ETF-Magazin: "Tickende Bombe" (Q2 2013) - Börse Frankfurt

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ETF-Magazin: "Tickende Bombe" (Q2 2013) - Börse Frankfurt

Interview: Dr. Jens Ehrhardt

„Extrem monetär“

Börsenveteran Jens Ehrhardt über die Stärke der US-Aktien

und drohende Gefahren für deutsche Anleger

Anleger rund um den Globus reißen sich um US-Aktien. Warum?

Ich habe zuletzt stets die Meinung vertreten: Da, wo am meisten Geld gedruckt

wird, laufen die Börsen am besten. Die Bestätigung sieht man in den USA, aber

auch in Japan. Das ist alles ext rem monetär getrieben, und die Realwirtschaft

kommt kaum hinterher. Das birgt auch wieder Gefahren.

Welche Probleme sehen Sie?

Die Überschuldung lässt insgesamt eine vorsichtige Anlagepolitik auch bei

Aktien angeraten scheinen. Denn wenn die Stimuli zurückgezogen werden,

fällt ja alles wie ein Kartenhaus zusammen. Würden die Amerikaner verkünden,

dass sie mit dem Gelddrucken aufhören, gäbe es erst einmal einen ziemlichen

Schlag nach unten. Aber glücklicherweise läuft die Konjunktur in den

USA nicht rund, sodass die Notenbank Fed die Kursänderung nicht in nächster

Zeit wird vornehmen müssen. Es ist paradox, dass man heute sagen muss:

Hoffentlich kommt keine gute Konjunktur, damit nicht die so wichtige monetäre

Stimulierung wegfällt.

Hängt die Begeisterung für US-Titel nicht auch mit der Verunsicherung auf

Grund der Euro-Krise zusammen?

In der Tat sagen jetzt viele: Amerika ist das einzig Wahre, und beim Dollar wird

es nie Kapitalverkehrskontrollen geben. Außerdem waren die Konjunktur daten

jedenfalls bis vor Kurzem in den USA immer noch am besten, auch wenn die

letzten Zahlen zwar eher durchwachsen ausfielen. Viele Investoren sagen dennoch:

Selbst wenn die Kurs-Gewinn-Verhältnisse dort höher sind – rein in die

Aktienmärkte der Vereinigten Staaten. Das Gelddrucken der Fed stützt die Konjunktur.

Und fragen Sie mal Unternehmer in Asien: Die schwärmen von ihren

Exporten in die USA und jammern über die Ausfuhren nach Europa.

Jens Ehrhardt,

Vermögensverwalter

und

Fondsmanager

Verliert der Euro nach der jüngsten EZB-Zinssenkung an Wert? Werden

unsere Börsen für Dollar-Anleger noch unattraktiver?

Die Amerikaner freuen sich auch nicht, wenn der Dollar stark steigt, zumal

Präsident Obama über steigende Exporte die Konjunktur ankurbeln will. Sie

werden weiter Geld drucken oder das Quantitative Easing sogar noch ausweiten,

damit der Dollar nicht steigt. Der Währungswettlauf nach unten bleibt uns

deshalb vorerst erhalten.

Was können deutsche Anleger jetzt kaufen?

Sie können selektiv deutsche Qualitätsaktien zukaufen, deren Preise zurückgekommen

sind. Es fehlt ja nach wie vor an Anlagealternativen. Dabei würde

ich defensive, dividendenstarke Aktien gegenüber zyklischen Werten bevorzugen.

Dass der gesamte deutsche Aktienmarkt jetzt schnell nach oben wegspringt,

glaube ich nicht. Wer auf ganze Märkte setzen will, sollte eher auf die

USA und währungsgesichert auf Japan setzen. Japan hat enormen monetären

Rückenwind. Wer schon inves tiert ist, kann drinbleiben, und wer noch nicht

eingestiegen ist, kann auch noch kaufen, obwohl der Markt bereits um 50 Prozent

gestiegen ist.

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