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SOTE 2005_3 - IFZ

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Umwelt & Energie

Umwelt & Energie Nachhaltiges Sanieren von Einfamilienhäusern Was leisten Sanierungsnetzwerke und was können wir von ihnen lernen? Die Vorstellung, dass man von best-practice Beispielen lernen kann, ist weit verbreitet. Wie sieht es aber tatsächlich mit der Vorbildwirkung engagierter Ansätze aus? Wir konnten dieser Frage im Forschungsprojekt „Einfamilienhäuser innovativ sanieren“ im Rahmen der Programmlinie „Haus der Zukunft“ des BMVIT nachgehen. 1 Michael Ornetzeder studierte Soziologie an der Universität Wien. Seit 1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) in Wien, seit 2001 verantwortlich für den Bereich „Technik & Wissen“; Lektor an der Universität für Bodenkultur; Arbeiten in den Bereichen Techniksoziologie, Gestaltbarkeit sozialer und technischer Innovationen, Nachhaltige Entwicklung. E-mail: ornetzeder@zsi.at Jürgen Suschek-Berger studierte Philosophie und Soziologie an der Karl- Franzens-Universität Graz. Seit 1989 wissenschaftlicher Mitarbeiter des IFZ, seit 2004 Leiter des Forschungsbereiches „Energie und Klima“. Lehrbeauftragter an der Universität Klagenfurt. Arbeitsschwerpunkte: Partizipative Technikforschung, sozialwissenschaftliche Begleitung ökologischer, technischer und sozialer Innovationen. E-mail: suschek@ifz.tugraz.at Der größte thermische Sanierungsbedarf in Österreich besteht bei Eigenheimen aus der Periode von 1945 bis 1980. Schätzungen zufolge liegen hier rund zwei Drittel des gesamten Investitionspotenzials für Sanierungen. Zwei Netzwerkinitiativen, die seit einigen Jahren auf lokaler Ebene mit Erfolg das private Sanieren von Wohngebäuden forcieren, standen daher im Mittelpunkt dieses Forschungsprojekts: das „Öko-Modell im Alt- und Neubau“ in Tirol und die Plattform „Traumhaus Althaus“ in Vorarlberg. In beiden Fällen handelt es sich um firmen- und branchenübergreifende Netzwerkstrukturen, die sich rund um das Thema ökologische Altbausanierung gebildet haben. Diese Netzwerke zeichnen sich auf der Angebotsseite durch Kooperation unterschiedlicher lokaler Akteure, den Anspruch fachlicher Qualitätssicherung und durch ein aktives Angebot für BewohnerInnen von Eigenheimen, die die bauliche Sanierung ihres Wohngebäudes in Betracht ziehen, aus. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden die beiden Modelle zunächst ausführlich dargestellt. Dann haben wir versucht, zentrale Funktionsprinzipien der beiden Netzwerke herauszuarbeiten und Entwicklungspotenziale für die untersuchten Beispiele aufzuzeigen. Und schließlich haben wir, auf diesen Erkenntnissen aufbauend, konkrete Vorschläge zur Übertragung zentraler Modellelemente in andere Regionen zur Diskussion gestellt. Mit den nun vorliegenden Ergebnissen hoffen wir, einen Beitrag zur Verbesserung des Angebots im Handlungsfeld der ökologischen Sanierung von Einfamilienhäusern leisten zu können. Öko-Modell im Alt- und Neubau Das Tiroler Projekt „Öko-Modell im Altund Neubau“ wird vom Verein „Netzwerk natur/umwelt & wirtschaft“ betrieben. Die Initiative entstand bereits im Jahr 1997 im Tiroler Bezirk Reutte. Vorrangiges Ziel ist es, private Bauherren und Baufrauen bei der Planung von Bauvorhaben umfassend ökologisch zu beraten und bei ihren Entscheidungen zu unterstützen. Die Beratungen werden von zwei Regionalstellen koordiniert, durchgeführt werden sie von freiberuflichen Bau- und WirtschaftsberaterInnen des Netzwerks. Die Finanzierung dieser Leistungen erfolgt zum Großteil durch Mitgliedsbeiträge der rund 30 Partnerbetriebe des Netzwerks, die sich per schriftlicher Vereinbarung jeweils für ein Jahr zur Zusammenarbeit im Netzwerk bekennen. KundInnen, die eine Beratung in Anspruch nehmen wollen, können über die Partnerbetriebe Gutscheine für eine kostenlose Erstberatung beziehen. Alle weiteren Beratungen sind hingegen kostenpflichtig. Ursprünglich konzentrierten sich die Aktivitäten ausschließlich auf Wohnhaussanierungen und die Verbreitung erneuerbarer Energietechnologien wie etwa Solaranlagen oder Hackgutfeuerungen. Im Zuge der Ausweitung auf andere Bezirke und der Gründung eines eigenen Trägervereins wurde ein Ausbildungslehrgang für Bauund WirtschaftsberaterInnen ins Leben gerufen und eine thematische Öffnung in Richtung Neubau vollzogen. Bemerkenswert am Öko-Modell ist, dass im Partnernetzwerk unterschiedliche Akteure wie einzelne Tiroler Gemeinden, Wirtschaftsunternehmen aus der Baubranche, freiberufliche BeraterInnen und Bankinstitute miteinander kooperieren. Plattform „Traumhaus Althaus“ Die Plattform „Traumhaus Althaus“ wurde im Herbst 2000 gegründet. Es handelt sich um einen Zusammenschluss von rund 60 Partnerbetrieben aus dem Baubereich. Initiiert und koordiniert wird das Projekt vom Soziale Technik 3/2005 6

Umwelt & Energie Energieinstitut Vorarlberg mit Unterstützung des Landes Vorarlberg. Die Plattform richtet sich zum einen an die Partnerbetriebe, für die vom Projektträger eine Reihe von Unterstützungen angeboten werden, zum anderen an private Bauherren und Baufrauen, die eine bauliche Sanierung ihres Wohnhauses planen. Zentrales Anliegen innerhalb der Plattform ist die Qualitätssicherung des Leistungsangebots, das auf die Umsetzung integrierter ökologischer Sanierungskonzepte abzielt. Partnerbetriebe müssen sich aus diesem Grund zu einem speziellen Ehrenkodex bekennen. Zumindest ein/e MitarbeiterIn pro Partnerbetrieb wird zu einem Energiefachmann bzw. einer Fachfrau ausgebildet. Zudem ist der regelmäßige Besuch weiterer Weiterbildungsveranstaltungen zwingend vorgeschrieben. Die Partnerbetriebe profitieren für einen – nach Betriebsgröße gestaffelten – jährlichen Mitgliedsbeitrag zwischen € 900,- und € 2.100,- von einem gemeinsamen Werbeauftritt, ermäßigten Schulungsangeboten, der Vernetzung unterschiedlicher Gewerke und der Auszeichnung als Partnerbetrieb „Traumhaus Althaus“. Die beiden Modelle im Vergleich In beiden Fällen zielen die Initiativen auf eine Verbesserung des Angebots zur ökologischen Sanierung des Wohnungsbestandes. Verbesserung bedeutet hier in erster Linie, dass Haushalte, die sich für Sanierungsmaßnahmen interessieren oder sich bereits für eine Sanierung ihres Wohngebäudes entschieden haben, umfassend ökologisch beraten werden (in Tirol direkt durch MitarbeiterInnen des Netzwerks, in Vorarlberg von geschulten MitarbeiterInnen der Partnerbetriebe). Ziel dieser Beratungen ist die Planung und Umsetzung ökologisch und energetisch sinnvoller Gesamtkonzepte. Hauptzielgruppe sind sowohl in Vorarlberg als auch in Tirol HausbesitzerInnen von sanierungsbedürftigen Einfamilienhäusern (die in diesen Regionen auch das größte Marktpotenzial für Wohnraumsanierung darstellen). Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Netzwerken sind in Abbildung 1 dargestellt. Bezug genommen wird: Auf den Gegenstand des Transfers, den Transfer selbst und schließlich auf die Stabilisierung von Netzwerken bzw. deren Teilelementen. ■ Zur Beantwortung der Grundfragestellung, was überhaupt übertragen werden soll, ist es von großer Bedeutung, die Funktionsweise und zentralen Elemente der Vorbilder zu kennen. Wir haben uns daher im konkreten Fall eingehend mit den zentralen Funktionsbereichen und -prinzipien beschäftigt. Wesentliche Funktionen, die zur erfolgreichen Umsetzung nachhaltigen Sanierens erfüllt werden müssen, sind aus unserer Sicht: Öffentlichkeitsarbeit, Beratung, Netzwerkkoordination, Qualifizierung, Sanierungsabwicklung, Strategieentwicklung und finanzielle Förderung. Von großer Bedeutung für den Erfolg solcher Initiativen ist es, dass die Aktivitäten in den einzelnen Funktionsbereichen aufeinander abgestimmt werden. ■ Bei der Wahl einer geeigneten Transferstrategie ist zu berücksichtigen, dass es sich bei den zu übertragenden Modellen um komplexe organisatorische Innovationen handelt. Von großer Bedeutung ist außerdem, dass die Netzwerke in spezifischen sozialen Kontexten entstanden sind. Wie viele andere organisatorische Innovationen weisen sie einen relativ geringen Standardisierungsgrad auf und sind durch einen hohen Anteil an nur implizit vorhandenem Wissen geprägt. Schließlich ist auch von Bedeutung, dass es sich bei den potenziellen Adoptoren um bereits bestehende Organisationen (Netzwerke) handeln wird. Aus diesen Gründen schlagen wir für die Verbreitung der Modelle eine Kombination aus Implementationsund Innovationsstrategie vor. ■ Zur dauerhaften Stabilisierung von Netzwerken ist es notwendig, regionale Kontexte in ihrer (gesamten) Komplexität zu berücksichtigen. Ohne die permanente Förderung netzwerkinterner Innovationspotenziale und das Aufrechterhalten unterstützender externer Rahmenbedingungen (etwa entsprechende Förderungen für Altbausanierung etc.) ist eine dauerhafte Verankerung von Netzwerkstrukturen und den entsprechenden Angeboten (und weiteren Innovationen) nur schwer vorstellbar. Zudem müssen in Anlehnung an Modelle aus der Netzwerkforschung rechtliche, netzwerkexterne, netzwerkinterne sowie organisatorische Faktoren berücksichtigt werden. Netzwerkinitiativen in der Steiermark Um das Potenzial von Vorbildmodellen konkret diskutieren zu können, haben wir Was können wir von diesen Beispielen lernen? Auf Grund genereller Überlegungen zum Transfer von Netzwerkinitiativen scheint uns prinzipiell ein Vorgehen erfolgversprechend, bei dem auf drei zentrale Aspekte Soziale Technik 3/2005 7

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