtteilekonferenz. Zugleich ist jedoch

ein überwältigender Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im sozialen Bereich

sehr aktiv und zeichnet sich durch eine hohe formale Bildung und

überdurchschnittliches Einkommen aus. Geht man davon aus, dass eine Verstetigung

dieses Beteiligungsformats vorgesehen ist, kann ein erfolgreicher Zwischenschritt

diagnostiziert werden. Langfristig sollte jedoch das anspruchsvollere Ziel angestrebt

werden, auch jene Bürgerinnen und Bürger anzusprechen, die nicht sozial aktiv sind.

Die überwältigende Mehrheit der Beteiligten hat über das Amtsblatt und über direkt

adressierte Einladungen von der Veranstaltung erfahren. Andere

Kommunikationskanäle – das Radio, die lokale Presse, das Internet – spielten keine

Rolle. Hier besteht aus unserer Sicht noch Potential.

25


Evaluationsbericht Filderstadt

Tabelle 16: Beruflicher Status der

TeilnehmerInnen

Schüler/-in /

7,1 %

Auszubildende/-r /

Student/-in

Selbständig 5,7 %

Angestellte/-r / Beamte/-r 27,1 %

Vollzeit

Angestellte/-r / Beamte/-r 17,1 %

Teilzeit

Rentner/-in /Pensionär/-in 34,3 %

Sonstiges 8,6 %

Ein weiteres Ziel des Dialogverfahrens war die Generierung von

Legitimation und Akzeptanz seitens der Bürgerinnen und Bürger

für den ISEK 2.0. In diesem Bereich zeigt die Umfrage positive

Ergebnisse. Mehr als 90 % der Befragten sagen, dass die

Politikerinnen und Politiker der Stadt die Veranstaltung ernst

nehmen. Eine Mehrheit von 75 % geht auch davon aus, dass diese

Veranstaltung zu einer höheren Akzeptanz der politisch gesetzten

Schwerpunkte führt. Diese Einschätzung ist vor dem Hintergrund

der sinkenden Akzeptanz von formal/juristisch/prozedural korrekt

getroffenen politischen Entscheidungen hochrelevant. Sie

verdeutlicht, dass die Inklusion der Bürgerinnen und Bürger einen legitimatorischen

Mehrwert besitzt, der sich nicht darin erschöpft, dass man die eigene Position

durchsetzen kann.

Tabelle 17: Die PolitikerInnen der

Stadt nehmen die Veranstaltung

ernst.

Trifft nicht zu 0 %

Trifft eher nicht zu 6,9 %

Trifft eher zu 44,4 %

Trifft voll und ganz zu 48,6 %

94 % der Befragten würden sich an einer ähnlichen Veranstaltung

noch einmal beteiligen – ein sehr hoher Wert, der verdeutlicht, wie

positiv die Stadtteilekonferenz von den Bürgerinnen und Bürgern

aufgenommen wurde. Die Durchschnittsnote der Veranstaltung ist

(in einer Schulnote) eine 2,3. Die Antworten auf die offen gestellte

Frage nach den Gründen hierfür zielen in überwältigender

Mehrheit auf die positiv-gestaltende Dimension bürgerschaftlichen

Engagements, auf die gemeinsame Gestaltung der Zukunft der Gemeinde und die

sozialen positiven Erfahrungen des gemeinsamen Diskutierens.

Tabelle 18: Würden Sie an einer

solchen Veranstaltung noch einmal

teilnehmen?

Ja 94,2 %

Weiß nicht 5,8 %

Die Artikulation von Protest findet so gut wie keine Erwähnung.

Die Stadtteilekonferenz wird aus der Perspektive der Bürgerinnen

und Bürger somit als ein wichtiger Bestandteil des Community-

Buildings und der lokalen Realisierung von Volkssouveränität

verstanden. Da fast alle Befragten planen, ihren

Familienmitgliedern und Freundinnen und Freunden von der

Veranstaltung zu berichten und immerhin noch 67 % ihren Arbeitskolleginnen und

Arbeitskollegen, besitzt die Veranstaltung Ausstrahlungswirkung weit über die Gruppe

der Teilnehmenden hinaus.

26


Evaluationsbericht Filderstadt

Tabelle 19: Aus welchen Gründen würden Sie noch

einmal teilnehmen?

Gutes Format der Offene und ehrliche Runde

Veranstaltung

Gute Form der

Bürgerbeteiligung

Zukunft mitgestalten

Ich mich als Bürger/-in

ernst genommen fühle

Spaß

Wie später noch ausgewiesen wird, war für die

Motivation zur Teilnahme die Formulierung des

Einladungsschreibens sehr relevant. Daraus können

folgende Schlüsse gezogen werden: Es sollten weitere

Kommunikationskanäle für die Öffentlichkeitsarbeit

genutzt werden; die Einladungsschreiben müssen

milieugerecht verfasst sein und überproportional an

Haushalte geschickt werden, die nicht partizipationsaffin sind.

Weder für den vhw noch für die politischen Eliten oder die Verwaltungsspitzen war

absehbar, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Stadtteilekonferenz die

Implementation einer Hubschraubergruppe bewerten würden, die die Diskussionen

fortführen und zu einer Politikempfehlung kommen soll. Die Antwortmuster

verdeutlichen, dass die Befragten keine stabilen Einstellungen zu dieser Frage besaßen.

Nur eine knappe Mehrheit von 52,8 % befürwortet die Fortsetzung der Diskussion in

einer kleinen Gruppe.

Tabelle 20: Soll die Diskussion in

einer kleineren Gruppe fortgesetzt

werden?

Ja 52,8 %

Nein 47,2 %

Der Fragebogen gab über die generelle Zustimmung oder

Ablehnung hinaus die Möglichkeit, eine konditionale Zustimmung

auszusprechen, d. h., die Einsetzung einer kleinen Gruppe an

bestimmte Rahmenbedingungen oder Erfolgsfaktoren zu knüpfen.

Mehr als 90 % der Befragten gaben an, dass sie hierzu keine

Meinung hatten. Zusammenfassend kann man daher davon ausgehen, dass die

Befragten keine hinreichenden Informationen hatten, um begründete Meinungen zu

dieser Frage auszubilden.

Tabelle 21: Bewertung der Stadtteilekonferenz in einer Schulnote

1 2 3 4 5 Durchschnitt

5 45 16 2 1 2,3

Hubschraubergruppe

Die Implementation einer Hubschraubergruppe resultiert aus der Einsicht, dass

selbstselektierende Gruppen typischerweise Verzerrungen aufweisen, die dem Ideal der

Deliberation abträglich sind. Die Hubschraubergruppe ist vor diesem Hintergrund mit

der Hoffnung eingesetzt worden, dass in ihr die Ziele des Gesamtverfahrens in einem

höheren Maße erreicht werden können als bei der Stadtteilekonferenz. Daher wurde

sie nach einem Zufallsverfahren unter Berücksichtigung des Milieuansatzes auf

Einladung zusammengesetzt. Um die Transformation der Einstellungen der

27


Evaluationsbericht Filderstadt

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hubschraubergruppe, die aus der Deliberation

resultieren, singularisieren zu können, wurde eine ex-ante- und eine ex-post-Befragung

durchgeführt. Die Ergebnisse der Befragungen werden zunächst einzeln dargestellt.

Ex-ante-Gruppe

Grundlage der Analyse sind 17 Fragebögen (n=17), die vor der Sitzung der

Hubschraubergruppe ausgefüllt wurden. Alle Befragten gaben an, dass sie sich für das

politische Geschehen in der Stadt interessieren.

Tabelle 22: Zahl der Teilnahmen an

früheren Bürgerbeteiligungsverfahren

Mehrfach Einmal Nie

29,4% 58,8% 11,8%

Dieses Interesse transformiert sich jedoch nicht in die

Mitarbeit in einer Partei (72 % arbeiten nie und nur 9,1 %

mindestens einmal pro Woche in einer Partei). 68,8 % der

Mitglieder der Hubschraubergruppe engagieren sich jedoch

mindestens einmal pro Monat ehrenamtlich in Vereinen,

Verbänden oder sozialen Diensten. Mehr als die Hälfte hat sich schon einmal an eine

Lokalpolitikerin oder einen -politiker oder die Verwaltung gewendet, um ein

politisches Thema zu diskutieren.

Ein gravierendes Problem der deutschen Demokratie ist das sinkende Vertrauen der

Bürgerinnen und Bürger in ihre Politikerinnen und Politiker. Mehr als 80 % der

Mitglieder der Hubschraubergruppe vertraut ihren Lokalpolitikerinnen und

Lokalpolitikern.

Tabelle 23: Einstellungen der Hubschraubergruppe zur Demokratie

Wie sehr

vertrauen Sie den

PolitikerInnen in

ihrer Stadt?

Wie zufrieden sind Sie

mit der Demokratie, so

wie sie in Deutschland

besteht?

Wie zufrieden sind Sie mit der

Art und Weise, wie politische

Entscheidungen in ihrer Stadt

getroffenen werden?

Nicht 0 % 0 % 0 % 0 %

Eher nicht 11,8 % 11,8 % 11,8 % 5,9 %

Eher schon 70,6 % 52,9 % 70,6 % 82,4 %

Sehr 11,8 % 35,3 % 17,6 % 11,8 %

Weiß nicht 5,9 % 0 % 0 % 0 %

Können Stadtpolitik und

Verwaltung ihrer

Meinung nach die

Probleme der Stadt lösen?

Dies ist ein ungewöhnlich hoher Wert, der ca. 50 % über entsprechenden

Einschätzungen bei repräsentativen Umfragen liegt. Auch sind mehr als 87% der

Befragten zufrieden mit der Demokratie, so wie sie in Deutschland besteht. Auch dieser

Wert ist im Vergleich zu repräsentativen Umfragen sehr hoch. Schließlich sind mehr

als 90 % der Meinung, dass die Stadtpolitik und die Verwaltung die Probleme der Stadt

lösen können. Diese positive Einschätzung korrespondiert mit der hohen Zufriedenheit

zur Art und Weise, mit der politische Entscheidungen in Filderstadt getroffen werden

(mehr als 87 % Zustimmung).

28


Evaluationsbericht Filderstadt

In der politikwissenschaftlichen Forschung existiert die Differenzierung zwischen

internal und external efficacy. Gemeint ist mit diesen beiden Konzepten folgendes: Die

internal efficacy beschreibt die individuell subjektive Einschätzung, politisch

kompetent zu sein. External efficacy bezeichnet die subjektive Einschätzung, dass die

politischen Strukturen so gestaltet sind, dass man sich erfolgreich politisch einbringen

kann. Die Einschätzung der internal und external efficacy korreliert positiv mit dem

soziokulturell-ökonomischen Status. Eine Gruppe, die möglichst viele unterschiedliche

Milieus repräsentiert, würde daher eine breite Streuung der entsprechenden

Einstellungen besitzen.

Tabelle 24: Einschätzung der internal efficacy der

TeilnehmerInnen der Hubschraubergruppe

Trifft

überhaupt

nicht zu

Trifft eher

nicht zu

Trifft eher

zu

Trifft voll

und ganz zu

Ich traue mir zu, in

einer Gruppe, die

sich mit politischen

Fragen befasst, eine

aktive Rolle

einzunehmen.

11,8 % 47,1 %

23,5 % 35,3 %

58,8 % 11,8 %

5,9 % 5,9 %

Die Einschätzung ihrer internal efficacy ist

seitens der Mitglieder der

Hubschraubergruppe jedoch sehr hoch: Mehr

als 80 % verneinen die Aussage, dass Politik im

Allgemeinen oder die Lokalpolitik im

Speziellen so kompliziert sind, dass man sie gar

nicht richtig versteht.

Mehr als 60 % trauen

sich zu, in einer Gruppe, die sich mit

politischen Fragen befasst, eine aktive Rolle

einzunehmen.

Mit Blick auf die external efficacy urteilen die

Mitglieder der Hubschraubergruppe, dass die

Gestaltungsfähigkeit von Politik und Verwaltung in den letzten Jahren eher gestiegen

sei (ca. 70 %) und das vor diesem Hintergrund die Mitwirkungsmöglichkeiten der

Bürgerinnen und Bürger bei der Stadtentwicklung insgesamt gut oder sehr gut sind

(76 %). So hoffnungsfroh diese Einstellungen auch mit Blick auf eine demokratische

Zivilgesellschaft stimmen, so problematisch sind sie doch vor dem Hintergrund des

Evaluationskriteriums Inklusion, da jene Bürgerinnen und Bürger, die dem

demokratischen Prozess distanzierter gegenüberstehen, in dem Sample eigentlich nicht

vorhanden sind.

Die ganze Politik ist

so kompliziert, dass

jemand wie ich gar

nicht versteht, was

vorgeht.

29


Evaluationsbericht Filderstadt

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Bürgerin oder ein Bürger politisch partizipiert, wird

– wie bereits ausgeführt – stark durch die Bildung und das Einkommen beeinflusst.

Beide Faktoren kann der Dialogprozess nicht verändern. Ein möglicher Angriffspunkt

für die Verbesserung der Inklusion ist die Motivation zur Teilnahme an einer

politischen Veranstaltung. Den Befragten wurde eine Batterie an möglichen

Motivationen zur Teilnahme an der Hubschraubergruppe vorgelegt. Deutlich wird, dass

die Einladung und die mit der Einladung verschickten Informationen für die

Teilnahmebereitschaft am wichtigsten sind, gefolgt von dem Wunsch, sich mit anderen

Menschen über das Thema austauschen zu können.

Tabelle 25: Motive der Teilnahme an der Hubschraubergruppe

Weil ich es

als Ehre

empfinde

Weil ich mich

über das Thema

informieren

wollte

Weil ich mich durch

die Einladung und

die Informationen

angesprochen fühle

von der zielgruppenorientierten Anrede in den Einladungen beeinflusst.

Bemerkenswert hoch ist darüber hinaus die Motivation, die eigenen Interessen in

dieser Frage durchzusetzen zu wollen.

Es wurde bereits ausgeführt, dass ein ähnlicher Informationsstand bei den

Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine wichtige Voraussetzung für eine gute

Deliberation darstellt. Die Zusammensetzung der Hubschraubergruppe folgt dem Ideal

der Inklusivität. Entsprechend muss theoretisch davon ausgegangen werden, dass ihre

zufällig ausgewählten Mitglieder in der Summe eher

politikfern sind und daher eine möglichst gut

nachvollziehbare Infobroschüre o. Ä. im Vorfeld der

Deliberation erhalten sollten, um auf Augenhöhe

deliberieren zu können.

Weil ich mich mit

anderen Menschen

über das Thema

austauschen möchte

Fast 90 % der Befragten haben die Informationsmaterialien ganz oder zum größten Teil

gelesen und beurteilen sie zu mehr als 80 % als verständlich.

70 % halten die Materialien für ausgewogen und hinsichtlich ihrer Quantität für

angemessen. Auf Basis des Informationsmaterials geben mehr als 80 % der Befragten

an, sich vor der Veranstaltung bereits eine Meinung gebildet zu haben. Die

Organisationsgruppe hat in Bezug auf die Informationsmaterialien aus der Perspektive

der Befragten das Ziel der zielgruppenorientierten Ansprache damit erfüllt.

Weil ich meine

Interessen in dieser

Frage durchsetzen

möchte

Trifft überhaupt 18,8 % 0 % 0 % 0 % 0 %

nicht zu

Trifft eher nicht 25,0 % 0 % 0 % 0 % 12,5 %

zu

Trifft eher zu 43,8 % 47,1 % 50 % 70,6 % 62,5 %

Trifft voll und 12,5 % 52,9 % 50 % 29,4 % 25,0 %

ganz zu

Das Erfolgskriterium der Inklusion wurde in der Hubschraubergruppe also deutlich

Tabelle 26: Welchen Teil der

Informationsmaterialien haben Sie gelesen?

Kaum etwas Das meiste Alles

11,8% 47,1 41,2%

30


Evaluationsbericht Filderstadt

Tabelle 27: Bewertung Informationsmaterial Hubschraubergruppe

Die

Informationsmaterialien

waren verständlich

Die

Informationsmaterialien

waren einseitig

Die

Informationsmaterialien

waren zu umfangreich

Trifft überhaupt 6,7 % 26,7 % 21,4 % 0 %

nicht zu

Trifft eher nicht 0 % 53,3 % 64,3 % 5,9 %

zu

Trifft eher zu 46,7 % 20,0 % 7,1 % 70,6 %

Trifft voll und

ganz zu

46,7 % 0 % 7,1 % 23,5 %

Die Informationsmaterialien

waren eine

gute Grundlage für die

anschließende

Diskussion

Tabelle 28: Monatliches

Nettoeinkommen der

TeilnehmerInnen

(Hubschraubergruppe)

Bis 1000 € 7,6 %

1001–2000 € 15,4 %

2001–3000 € 46,1 %

3001–4000 € 15,4 %

4001–5000 € 7,6 %

Mehr als 5000 € 7,6 %

Hinsichtlich des Ziels der Inklusion kann zusammenfassend gesagt werden, dass die

Hubschraubergruppe heterogener zusammengesetzt war als die Stadtteilekonferenz,

ohne dabei jedoch das Ziel der Inklusion in vollem Maße erfüllt zu

haben.

Zwar war das Verhältnis von männlichen und weiblichen

Teilnehmern ungefähr ausgeglichen, aber auch in dieser Gruppe

dominierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit deutscher

Staatsangehörigkeit ohne Migrationshintergrund. Das

Durchschnittseinkommen liegt in der Hubschraubergruppe

niedriger als in der Stadtteilekonferenz.

Ex-post-Hubschraubergruppe

Um den Einfluss des Dialogprozesses auf die Einstellungen und Bewertungen der

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hubschraubergruppe analysieren zu können,

wurde direkt nach ihrer Sitzung der ex-post-Fragebogen verteilt. Der Rücklauf lag bei

weniger als 50 %, die Fallzahl bei (n=8). Aufgrund der niedrigen Fallzahl ist

Zurückhaltung bei der Interpretation der Daten angezeigt.

Das Evaluationskonzept sieht vor, dass die Qualität der Deliberation in der

Hubschraubergruppe durch die Analyse einer Videoaufzeichnung der Diskussion

erfolgt. Uns wurde leider keine Videoaufzeichnung vorgelegt, so dass eine wichtige

Dimension der Evaluation somit ausgespart bleiben muss.

Die Mitglieder der Hubschraubergruppe haben auch an der Stadtteilekonferenz

teilgenommen, so dass ihre Einstellungen zur Konferenz nicht noch einmal gesondert

erhoben wurden.

31


Evaluationsbericht Filderstadt

Aus der Perspektive der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hubschraubergruppe

wurden die Themen, Ziele und die vorhandenen Gestaltungsspielräume zu Beginn der

Veranstaltung verständlich dargestellt. Auch stimmen drei Viertel der Gruppe der

Aussage zu, dass das Thema der Hubschraubergruppe gut gewählt war. Für eine

deutliche Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer führte die Deliberation dazu,

dass sie besser darüber informiert waren, was die anderen über das Thema denken und

sie selbst hatten nach der Veranstaltung eine klarere Meinung zum Thema als zuvor.

Tabelle 29: Sollte die Politik die Ergebnisse der

Hubschraubergruppe unverändert umsetzen?

Ja

Nein

75% 25%

Eine mit der Hubschraubergruppe verbundene Hoffnung

lautet, dass sie die allgemeine Diskussion der

Stadtteilekonferenz aufnehmen, noch einmal diskursiv

aufarbeiten und so zu gemeinwohlorientierteren

Empfehlungen kommen soll. Zwei Drittel aller

Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind mit dem Ergebnis des Dialogprozesses

zufrieden und Dreiviertel erwarten, dass die Politik die Ergebnisse unverändert

umsetzen sollte. Alle Befragten gehen davon aus, dass die Politikerinnen und Politiker

der Stadt die Veranstaltung ernst nehmen. 87 % der Befragten sagen aus, dass die

Veranstaltung dazu geführt hat, dass sie die politischen Entscheidungen zum ISEK 2.0

akzeptieren werden. Diese Einstellung entspricht genau den legitimatorischen

Erwartungen, mit denen der Dialogprozess implementiert wurde.

Tabelle 30: Akzeptanz des Verfahrens und seiner Ergebnisse

Die Veranstaltung wird

dazu führen, dass ich

die politische

Entscheidung zur ISEK

2.0 akzeptieren werde

Trifft

12,5% 0%

überhaupt

nicht zu

Trifft eher nicht 0 0%

zu

Trifft eher zu 75% 62%

Trifft voll und

ganz zu

12,5% 38%

Die PolitikerInnen

der Stadt nehmen

diese Veranstaltung

ernst

Eine weitere legitimatorische Hoffnung,

die mit der Hubschraubergruppe

verbunden ist, lautet, dass die

Teilnehmerinnen und Teilnehmer über

die Veranstaltung kommunizieren und sie

so einer breiteren Öffentlichkeit ins

Bewusstsein tritt. Die Hoffnung auf die

positiven Effekte der persönlichen

Kommunikation scheint aus Perspektive

der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

auch notwendig, da drei Viertel von ihnen

davon ausgehen, dass nur wenige

Bürgerinnen und Bürger aus Filderstadt von dem Bürgerdialog wissen. Mindestens

75 % der Befragten werden mit ihren Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten oder

anderen über die Veranstaltung reden. Die Teilnahme an der Hubschraubergruppe hat

somit die Kommunikationsintensität im Vergleich zur ex-ante-Befragung erhöht. Die

Bewertung der external efficacy durch die Befragten kommt zu dem Ergebnis, dass 50 %

ihrer Mitglieder der Aussage zustimmen, dass die meisten Politikerinnen und Politiker

in ihrer Stadt sich nicht viel darum kümmern, was Leute wie sie denken. Die

32


Evaluationsbericht Filderstadt

Veranstaltung stellte für diese Befragten eine Chance dar, ihre Interessen in die Politik

einzuspeisen und so ihre Bewertung der external efficacy der Lokalpolitik zu verbessern.

Tabelle 31: Bewertung der Deliberation in der Hubschraubergruppe

Trifft

überhaupt

nicht zu

Trifft eher

nicht zu

Trifft eher

zu

Trifft voll

und ganz zu

In der

Veranstaltung

wurde nach

konstruktiven

Lösungen

gesucht

Ich fühle

mich nach der

Veranstaltung

besser

darüber

informiert,

was andere

denken

Die

Mitglieder

der Gruppe

gingen im

Gespräch

aufeinander

ein

Die

Gesprächsteilnehmer

haben sich

verständlich

ausgedrückt

Meine Sicht

der Dinge

hat in den

Gesprächen

eine Rolle

gespielt

Einige

Teilnehmer

haben die

Gespräche

dominiert

0 % 0 % 0 % 0 % 0 % 37,5 % 0 %

12,5 % 0 % 12,5 % 0 % 0 % 25 % 0 %

37,5 % 75 % 50 % 75 % 75 % 37,5 % 25 %

50 % 25 % 37,5 % 25 % 25 % 0 % 75 %

Ich fühlte

mich in den

Gesprächen

respektiert

Die deliberative Qualität der Gespräche der Hubschraubergruppe wird insgesamt als

sehr gut bewertet. Alle Teilnehmer fühlten sich in den Gesprächen respektiert, hatten

genügend Informationen, um aktiv an der Diskussion zu partizipieren und haben viel

von Menschen gelernt, die ganz anders denken als sie selbst (87 %). Alle konnten ihre

Sicht der Dinge nicht nur ins Gespräch einbringen, ihre Sicht hat auch eine Rolle in

der Diskussion gespielt. Die Gesprächsatmosphäre wird von allen als entspannt

charakterisiert und 87 % gaben an, dass die Mitglieder im Gespräch aufeinander

eingegangen seien, also im besten Sinne deliberativ handelten. Anders als in der

Stadtteilekonferenz haben in der Hubschraubergruppe auch nur 37 % der

Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Eindruck gehabt, dass einige Teilnehmerinnen

oder Teilnehmer die Gespräche dominiert haben.

33


Evaluationsbericht Filderstadt

Tabelle 32: Einschätzung der Moderation in der Hubschraubergruppe

Moderation

war parteiisch

Trifft überhaupt nicht zu 62,5 % 25,0 %

Trifft eher nicht zu 25,0 % 0 %

Trifft eher zu 12,5 % 37,5 %

Trifft voll und ganz zu 0 % 37,5 %

Tabelle 33: Hat sich durch die Veranstaltung ihre Meinung zur

Stadtentwicklung in Filderstadt geändert?

Überhaupt nicht 12,5 %

Eher nicht 37,5 %

Eher schon 12,5 %

Sehr stark 37,5 %

Moderation hat sich darum bemüht,

dass alle Meinungen beachtet werden

Tabelle 34: Würden Sie an einer solchen Veranstaltung noch einmal teilnehmen?

Ja 85,7 %

Weiß nicht 14,3 %

Die Moderation wurde als

unparteiisch wahrgenommen

(87 %), jeweils 75 % geben an,

dass sie sich darum bemüht

hat, alle Meinungen zu

beachten oder so sprach, dass

sie leicht zu verstehen war.

87 % fanden, dass nach

konstruktiven

Lösungen

gesucht wurde. Aus der

Perspektive der deliberativen

Demokratietheorie ist die

Frage, ob die

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

ihre Positionen

verändert haben, ein

Indikator für die Qualität der

Deliberation. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer differenzieren sich diesbezüglich

in zwei gleich große Gruppen; 50 % geben an, dass die Hubschraubergruppe ihre

Meinung zur Stadtentwicklung geändert hat, die anderen 50 % verneinen dies. Hier gilt

es jedoch, das Ergebnis vorsichtig zu interpretieren, da die Teilnehmerinnen und

Teilnehmer beim Fragebogen nicht zwischen Einstellungsänderungen nach der

Stadtteilekonferenz und nach der Hubschraubergruppe differenzieren konnten.

Transformation der politischen Präferenzen ist ein zentraler Indikator für den Erfolg

einer Deliberation. Vor diesem Hintergrund ist es im Sinne der mit dem Dialogprozess

verbundenen Erwartungen ein großer Erfolg, dass 50 % der Teilnehmerinnen und

teilnehmer ihre politischen Präferenzen im Zuge des Dialogprozesses verändert haben.

Jedoch haben nur drei Teilnehmer Angaben zu den Gründen der Meinungsänderung

Tabelle 35: Bewertung der

Hubschraubergruppe durch die

TeilnehmerInnen in einer Schulnote

1 2 3 Durchschnitt

1 6 1 2,0

gemacht, so dass eine diesbezügliche Auswertung unmöglich

ist.

Die generalisierte Bewertung der Veranstaltung ist positiv: Fast

90 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer würden wieder an

einer solchen Veranstaltung teilnehmen. In Schulnoten wurde

die Hubschraubergruppe mit einer glatten Zwei bewertet.

34


Evaluationsbericht Filderstadt

Aus der Perspektive der nichtteilnehmenden Beobachtung sind einige Punkte zu

erwähnen, die sich so aus der Analyse der Fragebögen nicht ergeben. Besonders positiv

ist zu bemerken, dass die Eliten aus Politik und die Verwaltungsspitzen anwesend

waren und während des gesamten Dialogprozesses als Experten ansprechbar waren.

Tabelle 36: Offene Frage: Was fanden Sie an der

Hubschraubergruppe besonders gut?

Die vielfältige

Gute Vorabinfos

Zusammensetzung der

Gruppe

Lösungsorientierte Präsenz der städtischen

Diskussion

Mitarbeiter

Kleine Gruppen

Leider hat die Moderation bei offenen Fragen nicht

auf die Möglichkeit zurückgegriffen, die Eliten zu

befragen. Hier lag eindeutig ein Defizit bei der

Moderation, die sich nicht darauf eingerichtet hatte,

die Experten systematisch in die Diskurse

einzubeziehen. Ein solcher prozeduraler Lapsus

sollte in der Zukunft vermieden werden.

Problematisch für die Durchführung der

Veranstaltung waren die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Moderatorin der

Stadtteilekonferenz, Frau Dr. Grüger, und den beiden Moderatoren der

Hubschraubergruppe, Frau Breuer und Herr Perry. Dies führte aus unserer Perspektive

dazu, dass die Ergebnisse der Stadtteilekonferenz von Frau Dr. Grüger unsystematisch

und lustlos vorgetragen wurden, so dass sie schlecht als Grundlage für die späteren

Diskussionen dienen konnten.

Unklar musste den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch bleiben, welchen

konkreten Auftrag sie hatten. Die gewählte Fragestellung war aus unserer Perspektive

zu groß, um sie in der gebotenen Kürze der Veranstaltung sinnvoll diskutieren zu

können. Zudem regen wir an, den gebotenen Realismus bei der Diskussion darüber

einzuziehen, dass man mit Beschränkungen arbeitet. Denkbar wäre z. B. folgendes

System: Finanzielle Ressourcen werden mit Sternen dargestellt, unterschiedliche

politische Maßnahmen kosten unterschiedlich viele Sterne, so dass Prioritäten gesetzt

werden müssen.

35


Evaluationsbericht Filderstadt

4.3 Bewertung der Resonanz im politisch-administrativen Bereich

Die Einstellungen der politisch-administrativen Eliten besitzen maßgeblichen Einfluss

auf den Erfolg des Dialogprozesses. Es wurde in Abschnitt 4.1 bereits skizziert, dass die

Eliten dem Prozess im Vorfeld nach eigener Auskunft positiv gegenüberstanden.

In der Summe sind die Eliten mit den Ergebnis des Dialogverfahrens zufrieden: Mehr

als 80 % sind eher oder voll und ganz zufrieden. Die Zufriedenheit bezieht sich jedoch

nicht nur auf das konkrete Ergebnis des Dialogprozesses, sondern auf das Verfahren als

solches; entsprechend sprechen sich mehr als 75 % der Befragten für eine regelmäßige

Wiederholung des Verfahrens aus. Die Hoffnungen und Erwartungen der befragten

Eliten decken sich jedoch nicht komplett mit den Erwartungen, die seitens des vhw mit

der Implementation des Dialogprozesses verbunden wurden.

Mehr als jeweils 80 % der Eliten sahen nach der Durchführung des Dialogprozesses in

ihm die Möglichkeit, die Bürgerinnen und Bürger zu informieren und sie

„mitzunehmen“ sowie eine offene Diskussion zu den Möglichkeiten und Perspektiven

der Stadtentwicklung zu führen. Im Vergleich dazu sehen nur knapp 60 % im

Dialogprozess eine Chance zur Klärung und Beilegung eines Konfliktes. Auf wenn die

letzte Einschätzung immer noch von einer Mehrheit der politischen und

administrativen Eliten geteilt wird, verdeutlicht sie doch zum einen eine differenzierte

Erwartungshaltung und daraus resultierend eine entsprechende Prozessbewertung

seitens der politisch-administrativen Eliten; zum anderen werden unterschiedliche

Erwartungen seitens der Eliten und dem vhw deutlich. Hier gilt es zu fragen, ob die

konkrete Durchführung des Projekts zu dieser Divergenz führte, oder ob von

vorneherein divergierende Ziele mit dem Dialogverfahren verbunden wurden.

Tabelle 37: Bewertung der Anwendungsgebiete des Dialogverfahrens durch die Eliten

Bürger

informieren und

mitnehmen

Klärung und

Beilegungen eines

Konflikts

Offene Diskussion

von Möglichkeiten

und Perspektiven der

Stadtentwicklung

Nein 12,5 % 41,7 % 20,8 % 25 %

Ja 87,5 % 58,3 % 79,2 % 57 %

Bürger an

Entscheidungen über

Handlungsalternativen,

Pläne und Projekte zu

beteiligen

36


Evaluationsbericht Filderstadt

Tabelle 38: Einstellungsänderungen in Politik und Verwaltung

Hat sich die

Einstellung des

Gemeinderats

gegenüber solchen

Verfahren positiv

verändert

Überhaupt 0 % 0 %

nicht

Eher nicht 25 % 33,3 %

Eher schon 58,3 % 45,8 %

Sehr stark 4,2 % 8,3 %

Weiß nicht 12,5 % 12,5 %

Ein eher ambivalentes Bild ergibt sich,

wenn nach den Widerstandsmomenten

gegen die Implementation einer

dialogorientierteren Politik gefragt

wird. Während eine überwältigende

Mehrheit der Eliten (mehr als 75 %) für

eine regelmäßige Wiederholung des

Verfahrens plädiert, glauben immerhin

25 % der Befragten, dass sich die

Einstellung des Gemeinderates

gegenüber solchen Verfahren „eher nicht“ positiv verändert hat, eine Mehrheit (62 %)

geht davon aus. Skeptischer ist die Einschätzung hinsichtlich der Einstellungsänderung

bei der Verwaltung. Hier geht nur eine knappe Mehrheit (54 %) davon aus, dass eine

positive Einstellungsänderung in der Verwaltung durch den Dialogprozess erfolgt,

während 33 % eher nicht davon ausgehen. Diese differenzierte Einschätzung steht auch

im Zusammenhang mit der Frage, ob das Dialogverfahren die politisch-administrative

Arbeit erleichtert oder erschwert hat. Jeweils ein knappes Drittel der Befragten geht

von einer Erleichterung oder einer Erschwerung der Arbeit aus. Dieses Ergebnis

scheint für die Akzeptanz des Dialogverfahrens von großer Bedeutung zu sein. Kritisch

wird auch das Verhältnis von Aufwand und Nutzen des Bürgerbeteiligungsverfahrens

gesehen.

Während knapp 60 % der Befragten davon ausgehen, dass der Nutzen die Kosten

überwiegt, verneinen 41 % die Aussage. Diese Ergebnisse verlangen nach einer

differenzierteren Analyse, die zwischen politischen und administrativen Eliten

differenziert.

Hat sich die Einstellung der

Verwaltung gegenüber

solchen Verfahren positiv

verändert

Tabelle 39: Hat das Dialogverfahren ihre

politische-administrative Arbeit erleichtert oder

erschwert?

Erleichtert 29,2 %

Keine Veränderung 33,3 %

Erschwert 29,2 %

Weiß nicht 8,2 %

Die Einschätzungen der politischen Eliten und der

Verwaltungsspitzen unterscheiden sich bei der Mehrzahl

der gestellten Fragen nur unwesentlich. So gehen beide

Gruppen davon aus, dass die Bürgerinnen und Bürger in

Zukunft mehr Einfluss auf die Wahl der Themen von

Dialogprozessen besitzen sollten (mehr als 75 %). Auch ist

die Befürwortung der regelmäßigen Wiederholung

ungefähr gleich ausgeprägt (mehr als 80 %).

37


Evaluationsbericht Filderstadt

Tabelle 40: Zufriedenheit mit dem Ergebnis des

Dialogverfahrens (Politik/Verwaltung)

Politische

Eliten

Verwaltungs

spitzen

Überhaupt nicht 8,3 % 0 %

Eher nicht 25,0 % 0 %

Eher schon 33,3 % 81,8 %

Voll und ganz 33,3 % 18,2 %

Tabelle 41: Überwiegt der Nutzen des Verfahrens die

Kosten (Politik/Verwaltung)?

Politische

Eliten

Verwaltungs

spitzen

Überhaupt nicht 0 % 0 %

Eher nicht 50 % 30 %

Eher schon 41,6 % 70 %

Voll und ganz 8,4 % 0 %

Deutliche Unterschiede bestehen jedoch bei einigen

Fragen: Die Zufriedenheit mit dem Ergebnis des

Dialogverfahrens divergiert deutlich. Mehr als 33 %

der politischen Eliten sind mit dem Ergebnis

„überhaupt nicht“ oder „eher nicht“ zufrieden; „eher

schon“ oder „voll und ganz“ ca. 67 %. Die Befragten

aus der Verwaltung sind zu 100 % mit dem Ergebnis

zufrieden. Eine relevante Differenz besteht auch

hinsichtlich der Bewertung, ob der Nutzen des

Verfahrens seine Kosten überwiegt. Auf hier sind die

politischen Eliten skeptischer als die

Verwaltungsspitzen

4.4 Eine vergleichende Perspektive

Abschließend soll eine vergleichende Perspektive eingenommen werden und aus der

Hubschraubergruppe sowie der ex-post-Hubschraubergruppe zusammengeführt

werden.

Das Ziel der Inklusion bezieht sich sowohl auf die Inklusion der Breite der Milieus, die

in einem Stadtteil existieren, als auch auf die Inklusion derjenigen, die zuvor eher

partizipationsabstinent waren.

Es wird deutlich, dass zwischen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der beiden

Dialogprozesse Unterschiede bestehen, die jedoch insbesondere mit Blick auf die

Kategorie „Mehrfach“ geringer ausfallen als theoretisch erwartet. Die um fast 40 %

höhere Besetzung der Kategorie „Einmal“ resultiert mit großer Wahrscheinlichkeit

Sicht der Evaluation zentrale Merkmale der Stadtteilekonferenz, der ex-ante-

Tabelle 42: Zahl der Teilnahmen an früheren

Bürgerbeteiligungsverfahren im Vergleich

Mehrfach Einmal Nie

Stadtteilekonferenz

38 % 12 % 50 %

Hubschrau

bergruppe

29,4 % 58,8 % 11,8 %

daraus, dass die Stadtteilekonferenz von den

Mitgliedern der Hubschraubergruppe als

vorgängiges Bürgerbeteiligungsverfahren gezählt

wurde und nicht – wie vom vhw konzipiert – als

zwei Dialoge eines Dialogverfahrens.

38


Evaluationsbericht Filderstadt

Die Qualität der Deliberation ist eine weitere zentrale Kategorie der Evaluation des

Dialogverfahrens. Wie bereits ausgeführt wurde, steht aus theoretischen Überlegungen

zu erwarten, dass die subjektive Zufriedenheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

mit dem Dialog der Hubschraubergruppe höher sein sollte also mit jenem der

Stadtteilekonferenz. Trifft dies so zu?

60

50

40

30

20

10

0

Stad-eilekonferenz

Hubschraubergruppe

Abbildung 3: Ich habe in den Gesprächen viel von anders denkenden Menschen gelernt

45

40

35

30

25

20

15

10

5

0

Stad-eilekonferenz

Hubschraubergruppe

Abbildung 4: Einige Teilnehmer haben die Gespräche dominiert

39


Evaluationsbericht Filderstadt

80

70

60

50

40

Stad-eilekonferenz

30

Hubschraubergruppe

20

10

0

überhaupt eher nicht

nicht

eher

schon

voll und

ganz

Abbildung 5: Ich fühlte mich in den Gesprächen respektiert

60

50

40

30

20

Stad-eilekonferenz

Hubschraubergruppe

10

0

überhaupt eher nicht

nicht

eher

schon

voll und

ganz

Abbildung 6: In der Veranstaltung wurde nach konstruktiven Lösungen gesucht

Ein Vergleich ausgewählter Indikatoren verdeutlicht, dass die Qualität des Dialoges in

der Hubschraubergruppe besser bewertet wurde als in der Stadtteilekonferenz. Die

Größe der Hubschraubergruppe und das zuvor zur Verfügung gestellte

Informationsmaterial haben einen (subjektiv) qualitativ höherwertigen Diskurs in der

Hubschraubergruppe ermöglicht.

Die Konzeptualisierung der Hubschraubergruppe zielte (auch) darauf, bei Verstetigung

des Beteiligungsinstruments mittel- und langfristig die Ausbildung einer kommunalen

Zivilgesellschaft zu unterstützen. Die dahinterliegende Überlegung lautet, dass die

politische Beteiligung einer Bürgerin oder eines Bürgers nicht nur, aber auch davon

beeinflusst wird, ob sie/er sich politisch kompetent fühlt (internal efficacy) und ob

40


Evaluationsbericht Filderstadt

sie/er das Gefühl hat, dass die politischen Strukturen es ihr ermöglichen, ihre

Interessen in den demokratischen Prozess einzuspeisen (external efficacy). Die

theoretische Erwartung lautet, dass Beteiligungsprozesse wie das Dialogverfahren –

insbesondere die Hubschraubergruppe – einen wichtigen Beitrag dazu leisten können,

die Ausbildung von internal und external efficacy zu unterstützen. Die ex-ante- und expost-Befragung

der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hubschraubergruppe

ermöglicht es, Einstellungsveränderungen, die auf die Teilnahme an dem

Dialogverfahren zurückzuführen sind, zu messen.

Die empirischen Ergebnisse stützen die theoretischen Erwartungen nicht – die

Einschätzung der internal efficacy hat sich sogar verschlechtert, sowohl auf lokaler als

Tabelle 43: Die ganze Politik ist so kompliziert, dass jemand wie ich

gar nicht versteht, was vorgeht

Ex-ante-

Hubschraubergruppe

Ex-post-

Hubschraubergruppe

Trifft

überhaupt

nicht zu

Trifft eher

nicht zu

Trifft

eher zu

48 % 35 % 12 % 5 %

38 % 38 % 25 % 0 %

Trifft

voll und

ganz zu

auch auf nationaler Ebene. Dies könnte

einerseits auf die konkrete Erfahrung

des politischen Dialogs rückführbar

sein. Viel wichtiger ist jedoch, dass die

Fallzahlen bei der ex-post-

Hubschraubergruppe so klein sind,

dass keine statistisch belastbaren

Aussagen zu treffen sind.

41


Evaluationsbericht Filderstadt

5. Fazit

Legt man die eingangs ausgeführten Evaluationsstandards zugrunde und differenziert

den Erfolg des Dialogverfahrens in Filderstadt entlang der subjektiven Bewertungen

der fünf relevanten Akteursgruppen (Eliten aus der Politik; Eliten aus der Verwaltung;

Bürgerinnen und Bürger, die sich an der Stadtteilekonferenz beteiligt haben;

Bürgerinnen und Bürger, die sich an der Hubschraubergruppe beteiligt haben und die

Evaluatoren als nichtals glteilnehmende Beobachter der Hubschraubergruppe), so kann

der Dialogprozess in der Summe als Erfolg bewertet werden.

Die positivsten Bewertungen erfolgten durch die an der Stadtteilekonferenz und der

Hubschraubergruppe teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger. Sie haben den

Dialogprozess insgesamt sehr positiv bewertet. Die Hoffnungen, die mit der

Implementation des Dialogprozesses verbunden waren (Erhöhung der Legitimation der

konkreten politischen Entscheidungen; Erhöhung der external efficacy der Beteiligten;

bessere Integration der Bürgerinnen und Bürger in den demokratischen Prozess;

deliberative Kommunikation, in denen die Bürgerinnen und Bürger sich als

Gleichberechtigte anerkennen und argumentativ zu gemeinwohlorientierteren

Positionen kommen) haben sich aus der Perspektive der beteiligten Bürgerinnen und Bürger

tatsächlich erfüllt. Entsprechend der theoretischen Grundannahmen des

Dialogprozesses unterscheiden sich die Ergebnisse der Befragten der

Stadtteilekonferenz und der Hubschraubergruppe systematisch: Die Diskussionen in

der Hubschraubergruppe wurde als inklusiver, gleichberechtigter und weniger verzerrt

wahrgenommen als die Diskussion in der Stadtteilekonferenz. Die besondere

Bedeutung der Hubschraubergruppe im Dialogprozess – sie soll Politikempfehlungen

artikulieren – kann durch die in der Bewertung deutlich werdende größere Nähe zum

Ideal der Deliberation auch empirisch nachträglich gut begründet werden. Durch die

geringe Fallzahl in der ex-ante-Befragung der Hubschraubergruppe (n=8) sind diese

Unterschiede vorsichtig zu bewerten; es handelt sich um Tendenzen, die jedoch in die

theoretisch erwartete Richtung gehen.

Auch die Organisationsgruppe bewertet ihre Arbeitsbedingungen insgesamt positiv.

Differenzierter sind die Einstellungen der politischen Eliten und Verwaltungsspitzen.

Von ihrer Unterstützung des Prozesses ist es abhängig, ob die Ergebnisse des Dialoges

in den demokratischen Prozess eingespeist werden können und ob die beteiligten

Bürgerinnen und Bürger die Veranstaltung als authentische Möglichkeit der politischen

Beteiligung oder als symbolische Politik bzw. Alibiveranstaltung wahrnehmen. Die

Einstellungen der Eliten zum Dialogprozess sind sehr wohlwollend. Die Eliten

diagnostizieren, dass eine Ausweitung und Verstetigung dialogorientierter

Beteiligungsformen sinnvoll ist. Die damit verbundenen Hoffnungen vor der

Durchführung des Dialoges in Filderstadt entsprechen den normativen Hoffnungen,

42


Evaluationsbericht Filderstadt

mit denen der vhw den Dialogprozess konzipiert hat. Die faktische Durchführung des

Dialoges hat jedoch die Hoffnungen transformiert. Im Zentrum der Hoffnungen nach

dem Dialog stehen die bessere Information der Bürgerinnen und Bürger und ihr

„Mitnehmen“ bei der Durchsetzung der Politik. Das „Mitnehmen“ spricht jedoch eher

für eine „top-down“ als eine „bottom-up“ Politik und könnte die Chancen der

Bürgerinnen und Bürger, ihre Politik aktiv mitzugestalten, schmälern. Die Hoffnung,

dass der Dialog problemlösend ist und dabei hilft, Konflikte zu entschärfen, hat sich im

Nachgang deutlich verringert. Dies korrespondiert damit, dass die politischen Eliten

mit den Ergebnissen des Dialogprozesses insgesamt unzufriedener waren als die

Verwaltungsspitzen. Entsprechend wollen sie die Ergebnisse des Dialogprozesses bei

ihren Entscheidungen im Gemeinderat zwar berücksichtigen, sich jedoch nicht

freiwillig an sie binden. Die Einschätzung der Verwaltungsspitzen ist deutlich positiver.

Auch plädieren sie mehrheitlich dafür, dass der Gemeinderat sich freiwillig an die

Ergebnisse des Dialogprozesses bindet.

Mit Blick auf die zu Anfang skizzierten Evaluationskriterien (Legitimation, Integration,

Deliberation) kann der Dialogprozess in Filderstadt insgesamt als Erfolg bezeichnet

werden, der differenziert bewertet werden muss: Das anspruchsvolle Ideal der

Inklusion ist durch eine Reihe von Maßnahmen sowohl für die Stadtteilekonferenz als

auch für die Hubschrauberkonferenz aktiv angestrebt worden. Legt man als

Inklusionskriterium die Beteiligung aller relevanten Milieus zugrunde, so muss in

beiden Gruppen vom Erfolg der Inklusion gesprochen werden. Geht man jedoch über

das Milieukriterium hinaus und legt das mit der Inklusion verbundene Kriterium der

Aktivierung der Bürgerinnen und Bürger zugrunde, so muss ein differenzierteres Fazit

gezogen werden. Die Zusammensetzung der Stadtteilekonferenz weist eine klare

Verzerrung auf. Es sind Bürgerinnen und Bürger, die höhere Einkommen, einen formal

hohen Bildungsabschluss und ein höheres Interesse an dem Thema besitzen. Auf der

Habenseite steht, dass die überwältigende Mehrheit der Teilnehmerinnen und

Teilnehmer der Stadtteilekonferenz zuvor politisch nicht aktiv waren. Auf der Sollseite

steht, dass wiederum eine überwältigende Mehrheit jedoch sozial aktiv ist.

Auch die Hubschraubergruppe weist eine Verzerrung auf, die jedoch in Bezug auf die

nicht-milieubezogenen Merkmale geringer ist als jene der Stadtteilekonferenz. In allen

oben genannten Belangen ist sie heterogener zusammengesetzt als die

Stadtteilekonferenz. Der Anteil von Bürgerinnen und Bürgern mit

Migrationshintergrund ist höher, das Durchschnittseinkommen und die formalen

Bildungsabschlüsse niedriger als in der Stadtteilekonferenz.

Der unabhängig von der artikulierten Kritik bemerkenswerte Inklusionserfolg der

Stadtteilekonferenz verweist darauf, wie wichtig jene Maßnahmen waren, die die

Gefahren einer selbstselektierten Gruppe abwenden sollten. Sie haben zu einem

beträchtlichen Teil jene Wirkung entfaltet, die sie entfalten sollten.

43


Evaluationsbericht Filderstadt

Die Ambivalenzen in der Bewertung des Inklusionserfolgs verdeutlichen jedoch, wie

dringend eine präzise Explikation des Erfolgskriteriums Inklusion seitens der Stadt

Filderstadt und des vhw nötig ist.

Die deliberative Qualität der Diskussionen in der Stadtteilekonferenz und der

Hubschraubergruppe muss anhand der Fragebögen der Teilnehmerinnen und

Teilnehmer bewertet werden, da das Videomaterial, das für eine Sprechaktanalyse

notwendig ist, in diesem Fall nicht zur Verfügung stand. Wie bereits dargelegt wurde,

kann man aus den Antworten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beider

Veranstaltungen den Schluss ziehen, dass beide Veranstaltungen die anspruchsvollen

Bedingungen einer Deliberation – in den Grenzen ihrer Realisierungsmöglichkeit in

der politischen Wirklichkeit – erfüllt haben. Diese allgemeine Einschätzung trifft für

die Hubschraubergruppe in allen für die Deliberation relevanten Bereichen grosso

modo besser zu als für die Stadtteilekonferenz. Bemerkenswerte Ausnahme hiervon ist

die Transformation der Einstellungen zum ISEK 2.0. Hier haben mehr

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Stadtteilekonferenz ihre Position verändert als

in der Hubschraubergruppe. Dieses Ergebnis darf jedoch aufgrund der geringen

Fallzahl in der Hubschraubergruppe nicht überbewertet werden. Es ist insgesamt als

großer Erfolg zu werten, dass die Anlage und die Durchführung des Dialogprozesses

bei so vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Meinungsänderung bewirkte.

Dies spricht insbesondere für die deliberative Ausgestaltung der Stadtteilekonferenz.

Leichte Kritik ist in beiden Fällen an der Moderation zu üben, die es erstens zuließ,

dass einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Diskussion dominierten und die in

ihrer Ansprache nicht immer hinreichend milieuorientiert waren.

Die Frage nach der Bewertung der legitimationsgenerierenden Wirkung des

Dialogverfahrens muss differenziert beantwortet werden und zwischen

unterschiedlichen Akteursperspektiven unterscheiden. Aus der Perspektive der

Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind Legitimitätsressourcen aufgebaut worden; sie

geben an, dass sie Veranstaltungen ihre Akzeptanz des ISEK 2.0 erhöht hat, die

Einschätzung ihrer external efficacy ist höher und sie werden mit der Familie,

Freundinnen und Freunden und Arbeitskolleginnen und -kollegen über ihre

Erfahrungen kommunizieren, so dass ein „Legitimitätsspillover“ zu erwarten ist, der

seine volle Wirkung jedoch erst über die Zeit bei einer Verstetigung des Verfahrens

entfalten können wird. Aus der Perspektive der politischen Eliten ist die Situation

ambivalent. Einerseits können sie die Ergebnisse des Dialogverfahrens als

Begründungsressource für politische Entscheidungen nutzen und so auf eine weitere

Legitimationsressource zurückgreifen. Andererseits ist die Durchführung des

Dialogprozesses selbst legitimatorisch ambivalent, da er in einer legitimatorischen

Konkurrenz zu den demokratisch gewählten Repräsentantinnen und Repräsentanten

steht, ohne selbst hinreichend demokratisch legitimiert zu sein. Vor diesem

44


Evaluationsbericht Filderstadt

Hintergrund ist die mehrheitliche Entscheidung der politischen Eliten zu verstehen,

die Ergebnisse des Dialogprozesses zur Kenntnis zu nehmen, aber unabhängig davon

zu entscheiden. Legitimationstheoretisch ist die Entscheidung nachvollziehbar; ihre

motivationalen Konsequenzen sollten jedoch berücksichtigt werden, da gerade die

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Hubschraubergruppe erwarten, dass die

Politikempfehlungen unverändert übernommen werden. Entscheidet sich der

Gemeinderat grundlegend anders als die Empfehlungen der Hubschraubergruppe

lauten, so wird der Dialogprozess problematische Konsequenzen besitzen und im

schlechtesten Fall politische Entfremdung und Politikverdrossenheit noch befeuern.

Hieraus folgt für den vhw, dass das legitimatorische Verhältnis von gewählten

Repräsentantinnen und Repräsentanten zum Dialogprozess noch geklärt werden muss.

Tabelle 44: Zusammenfassung der Evaluation

Inklusion Deliberation Akzeptanz Politische und administrative

Unterstützung

Organisationsgruppe ++ ++

Politische Eliten und

++

Verwaltungsspitzen ex ante

Politische Eliten und

+

Verwaltungsspitzen ex post

Stadtteilekonferenz +- ++ ++

Hubschraubergruppe ex ante + +++ ++

Hubschraubergruppe ex post + +++ ++

Auf der Prozessebene können auf Basis der Auswertung folgende

Verbesserungsvorschläge unterbreitet werden:

• Sinnvoll und von allen Beteiligten erwünscht ist eine frühere und bessere

Integration der Bürgerinnen und Bürger beim Agenda Setting des

Dialogprozesses.

• Sowohl die Stadtteilekonferenz als auch die Hubschraubergruppe hätten von

einer stärkeren Fokussierung der Fragestellung profitiert. Die gewählte

Fragestellung war zu breit für die zur Verfügung stehende Zeit und zu komplex,

um konkrete Politikempfehlungen aussprechen zu können.

• Die Integration der Eliten aus Politik und Verwaltungsspitzen in den

Dialogprozess muss systematischer erfolgen.

• Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Organisationsgruppe dürfen nicht –

wie im vorliegenden Fall bei einer Person – zugleich auch Teilnehmer/-in der

Hubschraubergruppe sein.

• Eine Auswertung der Diskussionsqualität per Video erscheint uns für

zukünftige Verfahren wünschenswert.

45


Evaluationsbericht Filderstadt

Mit Blick auf die unterschiedlichen Dimensionen der Evaluation fällt ins Auge, dass

zwischen der „objektiven“ Bewertung anhand der Evaluationskriterien und der

„subjektiven“ Bewertung durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Lücke

klafft. Aus der Perspektive der Bürgerinnen und Bürger war der Dialogprozess in

Filderstadt ein Erfolg. Da sie im Zentrum des Prozesses stehen und die primären

Adressatinnen und Adressaten einer zivilgesellschaftlichen Beteiligungskultur sind, die

langfristig zu einer neuen Form der local governance führen kann, könnte man sich mit

der Bewertung des Prozesses in Filderstadt durchaus zufrieden zeigen. Das Potential,

das der Bürgerdialog besitzt, ist jedoch nicht in Gänze ausgeschöpft worden. Diese

suboptimale Ausschöpfung zeigt sich in der zurückhaltenden Bewertung durch die

politischen Eliten. Hier hätte durch die Modifikation kleiner, aber entscheidender

Stellschrauben im Prozess ein deutlich besseres Ergebnis erzielt werden können, ohne

dass der Prozess grundlegend hätte geändert werden müssen. Diese Stellschrauben

beziehen sich auf die milieugerechte Ansprache der Organisationsgruppe, die

Spezifikation des diskutierten Themas, den Transfer der Erkenntnisse der

Stadtteilekonferenz in die Hubschraubergruppe sowie der besseren Integration der

Eliten aus Politik und Verwaltung während der Arbeit der Hubschraubergruppe.

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